summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/8889-h/8889-h.htm
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '8889-h/8889-h.htm')
-rw-r--r--8889-h/8889-h.htm3996
1 files changed, 3996 insertions, 0 deletions
diff --git a/8889-h/8889-h.htm b/8889-h/8889-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..848dae1
--- /dev/null
+++ b/8889-h/8889-h.htm
@@ -0,0 +1,3996 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
+<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm</title>
+
+<style type="text/css">
+
+body { margin-left: 20%;
+ margin-right: 20%;
+ text-align: justify; }
+
+h1, h2, h3, h4, h5 {text-align: center; font-style: normal; font-weight:
+normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; margin-bottom: .5em;}
+
+h1 {font-size: 300%;
+ margin-top: 0.6em;
+ margin-bottom: 0.6em;
+ letter-spacing: 0.12em;
+ word-spacing: 0.2em;
+ text-indent: 0em;}
+h2 {font-size: 150%; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em;}
+h3 {font-size: 130%; margin-top: 1em;}
+h4 {font-size: 120%;}
+h5 {font-size: 110%;}
+
+.no-break {page-break-before: avoid;} /* for epubs */
+
+div.chapter {page-break-before: always; margin-top: 4em;}
+
+hr {width: 80%; margin-top: 2em; margin-bottom: 2em;}
+
+p {text-indent: 1em;
+ margin-top: 0.25em;
+ margin-bottom: 0.25em; }
+
+p.poem {text-indent: 0%;
+ margin-left: 10%;
+ font-size: 90%;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em; }
+
+p.center {text-align: center;
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 1em;
+ margin-bottom: 1em; }
+
+a:link {color:blue; text-decoration:none}
+a:visited {color:blue; text-decoration:none}
+a:hover {color:red}
+
+</style>
+
+</head>
+
+<body>
+
+<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
+are not located in the United States, you will have to check the laws of the
+country where you are located before using this eBook.
+</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Aquis submersus</div>
+<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Theodor Storm</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889]<br />
+[Most recently updated: May 28, 2022]</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
+<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
+<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer</div>
+<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div>
+
+<h1>Aquis submersus</h1>
+
+<h3>Novelle (1876)</h3>
+
+<h2 class="no-break">von Theodor Storm</h2>
+
+<hr />
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit Menschengedenken
+aber ganz vernachlässigten &bdquo;Schloßgarten&ldquo; waren schon in meiner
+Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten Hagebuchenhecken zu
+dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch
+einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht
+verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns
+nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu treffen sein. Wir
+pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten
+&bdquo;Berg&ldquo; zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke
+des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus
+der weitesten Aussicht nichts im Wege steht.
+</p>
+
+<p>
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün der
+Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, auf welcher
+das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine Augen wenden
+unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, der graue spitze
+Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort
+liegt eine von den Stätten meiner Jugend.
+</p>
+
+<p>
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die
+&bdquo;Gelehrtenschule&ldquo; meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am
+Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder
+montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt
+zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück
+ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur
+Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten auf
+den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und
+rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier
+in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten
+Schmetterlinge, die nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem
+Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten wir jedoch
+das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto munterer vorwärts, und
+bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch
+schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus
+dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben
+auf die bekannten Gäste hinabgrüßte.
+</p>
+
+<p>
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir
+allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, ganz
+abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die Silberpappel, der
+einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes, welche ihre
+Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war
+gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich
+von uns erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und
+wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+</p>
+
+<p>
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große &bdquo;Priesterkoppel&ldquo;,
+zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den Buben
+angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren,
+denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um nachzusehen, wie
+weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien;
+hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel
+gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden
+war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir
+&bdquo;Wasserfranzosen&ldquo; nannten, oder ließen wir ein andermal unsere auf
+einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und
+Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir
+aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher
+gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir
+hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen,
+wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem
+gutmütigen alten Manne zuteil wurde.&mdash;So viele Jugendfreuden wuchsen auf
+dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen
+wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier
+haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung,
+wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+</p>
+
+<p>
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde Teilnahme
+dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu
+setzen hatten.&mdash;Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der
+Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es
+anmutig genug war, in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der
+emsigen Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und
+ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes
+war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem
+höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, Strand und
+Marschen.&mdash;Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der
+Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu
+stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß er auch, wenn
+wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen
+wunderbaren Dingen, aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit
+finstern, dort mit kindlich frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem
+Schweigen zu uns Lebenden aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein
+schrecklich übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler
+haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an der aus Frucht- und
+Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen.
+Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der
+Kirche, auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt
+war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der
+Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel
+würfelten, bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit
+kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie
+hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken
+können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen
+mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der
+Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa
+fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine
+weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz
+sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde
+Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem
+Bilde stand.
+</p>
+
+<p>
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen
+ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar. Mein Freund
+sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; dieser selbst, so gehe noch
+heute die Sage, solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen
+Tod gefunden haben. Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange
+her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches
+Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn
+auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz des
+Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des
+Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann
+das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es
+gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so lange ich
+denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an derselben
+Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort gebaut.&mdash;Und doch, wie
+freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine
+Stube rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die aus den
+Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der
+weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne
+Windmühle, außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich
+abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte!
+Die lieben Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte
+tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende
+Teekessel&mdash;es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines
+Abends&mdash;wir waren derzeit schon Sekundaner&mdash;kam mir der Gedanke,
+welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe
+einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis
+jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte.
+</p>
+
+<p>
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am Nachmittage,
+wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten, unten in
+einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben
+entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen waren.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie lauten C. P. A. S.&ldquo;, sagte ich zu dem Vater meines Freundes;
+&bdquo;aber wir können sie nicht enträtseln.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, erwiderte dieser, &bdquo;die Inschrift ist mir wohl bekannt;
+und nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben
+wohl mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken&lsquo; oder wörtlich ,Im Wasser
+versunken&lsquo; zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann
+noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die
+Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu periculoso&mdash;,Durch
+gefährlichen Zufall&lsquo;&mdash;heißen; aber die alten Herren jener Zeit
+dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur
+bloß gefährlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte begierig zugehört. &bdquo;Casu&ldquo; sagte ich; &bdquo;es könnte
+auch wohl ,Culpa&lsquo; heißen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Culpa?&ldquo; wiederholte der Pastor. &bdquo;Durch Schuld?&mdash;aber
+durch wessen Schuld?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und ohne viel
+Besinnen rief ich: &bdquo;Warum nicht: Culpa patris?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der gute Pastor war fast erschrocken. &bdquo;Ei, ei, mein junger Freund&ldquo;,
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. &bdquo;Durch Schuld des
+Vaters?&mdash;So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen
+Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl schwerlich
+von sich haben schreiben lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; und so
+blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der
+Vergangenheit.
+</p>
+
+<p>
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen
+alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben hingen, war mir
+selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in dem Maler einen
+tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich
+freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher in
+dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen
+habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten
+weder einen Namen noch ein Malerzeichen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der gute
+Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf
+dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte keine Veranlassung
+mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.&mdash;Da, als ich selbst schon in meiner
+Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für den Sohn eines Verwandten ein
+Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen
+Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die
+Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten
+hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die
+verhochdeutscht etwa lauten würde:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,<br/>
+Also sind auch die Menschenkind.
+</p>
+
+<p>
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn ich
+hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken
+bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast unwillkürlich trat ich in das
+Haus; und in der Tat, es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter.
+Die Stube ihrer alten &bdquo;Möddersch&ldquo; (Mutterschwester)&mdash;so sagte
+mir der freundliche Meister&mdash;, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten,
+habe seit Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast
+dafür gewünscht.
+</p>
+
+<p>
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich
+niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit ihren
+kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte
+der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie
+schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne
+Aussicht ganz verdeckt hätten.
+</p>
+
+<p>
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir dann
+aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen, war
+mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen,
+das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten
+und stellte einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer
+dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen
+aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit
+Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten.
+</p>
+
+<p>
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich gemalt er
+immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht;
+aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt, der in seiner
+kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen
+Knaben kannte ich ja längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen
+zugedrückt hatte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Woher ist dieses Bild?&ldquo; frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt
+wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung
+innegehalten hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich verwundert an. &bdquo;Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch&ldquo;, erwiderte er; &bdquo;es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind noch
+andre Siebensachen von ihm da.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf welcher
+allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren.
+</p>
+
+<p>
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der Deckel
+zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter
+mit sehr alten Schriftzügen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Darf ich die Blätter lesen?&ldquo; frug ich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wenn&rsquo;s Ihnen Pläsier macht&ldquo;, erwiderte der Meister,
+&bdquo;so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte
+Schriften; Wert steckt nicht darin.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen Schriften
+hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich dem alten Bilde
+gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, verließ der Meister das
+Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch gleichwohl die freundliche Verheißung
+zurücklassend, daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren
+werde.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage Cantate war
+es Anno 1661!&mdash;Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt
+zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die Straße durch den
+maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her
+flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser,
+so in den tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über
+Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch
+nicht überstiegen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand seinen
+Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein theurer Meister van
+der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet, war
+ich aller Sorge quitt geworden; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf
+Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan:
+mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen
+fehlte nicht an meiner Hüfte.
+</p>
+
+<p>
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, meinen
+edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die
+Hände würd&rsquo; entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: &bdquo;So segne
+Gott deinen Eingang, mein Johannes!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige Herrlichkeit
+genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten
+und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er dem Hochseligen Herzog
+Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen
+Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger
+Berather gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch
+stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich
+meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht allein
+meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme
+Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer
+Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen.
+</p>
+
+<p>
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem
+Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, derweilen
+ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die Kriegsgreuel über
+das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die gegen den kriegswüthigen
+Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst
+gehauset, ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht.
+Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede;
+aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder
+Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet,
+hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und
+manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine
+grünen Spitzen trieb.
+</p>
+
+<p>
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur Verlangen,
+wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, daß er Gab und Gunst
+an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte auch nicht an Strolche und
+verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten
+sollte. Wohl aber tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den
+Junker Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler
+Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches
+Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz
+auf dem Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen.
+Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur
+vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den
+Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter Holstentreue nicht zu
+reimen ist.
+</p>
+
+<p>
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig
+durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe nahe liegt. Wie
+liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes; aber bald trat
+ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden
+Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte
+ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz
+hinaufführen.
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn alle
+Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein umher, und vom
+Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen. Und siehe,
+dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der
+alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen
+Luft.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß dich Gott!&ldquo; sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich nachmals
+fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens
+beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war des edlen Herrn
+Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig Geschwister.
+</p>
+
+<p>
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten Mal die
+ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein, die ihre
+braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat
+ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der
+Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein
+eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen
+von tüchtigem Blei dazu gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren
+genug bei dem Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich
+zugesprungen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weißt du, Johannes&ldquo;, sagte sie; &bdquo;ich zeig dir ein Vogelnest;
+dort in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja
+nicht schießen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum auf
+zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. &bdquo;Der
+Buhz, der Buhz!&ldquo; schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden
+Händlein in der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und
+hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. &bdquo;Der Buhz,
+der Buhz!&ldquo; schrie die Kleine wieder. &bdquo;Schieß, Johannes,
+schieß!&ldquo;&mdash;Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch
+immer und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß,
+daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich
+ein zwitschernd Vöglein in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; in Wald
+und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber mußte mir gar bald
+ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, dessen Vater eine Stunde
+davon auf seinem reichen Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters,
+mit dem Herr Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch;
+und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen
+angewiesen; insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen.
+Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die
+ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen
+zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern gewahrte, so
+reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. &bdquo;Johannes, der Buhz, der
+Buhz!&ldquo; Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen oder rannten wohl
+auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich in einem Bogen um die Felder
+und danach wieder dicht an die Mauern des Gartens hinanzieht.
+</p>
+
+<p>
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen uns zum
+Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der Vortheil meist
+in meinen Händen blieb.
+</p>
+
+<p>
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt in die
+Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, war Katharina
+schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt in einem goldnen Netz
+gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern hob, war oft ein spielend
+Leuchten, das mich schier beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich
+Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man im Hause nur &bdquo;Bas&rsquo;
+Ursel&ldquo; nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit
+einer langen Tricotage neben ihr.
+</p>
+
+<p>
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit beiden auf
+und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit spitzenbesetztem
+Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den Gang zu uns herauf; und
+siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter Widersacher. Ich merkte
+allsogleich, daß er noch immer bei seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch
+daß insonders dem alten Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein
+&bdquo;Herr Baron&ldquo; auf alle Frag&rsquo; und Antwort; dabei lachte sie
+höchst obligeant mit einer widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die
+Luft; mich aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig
+&bdquo;Er&ldquo; oder kurzweg auch &bdquo;Johannes&ldquo;, worauf der Junker
+dann seine runden Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich
+herab, obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte.
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, sondern ging
+sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort gebend; den kleinen
+rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich
+dachte: ,Getröste dich, Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in
+die Luft&lsquo; Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir
+gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn
+Gerhardus&rsquo; Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie
+vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam
+plötzlich Katharina wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den
+Beeten und flüsterte mir zu: &bdquo;Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht
+einem jungen Adler gleich; Bas&rsquo; Ursel hat&rsquo;s gesagt!&ldquo; Und fort
+war sie wieder, eh ich mich&rsquo;s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz
+und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte
+hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen Worten
+war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es mir gerad ins
+Herz geleuchtet.
+</p>
+
+<p>
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte mir auf
+einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam zu machen habe,
+übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach dann lange mit mir, als
+meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur
+Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen
+wollte.
+</p>
+
+<p>
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß Katharina an
+einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena gedenken, wie ich sie
+jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön erschien mir der junge Nacken, den
+das Mädchen eben über ihre Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr
+gegenüber saß Bas&rsquo; Ursel und las laut aus einem französischen
+Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. &bdquo;Nun,
+Johannes&ldquo;, sagte sie, &bdquo;Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch
+dem Fräulein gleich Seine Reverenze machen!&ldquo;&mdash;Da war schon Katharina
+von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, traten die
+Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur:
+&bdquo;Leb wohl, Johannes!&ldquo; Und so ging ich fort.
+</p>
+
+<p>
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und Ranzen schon
+für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den Eichbäumen auf die
+Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich nicht recht fort, als hätt ich
+einen Abschied noch zu Gute, und stand oft still und schaute hinter mich. Ich
+war auch nicht den Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel
+weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das
+Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht
+überfallen sollte. &bdquo;Ade, Katharina, ade!&ldquo; sagte ich leise und
+setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+</p>
+
+<p>
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet&mdash;in stürmender
+Freude stund das Herz mir still&mdash;, plötzlich aus dem Tannendunkel war sie
+selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang über den
+trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz
+entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen,
+noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. &bdquo;Ich&mdash;ich bin ihnen
+fortgelaufen!&ldquo; stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in meine
+Hand drückend, fügte sie leis hinzu: &bdquo;Von mir, Johannes! Und du sollst es
+nicht verachten!&ldquo; Auf einmal aber wurde ihr Gesichtchen trübe; der kleine
+schwellende Mund wollte noch was reden, aber da brach ein Thränenquell aus
+ihren Augen, und wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los.
+Ich sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte
+ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die
+Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander faltete, da
+war&rsquo;s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein
+Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des Abendrothes. &bdquo;Damit
+du nicht in Noth gerathest&ldquo;, stund darauf geschrieben.&mdash;Da streckt
+ich meine Arme in die leere Luft: &bdquo;Ade, Katharina ade,
+ade!&ldquo;&mdash;wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald
+hinein;&mdash;und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.&mdash;Wie würd ich heute
+alles wiederfinden?
+</p>
+
+<p>
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, hinter
+deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses itzt verborgen
+lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei
+fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie
+erhuben ein erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete
+seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich
+noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober
+dem Thore eine rauhe, aber mir gar traute Stimme. &bdquo;Hallo!&ldquo; rief
+sie; &bdquo;Tartar, Türk!&ldquo; Die Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die
+Stiege herabkommen, und aus der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte
+Dieterich.
+</p>
+
+<p>
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde gewesen sei;
+denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so lustigen Augen
+blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. &bdquo;Herr Johannes!&ldquo;
+sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Grüß Ihn Gott, Dieterich!&ldquo; entgegnete ich. &bdquo;Aber seit wann
+haltet Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ja, Herr Johannes&ldquo;, sagte der Alte, &bdquo;die hat der Junker
+hergebracht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ist denn der daheim?&ldquo; Der Alte nickte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, sagte ich, &bdquo;die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom
+Krieg her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ach, Herr Johannes!&ldquo; Und der alte Mann stund immer noch, als wolle
+er mich nicht zum Hof hinauf lassen. &bdquo;Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: &bdquo;Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab dergleichen
+auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute Herr im Schloß wird
+helfen, seine Hand ist offen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder anknurreten, auf
+den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den Weg. &bdquo;Herr
+Johannes&ldquo;, rief er, &bdquo;ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! Euer
+Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg kommen; aber
+den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Dieterich!&ldquo; schrie ich. &bdquo;Dieterich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;&mdash;Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser
+theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die
+Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem Hofe;
+aber&mdash;ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte fragen: &bdquo;Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!&ldquo;
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+</p>
+
+<p>
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine Kapelle,
+die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort also sollte ich
+Herrn Gerhardus suchen.
+</p>
+
+<p>
+Ich fragte den alten Hofmann: &bdquo;Ist die Kapelle offen?&ldquo;, und als er
+es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den Hof, wo
+niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus den
+Lindenwipfeln.
+</p>
+
+<p>
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen trat ich
+ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen warf ihr
+flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die Fremdheit des
+Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern Lands Genosse sei.
+Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über
+den Rand des Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen
+Schleiern fast erschrocken auf mich schaute.
+</p>
+
+<p>
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich zu mir
+auf, und es war fast wie ein Freudenruf. &bdquo;O Johannes, seid Ihr&rsquo;s
+denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!&ldquo; Und über dem Sarge hatten unsere
+Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön
+geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens mich
+durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in
+der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein,
+und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz.
+</p>
+
+<p>
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: &bdquo;Wohl kam ich in
+der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu danken, ihm
+manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich Wort zu hören. Laßt
+mich denn nun die bald vergehenden Züge festzuhalten suchen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir
+hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem von den
+Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz nachzubilden. Aber meine
+Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor der Majestät des Todes.
+</p>
+
+<p>
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für die des
+Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach einem Fußtritt
+oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch von einer andern
+Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte.
+</p>
+
+<p>
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen nach
+dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen vorüber. Da erhub
+sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des Vaters Antlitz unter meinem
+Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in
+demselben Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich
+fühlte, wie ihr junger Körper bebte.
+</p>
+
+<p>
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den Junker
+Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und aufgedunsen schien.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was huckst du allfort an dem Sarge!&ldquo; rief er zu der Schwester.
+&bdquo;Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu
+bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen kleinen Augen
+an. &bdquo;Wulf&ldquo;, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm trat;
+&bdquo;es ist Johannes, Wulf&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte nur mein
+violenfarben Wams und meinte: &bdquo;Du trägst da einen bunten Federbalg; man
+wird dich ,Sieur&lsquo; nun tituliren müssen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nennt mich, wie&rsquo;s Euch gefällt!&ldquo; sagte ich, indem wir auf
+den Hof hinaustreten. &bdquo;Obschon mir dorten, von wo ich komme, das
+,Herr&lsquo; vor meinem Namen nicht gefehlet&mdash;Ihr wißt wohl, Eueres Vaters
+Sohn hat großes Recht an mir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: &bdquo;Nun wohl, so magst
+du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu der Lohn
+für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; da aber
+der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich&rsquo;s für einen Edelmann
+gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen hätte.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Du weißt doch&ldquo;, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte&mdash;&bdquo;wenn eine adelige Tochter das Haus
+verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, gleich
+einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete ruhig:
+&bdquo;Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker
+Wulf?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich meine&ldquo;, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte,
+&bdquo;daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mich durchfuhr&rsquo;s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den Ton
+oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei itzt kaum
+die rechte Zeit.
+</p>
+
+<p>
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir zuflog,
+so antwortete ich: &bdquo;Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen will, so
+hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre keine Schande
+anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten
+Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge einen
+Imbiß für mich richten lassen.
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich
+verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine
+Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem Wort
+hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr worden, die
+dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen,
+sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen
+Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie heulend ihm zu
+Füßen krochen. &bdquo;Beim Höllenelemente&ldquo;, rief er lachend, &bdquo;zwo
+tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder Flandrisch Tuch!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Junker Wulf&ldquo;&mdash;ich konnte der Rede mich nicht wohl
+enthalten&mdash;, &bdquo;soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein,
+so möget Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal in seinen
+Zwickelbart. &bdquo;Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur Johannes!&ldquo;
+sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu streicheln. &bdquo;Damit
+jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier begonnen; denn&mdash;wer mir in
+die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels Rachen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch
+aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem Thore
+zu.
+</p>
+
+<p>
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die unter dem
+Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu dem Herrenhaus
+emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die breiten Stufen in das
+Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer
+traten.&mdash;Hier war noch alles, wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten
+Ledertapeten, die Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den
+Regalen, über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren
+Ruisdael&mdash;und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben daran
+haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien
+auch dies Gemach mir itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge
+Lenz durchs Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie
+erfüllet.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich mich
+umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich sah, wie unter
+den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre Brust in ungestümer
+Arbeit ging. &bdquo;Nicht wahr&ldquo;, sagte sie leise, &bdquo;hier ist itzt
+niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen Hunde?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina!&ldquo; rief ich; &bdquo;was ist Euch? Was ist das hier in
+Eueres Vaters Haus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was es ist, Johannes?&ldquo; Und fast wild ergriff sie meine beiden
+Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. &bdquo;Nein,
+nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann&mdash;du
+sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen&mdash;dann,
+Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich vor der
+Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte zu. Da lösete
+sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir saßen neben einander und
+sprachen lange zu des Entschlafenen Gedächtniß.
+</p>
+
+<p>
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem alten
+Fräulein nach.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oh&ldquo;, sagte Katharina, &bdquo;Bas&rsquo; Ursel! Wollt Ihr sie
+begrüßen? Ja, die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die
+Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den Beeten
+vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde brachen. Bas&rsquo;
+Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie ein schwindend
+Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor
+sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der Herr Baron&mdash;nach seines
+Vaters Ableben war er solches itzund wirklich&mdash;ihr aus Lübeck zur
+Verehrung mitgebracht.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;So&ldquo;, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie
+behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, &bdquo;ist Er wieder
+da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c&rsquo;est un jeu
+très-compliqué!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an.
+&bdquo;Ei&ldquo;, meinte sie, &bdquo;Er ist gar stattlich angethan; aber weiß
+Er denn nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß es, Fräulein&ldquo;, entgegnete ich; &bdquo;aber da ich in das
+Thor trat, wußte ich es nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun&ldquo;, sagte sie und nickte gar begütigend; &bdquo;so eigentlich
+gehöret Er ja auch nicht zur Dienerschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich jeder
+Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der alten Dame die
+Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem Thürmchen, das draußen
+an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem Fenster hingesponnen und wiegete
+seine grünen Ranken vor den Scheiben.
+</p>
+
+<p>
+Aber Bas&rsquo; Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die
+itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den Schlaf
+nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das Gesinde sei von
+hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber passire eben nichts,
+als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es
+sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten
+Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner Tragkist,
+und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm erzählen. Er rauchte
+dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in
+Gang gekommen war, und holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie
+durch die fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden
+müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht
+und er erst nicht hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab
+und schauete mich an.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wisset Ihr, Herr Johannes&ldquo;, sagte er, &bdquo;&rsquo;s ist grausam
+schad, daß Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da
+drüben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit seiner
+harten Hand mir auf die Schulter, meinend: &bdquo;Nun, nun, Herr Johannes;
+&rsquo;s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, wo uns der
+Herrgott hingesetzet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete aber nur,
+was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen Pfeiflein, als ob
+das theure Kraut am Feldrain wüchse. &bdquo;Wollet Ihr&rsquo;s wissen, Herr
+Johannes?&ldquo; begann er dann. &bdquo;Er gehöret zu denen muntern Junkern,
+die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den Häusern schießen;
+Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so
+gut zu spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin den
+Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen
+aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt
+der Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und fror
+Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich,
+im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!&mdash;Wollet Ihr mehr
+noch wissen, Herr Johannes?&mdash;Zu Haus bei ihm freuen sich die Bauern, wenn
+der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und dennoch&mdash;aber nach
+seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, Ihr wisset&rsquo;s wohl, hat
+schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit seinem
+Spruche: &bdquo;Aber ich bin nur ein höriger Mann&ldquo;, seiner Rede Schluß
+gemacht.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, wo
+ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es sich ziemete,
+in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber wandte ich zunächst in
+meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen
+Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von
+lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem Kamin ein Platz
+zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist
+ernst und sicher blickende Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl
+vertrauen konnte; er selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh
+verstorbene Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren
+gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in seiner
+kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die Züge meines
+edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem Maßstabe und nur mir selber
+zum Genügen; doch hat es später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das
+noch itzt hier in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines
+Alters ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+</p>
+
+<p>
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den schönen
+Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern wieder: des
+Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber war hier der harte
+Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?&mdash;Das mußte tiefer aus der
+Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging ich die Reih der älteren
+Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im
+schwarzen, von den Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich
+schon als Knabe, als ob&rsquo;s mich hielte, still gestanden war. Es stellete
+eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt
+und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen
+Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich
+vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: ,Hier, diese
+ist&rsquo;s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und drüber
+rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der Geschlechter fort; dann,
+längst vergessen, taucht es plötzlich wieder auf, den Lebenden zum Unheil.
+Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes
+nachgeborenem Sprößling soll ich Katharinen schützen.&lsquo; Und wieder trat
+ich vor die beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+</p>
+
+<p>
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die Sonnenstäublein
+spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+</p>
+
+<p>
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den Junker
+Wulf zur Seiten; aber wofern Bas&rsquo; Ursel nicht in ihren hohen Tönen
+redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir oft der Bissen
+im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern
+es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten
+zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt,
+entfernte sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker
+aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke festzuhalten;
+hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes
+Maß, überdem wider allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet
+wurden.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, geschahe
+die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des Dorfes, allwo das
+Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen seiner Voreltern ruhen,
+mit denen der Höchste ihnen dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren!
+</p>
+
+<p>
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus der Stadt
+und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber fast wenige und auch
+diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der Letzte seines Stammes war und
+des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch
+geschahe, daß in der Kürze alle wieder abgezogen sind.
+</p>
+
+<p>
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, wozu ich
+droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen Fenster mir schon
+den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas&rsquo; Ursel, die wegen ihrer Gicht die
+Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben
+oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich
+aber, solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen
+Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht
+nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des
+Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe
+Dieterichs mir selber in den letzten Tagen angefertigt.
+</p>
+
+<p>
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete sich die
+Thür aus Herrn Gerhardus&rsquo; Zimmer, und Katharina trat herein. Aus was für
+Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns dießmal fast
+erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht
+abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina&ldquo;, sagte ich, &bdquo;Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß
+malen; duldet Ihr&rsquo;s auch gern?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise:
+&bdquo;Warum doch fragt Ihr so, Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. &bdquo;Nein, nein, Katharina!
+Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?&mdash;Setzet Euch, damit wir
+nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich weiß es
+schon. Ihr braucht mir&rsquo;s nicht zu sagen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. &bdquo;Denket Ihr noch,
+Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das thut
+dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn ich bin kein
+Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, Johannes&mdash;ich habe einen
+Blutsfreund&mdash;, hilf mir wider den!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Ich habe keinen andern.&mdash;Dem Manne, den ich hasse, will er
+mich zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den
+schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab ich&rsquo;s
+ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber ich weiß, auch
+das wird er nicht halten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus&rsquo; einzigen
+Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht anzugehen sei.
+</p>
+
+<p>
+Katharina nickte. &bdquo;Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?&mdash; Geschrieben
+habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch erfahren habe
+ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, die selbst das Ohr des
+Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der
+Welt; aber der gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten
+Erdenschlummer zugedecket.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und ich
+begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu ruhiger
+Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, nach Hamburg
+mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, so stelleten wir
+fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft
+ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker mußte es
+schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; gleichwohl&mdash;hieß nun sein
+Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder glaubte er mit seiner ersten Drohung
+mich genug geschrecket&mdash;, was ich besorget, traf nicht ein; Katharina und
+ich waren am ersten wie an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar
+trat er ein und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber
+dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein
+Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an
+seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem
+Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen
+fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht
+gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne Worte,
+meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr vermummt und nicht
+vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken habe wallen lassen;
+wie es ein Engelländischer Poet so trefflich ausgedrücket, &bdquo;rückwärts den
+Winden leichte Küsse werfend.&ldquo; Katharina aber, die bisher geschwiegen,
+wies auf Herrn Gerhardus&rsquo; Bild und sagte: &bdquo;Ihr wisset wohl nicht
+mehr, daß das mein Vater war!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; meine
+Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur gleich einer
+Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. Von letzterem begann
+er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht
+mehr Antwort gab, so nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil
+wünschend.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick gleich
+einer Messerspitze nach mir zücken.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit
+rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der Roggen
+in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die Rosen auf; wir
+beide aber&mdash;ich mag es heut wohl niederschreiben&mdash;, wir hätten itzund
+die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit
+einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte ich
+kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr erzählte und wie
+ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner Pfennig mich in Krankheit einst
+vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie
+ich später dann gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem
+Leihhaus mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei
+blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir
+schien&rsquo;s, als sei es kaum mein eigenes Werk.&mdash; Mitunter war&rsquo;s,
+als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann fassen,
+so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die
+Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie
+nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.&mdash;Und
+endlich war&rsquo;s doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen sollte
+ich meine Reise antreten.
+</p>
+
+<p>
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch einmal mir
+gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir sprachen ernst und
+sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie und da den Pinsel an,
+mitunter meine Blicke auf die schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend,
+deren ich in Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, das mir
+zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf
+mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket.
+</p>
+
+<p>
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: &bdquo;Ihr seid ja fast
+erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. &bdquo;Kennet Ihr die, Katharina? Diese
+Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die da?&mdash;Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar
+bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin eines
+früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier gehauset.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter&ldquo;, entgegnete ich;
+&bdquo;dies Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. &bdquo;So heißt&rsquo;s auch&ldquo;,
+sagte sie, &bdquo;sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen
+aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals
+zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus
+dem Boden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich noch
+immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie erst hier an
+den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf verschwinden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des Bildes.
+&bdquo;Und weshalb&ldquo;, fragte ich, &bdquo;verfluchete sie ihr Kind?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weshalb?&ldquo;&mdash;Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich
+fast verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. &bdquo;Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;War es denn ein gar so übler Mann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth
+bedeckte ihr Antlitz. &bdquo;Ich weiß nicht&ldquo;, sagte sie beklommen; und
+leiser, daß ich&rsquo;s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: &bdquo;Es
+heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten Blicken;
+wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr Herz geleget, so
+wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen.
+</p>
+
+<p>
+So hold es war, ich sprach doch endlich: &bdquo;So kann ich ja nicht malen;
+wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war kein
+Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen.
+&bdquo;Katharina!&ldquo; Ich war aufgesprungen. &bdquo;Hätte jene Frau auch
+dich verflucht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie athmete tief auf &bdquo;Auch mich, Johannes!&ldquo;&mdash;Da lag ihr Haupt
+an meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die
+kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+</p>
+
+<p>
+Aber Katharina zog mich leise fort. &bdquo;Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!&ldquo; sagte sie.&mdash;Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig die
+Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder an unsern
+Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte, öffnete sich
+die Thür, und Bas&rsquo; Ursel, die wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an
+ihrem Stock hereingehustet. &bdquo;Ich höre&ldquo;, sagte sie, &bdquo;Er will
+nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein
+Werk besehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die
+allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und Trübsal
+bringen. Als Bas&rsquo; Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang noch nicht
+gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar stolz empor mit ihrem
+runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: &bdquo;Hat denn das Fräulein
+Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde sitzet?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß die
+Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen oder Wangen
+ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen spähend hin und
+wider. &bdquo;Die Arbeit ist wohl bald am Ende?&ldquo; sagte sie dann mit ihrer
+höchsten Stimme. &bdquo;Deine Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange
+Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei noch hie
+und da zu schaffen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!&mdash;
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod mir
+entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die braunen
+Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf einem
+Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus dem Thorweg; als
+ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers Hunden herfür und fuhr
+meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle
+war; aber der oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen
+gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter
+Zeit in Hamburg an.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen Schnitzer,
+so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur zusammenzustellen und
+in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. Wurden also handelseinig, und
+versprach der Meister, mir das alles wohl verpacket nachzusenden.
+</p>
+
+<p>
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles zu
+beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker silberner
+Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet wird, und ohne den
+gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in
+Hamburg sei gewesen; sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen
+Krallen und Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und
+den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die
+türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei
+Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, von
+Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei
+einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen
+Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und
+hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir.
+</p>
+
+<p>
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte bei der
+hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich erkannte in ihrer
+stattlichen Person allsogleich die Schwester meines theueren seligen Herrn
+Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die
+Züge des Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, selbst
+nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu
+bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem
+Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man
+mich gar wohl bewirthete.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete ich,
+obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, noch gegen
+Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.&mdash;Das Schreiben, das die alte
+Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem
+Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die
+aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und
+immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend.
+</p>
+
+<p>
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub sich der
+Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; in Luft und Laub
+schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem
+schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren
+Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des Schwanes in
+seiner unberührten Herrlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus&rsquo; Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, welches
+seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn ich gedachte, daß
+der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen habe; mit dem solle er morgen
+einen Boten in die Stadt schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen;
+ich aber wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen.
+</p>
+
+<p>
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den grünlichen
+Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich hier umflogen. Und
+schon ragete groß und finster die Kirche vor mir auf, in deren Mauern Herr
+Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer
+ausholete, und von der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber
+sie schlafen alle&lsquo;, sprach ich bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen
+oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch
+unter den niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.&lsquo; So
+ritt ich weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens
+Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf den Weg
+hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und brachte
+meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, war es gedrang
+voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie
+ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der
+Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch
+bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald
+begegnet wäre.&mdash;Aber nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier
+sich zu vergnügen; bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen
+saßen, stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen
+Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien ihm
+nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den Händen, warf
+eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß sie ihm den
+neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die Musikanten ihm gar
+rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach
+Platz und schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten
+drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor dem Geier.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth zu
+reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten Ottsen neben
+sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm
+seinen Zins zu steigern, und schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete
+Mann gar jämmerlich um Gnad und Nachsicht supplicirte.&mdash;Da er mich gewahr
+worden, ließ er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug
+nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber
+antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in
+der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein leichtlich
+möge holen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der Risch
+hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk zu schaffen.
+Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn
+am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl hernieder.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Kurt!&ldquo; rief er. &bdquo;Bist du noch nicht satt von deinen
+Dirnen! Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar
+hazard mitsammen!&ldquo; Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams
+hervorgezogen. &bdquo;Allons donc!&mdash;Dix et dame!&mdash;Dame et
+valet!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur
+wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.&mdash; Der
+Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der Risch
+schlug nach einander jede Karte fehl.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Tröste dich, Kurt!&ldquo; sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd
+die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Glück in der Lieb<br/>
+Und Glück im Spiel,<br/>
+Bedenk, für einen<br/>
+Ist&rsquo;s zu viel!
+</p>
+
+<p>
+Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie
+auswendig; da kriegst du&rsquo;s nach der Kunst zu wissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von
+Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah gar
+grimmig auf mich her.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!&ldquo; sagte der Junker Wulf
+vergnüglich, als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete;
+&bdquo;aber getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein
+Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem Spürhund bei
+der Witterung. &bdquo;Von Hamburg heut?&mdash;So muß er Fausti Mantel sich
+bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch in Preetz! Im
+Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit dem Brief
+verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf lagen auf mir; und
+war mir&rsquo;s nicht anders, als sähe er damit mein ganz Geheimniß offen vor
+sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen die Karten klatschend auf
+den Tisch. &bdquo;Oho!&ldquo; schrie er. &bdquo;Im Stift, bei meiner Base! Du
+treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang
+geschickt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr nicht, Junker Wulf!&ldquo; entgegnet ich; &bdquo;und das muß Euch
+genug sein!&ldquo;&mdash;Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht
+da; fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich
+vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+</p>
+
+<p>
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: &bdquo;Reiß ihm
+das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine saubere
+Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der Risch an
+meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich fühlte wohl, daß
+ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr über würde; da aber fügete
+es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide Handgelenke packte und er also wie
+gefesselt vor mir stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten
+lassen; als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß
+er&rsquo;s mit seinem Todfeind vor sich habe.
+</p>
+
+<p>
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem Stuhl
+empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte aber zu viel des
+Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen Platz zurück. Da schrie er,
+so laut seine lallende Zunge es noch vermochte: &bdquo;He, Tartar! Türk! Wo
+steckt ihr! Tartar, Türk!&ldquo; Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter,
+so ich vorhin auf der Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die
+nackte Kehle springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der
+Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu
+Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich schmetternd
+hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie.
+</p>
+
+<p>
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu gehen,
+sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem Walde zu. Da
+ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem Herrenhofe
+einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war
+die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber
+meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das Täschlein
+sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich
+gedachte den Rest der Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber
+mit dem alten Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich
+wohl sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+</p>
+
+<p>
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang wohl
+die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir gewonnen haben:
+von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem
+Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern
+die Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin richtete
+ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den
+Hecken des Herrengartens ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand,
+und daß ich bis zum Hofe nicht gar weit mehr hatte.
+</p>
+
+<p>
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus dem Dunkel
+drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das jählings näher kam und
+mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen
+durch das Unterholz; sie hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich
+deutlich hinter mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub
+des Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der
+Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste
+schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen;
+die Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor
+meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. &bdquo;Sieh
+dir&rsquo;s noch einmal an, Johannes!&ldquo; hatte dermalen er gesprochen;
+&bdquo;es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor geschrieben
+stünde;&mdash;ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier vergäßest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn nun war
+ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde des Junker Wulf
+gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige aber war, wie ich noch
+tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier
+hinüber konnte; und rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten
+Hecken und drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als
+eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer
+scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem
+Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den
+mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem
+Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der
+Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben schwächere
+Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um mich, ob ich nicht
+irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war nichts zu sehen als die
+dunklen Epheublätter um mich her.&mdash;Da, in solcher Noth, hörete ich ober
+mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme scholl zu mir herab&mdash;möchte ich
+sie wieder hören, wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem
+Erdenthal!&mdash; &bdquo;Johannes!&ldquo; rief sie; leis, doch deutlich hörete
+ich meinen Namen, und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige,
+indeß die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein
+Geheul heraufstießen.&mdash;&bdquo;Katharina! Bist du es wirklich,
+Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen das offene
+Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in die Tiefe starrten.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Komm!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Sie werden dich zerreißen.&ldquo; Da
+schwang ich mich in ihre Kammer.&mdash;Doch als ich drinnen war, ließ mich das
+Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und
+hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über
+dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die
+Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich
+stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein
+eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit.
+Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr: &bdquo;Katharina,
+liebe Katharina, träumet Ihr denn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: &bdquo;Ich glaub wohl fast,
+Johannes!&mdash;Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr sie
+erschreckt empor. &bdquo;Die Hunde, Johannes!&ldquo; rief sie. &bdquo;Was ist
+das mit den Hunden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina&ldquo;, sagte ich, &bdquo;wenn ich Euch dienen soll, so glaub
+ich, es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die
+Thür in dieses Haus gelangen sollte.&ldquo; Dabei hatte ich den Brief aus
+meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge drunten mit
+den Junkern sei in Streit gerathen.
+</p>
+
+<p>
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann schaute sie
+mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns morgen in dem
+Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch zuvor erkunden, auf
+welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet
+sei.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und nun, Katharina&ldquo;, sprach ich, &bdquo;habt Ihr nicht etwas, das
+einer Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich
+der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. &bdquo;Was sprichst du,
+Johannes!&ldquo; rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet,
+griffen nach den meinen. &bdquo;Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist
+der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir umfingen
+uns in großer Herzensnoth. &bdquo;Ach, Käthe&ldquo;, sprach ich, &bdquo;was
+vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich bin kein
+Edelmann und darf nicht um dich werben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie Schelmerei aus
+ihrem Munde: &bdquo;Kein Edelmann, Johannes?&mdash;Ich dächte, du seiest auch
+das! Aber&mdash;ach nein! Dein Vater war nur der Freund des meinen&mdash;das
+gilt der Welt wohl nicht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier&ldquo;, entgegnete ich
+und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; &bdquo;aber drüben in Holland,
+dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle von
+Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu
+überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein Meister van der Helst
+und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei;
+dann&mdash;wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere
+wüsten Junker!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich und sagte
+leise: &bdquo;Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich doch dein Weib
+auch werden müssen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern
+goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.&mdash;Von dreien
+furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter Mann, lag
+nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß.
+</p>
+
+<p>
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings stille, und da
+es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild davon rennen.
+</p>
+
+<p>
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem stille
+stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann zugeschlagen und dann
+ein Riegel vorgeschoben. &bdquo;Das ist Wulf&ldquo;, sagte Katharina leise;
+&bdquo;er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.&ldquo;&mdash;Bald hörten
+wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel drehen und
+danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine
+Kammer hatte. Dann wurde alles still.
+</p>
+
+<p>
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war es mit
+einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf zurückgelehnt; nur unser
+beider Herzen hörete ich klopfen.&mdash;&bdquo;Soll ich nun gehen,
+Katharina?&ldquo; sprach ich endlich.
+</p>
+
+<p>
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging nicht.
+</p>
+
+<p>
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und
+von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um die Hecken fließt.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne
+heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen Menschenherzen zu
+verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der Mondschein war am Himmel
+ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten
+überm Walde spielete die Nacht in stummen Blitzen.&mdash;O Hüter, Hüter, war
+dein Ruf so fern?
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne krähten,
+und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, die mich nicht
+lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen dämmerte und rothen
+Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie
+von Todesangst geschreckt, mich fort.
+</p>
+
+<p>
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das Gesind zu
+Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns treffen; und
+dann&mdash;ich wußte selber kaum, wie mir&rsquo;s geschehen&mdash; stund ich im
+Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, schaute
+ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. Nahezu
+erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick aus dem
+Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme streiften; denn
+mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie
+drohete nach mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern
+gleich der Hand des Todes. Doch war&rsquo;s nur wie im Husch, daß solches über
+meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden
+Urahne; redete mir dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten
+Sinne, die solch Spiel mir vorgegaukelt hätten.
+</p>
+
+<p>
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, merkete
+aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; sank auch der eine
+Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was hinunterziehen wollte.
+,Ei&lsquo;, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch nach dir!&lsquo; Machte
+mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald hinab.
+</p>
+
+<p>
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; hier um
+mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne sich nicht lösen
+mochten.&mdash;Erst da ich nach geraumer Zeit vom Waldesrande in das offene
+Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im
+silbergrauen Thau, und über mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da
+schüttelte ich all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber
+auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast
+ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als nur
+das ihre!&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn Katharina im
+Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück nach Holland ginge,
+mich dort der Freundeshülf versicherte und allsobald zurückkäm, um sie
+nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der alten Base Herz erweichet; und
+schlimmsten Falles&mdash;es mußte auch gehen ohne das!
+</p>
+
+<p>
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des grünen
+Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom Rathhausthurme
+Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl hervorbrechen und mich
+und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem
+kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung;
+und kräftiger und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück
+erreichen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Es ist doch anders kommen.
+</p>
+
+<p>
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und trat hier
+in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings hatte flüchten
+müssen.&mdash;&bdquo;Ei, Meister Johannes&ldquo;, rief der Alte auf der Tenne
+mir entgegen, &bdquo;was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen
+Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder eintrat,
+flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde raseten an der
+Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl begriffen
+habe, so entgegnete ich nur: &bdquo;Ihr wisset, der von der Risch und ich, wir
+haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt&rsquo;s denn gestern
+noch so einen Nachschmack geben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich weiß, ich weiß!&ldquo; meinte der Alte; &bdquo;aber der Junker sitzt
+heut auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen
+Herren ist nicht sauber Kirschen essen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und
+Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen holete,
+auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+</p>
+
+<p>
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, daß er
+den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als er mir solches
+zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle
+auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die
+Gartenhecken ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu
+Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu
+verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht
+mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog
+also meinen Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen,
+woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann
+in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie
+dort in unsre Kammer führen würde.
+</p>
+
+<p>
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum Gruß ein
+zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die Lichtung auf, wo wir
+uns finden wollten, und streckte mich nebenan im Schatten einer dichten Buche,
+sehnlich verlangend, daß die Zeit vergehe.
+</p>
+
+<p>
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von einem
+fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem Hofe sei. Die
+Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit
+die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns
+hier bei unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein
+seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre
+zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen
+Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, im
+nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde.
+</p>
+
+<p>
+Da plötzlich überfiel mich&rsquo;s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es war
+schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging umher, ich
+stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die Bäume; die Angst kroch
+mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur
+oben in den Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind.
+</p>
+
+<p>
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem Hofe zu.
+Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir Dieterich.
+&bdquo;Herr Johannes&ldquo;, sagte er und trat hastig auf mich zu, &bdquo;Ihr
+seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte mir Euren
+Gaul zurück;&mdash;was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Warum fragst du, Dieterich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Warum, Herr Johannes?&mdash;Weil ich Unheil zwischen euch
+verhüten möcht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll das heißen, Dieterich?&ldquo; frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr werdet&rsquo;s schon selber wissen, Herr Johannes!&ldquo; entgegnete
+der Alte. &bdquo;Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer
+Stund mag&rsquo;s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an
+den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre
+Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas&rsquo; Ursel mit unserem Junker dicht
+beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein einzig
+Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und jammerte
+ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden,
+bald hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.&mdash;Verstanden, Herr
+Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket wohl auf,
+hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit drohete, dem Junker was vor
+Augen; und da ich näher hinsah, war&rsquo;s ein Fetzen Grauwerk, just wie
+Ihr&rsquo;s da an Euerem Mantel traget.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Weiter, Dieterich!&ldquo; sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es ist nicht viel mehr übrig&ldquo;, erwiderte er; &bdquo;denn der
+Junker wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen
+wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die
+Augen hätten blutiger nicht funkeln können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da frug ich: &bdquo;Ist der Junker im Hause, Dieterich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr
+Johannes?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. &bdquo;Gehet nicht,
+Johannes&ldquo;, sagte er dringend; &bdquo;erzählet mir zum wenigsten, was
+geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Hernach, Dieterich, hernach!&ldquo; entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte schüttelte den Kopf. &bdquo;Hernach, Johannes&ldquo;, sagte er,
+&bdquo;das weiß nur unser Herrgott!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in seinem
+Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte.
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst betreten. Statt
+wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier vielerlei Gewaffen,
+Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe an den Wänden angebracht;
+sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und
+mit seinen ganzen Sinnen hier verweile.
+</p>
+
+<p>
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des Junkers
+&bdquo;Herein&ldquo; die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir
+wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß er
+hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme.
+&bdquo;So?&ldquo; sagte er gedehnet; &bdquo;wahrhaftig, Sieur Johannes,
+wenn&rsquo;s nicht schon sein Gespenste ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ihr dachtet, Junker Wulf&ldquo;, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm
+trat, &bdquo;es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere
+Kammer fahren!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem Sprunge lag,
+so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. Jedennoch sprach ich:
+&bdquo;Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr Junker!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er aber unterbrach meine Rede: &bdquo;Du wirst gewogen sein, mich erstlich
+auszuhören! Sieur Johannes&ldquo;&mdash;und seine Worte, die erst langsam
+waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll&mdash;, &bdquo;vor ein paar
+Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel&rsquo;s mir bei und reuete
+mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen
+gesetzet hatte;&mdash;seit aber Bas&rsquo; Ursel mir den Fetzen vorgehalten,
+den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,&mdash; beim Höllenelement! mich
+reut&rsquo;s nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit
+nachgelassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, so dachte
+ich, daß er auch hören würde. &bdquo;Junker Wulf&ldquo;, sagte ich, &bdquo;es
+ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann in
+meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren gleichzuthun; so
+bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester Katharina mir zum
+Ehgemahl&mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten mich die
+Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in das Ohr, ein
+Schuß&mdash;dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir der Degen, den
+ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren Sonnenschein auf
+einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, mit matten Blicken nach dem
+Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war.
+Meine thörichten Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir
+vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben
+Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich keine Kunde.
+</p>
+
+<p>
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des Junkers
+Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe und einem mir
+unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers niemand zu mir
+gekommen.&mdash;Von wannen ich den Schuß in meine Brust erhalten, darüber hat
+mich niemand befragt, und ich habe niemandem Kunde gegeben; des Herzogs
+Gerichte gegen Herrn Gerhardus&rsquo; Sohn und Katharinens Bruder anzurufen,
+konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten;
+noch glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des Junkers
+Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn für Katharinens
+Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es sei ein Theil von deren
+Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu
+einem traulichen Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte
+es mir nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes
+allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der
+Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in
+Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, daß
+er dem Fräulein, wenn sich&rsquo;s treffen möchte, meine Grüße sage, und daß
+ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen dächte, was
+alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete.
+</p>
+
+<p>
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen den
+Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten Blätter von den
+Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete auch schon nach kurzer
+Frist wohlbehalten in der holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen
+Freunden gar liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein
+glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen,
+durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst
+beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht
+genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur
+auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein
+sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn dafür
+versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, daß dann genug
+des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel
+Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen einzufahren.
+</p>
+
+<p>
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, mit allem
+Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise gar fröhlich nah
+und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen Anständen ich drüben noch
+zu kämpfen hätte.
+</p>
+
+<p>
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.&mdash; Als nun
+das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen mir zu Theil
+geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der Arbeit meiner Schwäche
+nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf mich wiederum danieder. Eben
+wurden zum Weihnachtsfeste auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden
+aufgeschlagen, da begann mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal
+gefesselt. Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein
+Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte
+von ihr, keine zu ihr kommen.
+</p>
+
+<p>
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen Wellen
+schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des frohen Muthes
+nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging die Reise rasch und
+gut von Statten.
+</p>
+
+<p>
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun fast einem
+Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem noch kaum die
+ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken und die Ammern ihren
+Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!&mdash;Ich ging aber nicht nach
+Herrn Gerhardus&rsquo; Herrengut; sondern, so stark mein Herz auch klopfete,
+ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund
+ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht munter.
+&bdquo;Nur&ldquo;, fügte er bei, &bdquo;mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht
+wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier allgemein
+verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten Dieterich.
+</p>
+
+<p>
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es so
+starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden Todes
+verfahren sei. &bdquo;Der freuet sich&ldquo;, sagte Hans Ottsen, &bdquo;daß er
+zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Amen!&ldquo; sagte ich; &bdquo;mein herzlieber alter Dieterich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von
+Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich sprach
+beklommen: &bdquo;Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Oho&ldquo;, lachte der Alte; &bdquo;der hat ein Weib genommen, und eine,
+die ihn schon zu Richte setzen wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß er
+nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen nannte, so
+war&rsquo;s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der Nachbarschaft; forschete
+also muthig weiter, wie&rsquo;s drüben in Herrn Gerhardus&rsquo; Haus bestellet
+sei, und wie das Fräulein und der Junker mit einander hauseten.
+</p>
+
+<p>
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. &bdquo;Ihr meinet
+wohl&ldquo;, sagte er, &bdquo;daß alte Thürm&rsquo; und Mauern nicht auch
+plaudern könnten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was soll&rsquo;s der Rede?&ldquo; rief ich; aber sie fiel mir
+centnerschwer aufs Herz.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, Herr Johannes&ldquo;, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in
+die Augen, &bdquo;wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten
+wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; nur
+wundert&rsquo;s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf wird,
+denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; dann
+aber kam mir plötzlich ein Gedanke. &bdquo;Unglücksmann!&ldquo; schrie ich,
+&bdquo;Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib
+geworden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nun, lasset mich nur los!&ldquo; entgegnete der Alte&mdash;denn ich
+schüttelte ihn an beiden Schultern.&mdash;&bdquo;Was geht&rsquo;s mich an! Es
+geht die Rede so! Auf alle Fäll&rsquo;; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß
+nicht mehr gesehen worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse nichts
+von alledem.
+</p>
+
+<p>
+Ob er&rsquo;s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es
+sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer
+Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas&rsquo; Ursel das
+Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so durch
+die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der Treppe haben
+gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus
+fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas&rsquo; Ursel und der
+Junker in dem Schloß gewesen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht hier
+verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon Hans Ottsen
+mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf nach dem Stifte zu
+Herrn Gerhardus&rsquo; Schwester; aber die Dame wollte mich nicht vor sich
+lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer
+bei ihr gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich also,
+daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein Bittender vor meinen
+alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das
+Vöglein sich geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er
+keinen Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus&rsquo; Hofe.
+</p>
+
+<p>
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans Ottsens
+Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, er würde mich
+noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.&mdash; Da bin ich in den Wald
+gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn gelauert; die Eisen
+sind von der Scheide bloß geworden; wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm
+wund gehauen und sein Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit
+seinen bösen Augen an; gesprochen hat er nicht.&mdash;Zuletzt bin ich zu
+längerem Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit
+größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+</p>
+
+<p>
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt dein
+Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner Schwester sel.
+Enkelin, aus der Taufe heben.&mdash;Ich werde auf meiner Reise dem Walde
+vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus&rsquo; Hof belegen ist. Aber das alles
+gehört ja der Vergangenheit.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der Schreiber ein
+fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner Freundschaft an frischer
+Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+</p>
+
+<p>
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht zweifeln,
+der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener tote Knabe, den
+ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm gebettet hatte?&mdash;Sinnend
+nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges
+unsicherer erschienen. Es lautete wie folgt:
+</p>
+
+<p class="poem">
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,<br/>
+Also sind ock de Minschenkind.
+</p>
+
+<p>
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims eines
+alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine Augen dahin
+wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange
+mein Begleiter blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe
+ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute gleicherweise ob
+der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der
+vorübergeht, an die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er
+eine Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der
+Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben Schwester Sohn,
+der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem kleinen Erdengute dann
+auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch,
+aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe anvertrauen mögen.
+</p>
+
+<p>
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; maßen von
+einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden, die Auferweckung
+Lazari zu malen, welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß
+ihres Seligen, der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo
+es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen
+ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in
+Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet,
+so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.&mdash;Mein Losament
+aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das
+Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann
+lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an
+der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem es durch meines lieben
+Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt als alter Mann noch lebe und der
+Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+</p>
+
+<p>
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet; es
+war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam alles gemacht und
+gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die gute Frau selber gar zu
+gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch
+zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer
+Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines
+Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie
+mit viel überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres
+Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht
+bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die
+Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im
+Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben mag, dem
+unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen. Als dann von der
+Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf
+den Schank geklopfet, und sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die
+Hand mit dem Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken,
+da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da
+in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.&mdash; Und also
+rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine
+gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren,
+daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht
+hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie
+in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der
+Ewigkeit entgegentreten!
+</p>
+
+<p>
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf meine
+Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den
+Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab aber groß Gewühl
+dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles
+voll von Wagen und Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde,
+daß Gast mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper
+müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen
+zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen
+von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die
+hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben
+Lederhosen&mdash;dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben,
+zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war;
+aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war es
+keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend Leid kam immer
+gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich
+gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden
+Markte; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen
+ein paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen
+schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der
+du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele
+sie zu suchen?&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen
+nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen hageren Mann in der
+üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein herrisch und finster Antlitz mit
+dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem
+Kriegsmann angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne
+von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und
+Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er
+selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt.
+</p>
+
+<p>
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab und lud
+den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich ihn genöthigt,
+mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr ich
+bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß in die
+Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst um die Gemeine
+dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er
+doch seines Alters halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster
+aber meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal
+einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was
+Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei
+Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten,
+ich verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit
+wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere
+sich nicht eben viel darum.
+</p>
+
+<p>
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf eine
+Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen eingetretenen
+Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher
+nachzufragen.
+</p>
+
+<p>
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, so daß
+ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie sie im
+Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen Dirnen
+abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in
+der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur
+eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur mit dem
+Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines
+Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht befindlich sei.
+</p>
+
+<p>
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor schon
+fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls ausbedungen; item, es sei
+dazu die Schulstube in seiner Küsterei erwählet; selbige sei das zweite Haus im
+Dorfe und liege nahe am Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon
+geschieden, so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder,
+die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket.
+</p>
+
+<p>
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des Bildes
+fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich bedurfte, schon
+Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert werden.
+</p>
+
+<p>
+Als mein Bruder dann nach Hause kam&mdash;erst spät am Nachmittage; denn ein
+Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, so die
+ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten&mdash;, meinete er, ich bekäme da
+einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und
+möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei
+der Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als
+welcher er&rsquo;s fast wilder denn die Offiziers getrieben haben solle; sei
+übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar
+meisterlich zu packen wisse.&mdash;Noch merkete mein Bruder an, daß bei
+desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben
+solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus
+habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch
+Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die Heide
+schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr rothes Kleid und
+ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft ihren ganzen
+Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war weithin nichts zu
+ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte&mdash;wie ich
+bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern auferbauet&mdash;, stieg immer
+höher vor mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen
+Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und
+Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will
+freien Weg zu fahren haben.
+</p>
+
+<p>
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei gefunden
+hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze Schul entgegen; der
+Küster aber hieß an seiner Hausthür mich willkommen. &bdquo;Merket Ihr wohl,
+wie gern sie von der Fibel laufen!&ldquo; sagte er. &bdquo;Der eine Bengel
+hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich denselbigen
+Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf seine finstere
+Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das war ein schöner blasser
+Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das Kind mochte etwan vier Jahre
+zählen und sahe fast winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt.
+</p>
+
+<p>
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen wir
+mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach den anderen
+Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den nicht gar fernen
+Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten
+waren überströmet, und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete,
+wie oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern Seite
+diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der Küster auf die
+Wasserfläche, so dazwischen liegt. &bdquo;Dort&ldquo;, sagte er, &bdquo;hat
+einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es
+gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches
+ward ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder in
+die Ewigkeit hinaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den Pastor
+wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.&lsquo;
+</p>
+
+<p>
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen Nacken
+mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange an das schwarze
+bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz vor der ihn schreckenden
+Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen ausgebreitet lag.
+</p>
+
+<p>
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir die
+alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines guten Pinsels
+werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben Pfennigmalerei, und sollte
+demnach der Schüler van der Helsts hier in gar sondere Gesellschaft kommen.
+</p>
+
+<p>
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte Stimme des
+Pastors neben mir: &bdquo;Es ist nicht meines Sinnes, daß der Schein des
+Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich habe der Gemeine
+Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet es kurz; ich habe
+besseren Gebrauch für meine Zeit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für meine
+Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich einem
+geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war gerühmet
+worden.
+</p>
+
+<p>
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. &bdquo;Da kommet
+ihr zu spät&ldquo;, sagte er, &bdquo;es ging in Trümmer, da ich&rsquo;s aus der
+Kirche schaffen ließ.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich sah ihn fast erschrocken an. &bdquo;Und wolltet Ihr des Heilands Mutter
+nicht in Euerer Kirche dulden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Die Züge von des Heilands Mutter&ldquo;, entgegnete er, &bdquo;sind
+nicht überliefert worden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Aber wollet Ihr&rsquo;s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn
+zu suchen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den Kleinen
+nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben Kopfes
+Höhe;&mdash;dann sprach er heftig: &bdquo;Hat nicht der König die holländischen
+Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um durch das
+Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? Haben nicht noch
+letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr
+Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch
+von Haus zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der Sinnenlust
+und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt gebuhlt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag liebkosend auf
+dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie schmiegte.
+</p>
+
+<p>
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, daß wir
+in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst an ihrem
+Widersacher selber zu erproben anhub.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach dem
+Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf Geredet wurde
+wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren Fortgang. Gemeiniglich
+saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus
+Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch
+habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin
+vor Jahren die ersten Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn
+auch mit Gottes Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige auch nicht;
+der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er stand an seinen Knien,
+oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke des Zimmers. Da ich selbigen
+einmal fragte, wie er heiße, antwortete er:
+&bdquo;Johannes!&ldquo;&mdash;&bdquo;Johannes?&ldquo; entgegnete ich, &bdquo;so
+heiße ich ja auch!&ldquo;&mdash;Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+</p>
+
+<p>
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?&mdash;Einmal gar überraschete
+mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der Leinewand
+ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen
+Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein
+Kind, das unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die
+Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten Manne, der
+es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine
+Frau mag dieses Knaben Mutter sein?&lsquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau befraget; aber
+sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: &bdquo;Die kennt man nicht; in die
+Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit ist.&ldquo;&mdash;Der
+Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der Küsterei, welcher in
+eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam
+über die Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den Rücken
+zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte,
+und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von
+den Vornehmeren getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das
+Bild ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit an
+meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese Bilder mit
+einander nahezu vollendet waren.
+</p>
+
+<p>
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder unten in
+unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast herabgebrannt,
+und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am
+Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit,
+die wir mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen
+lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun
+seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung
+entgegenharrete.&mdash;Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that
+uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in
+das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+</p>
+
+<p>
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln Strome
+trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und Unrast
+fanden.&mdash;Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es mir
+jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es waren ja ihre
+Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!&mdash;Aber dann, wenn sie es war,
+wenn ich sie selber schon gesehen?&mdash;Welch schreckbare Gedanken stürmten
+auf mich ein!
+</p>
+
+<p>
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit der
+andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt ein heller
+Schein zu uns herüberschwankte. &bdquo;Sieh nur!&ldquo; sagte er. &bdquo;Wie
+gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die kommen von
+des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie
+gleichwohl hin und wider stolpern.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von der
+Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die zwei
+gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers Meisterstück
+erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer glühten. Als aber dann die
+Gesellschaft an unserem Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete
+ich einen unter ihnen sagen: &bdquo;Ei freilich; das hat der Teufel uns
+verpurret! Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in
+der Flammen singen zu hören!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die Stadt lag
+wieder still und dunkel.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;O weh!&ldquo; sprach mein Bruder; &bdquo;den trübet, was mich
+tröstet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein grausam
+Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen einbekannten
+Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt werden, am heutigen Morgen
+vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte
+gleichwohl sein peinlich Recht geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte doch auch
+die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der Kirche den grünen
+Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der Zeitung bei ihr
+eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, so sie im voraus
+darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die
+Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine
+eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser
+Herrgott&mdash;denn der war es doch wohl gewesen&mdash;das arme junge Mensch so
+gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der Pflichten
+seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der Rathhaustreppe das
+Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten Leichnam davor aufgefahren,
+und hernach auch der Justification selber zu assistiren. &bdquo;Es schneidet
+mir schon itzund in das Herz&ldquo;, sagte er, &bdquo;das greuelhafte Gejohle,
+wenn sie mit dem Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre
+Buben und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.&mdash;An deiner
+Statt&ldquo;, fügete er bei, &bdquo;der du ein freier Vogel bist, würde ich
+aufs Dorf hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter
+malen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst wieder
+hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er die Ungeduld in
+meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles sich erfüllen mußte, was
+ich getreulich in diesen Blättern niederschreiben werde.
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div class="chapter">
+
+<p>
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem Lager
+aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die Bäcker, vieler
+Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an
+dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte
+Einer bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe
+aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem Rathause ist,
+eilends zur Stadt hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei der
+Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen Holzstoß
+aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und mochten das der
+Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff zwischen die Hölzer
+thaten; von der Stadt her aber kamen schon die ersten Buben über die Felder
+ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß,
+und da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im
+ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da
+mußte ich meine Hände falten:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;O Herr, mein Gott und Christ,<br/>
+Sei gnädig mit uns allen,<br/>
+Die wir in Sünd gefallen,<br/>
+Der du die Liebe bist!&ldquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte,
+begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen und Dirnen
+an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wohin strebet ihr denn so eifrig?&ldquo; fragte ich den einen Haufen;
+&bdquo;es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Nun, wie ich&rsquo;s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge
+Satansmensch, verbrennen sehen.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Aber die Hexe ist ja todt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Freilich, das ist ein Verdruß&ldquo;, meineten sie; &bdquo;aber es ist
+unserer Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können
+wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb
+nehmen.&ldquo;&mdash;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon
+Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen voll
+geladen waren.&mdash;Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der
+Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der Einsamkeit;
+und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach
+der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide
+liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder etwan
+nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten
+hart am Strande liegt; aber vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück,
+wie eine rasende Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne
+schlugen an einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute&mdash;&lsquo; Ich fühlte mein Herz
+gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich wollte
+nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der Stadt
+fahre.&mdash;Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu.
+</p>
+
+<p>
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des Küsterhauses.
+Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; dann hub ich mit der
+Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte,
+kam des Küsters alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Wo ist der Küster?&ldquo; fragte ich.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin
+geschlagen.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Fehler Euch etwas, Herr Maler?&ldquo; frug sie.
+</p>
+
+<p>
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: &bdquo;So ist wohl heute keine Schule,
+Trienke?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein Malergeräthe und
+das fast vollendete Bildniß aus des Küsters Schlafkammer und richtete, wie
+gewöhnlich, meine Staffelei in dem leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an
+der Gewandung; aber ich suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte
+keinen Sinn zum Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über Bauern-
+und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete es, sie wieder
+einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt oder jung, und auch,
+woher sie gekommen sei; allein ich brachte das Wort nicht über meine Zungen.
+Dagegen begann die Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft
+hier im Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei;
+erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh
+gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe
+aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem Falle; denn
+sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und
+schwächliche Kreatur.
+</p>
+
+<p>
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause und auf
+dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die Dorfstraße
+liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den weißen Fenstern,
+konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts gewahren als ein paar
+Blumenscherben, wie sie überall zu sehen sind.&mdash;Ich hätte nun wohl
+umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam,
+trug von der Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich
+aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie
+lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort
+gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben
+hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem Wurme?&mdash;Wir
+sehen nicht, wie seine Wege führen!
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; ich weiß
+nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne fast zur
+Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich ging aber nicht in
+das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder
+zum Hause hinaus.&mdash;
+</p>
+
+<p>
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage meine Augen
+es nicht mehr gesehen.&mdash;Gleich dem des Predigerhauses von der anderen
+Seite, trat es als ein breiter Streifen in die Priesterkoppel; inmitten
+zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter Weidenbüsche, welche zur
+Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd
+mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen.
+</p>
+
+<p>
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu zwingender
+Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, hörete ich von der
+Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem Klang, und wie sie liebreich
+einem Kinde zusprach.
+</p>
+
+<p>
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der griechische
+Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen haben. Schon war ich
+am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die
+Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos,
+wie es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden
+gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben.
+Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: &bdquo;Nun heb nur an; nun hast du
+einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder
+wächst genug!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst schon
+nicht gezweifelt.&mdash;Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt sie zu mir
+her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir war, als gliche sie
+nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den
+&bdquo;Buhz&ldquo; einst von dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses
+Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete sie
+nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch ihre Hände
+pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust sinken, und es war,
+als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem Leide ausruhen.
+</p>
+
+<p>
+Da rief ich leise: &bdquo;Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer
+Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie endlich also
+nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr stund, da sahen ihre Augen
+weg von mir, und mit fast einer fremden Stimme sagte sie: &bdquo;Es ist nun
+einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur
+nicht, daß du heute kommen würdest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: &bdquo;Katharina,&mdash;so bist du
+des Predigers Eheweib?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. &bdquo;Er hat das Amt
+dafür bekommen&ldquo;, sagte sie, &bdquo;und dein Kind den ehrlichen
+Namen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Mein Kind, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen;
+einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Möge keines Menschen Brust ein solches Weh
+zerfleischen!&mdash;&bdquo;Und du, du und mein Kind, ihr solltet mir verloren
+sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich will das nicht!&ldquo; schrie ich; &bdquo;ich will …&ldquo; Und eine
+wilde Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+</p>
+
+<p>
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine Stirn
+gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz sahen mich flehend
+an. &bdquo;Du, Johannes&ldquo;, sagte sie, &bdquo;du wirst es nicht sein, der
+mich noch elender machen will.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Und kannst denn du so leben, Katharina?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Leben?&mdash;Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das
+Kind;&mdash;was ist denn mehr noch zu verlangen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er
+davon?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief sie heftig. &bdquo;Er nahm die Sünderin zum
+Weibe: mehr nicht. O Gott, ist&rsquo;s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.&mdash;
+&bdquo;Das Kind&ldquo;, sagte sie. &bdquo;Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm
+ein Leids geschehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. &bdquo;Bleib
+doch&ldquo;, sagte ich, &bdquo;es spielet ja fröhlich dort mit seinem
+Moose.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die goldene
+Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam von der See
+herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das Stimmlein unseres
+Kindes singen:
+</p>
+
+<p class="poem">
+&bdquo;Zwei Englein, die mich decken,<br/>
+Zwei Englein, die mich strecken,<br/>
+Und zweie, so mich weisen<br/>
+In das himmlische Paradeisen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft mich
+an. &bdquo;Und nun leb wohl, Johannes&ldquo;, sprach sie leise; &bdquo;auf
+Nimmerwiedersehen hier auf Erden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; doch sie
+wehrete mich ab und sagte sanft: &bdquo;Ich bin des anderen Mannes Weib; vergiß
+das nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. &bdquo;Und
+wessen, Katharina&ldquo;, sprach ich hart, &bdquo;bist du gewesen, ehe bevor du
+sein geworden?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr
+Angesicht und rief. &bdquo;Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, ich hielt
+sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich wieder! Und ihre Augen
+sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen duldeten die meinen; wir
+umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit
+einander hätten sterben können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf
+ihrem Antlitz weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen:
+&bdquo;Es ist ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese
+Stunde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus
+dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam von drüben
+aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es:
+&bdquo;Katharina!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie mich an;
+dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er
+begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden.
+&bdquo;Ihr haltet wohl nicht viel davon&ldquo;, sagte er; &bdquo;sonst wäret
+Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre
+Weiber in die Stadt getrieben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt die
+Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Was war das, Küster?&ldquo; rief ich.
+</p>
+
+<p>
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah nichts
+weiter. &bdquo;So mir Gott&ldquo;, sagte er, &bdquo;es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam&rsquo;s.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. &bdquo;Nun, Herr?&ldquo;
+rief sie mir zu. &bdquo;Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach
+gefallen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;Was soll das heißen, Trienke?&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem
+Wasser ziehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die Priesterkoppel; aber
+unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser und Spuren feuchten Schlammes
+daneben auf dem Grase.&mdash;Ich bedachte mich nicht, es war ganz wie von
+selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich
+eben ins Haus wollte, trat er selber mir entgegen.
+</p>
+
+<p>
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, und das
+schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. &bdquo;Was wollt Ihr?&ldquo; sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn
+eigentlich?
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Ich kenne Euch!&ldquo; fuhr er fort. &bdquo;Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Das machte mir die Zunge frei. &bdquo;Wo ist mein Kind!&ldquo; rief ich.
+</p>
+
+<p>
+Er sagte: &bdquo;Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;&bdquo;So laßt mich zu meinem todten Kinde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich zurück.
+&bdquo;Das Weib&ldquo;, sprach er, &bdquo;liegt bei dem Leichnam und schreit zu
+Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen
+Seligkeit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des
+Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. &bdquo;Höret mich!&ldquo;
+sprach er. &bdquo;So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in
+seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich&mdash;noch
+ist Eines uns gemeinsam.&mdash;Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder
+Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet darauf des
+todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der Kirchen hier, wo er
+sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es
+dort die Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub
+ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein Buhlweib mit
+der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so geschehen möge.
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und
+Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied um Glied
+die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+</p>
+
+<p>
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen Spectacul, dem
+er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte sein Bette aufgesucht. Da
+ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf &bdquo;Ich muß noch eine Weile
+ruhen&ldquo;, sagte er, indem er ein Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab;
+&bdquo;aber lies doch dieses! Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus&rsquo; Hof
+in fremde Hände kommen, maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen
+Hundes Biß gar jämmerlichen Todes verfahren ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es fehlte
+nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war&rsquo;s bei dieser Schreckenspost,
+als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber schon sahe ich am
+Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und aus meinem Herzen schrie
+es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern!&mdash;Dieser Tod hätte uns das
+Leben werden können; nun war&rsquo;s nur ein Entsetzen zu den andern.
+</p>
+
+<p>
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich schaute
+in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. Aber die
+Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen erregten Sinnen war
+es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah
+gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen,
+und ich zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der
+Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang
+ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich
+allbereits die Stadt im Rücken.
+</p>
+
+<p>
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der
+Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und sagte, daß
+die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und sonstiges
+Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand
+auf die Klinke einer Stubenthür.
+</p>
+
+<p>
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: &bdquo;Wenn es in diesem Zimmer ist, so
+wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Es wird Euch niemand stören&ldquo;, entgegnete er und zog die Hand
+zurück. &bdquo;Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben
+in jenem Zimmer finden.&ldquo; Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des
+Flures; dann verließ er mich.
+</p>
+
+<p>
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war
+todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich öffnete.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den Confirmandenunterricht
+bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die Fenster sahen über öde Felder
+nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager
+aufgebahret. Auf dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die
+kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+</p>
+
+<p>
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich Gebet. Dann
+rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und dann malte
+ich&mdash;rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum zweitenmal
+dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der andauernden großen
+Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und horchte, so wußte ich bald,
+es sei nichts da gewesen. Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an
+mein Ohr.&mdash;Ich trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem
+bleichen Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+</p>
+
+<p>
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer
+Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so scharf
+ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne hatten wohl ein
+Spiel mit mir getrieben.
+</p>
+
+<p>
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und malete
+weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem Linnen lagen, so
+dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem Kinde geben!&lsquo; Und ich
+malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es
+spielend damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend
+hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein.
+</p>
+
+<p>
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib verlangte
+Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und ging über den Flur
+nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat,
+wäre ich vor Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir
+gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein,
+so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken mögen.
+</p>
+
+<p>
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, das ich
+selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum in ihres Vaters
+Haus gewesen.&mdash;Aber wo war sie selber denn? Hatte man sie fortgebracht,
+oder hielt man sie auch hier gefangen?&mdash;Lang, gar lange sahe ich das
+Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich
+mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab;
+dann ging ich zurück zu unserem todten Kinde.
+</p>
+
+<p>
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, zeigete es
+sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein weniges sich gehoben
+hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich möchte noch einmal meines
+Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten Augensterne vor mir lagen, überlief
+mich Grausen; mir war, als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als
+wollten sie noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: &bdquo;Mein
+Fluch hat doch euch beide eingeholet!&ldquo; Aber zugleich&mdash;ich hätte es
+um alle Welt nicht lassen können&mdash;umfing ich mit beiden Armen den kleinen
+blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren
+Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. &bdquo;Nein, nein, mein armer
+Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte
+nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht
+aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes
+ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth
+hinabgerissen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm sanft
+die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein dunkles Roth und
+schrieb unten in den Schatten des Bildes die Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte
+heißen: Culpa Patris Aquis Submersus, &bdquo;Durch Vaters Schuld in der Fluth
+versunken&ldquo;.&mdash;Und mit dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die
+wie ein schneidend Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu
+Ende.
+</p>
+
+<p>
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, nur in
+der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher ich eine
+Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch hereingedrungen.&mdash;War
+Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich
+konnte es nicht enträthseln.
+</p>
+
+<p>
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen wenden;
+aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne den ich nicht von
+hinnen könne.
+</p>
+
+<p>
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder draußen,
+wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete sich vom Flure her
+die Thür und der Prediger trat zu mir herein.
+</p>
+
+<p>
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und
+betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen Leichnams
+vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber seine Augen auf die
+Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub er wie im Schmerze seine
+beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen Augen jählings ein reicher
+Thränenquell entstürzete.
+</p>
+
+<p>
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: &bdquo;Leb
+wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der Nebenkammer; es
+tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte deutlich meinen Namen
+rufen&mdash;oder war es der des todten Kindes?&mdash;Dann rauschte es wie von
+Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das Geräusch vom Falle eines
+Körpers wurde hörbar.
+</p>
+
+<p>
+&bdquo;Katharina!&ldquo; rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und
+rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des
+Pastors sich auf meinen Arm: &bdquo;Das ist meines Amtes!&ldquo; sagte er.
+&bdquo;Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig
+sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>
+&mdash;Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, wanderte
+ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das nur noch
+wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes
+Kind&mdash;Katharina&mdash;alles, alles!&mdash;Meine alte Wunde brannte mir in
+meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich
+mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein Mensch
+begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem dumpfen Brausen des
+Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis
+submersus aquis submersus!
+</p>
+
+<hr />
+
+<p>
+Hier endete die Handschrift.
+</p>
+
+<p>
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft vermessen, daß
+er&rsquo;s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren gleichzutun verhoffe,
+das sollten Worte bleiben, in die leere Luft gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in einem
+Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren Heimat weiß niemand
+von einem Maler seines Namens. Des großen Lazarusbildes tut zwar noch die
+Chronik unserer Stadt Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses
+Jahrhunderts nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen
+Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden.
+</p>
+
+<p class="center">
+Aquis submersus
+</p>
+
+</div><!--end chapter-->
+
+<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div>
+<div style='text-align:left'>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Updated editions will replace the previous one&#8212;the old editions will
+be renamed.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg&#8482; electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG&#8482;
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
+do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
+</div>
+
+<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br />
+<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br />
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span>
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+To protect the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase &#8220;Project
+Gutenberg&#8221;), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg&#8482; License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg&#8482;
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg&#8482; electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person
+or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.B. &#8220;Project Gutenberg&#8221; is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg&#8482; electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg&#8482; electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg&#8482;
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (&#8220;the
+Foundation&#8221; or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg&#8482; electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg&#8482; mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg&#8482;
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg&#8482; name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg&#8482; License when
+you share it without charge with others.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg&#8482; work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country other than the United States.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg&#8482; License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg&#8482; work (any work
+on which the phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; appears, or with which the
+phrase &#8220;Project Gutenberg&#8221; is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+</div>
+
+<blockquote>
+ <div style='display:block; margin:1em 0'>
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+ other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+ whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+ of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
+ at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you
+ are not located in the United States, you will have to check the laws
+ of the country where you are located before using this eBook.
+ </div>
+</blockquote>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase &#8220;Project
+Gutenberg&#8221; associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg&#8482;
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg&#8482; electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg&#8482; License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg&#8482;
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg&#8482;.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg&#8482; License.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg&#8482; work in a format
+other than &#8220;Plain Vanilla ASCII&#8221; or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg&#8482; website
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original &#8220;Plain
+Vanilla ASCII&#8221; or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg&#8482; License as specified in paragraph 1.E.1.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg&#8482; works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg&#8482; electronic works
+provided that:
+</div>
+
+<div style='margin-left:0.7em;'>
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ &#8226; You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg&#8482; works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg&#8482; trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, &#8220;Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation.&#8221;
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ &#8226; You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg&#8482;
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg&#8482;
+ works.
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ &#8226; You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+ </div>
+
+ <div style='text-indent:-0.7em'>
+ &#8226; You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg&#8482; works.
+ </div>
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg&#8482; electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
+the Project Gutenberg&#8482; trademark. Contact the Foundation as set
+forth in Section 3 below.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg&#8482; collection. Despite these efforts, Project Gutenberg&#8482;
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain &#8220;Defects,&#8221; such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the &#8220;Right
+of Replacement or Refund&#8221; described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg&#8482; trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg&#8482; electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you &#8216;AS-IS&#8217;, WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg&#8482; electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg&#8482;
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg&#8482; work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg&#8482; work, and (c) any
+Defect you cause.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg&#8482;&#8217;s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
+public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
+visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+</div>
+
+<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
+Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
+</div>
+
+<div style='display:block; margin:1em 0'>
+This website includes information about Project Gutenberg&#8482;,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+</div>
+
+</div>
+
+</body>
+
+</html>
+