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diff --git a/8889-0.txt b/8889-0.txt new file mode 100644 index 0000000..06df5d3 --- /dev/null +++ b/8889-0.txt @@ -0,0 +1,3174 @@ +The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Aquis submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889] +[Most recently updated: May 28, 2022] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +Aquis submersus + +Novelle (1876) + +von Theodor Storm + + + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon +in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten +Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie +indessen immerhin noch einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen, +durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form +zu schätzen; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der +eine oder andre dort zu treffen sein. Wir pflegen dann unter dem +dürftigen Schatten nach dem sogenannten „Berg“ zu wandern, einer +kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem +ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus der weitesten +Aussicht nichts im Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün +der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, +auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine +Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, +der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden +Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine von den Stätten meiner +Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die „Gelehrtenschule“ +meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage +zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder montags früh +zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt +zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut +Stück ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen +Seite bis fast zur Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf +erstreckt hatte. Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts +die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln +desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der +Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die +nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten +wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto +munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg +hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer +Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus dem das Studierzimmer des +Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten +Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir +allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, +ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die +Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des +Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten +Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns +verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert; sonst war, +soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und wurde ja nach unserer +Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, zu +der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den +Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern +aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um +nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die +Jungen nun gediehen seien; hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt +meine, nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube, deren +Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war, fingen wir die +flinken schwarzen Käfer, die wir „Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen +wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute +Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im +Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem des +Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir hatten +dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen, +wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem +gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf +dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht +gedeihen wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, +die hier haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in +der Erinnerung, wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde +Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt +nichts an die Seite zu setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die +Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles +hervorragten, obschon es anmutig genug war, in beschaulicher +Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu +beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich +stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war +sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem +höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, +Strand und Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes +das Innere der Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem +Apostel Petrus selbst zu stammen schien, erregte meine Phantasie. Und +in der Tat erschloß er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster +abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen +eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich +frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an +der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen +sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung aber übte der große +geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, auf dem in bemalten +Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war; so seltsam wilde +Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte, welche in +ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam +man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit +kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; +ja, sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung +bestricken können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im +Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines +schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten +Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand +hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie +hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein +unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und +Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; +dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in der +Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. Auf dem +Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange her. Immer wieder +zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches Verlangen +ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn +auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz +des Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die +Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie +herauszulesen. + +—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann +das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es +gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so +lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an +derselben Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort +gebaut.—Und doch, wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten +Hauses; im Winter die kleine Stube rechts, im Sommer die größere links +vom Hausflur, wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen +Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man +aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte tiefe +Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel—es +war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines Abends—wir waren +derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, welch eine Vergangenheit +an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit +frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis +jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum +erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht +hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe +geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen +waren. + +„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; „aber +wir können sie nicht enträtseln.“ + +„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; und nimmt +man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl +mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser +versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man +dann noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, +der einmal die Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu +periculoso—,Durch gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren +jener Zeit dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der +Zufall nicht nur bloß gefährlich.“ + +Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte auch wohl +,Culpa‘ heißen?“ + +„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber durch wessen +Schuld?“ + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und +ohne viel Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“ + +Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“, +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des +Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen +Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl +schwerlich von sich haben schreiben lassen.“ + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein +Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor +einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben +hingen, war mir selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in +dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen +wollten, erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines +Freundes. Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden +oder woher er gekommen und wie er geheißen habe, darüber wußte auch er +mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen +noch ein Malerzeichen. + + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der +gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem +Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte +keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich +selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für +den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten +zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im +Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen, als mir an der Ecke des +Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine +plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die verhochdeutscht etwa +lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn +ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen +Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast +unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand sich hier +ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer alten +„Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte mir der freundliche Meister—, +von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit Jahren leer +gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür +gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich +niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit +ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. +Früher, erzählte der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür +gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus +gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir +dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers +sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes +Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit +hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren, ernst +und milde blickenden Mann dar, in einer dunklen Tracht, wie in der +Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren +Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit Staatssachen oder +gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir +hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den +Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine +weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja längst. Auch +hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen zugedrückt hatte. + +„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt +wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung +innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind +noch andre Siebensachen von ihm da.“ + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf +welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten +waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der +Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich. + +„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, „so mögen Sie die +ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; Wert +steckt nicht darin.“ + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich +dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, +verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch +gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine Frau +mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte +ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die +Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land +hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und +letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den tiefen Radgeleisen stund; +denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am +Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen +hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; einen +guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in +meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar fiel auf +mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen fehlte +nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, +meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines +Zimmers mir die Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: +„So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!“ + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch +nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er +dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der +Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer +Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen. +Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch stets in +Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich +meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht +allein meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine +fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, +daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler +angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem +Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, +derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die +Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die +gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, +fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja selbst der Diener Gottes +mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. Durch den plötzlichen Hintritt +des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; aber die grausamen +Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo +man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich +auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und +manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen +seine grünen Spitzen trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, +daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte +auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch +in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber tückete mich ein +anderes, und das war der Gedanke an den Junker Wulf. Er war mir nimmer +hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler Vater an mir gethan, als +einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie +öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem +Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen. +Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, +hatte nur vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter +Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des +Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein +hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten +Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den zwo Reihen +gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen +Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte +mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich +nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße +meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war +des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig +Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten +Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig +Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein +paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte +Hofmann Dieterich, der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem +getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen +Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu +gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; dort in +dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja +nicht schießen!“ + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum +auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. +„Der Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre +beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes +saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. +„Der Buhz, der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes, +schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch immer +und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und +schoß, daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber +schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; +in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber +mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, +dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß. In +Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr Gerhardus gern +der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; und da er jünger war +als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen; +insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen. +Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme +Vogelnase, die ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter +buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn +sie seiner nur von fern gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor +und rief. „Johannes, der Buhz, der Buhz!“ Dann versteckten wir uns +hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald +hinein, der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht +an die Mauern des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen +uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der +Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt +in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, +war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt +in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern +hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier beklommen machte. +Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man +im Hause nur „Bas’ Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen +und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit +beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit +spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den +Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter +Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei seiner +schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten Fräulein +solches zu gefallen schien. Das war ein „Herr Baron“ auf alle Frag’ und +Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen +Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich aber, wenn ich ja ein +Wort dazwischen gab, nannte sie stetig „Er“ oder kurzweg auch +„Johannes“, worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im +Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, obschon ich ihn um halben +Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort +gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch +stolzes Lächeln, so daß ich dachte: ,Getröste dich, Johannes; der +Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft‘ Trotzig blieb ich +zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen. Als aber diese in das +Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus’ Blumenbeeten +stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie vormals, mit dem von der +Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina +wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem jungen +Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort war sie wieder, eh ich +mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie +weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte hell +und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen +Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es +mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte +mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam +zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach +dann lange mit mir, als meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch +selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich +auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre Arbeit +neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas’ Ursel und las +laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob +sie die Nase nach mir zu. „Nun, Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl +Ade sagen? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze +machen!“—Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden; aber +indem sie mir die Hand reichte, traten die Junker Wulf und Kurt mit +großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: „Leb wohl, Johannes!“ +Und so ging ich fort. + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich +nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und stand +oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den Richtweg +durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel weiteren auf der +großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das Abendroth +überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht +überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und setzte +rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender +Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war +sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang +über den trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem +güldnen Netz entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit +glänzenden Augen, noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. +„Ich—ich bin ihnen fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein +Päckchen in meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir, +Johannes! Und du sollst es nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was reden, +aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und wehmüthig ihr +Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich sah ihr Kleid im +finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte ich noch die +Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die +Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander +faltete, da war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt +hatte; ein Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des +Abendrothes. „Damit du nicht in Noth gerathest“, stund darauf +geschrieben.—Da streckt ich meine Arme in die leere Luft: „Ade, +Katharina ade, ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald +hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt. + +—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute alles +wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, +hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses +itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, +jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern +gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein erschreckliches Geheul, der +eine sprang auf mich und fletschete seine weißen Zähne dicht vor meinem +Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. +Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, +aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief sie; „Tartar, Türk!“ Die +Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus +der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so +lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr +Johannes!“ sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände. + +„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann haltet Ihr +solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?“ + +„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker hergebracht.“ + +„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte. + +„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg her +ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“ + +„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle er +mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!“ + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute +Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen.“ + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den +Weg. „Herr Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! +Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg +kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“ + +„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“ + +„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser +theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die +Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem +Hofe; aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“ + +Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“ +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine +Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort +also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er es +bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den +Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus +den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen +warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die +Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern +Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete +hinknien wollte, erhub sich über den Rand des Sarges mir gegenüber ein +junges blasses Antlitz, das aus schwarzen Schleiern fast erschrocken +auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich +zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s +denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere +Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön +geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens +mich durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt +zurückgeschrecket in der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen +drängten sich die braunen Löcklein, und der schwellende Mund war um so +röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich +in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu +danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich +Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden Züge +festzuhalten suchen.“ + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir +hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem +von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor +der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für +die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach +einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch +von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen +nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen +vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des +Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen +ein einzelner Schritt zurück; in demselben Augenblick legte Katharina +die Hand auf meine Schulter, und ich fühlte, wie ihr junger Körper +bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den +Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und +aufgedunsen schien. + +„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. „Der +Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu bezeigen; +du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“ + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm +trat; „es ist Johannes, Wulf“ + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte +nur mein violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten +Federbalg; man wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“ + +„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das ,Herr‘ vor +meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn hat +großes Recht an mir.“ + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst +du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu +der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“ + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; +da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen +Edelmann gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen +hätte. + +„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus verläßt, so +muß ihr Bild darin zurückbleiben.“ + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, +gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete +ruhig: „Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker +Wulf?“ + +„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, „daß +du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“ + +Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den +Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei +itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir +zuflog, so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen +will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre +keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem +Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“ + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge +einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich +verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine +Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem +Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr +worden, die dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir +aber näher kamen, sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen +mich, daß Katharina einen Schrei that, der Junker aber einen schrillen +Pfiff, worauf sie heulend ihm zu Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“, +rief er lachend, „zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz +oder Flandrisch Tuch!“ + +„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten—, +„soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget Ihr +Euere Thiere bessere Sitte lehren!“ + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal +in seinen Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur +Johannes!“ sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu +streicheln. „Damit jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier +begonnen; denn—wer mir in die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels +Rachen!“ + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch +aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem +Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die +unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu +dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die +breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn +Gerhardus Zimmer traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem +gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die Karten an der Wand, die +saubern Pergamentbände auf den Regalen, über dem Arbeitstische der +schöne Waldgrund von dem älteren Ruisdael—und dann davor der leere +Sessel. Meine Blicke blieben daran haften; gleichwie drunten in der +Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir +itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs +Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie +erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich +mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich +sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre +Brust in ungestümer Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier +ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen +Hunde?“ + +„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in Eueres Vaters +Haus?“ + +„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden Hände, +und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, nein; +laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du sollst +mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann, +Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“ + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich +vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte +zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir +saßen neben einander und sprachen lange zu des Entschlafenen +Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem +alten Fräulein nach. + +„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, die ist +auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die Treppen sind ihr +schon längsthin zu beschwerlich.“ + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den +Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde +brachen. Bas’ Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie +ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte +ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der +Herr Baron—nach seines Vaters Ableben war er solches itzund +wirklich—ihr aus Lübeck zur Verehrung mitgebracht. + +„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie behutsam +die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder da, +Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu très-compliqué!“ + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. „Ei“, +meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn nicht, +daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“ + +„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das Thor trat, +wußte ich es nicht.“ + +„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich gehöret Er +ja auch nicht zur Dienerschaft.“ + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem +Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem +Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den Scheiben. + +Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die +itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den +Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das +Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber +passire eben nichts, als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken +oder Buchsrabatten putze. + +—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es +sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + + + + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten +Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner +Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm +erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch +das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und holete allerlei +Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die fremden Truppen auf +dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden müssen; einmal aber, da +ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht und er erst nicht +hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab und +schauete mich an. + +„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam schad, daß Ihr +nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!“ + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr +Johannes; ’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, +wo uns der Herrgott hingesetzet.“ + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete +aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s +wissen, Herr Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern +Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den +Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf +der Geigen weiß er nicht so gut zu spielen; da er aber ein lustig +Stücklein liebt, so hat er letzthin den Rathsmusikanten, der überm +Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm +auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt der +Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und +fror Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen +hinter sich, im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen +müssen!—Wollet Ihr mehr noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm +freuen sich die Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern +gesegnet; und dennoch—aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und +unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat schon vorher von seinem Erbe +aufgezehrt.“ + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit +seinem Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß +gemacht. + +—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, +wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es +sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber +wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im +Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, +dessen Wände fast völlig von lebensgroßen Bildern verhänget waren, so +daß nur noch neben dem Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren +das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende +Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren gar +trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in +seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die +Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem +Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es später zu einem +größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier in meiner einsamen +Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters ist. Das Bildniß seiner +Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern +wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber +war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das +mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging +ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit +hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den Würmern schon +zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon als Knabe, als ob’s +mich hielte, still gestanden war. Es stellete eine Edelfrau von etwa +vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt und stechend +aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen Kinntuch +und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich +vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: +,Hier, diese ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum +und drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich wieder +auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; +vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich +Katharinen schützen.‘ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten +Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den +Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen +Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir +oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen +war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei +das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie +fast die Speisen nicht berührt, entfernte sich allzeit bald, mich kaum +nur mit den Augen grüßend; der Junker aber, wenn ihm die Laune stund, +suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; hatte mich also hiegegen +und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider +allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des +Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen +seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen dereinst eine +fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus +der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber +fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der +Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht +hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in der Kürze +alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, +wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen +Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die +wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge +am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns +beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, solcher Gevatterschaft gar gern +entrathend, hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund +dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am +andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des Saales zu verhängen und +die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber +in den letzten Tagen angefertigt. + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete +sich die Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein. +Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns +dießmal fast erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, +die sie nicht abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer +Verwirrung zu mir auf. + +„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr’s auch gern?“ + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise: +„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“ + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina! +Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir +nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich +weiß es schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“ + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch, +Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das +thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn +ich bin kein Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, +Johannes—ich habe einen Blutsfreund—, hilf mir wider den!“ + +„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“ + +—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er mich zum +Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den +schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab +ich’s ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber +ich weiß, auch das wird er nicht halten.“ + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen +Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht +anzugehen sei. + +Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben +habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch +erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, +die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen +gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der gnädige Gott hatte das +geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket.“ + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und +ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu +ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, +nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, +so stelleten wir fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und +also meine Botschaft ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk +zu fördern. + + + + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker +mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl—hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket—, was ich +besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie an den +andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein und schalt mit +Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber dann die Thür hinter +sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen. +Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite. Da +Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem Platz zu +bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen +fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem +Hofe nicht gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und +redete gar schöne Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich +so sehr vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken +auf den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, „rückwärts den Winden leichte Küsse werfend.“ +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus’ Bild +und sagte: „Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater war!“ + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. +Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu +reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so nahm er alsbald +seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick +gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit +rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der +Roggen in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die +Rosen auf; wir beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir +hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise +wagten, auch nur mit einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was +wir gesprochen, wüßte ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben +in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr +güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in +ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir +zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete +aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir +schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, als +schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann +fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel +heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein +sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches +aus meiner Hand gegangen ist.—Und endlich war’s doch an der Zeit und +festgesetzet, am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir +sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie +und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die schweigende +Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in Katharinens Gegenwart +sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, +das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend +grauen Augen auf mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu +den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast +erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“ + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina? +Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“ + +„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar bei +Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin +eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier +gehauset.“ + +„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; „dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“ + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, sagte sie, +„sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen aber hat +man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals +zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“ + +„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus +dem Boden.“ + +„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie +erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf +verschwinden.“ + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des +Bildes. „Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“ + +„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“ + +—„War es denn ein gar so übler Mann?“ + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth +bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und +leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es heißt, +sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“ + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten +Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr +Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen; +wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“ + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war +kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen. +„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch dich +verflucht?“ + +Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt an meiner +Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die +kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig +die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder +an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen +hatte, öffnete sich die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt +erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte +sie, „Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir +nachgerade doch Sein Werk besehen!“ + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die +allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und +Trübsal bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang +noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar +stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: +„Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde +sitzet?“ + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß +die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen +oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen +spähend hin und wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie +dann mit ihrer höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz, +Katharina; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“ + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!— +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“ + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod +mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die +braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten. + + + + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf +einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus +dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers +Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon +selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der oben im Sattel saß, +schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen gleichwohl ohne Blessur +davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg +an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. +Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir das alles wohl +verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles +zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker +silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet +wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, +niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; sodann auch der +Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten, so eben um +diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger, wie +ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten +deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei +Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, +von Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, +nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in +meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um +Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen +Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte +bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich +erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines +theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten +Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger +als die des Bruders. Ich hatte, selbst nachdem ich Katharinens +Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu bestehen; dann aber +verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, +indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man mich +gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete +ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, +noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben, +das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl +verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt +ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die +eine, nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen +Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; +in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog +auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber +an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im +Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn +ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen +habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken, um die +Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber wollte nur an sein +Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich +hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir +auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, +wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von der Glocken scholl +die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber sie schlafen alle‘, sprach ich +bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen +Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den +niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So ritt ich +weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens +Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und +brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, +war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei +und wüst Getreibe, wie ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren +nicht vermerket. Der Schein der Unschlittkerzen, so unter einem Balken +auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz +aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.—Aber +nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; +bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, +stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen +Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien +ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den +Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß +sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die +Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen +ließen, schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen; +und die Bauerburschen glotzten drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme +lag, gleich einer Tauben vor dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth +zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten +Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß +brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und schüttelte +sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und +Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr worden, ließ er nicht ab, bis +ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug nach meiner Reise, und +ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber antwortete nur, +ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in der +Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein +leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der +Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk +zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im +Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl +hernieder. + +„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! Was +soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar +hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams +hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et valet!“ + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur +wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der +Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der +Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd die +Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +„Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist’s zu viel! + + +Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie +auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“ + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von +Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah +gar grimmig auf mich her. + +„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; „aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein Freund, +der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“ + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel +sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch +in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“ + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit +dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf +lagen auf mir; und war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz +Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen +die Karten klatschend auf den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei +meiner Base! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich +auf den Botengang geschickt?“ + +„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch genug +sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; fiel +mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich +vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm +das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine +saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“ + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich +fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr +über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide +Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund. Es hatte +keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; als wir uns aber itzund +in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß er’s mit seinem Todfeind +vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem +Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte +aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen +Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es noch +vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich +wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der Tenne an +dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle springen +sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden +daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu +Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich +schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu +gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem +Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem +Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur +Gartenmauer. Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub +der Bäume ausgeschlossen, aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar +bald gewohnt, und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse +fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich gedachte den Rest der +Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten +Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl +sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang +wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir +gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da +ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, +hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen; und von wo ich +ihren Schall hörte, dahin richtete ich meine Schritte, denn mir war +wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens +ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum +Hofe nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus +dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das +jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln +konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie hielten fest +auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen +und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens. Aber Gott +gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich +gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich +mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; die +Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst +vor meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. +„Sieh dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen; +„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest.“ + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn +nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde +des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige +aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß +nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und rings im Garten war kein +Baum, nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die +Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als eben das Bellen der Hunde wie +ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl, ersahe ich in +meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem Stamme an dem +Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den +mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit +ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, +so von der Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir +herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um +mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war +nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in +solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme +scholl zu mir herab—möchte ich sie wieder hören, wenn du, mein Gott, +mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie; +leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, und ich kletterte höher an +dem immer schwächeren Gezweige, indeß die schlafenden Vögel um mich +auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen.—„Katharina! +Bist du es wirklich, Katharina?“ + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen +das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in +die Tiefe starrten. + +„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da schwang ich mich in +ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und +Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihre +Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über +dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen +die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir +alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und +doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich +satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, +sprach ich zu ihr: „Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?“ + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast, +Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“ + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr +sie erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist das mit +den Hunden?“ + +„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, es +muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die +Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus +meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge +drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns +morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch +zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler +Johannismarkte festgesetzet sei. + +„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich +der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“ + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du, +Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet, +griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist +der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“ + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir +umfingen uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was +vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich +bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben.“ + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du +seiest auch das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des +meinen—das gilt der Welt wohl nicht!“ + +„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich und +umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, dort +gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle +von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten +ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein +Meister van der Helst und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr +noch oder zwei; dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur +feste gegen euere wüsten Junker!“ + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich +und sagte leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich +doch dein Weib auch werden müssen.“ + +—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern +goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien +furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter +Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild +davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem +stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann +zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte +Katharina leise; „er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald +hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel +drehen und danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, +wo der Junker seine Kammer hatte. Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war +es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich +nun gehen, Katharina?“ sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging +nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um +die Hecken fließt.— + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne +heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der +Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen +hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete die Nacht in +stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, +die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen +dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß +inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns +treffen; und dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich +im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, +schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. +Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick +aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme +streiften; denn mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich +gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem +Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes. +Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über meine Augen ging; dachte +zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne; redete mir +dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch +Spiel mir vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was +hinunterziehen wollte. ,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch +nach dir!‘ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald +hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne +sich nicht lösen mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein +Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über mir vom +Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich all müßig +Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße +Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast ein +theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als +nur das ihre!‘ + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück +nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte und +allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der +alten Base Herz erweichet; und schlimmsten Falles—es mußte auch gehen +ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl +hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen +und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein +Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger und rascher schritt +ich aus, als könnte ich bälder so das Glück erreichen. + +—Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der +Tenne mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen +Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder +eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde +raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“ + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl +begriffen habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch +und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s +denn gestern noch so einen Nachschmack geben.“ + +„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt heut auf +seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen +Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“ + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und +Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen +holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, +daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als +er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging +aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden +Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht, wie ich +solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet +hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu verhoffender Zeit sie selber +in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde, +sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog also meinen +Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, +woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt +es dann in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen +grüße, wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum +Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die +Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich nebenan im +Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß die Zeit +vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von +einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem +Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den +Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, +wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße +Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein seltsam Spiel der +Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte +Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen +Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, +im nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze +schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es +war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging +umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die +Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein +Schritt im Laube raschelte; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab +und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem +Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir +Dieterich. „Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr +seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte +mir Euren Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“ + +„Warum fragst du, Dieterich?“ + +—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht.“ + +„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete der Alte. +„Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer Stund +mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an den +Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre +Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht +beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein +einzig Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und +jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder +auf den Boden, bald hinauf in den Epheu, der am Turm +hinaufwächst.—Verstanden, Herr Johannes, hab ich von dem allem nichts; +dann aber, und nun merket wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, +als ob sie damit drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher +hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr’s da an Euerem Mantel +traget.“ + +„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der Junker wandte +sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen wäret. Ihr +möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die +Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“ + +Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“ + +—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?“ + +„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“ + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht, +Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was +geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“ + +„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, „das weiß +nur unser Herrgott!“ + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in +seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier +vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe +an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm +selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier +verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers „Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir +wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß +er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme. +„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, wenn’s nicht +schon sein Gespenste ist!“ + +„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm trat, +„es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere +Kammer fahren!“ + +—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“ + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: „Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr +Junker!“ + +Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich +auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam waren, +wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar Stunden, da ich +mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete mich gleich +einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen +gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, den +sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich reut’s +nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen!“ + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, +so dachte ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es +ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann +in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren +gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester +Katharina mir zum Ehgemahl—“ + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten +mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in +das Ohr, ein Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir +der Degen, den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der +Hand zu Boden fiel. + + + + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem +Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten Augen suchten stets +aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir vorstellete, Katharinens +Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue; +denn von ihr selber hatte ich keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe +und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers +niemand zu mir gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust +erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe niemandem +Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und +Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er +mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch glaubhafter jedoch, daß er +allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn +für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es +sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später +nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen Gespräch mit +Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir nicht gerathen +wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in +meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der Junker nicht +nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof +noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, +daß er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und +daß ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen +dächte, was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen +den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten +Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete +auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der holländischen +Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen +wurde, und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl +erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, durch die +hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide +zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht +genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er +habe nur auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag +verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch +sofort ein reicher Lohn dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich +solches noch vollendete, daß dann genug des helfenden Metalles in +meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl +bestellet Heimwesen einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, +mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise +gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen +Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als +nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen +mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der +Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf +mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen +Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann mein Siechthum +und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. Zwar der besten +Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel, aber in +Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte von ihr, +keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen +Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des +frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging +die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun +fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem +noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken +und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich +ging aber nicht nach Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein +Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand +entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm +gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. „Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht +wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“ + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier +allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten +Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es +so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden +Todes verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er zu +seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“ + +„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“ + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von +Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich +sprach beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“ + +„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, die ihn +schon zu Richte setzen wird.“ + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß +er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen +nannte, so war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn +Gerhardus’ Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker mit +einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet +wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch plaudern +könnten!“ + +„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer aufs +Herz. + +„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die +Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten +wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; +nur wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf +wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“ + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; +dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich, +„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib +geworden?“ + +„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich schüttelte ihn +an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es geht die Rede so! Auf alle +Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen +worden.“ + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse +nichts von alledem. + +Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es +sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer +Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das +Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so +durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der +Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen +aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’ +Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen. + +—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht +hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon +Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf +nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte +mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß +keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden. Da reisete ich +wieder zurück und demüthigte mich also, daß ich nach dem Hause des von +der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher +hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das Vöglein sich +geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er keinen +Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans +Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, +er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in +den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn +gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; wir haben +gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die +Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an; +gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach +Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht +meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt +dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner +Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise +dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist. +Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + + + + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht +zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener +tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm +gebettet hatte?—Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, +dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen. Es lautete wie +folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims +eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine +Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann +selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben. Da sie im letzten +Herbste das alte Haus abbrachen, habe ich aus den Trümmern diesen Stein +erstanden, und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses +eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der vorübergeht, an +die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine +Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit +der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem +kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei +meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe +anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; +maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag +worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie zum +schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der hiesigen +Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es denn auch noch +heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist. Daneben +wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in Hamburg +Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet, +so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament +aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange +schon das Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als +unbeweibter Mann lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig +Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin +ich, nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, +anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam +alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die +gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie +draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren +Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den +Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines Vormittages, da ich +soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie mit viel +überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres +Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu +Gesicht bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, +wie es die Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine +blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man +glauben mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr +gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und sie endlich +von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den +Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da ich eines gar +andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da in der +kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also rückwärts +sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine +gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung +gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari +Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten +Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So +wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf +meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und +durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab +aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter +bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen; denn es war ein +Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast mit Gaste handeln durfte, also +daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren +Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab. +Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen von den +Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die +hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben +Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, +zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen +war; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. +Doch war es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein +sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag +der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen Augen aber +dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel +auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen schlugen leis und +fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der du die +Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele +sie zu suchen?— + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen +Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen +hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein +herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen +Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre. Er +wies soeben einem andern, untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen, +aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit +seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er selbst zumal durch +das Marktgewühle von dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab +und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich +ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr +ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß +in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst +um die Gemeine dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm +anzuthun gedächten, da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang +im Amte stehen könne; der Küster aber meinete, es habe der Pastor +freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die +Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was Sondres könne +vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in +der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, ich +verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit +wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich +kümmere sich nicht eben viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf +eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen +eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich +an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, +so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie +sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen +Dirnen abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit +allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem +Dorf hinauszuwandern, das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen +ist. Sagete also zu, nur mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf +dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche +Gelegenheit nicht befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, so +daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, die im +Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des +Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich +bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert +werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein +Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, +so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich +bekäme da einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem +Priesterkragen sitze, und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl +versehen; erzählete mir auch, es sei der Pastor als Feldcapellan mit +den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als welcher er’s fast wilder +denn die Offiziers getrieben haben solle; sei übrigens itzt ein +scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar meisterlich zu +packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei desselbigen +Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben +solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der +Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen +lassen. War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die +Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr +rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft +ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war +weithin nichts zu ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem +ich zustrebte—wie ich bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern +auferbauet—, stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen +Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen Strohdächern, die an seinem Fuße +lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk; denn der +Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will freien Weg +zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. „Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte +er. „Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“ + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das +war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das +Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des +Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen +wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach +den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den +nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth +sein; denn die Watten waren überströmet, und das Meer stund wie ein +lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie oberhalb desselben die Spitze des +Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen +einander strecketen, wies der Küster auf die Wasserfläche, so +dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat einst meiner Eltern Haus +gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert +anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches ward +ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder +in die Ewigkeit hinaus.“ + +Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den +Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘ + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen +Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange +an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz +vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen +ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir +die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines +guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in +gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich +habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet +es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit.“ + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für +meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich +einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war +gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da +kommet ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der +Kirche schaffen ließ.“ + +Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter +nicht in Euerer Kirche dulden?“ + +„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind nicht +überliefert worden.“ + +—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?“ + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den +Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben +Kopfes Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die +holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um +durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? +Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich +zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! +Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus! Diese Marienbilder +sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus; die Kunst +hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“ + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, +daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst +an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach +dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf +Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren +Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei +Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst +hier überall betrieben wird; auch habe ich das Kästlein, woran er +derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten +Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes +Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.— + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke +des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, antwortete +er: „Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so heiße ich ja auch!“—Er +sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete +mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der +Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht +aus seinem kurzen Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, +dachte ich, sieht ein Kind, das unter einem kummerschweren Herzen +ausgewachsen. Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen; aber ich +scheuete mich vor dem harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu +behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine Frau mag dieses Knaben +Mutter sein?‘— + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man +nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit +ist.“—Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der +Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, +sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause +gehen; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre +schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar +gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren +getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild +ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit +an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese +Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder +unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast +herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf +gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; +denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir mitsammen in unserer Eltern +Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins +gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange +schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung +entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that +uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt +lag, in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln +Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und +Unrast fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es +mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es +waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann, +wenn sie es war, wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare +Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit +der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt +ein heller Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie +gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die +kommen von des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten +sieht man, daß sie gleichwohl hin und wider stolpern.“ + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von +der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die +zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers +Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer +glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in +die Krämerstraße einbog, hörete ich einen unter ihnen sagen: „Ei +freilich; das hat der Teufel uns verpurret! Hatte mich leblang darauf +gespitzet, einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören!“ + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich tröstet.“ + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein +grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen +einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt +werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden +worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht +geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte +doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der +Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der +Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, +so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum +noch passen werde wie die Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein +viellieber Bruder, hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen +und freuete mich, daß unser Herrgott—denn der war es doch wohl +gewesen—das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen +hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der +Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten +Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der Justification selber +zu assistiren. „Es schneidet mir schon itzund in das Herz“, sagte er, +„das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem Karren die Straße +herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister +ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner Statt“, fügete er bei, „der du +ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem +Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen!“ + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst +wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er +die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles +sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen Blättern +niederschreiben werde. + + + + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem +Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die +Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; +auch sahe ich, wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte +in Bewegung waren, und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über +das Geländer der großen Treppe aufgehangen; ich aber ging durch den +Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei +der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen +Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und +mochten das der Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff +zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her aber kamen schon die +ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht +weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und da ich hinter den Bäumen +hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl +entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da mußte ich meine +Hände falten: + +„O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!“— + + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte, +begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen +und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; „es +ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“ + +Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge +Satansmensch, verbrennen sehen. + +—„Aber die Hexe ist ja todt!“ + +„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können +wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb +nehmen.“— + +—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon +Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen +voll geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der +Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der +Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze +Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, +der hier inmitten der Heide liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich +zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen, +oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber +vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende +Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an +einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz gleich +einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich +wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der +Stadt fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; +dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; +als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters alte halb blinde Trienke +aus einem Nachbarhause. + +„Wo ist der Küster?“ fragte ich. + +—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“ + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin +geschlagen. + +„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule, +Trienke?“ + +—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“ + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über +Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete +es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt +oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein ich brachte das +Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die Alte ein lang +Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der +Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; erzählete auch, wie +selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen, +drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe +aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem +Falle; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur +eine blasse und schwächliche Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause +und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die +Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den +weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts +gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie überall zu sehen +sind.—Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. +Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der Stadtseite der Wind ein +wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich aber wandte mich und blickte +hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am +Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort gewesen, +worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben +hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem +Wurme?—Wir sehen nicht, wie seine Wege führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; +ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne +fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich +ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch +das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus.— + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von +der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter +Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; +denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe +daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, +hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem +Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der +griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen +haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das +hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen +Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie es hier in dem kümmerlichen +Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden gehen; er mochte sich dort +damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. Und wieder kam die +holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du einen ganzen +Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder wächst +genug!“ + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst +schon nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt +sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir +war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst +gewesen war, für das ich den „Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen +hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück +noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete +sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch +ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust +sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem +Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: „Katharina!“ + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer +Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie +endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr +stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer fremden +Stimme sagte sie: „Es ist nun einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du +seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß du heute kommen +würdest.“ + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du des +Predigers Eheweib?“ + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das +Amt dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen Namen.“ + +—„Mein Kind, Katharina?“ + +„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen; +einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“ + +—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!—„Und du, du +und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!“ + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich. + +„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine +Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz +sahen mich flehend an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht +sein, der mich noch elender machen will.“ + +—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“ + +„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;—was ist denn +mehr noch zu verlangen?“ + +—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?“ + +„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr +nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!“ + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das +Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids +geschehen!“ + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib +doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“ + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die +goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam +von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das +Stimmlein unseres Kindes singen: + +„Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen.“ + + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft +mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf +Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“ + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes +Weib; vergiß das nicht.“ + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und +wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du +sein geworden?“ + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr +Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“ + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen +duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie +tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als +dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach +sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben! +O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“ + +—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus +dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam +von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es: +„Katharina!“ + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er +begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden. +„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret Ihr heute +nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre +Weiber in die Stadt getrieben.“ + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt +die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +„Was war das, Küster?“ rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“ + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ rief +sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach gefallen!“ + +—„Was soll das heißen, Trienke?“ + +„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem +Wasser ziehen.“ + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser +und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich +nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in +des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus wollte, trat er selber +mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, +und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte +er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn +eigentlich? + +„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles +ausgeredet.“ + +Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich. + +Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“ + +—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“ + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich +zurück. „Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu +Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen +Seligkeit!“ + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des +Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ sprach +er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in seiner +Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch ist +Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder +Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet +darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der +Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr +das Bildniß stiften. Mög es dort die Menschen mahnen, daß vor der +knöchern Hand des Todes alles Staub ist!“ + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und +Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied +um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte +sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich +muß noch eine Weile ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der +Wochenzeitung in meine Hand gab; „aber lies doch dieses! Da wirst du +sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof in fremde Hände kommen, maßen Junker +Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß gar jämmerlichen +Todes verfahren ist.“ + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es +fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber +schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und +aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so +fern!—Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; nun war’s nur ein +Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich +schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. +Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen +erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm +drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch +das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich zählete sie alle die ganze +Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der Morgen. Die Balken an der +Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang ich auf, und ehbevor +die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die +Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der +Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und +sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und +sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann +legte er seine Hand auf die Klinke einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist, +so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“ + +„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand zurück. +„Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben in +jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des +Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war +todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich +öffnete. + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die +Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten +des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf dem Kissen lag +ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die kleinen Zähne +schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und +dann malte ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum +zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der +andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und +horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. Einmal auch war +es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.—Ich trat an das Bette des +Todten, aber da ich mich zu dem bleichen Mündlein niederbeugete, +berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer +Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so +scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne +hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und +malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem +Linnen lagen, so dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem +Kinde geben!‘ Und ich malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße +Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend damit eingeschlafen. +Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend hier, und mocht es also +ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib +verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und +ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen +hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor Überraschung bald +zurückgewichen; denn Katharina stund mir gegenüber, zwar in schwarzen +Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, so Glück und Liebe in +eines Weibes Antlitz wirken mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, +das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum +in ihres Vaters Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man +sie fortgebracht, oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar +lange sahe ich das Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein +Herz. Endlich, da ich mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete +ein paar Gläser Wein hinab; dann ging ich zurück zu unserem todten +Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich +möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten +Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, als sähe ich +die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie noch hier aus +unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein Fluch hat doch euch beide +eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es um alle Welt nicht lassen +können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen blassen Leichnam und hob +ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren Thränen zum ersten +Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer Knabe, deine Seele, +die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte nicht aus +solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht +aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts +anderes ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die +schwarze Fluth hinabgerissen.“ + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm +sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein +dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken“.—Und mit dem +Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend Schwert +durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, +nur in der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher +ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch +hereingedrungen.—War Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren +Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen +wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne +den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder +draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete +sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und +betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen +Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber +seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub +er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen +Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb +wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“ + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte +deutlich meinen Namen rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann +rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das +Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und rüttelte +an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des +Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. „Gehet +itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig sein!“ + +—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das +nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes +Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in meiner +Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich +mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein +Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem +dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem +finsteren Wiegenliede: Aquis submersus aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in +einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren +Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des großen +Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt Erwähnung, das +Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts nach dem Abbruch +unserer alten Kirche gleich den anderen Kunstschätzen derselben +verschleudert und verschwunden. + +Aquis submersus + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. 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