diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
| commit | 826185c75d83c153ab4d5f122f92dfabe16f29e8 (patch) | |
| tree | f1de5be9d694e21b719b90779c06e32384689c8e | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 8889-0.txt | 3174 | ||||
| -rw-r--r-- | 8889-0.zip | bin | 0 -> 68777 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 8889-h.zip | bin | 0 -> 71016 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 8889-h/8889-h.htm | 3996 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/7aqsb10.txt | 3284 | ||||
| -rw-r--r-- | old/7aqsb10.zip | bin | 0 -> 68225 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/8889-8.txt | 3309 | ||||
| -rw-r--r-- | old/8889-8.zip | bin | 0 -> 68638 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/8aqsb10.txt | 3284 | ||||
| -rw-r--r-- | old/8aqsb10.zip | bin | 0 -> 68346 bytes |
13 files changed, 17063 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/8889-0.txt b/8889-0.txt new file mode 100644 index 0000000..06df5d3 --- /dev/null +++ b/8889-0.txt @@ -0,0 +1,3174 @@ +The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Aquis submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889] +[Most recently updated: May 28, 2022] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +Aquis submersus + +Novelle (1876) + +von Theodor Storm + + + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon +in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten +Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie +indessen immerhin noch einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen, +durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form +zu schätzen; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der +eine oder andre dort zu treffen sein. Wir pflegen dann unter dem +dürftigen Schatten nach dem sogenannten „Berg“ zu wandern, einer +kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem +ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus der weitesten +Aussicht nichts im Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün +der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, +auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine +Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, +der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden +Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine von den Stätten meiner +Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die „Gelehrtenschule“ +meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage +zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder montags früh +zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt +zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut +Stück ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen +Seite bis fast zur Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf +erstreckt hatte. Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts +die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln +desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der +Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die +nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten +wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto +munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg +hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer +Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus dem das Studierzimmer des +Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten +Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir +allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, +ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die +Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des +Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten +Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns +verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert; sonst war, +soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und wurde ja nach unserer +Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, zu +der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den +Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern +aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um +nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die +Jungen nun gediehen seien; hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt +meine, nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube, deren +Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war, fingen wir die +flinken schwarzen Käfer, die wir „Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen +wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute +Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im +Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem des +Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir hatten +dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen, +wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem +gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf +dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht +gedeihen wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, +die hier haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in +der Erinnerung, wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde +Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt +nichts an die Seite zu setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die +Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles +hervorragten, obschon es anmutig genug war, in beschaulicher +Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu +beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich +stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war +sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem +höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, +Strand und Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes +das Innere der Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem +Apostel Petrus selbst zu stammen schien, erregte meine Phantasie. Und +in der Tat erschloß er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster +abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen +eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich +frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an +der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen +sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung aber übte der große +geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, auf dem in bemalten +Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war; so seltsam wilde +Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte, welche in +ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam +man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit +kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; +ja, sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung +bestricken können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im +Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines +schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten +Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand +hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes, wie +hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des Lebens; ein +unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und +Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; +dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in der +Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. Auf dem +Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange her. Immer wieder +zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches Verlangen +ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn +auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz +des Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die +Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie +herauszulesen. + +—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann +das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es +gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so +lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an +derselben Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort +gebaut.—Und doch, wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten +Hauses; im Winter die kleine Stube rechts, im Sommer die größere links +vom Hausflur, wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen +Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man +aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte tiefe +Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel—es +war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines Abends—wir waren +derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, welch eine Vergangenheit +an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe einst mit +frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis +jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum +erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht +hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe +geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen +waren. + +„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; „aber +wir können sie nicht enträtseln.“ + +„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; und nimmt +man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl +mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser +versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man +dann noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, +der einmal die Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu +periculoso—,Durch gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren +jener Zeit dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der +Zufall nicht nur bloß gefährlich.“ + +Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte auch wohl +,Culpa‘ heißen?“ + +„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber durch wessen +Schuld?“ + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und +ohne viel Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“ + +Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“, +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des +Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen +Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl +schwerlich von sich haben schreiben lassen.“ + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein +Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor +einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben +hingen, war mir selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in +dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen +wollten, erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines +Freundes. Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden +oder woher er gekommen und wie er geheißen habe, darüber wußte auch er +mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen +noch ein Malerzeichen. + + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der +gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem +Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte +keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich +selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für +den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten +zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im +Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen, als mir an der Ecke des +Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine +plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die verhochdeutscht etwa +lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn +ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen +Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast +unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand sich hier +ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer alten +„Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte mir der freundliche Meister—, +von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit Jahren leer +gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür +gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich +niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit +ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. +Früher, erzählte der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür +gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus +gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir +dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers +sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes +Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit +hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren, ernst +und milde blickenden Mann dar, in einer dunklen Tracht, wie in der +Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren +Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit Staatssachen oder +gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir +hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den +Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine +weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja längst. Auch +hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen zugedrückt hatte. + +„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt +wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung +innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind +noch andre Siebensachen von ihm da.“ + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf +welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten +waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der +Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich. + +„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, „so mögen Sie die +ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; Wert +steckt nicht darin.“ + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich +dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, +verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch +gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine Frau +mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte +ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die +Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land +hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und +letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den tiefen Radgeleisen stund; +denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am +Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen +hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; einen +guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in +meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar fiel auf +mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen fehlte +nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, +meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines +Zimmers mir die Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: +„So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!“ + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch +nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er +dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der +Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer +Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen. +Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch stets in +Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich +meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht +allein meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine +fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, +daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler +angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem +Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, +derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die +Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die +gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, +fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja selbst der Diener Gottes +mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. Durch den plötzlichen Hintritt +des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; aber die grausamen +Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo +man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich +auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und +manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen +seine grünen Spitzen trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, +daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte +auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch +in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber tückete mich ein +anderes, und das war der Gedanke an den Junker Wulf. Er war mir nimmer +hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler Vater an mir gethan, als +einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie +öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem +Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen. +Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, +hatte nur vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter +Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des +Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein +hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten +Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den zwo Reihen +gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen +Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte +mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich +nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße +meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war +des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig +Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten +Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig +Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein +paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte +Hofmann Dieterich, der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem +getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen +Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu +gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; dort in +dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja +nicht schießen!“ + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum +auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. +„Der Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre +beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes +saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. +„Der Buhz, der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes, +schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch immer +und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und +schoß, daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber +schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; +in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber +mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, +dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß. In +Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr Gerhardus gern +der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; und da er jünger war +als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen; +insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen. +Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme +Vogelnase, die ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter +buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn +sie seiner nur von fern gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor +und rief. „Johannes, der Buhz, der Buhz!“ Dann versteckten wir uns +hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald +hinein, der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht +an die Mauern des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen +uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der +Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt +in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, +war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt +in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern +hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier beklommen machte. +Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man +im Hause nur „Bas’ Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen +und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit +beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit +spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den +Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter +Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei seiner +schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten Fräulein +solches zu gefallen schien. Das war ein „Herr Baron“ auf alle Frag’ und +Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen +Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich aber, wenn ich ja ein +Wort dazwischen gab, nannte sie stetig „Er“ oder kurzweg auch +„Johannes“, worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im +Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, obschon ich ihn um halben +Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort +gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch +stolzes Lächeln, so daß ich dachte: ,Getröste dich, Johannes; der +Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft‘ Trotzig blieb ich +zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen. Als aber diese in das +Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus’ Blumenbeeten +stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie vormals, mit dem von der +Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina +wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem jungen +Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort war sie wieder, eh ich +mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie +weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte hell +und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen +Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es +mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte +mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam +zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach +dann lange mit mir, als meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch +selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich +auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre Arbeit +neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas’ Ursel und las +laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob +sie die Nase nach mir zu. „Nun, Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl +Ade sagen? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze +machen!“—Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden; aber +indem sie mir die Hand reichte, traten die Junker Wulf und Kurt mit +großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: „Leb wohl, Johannes!“ +Und so ging ich fort. + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich +nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und stand +oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den Richtweg +durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel weiteren auf der +großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das Abendroth +überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht +überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und setzte +rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender +Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war +sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang +über den trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem +güldnen Netz entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit +glänzenden Augen, noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. +„Ich—ich bin ihnen fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein +Päckchen in meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir, +Johannes! Und du sollst es nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was reden, +aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und wehmüthig ihr +Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich sah ihr Kleid im +finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte ich noch die +Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die +Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander +faltete, da war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt +hatte; ein Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des +Abendrothes. „Damit du nicht in Noth gerathest“, stund darauf +geschrieben.—Da streckt ich meine Arme in die leere Luft: „Ade, +Katharina ade, ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald +hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt. + +—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute alles +wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, +hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses +itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, +jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern +gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein erschreckliches Geheul, der +eine sprang auf mich und fletschete seine weißen Zähne dicht vor meinem +Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. +Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, +aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief sie; „Tartar, Türk!“ Die +Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus +der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so +lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr +Johannes!“ sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände. + +„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann haltet Ihr +solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?“ + +„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker hergebracht.“ + +„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte. + +„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg her +ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“ + +„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle er +mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!“ + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute +Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen.“ + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den +Weg. „Herr Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! +Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg +kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“ + +„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“ + +„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser +theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die +Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem +Hofe; aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“ + +Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“ +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine +Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort +also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er es +bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den +Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus +den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen +warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die +Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern +Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete +hinknien wollte, erhub sich über den Rand des Sarges mir gegenüber ein +junges blasses Antlitz, das aus schwarzen Schleiern fast erschrocken +auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich +zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s +denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere +Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön +geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens +mich durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt +zurückgeschrecket in der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen +drängten sich die braunen Löcklein, und der schwellende Mund war um so +röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich +in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu +danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich +Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden Züge +festzuhalten suchen.“ + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir +hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem +von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor +der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für +die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach +einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch +von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen +nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen +vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des +Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen +ein einzelner Schritt zurück; in demselben Augenblick legte Katharina +die Hand auf meine Schulter, und ich fühlte, wie ihr junger Körper +bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den +Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und +aufgedunsen schien. + +„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. „Der +Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu bezeigen; +du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“ + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm +trat; „es ist Johannes, Wulf“ + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte +nur mein violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten +Federbalg; man wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“ + +„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das ,Herr‘ vor +meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn hat +großes Recht an mir.“ + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst +du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu +der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“ + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; +da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen +Edelmann gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen +hätte. + +„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus verläßt, so +muß ihr Bild darin zurückbleiben.“ + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, +gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete +ruhig: „Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker +Wulf?“ + +„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, „daß +du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“ + +Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den +Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei +itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir +zuflog, so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen +will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre +keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem +Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“ + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge +einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich +verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine +Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem +Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr +worden, die dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir +aber näher kamen, sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen +mich, daß Katharina einen Schrei that, der Junker aber einen schrillen +Pfiff, worauf sie heulend ihm zu Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“, +rief er lachend, „zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz +oder Flandrisch Tuch!“ + +„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten—, +„soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget Ihr +Euere Thiere bessere Sitte lehren!“ + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal +in seinen Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur +Johannes!“ sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu +streicheln. „Damit jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier +begonnen; denn—wer mir in die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels +Rachen!“ + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch +aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem +Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die +unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu +dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die +breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn +Gerhardus Zimmer traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem +gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die Karten an der Wand, die +saubern Pergamentbände auf den Regalen, über dem Arbeitstische der +schöne Waldgrund von dem älteren Ruisdael—und dann davor der leere +Sessel. Meine Blicke blieben daran haften; gleichwie drunten in der +Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir +itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs +Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie +erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich +mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich +sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre +Brust in ungestümer Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier +ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen +Hunde?“ + +„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in Eueres Vaters +Haus?“ + +„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden Hände, +und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, nein; +laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du sollst +mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann, +Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“ + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich +vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte +zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir +saßen neben einander und sprachen lange zu des Entschlafenen +Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem +alten Fräulein nach. + +„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, die ist +auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die Treppen sind ihr +schon längsthin zu beschwerlich.“ + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den +Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde +brachen. Bas’ Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie +ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte +ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der +Herr Baron—nach seines Vaters Ableben war er solches itzund +wirklich—ihr aus Lübeck zur Verehrung mitgebracht. + +„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie behutsam +die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder da, +Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu très-compliqué!“ + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. „Ei“, +meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn nicht, +daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“ + +„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das Thor trat, +wußte ich es nicht.“ + +„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich gehöret Er +ja auch nicht zur Dienerschaft.“ + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem +Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem +Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den Scheiben. + +Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die +itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den +Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das +Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber +passire eben nichts, als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken +oder Buchsrabatten putze. + +—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es +sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + + + + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten +Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner +Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm +erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch +das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und holete allerlei +Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die fremden Truppen auf +dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden müssen; einmal aber, da +ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht und er erst nicht +hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab und +schauete mich an. + +„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam schad, daß Ihr +nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!“ + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr +Johannes; ’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, +wo uns der Herrgott hingesetzet.“ + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete +aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s +wissen, Herr Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern +Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den +Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf +der Geigen weiß er nicht so gut zu spielen; da er aber ein lustig +Stücklein liebt, so hat er letzthin den Rathsmusikanten, der überm +Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm +auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt der +Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und +fror Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen +hinter sich, im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen +müssen!—Wollet Ihr mehr noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm +freuen sich die Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern +gesegnet; und dennoch—aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und +unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat schon vorher von seinem Erbe +aufgezehrt.“ + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit +seinem Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß +gemacht. + +—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, +wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es +sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber +wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im +Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, +dessen Wände fast völlig von lebensgroßen Bildern verhänget waren, so +daß nur noch neben dem Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren +das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende +Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren gar +trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in +seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die +Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem +Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es später zu einem +größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier in meiner einsamen +Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters ist. Das Bildniß seiner +Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern +wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber +war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das +mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging +ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit +hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den Würmern schon +zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon als Knabe, als ob’s +mich hielte, still gestanden war. Es stellete eine Edelfrau von etwa +vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt und stechend +aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen Kinntuch +und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich +vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: +,Hier, diese ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum +und drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich wieder +auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; +vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling soll ich +Katharinen schützen.‘ Und wieder trat ich vor die beiden jüngsten +Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den +Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen +Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir +oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen +war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei +das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie +fast die Speisen nicht berührt, entfernte sich allzeit bald, mich kaum +nur mit den Augen grüßend; der Junker aber, wenn ihm die Laune stund, +suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; hatte mich also hiegegen +und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider +allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des +Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen +seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen dereinst eine +fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus +der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber +fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der +Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht +hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in der Kürze +alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, +wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen +Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die +wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge +am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns +beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, solcher Gevatterschaft gar gern +entrathend, hatte an der dortigen Westsonne einen rechten Malergrund +dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am +andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des Saales zu verhängen und +die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber +in den letzten Tagen angefertigt. + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete +sich die Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein. +Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns +dießmal fast erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, +die sie nicht abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer +Verwirrung zu mir auf. + +„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr’s auch gern?“ + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise: +„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“ + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina! +Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir +nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich +weiß es schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“ + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch, +Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das +thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn +ich bin kein Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, +Johannes—ich habe einen Blutsfreund—, hilf mir wider den!“ + +„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“ + +—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er mich zum +Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den +schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab +ich’s ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber +ich weiß, auch das wird er nicht halten.“ + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen +Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht +anzugehen sei. + +Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben +habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch +erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, +die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen +gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der gnädige Gott hatte das +geliebte Haupt schon mit dem letzten Erdenschlummer zugedecket.“ + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und +ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu +ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, +nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, +so stelleten wir fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und +also meine Botschaft ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk +zu fördern. + + + + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker +mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl—hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket—, was ich +besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie an den +andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein und schalt mit +Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber dann die Thür hinter +sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein Reiterstücklein pfeifen. +Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an seiner Seite. Da +Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem Platz zu +bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen +fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem +Hofe nicht gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und +redete gar schöne Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich +so sehr vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken +auf den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, „rückwärts den Winden leichte Küsse werfend.“ +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus’ Bild +und sagte: „Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater war!“ + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. +Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu +reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so nahm er alsbald +seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick +gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit +rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der +Roggen in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die +Rosen auf; wir beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir +hätten itzund die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise +wagten, auch nur mit einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was +wir gesprochen, wüßte ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben +in der Fremde ihr erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr +güldner Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in +ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus mir +zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei blühete +aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir +schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, als +schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann +fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel +heimlich auf die Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein +sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor und nie nachher ein solches +aus meiner Hand gegangen ist.—Und endlich war’s doch an der Zeit und +festgesetzet, am andern Morgen sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir +sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie +und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die schweigende +Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in Katharinens Gegenwart +sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, +das mir zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend +grauen Augen auf mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu +den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast +erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“ + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina? +Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“ + +„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar bei +Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin +eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier +gehauset.“ + +„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; „dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“ + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, sagte sie, +„sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen aber hat +man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals +zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“ + +„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus +dem Boden.“ + +„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie +erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf +verschwinden.“ + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des +Bildes. „Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“ + +„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“ + +—„War es denn ein gar so übler Mann?“ + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth +bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und +leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es heißt, +sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“ + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten +Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr +Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen; +wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“ + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war +kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen. +„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch dich +verflucht?“ + +Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt an meiner +Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die +kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig +die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder +an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen +hatte, öffnete sich die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt +erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte +sie, „Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir +nachgerade doch Sein Werk besehen!“ + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die +allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und +Trübsal bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang +noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar +stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: +„Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde +sitzet?“ + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß +die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen +oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen +spähend hin und wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie +dann mit ihrer höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz, +Katharina; das lange Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“ + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!— +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“ + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod +mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die +braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten. + + + + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf +einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus +dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers +Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon +selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der oben im Sattel saß, +schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen gleichwohl ohne Blessur +davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter Zeit in Hamburg +an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. +Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir das alles wohl +verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles +zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker +silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet +wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, +niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; sodann auch der +Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und Fluchten, so eben um +diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und den die Hamburger, wie +ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die türkischen Piraten +deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei +Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, +von Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, +nachdem ich bei einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in +meiner Nachtherbergen Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um +Mittage wieder meinen Gaul und hatte allsobald allen Lärmen des großen +Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte +bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich +erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die Schwester meines +theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten +Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des Antlitzes gleichwohl strenger +als die des Bruders. Ich hatte, selbst nachdem ich Katharinens +Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu bestehen; dann aber +verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, +indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man mich +gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete +ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, +noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben, +das die alte Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl +verwahret in einem Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt +ich fürbaß in die aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die +eine, nur gedenkend und immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen +Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; +in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog +auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber +an der blauschwarzen ungeheueren Himmelsglocke über mir strahlte im +Südost das Sternenbild des Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn +ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen +habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt schicken, um die +Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber wollte nur an sein +Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich +hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche vor mir +auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, +wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von der Glocken scholl +die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber sie schlafen alle‘, sprach ich +bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen oder unter dem hohen +Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den +niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So ritt ich +weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens +Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und +brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, +war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei +und wüst Getreibe, wie ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren +nicht vermerket. Der Schein der Unschlittkerzen, so unter einem Balken +auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz +aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.—Aber +nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; +bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, +stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen +Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien +ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den +Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß +sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die +Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen +ließen, schrie er nach Platz und schwang sich in den dichten Haufen; +und die Bauerburschen glotzten drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme +lag, gleich einer Tauben vor dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth +zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten +Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß +brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und schüttelte +sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich um Gnad und +Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr worden, ließ er nicht ab, bis +ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug nach meiner Reise, und +ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber antwortete nur, +ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in der +Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein +leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der +Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk +zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im +Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl +hernieder. + +„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! Was +soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar +hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams +hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et valet!“ + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur +wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der +Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der +Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd die +Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +„Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist’s zu viel! + + +Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie +auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“ + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von +Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah +gar grimmig auf mich her. + +„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; „aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein Freund, +der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“ + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel +sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch +in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“ + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit +dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf +lagen auf mir; und war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz +Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen +die Karten klatschend auf den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei +meiner Base! Du treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich +auf den Botengang geschickt?“ + +„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch genug +sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; fiel +mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich +vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm +das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine +saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“ + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich +fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr +über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide +Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir stund. Es hatte +keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; als wir uns aber itzund +in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß er’s mit seinem Todfeind +vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem +Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte +aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen +Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es noch +vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich +wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der Tenne an +dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle springen +sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der Tanzenden +daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu +Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich +schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu +gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem +Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem +Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur +Gartenmauer. Zwar war die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub +der Bäume ausgeschlossen, aber meine Augen wurden der Dunkelheit gar +bald gewohnt, und da ich das Täschlein sicher unter meinem Wamse +fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich gedachte den Rest der +Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten +Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl +sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang +wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir +gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da +ich eben aus dem Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, +hörete ich nicht gar fern die Nachtigallen schlagen; und von wo ich +ihren Schall hörte, dahin richtete ich meine Schritte, denn mir war +wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den Hecken des Herrengartens +ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum +Hofe nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus +dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das +jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln +konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie hielten fest +auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter mir ihr Schnaufen +und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des Waldbodens. Aber Gott +gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der Bäume stürzte ich +gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste schwang ich +mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; die +Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst +vor meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. +„Sieh dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen; +„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest.“ + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn +nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde +des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige +aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß +nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und rings im Garten war kein +Baum, nichts als die dichten Hecken und drüben gegen das Haus die +Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als eben das Bellen der Hunde wie +ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer scholl, ersahe ich in +meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem Stamme an dem +Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den +mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit +ihrem Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, +so von der Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir +herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um +mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war +nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in +solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme +scholl zu mir herab—möchte ich sie wieder hören, wenn du, mein Gott, +mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie; +leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, und ich kletterte höher an +dem immer schwächeren Gezweige, indeß die schlafenden Vögel um mich +auffuhren und die Hunde von unten ein Geheul heraufstießen.—„Katharina! +Bist du es wirklich, Katharina?“ + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen +das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in +die Tiefe starrten. + +„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da schwang ich mich in +ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das Händlein los, und +Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und hatte ihre +Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über +dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen +die Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir +alles. Ich stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und +doch so ganz mein eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich +satt an all der Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, +sprach ich zu ihr: „Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?“ + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast, +Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“ + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr +sie erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist das mit +den Hunden?“ + +„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, es +muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die +Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus +meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge +drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns +morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch +zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler +Johannismarkte festgesetzet sei. + +„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich +der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“ + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du, +Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet, +griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist +der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“ + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir +umfingen uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was +vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich +bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben.“ + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du +seiest auch das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des +meinen—das gilt der Welt wohl nicht!“ + +„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich und +umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, dort +gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle +von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten +ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein +Meister van der Helst und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr +noch oder zwei; dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur +feste gegen euere wüsten Junker!“ + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich +und sagte leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich +doch dein Weib auch werden müssen.“ + +—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern +goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien +furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter +Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild +davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem +stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann +zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte +Katharina leise; „er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald +hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel +drehen und danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, +wo der Junker seine Kammer hatte. Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war +es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich +nun gehen, Katharina?“ sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging +nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um +die Hecken fließt.— + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne +heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der +Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen +hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete die Nacht in +stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, +die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen +dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß +inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns +treffen; und dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich +im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, +schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. +Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick +aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme +streiften; denn mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich +gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach mir mit aufgehobenem +Finger und schien mir farblos und knöchern gleich der Hand des Todes. +Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über meine Augen ging; dachte +zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden Urahne; redete mir +dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch +Spiel mir vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was +hinunterziehen wollte. ,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch +nach dir!‘ Machte mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald +hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne +sich nicht lösen mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein +Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über mir vom +Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich all müßig +Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber auch wie heiße +Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast ein +theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als +nur das ihre!‘ + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück +nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte und +allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der +alten Base Herz erweichet; und schlimmsten Falles—es mußte auch gehen +ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl +hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen +und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein +Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger und rascher schritt +ich aus, als könnte ich bälder so das Glück erreichen. + +—Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der +Tenne mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen +Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder +eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde +raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“ + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl +begriffen habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch +und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s +denn gestern noch so einen Nachschmack geben.“ + +„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt heut auf +seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen +Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“ + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und +Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen +holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, +daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als +er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging +aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden +Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken ragen sieht, wie ich +solches schon für den Hintergrund zu Katharinens Bildniß ausgewählet +hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu verhoffender Zeit sie selber +in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht mehr betreten würde, +sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog also meinen +Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, +woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt +es dann in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen +grüße, wann ich sie dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum +Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die +Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich nebenan im +Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß die Zeit +vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von +einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem +Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den +Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, +wie einst Katharina und ich uns hier bei unseren Waldgängen süße +Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein seltsam Spiel der +Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre zarte +Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen +Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, +im nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze +schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es +war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging +umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die +Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein +Schritt im Laube raschelte; nur oben in den Buchenwipfeln rauschte ab +und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem +Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir +Dieterich. „Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr +seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte +mir Euren Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“ + +„Warum fragst du, Dieterich?“ + +—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch verhüten möcht.“ + +„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete der Alte. +„Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer Stund +mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an den +Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre +Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht +beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein +einzig Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und +jammerte ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder +auf den Boden, bald hinauf in den Epheu, der am Turm +hinaufwächst.—Verstanden, Herr Johannes, hab ich von dem allem nichts; +dann aber, und nun merket wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, +als ob sie damit drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher +hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr’s da an Euerem Mantel +traget.“ + +„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der Junker wandte +sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen wäret. Ihr +möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die +Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“ + +Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“ + +—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?“ + +„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“ + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht, +Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was +geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“ + +„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, „das weiß +nur unser Herrgott!“ + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in +seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier +vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe +an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm +selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen ganzen Sinnen hier +verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers „Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir +wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß +er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme. +„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, wenn’s nicht +schon sein Gespenste ist!“ + +„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm trat, +„es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere +Kammer fahren!“ + +—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“ + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: „Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr +Junker!“ + +Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich +auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam waren, +wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar Stunden, da ich +mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete mich gleich +einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen +gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, den +sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich reut’s +nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit nachgelassen!“ + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, +so dachte ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es +ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann +in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren +gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester +Katharina mir zum Ehgemahl—“ + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten +mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in +das Ohr, ein Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir +der Degen, den ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der +Hand zu Boden fiel. + + + + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem +Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten Augen suchten stets +aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir vorstellete, Katharinens +Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben Wipfel schaue; +denn von ihr selber hatte ich keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe +und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers +niemand zu mir gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust +erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe niemandem +Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und +Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er +mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch glaubhafter jedoch, daß er +allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn +für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es +sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später +nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen Gespräch mit +Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir nicht gerathen +wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes allaugenblicks in +meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der Junker nicht +nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in Hof +noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, +daß er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und +daß ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen +dächte, was alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen +den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten +Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete +auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der holländischen +Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar liebreich empfangen +wurde, und mochte es auch ferner vor ein glücklich Zeichen wohl +erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, durch die +hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst beide +zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht +genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er +habe nur auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag +verheirathetes Töchterlein sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch +sofort ein reicher Lohn dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich +solches noch vollendete, daß dann genug des helfenden Metalles in +meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl +bestellet Heimwesen einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, +mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise +gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen +Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als +nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen +mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der +Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf +mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste auf allen +Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann mein Siechthum +und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. Zwar der besten +Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein Mangel, aber in +Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte von ihr, +keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen +Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des +frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging +die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun +fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem +noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken +und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich +ging aber nicht nach Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein +Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand +entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm +gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. „Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht +wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“ + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier +allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten +Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es +so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden +Todes verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er zu +seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“ + +„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“ + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von +Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich +sprach beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“ + +„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, die ihn +schon zu Richte setzen wird.“ + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß +er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen +nannte, so war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn +Gerhardus’ Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker mit +einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet +wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch plaudern +könnten!“ + +„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer aufs +Herz. + +„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in die +Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten +wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; +nur wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf +wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“ + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; +dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich, +„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib +geworden?“ + +„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich schüttelte ihn +an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es geht die Rede so! Auf alle +Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß nicht mehr gesehen +worden.“ + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse +nichts von alledem. + +Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es +sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer +Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das +Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so +durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der +Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen +aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’ +Ursel und der Junker in dem Schloß gewesen. + +—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht +hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon +Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf +nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte +mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß +keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr gesehen worden. Da reisete ich +wieder zurück und demüthigte mich also, daß ich nach dem Hause des von +der Risch ging und als ein Bittender vor meinen alten Widersacher +hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das Vöglein sich +geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er keinen +Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans +Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, +er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in +den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn +gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; wir haben +gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein Degen in die +Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen Augen an; +gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu längerem Verbleiben nach +Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit größerer Umsicht +meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt +dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner +Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise +dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist. +Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + + + + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht +zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener +tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm +gebettet hatte?—Sinnend nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, +dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer erschienen. Es lautete wie +folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims +eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine +Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann +selbiger Spruch oft lange mein Begleiter blieben. Da sie im letzten +Herbste das alte Haus abbrachen, habe ich aus den Trümmern diesen Stein +erstanden, und ist er heute gleicherweise ob der Thüre meines Hauses +eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der vorübergeht, an +die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine +Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit +der Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem +kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei +meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe +anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; +maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag +worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie zum +schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der hiesigen +Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es denn auch noch +heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen ist. Daneben +wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in Hamburg +Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet, +so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament +aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange +schon das Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als +unbeweibter Mann lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig +Haus mit den zwo Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin +ich, nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, +anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam +alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die +gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie +draußen von ihrem Schanktisch zu mir hergetrottet mit ihren +Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer Wohlbeleibtheit mir auf den +Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines Vormittages, da ich +soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie mit viel +überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres +Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu +Gesicht bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, +wie es die Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine +blaurothe Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man +glauben mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr +gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und sie endlich +von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem Pinsel in den +Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da ich eines gar +andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da in der +kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also rückwärts +sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine +gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung +gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari +Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten +Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So +wird er dir einstmals in der Ewigkeit entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf +meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und +durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab +aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter +bis zur Kirchen alles voll von Wagen und Menschen; denn es war ein +Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast mit Gaste handeln durfte, also +daß der Stadtknecht mit dem Griper müßig auf unseres Nachbaren +Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen zu erhaschen gab. +Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen von den +Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die +hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben +Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, +zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen +war; aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. +Doch war es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein +sehnend Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag +der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen Augen aber +dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein paar Zackengiebel +auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen schlugen leis und +fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der du die +Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele +sie zu suchen?— + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen +Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen +hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein +herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen +Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann angestanden wäre. Er +wies soeben einem andern, untersetzten Manne von bäuerischem Aussehen, +aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit +seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er selbst zumal durch +das Marktgewühle von dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab +und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich +ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr +ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß +in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst +um die Gemeine dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm +anzuthun gedächten, da er doch seines Alters halben noch nicht gar lang +im Amte stehen könne; der Küster aber meinete, es habe der Pastor +freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal einen Proceß gegen die +Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was Sondres könne +vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei Amtsvorweser in +der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, ich +verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit +wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich +kümmere sich nicht eben viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf +eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen +eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich +an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, +so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie +sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen +Dirnen abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit +allmorgendlich in der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem +Dorf hinauszuwandern, das nur eine Wegstunde von unserer Stadt belegen +ist. Sagete also zu, nur mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf +dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche +Gelegenheit nicht befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, so +daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, die im +Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des +Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich +bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert +werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein +Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, +so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich +bekäme da einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem +Priesterkragen sitze, und möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl +versehen; erzählete mir auch, es sei der Pastor als Feldcapellan mit +den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als welcher er’s fast wilder +denn die Offiziers getrieben haben solle; sei übrigens itzt ein +scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar meisterlich zu +packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei desselbigen +Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben +solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der +Archidiaconus habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen +lassen. War jedoch Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die +Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr +rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft +ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war +weithin nichts zu ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem +ich zustrebte—wie ich bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern +auferbauet—, stieg immer höher vor mir in den dunkelblauen +Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen Strohdächern, die an seinem Fuße +lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und Baumwerk; denn der +Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will freien Weg +zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. „Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte +er. „Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“ + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das +war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das +Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast winzig aus gegen des +Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen +wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach +den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den +nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth +sein; denn die Watten waren überströmet, und das Meer stund wie ein +lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie oberhalb desselben die Spitze des +Festlandes und von der andern Seite diejenige der Insel sich gegen +einander strecketen, wies der Küster auf die Wasserfläche, so +dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat einst meiner Eltern Haus +gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es gleich hundert +anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches ward +ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder +in die Ewigkeit hinaus.“ + +Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den +Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘ + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen +Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange +an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz +vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen +ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir +die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines +guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier in +gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich +habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet +es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit.“ + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für +meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich +einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war +gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da +kommet ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der +Kirche schaffen ließ.“ + +Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter +nicht in Euerer Kirche dulden?“ + +„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind nicht +überliefert worden.“ + +—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?“ + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den +Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben +Kopfes Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die +holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um +durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? +Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich +zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! +Denn auch hier geht Satan noch von Haus zu Haus! Diese Marienbilder +sind nichts als Säugammen der Sinnenlust und des Papismus; die Kunst +hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“ + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, +daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst +an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach +dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf +Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren +Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei +Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst +hier überall betrieben wird; auch habe ich das Kästlein, woran er +derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin vor Jahren die ersten +Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes +Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.— + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke +des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, antwortete +er: „Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so heiße ich ja auch!“—Er +sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete +mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der +Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht +aus seinem kurzen Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, +dachte ich, sieht ein Kind, das unter einem kummerschweren Herzen +ausgewachsen. Ich hätte oft die Arme nach ihm breiten mögen; aber ich +scheuete mich vor dem harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu +behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine Frau mag dieses Knaben +Mutter sein?‘— + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man +nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit +ist.“—Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der +Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, +sahe ich sie einmal langsam über die Priesterkoppel nach ihrem Hause +gehen; aber sie hatte mir den Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre +schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar +gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren +getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild +ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit +an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese +Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder +unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast +herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf +gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; +denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir mitsammen in unserer Eltern +Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen lieben Schwesterleins +gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun seit lange +schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung +entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that +uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt +lag, in das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln +Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und +Unrast fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es +mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es +waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann, +wenn sie es war, wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare +Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit +der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt +ein heller Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie +gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die +kommen von des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten +sieht man, daß sie gleichwohl hin und wider stolpern.“ + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von +der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die +zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers +Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer +glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem Hause laut redend in +die Krämerstraße einbog, hörete ich einen unter ihnen sagen: „Ei +freilich; das hat der Teufel uns verpurret! Hatte mich leblang darauf +gespitzet, einmal eine richtige Hex so in der Flammen singen zu hören!“ + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich tröstet.“ + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein +grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen +einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt +werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden +worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein peinlich Recht +geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte +doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der +Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der +Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, +so sie im voraus darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum +noch passen werde wie die Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein +viellieber Bruder, hatte so meine eigenen Gedanken von dem Hexenwesen +und freuete mich, daß unser Herrgott—denn der war es doch wohl +gewesen—das arme junge Mensch so gnädiglich in seinen Schoß genommen +hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der +Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten +Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der Justification selber +zu assistiren. „Es schneidet mir schon itzund in das Herz“, sagte er, +„das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem Karren die Straße +herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben und die Zunftmeister +ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner Statt“, fügete er bei, „der du +ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf hinausmachen und an dem +Conterfey des schwarzen Pastors weiter malen!“ + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst +wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er +die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles +sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen Blättern +niederschreiben werde. + + + + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem +Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die +Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; +auch sahe ich, wie an dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte +in Bewegung waren, und hatte Einer bereits einen schwarzen Teppich über +das Geländer der großen Treppe aufgehangen; ich aber ging durch den +Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei +der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen +Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und +mochten das der Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff +zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her aber kamen schon die +ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht +weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und da ich hinter den Bäumen +hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im ersten Sonnenstrahl +entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da mußte ich meine +Hände falten: + +„O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!“— + + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte, +begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen +und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; „es +ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“ + +Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge +Satansmensch, verbrennen sehen. + +—„Aber die Hexe ist ja todt!“ + +„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können +wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb +nehmen.“— + +—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon +Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen +voll geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der +Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der +Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze +Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, +der hier inmitten der Heide liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich +zur Stadt zurückkehren oder etwan nach links hinab an die See gehen, +oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber +vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende +Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an +einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz gleich +einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich +wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der +Stadt fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; +dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; +als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters alte halb blinde Trienke +aus einem Nachbarhause. + +„Wo ist der Küster?“ fragte ich. + +—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“ + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin +geschlagen. + +„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule, +Trienke?“ + +—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“ + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über +Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete +es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt +oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein ich brachte das +Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die Alte ein lang +Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im Dorfe und von der +Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; erzählete auch, wie +selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh gelassen, +drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe +aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem +Falle; denn sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur +eine blasse und schwächliche Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause +und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die +Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den +weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts +gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie überall zu sehen +sind.—Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. +Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der Stadtseite der Wind ein +wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich aber wandte mich und blickte +hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie lichtes Silber am +Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort gewesen, +worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben +hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem +Wurme?—Wir sehen nicht, wie seine Wege führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; +ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne +fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich +ging aber nicht in das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch +das Hinterpförtlein wieder zum Hause hinaus.— + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von +der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter +Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; +denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe +daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, +hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem +Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der +griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen +haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das +hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen +Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie es hier in dem kümmerlichen +Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden gehen; er mochte sich dort +damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. Und wieder kam die +holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du einen ganzen +Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder wächst +genug!“ + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst +schon nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt +sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir +war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst +gewesen war, für das ich den „Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen +hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück +noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete +sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch +ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust +sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem +Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: „Katharina!“ + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer +Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie +endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr +stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer fremden +Stimme sagte sie: „Es ist nun einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du +seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß du heute kommen +würdest.“ + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du des +Predigers Eheweib?“ + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das +Amt dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen Namen.“ + +—„Mein Kind, Katharina?“ + +„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen; +einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“ + +—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!—„Und du, du +und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!“ + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich. + +„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine +Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz +sahen mich flehend an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht +sein, der mich noch elender machen will.“ + +—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“ + +„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;—was ist denn +mehr noch zu verlangen?“ + +—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?“ + +„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum Weibe: mehr +nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!“ + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— „Das +Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein Leids +geschehen!“ + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib +doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem Moose.“ + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die +goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam +von der See herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das +Stimmlein unseres Kindes singen: + +„Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen.“ + + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft +mich an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf +Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“ + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes +Weib; vergiß das nicht.“ + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und +wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du +sein geworden?“ + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr +Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“ + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen +duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie +tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben können. Und als +dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz weideten, da sprach +sie, fast erstickt von meinen Küssen: „Es ist ein langes, banges Leben! +O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!“ + +—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus +dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam +von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es: +„Katharina!“ + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er +begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden. +„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret Ihr heute +nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre +Weiber in die Stadt getrieben.“ + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt +die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +„Was war das, Küster?“ rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“ + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ rief +sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach gefallen!“ + +—„Was soll das heißen, Trienke?“ + +„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem +Wasser ziehen.“ + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser +und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich +nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in +des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus wollte, trat er selber +mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, +und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte +er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn +eigentlich? + +„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles +ausgeredet.“ + +Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich. + +Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“ + +—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“ + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich +zurück. „Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu +Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen +Seligkeit!“ + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des +Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ sprach +er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in seiner +Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch ist +Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder +Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet +darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der +Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr +das Bildniß stiften. Mög es dort die Menschen mahnen, daß vor der +knöchern Hand des Todes alles Staub ist!“ + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und +Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied +um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte +sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich +muß noch eine Weile ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der +Wochenzeitung in meine Hand gab; „aber lies doch dieses! Da wirst du +sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof in fremde Hände kommen, maßen Junker +Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß gar jämmerlichen +Todes verfahren ist.“ + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es +fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber +schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und +aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so +fern!—Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; nun war’s nur ein +Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich +schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. +Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen +erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm +drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch +das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich zählete sie alle die ganze +Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der Morgen. Die Balken an der +Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang ich auf, und ehbevor +die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die +Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der +Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und +sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und +sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann +legte er seine Hand auf die Klinke einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist, +so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“ + +„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand zurück. +„Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben in +jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des +Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war +todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich +öffnete. + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die +Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten +des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf dem Kissen lag +ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die kleinen Zähne +schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und +dann malte ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum +zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der +andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und +horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. Einmal auch war +es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.—Ich trat an das Bette des +Todten, aber da ich mich zu dem bleichen Mündlein niederbeugete, +berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer +Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so +scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne +hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und +malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem +Linnen lagen, so dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem +Kinde geben!‘ Und ich malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße +Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend damit eingeschlafen. +Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend hier, und mocht es also +ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib +verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und +ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen +hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor Überraschung bald +zurückgewichen; denn Katharina stund mir gegenüber, zwar in schwarzen +Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, so Glück und Liebe in +eines Weibes Antlitz wirken mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, +das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum +in ihres Vaters Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man +sie fortgebracht, oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar +lange sahe ich das Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein +Herz. Endlich, da ich mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete +ein paar Gläser Wein hinab; dann ging ich zurück zu unserem todten +Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich +möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten +Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, als sähe ich +die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie noch hier aus +unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein Fluch hat doch euch beide +eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es um alle Welt nicht lassen +können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen blassen Leichnam und hob +ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren Thränen zum ersten +Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer Knabe, deine Seele, +die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte nicht aus +solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht +aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts +anderes ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die +schwarze Fluth hinabgerissen.“ + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm +sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein +dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken“.—Und mit dem +Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend Schwert +durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, +nur in der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher +ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch +hereingedrungen.—War Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren +Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen +wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne +den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder +draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete +sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und +betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen +Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber +seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub +er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen +Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb +wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“ + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte +deutlich meinen Namen rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann +rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das +Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und rüttelte +an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des +Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. „Gehet +itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig sein!“ + +—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das +nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes +Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in meiner +Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich +mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein +Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem +dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem +finsteren Wiegenliede: Aquis submersus aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in +einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren +Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des großen +Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt Erwähnung, das +Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts nach dem Abbruch +unserer alten Kirche gleich den anderen Kunstschätzen derselben +verschleudert und verschwunden. + +Aquis submersus + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for an eBook, except by following +the terms of the trademark license, including paying royalties for use +of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for +copies of this eBook, complying with the trademark license is very +easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation +of derivative works, reports, performances and research. Project +Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may +do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected +by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark +license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country other than the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you will have to check the laws of the country where + you are located before using this eBook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm website +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that: + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of +the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set +forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West, +Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up +to date contact information can be found at the Foundation's website +and official page at www.gutenberg.org/contact + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without +widespread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine-readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our website which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This website includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + diff --git a/8889-0.zip b/8889-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a984a15 --- /dev/null +++ b/8889-0.zip diff --git a/8889-h.zip b/8889-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bb30999 --- /dev/null +++ b/8889-h.zip diff --git a/8889-h/8889-h.htm b/8889-h/8889-h.htm new file mode 100644 index 0000000..848dae1 --- /dev/null +++ b/8889-h/8889-h.htm @@ -0,0 +1,3996 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm</title> + +<style type="text/css"> + +body { margin-left: 20%; + margin-right: 20%; + text-align: justify; } + +h1, h2, h3, h4, h5 {text-align: center; font-style: normal; font-weight: +normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 300%; + margin-top: 0.6em; + margin-bottom: 0.6em; + letter-spacing: 0.12em; + word-spacing: 0.2em; + text-indent: 0em;} +h2 {font-size: 150%; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em;} +h3 {font-size: 130%; margin-top: 1em;} +h4 {font-size: 120%;} +h5 {font-size: 110%;} + +.no-break {page-break-before: avoid;} /* for epubs */ + +div.chapter {page-break-before: always; margin-top: 4em;} + +hr {width: 80%; margin-top: 2em; margin-bottom: 2em;} + +p {text-indent: 1em; + margin-top: 0.25em; + margin-bottom: 0.25em; } + +p.poem {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; + font-size: 90%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +p.center {text-align: center; + text-indent: 0em; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; } + +a:link {color:blue; text-decoration:none} +a:visited {color:blue; text-decoration:none} +a:hover {color:red} + +</style> + +</head> + +<body> + +<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Aquis submersus, by Theodor Storm</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'> +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you +are not located in the United States, you will have to check the laws of the +country where you are located before using this eBook. +</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Aquis submersus</div> +<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Theodor Storm</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: August 21, 2003 [eBook #8889]<br /> +[Most recently updated: May 28, 2022]</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div> +<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div> +<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: an anonymous Project Gutenberg volunteer</div> +<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div> + +<h1>Aquis submersus</h1> + +<h3>Novelle (1876)</h3> + +<h2 class="no-break">von Theodor Storm</h2> + +<hr /> + +<div class="chapter"> + +<p> +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit Menschengedenken +aber ganz vernachlässigten „Schloßgarten“ waren schon in meiner +Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten Hagebuchenhecken zu +dünnen, gespenstischen Alleen ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch +einige Blätter tragen, so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht +verwöhnt, sie gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu treffen sein. Wir +pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten +„Berg“ zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke +des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus +der weitesten Aussicht nichts im Wege steht. +</p> + +<p> +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün der +Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, auf welcher +das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine Augen wenden +unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, der graue spitze +Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort +liegt eine von den Stätten meiner Jugend. +</p> + +<p> +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +„Gelehrtenschule“ meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder +montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt +zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück +ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur +Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten auf +den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und +rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier +in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten +Schmetterlinge, die nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem +Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten wir jedoch +das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto munterer vorwärts, und +bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch +schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus +dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben +auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. +</p> + +<p> +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir +allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, ganz +abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die Silberpappel, der +einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes, welche ihre +Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war +gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich +von uns erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. +</p> + +<p> +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den Buben +angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren, +denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um nachzusehen, wie +weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; +hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden +war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +„Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen wir ein andermal unsere auf +einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und +Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir +aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher +gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir +hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen, +wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem +gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf +dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen +wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier +haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. +</p> + +<p> +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde Teilnahme +dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu +setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der +Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es +anmutig genug war, in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der +emsigen Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und +ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes +war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem +höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, Strand und +Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der +Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß er auch, wenn +wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen +wunderbaren Dingen, aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit +finstern, dort mit kindlich frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem +Schweigen zu uns Lebenden aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein +schrecklich übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler +haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an der aus Frucht- und +Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. +Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der +Kirche, auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt +war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der +Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel +würfelten, bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit +kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie +hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen +mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. +</p> + +<p> +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der +Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa +fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine +weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz +sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde +Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem +Bilde stand. +</p> + +<p> +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen +ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar. Mein Freund +sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; dieser selbst, so gehe noch +heute die Sage, solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen +Tod gefunden haben. Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches +Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn +auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz des +Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des +Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. +</p> + +<p> +—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann +das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es +gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so lange ich +denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an derselben +Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort gebaut.—Und doch, wie +freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine +Stube rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die aus den +Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der +weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne +Windmühle, außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich +abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! +Die lieben Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel—es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends—wir waren derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe +einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis +jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. +</p> + +<p> +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am Nachmittage, +wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten, unten in +einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben +entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen waren. +</p> + +<p> +„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +„aber wir können sie nicht enträtseln.“ +</p> + +<p> +„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; +und nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben +wohl mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser +versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann +noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die +Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu periculoso—,Durch +gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren jener Zeit +dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur +bloß gefährlich.“ +</p> + +<p> +Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte +auch wohl ,Culpa‘ heißen?“ +</p> + +<p> +„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber +durch wessen Schuld?“ +</p> + +<p> +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und ohne viel +Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“ +</p> + +<p> +Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“, +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des +Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen +Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl schwerlich +von sich haben schreiben lassen.“ +</p> + +<p> +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; und so +blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der +Vergangenheit. +</p> + +<p> +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen +alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben hingen, war mir +selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in dem Maler einen +tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich +freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher in +dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen +habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten +weder einen Namen noch ein Malerzeichen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der gute +Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf +dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte keine Veranlassung +mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich selbst schon in meiner +Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für den Sohn eines Verwandten ein +Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen +Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die +verhochdeutscht etwa lauten würde: +</p> + +<p class="poem"> +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,<br/> +Also sind auch die Menschenkind. +</p> + +<p> +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn ich +hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken +bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast unwillkürlich trat ich in das +Haus; und in der Tat, es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. +Die Stube ihrer alten „Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte +mir der freundliche Meister—, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, +habe seit Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast +dafür gewünscht. +</p> + +<p> +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich +niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit ihren +kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte +der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie +schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. +</p> + +<p> +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir dann +aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen, war +mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, +das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten +und stellte einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen +aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit +Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten. +</p> + +<p> +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich gemalt er +immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht; +aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt, der in seiner +kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen +Knaben kannte ich ja längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. +</p> + +<p> +„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt +wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung +innegehalten hatte. +</p> + +<p> +Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind noch +andre Siebensachen von ihm da.“ +</p> + +<p> +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf welcher +allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren. +</p> + +<p> +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der Deckel +zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter +mit sehr alten Schriftzügen. +</p> + +<p> +„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich. +</p> + +<p> +„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, +„so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte +Schriften; Wert steckt nicht darin.“ +</p> + +<p> +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen Schriften +hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich dem alten Bilde +gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, verließ der Meister das +Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch gleichwohl die freundliche Verheißung +zurücklassend, daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren +werde. +</p> + +<p> +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage Cantate war +es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt +zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die Straße durch den +maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her +flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, +so in den tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch +nicht überstiegen hatte. +</p> + +<p> +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand seinen +Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein theurer Meister van +der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet, war +ich aller Sorge quitt geworden; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf +Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: +mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen +fehlte nicht an meiner Hüfte. +</p> + +<p> +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, meinen +edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die +Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: „So segne +Gott deinen Eingang, mein Johannes!“ +</p> + +<p> +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige Herrlichkeit +genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten +und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er dem Hochseligen Herzog +Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen +Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger +Berather gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch +stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich +meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht allein +meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme +Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer +Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. +</p> + +<p> +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem +Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, derweilen +ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die Kriegsgreuel über +das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die gegen den kriegswüthigen +Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst +gehauset, ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; +aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder +Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, +hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und +manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine +grünen Spitzen trieb. +</p> + +<p> +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur Verlangen, +wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, daß er Gab und Gunst +an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte auch nicht an Strolche und +verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten +sollte. Wohl aber tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den +Junker Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler +Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches +Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz +auf dem Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen. +Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den +Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter Holstentreue nicht zu +reimen ist. +</p> + +<p> +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig +durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe nahe liegt. Wie +liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes; aber bald trat +ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden +Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte +ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz +hinaufführen. +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn alle +Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein umher, und vom +Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen. Und siehe, +dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der +alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen +Luft. +</p> + +<p> +„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich nachmals +fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens +beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war des edlen Herrn +Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig Geschwister. +</p> + +<p> +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten Mal die +ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein, die ihre +braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat +ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein +eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen +von tüchtigem Blei dazu gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren +genug bei dem Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich +zugesprungen. +</p> + +<p> +„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; +dort in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja +nicht schießen!“ +</p> + +<p> +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum auf +zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. „Der +Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden +Händlein in der Luft. +</p> + +<p> +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und +hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. „Der Buhz, +der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes, +schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch +immer und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß, +daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich +ein zwitschernd Vöglein in die Luft. +</p> + +<p> +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; in Wald +und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber mußte mir gar bald +ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, dessen Vater eine Stunde +davon auf seinem reichen Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, +mit dem Herr Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen +angewiesen; insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen. +Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die +ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen +zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern gewahrte, so +reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. „Johannes, der Buhz, der +Buhz!“ Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen oder rannten wohl +auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich in einem Bogen um die Felder +und danach wieder dicht an die Mauern des Gartens hinanzieht. +</p> + +<p> +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen uns zum +Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der Vortheil meist +in meinen Händen blieb. +</p> + +<p> +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt in die +Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, war Katharina +schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt in einem goldnen Netz +gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern hob, war oft ein spielend +Leuchten, das mich schier beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich +Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man im Hause nur „Bas’ +Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit +einer langen Tricotage neben ihr. +</p> + +<p> +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit beiden auf +und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit spitzenbesetztem +Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den Gang zu uns herauf; und +siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter Widersacher. Ich merkte +allsogleich, daß er noch immer bei seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch +daß insonders dem alten Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein +„Herr Baron“ auf alle Frag’ und Antwort; dabei lachte sie +höchst obligeant mit einer widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die +Luft; mich aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig +„Er“ oder kurzweg auch „Johannes“, worauf der Junker +dann seine runden Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich +herab, obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. +</p> + +<p> +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, sondern ging +sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort gebend; den kleinen +rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich +dachte: ,Getröste dich, Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in +die Luft‘ Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn +Gerhardus’ Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie +vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam +plötzlich Katharina wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den +Beeten und flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht +einem jungen Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort +war sie wieder, eh ich mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte +hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen Worten +war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es mir gerad ins +Herz geleuchtet. +</p> + +<p> +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte mir auf +einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam zu machen habe, +übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach dann lange mit mir, als +meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur +Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen +wollte. +</p> + +<p> +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß Katharina an +einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena gedenken, wie ich sie +jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön erschien mir der junge Nacken, den +das Mädchen eben über ihre Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr +gegenüber saß Bas’ Ursel und las laut aus einem französischen +Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. „Nun, +Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch +dem Fräulein gleich Seine Reverenze machen!“—Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, traten die +Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: +„Leb wohl, Johannes!“ Und so ging ich fort. +</p> + +<p> +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und Ranzen schon +für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den Eichbäumen auf die +Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich nicht recht fort, als hätt ich +einen Abschied noch zu Gute, und stand oft still und schaute hinter mich. Ich +war auch nicht den Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das +Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht +überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und +setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. +</p> + +<p> +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender +Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war sie +selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang über den +trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz +entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, +noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. „Ich—ich bin ihnen +fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in meine +Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir, Johannes! Und du sollst es +nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr Gesichtchen trübe; der kleine +schwellende Mund wollte noch was reden, aber da brach ein Thränenquell aus +ihren Augen, und wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. +Ich sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte +ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die +Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander faltete, da +war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein +Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des Abendrothes. „Damit +du nicht in Noth gerathest“, stund darauf geschrieben.—Da streckt +ich meine Arme in die leere Luft: „Ade, Katharina ade, +ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald +hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt. +</p> + +<p> +—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute +alles wiederfinden? +</p> + +<p> +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, hinter +deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses itzt verborgen +lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei +fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie +erhuben ein erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich +noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober +dem Thore eine rauhe, aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief +sie; „Tartar, Türk!“ Die Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die +Stiege herabkommen, und aus der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte +Dieterich. +</p> + +<p> +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde gewesen sei; +denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so lustigen Augen +blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr Johannes!“ +sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände. +</p> + +<p> +„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann +haltet Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?“ +</p> + +<p> +„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker +hergebracht.“ +</p> + +<p> +„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte. +</p> + +<p> +„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom +Krieg her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“ +</p> + +<p> +„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!“ +</p> + +<p> +Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab dergleichen +auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute Herr im Schloß wird +helfen, seine Hand ist offen.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder anknurreten, auf +den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den Weg. „Herr +Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! Euer +Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg kommen; aber +den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“ +</p> + +<p> +„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“ +</p> + +<p> +„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser +theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die +Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem Hofe; +aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“ +</p> + +<p> +Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“ +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. +</p> + +<p> +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine Kapelle, +die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort also sollte ich +Herrn Gerhardus suchen. +</p> + +<p> +Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den Hof, wo +niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus den +Lindenwipfeln. +</p> + +<p> +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen trat ich +ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen warf ihr +flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die Fremdheit des +Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern Lands Genosse sei. +Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über +den Rand des Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. +</p> + +<p> +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich zu mir +auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s +denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere +Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön +geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens mich +durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in +der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. +</p> + +<p> +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich in +der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu danken, ihm +manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich Wort zu hören. Laßt +mich denn nun die bald vergehenden Züge festzuhalten suchen.“ +</p> + +<p> +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir +hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem von den +Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz nachzubilden. Aber meine +Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor der Majestät des Todes. +</p> + +<p> +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für die des +Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach einem Fußtritt +oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch von einer andern +Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte. +</p> + +<p> +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen nach +dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen vorüber. Da erhub +sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des Vaters Antlitz unter meinem +Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in +demselben Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. +</p> + +<p> +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den Junker +Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und aufgedunsen schien. +</p> + +<p> +„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. +„Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“ +</p> + +<p> +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen kleinen Augen +an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm trat; +„es ist Johannes, Wulf“ +</p> + +<p> +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte nur mein +violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten Federbalg; man +wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“ +</p> + +<p> +„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf +den Hof hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das +,Herr‘ vor meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters +Sohn hat großes Recht an mir.“ +</p> + +<p> +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst +du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu der Lohn +für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“ +</p> + +<p> +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; da aber +der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen Edelmann +gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen hätte. +</p> + +<p> +„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben.“ +</p> + +<p> +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, gleich +einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete ruhig: +„Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker +Wulf?“ +</p> + +<p> +„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +„daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“ +</p> + +<p> +Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den Ton +oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei itzt kaum +die rechte Zeit. +</p> + +<p> +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir zuflog, +so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen will, so +hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre keine Schande +anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten +Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“ +</p> + +<p> +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge einen +Imbiß für mich richten lassen. +</p> + +<p> +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich +verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine +Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem Wort +hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr worden, die +dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, +sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie heulend ihm zu +Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“, rief er lachend, „zwo +tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder Flandrisch Tuch!“ +</p> + +<p> +„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl +enthalten—, „soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, +so möget Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!“ +</p> + +<p> +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal in seinen +Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur Johannes!“ +sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu streicheln. „Damit +jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier begonnen; denn—wer mir in +die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels Rachen!“ +</p> + +<p> +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch +aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem Thore +zu. +</p> + +<p> +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die unter dem +Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu dem Herrenhaus +emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die breiten Stufen in das +Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer +traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten +Ledertapeten, die Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den +Regalen, über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael—und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben daran +haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien +auch dies Gemach mir itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge +Lenz durchs Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie +erfüllet. +</p> + +<p> +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich mich +umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich sah, wie unter +den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre Brust in ungestümer +Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier ist itzt +niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen Hunde?“ +</p> + +<p> +„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in +Eueres Vaters Haus?“ +</p> + +<p> +„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, +nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du +sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann, +Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“ +</p> + +<p> +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich vor der +Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte zu. Da lösete +sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir saßen neben einander und +sprachen lange zu des Entschlafenen Gedächtniß. +</p> + +<p> +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem alten +Fräulein nach. +</p> + +<p> +„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie +begrüßen? Ja, die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich.“ +</p> + +<p> +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den Beeten +vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde brachen. Bas’ +Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie ein schwindend +Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor +sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der Herr Baron—nach seines +Vaters Ableben war er solches itzund wirklich—ihr aus Lübeck zur +Verehrung mitgebracht. +</p> + +<p> +„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder +da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu +très-compliqué!“ +</p> + +<p> +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +„Ei“, meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß +Er denn nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das +Thor trat, wußte ich es nicht.“ +</p> + +<p> +„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich +gehöret Er ja auch nicht zur Dienerschaft.“ +</p> + +<p> +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich jeder +Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der alten Dame die +Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem Thürmchen, das draußen +an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem Fenster hingesponnen und wiegete +seine grünen Ranken vor den Scheiben. +</p> + +<p> +Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die +itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den Schlaf +nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das Gesinde sei von +hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber passire eben nichts, +als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. +</p> + +<p> +—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es +sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten +Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner Tragkist, +und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm erzählen. Er rauchte +dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in +Gang gekommen war, und holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie +durch die fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht +und er erst nicht hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab +und schauete mich an. +</p> + +<p> +„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam +schad, daß Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da +drüben!“ +</p> + +<p> +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit seiner +harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr Johannes; +’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, wo uns der +Herrgott hingesetzet.“ +</p> + +<p> +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete aber nur, +was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden. +</p> + +<p> +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen Pfeiflein, als ob +das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s wissen, Herr +Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern Junkern, +die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den Häusern schießen; +Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so +gut zu spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin den +Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen +aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt +der Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und fror +Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, +im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!—Wollet Ihr mehr +noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm freuen sich die Bauern, wenn +der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und dennoch—aber nach +seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat +schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt.“ +</p> + +<p> +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit seinem +Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß +gemacht. +</p> + +<p> +—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, wo +ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es sich ziemete, +in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber wandte ich zunächst in +meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen +Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem Kamin ein Platz +zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist +ernst und sicher blickende Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl +vertrauen konnte; er selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh +verstorbene Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in seiner +kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die Züge meines +edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem Maßstabe und nur mir selber +zum Genügen; doch hat es später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das +noch itzt hier in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines +Alters ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. +</p> + +<p> +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den schönen +Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern wieder: des +Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber war hier der harte +Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das mußte tiefer aus der +Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging ich die Reih der älteren +Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im +schwarzen, von den Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich +schon als Knabe, als ob’s mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt +und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen +Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich +vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: ,Hier, diese +ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und drüber +rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der Geschlechter fort; dann, +längst vergessen, taucht es plötzlich wieder auf, den Lebenden zum Unheil. +Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes +nachgeborenem Sprößling soll ich Katharinen schützen.‘ Und wieder trat +ich vor die beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. +</p> + +<p> +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die Sonnenstäublein +spielten, unter den Schatten der Gewesenen. +</p> + +<p> +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den Junker +Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen Tönen +redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir oft der Bissen +im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern +es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten +zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, +entfernte sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; +hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes +Maß, überdem wider allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet +wurden. +</p> + +<p> +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, geschahe +die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des Dorfes, allwo das +Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen seiner Voreltern ruhen, +mit denen der Höchste ihnen dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! +</p> + +<p> +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus der Stadt +und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber fast wenige und auch +diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der Letzte seines Stammes war und +des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch +geschahe, daß in der Kürze alle wieder abgezogen sind. +</p> + +<p> +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, wozu ich +droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen Fenster mir schon +den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die wegen ihrer Gicht die +Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben +oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich +aber, solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht +nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des +Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe +Dieterichs mir selber in den letzten Tagen angefertigt. +</p> + +<p> +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete sich die +Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein. Aus was für +Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns dießmal fast +erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht +abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. +</p> + +<p> +„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß +malen; duldet Ihr’s auch gern?“ +</p> + +<p> +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise: +„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“ +</p> + +<p> +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina! +Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir +nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich weiß es +schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“ +</p> + +<p> +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch, +Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das thut +dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn ich bin kein +Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, Johannes—ich habe einen +Blutsfreund—, hilf mir wider den!“ +</p> + +<p> +„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“ +</p> + +<p> +—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er +mich zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den +schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab ich’s +ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber ich weiß, auch +das wird er nicht halten.“ +</p> + +<p> +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen +Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht anzugehen sei. +</p> + +<p> +Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben +habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch erfahren habe +ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, die selbst das Ohr des +Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der +Welt; aber der gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket.“ +</p> + +<p> +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und ich +begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu ruhiger +Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, nach Hamburg +mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, so stelleten wir +fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft +ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker mußte es +schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; gleichwohl—hieß nun sein +Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder glaubte er mit seiner ersten Drohung +mich genug geschrecket—, was ich besorget, traf nicht ein; Katharina und +ich waren am ersten wie an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar +trat er ein und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an +seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem +Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen +fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht +gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne Worte, +meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr vermummt und nicht +vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken habe wallen lassen; +wie es ein Engelländischer Poet so trefflich ausgedrücket, „rückwärts den +Winden leichte Küsse werfend.“ Katharina aber, die bisher geschwiegen, +wies auf Herrn Gerhardus’ Bild und sagte: „Ihr wisset wohl nicht +mehr, daß das mein Vater war!“ +</p> + +<p> +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; meine +Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur gleich einer +Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. Von letzterem begann +er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht +mehr Antwort gab, so nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. +</p> + +<p> +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick gleich +einer Messerspitze nach mir zücken. +</p> + +<p> +—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit +rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der Roggen +in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die Rosen auf; wir +beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir hätten itzund +die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit +einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte ich +kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr erzählte und wie +ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner Pfennig mich in Krankheit einst +vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie +ich später dann gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem +Leihhaus mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir +schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, +als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann fassen, +so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die +Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie +nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.—Und +endlich war’s doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen sollte +ich meine Reise antreten. +</p> + +<p> +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch einmal mir +gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir sprachen ernst und +sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie und da den Pinsel an, +mitunter meine Blicke auf die schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, +deren ich in Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. +</p> + +<p> +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, das mir +zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf +mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. +</p> + +<p> +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast +erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“ +</p> + +<p> +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina? Diese +Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“ +</p> + +<p> +„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar +bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin eines +früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier gehauset.“ +</p> + +<p> +„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; +„dies Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“ +</p> + +<p> +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, +sagte sie, „sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals +zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus +dem Boden.“ +</p> + +<p> +„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich noch +immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie erst hier an +den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf verschwinden.“ +</p> + +<p> +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des Bildes. +„Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“ +</p> + +<p> +„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich +fast verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“ +</p> + +<p> +—„War es denn ein gar so übler Mann?“ +</p> + +<p> +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth +bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und +leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es +heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“ +</p> + +<p> +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten Blicken; +wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr Herz geleget, so +wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen. +</p> + +<p> +So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen; +wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“ +</p> + +<p> +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war kein +Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen. +„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch +dich verflucht?“ +</p> + +<p> +Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt +an meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die +kalt und feindlich auf uns niederschauete. +</p> + +<p> +Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig die +Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder an unsern +Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte, öffnete sich +die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an +ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte sie, „Er will +nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein +Werk besehen!“ +</p> + +<p> +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die +allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und Trübsal +bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang noch nicht +gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar stolz empor mit ihrem +runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: „Hat denn das Fräulein +Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde sitzet?“ +</p> + +<p> +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß die +Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen oder Wangen +ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen spähend hin und +wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie dann mit ihrer +höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange +Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“ +</p> + +<p> +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei noch hie +und da zu schaffen. +</p> + +<p> +„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!— +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“ +</p> + +<p> +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod mir +entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die braunen +Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf einem +Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus dem Thorweg; als +ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers Hunden herfür und fuhr +meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle +war; aber der oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter +Zeit in Hamburg an. +</p> + +<p> +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen Schnitzer, +so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur zusammenzustellen und +in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. Wurden also handelseinig, und +versprach der Meister, mir das alles wohl verpacket nachzusenden. +</p> + +<p> +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles zu +beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker silberner +Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet wird, und ohne den +gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in +Hamburg sei gewesen; sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen +Krallen und Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die +türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei +Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, von +Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei +einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen +Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. +</p> + +<p> +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte bei der +hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich erkannte in ihrer +stattlichen Person allsogleich die Schwester meines theueren seligen Herrn +Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die +Züge des Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, selbst +nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu +bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem +Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man +mich gar wohl bewirthete. +</p> + +<p> +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete ich, +obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, noch gegen +Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben, das die alte +Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem +Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die +aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. +</p> + +<p> +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub sich der +Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; in Luft und Laub +schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem +schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des Schwanes in +seiner unberührten Herrlichkeit. +</p> + +<p> +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, welches +seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn ich gedachte, daß +der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen habe; mit dem solle er morgen +einen Boten in die Stadt schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; +ich aber wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen. +</p> + +<p> +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den grünlichen +Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich hier umflogen. Und +schon ragete groß und finster die Kirche vor mir auf, in deren Mauern Herr +Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer +ausholete, und von der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber +sie schlafen alle‘, sprach ich bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen +oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch +unter den niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So +ritt ich weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens +Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf den Weg +hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir entgegen. +</p> + +<p> +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und brachte +meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, war es gedrang +voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie +ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch +bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald +begegnet wäre.—Aber nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier +sich zu vergnügen; bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen +saßen, stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen +Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien ihm +nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den Händen, warf +eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß sie ihm den +neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die Musikanten ihm gar +rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach +Platz und schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor dem Geier. +</p> + +<p> +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth zu +reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten Ottsen neben +sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm +seinen Zins zu steigern, und schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete +Mann gar jämmerlich um Gnad und Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr +worden, ließ er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber +antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in +der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein leichtlich +möge holen lassen. +</p> + +<p> +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der Risch +hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk zu schaffen. +Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn +am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl hernieder. +</p> + +<p> +„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen +Dirnen! Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar +hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams +hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et +valet!“ +</p> + +<p> +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur +wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der +Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der Risch +schlug nach einander jede Karte fehl. +</p> + +<p> +„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: +</p> + +<p class="poem"> +„Glück in der Lieb<br/> +Und Glück im Spiel,<br/> +Bedenk, für einen<br/> +Ist’s zu viel! +</p> + +<p> +Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie +auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“ +</p> + +<p> +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von +Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah gar +grimmig auf mich her. +</p> + +<p> +„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf +vergnüglich, als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; +„aber getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“ +</p> + +<p> +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem Spürhund bei +der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel sich +bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch in Preetz! Im +Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“ +</p> + +<p> +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit dem Brief +verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf lagen auf mir; und +war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz Geheimniß offen vor +sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen die Karten klatschend auf +den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei meiner Base! Du +treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?“ +</p> + +<p> +„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch +genug sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht +da; fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich +vorhin den Gaul zu Stalle brachte. +</p> + +<p> +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm +das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine saubere +Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“ +</p> + +<p> +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der Risch an +meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich fühlte wohl, daß +ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr über würde; da aber fügete +es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide Handgelenke packte und er also wie +gefesselt vor mir stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten +lassen; als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß +er’s mit seinem Todfeind vor sich habe. +</p> + +<p> +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem Stuhl +empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte aber zu viel des +Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen Platz zurück. Da schrie er, +so laut seine lallende Zunge es noch vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo +steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, +so ich vorhin auf der Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die +nackte Kehle springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu +Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich schmetternd +hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie. +</p> + +<p> +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu gehen, +sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem Walde zu. Da +ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem Herrenhofe +einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war +die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das Täschlein +sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich +gedachte den Rest der Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber +mit dem alten Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich +wohl sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei. +</p> + +<p> +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang wohl +die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir gewonnen haben: +von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem +Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern +die Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin richtete +ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den +Hecken des Herrengartens ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, +und daß ich bis zum Hofe nicht gar weit mehr hatte. +</p> + +<p> +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus dem Dunkel +drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das jählings näher kam und +mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen +durch das Unterholz; sie hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich +deutlich hinter mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub +des Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der +Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste +schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; +die Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor +meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. „Sieh +dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen; +„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor geschrieben +stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier vergäßest.“ +</p> + +<p> +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn nun war +ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde des Junker Wulf +gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige aber war, wie ich noch +tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier +hinüber konnte; und rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten +Hecken und drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer +scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem +Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den +mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem +Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der +Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. +</p> + +<p> +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben schwächere +Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um mich, ob ich nicht +irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war nichts zu sehen als die +dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in solcher Noth, hörete ich ober +mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme scholl zu mir herab—möchte ich +sie wieder hören, wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem +Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie; leis, doch deutlich hörete +ich meinen Namen, und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, +indeß die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.—„Katharina! Bist du es wirklich, +Katharina?“ +</p> + +<p> +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen das offene +Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in die Tiefe starrten. +</p> + +<p> +„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da +schwang ich mich in ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und +hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über +dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die +Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich +stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein +eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit. +Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr: „Katharina, +liebe Katharina, träumet Ihr denn?“ +</p> + +<p> +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast, +Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“ +</p> + +<p> +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr sie +erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist +das mit den Hunden?“ +</p> + +<p> +„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub +ich, es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die +Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus +meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge drunten mit +den Junkern sei in Streit gerathen. +</p> + +<p> +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann schaute sie +mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns morgen in dem +Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch zuvor erkunden, auf +welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet +sei. +</p> + +<p> +„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das +einer Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich +der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“ +</p> + +<p> +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du, +Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet, +griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist +der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“ +</p> + +<p> +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir umfingen +uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was +vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich bin kein +Edelmann und darf nicht um dich werben.“ +</p> + +<p> +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie Schelmerei aus +ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du seiest auch +das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des meinen—das +gilt der Welt wohl nicht!“ +</p> + +<p> +„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, +dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle von +Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu +überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein Meister van der Helst +und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; +dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere +wüsten Junker!“ +</p> + +<p> +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich und sagte +leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich doch dein Weib +auch werden müssen.“ +</p> + +<p> +—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern +goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien +furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter Mann, lag +nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß. +</p> + +<p> +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings stille, und da +es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild davon rennen. +</p> + +<p> +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem stille +stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann zugeschlagen und dann +ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte Katharina leise; +„er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald hörten +wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel drehen und +danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine +Kammer hatte. Dann wurde alles still. +</p> + +<p> +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war es mit +einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf zurückgelehnt; nur unser +beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich nun gehen, +Katharina?“ sprach ich endlich. +</p> + +<p> +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging nicht. +</p> + +<p> +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und +von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um die Hecken fließt.— +</p> + +<p> +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne +heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen Menschenherzen zu +verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der Mondschein war am Himmel +ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten +überm Walde spielete die Nacht in stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern? +</p> + +<p> +—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne krähten, +und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, die mich nicht +lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen dämmerte und rothen +Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie +von Todesangst geschreckt, mich fort. +</p> + +<p> +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das Gesind zu +Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns treffen; und +dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich im +Garten, unten in der kühlen Morgenluft. +</p> + +<p> +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, schaute +ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. Nahezu +erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick aus dem +Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme streiften; denn +mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie +drohete nach mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über +meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden +Urahne; redete mir dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten +Sinne, die solch Spiel mir vorgegaukelt hätten. +</p> + +<p> +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, merkete +aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; sank auch der eine +Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was hinunterziehen wollte. +,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch nach dir!‘ Machte +mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald hinab. +</p> + +<p> +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; hier um +mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne sich nicht lösen +mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom Waldesrande in das offene +Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im +silbergrauen Thau, und über mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da +schüttelte ich all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast +ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als nur +das ihre!‘ +</p> + +<p> +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn Katharina im +Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück nach Holland ginge, +mich dort der Freundeshülf versicherte und allsobald zurückkäm, um sie +nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der alten Base Herz erweichet; und +schlimmsten Falles—es mußte auch gehen ohne das! +</p> + +<p> +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des grünen +Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom Rathhausthurme +Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl hervorbrechen und mich +und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem +kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; +und kräftiger und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. +</p> + +<p> +—Es ist doch anders kommen. +</p> + +<p> +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und trat hier +in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings hatte flüchten +müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der Tenne +mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen +Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder eintrat, +flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde raseten an der +Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“ +</p> + +<p> +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl begriffen +habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch und ich, wir +haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s denn gestern +noch so einen Nachschmack geben.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt +heut auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen +Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“ +</p> + +<p> +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und +Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen holete, +auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. +</p> + +<p> +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, daß er +den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als er mir solches +zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle +auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die +Gartenhecken ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu +verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht +mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog +also meinen Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, +woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann +in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. +</p> + +<p> +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum Gruß ein +zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die Lichtung auf, wo wir +uns finden wollten, und streckte mich nebenan im Schatten einer dichten Buche, +sehnlich verlangend, daß die Zeit vergehe. +</p> + +<p> +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von einem +fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem Hofe sei. Die +Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit +die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns +hier bei unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein +seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre +zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen +Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, im +nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. +</p> + +<p> +Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es war +schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging umher, ich +stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die Bäume; die Angst kroch +mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur +oben in den Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. +</p> + +<p> +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem Hofe zu. +Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir Dieterich. +„Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr +seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte mir Euren +Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“ +</p> + +<p> +„Warum fragst du, Dieterich?“ +</p> + +<p> +—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch +verhüten möcht.“ +</p> + +<p> +„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. +</p> + +<p> +„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete +der Alte. „Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer +Stund mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an +den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre +Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht +beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein einzig +Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und jammerte +ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, +bald hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.—Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket wohl auf, +hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit drohete, dem Junker was vor +Augen; und da ich näher hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie +Ihr’s da an Euerem Mantel traget.“ +</p> + +<p> +„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. +</p> + +<p> +„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der +Junker wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die +Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“ +</p> + +<p> +Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“ +</p> + +<p> +—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr +Johannes?“ +</p> + +<p> +„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“ +</p> + +<p> +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht, +Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was +geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“ +</p> + +<p> +„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. +</p> + +<p> +Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, +„das weiß nur unser Herrgott!“ +</p> + +<p> +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in seinem +Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte. +</p> + +<p> +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst betreten. Statt +wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier vielerlei Gewaffen, +Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; +sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und +mit seinen ganzen Sinnen hier verweile. +</p> + +<p> +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des Junkers +„Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir +wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß er +hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme. +„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn’s nicht schon sein Gespenste ist!“ +</p> + +<p> +„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, „es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere +Kammer fahren!“ +</p> + +<p> +—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“ +</p> + +<p> +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem Sprunge lag, +so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. Jedennoch sprach ich: +„Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr Junker!“ +</p> + +<p> +Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich +auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam +waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar +Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete +mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen +gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, +den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich +reut’s nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit +nachgelassen!“ +</p> + +<p> +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, so dachte +ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es +ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann in +meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren gleichzuthun; so +bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester Katharina mir zum +Ehgemahl—“ +</p> + +<p> +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten mich die +Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in das Ohr, ein +Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir der Degen, den +ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren Sonnenschein auf +einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, mit matten Blicken nach dem +Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. +Meine thörichten Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben +Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich keine Kunde. +</p> + +<p> +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des Junkers +Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe und einem mir +unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers niemand zu mir +gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust erhalten, darüber hat +mich niemand befragt, und ich habe niemandem Kunde gegeben; des Herzogs +Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, +konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; +noch glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. +</p> + +<p> +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des Junkers +Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn für Katharinens +Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es sei ein Theil von deren +Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu +einem traulichen Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte +es mir nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der +Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in +Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, daß +er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und daß +ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen dächte, was +alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete. +</p> + +<p> +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen den +Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten Blätter von den +Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete auch schon nach kurzer +Frist wohlbehalten in der holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen +Freunden gar liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, +durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst +beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht +genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur +auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn dafür +versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, daß dann genug +des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel +Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen einzufahren. +</p> + +<p> +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, mit allem +Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise gar fröhlich nah +und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen Anständen ich drüben noch +zu kämpfen hätte. +</p> + +<p> +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als nun +das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen mir zu Theil +geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der Arbeit meiner Schwäche +nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf mich wiederum danieder. Eben +wurden zum Weihnachtsfeste auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden +aufgeschlagen, da begann mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal +gefesselt. Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte +von ihr, keine zu ihr kommen. +</p> + +<p> +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen Wellen +schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des frohen Muthes +nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging die Reise rasch und +gut von Statten. +</p> + +<p> +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun fast einem +Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem noch kaum die +ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken und die Ammern ihren +Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich ging aber nicht nach +Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein Herz auch klopfete, +ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund +ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. +</p> + +<p> +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht munter. +„Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht +wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“ +</p> + +<p> +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier allgemein +verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten Dieterich. +</p> + +<p> +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es so +starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden Todes +verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er +zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“ +</p> + +<p> +„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“ +</p> + +<p> +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von +Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich sprach +beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“ +</p> + +<p> +„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, +die ihn schon zu Richte setzen wird.“ +</p> + +<p> +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß er +nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen nannte, so +war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der Nachbarschaft; forschete +also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn Gerhardus’ Haus bestellet +sei, und wie das Fräulein und der Junker mit einander hauseten. +</p> + +<p> +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet +wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch +plaudern könnten!“ +</p> + +<p> +„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir +centnerschwer aufs Herz. +</p> + +<p> +„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten +wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; nur +wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf wird, +denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“ +</p> + +<p> +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; dann +aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich, +„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib +geworden?“ +</p> + +<p> +„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es +geht die Rede so! Auf alle Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß +nicht mehr gesehen worden.“ +</p> + +<p> +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse nichts +von alledem. +</p> + +<p> +Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es +sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer +Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das +Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so durch +die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der Treppe haben +gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus +fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’ Ursel und der +Junker in dem Schloß gewesen. +</p> + +<p> +—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht hier +verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon Hans Ottsen +mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf nach dem Stifte zu +Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte mich nicht vor sich +lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer +bei ihr gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich also, +daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein Bittender vor meinen +alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das +Vöglein sich geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er +keinen Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe. +</p> + +<p> +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans Ottsens +Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, er würde mich +noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in den Wald +gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn gelauert; die Eisen +sind von der Scheide bloß geworden; wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm +wund gehauen und sein Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit +seinen bösen Augen an; gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu +längerem Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. +</p> + +<p> +Es ist alles doch umsonst gewesen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt dein +Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner Schwester sel. +Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise dem Walde +vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist. Aber das alles +gehört ja der Vergangenheit. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der Schreiber ein +fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner Freundschaft an frischer +Gegenwart sein Herz erquickt habe. +</p> + +<p> +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht zweifeln, +der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener tote Knabe, den +ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm gebettet hatte?—Sinnend +nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges +unsicherer erschienen. Es lautete wie folgt: +</p> + +<p class="poem"> +Geliek as Rook un Stoof verswindt,<br/> +Also sind ock de Minschenkind. +</p> + +<p> +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims eines +alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine Augen dahin +wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange +mein Begleiter blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute gleicherweise ob +der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der +vorübergeht, an die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er +eine Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben Schwester Sohn, +der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem kleinen Erdengute dann +auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, +aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe anvertrauen mögen. +</p> + +<p> +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; maßen von +einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden, die Auferweckung +Lazari zu malen, welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß +ihres Seligen, der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo +es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen +ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in +Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet, +so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament +aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das +Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann +lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an +der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem es durch meines lieben +Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt als alter Mann noch lebe und der +Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. +</p> + +<p> +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet; es +war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam alles gemacht und +gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die gute Frau selber gar zu +gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch +zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines +Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie +mit viel überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres +Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht +bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im +Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben mag, dem +unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen. Als dann von der +Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf +den Schank geklopfet, und sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die +Hand mit dem Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, +da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da +in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also +rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine +gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren, +daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht +hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie +in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der +Ewigkeit entgegentreten! +</p> + +<p> +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf meine +Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den +Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab aber groß Gewühl +dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles +voll von Wagen und Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, +daß Gast mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen +zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen +von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die +hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben +Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, +zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; +aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war es +keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend Leid kam immer +gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich +gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden +Markte; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen +ein paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen +schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der +du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele +sie zu suchen?— +</p> + +<p> +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen +nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen hageren Mann in der +üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein herrisch und finster Antlitz mit +dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem +Kriegsmann angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und +Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er +selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt. +</p> + +<p> +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab und lud +den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich ihn genöthigt, +mich gar genau und aufmerksam betrachtete. +</p> + +<p> +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr ich +bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß in die +Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst um die Gemeine +dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er +doch seines Alters halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster +aber meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal +einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was +Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei +Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, +ich verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit +wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere +sich nicht eben viel darum. +</p> + +<p> +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf eine +Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen eingetretenen +Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher +nachzufragen. +</p> + +<p> +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, so daß +ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie sie im +Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen Dirnen +abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in +der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur mit dem +Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines +Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht befindlich sei. +</p> + +<p> +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor schon +fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls ausbedungen; item, es sei +dazu die Schulstube in seiner Küsterei erwählet; selbige sei das zweite Haus im +Dorfe und liege nahe am Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon +geschieden, so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket. +</p> + +<p> +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des Bildes +fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich bedurfte, schon +Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert werden. +</p> + +<p> +Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein +Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, so die +ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich bekäme da +einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und +möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei +der Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als +welcher er’s fast wilder denn die Offiziers getrieben haben solle; sei +übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar +meisterlich zu packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei +desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben +solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus +habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. +</p> + +<hr /> + +<p> +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die Heide +schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr rothes Kleid und +ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft ihren ganzen +Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war weithin nichts zu +ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte—wie ich +bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern auferbauet—, stieg immer +höher vor mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und +Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will +freien Weg zu fahren haben. +</p> + +<p> +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei gefunden +hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze Schul entgegen; der +Küster aber hieß an seiner Hausthür mich willkommen. „Merket Ihr wohl, +wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte er. „Der eine Bengel +hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“ +</p> + +<p> +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich denselbigen +Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf seine finstere +Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das war ein schöner blasser +Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das Kind mochte etwan vier Jahre +zählen und sahe fast winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. +</p> + +<p> +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen wir +mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach den anderen +Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den nicht gar fernen +Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten +waren überströmet, und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, +wie oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern Seite +diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der Küster auf die +Wasserfläche, so dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat +einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es +gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches +ward ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder in +die Ewigkeit hinaus.“ +</p> + +<p> +Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den Pastor +wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘ +</p> + +<p> +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen Nacken +mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange an das schwarze +bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz vor der ihn schreckenden +Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen ausgebreitet lag. +</p> + +<p> +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir die +alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines guten Pinsels +werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben Pfennigmalerei, und sollte +demnach der Schüler van der Helsts hier in gar sondere Gesellschaft kommen. +</p> + +<p> +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte Stimme des +Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der Schein des +Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich habe der Gemeine +Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet es kurz; ich habe +besseren Gebrauch für meine Zeit.“ +</p> + +<p> +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für meine +Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich einem +geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war gerühmet +worden. +</p> + +<p> +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da kommet +ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der +Kirche schaffen ließ.“ +</p> + +<p> +Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter +nicht in Euerer Kirche dulden?“ +</p> + +<p> +„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind +nicht überliefert worden.“ +</p> + +<p> +—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn +zu suchen?“ +</p> + +<p> +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den Kleinen +nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben Kopfes +Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die holländischen +Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um durch das +Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? Haben nicht noch +letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr +Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch +von Haus zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der Sinnenlust +und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“ +</p> + +<p> +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag liebkosend auf +dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie schmiegte. +</p> + +<p> +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, daß wir +in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst an ihrem +Widersacher selber zu erproben anhub. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach dem +Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf Geredet wurde +wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren Fortgang. Gemeiniglich +saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus +Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin +vor Jahren die ersten Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn +auch mit Gottes Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.— +</p> + +<p> +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige auch nicht; +der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er stand an seinen Knien, +oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke des Zimmers. Da ich selbigen +einmal fragte, wie er heiße, antwortete er: +„Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so +heiße ich ja auch!“—Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. +</p> + +<p> +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete +mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der Leinewand +ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen +Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein +Kind, das unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten Manne, der +es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine +Frau mag dieses Knaben Mutter sein?‘— +</p> + +<p> +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau befraget; aber +sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man nicht; in die +Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit ist.“—Der +Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der Küsterei, welcher in +eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam +über die Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den Rücken +zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, +und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von +den Vornehmeren getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das +Bild ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. +</p> + +<p> +—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit an +meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese Bilder mit +einander nahezu vollendet waren. +</p> + +<p> +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder unten in +unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast herabgebrannt, +und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am +Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, +die wir mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen +lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun +seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung +entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that +uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in +das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. +</p> + +<p> +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln Strome +trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und Unrast +fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es mir +jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es waren ja ihre +Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann, wenn sie es war, +wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare Gedanken stürmten +auf mich ein! +</p> + +<p> +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit der +andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt ein heller +Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie +gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die kommen von +des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie +gleichwohl hin und wider stolpern.“ +</p> + +<p> +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von der +Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die zwei +gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers Meisterstück +erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer glühten. Als aber dann die +Gesellschaft an unserem Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete +ich einen unter ihnen sagen: „Ei freilich; das hat der Teufel uns +verpurret! Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!“ +</p> + +<p> +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die Stadt lag +wieder still und dunkel. +</p> + +<p> +„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich +tröstet.“ +</p> + +<p> +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein grausam +Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen einbekannten +Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt werden, am heutigen Morgen +vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte +gleichwohl sein peinlich Recht geschehen. +</p> + +<p> +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte doch auch +die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der Kirche den grünen +Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der Zeitung bei ihr +eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, so sie im voraus +darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die +Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott—denn der war es doch wohl gewesen—das arme junge Mensch so +gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. +</p> + +<p> +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der Pflichten +seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der Rathhaustreppe das +Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten Leichnam davor aufgefahren, +und hernach auch der Justification selber zu assistiren. „Es schneidet +mir schon itzund in das Herz“, sagte er, „das greuelhafte Gejohle, +wenn sie mit dem Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre +Buben und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner +Statt“, fügete er bei, „der du ein freier Vogel bist, würde ich +aufs Dorf hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!“ +</p> + +<p> +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst wieder +hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er die Ungeduld in +meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles sich erfüllen mußte, was +ich getreulich in diesen Blättern niederschreiben werde. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem Lager +aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die Bäcker, vieler +Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an +dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte +Einer bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, +eilends zur Stadt hinaus. +</p> + +<p> +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei der +Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen Holzstoß +aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und mochten das der +Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff zwischen die Hölzer +thaten; von der Stadt her aber kamen schon die ersten Buben über die Felder +ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, +und da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im +ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da +mußte ich meine Hände falten: +</p> + +<p class="poem"> +„O Herr, mein Gott und Christ,<br/> +Sei gnädig mit uns allen,<br/> +Die wir in Sünd gefallen,<br/> +Der du die Liebe bist!“— +</p> + +<p> +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte, +begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen und Dirnen +an den Händen und zogen sie mit sich fort. +</p> + +<p> +„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; +„es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“ +</p> + +<p> +Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge +Satansmensch, verbrennen sehen. +</p> + +<p> +—„Aber die Hexe ist ja todt!“ +</p> + +<p> +„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist +unserer Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können +wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb +nehmen.“— +</p> + +<p> +—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon +Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen voll +geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der +Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der Einsamkeit; +und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach +der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide +liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder etwan +nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten +hart am Strande liegt; aber vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, +wie eine rasende Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne +schlugen an einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz +gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich wollte +nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der Stadt +fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu. +</p> + +<p> +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des Küsterhauses. +Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; dann hub ich mit der +Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, +kam des Küsters alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. +</p> + +<p> +„Wo ist der Küster?“ fragte ich. +</p> + +<p> +—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“ +</p> + +<p> +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin +geschlagen. +</p> + +<p> +„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie. +</p> + +<p> +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule, +Trienke?“ +</p> + +<p> +—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“ +</p> + +<p> +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein Malergeräthe und +das fast vollendete Bildniß aus des Küsters Schlafkammer und richtete, wie +gewöhnlich, meine Staffelei in dem leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an +der Gewandung; aber ich suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte +keinen Sinn zum Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. +</p> + +<p> +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über Bauern- +und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete es, sie wieder +einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt oder jung, und auch, +woher sie gekommen sei; allein ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. +Dagegen begann die Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft +hier im Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; +erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh +gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe +aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem Falle; denn +sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und +schwächliche Kreatur. +</p> + +<p> +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause und auf +dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die Dorfstraße +liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den weißen Fenstern, +konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts gewahren als ein paar +Blumenscherben, wie sie überall zu sehen sind.—Ich hätte nun wohl +umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, +trug von der Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie +lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort +gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben +hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem Wurme?—Wir +sehen nicht, wie seine Wege führen! +</p> + +<p> +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; ich weiß +nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne fast zur +Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich ging aber nicht in +das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder +zum Hause hinaus.— +</p> + +<p> +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage meine Augen +es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von der anderen +Seite, trat es als ein breiter Streifen in die Priesterkoppel; inmitten +zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter Weidenbüsche, welche zur +Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd +mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. +</p> + +<p> +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu zwingender +Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, hörete ich von der +Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem Klang, und wie sie liebreich +einem Kinde zusprach. +</p> + +<p> +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der griechische +Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen haben. Schon war ich +am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die +Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, +wie es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden +gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. +Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du +einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder +wächst genug!“ +</p> + +<p> +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst schon +nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt sie zu mir +her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir war, als gliche sie +nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den +„Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses +Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. +</p> + +<p> +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete sie +nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch ihre Hände +pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust sinken, und es war, +als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. +</p> + +<p> +Da rief ich leise: „Katharina!“ +</p> + +<p> +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer +Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie endlich also +nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr stund, da sahen ihre Augen +weg von mir, und mit fast einer fremden Stimme sagte sie: „Es ist nun +einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur +nicht, daß du heute kommen würdest.“ +</p> + +<p> +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du +des Predigers Eheweib?“ +</p> + +<p> +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das Amt +dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen +Namen.“ +</p> + +<p> +—„Mein Kind, Katharina?“ +</p> + +<p> +„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen; +einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“ +</p> + +<p> +—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh +zerfleischen!—„Und du, du und mein Kind, ihr solltet mir verloren +sein!“ +</p> + +<p> +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich. +</p> + +<p> +„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine +wilde Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. +</p> + +<p> +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine Stirn +gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz sahen mich flehend +an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht sein, der +mich noch elender machen will.“ +</p> + +<p> +—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“ +</p> + +<p> +„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das +Kind;—was ist denn mehr noch zu verlangen?“ +</p> + +<p> +—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er +davon?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum +Weibe: mehr nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— +„Das Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm +ein Leids geschehen!“ +</p> + +<p> +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib +doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose.“ +</p> + +<p> +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die goldene +Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam von der See +herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das Stimmlein unseres +Kindes singen: +</p> + +<p class="poem"> +„Zwei Englein, die mich decken,<br/> +Zwei Englein, die mich strecken,<br/> +Und zweie, so mich weisen<br/> +In das himmlische Paradeisen.“ +</p> + +<p> +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft mich +an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf +Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“ +</p> + +<p> +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; doch sie +wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes Weib; vergiß +das nicht.“ +</p> + +<p> +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und +wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du +sein geworden?“ +</p> + +<p> +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr +Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“ +</p> + +<p> +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, ich hielt +sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich wieder! Und ihre Augen +sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen duldeten die meinen; wir +umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit +einander hätten sterben können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf +ihrem Antlitz weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: +„Es ist ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese +Stunde!“ +</p> + +<p> +—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus +dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam von drüben +aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es: +„Katharina!“ +</p> + +<p> +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie mich an; +dann stille wie ein Schatten war sie fort. +</p> + +<p> +—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er +begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden. +„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret +Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre +Weiber in die Stadt getrieben.“ +</p> + +<p> +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt die +Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. +</p> + +<p> +„Was war das, Küster?“ rief ich. +</p> + +<p> +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah nichts +weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“ +</p> + +<p> +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ +rief sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!“ +</p> + +<p> +—„Was soll das heißen, Trienke?“ +</p> + +<p> +„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem +Wasser ziehen.“ +</p> + +<p> +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die Priesterkoppel; aber +unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser und Spuren feuchten Schlammes +daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich nicht, es war ganz wie von +selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich +eben ins Haus wollte, trat er selber mir entgegen. +</p> + +<p> +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, und das +schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte er. +</p> + +<p> +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn +eigentlich? +</p> + +<p> +„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles +ausgeredet.“ +</p> + +<p> +Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich. +</p> + +<p> +Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“ +</p> + +<p> +—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“ +</p> + +<p> +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich zurück. +„Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu +Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen +Seligkeit!“ +</p> + +<p> +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des +Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ +sprach er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in +seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch +ist Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder +Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet darauf des +todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der Kirchen hier, wo er +sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es +dort die Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!“ +</p> + +<p> +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein Buhlweib mit +der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so geschehen möge. +</p> + +<p> +—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und +Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied um Glied +die ganze Kette vor mir leuchten sahe. +</p> + +<p> +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen Spectacul, dem +er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte sein Bette aufgesucht. Da +ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich muß noch eine Weile +ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; +„aber lies doch dieses! Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof +in fremde Hände kommen, maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen +Hundes Biß gar jämmerlichen Todes verfahren ist.“ +</p> + +<p> +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es fehlte +nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser Schreckenspost, +als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber schon sahe ich am +Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und aus meinem Herzen schrie +es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern!—Dieser Tod hätte uns das +Leben werden können; nun war’s nur ein Entsetzen zu den andern. +</p> + +<p> +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich schaute +in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. Aber die +Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen erregten Sinnen war +es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah +gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, +und ich zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der +Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang +ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich +allbereits die Stadt im Rücken. +</p> + +<p> +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der +Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und sagte, daß +die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und sonstiges +Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand +auf die Klinke einer Stubenthür. +</p> + +<p> +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist, so +wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“ +</p> + +<p> +„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand +zurück. „Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben +in jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des +Flures; dann verließ er mich. +</p> + +<p> +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war +todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich öffnete. +</p> + +<p> +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den Confirmandenunterricht +bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die Fenster sahen über öde Felder +nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager +aufgebahret. Auf dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. +</p> + +<p> +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich Gebet. Dann +rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und dann malte +ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum zweitenmal +dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der andauernden großen +Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und horchte, so wußte ich bald, +es sei nichts da gewesen. Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an +mein Ohr.—Ich trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem +bleichen Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. +</p> + +<p> +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer +Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so scharf +ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne hatten wohl ein +Spiel mit mir getrieben. +</p> + +<p> +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und malete +weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem Linnen lagen, so +dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem Kinde geben!‘ Und ich +malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es +spielend damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend +hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. +</p> + +<p> +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib verlangte +Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und ging über den Flur +nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, +wäre ich vor Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, +so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken mögen. +</p> + +<p> +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, das ich +selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum in ihres Vaters +Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man sie fortgebracht, +oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar lange sahe ich das +Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich +mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; +dann ging ich zurück zu unserem todten Kinde. +</p> + +<p> +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, zeigete es +sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein weniges sich gehoben +hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich möchte noch einmal meines +Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten Augensterne vor mir lagen, überlief +mich Grausen; mir war, als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als +wollten sie noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein +Fluch hat doch euch beide eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es +um alle Welt nicht lassen können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren +Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer +Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte +nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht +aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes +ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen.“ +</p> + +<p> +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm sanft +die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein dunkles Roth und +schrieb unten in den Schatten des Bildes die Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte +heißen: Culpa Patris Aquis Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth +versunken“.—Und mit dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die +wie ein schneidend Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu +Ende. +</p> + +<p> +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, nur in +der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher ich eine +Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch hereingedrungen.—War +Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich +konnte es nicht enträthseln. +</p> + +<p> +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen wenden; +aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne den ich nicht von +hinnen könne. +</p> + +<p> +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder draußen, +wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete sich vom Flure her +die Thür und der Prediger trat zu mir herein. +</p> + +<p> +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und +betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen Leichnams +vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber seine Augen auf die +Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub er wie im Schmerze seine +beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen Augen jählings ein reicher +Thränenquell entstürzete. +</p> + +<p> +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb +wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der Nebenkammer; es +tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte deutlich meinen Namen +rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann rauschte es wie von +Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das Geräusch vom Falle eines +Körpers wurde hörbar. +</p> + +<p> +„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des +Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. +„Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig +sein!“ +</p> + +<p> +—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, wanderte +ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. +</p> + +<p> +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das nur noch +wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes +Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in +meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich +mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein Mensch +begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem dumpfen Brausen des +Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis +submersus aquis submersus! +</p> + +<hr /> + +<p> +Hier endete die Handschrift. +</p> + +<p> +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft vermessen, daß +er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren gleichzutun verhoffe, +das sollten Worte bleiben, in die leere Luft gesprochen. +</p> + +<p> +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in einem +Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren Heimat weiß niemand +von einem Maler seines Namens. Des großen Lazarusbildes tut zwar noch die +Chronik unserer Stadt Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses +Jahrhunderts nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +</p> + +<p class="center"> +Aquis submersus +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for an eBook, except by following +the terms of the trademark license, including paying royalties for use +of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for +copies of this eBook, complying with the trademark license is very +easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation +of derivative works, reports, performances and research. Project +Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may +do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected +by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark +license, especially commercial redistribution. +</div> + +<div style='margin:0.83em 0; font-size:1.1em; text-align:center'>START: FULL LICENSE<br /> +<span style='font-size:smaller'>THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE<br /> +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK</span> +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase “Project +Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg™ License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. +</div> + +<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg™ electronic works +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg™ +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person +or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™ +electronic works. See paragraph 1.E below. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the +Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™ +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg™ License when +you share it without charge with others. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg™ work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country other than the United States. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg™ License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg™ work (any work +on which the phrase “Project Gutenberg” appears, or with which the +phrase “Project Gutenberg” is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: +</div> + +<blockquote> + <div style='display:block; margin:1em 0'> + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most + other parts of the world at no cost and with almost no restrictions + whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms + of the Project Gutenberg License included with this eBook or online + at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you + are not located in the United States, you will have to check the laws + of the country where you are located before using this eBook. + </div> +</blockquote> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.2. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase “Project +Gutenberg” associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™ +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg™ License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg™. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg™ License. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format +other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg™ website +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain +Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg™ License as specified in paragraph 1.E.1. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works +provided that: +</div> + +<div style='margin-left:0.7em;'> + <div style='text-indent:-0.7em'> + • You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation.” + </div> + + <div style='text-indent:-0.7em'> + • You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™ + works. + </div> + + <div style='text-indent:-0.7em'> + • You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + </div> + + <div style='text-indent:-0.7em'> + • You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg™ works. + </div> +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of +the Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set +forth in Section 3 below. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™ +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain “Defects,” such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the “Right +of Replacement or Refund” described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg™ electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg™ +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any +Defect you cause. +</div> + +<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™ +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s +goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg™ and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. +</div> + +<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state’s laws. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, +Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up +to date contact information can be found at the Foundation’s website +and official page at www.gutenberg.org/contact +</div> + +<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread +public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine-readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state +visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Please check the Project Gutenberg web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate +</div> + +<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> +Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic works +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of +volunteer support. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Most people start at our website which has the main PG search +facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +This website includes information about Project Gutenberg™, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. +</div> + +</div> + +</body> + +</html> + diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..ba01c44 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #8889 (https://www.gutenberg.org/ebooks/8889) diff --git a/old/7aqsb10.txt b/old/7aqsb10.txt new file mode 100644 index 0000000..a43fead --- /dev/null +++ b/old/7aqsb10.txt @@ -0,0 +1,3284 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: September, 2005 [EBook #8889] +[This file was first posted on August 21, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem frueher herzoglichen Schlosse gehoerigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlaessigten "Schlossgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzoesischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu duennen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blaetter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Baeume nicht verwoehnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schaetzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem duerftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhoehe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten moegen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Gruen der Marschen und darueberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergoetzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkuerlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem hoeher +belegenen, aber oeden Kuestenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Staetten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzaehlige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags frueh zu unserem Nepos oder spaeter zu +unserem Cicero nach der Stadt zurueckzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stueck ungebrochener Heide uebrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blueten des duftenden Heidekrauts die Immen und weissgrauen +Hummeln und rannte unter den duerren Stengeln desselben der schoene +goldgruene Laufkaefer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen traeumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um +desto munterer vorwaerts, und bald, wenn wir nur erst den langen +Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon ueber dem +dunkeln Gruen einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gaeste hinabgruesste. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fuenf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stueck oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen liess, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die grosse "Priesterkoppel", +zu der ein Pfoertchen aus dem Garten fuehrte. Hier wussten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspueren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefaehrlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstuempfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Kaefer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder liessen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnussschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spaetsommer +geschah es dann auch wohl, dass wir aus unserer Koppel einen Raubzug +nach des Kuesters Garten machten, welcher gegenueber dem des +Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrueppelten Apfelbaeumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofuer uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmuetigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren duerrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Waellen standen, spuere ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschaeftigte uns nur voruebergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Roehrenbauten der Lehmwespen, die ueberall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel groesseren Bau der alten +und ungewoehnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem hoechsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau ueber Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft fuer mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schluessel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloss +er auch, wenn wir ihn gluecklich dem alten Kuester abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine laengst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +uebermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute ueberrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudraengen schienen. Besondere Anziehung +aber uebte der grosse geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel wuerfelten, bekam man draussen im +Alltagsleben nicht zu sehen; troestlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie haette +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +koennen, wenn nicht ein anderes mit noch staerkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen haette. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schoenen, etwa fuenfjaehrigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weisse Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie huelfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbaertiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schoenen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine naehere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem duesteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Daemmerlicht der alten Kirche +erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; da +aber die Kuesterei an derselben Altersschwaeche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Raeume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die groessere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagoniraehmchen an der weissgetuenchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmuehle, ausserdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklaerte und dann das ganze Zimmer ueberglaenzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstuehle mit den roten Plueschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Raeumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmuetig +holden Sage den duesteren Kirchenraum erfuellte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, dass ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir koennen sie nicht entraetseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Geruecht zu Huelfe, so moechten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +woertlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. waere man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Kuesters, der einmal die Quarta +passiert ist, meint zwar, es koenne Casu periculoso--'Durch +gefaehrlichen Zufall'--heissen; aber die alten Herren jener Zeit +dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall +nicht nur bloss gefaehrlich." + +Ich hatte begierig zugehoert. "Casu" sagte ich; "es koennte auch +wohl 'Culpa' heissen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines duesteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch wuerde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Dass uebrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; dass +aber Sachverstaendige in dem Maler einen tuechtigen Schueler +althollaendischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheissen habe, darueber wusste auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Waehrend wir die Universitaet besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte spaeter +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +dass ich fuer den Sohn eines Verwandten ein Schuelerquartier bei +guten Buergersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Strassen, als mir an der Ecke des Marktes ueber der Tuer eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten wuerde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten fuer jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heissewecken bei dem dort wohnenden Baecker geholt hatte. +Fast unwillkuerlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen fuer den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Moeddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt haetten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange haetten sie sich einen jungen +Gast dafuer gewuenscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgefuehrt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertuemlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geraeumigen +Marktplatz hinausgingen. Frueher, erzaehlte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tuer gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schoene +Aussicht ganz verdeckt haetten. + +Ueber die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; waehrend +wir dann aber noch ueber die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes haengendes Oelgemaelde gefallen, das ploetzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen aelteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Staenden zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschaeftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schoen und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhaengenden +Hand eine weisse Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +laengst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrueckt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir ploetzlich +bewusst wurde, dass der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Moeddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgrossonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurueck, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblaetter mit sehr alten Schriftzuegen. + +"Darf ich die Blaetter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Plaesier macht", erwiderte der Meister, "so moegen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu duerfen; und waehrend ich +mich dem alten Bilde gegenueber in einen maechtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verliess der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheissung zuruecklassend, dass seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeraeth und sonstiges Gepaecke +hatte ich in der Stadt zurueckgelassen und wanderte nun froehlich +fuerbass, die Strasse durch den maiengruenen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvoeglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen ueber +Nacht und noch gar frueh am Vormittage, so dass die Sonne den +Waldesschatten noch nicht ueberstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Maentelchen mit feinem Grauwerk, und der Luetticher +Degen fehlte nicht an meiner Huefte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen grossguenstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Haende wuerd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Grusse: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu frueh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Kuensten und Wissenschaften mit Fleisse obgelegen, +so dass er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegslaeufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversitaet ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fuernehme Bekanntschaft unter +dem Hollaendischen Adel es dahin gebracht, dass mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schueler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, dass der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofuer dem Allmaechtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel ueber das Land gekommen; so zwar, dass +die Truppen, die gegen den kriegswuethigen Schweden dem Koenige zum +Beistand hergezogen, fast aerger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jaemmerlichen Tod gebracht. +Durch den ploetzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen ueberall; +manch Bauern- oder Kaethnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke suesser Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in oedem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine gruenen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +moechte, dass er Gab und Gunst an keinen Unwuerdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Waeldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tueckete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie oefters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schoenen Tage vergaellet und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, dass er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich diess bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhoelzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Wuerzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbueschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbaeume, die zum Herrensitz hinauffuehren. + +Ich weiss nicht, was fuer ein bang Gefuehl mich ploetzlich ueberkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +fluesterte mit seinen jungen Blaettern in der blauen Luft. + +"Gruess dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschoepfes, in dem, wie es +sich nachmals fuegen musste, all Glueck und Leid und auch all nagende +Busse meines Lebens beschlossen sein sollte, fuer jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Toechterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjaehrig Dirnlein, die ihre braunen Zoepfe lustig fliegen liess; +ich zaehlte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkaemmerlein eingeraeumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tuechtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvoegel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weisst du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwaenzchen, die darfst du +ja nicht schiessen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jaehlings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schuettelte wie +entsetzt ihre beiden Haendlein in der Luft. + +Es war aber ein grosser Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes sass und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Voegelein +erhaschen moege. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schiess, Johannes, schiess!"--Der Kauz aber, den die Fressgier taub +gemacht, sass noch immer und stierete in die Hoehlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoss, dass das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Voeglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Maegdlein war, da war auch ich. +Darob aber musste mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe sass. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er juenger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentoechterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur ueber seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen sass. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Koepfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch dess inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Haenden blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fraeulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie liess +das Kind nicht aus den Augen und ging ueberall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, dass er noch immer bei +seiner schoenen Nachbarin zu Hofe ging; auch dass insonders dem alten +Fraeulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie hoechst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmaessig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als saehe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Laenge ueberragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kuemmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spoettisch stolzes Laecheln, so dass ich dachte: 'Getroeste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurueck und liess die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darueber bruetend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tuechtig +Haarraufen beginnen moechte, kam ploetzlich Katharina wieder +zurueckgelaufen, riss neben mir eine Aster von den Beeten und +fluesterte mir zu: "Johannes, weisst du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kuemmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und froehlich in den gueldnen Tag hinaus; denn bei +den uebermuethigen Worten war wieder jenes suesse Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach liess mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, uebergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Buerger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer sass +Katharina an einem Stickrahmen; ich musste der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie juengst in einem Kupferwerk gesehen; so schoen +erschien mir der junge Nacken, den das Maedchen eben ueber ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenueber sass Bas' +Ursel und las laut aus einem franzoesischen Geschichtenbuche. Da +ich naeher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fraeulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit grossem Geraeusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drueckte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon fuer mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbaeumen auf die Waldstrasse zu. Aber mir war dabei, als koenne +ich nicht recht fort, als haett ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der grossen Fahrstrasse hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth ueberm Wald herauf, und ich musste eilen, wenn +mich die Nacht nicht ueberfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte ruestig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fusssteig in die Strasse muendet--in +stuermender Freude stund das Herz mir still--, ploetzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit gluehenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang ueber den trocknen Weggraben, dass die Fluth +des seidenbraunen Haars dem gueldnen Netz entstuerzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glaenzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Paeckchen in +meine Hand drueckend, fuegte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen truebe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thraenenquell aus ihren Augen, und +wehmuethig ihr Koepfchen schuettelnd, riss sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hoerte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blaetter konnte man fallen hoeren. Als ich +das Paeckchen aus einander faltete, da war's ihr gueldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fuenf Jahre dahingegangen.--Wie wuerd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgruenem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeisser mit +Stachelhalsbaendern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weissen Zaehne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glueck, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Tuerk!" Die Hunde liessen +von mir ab, ich hoerte es die Stiege herabkommen, und aus der Thuer, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, dass ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiss geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betruebsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Haende. + +"Gruess Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gaeste anfallen gleich den +Woelfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde moegen schon vonnoethen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurueckgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhoehlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloss wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, hoeret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Koeniglichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +koennen." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein hoeriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fraeulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht ueber meine Zunge. + +Drueben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wusste, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich ueber +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmuecke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thuer zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, dass er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich ueber den Rand des +Sarges mir gegenueber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spaet gekommen!" Und +ueber dem Sarge hatten unsere Haende sich zum Gruss gefasst; denn es +war Katharina, und sie war so schoen geworden, dass hier im Angesicht +des Todes ein heisser Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurueckgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Haeubchen draengten sich die braunen Loecklein, +und der schwellende Mund war um so roether in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genueber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hoeren. Lasst mich denn nun die bald vergehenden +Zuege festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thraenen, die ueber ihre Wangen stroemten, stumm zu +mir hinuebernickte, setzte ich mich in ein Gestuehlte und begann auf +einem von den Blaettchen, die ich bei mir fuehrte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiss nicht, ob alleine +vor der Majestaet des Todes. + +Waehrend dem vernahm ich draussen vom Hofe her eine Stimme, die ich +fuer die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fusstritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorueber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draussen ein einzelner Schritt zurueck; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fuehlte, wie ihr junger Koerper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthuer aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du haettest ihm wohl den Trunk kredenzen moegen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnoethen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du traegst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +muessen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefaellt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wisst wohl, Eueres Vaters Sohn +hat grosses Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du fuer meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn fuer deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den haette ich laengst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's fuer einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was fuer +Arbeit er mir aufzutragen haette. + +"Du weisst doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verlaesst, so muss ihr Bild darin zurueckbleiben." + +Ich fuehlte, dass bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"dass du das Bildniss der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiss nicht, ob mehr ueber +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergoennen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Raeumet mir nur wieder mein +Kaemmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wuenschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +moege einen Imbiss fuer mich richten lassen. + +Ich wollte ueber den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn ueber den empfangenen Auftrag war +ploetzlich eine Entzueckung in mir aufgestiegen, dass ich fuerchtete, +sie koenne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Koeter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heissen Steinen sonnten. Da wir aber naeher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, dass Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Fuessen krochen. "Beim Hoellenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so moeget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riss sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruss, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bueckte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, dass ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestossen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt ueber den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgebluemten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbaende auf den Regalen, +ueber dem Arbeitstische der schoene Waldgrund von dem aelteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draussen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfuellet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Haenden, die sie daraufgepresst +hielt, ihre Brust in ungestuemer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Haende, und ihre jungen Augen spruehten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; lass erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schoenen, Suessen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kraefte zu. Da loesete sich ein sanfter Thraenenquell aus ihren +Augen, und wir sassen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedaechtniss. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fraeulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begruessen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon laengsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stuebchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den gruenen Heckenwaenden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel sass, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Haeufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzaehlte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Luebeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indess sie +behutsam die helfenbeinern Pfloecklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +tres-complique!" + +Dann warf sie die Pfloecklein ueber einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiss Er denn +nicht, dass Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiss es, Fraeulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wusste ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar beguetigend; "so eigentlich gehoeret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Ueber Katharinens blasses Antlitz flog ein Laecheln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr ruehmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thuermchen, das draussen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine gruenen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen waeren, +die itzt schon wieder anhueben mit ihrer Nachtunruhe; sie koenne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draussen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gaertnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemueden Leib zu staerken. + +Ich war nun in meinem Kaemmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend sassen wir +auf seiner Tragkist, und liess ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzaehlen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +muessen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Froelen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden koennen, +brach er gleichwohl ploetzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, dass +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drueben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir muessen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiss nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund fuer ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wuechse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehoeret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Buergersleuten die +Knoepfe von den Haeusern schiessen; Ihr moeget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiss er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stuecklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der ueberm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen muessen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Toechtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wusste freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein hoeriger Mann", seiner +Rede Schluss gemacht. + +--Mit meinem Malgeraeth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Loewen alles abgeleget, so dass ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunaechst in meinen Nutzen. Naemlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, raeumlich und hoch, dessen Waende fast voellig von +lebensgrossen Bildern verhaenget waren, so dass nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Maenner und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kraeftigem Mannesalter und Katharinens frueh verstorbene +Mutter machten dann den Schluss. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kraeftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Zuege meines edlen Beschuetzers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Massstabe und nur mir selber zum Genuegen; doch hat es +spaeter zu einem groesseren Bildniss mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniss seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schoenen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das musste tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der aelteren Bildnisse entlang, bis ueber +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Wuermern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Haelfte +zwischen dem Weissen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer ueberfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie raethselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drueber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, laengst vergessen, taucht es ploetzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sproessling +soll ich Katharinen schuetzen.' Und wieder trat ich vor die +beiden juengsten Bilder, an denen mein Gemuethe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstaeublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fraeulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Toenen redete, so war es stets ein stumm und betruebsam Mahl, +so dass mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war dess Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht beruehrt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen gruessend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte ueber mein gestecktes Mass, ueberdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegraebniss ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Hoechste ihnen +dereinst eine froehliche Urstaend wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Guetern gekommen, von Angehoerigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, massen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, dass in +der Kuerze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker draengte nun selbst, dass ich mein aufgetragen Werk +begoenne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwaehlet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es moege am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nuetzen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhaengen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Huelfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +oeffnete sich die Thuer aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was fuer Ursach, waere schwer zu sagen; aber ich +empfand, dass wir uns diessmal fast erschrocken gegenueber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar suesser Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniss malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier ueber ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glueckes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so muessig ueberrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiss es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut diessmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Voeglein, das sich von ihm +zerreissen laesst. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Waehrend unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schaendlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, dass ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiss, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfraeuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Haende kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfuellet haette, +wenn es noch offen gewesen waere fuer den Schall der Welt; aber der +gnaedige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genueber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg musste, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, dass ich alsdann den +Umweg ueber Preetz naehme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunaechst jedoch sei emsig an dem Werk zu foerdern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker musste es schon wissen, dass ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hiess nun sein Stolz ihn, mich gering zu schaetzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestoeret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thuer hinter sich, und wir hoerten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstuecklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begraebnisstage, wo ich einen fremden Gruss mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er naeher und beschauete das Bild und redete gar schoene +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fraeulein sich so sehr vermummt +und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken +habe wallen lassen; wie es ein Engellaendischer Poet so trefflich +ausgedruecket, "rueckwaerts den Winden leichte Kuesse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, dass das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwaertig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er ueber meinen Kopf hin diess und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wuenschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zuecken. + +--Wir hatten nun weitere Stoerniss nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rueckte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draussen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir haetten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Woertlein, weder sie noch ich zu ruehren. Was wir gesprochen, wuesste +ich kaum zu sagen; nur dass ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzaehlte und wie ich immer heim gedacht; auch dass ihr gueldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fuergesorget, und wie ich spaeter dann +gestrebt und mich geaengstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurueckgewonnen hatte. Dann laechelte sie gluecklich; und dabei +bluehete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer suesser das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiss aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurueck; und dennoch +floss es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so dass mir +selber kaum bewusst ein sinnberueckend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehaendigt, sass sie noch +einmal mir gegenueber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Waenden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniss, das mir zur Seite hing und aus den weissen +Schleiertuechern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich froestelte, ich haette nahezu den Stuhl verruecket. + +Aber Katharinens suesse Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch uebers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines frueheren Gerhardus; vor weit ueber hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schoenen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herueber. "So heisst's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fraeulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedaemmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiss, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, dass eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draussen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zoegerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so uebler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herueber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiss nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, dass ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heisst, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie sass vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schosse auf ihr Herz geleget, so waere sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiss und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Haette jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Lass uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hoerte ich im Treppenhause ein +Geraeusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +muehselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, oeffnete sich die Thuer, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet haetten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich hoere", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muss ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl maenniglich bekannt, dass alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Truebsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fraeulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloss die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon musste an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spaehend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer hoechsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fraeuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so musst ich von der duerren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entfuehren sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum dass die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Fruehe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfuer und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel sass, schien ihnen allzeit noch verdaechtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, dass man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der beruehmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeraeubers +Stoertebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heisser, niemand sagen duerfe, dass er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hoerete, auf einen Seesieg +wider die tuerkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemuethe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Laermen des grossen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwuerdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Zuege des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben ueberreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhiess sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeraethe, indess die Magd mich in ein +ander Zimmer fuehren musste, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spaet am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspuerete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir fuer Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertaeschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fuerbass in die aufsteigende +Daemmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geissblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nuestern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke ueber mir strahlte im Suedost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberuehrten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinueberzureiten, +welches seitwaerts von der Fahrstrassen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, dass der Krueger Hans Ottsen einen passlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste fuer mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +gruenlichen Johannisfuenkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete gross und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hoerte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Daechern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Maennern und Weibern, +und ein Geschrei und wuest Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in frueheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch baertig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet waere.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnuegen; bei den +Musikanten, die drueben vor der Doens auf ihren Tonnen sassen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel ueber dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stuecklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riss dem Fiedler seine Geigen +aus den Haenden, warf eine Handvoll Muenzen auf seine Tonne und +verlangte, dass sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen liessen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da sass der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Spaessen in +Bedraengniss brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schuettelte sich vor Lachen, wenn der geaengstete Mann gar jaemmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, liess +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnueget; +ich aber antwortete nur, ich kaeme eben von dort zurueck, und werde +der Rahmen in Kuerze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwaeglein leichtlich moege holen lassen. + +Indess ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestuermet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kuehlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wuehlete, fasste ihn am Arm und riss ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wuenschend, dass die Nacht vergehen und der Morgen kommen moechte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nuechternen Uebermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Troeste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indess er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glueck in der Lieb +Und Glueck im Spiel, +Bedenk, fuer einen +Ist's zu viel! + +"Lass den Maler dir hier von deiner schoenen Braut erzaehlen! Der weiss +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglueck bewusst sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersuechtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnueglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getroeste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spuerhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muss er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Taeschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als saehe er damit +mein ganz Geheimniss offen vor sich liegen. Es waehrete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muss Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, dass ich ihn an den Sattelknopf gehaenget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem juengeren Kumpan: "Reiss +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern moechtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fuehlte ich auch schon die Haende des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wuethend Ringen zwischen uns begann. +Ich fuehlte wohl, dass ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr ueber wuerde; da aber fuegete es sich zu meinem Gluecke, dass ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wusste jeder wohl, +dass er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Huelfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurueck. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Tuerk! Wo steckt ihr! Tartar, Tuerk!" +Und ich wusste nun, dass die zwo grimmen Koeter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hoerete ich sie durch das Getuemmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riss ich mit einem Rucke jaehlings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthuer aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war ploetzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs ueber einen Wall und lief ueber das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Baeume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Taeschlein sicher unter meinem Wamse fuehlte, so tappte ich ruestig +vorwaerts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; massen ich wohl sahe, dass +meines Bleibens hier nicht fuerder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thuer ins Schloss geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hoerete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hoerte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewusst, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und dass ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da ploetzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jaehlings naeher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hoerete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Saetze in dem duerren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnaedigen Schutz; aus dem +Schatten der Baeume stuerzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geaeste schwang ich mich hinueber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es koennt +geschehen, dass du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +faendest, und dass alsdann ein Willkomm nicht fuer dich am Thor +geschrieben stuende;--ich aber moecht nicht, dass du diese Staette hier +vergaessest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich musste bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hoerete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draussen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +ueberall so hoch, dass nicht das wuethige Gethier hinueber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drueben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, dass sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zaehnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fuerchtend, es werde das nach oben +schwaechere Geaeste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen moechte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublaetter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hoerete ich ober mir ein Fenster oeffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--moechte ich sie wieder hoeren, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen laesst aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hoerete ich meinen Namen, +und ich kletterte hoeher an dem immer schwaecheren Gezweige, indess +die schlafenden Voegel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstiessen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Haendlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreissen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, liess mich das +Haendlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen ueber dem weissen Nachtgewand bis in den Schoss +hinab; der Mond, der draussen die Gartenhecken ueberstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schoenheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, traeumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Laecheln ueber ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist suess!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muss bald geschehen; denn es fehlt viel, dass ich noch einmal +durch die Thuer in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Taeschlein hervorgezogen und erzaehlete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmass oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren koenne?" + +Sie aber schrak jaeh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Haende, so bislang in ihrem Schoss +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in grosser Herzensnoth. "Ach, Kaethe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +waere; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr suess und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich daechte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Kaethe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfasste fester ihren jungfraeulichen Leib; "aber drueben in +Holland, dort gilt ein tuechtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Hoechsten ehrenvoll zu ueberschreiten. Man hat mich +drueben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurueckginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wuesten +Junker!" + +Katharinens weisse Haende strichen ueber meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden muessen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goss, darin ohnedies das Blut in heissen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Daemonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoss. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jaehlings +stille, und da es noch einmal gellte, hoerete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, dass uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thuer erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hoerten wir auch unter uns die Thuer des Hausflurs +gehen, den Schluessel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurueckgelehnt; nur unser beider Herzen hoerete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Waesserleins, das hinten +um die Hecken fliesst.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heisst, mitunter noch in Naechten die +schoene heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwueler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten ueberm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hueter, Hueter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiss ich noch, dass vom Hofe her ploetzlich scharf die Haehne +kraehten, und dass ich ein blass und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, dass ueberm Garten +der Morgen daemmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie dess inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuss, noch hundert; ein fluechtig Wort noch: wann fuer das +Gesind zu Mittage gelaeutet wuerde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wusste selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kuehlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Haendlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rueckblick aus dem Gartensteig von ungefaehr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als saehe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knoechern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, dass +solches ueber meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Maerleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestoerten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt haetten. + +So, dess nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, dass in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuss bis uebers Aenkel ein, gleichsam, als +ob ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'fasst das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang ueber +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniss der dichten Baeume sagte meinem traeumenden Gemuethe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht loesen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich voellig wach. +Ein Haeuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und ueber +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schuettelte ich +all muessig Traeumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heisse Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, dass +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, dass ich dann +zurueck nach Holland ginge, mich dort der Freundeshuelf versicherte +und allsobald zurueckkaem, um sie nachzuholen. Vielleicht, dass sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +musste auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem froehlichen Barkschiff die Wellen des +gruenen Zuidersees befahren, schon hoerete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewuehl hervorbrechen und mich und meine schoene Frau mit hellem +Zuruf gruessen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kraeftiger +und rascher schritt ich aus, als koennte ich baelder so das Glueck +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmaehlich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jaehlings +hatte fluechten muessen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draussen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thuer, die Ihr hinter Euch ins Schloss +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, dass der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da musst's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiss, ich weiss!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hueten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern liess mir Brot +und Fruehtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbuechlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittaglaeuten. Also bat ich Hans +Ottsen, dass er den Gaul mit seinem Jungen moeg zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhuegel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses ueber die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon fuer den Hintergrund zu +Katharinens Bildniss ausgewaehlet hatte. Nun gedachte ich, dass, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten wuerde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfuer und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen gruesse, wann ich sie +dort in unsre Kammer fuehren wuerde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich liess noch wie +zum Gruss ein zwitschernd Voegelein darueber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, dass +die Zeit vergehe. + +Ich musste gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd dess inne, dass es das Mittaglaeuten +von dem Hofe sei. Die Sonne gluehte schon heiss hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung ueberdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgaengen suesse Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drueben zwischen den +Straeuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im naechsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schliessen wuerde. + +Da ploetzlich ueberfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, dass es gelaeutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spaehete scharf nach aller Richtung +durch die Baeume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Boeser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurueck;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhueten +moecht." + +"Was soll das heissen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fraeulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Woertlein; die Alte aber redete +einen um so groesseren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwaechst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knoechern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich naeher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr uebrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jaehlings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +waeret. Ihr moeget mir es glauben, waere er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen haetten blutiger nicht funkeln koennen." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, dass ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Haenden mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzaehlet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewusst!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riss ich meine Haende aus den seinen. + +Der Alte schuettelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiss nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun ueber den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Buecher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handroehre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeraethe an den Waenden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, dass niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast waer ich an der Schwelle noch zurueckgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thuer geoeffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloss er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen kaeme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich naeher zu ihm +trat, "es moecht der Strassen noch andre fuer mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen koennt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so dass die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hoerer mich und goennet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhoeren! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmaehlich gleichwie ein Gebruell--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, dass ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Hoellenelement! mich reut's nur noch, dass mir die Bestien +solch Stueck Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, dass er auch hoeren wuerde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Groesseren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuss--dann brach ich zusammen und +hoerete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, dass ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Baenkchen vor dem letzten Haus des Dorfes sass, +mit matten Blicken nach dem Wald hinueberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thoerichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kaemmerlein von drueben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhueter bewohnt wurde; und ausser diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war waehrend meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuss in meine +Brust erhalten, darueber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getroesten; noch +glaubhafter jedoch, dass er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten ueberbracht als +Lohn fuer Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl spaeter nicht zu viel empfahen wuerde. Zu einem traulichen +Gespraech mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, massen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +dass der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, dass er dem Fraeulein, wenn sich's treffen +moechte, meine Gruesse sage, und dass ich bald nach Holland zu reisen, +aber baelder noch zurueckzukommen daechte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Ueberfiel mich aber danach die allergroesseste Ungeduld, so dass ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drueben noch die +letzten Blaetter von den Baeumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +hollaendischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +gluecklich Zeichen wohl erkennen, dass zwo Bilder, so ich dort +zurueckgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon frueher +wohl gewogener Kaufherr liess mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, dass ich fuer sein nach dem Haag verheirathetes Toechterlein +sein Bildniss malen moege; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafuer versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +dass dann genug des helfenden Metalles in meinen Haenden waere, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Goenner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so dass ich bald den Tag meiner +Abreise gar froehlich nah und naeher ruecken sahe, unachtend, mit was +vor ueblen Anstaenden ich drueben noch zu kaempfen haette. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwaeche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Strassenplaetzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich laenger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Aengsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +gruenen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der koeniglichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fusse durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grueneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kuemmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwaerts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenueber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fuegte er bei, "mit den Schiessbuechsen muesset Ihr +nicht wieder spielen; die machen aergere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich liess ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da musste ich vernehmen, dass er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines ploetzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "dass er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist fuer +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indess aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +dass er nicht so von Katharinen reden wuerde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein aeltlich, aber reiches Fraeulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drueben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fraeulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "dass alte Thuerm' und Mauern nicht auch plaudern +koennten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fraeulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, dass Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum boesen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir ploetzlich ein Gedanke. "Ungluecksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fraeulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schuettelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Faell'; seit Neujahr ist das Fraeulein im +Schloss nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiss ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +grosser Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Maegde eine, so durch die Thuerspalt gelauschet, wolle auch mich ueber +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann spaeter haetten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hoeren, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloss +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thoerichte +Geschwaetz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im uebrigen +mir auch berichtet, dass keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurueck und demuethigte mich +also, dass ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte hoehnisch, +es moege wohl der Buhz das Voeglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, liess nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstuende, auch zu ihm zu +dringen, er wuerde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloss geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Buesche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen boesen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu laengerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +groesserer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Toechterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehoert ja der Vergangenheit. + +Hier schliesst das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, dass der +Schreiber ein froehliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenueber; ich konnte +nicht zweifeln, der schoene ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzuege um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, sass ob dem +Thuersims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, musste ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Truemmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thuere meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der voruebergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern moege. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, moegest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen moegen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; massen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedaechtniss ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute ueber dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wuenschte auch der Buergermeister, Herr Titus +Axen, so frueher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so dass ich fuer eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und aelteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und raeumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Kraemerstrasse, worin ich, +nachdem es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, +anitzt als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstaette hatte ich mir in dem grossen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur dass die gute Frau selber gar zu gegenwaertig war; denn +allaugenblicklich kam sie draussen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemaessen in der Hand; draengte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel ueberfluessigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, dass selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernuenftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +muessen. Als dann von der Aussendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemaessen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen muessen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoss, und ich musste ploetzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rueckwaerts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, musste ich +zu eigener Verwunderung gewahren, dass ich die Zuege des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthuer, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbaeume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber gross Gewuehl dort, und war bis drueben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, dass Gast +mit Gaste handeln durfte, also dass der Stadtknecht mit dem Griper +muessig auf unseres Nachbaren Beischlag sass, massen es vor der Hand +keine Bruechen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Maedchen von den Inseln mit ihren Kopftuechern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethuermeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild fuer eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Hollaendern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemuethes machte das bunte Bild mir truebe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger ueber mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber daemmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Traeumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erloeser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hoerete ich draussen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +grossen hageren Mann in der ueblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden waere. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von baeuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Struempfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthuer zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewuehle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thuerglocke schellen hoerte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genoethigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Kuester aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, dass man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniss in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was fuer Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben haette, +dass sie solche Ehr ihm anzuthun gedaechten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen koenne; der Kuester aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stueck Ackergrundes +einmal einen Process gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres koenne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen muesse, vernommen haetten, ich verstuende das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kuemmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hoerete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniss des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage naeher nachzufragen. + +Was mir an Preis fuer solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so dass ich erstlich dachte: sie nehmen dich fuer einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +fuer ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +ploetzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne ueber die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, dass die Malerei draussen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause passliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Dess schien der Kuester gar vergnuegt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fuergesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Kuesterei +erwaehlet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so dass also auch der Pastor leicht hinuebertreten koenne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, wuerden dann nach Haus +geschicket. + +Also schuettelten wir uns die Haende, und da der Kuester auch die +Masse des Bildes fuersorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeraeth, +dess ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefoerdert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spaet am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedraengniss von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekaeme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und moechte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzaehlete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei uebrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, dass bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fuersprach eingewirket haben solle, wie es heisse, von drueben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Woertlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des naechsten Tages ruestig ueber +die Heide schreiten, und war mir nur leid, dass letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Wuerzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +gruenen Baeumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer hoeher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdaechern, die an seinem Fusse lagen, krueppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Kuesterei +gefunden hatte, stuerzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Kuester aber hiess an seiner Hausthuer mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schoener blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +fuehrete; das Kind mochte etwan vier Jahre zaehlen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der frueheren Prediger zu sehen wuenschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +dass man nach den anderen Seiten ueber Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es musste eben Fluth sein; denn die Watten waren ueberstroemet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Kuester auf die Wasserflaeche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +grossen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Haelfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Aermchen fest umschlungen und drueckte die +zarte Wange an das schwarze baertige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen waere; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schueler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, dass der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben moegen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch fuer meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +fuer meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemuehung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war geruehmet worden. + +Ein fast verachtend Laecheln ging ueber des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spaet", sagte er, "es ging in Truemmer, da ich's aus +der Kirche schaffen liess." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Zuege von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +ueberliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst missgoennen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zaehlen, so ueberragte er mich doch um eines +halben Kopfes Hoehe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der Koenig +die hollaendischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Hoechsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drueben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestuehlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Saeugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer gluehte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergass darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, dass wir in die Kuesterei zurueckgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern ueber die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich sass der Kuester neben uns und +schnitzete allerlei Geraethe gar saeuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier ueberall betrieben wird; auch +habe ich das Kaestlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blaetter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Kuesterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heisse, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heisse +ich ja auch!"--Er sah mich gross an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb ruehreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +ueberraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel muessig auf der Leinewand ruhen liess. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich haette oft +die Arme nach ihm breiten moegen; aber ich scheuete mich vor dem +harten Manne, der es gleich einem Kleinod zu behueten schien. +Wohl dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Kuesters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhaeuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Kuesterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbueschen auslaeuft, sahe ich sie einmal langsam ueber die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Ruecken zugewendet, so dass ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und ausserdem ein paar gekraeuselte Loeckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schlaefen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draussen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so dass nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So sass ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die hollaendische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber sassen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer froehlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Laeden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draussen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Hoehen, fiel es mir jaehlings in die Brust: Die Augen des schoenen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stuermten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herueberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, dass wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengiessers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, dass sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +dass die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstueck erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer gluehten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Kraemerstrasse einbog, hoerete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hoeren!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draussen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den truebet, was mich troestet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, dass am naechsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Buendnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe musste gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchfuehrer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den gruenen Buecherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +dass nun das Lied, so sie im voraus darueber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, dass unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnaediglich in seinen Schoss genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drueben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Strasse herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fuegete er bei, "der du ein freier Vogel bist, wuerde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, dass ich am naechstfolgenden Tage +erst wieder hinauskaeme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schuerete; und so geschah es, +dass alles sich erfuellen musste, was ich getreulich in diesen +Blaettern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drueben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Fruehlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich ueber den Markt, +allwo die Baecker, vieler Kaeufer harrend, ihre Brotschragen schon +geoeffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fussknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich ueber das Gelaender der grossen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schlossgarten auf dem Steige war, sahe ich drueben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +maechtigen Holzstoss aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hoelzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben ueber die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete dess nicht weiter, sondern wanderte ruestig fuerbass, und +da ich hinter den Baeumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten ueber die Heide +emporstieg. Da musste ich meine Haende falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnaedig mit uns allen, +Die wir in Suend gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draussen war, wo die breite Landstrasse durch die Heide +fuehrte, begegneten mir viele Zuege von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Haenden und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wusste, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruss", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +koennen wir nicht aussen bleiben und muessen mit dem Reste schon +fuerlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits ueber die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemueth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Huenenhuegel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +ueberfiel es mich, als muesse auch ich zur Stadt zurueckkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glueck, wie eine rasende Hoffnung, und +es schuettelte mein Gebein, und meine Zaehne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fuehlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thuer des +Kuesterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschluessig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber staerker klopfte, kam des Kuesters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Kuester?" fragte ich. + +--"Der Kuester? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schuettelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich liess mir von der Alten das Haus aufschliessen, holte mein +Malergeraethe und das fast vollendete Bildniss aus des Kuesters +Schlafkammer und richtete, wie gewoehnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu beluegen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stoehnte ueber die arge Zeit und redete +ueber Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +draengete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht ueber meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzaehlete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken ueber des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwaechliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwaetz nicht fuerder hoeren; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstrasse liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weissen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +ueberall zu sehen sind.--Ich haette nun wohl umkehren moegen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenlaeuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloss, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Hoechsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was kruemmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +fuehren! + +Ich weiss nicht mehr, wohin mich damals meine Fuesse noch getragen +haben; ich weiss nur, dass ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshoehe war, langete ich wieder bei der +Kuesterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpfoertlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das aermliche Gaertlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbuesche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemuethe erfuellet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Kuesters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hoerete ich von der Koppel draussen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebuesches, das hier ohne Verzaeunung in die Koppel auslaeuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Aermchen voll Moos, wie +es hier in dem kuemmerlichen Grase waechst, gegenueber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gaertchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder waechst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +laengst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so dass ich ungestoeret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, fuer das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glueck noch Muth darin zu lesen. + +So war sie maehlich naeher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Bueschen +hinlief; doch ihre Haende pflueckten nicht davon; sie liess das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Buesche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes maechtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wusste wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, dass +du heute kommen wuerdest." + +Ich hoerete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafuer bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fuehltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoss +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzaehlet." + +--Moege keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gaenzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kuehlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glueck dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiss er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Suenderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, dass jeder neue Tag ihm +angehoert!" + +In diesem Augenblicke toenete ein zarter Gesang zu uns herueber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muss zu dem Kinde; es koennte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja froehlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebuesches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hoerten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurueckgetreten, und ihre Augen sahen gross und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reissen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiss das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Haende vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmaechtig; ich riss sie jaeh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbruenstiglich; ich +haette sie toedten moegen, wenn wir also mit einander haetten sterben +koennen. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Kuessen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hoerte. Der +Ruf kam von drueben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +haerter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glueck vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Kuesterei trat, war auch schon der Kuester wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +waeret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Kuester?" rief ich. + +Der Mann riss ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drueben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thuer gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heissen, Trienke?" + +"Das soll heissen, dass sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stuerzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, dass ich durch das +weisse Pfoertchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der grosse knochige Mann sah gar wueste aus; seine Augen waren +geroethet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So lasst mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, draengete er +mich zurueck. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Suenden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedaechtniss. "Hoeret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofuer dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle buessen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Fruehe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, moeget Ihr das Bildniss stiften. Moeg es dort die +Menschen mahnen, dass vor der knoechern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, dass alles so +geschehen moege. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Busse gleich einem Blitze jaehlings aus dem Dunkel hob, so +dass ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren muessen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muss noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, dass Herrn Gerhardus' Hof in fremde Haende kommen, +massen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biss +gar jaemmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, dass ich getaumelt waere. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als spraengen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hueter, Hueter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod haette uns das Leben werden koennen; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich sass oben auf meiner Kammer. Es wurde Daemmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drueben meinem Fenster nah gerueckt; ich fuehlte +die Glockenschlaege durch das Holz der Bettstatt droehnen, und ich +zaehlete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich daemmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten ueber +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Ruecken. + +Aber so fruehe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, dass die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeraeth aus dem Kuesterhause +heruebergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthuer. + +Ich jedoch hielt ihn zurueck und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergoennen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stoeren", entgegnete er und zog die Hand +zurueck. "Was Ihr zur Staerkung Eueres Leibes beduerfet, werdet Ihr +drueben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thuer an der +anderen Seite des Flures; dann verliess er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile musste ich mich sammeln, bevor +ich oeffnete. + + +Es war ein grosses, fast leeres Gemach, wohl fuer den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weissgetuenchten Waenden; +die Fenster sahen ueber oede Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weisses Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zaehne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein bruenstiglich +Gebet. Dann ruestete ich alles, wie es zu der Arbeit noethig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muss, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden grossen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wusste ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als draengen leise Odemzuege an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Muendlein niederbeugete, beruehrte nur die Todeskaelte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thuer im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer fuehren, vielleicht dass es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Haendchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch musst du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniss ihm eine weisse Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwuenschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermuedeter +Leib verlangte Staerkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging ueber den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, waere ich vor +Ueberraschung bald zurueckgewichen; denn Katharina stund mir +gegenueber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glueck und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +moegen. + +Ach, ich wusste es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniss, das ich selber einst gemalet. Auch fuer dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniss an; die alte +Zeit stieg auf und quaelete mein Herz. Endlich, da ich musste, brach +ich einen Bissen Brot und stuerzete ein paar Glaeser Wein hinab; dann +ging ich zurueck zu unserem todten Kinde. + +Als ich drueben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, dass in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bueckete ich mich hinab, im Wahne, +ich moechte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, ueberlief mich Grausen; mir war, +als saehe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz kuenden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich haette es um alle +Welt nicht lassen koennen--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thraenen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drueckte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heissen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Waehrend meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thuer, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geraeusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +entraethseln. + +Es war schon spaet. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als muesse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen koenne. + +So stand ich zoegernd und schaute durch das Fenster auf die oeden +Felder draussen, wo schon die Daemmerung begunnte sich zu breiten; da +oeffnete sich vom Flure her die Thuer und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er gruesste schweigend; dann mit gefalteten Haenden blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Haende auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jaehlings ein reicher Thraenenquell entstuerzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief ueberlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Haenden an der Thuer; ich +hoerte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thuere +nieder, und das Geraeusch vom Falle eines Koerpers wurde hoerbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +ruettelte an der Klinke der fest verschlossenen Thuer; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und moege Gott uns allen +gnaedig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draussen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurueck, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde ploetzlich mir bewusst, dass ich vom fernen Strand die Brandung +toesen hoerete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres toenete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefuehl seiner Kraft +vermessen, dass er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Groesseren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehoert nicht zu denen, die genannt werden; kaum duerfte er +in einem Kuenstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiss niemand von einem Maler seines Namens. Des +grossen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwaehnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschaetzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + +This file should be named 7aqsb10.txt or 7aqsb10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7aqsb11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7aqsb10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + diff --git a/old/7aqsb10.zip b/old/7aqsb10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..49d7536 --- /dev/null +++ b/old/7aqsb10.zip diff --git a/old/8889-8.txt b/old/8889-8.txt new file mode 100644 index 0000000..975433d --- /dev/null +++ b/old/8889-8.txt @@ -0,0 +1,3309 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Posting Date: October 5, 2014 [EBook #8889] +Release Date: September, 2005 +First Posted: August 21, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +Produced by an anonymous Project Gutenberg volunteer from +files obtained from Gutenbert Projekt-DE. + + + + + + + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher +belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Stätten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu +unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen +Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne +goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch +um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den +langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem +dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel", +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer +geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem +des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten +und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß +er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung +aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im +Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien +dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; +da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig +holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir können sie nicht enträtseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert +ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen +Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer; +wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß +gefährlich." + +Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch +wohl 'Culpa' heißen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; +daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler +altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei +guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. +Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen +Gast dafür gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen +Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während +wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden +Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich +bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich +mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke +hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich +fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den +Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher +Degen fehlte nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, +so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter +dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß +die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum +Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; +manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es +sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende +Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; +ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du +ja nicht schießen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie +entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein +erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub +gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. +Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ +das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei +seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten +Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig +Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder +zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei +den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas' +Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da +ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne +ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn +mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in +stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth +des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in +meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und +wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich +das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit +Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen +von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Hände. + +"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +können." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des +Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und +über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es +war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht +des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden +Züge festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu +mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf +einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine +vor der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich +für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +müssen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn +hat großes Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für +Arbeit er mir aufzutragen hätte. + +"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben." + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein +Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wünschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +möge einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war +plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, +sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen, +über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt +hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren +Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fräulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +très-compliqué!" + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn +nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wußte ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, +die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir +auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können, +brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die +Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner +Rede Schluß gemacht. + +--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es +später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte +zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling +soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die +beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, +so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen +dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in +der Kürze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk +begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich +empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm +zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiß, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, +wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der +gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den +Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr +vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf +den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte +ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch +floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir +selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen +Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so übler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers +Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg +wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein +ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende +Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, +und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den +Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen +aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und +verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in +Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; +ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde +der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist's zu viel! + +"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit +mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. +Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, +daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!" +Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig +vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß +meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem +Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt +geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, +und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß +die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß +hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal +durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?" + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in +Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich +drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten +Junker!" + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden müssen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs +gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten +um die Hecken fließt.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die +schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten +der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß +solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob +ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. +Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich +all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann +zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte +und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +mußte auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem +Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger +und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot +und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans +Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie +zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß +die Zeit vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten +von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den +Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung +durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten +möcht." + +"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete +einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewußt!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiß nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien +solch Stück Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und +hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine +Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch +glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als +Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen +Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen +möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen, +aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die +letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort +zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher +wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner +Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was +vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr +nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern +könnten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im +Schloß nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte +Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen +mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich +also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, +es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu +dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte +nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem +Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus +Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem +es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt +als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn +allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich +zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast +mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand +keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte, +daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes +einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus +geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße +des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, +deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefördert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über +die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die +zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus +der Kirche schaffen ließ." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +überliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines +halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König +die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und +schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße +ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten +Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl +dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage +erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, +daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen +Blättern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, +allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon +geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und +da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide +emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide +führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon +fürlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und +es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Küster?" fragte ich. + +--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete +über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen +haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der +Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie +es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen +hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß +du heute kommen würdest." + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet." + +--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!" + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiß das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich +hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben +können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der +Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +härter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Küster?" rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heißen, Trienke?" + +"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das +weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren +geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er +mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die +Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so +daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen, +maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß +gar jämmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte +die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich +zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause +herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand +zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr +drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der +anderen Seite des Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor +ich öffnete. + + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; +die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter +Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor +Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte +Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach +ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann +ging ich zurück zu unserem todten Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, +ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, +als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle +Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden +Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da +öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich +hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre +nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen +gnädig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung +tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er +in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des +großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS *** + +***** This file should be named 8889-8.txt or 8889-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/8/8/8/8889/ + +Produced by an anonymous Project Gutenberg volunteer from +files obtained from Gutenbert Projekt-DE. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm +concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, +and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive +specific permission. If you do not charge anything for copies of this +eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook +for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, +performances and research. They may be modified and printed and given +away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks +not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or +destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your +possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a +Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound +by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the +person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph +1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this +agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm +electronic works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the +Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection +of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual +works in the collection are in the public domain in the United +States. If an individual work is unprotected by copyright law in the +United States and you are located in the United States, we do not +claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, +displaying or creating derivative works based on the work as long as +all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope +that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting +free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm +works in compliance with the terms of this agreement for keeping the +Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily +comply with the terms of this agreement by keeping this work in the +same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when +you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are +in a constant state of change. If you are outside the United States, +check the laws of your country in addition to the terms of this +agreement before downloading, copying, displaying, performing, +distributing or creating derivative works based on this work or any +other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no +representations concerning the copyright status of any work in any +country outside the United States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other +immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear +prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work +on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the +phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, +performed, viewed, copied or distributed: + + This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and + most other parts of the world at no cost and with almost no + restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included with this + eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the + United States, you'll have to check the laws of the country where you + are located before using this ebook. + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is +derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not +contain a notice indicating that it is posted with permission of the +copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in +the United States without paying any fees or charges. If you are +redistributing or providing access to a work with the phrase "Project +Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply +either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or +obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm +trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any +additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms +will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works +posted with the permission of the copyright holder found at the +beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including +any word processing or hypertext form. However, if you provide access +to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format +other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official +version posted on the official Project Gutenberg-tm web site +(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense +to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means +of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain +Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the +full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works +provided that + +* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed + to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has + agreed to donate royalties under this paragraph to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid + within 60 days following each date on which you prepare (or are + legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty + payments should be clearly marked as such and sent to the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in + Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation." + +* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or destroy all + copies of the works possessed in a physical medium and discontinue + all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm + works. + +* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of + any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days of + receipt of the work. + +* You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project +Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than +are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing +from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The +Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm +trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +works not protected by U.S. copyright law in creating the Project +Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm +electronic works, and the medium on which they may be stored, may +contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate +or corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged disk or +other medium, a computer virus, or computer codes that damage or +cannot be read by your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium +with your written explanation. The person or entity that provided you +with the defective work may elect to provide a replacement copy in +lieu of a refund. If you received the work electronically, the person +or entity providing it to you may choose to give you a second +opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If +the second copy is also defective, you may demand a refund in writing +without further opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO +OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of +damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement +violates the law of the state applicable to this agreement, the +agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or +limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or +unenforceability of any provision of this agreement shall not void the +remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in +accordance with this agreement, and any volunteers associated with the +production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm +electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, +including legal fees, that arise directly or indirectly from any of +the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this +or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or +additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any +Defect you cause. + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of +computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To SEND +DONATIONS or determine the status of compliance for any particular +state visit www.gutenberg.org/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. To +donate, please visit: www.gutenberg.org/donate + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project +Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/8889-8.zip b/old/8889-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..51d1d0a --- /dev/null +++ b/old/8889-8.zip diff --git a/old/8aqsb10.txt b/old/8aqsb10.txt new file mode 100644 index 0000000..bf34200 --- /dev/null +++ b/old/8aqsb10.txt @@ -0,0 +1,3284 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aquis Submersus, by Theodor Storm + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Aquis Submersus + +Author: Theodor Storm + +Release Date: September, 2005 [EBook #8889] +[This file was first posted on August 21, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Aquis submersus + +Theodor Storm + +Novelle (1876) + + +In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen, seit +Menschengedenken aber ganz vernachlässigten "Schloßgarten" waren +schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile +angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen, gespenstischen Alleen +ausgewachsen; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen, +so wissen wir Hiesigen, durch Laub der Bäume nicht verwöhnt, sie +gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen; und zumal von uns +nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu +treffen sein. Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach +dem sogenannten "Berg" zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der +nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette +eines Fischteiches, von wo aus der weitesten Aussicht nichts im +Wege steht. + +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten +Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu +ergötzen, auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel +schwimmt; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden, wo, +kaum eine Meile fern, der graue spitze Kirchturm aus dem höher +belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort liegt eine +von den Stätten meiner Jugend. + +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +"Gelehrtenschule" meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am +Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu +unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren. Es war damals auf +der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig, +wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt, nach +der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten +auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen +Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne +goldgrüne Laufkäfer; hier in den Duftwolken der Eriken und des +harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge, die nirgends +sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem Elternhause +zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; +hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch +um desto munterer vorwärts, und bald, wenn wir nur erst den +langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch schon über dem +dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, +aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden +Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. + +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten +wir allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der +Elle, ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur +die Silberpappel, der einzig hohe und also auch einzig verlockende +Baum des Dorfes, welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des +bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war gleich dem Apfelbaum des +Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns +erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. + +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große "Priesterkoppel", +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit +dem den Buben angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der +Grauammern aufzuspüren, denen wir dann die wiederholtesten Besuche +abstatteten, um nachzusehen, wie weit in den letzten zwei Stunden +die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; hier auf einer +tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht +umstanden war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +"Wasserfranzosen" nannten, oder ließen wir ein andermal unsere +auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus +Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer +geschah es dann auch wohl, daß wir aus unserer Koppel einen +Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher gegenüber dem +des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn +wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren +Zehnten einzuheimsen, wofür uns freilich gelegentlich eine +freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil +wurde.--So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel, +in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten; nur +den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier haufenweis +auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. + +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine +dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in +der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten.--Ich meine damit +nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen, die überall aus den +Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es anmutig genug war, +in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen +Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten +und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach +des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut +und beherrschte, auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, +die weite Schau über Heide, Strand und Marschen.--Die meiste +Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche; schon +der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß +er auch, wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, +die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen, aus denen eine längst +vergangene Zeit hier wie mit finstern, dort mit kindlich frommen +Augen, aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden +aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich +übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem +Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, +an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier- und +Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. Besondere Anziehung +aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche, +auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi +dargestellt war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas +oder die der Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um +des Gekreuzigten Mantel würfelten, bekam man draußen im +Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit kontrastierte nur das +holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie hätte +leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des +Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. + +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing +im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, +eines schönen, etwa fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen +besetzten Kissen ruhend, eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen +bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem +Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde Spur des +Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor +diesem Bilde stand. + +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem +Holzrahmen ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen +und Sammar. Mein Freund sagte mir, es sei der Vater jenes schönen +Knaben; dieser selbst, so gehe noch heute die Sage, solle einst in +der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben. +Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein +phantastisches Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben +des Kindes eine nähere, wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten; +selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters, das trotz des +Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks +gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. + +--Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien +dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. +Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines +Freundes hoffte, so lange ich denken konnte, auf einen Neubau; +da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt, so wurde +weder hier noch dort gebaut.--Und doch, wie freundlich waren +trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine Stube +rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die +aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in +Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem +westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle, außerdem aber den +ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich abends in rosenrotem +Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! Die lieben +Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel--es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends--wir waren derzeit schon Sekundaner--kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht +gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig +umhergesprungen sei, dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig +holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. + +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am +Nachmittage, wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche +besucht hatten, unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit +roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte, die mir bis +jetzt entgangen waren. + +"Sie lauten C. P. A. S.", sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +"aber wir können sie nicht enträtseln." + +"Nun", erwiderte dieser, "die Inschrift ist mir wohl bekannt; und +nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten +Buchstaben wohl mit Aquis submersus, also mit 'Ertrunken' oder +wörtlich 'Im Wasser versunken' zu deuten sein; nur mit dem +vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit! +Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die Quarta passiert +ist, meint zwar, es könne Casu periculoso--'Durch gefährlichen +Zufall'--heißen; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer; +wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur bloß +gefährlich." + +Ich hatte begierig zugehört. "Casu" sagte ich; "es könnte auch +wohl 'Culpa' heißen?" + +"Culpa?" wiederholte der Pastor. "Durch Schuld?--aber durch wessen +Schuld?" + +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, +und ohne viel Besinnen rief ich: "Warum nicht: Culpa patris?" + +Der gute Pastor war fast erschrocken. "Ei, ei, mein junger Freund", +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. "Durch Schuld +des Vaters?--So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen +seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er +dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen." + +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; +und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor +ein Geheimnis der Vergangenheit. + +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich +vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche +gleich daneben hingen, war mir selbst schon klargeworden; +daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler +altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich freilich +jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher +in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und +wie er geheißen habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. +Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein +Malerzeichen. + +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb +der gute Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später +ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; +ich hatte keine Veranlassung mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.--Da, +als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, +daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei +guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen Jugendzeit +gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen +fiel, die verhochdeutscht etwa lauten würde: + +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt, +Also sind auch die Menschenkind. + +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; +denn ich hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit +mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. +Fast unwillkürlich trat ich in das Haus; und in der Tat, es fand +sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. Die Stube ihrer +alten "Möddersch" (Mutterschwester)--so sagte mir der freundliche +Meister--, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, habe seit +Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen +Gast dafür gewünscht. + +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein +ziemlich niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen +beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen +Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte der Meister, seien zwei +uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie schlagen lassen, +da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. + +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während +wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des +Zimmers sprachen, war mein Blick auf ein im Schatten eines +Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, das plötzlich meine ganze +Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten und stellte +einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie +diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche +sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem +Kriegshandwerke beschäftigten. + +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich +gemalt er immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in +mir hervorgebracht; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben +in den Arm gelegt, der in seiner kleinen, schlaff herabhängenden +Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen Knaben kannte ich ja +längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. + +"Woher ist dieses Bild?" frug ich endlich, da mir plötzlich +bewußt wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner +Auseinandersetzung innegehalten hatte. + +Er sah mich verwundert an. "Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch", erwiderte er; "es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es +sind noch andre Siebensachen von ihm da." + +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, +auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich +eingeschnitten waren. + +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel +der Deckel zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark +vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen. + +"Darf ich die Blätter lesen?" frug ich. + +"Wenn's Ihnen Pläsier macht", erwiderte der Meister, "so mögen Sie +die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte Schriften; +Wert steckt nicht darin." + +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen +Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich +mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl +setzte, verließ der Meister das Zimmer, zwar immer noch erstaunt, +doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend, daß seine +Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren werde. + +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. + + +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage +Cantate war es Anno 1661!--Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke +hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich +fürbaß, die Straße durch den maiengrünen Buchenwald, der von der +See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her flogen ab und zu ein paar +Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, so in den +tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den +Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte. + +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand +seinen Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein +theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer +Aufenthalts mir zugewendet, war ich aller Sorge quitt geworden; +einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch +itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: mein Haar +fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher +Degen fehlte nicht an meiner Hüfte. + +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn +Gerhardus, meinen edlen großgünstigen Protector, wie er von der +Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd' entgegenstrecken, mit +seinem milden Gruße: "So segne Gott deinen Eingang, mein Johannes!" + +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige +Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war +auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, +so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen, +wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung +einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather +gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater +doch stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen +seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu +verhoffen, angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel +aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter +dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer Meister +van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. + +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf +seinem Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu +danken; denn, derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, +war daheim die Kriegsgreuel über das Land gekommen; so zwar, daß +die Truppen, die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum +Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst gehauset, ja +selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun +zwar Friede; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; +manch Bauern- oder Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem +Trunke süßer Milch bewirthet, hatte ich auf meiner Morgenwanderung +niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem +Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen +trieb. + +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur +Verlangen, wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen +möchte, daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe; +dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel, das vom +Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte. Wohl aber +tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den Junker +Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein +edler Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber +angesehen; und manches Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben +Vaters Tode, im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte, hatte er +mir die schönen Tage vergället und versalzen. Ob er anitzt in +seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und +Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit +rechter Holstentreue nicht zu reimen ist. + +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den +Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe +nahe liegt. Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft +des Harzes; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen +Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen +eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte ich zwischen den +zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz hinaufführen. + +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn +alle Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein +umher, und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd +Lerchensingen. Und siehe, dort auf der Koppel, wo der Hofmann +seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und +flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft. + +"Grüß dich Gott!" sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es +sich nachmals fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende +Buße meines Lebens beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. +Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen +einzig Geschwister. + +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum +ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein +neunjährig Dirnlein, die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; +ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat ich eines Morgens +aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein +Schlafkämmerlein eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen +zugerichtet, mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen, +und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren genug bei dem +Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen. + +"Weißt du, Johannes", sagte sie; "ich zeig dir ein Vogelnest; dort +in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du +ja nicht schießen!" + +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem +Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille +stehn. "Der Buhz, der Buhz!" schrie sie und schüttelte wie +entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft. + +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen +Baumes saß und hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein +erhaschen möge. "Der Buhz, der Buhz!" schrie die Kleine wieder. +"Schieß, Johannes, schieß!"--Der Kauz aber, den die Freßgier taub +gemacht, saß noch immer und stierete in die Höhlung. Da spannte +ich meinen Eschenbogen und schoß, daß das Raubthier zappelnd auf +dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd +Vöglein in die Luft. + +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit +einander; in Wald und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. +Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen; das war der Kurt +von der Risch, dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen +Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, mit dem Herr +Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und +Katharinen angewiesen; insonders aber schien das braune +Herrentöchterlein ihm zu gefallen. Doch war das schier umsonst; +sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die ihm, wie bei fast +allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen zwei +merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern +gewahrte, so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. "Johannes, +der Buhz, der Buhz!" Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen +oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich +in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern +des Gartens hinanzieht. + +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals +zwischen uns zum Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn +stark war, der Vortheil meist in meinen Händen blieb. + +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner +Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier +verweilte, war Katharina schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes +Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen; in ihren Augen, wenn +sie die Wimpern hob, war oft ein spielend Leuchten, das mich schier +beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur +Obhut beigegeben, so man im Hause nur "Bas' Ursel" nannte; sie ließ +das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen +Tricotage neben ihr. + +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken +mit beiden auf und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, +mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, +den Gang zu uns herauf; und siehe da, es war der Junker Kurt, mein +alter Widersacher. Ich merkte allsogleich, daß er noch immer bei +seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch daß insonders dem alten +Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein "Herr Baron" auf +alle Frag' und Antwort; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer +widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft; mich +aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig "Er" +oder kurzweg auch "Johannes", worauf der Junker dann seine runden +Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich herab, +obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. + +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, +sondern ging sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und +Antwort gebend; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein +spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich dachte: 'Getröste dich, +Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft!' +Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor +noch an Herrn Gerhardus' Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie +ich, gleich wie vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig +Haarraufen beginnen möchte, kam plötzlich Katharina wieder +zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den Beeten und +flüsterte mir zu: "Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht einem +jungen Adler gleich; Bas' Ursel hat's gesagt!" Und fort war sie +wieder, eh ich mich's versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! +Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei +den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. +Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet. + +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er +zeigte mir auf einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise +nach Amsterdam zu machen habe, übergab mir Briefe an seine Freunde +dort und sprach dann lange mit mir, als meines lieben seligen +Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu +gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg +nehmen wollte. + +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß +Katharina an einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena +gedenken, wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön +erschien mir der junge Nacken, den das Mädchen eben über ihre +Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr gegenüber saß Bas' +Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche. Da +ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. "Nun, Johannes", +sagte sie, "Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch dem +Fräulein gleich Seine Reverenze machen!"--Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, +traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und +sie sagte nur: "Leb wohl, Johannes!" Und so ging ich fort. + + +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und +Ranzen schon für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den +Eichbäumen auf die Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne +ich nicht recht fort, als hätt ich einen Abschied noch zu Gute, und +stand oft still und schaute hinter mich. Ich war auch nicht den +Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam +vor mir das Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn +mich die Nacht nicht überfallen sollte. "Ade, Katharina, ade!" +sagte ich leise und setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. + +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet--in +stürmender Freude stund das Herz mir still--, plötzlich aus dem +Tannendunkel war sie selber da; mit glühenden Wangen kam sie +hergelaufen, sie sprang über den trocknen Weggraben, daß die Fluth +des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz entstürzete; und so fing +ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, noch mit dem +Odem ringend, schaute sie mich an. "Ich--ich bin ihnen +fortgelaufen!" stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in +meine Hand drückend, fügte sie leis hinzu: "Von mir, Johannes! Und +du sollst es nicht verachten!" Auf einmal aber wurde ihr +Gesichtchen trübe; der kleine schwellende Mund wollte noch was +reden, aber da brach ein Thränenquell aus ihren Augen, und +wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. Ich +sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der +Ferne hörte ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. +Es war so still, die Blätter konnte man fallen hören. Als ich +das Päckchen aus einander faltete, da war's ihr güldner +Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein Zettlein lag dabei, +das las ich nun beim Schein des Abendrothes. "Damit du nicht in +Noth gerathest", stund darauf geschrieben.--Da streckt ich meine +Arme in die leere Luft: "Ade, Katharina ade, ade!"--wohl hundertmal +rief ich es in den stillen Wald hinein;--und erst mit sinkender +Nacht erreichte ich die Stadt. + +--Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.--Wie würd ich heute +alles wiederfinden? + +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten +Linden, hinter deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des +Herrenhauses itzt verborgen lagen. Als ich aber durch den Thorweg +gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei fahlgraue Bullenbeißer mit +Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie erhuben ein +erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen +Willkommen hatte ich noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem +Glück, rief aus den Kammern ober dem Thore eine rauhe, aber mir gar +traute Stimme. "Hallo!" rief sie; "Tartar, Türk!" Die Hunde ließen +von mir ab, ich hörte es die Stiege herabkommen, und aus der Thür, +so unter dem Thorgang war, trat der alte Dieterich. + +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde +gewesen sei; denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine +sonst so lustigen Augen blickten gar matt und betrübsam auf mich +hin. "Herr Johannes!" sagte er endlich und reichte mir seine +beiden Hände. + +"Grüß Ihn Gott, Dieterich!" entgegnete ich. "Aber seit wann haltet +Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?" + +"Ja, Herr Johannes", sagte der Alte, "die hat der Junker +hergebracht." + +"Ist denn der daheim?" Der Alte nickte. + +"Nun", sagte ich, "die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom Krieg +her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben." + +"Ach, Herr Johannes!" Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. "Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!" + +Ich sah ihn an, sagte aber nur: "Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab +dergleichen auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der +gute Herr im Schloß wird helfen, seine Hand ist offen." + +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder +anknurreten, auf den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in +den Weg. "Herr Johannes", rief er, "ehe Ihr weiter gehet, höret +mich an! Euer Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post +von Hamburg kommen; aber den rechten Leser hat es nicht mehr finden +können." + +"Dieterich!" schrie ich. "Dieterich!" + +"--Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn +unser theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, +und die Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders +werden auf dem Hofe; aber--ich bin ein höriger Mann, mir ziemet +Schweigen." + +Ich wollte fragen: "Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!" +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. + +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine +kleine Kapelle, die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt +war. Dort also sollte ich Herrn Gerhardus suchen. + +Ich fragte den alten Hofmann: "Ist die Kapelle offen?", und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über +den Hof, wo niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam +oben aus den Lindenwipfeln. + +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen +trat ich ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der +Kerzen warf ihr flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten +Herrn; die Fremdheit des Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er +itzt eines andern Lands Genosse sei. Indem ich aber neben dem +Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über den Rand des +Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. + +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen +herzlich zu mir auf, und es war fast wie ein Freudenruf. "O +Johannes, seid Ihr's denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!" Und +über dem Sarge hatten unsere Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es +war Katharina, und sie war so schön geworden, daß hier im Angesicht +des Todes ein heißer Puls des Lebens mich durchfuhr. Zwar, das +spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in der Tiefe; +aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. + +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: "Wohl kam +ich in der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst +zu danken, ihm manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und +lehrreich Wort zu hören. Laßt mich denn nun die bald vergehenden +Züge festzuhalten suchen." + +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu +mir hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf +einem von den Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz +nachzubilden. Aber meine Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine +vor der Majestät des Todes. + +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich +für die des Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie +nach einem Fußtritt oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und +einen Fluch von einer andern Stimme, die mir gleicherweise bekannt +deuchte. + +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten +Augen nach dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte +gingen vorüber. Da erhub sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, +wie des Vaters Antlitz unter meinem Stift entstund. Nicht lange, +so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in demselben +Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. + +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte +den Junker Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth +und aufgedunsen schien. + +"Was huckst du allfort an dem Sarge!" rief er zu der Schwester. +"Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!" + +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen +kleinen Augen an. "Wulf", sagte Katharina, indem sie mit mir zu +ihm trat; "es ist Johannes, Wulf" + +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er +musterte nur mein violenfarben Wams und meinte: "Du trägst da +einen bunten Federbalg; man wird dich 'Sieur' nun tituliren +müssen!" + +"Nennt mich, wie's Euch gefällt!" sagte ich, indem wir auf den Hof +hinaustreten. "Obschon mir dorten, von wo ich komme, das 'Herr' +vor meinem Namen nicht gefehlet--Ihr wißt wohl, Eueres Vaters Sohn +hat großes Recht an mir." + +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: "Nun wohl, so +magst du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und +soll dazu der Lohn für deine Arbeit dir nicht verhalten sein." + +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst +vorausbekommen; da aber der Junker entgegnete, er werd es halten, +wie sich's für einen Edelmann gezieme, so fragte ich, was für +Arbeit er mir aufzutragen hätte. + +"Du weißt doch", sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte--"wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben." + +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite +ging, gleich einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich +entgegnete ruhig: "Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr +denn, Junker Wulf?" + +"Ich meine", sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +"daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!" + +Mich durchfuhr's fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über +den Ton oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem +Beginnen sei itzt kaum die rechte Zeit. + +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick +mir zuflog, so antwortete ich: "Wenn Eure edle Schwester es mir +vergönnen will, so hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines +Meisters Lehre keine Schande anzuthun. Räumet mir nur wieder mein +Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten Dieterich, so soll +geschehen, was Ihr wünschet." + +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie +möge einen Imbiß für mich richten lassen. + +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber +ich verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war +plötzlich eine Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, +sie könne mit jedem Wort hervorbrechen. So war ich auch der zwo +grimmen Köter nicht gewahr worden, die dort am Brunnen sich auf den +heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, sprangen sie auf +und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie +heulend ihm zu Füßen krochen. "Beim Höllenelemente", rief er +lachend, "zwo tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder +Flandrisch Tuch!" + +"Nun, Junker Wulf"--ich konnte der Rede mich nicht wohl enthalten--, +"soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, so möget +Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!" + +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar +Mal in seinen Zwickelbart. "Das ist nur so ihr Willkommensgruß, +Sieur Johannes!" sagte er dann, indem er sich bückte, um die +Bestien zu streicheln. "Damit jedweder wisse, daß ein ander +Regiment allhier begonnen; denn--wer mir in die Quere kommt, den +hetz ich in des Teufels Rachen!" + +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich +hoch aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den +Hof dem Thore zu. + +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, +die unter dem Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die +Freitreppe zu dem Herrenhaus emporstieg; ebenso schweigend gingen +wir mitsammen die breiten Stufen in das Oberhaus hinauf, allwo wir +in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer traten.--Hier war noch alles, +wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten Ledertapeten, die +Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den Regalen, +über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael--und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben +daran haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des +Entschlafenen, so schien auch dies Gemach mir itzt entseelet und, +obschon vom Walde draußen der junge Lenz durchs Fenster leuchtete, +doch gleichsam von der Stille des Todes wie erfüllet. + +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da +ich mich umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, +und ich sah, wie unter den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt +hielt, ihre Brust in ungestümer Arbeit ging. "Nicht wahr", sagte +sie leise, "hier ist itzt niemand mehr; niemand als mein Bruder und +seine grimmen Hunde?" + +"Katharina!" rief ich; "was ist Euch? Was ist das hier in Eueres +Vaters Haus?" + +"Was es ist, Johannes?" Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. +"Nein, nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! +Aber dann--du sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang +hier verweilen--dann, Johannes, hilf mir; um des Todten willen, +hilf mir!" + +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel +ich vor der Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle +meine Kräfte zu. Da lösete sich ein sanfter Thränenquell aus ihren +Augen, und wir saßen neben einander und sprachen lange zu des +Entschlafenen Gedächtniß. + +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch +dem alten Fräulein nach. + +"Oh", sagte Katharina, "Bas' Ursel! Wollt Ihr sie begrüßen? Ja, +die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich." + +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf +den Beeten vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der +Erde brachen. Bas' Ursel saß, in der schwarzen Tracht und +Krepphaube nur wie ein schwindend Häufchen anzuschauen, in einem +hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor sich, das, wie sie +nachmals mir erzählte, der Herr Baron--nach seines Vaters Ableben +war er solches itzund wirklich--ihr aus Lübeck zur Verehrung +mitgebracht. + +"So", sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, "ist Er +wieder da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c'est un jeu +très-compliqué!" + +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +"Ei", meinte sie, "Er ist gar stattlich angethan; aber weiß Er denn +nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?" + +"Ich weiß es, Fräulein", entgegnete ich; "aber da ich in das Thor +trat, wußte ich es nicht." + +"Nun", sagte sie und nickte gar begütigend; "so eigentlich gehöret +Er ja auch nicht zur Dienerschaft." + +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich +jeder Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der +alten Dame die Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von +dem Thürmchen, das draußen an der Mauer aufstieg, hatte sich nach +dem Fenster hingesponnen und wiegete seine grünen Ranken vor den +Scheiben. + +Aber Bas' Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, +die itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne +ohnedem den Schlaf nicht finden; und dann auch sei es schier zu +abgelegen; das Gesinde sei von hier aus nicht im Aug zu halten; im +Garten draußen aber passire eben nichts, als etwan, wann der +Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. + +--Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, +es sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. + +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem +alten Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir +auf seiner Tragkist, und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, +von ihm erzählen. Er rauchte dann wohl eine Pfeife Tabak, welche +Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in Gang gekommen war, und +holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie durch die +fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen +Katharina gebracht und er erst nicht hatt ein Ende finden können, +brach er gleichwohl plötzlich ab und schauete mich an. + +"Wisset Ihr, Herr Johannes", sagte er, "'s ist grausam schad, daß +Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da drüben!" + +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit +seiner harten Hand mir auf die Schulter, meinend: "Nun, nun, Herr +Johannes; 's war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich +bleiben, wo uns der Herrgott hingesetzet." + +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, +fragete aber nur, was der von der Risch denn itzund für ein Mann +geworden. + +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen +Pfeiflein, als ob das theure Kraut am Feldrain wüchse. "Wollet +Ihr's wissen, Herr Johannes?" begann er dann. "Er gehöret zu denen +muntern Junkern, die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die +Knöpfe von den Häusern schießen; Ihr möget glauben, er hat +treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so gut zu +spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin +den Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht +mit seinem Degen aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich +Wams und Hosen anzuthun. Statt der Sonnen stand aber der Mond am +Himmel, es war octavis trium regum und fror Pickelsteine; und hat +also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, im +blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!--Wollet Ihr +mehr noch wissen, Herr Johannes?--Zu Haus bei ihm freuen sich die +Bauern, wenn der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und +dennoch--aber nach seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, +Ihr wisset's wohl, hat schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt." + +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon +mit seinem Spruche: "Aber ich bin nur ein höriger Mann", seiner +Rede Schluß gemacht. + +--Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt +gekommen, wo ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich +anitzt, wie es sich ziemete, in dunkler Tracht einherging. Die +Tagesstunden aber wandte ich zunächst in meinen Nutzen. Nämlich, +es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen Herrn Gemach +ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem +Kamin ein Platz zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern +des Herrn Gerhardus, meist ernst und sicher blickende Männer und +Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl vertrauen konnte; er +selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh verstorbene +Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, +in seiner kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem +Pinsel die Züge meines edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in +verengtem Maßstabe und nur mir selber zum Genügen; doch hat es +später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das noch itzt hier +in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines Alters +ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. + +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den +schönen Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden +Eltern wieder: des Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; +wo aber war hier der harte Mundwinkel, das kleine Auge des Junker +Wulf?--Das mußte tiefer aus der Vergangenheit heraufgekommen sein! +Langsam ging ich die Reih der älteren Bildnisse entlang, bis über +hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im schwarzen, von den +Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich schon +als Knabe, als ob's mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen +sahen kalt und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte +zwischen dem Weißen Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar +wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich vor der so lang schon +heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: 'Hier, diese +ist's! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und +drüber rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der +Geschlechter fort; dann, längst vergessen, taucht es plötzlich +wieder auf, den Lebenden zum Unheil. Nicht vor dem Sohn des edlen +Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes nachgeborenem Sprößling +soll ich Katharinen schützen.' Und wieder trat ich vor die +beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. + +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die +Sonnenstäublein spielten, unter den Schatten der Gewesenen. + +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und +den Junker Wulf zur Seiten; aber wofern Bas' Ursel nicht in ihren +hohen Tönen redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, +so daß mir oft der Bissen im Munde quoll. Nicht die Trauer um den +Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern es lag zwischen Bruder und +Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten zwischen ihnen. +Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, entfernte +sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke +festzuhalten; hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus +wollte über mein gestecktes Maß, überdem wider allerart Flosculn zu +wehren, welche gegen mich gespitzet wurden. + +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, +geschahe die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche +des Dorfes, allwo das Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine +bei denen seiner Voreltern ruhen, mit denen der Höchste ihnen +dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! + +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute +aus der Stadt und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen +aber fast wenige und auch diese nur entfernte, maßen der Junker +Wulf der Letzte seines Stammes war und des Herrn Gerhardus Ehgemahl +nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch geschahe, daß in +der Kürze alle wieder abgezogen sind. + +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk +begönne, wozu ich droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu +belegenen Fenster mir schon den Platz erwählet hatte. Zwar kam +Bas' Ursel, die wegen ihrer Gicht die Treppen nicht hinauf konnte, +und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben oder im Gemach daran +geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich aber, +solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden +ihr nicht nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, +die Nebenfenster des Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu +stellen, so ich mit Hülfe Dieterichs mir selber in den letzten +Tagen angefertigt. + + +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, +öffnete sich die Thür aus Herrn Gerhardus' Zimmer, und Katharina +trat herein. Aus was für Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich +empfand, daß wir uns dießmal fast erschrocken gegenüber standen; +aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht abgeleget, schaute das +junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. + +"Katharina", sagte ich, "Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß malen; +duldet Ihr's auch gern?" + +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte +leise: "Warum doch fragt Ihr so, Johannes?" + +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. "Nein, nein, +Katharina! Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?--Setzet +Euch, damit wir nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! +Oder vielmehr, ich weiß es schon. Ihr braucht mir's nicht zu +sagen!" + +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. "Denket Ihr +noch, Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen +niederschosset? Das thut dießmal nicht noth, obschon er wieder ob +dem Neste lauert; denn ich bin kein Vöglein, das sich von ihm +zerreißen läßt. Aber, Johannes--ich habe einen Blutsfreund--, hilf +mir wider den!" + +"Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!" + +--"Ich habe keinen andern.--Dem Manne, den ich hasse, will er mich +zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich +den schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg +hab ich's ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; +aber ich weiß, auch das wird er nicht halten." + +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus' +einzigen Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und +Zuflucht anzugehen sei. + +Katharina nickte. "Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?-- +Geschrieben habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, +und auch erfahren habe ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth +meines Bruders, die selbst das Ohr des Sterbenden erfüllet hätte, +wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der Welt; aber der +gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket." + +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, +und ich begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen +wir zu ruhiger Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter +vorgeschritten, nach Hamburg mußte, um bei dem Holzschnitzer einen +Rahmen zu bestellen, so stelleten wir fest, daß ich alsdann den +Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft ausrichtete. +Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. + +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der +Junker mußte es schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; +gleichwohl--hieß nun sein Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder +glaubte er mit seiner ersten Drohung mich genug geschrecket--, was +ich besorget, traf nicht ein; Katharina und ich waren am ersten wie +an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar trat er ein +und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der +Risch an seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, +bat ich sie, auf ihrem Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. +Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen fremden Gruß mit ihm +getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht gezeigt; +nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne +Worte, meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr +vermummt und nicht vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf +den Nacken habe wallen lassen; wie es ein Engelländischer Poet so +trefflich ausgedrücket, "rückwärts den Winden leichte Küsse werfend." +Katharina aber, die bisher geschwiegen, wies auf Herrn Gerhardus' +Bild und sagte: "Ihr wisset wohl nicht mehr, daß das mein Vater +war!" + +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; +meine Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur +gleich einer Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand +malete. Von letzterem begann er über meinen Kopf hin dieß und +jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht mehr Antwort gab, so +nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. + +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen +Blick gleich einer Messerspitze nach mir zücken. + +--Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der +Jahreszeit rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den +Waldkoppeln draußen der Roggen in silbergrauem Blust, und unten im +Garten brachen schon die Rosen auf; wir beide aber--ich mag es heut +wohl niederschreiben--, wir hätten itzund die Zeit gern stille +stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit einem +Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte +ich kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr +erzählte und wie ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner +Pfennig mich in Krankheit einst vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem +Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie ich später dann +gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem Leihhaus +mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde +Antlitz auf, mir schien's, als sei es kaum mein eigenes Werk.-- +Mitunter war's, als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch +wollte ich es dann fassen, so floh es scheu zurück; und dennoch +floß es durch den Pinsel heimlich auf die Leinewand, so daß mir +selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie nie zuvor +und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.--Und +endlich war's doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen +sollte ich meine Reise antreten. + +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch +einmal mir gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; +wir sprachen ernst und sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich +noch hie und da den Pinsel an, mitunter meine Blicke auf die +schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, deren ich in +Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. + +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte +Frauenbildniß, das mir zur Seite hing und aus den weißen +Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf mich gerichtet hielt. +Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. + +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: "Ihr seid ja +fast erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?" + +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. "Kennet Ihr die, +Katharina? Diese Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen." + +"Die da?--Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und +gar bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die +Gemahlin eines früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat +sie hier gehauset." + +"Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter", entgegnete ich; "dies +Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen." + +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. "So heißt's auch", sagte +sie, "sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der +nachmals zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es +gewesen sein." + +"Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen +aus dem Boden." + +"Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich +noch immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht +sie erst hier an den Fenstern gleiten, dann draußen in dem +Gartensumpf verschwinden." + +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen +des Bildes. "Und weshalb", fragte ich, "verfluchete sie ihr Kind?" + +"Weshalb?"--Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich fast +verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. "Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl." + +--"War es denn ein gar so übler Mann?" + +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes +Rosenroth bedeckte ihr Antlitz. "Ich weiß nicht", sagte sie +beklommen; und leiser, daß ich's kaum vernehmen mochte, setzte sie +hinzu: "Es heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht +ihres Standes." + +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit +gesenkten Blicken; wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem +Schoße auf ihr Herz geleget, so wäre sie selber wie ein leblos Bild +gewesen. + +So hold es war, ich sprach doch endlich: "So kann ich ja nicht +malen; wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?" + +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da +war kein Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem +Herzen. "Katharina!" Ich war aufgesprungen. "Hätte jene Frau auch +dich verflucht?" + +Sie athmete tief auf "Auch mich, Johannes!"--Da lag ihr Haupt an +meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der +Ahnfrau, die kalt und feindlich auf uns niederschauete. + +Aber Katharina zog mich leise fort. "Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!" sagte sie.--Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich +mühselig die Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns +deshalb wieder an unsern Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette +zur Hand genommen hatte, öffnete sich die Thür, und Bas' Ursel, die +wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an ihrem Stock hereingehustet. +"Ich höre", sagte sie, "Er will nach Hamburg, um den Rahmen zu +besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein Werk besehen!" + +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen +die allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft +Bedrang und Trübsal bringen. Als Bas' Ursel auf Katharinens Bild, +das sie bislang noch nicht gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, +zuckte sie gar stolz empor mit ihrem runzeligen Angesicht und frug +mich allsogleich: "Hat denn das Fräulein Ihn so angesehen, als wie +sie da im Bilde sitzet?" + +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht +bloß die Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an +unsern Augen oder Wangen ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn +ihre Blicke gingen spähend hin und wider. "Die Arbeit ist wohl +bald am Ende?" sagte sie dann mit ihrer höchsten Stimme. "Deine +Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange Sitzen hat dir +nicht wohl gedienet." + +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei +noch hie und da zu schaffen. + +"Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!-- +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!" + +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig +Kleinod mir entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; +kaum daß die braunen Augen mir noch einen stummen Abschied senden +konnten. + +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. +Auf einem Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der +Frühe aus dem Thorweg; als ich durch die Tannen ritt, brach einer +von des Junkers Hunden herfür und fuhr meinem Thiere nach den +Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle war; aber der +oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten +abends bei guter Zeit in Hamburg an. + +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen +Schnitzer, so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur +zusammenzustellen und in den Ecken die Zierathen daraufzuthun +brauchte. Wurden also handelseinig, und versprach der Meister, mir +das alles wohl verpacket nachzusenden. + +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar +vieles zu beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers +Störtebeker silberner Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der +Stadt genennet wird, und ohne den gesehen zu haben, wie es in einem +Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in Hamburg sei gewesen; +sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen Krallen und +Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg +wider die türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter +Reisender solcherlei Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war +doch mein Gemüthe, beides, von Sorge und von Herzenssehnen, allzu +sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei einem Kaufherrn noch +meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen Richtigkeit +getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. + +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im +Stifte bei der hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. +Ich erkannte in ihrer stattlichen Person allsogleich die +Schwester meines theueren seligen Herrn Gerhardus; nur, wie es sich +an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die Züge des +Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, +selbst nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und +hart Examen zu bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und +setzete sich zu ihrem Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein +ander Zimmer führen mußte, allwo man mich gar wohl bewirthete. + +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch +rechnete ich, obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns +bereits verspürete, noch gegen Mitternacht beim alten Dieterich +anzuklopfen.--Das Schreiben, das die alte Dame mir für Katharinen +mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem Ledertäschlein unterm +Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die aufsteigende +Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. + +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub +sich der Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das +Geißblatt; in Luft und Laub schwebete ungesehen das kleine +Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem schnaubenden Gaule +an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des +Schwanes in seiner unberührten Herrlichkeit. + +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus' Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, +welches seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. +Denn ich gedachte, daß der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen +Handwagen habe; mit dem solle er morgen einen Boten in die Stadt +schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; ich aber +wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu +bestellen. + +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den +grünlichen Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern +mich hier umflogen. Und schon ragete groß und finster die Kirche +vor mir auf, in deren Mauern Herr Gerhardus bei den Seinen ruhte; +ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer ausholete, und von +der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. 'Aber +sie schlafen alle', sprach ich bei mir selber, 'die Todten +in der Kirchen oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf +dem Kirchhof, die Lebenden noch unter den niedern Dächern, die +dort stumm und dunkel vor dir liegen.' So ritt ich weiter. Als +ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens Krug +gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf +den Weg hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir +entgegen. + +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu +und brachte meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die +Tenne trat, war es gedrang voll von Menschen, Männern und Weibern, +und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie ich solches, auch +beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz +schwebten, hob manch bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, +dem man lieber nicht allein im Wald begegnet wäre.--Aber nicht nur +Strolche und Bauerbursche schienen hier sich zu vergnügen; bei den +Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen saßen, stund +der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen Arm, +an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein +schien ihm nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen +aus den Händen, warf eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und +verlangte, daß sie ihm den neumodischen Zweitritt aufspielen +sollten. Als dann die Musikanten ihm gar rasch gehorchten und wie +toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach Platz und +schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor +dem Geier. + +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem +Wirth zu reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte +den alten Ottsen neben sich, welchen er mit allerhand Späßen in +Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm seinen Zins zu steigern, und +schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete Mann gar jämmerlich +um Gnad und Nachsicht supplicirte.--Da er mich gewahr worden, ließ +er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; +ich aber antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde +der Rahmen in Kürze in der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn +mit seinem Handwäglein leichtlich möge holen lassen. + +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von +der Risch hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen +kühlen Trunk zu schaffen. Der Junker Wulf aber, dem bereits die +Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn am Arm und riß ihn auf den +leeren Stuhl hernieder. + +"Nun, Kurt!" rief er. "Bist du noch nicht satt von deinen Dirnen! +Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein +ehrbar hazard mitsammen!" Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm +Wams hervorgezogen. "Allons donc!--Dix et dame!--Dame et valet!" + +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; +nur wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.-- +Der Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem +von der Risch schlug nach einander jede Karte fehl. + +"Tröste dich, Kurt!" sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: + +"Glück in der Lieb +Und Glück im Spiel, +Bedenk, für einen +Ist's zu viel! + +"Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß +sie auswendig; da kriegst du's nach der Kunst zu wissen." + +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel +von Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch +und sah gar grimmig auf mich her. + +"Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!" sagte der Junker Wulf vergnüglich, +als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; "aber +getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg." + +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem +Spürhund bei der Witterung. "Von Hamburg heut?--So muß er Fausti +Mantel sich bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu +Mittag noch in Preetz! Im Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch +gewesen." + +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein +mit dem Brief verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers +Wulf lagen auf mir; und war mir's nicht anders, als sähe er damit +mein ganz Geheimniß offen vor sich liegen. Es währete auch nicht +lange, so flogen die Karten klatschend auf den Tisch. "Oho!" +schrie er. "Im Stift, bei meiner Base! Du treibst wohl gar +doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?" + +"Ihr nicht, Junker Wulf!" entgegnet ich; "und das muß Euch genug +sein!"--Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht da; +fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da +ich vorhin den Gaul zu Stalle brachte. + +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: "Reiß +ihm das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du +findest eine saubere Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet +sehen!" + +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der +Risch an meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. +Ich fühlte wohl, daß ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht +mehr über würde; da aber fügete es sich zu meinem Glücke, daß ich +ihm beide Handgelenke packte und er also wie gefesselt vor mir +stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten lassen; +als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, +daß er's mit seinem Todfeind vor sich habe. + +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von +seinem Stuhl empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; +mochte aber zu viel des Weins genossen haben, denn er taumelte auf +seinen Platz zurück. Da schrie er, so laut seine lallende Zunge es +noch vermochte: "He, Tartar! Türk! Wo steckt ihr! Tartar, Türk!" +Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, so ich vorhin auf der +Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die nackte Kehle +springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings +meinen Feind zu Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem +Zimmer, die ich schmetternd hinter mir zuwarf, und gewann also das +Freie. + +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst +zu gehen, sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das +Feld dem Walde zu. Da ich ihn bald erreichet, suchte ich die +Richtung nach dem Herrenhofe einzuhalten; denn es zieht sich die +Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war die Helle der +Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das +Täschlein sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig +vorwärts; denn ich gedachte den Rest der Nacht noch einmal in +meiner Kammer auszuruhen, dann aber mit dem alten Dieterich zu +berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich wohl sahe, daß +meines Bleibens hier nicht fürder sei. + +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem +Abgang wohl die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten +Vorsprung mir gewonnen haben: von den Hunden war kein Laut +vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem Schatten auf eine vom +Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern die +Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin +richtete ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten +hier herum nur in den Hecken des Herrengartens ihre Nester; +erkannte nun auch, wo ich mich befand, und daß ich bis zum Hofe +nicht gar weit mehr hatte. + +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir +aus dem Dunkel drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, +das jählings näher kam und mir das Blut erstarren machte. Nicht +zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen durch das Unterholz; sie +hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich deutlich hinter +mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub des +Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem +Schatten der Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines +Fliederbaums Geäste schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im +Garten immer noch die Nachtigallen; die Buchenhecken warfen tiefe +Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor meiner Ausfahrt +in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. "Sieh dir's noch +einmal an, Johannes!" hatte dermalen er gesprochen; "es könnt +geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor +geschrieben stünde;--ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier +vergäßest." + +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; +denn nun war ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich +die Hunde des Junker Wulf gar grimmig draußen an der Gartenmauer +rennen. Selbige aber war, wie ich noch tags zuvor gesehen, nicht +überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier hinüber konnte; und +rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten Hecken und +drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der +Gartenmauer scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, +der sich mit starkem Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann +die Hunde aus den Hecken auf den mondhellen Platz hinaus raseten, +war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem Anspringen mich nicht +mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der Schulter +geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. + +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben +schwächere Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte +suchend um mich, ob ich nicht irgend besseren Halt gewinnen möchte; +aber es war nichts zu sehen als die dunklen Epheublätter um mich +her.--Da, in solcher Noth, hörete ich ober mir ein Fenster öffnen, +und eine Stimme scholl zu mir herab--möchte ich sie wieder hören, +wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem Erdenthal!-- +"Johannes!" rief sie; leis, doch deutlich hörete ich meinen Namen, +und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, indeß +die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.--"Katharina! Bist du es wirklich, Katharina?" + +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich +gegen das offene Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll +Entsetzen in die Tiefe starrten. + +"Komm!" sagte sie. "Sie werden dich zerreißen." Da schwang ich +mich in ihre Kammer.--Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster +stund, und hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten +ihres Haares lagen über dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß +hinab; der Mond, der draußen die Gartenhecken überstiegen hatte, +schien voll herein und zeigete mir alles. Ich stund wie fest +gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein eigen +schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der +Schönheit. Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu +ihr: "Katharina, liebe Katharina, träumet Ihr denn?" + +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: "Ich glaub wohl +fast, Johannes!--Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!" + +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, +fuhr sie erschreckt empor. "Die Hunde, Johannes!" rief sie. "Was +ist das mit den Hunden?" + +"Katharina", sagte ich, "wenn ich Euch dienen soll, so glaub ich, +es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal +durch die Thür in dieses Haus gelangen sollte." Dabei hatte ich den +Brief aus meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie +ich im Kruge drunten mit den Junkern sei in Streit gerathen. + +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann +schaute sie mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir +uns morgen in dem Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina +sollte noch zuvor erkunden, auf welchen Tag des Junker Wulfen +Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet sei. + +"Und nun, Katharina", sprach ich, "habt Ihr nicht etwas, das einer +Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit +ich der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?" + +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. "Was sprichst du, +Johannes!" rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß +geruhet, griffen nach den meinen. "Nein, nicht fort, nicht fort! +Da drunten ist der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!" + +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und +wir umfingen uns in großer Herzensnoth. "Ach, Käthe", sprach ich, +"was vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht +wäre; ich bin kein Edelmann und darf nicht um dich werben." + +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie +Schelmerei aus ihrem Munde: "Kein Edelmann, Johannes?--Ich dächte, +du seiest auch das! Aber--ach nein! Dein Vater war nur der Freund +des meinen--das gilt der Welt wohl nicht!" + +"Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier", entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; "aber drüben in +Holland, dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen +Edelmann; die Schwelle von Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam +ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu überschreiten. Man hat mich +drüben halten wollen, mein Meister van der Helst und andre! Wenn +ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; dann--wir kommen +dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere wüsten +Junker!" + +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete +mich und sagte leise: "Da ich in meine Kammer dich gelassen, so +werd ich doch dein Weib auch werden müssen." + +--Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine +Adern goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.--Von +dreien furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein +verfolgter Mann, lag nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes +Schoß. + +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings +stille, und da es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und +wild davon rennen. + +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der +Athem stille stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, +dann zugeschlagen und dann ein Riegel vorgeschoben. "Das ist Wulf", +sagte Katharina leise; "er hat die beiden Hunde in den Stall +gesperrt."--Bald hörten wir auch unter uns die Thür des Hausflurs +gehen, den Schlüssel drehen und danach Schritte in dem untern +Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine Kammer hatte. +Dann wurde alles still. + +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern +war es mit einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf +zurückgelehnt; nur unser beider Herzen hörete ich klopfen.--"Soll +ich nun gehen, Katharina?" sprach ich endlich. + +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich +ging nicht. + +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der +Nachtigallen und von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten +um die Hecken fließt.-- + + +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die +schöne heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen +Menschenherzen zu verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. +Der Mondschein war am Himmel ausgethan, ein schwüler Ruch von +Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten überm Walde spielete +die Nacht in stummen Blitzen.--O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern? + +--Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne +krähten, und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen +hielt, die mich nicht lassen wollte, unachtend, daß überm Garten +der Morgen dämmerte und rothen Schein in unsre Kammer warf. Dann +aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie von Todesangst +geschreckt, mich fort. + +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das +Gesind zu Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald +uns treffen; und dann--ich wußte selber kaum, wie mir's geschehen-- +stund ich im Garten, unten in der kühlen Morgenluft. + +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel +aufhob, schaute ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum +Abschied winken. Nahezu erschrocken aber wurd ich, da meine Augen +bei einem Rückblick aus dem Gartensteig von ungefähr die unteren +Fenster neben dem Thurme streiften; denn mir war, als sähe hinter +einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie drohete nach +mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war's nur wie im Husch, daß +solches über meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins +von der wieder gehenden Urahne; redete mir dann aber ein, es seien +nur meine eigenen aufgestörten Sinne, die solch Spiel mir +vorgegaukelt hätten. + +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, +merkete aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; +sank auch der eine Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob +ihn was hinunterziehen wollte. 'Ei', dachte ich, 'faßt das +Hausgespenste doch nach dir!' Machte mich aber auf und sprang über +die Mauer in den Wald hinab. + +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; +hier um mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine +Sinne sich nicht lösen mochten.--Erst da ich nach geraumer Zeit vom +Waldesrande in das offene Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. +Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im silbergrauen Thau, und über +mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da schüttelte ich +all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: 'Was weiter nun, +Johannes? Du hast ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß +dein Leben nichts gilt als nur das ihre!' + +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn +Katharina im Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann +zurück nach Holland ginge, mich dort der Freundeshülf versicherte +und allsobald zurückkäm, um sie nachzuholen. Vielleicht, daß sie +gar der alten Base Herz erweichet'; und schlimmsten Falles--es +mußte auch gehen ohne das! + +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des +grünen Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom +Rathhausthurme Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem +Gewühl hervorbrechen und mich und meine schöne Frau mit hellem +Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem kleinen, aber trauten Heim +geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; und kräftiger +und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. + +--Es ist doch anders kommen. + +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und +trat hier in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings +hatte flüchten müssen.--"Ei, Meister Johannes", rief der Alte auf +der Tenne mir entgegen, "was hattet Ihr doch gestern mit unseren +gestrengen Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber +da ich wieder eintrat, flucheten sie schier grausam gegen Euch; und +auch die Hunde raseten an der Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß +geworfen hattet." + +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht +wohl begriffen habe, so entgegnete ich nur: "Ihr wisset, der von +der Risch und ich, wir haben uns schon als Jungen oft einmal +gezauset; da mußt's denn gestern noch so einen Nachschmack geben." + +"Ich weiß, ich weiß!" meinte der Alte; "aber der Junker sitzt heut +auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit +solchen Herren ist nicht sauber Kirschen essen." + +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot +und Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen +Degen holete, auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. + +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans +Ottsen, daß er den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen +lassen; und als er mir solches zugesaget, schritt ich wieder hinaus +zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle auf dem Heidenhügel, von +wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die Gartenhecken +ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann +in zu verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das +Vaterhaus nicht mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht +ganz entrathen solle; zog also meinen Stift herfür und begann zu +zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, woran ihr Auge einmal mocht +gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann in Amsterdam +gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. + +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie +zum Gruß ein zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich +die Lichtung auf, wo wir uns finden wollten, und streckte mich +nebenan im Schatten einer dichten Buche, sehnlich verlangend, daß +die Zeit vergehe. + +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte +von einem fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten +von dem Hofe sei. Die Sonne glühte schon heiß hernieder und +verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit die Lichtung überdeckt +war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns hier bei +unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann +ein seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den +Sträuchern ihre zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich +anschauend mit den seligen Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst +gesehen, wie ich sie nun gleich, im nächsten Augenblicke, schon +leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. + +Da plötzlich überfiel mich's wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? +Es war schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, +ich ging umher, ich stund und spähete scharf nach aller Richtung +durch die Bäume; die Angst kroch mir zum Herzen; aber Katharina kam +nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur oben in den +Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. + +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach +dem Hofe zu. Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, +begegnete mir Dieterich. "Herr Johannes", sagte er und trat hastig +auf mich zu, "Ihr seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; +sein Junge brachte mir Euren Gaul zurück;--was habet Ihr mit +unsern Junkern vorgehabt?" + +"Warum fragst du, Dieterich?" + +--"Warum, Herr Johannes?--Weil ich Unheil zwischen euch verhüten +möcht." + +"Was soll das heißen, Dieterich?" frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. + +"Ihr werdet's schon selber wissen, Herr Johannes!" entgegnete der +Alte. "Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor +einer Stund mag's gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der +im Garten an den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben +unser Fräulein ihre Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas' Ursel +mit unserem Junker dicht beisammen stehen. Er hatte die Arme +unterschlagen und sprach kein einzig Wörtlein; die Alte aber redete +einen um so größeren Haufen und jammerte ordentlich mit ihrer +feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, bald +hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.--Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket +wohl auf, hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit +drohete, dem Junker was vor Augen; und da ich näher hinsah, war's +ein Fetzen Grauwerk, just wie Ihr's da an Euerem Mantel traget." + +"Weiter, Dieterich!" sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. + +"Es ist nicht viel mehr übrig", erwiderte er; "denn der Junker +wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf +gewesen, die Augen hätten blutiger nicht funkeln können." + +Da frug ich: "Ist der Junker im Hause, Dieterich?" + +--"Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr Johannes?" + +"Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe." + +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. "Gehet +nicht, Johannes", sagte er dringend; "erzählet mir zum wenigsten, +was geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath +gewußt!" + +"Hernach, Dieterich, hernach!" entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. + +Der Alte schüttelte den Kopf. "Hernach, Johannes", sagte er, "das +weiß nur unser Herrgott!" + +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei +eben in seinem Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum +befragte. + +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst +betreten. Statt wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war +hier vielerlei Gewaffen, Handröhre und Arkebusen, auch allerart +Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; sonst war es ohne Zier und +zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und mit seinen +ganzen Sinnen hier verweile. + +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des +Junkers "Herein" die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu +mir wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren +Radschloß er hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den +Tollen käme. "So?" sagte er gedehnet; "wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn's nicht schon sein Gespenste ist!" + +"Ihr dachtet, Junker Wulf", entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, "es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in +Euere Kammer fahren!" + +--"So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!" + +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem +Sprunge lag, so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. +Jedennoch sprach ich: "Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, +Herr Junker!" + +Er aber unterbrach meine Rede: "Du wirst gewogen sein, mich +erstlich auszuhören! Sieur Johannes"--und seine Worte, die erst +langsam waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll--, "vor ein +paar Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel's mir bei +und reuete mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden +Hunde dir auf die Fersen gesetzet hatte;--seit aber Bas' Ursel mir +den Fetzen vorgehalten, den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,-- +beim Höllenelement! mich reut's nur noch, daß mir die Bestien +solch Stück Arbeit nachgelassen!" + +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker +schwieg, so dachte ich, daß er auch hören würde. "Junker Wulf", +sagte ich, "es ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin +kein geringer Mann in meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch +einmal den Größeren gleichzuthun; so bitte ich Euch geziementlich, +gehet Euere Schwester Katharina mir zum Ehgemahl--" + +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz +starrten mich die Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen +schlug mir in das Ohr, ein Schuß--dann brach ich zusammen und +hörete nur noch, wie mir der Degen, den ich ohn Gedanken fast +gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. + +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren +Sonnenschein auf einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, +mit matten Blicken nach dem Wald hinüberschauend, an dessen +jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. Meine thörichten +Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon +herbstlich gelben Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich +keine Kunde. + +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des +Junkers Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem +Weibe und einem mir unbekannten Chirurgus war während meines langen +Lagers niemand zu mir gekommen.--Von wannen ich den Schuß in meine +Brust erhalten, darüber hat mich niemand befragt, und ich habe +niemandem Kunde gegeben; des Herzogs Gerichte gegen Herrn +Gerhardus' Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, konnte nimmer mir +zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; noch +glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. + +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des +Junkers Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als +Lohn für Katharinens Bild, und ich hatte das Gold genommen, in +Gedanken, es sei ein Theil von deren Erbe, von dem sie als mein +Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu einem traulichen +Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte es mir +nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, +daß der Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von +niemandem weder in Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte +ich noch den Alten bitten, daß er dem Fräulein, wenn sich's treffen +möchte, meine Grüße sage, und daß ich bald nach Holland zu reisen, +aber bälder noch zurückzukommen dächte, was alles in Treuen +auszurichten er mir dann gelobete. + +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, +gegen den Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die +letzten Blätter von den Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; +langete auch schon nach kurzer Frist wohlbehalten in der +holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen Freunden gar +liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort +zurückgelassen, durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren +Meisters van der Helst beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet +waren. Ja, es war dessen noch nicht genug: ein mir schon früher +wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur auf mich +gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn +dafür versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, +daß dann genug des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um +auch ohne andere Mittel Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen +einzufahren. + +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes +war, mit allem Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner +Abreise gar fröhlich nah und näher rücken sahe, unachtend, mit was +vor üblen Anständen ich drüben noch zu kämpfen hätte. + +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.-- +Als nun das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen +willen mir zu Theil geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte +in der Arbeit meiner Schwäche nicht geachtet, die schlecht geheilte +Wunde warf mich wiederum danieder. Eben wurden zum Weihnachtsfeste +auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden aufgeschlagen, da begann +mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal gefesselt. +Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine +Kunde konnte von ihr, keine zu ihr kommen. + +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine +grünen Wellen schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber +statt des frohen Muthes nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an +Bord. Doch ging die Reise rasch und gut von Statten. + +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor +nun fast einem Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, +an dem noch kaum die ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon +die Finken und die Ammern ihren Lenzgesang; doch was kümmerten sie +mich heute!--Ich ging aber nicht nach Herrn Gerhardus' Herrengut; +sondern, so stark mein Herz auch klopfete, ich bog seitwärts ab und +schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund ich bald in +Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. + +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht +munter. "Nur", fügte er bei, "mit den Schießbüchsen müsset Ihr +nicht wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein +Malerpinsel." + +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, +hier allgemein verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach +dem alten Dieterich. + +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, +wie es so starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn +auch gelinden Todes verfahren sei. "Der freuet sich", sagte Hans +Ottsen, "daß er zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für +ihn auch besser so." + +"Amen!" sagte ich; "mein herzlieber alter Dieterich!" + +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft +von Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, +und ich sprach beklommen: "Was machet denn Euer Nachbar, der von +der Risch?" + +"Oho", lachte der Alte; "der hat ein Weib genommen, und eine, die +ihn schon zu Richte setzen wird." + +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, +daß er nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den +Namen nannte, so war's ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der +Nachbarschaft; forschete also muthig weiter, wie's drüben in Herrn +Gerhardus' Haus bestellet sei, und wie das Fräulein und der Junker +mit einander hauseten. + +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. "Ihr meinet +wohl", sagte er, "daß alte Thürm' und Mauern nicht auch plaudern +könnten!" + +"Was soll's der Rede?" rief ich; aber sie fiel mir centnerschwer +aufs Herz. + +"Nun, Herr Johannes", und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, "wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am +besten wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten +hier gewesen; nur wundert's mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; +denn Junker Wulf wird, denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen +Spiel gemachet haben." + +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig +worden; dann aber kam mir plötzlich ein Gedanke. "Unglücksmann!" +schrie ich, "Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina +sei mein Eheweib geworden?" + +"Nun, lasset mich nur los!" entgegnete der Alte--denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.--"Was geht's mich an! Es geht +die Rede so! Auf alle Fäll'; seit Neujahr ist das Fräulein im +Schloß nicht mehr gesehen worden." + +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich +wisse nichts von alledem. + +Ob er's geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, +es sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in +großer Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas' +Ursel das Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der +Mägde eine, so durch die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über +den Flur nach der Treppe haben gehen sehen; dann später hätten sie +deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus fahren hören, und seien seit +jener Nacht nur noch Bas' Ursel und der Junker in dem Schloß +gewesen. + +--Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll +nicht hier verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte +Geschwätz, davon Hans Ottsen mich die Probe schmecken lassen; darum +machete ich mich auf nach dem Stifte zu Herrn Gerhardus' Schwester; +aber die Dame wollte mich nicht vor sich lassen; wurde im übrigen +mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer bei ihr +gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich +also, daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein +Bittender vor meinen alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, +es möge wohl der Buhz das Vöglein sich geholet haben; er habe dem +nicht nachgeschaut; auch halte er keinen Aufschlag mehr mit denen +von Herrn Gerhardus' Hofe. + +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach +Hans Ottsens Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu +dringen, er würde mich noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.-- +Da bin ich in den Wald gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am +Weg auf ihn gelauert; die Eisen sind von der Scheide bloß geworden; +wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm wund gehauen und sein +Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit seinen bösen +Augen an; gesprochen hat er nicht.--Zuletzt bin ich zu längerem +Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. + +Es ist alles doch umsonst gewesen. + + +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir +liegt dein Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, +meiner Schwester sel. Enkelin, aus der Taufe heben.--Ich werde auf +meiner Reise dem Walde vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus' Hof +belegen ist. Aber das alles gehört ja der Vergangenheit. + +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der +Schreiber ein fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner +Freundschaft an frischer Gegenwart sein Herz erquickt habe. + +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte +nicht zweifeln, der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer +aber war jener tote Knabe, den ihm Meister Johannes hier so sanft +in seinen Arm gebettet hatte?--Sinnend nahm ich das zweite und +zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges unsicherer +erschienen. Es lautete wie folgt: + +Geliek as Rook un Stoof verswindt, +Also sind ock de Minschenkind. + +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem +Thürsims eines alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich +allzeit meine Augen dahin wenden, und auf meinen einsamen +Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange mein Begleiter +blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute +gleicherweise ob der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er +nach mir noch manchen, der vorübergeht, an die Nichtigkeit des +Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er eine Mahnung sein, +ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben +Schwester Sohn, der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit +meinem kleinen Erdengute dann auch mein Erdenleid dahinnehmen, so +ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, aller Liebe ohnerachtet, +dir nicht habe anvertrauen mögen. + +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der +Nordsee; maßen von einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der +Auftrag worden, die Auferweckung Lazari zu malen, welches Bild sie +zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß ihres Seligen, der +hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo es +denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu +schauen ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus +Axen, so früher in Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, +sein Conterfey von mir gemalet, so daß ich für eine lange Zeit +allhier zu schaffen hatte.--Mein Losament aber hatte ich bei meinem +einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das Secretariat +der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann lebte, +war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo +Linden an der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem +es durch meines lieben Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt +als alter Mann noch lebe und der Wiedervereinigung mit den +vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. + +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe +eingerichtet; es war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und +bekam alles gemacht und gestellet, wie ich es verlangen mochte. +Nur daß die gute Frau selber gar zu gegenwärtig war; denn +allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch zu mir +hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; +gar eines Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus +untermalet hatte, verlangte sie mit viel überflüssigen Worten, der +auferweckte Mann solle das Antlitz ihres Seligen zur Schau stellen, +obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht bekommen, von +meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe +Nasen im Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben +mag, dem unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten +müssen. Als dann von der Außendiele her wieder neue Kundschaft +nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf den Schank geklopfet, und +sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die Hand mit dem +Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, da +ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, +und wer da in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.-- +Und also rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; +als aber selbiger eine gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich +zu eigener Verwunderung gewahren, daß ich die Züge des edlen Herrn +Gerhardus in des Lazari Angesicht hineingetragen hatte. Aus seinem +Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie in stummer Klage gegen +mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der Ewigkeit +entgegentreten! + +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich +auf meine Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster +setzte und durch den Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt +hinabsah. Es gab aber groß Gewühl dort, und war bis drüben an die +Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles voll von Wagen und +Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, daß Gast +mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand +keine Brüchen zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren +rothen Jacken, die Mädchen von den Inseln mit ihren Kopftüchern und +feinem Silberschmuck, dazwischen die hochgethürmeten Getreidewagen +und darauf die Bauern in ihren gelben Lederhosen--dies alles mochte +wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, zumal wenn selbiger, wie +ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; aber die +Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war +es keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend +Leid kam immer gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit +wilden Krallen und sah mich gleichwohl mit holden Augen an. +Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden Markte; vor meinen +Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen ein +paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus +Träumen schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott +und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in +dieser Stunde, wo hatte meine Seele sie zu suchen?-- + + +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme +meinen Namen nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen +großen hageren Mann in der üblichen Tracht eines Predigers, obschon +sein herrisch und finster Antlitz mit dem schwarzen Haupthaar und +dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem Kriegsmann +angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen +Strümpfen und Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer +Hausthür zu, indem er selbst zumal durch das Marktgewühle von +dannen schritt. + +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich +hinab und lud den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, +darauf ich ihn genöthigt, mich gar genau und aufmerksam betrachtete. + +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und +erfuhr ich bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des +Pastors Bildniß in die Kirche stiften wolle. Ich forschete ein +wenig, was für Verdienst um die Gemeine dieser sich erworben hätte, +daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er doch seines Alters +halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster aber +meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes +einmal einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er +eben nicht, was Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen +allbereits die drei Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er +sagen müsse, vernommen hätten, ich verstünde das Ding gar wohl zu +machen, so sollte der guten Gelegenheit wegen nun auch der vierte +Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere sich nicht eben +viel darum. + +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten +auf eine Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen +aber wegen eingetretenen Siechthums desselbigen nicht beginnen +konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher nachzufragen. + +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar +gering, so daß ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen +Pfennigmaler, wie sie im Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten +für ihre heimgebliebenen Dirnen abzumalen; aber es muthete mich +plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in der goldnen +Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur +mit dem Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich +ginge, da hier in meines Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht +befindlich sei. + +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor +schon fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls +ausbedungen; item, es sei dazu die Schulstube in seiner Küsterei +erwählet; selbige sei das zweite Haus im Dorfe und liege nahe am +Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon geschieden, +so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus +geschicket. + +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße +des Bildes fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, +deß ich bedurfte, schon Nachmittages mit der Priesterfuhr +hinausbefördert werden. + +Als mein Bruder dann nach Hause kam--erst spät am Nachmittage; denn +ein Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer +Schinderleichen, so die ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen +wollten--, meinete er, ich bekäme da einen Kopf zu malen, wie er +nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und möchte mich mit +Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei der +Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land +gekommen, als welcher er's fast wilder denn die Offiziers getrieben +haben solle; sei übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, +der seine Bauern gar meisterlich zu packen wisse.--Noch merkete +mein Bruder an, daß bei desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend +adelige Fürsprach eingewirket haben solle, wie es heiße, von drüben +aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus habe bei der +Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. + + +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über +die Heide schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits +ihr rothes Kleid und ihren Würzeduft verbrauchet und also diese +Landschaft ihren ganzen Sommerschmuck verloren hatte; denn von +grünen Bäumen war weithin nichts zu ersehen; nur der spitze +Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte--wie ich bereits erkennen +mochte, ganz von Granitquadern auferbauet--, stieg immer höher vor +mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- +und Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See +heraufkommt, will freien Weg zu fahren haben. + +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei +gefunden hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze +Schul entgegen; der Küster aber hieß an seiner Hausthür mich +willkommen. "Merket Ihr wohl, wie gern sie von der Fibel laufen!" +sagte er. "Der eine Bengel hatte Euch schon durchs Fenster kommen +sehen." + +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich +denselbigen Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf +seine finstere Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; +das war ein schöner blasser Knabe, den er an der Hand mit sich +führete; das Kind mochte etwan vier Jahre zählen und sahe fast +winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. + +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so +gingen wir mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, +daß man nach den anderen Seiten über Marschen und Heide, nach +Westen aber auf den nicht gar fernen Meeresstrand hinunterschauen +kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten waren überströmet, +und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, wie +oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern +Seite diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der +Küster auf die Wasserfläche, so dazwischen liegt. "Dort", sagte er, +"hat einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der +großen Fluth trieb es gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; +auf der einen Hälfte des Daches ward ich an diesen Strand geworfen, +auf der anderen fuhren Vater und Bruder in die Ewigkeit hinaus." + +Ich dachte: 'So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch +ohne den Pastor wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.' + +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt +dessen Nacken mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die +zarte Wange an das schwarze bärtige Gesicht des Mannes, als finde +er so den Schutz vor der ihn schreckenden Unendlichkeit, die dort +vor unseren Augen ausgebreitet lag. + +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich +mir die alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl +eines guten Pinsels werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben +Pfennigmalerei, und sollte demnach der Schüler van der Helsts hier +in gar sondere Gesellschaft kommen. + +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte +Stimme des Pastors neben mir: "Es ist nicht meines Sinnes, daß der +Schein des Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber +ich habe der Gemeine Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, +machet es kurz; ich habe besseren Gebrauch für meine Zeit." + +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl +für meine Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, +fragete ich einem geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem +Bruder mir war gerühmet worden. + +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. "Da +kommet ihr zu spät", sagte er, "es ging in Trümmer, da ich's aus +der Kirche schaffen ließ." + +Ich sah ihn fast erschrocken an. "Und wolltet Ihr des Heilands +Mutter nicht in Euerer Kirche dulden?" + +"Die Züge von des Heilands Mutter", entgegnete er, "sind nicht +überliefert worden." + +--"Aber wollet Ihr's der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn zu +suchen?" + +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu +den Kleinen nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines +halben Kopfes Höhe;--dann sprach er heftig: "Hat nicht der König +die holländischen Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; +nur um durch das Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht +zu trotzen? Haben nicht noch letzlich die Kirchenvorsteher drüben +in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr Gestühlte schnitzen +lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch von Haus +zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der +Sinnenlust und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt +gebuhlt!" + +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag +liebkosend auf dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie +schmiegte. + +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber +danach, daß wir in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine +edle Kunst an ihrem Widersacher selber zu erproben anhub. + + +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide +nach dem Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend +antraf Geredet wurde wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto +rascheren Fortgang. Gemeiniglich saß der Küster neben uns und +schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus Eichenholz, +dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm +erstanden und darin vor Jahren die ersten Blätter dieser +Niederschrift hinterleget, alswie denn auch mit Gottes Willen diese +letzten darin sollen beschlossen sein.-- + +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige +auch nicht; der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er +stand an seinen Knien, oder er spielte mit Kieselsteinchen in der +Ecke des Zimmers. Da ich selbigen einmal fragte, wie er heiße, +antwortete er: "Johannes!"--"Johannes?" entgegnete ich, "so heiße +ich ja auch!"--Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. + +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?--Einmal gar +überraschete mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den +Pinsel müßig auf der Leinewand ruhen ließ. Es war etwas in dieses +Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen Leben kommen konnte; +aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein Kind, das +unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten +Manne, der es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl +dachte ich oft: 'Welch eine Frau mag dieses Knaben Mutter +sein?'-- + +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau +befraget; aber sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: "Die kennt +man nicht; in die Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier +und Hochzeit ist."--Der Pastor selbst sprach nicht von ihr. +Aus dem Garten der Küsterei, welcher in eine dichte Gruppe von +Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam über die +Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den +Rücken zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche +Gestalt gewahren konnte, und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, +in der Art, wie sie sonst nur von den Vornehmeren getragen werden +und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das Bild ihres +finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. + +--An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die +Arbeit an meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger +Zeit diese Bilder mit einander nahezu vollendet waren. + +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem +Bruder unten in unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die +Kerze fast herabgebrannt, und die holländische Schlaguhr hatte +schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am Fenster und hatten der +Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, die wir +mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres +einzigen lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten +Kindbette verstorben und nun seit lange schon mit Vater und Mutter +einer fröhlichen Auferstehung entgegenharrete.--Wir hatten die +Läden nicht vorgeschlagen; denn es that uns wohl, durch das Dunkel, +so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in das +Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. + +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem +dunkeln Strome trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit +Rast und Unrast fanden.--Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren +Höhen, fiel es mir jählings in die Brust: Die Augen des schönen +blassen Knaben, es waren ja ihre Augen! Wo hatte ich meine Sinne +denn gehabt!--Aber dann, wenn sie es war, wenn ich sie selber schon +gesehen?--Welch schreckbare Gedanken stürmten auf mich ein! + +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, +mit der andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen +aber itzt ein heller Schein zu uns herüberschwankte. "Sieh nur!" +sagte er. "Wie gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide +ausgestopfet haben! Die kommen von des Glockengießers Hochzeit; +aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie gleichwohl hin und +wider stolpern." + +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich +von der Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, +daß die zwei gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als +eines Glasers Meisterstück erstanden waren, in ihren satten Farben +wie in Feuer glühten. Als aber dann die Gesellschaft an unserem +Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete ich einen +unter ihnen sagen: "Ei freilich; das hat der Teufel uns verpurret! +Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!" + +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die +Stadt lag wieder still und dunkel. + +"O weh!" sprach mein Bruder; "den trübet, was mich tröstet." + +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt +ein grausam Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so +wegen einbekannten Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte +verbrannt werden, am heutigen Morgen vom Frone todt in ihrem Kerker +aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte gleichwohl sein +peinlich Recht geschehen. + +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. +Hatte doch auch die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem +Thurm der Kirche den grünen Bücherschranken hat, mir am Mittage, da +ich wegen der Zeitung bei ihr eingetreten, aufs heftigste geklaget, +daß nun das Lied, so sie im voraus darüber habe anfertigen und +drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die Faust aufs Auge. +Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott--denn der war es doch wohl gewesen--das arme junge Mensch +so gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. + +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der +Pflichten seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von +der Rathhaustreppe das Urthel zu verlesen, sobald der Racker den +todten Leichnam davor aufgefahren, und hernach auch der +Justification selber zu assistiren. "Es schneidet mir schon itzund +in das Herz", sagte er, "das greuelhafte Gejohle, wenn sie mit dem +Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre Buben +und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.--An deiner Statt", +fügete er bei, "der du ein freier Vogel bist, würde ich aufs Dorf +hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!" + +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage +erst wieder hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, +wie er die Ungeduld in meinem Herzen schürete; und so geschah es, +daß alles sich erfüllen mußte, was ich getreulich in diesen +Blättern niederschreiben werde. + +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von +meinem Lager aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, +allwo die Bäcker, vieler Käufer harrend, ihre Brotschragen schon +geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an dem Rathhause der +Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte Einer +bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem +Rathause ist, eilends zur Stadt hinaus. + +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben +bei der Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen +mächtigen Holzstoß aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch +daran herum, und mochten das der Fron und seine Knechte sein, die +leichten Brennstoff zwischen die Hölzer thaten; von der Stadt her +aber kamen schon die ersten Buben über die Felder ihnen zugelaufen. +Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, und +da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das +Meer im ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide +emporstieg. Da mußte ich meine Hände falten: + +O Herr, mein Gott und Christ, +Sei gnädig mit uns allen, +Die wir in Sünd gefallen, +Der du die Liebe bist!-- + +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide +führte, begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre +kleinen Jungen und Dirnen an den Händen und zogen sie mit sich fort. + +"Wohin strebet ihr denn so eifrig?" fragte ich den einen Haufen; +"es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt." + +Nun, wie ich's wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das +junge Satansmensch, verbrennen sehen. + +--"Aber die Hexe ist ja todt!" + +"Freilich, das ist ein Verdruß", meineten sie; "aber es ist unserer +Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da +können wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon +fürlieb nehmen."-- + +--Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch +schon Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit +Menschen voll geladen waren.--Da ging ich abseits über die Heide, +obwohl noch der Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth +verlangte nach der Einsamkeit; und ich sahe von fern, wie es den +Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach der Stadt ziehen. +Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide liegt, +überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder +etwan nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen +Dorfe, das dort unten hart am Strande liegt; aber vor mir in der +Luft schwebete etwas wie ein Glück, wie eine rasende Hoffnung, und +es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne schlugen an einander. +'Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute--' Ich fühlte mein +Herz gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die +Heide; ich wollte nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der +Prediger nach der Stadt fahre.--Aber ich ging dennoch endlich +seinem Dorfe zu. + +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des +Küsterhauses. Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich +unschlüssig; dann hub ich mit der Faust zu klopfen an. Drinnen +blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, kam des Küsters +alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. + +"Wo ist der Küster?" fragte ich. + +--"Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren." + +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich +dahin geschlagen. + +"Fehler Euch etwas, Herr Maler?" frug sie. + +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: "So ist wohl heute keine +Schule, Trienke?" + +--"Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!" + +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein +Malergeräthe und das fast vollendete Bildniß aus des Küsters +Schlafkammer und richtete, wie gewöhnlich, meine Staffelei in dem +leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an der Gewandung; aber ich +suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte keinen Sinn zum +Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. + +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete +über Bauern- und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber +drängete es, sie wieder einmal nach des Predigers Frau zu fragen, +ob selbige alt oder jung, und auch, woher sie gekommen sei; allein +ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. Dagegen begann die +Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft hier im +Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet +sei; erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten +Weibe keine Ruh gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach +habe fliegen sehen: es gehe aber solch Gesichte allzeit richtig aus, +und Hoffart komme vor dem Falle; denn sei die Frau Pastorin bei +aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und schwächliche +Kreatur. + +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem +Hause und auf dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte +gegen die Dorfstraße liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine +Augen nach den weißen Fenstern, konnte aber hinter den blinden +Scheiben nichts gewahren als ein paar Blumenscherben, wie sie +überall zu sehen sind.--Ich hätte nun wohl umkehren mögen; aber ich +ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, trug von der +Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das +Meer wie lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein +tobend Unheil dort gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand +viel tausend Menschenleben hingeworfen hatte. Was krümmete denn +ich mich so gleich einem Wurme?--Wir sehen nicht, wie seine Wege +führen! + +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen +haben; ich weiß nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da +die Sonne fast zur Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der +Küsterei an. Ich ging aber nicht in das Schulzimmer an meine +Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder zum Hause +hinaus.-- + + +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage +meine Augen es nicht mehr gesehen.--Gleich dem des Predigerhauses +von der anderen Seite, trat es als ein breiter Streifen in die +Priesterkoppel; inmitten zwischen beiden aber war eine Gruppe +dichter Weidenbüsche, welche zur Einfassung einer Wassergrube +dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd mit vollem Eimer +wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. + +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu +zwingender Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten +hinging, hörete ich von der Koppel draußen eine Frauenstimme von +gar holdem Klang, und wie sie liebreich einem Kinde zusprach. + +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst +der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach +sich gezogen haben. Schon war ich am jenseitigen Rande des +Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die Koppel ausläuft, +da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, wie +es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die +Weiden gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen +angeleget haben. Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: "Nun +heb nur an; nun hast du einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such +derweil noch mehr; dort am Holunder wächst genug!" + +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja +längst schon nicht gezweifelt.--Mit den Augen auf dem Boden suchend, +schritt sie zu mir her, so daß ich ungestöret sie betrachten +durfte; und mir war, als gliche sie nun gar seltsam dem Kinde +wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den "Buhz" einst von +dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses Kinderantlitz von heute +war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. + +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann +kniete sie nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen +hinlief; doch ihre Hände pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt +auf ihre Brust sinken, und es war, als wolle sie nur ungesehen vor +dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. + +Da rief ich leise: "Katharina!" + +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich +einer Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als +ich sie endlich also nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig +vor ihr stund, da sahen ihre Augen weg von mir, und mit fast einer +fremden Stimme sagte sie: "Es ist nun einmal so, Johannes! Ich +wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur nicht, daß +du heute kommen würdest." + +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: "Katharina,--so bist du +des Predigers Eheweib?" + +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. "Er hat +das Amt dafür bekommen", sagte sie, "und dein Kind den ehrlichen +Namen." + +--"Mein Kind, Katharina?" + +"Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß +gesessen; einmal doch, er selbst hat es mir erzählet." + +--Möge keines Menschen Brust ein solches Weh zerfleischen!--"Und du, +du und mein Kind, ihr solltet mir verloren sein!" + +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich +todtenbleich. + +"Ich will das nicht!" schrie ich; "ich will ..." Und eine wilde +Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. + +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf +meine Stirn gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen +Antlitz sahen mich flehend an. "Du, Johannes", sagte sie, "du +wirst es nicht sein, der mich noch elender machen will." + +--"Und kannst denn du so leben, Katharina?" + +"Leben?--Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das Kind;--was +ist denn mehr noch zu verlangen?" + +--"Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er davon?" + +"Nein, nein!" rief sie heftig. "Er nahm die Sünderin zum Weibe: +mehr nicht. O Gott, ist's denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!" + +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.-- +"Das Kind", sagte sie. "Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm ein +Leids geschehen!" + +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. +"Bleib doch", sagte ich, "es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose." + +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. +Die goldene Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter +Hauch kam von der See herauf Da hörten wir von jenseits durch die +Weiden das Stimmlein unseres Kindes singen: + +Zwei Englein, die mich decken, +Zwei Englein, die mich strecken, +Und zweie, so mich weisen +In das himmlische Paradeisen. + +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und +geisterhaft mich an. "Und nun leb wohl, Johannes", sprach sie +leise; "auf Nimmerwiedersehen hier auf Erden!" + +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; +doch sie wehrete mich ab und sagte sanft: "Ich bin des anderen +Mannes Weib; vergiß das nicht." + +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. +"Und wessen, Katharina", sprach ich hart, "bist du gewesen, ehe +bevor du sein geworden?" + +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor +ihr Angesicht und rief. "Weh mir! O wehe, mein entweihter armer +Leib!" + +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, +ich hielt sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich +wieder! Und ihre Augen sanken in die meinen, und ihre rothen +Lippen duldeten die meinen; wir umschlangen uns inbrünstiglich; ich +hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit einander hätten sterben +können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf ihrem Antlitz +weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: "Es ist +ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese Stunde!" + +--Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, +aus dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der +Ruf kam von drüben aus dem Predigergarten, und noch einmal und +härter rief es: "Katharina!" + +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie +mich an; dann stille wie ein Schatten war sie fort. + +--Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. +Er begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich +einzureden. "Ihr haltet wohl nicht viel davon", sagte er; "sonst +wäret Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar +die Bauern und ihre Weiber in die Stadt getrieben." + +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei +durchschnitt die Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. + +"Was war das, Küster?" rief ich. + +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah +nichts weiter. "So mir Gott", sagte er, "es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam's." + +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. "Nun, Herr?" +rief sie mir zu. "Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!" + +--"Was soll das heißen, Trienke?" + +"Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus +dem Wasser ziehen." + +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die +Priesterkoppel; aber unter den Weiden fand ich nur das dunkle +Wasser und Spuren feuchten Schlammes daneben auf dem Grase.--Ich +bedachte mich nicht, es war ganz wie von selber, daß ich durch das +weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich eben ins Haus +wollte, trat er selber mir entgegen. + +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren +geröthet, und das schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. "Was +wollt Ihr?" sagte er. + +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich +denn eigentlich? + +"Ich kenne Euch!" fuhr er fort. "Das Weib hat endlich alles +ausgeredet." + +Das machte mir die Zunge frei. "Wo ist mein Kind!" rief ich. + +Er sagte: "Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen." + +--"So laßt mich zu meinem todten Kinde!" + +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er +mich zurück. "Das Weib", sprach er, "liegt bei dem Leichnam und +schreit zu Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer +armen Seelen Seligkeit!" + +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber +des Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. "Höret mich!" +sprach er. "So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott +in seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch +mich--noch ist Eines uns gemeinsam.--Geht itzo heim und bereitet +eine Tafel oder Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe +wieder und malet darauf des todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder +meinem Hause; der Kirchen hier, wo er sein kurz unschuldig Leben +ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es dort die +Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!" + +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein +Buhlweib mit der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so +geschehen möge. + +--Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens +Schuld und Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so +daß ich Glied um Glied die ganze Kette vor mir leuchten sahe. + +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen +Spectacul, dem er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, +hatte sein Bette aufgesucht. Da ich zu ihm eintrat, richtete er +sich auf "Ich muß noch eine Weile ruhen", sagte er, indem er ein +Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; "aber lies doch dieses! +Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus' Hof in fremde Hände kommen, +maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen Hundes Biß +gar jämmerlichen Todes verfahren ist." + +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber +es fehlte nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war's bei dieser +Schreckenspost, als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; +aber schon sahe ich am Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte +stehen, und aus meinem Herzen schrie es wieder: O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern!--Dieser Tod hätte uns das Leben werden können; +nun war's nur ein Entsetzen zu den andern. + +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; +ich schaute in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich +mein Lager. Aber die Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu +Theil. In meinen erregten Sinnen war es mir gar seltsamlich, als +sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah gerückt; ich fühlte +die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, und ich +zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte +der Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über +mir, da sprang ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den +Stoppelfeldern stieg, hatte ich allbereits die Stadt im Rücken. + +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf +der Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur +und sagte, daß die Holztafel richtig angelanget, auch meine +Staffelei und sonstiges Malergeräth aus dem Küsterhause +herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand auf die Klinke +einer Stubenthür. + +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: "Wenn es in diesem Zimmer +ist, so wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu +sein!" + +"Es wird Euch niemand stören", entgegnete er und zog die Hand +zurück. "Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr +drüben in jenem Zimmer finden." Er wies auf eine Thür an der +anderen Seite des Flures; dann verließ er mich. + +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es +war todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor +ich öffnete. + + +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den +Confirmandenunterricht bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; +die Fenster sahen über öde Felder nach dem fernen Strand hinaus. +Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager aufgebahret. Auf +dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. + +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich +Gebet. Dann rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; +und dann malte ich--rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht +zum zweitenmal dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von +der andauernden großen Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne +hielt und horchte, so wußte ich bald, es sei nichts da gewesen. +Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an mein Ohr.--Ich +trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem bleichen +Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. + +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu +einer Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! +Allein so scharf ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine +eigenen Sinne hatten wohl ein Spiel mit mir getrieben. + +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam +und malete weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie +sie auf dem Linnen lagen, so dachte ich: 'Ein klein Geschenk +doch mußt du deinem Kinde geben!' Und ich malete auf seinem +Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es spielend +damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der +Gegend hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. + +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter +Leib verlangte Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette +fort und ging über den Flur nach dem Zimmer, so der Prediger mir +angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, wäre ich vor +Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem +Zauberschein, so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken +mögen. + +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr +Bildniß, das ich selber einst gemalet. Auch für dieses war also +nicht mehr Raum in ihres Vaters Haus gewesen.--Aber wo war sie +selber denn? Hatte man sie fortgebracht, oder hielt man sie auch +hier gefangen?--Lang, gar lange sahe ich das Bildniß an; die alte +Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich mußte, brach +ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; dann +ging ich zurück zu unserem todten Kinde. + +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, +zeigete es sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein +weniges sich gehoben hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, +ich möchte noch einmal meines Kindes Blick gewinnen; als aber die +kalten Augensterne vor mir lagen, überlief mich Grausen; mir war, +als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als wollten sie +noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: "Mein Fluch hat +doch euch beide eingeholet!" Aber zugleich--ich hätte es um alle +Welt nicht lassen können--umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter +bitteren Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. "Nein, nein, +mein armer Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe +zwang, die blickte nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, +ist alleine noch der Tod. Nicht aus der Tiefe schreckbarer +Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes ist da als +deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen." + +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte +ihm sanft die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in +ein dunkles Roth und schrieb unten in den Schatten des Bildes die +Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte heißen: Culpa Patris Aquis +Submersus, "Durch Vaters Schuld in der Fluth versunken".--Und mit +dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die wie ein schneidend +Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu Ende. + +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause +fortgedauert, nur in der letzten Stunde war abermalen durch die +Thür, hinter welcher ich eine Schlafkammer vermuthet hatte, ein +leises Geräusch hereingedrungen.--War Katharina dort, um ungesehen +bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich konnte es nicht +enträthseln. + +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum +Gehen wenden; aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied +nehmen, ohne den ich nicht von hinnen könne. + +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden +Felder draußen, wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da +öffnete sich vom Flure her die Thür und der Prediger trat zu mir +herein. + +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen +und betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des +kleinen Leichnams vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. +Als aber seine Augen auf die Lilie in der gemalten Hand des Kindes +fielen, hub er wie im Schmerze seine beiden Hände auf, und ich sahe, +wie seinen Augen jählings ein reicher Thränenquell entstürzete. + +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: +"Leb wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!" + +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der +Nebenkammer; es tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich +hörte deutlich meinen Namen rufen--oder war es der des todten +Kindes?--Dann rauschte es wie von Frauenkleidern hinter der Thüre +nieder, und das Geräusch vom Falle eines Körpers wurde hörbar. + +"Katharina!" rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die +Hand des Pastors sich auf meinen Arm: "Das ist meines Amtes!" sagte +er. "Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen +gnädig sein!" + +--Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, +wanderte ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. + +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, +das nur noch wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein +todtes Kind--Katharina--alles, alles!--Meine alte Wunde brannte mir +in meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich +wurde plötzlich mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung +tösen hörete. Kein Mensch begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm +ich; aber aus dem dumpfen Brausen des Meeres tönete es mir +immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis submersus +aquis submersus! + + +Hier endete die Handschrift. + +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft +vermessen, daß er's wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren +gleichzutun verhoffe, das sollten Worte bleiben, in die leere Luft +gesprochen. + +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er +in einem Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner +engeren Heimat weiß niemand von einem Maler seines Namens. Des +großen Lazarusbildes tut zwar noch die Chronik unserer Stadt +Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses Jahrhunderts +nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +Aquis submersus + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Aquis submersus, von Theodor Storm. + + + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AQUIS SUBMERSUS *** + +This file should be named 8aqsb10.txt or 8aqsb10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8aqsb11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8aqsb10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are +tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising +requirements for other states are met, additions to this list will be +made and fund-raising will begin in the additional states. + +We need your donations more than ever! + +You can get up to date donation information online at: + +http://www.gutenberg.net/donation.html + + +*** + +If you can't reach Project Gutenberg, +you can always email directly to: + +Michael S. Hart <hart@pobox.com> + +Prof. Hart will answer or forward your message. + +We would prefer to send you information by email. + + +**The Legal Small Print** + + +(Three Pages) + +***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** +Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. +They tell us you might sue us if there is something wrong with +your copy of this eBook, even if you got it for free from +someone other than us, and even if what's wrong is not our +fault. So, among other things, this "Small Print!" statement +disclaims most of our liability to you. It also tells you how +you may distribute copies of this eBook if you want to. + +*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK +By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm +eBook, you indicate that you understand, agree to and accept +this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive +a refund of the money (if any) you paid for this eBook by +sending a request within 30 days of receiving it to the person +you got it from. If you received this eBook on a physical +medium (such as a disk), you must return it with your request. + +ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS +This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks, +is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart +through the Project Gutenberg Association (the "Project"). +Among other things, this means that no one owns a United States copyright +on or for this work, so the Project (and you!) can copy and +distribute it in the United States without permission and +without paying copyright royalties. Special rules, set forth +below, apply if you wish to copy and distribute this eBook +under the "PROJECT GUTENBERG" trademark. + +Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market +any commercial products without permission. + +To create these eBooks, the Project expends considerable +efforts to identify, transcribe and proofread public domain +works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any +medium they may be on may contain "Defects". Among other +things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other +intellectual property infringement, a defective or damaged +disk or other eBook medium, a computer virus, or computer +codes that damage or cannot be read by your equipment. + +LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES +But for the "Right of Replacement or Refund" described below, +[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may +receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims +all liability to you for damages, costs and expenses, including +legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR +UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT, +INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE +OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE +POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES. + +If you discover a Defect in this eBook within 90 days of +receiving it, you can receive a refund of the money (if any) +you paid for it by sending an explanatory note within that +time to the person you received it from. If you received it +on a physical medium, you must return it with your note, and +such person may choose to alternatively give you a replacement +copy. If you received it electronically, such person may +choose to alternatively give you a second opportunity to +receive it electronically. + +THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS +TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT +LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A +PARTICULAR PURPOSE. + +Some states do not allow disclaimers of implied warranties or +the exclusion or limitation of consequential damages, so the +above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you +may have other legal rights. + +INDEMNITY +You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation, +and its trustees and agents, and any volunteers associated +with the production and distribution of Project Gutenberg-tm +texts harmless, from all liability, cost and expense, including +legal fees, that arise directly or indirectly from any of the +following that you do or cause: [1] distribution of this eBook, +[2] alteration, modification, or addition to the eBook, +or [3] any Defect. + +DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm" +You may distribute copies of this eBook electronically, or by +disk, book or any other medium if you either delete this +"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg, +or: + +[1] Only give exact copies of it. Among other things, this + requires that you do not remove, alter or modify the + eBook or this "small print!" statement. You may however, + if you wish, distribute this eBook in machine readable + binary, compressed, mark-up, or proprietary form, + including any form resulting from conversion by word + processing or hypertext software, but only so long as + *EITHER*: + + [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and + does *not* contain characters other than those + intended by the author of the work, although tilde + (~), asterisk (*) and underline (_) characters may + be used to convey punctuation intended by the + author, and additional characters may be used to + indicate hypertext links; OR + + [*] The eBook may be readily converted by the reader at + no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent + form by the program that displays the eBook (as is + the case, for instance, with most word processors); + OR + + [*] You provide, or agree to also provide on request at + no additional cost, fee or expense, a copy of the + eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC + or other equivalent proprietary form). + +[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this + "Small Print!" statement. + +[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the + gross profits you derive calculated using the method you + already use to calculate your applicable taxes. If you + don't derive profits, no royalty is due. Royalties are + payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation" + the 60 days following each date you prepare (or were + legally required to prepare) your annual (or equivalent + periodic) tax return. Please contact us beforehand to + let us know your plans and to work out the details. + +WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO? +Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of +public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form. + +The Project gratefully accepts contributions of money, time, +public domain materials, or royalty free copyright licenses. +Money should be paid to the: +"Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +If you are interested in contributing scanning equipment or +software or other items, please contact Michael Hart at: +hart@pobox.com + +[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only +when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by +Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be +used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be +they hardware or software or any other related product without +express permission.] + +*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END* + diff --git a/old/8aqsb10.zip b/old/8aqsb10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..072fb0a --- /dev/null +++ b/old/8aqsb10.zip |
