summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/8889-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '8889-0.txt')
-rw-r--r--8889-0.txt3174
1 files changed, 3174 insertions, 0 deletions
diff --git a/8889-0.txt b/8889-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..06df5d3
--- /dev/null
+++ b/8889-0.txt
@@ -0,0 +1,3174 @@
+The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Aquis submersus
+
+Author: Theodor Storm
+
+Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889]
+[Most recently updated: May 28, 2022]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
+
+
+
+
+Aquis submersus
+
+Novelle (1876)
+
+von Theodor Storm
+
+
+
+
+In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit
+Menschengedenken aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon
+in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten
+Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie
+indessen immerhin noch einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen,
+durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form
+zu schätzen; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der
+eine oder andre dort zu treffen sein. Wir pflegen dann unter dem
+dürftigen Schatten nach dem sogenannten „Berg“ zu wandern, einer
+kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem
+ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus der weitesten
+Aussicht nichts im Wege steht.
+
+Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün
+der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen,
+auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine
+Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern,
+der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden
+Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine von den Stätten meiner
+Jugend.
+
+Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die „Gelehrtenschule“
+meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage
+zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder montags früh
+zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt
+zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut
+Stück ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen
+Seite bis fast zur Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf
+erstreckt hatte. Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts
+die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln
+desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der
+Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die
+nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause
+zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen
+Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten
+wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto
+munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg
+hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer
+Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus dem das Studierzimmer des
+Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten
+Gäste hinabgrüßte.
+
+Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir
+allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle,
+ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die
+Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des
+Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten
+Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns
+verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert; sonst war,
+soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und wurde ja nach unserer
+Altersstufe bestens von uns ausgenutzt.
+
+Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, zu
+der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den
+Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern
+aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um
+nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die
+Jungen nun gediehen seien; hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt
+meine, nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube, deren
+Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war, fingen wir die
+flinken schwarzen Käfer, die wir „Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen
+wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute
+Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im
+Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen
+Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem des
+Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir hatten
+dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen,
+wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem
+gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf
+dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht
+gedeihen wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren,
+die hier haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in
+der Erinnerung, wenn jene Zeiten mir lebendig werden.
+
+Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde
+Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt
+nichts an die Seite zu setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die
+Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles
+hervorragten, obschon es anmutig genug war, in beschaulicher
+Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu
+beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich
+stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war
+sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem
+höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide,
+Strand und Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes
+das Innere der Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem
+Apostel Petrus selbst zu stammen schien, erregte meine Phantasie. Und
+in der Tat erschloß er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster
+abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen
+eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich
+frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden
+aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich
+übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes
+Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem
+Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an
+der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen
+sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung aber übte der große
+geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, auf dem in bemalten
+Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war; so seltsam wilde
+Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte, welche in
+ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam
+man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit
+kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria;
+ja, sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung
+bestricken können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des
+Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte.
+
+Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im
+Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines
+schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten
+Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand
+hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie
+hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein
+unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand.
+
+Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem
+Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und
+Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben;
+dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in der
+Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. Auf dem
+Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange her. Immer wieder
+zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches Verlangen
+ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn
+auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz
+des Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die
+Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie
+herauszulesen.
+
+—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann
+das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es
+gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so
+lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an
+derselben Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort
+gebaut.—Und doch, wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten
+Hauses; im Winter die kleine Stube rechts, im Sommer die größere links
+vom Hausflur, wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen
+Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man
+aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den
+ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem
+Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben
+Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte tiefe
+Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel—es
+war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines Abends—wir waren
+derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, welch eine Vergangenheit
+an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit
+frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis
+jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum
+erfüllte.
+
+Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am
+Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht
+hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe
+geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen
+waren.
+
+„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; „aber
+wir können sie nicht enträtseln.“
+
+„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; und nimmt
+man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl
+mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser
+versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man
+dann noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters,
+der einmal die Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu
+periculoso—,Durch gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren
+jener Zeit dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der
+Zufall nicht nur bloß gefährlich.“
+
+Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte auch wohl
+,Culpa‘ heißen?“
+
+„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber durch wessen
+Schuld?“
+
+Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und
+ohne viel Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“
+
+Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“,
+sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des
+Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen
+Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl
+schwerlich von sich haben schreiben lassen.“
+
+Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten;
+und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein
+Geheimnis der Vergangenheit.
+
+Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor
+einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben
+hingen, war mir selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in
+dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen
+wollten, erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines
+Freundes. Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden
+oder woher er gekommen und wie er geheißen habe, darüber wußte auch er
+mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen
+noch ein Malerzeichen.
+
+
+Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der
+gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem
+Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte
+keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich
+selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für
+den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten
+zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im
+Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen, als mir an der Ecke des
+Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine
+plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die verhochdeutscht etwa
+lauten würde:
+
+Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,
+Also sind auch die Menschenkind.
+
+
+Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn
+ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen
+Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast
+unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand sich hier
+ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer alten
+„Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte mir der freundliche Meister—,
+von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit Jahren leer
+gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür
+gewünscht.
+
+Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich
+niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit
+ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen.
+Früher, erzählte der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür
+gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus
+gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten.
+
+Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir
+dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers
+sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes
+Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit
+hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren, ernst
+und milde blickenden Mann dar, in einer dunklen Tracht, wie in der
+Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren
+Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit Staatssachen oder
+gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten.
+
+Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich
+gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir
+hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den
+Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine
+weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja längst. Auch
+hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen zugedrückt hatte.
+
+„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt
+wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung
+innegehalten hatte.
+
+Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer
+Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein
+Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind
+noch andre Siebensachen von ihm da.“
+
+Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf
+welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten
+waren.
+
+Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der
+Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark
+vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen.
+
+„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich.
+
+„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, „so mögen Sie die
+ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; Wert
+steckt nicht darin.“
+
+Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen
+Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich
+dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte,
+verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch
+gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine Frau
+mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde.
+
+Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen.
+
+
+
+
+So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage
+Cantate war es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte
+ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die
+Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land
+hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und
+letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den tiefen Radgeleisen stund;
+denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am
+Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen
+hatte.
+
+Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand
+seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein
+theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer
+Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; einen
+guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in
+meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar fiel auf
+mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen fehlte
+nicht an meiner Hüfte.
+
+Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus,
+meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines
+Zimmers mir die Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße:
+„So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!“
+
+Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige
+Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch
+nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er
+dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der
+Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer
+Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen.
+Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch stets in
+Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich
+meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht
+allein meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine
+fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht,
+daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler
+angenommen.
+
+Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem
+Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn,
+derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die
+Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die
+gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen,
+fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja selbst der Diener Gottes
+mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. Durch den plötzlichen Hintritt
+des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; aber die grausamen
+Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo
+man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich
+auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und
+manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen
+seine grünen Spitzen trieb.
+
+Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur
+Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte,
+daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte
+auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch
+in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber tückete mich ein
+anderes, und das war der Gedanke an den Junker Wulf. Er war mir nimmer
+hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler Vater an mir gethan, als
+einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie
+öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem
+Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen.
+Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden,
+hatte nur vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und
+Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter
+Holstentreue nicht zu reimen ist.
+
+Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den
+Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe
+nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des
+Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein
+hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten
+Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den zwo Reihen
+gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen.
+
+Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn
+alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein
+umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd
+Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen
+Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte
+mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft.
+
+„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des
+Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich
+nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße
+meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war
+des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig
+Geschwister.
+
+Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten
+Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig
+Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein
+paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte
+Hofmann Dieterich, der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem
+getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen
+Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu
+gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem
+Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen.
+
+„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; dort in
+dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja
+nicht schießen!“
+
+Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum
+auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn.
+„Der Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre
+beiden Händlein in der Luft.
+
+Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes
+saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge.
+„Der Buhz, der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes,
+schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch immer
+und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und
+schoß, daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber
+schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft.
+
+Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander;
+in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber
+mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch,
+dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß. In
+Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr Gerhardus gern
+der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; und da er jünger war
+als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen;
+insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen.
+Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme
+Vogelnase, die ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter
+buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn
+sie seiner nur von fern gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor
+und rief. „Johannes, der Buhz, der Buhz!“ Dann versteckten wir uns
+hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald
+hinein, der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht
+an die Mauern des Gartens hinanzieht.
+
+Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen
+uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der
+Vortheil meist in meinen Händen blieb.
+
+Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt
+in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte,
+war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt
+in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern
+hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier beklommen machte.
+Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man
+im Hause nur „Bas’ Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen
+und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr.
+
+Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit
+beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit
+spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den
+Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter
+Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei seiner
+schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten Fräulein
+solches zu gefallen schien. Das war ein „Herr Baron“ auf alle Frag’ und
+Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen
+Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich aber, wenn ich ja ein
+Wort dazwischen gab, nannte sie stetig „Er“ oder kurzweg auch
+„Johannes“, worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im
+Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, obschon ich ihn um halben
+Kopfes Länge überragte.
+
+Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich,
+sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort
+gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch
+stolzes Lächeln, so daß ich dachte: ,Getröste dich, Johannes; der
+Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft‘ Trotzig blieb ich
+zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen. Als aber diese in das
+Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus’ Blumenbeeten
+stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie vormals, mit dem von der
+Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina
+wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und
+flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem jungen
+Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort war sie wieder, eh ich
+mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie
+weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte hell
+und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen
+Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es
+mir gerad ins Herz geleuchtet.
+
+Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte
+mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam
+zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach
+dann lange mit mir, als meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch
+selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich
+auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte.
+
+Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß
+Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena
+gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön
+erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre Arbeit
+neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas’ Ursel und las
+laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob
+sie die Nase nach mir zu. „Nun, Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl
+Ade sagen? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze
+machen!“—Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden; aber
+indem sie mir die Hand reichte, traten die Junker Wulf und Kurt mit
+großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: „Leb wohl, Johannes!“
+Und so ging ich fort.
+
+Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und
+Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den
+Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich
+nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und stand
+oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den Richtweg
+durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel weiteren auf der
+großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das Abendroth
+überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht
+überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und setzte
+rüstig meinen Wanderstab in Gang.
+
+Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender
+Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war
+sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang
+über den trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem
+güldnen Netz entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit
+glänzenden Augen, noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an.
+„Ich—ich bin ihnen fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein
+Päckchen in meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir,
+Johannes! Und du sollst es nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr
+Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was reden,
+aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und wehmüthig ihr
+Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich sah ihr Kleid im
+finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte ich noch die
+Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die
+Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander
+faltete, da war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt
+hatte; ein Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des
+Abendrothes. „Damit du nicht in Noth gerathest“, stund darauf
+geschrieben.—Da streckt ich meine Arme in die leere Luft: „Ade,
+Katharina ade, ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald
+hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt.
+
+—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute alles
+wiederfinden?
+
+Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden,
+hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses
+itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte,
+jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern
+gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein erschreckliches Geheul, der
+eine sprang auf mich und fletschete seine weißen Zähne dicht vor meinem
+Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen.
+Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe,
+aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief sie; „Tartar, Türk!“ Die
+Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus
+der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich.
+
+Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde
+gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so
+lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr
+Johannes!“ sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände.
+
+„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann haltet Ihr
+solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den
+Wölfen?“
+
+„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker hergebracht.“
+
+„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte.
+
+„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg her
+ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“
+
+„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle er
+mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit
+gekommen!“
+
+Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher
+Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab
+dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute
+Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen.“
+
+Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder
+anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den
+Weg. „Herr Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an!
+Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg
+kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“
+
+„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“
+
+„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser
+theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die
+Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem
+Hofe; aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“
+
+Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“
+Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge.
+
+Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine
+Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort
+also sollte ich Herrn Gerhardus suchen.
+
+Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er es
+bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den
+Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus
+den Lindenwipfeln.
+
+Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen
+trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen
+warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die
+Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern
+Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete
+hinknien wollte, erhub sich über den Rand des Sarges mir gegenüber ein
+junges blasses Antlitz, das aus schwarzen Schleiern fast erschrocken
+auf mich schaute.
+
+Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich
+zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s
+denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere
+Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön
+geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens
+mich durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt
+zurückgeschrecket in der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen
+drängten sich die braunen Löcklein, und der schwellende Mund war um so
+röther in dem blassen Antlitz.
+
+Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich
+in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu
+danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich
+Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden Züge
+festzuhalten suchen.“
+
+Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir
+hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem
+von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz
+nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor
+der Majestät des Todes.
+
+Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für
+die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach
+einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch
+von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte.
+
+Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen
+nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen
+vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des
+Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen
+ein einzelner Schritt zurück; in demselben Augenblick legte Katharina
+die Hand auf meine Schulter, und ich fühlte, wie ihr junger Körper
+bebte.
+
+Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den
+Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und
+aufgedunsen schien.
+
+„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. „Der
+Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu bezeigen;
+du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“
+
+Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen
+kleinen Augen an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm
+trat; „es ist Johannes, Wulf“
+
+Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte
+nur mein violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten
+Federbalg; man wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“
+
+„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf den Hof
+hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das ,Herr‘ vor
+meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn hat
+großes Recht an mir.“
+
+Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst
+du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu
+der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“
+
+Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen;
+da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen
+Edelmann gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen
+hätte.
+
+„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf
+seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus verläßt, so
+muß ihr Bild darin zurückbleiben.“
+
+Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging,
+gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete
+ruhig: „Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker
+Wulf?“
+
+„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, „daß
+du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“
+
+Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den
+Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei
+itzt kaum die rechte Zeit.
+
+Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir
+zuflog, so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen
+will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre
+keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem
+Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“
+
+Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge
+einen Imbiß für mich richten lassen.
+
+Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich
+verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine
+Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem
+Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr
+worden, die dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir
+aber näher kamen, sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen
+mich, daß Katharina einen Schrei that, der Junker aber einen schrillen
+Pfiff, worauf sie heulend ihm zu Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“,
+rief er lachend, „zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz
+oder Flandrisch Tuch!“
+
+„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten—,
+„soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget Ihr
+Euere Thiere bessere Sitte lehren!“
+
+Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal
+in seinen Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur
+Johannes!“ sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu
+streicheln. „Damit jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier
+begonnen; denn—wer mir in die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels
+Rachen!“
+
+Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch
+aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem
+Thore zu.
+
+Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die
+unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu
+dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die
+breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn
+Gerhardus Zimmer traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem
+gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die Karten an der Wand, die
+saubern Pergamentbände auf den Regalen, über dem Arbeitstische der
+schöne Waldgrund von dem älteren Ruisdael—und dann davor der leere
+Sessel. Meine Blicke blieben daran haften; gleichwie drunten in der
+Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir
+itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs
+Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie
+erfüllet.
+
+Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich
+mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich
+sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre
+Brust in ungestümer Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier
+ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen
+Hunde?“
+
+„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in Eueres Vaters
+Haus?“
+
+„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden Hände,
+und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, nein;
+laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du sollst
+mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann,
+Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“
+
+Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich
+vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte
+zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir
+saßen neben einander und sprachen lange zu des Entschlafenen
+Gedächtniß.
+
+Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem
+alten Fräulein nach.
+
+„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, die ist
+auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die Treppen sind ihr
+schon längsthin zu beschwerlich.“
+
+Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den
+Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde
+brachen. Bas’ Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie
+ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte
+ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der
+Herr Baron—nach seines Vaters Ableben war er solches itzund
+wirklich—ihr aus Lübeck zur Verehrung mitgebracht.
+
+„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie behutsam
+die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder da,
+Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu très-compliqué!“
+
+Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. „Ei“,
+meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn nicht,
+daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“
+
+„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das Thor trat,
+wußte ich es nicht.“
+
+„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich gehöret Er
+ja auch nicht zur Dienerschaft.“
+
+Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich
+jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der
+alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem
+Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem
+Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den Scheiben.
+
+Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die
+itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den
+Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das
+Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber
+passire eben nichts, als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken
+oder Buchsrabatten putze.
+
+—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es
+sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken.
+
+
+
+
+Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten
+Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner
+Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm
+erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch
+das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und holete allerlei
+Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die fremden Truppen auf
+dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden müssen; einmal aber, da
+ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht und er erst nicht
+hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab und
+schauete mich an.
+
+„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam schad, daß Ihr
+nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!“
+
+Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit
+seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr
+Johannes; ’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben,
+wo uns der Herrgott hingesetzet.“
+
+Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete
+aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden.
+
+Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen
+Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s
+wissen, Herr Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern
+Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den
+Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf
+der Geigen weiß er nicht so gut zu spielen; da er aber ein lustig
+Stücklein liebt, so hat er letzthin den Rathsmusikanten, der überm
+Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm
+auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt der
+Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und
+fror Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen
+hinter sich, im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen
+müssen!—Wollet Ihr mehr noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm
+freuen sich die Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern
+gesegnet; und dennoch—aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und
+unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat schon vorher von seinem Erbe
+aufgezehrt.“
+
+Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit
+seinem Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß
+gemacht.
+
+—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen,
+wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es
+sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber
+wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im
+Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch,
+dessen Wände fast völlig von lebensgroßen Bildern verhänget waren, so
+daß nur noch neben dem Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren
+das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende
+Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er
+selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene
+Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren gar
+trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in
+seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die
+Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem
+Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es später zu einem
+größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier in meiner einsamen
+Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters ist. Das Bildniß seiner
+Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern.
+
+Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den
+schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern
+wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber
+war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das
+mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging
+ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit
+hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den Würmern schon
+zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon als Knabe, als ob’s
+mich hielte, still gestanden war. Es stellete eine Edelfrau von etwa
+vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt und stechend
+aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen Kinntuch
+und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich
+vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir:
+,Hier, diese ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum
+und drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der
+Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich wieder
+auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus;
+vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich
+Katharinen schützen.‘ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten
+Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte.
+
+So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die
+Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen.
+
+Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den
+Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen
+Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir
+oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen
+war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei
+das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie
+fast die Speisen nicht berührt, entfernte sich allzeit bald, mich kaum
+nur mit den Augen grüßend; der Junker aber, wenn ihm die Laune stund,
+suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; hatte mich also hiegegen
+und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider
+allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet wurden.
+
+Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen,
+geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des
+Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen
+seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen dereinst eine
+fröhliche Urständ wolle bescheren!
+
+Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus
+der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber
+fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der
+Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht
+hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in der Kürze
+alle wieder abgezogen sind.
+
+Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne,
+wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen
+Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die
+wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge
+am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns
+beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, solcher Gevatterschaft gar gern
+entrathend, hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund
+dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am
+andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des Saales zu verhängen und
+die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber
+in den letzten Tagen angefertigt.
+
+Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete
+sich die Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein.
+Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns
+dießmal fast erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung,
+die sie nicht abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer
+Verwirrung zu mir auf.
+
+„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen;
+duldet Ihr’s auch gern?“
+
+Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise:
+„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“
+
+Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina!
+Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir
+nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich
+weiß es schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“
+
+Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch,
+Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das
+thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn
+ich bin kein Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber,
+Johannes—ich habe einen Blutsfreund—, hilf mir wider den!“
+
+„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“
+
+—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er mich zum
+Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den
+schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab
+ich’s ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber
+ich weiß, auch das wird er nicht halten.“
+
+Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen
+Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht
+anzugehen sei.
+
+Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben
+habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch
+erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders,
+die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen
+gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der gnädige Gott hatte das
+geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket.“
+
+Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und
+ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu
+ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten,
+nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen,
+so stelleten wir fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und
+also meine Botschaft ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk
+zu fördern.
+
+
+
+
+Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker
+mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand;
+gleichwohl—hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder
+glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket—, was ich
+besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie an den
+andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein und schalt mit
+Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber dann die Thür hinter
+sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen.
+Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite. Da
+Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem Platz zu
+bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen
+fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem
+Hofe nicht gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und
+redete gar schöne Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich
+so sehr vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken
+auf den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so
+trefflich ausgedrücket, „rückwärts den Winden leichte Küsse werfend.“
+Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus’ Bild
+und sagte: „Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater war!“
+
+Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich;
+meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur
+gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete.
+Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu
+reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so nahm er alsbald
+seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil wünschend.
+
+Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick
+gleich einer Messerspitze nach mir zücken.
+
+—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit
+rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der
+Roggen in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die
+Rosen auf; wir beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir
+hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise
+wagten, auch nur mit einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was
+wir gesprochen, wüßte ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben
+in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr
+güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in
+ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann
+gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir
+zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete
+aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir
+schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, als
+schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann
+fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel
+heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein
+sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches
+aus meiner Hand gegangen ist.—Und endlich war’s doch an der Zeit und
+festgesetzet, am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten.
+
+Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch
+einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir
+sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie
+und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die schweigende
+Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in Katharinens Gegenwart
+sonst kaum gedacht hatte.
+
+Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß,
+das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend
+grauen Augen auf mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu
+den Stuhl verrücket.
+
+Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast
+erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“
+
+Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina?
+Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“
+
+„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar bei
+Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin
+eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier
+gehauset.“
+
+„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; „dies
+Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“
+
+Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, sagte sie,
+„sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen aber hat
+man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals
+zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“
+
+„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus
+dem Boden.“
+
+„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich
+noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie
+erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf
+verschwinden.“
+
+Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des
+Bildes. „Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“
+
+„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast
+verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den
+Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“
+
+—„War es denn ein gar so übler Mann?“
+
+Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth
+bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und
+leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es heißt,
+sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“
+
+Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten
+Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr
+Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen.
+
+So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen;
+wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“
+
+Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war
+kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen.
+„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch dich
+verflucht?“
+
+Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt an meiner
+Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die
+kalt und feindlich auf uns niederschauete.
+
+Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein
+Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein
+Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig
+die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder
+an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen
+hatte, öffnete sich die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt
+erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte
+sie, „Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir
+nachgerade doch Sein Werk besehen!“
+
+Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die
+allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und
+Trübsal bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang
+noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar
+stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich:
+„Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde
+sitzet?“
+
+Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß
+die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen
+oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen
+spähend hin und wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie
+dann mit ihrer höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz,
+Katharina; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“
+
+Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei
+noch hie und da zu schaffen.
+
+„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!—
+Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“
+
+Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod
+mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die
+braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten.
+
+
+
+
+Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf
+einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus
+dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers
+Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon
+selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der oben im Sattel saß,
+schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen gleichwohl ohne Blessur
+davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg
+an.
+
+Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen
+Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur
+zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte.
+Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir das alles wohl
+verpacket nachzusenden.
+
+Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles
+zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker
+silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet
+wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer,
+niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; sodann auch der
+Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten, so eben um
+diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger, wie
+ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten
+deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei
+Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides,
+von Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben,
+nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in
+meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um
+Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen
+Hamburg hinter mir.
+
+Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte
+bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich
+erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines
+theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten
+Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger
+als die des Bruders. Ich hatte, selbst nachdem ich Katharinens
+Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu bestehen; dann aber
+verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe,
+indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man mich
+gar wohl bewirthete.
+
+Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete
+ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete,
+noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben,
+das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl
+verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt
+ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die
+eine, nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen
+Gedanken schreckend.
+
+Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub
+sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt;
+in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog
+auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber
+an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im
+Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit.
+
+Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war,
+resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten,
+welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn
+ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen
+habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken, um die
+Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber wollte nur an sein
+Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen.
+
+Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den
+grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich
+hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir
+auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte,
+wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von der Glocken scholl
+die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber sie schlafen alle‘, sprach ich
+bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen
+Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den
+niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So ritt ich
+weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens
+Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf
+den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir
+entgegen.
+
+Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und
+brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat,
+war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei
+und wüst Getreibe, wie ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren
+nicht vermerket. Der Schein der Unschlittkerzen, so unter einem Balken
+auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz
+aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.—Aber
+nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen;
+bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen,
+stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen
+Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien
+ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den
+Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß
+sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die
+Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen
+ließen, schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen;
+und die Bauerburschen glotzten drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme
+lag, gleich einer Tauben vor dem Geier.
+
+Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth
+zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten
+Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß
+brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und schüttelte
+sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und
+Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr worden, ließ er nicht ab, bis
+ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug nach meiner Reise, und
+ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber antwortete nur,
+ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in der
+Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein
+leichtlich möge holen lassen.
+
+Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der
+Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk
+zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im
+Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl
+hernieder.
+
+„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! Was
+soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar
+hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams
+hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et valet!“
+
+Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur
+wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der
+Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der
+Risch schlug nach einander jede Karte fehl.
+
+„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd die
+Speciesthaler auf einen Haufen scharrte:
+
+„Glück in der Lieb
+Und Glück im Spiel,
+Bedenk, für einen
+Ist’s zu viel!
+
+
+Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie
+auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“
+
+Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von
+Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah
+gar grimmig auf mich her.
+
+„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf vergnüglich,
+als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; „aber
+getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein Freund,
+der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“
+
+Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem
+Spürhund bei der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel
+sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch
+in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“
+
+Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit
+dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf
+lagen auf mir; und war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz
+Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen
+die Karten klatschend auf den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei
+meiner Base! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich
+auf den Botengang geschickt?“
+
+„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch genug
+sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; fiel
+mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich
+vorhin den Gaul zu Stalle brachte.
+
+Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm
+das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine
+saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“
+
+Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der
+Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich
+fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr
+über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide
+Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund. Es hatte
+keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; als wir uns aber itzund
+in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß er’s mit seinem Todfeind
+vor sich habe.
+
+Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem
+Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte
+aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen
+Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es noch
+vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich
+wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der Tenne an
+dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle springen
+sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden
+daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu
+Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich
+schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie.
+
+Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und
+Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu
+gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem
+Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem
+Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur
+Gartenmauer. Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub
+der Bäume ausgeschlossen, aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar
+bald gewohnt, und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse
+fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich gedachte den Rest der
+Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten
+Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl
+sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei.
+
+Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang
+wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir
+gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da
+ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat,
+hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen; und von wo ich
+ihren Schall hörte, dahin richtete ich meine Schritte, denn mir war
+wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens
+ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum
+Hofe nicht gar weit mehr hatte.
+
+Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus
+dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das
+jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln
+konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie hielten fest
+auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen
+und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens. Aber Gott
+gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich
+gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich
+mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; die
+Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst
+vor meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt.
+„Sieh dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen;
+„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr
+fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor
+geschrieben stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier
+vergäßest.“
+
+Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn
+nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde
+des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige
+aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß
+nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und rings im Garten war kein
+Baum, nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die
+Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als eben das Bellen der Hunde wie
+ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl, ersahe ich in
+meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem Stamme an dem
+Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den
+mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit
+ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel,
+so von der Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir
+herabgerissen.
+
+Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben
+schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um
+mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war
+nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in
+solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme
+scholl zu mir herab—möchte ich sie wieder hören, wenn du, mein Gott,
+mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie;
+leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, und ich kletterte höher an
+dem immer schwächeren Gezweige, indeß die schlafenden Vögel um mich
+auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen.—„Katharina!
+Bist du es wirklich, Katharina?“
+
+Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen
+das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in
+die Tiefe starrten.
+
+„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da schwang ich mich in
+ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und
+Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihre
+Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über
+dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen
+die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir
+alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und
+doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich
+satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob,
+sprach ich zu ihr: „Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?“
+
+Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast,
+Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“
+
+Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr
+sie erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist das mit
+den Hunden?“
+
+„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, es
+muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die
+Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus
+meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge
+drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen.
+
+Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann
+schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns
+morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch
+zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler
+Johannismarkte festgesetzet sei.
+
+„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das einer
+Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich
+der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“
+
+Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du,
+Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet,
+griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist
+der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“
+
+Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir
+umfingen uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was
+vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich
+bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben.“
+
+Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie
+Schelmerei aus ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du
+seiest auch das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des
+meinen—das gilt der Welt wohl nicht!“
+
+„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich und
+umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, dort
+gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle
+von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten
+ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein
+Meister van der Helst und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr
+noch oder zwei; dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur
+feste gegen euere wüsten Junker!“
+
+Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich
+und sagte leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich
+doch dein Weib auch werden müssen.“
+
+—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern
+goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien
+furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter
+Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß.
+
+Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings
+stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild
+davon rennen.
+
+Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem
+stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann
+zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte
+Katharina leise; „er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald
+hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel
+drehen und danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren,
+wo der Junker seine Kammer hatte. Dann wurde alles still.
+
+Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war
+es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf
+zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich
+nun gehen, Katharina?“ sprach ich endlich.
+
+Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging
+nicht.
+
+Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der
+Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um
+die Hecken fließt.—
+
+Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne
+heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen
+Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der
+Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen
+hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete die Nacht in
+stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern?
+
+—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne
+krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt,
+die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen
+dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß
+inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst geschreckt, mich fort.
+
+Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das
+Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns
+treffen; und dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich
+im Garten, unten in der kühlen Morgenluft.
+
+Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob,
+schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken.
+Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick
+aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme
+streiften; denn mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich
+gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem
+Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes.
+Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über meine Augen ging; dachte
+zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne; redete mir
+dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch
+Spiel mir vorgegaukelt hätten.
+
+So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten,
+merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen;
+sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was
+hinunterziehen wollte. ,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch
+nach dir!‘ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald
+hinab.
+
+Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu;
+hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne
+sich nicht lösen mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom
+Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein
+Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über mir vom
+Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich all müßig
+Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße
+Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast ein
+theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als
+nur das ihre!‘
+
+Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn
+Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück
+nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte und
+allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der
+alten Base Herz erweichet; und schlimmsten Falles—es mußte auch gehen
+ohne das!
+
+Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des
+grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom
+Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl
+hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen
+und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein
+Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger und rascher schritt
+ich aus, als könnte ich bälder so das Glück erreichen.
+
+—Es ist doch anders kommen.
+
+In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und
+trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings
+hatte flüchten müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der
+Tenne mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen
+Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder
+eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde
+raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“
+
+Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl
+begriffen habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch
+und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s
+denn gestern noch so einen Nachschmack geben.“
+
+„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt heut auf
+seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen
+Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“
+
+Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und
+Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen
+holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm.
+
+Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen,
+daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als
+er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging
+aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden
+Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht, wie ich
+solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet
+hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu verhoffender Zeit sie selber
+in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde,
+sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog also meinen
+Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen,
+woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt
+es dann in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen
+grüße, wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde.
+
+Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum
+Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die
+Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich nebenan im
+Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß die Zeit
+vergehe.
+
+Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von
+einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem
+Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den
+Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei,
+wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße
+Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein seltsam Spiel der
+Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte
+Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen
+Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich,
+im nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze
+schließen würde.
+
+Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es
+war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging
+umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die
+Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein
+Schritt im Laube raschelte; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab
+und zu der Sommerwind.
+
+Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem
+Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir
+Dieterich. „Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr
+seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte
+mir Euren Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“
+
+„Warum fragst du, Dieterich?“
+
+—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht.“
+
+„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war
+beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken.
+
+„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete der Alte.
+„Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer Stund
+mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an den
+Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre
+Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht
+beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein
+einzig Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und
+jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder
+auf den Boden, bald hinauf in den Epheu, der am Turm
+hinaufwächst.—Verstanden, Herr Johannes, hab ich von dem allem nichts;
+dann aber, und nun merket wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand,
+als ob sie damit drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher
+hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr’s da an Euerem Mantel
+traget.“
+
+„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf
+meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug.
+
+„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der Junker wandte
+sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen wäret. Ihr
+möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die
+Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“
+
+Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“
+
+—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?“
+
+„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“
+
+Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht,
+Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was
+geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“
+
+„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen
+Worten riß ich meine Hände aus den seinen.
+
+Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, „das weiß
+nur unser Herrgott!“
+
+Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in
+seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte.
+
+Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst
+betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier
+vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe
+an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm
+selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier
+verweile.
+
+Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des
+Junkers „Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir
+wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß
+er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme.
+„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, wenn’s nicht
+schon sein Gespenste ist!“
+
+„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm trat,
+„es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere
+Kammer fahren!“
+
+—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch
+immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“
+
+In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem
+Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr.
+Jedennoch sprach ich: „Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr
+Junker!“
+
+Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich
+auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam waren,
+wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar Stunden, da ich
+mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete mich gleich
+einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen
+gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, den
+sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich reut’s
+nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen!“
+
+Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg,
+so dachte ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es
+ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann
+in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren
+gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester
+Katharina mir zum Ehgemahl—“
+
+Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten
+mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in
+das Ohr, ein Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir
+der Degen, den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der
+Hand zu Boden fiel.
+
+
+
+
+Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren
+Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß,
+mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem
+Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten Augen suchten stets
+aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir vorstellete, Katharinens
+Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue;
+denn von ihr selber hatte ich keine Kunde.
+
+Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des
+Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe
+und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers
+niemand zu mir gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust
+erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe niemandem
+Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und
+Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er
+mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch glaubhafter jedoch, daß er
+allen diesen Dingen trotzete.
+
+Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des
+Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn
+für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es
+sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später
+nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen Gespräch mit
+Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir nicht gerathen
+wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in
+meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der Junker nicht
+nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof
+noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten,
+daß er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und
+daß ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen
+dächte, was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete.
+
+Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen
+den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten
+Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete
+auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der holländischen
+Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen
+wurde, und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl
+erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, durch die
+hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide
+zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht
+genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er
+habe nur auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag
+verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch
+sofort ein reicher Lohn dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich
+solches noch vollendete, daß dann genug des helfenden Metalles in
+meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl
+bestellet Heimwesen einzufahren.
+
+Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war,
+mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise
+gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen
+Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte.
+
+Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als
+nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen
+mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der
+Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf
+mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen
+Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann mein Siechthum
+und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. Zwar der besten
+Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel, aber in
+Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte von ihr,
+keine zu ihr kommen.
+
+Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen
+Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des
+frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging
+die Reise rasch und gut von Statten.
+
+Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun
+fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem
+noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken
+und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich
+ging aber nicht nach Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein
+Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand
+entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm
+gar selber gegenüber.
+
+Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht
+munter. „Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht
+wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“
+
+Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier
+allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten
+Dieterich.
+
+Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es
+so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden
+Todes verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er zu
+seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“
+
+„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“
+
+Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von
+Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich
+sprach beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“
+
+„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, die ihn
+schon zu Richte setzen wird.“
+
+Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß
+er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen
+nannte, so war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der
+Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn
+Gerhardus’ Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker mit
+einander hauseten.
+
+Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet
+wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch plaudern
+könnten!“
+
+„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer aufs
+Herz.
+
+„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die
+Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten
+wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen;
+nur wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf
+wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“
+
+Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden;
+dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich,
+„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib
+geworden?“
+
+„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich schüttelte ihn
+an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es geht die Rede so! Auf alle
+Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen
+worden.“
+
+Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse
+nichts von alledem.
+
+Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es
+sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer
+Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das
+Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so
+durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der
+Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen
+aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’
+Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen.
+
+—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um
+Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht
+hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon
+Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf
+nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte
+mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß
+keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden. Da reisete ich
+wieder zurück und demüthigte mich also, daß ich nach dem Hause des von
+der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher
+hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das Vöglein sich
+geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er keinen
+Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe.
+
+Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans
+Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen,
+er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in
+den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn
+gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; wir haben
+gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die
+Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an;
+gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach
+Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht
+meine Nachforschungen zu betreiben dachte.
+
+Es ist alles doch umsonst gewesen.
+
+
+Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt
+dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner
+Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise
+dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist.
+Aber das alles gehört ja der Vergangenheit.
+
+
+
+
+Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der
+Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner
+Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe.
+
+Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht
+zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener
+tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm
+gebettet hatte?—Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft,
+dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen. Es lautete wie
+folgt:
+
+Geliek as Rook un Stoof verswindt,
+Also sind ock de Minschenkind.
+
+
+Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims
+eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine
+Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann
+selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben. Da sie im letzten
+Herbste das alte Haus abbrachen, habe ich aus den Trümmern diesen Stein
+erstanden, und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses
+eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der vorübergeht, an
+die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine
+Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit
+der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben
+Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem
+kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei
+meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe
+anvertrauen mögen.
+
+Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee;
+maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag
+worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie zum
+schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der hiesigen
+Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es denn auch noch
+heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist. Daneben
+wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in Hamburg
+Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet,
+so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament
+aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange
+schon das Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als
+unbeweibter Mann lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig
+Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin
+ich, nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben,
+anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den
+vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre.
+
+Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe
+eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam
+alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die
+gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie
+draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren
+Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den
+Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines Vormittages, da ich
+soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie mit viel
+überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres
+Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu
+Gesicht bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger,
+wie es die Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine
+blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man
+glauben mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten
+müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr
+gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und sie endlich
+von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den
+Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da ich eines gar
+andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da in der
+kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also rückwärts
+sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine
+gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung
+gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari
+Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten
+Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So
+wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten!
+
+Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf
+meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und
+durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab
+aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter
+bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen; denn es war ein
+Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast mit Gaste handeln durfte, also
+daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren
+Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab.
+Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen von den
+Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die
+hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben
+Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben,
+zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen
+war; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe.
+Doch war es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein
+sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit
+wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag
+der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen Augen aber
+dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel
+auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen schlugen leis und
+fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der du die
+Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele
+sie zu suchen?—
+
+Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen
+Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen
+hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein
+herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen
+Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre. Er
+wies soeben einem andern, untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen,
+aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit
+seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er selbst zumal durch
+das Marktgewühle von dannen schritt.
+
+Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab
+und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich
+ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete.
+
+Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr
+ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß
+in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst
+um die Gemeine dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm
+anzuthun gedächten, da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang
+im Amte stehen könne; der Küster aber meinete, es habe der Pastor
+freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die
+Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was Sondres könne
+vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in
+der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, ich
+verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit
+wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich
+kümmere sich nicht eben viel darum.
+
+Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf
+eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen
+eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich
+an, dem Auftrage näher nachzufragen.
+
+Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering,
+so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie
+sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen
+Dirnen abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit
+allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem
+Dorf hinauszuwandern, das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen
+ist. Sagete also zu, nur mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf
+dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche
+Gelegenheit nicht befindlich sei.
+
+Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor
+schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls
+ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei
+erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am
+Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, so
+daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, die im
+Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket.
+
+Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des
+Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich
+bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert
+werden.
+
+Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein
+Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen,
+so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich
+bekäme da einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem
+Priesterkragen sitze, und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl
+versehen; erzählete mir auch, es sei der Pastor als Feldcapellan mit
+den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als welcher er’s fast wilder
+denn die Offiziers getrieben haben solle; sei übrigens itzt ein
+scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar meisterlich zu
+packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei desselbigen
+Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben
+solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der
+Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen
+lassen. War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden.
+
+
+So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die
+Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr
+rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft
+ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war
+weithin nichts zu ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem
+ich zustrebte—wie ich bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern
+auferbauet—, stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen
+Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen Strohdächern, die an seinem Fuße
+lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk; denn der
+Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will freien Weg
+zu fahren haben.
+
+Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei
+gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze
+Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich
+willkommen. „Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte
+er. „Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“
+
+In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich
+denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf
+seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das
+war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das
+Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des
+Mannes hohe knochige Gestalt.
+
+Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen
+wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach
+den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den
+nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth
+sein; denn die Watten waren überströmet, und das Meer stund wie ein
+lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie oberhalb desselben die Spitze des
+Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen
+einander strecketen, wies der Küster auf die Wasserfläche, so
+dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat einst meiner Eltern Haus
+gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert
+anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches ward
+ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder
+in die Ewigkeit hinaus.“
+
+Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den
+Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘
+
+Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen
+Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange
+an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz
+vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen
+ausgebreitet lag.
+
+Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir
+die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines
+guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben
+Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in
+gar sondere Gesellschaft kommen.
+
+Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte
+Stimme des Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der
+Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich
+habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet
+es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit.“
+
+Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für
+meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich
+einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war
+gerühmet worden.
+
+Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da
+kommet ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der
+Kirche schaffen ließ.“
+
+Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter
+nicht in Euerer Kirche dulden?“
+
+„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind nicht
+überliefert worden.“
+
+—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu
+suchen?“
+
+Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den
+Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben
+Kopfes Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die
+holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um
+durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen?
+Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich
+zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet!
+Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus! Diese Marienbilder
+sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus; die Kunst
+hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“
+
+Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag
+liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie
+schmiegte.
+
+Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach,
+daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst
+an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub.
+
+
+
+
+Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach
+dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf
+Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren
+Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei
+Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst
+hier überall betrieben wird; auch habe ich das Kästlein, woran er
+derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten
+Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes
+Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.—
+
+In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige
+auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er
+stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke
+des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, antwortete
+er: „Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so heiße ich ja auch!“—Er
+sah mich groß an, sagte aber weiter nichts.
+
+Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete
+mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der
+Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht
+aus seinem kurzen Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So,
+dachte ich, sieht ein Kind, das unter einem kummerschweren Herzen
+ausgewachsen. Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen; aber ich
+scheuete mich vor dem harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu
+behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine Frau mag dieses Knaben
+Mutter sein?‘—
+
+Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau
+befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man
+nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit
+ist.“—Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der
+Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft,
+sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause
+gehen; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre
+schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar
+gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren
+getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild
+ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es
+passe dieses Paar nicht wohl zusammen.
+
+—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit
+an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese
+Bilder mit einander nahezu vollendet waren.
+
+So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder
+unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast
+herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf
+gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen;
+denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir mitsammen in unserer Eltern
+Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins
+gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange
+schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung
+entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that
+uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt
+lag, in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken.
+
+Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln
+Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und
+Unrast fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es
+mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es
+waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann,
+wenn sie es war, wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare
+Gedanken stürmten auf mich ein!
+
+Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit
+der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt
+ein heller Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie
+gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die
+kommen von des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten
+sieht man, daß sie gleichwohl hin und wider stolpern.“
+
+Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von
+der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die
+zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers
+Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer
+glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in
+die Krämerstraße einbog, hörete ich einen unter ihnen sagen: „Ei
+freilich; das hat der Teufel uns verpurret! Hatte mich leblang darauf
+gespitzet, einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören!“
+
+Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die
+Stadt lag wieder still und dunkel.
+
+„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich tröstet.“
+
+Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein
+grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen
+einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt
+werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden
+worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht
+geschehen.
+
+Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte
+doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der
+Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der
+Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied,
+so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum
+noch passen werde wie die Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein
+viellieber Bruder, hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen
+und freuete mich, daß unser Herrgott—denn der war es doch wohl
+gewesen—das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen
+hatte.
+
+Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der
+Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der
+Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten
+Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der Justification selber
+zu assistiren. „Es schneidet mir schon itzund in das Herz“, sagte er,
+„das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem Karren die Straße
+herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister
+ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner Statt“, fügete er bei, „der du
+ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem
+Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen!“
+
+Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst
+wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er
+die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles
+sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen Blättern
+niederschreiben werde.
+
+
+
+
+Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der
+Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem
+Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die
+Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten;
+auch sahe ich, wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte
+in Bewegung waren, und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über
+das Geländer der großen Treppe aufgehangen; ich aber ging durch den
+Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus.
+
+Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei
+der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen
+Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und
+mochten das der Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff
+zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her aber kamen schon die
+ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht
+weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und da ich hinter den Bäumen
+hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl
+entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da mußte ich meine
+Hände falten:
+
+„O Herr, mein Gott und Christ,
+Sei gnädig mit uns allen,
+Die wir in Sünd gefallen,
+Der du die Liebe bist!“—
+
+
+Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte,
+begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen
+und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort.
+
+„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; „es
+ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“
+
+Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge
+Satansmensch, verbrennen sehen.
+
+—„Aber die Hexe ist ja todt!“
+
+„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist unserer
+Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können
+wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb
+nehmen.“—
+
+—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon
+Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen
+voll geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der
+Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der
+Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze
+Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund,
+der hier inmitten der Heide liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich
+zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen,
+oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber
+vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende
+Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an
+einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen
+Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz gleich
+einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich
+wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der
+Stadt fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu.
+
+Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des
+Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig;
+dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig;
+als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters alte halb blinde Trienke
+aus einem Nachbarhause.
+
+„Wo ist der Küster?“ fragte ich.
+
+—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“
+
+Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin
+geschlagen.
+
+„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie.
+
+Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule,
+Trienke?“
+
+—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“
+
+Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein
+Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters
+Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem
+leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich
+suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum
+Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen.
+
+Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über
+Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete
+es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt
+oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein ich brachte das
+Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die Alte ein lang
+Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der
+Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; erzählete auch, wie
+selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen,
+drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe
+aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem
+Falle; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur
+eine blasse und schwächliche Kreatur.
+
+Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause
+und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die
+Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den
+weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts
+gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie überall zu sehen
+sind.—Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter.
+Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der Stadtseite der Wind ein
+wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich aber wandte mich und blickte
+hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am
+Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort gewesen,
+worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben
+hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem
+Wurme?—Wir sehen nicht, wie seine Wege führen!
+
+Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben;
+ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne
+fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich
+ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch
+das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus.—
+
+Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage
+meine Augen es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von
+der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die
+Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter
+Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube dienen mochten;
+denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe
+daraus hervorsteigen sehen.
+
+Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu
+zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging,
+hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem
+Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach.
+
+Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der
+griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen
+haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das
+hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen
+Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie es hier in dem kümmerlichen
+Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden gehen; er mochte sich dort
+damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. Und wieder kam die
+holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du einen ganzen
+Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder wächst
+genug!“
+
+Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst
+schon nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt
+sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir
+war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst
+gewesen war, für das ich den „Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen
+hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück
+noch Muth darin zu lesen.
+
+So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete
+sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch
+ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust
+sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem
+Leide ausruhen.
+
+Da rief ich leise: „Katharina!“
+
+Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer
+Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie
+endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr
+stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer fremden
+Stimme sagte sie: „Es ist nun einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du
+seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß du heute kommen
+würdest.“
+
+Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du des
+Predigers Eheweib?“
+
+Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das
+Amt dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen Namen.“
+
+—„Mein Kind, Katharina?“
+
+„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen;
+einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“
+
+—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!—„Und du, du
+und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!“
+
+Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich.
+
+„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine wilde
+Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn.
+
+Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine
+Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz
+sahen mich flehend an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht
+sein, der mich noch elender machen will.“
+
+—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“
+
+„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;—was ist denn
+mehr noch zu verlangen?“
+
+—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?“
+
+„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr
+nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm
+angehört!“
+
+In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das
+Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids
+geschehen!“
+
+Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib
+doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“
+
+Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die
+goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam
+von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das
+Stimmlein unseres Kindes singen:
+
+„Zwei Englein, die mich decken,
+Zwei Englein, die mich strecken,
+Und zweie, so mich weisen
+In das himmlische Paradeisen.“
+
+
+Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft
+mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf
+Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“
+
+Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus;
+doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes
+Weib; vergiß das nicht.“
+
+Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und
+wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du
+sein geworden?“
+
+Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr
+Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“
+
+Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust,
+ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich
+wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen
+duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie
+tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als
+dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach
+sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben!
+O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“
+
+—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus
+dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam
+von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es:
+„Katharina!“
+
+Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie
+mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort.
+
+—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er
+begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden.
+„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret Ihr heute
+nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre
+Weiber in die Stadt getrieben.“
+
+Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt
+die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben.
+
+„Was war das, Küster?“ rief ich.
+
+Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah
+nichts weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so
+geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“
+
+Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ rief
+sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach gefallen!“
+
+—„Was soll das heißen, Trienke?“
+
+„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem
+Wasser ziehen.“
+
+Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die
+Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser
+und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich
+nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in
+des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus wollte, trat er selber
+mir entgegen.
+
+Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet,
+und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte
+er.
+
+Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn
+eigentlich?
+
+„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles
+ausgeredet.“
+
+Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich.
+
+Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“
+
+—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“
+
+Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich
+zurück. „Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu
+Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen
+Seligkeit!“
+
+Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des
+Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ sprach
+er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in seiner
+Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch ist
+Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder
+Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet
+darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der
+Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr
+das Bildniß stiften. Mög es dort die Menschen mahnen, daß vor der
+knöchern Hand des Todes alles Staub ist!“
+
+Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein
+Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so
+geschehen möge.
+
+—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und
+Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied
+um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe.
+
+Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen
+Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte
+sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich
+muß noch eine Weile ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der
+Wochenzeitung in meine Hand gab; „aber lies doch dieses! Da wirst du
+sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof in fremde Hände kommen, maßen Junker
+Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß gar jämmerlichen
+Todes verfahren ist.“
+
+Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es
+fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser
+Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber
+schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und
+aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so
+fern!—Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; nun war’s nur ein
+Entsetzen zu den andern.
+
+Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich
+schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager.
+Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen
+erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm
+drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch
+das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich zählete sie alle die ganze
+Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der Morgen. Die Balken an der
+Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang ich auf, und ehbevor
+die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die
+Stadt im Rücken.
+
+Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der
+Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und
+sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und
+sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann
+legte er seine Hand auf die Klinke einer Stubenthür.
+
+Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist,
+so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“
+
+„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand zurück.
+„Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben in
+jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des
+Flures; dann verließ er mich.
+
+Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war
+todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich
+öffnete.
+
+Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den
+Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die
+Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten
+des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf dem Kissen lag
+ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die kleinen Zähne
+schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen.
+
+Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich
+Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und
+dann malte ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum
+zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der
+andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und
+horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. Einmal auch war
+es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.—Ich trat an das Bette des
+Todten, aber da ich mich zu dem bleichen Mündlein niederbeugete,
+berührte nur die Todeskälte meine Wangen.
+
+Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer
+Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so
+scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne
+hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben.
+
+So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und
+malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem
+Linnen lagen, so dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem
+Kinde geben!‘ Und ich malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße
+Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend damit eingeschlafen.
+Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend hier, und mocht es also
+ein erwünschet Angebinde sein.
+
+Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib
+verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und
+ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen
+hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor Überraschung bald
+zurückgewichen; denn Katharina stund mir gegenüber, zwar in schwarzen
+Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, so Glück und Liebe in
+eines Weibes Antlitz wirken mögen.
+
+Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß,
+das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum
+in ihres Vaters Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man
+sie fortgebracht, oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar
+lange sahe ich das Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein
+Herz. Endlich, da ich mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete
+ein paar Gläser Wein hinab; dann ging ich zurück zu unserem todten
+Kinde.
+
+Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte,
+zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein
+weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich
+möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten
+Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, als sähe ich
+die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie noch hier aus
+unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein Fluch hat doch euch beide
+eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es um alle Welt nicht lassen
+können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen blassen Leichnam und hob
+ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren Thränen zum ersten
+Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer Knabe, deine Seele,
+die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte nicht aus
+solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht
+aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts
+anderes ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die
+schwarze Fluth hinabgerissen.“
+
+Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm
+sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein
+dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die
+Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis
+Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken“.—Und mit dem
+Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend Schwert
+durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende.
+
+Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert,
+nur in der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher
+ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch
+hereingedrungen.—War Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren
+Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht enträthseln.
+
+Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen
+wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne
+den ich nicht von hinnen könne.
+
+So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder
+draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete
+sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir herein.
+
+Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und
+betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen
+Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber
+seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub
+er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen
+Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete.
+
+Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb
+wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“
+
+Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der
+Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte
+deutlich meinen Namen rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann
+rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das
+Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar.
+
+„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und rüttelte
+an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des
+Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. „Gehet
+itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig sein!“
+
+—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff,
+wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt.
+
+Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das
+nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes
+Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in meiner
+Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich
+mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein
+Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem
+dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem
+finsteren Wiegenliede: Aquis submersus aquis submersus!
+
+
+Hier endete die Handschrift.
+
+Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft
+vermessen, daß er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren
+gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft
+gesprochen.
+
+Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in
+einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren
+Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des großen
+Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt Erwähnung, das
+Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts nach dem Abbruch
+unserer alten Kirche gleich den anderen Kunstschätzen derselben
+verschleudert und verschwunden.
+
+Aquis submersus
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
+United States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
+do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country other than the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you will have to check the laws of the country where
+ you are located before using this eBook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm website
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that:
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
+the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
+forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation's website
+and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This website includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+