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+The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Aquis submersus
+
+Author: Theodor Storm
+
+Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889]
+[Most recently updated: May 28, 2022]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
+
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+Aquis submersus
+
+Novelle (1876)
+
+von Theodor Storm
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+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit
+Menschengedenken aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon
+in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten
+Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie
+indessen immerhin noch einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen,
+durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form
+zu schätzen; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der
+eine oder andre dort zu treffen sein. Wir pflegen dann unter dem
+dürftigen Schatten nach dem sogenannten „Berg“ zu wandern, einer
+kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem
+ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus der weitesten
+Aussicht nichts im Wege steht.
+
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün
+der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen,
+auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine
+Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern,
+der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden
+Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine von den Stätten meiner
+Jugend.
+
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die „Gelehrtenschule“
+meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage
+zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder montags früh
+zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt
+zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut
+Stück ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen
+Seite bis fast zur Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf
+erstreckt hatte. Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts
+die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln
+desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der
+Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die
+nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause
+zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten
+wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto
+munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg
+hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer
+Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus dem das Studierzimmer des
+Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten
+Gäste hinabgrüßte.
+
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir
+allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle,
+ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die
+Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des
+Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten
+Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns
+verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert; sonst war,
+soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und wurde ja nach unserer
+Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, zu
+der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den
+Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern
+aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um
+nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die
+Jungen nun gediehen seien; hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt
+meine, nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube, deren
+Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war, fingen wir die
+flinken schwarzen Käfer, die wir „Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen
+wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute
+Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im
+Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen
+Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem des
+Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir hatten
+dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen,
+wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem
+gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf
+dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht
+gedeihen wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren,
+die hier haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in
+der Erinnerung, wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde
+Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt
+nichts an die Seite zu setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die
+Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles
+hervorragten, obschon es anmutig genug war, in beschaulicher
+Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu
+beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich
+stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war
+sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem
+höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide,
+Strand und Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes
+das Innere der Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem
+Apostel Petrus selbst zu stammen schien, erregte meine Phantasie. Und
+in der Tat erschloß er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster
+abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen
+eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich
+frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
+aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
+übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem
+Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an
+der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen
+sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung aber übte der große
+geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, auf dem in bemalten
+Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war; so seltsam wilde
+Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte, welche in
+ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam
+man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit
+kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria;
+ja, sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung
+bestricken können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des
+Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im
+Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines
+schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten
+Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand
+hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie
+hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein
+unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.
+
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
+Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und
+Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben;
+dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in der
+Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. Auf dem
+Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange her. Immer wieder
+zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches Verlangen
+ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn
+auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz
+des Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die
+Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie
+herauszulesen.
+
+—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann
+das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es
+gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so
+lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an
+derselben Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort
+gebaut.—Und doch, wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten
+Hauses; im Winter die kleine Stube rechts, im Sommer die größere links
+vom Hausflur, wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen
+Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man
+aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den
+ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
+Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben
+Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte tiefe
+Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel—es
+war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines Abends—wir waren
+derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, welch eine Vergangenheit
+an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit
+frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis
+jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum
+erfüllte.
+
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am
+Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht
+hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe
+geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen
+waren.
+
+„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; „aber
+wir können sie nicht enträtseln.“
+
+„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; und nimmt
+man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl
+mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser
+versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man
+dann noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters,
+der einmal die Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu
+periculoso—,Durch gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren
+jener Zeit dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der
+Zufall nicht nur bloß gefährlich.“
+
+Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte auch wohl
+,Culpa‘ heißen?“
+
+„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber durch wessen
+Schuld?“
+
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und
+ohne viel Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“
+
+Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“,
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des
+Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen
+Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl
+schwerlich von sich haben schreiben lassen.“
+
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
+und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein
+Geheimnis der Vergangenheit.
+
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor
+einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben
+hingen, war mir selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in
+dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen
+wollten, erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines
+Freundes. Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden
+oder woher er gekommen und wie er geheißen habe, darüber wußte auch er
+mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen
+noch ein Malerzeichen.
+
+
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der
+gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem
+Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte
+keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich
+selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für
+den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten
+zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im
+Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen, als mir an der Ecke des
+Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine
+plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die verhochdeutscht etwa
+lauten würde:
+
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
+Also sind auch die Menschenkind.
+
+
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn
+ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen
+Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast
+unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand sich hier
+ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer alten
+„Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte mir der freundliche Meister—,
+von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit Jahren leer
+gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür
+gewünscht.
+
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich
+niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit
+ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen.
+Früher, erzählte der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür
+gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus
+gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten.
+
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir
+dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers
+sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes
+Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit
+hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren, ernst
+und milde blickenden Mann dar, in einer dunklen Tracht, wie in der
+Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren
+Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit Staatssachen oder
+gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten.
+
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich
+gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir
+hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den
+Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine
+weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja längst. Auch
+hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen zugedrückt hatte.
+
+„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt
+wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung
+innegehalten hatte.
+
+Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind
+noch andre Siebensachen von ihm da.“
+
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf
+welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten
+waren.
+
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der
+Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
+vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.
+
+„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich.
+
+„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, „so mögen Sie die
+ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; Wert
+steckt nicht darin.“
+
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
+Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich
+dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte,
+verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch
+gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine Frau
+mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
+
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+
+
+
+
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
+Cantate war es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte
+ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die
+Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land
+hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und
+letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den tiefen Radgeleisen stund;
+denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am
+Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen
+hatte.
+
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
+seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein
+theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
+Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; einen
+guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in
+meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar fiel auf
+mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen fehlte
+nicht an meiner Hüfte.
+
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus,
+meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines
+Zimmers mir die Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße:
+„So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!“
+
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige
+Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch
+nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er
+dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der
+Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer
+Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen.
+Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch stets in
+Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich
+meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht
+allein meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine
+fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht,
+daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler
+angenommen.
+
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem
+Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn,
+derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die
+Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die
+gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen,
+fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja selbst der Diener Gottes
+mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. Durch den plötzlichen Hintritt
+des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; aber die grausamen
+Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo
+man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich
+auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und
+manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen
+seine grünen Spitzen trieb.
+
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
+Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte,
+daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte
+auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch
+in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber tückete mich ein
+anderes, und das war der Gedanke an den Junker Wulf. Er war mir nimmer
+hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler Vater an mir gethan, als
+einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie
+öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem
+Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen.
+Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden,
+hatte nur vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
+Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter
+Holstentreue nicht zu reimen ist.
+
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
+Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe
+nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des
+Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein
+hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten
+Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den zwo Reihen
+gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.
+
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn
+alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
+umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
+Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen
+Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte
+mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.
+
+„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich
+nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße
+meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war
+des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig
+Geschwister.
+
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten
+Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig
+Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein
+paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte
+Hofmann Dieterich, der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem
+getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen
+Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu
+gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem
+Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
+
+„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; dort in
+dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja
+nicht schießen!“
+
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum
+auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn.
+„Der Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre
+beiden Händlein in der Luft.
+
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes
+saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge.
+„Der Buhz, der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes,
+schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch immer
+und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und
+schoß, daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber
+schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft.
+
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander;
+in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber
+mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch,
+dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß. In
+Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr Gerhardus gern
+der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; und da er jünger war
+als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen;
+insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen.
+Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme
+Vogelnase, die ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter
+buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn
+sie seiner nur von fern gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor
+und rief. „Johannes, der Buhz, der Buhz!“ Dann versteckten wir uns
+hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald
+hinein, der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht
+an die Mauern des Gartens hinanzieht.
+
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen
+uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der
+Vortheil meist in meinen Händen blieb.
+
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt
+in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte,
+war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt
+in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern
+hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier beklommen machte.
+Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man
+im Hause nur „Bas’ Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen
+und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr.
+
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit
+beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit
+spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den
+Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter
+Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei seiner
+schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten Fräulein
+solches zu gefallen schien. Das war ein „Herr Baron“ auf alle Frag’ und
+Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen
+Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich aber, wenn ich ja ein
+Wort dazwischen gab, nannte sie stetig „Er“ oder kurzweg auch
+„Johannes“, worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im
+Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, obschon ich ihn um halben
+Kopfes Länge überragte.
+
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,
+sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort
+gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch
+stolzes Lächeln, so daß ich dachte: ,Getröste dich, Johannes; der
+Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft‘ Trotzig blieb ich
+zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen. Als aber diese in das
+Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus’ Blumenbeeten
+stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie vormals, mit dem von der
+Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina
+wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und
+flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem jungen
+Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort war sie wieder, eh ich
+mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie
+weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte hell
+und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen
+Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es
+mir gerad ins Herz geleuchtet.
+
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte
+mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam
+zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach
+dann lange mit mir, als meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch
+selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich
+auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte.
+
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß
+Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena
+gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön
+erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre Arbeit
+neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas’ Ursel und las
+laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob
+sie die Nase nach mir zu. „Nun, Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl
+Ade sagen? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze
+machen!“—Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden; aber
+indem sie mir die Hand reichte, traten die Junker Wulf und Kurt mit
+großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: „Leb wohl, Johannes!“
+Und so ging ich fort.
+
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
+Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
+Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich
+nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und stand
+oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den Richtweg
+durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel weiteren auf der
+großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das Abendroth
+überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht
+überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und setzte
+rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender
+Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war
+sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang
+über den trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem
+güldnen Netz entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit
+glänzenden Augen, noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an.
+„Ich—ich bin ihnen fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein
+Päckchen in meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir,
+Johannes! Und du sollst es nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr
+Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was reden,
+aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und wehmüthig ihr
+Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich sah ihr Kleid im
+finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte ich noch die
+Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die
+Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander
+faltete, da war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt
+hatte; ein Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des
+Abendrothes. „Damit du nicht in Noth gerathest“, stund darauf
+geschrieben.—Da streckt ich meine Arme in die leere Luft: „Ade,
+Katharina ade, ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald
+hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt.
+
+—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute alles
+wiederfinden?
+
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden,
+hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses
+itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte,
+jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern
+gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein erschreckliches Geheul, der
+eine sprang auf mich und fletschete seine weißen Zähne dicht vor meinem
+Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.
+Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe,
+aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief sie; „Tartar, Türk!“ Die
+Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus
+der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
+
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde
+gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so
+lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr
+Johannes!“ sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände.
+
+„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann haltet Ihr
+solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?“
+
+„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker hergebracht.“
+
+„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte.
+
+„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg her
+ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“
+
+„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle er
+mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!“
+
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
+dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute
+Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen.“
+
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
+anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den
+Weg. „Herr Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an!
+Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg
+kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“
+
+„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“
+
+„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser
+theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die
+Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem
+Hofe; aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“
+
+Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine
+Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort
+also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
+
+Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er es
+bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den
+Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus
+den Lindenwipfeln.
+
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
+trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen
+warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die
+Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern
+Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete
+hinknien wollte, erhub sich über den Rand des Sarges mir gegenüber ein
+junges blasses Antlitz, das aus schwarzen Schleiern fast erschrocken
+auf mich schaute.
+
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich
+zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s
+denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere
+Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön
+geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens
+mich durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt
+zurückgeschrecket in der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen
+drängten sich die braunen Löcklein, und der schwellende Mund war um so
+röther in dem blassen Antlitz.
+
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich
+in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu
+danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich
+Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden Züge
+festzuhalten suchen.“
+
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir
+hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem
+von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz
+nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor
+der Majestät des Todes.
+
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für
+die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach
+einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch
+von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte.
+
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen
+nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen
+vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des
+Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen
+ein einzelner Schritt zurück; in demselben Augenblick legte Katharina
+die Hand auf meine Schulter, und ich fühlte, wie ihr junger Körper
+bebte.
+
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den
+Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und
+aufgedunsen schien.
+
+„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. „Der
+Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu bezeigen;
+du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“
+
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
+kleinen Augen an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm
+trat; „es ist Johannes, Wulf“
+
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte
+nur mein violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten
+Federbalg; man wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“
+
+„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf den Hof
+hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das ,Herr‘ vor
+meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn hat
+großes Recht an mir.“
+
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst
+du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu
+der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“
+
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen;
+da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen
+Edelmann gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen
+hätte.
+
+„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus verläßt, so
+muß ihr Bild darin zurückbleiben.“
+
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging,
+gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete
+ruhig: „Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker
+Wulf?“
+
+„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, „daß
+du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“
+
+Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den
+Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei
+itzt kaum die rechte Zeit.
+
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir
+zuflog, so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen
+will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre
+keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem
+Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“
+
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge
+einen Imbiß für mich richten lassen.
+
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich
+verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine
+Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem
+Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr
+worden, die dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir
+aber näher kamen, sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen
+mich, daß Katharina einen Schrei that, der Junker aber einen schrillen
+Pfiff, worauf sie heulend ihm zu Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“,
+rief er lachend, „zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz
+oder Flandrisch Tuch!“
+
+„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten—,
+„soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget Ihr
+Euere Thiere bessere Sitte lehren!“
+
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal
+in seinen Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur
+Johannes!“ sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu
+streicheln. „Damit jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier
+begonnen; denn—wer mir in die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels
+Rachen!“
+
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch
+aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem
+Thore zu.
+
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die
+unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu
+dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die
+breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn
+Gerhardus Zimmer traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem
+gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die Karten an der Wand, die
+saubern Pergamentbände auf den Regalen, über dem Arbeitstische der
+schöne Waldgrund von dem älteren Ruisdael—und dann davor der leere
+Sessel. Meine Blicke blieben daran haften; gleichwie drunten in der
+Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir
+itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs
+Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie
+erfüllet.
+
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich
+mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich
+sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre
+Brust in ungestümer Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier
+ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen
+Hunde?“
+
+„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in Eueres Vaters
+Haus?“
+
+„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden Hände,
+und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, nein;
+laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du sollst
+mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann,
+Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“
+
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich
+vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte
+zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir
+saßen neben einander und sprachen lange zu des Entschlafenen
+Gedächtniß.
+
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem
+alten Fräulein nach.
+
+„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, die ist
+auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die Treppen sind ihr
+schon längsthin zu beschwerlich.“
+
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den
+Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde
+brachen. Bas’ Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie
+ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte
+ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der
+Herr Baron—nach seines Vaters Ableben war er solches itzund
+wirklich—ihr aus Lübeck zur Verehrung mitgebracht.
+
+„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie behutsam
+die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder da,
+Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu très-compliqué!“
+
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. „Ei“,
+meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn nicht,
+daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“
+
+„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das Thor trat,
+wußte ich es nicht.“
+
+„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich gehöret Er
+ja auch nicht zur Dienerschaft.“
+
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich
+jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der
+alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem
+Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem
+Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den Scheiben.
+
+Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die
+itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den
+Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das
+Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber
+passire eben nichts, als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken
+oder Buchsrabatten putze.
+
+—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es
+sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+
+
+
+
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten
+Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner
+Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm
+erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch
+das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und holete allerlei
+Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die fremden Truppen auf
+dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden müssen; einmal aber, da
+ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht und er erst nicht
+hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab und
+schauete mich an.
+
+„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam schad, daß Ihr
+nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!“
+
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
+seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr
+Johannes; ’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben,
+wo uns der Herrgott hingesetzet.“
+
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete
+aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden.
+
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
+Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s
+wissen, Herr Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern
+Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den
+Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf
+der Geigen weiß er nicht so gut zu spielen; da er aber ein lustig
+Stücklein liebt, so hat er letzthin den Rathsmusikanten, der überm
+Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm
+auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt der
+Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und
+fror Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen
+hinter sich, im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen
+müssen!—Wollet Ihr mehr noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm
+freuen sich die Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern
+gesegnet; und dennoch—aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und
+unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat schon vorher von seinem Erbe
+aufgezehrt.“
+
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit
+seinem Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß
+gemacht.
+
+—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen,
+wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es
+sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber
+wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im
+Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch,
+dessen Wände fast völlig von lebensgroßen Bildern verhänget waren, so
+daß nur noch neben dem Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren
+das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende
+Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
+selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene
+Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren gar
+trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in
+seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die
+Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem
+Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es später zu einem
+größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier in meiner einsamen
+Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters ist. Das Bildniß seiner
+Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
+schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern
+wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber
+war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das
+mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging
+ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit
+hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den Würmern schon
+zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon als Knabe, als ob’s
+mich hielte, still gestanden war. Es stellete eine Edelfrau von etwa
+vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt und stechend
+aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen Kinntuch
+und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich
+vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir:
+,Hier, diese ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum
+und drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
+Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich wieder
+auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus;
+vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich
+Katharinen schützen.‘ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten
+Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
+Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den
+Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen
+Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir
+oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen
+war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei
+das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie
+fast die Speisen nicht berührt, entfernte sich allzeit bald, mich kaum
+nur mit den Augen grüßend; der Junker aber, wenn ihm die Laune stund,
+suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; hatte mich also hiegegen
+und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider
+allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
+
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
+geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des
+Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen
+seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen dereinst eine
+fröhliche Urständ wolle bescheren!
+
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus
+der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber
+fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der
+Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht
+hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in der Kürze
+alle wieder abgezogen sind.
+
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne,
+wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen
+Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die
+wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge
+am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns
+beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, solcher Gevatterschaft gar gern
+entrathend, hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund
+dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am
+andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des Saales zu verhängen und
+die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber
+in den letzten Tagen angefertigt.
+
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete
+sich die Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein.
+Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns
+dießmal fast erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung,
+die sie nicht abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer
+Verwirrung zu mir auf.
+
+„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;
+duldet Ihr’s auch gern?“
+
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise:
+„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“
+
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina!
+Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir
+nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich
+weiß es schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“
+
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch,
+Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das
+thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn
+ich bin kein Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber,
+Johannes—ich habe einen Blutsfreund—, hilf mir wider den!“
+
+„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“
+
+—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er mich zum
+Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den
+schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab
+ich’s ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber
+ich weiß, auch das wird er nicht halten.“
+
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen
+Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht
+anzugehen sei.
+
+Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben
+habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch
+erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders,
+die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen
+gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der gnädige Gott hatte das
+geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket.“
+
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und
+ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu
+ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten,
+nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen,
+so stelleten wir fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und
+also meine Botschaft ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk
+zu fördern.
+
+
+
+
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker
+mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;
+gleichwohl—hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder
+glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket—, was ich
+besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie an den
+andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein und schalt mit
+Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber dann die Thür hinter
+sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen.
+Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite. Da
+Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem Platz zu
+bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen
+fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem
+Hofe nicht gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und
+redete gar schöne Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich
+so sehr vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken
+auf den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so
+trefflich ausgedrücket, „rückwärts den Winden leichte Küsse werfend.“
+Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus’ Bild
+und sagte: „Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater war!“
+
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
+meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur
+gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete.
+Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu
+reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so nahm er alsbald
+seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil wünschend.
+
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick
+gleich einer Messerspitze nach mir zücken.
+
+—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit
+rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der
+Roggen in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die
+Rosen auf; wir beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir
+hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise
+wagten, auch nur mit einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was
+wir gesprochen, wüßte ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben
+in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr
+güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in
+ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann
+gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir
+zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete
+aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir
+schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, als
+schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann
+fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel
+heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein
+sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches
+aus meiner Hand gegangen ist.—Und endlich war’s doch an der Zeit und
+festgesetzet, am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten.
+
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch
+einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir
+sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie
+und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die schweigende
+Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in Katharinens Gegenwart
+sonst kaum gedacht hatte.
+
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß,
+das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend
+grauen Augen auf mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu
+den Stuhl verrücket.
+
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast
+erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“
+
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina?
+Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“
+
+„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar bei
+Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin
+eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier
+gehauset.“
+
+„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; „dies
+Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“
+
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, sagte sie,
+„sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen aber hat
+man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals
+zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“
+
+„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus
+dem Boden.“
+
+„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich
+noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie
+erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf
+verschwinden.“
+
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des
+Bildes. „Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“
+
+„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast
+verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“
+
+—„War es denn ein gar so übler Mann?“
+
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth
+bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und
+leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es heißt,
+sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“
+
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten
+Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr
+Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen.
+
+So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen;
+wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“
+
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war
+kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen.
+„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch dich
+verflucht?“
+
+Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt an meiner
+Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die
+kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+
+Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig
+die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder
+an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen
+hatte, öffnete sich die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt
+erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte
+sie, „Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir
+nachgerade doch Sein Werk besehen!“
+
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die
+allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und
+Trübsal bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang
+noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar
+stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich:
+„Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde
+sitzet?“
+
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß
+die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen
+oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen
+spähend hin und wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie
+dann mit ihrer höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz,
+Katharina; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“
+
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
+noch hie und da zu schaffen.
+
+„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!—
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“
+
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod
+mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die
+braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten.
+
+
+
+
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf
+einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus
+dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers
+Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon
+selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der oben im Sattel saß,
+schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen gleichwohl ohne Blessur
+davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg
+an.
+
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
+Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur
+zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte.
+Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir das alles wohl
+verpacket nachzusenden.
+
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles
+zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker
+silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet
+wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer,
+niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; sodann auch der
+Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten, so eben um
+diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger, wie
+ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten
+deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei
+Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides,
+von Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben,
+nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in
+meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um
+Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen
+Hamburg hinter mir.
+
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte
+bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich
+erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines
+theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten
+Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger
+als die des Bruders. Ich hatte, selbst nachdem ich Katharinens
+Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu bestehen; dann aber
+verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe,
+indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man mich
+gar wohl bewirthete.
+
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete
+ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete,
+noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben,
+das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl
+verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt
+ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die
+eine, nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen
+Gedanken schreckend.
+
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
+sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt;
+in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog
+auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber
+an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im
+Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.
+
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,
+welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn
+ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen
+habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken, um die
+Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber wollte nur an sein
+Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen.
+
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
+grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich
+hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir
+auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte,
+wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von der Glocken scholl
+die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber sie schlafen alle‘, sprach ich
+bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen
+Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den
+niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So ritt ich
+weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens
+Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
+den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
+entgegen.
+
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und
+brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat,
+war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei
+und wüst Getreibe, wie ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren
+nicht vermerket. Der Schein der Unschlittkerzen, so unter einem Balken
+auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz
+aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.—Aber
+nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen;
+bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen,
+stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen
+Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien
+ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den
+Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß
+sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die
+Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen
+ließen, schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen;
+und die Bauerburschen glotzten drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme
+lag, gleich einer Tauben vor dem Geier.
+
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth
+zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten
+Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß
+brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und schüttelte
+sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und
+Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr worden, ließ er nicht ab, bis
+ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug nach meiner Reise, und
+ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber antwortete nur,
+ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in der
+Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein
+leichtlich möge holen lassen.
+
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der
+Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk
+zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im
+Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl
+hernieder.
+
+„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! Was
+soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar
+hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams
+hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et valet!“
+
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur
+wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der
+Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der
+Risch schlug nach einander jede Karte fehl.
+
+„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd die
+Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+
+„Glück in der Lieb
+Und Glück im Spiel,
+Bedenk, für einen
+Ist’s zu viel!
+
+
+Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie
+auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“
+
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von
+Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah
+gar grimmig auf mich her.
+
+„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf vergnüglich,
+als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; „aber
+getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein Freund,
+der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“
+
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
+Spürhund bei der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel
+sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch
+in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“
+
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit
+dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf
+lagen auf mir; und war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz
+Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen
+die Karten klatschend auf den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei
+meiner Base! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich
+auf den Botengang geschickt?“
+
+„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch genug
+sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; fiel
+mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich
+vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm
+das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine
+saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“
+
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der
+Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich
+fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr
+über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide
+Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund. Es hatte
+keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; als wir uns aber itzund
+in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß er’s mit seinem Todfeind
+vor sich habe.
+
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem
+Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte
+aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen
+Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es noch
+vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich
+wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der Tenne an
+dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle springen
+sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden
+daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu
+Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich
+schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie.
+
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu
+gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem
+Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem
+Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur
+Gartenmauer. Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub
+der Bäume ausgeschlossen, aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar
+bald gewohnt, und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse
+fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich gedachte den Rest der
+Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten
+Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl
+sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang
+wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir
+gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da
+ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat,
+hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen; und von wo ich
+ihren Schall hörte, dahin richtete ich meine Schritte, denn mir war
+wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens
+ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum
+Hofe nicht gar weit mehr hatte.
+
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus
+dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das
+jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln
+konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie hielten fest
+auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen
+und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens. Aber Gott
+gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich
+gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich
+mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; die
+Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst
+vor meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.
+„Sieh dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen;
+„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor
+geschrieben stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier
+vergäßest.“
+
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn
+nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde
+des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige
+aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß
+nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und rings im Garten war kein
+Baum, nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die
+Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als eben das Bellen der Hunde wie
+ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl, ersahe ich in
+meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem Stamme an dem
+Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den
+mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit
+ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel,
+so von der Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir
+herabgerissen.
+
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben
+schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um
+mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war
+nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in
+solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme
+scholl zu mir herab—möchte ich sie wieder hören, wenn du, mein Gott,
+mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie;
+leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, und ich kletterte höher an
+dem immer schwächeren Gezweige, indeß die schlafenden Vögel um mich
+auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen.—„Katharina!
+Bist du es wirklich, Katharina?“
+
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen
+das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in
+die Tiefe starrten.
+
+„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da schwang ich mich in
+ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und
+Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihre
+Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über
+dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen
+die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir
+alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und
+doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich
+satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob,
+sprach ich zu ihr: „Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?“
+
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast,
+Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“
+
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr
+sie erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist das mit
+den Hunden?“
+
+„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, es
+muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die
+Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus
+meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge
+drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.
+
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
+schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns
+morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch
+zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler
+Johannismarkte festgesetzet sei.
+
+„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das einer
+Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich
+der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“
+
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du,
+Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet,
+griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist
+der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“
+
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir
+umfingen uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was
+vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich
+bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben.“
+
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
+Schelmerei aus ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du
+seiest auch das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des
+meinen—das gilt der Welt wohl nicht!“
+
+„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich und
+umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, dort
+gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle
+von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten
+ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein
+Meister van der Helst und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr
+noch oder zwei; dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur
+feste gegen euere wüsten Junker!“
+
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich
+und sagte leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich
+doch dein Weib auch werden müssen.“
+
+—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern
+goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien
+furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter
+Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß.
+
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings
+stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild
+davon rennen.
+
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem
+stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann
+zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte
+Katharina leise; „er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald
+hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel
+drehen und danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren,
+wo der Junker seine Kammer hatte. Dann wurde alles still.
+
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war
+es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf
+zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich
+nun gehen, Katharina?“ sprach ich endlich.
+
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging
+nicht.
+
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
+Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um
+die Hecken fließt.—
+
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne
+heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
+Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der
+Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen
+hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete die Nacht in
+stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?
+
+—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne
+krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt,
+die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen
+dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß
+inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst geschreckt, mich fort.
+
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das
+Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns
+treffen; und dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich
+im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob,
+schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken.
+Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick
+aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme
+streiften; denn mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich
+gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem
+Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes.
+Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über meine Augen ging; dachte
+zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne; redete mir
+dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch
+Spiel mir vorgegaukelt hätten.
+
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
+merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
+sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was
+hinunterziehen wollte. ,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch
+nach dir!‘ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald
+hinab.
+
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;
+hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne
+sich nicht lösen mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom
+Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein
+Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über mir vom
+Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich all müßig
+Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße
+Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast ein
+theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als
+nur das ihre!‘
+
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
+Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück
+nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte und
+allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der
+alten Base Herz erweichet; und schlimmsten Falles—es mußte auch gehen
+ohne das!
+
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des
+grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom
+Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl
+hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen
+und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein
+Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger und rascher schritt
+ich aus, als könnte ich bälder so das Glück erreichen.
+
+—Es ist doch anders kommen.
+
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und
+trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings
+hatte flüchten müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der
+Tenne mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen
+Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder
+eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde
+raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“
+
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl
+begriffen habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch
+und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s
+denn gestern noch so einen Nachschmack geben.“
+
+„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt heut auf
+seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen
+Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“
+
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und
+Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen
+holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen,
+daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als
+er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging
+aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden
+Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht, wie ich
+solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet
+hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu verhoffender Zeit sie selber
+in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde,
+sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog also meinen
+Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen,
+woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt
+es dann in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen
+grüße, wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde.
+
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum
+Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die
+Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich nebenan im
+Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß die Zeit
+vergehe.
+
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von
+einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem
+Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den
+Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei,
+wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße
+Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein seltsam Spiel der
+Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte
+Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen
+Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich,
+im nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze
+schließen würde.
+
+Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es
+war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging
+umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die
+Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein
+Schritt im Laube raschelte; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab
+und zu der Sommerwind.
+
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem
+Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir
+Dieterich. „Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr
+seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte
+mir Euren Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“
+
+„Warum fragst du, Dieterich?“
+
+—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht.“
+
+„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+
+„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete der Alte.
+„Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer Stund
+mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an den
+Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre
+Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht
+beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein
+einzig Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und
+jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder
+auf den Boden, bald hinauf in den Epheu, der am Turm
+hinaufwächst.—Verstanden, Herr Johannes, hab ich von dem allem nichts;
+dann aber, und nun merket wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand,
+als ob sie damit drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher
+hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr’s da an Euerem Mantel
+traget.“
+
+„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+
+„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der Junker wandte
+sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen wäret. Ihr
+möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die
+Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“
+
+Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“
+
+—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?“
+
+„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“
+
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht,
+Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was
+geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“
+
+„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+
+Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, „das weiß
+nur unser Herrgott!“
+
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in
+seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte.
+
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
+betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier
+vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe
+an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm
+selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier
+verweile.
+
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
+Junkers „Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir
+wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß
+er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme.
+„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, wenn’s nicht
+schon sein Gespenste ist!“
+
+„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm trat,
+„es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere
+Kammer fahren!“
+
+—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“
+
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
+Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
+Jedennoch sprach ich: „Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr
+Junker!“
+
+Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich
+auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam waren,
+wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar Stunden, da ich
+mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete mich gleich
+einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen
+gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, den
+sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich reut’s
+nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen!“
+
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg,
+so dachte ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es
+ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann
+in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren
+gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester
+Katharina mir zum Ehgemahl—“
+
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten
+mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in
+das Ohr, ein Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir
+der Degen, den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der
+Hand zu Boden fiel.
+
+
+
+
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
+Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
+mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem
+Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten Augen suchten stets
+aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir vorstellete, Katharinens
+Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue;
+denn von ihr selber hatte ich keine Kunde.
+
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
+Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe
+und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers
+niemand zu mir gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust
+erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe niemandem
+Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und
+Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er
+mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch glaubhafter jedoch, daß er
+allen diesen Dingen trotzete.
+
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
+Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn
+für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es
+sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später
+nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen Gespräch mit
+Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir nicht gerathen
+wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in
+meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der Junker nicht
+nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof
+noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten,
+daß er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und
+daß ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen
+dächte, was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete.
+
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen
+den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten
+Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete
+auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der holländischen
+Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen
+wurde, und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl
+erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, durch die
+hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide
+zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht
+genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er
+habe nur auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag
+verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch
+sofort ein reicher Lohn dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich
+solches noch vollendete, daß dann genug des helfenden Metalles in
+meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl
+bestellet Heimwesen einzufahren.
+
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war,
+mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise
+gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen
+Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.
+
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als
+nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen
+mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der
+Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf
+mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen
+Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann mein Siechthum
+und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. Zwar der besten
+Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel, aber in
+Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte von ihr,
+keine zu ihr kommen.
+
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen
+Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des
+frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging
+die Reise rasch und gut von Statten.
+
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun
+fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem
+noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken
+und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich
+ging aber nicht nach Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein
+Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand
+entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm
+gar selber gegenüber.
+
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
+munter. „Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht
+wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“
+
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier
+allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten
+Dieterich.
+
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es
+so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden
+Todes verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er zu
+seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“
+
+„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“
+
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von
+Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich
+sprach beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“
+
+„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, die ihn
+schon zu Richte setzen wird.“
+
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß
+er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen
+nannte, so war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
+Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn
+Gerhardus’ Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker mit
+einander hauseten.
+
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet
+wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch plaudern
+könnten!“
+
+„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer aufs
+Herz.
+
+„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die
+Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten
+wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen;
+nur wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf
+wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“
+
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden;
+dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich,
+„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib
+geworden?“
+
+„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich schüttelte ihn
+an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es geht die Rede so! Auf alle
+Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen
+worden.“
+
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse
+nichts von alledem.
+
+Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es
+sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer
+Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das
+Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so
+durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der
+Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen
+aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’
+Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen.
+
+—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht
+hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon
+Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf
+nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte
+mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß
+keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden. Da reisete ich
+wieder zurück und demüthigte mich also, daß ich nach dem Hause des von
+der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher
+hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das Vöglein sich
+geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er keinen
+Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe.
+
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans
+Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen,
+er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in
+den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn
+gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; wir haben
+gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die
+Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an;
+gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach
+Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht
+meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+
+
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt
+dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner
+Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise
+dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist.
+Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.
+
+
+
+
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der
+Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
+Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht
+zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener
+tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm
+gebettet hatte?—Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft,
+dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen. Es lautete wie
+folgt:
+
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,
+Also sind ock de Minschenkind.
+
+
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims
+eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine
+Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann
+selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben. Da sie im letzten
+Herbste das alte Haus abbrachen, habe ich aus den Trümmern diesen Stein
+erstanden, und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses
+eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der vorübergeht, an
+die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine
+Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit
+der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
+Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem
+kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei
+meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe
+anvertrauen mögen.
+
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee;
+maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag
+worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie zum
+schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der hiesigen
+Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es denn auch noch
+heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist. Daneben
+wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in Hamburg
+Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet,
+so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament
+aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange
+schon das Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als
+unbeweibter Mann lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig
+Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin
+ich, nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben,
+anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
+vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
+eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam
+alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die
+gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie
+draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren
+Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den
+Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines Vormittages, da ich
+soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie mit viel
+überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres
+Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu
+Gesicht bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger,
+wie es die Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine
+blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man
+glauben mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
+müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr
+gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und sie endlich
+von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den
+Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da ich eines gar
+andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da in der
+kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also rückwärts
+sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine
+gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung
+gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari
+Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten
+Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So
+wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten!
+
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf
+meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und
+durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab
+aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter
+bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen; denn es war ein
+Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast mit Gaste handeln durfte, also
+daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren
+Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab.
+Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen von den
+Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die
+hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben
+Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben,
+zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen
+war; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe.
+Doch war es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein
+sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
+wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag
+der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen Augen aber
+dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel
+auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen schlugen leis und
+fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der du die
+Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele
+sie zu suchen?—
+
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen
+Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen
+hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein
+herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen
+Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre. Er
+wies soeben einem andern, untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen,
+aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit
+seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er selbst zumal durch
+das Marktgewühle von dannen schritt.
+
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab
+und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich
+ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr
+ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß
+in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst
+um die Gemeine dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm
+anzuthun gedächten, da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang
+im Amte stehen könne; der Küster aber meinete, es habe der Pastor
+freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die
+Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was Sondres könne
+vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in
+der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, ich
+verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit
+wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich
+kümmere sich nicht eben viel darum.
+
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf
+eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen
+eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich
+an, dem Auftrage näher nachzufragen.
+
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering,
+so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie
+sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen
+Dirnen abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit
+allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem
+Dorf hinauszuwandern, das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen
+ist. Sagete also zu, nur mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf
+dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche
+Gelegenheit nicht befindlich sei.
+
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
+schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
+ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
+erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
+Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, so
+daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, die im
+Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket.
+
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des
+Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich
+bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert
+werden.
+
+Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein
+Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen,
+so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich
+bekäme da einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem
+Priesterkragen sitze, und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl
+versehen; erzählete mir auch, es sei der Pastor als Feldcapellan mit
+den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als welcher er’s fast wilder
+denn die Offiziers getrieben haben solle; sei übrigens itzt ein
+scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar meisterlich zu
+packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei desselbigen
+Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben
+solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der
+Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen
+lassen. War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+
+
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die
+Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr
+rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft
+ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war
+weithin nichts zu ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem
+ich zustrebte—wie ich bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern
+auferbauet—, stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen
+Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen Strohdächern, die an seinem Fuße
+lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk; denn der
+Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will freien Weg
+zu fahren haben.
+
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
+gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
+Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
+willkommen. „Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte
+er. „Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“
+
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
+denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
+seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das
+war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das
+Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des
+Mannes hohe knochige Gestalt.
+
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen
+wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach
+den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den
+nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth
+sein; denn die Watten waren überströmet, und das Meer stund wie ein
+lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie oberhalb desselben die Spitze des
+Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen
+einander strecketen, wies der Küster auf die Wasserfläche, so
+dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat einst meiner Eltern Haus
+gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert
+anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches ward
+ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder
+in die Ewigkeit hinaus.“
+
+Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den
+Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘
+
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen
+Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange
+an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz
+vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen
+ausgebreitet lag.
+
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir
+die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines
+guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
+Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in
+gar sondere Gesellschaft kommen.
+
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
+Stimme des Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der
+Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich
+habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet
+es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit.“
+
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für
+meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich
+einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war
+gerühmet worden.
+
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da
+kommet ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der
+Kirche schaffen ließ.“
+
+Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter
+nicht in Euerer Kirche dulden?“
+
+„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind nicht
+überliefert worden.“
+
+—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
+suchen?“
+
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den
+Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben
+Kopfes Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die
+holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um
+durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen?
+Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich
+zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet!
+Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus! Diese Marienbilder
+sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus; die Kunst
+hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“
+
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
+liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
+schmiegte.
+
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach,
+daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst
+an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
+
+
+
+
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach
+dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf
+Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren
+Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei
+Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst
+hier überall betrieben wird; auch habe ich das Kästlein, woran er
+derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten
+Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes
+Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.—
+
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
+auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
+stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke
+des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, antwortete
+er: „Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so heiße ich ja auch!“—Er
+sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete
+mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der
+Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht
+aus seinem kurzen Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So,
+dachte ich, sieht ein Kind, das unter einem kummerschweren Herzen
+ausgewachsen. Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen; aber ich
+scheuete mich vor dem harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu
+behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine Frau mag dieses Knaben
+Mutter sein?‘—
+
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
+befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man
+nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit
+ist.“—Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der
+Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft,
+sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause
+gehen; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre
+schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar
+gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren
+getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild
+ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+
+—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit
+an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese
+Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
+
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder
+unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast
+herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf
+gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen;
+denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir mitsammen in unserer Eltern
+Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins
+gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange
+schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung
+entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that
+uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt
+lag, in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln
+Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und
+Unrast fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es
+mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es
+waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann,
+wenn sie es war, wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare
+Gedanken stürmten auf mich ein!
+
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit
+der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt
+ein heller Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie
+gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die
+kommen von des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten
+sieht man, daß sie gleichwohl hin und wider stolpern.“
+
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von
+der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die
+zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers
+Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer
+glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in
+die Krämerstraße einbog, hörete ich einen unter ihnen sagen: „Ei
+freilich; das hat der Teufel uns verpurret! Hatte mich leblang darauf
+gespitzet, einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören!“
+
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
+Stadt lag wieder still und dunkel.
+
+„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich tröstet.“
+
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein
+grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen
+einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt
+werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden
+worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht
+geschehen.
+
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte
+doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der
+Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der
+Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied,
+so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum
+noch passen werde wie die Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein
+viellieber Bruder, hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen
+und freuete mich, daß unser Herrgott—denn der war es doch wohl
+gewesen—das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen
+hatte.
+
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
+Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der
+Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten
+Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der Justification selber
+zu assistiren. „Es schneidet mir schon itzund in das Herz“, sagte er,
+„das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem Karren die Straße
+herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister
+ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner Statt“, fügete er bei, „der du
+ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem
+Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen!“
+
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst
+wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er
+die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles
+sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen Blättern
+niederschreiben werde.
+
+
+
+
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem
+Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die
+Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten;
+auch sahe ich, wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte
+in Bewegung waren, und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über
+das Geländer der großen Treppe aufgehangen; ich aber ging durch den
+Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
+
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei
+der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen
+Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und
+mochten das der Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff
+zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her aber kamen schon die
+ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht
+weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und da ich hinter den Bäumen
+hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl
+entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da mußte ich meine
+Hände falten:
+
+„O Herr, mein Gott und Christ,
+Sei gnädig mit uns allen,
+Die wir in Sünd gefallen,
+Der du die Liebe bist!“—
+
+
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte,
+begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen
+und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+
+„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; „es
+ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“
+
+Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge
+Satansmensch, verbrennen sehen.
+
+—„Aber die Hexe ist ja todt!“
+
+„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist unserer
+Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können
+wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb
+nehmen.“—
+
+—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon
+Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen
+voll geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der
+Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der
+Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze
+Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund,
+der hier inmitten der Heide liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich
+zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen,
+oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber
+vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende
+Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an
+einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz gleich
+einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich
+wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der
+Stadt fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu.
+
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
+Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig;
+dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig;
+als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters alte halb blinde Trienke
+aus einem Nachbarhause.
+
+„Wo ist der Küster?“ fragte ich.
+
+—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“
+
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin
+geschlagen.
+
+„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie.
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule,
+Trienke?“
+
+—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“
+
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
+Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
+Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
+leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
+suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
+Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über
+Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete
+es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt
+oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein ich brachte das
+Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die Alte ein lang
+Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der
+Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; erzählete auch, wie
+selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen,
+drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe
+aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem
+Falle; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur
+eine blasse und schwächliche Kreatur.
+
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause
+und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die
+Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den
+weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts
+gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie überall zu sehen
+sind.—Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter.
+Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der Stadtseite der Wind ein
+wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich aber wandte mich und blickte
+hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am
+Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort gewesen,
+worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben
+hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem
+Wurme?—Wir sehen nicht, wie seine Wege führen!
+
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben;
+ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne
+fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich
+ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch
+das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus.—
+
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
+meine Augen es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von
+der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
+Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter
+Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube dienen mochten;
+denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe
+daraus hervorsteigen sehen.
+
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
+zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging,
+hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem
+Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
+
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der
+griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen
+haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das
+hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen
+Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie es hier in dem kümmerlichen
+Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden gehen; er mochte sich dort
+damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. Und wieder kam die
+holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du einen ganzen
+Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder wächst
+genug!“
+
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst
+schon nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt
+sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir
+war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst
+gewesen war, für das ich den „Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen
+hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück
+noch Muth darin zu lesen.
+
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete
+sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch
+ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust
+sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem
+Leide ausruhen.
+
+Da rief ich leise: „Katharina!“
+
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer
+Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie
+endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr
+stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer fremden
+Stimme sagte sie: „Es ist nun einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du
+seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß du heute kommen
+würdest.“
+
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du des
+Predigers Eheweib?“
+
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das
+Amt dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen Namen.“
+
+—„Mein Kind, Katharina?“
+
+„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen;
+einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“
+
+—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!—„Und du, du
+und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!“
+
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich.
+
+„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine wilde
+Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine
+Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz
+sahen mich flehend an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht
+sein, der mich noch elender machen will.“
+
+—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“
+
+„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;—was ist denn
+mehr noch zu verlangen?“
+
+—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?“
+
+„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr
+nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!“
+
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das
+Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids
+geschehen!“
+
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib
+doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“
+
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die
+goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam
+von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das
+Stimmlein unseres Kindes singen:
+
+„Zwei Englein, die mich decken,
+Zwei Englein, die mich strecken,
+Und zweie, so mich weisen
+In das himmlische Paradeisen.“
+
+
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft
+mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf
+Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“
+
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
+doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes
+Weib; vergiß das nicht.“
+
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und
+wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du
+sein geworden?“
+
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr
+Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“
+
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,
+ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
+wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen
+duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie
+tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als
+dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach
+sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben!
+O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“
+
+—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus
+dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam
+von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es:
+„Katharina!“
+
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
+mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+
+—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er
+begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden.
+„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret Ihr heute
+nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre
+Weiber in die Stadt getrieben.“
+
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt
+die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+
+„Was war das, Küster?“ rief ich.
+
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
+nichts weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“
+
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ rief
+sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach gefallen!“
+
+—„Was soll das heißen, Trienke?“
+
+„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem
+Wasser ziehen.“
+
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
+Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser
+und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich
+nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in
+des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus wollte, trat er selber
+mir entgegen.
+
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet,
+und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte
+er.
+
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn
+eigentlich?
+
+„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet.“
+
+Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich.
+
+Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“
+
+—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“
+
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich
+zurück. „Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu
+Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen
+Seligkeit!“
+
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des
+Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ sprach
+er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in seiner
+Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch ist
+Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder
+Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet
+darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der
+Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr
+das Bildniß stiften. Mög es dort die Menschen mahnen, daß vor der
+knöchern Hand des Todes alles Staub ist!“
+
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
+Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so
+geschehen möge.
+
+—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und
+Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied
+um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
+Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte
+sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich
+muß noch eine Weile ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der
+Wochenzeitung in meine Hand gab; „aber lies doch dieses! Da wirst du
+sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof in fremde Hände kommen, maßen Junker
+Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß gar jämmerlichen
+Todes verfahren ist.“
+
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es
+fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser
+Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber
+schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und
+aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so
+fern!—Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; nun war’s nur ein
+Entsetzen zu den andern.
+
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich
+schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager.
+Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen
+erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm
+drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch
+das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich zählete sie alle die ganze
+Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der Morgen. Die Balken an der
+Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang ich auf, und ehbevor
+die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die
+Stadt im Rücken.
+
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der
+Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und
+sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und
+sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann
+legte er seine Hand auf die Klinke einer Stubenthür.
+
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist,
+so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“
+
+„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand zurück.
+„Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben in
+jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des
+Flures; dann verließ er mich.
+
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war
+todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich
+öffnete.
+
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den
+Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die
+Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten
+des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf dem Kissen lag
+ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die kleinen Zähne
+schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich
+Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und
+dann malte ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum
+zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der
+andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und
+horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. Einmal auch war
+es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.—Ich trat an das Bette des
+Todten, aber da ich mich zu dem bleichen Mündlein niederbeugete,
+berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer
+Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so
+scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne
+hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.
+
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und
+malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem
+Linnen lagen, so dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem
+Kinde geben!‘ Und ich malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße
+Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend damit eingeschlafen.
+Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend hier, und mocht es also
+ein erwünschet Angebinde sein.
+
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib
+verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und
+ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen
+hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor Überraschung bald
+zurückgewichen; denn Katharina stund mir gegenüber, zwar in schwarzen
+Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, so Glück und Liebe in
+eines Weibes Antlitz wirken mögen.
+
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß,
+das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum
+in ihres Vaters Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man
+sie fortgebracht, oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar
+lange sahe ich das Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein
+Herz. Endlich, da ich mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete
+ein paar Gläser Wein hinab; dann ging ich zurück zu unserem todten
+Kinde.
+
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
+zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
+weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich
+möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten
+Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, als sähe ich
+die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie noch hier aus
+unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein Fluch hat doch euch beide
+eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es um alle Welt nicht lassen
+können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen blassen Leichnam und hob
+ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren Thränen zum ersten
+Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer Knabe, deine Seele,
+die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte nicht aus
+solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht
+aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts
+anderes ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die
+schwarze Fluth hinabgerissen.“
+
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm
+sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein
+dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
+Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis
+Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken“.—Und mit dem
+Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend Schwert
+durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.
+
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert,
+nur in der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher
+ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch
+hereingedrungen.—War Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren
+Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht enträthseln.
+
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen
+wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne
+den ich nicht von hinnen könne.
+
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder
+draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete
+sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir herein.
+
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und
+betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen
+Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber
+seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub
+er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen
+Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.
+
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb
+wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“
+
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
+Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte
+deutlich meinen Namen rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann
+rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das
+Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.
+
+„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und rüttelte
+an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des
+Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. „Gehet
+itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig sein!“
+
+—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
+wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das
+nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes
+Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in meiner
+Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich
+mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein
+Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem
+dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem
+finsteren Wiegenliede: Aquis submersus aquis submersus!
+
+
+Hier endete die Handschrift.
+
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft
+vermessen, daß er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren
+gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
+gesprochen.
+
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in
+einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren
+Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des großen
+Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt Erwähnung, das
+Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts nach dem Abbruch
+unserer alten Kirche gleich den anderen Kunstschätzen derselben
+verschleudert und verschwunden.
+
+Aquis submersus
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
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+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
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+of this license, apply to copying and distributing Project
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+of derivative works, reports, performances and research. Project
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+license, especially commercial redistribution.
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
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+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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+</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Aquis submersus</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Theodor Storm</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889]<br />
+[Most recently updated: May 28, 2022]</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div>
+
+<h1>Aquis submersus</h1>
+
+<h3>Novelle (1876)</h3>
+
+<h2 class="no-break">von Theodor Storm</h2>
+
+<hr />
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit Menschengedenken
+aber ganz vernachlässigten &bdquo;Schloßgarten&ldquo; waren schon in meiner
+Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten Hagebuchenhecken zu
+dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch
+einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht
+verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns
+nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu treffen sein. Wir
+pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten
+&bdquo;Berg&ldquo; zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke
+des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus
+der weitesten Aussicht nichts im Wege steht.
+</p>
+
+<p>
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün der
+Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, auf welcher
+das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine Augen wenden
+unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, der graue spitze
+Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort
+liegt eine von den Stätten meiner Jugend.
+</p>
+
+<p>
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
+&bdquo;Gelehrtenschule&ldquo; meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am
+Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder
+montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt
+zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück
+ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur
+Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten auf
+den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und
+rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier
+in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten
+Schmetterlinge, die nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem
+Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten wir jedoch
+das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto munterer vorwärts, und
+bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch
+schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus
+dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben
+auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.
+</p>
+
+<p>
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir
+allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, ganz
+abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die Silberpappel, der
+einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes, welche ihre
+Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war
+gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich
+von uns erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
+wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+</p>
+
+<p>
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große &bdquo;Priesterkoppel&ldquo;,
+zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den Buben
+angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren,
+denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um nachzusehen, wie
+weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien;
+hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
+gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden
+war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir
+&bdquo;Wasserfranzosen&ldquo; nannten, oder ließen wir ein andermal unsere auf
+einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und
+Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir
+aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher
+gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir
+hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen,
+wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem
+gutmütigen alten Manne zuteil wurde.&mdash;So viele Jugendfreuden wuchsen auf
+dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen
+wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier
+haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,
+wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+</p>
+
+<p>
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde Teilnahme
+dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu
+setzen hatten.&mdash;Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der
+Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es
+anmutig genug war, in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der
+emsigen Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und
+ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes
+war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem
+höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, Strand und
+Marschen.&mdash;Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der
+Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
+stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß er auch, wenn
+wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen
+wunderbaren Dingen, aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit
+finstern, dort mit kindlich frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem
+Schweigen zu uns Lebenden aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein
+schrecklich übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler
+haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an der aus Frucht- und
+Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen.
+Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der
+Kirche, auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt
+war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der
+Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel
+würfelten, bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit
+kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie
+hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
+können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen
+mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der
+Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa
+fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine
+weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz
+sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde
+Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem
+Bilde stand.
+</p>
+
+<p>
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen
+ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar. Mein Freund
+sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; dieser selbst, so gehe noch
+heute die Sage, solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen
+Tod gefunden haben. Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
+her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches
+Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn
+auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz des
+Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des
+Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann
+das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es
+gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so lange ich
+denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an derselben
+Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort gebaut.&mdash;Und doch, wie
+freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine
+Stube rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die aus den
+Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der
+weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne
+Windmühle, außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich
+abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte!
+Die lieben Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte
+tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
+Teekessel&mdash;es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines
+Abends&mdash;wir waren derzeit schon Sekundaner&mdash;kam mir der Gedanke,
+welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe
+einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis
+jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.
+</p>
+
+<p>
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am Nachmittage,
+wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten, unten in
+einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben
+entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen waren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie lauten C. P. A. S.&ldquo;, sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
+&bdquo;aber wir können sie nicht enträtseln.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, erwiderte dieser, &bdquo;die Inschrift ist mir wohl bekannt;
+und nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben
+wohl mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken&lsquo; oder wörtlich ,Im Wasser
+versunken&lsquo; zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann
+noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die
+Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu periculoso&mdash;,Durch
+gefährlichen Zufall&lsquo;&mdash;heißen; aber die alten Herren jener Zeit
+dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur
+bloß gefährlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte begierig zugehört. &bdquo;Casu&ldquo; sagte ich; &bdquo;es könnte
+auch wohl ,Culpa&lsquo; heißen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Culpa?&ldquo; wiederholte der Pastor. &bdquo;Durch Schuld?&mdash;aber
+durch wessen Schuld?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und ohne viel
+Besinnen rief ich: &bdquo;Warum nicht: Culpa patris?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der gute Pastor war fast erschrocken. &bdquo;Ei, ei, mein junger Freund&ldquo;,
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. &bdquo;Durch Schuld des
+Vaters?&mdash;So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen
+Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl schwerlich
+von sich haben schreiben lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; und so
+blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der
+Vergangenheit.
+</p>
+
+<p>
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen
+alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben hingen, war mir
+selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in dem Maler einen
+tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich
+freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher in
+dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen
+habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten
+weder einen Namen noch ein Malerzeichen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der gute
+Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf
+dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte keine Veranlassung
+mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.&mdash;Da, als ich selbst schon in meiner
+Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für den Sohn eines Verwandten ein
+Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen
+Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
+Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten
+hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die
+verhochdeutscht etwa lauten würde:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,<br/>
+Also sind auch die Menschenkind.
+</p>
+
+<p>
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn ich
+hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken
+bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast unwillkürlich trat ich in das
+Haus; und in der Tat, es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter.
+Die Stube ihrer alten &bdquo;Möddersch&ldquo; (Mutterschwester)&mdash;so sagte
+mir der freundliche Meister&mdash;, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten,
+habe seit Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast
+dafür gewünscht.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich
+niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit ihren
+kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte
+der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie
+schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne
+Aussicht ganz verdeckt hätten.
+</p>
+
+<p>
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir dann
+aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen, war
+mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen,
+das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten
+und stellte einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
+dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen
+aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit
+Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten.
+</p>
+
+<p>
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich gemalt er
+immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht;
+aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt, der in seiner
+kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen
+Knaben kannte ich ja längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
+zugedrückt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Woher ist dieses Bild?&ldquo; frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt
+wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung
+innegehalten hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich verwundert an. &bdquo;Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch&ldquo;, erwiderte er; &bdquo;es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind noch
+andre Siebensachen von ihm da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf welcher
+allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren.
+</p>
+
+<p>
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der Deckel
+zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter
+mit sehr alten Schriftzügen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Darf ich die Blätter lesen?&ldquo; frug ich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn&rsquo;s Ihnen Pläsier macht&ldquo;, erwiderte der Meister,
+&bdquo;so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte
+Schriften; Wert steckt nicht darin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen Schriften
+hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich dem alten Bilde
+gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, verließ der Meister das
+Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch gleichwohl die freundliche Verheißung
+zurücklassend, daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren
+werde.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage Cantate war
+es Anno 1661!&mdash;Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt
+zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die Straße durch den
+maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her
+flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser,
+so in den tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über
+Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch
+nicht überstiegen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand seinen
+Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein theurer Meister van
+der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet, war
+ich aller Sorge quitt geworden; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf
+Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan:
+mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen
+fehlte nicht an meiner Hüfte.
+</p>
+
+<p>
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, meinen
+edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die
+Hände würd&rsquo; entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: &bdquo;So segne
+Gott deinen Eingang, mein Johannes!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige Herrlichkeit
+genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten
+und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er dem Hochseligen Herzog
+Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen
+Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger
+Berather gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch
+stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich
+meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht allein
+meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme
+Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer
+Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.
+</p>
+
+<p>
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem
+Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, derweilen
+ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die Kriegsgreuel über
+das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die gegen den kriegswüthigen
+Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst
+gehauset, ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.
+Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede;
+aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder
+Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet,
+hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und
+manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine
+grünen Spitzen trieb.
+</p>
+
+<p>
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur Verlangen,
+wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, daß er Gab und Gunst
+an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte auch nicht an Strolche und
+verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten
+sollte. Wohl aber tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den
+Junker Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler
+Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches
+Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz
+auf dem Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen.
+Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
+vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den
+Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter Holstentreue nicht zu
+reimen ist.
+</p>
+
+<p>
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig
+durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe nahe liegt. Wie
+liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes; aber bald trat
+ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden
+Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte
+ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz
+hinaufführen.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn alle
+Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein umher, und vom
+Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen. Und siehe,
+dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der
+alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen
+Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß dich Gott!&ldquo; sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich nachmals
+fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens
+beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war des edlen Herrn
+Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig Geschwister.
+</p>
+
+<p>
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten Mal die
+ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein, die ihre
+braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat
+ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
+Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein
+eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen
+von tüchtigem Blei dazu gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren
+genug bei dem Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich
+zugesprungen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du, Johannes&ldquo;, sagte sie; &bdquo;ich zeig dir ein Vogelnest;
+dort in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja
+nicht schießen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum auf
+zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. &bdquo;Der
+Buhz, der Buhz!&ldquo; schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden
+Händlein in der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und
+hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. &bdquo;Der Buhz,
+der Buhz!&ldquo; schrie die Kleine wieder. &bdquo;Schieß, Johannes,
+schieß!&ldquo;&mdash;Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch
+immer und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß,
+daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich
+ein zwitschernd Vöglein in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; in Wald
+und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber mußte mir gar bald
+ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, dessen Vater eine Stunde
+davon auf seinem reichen Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters,
+mit dem Herr Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
+und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen
+angewiesen; insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen.
+Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die
+ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen
+zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern gewahrte, so
+reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. &bdquo;Johannes, der Buhz, der
+Buhz!&ldquo; Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen oder rannten wohl
+auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich in einem Bogen um die Felder
+und danach wieder dicht an die Mauern des Gartens hinanzieht.
+</p>
+
+<p>
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen uns zum
+Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der Vortheil meist
+in meinen Händen blieb.
+</p>
+
+<p>
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt in die
+Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, war Katharina
+schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt in einem goldnen Netz
+gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern hob, war oft ein spielend
+Leuchten, das mich schier beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich
+Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man im Hause nur &bdquo;Bas&rsquo;
+Ursel&ldquo; nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit
+einer langen Tricotage neben ihr.
+</p>
+
+<p>
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit beiden auf
+und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit spitzenbesetztem
+Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den Gang zu uns herauf; und
+siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter Widersacher. Ich merkte
+allsogleich, daß er noch immer bei seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch
+daß insonders dem alten Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein
+&bdquo;Herr Baron&ldquo; auf alle Frag&rsquo; und Antwort; dabei lachte sie
+höchst obligeant mit einer widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die
+Luft; mich aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig
+&bdquo;Er&ldquo; oder kurzweg auch &bdquo;Johannes&ldquo;, worauf der Junker
+dann seine runden Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich
+herab, obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, sondern ging
+sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort gebend; den kleinen
+rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich
+dachte: ,Getröste dich, Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in
+die Luft&lsquo; Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir
+gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn
+Gerhardus&rsquo; Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie
+vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam
+plötzlich Katharina wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den
+Beeten und flüsterte mir zu: &bdquo;Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht
+einem jungen Adler gleich; Bas&rsquo; Ursel hat&rsquo;s gesagt!&ldquo; Und fort
+war sie wieder, eh ich mich&rsquo;s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz
+und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte
+hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen Worten
+war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es mir gerad ins
+Herz geleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte mir auf
+einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam zu machen habe,
+übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach dann lange mit mir, als
+meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur
+Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen
+wollte.
+</p>
+
+<p>
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß Katharina an
+einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena gedenken, wie ich sie
+jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön erschien mir der junge Nacken, den
+das Mädchen eben über ihre Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr
+gegenüber saß Bas&rsquo; Ursel und las laut aus einem französischen
+Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. &bdquo;Nun,
+Johannes&ldquo;, sagte sie, &bdquo;Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch
+dem Fräulein gleich Seine Reverenze machen!&ldquo;&mdash;Da war schon Katharina
+von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, traten die
+Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur:
+&bdquo;Leb wohl, Johannes!&ldquo; Und so ging ich fort.
+</p>
+
+<p>
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und Ranzen schon
+für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den Eichbäumen auf die
+Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich nicht recht fort, als hätt ich
+einen Abschied noch zu Gute, und stand oft still und schaute hinter mich. Ich
+war auch nicht den Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
+weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das
+Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht
+überfallen sollte. &bdquo;Ade, Katharina, ade!&ldquo; sagte ich leise und
+setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet&mdash;in stürmender
+Freude stund das Herz mir still&mdash;, plötzlich aus dem Tannendunkel war sie
+selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang über den
+trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz
+entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen,
+noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. &bdquo;Ich&mdash;ich bin ihnen
+fortgelaufen!&ldquo; stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in meine
+Hand drückend, fügte sie leis hinzu: &bdquo;Von mir, Johannes! Und du sollst es
+nicht verachten!&ldquo; Auf einmal aber wurde ihr Gesichtchen trübe; der kleine
+schwellende Mund wollte noch was reden, aber da brach ein Thränenquell aus
+ihren Augen, und wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los.
+Ich sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte
+ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die
+Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander faltete, da
+war&rsquo;s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein
+Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des Abendrothes. &bdquo;Damit
+du nicht in Noth gerathest&ldquo;, stund darauf geschrieben.&mdash;Da streckt
+ich meine Arme in die leere Luft: &bdquo;Ade, Katharina ade,
+ade!&ldquo;&mdash;wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald
+hinein;&mdash;und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.&mdash;Wie würd ich heute
+alles wiederfinden?
+</p>
+
+<p>
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, hinter
+deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses itzt verborgen
+lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei
+fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie
+erhuben ein erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
+seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich
+noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober
+dem Thore eine rauhe, aber mir gar traute Stimme. &bdquo;Hallo!&ldquo; rief
+sie; &bdquo;Tartar, Türk!&ldquo; Die Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die
+Stiege herabkommen, und aus der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte
+Dieterich.
+</p>
+
+<p>
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde gewesen sei;
+denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so lustigen Augen
+blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. &bdquo;Herr Johannes!&ldquo;
+sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Ihn Gott, Dieterich!&ldquo; entgegnete ich. &bdquo;Aber seit wann
+haltet Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Herr Johannes&ldquo;, sagte der Alte, &bdquo;die hat der Junker
+hergebracht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist denn der daheim?&ldquo; Der Alte nickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, sagte ich, &bdquo;die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom
+Krieg her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, Herr Johannes!&ldquo; Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
+er mich nicht zum Hof hinauf lassen. &bdquo;Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: &bdquo;Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab dergleichen
+auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute Herr im Schloß wird
+helfen, seine Hand ist offen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder anknurreten, auf
+den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den Weg. &bdquo;Herr
+Johannes&ldquo;, rief er, &bdquo;ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! Euer
+Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg kommen; aber
+den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieterich!&ldquo; schrie ich. &bdquo;Dieterich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash;Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser
+theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die
+Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem Hofe;
+aber&mdash;ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte fragen: &bdquo;Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!&ldquo;
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+</p>
+
+<p>
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine Kapelle,
+die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort also sollte ich
+Herrn Gerhardus suchen.
+</p>
+
+<p>
+Ich fragte den alten Hofmann: &bdquo;Ist die Kapelle offen?&ldquo;, und als er
+es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den Hof, wo
+niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus den
+Lindenwipfeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen trat ich
+ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen warf ihr
+flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die Fremdheit des
+Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern Lands Genosse sei.
+Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über
+den Rand des Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
+Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.
+</p>
+
+<p>
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich zu mir
+auf, und es war fast wie ein Freudenruf. &bdquo;O Johannes, seid Ihr&rsquo;s
+denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!&ldquo; Und über dem Sarge hatten unsere
+Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön
+geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens mich
+durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in
+der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,
+und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: &bdquo;Wohl kam ich in
+der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu danken, ihm
+manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich Wort zu hören. Laßt
+mich denn nun die bald vergehenden Züge festzuhalten suchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir
+hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem von den
+Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz nachzubilden. Aber meine
+Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor der Majestät des Todes.
+</p>
+
+<p>
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für die des
+Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach einem Fußtritt
+oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch von einer andern
+Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte.
+</p>
+
+<p>
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen nach
+dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen vorüber. Da erhub
+sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des Vaters Antlitz unter meinem
+Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in
+demselben Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
+fühlte, wie ihr junger Körper bebte.
+</p>
+
+<p>
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den Junker
+Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und aufgedunsen schien.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was huckst du allfort an dem Sarge!&ldquo; rief er zu der Schwester.
+&bdquo;Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
+bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen kleinen Augen
+an. &bdquo;Wulf&ldquo;, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm trat;
+&bdquo;es ist Johannes, Wulf&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte nur mein
+violenfarben Wams und meinte: &bdquo;Du trägst da einen bunten Federbalg; man
+wird dich ,Sieur&lsquo; nun tituliren müssen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nennt mich, wie&rsquo;s Euch gefällt!&ldquo; sagte ich, indem wir auf
+den Hof hinaustreten. &bdquo;Obschon mir dorten, von wo ich komme, das
+,Herr&lsquo; vor meinem Namen nicht gefehlet&mdash;Ihr wißt wohl, Eueres Vaters
+Sohn hat großes Recht an mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: &bdquo;Nun wohl, so magst
+du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu der Lohn
+für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; da aber
+der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich&rsquo;s für einen Edelmann
+gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen hätte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du weißt doch&ldquo;, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte&mdash;&bdquo;wenn eine adelige Tochter das Haus
+verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, gleich
+einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete ruhig:
+&bdquo;Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker
+Wulf?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich meine&ldquo;, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
+&bdquo;daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mich durchfuhr&rsquo;s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den Ton
+oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei itzt kaum
+die rechte Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir zuflog,
+so antwortete ich: &bdquo;Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen will, so
+hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre keine Schande
+anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten
+Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge einen
+Imbiß für mich richten lassen.
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich
+verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine
+Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem Wort
+hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr worden, die
+dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen,
+sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen
+Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie heulend ihm zu
+Füßen krochen. &bdquo;Beim Höllenelemente&ldquo;, rief er lachend, &bdquo;zwo
+tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder Flandrisch Tuch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Junker Wulf&ldquo;&mdash;ich konnte der Rede mich nicht wohl
+enthalten&mdash;, &bdquo;soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein,
+so möget Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal in seinen
+Zwickelbart. &bdquo;Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur Johannes!&ldquo;
+sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu streicheln. &bdquo;Damit
+jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier begonnen; denn&mdash;wer mir in
+die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels Rachen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch
+aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem Thore
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die unter dem
+Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu dem Herrenhaus
+emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die breiten Stufen in das
+Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer
+traten.&mdash;Hier war noch alles, wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten
+Ledertapeten, die Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den
+Regalen, über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren
+Ruisdael&mdash;und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben daran
+haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien
+auch dies Gemach mir itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge
+Lenz durchs Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie
+erfüllet.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich mich
+umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich sah, wie unter
+den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre Brust in ungestümer
+Arbeit ging. &bdquo;Nicht wahr&ldquo;, sagte sie leise, &bdquo;hier ist itzt
+niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen Hunde?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina!&ldquo; rief ich; &bdquo;was ist Euch? Was ist das hier in
+Eueres Vaters Haus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was es ist, Johannes?&ldquo; Und fast wild ergriff sie meine beiden
+Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. &bdquo;Nein,
+nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann&mdash;du
+sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen&mdash;dann,
+Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich vor der
+Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte zu. Da lösete
+sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir saßen neben einander und
+sprachen lange zu des Entschlafenen Gedächtniß.
+</p>
+
+<p>
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem alten
+Fräulein nach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh&ldquo;, sagte Katharina, &bdquo;Bas&rsquo; Ursel! Wollt Ihr sie
+begrüßen? Ja, die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
+Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den Beeten
+vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde brachen. Bas&rsquo;
+Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie ein schwindend
+Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor
+sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der Herr Baron&mdash;nach seines
+Vaters Ableben war er solches itzund wirklich&mdash;ihr aus Lübeck zur
+Verehrung mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So&ldquo;, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie
+behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, &bdquo;ist Er wieder
+da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c&rsquo;est un jeu
+très-compliqué!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an.
+&bdquo;Ei&ldquo;, meinte sie, &bdquo;Er ist gar stattlich angethan; aber weiß
+Er denn nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß es, Fräulein&ldquo;, entgegnete ich; &bdquo;aber da ich in das
+Thor trat, wußte ich es nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, sagte sie und nickte gar begütigend; &bdquo;so eigentlich
+gehöret Er ja auch nicht zur Dienerschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich jeder
+Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der alten Dame die
+Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem Thürmchen, das draußen
+an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem Fenster hingesponnen und wiegete
+seine grünen Ranken vor den Scheiben.
+</p>
+
+<p>
+Aber Bas&rsquo; Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die
+itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den Schlaf
+nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das Gesinde sei von
+hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber passire eben nichts,
+als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es
+sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten
+Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner Tragkist,
+und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm erzählen. Er rauchte
+dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in
+Gang gekommen war, und holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie
+durch die fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
+müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht
+und er erst nicht hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab
+und schauete mich an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wisset Ihr, Herr Johannes&ldquo;, sagte er, &bdquo;&rsquo;s ist grausam
+schad, daß Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da
+drüben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit seiner
+harten Hand mir auf die Schulter, meinend: &bdquo;Nun, nun, Herr Johannes;
+&rsquo;s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, wo uns der
+Herrgott hingesetzet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete aber nur,
+was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen Pfeiflein, als ob
+das theure Kraut am Feldrain wüchse. &bdquo;Wollet Ihr&rsquo;s wissen, Herr
+Johannes?&ldquo; begann er dann. &bdquo;Er gehöret zu denen muntern Junkern,
+die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den Häusern schießen;
+Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so
+gut zu spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin den
+Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen
+aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt
+der Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und fror
+Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich,
+im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!&mdash;Wollet Ihr mehr
+noch wissen, Herr Johannes?&mdash;Zu Haus bei ihm freuen sich die Bauern, wenn
+der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und dennoch&mdash;aber nach
+seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, Ihr wisset&rsquo;s wohl, hat
+schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit seinem
+Spruche: &bdquo;Aber ich bin nur ein höriger Mann&ldquo;, seiner Rede Schluß
+gemacht.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, wo
+ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es sich ziemete,
+in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber wandte ich zunächst in
+meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen
+Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von
+lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem Kamin ein Platz
+zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist
+ernst und sicher blickende Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl
+vertrauen konnte; er selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh
+verstorbene Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren
+gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in seiner
+kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die Züge meines
+edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem Maßstabe und nur mir selber
+zum Genügen; doch hat es später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das
+noch itzt hier in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines
+Alters ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+</p>
+
+<p>
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den schönen
+Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern wieder: des
+Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber war hier der harte
+Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?&mdash;Das mußte tiefer aus der
+Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging ich die Reih der älteren
+Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im
+schwarzen, von den Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich
+schon als Knabe, als ob&rsquo;s mich hielte, still gestanden war. Es stellete
+eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt
+und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen
+Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich
+vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: ,Hier, diese
+ist&rsquo;s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und drüber
+rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der Geschlechter fort; dann,
+längst vergessen, taucht es plötzlich wieder auf, den Lebenden zum Unheil.
+Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes
+nachgeborenem Sprößling soll ich Katharinen schützen.&lsquo; Und wieder trat
+ich vor die beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+</p>
+
+<p>
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die Sonnenstäublein
+spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+</p>
+
+<p>
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den Junker
+Wulf zur Seiten; aber wofern Bas&rsquo; Ursel nicht in ihren hohen Tönen
+redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir oft der Bissen
+im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern
+es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten
+zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt,
+entfernte sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker
+aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke festzuhalten;
+hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes
+Maß, überdem wider allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet
+wurden.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, geschahe
+die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des Dorfes, allwo das
+Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen seiner Voreltern ruhen,
+mit denen der Höchste ihnen dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!
+</p>
+
+<p>
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus der Stadt
+und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber fast wenige und auch
+diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der Letzte seines Stammes war und
+des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch
+geschahe, daß in der Kürze alle wieder abgezogen sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, wozu ich
+droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen Fenster mir schon
+den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas&rsquo; Ursel, die wegen ihrer Gicht die
+Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben
+oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich
+aber, solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
+Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht
+nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des
+Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe
+Dieterichs mir selber in den letzten Tagen angefertigt.
+</p>
+
+<p>
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete sich die
+Thür aus Herrn Gerhardus&rsquo; Zimmer, und Katharina trat herein. Aus was für
+Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns dießmal fast
+erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht
+abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina&ldquo;, sagte ich, &bdquo;Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß
+malen; duldet Ihr&rsquo;s auch gern?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise:
+&bdquo;Warum doch fragt Ihr so, Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. &bdquo;Nein, nein, Katharina!
+Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?&mdash;Setzet Euch, damit wir
+nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich weiß es
+schon. Ihr braucht mir&rsquo;s nicht zu sagen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. &bdquo;Denket Ihr noch,
+Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das thut
+dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn ich bin kein
+Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, Johannes&mdash;ich habe einen
+Blutsfreund&mdash;, hilf mir wider den!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Ich habe keinen andern.&mdash;Dem Manne, den ich hasse, will er
+mich zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den
+schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab ich&rsquo;s
+ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber ich weiß, auch
+das wird er nicht halten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus&rsquo; einzigen
+Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht anzugehen sei.
+</p>
+
+<p>
+Katharina nickte. &bdquo;Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?&mdash; Geschrieben
+habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch erfahren habe
+ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, die selbst das Ohr des
+Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der
+Welt; aber der gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
+Erdenschlummer zugedecket.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und ich
+begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu ruhiger
+Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, nach Hamburg
+mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, so stelleten wir
+fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft
+ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker mußte es
+schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; gleichwohl&mdash;hieß nun sein
+Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder glaubte er mit seiner ersten Drohung
+mich genug geschrecket&mdash;, was ich besorget, traf nicht ein; Katharina und
+ich waren am ersten wie an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar
+trat er ein und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
+dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein
+Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an
+seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem
+Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen
+fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht
+gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne Worte,
+meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr vermummt und nicht
+vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken habe wallen lassen;
+wie es ein Engelländischer Poet so trefflich ausgedrücket, &bdquo;rückwärts den
+Winden leichte Küsse werfend.&ldquo; Katharina aber, die bisher geschwiegen,
+wies auf Herrn Gerhardus&rsquo; Bild und sagte: &bdquo;Ihr wisset wohl nicht
+mehr, daß das mein Vater war!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; meine
+Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur gleich einer
+Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. Von letzterem begann
+er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht
+mehr Antwort gab, so nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
+wünschend.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick gleich
+einer Messerspitze nach mir zücken.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit
+rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der Roggen
+in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die Rosen auf; wir
+beide aber&mdash;ich mag es heut wohl niederschreiben&mdash;, wir hätten itzund
+die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit
+einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte ich
+kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr erzählte und wie
+ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner Pfennig mich in Krankheit einst
+vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie
+ich später dann gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem
+Leihhaus mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei
+blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir
+schien&rsquo;s, als sei es kaum mein eigenes Werk.&mdash; Mitunter war&rsquo;s,
+als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann fassen,
+so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die
+Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie
+nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.&mdash;Und
+endlich war&rsquo;s doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen sollte
+ich meine Reise antreten.
+</p>
+
+<p>
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch einmal mir
+gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir sprachen ernst und
+sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie und da den Pinsel an,
+mitunter meine Blicke auf die schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend,
+deren ich in Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, das mir
+zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf
+mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.
+</p>
+
+<p>
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: &bdquo;Ihr seid ja fast
+erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. &bdquo;Kennet Ihr die, Katharina? Diese
+Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die da?&mdash;Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar
+bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin eines
+früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier gehauset.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter&ldquo;, entgegnete ich;
+&bdquo;dies Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. &bdquo;So heißt&rsquo;s auch&ldquo;,
+sagte sie, &bdquo;sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
+aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals
+zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus
+dem Boden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich noch
+immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie erst hier an
+den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf verschwinden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des Bildes.
+&bdquo;Und weshalb&ldquo;, fragte ich, &bdquo;verfluchete sie ihr Kind?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weshalb?&ldquo;&mdash;Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich
+fast verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. &bdquo;Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;War es denn ein gar so übler Mann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth
+bedeckte ihr Antlitz. &bdquo;Ich weiß nicht&ldquo;, sagte sie beklommen; und
+leiser, daß ich&rsquo;s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: &bdquo;Es
+heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten Blicken;
+wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr Herz geleget, so
+wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen.
+</p>
+
+<p>
+So hold es war, ich sprach doch endlich: &bdquo;So kann ich ja nicht malen;
+wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war kein
+Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen.
+&bdquo;Katharina!&ldquo; Ich war aufgesprungen. &bdquo;Hätte jene Frau auch
+dich verflucht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie athmete tief auf &bdquo;Auch mich, Johannes!&ldquo;&mdash;Da lag ihr Haupt
+an meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die
+kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+</p>
+
+<p>
+Aber Katharina zog mich leise fort. &bdquo;Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!&ldquo; sagte sie.&mdash;Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig die
+Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder an unsern
+Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte, öffnete sich
+die Thür, und Bas&rsquo; Ursel, die wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an
+ihrem Stock hereingehustet. &bdquo;Ich höre&ldquo;, sagte sie, &bdquo;Er will
+nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein
+Werk besehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die
+allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und Trübsal
+bringen. Als Bas&rsquo; Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang noch nicht
+gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar stolz empor mit ihrem
+runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: &bdquo;Hat denn das Fräulein
+Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde sitzet?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß die
+Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen oder Wangen
+ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen spähend hin und
+wider. &bdquo;Die Arbeit ist wohl bald am Ende?&ldquo; sagte sie dann mit ihrer
+höchsten Stimme. &bdquo;Deine Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange
+Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei noch hie
+und da zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!&mdash;
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod mir
+entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die braunen
+Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf einem
+Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus dem Thorweg; als
+ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers Hunden herfür und fuhr
+meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle
+war; aber der oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen
+gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter
+Zeit in Hamburg an.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen Schnitzer,
+so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur zusammenzustellen und
+in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. Wurden also handelseinig, und
+versprach der Meister, mir das alles wohl verpacket nachzusenden.
+</p>
+
+<p>
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles zu
+beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker silberner
+Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet wird, und ohne den
+gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in
+Hamburg sei gewesen; sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen
+Krallen und Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
+den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die
+türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei
+Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, von
+Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei
+einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen
+Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
+hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte bei der
+hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich erkannte in ihrer
+stattlichen Person allsogleich die Schwester meines theueren seligen Herrn
+Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die
+Züge des Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, selbst
+nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu
+bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem
+Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man
+mich gar wohl bewirthete.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete ich,
+obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, noch gegen
+Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.&mdash;Das Schreiben, das die alte
+Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem
+Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die
+aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
+immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.
+</p>
+
+<p>
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub sich der
+Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; in Luft und Laub
+schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem
+schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
+Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des Schwanes in
+seiner unberührten Herrlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus&rsquo; Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, welches
+seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn ich gedachte, daß
+der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen habe; mit dem solle er morgen
+einen Boten in die Stadt schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen;
+ich aber wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen.
+</p>
+
+<p>
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den grünlichen
+Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich hier umflogen. Und
+schon ragete groß und finster die Kirche vor mir auf, in deren Mauern Herr
+Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer
+ausholete, und von der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber
+sie schlafen alle&lsquo;, sprach ich bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen
+oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch
+unter den niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.&lsquo; So
+ritt ich weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens
+Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf den Weg
+hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und brachte
+meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, war es gedrang
+voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie
+ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der
+Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch
+bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald
+begegnet wäre.&mdash;Aber nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier
+sich zu vergnügen; bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen
+saßen, stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen
+Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien ihm
+nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den Händen, warf
+eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß sie ihm den
+neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die Musikanten ihm gar
+rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach
+Platz und schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
+drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor dem Geier.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth zu
+reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten Ottsen neben
+sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm
+seinen Zins zu steigern, und schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete
+Mann gar jämmerlich um Gnad und Nachsicht supplicirte.&mdash;Da er mich gewahr
+worden, ließ er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
+nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber
+antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in
+der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein leichtlich
+möge holen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der Risch
+hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk zu schaffen.
+Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn
+am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl hernieder.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Kurt!&ldquo; rief er. &bdquo;Bist du noch nicht satt von deinen
+Dirnen! Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar
+hazard mitsammen!&ldquo; Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams
+hervorgezogen. &bdquo;Allons donc!&mdash;Dix et dame!&mdash;Dame et
+valet!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur
+wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.&mdash; Der
+Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der Risch
+schlug nach einander jede Karte fehl.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tröste dich, Kurt!&ldquo; sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd
+die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Glück in der Lieb<br/>
+Und Glück im Spiel,<br/>
+Bedenk, für einen<br/>
+Ist&rsquo;s zu viel!
+</p>
+
+<p>
+Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie
+auswendig; da kriegst du&rsquo;s nach der Kunst zu wissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von
+Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah gar
+grimmig auf mich her.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!&ldquo; sagte der Junker Wulf
+vergnüglich, als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete;
+&bdquo;aber getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
+Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem Spürhund bei
+der Witterung. &bdquo;Von Hamburg heut?&mdash;So muß er Fausti Mantel sich
+bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch in Preetz! Im
+Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit dem Brief
+verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf lagen auf mir; und
+war mir&rsquo;s nicht anders, als sähe er damit mein ganz Geheimniß offen vor
+sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen die Karten klatschend auf
+den Tisch. &bdquo;Oho!&ldquo; schrie er. &bdquo;Im Stift, bei meiner Base! Du
+treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang
+geschickt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr nicht, Junker Wulf!&ldquo; entgegnet ich; &bdquo;und das muß Euch
+genug sein!&ldquo;&mdash;Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht
+da; fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich
+vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+</p>
+
+<p>
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: &bdquo;Reiß ihm
+das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine saubere
+Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der Risch an
+meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich fühlte wohl, daß
+ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr über würde; da aber fügete
+es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide Handgelenke packte und er also wie
+gefesselt vor mir stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten
+lassen; als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß
+er&rsquo;s mit seinem Todfeind vor sich habe.
+</p>
+
+<p>
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem Stuhl
+empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte aber zu viel des
+Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen Platz zurück. Da schrie er,
+so laut seine lallende Zunge es noch vermochte: &bdquo;He, Tartar! Türk! Wo
+steckt ihr! Tartar, Türk!&ldquo; Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter,
+so ich vorhin auf der Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die
+nackte Kehle springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der
+Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu
+Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich schmetternd
+hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie.
+</p>
+
+<p>
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu gehen,
+sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem Walde zu. Da
+ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem Herrenhofe
+einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war
+die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber
+meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das Täschlein
+sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich
+gedachte den Rest der Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber
+mit dem alten Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich
+wohl sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang wohl
+die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir gewonnen haben:
+von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem
+Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern
+die Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin richtete
+ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den
+Hecken des Herrengartens ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand,
+und daß ich bis zum Hofe nicht gar weit mehr hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus dem Dunkel
+drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das jählings näher kam und
+mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen
+durch das Unterholz; sie hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich
+deutlich hinter mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub
+des Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der
+Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste
+schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen;
+die Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor
+meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. &bdquo;Sieh
+dir&rsquo;s noch einmal an, Johannes!&ldquo; hatte dermalen er gesprochen;
+&bdquo;es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor geschrieben
+stünde;&mdash;ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier vergäßest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn nun war
+ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde des Junker Wulf
+gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige aber war, wie ich noch
+tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier
+hinüber konnte; und rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten
+Hecken und drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als
+eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer
+scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem
+Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den
+mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem
+Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der
+Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben schwächere
+Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um mich, ob ich nicht
+irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war nichts zu sehen als die
+dunklen Epheublätter um mich her.&mdash;Da, in solcher Noth, hörete ich ober
+mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme scholl zu mir herab&mdash;möchte ich
+sie wieder hören, wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem
+Erdenthal!&mdash; &bdquo;Johannes!&ldquo; rief sie; leis, doch deutlich hörete
+ich meinen Namen, und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige,
+indeß die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
+Geheul heraufstießen.&mdash;&bdquo;Katharina! Bist du es wirklich,
+Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen das offene
+Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in die Tiefe starrten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie werden dich zerreißen.&ldquo; Da
+schwang ich mich in ihre Kammer.&mdash;Doch als ich drinnen war, ließ mich das
+Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und
+hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über
+dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die
+Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich
+stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein
+eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit.
+Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr: &bdquo;Katharina,
+liebe Katharina, träumet Ihr denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: &bdquo;Ich glaub wohl fast,
+Johannes!&mdash;Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr sie
+erschreckt empor. &bdquo;Die Hunde, Johannes!&ldquo; rief sie. &bdquo;Was ist
+das mit den Hunden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina&ldquo;, sagte ich, &bdquo;wenn ich Euch dienen soll, so glaub
+ich, es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die
+Thür in dieses Haus gelangen sollte.&ldquo; Dabei hatte ich den Brief aus
+meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge drunten mit
+den Junkern sei in Streit gerathen.
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann schaute sie
+mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns morgen in dem
+Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch zuvor erkunden, auf
+welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet
+sei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und nun, Katharina&ldquo;, sprach ich, &bdquo;habt Ihr nicht etwas, das
+einer Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich
+der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. &bdquo;Was sprichst du,
+Johannes!&ldquo; rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet,
+griffen nach den meinen. &bdquo;Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist
+der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir umfingen
+uns in großer Herzensnoth. &bdquo;Ach, Käthe&ldquo;, sprach ich, &bdquo;was
+vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich bin kein
+Edelmann und darf nicht um dich werben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie Schelmerei aus
+ihrem Munde: &bdquo;Kein Edelmann, Johannes?&mdash;Ich dächte, du seiest auch
+das! Aber&mdash;ach nein! Dein Vater war nur der Freund des meinen&mdash;das
+gilt der Welt wohl nicht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier&ldquo;, entgegnete ich
+und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; &bdquo;aber drüben in Holland,
+dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle von
+Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu
+überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein Meister van der Helst
+und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei;
+dann&mdash;wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere
+wüsten Junker!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich und sagte
+leise: &bdquo;Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich doch dein Weib
+auch werden müssen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern
+goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.&mdash;Von dreien
+furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter Mann, lag
+nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß.
+</p>
+
+<p>
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings stille, und da
+es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild davon rennen.
+</p>
+
+<p>
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem stille
+stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann zugeschlagen und dann
+ein Riegel vorgeschoben. &bdquo;Das ist Wulf&ldquo;, sagte Katharina leise;
+&bdquo;er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.&ldquo;&mdash;Bald hörten
+wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel drehen und
+danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine
+Kammer hatte. Dann wurde alles still.
+</p>
+
+<p>
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war es mit
+einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf zurückgelehnt; nur unser
+beider Herzen hörete ich klopfen.&mdash;&bdquo;Soll ich nun gehen,
+Katharina?&ldquo; sprach ich endlich.
+</p>
+
+<p>
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging nicht.
+</p>
+
+<p>
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und
+von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um die Hecken fließt.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne
+heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen Menschenherzen zu
+verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der Mondschein war am Himmel
+ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten
+überm Walde spielete die Nacht in stummen Blitzen.&mdash;O Hüter, Hüter, war
+dein Ruf so fern?
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne krähten,
+und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, die mich nicht
+lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen dämmerte und rothen
+Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie
+von Todesangst geschreckt, mich fort.
+</p>
+
+<p>
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das Gesind zu
+Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns treffen; und
+dann&mdash;ich wußte selber kaum, wie mir&rsquo;s geschehen&mdash; stund ich im
+Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, schaute
+ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. Nahezu
+erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick aus dem
+Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme streiften; denn
+mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie
+drohete nach mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern
+gleich der Hand des Todes. Doch war&rsquo;s nur wie im Husch, daß solches über
+meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden
+Urahne; redete mir dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten
+Sinne, die solch Spiel mir vorgegaukelt hätten.
+</p>
+
+<p>
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, merkete
+aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; sank auch der eine
+Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was hinunterziehen wollte.
+,Ei&lsquo;, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch nach dir!&lsquo; Machte
+mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald hinab.
+</p>
+
+<p>
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; hier um
+mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne sich nicht lösen
+mochten.&mdash;Erst da ich nach geraumer Zeit vom Waldesrande in das offene
+Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im
+silbergrauen Thau, und über mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da
+schüttelte ich all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
+auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast
+ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als nur
+das ihre!&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn Katharina im
+Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück nach Holland ginge,
+mich dort der Freundeshülf versicherte und allsobald zurückkäm, um sie
+nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der alten Base Herz erweichet; und
+schlimmsten Falles&mdash;es mußte auch gehen ohne das!
+</p>
+
+<p>
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des grünen
+Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom Rathhausthurme
+Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl hervorbrechen und mich
+und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem
+kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung;
+und kräftiger und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück
+erreichen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Es ist doch anders kommen.
+</p>
+
+<p>
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und trat hier
+in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings hatte flüchten
+müssen.&mdash;&bdquo;Ei, Meister Johannes&ldquo;, rief der Alte auf der Tenne
+mir entgegen, &bdquo;was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen
+Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder eintrat,
+flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde raseten an der
+Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl begriffen
+habe, so entgegnete ich nur: &bdquo;Ihr wisset, der von der Risch und ich, wir
+haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt&rsquo;s denn gestern
+noch so einen Nachschmack geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, ich weiß!&ldquo; meinte der Alte; &bdquo;aber der Junker sitzt
+heut auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen
+Herren ist nicht sauber Kirschen essen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und
+Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen holete,
+auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, daß er
+den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als er mir solches
+zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle
+auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die
+Gartenhecken ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu
+Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu
+verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht
+mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog
+also meinen Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen,
+woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann
+in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie
+dort in unsre Kammer führen würde.
+</p>
+
+<p>
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum Gruß ein
+zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die Lichtung auf, wo wir
+uns finden wollten, und streckte mich nebenan im Schatten einer dichten Buche,
+sehnlich verlangend, daß die Zeit vergehe.
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von einem
+fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem Hofe sei. Die
+Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit
+die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns
+hier bei unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein
+seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre
+zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen
+Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, im
+nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.
+</p>
+
+<p>
+Da plötzlich überfiel mich&rsquo;s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es war
+schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging umher, ich
+stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die Bäume; die Angst kroch
+mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur
+oben in den Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.
+</p>
+
+<p>
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem Hofe zu.
+Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir Dieterich.
+&bdquo;Herr Johannes&ldquo;, sagte er und trat hastig auf mich zu, &bdquo;Ihr
+seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte mir Euren
+Gaul zurück;&mdash;was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum fragst du, Dieterich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Warum, Herr Johannes?&mdash;Weil ich Unheil zwischen euch
+verhüten möcht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll das heißen, Dieterich?&ldquo; frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr werdet&rsquo;s schon selber wissen, Herr Johannes!&ldquo; entgegnete
+der Alte. &bdquo;Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer
+Stund mag&rsquo;s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an
+den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre
+Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas&rsquo; Ursel mit unserem Junker dicht
+beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein einzig
+Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und jammerte
+ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden,
+bald hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.&mdash;Verstanden, Herr
+Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket wohl auf,
+hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit drohete, dem Junker was vor
+Augen; und da ich näher hinsah, war&rsquo;s ein Fetzen Grauwerk, just wie
+Ihr&rsquo;s da an Euerem Mantel traget.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weiter, Dieterich!&ldquo; sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist nicht viel mehr übrig&ldquo;, erwiderte er; &bdquo;denn der
+Junker wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
+wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die
+Augen hätten blutiger nicht funkeln können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da frug ich: &bdquo;Ist der Junker im Hause, Dieterich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr
+Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. &bdquo;Gehet nicht,
+Johannes&ldquo;, sagte er dringend; &bdquo;erzählet mir zum wenigsten, was
+geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hernach, Dieterich, hernach!&ldquo; entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte schüttelte den Kopf. &bdquo;Hernach, Johannes&ldquo;, sagte er,
+&bdquo;das weiß nur unser Herrgott!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in seinem
+Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst betreten. Statt
+wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier vielerlei Gewaffen,
+Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe an den Wänden angebracht;
+sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und
+mit seinen ganzen Sinnen hier verweile.
+</p>
+
+<p>
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des Junkers
+&bdquo;Herein&ldquo; die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir
+wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß er
+hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme.
+&bdquo;So?&ldquo; sagte er gedehnet; &bdquo;wahrhaftig, Sieur Johannes,
+wenn&rsquo;s nicht schon sein Gespenste ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr dachtet, Junker Wulf&ldquo;, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm
+trat, &bdquo;es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere
+Kammer fahren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem Sprunge lag,
+so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. Jedennoch sprach ich:
+&bdquo;Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr Junker!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er aber unterbrach meine Rede: &bdquo;Du wirst gewogen sein, mich erstlich
+auszuhören! Sieur Johannes&ldquo;&mdash;und seine Worte, die erst langsam
+waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll&mdash;, &bdquo;vor ein paar
+Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel&rsquo;s mir bei und reuete
+mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen
+gesetzet hatte;&mdash;seit aber Bas&rsquo; Ursel mir den Fetzen vorgehalten,
+den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,&mdash; beim Höllenelement! mich
+reut&rsquo;s nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit
+nachgelassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, so dachte
+ich, daß er auch hören würde. &bdquo;Junker Wulf&ldquo;, sagte ich, &bdquo;es
+ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann in
+meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren gleichzuthun; so
+bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester Katharina mir zum
+Ehgemahl&mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten mich die
+Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in das Ohr, ein
+Schuß&mdash;dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir der Degen, den
+ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren Sonnenschein auf
+einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, mit matten Blicken nach dem
+Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war.
+Meine thörichten Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
+vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben
+Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich keine Kunde.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des Junkers
+Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe und einem mir
+unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers niemand zu mir
+gekommen.&mdash;Von wannen ich den Schuß in meine Brust erhalten, darüber hat
+mich niemand befragt, und ich habe niemandem Kunde gegeben; des Herzogs
+Gerichte gegen Herrn Gerhardus&rsquo; Sohn und Katharinens Bruder anzurufen,
+konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten;
+noch glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des Junkers
+Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn für Katharinens
+Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es sei ein Theil von deren
+Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu
+einem traulichen Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte
+es mir nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
+allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der
+Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in
+Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, daß
+er dem Fräulein, wenn sich&rsquo;s treffen möchte, meine Grüße sage, und daß
+ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen dächte, was
+alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete.
+</p>
+
+<p>
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen den
+Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten Blätter von den
+Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete auch schon nach kurzer
+Frist wohlbehalten in der holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen
+Freunden gar liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
+glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen,
+durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst
+beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht
+genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur
+auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein
+sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn dafür
+versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, daß dann genug
+des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel
+Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen einzufahren.
+</p>
+
+<p>
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, mit allem
+Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise gar fröhlich nah
+und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen Anständen ich drüben noch
+zu kämpfen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.&mdash; Als nun
+das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen mir zu Theil
+geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der Arbeit meiner Schwäche
+nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf mich wiederum danieder. Eben
+wurden zum Weihnachtsfeste auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden
+aufgeschlagen, da begann mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal
+gefesselt. Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
+Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte
+von ihr, keine zu ihr kommen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen Wellen
+schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des frohen Muthes
+nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging die Reise rasch und
+gut von Statten.
+</p>
+
+<p>
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun fast einem
+Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem noch kaum die
+ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken und die Ammern ihren
+Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!&mdash;Ich ging aber nicht nach
+Herrn Gerhardus&rsquo; Herrengut; sondern, so stark mein Herz auch klopfete,
+ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund
+ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht munter.
+&bdquo;Nur&ldquo;, fügte er bei, &bdquo;mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht
+wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier allgemein
+verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten Dieterich.
+</p>
+
+<p>
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es so
+starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden Todes
+verfahren sei. &bdquo;Der freuet sich&ldquo;, sagte Hans Ottsen, &bdquo;daß er
+zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Amen!&ldquo; sagte ich; &bdquo;mein herzlieber alter Dieterich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von
+Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich sprach
+beklommen: &bdquo;Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oho&ldquo;, lachte der Alte; &bdquo;der hat ein Weib genommen, und eine,
+die ihn schon zu Richte setzen wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß er
+nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen nannte, so
+war&rsquo;s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der Nachbarschaft; forschete
+also muthig weiter, wie&rsquo;s drüben in Herrn Gerhardus&rsquo; Haus bestellet
+sei, und wie das Fräulein und der Junker mit einander hauseten.
+</p>
+
+<p>
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. &bdquo;Ihr meinet
+wohl&ldquo;, sagte er, &bdquo;daß alte Thürm&rsquo; und Mauern nicht auch
+plaudern könnten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll&rsquo;s der Rede?&ldquo; rief ich; aber sie fiel mir
+centnerschwer aufs Herz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Herr Johannes&ldquo;, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
+die Augen, &bdquo;wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten
+wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; nur
+wundert&rsquo;s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf wird,
+denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; dann
+aber kam mir plötzlich ein Gedanke. &bdquo;Unglücksmann!&ldquo; schrie ich,
+&bdquo;Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib
+geworden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, lasset mich nur los!&ldquo; entgegnete der Alte&mdash;denn ich
+schüttelte ihn an beiden Schultern.&mdash;&bdquo;Was geht&rsquo;s mich an! Es
+geht die Rede so! Auf alle Fäll&rsquo;; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß
+nicht mehr gesehen worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse nichts
+von alledem.
+</p>
+
+<p>
+Ob er&rsquo;s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es
+sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer
+Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas&rsquo; Ursel das
+Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so durch
+die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der Treppe haben
+gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus
+fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas&rsquo; Ursel und der
+Junker in dem Schloß gewesen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht hier
+verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon Hans Ottsen
+mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf nach dem Stifte zu
+Herrn Gerhardus&rsquo; Schwester; aber die Dame wollte mich nicht vor sich
+lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer
+bei ihr gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich also,
+daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein Bittender vor meinen
+alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das
+Vöglein sich geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er
+keinen Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus&rsquo; Hofe.
+</p>
+
+<p>
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans Ottsens
+Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, er würde mich
+noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.&mdash; Da bin ich in den Wald
+gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn gelauert; die Eisen
+sind von der Scheide bloß geworden; wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm
+wund gehauen und sein Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit
+seinen bösen Augen an; gesprochen hat er nicht.&mdash;Zuletzt bin ich zu
+längerem Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
+größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+</p>
+
+<p>
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt dein
+Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner Schwester sel.
+Enkelin, aus der Taufe heben.&mdash;Ich werde auf meiner Reise dem Walde
+vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus&rsquo; Hof belegen ist. Aber das alles
+gehört ja der Vergangenheit.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der Schreiber ein
+fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner Freundschaft an frischer
+Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+</p>
+
+<p>
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht zweifeln,
+der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener tote Knabe, den
+ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm gebettet hatte?&mdash;Sinnend
+nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges
+unsicherer erschienen. Es lautete wie folgt:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,<br/>
+Also sind ock de Minschenkind.
+</p>
+
+<p>
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims eines
+alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine Augen dahin
+wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange
+mein Begleiter blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
+ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute gleicherweise ob
+der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der
+vorübergeht, an die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er
+eine Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
+Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben Schwester Sohn,
+der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem kleinen Erdengute dann
+auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch,
+aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe anvertrauen mögen.
+</p>
+
+<p>
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; maßen von
+einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden, die Auferweckung
+Lazari zu malen, welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß
+ihres Seligen, der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo
+es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen
+ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in
+Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet,
+so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.&mdash;Mein Losament
+aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das
+Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann
+lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an
+der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem es durch meines lieben
+Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt als alter Mann noch lebe und der
+Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+</p>
+
+<p>
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet; es
+war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam alles gemacht und
+gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die gute Frau selber gar zu
+gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch
+zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer
+Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines
+Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie
+mit viel überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres
+Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht
+bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die
+Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im
+Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben mag, dem
+unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen. Als dann von der
+Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf
+den Schank geklopfet, und sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die
+Hand mit dem Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken,
+da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da
+in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.&mdash; Und also
+rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine
+gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren,
+daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht
+hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie
+in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der
+Ewigkeit entgegentreten!
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf meine
+Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den
+Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab aber groß Gewühl
+dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles
+voll von Wagen und Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde,
+daß Gast mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper
+müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen
+zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen
+von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die
+hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben
+Lederhosen&mdash;dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben,
+zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war;
+aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war es
+keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend Leid kam immer
+gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich
+gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden
+Markte; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen
+ein paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen
+schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der
+du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele
+sie zu suchen?&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen
+nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen hageren Mann in der
+üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein herrisch und finster Antlitz mit
+dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem
+Kriegsmann angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
+von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und
+Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er
+selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt.
+</p>
+
+<p>
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab und lud
+den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich ihn genöthigt,
+mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr ich
+bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß in die
+Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst um die Gemeine
+dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er
+doch seines Alters halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster
+aber meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal
+einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was
+Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei
+Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten,
+ich verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit
+wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere
+sich nicht eben viel darum.
+</p>
+
+<p>
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf eine
+Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen eingetretenen
+Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher
+nachzufragen.
+</p>
+
+<p>
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, so daß
+ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie sie im
+Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen Dirnen
+abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in
+der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
+eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur mit dem
+Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines
+Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht befindlich sei.
+</p>
+
+<p>
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor schon
+fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls ausbedungen; item, es sei
+dazu die Schulstube in seiner Küsterei erwählet; selbige sei das zweite Haus im
+Dorfe und liege nahe am Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon
+geschieden, so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder,
+die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket.
+</p>
+
+<p>
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des Bildes
+fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich bedurfte, schon
+Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert werden.
+</p>
+
+<p>
+Als mein Bruder dann nach Hause kam&mdash;erst spät am Nachmittage; denn ein
+Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, so die
+ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten&mdash;, meinete er, ich bekäme da
+einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und
+möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei
+der Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als
+welcher er&rsquo;s fast wilder denn die Offiziers getrieben haben solle; sei
+übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar
+meisterlich zu packen wisse.&mdash;Noch merkete mein Bruder an, daß bei
+desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben
+solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus
+habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch
+Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die Heide
+schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr rothes Kleid und
+ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft ihren ganzen
+Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war weithin nichts zu
+ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte&mdash;wie ich
+bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern auferbauet&mdash;, stieg immer
+höher vor mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen
+Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und
+Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will
+freien Weg zu fahren haben.
+</p>
+
+<p>
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei gefunden
+hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze Schul entgegen; der
+Küster aber hieß an seiner Hausthür mich willkommen. &bdquo;Merket Ihr wohl,
+wie gern sie von der Fibel laufen!&ldquo; sagte er. &bdquo;Der eine Bengel
+hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich denselbigen
+Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf seine finstere
+Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das war ein schöner blasser
+Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das Kind mochte etwan vier Jahre
+zählen und sahe fast winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.
+</p>
+
+<p>
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen wir
+mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach den anderen
+Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den nicht gar fernen
+Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten
+waren überströmet, und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete,
+wie oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern Seite
+diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der Küster auf die
+Wasserfläche, so dazwischen liegt. &bdquo;Dort&ldquo;, sagte er, &bdquo;hat
+einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es
+gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches
+ward ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder in
+die Ewigkeit hinaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den Pastor
+wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen Nacken
+mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange an das schwarze
+bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz vor der ihn schreckenden
+Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen ausgebreitet lag.
+</p>
+
+<p>
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir die
+alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines guten Pinsels
+werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben Pfennigmalerei, und sollte
+demnach der Schüler van der Helsts hier in gar sondere Gesellschaft kommen.
+</p>
+
+<p>
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte Stimme des
+Pastors neben mir: &bdquo;Es ist nicht meines Sinnes, daß der Schein des
+Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich habe der Gemeine
+Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet es kurz; ich habe
+besseren Gebrauch für meine Zeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für meine
+Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich einem
+geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war gerühmet
+worden.
+</p>
+
+<p>
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. &bdquo;Da kommet
+ihr zu spät&ldquo;, sagte er, &bdquo;es ging in Trümmer, da ich&rsquo;s aus der
+Kirche schaffen ließ.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihn fast erschrocken an. &bdquo;Und wolltet Ihr des Heilands Mutter
+nicht in Euerer Kirche dulden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Züge von des Heilands Mutter&ldquo;, entgegnete er, &bdquo;sind
+nicht überliefert worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Aber wollet Ihr&rsquo;s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn
+zu suchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den Kleinen
+nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben Kopfes
+Höhe;&mdash;dann sprach er heftig: &bdquo;Hat nicht der König die holländischen
+Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um durch das
+Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? Haben nicht noch
+letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr
+Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch
+von Haus zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der Sinnenlust
+und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt gebuhlt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag liebkosend auf
+dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie schmiegte.
+</p>
+
+<p>
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, daß wir
+in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst an ihrem
+Widersacher selber zu erproben anhub.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach dem
+Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf Geredet wurde
+wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren Fortgang. Gemeiniglich
+saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus
+Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch
+habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin
+vor Jahren die ersten Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn
+auch mit Gottes Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige auch nicht;
+der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er stand an seinen Knien,
+oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke des Zimmers. Da ich selbigen
+einmal fragte, wie er heiße, antwortete er:
+&bdquo;Johannes!&ldquo;&mdash;&bdquo;Johannes?&ldquo; entgegnete ich, &bdquo;so
+heiße ich ja auch!&ldquo;&mdash;Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+</p>
+
+<p>
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?&mdash;Einmal gar überraschete
+mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der Leinewand
+ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen
+Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein
+Kind, das unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die
+Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten Manne, der
+es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine
+Frau mag dieses Knaben Mutter sein?&lsquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau befraget; aber
+sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: &bdquo;Die kennt man nicht; in die
+Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit ist.&ldquo;&mdash;Der
+Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der Küsterei, welcher in
+eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam
+über die Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den Rücken
+zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte,
+und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von
+den Vornehmeren getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das
+Bild ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit an
+meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese Bilder mit
+einander nahezu vollendet waren.
+</p>
+
+<p>
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder unten in
+unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast herabgebrannt,
+und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am
+Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit,
+die wir mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen
+lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun
+seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung
+entgegenharrete.&mdash;Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that
+uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in
+das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln Strome
+trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und Unrast
+fanden.&mdash;Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es mir
+jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es waren ja ihre
+Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!&mdash;Aber dann, wenn sie es war,
+wenn ich sie selber schon gesehen?&mdash;Welch schreckbare Gedanken stürmten
+auf mich ein!
+</p>
+
+<p>
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit der
+andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt ein heller
+Schein zu uns herüberschwankte. &bdquo;Sieh nur!&ldquo; sagte er. &bdquo;Wie
+gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die kommen von
+des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie
+gleichwohl hin und wider stolpern.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von der
+Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die zwei
+gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers Meisterstück
+erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer glühten. Als aber dann die
+Gesellschaft an unserem Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete
+ich einen unter ihnen sagen: &bdquo;Ei freilich; das hat der Teufel uns
+verpurret! Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
+der Flammen singen zu hören!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die Stadt lag
+wieder still und dunkel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O weh!&ldquo; sprach mein Bruder; &bdquo;den trübet, was mich
+tröstet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein grausam
+Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen einbekannten
+Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt werden, am heutigen Morgen
+vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte
+gleichwohl sein peinlich Recht geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte doch auch
+die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der Kirche den grünen
+Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der Zeitung bei ihr
+eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, so sie im voraus
+darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die
+Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
+eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser
+Herrgott&mdash;denn der war es doch wohl gewesen&mdash;das arme junge Mensch so
+gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der Pflichten
+seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der Rathhaustreppe das
+Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten Leichnam davor aufgefahren,
+und hernach auch der Justification selber zu assistiren. &bdquo;Es schneidet
+mir schon itzund in das Herz&ldquo;, sagte er, &bdquo;das greuelhafte Gejohle,
+wenn sie mit dem Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre
+Buben und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.&mdash;An deiner
+Statt&ldquo;, fügete er bei, &bdquo;der du ein freier Vogel bist, würde ich
+aufs Dorf hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
+malen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst wieder
+hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er die Ungeduld in
+meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles sich erfüllen mußte, was
+ich getreulich in diesen Blättern niederschreiben werde.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem Lager
+aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die Bäcker, vieler
+Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an
+dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte
+Einer bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe
+aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem Rathause ist,
+eilends zur Stadt hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei der
+Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen Holzstoß
+aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und mochten das der
+Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff zwischen die Hölzer
+thaten; von der Stadt her aber kamen schon die ersten Buben über die Felder
+ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß,
+und da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im
+ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da
+mußte ich meine Hände falten:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;O Herr, mein Gott und Christ,<br/>
+Sei gnädig mit uns allen,<br/>
+Die wir in Sünd gefallen,<br/>
+Der du die Liebe bist!&ldquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte,
+begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen und Dirnen
+an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohin strebet ihr denn so eifrig?&ldquo; fragte ich den einen Haufen;
+&bdquo;es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nun, wie ich&rsquo;s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge
+Satansmensch, verbrennen sehen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Aber die Hexe ist ja todt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Freilich, das ist ein Verdruß&ldquo;, meineten sie; &bdquo;aber es ist
+unserer Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können
+wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb
+nehmen.&ldquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon
+Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen voll
+geladen waren.&mdash;Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der
+Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der Einsamkeit;
+und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach
+der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide
+liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder etwan
+nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten
+hart am Strande liegt; aber vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück,
+wie eine rasende Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne
+schlugen an einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute&mdash;&lsquo; Ich fühlte mein Herz
+gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich wollte
+nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der Stadt
+fahre.&mdash;Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu.
+</p>
+
+<p>
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des Küsterhauses.
+Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; dann hub ich mit der
+Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte,
+kam des Küsters alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo ist der Küster?&ldquo; fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin
+geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fehler Euch etwas, Herr Maler?&ldquo; frug sie.
+</p>
+
+<p>
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: &bdquo;So ist wohl heute keine Schule,
+Trienke?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein Malergeräthe und
+das fast vollendete Bildniß aus des Küsters Schlafkammer und richtete, wie
+gewöhnlich, meine Staffelei in dem leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an
+der Gewandung; aber ich suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte
+keinen Sinn zum Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über Bauern-
+und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete es, sie wieder
+einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt oder jung, und auch,
+woher sie gekommen sei; allein ich brachte das Wort nicht über meine Zungen.
+Dagegen begann die Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft
+hier im Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei;
+erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh
+gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe
+aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem Falle; denn
+sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und
+schwächliche Kreatur.
+</p>
+
+<p>
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause und auf
+dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die Dorfstraße
+liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den weißen Fenstern,
+konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts gewahren als ein paar
+Blumenscherben, wie sie überall zu sehen sind.&mdash;Ich hätte nun wohl
+umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam,
+trug von der Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich
+aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie
+lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort
+gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben
+hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem Wurme?&mdash;Wir
+sehen nicht, wie seine Wege führen!
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; ich weiß
+nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne fast zur
+Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich ging aber nicht in
+das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder
+zum Hause hinaus.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage meine Augen
+es nicht mehr gesehen.&mdash;Gleich dem des Predigerhauses von der anderen
+Seite, trat es als ein breiter Streifen in die Priesterkoppel; inmitten
+zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter Weidenbüsche, welche zur
+Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd
+mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu zwingender
+Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, hörete ich von der
+Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem Klang, und wie sie liebreich
+einem Kinde zusprach.
+</p>
+
+<p>
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der griechische
+Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen haben. Schon war ich
+am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die
+Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos,
+wie es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden
+gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben.
+Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: &bdquo;Nun heb nur an; nun hast du
+einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder
+wächst genug!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst schon
+nicht gezweifelt.&mdash;Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt sie zu mir
+her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir war, als gliche sie
+nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den
+&bdquo;Buhz&ldquo; einst von dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses
+Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete sie
+nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch ihre Hände
+pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust sinken, und es war,
+als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.
+</p>
+
+<p>
+Da rief ich leise: &bdquo;Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer
+Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie endlich also
+nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr stund, da sahen ihre Augen
+weg von mir, und mit fast einer fremden Stimme sagte sie: &bdquo;Es ist nun
+einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur
+nicht, daß du heute kommen würdest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: &bdquo;Katharina,&mdash;so bist du
+des Predigers Eheweib?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. &bdquo;Er hat das Amt
+dafür bekommen&ldquo;, sagte sie, &bdquo;und dein Kind den ehrlichen
+Namen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Mein Kind, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen;
+einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Möge keines Menschen Brust ein solches Weh
+zerfleischen!&mdash;&bdquo;Und du, du und mein Kind, ihr solltet mir verloren
+sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will das nicht!&ldquo; schrie ich; &bdquo;ich will …&ldquo; Und eine
+wilde Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+</p>
+
+<p>
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine Stirn
+gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz sahen mich flehend
+an. &bdquo;Du, Johannes&ldquo;, sagte sie, &bdquo;du wirst es nicht sein, der
+mich noch elender machen will.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Und kannst denn du so leben, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leben?&mdash;Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das
+Kind;&mdash;was ist denn mehr noch zu verlangen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er
+davon?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief sie heftig. &bdquo;Er nahm die Sünderin zum
+Weibe: mehr nicht. O Gott, ist&rsquo;s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.&mdash;
+&bdquo;Das Kind&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm
+ein Leids geschehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. &bdquo;Bleib
+doch&ldquo;, sagte ich, &bdquo;es spielet ja fröhlich dort mit seinem
+Moose.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die goldene
+Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam von der See
+herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das Stimmlein unseres
+Kindes singen:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Zwei Englein, die mich decken,<br/>
+Zwei Englein, die mich strecken,<br/>
+Und zweie, so mich weisen<br/>
+In das himmlische Paradeisen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft mich
+an. &bdquo;Und nun leb wohl, Johannes&ldquo;, sprach sie leise; &bdquo;auf
+Nimmerwiedersehen hier auf Erden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; doch sie
+wehrete mich ab und sagte sanft: &bdquo;Ich bin des anderen Mannes Weib; vergiß
+das nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. &bdquo;Und
+wessen, Katharina&ldquo;, sprach ich hart, &bdquo;bist du gewesen, ehe bevor du
+sein geworden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr
+Angesicht und rief. &bdquo;Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, ich hielt
+sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich wieder! Und ihre Augen
+sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen duldeten die meinen; wir
+umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit
+einander hätten sterben können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf
+ihrem Antlitz weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen:
+&bdquo;Es ist ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese
+Stunde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus
+dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam von drüben
+aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es:
+&bdquo;Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie mich an;
+dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er
+begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden.
+&bdquo;Ihr haltet wohl nicht viel davon&ldquo;, sagte er; &bdquo;sonst wäret
+Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre
+Weiber in die Stadt getrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt die
+Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was war das, Küster?&ldquo; rief ich.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah nichts
+weiter. &bdquo;So mir Gott&ldquo;, sagte er, &bdquo;es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. &bdquo;Nun, Herr?&ldquo;
+rief sie mir zu. &bdquo;Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
+gefallen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Was soll das heißen, Trienke?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem
+Wasser ziehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die Priesterkoppel; aber
+unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser und Spuren feuchten Schlammes
+daneben auf dem Grase.&mdash;Ich bedachte mich nicht, es war ganz wie von
+selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich
+eben ins Haus wollte, trat er selber mir entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, und das
+schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. &bdquo;Was wollt Ihr?&ldquo; sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn
+eigentlich?
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kenne Euch!&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das machte mir die Zunge frei. &bdquo;Wo ist mein Kind!&ldquo; rief ich.
+</p>
+
+<p>
+Er sagte: &bdquo;Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;So laßt mich zu meinem todten Kinde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich zurück.
+&bdquo;Das Weib&ldquo;, sprach er, &bdquo;liegt bei dem Leichnam und schreit zu
+Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen
+Seligkeit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des
+Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. &bdquo;Höret mich!&ldquo;
+sprach er. &bdquo;So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in
+seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich&mdash;noch
+ist Eines uns gemeinsam.&mdash;Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder
+Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet darauf des
+todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der Kirchen hier, wo er
+sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es
+dort die Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub
+ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein Buhlweib mit
+der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so geschehen möge.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und
+Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied um Glied
+die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen Spectacul, dem
+er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte sein Bette aufgesucht. Da
+ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf &bdquo;Ich muß noch eine Weile
+ruhen&ldquo;, sagte er, indem er ein Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab;
+&bdquo;aber lies doch dieses! Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus&rsquo; Hof
+in fremde Hände kommen, maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen
+Hundes Biß gar jämmerlichen Todes verfahren ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es fehlte
+nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war&rsquo;s bei dieser Schreckenspost,
+als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber schon sahe ich am
+Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und aus meinem Herzen schrie
+es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern!&mdash;Dieser Tod hätte uns das
+Leben werden können; nun war&rsquo;s nur ein Entsetzen zu den andern.
+</p>
+
+<p>
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich schaute
+in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. Aber die
+Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen erregten Sinnen war
+es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah
+gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen,
+und ich zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der
+Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang
+ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich
+allbereits die Stadt im Rücken.
+</p>
+
+<p>
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der
+Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und sagte, daß
+die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und sonstiges
+Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand
+auf die Klinke einer Stubenthür.
+</p>
+
+<p>
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: &bdquo;Wenn es in diesem Zimmer ist, so
+wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es wird Euch niemand stören&ldquo;, entgegnete er und zog die Hand
+zurück. &bdquo;Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben
+in jenem Zimmer finden.&ldquo; Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des
+Flures; dann verließ er mich.
+</p>
+
+<p>
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war
+todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den Confirmandenunterricht
+bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die Fenster sahen über öde Felder
+nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager
+aufgebahret. Auf dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
+kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich Gebet. Dann
+rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und dann malte
+ich&mdash;rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum zweitenmal
+dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der andauernden großen
+Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und horchte, so wußte ich bald,
+es sei nichts da gewesen. Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an
+mein Ohr.&mdash;Ich trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem
+bleichen Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer
+Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so scharf
+ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne hatten wohl ein
+Spiel mit mir getrieben.
+</p>
+
+<p>
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und malete
+weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem Linnen lagen, so
+dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem Kinde geben!&lsquo; Und ich
+malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es
+spielend damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend
+hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.
+</p>
+
+<p>
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib verlangte
+Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und ging über den Flur
+nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat,
+wäre ich vor Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir
+gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein,
+so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken mögen.
+</p>
+
+<p>
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, das ich
+selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum in ihres Vaters
+Haus gewesen.&mdash;Aber wo war sie selber denn? Hatte man sie fortgebracht,
+oder hielt man sie auch hier gefangen?&mdash;Lang, gar lange sahe ich das
+Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich
+mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab;
+dann ging ich zurück zu unserem todten Kinde.
+</p>
+
+<p>
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, zeigete es
+sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein weniges sich gehoben
+hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich möchte noch einmal meines
+Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten Augensterne vor mir lagen, überlief
+mich Grausen; mir war, als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als
+wollten sie noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: &bdquo;Mein
+Fluch hat doch euch beide eingeholet!&ldquo; Aber zugleich&mdash;ich hätte es
+um alle Welt nicht lassen können&mdash;umfing ich mit beiden Armen den kleinen
+blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren
+Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. &bdquo;Nein, nein, mein armer
+Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte
+nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht
+aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes
+ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
+hinabgerissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm sanft
+die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein dunkles Roth und
+schrieb unten in den Schatten des Bildes die Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte
+heißen: Culpa Patris Aquis Submersus, &bdquo;Durch Vaters Schuld in der Fluth
+versunken&ldquo;.&mdash;Und mit dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die
+wie ein schneidend Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu
+Ende.
+</p>
+
+<p>
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, nur in
+der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher ich eine
+Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch hereingedrungen.&mdash;War
+Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich
+konnte es nicht enträthseln.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen wenden;
+aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne den ich nicht von
+hinnen könne.
+</p>
+
+<p>
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder draußen,
+wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete sich vom Flure her
+die Thür und der Prediger trat zu mir herein.
+</p>
+
+<p>
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und
+betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen Leichnams
+vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber seine Augen auf die
+Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub er wie im Schmerze seine
+beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen Augen jählings ein reicher
+Thränenquell entstürzete.
+</p>
+
+<p>
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: &bdquo;Leb
+wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der Nebenkammer; es
+tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte deutlich meinen Namen
+rufen&mdash;oder war es der des todten Kindes?&mdash;Dann rauschte es wie von
+Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das Geräusch vom Falle eines
+Körpers wurde hörbar.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina!&ldquo; rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und
+rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des
+Pastors sich auf meinen Arm: &bdquo;Das ist meines Amtes!&ldquo; sagte er.
+&bdquo;Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig
+sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, wanderte
+ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das nur noch
+wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes
+Kind&mdash;Katharina&mdash;alles, alles!&mdash;Meine alte Wunde brannte mir in
+meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich
+mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein Mensch
+begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem dumpfen Brausen des
+Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis
+submersus aquis submersus!
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Hier endete die Handschrift.
+</p>
+
+<p>
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft vermessen, daß
+er&rsquo;s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren gleichzutun verhoffe,
+das sollten Worte bleiben, in die leere Luft gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in einem
+Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren Heimat weiß niemand
+von einem Maler seines Namens. Des großen Lazarusbildes tut zwar noch die
+Chronik unserer Stadt Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses
+Jahrhunderts nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
+Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.
+</p>
+
+<p class="center">
+Aquis submersus
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div>
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+</div>
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+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+</div>
+
+</div>
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #8889 (https://www.gutenberg.org/ebooks/8889)
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+++ b/old/7aqsb10.txt
@@ -0,0 +1,3284 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Aquis Submersus
+
+Author: Theodor Storm
+
+Release Date: September, 2005 [EBook #8889]
+[This file was first posted on August 21, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Aquis submersus
+
+Theodor Storm
+
+Novelle (1876)
+
+
+In unserem zu dem frueher herzoglichen Schlosse gehoerigen, seit
+Menschengedenken aber ganz vernachlaessigten "Schlossgarten" waren
+schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzoesischen Stile
+angelegten Hagebuchenhecken zu duennen, gespenstischen Alleen
+ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blaetter tragen,
+so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Baeume nicht verwoehnt, sie
+gleichwohl auch in dieser Form zu schaetzen; und zumal von uns
+nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
+treffen sein. Wir pflegen dann unter dem duerftigen Schatten nach
+dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhoehe in der
+nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
+eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
+Wege steht.
+
+Die meisten moegen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
+Gruen der Marschen und darueberhin an der Silberflut des Meeres zu
+ergoetzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
+schwimmt; meine Augen wenden unwillkuerlich sich nach Norden, wo,
+kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem hoeher
+belegenen, aber oeden Kuestenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
+von den Staetten meiner Jugend.
+
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
+"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzaehlige Male sind wir am
+Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
+Sonntagabend oder montags frueh zu unserem Nepos oder spaeter zu
+unserem Cicero nach der Stadt zurueckzukehren. Es war damals auf
+der Mitte des Weges noch ein gut Stueck ungebrochener Heide uebrig,
+wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
+der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten
+auf den Blueten des duftenden Heidekrauts die Immen und weissgrauen
+Hummeln und rannte unter den duerren Stengeln desselben der schoene
+goldgruene Laufkaefer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
+harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
+sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause
+zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen traeumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
+hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um
+desto munterer vorwaerts, und bald, wenn wir nur erst den langen
+Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon ueber dem
+dunkeln Gruen einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
+aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
+Fensterscheiben auf die bekannten Gaeste hinabgruesste.
+
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
+wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fuenf Quartier auf der
+Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur
+die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
+Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stueck oberhalb des
+bemoosten Strohdaches rauschen liess, war gleich dem Apfelbaum des
+Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
+erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
+wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die grosse "Priesterkoppel",
+zu der ein Pfoertchen aus dem Garten fuehrte. Hier wussten wir mit
+dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
+Grauammern aufzuspueren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
+abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
+die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
+tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
+gefaehrlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstuempfen dicht
+umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Kaefer, die wir
+"Wasserfranzosen" nannten, oder liessen wir ein andermal unsere
+auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
+Walnussschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spaetsommer
+geschah es dann auch wohl, dass wir aus unserer Koppel einen Raubzug
+nach des Kuesters Garten machten, welcher gegenueber dem des
+Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
+wir hatten dort von zwei verkrueppelten Apfelbaeumen unseren
+Zehnten einzuheimsen, wofuer uns freilich gelegentlich eine
+freundschaftliche Drohung von dem gutmuetigen alten Manne zuteil
+wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
+in deren duerrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
+den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
+auf allen Waellen standen, spuere ich noch heute in der Erinnerung,
+wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+
+Doch alles dieses beschaeftigte uns nur voruebergehend; meine
+dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
+der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
+nicht etwa die Roehrenbauten der Lehmwespen, die ueberall aus den
+Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
+in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
+Tierchen zu beobachten; ich meine den viel groesseren Bau der alten
+und ungewoehnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach
+des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
+und beherrschte, auf dem hoechsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
+die weite Schau ueber Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
+Anziehungskraft fuer mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
+der ungeheure Schluessel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
+stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloss
+er auch, wenn wir ihn gluecklich dem alten Kuester abgewonnen hatten,
+die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine laengst
+vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
+Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
+aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
+uebermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute ueberrieselt waren; dem zur Seite an einem
+Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
+an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
+Teufelsfratzen sich hervorzudraengen schienen. Besondere Anziehung
+aber uebte der grosse geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
+auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
+dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
+oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
+des Gekreuzigten Mantel wuerfelten, bekam man draussen im
+Alltagsleben nicht zu sehen; troestlich damit kontrastierte nur das
+holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie haette
+leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
+koennen, wenn nicht ein anderes mit noch staerkerem Reize des
+Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen haette.
+
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
+im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
+eines schoenen, etwa fuenfjaehrigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
+besetzten Kissen ruhend, eine weisse Wasserlilie in seiner kleinen
+bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
+Grauen des Todes, wie huelfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
+Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
+diesem Bilde stand.
+
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
+Holzrahmen ein finsterer, schwarzbaertiger Mann in Priesterkragen
+und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schoenen
+Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
+der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
+Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
+her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
+phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
+des Kindes eine naehere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
+selbst aus dem duesteren Antlitz des Vaters, das trotz des
+Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
+gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
+
+--Nach solchen Studien in dem Daemmerlicht der alten Kirche
+erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
+Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
+Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da
+aber die Kuesterei an derselben Altersschwaeche litt, so wurde
+weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
+trotzdem die Raeume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
+rechts, im Sommer die groessere links vom Hausflur, wo die
+aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
+Mahagoniraehmchen an der weissgetuenchten Wand hingen, wo man aus dem
+westlichen Fenster nur eine ferne Windmuehle, ausserdem aber den
+ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
+Schein verklaerte und dann das ganze Zimmer ueberglaenzte! Die lieben
+Pastorsleute, die Lehnstuehle mit den roten Plueschkissen, das alte
+tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
+Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines
+Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
+welch eine Vergangenheit an diesen Raeumen hafte, ob nicht
+gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
+umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmuetig
+holden Sage den duesteren Kirchenraum erfuellte.
+
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, dass ich am
+Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
+besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
+roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
+jetzt entgangen waren.
+
+"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
+"aber wir koennen sie nicht entraetseln."
+
+"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
+nimmt man das Geruecht zu Huelfe, so moechten die beiden letzten
+Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
+woertlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
+vorangehenden C. P. waere man dann noch immer in Verlegenheit!
+Der junge Adjunktus unseres Kuesters, der einmal die Quarta
+passiert ist, meint zwar, es koenne Casu periculoso--'Durch
+gefaehrlichen Zufall'--heissen; aber die alten Herren jener Zeit
+dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall
+nicht nur bloss gefaehrlich."
+
+Ich hatte begierig zugehoert. "Casu" sagte ich; "es koennte auch
+wohl 'Culpa' heissen?"
+
+"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen
+Schuld?"
+
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
+und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"
+
+Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund",
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld
+des Vaters?--So wollen wir trotz seines duesteren Ansehens meinen
+seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch wuerde er
+dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."
+
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
+und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
+ein Geheimnis der Vergangenheit.
+
+Dass uebrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
+vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
+gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; dass
+aber Sachverstaendige in dem Maler einen tuechtigen Schueler
+althollaendischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
+jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher
+in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
+wie er geheissen habe, darueber wusste auch er mir nichts zu sagen.
+Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
+Malerzeichen.
+
+Die Jahre gingen hin. Waehrend wir die Universitaet besuchten, starb
+der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte spaeter
+ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
+ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
+als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
+dass ich fuer den Sohn eines Verwandten ein Schuelerquartier bei
+guten Buergersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit
+gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
+Strassen, als mir an der Ecke des Marktes ueber der Tuer eines alten
+hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
+fiel, die verhochdeutscht etwa lauten wuerde:
+
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
+Also sind auch die Menschenkind.
+
+Die Worte mochten fuer jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
+denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
+mir einen Heissewecken bei dem dort wohnenden Baecker geholt hatte.
+Fast unwillkuerlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
+sich hier ein Unterkommen fuer den jungen Vetter. Die Stube ihrer
+alten "Moeddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
+Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt haetten, habe seit
+Jahren leer gestanden; schon lange haetten sie sich einen jungen
+Gast dafuer gewuenscht.
+
+Ich wurde eine Treppe hinaufgefuehrt, und wir betraten dann ein
+ziemlich niedriges, altertuemlich ausgestattetes Zimmer, dessen
+beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geraeumigen
+Marktplatz hinausgingen. Frueher, erzaehlte der Meister, seien zwei
+uralte Linden vor der Tuer gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
+da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schoene
+Aussicht ganz verdeckt haetten.
+
+Ueber die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; waehrend
+wir dann aber noch ueber die jetzt zu treffende Einrichtung des
+Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
+Schrankes haengendes Oelgemaelde gefallen, das ploetzlich meine ganze
+Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte
+einen aelteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
+dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
+diejenigen aus den vornehmeren Staenden zu tragen pflegten, welche
+sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
+Kriegshandwerke beschaeftigten.
+
+Der Kopf des alten Herrn, so schoen und anziehend und so trefflich
+gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
+mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
+in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhaengenden
+Hand eine weisse Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
+laengst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
+zugedrueckt hatte.
+
+"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir ploetzlich
+bewusst wurde, dass der vor mir stehende Meister mit seiner
+Auseinandersetzung innegehalten hatte.
+
+Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer
+Moeddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgrossonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es
+sind noch andre Siebensachen von ihm da."
+
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
+auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
+eingeschnitten waren.
+
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
+der Deckel zurueck, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
+vergilbte Papierblaetter mit sehr alten Schriftzuegen.
+
+"Darf ich die Blaetter lesen?" frug ich.
+
+"Wenn's Ihnen Plaesier macht", erwiderte der Meister, "so moegen Sie
+die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
+Wert steckt nicht darin."
+
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
+Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu duerfen; und waehrend ich
+mich dem alten Bilde gegenueber in einen maechtigen Ohrenlehnstuhl
+setzte, verliess der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
+doch gleichwohl die freundliche Verheissung zuruecklassend, dass seine
+Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
+
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+
+
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
+Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeraeth und sonstiges Gepaecke
+hatte ich in der Stadt zurueckgelassen und wanderte nun froehlich
+fuerbass, die Strasse durch den maiengruenen Buchenwald, der von der
+See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar
+Waldvoeglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
+tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen ueber
+Nacht und noch gar frueh am Vormittage, so dass die Sonne den
+Waldesschatten noch nicht ueberstiegen hatte.
+
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
+seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein
+theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
+Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
+einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
+itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
+fiel auf mein Maentelchen mit feinem Grauwerk, und der Luetticher
+Degen fehlte nicht an meiner Huefte.
+
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
+Gerhardus, meinen edlen grossguenstigen Protector, wie er von der
+Schwelle seines Zimmers mir die Haende wuerd' entgegenstrecken, mit
+seinem milden Grusse: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"
+
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu frueh in die ewige
+Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
+auch nachmals den Kuensten und Wissenschaften mit Fleisse obgelegen,
+so dass er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
+wiewohl wegen der Kriegslaeufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
+einer Landesuniversitaet ein einsichtiger und eifriger Berather
+gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
+doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
+seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
+verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
+aufgebessert, sondern auch durch seine fuernehme Bekanntschaft unter
+dem Hollaendischen Adel es dahin gebracht, dass mein theuerer Meister
+van der Helst mich zu seinem Schueler angenommen.
+
+Meinte ich doch zu wissen, dass der verehrte Mann unversehrt auf
+seinem Herrenhofe sitze, wofuer dem Allmaechtigen nicht genug zu
+danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
+war daheim die Kriegsgreuel ueber das Land gekommen; so zwar, dass
+die Truppen, die gegen den kriegswuethigen Schweden dem Koenige zum
+Beistand hergezogen, fast aerger als die Feinde selbst gehauset, ja
+selbst der Diener Gottes mehrere in jaemmerlichen Tod gebracht.
+Durch den ploetzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
+zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen ueberall;
+manch Bauern- oder Kaethnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
+Trunke suesser Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
+niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in oedem
+Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine gruenen Spitzen
+trieb.
+
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
+Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
+moechte, dass er Gab und Gunst an keinen Unwuerdigen verschwendet habe;
+dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
+Kriege her noch in den Waeldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber
+tueckete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
+Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
+edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
+angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie oefters nach meines lieben
+Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
+mir die schoenen Tage vergaellet und versalzen. Ob er anitzt in
+seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
+vernommen, dass er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
+Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
+rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.
+
+Indem ich diess bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
+Richtsteig durch das Tannenhoelzchen geschritten, das schon dem Hofe
+nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Wuerzeduft
+des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
+Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbueschen
+eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
+zwo Reihen gewaltiger Eichbaeume, die zum Herrensitz hinauffuehren.
+
+Ich weiss nicht, was fuer ein bang Gefuehl mich ploetzlich ueberkam, ohn
+alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
+umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
+Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
+seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
+fluesterte mit seinen jungen Blaettern in der blauen Luft.
+
+"Gruess dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschoepfes, in dem, wie es
+sich nachmals fuegen musste, all Glueck und Leid und auch all nagende
+Busse meines Lebens beschlossen sein sollte, fuer jetzt und alle Zeit.
+Das war des edlen Herrn Gerhardus Toechterlein, des Junkers Wulfen
+einzig Geschwister.
+
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
+ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
+neunjaehrig Dirnlein, die ihre braunen Zoepfe lustig fliegen liess;
+ich zaehlte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens
+aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
+Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
+Schlafkaemmerlein eingeraeumt war, hatte mir einen Eschenbogen
+zugerichtet, mir auch die Bolzen von tuechtigem Blei dazu gegossen,
+und ich wollte nun auf die Raubvoegel, deren genug bei dem
+Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
+
+"Weisst du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
+in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwaenzchen, die darfst du
+ja nicht schiessen!"
+
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
+Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jaehlings stille
+stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schuettelte wie
+entsetzt ihre beiden Haendlein in der Luft.
+
+Es war aber ein grosser Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
+Baumes sass und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Voegelein
+erhaschen moege. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
+"Schiess, Johannes, schiess!"--Der Kauz aber, den die Fressgier taub
+gemacht, sass noch immer und stierete in die Hoehlung. Da spannte
+ich meinen Eschenbogen und schoss, dass das Raubthier zappelnd auf
+dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
+Voeglein in die Luft.
+
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
+einander; in Wald und Garten, wo das Maegdlein war, da war auch ich.
+Darob aber musste mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
+von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
+Hofe sass. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
+Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
+und da er juenger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
+Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
+Herrentoechterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst;
+sie lachte nur ueber seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
+allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
+merklich runden Augen sass. Ja, wenn sie seiner nur von fern
+gewahrte, so reckte sie wohl ihr Koepfchen vor und rief. "Johannes,
+der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
+oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
+in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
+des Gartens hinanzieht.
+
+Darob, als der von der Risch dess inne wurde, kam es oftmals
+zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
+stark war, der Vortheil meist in meinen Haenden blieb.
+
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
+Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
+verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
+Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
+sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
+beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fraeulein ihr zur
+Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie liess
+das Kind nicht aus den Augen und ging ueberall mit einer langen
+Tricotage neben ihr.
+
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
+mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
+mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
+den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
+alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, dass er noch immer bei
+seiner schoenen Nachbarin zu Hofe ging; auch dass insonders dem alten
+Fraeulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf
+alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie hoechst obligeant mit einer
+widrig feinen Stimme und hob die Nase unmaessig in die Luft; mich
+aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
+oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
+Augen einkniff und im Gegentheile that, als saehe er auf mich herab,
+obschon ich ihn um halben Kopfes Laenge ueberragte.
+
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kuemmerte sich nicht um mich,
+sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
+Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
+spoettisch stolzes Laecheln, so dass ich dachte: 'Getroeste dich,
+Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
+Trotzig blieb ich zurueck und liess die andern dreie vor mir
+gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
+noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darueber bruetend, wie
+ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tuechtig
+Haarraufen beginnen moechte, kam ploetzlich Katharina wieder
+zurueckgelaufen, riss neben mir eine Aster von den Beeten und
+fluesterte mir zu: "Johannes, weisst du was? Der Buhz sieht einem
+jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
+wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz
+und Zorn wie weggeblasen. Was kuemmerte mich itzund der Herr Baron!
+Ich lachte hell und froehlich in den gueldnen Tag hinaus; denn bei
+den uebermuethigen Worten war wieder jenes suesse Augenspiel gewesen.
+Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.
+
+Bald danach liess mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
+zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
+nach Amsterdam zu machen habe, uebergab mir Briefe an seine Freunde
+dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
+Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
+gehen, von wo ein Buerger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
+nehmen wollte.
+
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer sass
+Katharina an einem Stickrahmen; ich musste der Griechischen Helena
+gedenken, wie ich sie juengst in einem Kupferwerk gesehen; so schoen
+erschien mir der junge Nacken, den das Maedchen eben ueber ihre
+Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenueber sass Bas'
+Ursel und las laut aus einem franzoesischen Geschichtenbuche. Da
+ich naeher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes",
+sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem
+Fraeulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
+von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
+traten die Junker Wulf und Kurt mit grossem Geraeusch ins Zimmer; und
+sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.
+
+
+Im Thorhaus drueckte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
+Ranzen schon fuer mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
+Eichbaeumen auf die Waldstrasse zu. Aber mir war dabei, als koenne
+ich nicht recht fort, als haett ich einen Abschied noch zu Gute, und
+stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den
+Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
+weiteren auf der grossen Fahrstrasse hingewandert. Aber schon kam
+vor mir das Abendroth ueberm Wald herauf, und ich musste eilen, wenn
+mich die Nacht nicht ueberfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!"
+sagte ich leise und setzte ruestig meinen Wanderstab in Gang.
+
+Da, an der Stelle, wo der Fusssteig in die Strasse muendet--in
+stuermender Freude stund das Herz mir still--, ploetzlich aus dem
+Tannendunkel war sie selber da; mit gluehenden Wangen kam sie
+hergelaufen, sie sprang ueber den trocknen Weggraben, dass die Fluth
+des seidenbraunen Haars dem gueldnen Netz entstuerzete; und so fing
+ich sie in meinen Armen auf. Mit glaenzenden Augen, noch mit dem
+Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen
+fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Paeckchen in
+meine Hand drueckend, fuegte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und
+du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
+Gesichtchen truebe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
+reden, aber da brach ein Thraenenquell aus ihren Augen, und
+wehmuethig ihr Koepfchen schuettelnd, riss sie sich hastig los. Ich
+sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
+Ferne hoerte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
+Es war so still, die Blaetter konnte man fallen hoeren. Als ich
+das Paeckchen aus einander faltete, da war's ihr gueldner
+Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
+das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in
+Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
+Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
+rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
+Nacht erreichte ich die Stadt.
+
+--Seitdem waren fast fuenf Jahre dahingegangen.--Wie wuerd ich heute
+alles wiederfinden?
+
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
+Linden, hinter deren lichtgruenem Laub die beiden Zackengiebel des
+Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg
+gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeisser mit
+Stachelhalsbaendern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
+erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
+seine weissen Zaehne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen
+Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem
+Glueck, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
+traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Tuerk!" Die Hunde liessen
+von mir ab, ich hoerte es die Stiege herabkommen, und aus der Thuer,
+so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
+
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, dass ich lang in der Fremde
+gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiss geworden, und seine
+sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betruebsam auf mich
+hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
+beiden Haende.
+
+"Gruess Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet
+Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gaeste anfallen gleich den
+Woelfen?"
+
+"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
+hergebracht."
+
+"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.
+
+"Nun", sagte ich, "die Hunde moegen schon vonnoethen sein; vom Krieg
+her ist noch viel verlaufen Volk zurueckgeblieben."
+
+"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
+er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!"
+
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhoehlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
+dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
+gute Herr im Schloss wird helfen, seine Hand ist offen."
+
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
+anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
+den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, hoeret
+mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Koeniglichen Post
+von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
+koennen."
+
+"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!"
+
+"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
+unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
+und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders
+werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein hoeriger Mann, mir ziemet
+Schweigen."
+
+Ich wollte fragen: "Ist das Fraeulein, ist Katharina noch im Hause!"
+Aber das Wort wollte nicht ueber meine Zunge.
+
+Drueben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
+kleine Kapelle, die aber, wie ich wusste, seit lange nicht benutzt
+war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
+
+Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
+es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich ueber
+den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmuecke Singen kam
+oben aus den Lindenwipfeln.
+
+Die Thuer zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
+trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
+Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
+Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, dass er
+itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem
+Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich ueber den Rand des
+Sarges mir gegenueber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
+Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.
+
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
+herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O
+Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spaet gekommen!" Und
+ueber dem Sarge hatten unsere Haende sich zum Gruss gefasst; denn es
+war Katharina, und sie war so schoen geworden, dass hier im Angesicht
+des Todes ein heisser Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das
+spielende Licht der Augen lag itzt zurueckgeschrecket in der Tiefe;
+aber aus dem schwarzen Haeubchen draengten sich die braunen Loecklein,
+und der schwellende Mund war um so roether in dem blassen Antlitz.
+
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
+ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
+zu danken, ihm manche Stunde genueber zu sitzen und sein mild und
+lehrreich Wort zu hoeren. Lasst mich denn nun die bald vergehenden
+Zuege festzuhalten suchen."
+
+Und als sie unter Thraenen, die ueber ihre Wangen stroemten, stumm zu
+mir hinuebernickte, setzte ich mich in ein Gestuehlte und begann auf
+einem von den Blaettchen, die ich bei mir fuehrte, des Todten Antlitz
+nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiss nicht, ob alleine
+vor der Majestaet des Todes.
+
+Waehrend dem vernahm ich draussen vom Hofe her eine Stimme, die ich
+fuer die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
+nach einem Fusstritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
+einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
+deuchte.
+
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
+Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
+gingen vorueber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
+wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange,
+so kam draussen ein einzelner Schritt zurueck; in demselben
+Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
+fuehlte, wie ihr junger Koerper bebte.
+
+Sogleich auch wurde die Kapellenthuer aufgerissen; und ich erkannte
+den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
+und aufgedunsen schien.
+
+"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
+"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
+bezeigen; du haettest ihm wohl den Trunk kredenzen moegen!"
+
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
+kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
+ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"
+
+Der Junker fand nicht vonnoethen, mir die Hand zu reichen; er
+musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du traegst da
+einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
+muessen!"
+
+"Nennt mich, wie's Euch gefaellt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
+hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
+vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wisst wohl, Eueres Vaters Sohn
+hat grosses Recht an mir."
+
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
+magst du zeigen, was du fuer meines Vaters Gold erlernet hast; und
+soll dazu der Lohn fuer deine Arbeit dir nicht verhalten sein."
+
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den haette ich laengst
+vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
+wie sich's fuer einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fuer
+Arbeit er mir aufzutragen haette.
+
+"Du weisst doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
+verlaesst, so muss ihr Bild darin zurueckbleiben."
+
+Ich fuehlte, dass bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
+ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
+entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
+denn, Junker Wulf?"
+
+"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
+"dass du das Bildniss der Tochter dieses Hauses malen sollst!"
+
+Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiss nicht, ob mehr ueber
+den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
+Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.
+
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
+mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
+vergoennen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
+Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Raeumet mir nur wieder mein
+Kaemmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
+geschehen, was Ihr wuenschet."
+
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
+moege einen Imbiss fuer mich richten lassen.
+
+Ich wollte ueber den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
+ich verstummte wieder, denn ueber den empfangenen Auftrag war
+ploetzlich eine Entzueckung in mir aufgestiegen, dass ich fuerchtete,
+sie koenne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo
+grimmen Koeter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
+heissen Steinen sonnten. Da wir aber naeher kamen, sprangen sie auf
+und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, dass Katharina einen
+Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
+heulend ihm zu Fuessen krochen. "Beim Hoellenelemente", rief er
+lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
+Flandrisch Tuch!"
+
+"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
+"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so moeget
+Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"
+
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riss sich ein paar
+Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruss,
+Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bueckte, um die
+Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, dass ein ander
+Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
+hetz ich in des Teufels Rachen!"
+
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestossen, hatte er sich
+hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt ueber den
+Hof dem Thore zu.
+
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
+die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
+Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
+wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
+in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
+wie ich es vordem gesehen; die goldgebluemten Ledertapeten, die
+Karten an der Wand, die saubern Pergamentbaende auf den Regalen,
+ueber dem Arbeitstische der schoene Waldgrund von dem aelteren
+Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben
+daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
+Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
+obschon vom Walde draussen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
+doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfuellet.
+
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da
+ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
+und ich sah, wie unter den kleinen Haenden, die sie daraufgepresst
+hielt, ihre Brust in ungestuemer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte
+sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
+seine grimmen Hunde?"
+
+"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres
+Vaters Haus?"
+
+"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
+Haende, und ihre jungen Augen spruehten wie in Zorn und Schmerz.
+"Nein, nein; lass erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
+Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
+hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
+hilf mir!"
+
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
+ich vor der Schoenen, Suessen nieder und schwur ihr mich und alle
+meine Kraefte zu. Da loesete sich ein sanfter Thraenenquell aus ihren
+Augen, und wir sassen neben einander und sprachen lange zu des
+Entschlafenen Gedaechtniss.
+
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
+dem alten Fraeulein nach.
+
+"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begruessen? Ja,
+die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
+Treppen sind ihr schon laengsthin zu beschwerlich."
+
+Wir traten also in ein Stuebchen, das gegen den Garten lag, wo auf
+den Beeten vor den gruenen Heckenwaenden soeben die Tulpen aus der
+Erde brachen. Bas' Ursel sass, in der schwarzen Tracht und
+Krepphaube nur wie ein schwindend Haeufchen anzuschauen, in einem
+hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
+nachmals mir erzaehlte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
+war er solches itzund wirklich--ihr aus Luebeck zur Verehrung
+mitgebracht.
+
+"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indess sie
+behutsam die helfenbeinern Pfloecklein um einander steckte, "ist Er
+wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu
+tres-complique!"
+
+Dann warf sie die Pfloecklein ueber einander und schauete mich an.
+"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiss Er denn
+nicht, dass Er in ein Trauerhaus getreten ist?"
+
+"Ich weiss es, Fraeulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
+trat, wusste ich es nicht."
+
+"Nun", sagte sie und nickte gar beguetigend; "so eigentlich gehoeret
+Er ja auch nicht zur Dienerschaft."
+
+Ueber Katharinens blasses Antlitz flog ein Laecheln, wodurch ich mich
+jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr ruehmte ich der
+alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
+dem Thuermchen, das draussen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
+dem Fenster hingesponnen und wiegete seine gruenen Ranken vor den
+Scheiben.
+
+Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen waeren,
+die itzt schon wieder anhueben mit ihrer Nachtunruhe; sie koenne
+ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
+abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
+Garten draussen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
+Gaertnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
+
+--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
+es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemueden Leib zu staerken.
+
+Ich war nun in meinem Kaemmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
+alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend sassen wir
+auf seiner Tragkist, und liess ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
+von ihm erzaehlen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
+Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
+holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
+fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
+muessen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Froelen
+Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden koennen,
+brach er gleichwohl ploetzlich ab und schauete mich an.
+
+"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, dass
+Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drueben!"
+
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
+seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
+Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir muessen freilich
+bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."
+
+Weiss nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
+fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund fuer ein Mann
+geworden.
+
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
+Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wuechse. "Wollet
+Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehoeret zu denen
+muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Buergersleuten die
+Knoepfe von den Haeusern schiessen; Ihr moeget glauben, er hat
+treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiss er nicht so gut zu
+spielen; da er aber ein lustig Stuecklein liebt, so hat er letzthin
+den Rathsmusikanten, der ueberm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
+mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
+Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am
+Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
+also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
+blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen muessen!--Wollet Ihr
+mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
+Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Toechtern gesegnet; und
+dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
+Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."
+
+Ich wusste freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
+mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein hoeriger Mann", seiner
+Rede Schluss gemacht.
+
+--Mit meinem Malgeraeth war auch meine Kleidung aus der Stadt
+gekommen, wo ich im Goldenen Loewen alles abgeleget, so dass ich
+anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die
+Tagesstunden aber wandte ich zunaechst in meinen Nutzen. Naemlich,
+es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
+ein Saal, raeumlich und hoch, dessen Waende fast voellig von
+lebensgrossen Bildern verhaenget waren, so dass nur noch neben dem
+Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern
+des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Maenner und
+Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
+selbsten in kraeftigem Mannesalter und Katharinens frueh verstorbene
+Mutter machten dann den Schluss. Die, beiden letzten Bilder waren
+gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
+in seiner kraeftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
+Pinsel die Zuege meines edlen Beschuetzers nachzuschaffen; zwar in
+verengtem Massstabe und nur mir selber zum Genuegen; doch hat es
+spaeter zu einem groesseren Bildniss mir gedienet, das noch itzt hier
+in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
+ist. Das Bildniss seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
+schoenen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
+Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
+wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
+Wulf?--Das musste tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
+Langsam ging ich die Reih der aelteren Bildnisse entlang, bis ueber
+hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den
+Wuermern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
+als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete
+eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
+sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Haelfte
+zwischen dem Weissen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
+wurde. Ein leiser Schauer ueberfuhr mich vor der so lang schon
+heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
+ist's! Wie raethselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und
+drueber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
+Geschlechter fort; dann, laengst vergessen, taucht es ploetzlich
+wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen
+Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sproessling
+soll ich Katharinen schuetzen.' Und wieder trat ich vor die
+beiden juengsten Bilder, an denen mein Gemuethe sich erquickte.
+
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
+Sonnenstaeublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fraeulein und
+den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
+hohen Toenen redete, so war es stets ein stumm und betruebsam Mahl,
+so dass mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den
+Abgeschiedenen war dess Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
+Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
+Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht beruehrt, entfernte
+sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen gruessend; der Junker
+aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
+festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
+wollte ueber mein gestecktes Mass, ueberdem wider allerart Flosculn zu
+wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
+
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
+geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
+des Dorfes, allwo das Erbbegraebniss ist und wo itzt seine Gebeine
+bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Hoechste ihnen
+dereinst eine froehliche Urstaend wolle bescheren!
+
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
+aus der Stadt und den umliegenden Guetern gekommen, von Angehoerigen
+aber fast wenige und auch diese nur entfernte, massen der Junker
+Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
+nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, dass in
+der Kuerze alle wieder abgezogen sind.
+
+Der Junker draengte nun selbst, dass ich mein aufgetragen Werk
+begoenne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
+belegenen Fenster mir schon den Platz erwaehlet hatte. Zwar kam
+Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
+und meinete, es moege am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
+geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
+solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
+Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
+ihr nicht nuetzen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
+die Nebenfenster des Saales zu verhaengen und die hohe Staffelei zu
+stellen, so ich mit Huelfe Dieterichs mir selber in den letzten
+Tagen angefertigt.
+
+
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
+oeffnete sich die Thuer aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
+trat herein. Aus was fuer Ursach, waere schwer zu sagen; aber ich
+empfand, dass wir uns diessmal fast erschrocken gegenueber standen;
+aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
+junge Antlitz in gar suesser Verwirrung zu mir auf.
+
+"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniss malen;
+duldet Ihr's auch gern?"
+
+Da zog ein Schleier ueber ihre braunen Augensterne, und sie sagte
+leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"
+
+Wie ein Thau des Glueckes sank es in mein Herz. "Nein, nein,
+Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
+Euch, damit wir nicht so muessig ueberrascht werden, und dann sprecht!
+Oder vielmehr, ich weiss es schon. Ihr braucht mir's nicht zu
+sagen!"
+
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr
+noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
+niederschosset? Das thut diessmal nicht noth, obschon er wieder ob
+dem Neste lauert; denn ich bin kein Voeglein, das sich von ihm
+zerreissen laesst. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
+mir wider den!"
+
+"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"
+
+--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
+zum Weibe geben! Waehrend unseres Vaters langem Siechbett habe ich
+den schaendlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
+hab ich's ihm abgetrotzt, dass ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
+aber ich weiss, auch das wird er nicht halten."
+
+Ich gedachte eines Stiftsfraeuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
+einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
+Zuflucht anzugehen sei.
+
+Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
+Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Haende kam die Antwort,
+und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
+meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfuellet haette,
+wenn es noch offen gewesen waere fuer den Schall der Welt; aber der
+gnaedige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
+Erdenschlummer zugedecket."
+
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genueber gesetzet,
+und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen
+wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
+vorgeschritten, nach Hamburg musste, um bei dem Holzschnitzer einen
+Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, dass ich alsdann den
+Umweg ueber Preetz naehme und also meine Botschaft ausrichtete.
+Zunaechst jedoch sei emsig an dem Werk zu foerdern.
+
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der
+Junker musste es schon wissen, dass ich zu seiner Schwester stand;
+gleichwohl--hiess nun sein Stolz ihn, mich gering zu schaetzen, oder
+glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
+ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
+an den andern Tagen von ihm ungestoeret. Einmal zwar trat er ein
+und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
+dann die Thuer hinter sich, und wir hoerten ihn bald auf dem Hofe ein
+Reiterstuecklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der
+Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
+bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
+Seit dem Begraebnisstage, wo ich einen fremden Gruss mit ihm
+getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
+nun trat er naeher und beschauete das Bild und redete gar schoene
+Worte, meinete aber auch, weshalb das Fraeulein sich so sehr vermummt
+und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken
+habe wallen lassen; wie es ein Engellaendischer Poet so trefflich
+ausgedruecket, "rueckwaerts den Winden leichte Kuesse werfend."
+Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
+Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, dass das mein Vater
+war!"
+
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
+meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwaertig oder doch nur
+gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
+malete. Von letzterem begann er ueber meinen Kopf hin diess und
+jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
+nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
+wuenschend.
+
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
+Blick gleich einer Messerspitze nach mir zuecken.
+
+--Wir hatten nun weitere Stoerniss nicht zu leiden, und mit der
+Jahreszeit rueckte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den
+Waldkoppeln draussen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
+Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
+wohl niederschreiben--, wir haetten itzund die Zeit gern stille
+stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
+Woertlein, weder sie noch ich zu ruehren. Was wir gesprochen, wuesste
+ich kaum zu sagen; nur dass ich von meinem Leben in der Fremde ihr
+erzaehlte und wie ich immer heim gedacht; auch dass ihr gueldner
+Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
+Kinderherzen es damals fuergesorget, und wie ich spaeter dann
+gestrebt und mich geaengstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
+mir zurueckgewonnen hatte. Dann laechelte sie gluecklich; und dabei
+bluehete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer suesser das holde
+Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
+Mitunter war's, als schaue mich etwas heiss aus ihren Augen an; doch
+wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurueck; und dennoch
+floss es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so dass mir
+selber kaum bewusst ein sinnberueckend Bild entstand, wie nie zuvor
+und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
+endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
+sollte ich meine Reise antreten.
+
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehaendigt, sass sie noch
+einmal mir gegenueber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
+wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
+noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
+schweigende Gesellschaft an den Waenden werfend, deren ich in
+Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
+
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
+Frauenbildniss, das mir zur Seite hing und aus den weissen
+Schleiertuechern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
+Mich froestelte, ich haette nahezu den Stuhl verruecket.
+
+Aber Katharinens suesse Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
+fast erbleichet; was flog Euch uebers Herz, Johannes?"
+
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die,
+Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."
+
+"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
+gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die
+Gemahlin eines frueheren Gerhardus; vor weit ueber hundert Jahren hat
+sie hier gehauset."
+
+"Sie gleicht nicht Euerer schoenen Mutter", entgegnete ich; "dies
+Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."
+
+Katharina sah gar ernst zu mir herueber. "So heisst's auch", sagte
+sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
+aber hat man das blasse Fraeulein aus einem Gartenteich gezogen, der
+nachmals zugedaemmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
+gewesen sein."
+
+"Ich weiss, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
+aus dem Boden."
+
+"Wisset Ihr denn auch, Johannes, dass eine unseres Geschlechtes sich
+noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht
+sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draussen in dem
+Gartensumpf verschwinden."
+
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
+des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"
+
+"Weshalb?"--Katharina zoegerte ein Weilchen und blickte mich fast
+verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."
+
+--"War es denn ein gar so uebler Mann?"
+
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herueber, und tiefes
+Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiss nicht", sagte sie
+beklommen; und leiser, dass ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
+hinzu: "Es heisst, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
+ihres Standes."
+
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie sass vor mir mit
+gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
+Schosse auf ihr Herz geleget, so waere sie selber wie ein leblos Bild
+gewesen.
+
+So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
+malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"
+
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
+war kein Hehlens mehr; heiss und offen ging der Strahl zu meinem
+Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Haette jene Frau auch
+dich verflucht?"
+
+Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
+meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
+Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+
+Aber Katharina zog mich leise fort. "Lass uns nicht trotzen, mein
+Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hoerte ich im Treppenhause ein
+Geraeusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
+muehselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns
+deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
+zur Hand genommen hatte, oeffnete sich die Thuer, und Bas' Ursel, die
+wir wohl zuletzt erwartet haetten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
+"Ich hoere", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
+besorgen; da muss ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"
+
+Es ist wohl maenniglich bekannt, dass alte Jungfrauen in Liebessachen
+die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
+Bedrang und Truebsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
+das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
+zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
+mich allsogleich: "Hat denn das Fraeulein Ihn so angesehen, als wie
+sie da im Bilde sitzet?"
+
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
+bloss die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon musste an
+unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
+ihre Blicke gingen spaehend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl
+bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer hoechsten Stimme. "Deine
+Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
+nicht wohl gedienet."
+
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
+noch hie und da zu schaffen.
+
+"Nun, da braucht Er wohl des Fraeuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"
+
+Und so musst ich von der duerren Alten meines Herzens holdselig
+Kleinod mir entfuehren sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
+kaum dass die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
+konnten.
+
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
+Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
+Fruehe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
+von des Junkers Hunden herfuer und fuhr meinem Thiere nach den
+Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
+oben im Sattel sass, schien ihnen allzeit noch verdaechtig. Kamen
+gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
+abends bei guter Zeit in Hamburg an.
+
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
+Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, dass man sie nur
+zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
+brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
+das alles wohl verpacket nachzusenden.
+
+Nun war zwar in der beruehmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
+vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeraeubers
+Stoertebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
+Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
+Buche heisser, niemand sagen duerfe, dass er in Hamburg sei gewesen;
+sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
+Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
+den die Hamburger, wie ich nachmalen hoerete, auf einen Seesieg
+wider die tuerkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
+Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
+doch mein Gemuethe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
+sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
+meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
+getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
+hatte allsobald allen Laermen des grossen Hamburg hinter mir.
+
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
+Stifte bei der hochwuerdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
+Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
+Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
+an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Zuege des
+Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte,
+selbst nachdem ich Katharinens Schreiben ueberreichet, ein lang und
+hart Examen zu bestehen; dann aber verhiess sie ihren Beistand und
+setzete sich zu ihrem Schreibgeraethe, indess die Magd mich in ein
+ander Zimmer fuehren musste, allwo man mich gar wohl bewirthete.
+
+Es war schon spaet am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
+rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
+bereits verspuerete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
+anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir fuer Katharinen
+mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertaeschlein unterm
+Wamse auf der Brust. So ritt ich fuerbass in die aufsteigende
+Daemmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
+immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.
+
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
+sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
+Geissblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
+Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
+an die Nuestern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
+Himmelsglocke ueber mir strahlte im Suedost das Sternenbild des
+Schwanes in seiner unberuehrten Herrlichkeit.
+
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinueberzureiten,
+welches seitwaerts von der Fahrstrassen hinterm Wald belegen ist.
+Denn ich gedachte, dass der Krueger Hans Ottsen einen passlichen
+Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
+schicken, um die Hamburger Kiste fuer mich abzuholen; ich aber
+wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
+bestellen.
+
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
+gruenlichen Johannisfuenkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
+mich hier umflogen. Und schon ragete gross und finster die Kirche
+vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
+ich hoerte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
+der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber
+sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
+in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
+dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Daechern, die
+dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als
+ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
+gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
+den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
+entgegen.
+
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
+und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die
+Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Maennern und Weibern,
+und ein Geschrei und wuest Getreibe, wie ich solches, auch
+beim Tanz, in frueheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der
+Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
+schwebten, hob manch baertig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
+dem man lieber nicht allein im Wald begegnet waere.--Aber nicht nur
+Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnuegen; bei den
+Musikanten, die drueben vor der Doens auf ihren Tonnen sassen, stund
+der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel ueber dem einen Arm,
+an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stuecklein
+schien ihm nicht zu gefallen; denn er riss dem Fiedler seine Geigen
+aus den Haenden, warf eine Handvoll Muenzen auf seine Tonne und
+verlangte, dass sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
+sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
+toll die neue Weise klingen liessen, schrie er nach Platz und
+schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
+drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
+dem Geier.
+
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
+Wirth zu reden. Da sass der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
+den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Spaessen in
+Bedraengniss brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
+schuettelte sich vor Lachen, wenn der geaengstete Mann gar jaemmerlich
+um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, liess
+er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
+nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnueget;
+ich aber antwortete nur, ich kaeme eben von dort zurueck, und werde
+der Rahmen in Kuerze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
+mit seinem Handwaeglein leichtlich moege holen lassen.
+
+Indess ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
+der Risch hereingestuermet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
+kuehlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die
+Zunge schwer im Munde wuehlete, fasste ihn am Arm und riss ihn auf den
+leeren Stuhl hernieder.
+
+"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
+Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein
+ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
+Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"
+
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
+nur wuenschend, dass die Nacht vergehen und der Morgen kommen moechte.--
+Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nuechternen Uebermann; dem
+von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.
+
+"Troeste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indess er schmunzelnd
+die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+
+"Glueck in der Lieb
+Und Glueck im Spiel,
+Bedenk, fuer einen
+Ist's zu viel!
+
+"Lass den Maler dir hier von deiner schoenen Braut erzaehlen! Der weiss
+sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."
+
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
+von Liebesglueck bewusst sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
+und sah gar grimmig auf mich her.
+
+"Ei, du bist eifersuechtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnueglich,
+als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
+getroeste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
+Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."
+
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
+Spuerhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muss er Fausti
+Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
+Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
+gewesen."
+
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Taeschlein
+mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
+Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als saehe er damit
+mein ganz Geheimniss offen vor sich liegen. Es waehrete auch nicht
+lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!"
+schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar
+doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang
+geschickt?"
+
+"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muss Euch genug
+sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
+fiel mir auch bei nun, dass ich ihn an den Sattelknopf gehaenget, da
+ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem juengeren Kumpan: "Reiss
+ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du
+findest eine saubere Briefschaft, die du ungern moechtst bestellet
+sehen!"
+
+Im selbigen Augenblick fuehlte ich auch schon die Haende des von der
+Risch an meinem Leibe, und ein wuethend Ringen zwischen uns begann.
+Ich fuehlte wohl, dass ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
+mehr ueber wuerde; da aber fuegete es sich zu meinem Gluecke, dass ich
+ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
+stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
+als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wusste jeder wohl,
+dass er's mit seinem Todfeind vor sich habe.
+
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
+seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Huelfe kommen;
+mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
+seinen Platz zurueck. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
+noch vermochte: "He, Tartar! Tuerk! Wo steckt ihr! Tartar, Tuerk!"
+Und ich wusste nun, dass die zwo grimmen Koeter, so ich vorhin auf der
+Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
+springen sollten. Schon hoerete ich sie durch das Getuemmel der
+Tanzenden daherschnaufen, da riss ich mit einem Rucke jaehlings
+meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthuer aus dem
+Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
+Freie.
+
+Und um mich her war ploetzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
+zu gehen, sondern sprang flugs ueber einen Wall und lief ueber das
+Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
+Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
+Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der
+Himmelslichter hier durch das Laub der Baeume ausgeschlossen, aber
+meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
+Taeschlein sicher unter meinem Wamse fuehlte, so tappte ich ruestig
+vorwaerts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
+meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
+berathen, was allfort geschehen solle; massen ich wohl sahe, dass
+meines Bleibens hier nicht fuerder sei.
+
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
+Abgang wohl die Thuer ins Schloss geworfen und so einen guten
+Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
+vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
+Mond erhellete Lichtung trat, hoerete ich nicht gar fern die
+Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hoerte, dahin
+richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewusst, sie hatten
+hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
+erkannte nun auch, wo ich mich befand, und dass ich bis zum Hofe
+nicht gar weit mehr hatte.
+
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
+aus dem Dunkel drang. Da ploetzlich schlug was anderes an mein Ohr,
+das jaehlings naeher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht
+zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
+hielten fest auf meiner Spur, und schon hoerete ich deutlich hinter
+mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Saetze in dem duerren Laub des
+Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnaedigen Schutz; aus dem
+Schatten der Baeume stuerzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
+Fliederbaums Geaeste schwang ich mich hinueber. Da sangen hier im
+Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
+Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
+in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch
+einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es koennt
+geschehen, dass du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+faendest, und dass alsdann ein Willkomm nicht fuer dich am Thor
+geschrieben stuende;--ich aber moecht nicht, dass du diese Staette hier
+vergaessest."
+
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich musste bitter lachen;
+denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hoerete ich
+die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draussen an der Gartenmauer
+rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
+ueberall so hoch, dass nicht das wuethige Gethier hinueber konnte; und
+rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
+drueben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als
+eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
+Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
+der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
+die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
+war ich schon hoch genug, dass sie mit ihrem Anspringen mich nicht
+mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
+geglitten, hatten sie mit ihren Zaehnen mir herabgerissen.
+
+Ich aber, also angeklammert und fuerchtend, es werde das nach oben
+schwaechere Geaeste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
+suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen moechte;
+aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublaetter um mich
+her.--Da, in solcher Noth, hoerete ich ober mir ein Fenster oeffnen,
+und eine Stimme scholl zu mir herab--moechte ich sie wieder hoeren,
+wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen laesst aus diesem Erdenthal!--
+"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hoerete ich meinen Namen,
+und ich kletterte hoeher an dem immer schwaecheren Gezweige, indess
+die schlafenden Voegel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
+Geheul heraufstiessen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?"
+
+Aber schon kam ein zitternd Haendlein zu mir herab und zog mich
+gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
+Entsetzen in die Tiefe starrten.
+
+"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreissen." Da schwang ich
+mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, liess mich das
+Haendlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
+stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten
+ihres Haares lagen ueber dem weissen Nachtgewand bis in den Schoss
+hinab; der Mond, der draussen die Gartenhecken ueberstiegen hatte,
+schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest
+gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
+schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
+Schoenheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
+ihr: "Katharina, liebe Katharina, traeumet Ihr denn?"
+
+Da flog ein schmerzlich Laecheln ueber ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
+fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist suess!"
+
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
+fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was
+ist das mit den Hunden?"
+
+"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
+es muss bald geschehen; denn es fehlt viel, dass ich noch einmal
+durch die Thuer in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
+Brief aus meinem Taeschlein hervorgezogen und erzaehlete auch, wie
+ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.
+
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
+schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
+uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
+sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
+Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.
+
+"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
+Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmass oder so dergleichen, damit
+ich der beiden Thiere drunten mich erwehren koenne?"
+
+Sie aber schrak jaeh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du,
+Johannes!" rief sie; und ihre Haende, so bislang in ihrem Schoss
+geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort!
+Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"
+
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
+wir umfingen uns in grosser Herzensnoth. "Ach, Kaethe", sprach ich,
+"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
+waere; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."
+
+Sehr suess und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
+Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich daechte,
+du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund
+des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"
+
+"Nein, Kaethe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
+und umfasste fester ihren jungfraeulichen Leib; "aber drueben in
+Holland, dort gilt ein tuechtiger Maler wohl einen deutschen
+Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
+ist wohl dem Hoechsten ehrenvoll zu ueberschreiten. Man hat mich
+drueben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn
+ich dorthin zurueckginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
+dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wuesten
+Junker!"
+
+Katharinens weisse Haende strichen ueber meine Locken; sie herzete
+mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
+werd ich doch dein Weib auch werden muessen."
+
+--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
+Adern goss, darin ohnedies das Blut in heissen Pulsen ging.--Von
+dreien furchtbaren Daemonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
+verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
+Schoss.
+
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jaehlings
+stille, und da es noch einmal gellte, hoerete ich sie wie toll und
+wild davon rennen.
+
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, dass uns der
+Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thuer erst auf-,
+dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf",
+sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
+gesperrt."--Bald hoerten wir auch unter uns die Thuer des Hausflurs
+gehen, den Schluessel drehen und danach Schritte in dem untern
+Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
+Dann wurde alles still.
+
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
+war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf
+zurueckgelehnt; nur unser beider Herzen hoerete ich klopfen.--"Soll
+ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.
+
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
+ging nicht.
+
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
+Nachtigallen und von fern das Rauschen des Waesserleins, das hinten
+um die Hecken fliesst.--
+
+
+Wenn, wie es in den Liedern heisst, mitunter noch in Naechten die
+schoene heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
+Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
+Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwueler Ruch von
+Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten ueberm Walde spielete
+die Nacht in stummen Blitzen.--O Hueter, Hueter, war dein Ruf so fern?
+
+--Wohl weiss ich noch, dass vom Hofe her ploetzlich scharf die Haehne
+kraehten, und dass ich ein blass und weinend Weib in meinen Armen
+hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, dass ueberm Garten
+der Morgen daemmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann
+aber, da sie dess inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
+geschreckt, mich fort.
+
+Noch einen Kuss, noch hundert; ein fluechtig Wort noch: wann fuer das
+Gesind zu Mittage gelaeutet wuerde, dann wollten wir im Tannenwald
+uns treffen; und dann--ich wusste selber kaum, wie mir's geschehen--
+stund ich im Garten, unten in der kuehlen Morgenluft.
+
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
+aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Haendlein mir zum
+Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
+bei einem Rueckblick aus dem Gartensteig von ungefaehr die unteren
+Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als saehe hinter
+einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
+mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knoechern
+gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, dass
+solches ueber meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Maerleins
+von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
+nur meine eigenen aufgestoerten Sinne, die solch Spiel mir
+vorgegaukelt haetten.
+
+So, dess nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
+merkete aber bald, dass in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
+sank auch der eine Fuss bis uebers Aenkel ein, gleichsam, als
+ob ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'fasst das
+Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang ueber
+die Mauer in den Wald hinab.
+
+Die Finsterniss der dichten Baeume sagte meinem traeumenden Gemuethe zu;
+hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
+Sinne sich nicht loesen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
+Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich voellig wach.
+Ein Haeuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und ueber
+mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schuettelte ich
+all muessig Traeumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
+auch wie heisse Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
+Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, dass
+dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'
+
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
+Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, dass ich dann
+zurueck nach Holland ginge, mich dort der Freundeshuelf versicherte
+und allsobald zurueckkaem, um sie nachzuholen. Vielleicht, dass sie
+gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
+musste auch gehen ohne das!
+
+Schon sahe ich uns auf einem froehlichen Barkschiff die Wellen des
+gruenen Zuidersees befahren, schon hoerete ich das Glockenspiel vom
+Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
+Gewuehl hervorbrechen und mich und meine schoene Frau mit hellem
+Zuruf gruessen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
+geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kraeftiger
+und rascher schritt ich aus, als koennte ich baelder so das Glueck
+erreichen.
+
+--Es ist doch anders kommen.
+
+In meinen Gedanken war ich allmaehlich in das Dorf hinabgelanget und
+trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jaehlings
+hatte fluechten muessen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
+der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
+gestrengen Junkern? Ich war just draussen bei dem Ausschank; aber
+da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
+auch die Hunde raseten an der Thuer, die Ihr hinter Euch ins Schloss
+geworfen hattet."
+
+Da ich aus solchen Worten abnahm, dass der Alte den Handel nicht
+wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
+der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
+gezauset; da musst's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."
+
+"Ich weiss, ich weiss!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
+auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hueten, Herr Johannes; mit
+solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."
+
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern liess mir Brot
+und Fruehtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
+Degen holete, auch Stift und Skizzenbuechlein aus dem Ranzen nahm.
+
+Aber es war noch lange bis zum Mittaglaeuten. Also bat ich Hans
+Ottsen, dass er den Gaul mit seinem Jungen moeg zum Hofe bringen
+lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
+zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhuegel, von
+wo man die beiden Giebel des Herrenhauses ueber die Gartenhecken
+ragen sieht, wie ich solches schon fuer den Hintergrund zu
+Katharinens Bildniss ausgewaehlet hatte. Nun gedachte ich, dass, wann
+in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
+Vaterhaus nicht mehr betreten wuerde, sie seines Anblicks doch nicht
+ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfuer und begann zu
+zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
+gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
+gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen gruesse, wann ich sie
+dort in unsre Kammer fuehren wuerde.
+
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich liess noch wie
+zum Gruss ein zwitschernd Voegelein darueber fliegen; dann suchte ich
+die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
+nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, dass
+die Zeit vergehe.
+
+Ich musste gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
+von einem fernen Schall und wurd dess inne, dass es das Mittaglaeuten
+von dem Hofe sei. Die Sonne gluehte schon heiss hernieder und
+verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung ueberdeckt
+war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
+unseren Waldgaengen suesse Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
+ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drueben zwischen den
+Straeuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
+anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
+gesehen, wie ich sie nun gleich, im naechsten Augenblicke, schon
+leibhaftig an mein klopfend Herze schliessen wuerde.
+
+Da ploetzlich ueberfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn?
+Es war schon lang, dass es gelaeutet hatte. Ich war aufgesprungen,
+ich ging umher, ich stund und spaehete scharf nach aller Richtung
+durch die Baeume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
+nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
+Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.
+
+Boeser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
+dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
+begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
+auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
+sein Junge brachte mir Euren Gaul zurueck;--was habet Ihr mit
+unsern Junkern vorgehabt?"
+
+"Warum fragst du, Dieterich?"
+
+--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhueten
+moecht."
+
+"Was soll das heissen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+
+"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
+Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
+einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
+im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben
+unser Fraeulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
+mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme
+unterschlagen und sprach kein einzig Woertlein; die Alte aber redete
+einen um so groesseren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
+feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
+hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwaechst.--Verstanden, Herr
+Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
+wohl auf, hielt sie mit ihrer knoechern Hand, als ob sie damit
+drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich naeher hinsah, war's
+ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."
+
+"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+
+"Es ist nicht viel mehr uebrig", erwiderte er; "denn der Junker
+wandte sich jaehlings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
+waeret. Ihr moeget mir es glauben, waere er in Wirklichkeit ein Wolf
+gewesen, die Augen haetten blutiger nicht funkeln koennen."
+
+Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"
+
+--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"
+
+"Ich sinne, Dieterich, dass ich allsogleich mit ihm zu reden habe."
+
+Aber Dieterich hatte bei beiden Haenden mich ergriffen. "Gehet
+nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzaehlet mir zum wenigsten,
+was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
+gewusst!"
+
+"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riss ich meine Haende aus den seinen.
+
+Der Alte schuettelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das
+weiss nur unser Herrgott!"
+
+Ich aber schritt nun ueber den Hof dem Hause zu. Der Junker sei
+eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
+befragte.
+
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
+betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Buecher und Karten, war
+hier vielerlei Gewaffen, Handroehre und Arkebusen, auch allerart
+Jagdgeraethe an den Waenden angebracht; sonst war es ohne Zier und
+zeigete an ihm selber, dass niemand auf die Dauer und mit seinen
+ganzen Sinnen hier verweile.
+
+Fast waer ich an der Schwelle noch zurueckgewichen, da ich auf des
+Junkers "Herein" die Thuer geoeffnet; denn als er sich vom Fenster zu
+mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
+Radschloss er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den
+Tollen kaeme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
+wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"
+
+"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich naeher zu ihm
+trat, "es moecht der Strassen noch andre fuer mich geben, als die in
+Euere Kammer fahren!"
+
+--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen koennt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"
+
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
+Sprunge lag, so dass die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
+Jedennoch sprach ich: "Hoerer mich und goennet mir ein ruhig Wort,
+Herr Junker!"
+
+Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
+erstlich auszuhoeren! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
+langsam waren, wurden allmaehlich gleichwie ein Gebruell--, "vor ein
+paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
+und reuete mich gleich einem Narren, dass ich im Rausch die wilden
+Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
+den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
+beim Hoellenelement! mich reut's nur noch, dass mir die Bestien
+solch Stueck Arbeit nachgelassen!"
+
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
+schwieg, so dachte ich, dass er auch hoeren wuerde. "Junker Wulf",
+sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
+kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
+einmal den Groesseren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
+gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"
+
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz
+starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
+schlug mir in das Ohr, ein Schuss--dann brach ich zusammen und
+hoerete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
+gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.
+
+Es war manche Woche danach, dass ich in dem schon bleicheren
+Sonnenschein auf einem Baenkchen vor dem letzten Haus des Dorfes sass,
+mit matten Blicken nach dem Wald hinueberschauend, an dessen
+jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thoerichten
+Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
+vorstellete, Katharinens Kaemmerlein von drueben auf die schon
+herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
+keine Kunde.
+
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
+Junkers Waldhueter bewohnt wurde; und ausser diesem Mann und seinem
+Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war waehrend meines langen
+Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuss in meine
+Brust erhalten, darueber hat mich niemand befragt, und ich habe
+niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
+Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
+zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getroesten; noch
+glaubhafter jedoch, dass er allen diesen Dingen trotzete.
+
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
+Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten ueberbracht als
+Lohn fuer Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
+Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
+Weib wohl spaeter nicht zu viel empfahen wuerde. Zu einem traulichen
+Gespraech mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
+nicht gerathen wollen, massen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
+allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
+dass der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
+niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
+ich noch den Alten bitten, dass er dem Fraeulein, wenn sich's treffen
+moechte, meine Gruesse sage, und dass ich bald nach Holland zu reisen,
+aber baelder noch zurueckzukommen daechte, was alles in Treuen
+auszurichten er mir dann gelobete.
+
+Ueberfiel mich aber danach die allergroesseste Ungeduld, so dass ich,
+gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drueben noch die
+letzten Blaetter von den Baeumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
+langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
+hollaendischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
+liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
+gluecklich Zeichen wohl erkennen, dass zwo Bilder, so ich dort
+zurueckgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
+Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
+waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon frueher
+wohl gewogener Kaufherr liess mir sagen, er habe nur auf mich
+gewartet, dass ich fuer sein nach dem Haag verheirathetes Toechterlein
+sein Bildniss malen moege; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
+dafuer versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
+dass dann genug des helfenden Metalles in meinen Haenden waere, um
+auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
+einzufahren.
+
+Machte mich also, da mein freundlicher Goenner desselbigen Sinnes
+war, mit allem Eifer an die Arbeit, so dass ich bald den Tag meiner
+Abreise gar froehlich nah und naeher ruecken sahe, unachtend, mit was
+vor ueblen Anstaenden ich drueben noch zu kaempfen haette.
+
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
+Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
+willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte
+in der Arbeit meiner Schwaeche nicht geachtet, die schlecht geheilte
+Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste
+auf allen Strassenplaetzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
+mein Siechthum und hielt mich laenger als das erste Mal gefesselt.
+Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
+Mangel, aber in Aengsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
+Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.
+
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
+gruenen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
+statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
+Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.
+
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der koeniglichen Post; dann, wie vor
+nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fusse durch den Wald,
+an dem noch kaum die ersten Spitzen grueneten. Zwar probten schon
+die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kuemmerten sie
+mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
+sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwaerts ab und
+schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in
+Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenueber.
+
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
+munter. "Nur", fuegte er bei, "mit den Schiessbuechsen muesset Ihr
+nicht wieder spielen; die machen aergere Flecken als so ein
+Malerpinsel."
+
+Ich liess ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
+hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
+dem alten Dieterich.
+
+Da musste ich vernehmen, dass er noch vor dem ersten Winterschnee,
+wie es so starken Leuten wohl passiret, eines ploetzlichen, wenn
+auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans
+Ottsen, "dass er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fuer
+ihn auch besser so."
+
+"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"
+
+Indess aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
+von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
+und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
+der Risch?"
+
+"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
+ihn schon zu Richte setzen wird."
+
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
+dass er nicht so von Katharinen reden wuerde; und da er dann den
+Namen nannte, so war's ein aeltlich, aber reiches Fraeulein aus der
+Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drueben in Herrn
+Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fraeulein und der Junker
+mit einander hauseten.
+
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet
+wohl", sagte er, "dass alte Thuerm' und Mauern nicht auch plaudern
+koennten!"
+
+"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
+aufs Herz.
+
+"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
+die Augen, "wo das Fraeulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
+besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
+hier gewesen; nur wundert's mich, dass Ihr noch einmal wiederkommen;
+denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum boesen
+Spiel gemachet haben."
+
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
+worden; dann aber kam mir ploetzlich ein Gedanke. "Ungluecksmann!"
+schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fraeulein Katharina
+sei mein Eheweib geworden?"
+
+"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
+schuettelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht
+die Rede so! Auf alle Faell'; seit Neujahr ist das Fraeulein im
+Schloss nicht mehr gesehen worden."
+
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
+wisse nichts von alledem.
+
+Ob er's geglaubet, weiss ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
+es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
+grosser Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
+Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
+Maegde eine, so durch die Thuerspalt gelauschet, wolle auch mich ueber
+den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann spaeter haetten sie
+deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hoeren, und seien seit
+jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloss
+gewesen.
+
+--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
+nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thoerichte
+Geschwaetz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
+machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
+aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im uebrigen
+mir auch berichtet, dass keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
+gesehen worden. Da reisete ich wieder zurueck und demuethigte mich
+also, dass ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
+Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte hoehnisch,
+es moege wohl der Buhz das Voeglein sich geholet haben; er habe dem
+nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
+von Herrn Gerhardus' Hofe.
+
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, liess nach
+Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstuende, auch zu ihm zu
+dringen, er wuerde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
+Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
+Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloss geworden;
+wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
+Degen in die Buesche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen boesen
+Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu laengerem
+Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
+groesserer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+
+
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir
+liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Toechterlein,
+meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
+meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
+belegen ist. Aber das alles gehoert ja der Vergangenheit.
+
+Hier schliesst das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, dass der
+Schreiber ein froehliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
+Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenueber; ich konnte
+nicht zweifeln, der schoene ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer
+aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
+in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
+zugleich letzte Heft, dessen Schriftzuege um ein weniges unsicherer
+erschienen. Es lautete wie folgt:
+
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,
+Also sind ock de Minschenkind.
+
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, sass ob dem
+Thuersims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, musste ich
+allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
+Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
+blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
+ich aus den Truemmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
+gleicherweise ob der Thuere meines Hauses eingemauert worden, wo er
+nach mir noch manchen, der voruebergeht, an die Nichtigkeit des
+Irdischen erinnern moege. Mir aber soll er eine Mahnung sein,
+ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
+Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
+Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, moegest mit
+meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
+ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
+dir nicht habe anvertrauen moegen.
+
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
+Nordsee; massen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
+Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
+zum schuldigen und freundlichen Gedaechtniss ihres Seligen, der
+hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
+denn auch noch heute ueber dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
+schauen ist. Daneben wuenschte auch der Buergermeister, Herr Titus
+Axen, so frueher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
+sein Conterfey von mir gemalet, so dass ich fuer eine lange Zeit
+allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
+einzigen und aelteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
+der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
+war hoch und raeumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
+Linden an der Ecken von Markt und Kraemerstrasse, worin ich,
+nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben,
+anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
+vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+
+Meine Werkstaette hatte ich mir in dem grossen Pesel der Witwe
+eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
+bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
+Nur dass die gute Frau selber gar zu gegenwaertig war; denn
+allaugenblicklich kam sie draussen von ihrem Schanktisch zu mir
+hergetrottet mit ihren Blechgemaessen in der Hand; draengte mit ihrer
+Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
+gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
+untermalet hatte, verlangte sie mit viel ueberfluessigen Worten, der
+auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
+obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
+meinem Bruder auch vernommen hatte, dass selbiger, wie es die
+Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
+Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
+mag, dem unvernuenftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
+muessen. Als dann von der Aussendiele her wieder neue Kundschaft
+nach ihr gerufen und mit den Gemaessen auf den Schank geklopfet, und
+sie endlich von mir lassen muessen, da sank mir die Hand mit dem
+Pinsel in den Schoss, und ich musste ploetzlich des Tages gedenken, da
+ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
+und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
+Und also rueckwaerts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
+als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, musste ich
+zu eigener Verwunderung gewahren, dass ich die Zuege des edlen Herrn
+Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem
+Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
+mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
+entgegentreten!
+
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
+auf meine Kammer ober der Hausthuer, allwo ich mich ans Fenster
+setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbaeume auf den Markt
+hinabsah. Es gab aber gross Gewuehl dort, und war bis drueben an die
+Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
+Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, dass Gast
+mit Gaste handeln durfte, also dass der Stadtknecht mit dem Griper
+muessig auf unseres Nachbaren Beischlag sass, massen es vor der Hand
+keine Bruechen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren
+rothen Jacken, die Maedchen von den Inseln mit ihren Kopftuechern und
+feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethuermeten Getreidewagen
+und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
+wohl ein Bild fuer eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
+ich, bei den Hollaendern in die Schule gegangen war; aber die
+Schwere meines Gemuethes machte das bunte Bild mir truebe. Doch war
+es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
+Leid kam immer gewaltiger ueber mich; es zerfleischete mich mit
+wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
+Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
+Augen aber daemmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
+paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
+Traeumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott
+und mein Erloeser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
+dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--
+
+
+Da hoerete ich draussen unter dem Fenster von einer harten Stimme
+meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
+grossen hageren Mann in der ueblichen Tracht eines Predigers, obschon
+sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
+dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
+angestanden waere. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
+von baeuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
+Struempfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
+Hausthuer zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewuehle von
+dannen schritt.
+
+Da ich dann gleich darauf die Thuerglocke schellen hoerte, ging ich
+hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
+darauf ich ihn genoethigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+
+Also war selbiger der Kuester aus dem Dorfe norden der Stadt, und
+erfuhr ich bald, dass man dort einen Maler brauche, da man des
+Pastors Bildniss in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein
+wenig, was fuer Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben haette,
+dass sie solche Ehr ihm anzuthun gedaechten, da er doch seines Alters
+halben noch nicht gar lang im Amte stehen koenne; der Kuester aber
+meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stueck Ackergrundes
+einmal einen Process gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
+eben nicht, was Sondres koenne vorgefallen sein; allein es hingen
+allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
+sagen muesse, vernommen haetten, ich verstuende das Ding gar wohl zu
+machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
+Pastor mit hinein; dieser selber freilich kuemmere sich nicht eben
+viel darum.
+
+Ich hoerete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
+auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniss des Herrn Titus Axen
+aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
+konnte, so hub ich an, dem Auftrage naeher nachzufragen.
+
+Was mir an Preis fuer solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
+gering, so dass ich erstlich dachte: sie nehmen dich fuer einen
+Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
+fuer ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
+ploetzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
+Herbstessonne ueber die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
+eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur
+mit dem Beding, dass die Malerei draussen auf dem Dorfe vor sich
+ginge, da hier in meines Bruders Hause passliche Gelegenheit nicht
+befindlich sei.
+
+Dess schien der Kuester gar vergnuegt, meinend, das sei alles hiebevor
+schon fuergesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
+ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Kuesterei
+erwaehlet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
+Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
+so dass also auch der Pastor leicht hinuebertreten koenne. Die Kinder,
+die im Sommer doch nichts lernten, wuerden dann nach Haus
+geschicket.
+
+Also schuettelten wir uns die Haende, und da der Kuester auch die
+Masse des Bildes fuersorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeraeth,
+dess ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
+hinausbefoerdert werden.
+
+Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spaet am Nachmittage; denn
+ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedraengniss von einer
+Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
+wollten--, meinete er, ich bekaeme da einen Kopf zu malen, wie er
+nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und moechte mich mit
+Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzaehlete mir auch, es sei der
+Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
+gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
+haben solle; sei uebrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
+der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
+mein Bruder an, dass bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
+adelige Fuersprach eingewirket haben solle, wie es heisse, von drueben
+aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
+Klosterrechnung ein Woertlein davon fallen lassen. War jedoch
+Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+
+
+So sahe mich denn die Morgensonne des naechsten Tages ruestig ueber
+die Heide schreiten, und war mir nur leid, dass letztere allbereits
+ihr rothes Kleid und ihren Wuerzeduft verbrauchet und also diese
+Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
+gruenen Baeumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
+Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
+mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer hoeher vor
+mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen
+Strohdaechern, die an seinem Fusse lagen, krueppelte nur niedrig Busch-
+und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
+heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.
+
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Kuesterei
+gefunden hatte, stuerzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
+Schul entgegen; der Kuester aber hiess an seiner Hausthuer mich
+willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
+sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
+sehen."
+
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
+denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
+seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
+das war ein schoener blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
+fuehrete; das Kind mochte etwan vier Jahre zaehlen und sahe fast
+winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.
+
+Da ich die Bildnisse der frueheren Prediger zu sehen wuenschte, so
+gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
+dass man nach den anderen Seiten ueber Marschen und Heide, nach
+Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
+kann. Es musste eben Fluth sein; denn die Watten waren ueberstroemet,
+und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie
+oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
+Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
+Kuester auf die Wasserflaeche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er,
+"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
+grossen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
+auf der einen Haelfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
+auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."
+
+Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
+ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'
+
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
+dessen Nacken mit beiden Aermchen fest umschlungen und drueckte die
+zarte Wange an das schwarze baertige Gesicht des Mannes, als finde
+er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
+vor unseren Augen ausgebreitet lag.
+
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
+mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
+eines guten Pinsels werth gewesen waere; jedennoch war es alles eben
+Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schueler van der Helsts hier
+in gar sondere Gesellschaft kommen.
+
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
+Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, dass der
+Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
+ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben moegen; nur, Meister,
+machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch fuer meine Zeit."
+
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
+fuer meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemuehung zugesaget,
+fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
+Bruder mir war geruehmet worden.
+
+Ein fast verachtend Laecheln ging ueber des Predigers Angesicht. "Da
+kommet ihr zu spaet", sagte er, "es ging in Truemmer, da ich's aus
+der Kirche schaffen liess."
+
+Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands
+Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"
+
+"Die Zuege von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
+ueberliefert worden."
+
+--"Aber wollet Ihr's der Kunst missgoennen, sie in frommem Sinn zu
+suchen?"
+
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
+den Kleinen nicht zu zaehlen, so ueberragte er mich doch um eines
+halben Kopfes Hoehe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der Koenig
+die hollaendischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
+nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Hoechsten Strafgericht
+zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drueben
+in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestuehlte schnitzen
+lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus
+zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Saeugammen der
+Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
+gebuhlt!"
+
+Ein dunkles Feuer gluehte in seinen Augen, aber seine Hand lag
+liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
+schmiegte.
+
+Ich vergass darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
+danach, dass wir in die Kuesterei zurueckgingen, wo ich alsdann meine
+edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
+
+
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern ueber die Heide
+nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
+antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
+rascheren Fortgang. Gemeiniglich sass der Kuester neben uns und
+schnitzete allerlei Geraethe gar saeuberlich aus Eichenholz,
+dergleichen als eine Hauskunst hier ueberall betrieben wird; auch
+habe ich das Kaestlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
+erstanden und darin vor Jahren die ersten Blaetter dieser
+Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
+letzten darin sollen beschlossen sein.--
+
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
+auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Kuesterei; er
+stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
+Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heisse,
+antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heisse
+ich ja auch!"--Er sah mich gross an, sagte aber weiter nichts.
+
+Weshalb ruehreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
+ueberraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
+Pinsel muessig auf der Leinewand ruhen liess. Es war etwas in dieses
+Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
+aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das
+unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich haette oft
+die Arme nach ihm breiten moegen; aber ich scheuete mich vor dem
+harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu behueten schien.
+Wohl dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
+sein?'--
+
+Des Kuesters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
+befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
+man nicht; in die Bauernhaeuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
+und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
+Aus dem Garten der Kuesterei, welcher in eine dichte Gruppe von
+Fliederbueschen auslaeuft, sahe ich sie einmal langsam ueber die
+Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
+Ruecken zugewendet, so dass ich nur ihre schlanke, jugendliche
+Gestalt gewahren konnte, und ausserdem ein paar gekraeuselte Loeckchen,
+in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
+und die der Wind von ihren Schlaefen wehte. Das Bild ihres
+finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+
+--An den Tagen, wo ich nicht da draussen war, hatte ich auch die
+Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so dass nach einiger
+Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
+
+So sass ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
+Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die
+Kerze fast herabgebrannt, und die hollaendische Schlaguhr hatte
+schon auf Eilf gewarnt; wir aber sassen am Fenster und hatten der
+Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
+mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
+einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
+Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
+einer froehlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
+Laeden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
+so draussen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
+Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
+dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
+Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
+Hoehen, fiel es mir jaehlings in die Brust: Die Augen des schoenen
+blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne
+denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
+gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stuermten auf mich ein!
+
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
+mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
+aber itzt ein heller Schein zu uns herueberschwankte. "Sieh nur!"
+sagte er. "Wie gut, dass wir das Pflaster mit Sand und Heide
+ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengiessers Hochzeit;
+aber an ihren Stockleuchten sieht man, dass sie gleichwohl hin und
+wider stolpern."
+
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
+von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
+dass die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
+eines Glasers Meisterstueck erstanden waren, in ihren satten Farben
+wie in Feuer gluehten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem
+Hause laut redend in die Kraemerstrasse einbog, hoerete ich einen
+unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
+Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
+der Flammen singen zu hoeren!"
+
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draussen die
+Stadt lag wieder still und dunkel.
+
+"O weh!" sprach mein Bruder; "den truebet, was mich troestet."
+
+Da fiel es mir erst wieder bei, dass am naechsten Morgen die Stadt
+ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so
+wegen einbekannten Buendnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
+verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
+aufgefunden worden; aber dem todten Leibe musste gleichwohl sein
+peinlich Recht geschehen.
+
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
+Hatte doch auch die Buchfuehrer-Witwe Liebernickel, so unter dem
+Thurm der Kirche den gruenen Buecherschranken hat, mir am Mittage, da
+ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
+dass nun das Lied, so sie im voraus darueber habe anfertigen und
+drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
+Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
+eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, dass unser
+Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
+so gnaediglich in seinen Schoss genommen hatte.
+
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
+Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drueben von
+der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
+todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
+Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund
+in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
+Karren die Strasse herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
+und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
+fuegete er bei, "der du ein freier Vogel bist, wuerde ich aufs Dorf
+hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
+malen!"
+
+Nun war zwar festgesetzet worden, dass ich am naechstfolgenden Tage
+erst wieder hinauskaeme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
+wie er die Ungeduld in meinem Herzen schuerete; und so geschah es,
+dass alles sich erfuellen musste, was ich getreulich in diesen
+Blaettern niederschreiben werde.
+
+Am andern Morgen, als drueben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Fruehlicht blinkte, war ich schon von
+meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich ueber den Markt,
+allwo die Baecker, vieler Kaeufer harrend, ihre Brotschragen schon
+geoeffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
+Wachtmeister und die Fussknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
+bereits einen schwarzen Teppich ueber das Gelaender der grossen Treppe
+aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
+Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
+
+Als ich hinter dem Schlossgarten auf dem Steige war, sahe ich drueben
+bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
+maechtigen Holzstoss aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch
+daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
+leichten Brennstoff zwischen die Hoelzer thaten; von der Stadt her
+aber kamen schon die ersten Buben ueber die Felder ihnen zugelaufen.
+Ich achtete dess nicht weiter, sondern wanderte ruestig fuerbass, und
+da ich hinter den Baeumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
+Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten ueber die Heide
+emporstieg. Da musste ich meine Haende falten:
+
+O Herr, mein Gott und Christ,
+Sei gnaedig mit uns allen,
+Die wir in Suend gefallen,
+Der du die Liebe bist!--
+
+Als ich draussen war, wo die breite Landstrasse durch die Heide
+fuehrte, begegneten mir viele Zuege von Bauern; sie hatten ihre
+kleinen Jungen und Dirnen an den Haenden und zogen sie mit sich fort.
+
+"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
+"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."
+
+Nun, wie ich's wohl zum voraus wusste, sie wollten die Hexe, das
+junge Satansmensch, verbrennen sehen.
+
+--"Aber die Hexe ist ja todt!"
+
+"Freilich, das ist ein Verdruss", meineten sie; "aber es ist unserer
+Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
+koennen wir nicht aussen bleiben und muessen mit dem Reste schon
+fuerlieb nehmen."--
+
+--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
+schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
+Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits ueber die Heide,
+obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemueth
+verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
+Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
+Als ich auf dem Huenenhuegel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
+ueberfiel es mich, als muesse auch ich zur Stadt zurueckkehren oder
+etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
+Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
+Luft schwebete etwas wie ein Glueck, wie eine rasende Hoffnung, und
+es schuettelte mein Gebein, und meine Zaehne schlugen an einander.
+'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fuehlte mein
+Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
+Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
+Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
+seinem Dorfe zu.
+
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thuer des
+Kuesterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich
+unschluessig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen
+blieb alles ruhig; als ich aber staerker klopfte, kam des Kuesters
+alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.
+
+"Wo ist der Kuester?" fragte ich.
+
+--"Der Kuester? Mit dem Priester in die Stadt gefahren."
+
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
+dahin geschlagen.
+
+"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.
+
+Ich schuettelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
+Schule, Trienke?"
+
+--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!"
+
+Ich liess mir von der Alten das Haus aufschliessen, holte mein
+Malergeraethe und das fast vollendete Bildniss aus des Kuesters
+Schlafkammer und richtete, wie gewoehnlich, meine Staffelei in dem
+leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
+suchte damit nur mich selber zu beluegen; ich hatte keinen Sinn zum
+Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+
+Die Alte kam hereingelaufen, stoehnte ueber die arge Zeit und redete
+ueber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
+draengete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
+ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
+ich brachte das Wort nicht ueber meine Zungen. Dagegen begann die
+Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
+Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
+sei; erzaehlete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
+Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken ueber des Pastors Hausdach
+habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
+und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
+aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwaechliche
+Kreatur.
+
+Ich mochte solch Geschwaetz nicht fuerder hoeren; ging daher aus dem
+Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
+gegen die Dorfstrasse liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
+Augen nach den weissen Fenstern, konnte aber hinter den blinden
+Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
+ueberall zu sehen sind.--Ich haette nun wohl umkehren moegen; aber ich
+ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
+Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenlaeuten an mein Ohr; ich
+aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
+Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloss, und war doch ein
+tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Hoechsten Hand
+viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was kruemmete denn
+ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
+fuehren!
+
+Ich weiss nicht mehr, wohin mich damals meine Fuesse noch getragen
+haben; ich weiss nur, dass ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
+die Sonne fast zur Mittagshoehe war, langete ich wieder bei der
+Kuesterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
+Staffelei, sondern durch das Hinterpfoertlein wieder zum Hause
+hinaus.--
+
+
+Das aermliche Gaertlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
+meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
+von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
+Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
+dichter Weidenbuesche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
+dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
+wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.
+
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemuethe erfuellet von nicht zu
+zwingender Unrast, an des Kuesters abgeheimseten Bohnenbeeten
+hinging, hoerete ich von der Koppel draussen eine Frauenstimme von
+gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
+
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
+der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
+sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des
+Holundergebuesches, das hier ohne Verzaeunung in die Koppel auslaeuft,
+da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Aermchen voll Moos, wie
+es hier in dem kuemmerlichen Grase waechst, gegenueber hinter die
+Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gaertchen
+angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
+heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such
+derweil noch mehr; dort am Holunder waechst genug!"
+
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
+laengst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
+schritt sie zu mir her, so dass ich ungestoeret sie betrachten
+durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
+wieder, das sie einst gewesen war, fuer das ich den "Buhz" einst von
+dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
+war bleich und weder Glueck noch Muth darin zu lesen.
+
+So war sie maehlich naeher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
+kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Bueschen
+hinlief; doch ihre Haende pflueckten nicht davon; sie liess das Haupt
+auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
+dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.
+
+Da rief ich leise: "Katharina!"
+
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
+einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Buesche. Doch als
+ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes maechtig
+vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
+fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich
+wusste wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, dass
+du heute kommen wuerdest."
+
+Ich hoerete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
+des Predigers Eheweib?"
+
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat
+das Amt dafuer bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
+Namen."
+
+--"Mein Kind, Katharina?"
+
+"Und fuehltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoss
+gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzaehlet."
+
+--Moege keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
+du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"
+
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gaenzlich
+todtenbleich.
+
+"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
+Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kuehlen Blatte sich auf
+meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
+Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du
+wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."
+
+--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"
+
+"Leben?--Es ist ja doch ein Glueck dabei; er liebt das Kind;--was
+ist denn mehr noch zu verlangen?"
+
+--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiss er davon?"
+
+"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Suenderin zum Weibe:
+mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, dass jeder neue Tag ihm
+angehoert!"
+
+In diesem Augenblicke toenete ein zarter Gesang zu uns herueber.--
+"Das Kind", sagte sie. "Ich muss zu dem Kinde; es koennte ihm ein
+Leids geschehen!"
+
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
+"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja froehlich dort mit seinem
+Moose."
+
+Sie war an den Rand des Gebuesches getreten und horchete hinaus.
+Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
+Hauch kam von der See herauf Da hoerten wir von jenseits durch die
+Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:
+
+Zwei Englein, die mich decken,
+Zwei Englein, die mich strecken,
+Und zweie, so mich weisen
+In das himmlische Paradeisen.
+
+Katharina war zurueckgetreten, und ihre Augen sahen gross und
+geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
+leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"
+
+Ich wollte sie an mich reissen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
+doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
+Mannes Weib; vergiss das nicht."
+
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
+"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
+bevor du sein geworden?"
+
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Haende vor
+ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer
+Leib!"
+
+Da wurd ich meiner schier unmaechtig; ich riss sie jaeh an meine Brust,
+ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
+wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
+Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbruenstiglich; ich
+haette sie toedten moegen, wenn wir also mit einander haetten sterben
+koennen. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
+weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Kuessen: "Es ist
+ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"
+
+--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
+aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hoerte. Der
+Ruf kam von drueben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
+haerter rief es: "Katharina!"
+
+Da war das Glueck vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
+mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+
+--Als ich in die Kuesterei trat, war auch schon der Kuester wieder da.
+Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
+einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
+waeret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
+die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."
+
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
+durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+
+"Was war das, Kuester?" rief ich.
+
+Der Mann riss ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
+nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drueben von der Priesterkoppel kam's."
+
+Indem war auch die alte Trienke in die Thuer gekommen. "Nun, Herr?"
+rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
+gefallen!"
+
+--"Was soll das heissen, Trienke?"
+
+"Das soll heissen, dass sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
+dem Wasser ziehen."
+
+Ich stuerzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
+Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
+Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
+bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, dass ich durch das
+weisse Pfoertchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus
+wollte, trat er selber mir entgegen.
+
+Der grosse knochige Mann sah gar wueste aus; seine Augen waren
+geroethet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was
+wollt Ihr?" sagte er.
+
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich
+denn eigentlich?
+
+"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet."
+
+Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich.
+
+Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."
+
+--"So lasst mich zu meinem todten Kinde!"
+
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, draengete er
+mich zurueck. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
+schreit zu Gott aus ihren Suenden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer
+armen Seelen Seligkeit!"
+
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
+des Predigers Worte gruben sich in mein Gedaechtniss. "Hoeret mich!"
+sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofuer dereinst mich Gott
+in seiner Gnade wolle buessen lassen, und Ihr vermuthendlich auch
+mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
+eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Fruehe
+wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder
+meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
+ausgelebet, moeget Ihr das Bildniss stiften. Moeg es dort die
+Menschen mahnen, dass vor der knoechern Hand des Todes alles Staub
+ist!"
+
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
+Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, dass alles so
+geschehen moege.
+
+--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
+Schuld und Busse gleich einem Blitze jaehlings aus dem Dunkel hob, so
+dass ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
+Spectacul, dem er heute assistiren muessen, hart ergriffen war,
+hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er
+sich auf "Ich muss noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
+Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
+Da wirst du sehen, dass Herrn Gerhardus' Hof in fremde Haende kommen,
+massen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biss
+gar jaemmerlichen Todes verfahren ist."
+
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
+es fehlte nicht viel, dass ich getaumelt waere. Mir war's bei dieser
+Schreckenspost, als spraengen des Paradieses Pforten vor mir auf;
+aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
+stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hueter, Hueter, war
+dein Ruf so fern!--Dieser Tod haette uns das Leben werden koennen;
+nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.
+
+Ich sass oben auf meiner Kammer. Es wurde Daemmerung, es wurde Nacht;
+ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
+mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
+Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
+sei der Kirchthurm drueben meinem Fenster nah gerueckt; ich fuehlte
+die Glockenschlaege durch das Holz der Bettstatt droehnen, und ich
+zaehlete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich daemmerte
+der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten ueber
+mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
+Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Ruecken.
+
+Aber so fruehe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
+der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur
+und sagte, dass die Holztafel richtig angelanget, auch meine
+Staffelei und sonstiges Malergeraeth aus dem Kuesterhause
+heruebergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke
+einer Stubenthuer.
+
+Ich jedoch hielt ihn zurueck und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
+ist, so wollet mir vergoennen, bei meinem schweren Werke allein zu
+sein!"
+
+"Es wird Euch niemand stoeren", entgegnete er und zog die Hand
+zurueck. "Was Ihr zur Staerkung Eueres Leibes beduerfet, werdet Ihr
+drueben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thuer an der
+anderen Seite des Flures; dann verliess er mich.
+
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es
+war todtenstill im Hause; eine Weile musste ich mich sammeln, bevor
+ich oeffnete.
+
+
+Es war ein grosses, fast leeres Gemach, wohl fuer den
+Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weissgetuenchten Waenden;
+die Fenster sahen ueber oede Felder nach dem fernen Strand hinaus.
+Inmitten des Zimmers aber stund ein weisses Lager aufgebahret. Auf
+dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
+kleinen Zaehne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein bruenstiglich
+Gebet. Dann ruestete ich alles, wie es zu der Arbeit noethig war;
+und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muss, die nicht
+zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von
+der andauernden grossen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
+hielt und horchte, so wusste ich bald, es sei nichts da gewesen.
+Einmal auch war es, als draengen leise Odemzuege an mein Ohr.--Ich
+trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
+Muendlein niederbeugete, beruehrte nur die Todeskaelte meine Wangen.
+
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thuer im Zimmer; sie mochte zu
+einer Schlafkammer fuehren, vielleicht dass es von dort gekommen war!
+Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
+eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.
+
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
+und malete weiter; und da ich die leeren Haendchen ansahe, wie
+sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
+doch musst du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
+Bildniss ihm eine weisse Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
+damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der
+Gegend hier, und mocht es also ein erwuenschet Angebinde sein.
+
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermuedeter
+Leib verlangte Staerkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette
+fort und ging ueber den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
+angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, waere ich vor
+Ueberraschung bald zurueckgewichen; denn Katharina stund mir
+gegenueber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
+Zauberschein, so Glueck und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
+moegen.
+
+Ach, ich wusste es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
+Bildniss, das ich selber einst gemalet. Auch fuer dieses war also
+nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
+selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
+hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniss an; die alte
+Zeit stieg auf und quaelete mein Herz. Endlich, da ich musste, brach
+ich einen Bissen Brot und stuerzete ein paar Glaeser Wein hinab; dann
+ging ich zurueck zu unserem todten Kinde.
+
+Als ich drueben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
+zeigete es sich, dass in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
+weniges sich gehoben hatten. Da bueckete ich mich hinab, im Wahne,
+ich moechte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
+kalten Augensterne vor mir lagen, ueberlief mich Grausen; mir war,
+als saehe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
+noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz kuenden: "Mein Fluch hat
+doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich haette es um alle
+Welt nicht lassen koennen--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
+blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
+bitteren Thraenen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein,
+mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
+zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
+ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer
+Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
+deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
+hinabgerissen."
+
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drueckte
+ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in
+ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
+Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heissen: Culpa Patris Aquis
+Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
+dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
+Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.
+
+Waehrend meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
+fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
+Thuer, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
+leises Geraeusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
+bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht
+entraethseln.
+
+Es war schon spaet. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
+Gehen wenden; aber mir war, als muesse ich noch einen Abschied
+nehmen, ohne den ich nicht von hinnen koenne.
+
+So stand ich zoegernd und schaute durch das Fenster auf die oeden
+Felder draussen, wo schon die Daemmerung begunnte sich zu breiten; da
+oeffnete sich vom Flure her die Thuer und der Prediger trat zu mir
+herein.
+
+Er gruesste schweigend; dann mit gefalteten Haenden blieb er stehen
+und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
+kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
+Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
+fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Haende auf, und ich sahe,
+wie seinen Augen jaehlings ein reicher Thraenenquell entstuerzete.
+
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief ueberlaut:
+"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!"
+
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
+Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Haenden an der Thuer; ich
+hoerte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
+Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thuere
+nieder, und das Geraeusch vom Falle eines Koerpers wurde hoerbar.
+
+"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und
+ruettelte an der Klinke der fest verschlossenen Thuer; da legte die
+Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
+er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und moege Gott uns allen
+gnaedig sein!"
+
+--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
+wanderte ich schon draussen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurueck,
+das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein
+todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
+in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
+wurde ploetzlich mir bewusst, dass ich vom fernen Strand die Brandung
+toesen hoerete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
+ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres toenete es mir
+immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
+aquis submersus!
+
+
+Hier endete die Handschrift.
+
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefuehl seiner Kraft
+vermessen, dass er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Groesseren
+gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
+gesprochen.
+
+Sein Name gehoert nicht zu denen, die genannt werden; kaum duerfte er
+in einem Kuenstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
+engeren Heimat weiss niemand von einem Maler seines Namens. Des
+grossen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
+Erwaehnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
+nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
+Kunstschaetzen derselben verschleudert und verschwunden.
+Aquis submersus
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
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+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
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+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
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@@ -0,0 +1,3309 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Aquis Submersus
+
+Author: Theodor Storm
+
+Posting Date: October 5, 2014 [EBook #8889]
+Release Date: September, 2005
+First Posted: August 21, 2003
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
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+Produced by an anonymous Project Gutenberg volunteer from
+files obtained from Gutenbert Projekt-DE.
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+
+Aquis submersus
+
+Theodor Storm
+
+Novelle (1876)
+
+
+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit
+Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren
+schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile
+angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen
+ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen,
+so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie
+gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns
+nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
+treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach
+dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der
+nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
+eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
+Wege steht.
+
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
+Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu
+ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
+schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo,
+kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher
+belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
+von den Stätten meiner Jugend.
+
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
+"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am
+Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
+Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu
+unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf
+der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig,
+wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
+der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten
+auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen
+Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne
+goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
+harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
+sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause
+zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
+hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch
+um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den
+langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem
+dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
+aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
+Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.
+
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
+wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der
+Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur
+die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
+Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des
+bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des
+Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
+erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
+wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel",
+zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit
+dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
+Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
+abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
+die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
+tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
+gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht
+umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir
+"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere
+auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
+Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer
+geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen
+Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem
+des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
+wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren
+Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine
+freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil
+wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
+in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
+den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
+auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,
+wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine
+dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
+der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
+nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den
+Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
+in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
+Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten
+und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach
+des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
+und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
+die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
+Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
+der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
+stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß
+er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten,
+die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst
+vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
+Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
+aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
+übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem
+Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
+an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
+Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung
+aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
+auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
+dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
+oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
+des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im
+Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das
+holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte
+leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
+können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des
+Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
+im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
+eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
+besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen
+bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
+Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
+Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
+diesem Bilde stand.
+
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
+Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen
+und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen
+Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
+der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
+Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
+her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
+phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
+des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
+selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des
+Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
+gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
+
+--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien
+dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
+Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
+Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau;
+da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde
+weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
+trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
+rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die
+aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
+Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem
+westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den
+ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
+Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben
+Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte
+tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
+Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines
+Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
+welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht
+gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
+umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig
+holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.
+
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am
+Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
+besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
+roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
+jetzt entgangen waren.
+
+"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
+"aber wir können sie nicht enträtseln."
+
+"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
+nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten
+Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
+wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
+vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit!
+Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert
+ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen
+Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer;
+wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß
+gefährlich."
+
+Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch
+wohl 'Culpa' heißen?"
+
+"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen
+Schuld?"
+
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
+und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"
+
+Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund",
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld
+des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen
+seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er
+dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."
+
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
+und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
+ein Geheimnis der Vergangenheit.
+
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
+vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
+gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden;
+daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler
+altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
+jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher
+in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
+wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen.
+Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
+Malerzeichen.
+
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb
+der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später
+ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
+ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
+als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
+daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei
+guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit
+gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
+Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten
+hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
+fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde:
+
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
+Also sind auch die Menschenkind.
+
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
+denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
+mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte.
+Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
+sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer
+alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
+Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit
+Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen
+Gast dafür gewünscht.
+
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein
+ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen
+beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen
+Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei
+uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
+da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne
+Aussicht ganz verdeckt hätten.
+
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während
+wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des
+Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
+Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze
+Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte
+einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
+dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
+diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche
+sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
+Kriegshandwerke beschäftigten.
+
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich
+gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
+mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
+in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden
+Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
+längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
+zugedrückt hatte.
+
+"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich
+bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner
+Auseinandersetzung innegehalten hatte.
+
+Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es
+sind noch andre Siebensachen von ihm da."
+
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
+auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
+eingeschnitten waren.
+
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
+der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
+vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.
+
+"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich.
+
+"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie
+die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
+Wert steckt nicht darin."
+
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
+Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich
+mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl
+setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
+doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine
+Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
+
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+
+
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
+Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke
+hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich
+fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der
+See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar
+Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
+tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über
+Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den
+Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte.
+
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
+seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein
+theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
+Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
+einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
+itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
+fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher
+Degen fehlte nicht an meiner Hüfte.
+
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
+Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der
+Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit
+seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"
+
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige
+Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
+auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen,
+so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
+wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
+einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather
+gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
+doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
+seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
+verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
+aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter
+dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister
+van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.
+
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf
+seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu
+danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
+war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß
+die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum
+Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja
+selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.
+Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
+zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall;
+manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
+Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
+niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem
+Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen
+trieb.
+
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
+Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
+möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe;
+dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
+Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber
+tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
+Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
+edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
+angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben
+Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
+mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in
+seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
+vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
+Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
+rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.
+
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
+Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe
+nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft
+des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
+Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen
+eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
+zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.
+
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn
+alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
+umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
+Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
+seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
+flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.
+
+"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es
+sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende
+Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit.
+Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen
+einzig Geschwister.
+
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
+ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
+neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ;
+ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens
+aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
+Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
+Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen
+zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen,
+und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem
+Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
+
+"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
+in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du
+ja nicht schießen!"
+
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
+Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille
+stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie
+entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft.
+
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
+Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein
+erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
+"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub
+gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte
+ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf
+dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
+Vöglein in die Luft.
+
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
+einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich.
+Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
+von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
+Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
+Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
+und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
+Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
+Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst;
+sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
+allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
+merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern
+gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes,
+der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
+oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
+in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
+des Gartens hinanzieht.
+
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals
+zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
+stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb.
+
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
+Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
+verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
+Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
+sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
+beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur
+Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ
+das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen
+Tricotage neben ihr.
+
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
+mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
+mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
+den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
+alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei
+seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten
+Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf
+alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer
+widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich
+aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
+oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
+Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab,
+obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.
+
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,
+sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
+Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
+spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich,
+Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
+Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir
+gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
+noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie
+ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig
+Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder
+zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und
+flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem
+jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
+wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz
+und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron!
+Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei
+den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen.
+Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.
+
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
+zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
+nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde
+dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
+Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
+gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
+nehmen wollte.
+
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß
+Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena
+gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön
+erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre
+Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas'
+Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da
+ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes",
+sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem
+Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
+von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
+traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und
+sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.
+
+
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
+Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
+Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne
+ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und
+stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den
+Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
+weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam
+vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn
+mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!"
+sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in
+stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem
+Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie
+hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth
+des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing
+ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem
+Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen
+fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in
+meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und
+du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
+Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
+reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und
+wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich
+sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
+Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
+Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich
+das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner
+Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
+das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in
+Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
+Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
+rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
+Nacht erreichte ich die Stadt.
+
+--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute
+alles wiederfinden?
+
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
+Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des
+Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg
+gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit
+Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
+erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
+seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen
+Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem
+Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
+traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen
+von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür,
+so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
+
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde
+gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine
+sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich
+hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
+beiden Hände.
+
+"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet
+Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?"
+
+"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
+hergebracht."
+
+"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.
+
+"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg
+her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben."
+
+"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
+er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!"
+
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
+dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
+gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen."
+
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
+anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
+den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret
+mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post
+von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
+können."
+
+"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!"
+
+"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
+unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
+und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders
+werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet
+Schweigen."
+
+Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!"
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
+kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt
+war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
+
+Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
+es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über
+den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam
+oben aus den Lindenwipfeln.
+
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
+trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
+Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
+Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er
+itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem
+Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des
+Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
+Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.
+
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
+herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O
+Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und
+über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es
+war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht
+des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das
+spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe;
+aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,
+und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.
+
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
+ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
+zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und
+lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden
+Züge festzuhalten suchen."
+
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu
+mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf
+einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz
+nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine
+vor der Majestät des Todes.
+
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich
+für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
+nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
+einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
+deuchte.
+
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
+Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
+gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
+wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange,
+so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben
+Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
+fühlte, wie ihr junger Körper bebte.
+
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte
+den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
+und aufgedunsen schien.
+
+"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
+"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
+bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!"
+
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
+kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
+ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"
+
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er
+musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da
+einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
+müssen!"
+
+"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
+hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
+vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn
+hat großes Recht an mir."
+
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
+magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und
+soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein."
+
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst
+vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
+wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für
+Arbeit er mir aufzutragen hätte.
+
+"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
+verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben."
+
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
+ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
+entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
+denn, Junker Wulf?"
+
+"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
+"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!"
+
+Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über
+den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
+Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.
+
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
+mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
+vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
+Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein
+Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
+geschehen, was Ihr wünschet."
+
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
+möge einen Imbiß für mich richten lassen.
+
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
+ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war
+plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete,
+sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo
+grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
+heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf
+und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen
+Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
+heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er
+lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
+Flandrisch Tuch!"
+
+"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
+"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget
+Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"
+
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar
+Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß,
+Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die
+Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander
+Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
+hetz ich in des Teufels Rachen!"
+
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich
+hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den
+Hof dem Thore zu.
+
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
+die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
+Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
+wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
+in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
+wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die
+Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen,
+über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren
+Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben
+daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
+Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
+obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
+doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet.
+
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da
+ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
+und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt
+hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte
+sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
+seine grimmen Hunde?"
+
+"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres
+Vaters Haus?"
+
+"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
+Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz.
+"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
+Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
+hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
+hilf mir!"
+
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
+ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle
+meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren
+Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des
+Entschlafenen Gedächtniß.
+
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
+dem alten Fräulein nach.
+
+"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja,
+die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
+Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich."
+
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf
+den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der
+Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und
+Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem
+hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
+nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
+war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung
+mitgebracht.
+
+"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie
+behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er
+wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu
+très-compliqué!"
+
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an.
+"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn
+nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?"
+
+"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
+trat, wußte ich es nicht."
+
+"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret
+Er ja auch nicht zur Dienerschaft."
+
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich
+jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der
+alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
+dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
+dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den
+Scheiben.
+
+Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären,
+die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne
+ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
+abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
+Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
+Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
+
+--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
+es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
+alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir
+auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
+von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
+Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
+holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
+fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
+müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen
+Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können,
+brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an.
+
+"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß
+Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!"
+
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
+seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
+Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich
+bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."
+
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
+fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann
+geworden.
+
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
+Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet
+Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen
+muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die
+Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat
+treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu
+spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin
+den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
+mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
+Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am
+Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
+also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
+blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr
+mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
+Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und
+dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
+Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."
+
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
+mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner
+Rede Schluß gemacht.
+
+--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt
+gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich
+anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die
+Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich,
+es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
+ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von
+lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem
+Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern
+des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und
+Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
+selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene
+Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren
+gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
+in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
+Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in
+verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es
+später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier
+in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
+ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
+schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
+Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
+wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
+Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
+Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über
+hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den
+Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
+als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete
+eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
+sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte
+zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
+wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon
+heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
+ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und
+drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
+Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich
+wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen
+Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling
+soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die
+beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
+Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und
+den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
+hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl,
+so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den
+Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
+Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
+Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte
+sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker
+aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
+festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
+wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu
+wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
+
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
+geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
+des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine
+bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen
+dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!
+
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
+aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen
+aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker
+Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
+nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in
+der Kürze alle wieder abgezogen sind.
+
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk
+begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
+belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam
+Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
+und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
+geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
+solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
+Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
+ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
+die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu
+stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten
+Tagen angefertigt.
+
+
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
+öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
+trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich
+empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen;
+aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
+junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.
+
+"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;
+duldet Ihr's auch gern?"
+
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte
+leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"
+
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein,
+Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
+Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht!
+Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu
+sagen!"
+
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr
+noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
+niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob
+dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm
+zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
+mir wider den!"
+
+"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"
+
+--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
+zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich
+den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
+hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
+aber ich weiß, auch das wird er nicht halten."
+
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
+einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
+Zuflucht anzugehen sei.
+
+Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
+Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort,
+und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
+meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte,
+wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der
+gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
+Erdenschlummer zugedecket."
+
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet,
+und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen
+wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
+vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen
+Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den
+Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete.
+Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.
+
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der
+Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;
+gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder
+glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
+ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
+an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein
+und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
+dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein
+Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der
+Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
+bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
+Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm
+getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
+nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne
+Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr
+vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf
+den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so
+trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend."
+Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
+Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater
+war!"
+
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
+meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur
+gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
+malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und
+jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
+nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
+wünschend.
+
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
+Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken.
+
+--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der
+Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den
+Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
+Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
+wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille
+stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
+Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte
+ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr
+erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner
+Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
+Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann
+gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
+mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei
+blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde
+Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
+Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch
+wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch
+floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir
+selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor
+und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
+endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
+sollte ich meine Reise antreten.
+
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch
+einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
+wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
+noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
+schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in
+Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
+
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
+Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen
+Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
+Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.
+
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
+fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?"
+
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die,
+Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."
+
+"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
+gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die
+Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat
+sie hier gehauset."
+
+"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies
+Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."
+
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte
+sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
+aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der
+nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
+gewesen sein."
+
+"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
+aus dem Boden."
+
+"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich
+noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht
+sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem
+Gartensumpf verschwinden."
+
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
+des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"
+
+"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast
+verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."
+
+--"War es denn ein gar so übler Mann?"
+
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes
+Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie
+beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
+hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
+ihres Standes."
+
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit
+gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
+Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild
+gewesen.
+
+So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
+malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"
+
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
+war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem
+Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch
+dich verflucht?"
+
+Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
+meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
+Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+
+Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
+mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns
+deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
+zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die
+wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
+"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
+besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"
+
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen
+die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
+Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
+das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
+zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
+mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie
+sie da im Bilde sitzet?"
+
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
+bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an
+unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
+ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl
+bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine
+Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
+nicht wohl gedienet."
+
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
+noch hie und da zu schaffen.
+
+"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"
+
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig
+Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
+kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
+konnten.
+
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
+Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
+Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
+von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den
+Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
+oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen
+gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
+abends bei guter Zeit in Hamburg an.
+
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
+Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur
+zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
+brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
+das alles wohl verpacket nachzusenden.
+
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
+vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers
+Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
+Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
+Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen;
+sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
+Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
+den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg
+wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
+Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
+doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
+sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
+meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
+getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
+hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.
+
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
+Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
+Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
+Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
+an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des
+Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte,
+selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und
+hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und
+setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein
+ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete.
+
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
+rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
+bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
+anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen
+mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm
+Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende
+Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
+immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.
+
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
+sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
+Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
+Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
+an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
+Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des
+Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.
+
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,
+welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist.
+Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen
+Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
+schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber
+wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
+bestellen.
+
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
+grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
+mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche
+vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
+ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
+der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber
+sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
+in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
+dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die
+dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als
+ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
+gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
+den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
+entgegen.
+
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
+und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die
+Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern,
+und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch
+beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der
+Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
+schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
+dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur
+Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den
+Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund
+der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm,
+an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein
+schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen
+aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und
+verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
+sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
+toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und
+schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
+drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
+dem Geier.
+
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
+Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
+den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in
+Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
+schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich
+um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ
+er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
+nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget;
+ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde
+der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
+mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen.
+
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
+der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
+kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die
+Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den
+leeren Stuhl hernieder.
+
+"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
+Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein
+ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
+Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"
+
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
+nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.--
+Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem
+von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.
+
+"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd
+die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+
+"Glück in der Lieb
+Und Glück im Spiel,
+Bedenk, für einen
+Ist's zu viel!
+
+"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß
+sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."
+
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
+von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
+und sah gar grimmig auf mich her.
+
+"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich,
+als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
+getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
+Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."
+
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
+Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti
+Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
+Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
+gewesen."
+
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein
+mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
+Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit
+mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht
+lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!"
+schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar
+doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang
+geschickt?"
+
+"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug
+sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
+fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da
+ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß
+ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du
+findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet
+sehen!"
+
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der
+Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann.
+Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
+mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich
+ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
+stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
+als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl,
+daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe.
+
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
+seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen;
+mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
+seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
+noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!"
+Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der
+Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
+springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der
+Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings
+meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem
+Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
+Freie.
+
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
+zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das
+Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
+Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
+Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der
+Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber
+meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
+Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig
+vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
+meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
+berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß
+meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
+Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten
+Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
+vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
+Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die
+Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin
+richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten
+hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
+erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe
+nicht gar weit mehr hatte.
+
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
+aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr,
+das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht
+zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
+hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter
+mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des
+Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem
+Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
+Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im
+Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
+Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
+in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch
+einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt
+geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor
+geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier
+vergäßest."
+
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen;
+denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich
+die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer
+rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
+überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und
+rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
+drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als
+eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
+Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
+der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
+die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
+war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht
+mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
+geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.
+
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben
+schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
+suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte;
+aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich
+her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen,
+und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören,
+wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!--
+"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen,
+und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß
+die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
+Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?"
+
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich
+gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
+Entsetzen in die Tiefe starrten.
+
+"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich
+mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das
+Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
+stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten
+ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß
+hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte,
+schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest
+gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
+schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
+Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
+ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?"
+
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
+fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!"
+
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
+fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was
+ist das mit den Hunden?"
+
+"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
+es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal
+durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
+Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie
+ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.
+
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
+schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
+uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
+sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
+Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.
+
+"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
+Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit
+ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?"
+
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du,
+Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß
+geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort!
+Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"
+
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
+wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich,
+"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
+wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."
+
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
+Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte,
+du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund
+des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"
+
+"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
+und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in
+Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen
+Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
+ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich
+drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn
+ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
+dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten
+Junker!"
+
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete
+mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
+werd ich doch dein Weib auch werden müssen."
+
+--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
+Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von
+dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
+verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
+Schoß.
+
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings
+stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und
+wild davon rennen.
+
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der
+Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-,
+dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf",
+sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
+gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs
+gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern
+Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
+Dann wurde alles still.
+
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
+war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf
+zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll
+ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.
+
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
+ging nicht.
+
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
+Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten
+um die Hecken fließt.--
+
+
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die
+schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
+Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
+Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von
+Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete
+die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?
+
+--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne
+krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen
+hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten
+der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann
+aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
+geschreckt, mich fort.
+
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das
+Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald
+uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen--
+stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
+aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum
+Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
+bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren
+Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter
+einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
+mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern
+gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß
+solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins
+von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
+nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir
+vorgegaukelt hätten.
+
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
+merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
+sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob
+ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das
+Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über
+die Mauer in den Wald hinab.
+
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;
+hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
+Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
+Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach.
+Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über
+mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich
+all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
+auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
+Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß
+dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'
+
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
+Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann
+zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte
+und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie
+gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
+mußte auch gehen ohne das!
+
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des
+grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom
+Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
+Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem
+Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
+geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger
+und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück
+erreichen.
+
+--Es ist doch anders kommen.
+
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und
+trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings
+hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
+der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
+gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber
+da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
+auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß
+geworfen hattet."
+
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht
+wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
+der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
+gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."
+
+"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
+auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit
+solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."
+
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot
+und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
+Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans
+Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen
+lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
+zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von
+wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken
+ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu
+Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann
+in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
+Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht
+ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu
+zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
+gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
+gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie
+dort in unsre Kammer führen würde.
+
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie
+zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich
+die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
+nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß
+die Zeit vergehe.
+
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
+von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten
+von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und
+verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt
+war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
+unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
+ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den
+Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
+anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
+gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon
+leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.
+
+Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn?
+Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen,
+ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung
+durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
+nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
+Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.
+
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
+dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
+begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
+auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
+sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit
+unsern Junkern vorgehabt?"
+
+"Warum fragst du, Dieterich?"
+
+--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten
+möcht."
+
+"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+
+"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
+Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
+einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
+im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben
+unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
+mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme
+unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete
+einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
+feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
+hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr
+Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
+wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit
+drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's
+ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."
+
+"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+
+"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker
+wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
+wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf
+gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können."
+
+Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"
+
+--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"
+
+"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe."
+
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet
+nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten,
+was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
+gewußt!"
+
+"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+
+Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das
+weiß nur unser Herrgott!"
+
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei
+eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
+befragte.
+
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
+betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war
+hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart
+Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und
+zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen
+ganzen Sinnen hier verweile.
+
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
+Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu
+mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
+Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den
+Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
+wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"
+
+"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm
+trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in
+Euere Kammer fahren!"
+
+--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"
+
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
+Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
+Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort,
+Herr Junker!"
+
+Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
+erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
+langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein
+paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
+und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden
+Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
+den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
+beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien
+solch Stück Arbeit nachgelassen!"
+
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
+schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf",
+sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
+kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
+einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
+gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"
+
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz
+starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
+schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und
+hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
+gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.
+
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
+Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
+mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen
+jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten
+Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
+vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon
+herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
+keine Kunde.
+
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
+Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem
+Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen
+Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine
+Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe
+niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
+Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
+zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch
+glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.
+
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
+Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als
+Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
+Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
+Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen
+Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
+nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
+allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
+daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
+niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
+ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen
+möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen,
+aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen
+auszurichten er mir dann gelobete.
+
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich,
+gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die
+letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
+langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
+holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
+liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
+glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort
+zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
+Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
+waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher
+wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich
+gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein
+sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
+dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
+daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um
+auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
+einzufahren.
+
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes
+war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner
+Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was
+vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.
+
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
+Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
+willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte
+in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte
+Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste
+auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
+mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt.
+Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
+Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
+Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.
+
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
+grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
+statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
+Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.
+
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor
+nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald,
+an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon
+die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie
+mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
+sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und
+schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in
+Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.
+
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
+munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr
+nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein
+Malerpinsel."
+
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
+hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
+dem alten Dieterich.
+
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee,
+wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn
+auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans
+Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für
+ihn auch besser so."
+
+"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"
+
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
+von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
+und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
+der Risch?"
+
+"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
+ihn schon zu Richte setzen wird."
+
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
+daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den
+Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
+Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn
+Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker
+mit einander hauseten.
+
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet
+wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern
+könnten!"
+
+"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
+aufs Herz.
+
+"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
+die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
+besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
+hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen;
+denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen
+Spiel gemachet haben."
+
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
+worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!"
+schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina
+sei mein Eheweib geworden?"
+
+"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
+schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht
+die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im
+Schloß nicht mehr gesehen worden."
+
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
+wisse nichts von alledem.
+
+Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
+es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
+großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
+Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
+Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über
+den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie
+deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit
+jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß
+gewesen.
+
+--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
+nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte
+Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
+machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
+aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen
+mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
+gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich
+also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
+Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch,
+es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem
+nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
+von Herrn Gerhardus' Hofe.
+
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach
+Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu
+dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
+Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
+Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden;
+wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
+Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen
+Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem
+Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
+größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+
+
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir
+liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein,
+meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
+meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
+belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.
+
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der
+Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
+Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte
+nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer
+aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
+in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
+zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer
+erschienen. Es lautete wie folgt:
+
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,
+Also sind ock de Minschenkind.
+
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem
+Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich
+allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
+Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
+blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
+ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
+gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er
+nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des
+Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein,
+ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
+Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
+Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit
+meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
+ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
+dir nicht habe anvertrauen mögen.
+
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
+Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
+Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
+zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der
+hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
+denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
+schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus
+Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
+sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit
+allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
+einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
+der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
+war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
+Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem
+es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt
+als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
+vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
+eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
+bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
+Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn
+allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir
+hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer
+Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
+gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
+untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der
+auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
+obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
+meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die
+Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
+Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
+mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
+müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft
+nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und
+sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem
+Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da
+ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
+und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
+Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
+als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich
+zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn
+Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem
+Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
+mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
+entgegentreten!
+
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
+auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster
+setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt
+hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die
+Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
+Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast
+mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper
+müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand
+keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren
+rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und
+feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen
+und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
+wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
+ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die
+Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war
+es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
+Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
+wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
+Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
+Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
+paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
+Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott
+und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
+dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--
+
+
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme
+meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
+großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon
+sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
+dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
+angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
+von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
+Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
+Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von
+dannen schritt.
+
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich
+hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
+darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und
+erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des
+Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein
+wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte,
+daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters
+halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber
+meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes
+einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
+eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen
+allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
+sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu
+machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
+Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben
+viel darum.
+
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
+auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen
+aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
+konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen.
+
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
+gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen
+Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
+für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
+plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
+Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
+eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur
+mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich
+ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht
+befindlich sei.
+
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
+schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
+ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
+erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
+Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
+so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder,
+die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus
+geschicket.
+
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße
+des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth,
+deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
+hinausbefördert werden.
+
+Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn
+ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer
+Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
+wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er
+nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit
+Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der
+Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
+gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
+haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
+der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
+mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
+adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben
+aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
+Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch
+Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+
+
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über
+die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits
+ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese
+Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
+grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
+Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
+mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor
+mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen
+Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch-
+und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
+heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.
+
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
+gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
+Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
+willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
+sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
+sehen."
+
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
+denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
+seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
+das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
+führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast
+winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.
+
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so
+gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
+daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach
+Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
+kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet,
+und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie
+oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
+Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
+Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er,
+"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
+großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
+auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
+auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."
+
+Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
+ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'
+
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
+dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die
+zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde
+er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
+vor unseren Augen ausgebreitet lag.
+
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
+mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
+eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
+Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier
+in gar sondere Gesellschaft kommen.
+
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
+Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der
+Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
+ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister,
+machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit."
+
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
+für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget,
+fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
+Bruder mir war gerühmet worden.
+
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da
+kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus
+der Kirche schaffen ließ."
+
+Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands
+Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"
+
+"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
+überliefert worden."
+
+--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
+suchen?"
+
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
+den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines
+halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König
+die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
+nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht
+zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben
+in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen
+lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus
+zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der
+Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
+gebuhlt!"
+
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
+liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
+schmiegte.
+
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
+danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine
+edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
+
+
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide
+nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
+antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
+rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und
+schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz,
+dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch
+habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
+erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser
+Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
+letzten darin sollen beschlossen sein.--
+
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
+auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
+stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
+Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße,
+antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße
+ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
+überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
+Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses
+Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
+aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das
+unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die
+Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten
+Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl
+dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
+sein?'--
+
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
+befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
+man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
+und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
+Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von
+Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die
+Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
+Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche
+Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen,
+in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
+und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres
+finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+
+--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die
+Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger
+Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
+
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
+Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die
+Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte
+schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der
+Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
+mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
+einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
+Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
+einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
+Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
+so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
+Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
+dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
+Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
+Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen
+blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne
+denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
+gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein!
+
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
+mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
+aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!"
+sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide
+ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit;
+aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und
+wider stolpern."
+
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
+von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
+daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
+eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben
+wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem
+Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen
+unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
+Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
+der Flammen singen zu hören!"
+
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
+Stadt lag wieder still und dunkel.
+
+"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet."
+
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt
+ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so
+wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
+verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
+aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein
+peinlich Recht geschehen.
+
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
+Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem
+Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da
+ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
+daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und
+drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
+Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
+eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser
+Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
+so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.
+
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
+Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von
+der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
+todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
+Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund
+in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
+Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
+und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
+fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf
+hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
+malen!"
+
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage
+erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
+wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es,
+daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen
+Blättern niederschreiben werde.
+
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von
+meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt,
+allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon
+geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
+Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
+bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe
+aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
+Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
+
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben
+bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
+mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch
+daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
+leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her
+aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen.
+Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und
+da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
+Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide
+emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten:
+
+O Herr, mein Gott und Christ,
+Sei gnädig mit uns allen,
+Die wir in Sünd gefallen,
+Der du die Liebe bist!--
+
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide
+führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre
+kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+
+"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
+"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."
+
+Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das
+junge Satansmensch, verbrennen sehen.
+
+--"Aber die Hexe ist ja todt!"
+
+"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer
+Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
+können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon
+fürlieb nehmen."--
+
+--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
+schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
+Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide,
+obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth
+verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
+Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
+Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
+überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder
+etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
+Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
+Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und
+es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander.
+'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein
+Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
+Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
+Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
+seinem Dorfe zu.
+
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
+Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich
+unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen
+blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters
+alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.
+
+"Wo ist der Küster?" fragte ich.
+
+--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren."
+
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
+dahin geschlagen.
+
+"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
+Schule, Trienke?"
+
+--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!"
+
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
+Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
+Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
+leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
+suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
+Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete
+über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
+drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
+ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
+ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die
+Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
+Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
+sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
+Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach
+habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
+und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
+aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche
+Kreatur.
+
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem
+Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
+gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
+Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden
+Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
+überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich
+ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
+Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich
+aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
+Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein
+tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand
+viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn
+ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
+führen!
+
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen
+haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
+die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der
+Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
+Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause
+hinaus.--
+
+
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
+meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
+von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
+Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
+dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
+dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
+wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.
+
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
+zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten
+hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von
+gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
+
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
+der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
+sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des
+Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft,
+da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie
+es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die
+Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen
+angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
+heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such
+derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!"
+
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
+längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
+schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten
+durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
+wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von
+dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
+war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.
+
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
+kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen
+hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt
+auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
+dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.
+
+Da rief ich leise: "Katharina!"
+
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
+einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als
+ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig
+vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
+fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich
+wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß
+du heute kommen würdest."
+
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
+des Predigers Eheweib?"
+
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat
+das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
+Namen."
+
+--"Mein Kind, Katharina?"
+
+"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß
+gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet."
+
+--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
+du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"
+
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich
+todtenbleich.
+
+"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
+Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf
+meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
+Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du
+wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."
+
+--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"
+
+"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was
+ist denn mehr noch zu verlangen?"
+
+--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?"
+
+"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe:
+mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!"
+
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.--
+"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein
+Leids geschehen!"
+
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
+"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem
+Moose."
+
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus.
+Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
+Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die
+Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:
+
+Zwei Englein, die mich decken,
+Zwei Englein, die mich strecken,
+Und zweie, so mich weisen
+In das himmlische Paradeisen.
+
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und
+geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
+leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"
+
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
+doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
+Mannes Weib; vergiß das nicht."
+
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
+"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
+bevor du sein geworden?"
+
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor
+ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer
+Leib!"
+
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,
+ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
+wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
+Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich
+hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben
+können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
+weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist
+ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"
+
+--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
+aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der
+Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
+härter rief es: "Katharina!"
+
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
+mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+
+--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da.
+Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
+einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
+wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
+die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."
+
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
+durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+
+"Was war das, Küster?" rief ich.
+
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
+nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's."
+
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?"
+rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
+gefallen!"
+
+--"Was soll das heißen, Trienke?"
+
+"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
+dem Wasser ziehen."
+
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
+Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
+Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
+bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das
+weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus
+wollte, trat er selber mir entgegen.
+
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren
+geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was
+wollt Ihr?" sagte er.
+
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich
+denn eigentlich?
+
+"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet."
+
+Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich.
+
+Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."
+
+--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!"
+
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er
+mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
+schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer
+armen Seelen Seligkeit!"
+
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
+des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!"
+sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott
+in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch
+mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
+eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe
+wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder
+meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
+ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die
+Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub
+ist!"
+
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
+Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so
+geschehen möge.
+
+--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
+Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so
+daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
+Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war,
+hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er
+sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
+Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
+Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen,
+maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß
+gar jämmerlichen Todes verfahren ist."
+
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
+es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser
+Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf;
+aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
+stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war
+dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können;
+nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.
+
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht;
+ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
+mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
+Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
+sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte
+die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich
+zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte
+der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über
+mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
+Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken.
+
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
+der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur
+und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine
+Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause
+herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke
+einer Stubenthür.
+
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
+ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu
+sein!"
+
+"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand
+zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr
+drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der
+anderen Seite des Flures; dann verließ er mich.
+
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es
+war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor
+ich öffnete.
+
+
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den
+Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden;
+die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus.
+Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf
+dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
+kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich
+Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war;
+und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht
+zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von
+der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
+hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen.
+Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich
+trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
+Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu
+einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war!
+Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
+eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.
+
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
+und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie
+sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
+doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
+Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
+damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der
+Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.
+
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter
+Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette
+fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
+angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor
+Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir
+gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
+Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
+mögen.
+
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
+Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also
+nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
+selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
+hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte
+Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach
+ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann
+ging ich zurück zu unserem todten Kinde.
+
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
+zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
+weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne,
+ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
+kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war,
+als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
+noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat
+doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle
+Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
+blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
+bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein,
+mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
+zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
+ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer
+Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
+deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
+hinabgerissen."
+
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte
+ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in
+ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
+Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis
+Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
+dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
+Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.
+
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
+fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
+Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
+leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
+bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht
+enträthseln.
+
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
+Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied
+nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne.
+
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden
+Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da
+öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir
+herein.
+
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen
+und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
+kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
+Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
+fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe,
+wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.
+
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut:
+"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!"
+
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
+Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich
+hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
+Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre
+nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.
+
+"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und
+rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die
+Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
+er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen
+gnädig sein!"
+
+--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
+wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück,
+das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein
+todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
+in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
+wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung
+tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
+ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir
+immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
+aquis submersus!
+
+
+Hier endete die Handschrift.
+
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft
+vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren
+gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
+gesprochen.
+
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er
+in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
+engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des
+großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
+Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
+nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
+Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.
+Aquis submersus
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
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+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
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@@ -0,0 +1,3284 @@
+The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm
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+Title: Aquis Submersus
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+Author: Theodor Storm
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+Release Date: September, 2005 [EBook #8889]
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+Edition: 10
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
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+
+
+
+
+Aquis submersus
+
+Theodor Storm
+
+Novelle (1876)
+
+
+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit
+Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren
+schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile
+angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen
+ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen,
+so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie
+gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns
+nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu
+treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach
+dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der
+nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette
+eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im
+Wege steht.
+
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten
+Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu
+ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel
+schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo,
+kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher
+belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine
+von den Stätten meiner Jugend.
+
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
+"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am
+Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am
+Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu
+unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf
+der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig,
+wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach
+der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten
+auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen
+Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne
+goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des
+harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends
+sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause
+zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen;
+hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch
+um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den
+langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem
+dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses,
+aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden
+Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.
+
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten
+wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der
+Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur
+die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende
+Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des
+bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des
+Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns
+erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
+wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel",
+zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit
+dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der
+Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche
+abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden
+die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer
+tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
+gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht
+umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir
+"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere
+auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus
+Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer
+geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen
+Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem
+des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn
+wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren
+Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine
+freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil
+wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel,
+in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur
+den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis
+auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,
+wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine
+dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in
+der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit
+nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den
+Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war,
+in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen
+Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten
+und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach
+des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut
+und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend,
+die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste
+Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon
+der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
+stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß
+er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten,
+die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst
+vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen
+Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
+aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
+übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem
+Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel,
+an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und
+Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung
+aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche,
+auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi
+dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas
+oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um
+des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im
+Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das
+holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte
+leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
+können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des
+Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing
+im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes,
+eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen
+besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen
+bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem
+Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des
+Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor
+diesem Bilde stand.
+
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
+Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen
+und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen
+Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in
+der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben.
+Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
+her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein
+phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben
+des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten;
+selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des
+Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks
+gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
+
+--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien
+dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher.
+Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines
+Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau;
+da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde
+weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren
+trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube
+rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die
+aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in
+Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem
+westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den
+ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
+Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben
+Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte
+tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
+Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines
+Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke,
+welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht
+gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig
+umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig
+holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.
+
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am
+Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche
+besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit
+roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis
+jetzt entgangen waren.
+
+"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
+"aber wir können sie nicht enträtseln."
+
+"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und
+nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten
+Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder
+wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem
+vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit!
+Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert
+ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen
+Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer;
+wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß
+gefährlich."
+
+Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch
+wohl 'Culpa' heißen?"
+
+"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen
+Schuld?"
+
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele,
+und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?"
+
+Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund",
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld
+des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen
+seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er
+dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen."
+
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
+und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor
+ein Geheimnis der Vergangenheit.
+
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich
+vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche
+gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden;
+daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler
+altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich
+jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher
+in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und
+wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen.
+Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein
+Malerzeichen.
+
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb
+der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später
+ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle;
+ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da,
+als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es,
+daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei
+guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit
+gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
+Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten
+hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen
+fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde:
+
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
+Also sind auch die Menschenkind.
+
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein;
+denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit
+mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte.
+Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand
+sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer
+alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche
+Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit
+Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen
+Gast dafür gewünscht.
+
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein
+ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen
+beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen
+Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei
+uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen,
+da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne
+Aussicht ganz verdeckt hätten.
+
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während
+wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des
+Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines
+Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze
+Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte
+einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
+dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie
+diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche
+sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem
+Kriegshandwerke beschäftigten.
+
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich
+gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in
+mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben
+in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden
+Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja
+längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
+zugedrückt hatte.
+
+"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich
+bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner
+Auseinandersetzung innegehalten hatte.
+
+Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es
+sind noch andre Siebensachen von ihm da."
+
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz,
+auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich
+eingeschnitten waren.
+
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel
+der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
+vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.
+
+"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich.
+
+"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie
+die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften;
+Wert steckt nicht darin."
+
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
+Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich
+mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl
+setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt,
+doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine
+Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
+
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+
+
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
+Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke
+hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich
+fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der
+See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar
+Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den
+tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über
+Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den
+Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte.
+
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
+seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein
+theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
+Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden;
+einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch
+itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar
+fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher
+Degen fehlte nicht an meiner Hüfte.
+
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn
+Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der
+Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit
+seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!"
+
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige
+Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war
+auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen,
+so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen,
+wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung
+einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather
+gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater
+doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen
+seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu
+verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel
+aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter
+dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister
+van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.
+
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf
+seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu
+danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen,
+war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß
+die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum
+Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja
+selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.
+Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun
+zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall;
+manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem
+Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung
+niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem
+Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen
+trieb.
+
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
+Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen
+möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe;
+dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom
+Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber
+tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker
+Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein
+edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber
+angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben
+Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er
+mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in
+seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
+vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
+Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit
+rechter Holstentreue nicht zu reimen ist.
+
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
+Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe
+nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft
+des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen
+Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen
+eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den
+zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.
+
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn
+alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
+umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
+Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann
+seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und
+flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.
+
+"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es
+sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende
+Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit.
+Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen
+einzig Geschwister.
+
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum
+ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein
+neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ;
+ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens
+aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
+Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein
+Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen
+zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen,
+und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem
+Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
+
+"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort
+in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du
+ja nicht schießen!"
+
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem
+Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille
+stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie
+entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft.
+
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen
+Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein
+erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder.
+"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub
+gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte
+ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf
+dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd
+Vöglein in die Luft.
+
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit
+einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich.
+Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt
+von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen
+Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr
+Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
+und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und
+Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune
+Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst;
+sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast
+allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei
+merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern
+gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes,
+der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen
+oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich
+in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern
+des Gartens hinanzieht.
+
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals
+zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn
+stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb.
+
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner
+Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier
+verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes
+Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn
+sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier
+beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur
+Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ
+das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen
+Tricotage neben ihr.
+
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken
+mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell,
+mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet,
+den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein
+alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei
+seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten
+Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf
+alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer
+widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich
+aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er"
+oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden
+Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab,
+obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.
+
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,
+sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und
+Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein
+spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich,
+Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!'
+Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir
+gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor
+noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie
+ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig
+Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder
+zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und
+flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem
+jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie
+wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz
+und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron!
+Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei
+den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen.
+Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet.
+
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er
+zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise
+nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde
+dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen
+Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu
+gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg
+nehmen wollte.
+
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß
+Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena
+gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön
+erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre
+Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas'
+Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da
+ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes",
+sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem
+Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina
+von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte,
+traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und
+sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort.
+
+
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
+Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
+Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne
+ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und
+stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den
+Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
+weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam
+vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn
+mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!"
+sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in
+stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem
+Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie
+hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth
+des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing
+ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem
+Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen
+fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in
+meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und
+du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr
+Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was
+reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und
+wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich
+sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der
+Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein.
+Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich
+das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner
+Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei,
+das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in
+Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine
+Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal
+rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender
+Nacht erreichte ich die Stadt.
+
+--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute
+alles wiederfinden?
+
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten
+Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des
+Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg
+gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit
+Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein
+erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
+seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen
+Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem
+Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar
+traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen
+von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür,
+so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
+
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde
+gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine
+sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich
+hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine
+beiden Hände.
+
+"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet
+Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?"
+
+"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker
+hergebracht."
+
+"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte.
+
+"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg
+her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben."
+
+"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
+er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!"
+
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
+dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der
+gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen."
+
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
+anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in
+den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret
+mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post
+von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden
+können."
+
+"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!"
+
+"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn
+unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen,
+und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders
+werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet
+Schweigen."
+
+Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!"
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine
+kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt
+war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
+
+Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er
+es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über
+den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam
+oben aus den Lindenwipfeln.
+
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
+trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der
+Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten
+Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er
+itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem
+Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des
+Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
+Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.
+
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen
+herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O
+Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und
+über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es
+war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht
+des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das
+spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe;
+aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,
+und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.
+
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam
+ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst
+zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und
+lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden
+Züge festzuhalten suchen."
+
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu
+mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf
+einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz
+nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine
+vor der Majestät des Todes.
+
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich
+für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie
+nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und
+einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt
+deuchte.
+
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten
+Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte
+gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu,
+wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange,
+so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben
+Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
+fühlte, wie ihr junger Körper bebte.
+
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte
+den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth
+und aufgedunsen schien.
+
+"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester.
+"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
+bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!"
+
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
+kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu
+ihm trat; "es ist Johannes, Wulf"
+
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er
+musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da
+einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren
+müssen!"
+
+"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof
+hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr'
+vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn
+hat großes Recht an mir."
+
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so
+magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und
+soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein."
+
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst
+vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten,
+wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für
+Arbeit er mir aufzutragen hätte.
+
+"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus
+verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben."
+
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite
+ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich
+entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr
+denn, Junker Wulf?"
+
+"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
+"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!"
+
+Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über
+den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem
+Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit.
+
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick
+mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir
+vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines
+Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein
+Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll
+geschehen, was Ihr wünschet."
+
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie
+möge einen Imbiß für mich richten lassen.
+
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber
+ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war
+plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete,
+sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo
+grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den
+heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf
+und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen
+Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie
+heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er
+lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder
+Flandrisch Tuch!"
+
+"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--,
+"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget
+Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!"
+
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar
+Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß,
+Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die
+Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander
+Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den
+hetz ich in des Teufels Rachen!"
+
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich
+hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den
+Hof dem Thore zu.
+
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen,
+die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die
+Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen
+wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir
+in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles,
+wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die
+Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen,
+über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren
+Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben
+daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des
+Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und,
+obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete,
+doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet.
+
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da
+ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer,
+und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt
+hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte
+sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und
+seine grimmen Hunde?"
+
+"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres
+Vaters Haus?"
+
+"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden
+Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz.
+"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen!
+Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang
+hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen,
+hilf mir!"
+
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel
+ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle
+meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren
+Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des
+Entschlafenen Gedächtniß.
+
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch
+dem alten Fräulein nach.
+
+"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja,
+die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
+Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich."
+
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf
+den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der
+Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und
+Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem
+hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie
+nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben
+war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung
+mitgebracht.
+
+"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie
+behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er
+wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu
+très-compliqué!"
+
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an.
+"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn
+nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?"
+
+"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor
+trat, wußte ich es nicht."
+
+"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret
+Er ja auch nicht zur Dienerschaft."
+
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich
+jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der
+alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von
+dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach
+dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den
+Scheiben.
+
+Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären,
+die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne
+ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu
+abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im
+Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der
+Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
+
+--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte,
+es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem
+alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir
+auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit,
+von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche
+Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und
+holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die
+fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
+müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen
+Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können,
+brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an.
+
+"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß
+Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!"
+
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
+seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr
+Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich
+bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet."
+
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen,
+fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann
+geworden.
+
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
+Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet
+Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen
+muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die
+Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat
+treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu
+spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin
+den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht
+mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich
+Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am
+Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat
+also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im
+blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr
+mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die
+Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und
+dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker,
+Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt."
+
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon
+mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner
+Rede Schluß gemacht.
+
+--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt
+gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich
+anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die
+Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich,
+es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach
+ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von
+lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem
+Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern
+des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und
+Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
+selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene
+Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren
+gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens,
+in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem
+Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in
+verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es
+später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier
+in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters
+ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
+schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden
+Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen;
+wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker
+Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein!
+Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über
+hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den
+Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon
+als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete
+eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen
+sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte
+zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar
+wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon
+heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese
+ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und
+drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
+Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich
+wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen
+Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling
+soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die
+beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
+Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und
+den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren
+hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl,
+so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den
+Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und
+Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen.
+Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte
+sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker
+aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke
+festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus
+wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu
+wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
+
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
+geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche
+des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine
+bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen
+dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!
+
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute
+aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen
+aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker
+Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl
+nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in
+der Kürze alle wieder abgezogen sind.
+
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk
+begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu
+belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam
+Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte,
+und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran
+geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber,
+solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
+Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden
+ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei,
+die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu
+stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten
+Tagen angefertigt.
+
+
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt,
+öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina
+trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich
+empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen;
+aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das
+junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.
+
+"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;
+duldet Ihr's auch gern?"
+
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte
+leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?"
+
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein,
+Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet
+Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht!
+Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu
+sagen!"
+
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr
+noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen
+niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob
+dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm
+zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf
+mir wider den!"
+
+"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!"
+
+--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich
+zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich
+den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg
+hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag;
+aber ich weiß, auch das wird er nicht halten."
+
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus'
+einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und
+Zuflucht anzugehen sei.
+
+Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?--
+Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort,
+und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth
+meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte,
+wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der
+gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
+Erdenschlummer zugedecket."
+
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet,
+und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen
+wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter
+vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen
+Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den
+Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete.
+Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.
+
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der
+Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;
+gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder
+glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was
+ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie
+an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein
+und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
+dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein
+Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der
+Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte,
+bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter.
+Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm
+getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt;
+nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne
+Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr
+vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf
+den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so
+trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend."
+Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus'
+Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater
+war!"
+
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
+meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur
+gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand
+malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und
+jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so
+nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
+wünschend.
+
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen
+Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken.
+
+--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der
+Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den
+Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im
+Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut
+wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille
+stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem
+Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte
+ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr
+erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner
+Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem
+Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann
+gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus
+mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei
+blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde
+Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.--
+Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch
+wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch
+floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir
+selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor
+und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und
+endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen
+sollte ich meine Reise antreten.
+
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch
+einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet;
+wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich
+noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die
+schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in
+Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
+
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte
+Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen
+Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt.
+Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.
+
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja
+fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?"
+
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die,
+Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen."
+
+"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und
+gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die
+Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat
+sie hier gehauset."
+
+"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies
+Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen."
+
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte
+sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
+aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der
+nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es
+gewesen sein."
+
+"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen
+aus dem Boden."
+
+"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich
+noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht
+sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem
+Gartensumpf verschwinden."
+
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen
+des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?"
+
+"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast
+verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl."
+
+--"War es denn ein gar so übler Mann?"
+
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes
+Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie
+beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie
+hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht
+ihres Standes."
+
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit
+gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem
+Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild
+gewesen.
+
+So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht
+malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?"
+
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da
+war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem
+Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch
+dich verflucht?"
+
+Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an
+meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der
+Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+
+Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich
+mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns
+deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette
+zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die
+wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet.
+"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu
+besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!"
+
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen
+die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft
+Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild,
+das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte,
+zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug
+mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie
+sie da im Bilde sitzet?"
+
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht
+bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an
+unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn
+ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl
+bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine
+Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir
+nicht wohl gedienet."
+
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
+noch hie und da zu schaffen.
+
+"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!--
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!"
+
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig
+Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte;
+kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden
+konnten.
+
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an.
+Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der
+Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer
+von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den
+Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der
+oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen
+gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten
+abends bei guter Zeit in Hamburg an.
+
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
+Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur
+zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun
+brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir
+das alles wohl verpacket nachzusenden.
+
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar
+vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers
+Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der
+Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem
+Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen;
+sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und
+Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
+den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg
+wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter
+Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war
+doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu
+sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch
+meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit
+getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
+hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.
+
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im
+Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen.
+Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die
+Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich
+an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des
+Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte,
+selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und
+hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und
+setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein
+ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete.
+
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch
+rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns
+bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich
+anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen
+mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm
+Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende
+Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
+immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.
+
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
+sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das
+Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine
+Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule
+an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
+Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des
+Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.
+
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,
+welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist.
+Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen
+Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt
+schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber
+wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu
+bestellen.
+
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
+grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern
+mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche
+vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte;
+ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von
+der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber
+sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten
+in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf
+dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die
+dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als
+ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug
+gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
+den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
+entgegen.
+
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu
+und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die
+Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern,
+und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch
+beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der
+Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz
+schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel,
+dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur
+Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den
+Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund
+der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm,
+an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein
+schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen
+aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und
+verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen
+sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie
+toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und
+schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
+drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor
+dem Geier.
+
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem
+Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte
+den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in
+Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und
+schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich
+um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ
+er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
+nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget;
+ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde
+der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn
+mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen.
+
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von
+der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen
+kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die
+Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den
+leeren Stuhl hernieder.
+
+"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen!
+Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein
+ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm
+Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!"
+
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden;
+nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.--
+Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem
+von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl.
+
+"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd
+die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+
+"Glück in der Lieb
+Und Glück im Spiel,
+Bedenk, für einen
+Ist's zu viel!
+
+"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß
+sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen."
+
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel
+von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch
+und sah gar grimmig auf mich her.
+
+"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich,
+als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber
+getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
+Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg."
+
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
+Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti
+Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu
+Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch
+gewesen."
+
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein
+mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers
+Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit
+mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht
+lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!"
+schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar
+doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang
+geschickt?"
+
+"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug
+sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da;
+fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da
+ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß
+ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du
+findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet
+sehen!"
+
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der
+Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann.
+Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht
+mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich
+ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir
+stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen;
+als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl,
+daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe.
+
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von
+seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen;
+mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf
+seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es
+noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!"
+Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der
+Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle
+springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der
+Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings
+meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem
+Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das
+Freie.
+
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst
+zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das
+Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die
+Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die
+Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der
+Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber
+meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das
+Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig
+vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in
+meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu
+berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß
+meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem
+Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten
+Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut
+vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom
+Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die
+Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin
+richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten
+hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester;
+erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe
+nicht gar weit mehr hatte.
+
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir
+aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr,
+das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht
+zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie
+hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter
+mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des
+Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem
+Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines
+Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im
+Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe
+Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt
+in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch
+einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt
+geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor
+geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier
+vergäßest."
+
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen;
+denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich
+die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer
+rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht
+überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und
+rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und
+drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als
+eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der
+Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum,
+der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann
+die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten,
+war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht
+mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter
+geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.
+
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben
+schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte
+suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte;
+aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich
+her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen,
+und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören,
+wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!--
+"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen,
+und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß
+die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
+Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?"
+
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich
+gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll
+Entsetzen in die Tiefe starrten.
+
+"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich
+mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das
+Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster
+stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten
+ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß
+hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte,
+schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest
+gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen
+schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der
+Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu
+ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?"
+
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl
+fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!"
+
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam,
+fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was
+ist das mit den Hunden?"
+
+"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich,
+es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal
+durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den
+Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie
+ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.
+
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
+schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir
+uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina
+sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen
+Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei.
+
+"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer
+Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit
+ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?"
+
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du,
+Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß
+geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort!
+Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!"
+
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und
+wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich,
+"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht
+wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben."
+
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
+Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte,
+du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund
+des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!"
+
+"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich
+und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in
+Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen
+Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam
+ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich
+drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn
+ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen
+dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten
+Junker!"
+
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete
+mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so
+werd ich doch dein Weib auch werden müssen."
+
+--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine
+Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von
+dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein
+verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes
+Schoß.
+
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings
+stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und
+wild davon rennen.
+
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der
+Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-,
+dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf",
+sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall
+gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs
+gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern
+Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte.
+Dann wurde alles still.
+
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern
+war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf
+zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll
+ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich.
+
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich
+ging nicht.
+
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
+Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten
+um die Hecken fließt.--
+
+
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die
+schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
+Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht.
+Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von
+Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete
+die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?
+
+--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne
+krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen
+hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten
+der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann
+aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst
+geschreckt, mich fort.
+
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das
+Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald
+uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen--
+stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel
+aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum
+Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen
+bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren
+Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter
+einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach
+mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern
+gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß
+solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins
+von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien
+nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir
+vorgegaukelt hätten.
+
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
+merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
+sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob
+ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das
+Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über
+die Mauer in den Wald hinab.
+
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;
+hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine
+Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom
+Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach.
+Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über
+mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich
+all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
+auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun,
+Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß
+dein Leben nichts gilt als nur das ihre!'
+
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
+Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann
+zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte
+und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie
+gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es
+mußte auch gehen ohne das!
+
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des
+grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom
+Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem
+Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem
+Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim
+geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger
+und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück
+erreichen.
+
+--Es ist doch anders kommen.
+
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und
+trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings
+hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf
+der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren
+gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber
+da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und
+auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß
+geworfen hattet."
+
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht
+wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von
+der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal
+gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben."
+
+"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut
+auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit
+solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen."
+
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot
+und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen
+Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans
+Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen
+lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus
+zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von
+wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken
+ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu
+Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann
+in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das
+Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht
+ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu
+zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht
+gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam
+gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie
+dort in unsre Kammer führen würde.
+
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie
+zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich
+die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich
+nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß
+die Zeit vergehe.
+
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte
+von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten
+von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und
+verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt
+war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei
+unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann
+ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den
+Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich
+anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst
+gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon
+leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.
+
+Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn?
+Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen,
+ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung
+durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam
+nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den
+Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.
+
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach
+dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam,
+begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig
+auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen;
+sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit
+unsern Junkern vorgehabt?"
+
+"Warum fragst du, Dieterich?"
+
+--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten
+möcht."
+
+"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+
+"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der
+Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor
+einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der
+im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben
+unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel
+mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme
+unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete
+einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer
+feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald
+hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr
+Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket
+wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit
+drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's
+ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget."
+
+"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+
+"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker
+wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
+wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf
+gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können."
+
+Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?"
+
+--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?"
+
+"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe."
+
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet
+nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten,
+was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath
+gewußt!"
+
+"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+
+Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das
+weiß nur unser Herrgott!"
+
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei
+eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum
+befragte.
+
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
+betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war
+hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart
+Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und
+zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen
+ganzen Sinnen hier verweile.
+
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
+Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu
+mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren
+Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den
+Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes,
+wenn's nicht schon sein Gespenste ist!"
+
+"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm
+trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in
+Euere Kammer fahren!"
+
+--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!"
+
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
+Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
+Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort,
+Herr Junker!"
+
+Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich
+erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst
+langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein
+paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei
+und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden
+Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir
+den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,--
+beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien
+solch Stück Arbeit nachgelassen!"
+
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker
+schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf",
+sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin
+kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch
+einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich,
+gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--"
+
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz
+starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen
+schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und
+hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast
+gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.
+
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
+Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
+mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen
+jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten
+Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
+vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon
+herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich
+keine Kunde.
+
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
+Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem
+Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen
+Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine
+Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe
+niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn
+Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir
+zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch
+glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.
+
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
+Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als
+Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in
+Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein
+Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen
+Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir
+nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
+allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund,
+daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von
+niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte
+ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen
+möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen,
+aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen
+auszurichten er mir dann gelobete.
+
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich,
+gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die
+letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete;
+langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der
+holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar
+liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
+glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort
+zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren
+Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet
+waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher
+wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich
+gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein
+sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn
+dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete,
+daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um
+auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen
+einzufahren.
+
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes
+war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner
+Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was
+vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.
+
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.--
+Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen
+willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte
+in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte
+Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste
+auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann
+mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt.
+Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
+Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine
+Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen.
+
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine
+grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber
+statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an
+Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten.
+
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor
+nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald,
+an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon
+die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie
+mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut;
+sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und
+schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in
+Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.
+
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
+munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr
+nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein
+Malerpinsel."
+
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete,
+hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach
+dem alten Dieterich.
+
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee,
+wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn
+auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans
+Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für
+ihn auch besser so."
+
+"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!"
+
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft
+von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg,
+und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von
+der Risch?"
+
+"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die
+ihn schon zu Richte setzen wird."
+
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich,
+daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den
+Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
+Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn
+Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker
+mit einander hauseten.
+
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet
+wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern
+könnten!"
+
+"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer
+aufs Herz.
+
+"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
+die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am
+besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten
+hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen;
+denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen
+Spiel gemachet haben."
+
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig
+worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!"
+schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina
+sei mein Eheweib geworden?"
+
+"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich
+schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht
+die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im
+Schloß nicht mehr gesehen worden."
+
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich
+wisse nichts von alledem.
+
+Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund,
+es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in
+großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas'
+Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der
+Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über
+den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie
+deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit
+jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß
+gewesen.
+
+--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll
+nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte
+Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum
+machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester;
+aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen
+mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr
+gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich
+also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein
+Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch,
+es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem
+nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen
+von Herrn Gerhardus' Hofe.
+
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach
+Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu
+dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.--
+Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am
+Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden;
+wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein
+Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen
+Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem
+Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
+größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+
+
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir
+liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein,
+meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf
+meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof
+belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.
+
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der
+Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
+Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte
+nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer
+aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft
+in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und
+zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer
+erschienen. Es lautete wie folgt:
+
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,
+Also sind ock de Minschenkind.
+
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem
+Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich
+allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen
+Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter
+blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
+ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute
+gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er
+nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des
+Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein,
+ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
+Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
+Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit
+meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so
+ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet,
+dir nicht habe anvertrauen mögen.
+
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der
+Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der
+Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie
+zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der
+hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es
+denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu
+schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus
+Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war,
+sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit
+allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem
+einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat
+der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte,
+war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo
+Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem
+es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt
+als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
+vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
+eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und
+bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte.
+Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn
+allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir
+hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer
+Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum;
+gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus
+untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der
+auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen,
+obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von
+meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die
+Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe
+Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben
+mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
+müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft
+nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und
+sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem
+Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da
+ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet,
+und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.--
+Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an;
+als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich
+zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn
+Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem
+Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen
+mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit
+entgegentreten!
+
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich
+auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster
+setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt
+hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die
+Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und
+Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast
+mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper
+müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand
+keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren
+rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und
+feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen
+und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte
+wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie
+ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die
+Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war
+es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend
+Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
+wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an.
+Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen
+Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein
+paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus
+Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott
+und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in
+dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?--
+
+
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme
+meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen
+großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon
+sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und
+dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann
+angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
+von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen
+Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer
+Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von
+dannen schritt.
+
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich
+hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle,
+darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und
+erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des
+Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein
+wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte,
+daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters
+halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber
+meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes
+einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er
+eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen
+allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er
+sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu
+machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte
+Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben
+viel darum.
+
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten
+auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen
+aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen
+konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen.
+
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar
+gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen
+Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten
+für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich
+plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen
+Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
+eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur
+mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich
+ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht
+befindlich sei.
+
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
+schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
+ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
+erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
+Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden,
+so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder,
+die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus
+geschicket.
+
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße
+des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth,
+deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr
+hinausbefördert werden.
+
+Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn
+ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer
+Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen
+wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er
+nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit
+Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der
+Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land
+gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben
+haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn,
+der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete
+mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend
+adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben
+aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der
+Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch
+Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+
+
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über
+die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits
+ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese
+Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von
+grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze
+Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen
+mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor
+mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen
+Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch-
+und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See
+heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben.
+
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
+gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
+Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
+willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!"
+sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen
+sehen."
+
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
+denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
+seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet;
+das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich
+führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast
+winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.
+
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so
+gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist,
+daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach
+Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen
+kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet,
+und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie
+oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern
+Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der
+Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er,
+"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der
+großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern;
+auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen,
+auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus."
+
+Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch
+ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.'
+
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt
+dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die
+zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde
+er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort
+vor unseren Augen ausgebreitet lag.
+
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich
+mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl
+eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
+Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier
+in gar sondere Gesellschaft kommen.
+
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
+Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der
+Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber
+ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister,
+machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit."
+
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl
+für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget,
+fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem
+Bruder mir war gerühmet worden.
+
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da
+kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus
+der Kirche schaffen ließ."
+
+Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands
+Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?"
+
+"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht
+überliefert worden."
+
+--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
+suchen?"
+
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu
+den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines
+halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König
+die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen;
+nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht
+zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben
+in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen
+lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus
+zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der
+Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt
+gebuhlt!"
+
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
+liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
+schmiegte.
+
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber
+danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine
+edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
+
+
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide
+nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend
+antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto
+rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und
+schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz,
+dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch
+habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm
+erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser
+Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese
+letzten darin sollen beschlossen sein.--
+
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
+auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
+stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der
+Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße,
+antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße
+ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar
+überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den
+Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses
+Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte;
+aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das
+unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die
+Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten
+Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl
+dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter
+sein?'--
+
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
+befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt
+man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier
+und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr.
+Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von
+Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die
+Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den
+Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche
+Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen,
+in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden
+und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres
+finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+
+--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die
+Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger
+Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
+
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem
+Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die
+Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte
+schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der
+Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir
+mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres
+einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten
+Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter
+einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die
+Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel,
+so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das
+Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem
+dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit
+Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren
+Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen
+blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne
+denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon
+gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein!
+
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter,
+mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen
+aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!"
+sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide
+ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit;
+aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und
+wider stolpern."
+
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich
+von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe,
+daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als
+eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben
+wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem
+Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen
+unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret!
+Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
+der Flammen singen zu hören!"
+
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
+Stadt lag wieder still und dunkel.
+
+"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet."
+
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt
+ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so
+wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte
+verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker
+aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein
+peinlich Recht geschehen.
+
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen.
+Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem
+Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da
+ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget,
+daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und
+drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge.
+Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
+eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser
+Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch
+so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.
+
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
+Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von
+der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den
+todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der
+Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund
+in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem
+Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben
+und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt",
+fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf
+hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
+malen!"
+
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage
+erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend,
+wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es,
+daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen
+Blättern niederschreiben werde.
+
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von
+meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt,
+allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon
+geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der
+Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer
+bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe
+aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem
+Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
+
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben
+bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen
+mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch
+daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die
+leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her
+aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen.
+Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und
+da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das
+Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide
+emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten:
+
+O Herr, mein Gott und Christ,
+Sei gnädig mit uns allen,
+Die wir in Sünd gefallen,
+Der du die Liebe bist!--
+
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide
+führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre
+kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+
+"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen;
+"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt."
+
+Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das
+junge Satansmensch, verbrennen sehen.
+
+--"Aber die Hexe ist ja todt!"
+
+"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer
+Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da
+können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon
+fürlieb nehmen."--
+
+--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch
+schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit
+Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide,
+obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth
+verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den
+Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen.
+Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt,
+überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder
+etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen
+Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der
+Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und
+es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander.
+'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein
+Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die
+Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der
+Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich
+seinem Dorfe zu.
+
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
+Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich
+unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen
+blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters
+alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.
+
+"Wo ist der Küster?" fragte ich.
+
+--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren."
+
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich
+dahin geschlagen.
+
+"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie.
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine
+Schule, Trienke?"
+
+--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!"
+
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
+Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
+Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
+leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
+suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
+Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete
+über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber
+drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen,
+ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein
+ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die
+Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im
+Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet
+sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten
+Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach
+habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus,
+und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei
+aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche
+Kreatur.
+
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem
+Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte
+gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine
+Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden
+Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie
+überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich
+ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der
+Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich
+aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das
+Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein
+tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand
+viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn
+ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege
+führen!
+
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen
+haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da
+die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der
+Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine
+Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause
+hinaus.--
+
+
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
+meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses
+von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
+Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe
+dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube
+dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer
+wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.
+
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
+zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten
+hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von
+gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
+
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst
+der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach
+sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des
+Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft,
+da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie
+es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die
+Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen
+angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun
+heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such
+derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!"
+
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja
+längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend,
+schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten
+durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde
+wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von
+dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute
+war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.
+
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann
+kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen
+hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt
+auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor
+dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.
+
+Da rief ich leise: "Katharina!"
+
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich
+einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als
+ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig
+vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer
+fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich
+wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß
+du heute kommen würdest."
+
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du
+des Predigers Eheweib?"
+
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat
+das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen
+Namen."
+
+--"Mein Kind, Katharina?"
+
+"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß
+gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet."
+
+--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du,
+du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!"
+
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich
+todtenbleich.
+
+"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde
+Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf
+meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen
+Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du
+wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will."
+
+--"Und kannst denn du so leben, Katharina?"
+
+"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was
+ist denn mehr noch zu verlangen?"
+
+--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?"
+
+"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe:
+mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!"
+
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.--
+"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein
+Leids geschehen!"
+
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten.
+"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem
+Moose."
+
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus.
+Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter
+Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die
+Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen:
+
+Zwei Englein, die mich decken,
+Zwei Englein, die mich strecken,
+Und zweie, so mich weisen
+In das himmlische Paradeisen.
+
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und
+geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie
+leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!"
+
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
+doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen
+Mannes Weib; vergiß das nicht."
+
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen.
+"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe
+bevor du sein geworden?"
+
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor
+ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer
+Leib!"
+
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,
+ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
+wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen
+Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich
+hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben
+können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz
+weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist
+ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!"
+
+--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes,
+aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der
+Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und
+härter rief es: "Katharina!"
+
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
+mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+
+--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da.
+Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich
+einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst
+wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar
+die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben."
+
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei
+durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+
+"Was war das, Küster?" rief ich.
+
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
+nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's."
+
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?"
+rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
+gefallen!"
+
+--"Was soll das heißen, Trienke?"
+
+"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus
+dem Wasser ziehen."
+
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
+Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle
+Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich
+bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das
+weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus
+wollte, trat er selber mir entgegen.
+
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren
+geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was
+wollt Ihr?" sagte er.
+
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich
+denn eigentlich?
+
+"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet."
+
+Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich.
+
+Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen."
+
+--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!"
+
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er
+mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und
+schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer
+armen Seelen Seligkeit!"
+
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber
+des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!"
+sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott
+in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch
+mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet
+eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe
+wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder
+meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben
+ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die
+Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub
+ist!"
+
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
+Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so
+geschehen möge.
+
+--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens
+Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so
+daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
+Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war,
+hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er
+sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein
+Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses!
+Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen,
+maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß
+gar jämmerlichen Todes verfahren ist."
+
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber
+es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser
+Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf;
+aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte
+stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war
+dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können;
+nun war's nur ein Entsetzen zu den andern.
+
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht;
+ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich
+mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu
+Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als
+sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte
+die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich
+zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte
+der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über
+mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den
+Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken.
+
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf
+der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur
+und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine
+Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause
+herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke
+einer Stubenthür.
+
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer
+ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu
+sein!"
+
+"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand
+zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr
+drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der
+anderen Seite des Flures; dann verließ er mich.
+
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es
+war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor
+ich öffnete.
+
+
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den
+Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden;
+die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus.
+Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf
+dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
+kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich
+Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war;
+und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht
+zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von
+der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne
+hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen.
+Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich
+trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen
+Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu
+einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war!
+Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine
+eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.
+
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam
+und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie
+sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk
+doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem
+Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend
+damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der
+Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.
+
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter
+Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette
+fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir
+angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor
+Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir
+gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem
+Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken
+mögen.
+
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr
+Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also
+nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie
+selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch
+hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte
+Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach
+ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann
+ging ich zurück zu unserem todten Kinde.
+
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
+zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
+weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne,
+ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die
+kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war,
+als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie
+noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat
+doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle
+Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen
+blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter
+bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein,
+mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe
+zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut,
+ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer
+Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als
+deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
+hinabgerissen."
+
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte
+ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in
+ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
+Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis
+Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit
+dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend
+Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.
+
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause
+fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die
+Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein
+leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen
+bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht
+enträthseln.
+
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum
+Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied
+nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne.
+
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden
+Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da
+öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir
+herein.
+
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen
+und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des
+kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte.
+Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes
+fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe,
+wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.
+
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut:
+"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!"
+
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
+Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich
+hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten
+Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre
+nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.
+
+"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und
+rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die
+Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte
+er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen
+gnädig sein!"
+
+--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
+wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück,
+das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein
+todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir
+in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich
+wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung
+tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm
+ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir
+immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus
+aquis submersus!
+
+
+Hier endete die Handschrift.
+
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft
+vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren
+gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
+gesprochen.
+
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er
+in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner
+engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des
+großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt
+Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts
+nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
+Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.
+Aquis submersus
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm.
+
+
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS ***
+
+This file should be named 8aqsb10.txt or 8aqsb10.zip
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+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Donations by check or money order may be sent to:
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