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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:27 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Wir +pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten +„Berg“ zu wandern, einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke +des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches, von wo aus +der weitesten Aussicht nichts im Wege steht. +</p> + +<p> +Die meisten mögen wohl nach Westen blicken, um sich an dem lichten Grün der +Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen, auf welcher +das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt; meine Augen wenden +unwillkürlich sich nach Norden, wo, kaum eine Meile fern, der graue spitze +Kirchturm aus dem höher belegenen, aber öden Küstenlande aufsteigt; denn dort +liegt eine von den Stätten meiner Jugend. +</p> + +<p> +Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die +„Gelehrtenschule“ meiner Vaterstadt, und unzählige Male sind wir am +Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert, um dann am Sonntagabend oder +montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt +zurückzukehren. Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück +ungebrochener Heide übrig, wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur +Stadt, nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte. Hier summten auf +den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und +rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer; hier +in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten +Schmetterlinge, die nirgends sonst zu finden waren. Mein ungeduldig dem +Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not, seinen träumerischen +Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen; hatten wir jedoch +das angebaute Feld erreicht, dann ging es auch um desto munterer vorwärts, und +bald, wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten, erblickten wir auch +schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses, aus +dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben +auf die bekannten Gäste hinabgrüßte. +</p> + +<p> +Bei den Pastorsleuten, deren einziges Kind mein Freund war, hatten wir +allezeit, wie wir hier zu sagen pflegen, fünf Quartier auf der Elle, ganz +abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung. Nur die Silberpappel, der +einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes, welche ihre +Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ, war +gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich +von uns erklettert; sonst war, soviel ich mich entsinne, alles erlaubt und +wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt. +</p> + +<p> +Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große „Priesterkoppel“, +zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte. Hier wußten wir mit dem den Buben +angebotenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren, +denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten, um nachzusehen, wie +weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien; +hier auf einer tiefen und, wie ich jetzt meine, nicht weniger als jene Pappel +gefährlichen Wassergrube, deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden +war, fingen wir die flinken schwarzen Käfer, die wir +„Wasserfranzosen“ nannten, oder ließen wir ein andermal unsere auf +einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und +Schachteldeckeln schwimmen. Im Spätsommer geschah es dann auch wohl, daß wir +aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten, welcher +gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag; denn wir +hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen, +wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem +gutmütigen alten Manne zuteil wurde.—So viele Jugendfreuden wuchsen auf +dieser Priesterkoppel, in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen +wollten; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren, die hier +haufenweis auf allen Wällen standen, spüre ich noch heute in der Erinnerung, +wenn jene Zeiten mir lebendig werden. +</p> + +<p> +Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend; meine dauernde Teilnahme +dagegen erregte ein anderes, dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu +setzen hatten.—Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der +Lehmwespen, die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten, obschon es +anmutig genug war, in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der +emsigen Tierchen zu beobachten; ich meine den viel größeren Bau der alten und +ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche. Bis an das Schindeldach des hohen Turmes +war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte, auf dem +höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend, die weite Schau über Heide, Strand und +Marschen.—Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der +Kirche; schon der ungeheure Schlüssel, der von dem Apostel Petrus selbst zu +stammen schien, erregte meine Phantasie. Und in der Tat erschloß er auch, wenn +wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten, die Pforte zu manchen +wunderbaren Dingen, aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit +finstern, dort mit kindlich frommen Augen, aber immer in geheimnisvollem +Schweigen zu uns Lebenden aufblickte. Da hing mitten in die Kirche hinab ein +schrecklich übermenschlicher Crucifixus, dessen hagere Glieder und verzerrtes +Antlitz mit Blute überrieselt waren; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler +haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel, an der aus Frucht- und +Blattgewinden allerlei Tier- und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen. +Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der +Kirche, auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt +war; so seltsam wilde Gesichter, wie das des Kaiphas oder die der +Kriegsknechte, welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel +würfelten, bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen; tröstlich damit +kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria; ja, sie +hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken +können, wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen +mich immer wieder von ihr abgezogen hätte. +</p> + +<p> +Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der +Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes, eines schönen, etwa +fünfjährigen Knaben, der, auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend, eine +weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt. Aus dem zarten Antlitz +sprach neben dem Grauen des Todes, wie hülfeflehend, noch eine letzte holde +Spur des Lebens; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich, wenn ich vor diesem +Bilde stand. +</p> + +<p> +Aber es hing nicht allein hier; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen +ein finsterer, schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar. Mein Freund +sagte mir, es sei der Vater jenes schönen Knaben; dieser selbst, so gehe noch +heute die Sage, solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen +Tod gefunden haben. Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666; das war lange +her. Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern; ein phantastisches +Verlangen ergriff mich, von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere, wenn +auch noch so karge Kunde zu erhalten; selbst aus dem düsteren Antlitz des +Vaters, das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des +Altarschranks gemahnen wollte, suchte ich sie herauszulesen. +</p> + +<p> +—Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann +das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher. Freilich war es +gleichfalls hoch zu Jahren, und der Vater meines Freundes hoffte, so lange ich +denken konnte, auf einen Neubau; da aber die Küsterei an derselben +Altersschwäche litt, so wurde weder hier noch dort gebaut.—Und doch, wie +freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses; im Winter die kleine +Stube rechts, im Sommer die größere links vom Hausflur, wo die aus den +Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der +weißgetünchten Wand hingen, wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne +Windmühle, außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte, der sich +abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte! +Die lieben Pastorsleute, die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen, das alte +tiefe Sofa, auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende +Teekessel—es war alles helle, freundliche Gegenwart. Nur eines +Abends—wir waren derzeit schon Sekundaner—kam mir der Gedanke, +welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte, ob nicht gar jener tote Knabe +einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei, dessen Bildnis +jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte. +</p> + +<p> +Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben, daß ich am Nachmittage, +wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten, unten in +einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben +entdeckt hatte, die mir bis jetzt entgangen waren. +</p> + +<p> +„Sie lauten C. P. A. S.“, sagte ich zu dem Vater meines Freundes; +„aber wir können sie nicht enträtseln.“ +</p> + +<p> +„Nun“, erwiderte dieser, „die Inschrift ist mir wohl bekannt; +und nimmt man das Gerücht zu Hülfe, so möchten die beiden letzten Buchstaben +wohl mit Aquis submersus, also mit ,Ertrunken‘ oder wörtlich ,Im Wasser +versunken‘ zu deuten sein; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann +noch immer in Verlegenheit! Der junge Adjunktus unseres Küsters, der einmal die +Quarta passiert ist, meint zwar, es könne Casu periculoso—,Durch +gefährlichen Zufall‘—heißen; aber die alten Herren jener Zeit +dachten logischer; wenn der Knabe dabei ertrank, so war der Zufall nicht nur +bloß gefährlich.“ +</p> + +<p> +Ich hatte begierig zugehört. „Casu“ sagte ich; „es könnte +auch wohl ,Culpa‘ heißen?“ +</p> + +<p> +„Culpa?“ wiederholte der Pastor. „Durch Schuld?—aber +durch wessen Schuld?“ +</p> + +<p> +Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele, und ohne viel +Besinnen rief ich: „Warum nicht: Culpa patris?“ +</p> + +<p> +Der gute Pastor war fast erschrocken. „Ei, ei, mein junger Freund“, +sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich. „Durch Schuld des +Vaters?—So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen +Amtsbruder doch nicht beschuldigen. Auch würde er dergleichen wohl schwerlich +von sich haben schreiben lassen.“ +</p> + +<p> +Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten; und so +blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der +Vergangenheit. +</p> + +<p> +Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen +alten Predigerbildnissen auszeichneten, welche gleich daneben hingen, war mir +selbst schon klargeworden; daß aber Sachverständige in dem Maler einen +tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten, erfuhr ich +freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes. Wie jedoch ein solcher in +dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen +habe, darüber wußte auch er mir nichts zu sagen. Die Bilder selbst enthielten +weder einen Namen noch ein Malerzeichen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Die Jahre gingen hin. Während wir die Universität besuchten, starb der gute +Pastor, und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf +dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle; ich hatte keine Veranlassung +mehr, nach jenem Dorfe zu wandern.—Da, als ich selbst schon in meiner +Vaterstadt wohnhaft war, geschah es, daß ich für den Sohn eines Verwandten ein +Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte. Der eigenen +Jugendzeit gedenkend, schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die +Straßen, als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten +hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel, die +verhochdeutscht etwa lauten würde: +</p> + +<p class="poem"> +Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt,<br/> +Also sind auch die Menschenkind. +</p> + +<p> +Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein; denn ich +hatte sie nie bemerkt, sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken +bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte. Fast unwillkürlich trat ich in das +Haus; und in der Tat, es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter. +Die Stube ihrer alten „Möddersch“ (Mutterschwester)—so sagte +mir der freundliche Meister—, von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten, +habe seit Jahren leer gestanden; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast +dafür gewünscht. +</p> + +<p> +Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt, und wir betraten dann ein ziemlich +niedriges, altertümlich ausgestattetes Zimmer, dessen beide Fenster mit ihren +kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen. Früher, erzählte +der Meister, seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen; aber er habe sie +schlagen lassen, da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne +Aussicht ganz verdeckt hätten. +</p> + +<p> +Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig; während wir dann +aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen, war +mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen, +das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm. Es war noch wohlerhalten +und stellte einen älteren, ernst und milde blickenden Mann dar, in einer +dunklen Tracht, wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen +aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten, welche sich mehr mit +Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten. +</p> + +<p> +Der Kopf des alten Herrn, so schön und anziehend und so trefflich gemalt er +immer sein mochte, hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht; +aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt, der in seiner +kleinen, schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt; und diesen +Knaben kannte ich ja längst. Auch hier war es wohl der Tod, der ihm die Augen +zugedrückt hatte. +</p> + +<p> +„Woher ist dieses Bild?“ frug ich endlich, da mir plötzlich bewußt +wurde, daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung +innegehalten hatte. +</p> + +<p> +Er sah mich verwundert an. „Das alte Bild? Das ist von unserer +Möddersch“, erwiderte er; „es stammt von ihrem Urgroßonkel, der ein +Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat. Es sind noch +andre Siebensachen von ihm da.“ +</p> + +<p> +Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz, auf welcher +allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren. +</p> + +<p> +Als ich sie von dem Schranke, auf dem sie stand, herunternahm, fiel der Deckel +zurück, und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter +mit sehr alten Schriftzügen. +</p> + +<p> +„Darf ich die Blätter lesen?“ frug ich. +</p> + +<p> +„Wenn’s Ihnen Pläsier macht“, erwiderte der Meister, +„so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen; es sind so alte +Schriften; Wert steckt nicht darin.“ +</p> + +<p> +Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis, diese wertlosen Schriften +hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen; und während ich mich dem alten Bilde +gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte, verließ der Meister das +Zimmer, zwar immer noch erstaunt, doch gleichwohl die freundliche Verheißung +zurücklassend, daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regulieren +werde. +</p> + +<p> +Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande; am Sonntage Cantate war +es Anno 1661!—Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt +zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß, die Straße durch den +maiengrünen Buchenwald, der von der See ins Land hinaufsteigt. Vor mir her +flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser, +so in den tiefen Radgeleisen stund; denn ein linder Regen war gefallen über +Nacht und noch gar früh am Vormittage, so daß die Sonne den Waldesschatten noch +nicht überstiegen hatte. +</p> + +<p> +Der helle Drosselschlag, der von den Lichtungen zu mir scholl, fand seinen +Widerhall in meinem Herzen. Durch die Bestellungen, so mein theurer Meister van +der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet, war +ich aller Sorge quitt geworden; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf +Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen; dazu war ich stattlich angethan: +mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk, und der Lütticher Degen +fehlte nicht an meiner Hüfte. +</p> + +<p> +Meine Gedanken aber eilten mir voraus; immer sah ich Herrn Gerhardus, meinen +edlen großgünstigen Protector, wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die +Hände würd’ entgegenstrecken, mit seinem milden Gruße: „So segne +Gott deinen Eingang, mein Johannes!“ +</p> + +<p> +Er hatte einst mit meinem lieben, ach, gar zu früh in die ewige Herrlichkeit +genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten +und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen, so daß er dem Hochseligen Herzog +Friederich bei seinem edlen, wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen +Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger +Berather gewesen. Obschon ein adeliger Mann, war er meinem lieben Vater doch +stets in Treuen zugethan blieben, hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich +meiner verwaiseten Jugend mehr, als zu verhoffen, angenommen und nicht allein +meine sparsamen Mittel aufgebessert, sondern auch durch seine fürnehme +Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht, daß mein theuerer +Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen. +</p> + +<p> +Meinte ich doch zu wissen, daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem +Herrenhofe sitze, wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken; denn, derweilen +ich in der Fremde mich der Kunst beflissen, war daheim die Kriegsgreuel über +das Land gekommen; so zwar, daß die Truppen, die gegen den kriegswüthigen +Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen, fast ärger als die Feinde selbst +gehauset, ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht. +Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede; +aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall; manch Bauern- oder +Käthnerhaus, wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet, +hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und +manches Feld in ödem Unkraut, darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine +grünen Spitzen trieb. +</p> + +<p> +Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr; ich hatte nur Verlangen, +wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte, daß er Gab und Gunst +an keinen Unwürdigen verschwendet habe; dachte auch nicht an Strolche und +verlaufen Gesindel, das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten +sollte. Wohl aber tückete mich ein anderes, und das war der Gedanke an den +Junker Wulf. Er war mir nimmer hold gewesen, hatte wohl gar, was sein edler +Vater an mir gethan, als einen Diebstahl an ihm selber angesehen; und manches +Mal, wenn ich, wie öfters nach meines lieben Vaters Tode, im Sommer die Vacanz +auf dem Gute zubrachte, hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen. +Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei, war mir nicht kund geworden, hatte nur +vernommen, daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den +Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten, was mit rechter Holstentreue nicht zu +reimen ist. +</p> + +<p> +Indem ich dieß bei mir erwog, war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig +durch das Tannenhölzchen geschritten, das schon dem Hofe nahe liegt. Wie +liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes; aber bald trat +ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus; da lagen zu beiden +Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen, und nicht lange, so wanderte +ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume, die zum Herrensitz +hinaufführen. +</p> + +<p> +Ich weiß nicht, was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam, ohn alle +Ursach, wie ich derzeit dachte; denn es war eitel Sonnenschein umher, und vom +Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen. Und siehe, +dort auf der Koppel, wo der Hofmann seinen Immenhof hat, stand ja auch noch der +alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen +Luft. +</p> + +<p> +„Grüß dich Gott!“ sagte ich leis, gedachte dabei aber weniger des +Baumes, als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes, in dem, wie es sich nachmals +fügen mußte, all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens +beschlossen sein sollte, für jetzt und alle Zeit. Das war des edlen Herrn +Gerhardus Töchterlein, des Junkers Wulfen einzig Geschwister. +</p> + +<p> +Item, es war bald nach meines lieben Vaters Tode, als ich zum ersten Mal die +ganze Vacanz hier verbrachte; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein, die ihre +braunen Zöpfe lustig fliegen ließ; ich zählte um ein paar Jahre weiter. So trat +ich eines Morgens aus dem Thorhaus; der alte Hofmann Dieterich, der ober der +Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein +eingeräumt war, hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet, mir auch die Bolzen +von tüchtigem Blei dazu gegossen, und ich wollte nun auf die Raubvögel, deren +genug bei dem Herrenhaus umherschrien; da kam sie vom Hofe auf mich +zugesprungen. +</p> + +<p> +„Weißt du, Johannes“, sagte sie; „ich zeig dir ein Vogelnest; +dort in dem hohlen Birnbaum; aber das sind Rotschwänzchen, die darfst du ja +nicht schießen!“ +</p> + +<p> +Damit war sie schon wieder vorausgesprungen; doch eh sie noch dem Baum auf +zwanzig Schritte nah gekommen, sah ich sie jählings stille stehn. „Der +Buhz, der Buhz!“ schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden +Händlein in der Luft. +</p> + +<p> +Es war aber ein großer Waldkauz, der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und +hinabschauete, ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge. „Der Buhz, +der Buhz!“ schrie die Kleine wieder. „Schieß, Johannes, +schieß!“—Der Kauz aber, den die Freßgier taub gemacht, saß noch +immer und stierete in die Höhlung. Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß, +daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag; aus dem Baume aber schwang sich +ein zwitschernd Vöglein in die Luft. +</p> + +<p> +Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander; in Wald +und Garten, wo das Mägdlein war, da war auch ich. Darob aber mußte mir gar bald +ein Feind erstehen; das war der Kurt von der Risch, dessen Vater eine Stunde +davon auf seinem reichen Hofe saß. In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters, +mit dem Herr Gerhardus gern der Unterhaltung pflag, kam er oftmals auf Besuch; +und da er jünger war als Junker Wulf, so war er wohl auf mich und Katharinen +angewiesen; insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen. +Doch war das schier umsonst; sie lachte nur über seine krumme Vogelnase, die +ihm, wie bei fast allen des Geschlechtes, unter buschigem Haupthaar zwischen +zwei merklich runden Augen saß. Ja, wenn sie seiner nur von fern gewahrte, so +reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief. „Johannes, der Buhz, der +Buhz!“ Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen oder rannten wohl +auch spornstreichs in den Wald hinein, der sich in einem Bogen um die Felder +und danach wieder dicht an die Mauern des Gartens hinanzieht. +</p> + +<p> +Darob, als der von der Risch deß inne wurde, kam es oftmals zwischen uns zum +Haarraufen, wobei jedoch, da er mehr hitzig denn stark war, der Vortheil meist +in meinen Händen blieb. +</p> + +<p> +Als ich, um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen, vor meiner Ausfahrt in die +Fremde zum letzten Mal, jedoch nur kurze Tage, hier verweilte, war Katharina +schon fast wie eine Jungfrau; ihr braunes Haar lag itzt in einem goldnen Netz +gefangen; in ihren Augen, wenn sie die Wimpern hob, war oft ein spielend +Leuchten, das mich schier beklommen machte. Auch war ein alt gebrechlich +Fräulein ihr zur Obhut beigegeben, so man im Hause nur „Bas’ +Ursel“ nannte; sie ließ das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit +einer langen Tricotage neben ihr. +</p> + +<p> +Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit beiden auf +und ab wandelte, kam ein lang aufgeschossener Gesell, mit spitzenbesetztem +Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet, den Gang zu uns herauf; und +siehe da, es war der Junker Kurt, mein alter Widersacher. Ich merkte +allsogleich, daß er noch immer bei seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging; auch +daß insonders dem alten Fräulein solches zu gefallen schien. Das war ein +„Herr Baron“ auf alle Frag’ und Antwort; dabei lachte sie +höchst obligeant mit einer widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die +Luft; mich aber, wenn ich ja ein Wort dazwischen gab, nannte sie stetig +„Er“ oder kurzweg auch „Johannes“, worauf der Junker +dann seine runden Augen einkniff und im Gegentheile that, als sähe er auf mich +herab, obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte. +</p> + +<p> +Ich blickte auf Katharinen; die aber kümmerte sich nicht um mich, sondern ging +sittig neben dem Junker, ihm manierlich Red und Antwort gebend; den kleinen +rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch stolzes Lächeln, so daß ich +dachte: ,Getröste dich, Johannes; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in +die Luft‘ Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir +gehen. Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn +Gerhardus’ Blumenbeeten stand, darüber brütend, wie ich, gleich wie +vormals, mit dem von der Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte, kam +plötzlich Katharina wieder zurückgelaufen, riß neben mir eine Aster von den +Beeten und flüsterte mir zu: „Johannes, weißt du was? Der Buhz sieht +einem jungen Adler gleich; Bas’ Ursel hat’s gesagt!“ Und fort +war sie wieder, eh ich mich’s versah. Mir aber war auf einmal all Trotz +und Zorn wie weggeblasen. Was kümmerte mich itzund der Herr Baron! Ich lachte +hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus; denn bei den übermüthigen Worten +war wieder jenes süße Augenspiel gewesen. Aber diesmal hatte es mir gerad ins +Herz geleuchtet. +</p> + +<p> +Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen; er zeigte mir auf +einer Karte noch einmal, wie ich die weite Reise nach Amsterdam zu machen habe, +übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach dann lange mit mir, als +meines lieben seligen Vaters Freund. Denn noch selbigen Abends hatte ich zur +Stadt zu gehen, von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen +wollte. +</p> + +<p> +Als nun der Tag hinabging, nahm ich Abschied. Unten im Zimmer saß Katharina an +einem Stickrahmen; ich mußte der Griechischen Helena gedenken, wie ich sie +jüngst in einem Kupferwerk gesehen; so schön erschien mir der junge Nacken, den +das Mädchen eben über ihre Arbeit neigte. Aber sie war nicht allein; ihr +gegenüber saß Bas’ Ursel und las laut aus einem französischen +Geschichtenbuche. Da ich näher trat, hob sie die Nase nach mir zu. „Nun, +Johannes“, sagte sie, „Er will mir wohl Ade sagen? So kann Er auch +dem Fräulein gleich Seine Reverenze machen!“—Da war schon Katharina +von ihrer Arbeit aufgestanden; aber indem sie mir die Hand reichte, traten die +Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer; und sie sagte nur: +„Leb wohl, Johannes!“ Und so ging ich fort. +</p> + +<p> +Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand, der Stab und Ranzen schon +für mich bereit hielt; dann wanderte ich zwischen den Eichbäumen auf die +Waldstraße zu. Aber mir war dabei, als könne ich nicht recht fort, als hätt ich +einen Abschied noch zu Gute, und stand oft still und schaute hinter mich. Ich +war auch nicht den Richtweg durch die Tannen, sondern, wie von selber, den viel +weiteren auf der großen Fahrstraße hingewandert. Aber schon kam vor mir das +Abendroth überm Wald herauf, und ich mußte eilen, wenn mich die Nacht nicht +überfallen sollte. „Ade, Katharina, ade!“ sagte ich leise und +setzte rüstig meinen Wanderstab in Gang. +</p> + +<p> +Da, an der Stelle, wo der Fußsteig in die Straße mündet—in stürmender +Freude stund das Herz mir still—, plötzlich aus dem Tannendunkel war sie +selber da; mit glühenden Wangen kam sie hergelaufen, sie sprang über den +trocknen Weggraben, daß die Fluth des seidenbraunen Haars dem güldnen Netz +entstürzete; und so fing ich sie in meinen Armen auf. Mit glänzenden Augen, +noch mit dem Odem ringend, schaute sie mich an. „Ich—ich bin ihnen +fortgelaufen!“ stammelte sie endlich; und dann, ein Päckchen in meine +Hand drückend, fügte sie leis hinzu: „Von mir, Johannes! Und du sollst es +nicht verachten!“ Auf einmal aber wurde ihr Gesichtchen trübe; der kleine +schwellende Mund wollte noch was reden, aber da brach ein Thränenquell aus +ihren Augen, und wehmüthig ihr Köpfchen schüttelnd, riß sie sich hastig los. +Ich sah ihr Kleid im finstern Tannensteig verschwinden; dann in der Ferne hörte +ich noch die Zweige rauschen, und dann stand ich allein. Es war so still, die +Blätter konnte man fallen hören. Als ich das Päckchen aus einander faltete, da +war’s ihr güldner Pathenpfennig, so sie mir oft gezeigt hatte; ein +Zettlein lag dabei, das las ich nun beim Schein des Abendrothes. „Damit +du nicht in Noth gerathest“, stund darauf geschrieben.—Da streckt +ich meine Arme in die leere Luft: „Ade, Katharina ade, +ade!“—wohl hundertmal rief ich es in den stillen Wald +hinein;—und erst mit sinkender Nacht erreichte ich die Stadt. +</p> + +<p> +—Seitdem waren fast fünf Jahre dahingegangen.—Wie würd ich heute +alles wiederfinden? +</p> + +<p> +Und schon war ich am Thorhaus und sah drunten im Hof die alten Linden, hinter +deren lichtgrünem Laub die beiden Zackengiebel des Herrenhauses itzt verborgen +lagen. Als ich aber durch den Thorweg gehen wollte, jagten vom Hofe her zwei +fahlgraue Bullenbeißer mit Stachelhalsbändern gar wild gegen mich heran; sie +erhuben ein erschreckliches Geheul, der eine sprang auf mich und fletschete +seine weißen Zähne dicht vor meinem Antlitz. Solch einen Willkommen hatte ich +noch niemalen hier empfangen. Da, zu meinem Glück, rief aus den Kammern ober +dem Thore eine rauhe, aber mir gar traute Stimme. „Hallo!“ rief +sie; „Tartar, Türk!“ Die Hunde ließen von mir ab, ich hörte es die +Stiege herabkommen, und aus der Thür, so unter dem Thorgang war, trat der alte +Dieterich. +</p> + +<p> +Als ich ihn anschaute, sahe ich wohl, daß ich lang in der Fremde gewesen sei; +denn sein Haar war schlohweiß geworden, und seine sonst so lustigen Augen +blickten gar matt und betrübsam auf mich hin. „Herr Johannes!“ +sagte er endlich und reichte mir seine beiden Hände. +</p> + +<p> +„Grüß Ihn Gott, Dieterich!“ entgegnete ich. „Aber seit wann +haltet Ihr solche Bluthunde auf dem Hof, die die Gäste anfallen gleich den +Wölfen?“ +</p> + +<p> +„Ja, Herr Johannes“, sagte der Alte, „die hat der Junker +hergebracht.“ +</p> + +<p> +„Ist denn der daheim?“ Der Alte nickte. +</p> + +<p> +„Nun“, sagte ich, „die Hunde mögen schon vonnöthen sein; vom +Krieg her ist noch viel verlaufen Volk zurückgeblieben.“ +</p> + +<p> +„Ach, Herr Johannes!“ Und der alte Mann stund immer noch, als wolle +er mich nicht zum Hof hinauf lassen. „Ihr seid in schlimmer Zeit +gekommen!“ +</p> + +<p> +Ich sah ihn an, sagte aber nur: „Freilich, Dieterich; aus mancher +Fensterhöhlung schaut statt des Bauern itzt der Wolf heraus; hab dergleichen +auch gesehen; aber es ist ja Frieden worden, und der gute Herr im Schloß wird +helfen, seine Hand ist offen.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Worten wollte ich, obschon die Hunde mich wieder anknurreten, auf +den Hof hinausgehen; aber der Greis trat mir in den Weg. „Herr +Johannes“, rief er, „ehe Ihr weiter gehet, höret mich an! Euer +Brieflein ist zwar richtig mit der Königlichen Post von Hamburg kommen; aber +den rechten Leser hat es nicht mehr finden können.“ +</p> + +<p> +„Dieterich!“ schrie ich. „Dieterich!“ +</p> + +<p> +„—Ja, ja, Herr Johannes! Hier ist die gute Zeit vorbei; denn unser +theurer Herr Gerhardus liegt aufgebahret dort in der Kapellen, und die +Gueridons brennen an seinem Sarge. Es wird nun anders werden auf dem Hofe; +aber—ich bin ein höriger Mann, mir ziemet Schweigen.“ +</p> + +<p> +Ich wollte fragen: „Ist das Fräulein, ist Katharina noch im Hause!“ +Aber das Wort wollte nicht über meine Zunge. +</p> + +<p> +Drüben, in einem hinteren Seitenbau des Herrenhauses, war eine kleine Kapelle, +die aber, wie ich wußte, seit lange nicht benutzt war. Dort also sollte ich +Herrn Gerhardus suchen. +</p> + +<p> +Ich fragte den alten Hofmann: „Ist die Kapelle offen?“, und als er +es bejahete, bat ich ihn, die Hunde anzuhalten; dann ging ich über den Hof, wo +niemand mir begegnete; nur einer Grasmücke Singen kam oben aus den +Lindenwipfeln. +</p> + +<p> +Die Thür zur Kapellen war nur angelehnt, und leis und gar beklommen trat ich +ein. Da stand der offene Sarg, und die rothe Flamme der Kerzen warf ihr +flackernd Licht auf das edle Antlitz des geliebten Herrn; die Fremdheit des +Todes, so darauf lag, sagte mir, daß er itzt eines andern Lands Genosse sei. +Indem ich aber neben dem Leichnam zum Gebete hinknien wollte, erhub sich über +den Rand des Sarges mir gegenüber ein junges blasses Antlitz, das aus schwarzen +Schleiern fast erschrocken auf mich schaute. +</p> + +<p> +Aber nur, wie ein Hauch verweht, so blickten die braunen Augen herzlich zu mir +auf, und es war fast wie ein Freudenruf. „O Johannes, seid Ihr’s +denn? Ach, Ihr seid zu spät gekommen!“ Und über dem Sarge hatten unsere +Hände sich zum Gruß gefaßt; denn es war Katharina, und sie war so schön +geworden, daß hier im Angesicht des Todes ein heißer Puls des Lebens mich +durchfuhr. Zwar, das spielende Licht der Augen lag itzt zurückgeschrecket in +der Tiefe; aber aus dem schwarzen Häubchen drängten sich die braunen Löcklein, +und der schwellende Mund war um so röther in dem blassen Antlitz. +</p> + +<p> +Und fast verwirret auf den Todten schauend, sprach ich: „Wohl kam ich in +der Hoffnung, an seinem lebenden Bilde ihm mit meiner Kunst zu danken, ihm +manche Stunde genüber zu sitzen und sein mild und lehrreich Wort zu hören. Laßt +mich denn nun die bald vergehenden Züge festzuhalten suchen.“ +</p> + +<p> +Und als sie unter Thränen, die über ihre Wangen strömten, stumm zu mir +hinübernickte, setzte ich mich in ein Gestühlte und begann auf einem von den +Blättchen, die ich bei mir führte, des Todten Antlitz nachzubilden. Aber meine +Hand zitterte; ich weiß nicht, ob alleine vor der Majestät des Todes. +</p> + +<p> +Während dem vernahm ich draußen vom Hofe her eine Stimme, die ich für die des +Junker Wulf erkannte; gleich danach schrie ein Hund wie nach einem Fußtritt +oder Peitschenhiebe; und dann ein Lachen und einen Fluch von einer andern +Stimme, die mir gleicherweise bekannt deuchte. +</p> + +<p> +Als ich auf Katharinen blickte, sah ich sie mit schier entsetzten Augen nach +dem Fenster starren; aber die Stimmen und die Schritte gingen vorüber. Da erhub +sie sich, kam an meine Seite und sahe zu, wie des Vaters Antlitz unter meinem +Stift entstund. Nicht lange, so kam draußen ein einzelner Schritt zurück; in +demselben Augenblick legte Katharina die Hand auf meine Schulter, und ich +fühlte, wie ihr junger Körper bebte. +</p> + +<p> +Sogleich auch wurde die Kapellenthür aufgerissen; und ich erkannte den Junker +Wulf, obschon sein sonsten bleiches Angesicht itzt roth und aufgedunsen schien. +</p> + +<p> +„Was huckst du allfort an dem Sarge!“ rief er zu der Schwester. +„Der Junker von der Risch ist da gewesen, uns seine Condolenze zu +bezeigen; du hättest ihm wohl den Trunk kredenzen mögen!“ +</p> + +<p> +Zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrete mich mit seinen kleinen Augen +an. „Wulf“, sagte Katharina, indem sie mit mir zu ihm trat; +„es ist Johannes, Wulf“ +</p> + +<p> +Der Junker fand nicht vonnöthen, mir die Hand zu reichen; er musterte nur mein +violenfarben Wams und meinte: „Du trägst da einen bunten Federbalg; man +wird dich ,Sieur‘ nun tituliren müssen!“ +</p> + +<p> +„Nennt mich, wie’s Euch gefällt!“ sagte ich, indem wir auf +den Hof hinaustreten. „Obschon mir dorten, von wo ich komme, das +,Herr‘ vor meinem Namen nicht gefehlet—Ihr wißt wohl, Eueres Vaters +Sohn hat großes Recht an mir.“ +</p> + +<p> +Er sah mich was verwundert an, sagte dann aber nur: „Nun wohl, so magst +du zeigen, was du für meines Vaters Gold erlernet hast; und soll dazu der Lohn +für deine Arbeit dir nicht verhalten sein.“ +</p> + +<p> +Ich meinete, was den Lohn anginge, den hätte ich längst vorausbekommen; da aber +der Junker entgegnete, er werd es halten, wie sich’s für einen Edelmann +gezieme, so fragte ich, was für Arbeit er mir aufzutragen hätte. +</p> + +<p> +„Du weißt doch“, sagte er und hielt dann inne, indem er scharf auf +seine Schwester blickte—„wenn eine adelige Tochter das Haus +verläßt, so muß ihr Bild darin zurückbleiben.“ +</p> + +<p> +Ich fühlte, daß bei diesen Worten Katharina, die an meiner Seite ging, gleich +einer Taumelnden nach meinem Mantel haschte; aber ich entgegnete ruhig: +„Der Brauch ist mir bekannt; doch, wie meinet Ihr denn, Junker +Wulf?“ +</p> + +<p> +„Ich meine“, sagte er hart, als ob er einen Gegenspruch erwarte, +„daß du das Bildniß der Tochter dieses Hauses malen sollst!“ +</p> + +<p> +Mich durchfuhr’s fast wie ein Schrecken; weiß nicht, ob mehr über den Ton +oder die Deutung dieser Worte; dachte auch, zu solchem Beginnen sei itzt kaum +die rechte Zeit. +</p> + +<p> +Da Katharina schwieg, aus ihren Augen aber ein flehentlicher Blick mir zuflog, +so antwortete ich: „Wenn Eure edle Schwester es mir vergönnen will, so +hoffe ich Eueres Vaters Protection und meines Meisters Lehre keine Schande +anzuthun. Räumet mir nur wieder mein Kämmerlein ober dem Thorweg bei dem alten +Dieterich, so soll geschehen, was Ihr wünschet.“ +</p> + +<p> +Der Junker war das zufrieden und sagte auch seiner Schwester, sie möge einen +Imbiß für mich richten lassen. +</p> + +<p> +Ich wollte über den Beginn meiner Arbeit noch eine Frage thun; aber ich +verstummte wieder, denn über den empfangenen Auftrag war plötzlich eine +Entzückung in mir aufgestiegen, daß ich fürchtete, sie könne mit jedem Wort +hervorbrechen. So war ich auch der zwo grimmen Köter nicht gewahr worden, die +dort am Brunnen sich auf den heißen Steinen sonnten. Da wir aber näher kamen, +sprangen sie auf und fuhren mit offenem Rachen gegen mich, daß Katharina einen +Schrei that, der Junker aber einen schrillen Pfiff, worauf sie heulend ihm zu +Füßen krochen. „Beim Höllenelemente“, rief er lachend, „zwo +tolle Kerle; gilt ihnen gleich, ein Sauschwanz oder Flandrisch Tuch!“ +</p> + +<p> +„Nun, Junker Wulf“—ich konnte der Rede mich nicht wohl +enthalten—, „soll ich noch einmal Gast in Eueres Vaters Hause sein, +so möget Ihr Euere Thiere bessere Sitte lehren!“ +</p> + +<p> +Er blitzte mich mit seinen kleinen Augen an und riß sich ein paar Mal in seinen +Zwickelbart. „Das ist nur so ihr Willkommensgruß, Sieur Johannes!“ +sagte er dann, indem er sich bückte, um die Bestien zu streicheln. „Damit +jedweder wisse, daß ein ander Regiment allhier begonnen; denn—wer mir in +die Quere kommt, den hetz ich in des Teufels Rachen!“ +</p> + +<p> +Bei den letzten Worten, die er heftig ausgestoßen, hatte er sich hoch +aufgerichtet; dann pfiff er seinen Hunden und schritt über den Hof dem Thore +zu. +</p> + +<p> +Ein Weilchen schaute ich hintendrein; dann folgte ich Katharinen, die unter dem +Lindenschatten stumm und gesenkten Hauptes die Freitreppe zu dem Herrenhaus +emporstieg; ebenso schweigend gingen wir mitsammen die breiten Stufen in das +Oberhaus hinauf, allwo wir in des seligen Herrn Gerhardus Zimmer +traten.—Hier war noch alles, wie ich es vordem gesehen; die goldgeblümten +Ledertapeten, die Karten an der Wand, die saubern Pergamentbände auf den +Regalen, über dem Arbeitstische der schöne Waldgrund von dem älteren +Ruisdael—und dann davor der leere Sessel. Meine Blicke blieben daran +haften; gleichwie drunten in der Kapellen der Leib des Entschlafenen, so schien +auch dies Gemach mir itzt entseelet und, obschon vom Walde draußen der junge +Lenz durchs Fenster leuchtete, doch gleichsam von der Stille des Todes wie +erfüllet. +</p> + +<p> +Ich hatte auf Katharinen in diesem Augenblicke fast vergessen. Da ich mich +umwandte, stand sie schier reglos mitten in dem Zimmer, und ich sah, wie unter +den kleinen Händen, die sie daraufgepreßt hielt, ihre Brust in ungestümer +Arbeit ging. „Nicht wahr“, sagte sie leise, „hier ist itzt +niemand mehr; niemand als mein Bruder und seine grimmen Hunde?“ +</p> + +<p> +„Katharina!“ rief ich; „was ist Euch? Was ist das hier in +Eueres Vaters Haus?“ +</p> + +<p> +„Was es ist, Johannes?“ Und fast wild ergriff sie meine beiden +Hände, und ihre jungen Augen sprühten wie in Zorn und Schmerz. „Nein, +nein; laß erst den Vater in seiner Gruft zur Ruhe kommen! Aber dann—du +sollst mein Bild ja malen, du wirst eine Zeitlang hier verweilen—dann, +Johannes, hilf mir; um des Todten willen, hilf mir!“ +</p> + +<p> +Auf solche Worte, von Mitleid und von Liebe ganz bezwungen, fiel ich vor der +Schönen, Süßen nieder und schwur ihr mich und alle meine Kräfte zu. Da lösete +sich ein sanfter Thränenquell aus ihren Augen, und wir saßen neben einander und +sprachen lange zu des Entschlafenen Gedächtniß. +</p> + +<p> +Als wir sodann wieder in das Unterhaus hinabgingen, fragte ich auch dem alten +Fräulein nach. +</p> + +<p> +„Oh“, sagte Katharina, „Bas’ Ursel! Wollt Ihr sie +begrüßen? Ja, die ist auch noch da; sie hat hier unten ihr Gemach, denn die +Treppen sind ihr schon längsthin zu beschwerlich.“ +</p> + +<p> +Wir traten also in ein Stübchen, das gegen den Garten lag, wo auf den Beeten +vor den grünen Heckenwänden soeben die Tulpen aus der Erde brachen. Bas’ +Ursel saß, in der schwarzen Tracht und Krepphaube nur wie ein schwindend +Häufchen anzuschauen, in einem hohen Sessel und hatte ein Nonnenspielchen vor +sich, das, wie sie nachmals mir erzählte, der Herr Baron—nach seines +Vaters Ableben war er solches itzund wirklich—ihr aus Lübeck zur +Verehrung mitgebracht. +</p> + +<p> +„So“, sagte sie, da Katharina mich genannt hatte, indeß sie +behutsam die helfenbeinern Pflöcklein um einander steckte, „ist Er wieder +da, Johannes? Nein, es geht nicht aus! O, c’est un jeu +très-compliqué!“ +</p> + +<p> +Dann warf sie die Pflöcklein über einander und schauete mich an. +„Ei“, meinte sie, „Er ist gar stattlich angethan; aber weiß +Er denn nicht, daß Er in ein Trauerhaus getreten ist?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß es, Fräulein“, entgegnete ich; „aber da ich in das +Thor trat, wußte ich es nicht.“ +</p> + +<p> +„Nun“, sagte sie und nickte gar begütigend; „so eigentlich +gehöret Er ja auch nicht zur Dienerschaft.“ +</p> + +<p> +Über Katharinens blasses Antlitz flog ein Lächeln, wodurch ich mich jeder +Antwort wohl enthoben halten mochte. Vielmehr rühmte ich der alten Dame die +Anmuth ihres Wohngemaches; denn auch der Epheu von dem Thürmchen, das draußen +an der Mauer aufstieg, hatte sich nach dem Fenster hingesponnen und wiegete +seine grünen Ranken vor den Scheiben. +</p> + +<p> +Aber Bas’ Ursel meinete, ja, wenn nur nicht die Nachtigallen wären, die +itzt schon wieder anhüben mit ihrer Nachtunruhe; sie könne ohnedem den Schlaf +nicht finden; und dann auch sei es schier zu abgelegen; das Gesinde sei von +hier aus nicht im Aug zu halten; im Garten draußen aber passire eben nichts, +als etwan, wann der Gärtnerbursche an den Hecken oder Buchsrabatten putze. +</p> + +<p> +—Und damit hatte der Besuch seine Endschaft; denn Katharina mahnte, es +sei nachgerade an der Zeit, meinen wegemüden Leib zu stärken. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Ich war nun in meinem Kämmerchen ober dem Hofthor einlogiret, dem alten +Dieterich zur sondern Freude; denn am Feierabend saßen wir auf seiner Tragkist, +und ließ ich mir, gleich wie in der Knabenzeit, von ihm erzählen. Er rauchte +dann wohl eine Pfeife Tabak, welche Sitte durch das Kriegsvolk auch hier in +Gang gekommen war, und holete allerlei Geschichten aus den Drangsalen, so sie +durch die fremden Truppen auf dem Hof und unten in dem Dorf hatten erleiden +müssen; einmal aber, da ich seine Rede auf das gute Frölen Katharina gebracht +und er erst nicht hatt ein Ende finden können, brach er gleichwohl plötzlich ab +und schauete mich an. +</p> + +<p> +„Wisset Ihr, Herr Johannes“, sagte er, „’s ist grausam +schad, daß Ihr nicht auch ein Wappen habet gleich dem von der Risch da +drüben!“ +</p> + +<p> +Und da solche Rede mir das Blut ins Gesicht jagete, klopfte er mit seiner +harten Hand mir auf die Schulter, meinend: „Nun, nun, Herr Johannes; +’s war ein dummes Wort von mir; wir müssen freilich bleiben, wo uns der +Herrgott hingesetzet.“ +</p> + +<p> +Weiß nicht, ob ich derzeit mit solchem einverstanden gewesen, fragete aber nur, +was der von der Risch denn itzund für ein Mann geworden. +</p> + +<p> +Der Alte sah mich gar pfiffig an und paffte aus seinem kurzen Pfeiflein, als ob +das theure Kraut am Feldrain wüchse. „Wollet Ihr’s wissen, Herr +Johannes?“ begann er dann. „Er gehöret zu denen muntern Junkern, +die im Kieler Umschlag den Bürgersleuten die Knöpfe von den Häusern schießen; +Ihr möget glauben, er hat treffliche Pistolen! Auf der Geigen weiß er nicht so +gut zu spielen; da er aber ein lustig Stücklein liebt, so hat er letzthin den +Rathsmusikanten, der überm Holstenthore wohnt, um Mitternacht mit seinem Degen +aufgeklopfet, ihm auch nicht Zeit gelassen, sich Wams und Hosen anzuthun. Statt +der Sonnen stand aber der Mond am Himmel, es war octavis trium regum und fror +Pickelsteine; und hat also der Musikante, den Junker mit dem Degen hinter sich, +im blanken Hemde vor ihm durch die Gassen geigen müssen!—Wollet Ihr mehr +noch wissen, Herr Johannes?—Zu Haus bei ihm freuen sich die Bauern, wenn +der Herrgott sie nicht mit Töchtern gesegnet; und dennoch—aber nach +seines Vaters Tode hat er Geld, und unser Junker, Ihr wisset’s wohl, hat +schon vorher von seinem Erbe aufgezehrt.“ +</p> + +<p> +Ich wußte freilich nun genug; auch hatte der alte Dieterich schon mit seinem +Spruche: „Aber ich bin nur ein höriger Mann“, seiner Rede Schluß +gemacht. +</p> + +<p> +—Mit meinem Malgeräth war auch meine Kleidung aus der Stadt gekommen, wo +ich im Goldenen Löwen alles abgeleget, so daß ich anitzt, wie es sich ziemete, +in dunkler Tracht einherging. Die Tagesstunden aber wandte ich zunächst in +meinen Nutzen. Nämlich, es befand sich oben im Herrenhause neben des seligen +Herrn Gemach ein Saal, räumlich und hoch, dessen Wände fast völlig von +lebensgroßen Bildern verhänget waren, so daß nur noch neben dem Kamin ein Platz +zu zweien offen stund. Es waren das die Voreltern des Herrn Gerhardus, meist +ernst und sicher blickende Männer und Frauen, mit einem Antlitz, dem man wohl +vertrauen konnte; er selbsten in kräftigem Mannesalter und Katharinens früh +verstorbene Mutter machten dann den Schluß. Die, beiden letzten Bilder waren +gar trefflich von unserem Landsmanne, dem Eiderstedter Georg Ovens, in seiner +kräftigen Art gemalet; und ich suchte nun mit meinem Pinsel die Züge meines +edlen Beschützers nachzuschaffen; zwar in verengtem Maßstabe und nur mir selber +zum Genügen; doch hat es später zu einem größeren Bildniß mir gedienet, das +noch itzt hier in meiner einsamen Kammer die theuerste Gesellschaft meines +Alters ist. Das Bildniß seiner Tochter aber lebt mit mir in meinem Innern. +</p> + +<p> +Oft, wenn ich die Palette hingelegt, stand ich noch lange vor den schönen +Bildern. Katharinens Antlitz fand ich in dem der beiden Eltern wieder: des +Vaters Stirn, der Mutter Liebreiz um die Lippen; wo aber war hier der harte +Mundwinkel, das kleine Auge des Junker Wulf?—Das mußte tiefer aus der +Vergangenheit heraufgekommen sein! Langsam ging ich die Reih der älteren +Bildnisse entlang, bis über hundert Jahre weit hinab. Und siehe, da hing im +schwarzen, von den Würmern schon zerfressenen Holzrahmen ein Bild, vor dem ich +schon als Knabe, als ob’s mich hielte, still gestanden war. Es stellete +eine Edelfrau von etwa vierzig Jahren vor; die kleinen grauen Augen sahen kalt +und stechend aus dem harten Antlitz, das nur zur Hälfte zwischen dem Weißen +Kinntuch und der Schleierhaube sichtbar wurde. Ein leiser Schauer überfuhr mich +vor der so lang schon heimgegangenen Seele; und ich sprach zu mir: ,Hier, diese +ist’s! Wie räthselhafte Wege gehet die Natur! Ein saeculum und drüber +rinnt es heimlich wie unter einer Decke im Blute der Geschlechter fort; dann, +längst vergessen, taucht es plötzlich wieder auf, den Lebenden zum Unheil. +Nicht vor dem Sohn des edlen Gerhardus; vor dieser hier und ihres Blutes +nachgeborenem Sprößling soll ich Katharinen schützen.‘ Und wieder trat +ich vor die beiden jüngsten Bilder, an denen mein Gemüthe sich erquickte. +</p> + +<p> +So weilte ich derzeit in dem stillen Saale, wo um mich nur die Sonnenstäublein +spielten, unter den Schatten der Gewesenen. +</p> + +<p> +Katharinen sah ich nur beim Mittagstische, das alte Fräulein und den Junker +Wulf zur Seiten; aber wofern Bas’ Ursel nicht in ihren hohen Tönen +redete, so war es stets ein stumm und betrübsam Mahl, so daß mir oft der Bissen +im Munde quoll. Nicht die Trauer um den Abgeschiedenen war deß Ursach, sondern +es lag zwischen Bruder und Schwester, als sei das Tischtuch durchgeschnitten +zwischen ihnen. Katharina, nachdem sie fast die Speisen nicht berührt, +entfernte sich allzeit bald, mich kaum nur mit den Augen grüßend; der Junker +aber, wenn ihm die Laune stund, suchte mich dann beim Trunke festzuhalten; +hatte mich also hiegegen und, so ich nicht hinaus wollte über mein gestecktes +Maß, überdem wider allerart Flosculn zu wehren, welche gegen mich gespitzet +wurden. +</p> + +<p> +Inzwischen, nachdem der Sarg schon mehrere Tage geschlossen gewesen, geschahe +die Beisetzung des Herrn Gerhardus drunten in der Kirche des Dorfes, allwo das +Erbbegräbniß ist und wo itzt seine Gebeine bei denen seiner Voreltern ruhen, +mit denen der Höchste ihnen dereinst eine fröhliche Urständ wolle bescheren! +</p> + +<p> +Es waren aber zu solcher Trauerfestlichkeit zwar mancherlei Leute aus der Stadt +und den umliegenden Gütern gekommen, von Angehörigen aber fast wenige und auch +diese nur entfernte, maßen der Junker Wulf der Letzte seines Stammes war und +des Herrn Gerhardus Ehgemahl nicht hiesigen Geschlechts gewesen; darum es auch +geschahe, daß in der Kürze alle wieder abgezogen sind. +</p> + +<p> +Der Junker drängte nun selbst, daß ich mein aufgetragen Werk begönne, wozu ich +droben in dem Bildersaale an einem nach Norden zu belegenen Fenster mir schon +den Platz erwählet hatte. Zwar kam Bas’ Ursel, die wegen ihrer Gicht die +Treppen nicht hinauf konnte, und meinete, es möge am besten in ihrer Stuben +oder im Gemach daran geschehen, so sei es uns beiderseits zur Unterhaltung; ich +aber, solcher Gevatterschaft gar gern entrathend, hatte an der dortigen +Westsonne einen rechten Malergrund dagegen, und konnte alles Reden ihr nicht +nützen. Vielmehr war ich am andern Morgen schon dabei, die Nebenfenster des +Saales zu verhängen und die hohe Staffelei zu stellen, so ich mit Hülfe +Dieterichs mir selber in den letzten Tagen angefertigt. +</p> + +<p> +Als ich eben den Blendrahmen mit der Leinewand darauf gelegt, öffnete sich die +Thür aus Herrn Gerhardus’ Zimmer, und Katharina trat herein. Aus was für +Ursach, wäre schwer zu sagen; aber ich empfand, daß wir uns dießmal fast +erschrocken gegenüber standen; aus der schwarzen Kleidung, die sie nicht +abgeleget, schaute das junge Antlitz in gar süßer Verwirrung zu mir auf. +</p> + +<p> +„Katharina“, sagte ich, „Ihr wisset, ich soll Euer Bildniß +malen; duldet Ihr’s auch gern?“ +</p> + +<p> +Da zog ein Schleier über ihre braunen Augensterne, und sie sagte leise: +„Warum doch fragt Ihr so, Johannes?“ +</p> + +<p> +Wie ein Thau des Glückes sank es in mein Herz. „Nein, nein, Katharina! +Aber sagt, was ist, worin kann ich Euch dienen?—Setzet Euch, damit wir +nicht so müßig überrascht werden, und dann sprecht! Oder vielmehr, ich weiß es +schon. Ihr braucht mir’s nicht zu sagen!“ +</p> + +<p> +Aber sie setzte sich nicht, sie trat zu mir heran. „Denket Ihr noch, +Johannes, wie Ihr einst den Buhz mit Euerem Bogen niederschosset? Das thut +dießmal nicht noth, obschon er wieder ob dem Neste lauert; denn ich bin kein +Vöglein, das sich von ihm zerreißen läßt. Aber, Johannes—ich habe einen +Blutsfreund—, hilf mir wider den!“ +</p> + +<p> +„Ihr meinet Eueren Bruder, Katharina!“ +</p> + +<p> +—„Ich habe keinen andern.—Dem Manne, den ich hasse, will er +mich zum Weibe geben! Während unseres Vaters langem Siechbett habe ich den +schändlichen Kampf mit ihm gestritten, und erst an seinem Sarg hab ich’s +ihm abgetrotzt, daß ich in Ruhe um den Vater trauern mag; aber ich weiß, auch +das wird er nicht halten.“ +</p> + +<p> +Ich gedachte eines Stiftsfräuleins zu Preetz, Herrn Gerhardus’ einzigen +Geschwisters, und meinete, ob die nicht um Schutz und Zuflucht anzugehen sei. +</p> + +<p> +Katharina nickte. „Wollt Ihr mein Bote sein, Johannes?— Geschrieben +habe ich ihr schon, aber in Wulfs Hände kam die Antwort, und auch erfahren habe +ich sie nicht, nur die ausbrechende Wuth meines Bruders, die selbst das Ohr des +Sterbenden erfüllet hätte, wenn es noch offen gewesen wäre für den Schall der +Welt; aber der gnädige Gott hatte das geliebte Haupt schon mit dem letzten +Erdenschlummer zugedecket.“ +</p> + +<p> +Katharina hatte sich nun doch auf meine Bitte mir genüber gesetzet, und ich +begann die Umrisse auf die Leinewand zu zeichnen. So kamen wir zu ruhiger +Berathung; und da ich, wenn die Arbeit weiter vorgeschritten, nach Hamburg +mußte, um bei dem Holzschnitzer einen Rahmen zu bestellen, so stelleten wir +fest, daß ich alsdann den Umweg über Preetz nähme und also meine Botschaft +ausrichtete. Zunächst jedoch sei emsig an dem Werk zu fördern. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Es ist gar oft ein seltsam Widerspiel im Menschenherzen. Der Junker mußte es +schon wissen, daß ich zu seiner Schwester stand; gleichwohl—hieß nun sein +Stolz ihn, mich gering zu schätzen, oder glaubte er mit seiner ersten Drohung +mich genug geschrecket—, was ich besorget, traf nicht ein; Katharina und +ich waren am ersten wie an den andern Tagen von ihm ungestöret. Einmal zwar +trat er ein und schalt mit Katharinen wegen ihrer Trauerkleidung, warf aber +dann die Thür hinter sich, und wir hörten ihn bald auf dem Hofe ein +Reiterstücklein pfeifen. Ein ander Mal noch hatte er den von der Risch an +seiner Seite. Da Katharina eine heftige Bewegung machte, bat ich sie, auf ihrem +Platz zu bleiben, und malete ruhig weiter. Seit dem Begräbnißtage, wo ich einen +fremden Gruß mit ihm getauschet, hatte der Junker Kurt sich auf dem Hofe nicht +gezeigt; nun trat er näher und beschauete das Bild und redete gar schöne Worte, +meinete aber auch, weshalb das Fräulein sich so sehr vermummt und nicht +vielmehr ihr seidig Haar in freien Locken auf den Nacken habe wallen lassen; +wie es ein Engelländischer Poet so trefflich ausgedrücket, „rückwärts den +Winden leichte Küsse werfend.“ Katharina aber, die bisher geschwiegen, +wies auf Herrn Gerhardus’ Bild und sagte: „Ihr wisset wohl nicht +mehr, daß das mein Vater war!“ +</p> + +<p> +Was Junker Kurt hierauf entgegnete, ist mir nicht mehr erinnerlich; meine +Person aber schien ihm ganz nicht gegenwärtig oder doch nur gleich einer +Maschine, wodurch ein Bild sich auf die Leinewand malete. Von letzterem begann +er über meinen Kopf hin dieß und jenes noch zu reden; da aber Katharina nicht +mehr Antwort gab, so nahm er alsbald seinen Urlaub, der Dame angenehme Kurzweil +wünschend. +</p> + +<p> +Bei diesem Wort jedennoch sah ich aus seinen Augen einen raschen Blick gleich +einer Messerspitze nach mir zücken. +</p> + +<p> +—Wir hatten nun weitere Störniß nicht zu leiden, und mit der Jahreszeit +rückte auch die Arbeit vor. Schon stand auf den Waldkoppeln draußen der Roggen +in silbergrauem Blust, und unten im Garten brachen schon die Rosen auf; wir +beide aber—ich mag es heut wohl niederschreiben—, wir hätten itzund +die Zeit gern stille stehen lassen; an meine Botenreise wagten, auch nur mit +einem Wörtlein, weder sie noch ich zu rühren. Was wir gesprochen, wüßte ich +kaum zu sagen; nur daß ich von meinem Leben in der Fremde ihr erzählte und wie +ich immer heim gedacht; auch daß ihr güldner Pfennig mich in Krankheit einst +vor Noth bewahrt, wie sie in ihrem Kinderherzen es damals fürgesorget, und wie +ich später dann gestrebt und mich geängstet, bis ich das Kleinod aus dem +Leihhaus mir zurückgewonnen hatte. Dann lächelte sie glücklich; und dabei +blühete aus dem dunkeln Grund des Bildes immer süßer das holde Antlitz auf, mir +schien’s, als sei es kaum mein eigenes Werk.— Mitunter war’s, +als schaue mich etwas heiß aus ihren Augen an; doch wollte ich es dann fassen, +so floh es scheu zurück; und dennoch floß es durch den Pinsel heimlich auf die +Leinewand, so daß mir selber kaum bewußt ein sinnberückend Bild entstand, wie +nie zuvor und nie nachher ein solches aus meiner Hand gegangen ist.—Und +endlich war’s doch an der Zeit und festgesetzet, am andern Morgen sollte +ich meine Reise antreten. +</p> + +<p> +Als Katharina mir den Brief an ihre Base eingehändigt, saß sie noch einmal mir +gegenüber. Es wurde heute mit Worten nicht gespielet; wir sprachen ernst und +sorgenvoll mitsammen; indessen setzete ich noch hie und da den Pinsel an, +mitunter meine Blicke auf die schweigende Gesellschaft an den Wänden werfend, +deren ich in Katharinens Gegenwart sonst kaum gedacht hatte. +</p> + +<p> +Da, unter dem Malen, fiel mein Auge auch auf jenes alte Frauenbildniß, das mir +zur Seite hing und aus den weißen Schleiertüchern die stechend grauen Augen auf +mich gerichtet hielt. Mich fröstelte, ich hätte nahezu den Stuhl verrücket. +</p> + +<p> +Aber Katharinens süße Stimme drang mir in das Ohr: „Ihr seid ja fast +erbleichet; was flog Euch übers Herz, Johannes?“ +</p> + +<p> +Ich zeigte mit dem Pinsel auf das Bild. „Kennet Ihr die, Katharina? Diese +Augen haben hier all die Tage auf uns hingesehen.“ +</p> + +<p> +„Die da?—Vor der hab ich schon als Kind eine Furcht gehabt, und gar +bei Tage bin ich oft wie blind hier durchgelaufen. Es ist die Gemahlin eines +früheren Gerhardus; vor weit über hundert Jahren hat sie hier gehauset.“ +</p> + +<p> +„Sie gleicht nicht Euerer schönen Mutter“, entgegnete ich; +„dies Antlitz hat wohl vermocht, einer jeden Bitte nein zu sagen.“ +</p> + +<p> +Katharina sah gar ernst zu mir herüber. „So heißt’s auch“, +sagte sie, „sie soll ihr einzig Kind verfluchet haben; am andern Morgen +aber hat man das blasse Fräulein aus einem Gartenteich gezogen, der nachmals +zugedämmet ist. Hinter den Hecken, dem Walde zu, soll es gewesen sein.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, Katharina; es wachsen heut noch Schachtelhalm und Binsen aus +dem Boden.“ +</p> + +<p> +„Wisset Ihr denn auch, Johannes, daß eine unseres Geschlechtes sich noch +immer zeigen soll, sobald dem Hause Unheil droht? Man sieht sie erst hier an +den Fenstern gleiten, dann draußen in dem Gartensumpf verschwinden.“ +</p> + +<p> +Ohnwillens wandten meine Augen sich wieder auf die unbeweglichen des Bildes. +„Und weshalb“, fragte ich, „verfluchete sie ihr Kind?“ +</p> + +<p> +„Weshalb?“—Katharina zögerte ein Weilchen und blickte mich +fast verwirret an mit allem ihrem Liebreiz. „Ich glaub, sie wollte den +Vetter ihrer Mutter nicht zum Ehgemahl.“ +</p> + +<p> +—„War es denn ein gar so übler Mann?“ +</p> + +<p> +Ein Blick fast wie ein Flehen flog zu mir herüber, und tiefes Rosenroth +bedeckte ihr Antlitz. „Ich weiß nicht“, sagte sie beklommen; und +leiser, daß ich’s kaum vernehmen mochte, setzte sie hinzu: „Es +heißt, sie hab einen andern lieb gehabt; der war nicht ihres Standes.“ +</p> + +<p> +Ich hatte den Pinsel sinken lassen; denn sie saß vor mir mit gesenkten Blicken; +wenn nicht die kleine Hand sich leis aus ihrem Schoße auf ihr Herz geleget, so +wäre sie selber wie ein leblos Bild gewesen. +</p> + +<p> +So hold es war, ich sprach doch endlich: „So kann ich ja nicht malen; +wollet Ihr mich nicht ansehen, Katharina?“ +</p> + +<p> +Und als sie nun die Wimpern von den braunen Augensternen hob, da war kein +Hehlens mehr; heiß und offen ging der Strahl zu meinem Herzen. +„Katharina!“ Ich war aufgesprungen. „Hätte jene Frau auch +dich verflucht?“ +</p> + +<p> +Sie athmete tief auf „Auch mich, Johannes!“—Da lag ihr Haupt +an meiner Brust, und fest umschlossen standen wir vor dem Bild der Ahnfrau, die +kalt und feindlich auf uns niederschauete. +</p> + +<p> +Aber Katharina zog mich leise fort. „Laß uns nicht trotzen, mein +Johannes!“ sagte sie.—Mit Selbigem hörte ich im Treppenhause ein +Geräusch, und war es, als wenn etwas mit dreien Beinen sich mühselig die +Stiegen heraufarbeitete. Als Katharina und ich uns deshalb wieder an unsern +Platz gesetzet und ich Pinsel und Palette zur Hand genommen hatte, öffnete sich +die Thür, und Bas’ Ursel, die wir wohl zuletzt erwartet hätten, kam an +ihrem Stock hereingehustet. „Ich höre“, sagte sie, „Er will +nach Hamburg, um den Rahmen zu besorgen; da muß ich mir nachgerade doch Sein +Werk besehen!“ +</p> + +<p> +Es ist wohl männiglich bekannt, daß alte Jungfrauen in Liebessachen die +allerfeinsten Sinne haben und so der jungen Welt gar oft Bedrang und Trübsal +bringen. Als Bas’ Ursel auf Katharinens Bild, das sie bislang noch nicht +gesehen, kaum einen Blick geworfen hatte, zuckte sie gar stolz empor mit ihrem +runzeligen Angesicht und frug mich allsogleich: „Hat denn das Fräulein +Ihn so angesehen, als wie sie da im Bilde sitzet?“ +</p> + +<p> +Ich entgegnete, es sei ja eben die Kunst der edlen Malerei, nicht bloß die +Abschrift des Gesichts zu geben. Aber schon mußte an unsern Augen oder Wangen +ihr Sonderliches aufgefallen sein, denn ihre Blicke gingen spähend hin und +wider. „Die Arbeit ist wohl bald am Ende?“ sagte sie dann mit ihrer +höchsten Stimme. „Deine Augen haben kranken Glanz, Katharina; das lange +Sitzen hat dir nicht wohl gedienet.“ +</p> + +<p> +Ich entgegnete, das Bild sei bald vollendet, nur an dem Gewande sei noch hie +und da zu schaffen. +</p> + +<p> +„Nun, da braucht Er wohl des Fräuleins Gegenwart nicht mehr dazu!— +Komm, Katharina, dein Arm ist besser als der dumme Stecken hier!“ +</p> + +<p> +Und so mußt ich von der dürren Alten meines Herzens holdselig Kleinod mir +entführen sehen, da ich es eben mir gewonnen glaubte; kaum daß die braunen +Augen mir noch einen stummen Abschied senden konnten. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Am andern Morgen, am Montage vor Johannis, trat ich meine Reise an. Auf einem +Gaule, den Dieterich mir besorget, trabte ich in der Frühe aus dem Thorweg; als +ich durch die Tannen ritt, brach einer von des Junkers Hunden herfür und fuhr +meinem Thiere nach den Flechsen, wannschon selbiges aus ihrem eigenen Stalle +war; aber der oben im Sattel saß, schien ihnen allzeit noch verdächtig. Kamen +gleichwohl ohne Blessur davon, ich und der Gaul, und langeten abends bei guter +Zeit in Hamburg an. +</p> + +<p> +Am andern Vormittage machte ich mich auf und befand auch bald einen Schnitzer, +so der Bilderleisten viele fertig hatte, daß man sie nur zusammenzustellen und +in den Ecken die Zierathen daraufzuthun brauchte. Wurden also handelseinig, und +versprach der Meister, mir das alles wohl verpacket nachzusenden. +</p> + +<p> +Nun war zwar in der berühmten Stadt vor einen Neubegierigen gar vieles zu +beschauen, so in der Schiffergesellschaft des Seeräubers Störtebeker silberner +Becher, welcher das zweite Wahrzeichen der Stadt genennet wird, und ohne den +gesehen zu haben, wie es in einem Buche heißer, niemand sagen dürfe, daß er in +Hamburg sei gewesen; sodann auch der Wunderfisch mit eines Adlers richtigen +Krallen und Fluchten, so eben um diese Zeit in der Elbe war gefangen worden und +den die Hamburger, wie ich nachmalen hörete, auf einen Seesieg wider die +türkischen Piraten deuteten; allein, obschon ein rechter Reisender solcherlei +Seltsamkeiten nicht vorbeigehen soll, so war doch mein Gemüthe, beides, von +Sorge und von Herzenssehnen, allzu sehr beschweret. Derohalben, nachdem ich bei +einem Kaufherrn noch meinen Wechsel umgesetzet und in meiner Nachtherbergen +Richtigkeit getroffen hatte, bestieg ich um Mittage wieder meinen Gaul und +hatte allsobald allen Lärmen des großen Hamburg hinter mir. +</p> + +<p> +Am Nachmittage danach langete ich in Preetz an, meldete mich im Stifte bei der +hochwürdigen Dame und wurde auch alsbald vorgelassen. Ich erkannte in ihrer +stattlichen Person allsogleich die Schwester meines theueren seligen Herrn +Gerhardus; nur, wie es sich an unverehelichten Frauen oftmals zeiget, waren die +Züge des Antlitzes gleichwohl strenger als die des Bruders. Ich hatte, selbst +nachdem ich Katharinens Schreiben überreichet, ein lang und hart Examen zu +bestehen; dann aber verhieß sie ihren Beistand und setzete sich zu ihrem +Schreibgeräthe, indeß die Magd mich in ein ander Zimmer führen mußte, allwo man +mich gar wohl bewirthete. +</p> + +<p> +Es war schon spät am Nachmittage, da ich wieder fortritt; doch rechnete ich, +obschon mein Gaul die vielen Meilen hinter uns bereits verspürete, noch gegen +Mitternacht beim alten Dieterich anzuklopfen.—Das Schreiben, das die alte +Dame mir für Katharinen mitgegeben, trug ich wohl verwahret in einem +Ledertäschlein unterm Wamse auf der Brust. So ritt ich fürbaß in die +aufsteigende Dämmerung hinein; gar bald an sie, die eine, nur gedenkend und +immer wieder mein Herz mit neuen lieblichen Gedanken schreckend. +</p> + +<p> +Es war aber eine lauwarme Juninacht; von den dunkelen Feldern erhub sich der +Ruch der Wiesenblumen, aus den Knicken duftete das Geißblatt; in Luft und Laub +schwebete ungesehen das kleine Nachtgeziefer oder flog auch wohl surrend meinem +schnaubenden Gaule an die Nüstern; droben aber an der blauschwarzen ungeheueren +Himmelsglocke über mir strahlte im Südost das Sternenbild des Schwanes in +seiner unberührten Herrlichkeit. +</p> + +<p> +Da ich endlich wieder auf Herrn Gerhardus’ Grund und Boden war, +resolvirte ich mich sofort, noch nach dem Dorfe hinüberzureiten, welches +seitwärts von der Fahrstraßen hinterm Wald belegen ist. Denn ich gedachte, daß +der Krüger Hans Ottsen einen paßlichen Handwagen habe; mit dem solle er morgen +einen Boten in die Stadt schicken, um die Hamburger Kiste für mich abzuholen; +ich aber wollte nur an sein Kammerfenster klopfen, um ihm solches zu bestellen. +</p> + +<p> +Also ritte ich am Waldesrande hin, die Augen fast verwirret von den grünlichen +Johannisfünkchen, die mit ihren spielerischen Lichtern mich hier umflogen. Und +schon ragete groß und finster die Kirche vor mir auf, in deren Mauern Herr +Gerhardus bei den Seinen ruhte; ich hörte, wie im Thurm soeben der Hammer +ausholete, und von der Glocken scholl die Mitternacht ins Dorf hinunter. ,Aber +sie schlafen alle‘, sprach ich bei mir selber, ,die Todten in der Kirchen +oder unter dem hohen Sternenhimmel hieneben auf dem Kirchhof, die Lebenden noch +unter den niedern Dächern, die dort stumm und dunkel vor dir liegen.‘ So +ritt ich weiter. Als ich jedoch an den Teich kam, von wo aus man Hans Ottsens +Krug gewahren kann, sahe ich von dorten einen dunstigen Lichtschein auf den Weg +hinausbrechen, und Fiedeln und Klarinetten schalleten mir entgegen. +</p> + +<p> +Da ich gleichwohl mit dem Wirthe reden wollte, so ritt ich herzu und brachte +meinen Gaul im Stalle unter. Als ich danach auf die Tenne trat, war es gedrang +voll von Menschen, Männern und Weibern, und ein Geschrei und wüst Getreibe, wie +ich solches, auch beim Tanz, in früheren Jahren nicht vermerket. Der Schein der +Unschlittkerzen, so unter einem Balken auf einem Kreuzholz schwebten, hob manch +bärtig und verhauen Antlitz aus dem Dunkel, dem man lieber nicht allein im Wald +begegnet wäre.—Aber nicht nur Strolche und Bauerbursche schienen hier +sich zu vergnügen; bei den Musikanten, die drüben vor der Döns auf ihren Tonnen +saßen, stund der Junker von der Risch; er hatte seinen Mantel über dem einen +Arm, an dem andern hing ihm eine derbe Dirne. Aber das Stücklein schien ihm +nicht zu gefallen; denn er riß dem Fiedler seine Geigen aus den Händen, warf +eine Handvoll Münzen auf seine Tonne und verlangte, daß sie ihm den +neumodischen Zweitritt aufspielen sollten. Als dann die Musikanten ihm gar +rasch gehorchten und wie toll die neue Weise klingen ließen, schrie er nach +Platz und schwang sich in den dichten Haufen; und die Bauerburschen glotzten +drauf hin, wie ihm die Dirne im Arme lag, gleich einer Tauben vor dem Geier. +</p> + +<p> +Ich aber wandte mich ab und trat hinten in die Stube, um mit dem Wirth zu +reden. Da saß der Junker Wulf beim Kruge Wein und hatte den alten Ottsen neben +sich, welchen er mit allerhand Späßen in Bedrängniß brachte; so drohete er, ihm +seinen Zins zu steigern, und schüttelte sich vor Lachen, wenn der geängstete +Mann gar jämmerlich um Gnad und Nachsicht supplicirte.—Da er mich gewahr +worden, ließ er nicht ab, bis ich selbdritt mich an den Tisch gesetzet; frug +nach meiner Reise, und ob ich in Hamburg mich auch wohl vergnüget; ich aber +antwortete nur, ich käme eben von dort zurück, und werde der Rahmen in Kürze in +der Stadt eintreffen, von wo Hans Ottsen ihn mit seinem Handwäglein leichtlich +möge holen lassen. +</p> + +<p> +Indeß ich mit letzterem solches nun verhandelte, kam auch der von der Risch +hereingestürmet und schrie dem Wirthe zu, ihm einen kühlen Trunk zu schaffen. +Der Junker Wulf aber, dem bereits die Zunge schwer im Munde wühlete, faßte ihn +am Arm und riß ihn auf den leeren Stuhl hernieder. +</p> + +<p> +„Nun, Kurt!“ rief er. „Bist du noch nicht satt von deinen +Dirnen! Was soll die Katharina dazu sagen? Komm, machen wir alamode ein ehrbar +hazard mitsammen!“ Dabei hatte er ein Kartenspiel unterm Wams +hervorgezogen. „Allons donc!—Dix et dame!—Dame et +valet!“ +</p> + +<p> +Ich stand noch und sah dem Spiele zu, so dermalen eben Mode worden; nur +wünschend, daß die Nacht vergehen und der Morgen kommen möchte.— Der +Trunkene schien aber dieses Mal des Nüchternen Übermann; dem von der Risch +schlug nach einander jede Karte fehl. +</p> + +<p> +„Tröste dich, Kurt!“ sagte der Junker Wulf, indeß er schmunzelnd +die Speciesthaler auf einen Haufen scharrte: +</p> + +<p class="poem"> +„Glück in der Lieb<br/> +Und Glück im Spiel,<br/> +Bedenk, für einen<br/> +Ist’s zu viel! +</p> + +<p> +Laß den Maler dir hier von deiner schönen Braut erzählen! Der weiß sie +auswendig; da kriegst du’s nach der Kunst zu wissen.“ +</p> + +<p> +Dem andern, wie mir am besten kund war, mochte aber noch nicht viel von +Liebesglück bewußt sein; denn er schlug fluchend auf den Tisch und sah gar +grimmig auf mich her. +</p> + +<p> +„Ei, du bist eifersüchtig, Kurt!“ sagte der Junker Wulf +vergnüglich, als ob er jedes Wort auf seiner schweren Zunge schmeckete; +„aber getröste dich, der Rahmen ist schon fertig zu dem Bilde; dein +Freund, der Maler, kommt eben erst von Hamburg.“ +</p> + +<p> +Bei diesem Worte sah ich den von der Risch aufzucken gleich einem Spürhund bei +der Witterung. „Von Hamburg heut?—So muß er Fausti Mantel sich +bedienet haben; denn mein Reitknecht sah ihn heut zu Mittag noch in Preetz! Im +Stift, bei deiner Base ist er auf Besuch gewesen.“ +</p> + +<p> +Meine Hand fuhr unversehens nach der Brust, wo ich das Täschlein mit dem Brief +verwahret hatte; denn die trunkenen Augen des Junkers Wulf lagen auf mir; und +war mir’s nicht anders, als sähe er damit mein ganz Geheimniß offen vor +sich liegen. Es währete auch nicht lange, so flogen die Karten klatschend auf +den Tisch. „Oho!“ schrie er. „Im Stift, bei meiner Base! Du +treibst wohl gar doppelt Handwerk, Bursch! Wer hat dich auf den Botengang +geschickt?“ +</p> + +<p> +„Ihr nicht, Junker Wulf!“ entgegnet ich; „und das muß Euch +genug sein!“—Ich wollt nach meinem Degen greifen, aber er war nicht +da; fiel mir auch bei nun, daß ich ihn an den Sattelknopf gehänget, da ich +vorhin den Gaul zu Stalle brachte. +</p> + +<p> +Und schon schrie der Junker wieder zu seinem jüngeren Kumpan: „Reiß ihm +das Wams auf, Kurt! Es gilt den blanken Haufen hier; du findest eine saubere +Briefschaft, die du ungern möchtst bestellet sehen!“ +</p> + +<p> +Im selbigen Augenblick fühlte ich auch schon die Hände des von der Risch an +meinem Leibe, und ein wüthend Ringen zwischen uns begann. Ich fühlte wohl, daß +ich so leicht, wie in der Bubenzeit, ihm nicht mehr über würde; da aber fügete +es sich zu meinem Glücke, daß ich ihm beide Handgelenke packte und er also wie +gefesselt vor mir stund. Es hatte keiner von uns ein Wort dabei verlauten +lassen; als wir uns aber itzund in die Augen sahen, da wußte jeder wohl, daß +er’s mit seinem Todfeind vor sich habe. +</p> + +<p> +Solches schien auch der Junker Wulf zu meinen; er strebte von seinem Stuhl +empor, als wolle er dem von der Risch zu Hülfe kommen; mochte aber zu viel des +Weins genossen haben, denn er taumelte auf seinen Platz zurück. Da schrie er, +so laut seine lallende Zunge es noch vermochte: „He, Tartar! Türk! Wo +steckt ihr! Tartar, Türk!“ Und ich wußte nun, daß die zwo grimmen Köter, +so ich vorhin auf der Tenne an dem Ausschank hatte lungern sehen, mir an die +nackte Kehle springen sollten. Schon hörete ich sie durch das Getümmel der +Tanzenden daherschnaufen, da riß ich mit einem Rucke jählings meinen Feind zu +Boden, sprang dann durch eine Seitenthür aus dem Zimmer, die ich schmetternd +hinter mir zuwarf, und gewann also das Freie. +</p> + +<p> +Und um mich her war plötzlich wieder die stille Nacht und Mond- und +Sternenschimmer. In den Stall zu meinem Gaul wagt ich nicht erst zu gehen, +sondern sprang flugs über einen Wall und lief über das Feld dem Walde zu. Da +ich ihn bald erreichet, suchte ich die Richtung nach dem Herrenhofe +einzuhalten; denn es zieht sich die Holzung bis hart zur Gartenmauer. Zwar war +die Helle der Himmelslichter hier durch das Laub der Bäume ausgeschlossen, aber +meine Augen wurden der Dunkelheit gar bald gewohnt, und da ich das Täschlein +sicher unter meinem Wamse fühlte, so tappte ich rüstig vorwärts; denn ich +gedachte den Rest der Nacht noch einmal in meiner Kammer auszuruhen, dann aber +mit dem alten Dieterich zu berathen, was allfort geschehen solle; maßen ich +wohl sahe, daß meines Bleibens hier nicht fürder sei. +</p> + +<p> +Bisweilen stund ich auch und horchte; aber ich mochte bei meinem Abgang wohl +die Thür ins Schloß geworfen und so einen guten Vorsprung mir gewonnen haben: +von den Hunden war kein Laut vernehmbar. Wohl aber, da ich eben aus dem +Schatten auf eine vom Mond erhellete Lichtung trat, hörete ich nicht gar fern +die Nachtigallen schlagen; und von wo ich ihren Schall hörte, dahin richtete +ich meine Schritte, denn mir war wohl bewußt, sie hatten hier herum nur in den +Hecken des Herrengartens ihre Nester; erkannte nun auch, wo ich mich befand, +und daß ich bis zum Hofe nicht gar weit mehr hatte. +</p> + +<p> +Ging also dem lieblichen Schallen nach, das immer heller vor mir aus dem Dunkel +drang. Da plötzlich schlug was anderes an mein Ohr, das jählings näher kam und +mir das Blut erstarren machte. Nicht zweifeln konnt ich mehr, die Hunde brachen +durch das Unterholz; sie hielten fest auf meiner Spur, und schon hörete ich +deutlich hinter mir ihr Schnaufen und ihre gewaltigen Sätze in dem dürren Laub +des Waldbodens. Aber Gott gab mir seinen gnädigen Schutz; aus dem Schatten der +Bäume stürzte ich gegen die Gartenmauer, und an eines Fliederbaums Geäste +schwang ich mich hinüber. Da sangen hier im Garten immer noch die Nachtigallen; +die Buchenhecken warfen tiefe Schatten. In solcher Mondnacht war ich einst vor +meiner Ausfahrt in die Welt mit Herrn Gerhardus hier gewandelt. „Sieh +dir’s noch einmal an, Johannes!“ hatte dermalen er gesprochen; +„es könnt geschehen, daß du bei deiner Heimkehr mich nicht daheim mehr +fändest, und daß alsdann ein Willkomm nicht für dich am Thor geschrieben +stünde;—ich aber möcht nicht, daß du diese Stätte hier vergäßest.“ +</p> + +<p> +Das flog mir itzund durch den Sinn, und ich mußte bitter lachen; denn nun war +ich hier als ein gehetzet Wild; und schon hörete ich die Hunde des Junker Wulf +gar grimmig draußen an der Gartenmauer rennen. Selbige aber war, wie ich noch +tags zuvor gesehen, nicht überall so hoch, daß nicht das wüthige Gethier +hinüber konnte; und rings im Garten war kein Baum, nichts als die dichten +Hecken und drüben gegen das Haus die Blumenbeete des seligen Herrn. Da, als +eben das Bellen der Hunde wie ein Triumphgeheule innerhalb der Gartenmauer +scholl, ersahe ich in meiner Noth den alten Epheubaum, der sich mit starkem +Stamme an dem Thurm hinaufreckt; und da dann die Hunde aus den Hecken auf den +mondhellen Platz hinaus raseten, war ich schon hoch genug, daß sie mit ihrem +Anspringen mich nicht mehr erreichen konnten; nur meinen Mantel, so von der +Schulter geglitten, hatten sie mit ihren Zähnen mir herabgerissen. +</p> + +<p> +Ich aber, also angeklammert und fürchtend, es werde das nach oben schwächere +Geäste mich auf die Dauer nicht ertragen, blickte suchend um mich, ob ich nicht +irgend besseren Halt gewinnen möchte; aber es war nichts zu sehen als die +dunklen Epheublätter um mich her.—Da, in solcher Noth, hörete ich ober +mir ein Fenster öffnen, und eine Stimme scholl zu mir herab—möchte ich +sie wieder hören, wenn du, mein Gott, mich bald nun rufen läßt aus diesem +Erdenthal!— „Johannes!“ rief sie; leis, doch deutlich hörete +ich meinen Namen, und ich kletterte höher an dem immer schwächeren Gezweige, +indeß die schlafenden Vögel um mich auffuhren und die Hunde von unten ein +Geheul heraufstießen.—„Katharina! Bist du es wirklich, +Katharina?“ +</p> + +<p> +Aber schon kam ein zitternd Händlein zu mir herab und zog mich gegen das offene +Fenster; und ich sah in ihre Augen, die voll Entsetzen in die Tiefe starrten. +</p> + +<p> +„Komm!“ sagte sie. „Sie werden dich zerreißen.“ Da +schwang ich mich in ihre Kammer.—Doch als ich drinnen war, ließ mich das +Händlein los, und Katharina sank auf einen Sessel, so am Fenster stund, und +hatte ihre Augen dicht geschlossen. Die dicken Flechten ihres Haares lagen über +dem weißen Nachtgewand bis in den Schoß hinab; der Mond, der draußen die +Gartenhecken überstiegen hatte, schien voll herein und zeigete mir alles. Ich +stund wie fest gezaubert vor ihr; so lieblich fremde und doch so ganz mein +eigen schien sie mir; nur meine Augen tranken sich satt an all der Schönheit. +Erst als ein Seufzen ihre Brust erhob, sprach ich zu ihr: „Katharina, +liebe Katharina, träumet Ihr denn?“ +</p> + +<p> +Da flog ein schmerzlich Lächeln über ihr Gesicht: „Ich glaub wohl fast, +Johannes!—Das Leben ist so hart; der Traum ist süß!“ +</p> + +<p> +Als aber von unten aus dem Garten das Geheul aufs Neu heraufkam, fuhr sie +erschreckt empor. „Die Hunde, Johannes!“ rief sie. „Was ist +das mit den Hunden?“ +</p> + +<p> +„Katharina“, sagte ich, „wenn ich Euch dienen soll, so glaub +ich, es muß bald geschehen; denn es fehlt viel, daß ich noch einmal durch die +Thür in dieses Haus gelangen sollte.“ Dabei hatte ich den Brief aus +meinem Täschlein hervorgezogen und erzählete auch, wie ich im Kruge drunten mit +den Junkern sei in Streit gerathen. +</p> + +<p> +Sie hielt das Schreiben in den hellen Mondenschein und las; dann schaute sie +mich voll und herzlich an, und wir beredeten, wie wir uns morgen in dem +Tannenwalde treffen wollten; denn Katharina sollte noch zuvor erkunden, auf +welchen Tag des Junker Wulfen Abreise zum Kieler Johannismarkte festgesetzet +sei. +</p> + +<p> +„Und nun, Katharina“, sprach ich, „habt Ihr nicht etwas, das +einer Waffe gleich sieht, ein eisern Ellenmaß oder so dergleichen, damit ich +der beiden Thiere drunten mich erwehren könne?“ +</p> + +<p> +Sie aber schrak jäh wie aus einem Traum empor. „Was sprichst du, +Johannes!“ rief sie; und ihre Hände, so bislang in ihrem Schoß geruhet, +griffen nach den meinen. „Nein, nicht fort, nicht fort! Da drunten ist +der Tod; und gehst du, so ist auch hier der Tod!“ +</p> + +<p> +Da war ich vor ihr hingeknieet und lag an ihrer jungen Brust, und wir umfingen +uns in großer Herzensnoth. „Ach, Käthe“, sprach ich, „was +vermag die arme Liebe denn! Wenn auch dein Bruder Wulf nicht wäre; ich bin kein +Edelmann und darf nicht um dich werben.“ +</p> + +<p> +Sehr süß und sorglich schauete sie mich an; dann aber kam es wie Schelmerei aus +ihrem Munde: „Kein Edelmann, Johannes?—Ich dächte, du seiest auch +das! Aber—ach nein! Dein Vater war nur der Freund des meinen—das +gilt der Welt wohl nicht!“ +</p> + +<p> +„Nein, Käthe; nicht das, und sicherlich nicht hier“, entgegnete ich +und umfaßte fester ihren jungfräulichen Leib; „aber drüben in Holland, +dort gilt ein tüchtiger Maler wohl einen deutschen Edelmann; die Schwelle von +Mynherr van Dycks Palaste zu Amsterdam ist wohl dem Höchsten ehrenvoll zu +überschreiten. Man hat mich drüben halten wollen, mein Meister van der Helst +und andre! Wenn ich dorthin zurückginge, ein Jahr noch oder zwei; +dann—wir kommen dann schon von hier fort; bleib mir nur feste gegen euere +wüsten Junker!“ +</p> + +<p> +Katharinens weiße Hände strichen über meine Locken; sie herzete mich und sagte +leise: „Da ich in meine Kammer dich gelassen, so werd ich doch dein Weib +auch werden müssen.“ +</p> + +<p> +—Ihr ahnete wohl nicht, welch einen Feuerstrom dies Wort in meine Adern +goß, darin ohnedies das Blut in heißen Pulsen ging.—Von dreien +furchtbaren Dämonen, von Zorn und Todesangst und Liebe ein verfolgter Mann, lag +nun mein Haupt in des viel geliebten Weibes Schoß. +</p> + +<p> +Da schrillte ein geller Pfiff, die Hunde drunten wurden jählings stille, und da +es noch einmal gellte, hörete ich sie wie toll und wild davon rennen. +</p> + +<p> +Vom Hofe her wurden Schritte laut; wir horchten auf, daß uns der Athem stille +stund. Bald aber wurde dorten eine Thür erst auf-, dann zugeschlagen und dann +ein Riegel vorgeschoben. „Das ist Wulf“, sagte Katharina leise; +„er hat die beiden Hunde in den Stall gesperrt.“—Bald hörten +wir auch unter uns die Thür des Hausflurs gehen, den Schlüssel drehen und +danach Schritte in dem untern Corridor, die sich verloren, wo der Junker seine +Kammer hatte. Dann wurde alles still. +</p> + +<p> +Es war nun endlich sicher, ganz sicher; aber mit unserem Plaudern war es mit +einem Male schier zu Ende. Katharina hatte den Kopf zurückgelehnt; nur unser +beider Herzen hörete ich klopfen.—„Soll ich nun gehen, +Katharina?“ sprach ich endlich. +</p> + +<p> +Aber die jungen Arme zogen mich stumm zu ihrem Mund empor; und ich ging nicht. +</p> + +<p> +Kein Laut war mehr, als aus des Gartens Tiefe das Schlagen der Nachtigallen und +von fern das Rauschen des Wässerleins, das hinten um die Hecken fließt.— +</p> + +<p> +Wenn, wie es in den Liedern heißt, mitunter noch in Nächten die schöne +heidnische Frau Venus aufersteht und umgeht, um die armen Menschenherzen zu +verwirren, so war es dazumalen eine solche Nacht. Der Mondschein war am Himmel +ausgethan, ein schwüler Ruch von Blumen hauchte durch das Fenster, und dorten +überm Walde spielete die Nacht in stummen Blitzen.—O Hüter, Hüter, war +dein Ruf so fern? +</p> + +<p> +—Wohl weiß ich noch, daß vom Hofe her plötzlich scharf die Hähne krähten, +und daß ich ein blaß und weinend Weib in meinen Armen hielt, die mich nicht +lassen wollte, unachtend, daß überm Garten der Morgen dämmerte und rothen +Schein in unsre Kammer warf. Dann aber, da sie deß inne wurde, trieb sie, wie +von Todesangst geschreckt, mich fort. +</p> + +<p> +Noch einen Kuß, noch hundert; ein flüchtig Wort noch: wann für das Gesind zu +Mittage geläutet würde, dann wollten wir im Tannenwald uns treffen; und +dann—ich wußte selber kaum, wie mir’s geschehen— stund ich im +Garten, unten in der kühlen Morgenluft. +</p> + +<p> +Noch einmal, indem ich meinen von den Hunden zerfetzten Mantel aufhob, schaute +ich empor und sah ein blasses Händlein mir zum Abschied winken. Nahezu +erschrocken aber wurd ich, da meine Augen bei einem Rückblick aus dem +Gartensteig von ungefähr die unteren Fenster neben dem Thurme streiften; denn +mir war, als sähe hinter einem derselbigen ich gleichfalls eine Hand; aber sie +drohete nach mir mit aufgehobenem Finger und schien mir farblos und knöchern +gleich der Hand des Todes. Doch war’s nur wie im Husch, daß solches über +meine Augen ging; dachte zwar erstlich des Märleins von der wieder gehenden +Urahne; redete mir dann aber ein, es seien nur meine eigenen aufgestörten +Sinne, die solch Spiel mir vorgegaukelt hätten. +</p> + +<p> +So, deß nicht weiter achtend, schritt ich eilends durch den Garten, merkete +aber bald, daß in der Hast ich auf den Binsensumpf gerathen; sank auch der eine +Fuß bis übers Änkel ein, gleichsam, als ob ihn was hinunterziehen wollte. +,Ei‘, dachte ich, ,faßt das Hausgespenste doch nach dir!‘ Machte +mich aber auf und sprang über die Mauer in den Wald hinab. +</p> + +<p> +Die Finsterniß der dichten Bäume sagte meinem träumenden Gemüthe zu; hier um +mich her war noch die selige Nacht, von welcher meine Sinne sich nicht lösen +mochten.—Erst da ich nach geraumer Zeit vom Waldesrande in das offene +Feld hinaustrat, wurd ich völlig wach. Ein Häuflein Rehe stund nicht fern im +silbergrauen Thau, und über mir vom Himmel scholl das Tageslied der Lerche. Da +schüttelte ich all müßig Träumen von mir ab; im selbigen Augenblick stieg aber +auch wie heiße Noth die Frage mir ins Hirn: ,Was weiter nun, Johannes? Du hast +ein theures Leben an dich rissen; nun wisse, daß dein Leben nichts gilt als nur +das ihre!‘ +</p> + +<p> +Doch was ich sinnen mochte, es deuchte mir allfort das beste, wenn Katharina im +Stifte sichern Unterschlupf gefunden, daß ich dann zurück nach Holland ginge, +mich dort der Freundeshülf versicherte und allsobald zurückkäm, um sie +nachzuholen. Vielleicht, daß sie gar der alten Base Herz erweichet; und +schlimmsten Falles—es mußte auch gehen ohne das! +</p> + +<p> +Schon sahe ich uns auf einem fröhlichen Barkschiff die Wellen des grünen +Zuidersees befahren, schon hörete ich das Glockenspiel vom Rathhausthurme +Amsterdams und sah am Hafen meine Freunde aus dem Gewühl hervorbrechen und mich +und meine schöne Frau mit hellem Zuruf grüßen und im Triumph nach unserem +kleinen, aber trauten Heim geleiten. Mein Herz war voll von Muth und Hoffnung; +und kräftiger und rascher schritt ich aus, als könnte ich bälder so das Glück +erreichen. +</p> + +<p> +—Es ist doch anders kommen. +</p> + +<p> +In meinen Gedanken war ich allmählich in das Dorf hinabgelanget und trat hier +in Hans Ottsens Krug, von wo ich in der Nacht so jählings hatte flüchten +müssen.—„Ei, Meister Johannes“, rief der Alte auf der Tenne +mir entgegen, „was hattet Ihr doch gestern mit unseren gestrengen +Junkern? Ich war just draußen bei dem Ausschank; aber da ich wieder eintrat, +flucheten sie schier grausam gegen Euch; und auch die Hunde raseten an der +Thür, die Ihr hinter Euch ins Schloß geworfen hattet.“ +</p> + +<p> +Da ich aus solchen Worten abnahm, daß der Alte den Handel nicht wohl begriffen +habe, so entgegnete ich nur: „Ihr wisset, der von der Risch und ich, wir +haben uns schon als Jungen oft einmal gezauset; da mußt’s denn gestern +noch so einen Nachschmack geben.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, ich weiß!“ meinte der Alte; „aber der Junker sitzt +heut auf seines Vaters Hof; Ihr solltet Euch hüten, Herr Johannes; mit solchen +Herren ist nicht sauber Kirschen essen.“ +</p> + +<p> +Dem zu widersprechen, hatte ich nicht Ursach, sondern ließ mir Brot und +Frühtrunk geben und ging dann in den Stall, wo ich mir meinen Degen holete, +auch Stift und Skizzenbüchlein aus dem Ranzen nahm. +</p> + +<p> +Aber es war noch lange bis zum Mittagläuten. Also bat ich Hans Ottsen, daß er +den Gaul mit seinem Jungen mög zum Hofe bringen lassen; und als er mir solches +zugesaget, schritt ich wieder hinaus zum Wald. Ich ging aber bis zu der Stelle +auf dem Heidenhügel, von wo man die beiden Giebel des Herrenhauses über die +Gartenhecken ragen sieht, wie ich solches schon für den Hintergrund zu +Katharinens Bildniß ausgewählet hatte. Nun gedachte ich, daß, wann in zu +verhoffender Zeit sie selber in der Fremde leben und wohl das Vaterhaus nicht +mehr betreten würde, sie seines Anblicks doch nicht ganz entrathen solle; zog +also meinen Stift herfür und begann zu zeichnen, gar sorgsam jedes Winkelchen, +woran ihr Auge einmal mocht gehaftet haben. Als farbig Schilderei sollt es dann +in Amsterdam gefertigt werden, damit es ihr sofort entgegen grüße, wann ich sie +dort in unsre Kammer führen würde. +</p> + +<p> +Nach ein paar Stunden war die Zeichnung fertig. Ich ließ noch wie zum Gruß ein +zwitschernd Vögelein darüber fliegen; dann suchte ich die Lichtung auf, wo wir +uns finden wollten, und streckte mich nebenan im Schatten einer dichten Buche, +sehnlich verlangend, daß die Zeit vergehe. +</p> + +<p> +Ich mußte gleichwohl darob eingeschlummert sein; denn ich erwachte von einem +fernen Schall und wurd deß inne, daß es das Mittagläuten von dem Hofe sei. Die +Sonne glühte schon heiß hernieder und verbreitete den Ruch der Himbeeren, womit +die Lichtung überdeckt war. Es fiel mir bei, wie einst Katharina und ich uns +hier bei unseren Waldgängen süße Wegzehrung geholet hatten; und nun begann ein +seltsam Spiel der Phantasie; bald sahe ich drüben zwischen den Sträuchern ihre +zarte Kindsgestalt, bald stund sie vor mir, mich anschauend mit den seligen +Frauenaugen, wie ich sie letzlich erst gesehen, wie ich sie nun gleich, im +nächsten Augenblicke, schon leibhaftig an mein klopfend Herze schließen würde. +</p> + +<p> +Da plötzlich überfiel mich’s wie ein Schrecken. Wo blieb sie denn? Es war +schon lang, daß es geläutet hatte. Ich war aufgesprungen, ich ging umher, ich +stund und spähete scharf nach aller Richtung durch die Bäume; die Angst kroch +mir zum Herzen; aber Katharina kam nicht; kein Schritt im Laube raschelte; nur +oben in den Buchenwipfeln rauschte ab und zu der Sommerwind. +</p> + +<p> +Böser Ahnung voll ging ich endlich fort und nahm einen Umweg nach dem Hofe zu. +Da ich unweit dem Thore zwischen die Eichen kam, begegnete mir Dieterich. +„Herr Johannes“, sagte er und trat hastig auf mich zu, „Ihr +seid die Nacht schon in Hans Ottsens Krug gewesen; sein Junge brachte mir Euren +Gaul zurück;—was habet Ihr mit unsern Junkern vorgehabt?“ +</p> + +<p> +„Warum fragst du, Dieterich?“ +</p> + +<p> +—„Warum, Herr Johannes?—Weil ich Unheil zwischen euch +verhüten möcht.“ +</p> + +<p> +„Was soll das heißen, Dieterich?“ frug ich wieder; aber mir war +beklommen, als sollte das Wort mir in der Kehle sticken. +</p> + +<p> +„Ihr werdet’s schon selber wissen, Herr Johannes!“ entgegnete +der Alte. „Mir hat der Wind nur so einen Schall davon gebracht, vor einer +Stund mag’s gewesen sein; ich wollte den Burschen rufen, der im Garten an +den Hecken putzte. Da ich an den Thurm kam, wo droben unser Fräulein ihre +Kammer hat, sah ich dorten die alte Bas’ Ursel mit unserem Junker dicht +beisammen stehen. Er hatte die Arme unterschlagen und sprach kein einzig +Wörtlein; die Alte aber redete einen um so größeren Haufen und jammerte +ordentlich mit ihrer feinen Stimme. Dabei wies sie bald nieder auf den Boden, +bald hinauf in den Epheu, der am Turm hinaufwächst.—Verstanden, Herr +Johannes, hab ich von dem allem nichts; dann aber, und nun merket wohl auf, +hielt sie mit ihrer knöchern Hand, als ob sie damit drohete, dem Junker was vor +Augen; und da ich näher hinsah, war’s ein Fetzen Grauwerk, just wie +Ihr’s da an Euerem Mantel traget.“ +</p> + +<p> +„Weiter, Dieterich!“ sagte ich; denn der Alte hatte die Augen auf +meinen zerrissenen Mantel, den ich auf dem Arme trug. +</p> + +<p> +„Es ist nicht viel mehr übrig“, erwiderte er; „denn der +Junker wandte sich jählings nach mir zu und frug mich, wo Ihr anzutreffen +wäret. Ihr möget mir es glauben, wäre er in Wirklichkeit ein Wolf gewesen, die +Augen hätten blutiger nicht funkeln können.“ +</p> + +<p> +Da frug ich: „Ist der Junker im Hause, Dieterich?“ +</p> + +<p> +—„Im Haus? Ich denke wohl; doch was sinnet ihr, Herr +Johannes?“ +</p> + +<p> +„Ich sinne, Dieterich, daß ich allsogleich mit ihm zu reden habe.“ +</p> + +<p> +Aber Dieterich hatte bei beiden Händen mich ergriffen. „Gehet nicht, +Johannes“, sagte er dringend; „erzählet mir zum wenigsten, was +geschehen ist; der Alte hat Euch ja sonst wohl guten Rath gewußt!“ +</p> + +<p> +„Hernach, Dieterich, hernach!“ entgegnete ich. Und also mit diesen +Worten riß ich meine Hände aus den seinen. +</p> + +<p> +Der Alte schüttelte den Kopf. „Hernach, Johannes“, sagte er, +„das weiß nur unser Herrgott!“ +</p> + +<p> +Ich aber schritt nun über den Hof dem Hause zu. Der Junker sei eben in seinem +Zimmer, sagte eine Magd, so ich im Hausflur drum befragte. +</p> + +<p> +Ich hatte dieses Zimmer, das im Unterhause lag, nur einmal erst betreten. Statt +wie bei seinem Vater sel. Bücher und Karten, war hier vielerlei Gewaffen, +Handröhre und Arkebusen, auch allerart Jagdgeräthe an den Wänden angebracht; +sonst war es ohne Zier und zeigete an ihm selber, daß niemand auf die Dauer und +mit seinen ganzen Sinnen hier verweile. +</p> + +<p> +Fast wär ich an der Schwelle noch zurückgewichen, da ich auf des Junkers +„Herein“ die Thür geöffnet; denn als er sich vom Fenster zu mir +wandte, sah ich eine Reiterpistole in seiner Hand, an deren Radschloß er +hantirete. Er schauete mich an, als ob ich von den Tollen käme. +„So?“ sagte er gedehnet; „wahrhaftig, Sieur Johannes, +wenn’s nicht schon sein Gespenste ist!“ +</p> + +<p> +„Ihr dachtet, Junker Wulf“, entgegnet ich, indem ich näher zu ihm +trat, „es möcht der Straßen noch andre für mich geben, als die in Euere +Kammer fahren!“ +</p> + +<p> +—„So dachte ich, Sieur Johannes! Wie Ihr gut rathen könnt! Doch +immerhin, Ihr kommt mir eben recht; ich hab Euch suchen lassen!“ +</p> + +<p> +In seiner Stimme bebte was, das wie ein lauernd Raubthier auf dem Sprunge lag, +so daß die Hand mir unversehens nach dem Degen fuhr. Jedennoch sprach ich: +„Hörer mich und gönnet mir ein ruhig Wort, Herr Junker!“ +</p> + +<p> +Er aber unterbrach meine Rede: „Du wirst gewogen sein, mich erstlich +auszuhören! Sieur Johannes“—und seine Worte, die erst langsam +waren, wurden allmählich gleichwie ein Gebrüll—, „vor ein paar +Stunden, da ich mit schwerem Kopf erwachte, da fiel’s mir bei und reuete +mich gleich einem Narren, daß ich im Rausch die wilden Hunde dir auf die Fersen +gesetzet hatte;—seit aber Bas’ Ursel mir den Fetzen vorgehalten, +den sie dir aus deinem Federbalg gerissen,— beim Höllenelement! mich +reut’s nur noch, daß mir die Bestien solch Stück Arbeit +nachgelassen!“ +</p> + +<p> +Noch einmal suchte ich zu Worte zu kommen; und da der Junker schwieg, so dachte +ich, daß er auch hören würde. „Junker Wulf“, sagte ich, „es +ist schon wahr, ich bin kein Edelmann; aber ich bin kein geringer Mann in +meiner Kunst und hoffe, es auch wohl noch einmal den Größeren gleichzuthun; so +bitte ich Euch geziementlich, gebet Euere Schwester Katharina mir zum +Ehgemahl—“ +</p> + +<p> +Da stockte mir das Wort im Munde. Aus seinem bleichen Antlitz starrten mich die +Augen des alten Bildes an; ein gellend Lachen schlug mir in das Ohr, ein +Schuß—dann brach ich zusammen und hörete nur noch, wie mir der Degen, den +ich ohn Gedanken fast gezogen hatte, klirrend aus der Hand zu Boden fiel. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Es war manche Woche danach, daß ich in dem schon bleicheren Sonnenschein auf +einem Bänkchen vor dem letzten Haus des Dorfes saß, mit matten Blicken nach dem +Wald hinüberschauend, an dessen jenseitigem Rande das Herrenhaus belegen war. +Meine thörichten Augen suchten stets aufs Neue den Punkt, wo, wie ich mir +vorstellete, Katharinens Kämmerlein von drüben auf die schon herbstlich gelben +Wipfel schaue; denn von ihr selber hatte ich keine Kunde. +</p> + +<p> +Man hatte mich mit meiner Wunde in dies Haus gebracht, das von des Junkers +Waldhüter bewohnt wurde; und außer diesem Mann und seinem Weibe und einem mir +unbekannten Chirurgus war während meines langen Lagers niemand zu mir +gekommen.—Von wannen ich den Schuß in meine Brust erhalten, darüber hat +mich niemand befragt, und ich habe niemandem Kunde gegeben; des Herzogs +Gerichte gegen Herrn Gerhardus’ Sohn und Katharinens Bruder anzurufen, +konnte nimmer mir zu Sinnen kommen. Er mochte sich dessen auch wohl getrösten; +noch glaubhafter jedoch, daß er allen diesen Dingen trotzete. +</p> + +<p> +Nur einmal war mein guter Dieterich da gewesen; er hatte mir in des Junkers +Auftrage zwei Rollen Ungarischer Dukaten überbracht als Lohn für Katharinens +Bild, und ich hatte das Gold genommen, in Gedanken, es sei ein Theil von deren +Erbe, von dem sie als mein Weib wohl später nicht zu viel empfahen würde. Zu +einem traulichen Gespräch mit Dieterich, nach dem mich sehr verlangete, hatte +es mir nicht gerathen wollen, maßen das gelbe Fuchsgesicht meines Wirthes +allaugenblicks in meine Kammer schaute; doch wurde so viel mir kund, daß der +Junker nicht nach Kiel gereiset und Katharina seither von niemandem weder in +Hof noch Garten war gesehen worden; kaum konnte ich noch den Alten bitten, daß +er dem Fräulein, wenn sich’s treffen möchte, meine Grüße sage, und daß +ich bald nach Holland zu reisen, aber bälder noch zurückzukommen dächte, was +alles in Treuen auszurichten er mir dann gelobete. +</p> + +<p> +Überfiel mich aber danach die allergrößeste Ungeduld, so daß ich, gegen den +Willen des Chirurgus und bevor im Walde drüben noch die letzten Blätter von den +Bäumen fielen, meine Reise ins Werk setzete; langete auch schon nach kurzer +Frist wohlbehalten in der holländischen Hauptstadt an, allwo ich von meinen +Freunden gar liebreich empfangen wurde, und mochte es auch ferner vor ein +glücklich Zeichen wohl erkennen, daß zwo Bilder, so ich dort zurückgelassen, +durch die hilfsbereite Vermittelung meines theueren Meisters van der Helst +beide zu ansehnlichen Preisen verkaufet waren. Ja, es war dessen noch nicht +genug: ein mir schon früher wohl gewogener Kaufherr ließ mir sagen, er habe nur +auf mich gewartet, daß ich für sein nach dem Haag verheirathetes Töchterlein +sein Bildniß malen möge; und wurde mir auch sofort ein reicher Lohn dafür +versprochen. Da dachte ich, wenn ich solches noch vollendete, daß dann genug +des helfenden Metalles in meinen Händen wäre, um auch ohne andere Mittel +Katharinen in ein wohl bestellet Heimwesen einzufahren. +</p> + +<p> +Machte mich also, da mein freundlicher Gönner desselbigen Sinnes war, mit allem +Eifer an die Arbeit, so daß ich bald den Tag meiner Abreise gar fröhlich nah +und näher rücken sahe, unachtend, mit was vor üblen Anständen ich drüben noch +zu kämpfen hätte. +</p> + +<p> +Aber des Menschen Augen sehen das Dunkel nicht, das vor ihm ist.— Als nun +das Bild vollendet war und reichlich Lob und Gold um dessen willen mir zu Theil +geworden, da konnte ich nicht fort. Ich hatte in der Arbeit meiner Schwäche +nicht geachtet, die schlecht geheilte Wunde warf mich wiederum danieder. Eben +wurden zum Weihnachtsfeste auf allen Straßenplätzen die Waffelbuden +aufgeschlagen, da begann mein Siechthum und hielt mich länger als das erste Mal +gefesselt. Zwar der besten Arzteskunst und liebreicher Freundespflege war kein +Mangel, aber in Ängsten sahe ich Tag um Tag vergehen, und keine Kunde konnte +von ihr, keine zu ihr kommen. +</p> + +<p> +Endlich nach harter Winterzeit, da der Zuidersee wieder seine grünen Wellen +schlug, geleiteten die Freunde mich zum Hafen; aber statt des frohen Muthes +nahm ich itzt schwere Herzensorge mit an Bord. Doch ging die Reise rasch und +gut von Statten. +</p> + +<p> +Von Hamburg aus fuhr ich mit der königlichen Post; dann, wie vor nun fast einem +Jahre hiebevor, wanderte ich zu Fuße durch den Wald, an dem noch kaum die +ersten Spitzen grüneten. Zwar probten schon die Finken und die Ammern ihren +Lenzgesang; doch was kümmerten sie mich heute!—Ich ging aber nicht nach +Herrn Gerhardus’ Herrengut; sondern, so stark mein Herz auch klopfete, +ich bog seitwärts ab und schritt am Waldesrand entlang dem Dorfe zu. Da stund +ich bald in Hans Ottsens Krug und ihm gar selber gegenüber. +</p> + +<p> +Der Alte sah mich seltsam an, meinete aber dann, ich lasse ja recht munter. +„Nur“, fügte er bei, „mit den Schießbüchsen müsset Ihr nicht +wieder spielen; die machen ärgere Flecken als so ein Malerpinsel.“ +</p> + +<p> +Ich ließ ihn gern bei solcher Meinung, so, wie ich wohl merkete, hier allgemein +verbreitet war, und that vors erste eine Frage nach dem alten Dieterich. +</p> + +<p> +Da mußte ich vernehmen, daß er noch vor dem ersten Winterschnee, wie es so +starken Leuten wohl passiret, eines plötzlichen, wenn auch gelinden Todes +verfahren sei. „Der freuet sich“, sagte Hans Ottsen, „daß er +zu seinem alten Herrn da droben kommen; und ist für ihn auch besser so.“ +</p> + +<p> +„Amen!“ sagte ich; „mein herzlieber alter Dieterich!“ +</p> + +<p> +Indeß aber mein Herz nur, und immer banger, nach einer Kundschaft von +Katharinen seufzete, nahm meine furchtsam Zunge einen Umweg, und ich sprach +beklommen: „Was machet denn Euer Nachbar, der von der Risch?“ +</p> + +<p> +„Oho“, lachte der Alte; „der hat ein Weib genommen, und eine, +die ihn schon zu Richte setzen wird.“ +</p> + +<p> +Nur im ersten Augenblick erschrak ich, denn ich sagte mir sogleich, daß er +nicht so von Katharinen reden würde; und da er dann den Namen nannte, so +war’s ein ältlich, aber reiches Fräulein aus der Nachbarschaft; forschete +also muthig weiter, wie’s drüben in Herrn Gerhardus’ Haus bestellet +sei, und wie das Fräulein und der Junker mit einander hauseten. +</p> + +<p> +Da warf der Alte mir wieder seine seltsamen Blicke zu. „Ihr meinet +wohl“, sagte er, „daß alte Thürm’ und Mauern nicht auch +plaudern könnten!“ +</p> + +<p> +„Was soll’s der Rede?“ rief ich; aber sie fiel mir +centnerschwer aufs Herz. +</p> + +<p> +„Nun, Herr Johannes“, und der Alte sahe mir gar zuversichtlich in +die Augen, „wo das Fräulein hinkommen, das werdet doch Ihr am besten +wissen! Ihr seid derzeit im Herbst ja nicht zum letzten hier gewesen; nur +wundert’s mich, daß Ihr noch einmal wiederkommen; denn Junker Wulf wird, +denk ich, nicht eben gute Mien zum bösen Spiel gemachet haben.“ +</p> + +<p> +Ich sah den alten Menschen an, als sei ich selber hintersinnig worden; dann +aber kam mir plötzlich ein Gedanke. „Unglücksmann!“ schrie ich, +„Ihr glaubet doch nicht etwan, das Fräulein Katharina sei mein Eheweib +geworden?“ +</p> + +<p> +„Nun, lasset mich nur los!“ entgegnete der Alte—denn ich +schüttelte ihn an beiden Schultern.—„Was geht’s mich an! Es +geht die Rede so! Auf alle Fäll’; seit Neujahr ist das Fräulein im Schloß +nicht mehr gesehen worden.“ +</p> + +<p> +Ich schwur ihm zu, derzeit sei ich in Holland krank gelegen; ich wisse nichts +von alledem. +</p> + +<p> +Ob er’s geglaubet, weiß ich nicht zu sagen; allein er gab mir kund, es +sollte dermalen ein unbekannter Geistlicher zur Nachtzeit und in großer +Heimlichkeit auf den Herrenhof gekommen sein; zwar habe Bas’ Ursel das +Gesinde schon zeitig in ihre Kammern getrieben; aber der Mägde eine, so durch +die Thürspalt gelauschet, wolle auch mich über den Flur nach der Treppe haben +gehen sehen; dann später hätten sie deutlich einen Wagen aus dem Thorhaus +fahren hören, und seien seit jener Nacht nur noch Bas’ Ursel und der +Junker in dem Schloß gewesen. +</p> + +<p> +—Was ich von nun an alles und immer doch vergebens unternommen, um +Katharinen oder auch nur eine Spur von ihr zu finden, das soll nicht hier +verzeichnet werden. Im Dorf war nur das thörichte Geschwätz, davon Hans Ottsen +mich die Probe schmecken lassen; darum machete ich mich auf nach dem Stifte zu +Herrn Gerhardus’ Schwester; aber die Dame wollte mich nicht vor sich +lassen; wurde im übrigen mir auch berichtet, daß keinerlei junges Frauenzimmer +bei ihr gesehen worden. Da reisete ich wieder zurück und demüthigte mich also, +daß ich nach dem Hause des von der Risch ging und als ein Bittender vor meinen +alten Widersacher hintrat. Der sagte höhnisch, es möge wohl der Buhz das +Vöglein sich geholet haben; er habe dem nicht nachgeschaut; auch halte er +keinen Aufschlag mehr mit denen von Herrn Gerhardus’ Hofe. +</p> + +<p> +Der Junker Wulf gar, der davon vernommen haben mochte, ließ nach Hans Ottsens +Kruge sagen, so ich mich unterstünde, auch zu ihm zu dringen, er würde mich +noch einmal mit den Hunden hetzen lassen.— Da bin ich in den Wald +gegangen und hab gleich einem Strauchdieb am Weg auf ihn gelauert; die Eisen +sind von der Scheide bloß geworden; wir haben gefochten, bis ich die Hand ihm +wund gehauen und sein Degen in die Büsche flog. Aber er sahe mich nur mit +seinen bösen Augen an; gesprochen hat er nicht.—Zuletzt bin ich zu +längerem Verbleiben nach Hamburg kommen, von wo aus ich ohne Anstand und mit +größerer Umsicht meine Nachforschungen zu betreiben dachte. +</p> + +<p> +Es ist alles doch umsonst gewesen. +</p> + +<hr /> + +<p> +Aber ich will vors erste nun die Feder ruhen lassen. Denn vor mir liegt dein +Brief, mein lieber Josias; ich soll dein Töchterlein, meiner Schwester sel. +Enkelin, aus der Taufe heben.—Ich werde auf meiner Reise dem Walde +vorbeifahren, so hinter Herrn Gerhardus’ Hof belegen ist. Aber das alles +gehört ja der Vergangenheit. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Hier schließt das erste Heft der Handschrift. Hoffen wir, daß der Schreiber ein +fröhliches Tauffest gefeiert und inmitten seiner Freundschaft an frischer +Gegenwart sein Herz erquickt habe. +</p> + +<p> +Meine Augen ruhten auf dem alten Bild mir gegenüber; ich konnte nicht zweifeln, +der schöne ernste Mann war Herr Gerhardus. Wer aber war jener tote Knabe, den +ihm Meister Johannes hier so sanft in seinen Arm gebettet hatte?—Sinnend +nahm ich das zweite und zugleich letzte Heft, dessen Schriftzüge um ein weniges +unsicherer erschienen. Es lautete wie folgt: +</p> + +<p class="poem"> +Geliek as Rook un Stoof verswindt,<br/> +Also sind ock de Minschenkind. +</p> + +<p> +Der Stein, darauf diese Worte eingehauen stehen, saß ob dem Thürsims eines +alten Hauses. Wenn ich daran vorbeiging, mußte ich allzeit meine Augen dahin +wenden, und auf meinen einsamen Wanderungen ist dann selbiger Spruch oft lange +mein Begleiter blieben. Da sie im letzten Herbste das alte Haus abbrachen, habe +ich aus den Trümmern diesen Stein erstanden, und ist er heute gleicherweise ob +der Thüre meines Hauses eingemauert worden, wo er nach mir noch manchen, der +vorübergeht, an die Nichtigkeit des Irdischen erinnern möge. Mir aber soll er +eine Mahnung sein, ehbevor auch an meiner Uhr der Weiser stille steht, mit der +Aufzeichnung meines Lebens fortzufahren. Denn du, meiner lieben Schwester Sohn, +der du nun bald mein Erbe sein wirst, mögest mit meinem kleinen Erdengute dann +auch mein Erdenleid dahinnehmen, so ich bei meiner Lebzeit niemandem, auch, +aller Liebe ohnerachtet, dir nicht habe anvertrauen mögen. +</p> + +<p> +Item: anno 1666 kam ich zum ersten Mal in diese Stadt an der Nordsee; maßen von +einer reichen Branntweinbrenner-Witwen mir der Auftrag worden, die Auferweckung +Lazari zu malen, welches Bild sie zum schuldigen und freundlichen Gedächtniß +ihres Seligen, der hiesigen Kirchen aber zum Zierath zu stiften gedachte, allwo +es denn auch noch heute über dem Taufsteine mit den vier Aposteln zu schauen +ist. Daneben wünschte auch der Bürgermeister, Herr Titus Axen, so früher in +Hamburg Thumherr und mir von dort bekannt war, sein Conterfey von mir gemalet, +so daß ich für eine lange Zeit allhier zu schaffen hatte.—Mein Losament +aber hatte ich bei meinem einzigen und älteren Bruder, der seit lange schon das +Secretariat der Stadt bekleidete; das Haus, darin er als unbeweibter Mann +lebte, war hoch und räumlich, und war es dasselbig Haus mit den zwo Linden an +der Ecken von Markt und Krämerstraße, worin ich, nachdem es durch meines lieben +Bruders Hintritt mir angestorben, anitzt als alter Mann noch lebe und der +Wiedervereinigung mit den vorangegangenen Lieben in Demuth entgegenharre. +</p> + +<p> +Meine Werkstätte hatte ich mir in dem großen Pesel der Witwe eingerichtet; es +war dorten ein gutes Oberlicht zur Arbeit, und bekam alles gemacht und +gestellet, wie ich es verlangen mochte. Nur daß die gute Frau selber gar zu +gegenwärtig war; denn allaugenblicklich kam sie draußen von ihrem Schanktisch +zu mir hergetrottet mit ihren Blechgemäßen in der Hand; drängte mit ihrer +Wohlbeleibtheit mir auf den Malstock und roch an meinem Bild herum; gar eines +Vormittages, da ich soeben den Kopf des Lazarus untermalet hatte, verlangte sie +mit viel überflüssigen Worten, der auferweckte Mann solle das Antlitz ihres +Seligen zur Schau stellen, obschon ich diesen Seligen doch niemalen zu Gesicht +bekommen, von meinem Bruder auch vernommen hatte, daß selbiger, wie es die +Brenner pflegen, das Zeichen seines Gewerbes als eine blaurothe Nasen im +Gesicht herumgetragen; da habe ich denn, wie man glauben mag, dem +unvernünftigen Weibe gar hart den Daumen gegenhalten müssen. Als dann von der +Außendiele her wieder neue Kundschaft nach ihr gerufen und mit den Gemäßen auf +den Schank geklopfet, und sie endlich von mir lassen müssen, da sank mir die +Hand mit dem Pinsel in den Schoß, und ich mußte plötzlich des Tages gedenken, +da ich eines gar andern Seligen Antlitz mit dem Stifte nachgebildet, und wer da +in der kleinen Kapelle so still bei mir gestanden sei.— Und also +rückwärts sinnend, setzete ich meinen Pinsel wieder an; als aber selbiger eine +gute Weile hin und wider gegangen, mußte ich zu eigener Verwunderung gewahren, +daß ich die Züge des edlen Herrn Gerhardus in des Lazari Angesicht +hineingetragen hatte. Aus seinem Leilach blickte des Todten Antlitz gleichwie +in stummer Klage gegen mich, und ich gedachte: So wird er dir einstmals in der +Ewigkeit entgegentreten! +</p> + +<p> +Ich konnte heut nicht weiter malen, sondern ging fort und schlich auf meine +Kammer ober der Hausthür, allwo ich mich ans Fenster setzte und durch den +Ausschnitt der Lindenbäume auf den Markt hinabsah. Es gab aber groß Gewühl +dort, und war bis drüben an die Rathswaage und weiter bis zur Kirchen alles +voll von Wagen und Menschen; denn es war ein Donnerstag und noch zur Stunde, +daß Gast mit Gaste handeln durfte, also daß der Stadtknecht mit dem Griper +müßig auf unseres Nachbaren Beischlag saß, maßen es vor der Hand keine Brüchen +zu erhaschen gab. Die Ostenfelder Weiber mit ihren rothen Jacken, die Mädchen +von den Inseln mit ihren Kopftüchern und feinem Silberschmuck, dazwischen die +hochgethürmeten Getreidewagen und darauf die Bauern in ihren gelben +Lederhosen—dies alles mochte wohl ein Bild für eines Malers Auge geben, +zumal wenn selbiger, wie ich, bei den Holländern in die Schule gegangen war; +aber die Schwere meines Gemüthes machte das bunte Bild mir trübe. Doch war es +keine Reu, wie ich vorhin an mir erfahren hatte; ein sehnend Leid kam immer +gewaltiger über mich; es zerfleischete mich mit wilden Krallen und sah mich +gleichwohl mit holden Augen an. Drunten lag der helle Mittag auf dem wimmelnden +Markte; vor meinen Augen aber dämmerte silberne Mondnacht, wie Schatten stiegen +ein paar Zackengiebel auf, ein Fenster klirrte, und gleich wie aus Träumen +schlugen leis und fern die Nachtigallen. O du mein Gott und mein Erlöser, der +du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele +sie zu suchen?— +</p> + +<p> +Da hörete ich draußen unter dem Fenster von einer harten Stimme meinen Namen +nennen, und als ich hinausschaute, ersahe ich einen großen hageren Mann in der +üblichen Tracht eines Predigers, obschon sein herrisch und finster Antlitz mit +dem schwarzen Haupthaar und dem tiefen Einschnitt ob der Nase wohl eher einem +Kriegsmann angestanden wäre. Er wies soeben einem andern, untersetzten Manne +von bäuerischem Aussehen, aber gleich ihm in schwarzwollenen Strümpfen und +Schnallenschuhen, mit seinem Handstocke nach unserer Hausthür zu, indem er +selbst zumal durch das Marktgewühle von dannen schritt. +</p> + +<p> +Da ich dann gleich darauf die Thürglocke schellen hörte, ging ich hinab und lud +den Fremden in das Wohngemach, wo er von dem Stuhle, darauf ich ihn genöthigt, +mich gar genau und aufmerksam betrachtete. +</p> + +<p> +Also war selbiger der Küster aus dem Dorfe norden der Stadt, und erfuhr ich +bald, daß man dort einen Maler brauche, da man des Pastors Bildniß in die +Kirche stiften wolle. Ich forschete ein wenig, was für Verdienst um die Gemeine +dieser sich erworben hätte, daß sie solche Ehr ihm anzuthun gedächten, da er +doch seines Alters halben noch nicht gar lang im Amte stehen könne; der Küster +aber meinete, es habe der Pastor freilich wegen eines Stück Ackergrundes einmal +einen Proceß gegen die Gemeine angestrenget, sonst wisse er eben nicht, was +Sondres könne vorgefallen sein; allein es hingen allbereits die drei +Amtsvorweser in der Kirchen, und da sie, wie er sagen müsse, vernommen hätten, +ich verstünde das Ding gar wohl zu machen, so sollte der guten Gelegenheit +wegen nun auch der vierte Pastor mit hinein; dieser selber freilich kümmere +sich nicht eben viel darum. +</p> + +<p> +Ich hörete dem allen zu; und da ich mit meinem Lazarus am liebsten auf eine +Zeit pausiren mochte, das Bildniß des Herrn Titus Axen aber wegen eingetretenen +Siechthums desselbigen nicht beginnen konnte, so hub ich an, dem Auftrage näher +nachzufragen. +</p> + +<p> +Was mir an Preis für solche Arbeit nun geboten wurde, war zwar gering, so daß +ich erstlich dachte: sie nehmen dich für einen Pfennigmaler, wie sie im +Kriegstrosse mitziehen, um die Soldaten für ihre heimgebliebenen Dirnen +abzumalen; aber es muthete mich plötzlich an, auf eine Zeit allmorgendlich in +der goldnen Herbstessonne über die Heide nach dem Dorf hinauszuwandern, das nur +eine Wegstunde von unserer Stadt belegen ist. Sagete also zu, nur mit dem +Beding, daß die Malerei draußen auf dem Dorfe vor sich ginge, da hier in meines +Bruders Hause paßliche Gelegenheit nicht befindlich sei. +</p> + +<p> +Deß schien der Küster gar vergnügt, meinend, das sei alles hiebevor schon +fürgesorget; der Pastor habe sich solches gleichfalls ausbedungen; item, es sei +dazu die Schulstube in seiner Küsterei erwählet; selbige sei das zweite Haus im +Dorfe und liege nahe am Pastorate, nur hintenaus durch die Priesterkoppel davon +geschieden, so daß also auch der Pastor leicht hinübertreten könne. Die Kinder, +die im Sommer doch nichts lernten, würden dann nach Haus geschicket. +</p> + +<p> +Also schüttelten wir uns die Hände, und da der Küster auch die Maße des Bildes +fürsorglich mitgebracht, so konnte alles Malgeräth, deß ich bedurfte, schon +Nachmittages mit der Priesterfuhr hinausbefördert werden. +</p> + +<p> +Als mein Bruder dann nach Hause kam—erst spät am Nachmittage; denn ein +Ehrsamer Rath hatte dermalen viel Bedrängniß von einer Schinderleichen, so die +ehrlichen Leute nicht zu Grabe tragen wollten—, meinete er, ich bekäme da +einen Kopf zu malen, wie er nicht oft auf einem Priesterkragen sitze, und +möchte mich mit Schwarz und Braunroth wohl versehen; erzählete mir auch, es sei +der Pastor als Feldcapellan mit den Brandenburgern hier ins Land gekommen, als +welcher er’s fast wilder denn die Offiziers getrieben haben solle; sei +übrigens itzt ein scharfer Streiter vor dem Herrn, der seine Bauern gar +meisterlich zu packen wisse.—Noch merkete mein Bruder an, daß bei +desselbigen Amtseintritt in unserer Gegend adelige Fürsprach eingewirket haben +solle, wie es heiße, von drüben aus dem Holsteinischen her; der Archidiaconus +habe bei der Klosterrechnung ein Wörtlein davon fallen lassen. War jedoch +Weiteres meinem Bruder darob nicht kund geworden. +</p> + +<hr /> + +<p> +So sahe mich denn die Morgensonne des nächsten Tages rüstig über die Heide +schreiten, und war mir nur leid, daß letztere allbereits ihr rothes Kleid und +ihren Würzeduft verbrauchet und also diese Landschaft ihren ganzen +Sommerschmuck verloren hatte; denn von grünen Bäumen war weithin nichts zu +ersehen; nur der spitze Kirchthurm des Dorfes, dem ich zustrebte—wie ich +bereits erkennen mochte, ganz von Granitquadern auferbauet—, stieg immer +höher vor mir in den dunkelblauen Octoberhimmel. Zwischen den schwarzen +Strohdächern, die an seinem Fuße lagen, krüppelte nur niedrig Busch- und +Baumwerk; denn der Nordwestwind, so hier frisch von der See heraufkommt, will +freien Weg zu fahren haben. +</p> + +<p> +Als ich das Dorf erreichet und auch alsbald mich nach der Küsterei gefunden +hatte, stürzete mir sofort mit lustigem Geschrei die ganze Schul entgegen; der +Küster aber hieß an seiner Hausthür mich willkommen. „Merket Ihr wohl, +wie gern sie von der Fibel laufen!“ sagte er. „Der eine Bengel +hatte Euch schon durchs Fenster kommen sehen.“ +</p> + +<p> +In dem Prediger, der gleich danach ins Haus trat, erkannte ich denselbigen +Mann, den ich schon tags zuvor gesehen hatte. Aber auf seine finstere +Erscheinung war heute gleichsam ein Licht gesetzet; das war ein schöner blasser +Knabe, den er an der Hand mit sich führete; das Kind mochte etwan vier Jahre +zählen und sahe fast winzig aus gegen des Mannes hohe knochige Gestalt. +</p> + +<p> +Da ich die Bildnisse der früheren Prediger zu sehen wünschte, so gingen wir +mitsammen in die Kirche, welche also hoch belegen ist, daß man nach den anderen +Seiten über Marschen und Heide, nach Westen aber auf den nicht gar fernen +Meeresstrand hinunterschauen kann. Es mußte eben Fluth sein; denn die Watten +waren überströmet, und das Meer stund wie ein lichtes Silber. Da ich anmerkete, +wie oberhalb desselben die Spitze des Festlandes und von der andern Seite +diejenige der Insel sich gegen einander strecketen, wies der Küster auf die +Wasserfläche, so dazwischen liegt. „Dort“, sagte er, „hat +einst meiner Eltern Haus gestanden; aber anno 34 bei der großen Fluth trieb es +gleich hundert anderen in den grimmen Wassern; auf der einen Hälfte des Daches +ward ich an diesen Strand geworfen, auf der anderen fuhren Vater und Bruder in +die Ewigkeit hinaus.“ +</p> + +<p> +Ich dachte: ,So stehet die Kirche wohl am rechten Ort; auch ohne den Pastor +wird hier vernehmentlich Gottes Wort geprediget.‘ +</p> + +<p> +Der Knabe, welchen letzterer auf den Arm genommen hatte, hielt dessen Nacken +mit beiden Ärmchen fest umschlungen und drückte die zarte Wange an das schwarze +bärtige Gesicht des Mannes, als finde er so den Schutz vor der ihn schreckenden +Unendlichkeit, die dort vor unseren Augen ausgebreitet lag. +</p> + +<p> +Als wir in das Schiff der Kirche eingetreten waren, betrachtete ich mir die +alten Bildnisse und sahe auch einen Kopf darunter, der wohl eines guten Pinsels +werth gewesen wäre; jedennoch war es alles eben Pfennigmalerei, und sollte +demnach der Schüler van der Helsts hier in gar sondere Gesellschaft kommen. +</p> + +<p> +Da ich solches eben in meiner Eitelkeit bedachte, sprach die harte Stimme des +Pastors neben mir: „Es ist nicht meines Sinnes, daß der Schein des +Staubes dauere, wenn der Odem Gottes ihn verlassen; aber ich habe der Gemeine +Wunsch nicht widerstreben mögen; nur, Meister, machet es kurz; ich habe +besseren Gebrauch für meine Zeit.“ +</p> + +<p> +Nachdem ich dem finsteren Manne, an dessen Antlitz ich gleichwohl für meine +Kunst Gefallen fand, meine beste Bemühung zugesaget, fragete ich einem +geschnitzten Bilde der Maria nach, so von meinem Bruder mir war gerühmet +worden. +</p> + +<p> +Ein fast verachtend Lächeln ging über des Predigers Angesicht. „Da kommet +ihr zu spät“, sagte er, „es ging in Trümmer, da ich’s aus der +Kirche schaffen ließ.“ +</p> + +<p> +Ich sah ihn fast erschrocken an. „Und wolltet Ihr des Heilands Mutter +nicht in Euerer Kirche dulden?“ +</p> + +<p> +„Die Züge von des Heilands Mutter“, entgegnete er, „sind +nicht überliefert worden.“ +</p> + +<p> +—„Aber wollet Ihr’s der Kunst mißgönnen, sie in frommem Sinn +zu suchen?“ +</p> + +<p> +Er blickte eine Welle finster auf mich herab; denn, obschon ich zu den Kleinen +nicht zu zählen, so überragte er mich doch um eines halben Kopfes +Höhe;—dann sprach er heftig: „Hat nicht der König die holländischen +Papisten dort auf die zerrissene Insel herberufen; nur um durch das +Menschenwerk der Deiche des Höchsten Strafgericht zu trotzen? Haben nicht noch +letzlich die Kirchenvorsteher drüben in der Stadt sich zwei der Heiligen in ihr +Gestühlte schnitzen lassen? Betet und wachet! Denn auch hier geht Satan noch +von Haus zu Haus! Diese Marienbilder sind nichts als Säugammen der Sinnenlust +und des Papismus; die Kunst hat allzeit mit der Welt gebuhlt!“ +</p> + +<p> +Ein dunkles Feuer glühte in seinen Augen, aber seine Hand lag liebkosend auf +dem Kopf des blassen Knaben, der sich an seine Knie schmiegte. +</p> + +<p> +Ich vergaß darob, des Pastors Worte zu erwidern; mahnete aber danach, daß wir +in die Küsterei zurückgingen, wo ich alsdann meine edle Kunst an ihrem +Widersacher selber zu erproben anhub. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Also wanderte ich fast einen Morgen um den andern über die Heide nach dem +Dorfe, wo ich allzeit den Pastor schon meiner harrend antraf Geredet wurde +wenig zwischen uns; aber das Bild nahm desto rascheren Fortgang. Gemeiniglich +saß der Küster neben uns und schnitzete allerlei Geräthe gar säuberlich aus +Eichenholz, dergleichen als eine Hauskunst hier überall betrieben wird; auch +habe ich das Kästlein, woran er derzeit arbeitete, von ihm erstanden und darin +vor Jahren die ersten Blätter dieser Niederschrift hinterleget, alswie denn +auch mit Gottes Willen diese letzten darin sollen beschlossen sein.— +</p> + +<p> +In des Predigers Wohnung wurde ich nicht geladen und betrat selbige auch nicht; +der Knabe aber war allzeit mit ihm in der Küsterei; er stand an seinen Knien, +oder er spielte mit Kieselsteinchen in der Ecke des Zimmers. Da ich selbigen +einmal fragte, wie er heiße, antwortete er: +„Johannes!“—„Johannes?“ entgegnete ich, „so +heiße ich ja auch!“—Er sah mich groß an, sagte aber weiter nichts. +</p> + +<p> +Weshalb rühreten diese Augen so an meine Seele?—Einmal gar überraschete +mich ein finsterer Blick des Pastors, da ich den Pinsel müßig auf der Leinewand +ruhen ließ. Es war etwas in dieses Kindes Antlitz, das nicht aus seinem kurzen +Leben kommen konnte; aber es war kein froher Zug. So, dachte ich, sieht ein +Kind, das unter einem kummerschweren Herzen ausgewachsen. Ich hätte oft die +Arme nach ihm breiten mögen; aber ich scheuete mich vor dem harten Manne, der +es gleich einem Kleinod zu behüten schien. Wohl dachte ich oft: ,Welch eine +Frau mag dieses Knaben Mutter sein?‘— +</p> + +<p> +Des Küsters alte Magd hatte ich einmal nach des Predigers Frau befraget; aber +sie hatte mir kurzen Bescheid gegeben: „Die kennt man nicht; in die +Bauernhäuser kommt sie kaum, wenn Kindelbier und Hochzeit ist.“—Der +Pastor selbst sprach nicht von ihr. Aus dem Garten der Küsterei, welcher in +eine dichte Gruppe von Fliederbüschen ausläuft, sahe ich sie einmal langsam +über die Priesterkoppel nach ihrem Hause gehen; aber sie hatte mir den Rücken +zugewendet, so daß ich nur ihre schlanke, jugendliche Gestalt gewahren konnte, +und außerdem ein paar gekräuselte Löckchen, in der Art, wie sie sonst nur von +den Vornehmeren getragen werden und die der Wind von ihren Schläfen wehte. Das +Bild ihres finsteren Ehgesponsen trat mir vor die Seele, und mir schien, es +passe dieses Paar nicht wohl zusammen. +</p> + +<p> +—An den Tagen, wo ich nicht da draußen war, hatte ich auch die Arbeit an +meinem Lazarus wieder aufgenommen, so daß nach einiger Zeit diese Bilder mit +einander nahezu vollendet waren. +</p> + +<p> +So saß ich eines Abends nach vollbrachtem Tagewerke mit meinem Bruder unten in +unserem Wohngemache. Auf dem Tisch am Ofen war die Kerze fast herabgebrannt, +und die holländische Schlaguhr hatte schon auf Eilf gewarnt; wir aber saßen am +Fenster und hatten der Gegenwart vergessen; denn wir gedachten der kurzen Zeit, +die wir mitsammen in unserer Eltern Haus verlebet hatten; auch unseres einzigen +lieben Schwesterleins gedachten wir, das im ersten Kindbette verstorben und nun +seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung +entgegenharrete.—Wir hatten die Läden nicht vorgeschlagen; denn es that +uns wohl, durch das Dunkel, so draußen auf den Erdenwohnungen der Stadt lag, in +das Sternenlicht des ewigen Himmels hinauszublicken. +</p> + +<p> +Am Ende verstummten wir beide in uns selber, und wie auf einem dunkeln Strome +trieben meine Gedanken zu ihr, bei der sie allzeit Rast und Unrast +fanden.—Da, gleich einem Stern aus unsichtbaren Höhen, fiel es mir +jählings in die Brust: Die Augen des schönen blassen Knaben, es waren ja ihre +Augen! Wo hatte ich meine Sinne denn gehabt!—Aber dann, wenn sie es war, +wenn ich sie selber schon gesehen?—Welch schreckbare Gedanken stürmten +auf mich ein! +</p> + +<p> +Indem legte sich die eine Hand meines Bruders mir auf die Schulter, mit der +andern wies er auf den dunkeln Markt hinaus, von wannen aber itzt ein heller +Schein zu uns herüberschwankte. „Sieh nur!“ sagte er. „Wie +gut, daß wir das Pflaster mit Sand und Heide ausgestopfet haben! Die kommen von +des Glockengießers Hochzeit; aber an ihren Stockleuchten sieht man, daß sie +gleichwohl hin und wider stolpern.“ +</p> + +<p> +Mein Bruder hatte recht. Die tanzenden Leuchten zeugeten deutlich von der +Trefflichkeit des Hochzeitschmauses; sie kamen uns so nahe, daß die zwei +gemalten Scheiben, so letzlich von meinem Bruder als eines Glasers Meisterstück +erstanden waren, in ihren satten Farben wie in Feuer glühten. Als aber dann die +Gesellschaft an unserem Hause laut redend in die Krämerstraße einbog, hörete +ich einen unter ihnen sagen: „Ei freilich; das hat der Teufel uns +verpurret! Hatte mich leblang darauf gespitzet, einmal eine richtige Hex so in +der Flammen singen zu hören!“ +</p> + +<p> +Die Leuchten und die lustigen Leute gingen weiter, und draußen die Stadt lag +wieder still und dunkel. +</p> + +<p> +„O weh!“ sprach mein Bruder; „den trübet, was mich +tröstet.“ +</p> + +<p> +Da fiel es mir erst wieder bei, daß am nächsten Morgen die Stadt ein grausam +Spectacul vor sich habe. Zwar war die junge Person, so wegen einbekannten +Bündnisses mit dem Satan zu Aschen sollte verbrannt werden, am heutigen Morgen +vom Frone todt in ihrem Kerker aufgefunden worden; aber dem todten Leibe mußte +gleichwohl sein peinlich Recht geschehen. +</p> + +<p> +Das war nun vielen Leuten gleich einer kalt gestellten Suppen. Hatte doch auch +die Buchführer-Witwe Liebernickel, so unter dem Thurm der Kirche den grünen +Bücherschranken hat, mir am Mittage, da ich wegen der Zeitung bei ihr +eingetreten, aufs heftigste geklaget, daß nun das Lied, so sie im voraus +darüber habe anfertigen und drucken lassen, nur kaum noch passen werde wie die +Faust aufs Auge. Ich aber, und mit mir mein viellieber Bruder, hatte so meine +eigenen Gedanken von dem Hexenwesen und freuete mich, daß unser +Herrgott—denn der war es doch wohl gewesen—das arme junge Mensch so +gnädiglich in seinen Schoß genommen hatte. +</p> + +<p> +Mein Bruder, welcher weichen Herzens war, begann gleichwohl der Pflichten +seines Amts sich zu beklagen; denn er hatte drüben von der Rathhaustreppe das +Urthel zu verlesen, sobald der Racker den todten Leichnam davor aufgefahren, +und hernach auch der Justification selber zu assistiren. „Es schneidet +mir schon itzund in das Herz“, sagte er, „das greuelhafte Gejohle, +wenn sie mit dem Karren die Straße herabkommen; denn die Schulen werden ihre +Buben und die Zunftmeister ihre Lehrburschen loslassen.—An deiner +Statt“, fügete er bei, „der du ein freier Vogel bist, würde ich +aufs Dorf hinausmachen und an dem Conterfey des schwarzen Pastors weiter +malen!“ +</p> + +<p> +Nun war zwar festgesetzet worden, daß ich am nächstfolgenden Tage erst wieder +hinauskäme; aber mein Bruder redete mir zu, unwissend, wie er die Ungeduld in +meinem Herzen schürete; und so geschah es, daß alles sich erfüllen mußte, was +ich getreulich in diesen Blättern niederschreiben werde. +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div class="chapter"> + +<p> +Am andern Morgen, als drüben vor meinem Kammerfenster nur kaum der +Kirchthurmhahn in rothem Frühlicht blinkte, war ich schon von meinem Lager +aufgesprungen; und bald schritt ich über den Markt, allwo die Bäcker, vieler +Käufer harrend, ihre Brotschragen schon geöffnet hatten; auch sahe ich, wie an +dem Rathhause der Wachtmeister und die Fußknechte in Bewegung waren, und hatte +Einer bereits einen schwarzen Teppich über das Geländer der großen Treppe +aufgehangen; ich aber ging durch den Schwibbogen, so unter dem Rathause ist, +eilends zur Stadt hinaus. +</p> + +<p> +Als ich hinter dem Schloßgarten auf dem Steige war, sahe ich drüben bei der +Lehmkuhle, wo sie den neuen Galgen hingesetzet, einen mächtigen Holzstoß +aufgeschichtet. Ein paar Leute hantirten noch daran herum, und mochten das der +Fron und seine Knechte sein, die leichten Brennstoff zwischen die Hölzer +thaten; von der Stadt her aber kamen schon die ersten Buben über die Felder +ihnen zugelaufen. Ich achtete deß nicht weiter, sondern wanderte rüstig fürbaß, +und da ich hinter den Bäumen hervortrat, sahe ich mir zur Linken das Meer im +ersten Sonnenstrahl entbrennen, der im Osten über die Heide emporstieg. Da +mußte ich meine Hände falten: +</p> + +<p class="poem"> +„O Herr, mein Gott und Christ,<br/> +Sei gnädig mit uns allen,<br/> +Die wir in Sünd gefallen,<br/> +Der du die Liebe bist!“— +</p> + +<p> +Als ich draußen war, wo die breite Landstraße durch die Heide führte, +begegneten mir viele Züge von Bauern; sie hatten ihre kleinen Jungen und Dirnen +an den Händen und zogen sie mit sich fort. +</p> + +<p> +„Wohin strebet ihr denn so eifrig?“ fragte ich den einen Haufen; +„es ist ja doch kein Markttag heute in der Stadt.“ +</p> + +<p> +Nun, wie ich’s wohl zum voraus wußte, sie wollten die Hexe, das junge +Satansmensch, verbrennen sehen. +</p> + +<p> +—„Aber die Hexe ist ja todt!“ +</p> + +<p> +„Freilich, das ist ein Verdruß“, meineten sie; „aber es ist +unserer Hebamme, der alten Mutter Siebenzig, ihre Schwestertochter; da können +wir nicht außen bleiben und müssen mit dem Reste schon fürlieb +nehmen.“— +</p> + +<p> +—Und immer neue Scharen kamen daher; und itzund taucheten auch schon +Wagen aus dem Morgennebel, die statt mit Kornfrucht heut mit Menschen voll +geladen waren.—Da ging ich abseits über die Heide, obwohl noch der +Nachtthau von dem Kraute rann; denn mein Gemüth verlangte nach der Einsamkeit; +und ich sahe von fern, wie es den Anschein hatte, das ganze Dorf des Weges nach +der Stadt ziehen. Als ich auf dem Hünenhügel stund, der hier inmitten der Heide +liegt, überfiel es mich, als müsse auch ich zur Stadt zurückkehren oder etwan +nach links hinab an die See gehen, oder nach dem kleinen Dorfe, das dort unten +hart am Strande liegt; aber vor mir in der Luft schwebete etwas wie ein Glück, +wie eine rasende Hoffnung, und es schüttelte mein Gebein, und meine Zähne +schlugen an einander. ,Wenn sie es wirklich war, so letzlich mit meinen eigenen +Augen ich erblicket, und wenn dann heute—‘ Ich fühlte mein Herz +gleich einem Hammer an den Rippen; ich ging weit um durch die Heide; ich wollte +nicht sehen, ob auf der Wagen einem auch der Prediger nach der Stadt +fahre.—Aber ich ging dennoch endlich seinem Dorfe zu. +</p> + +<p> +Als ich es erreichet hatte, schritt ich eilends nach der Thür des Küsterhauses. +Sie war verschlossen. Eine Weile stund ich unschlüssig; dann hub ich mit der +Faust zu klopfen an. Drinnen blieb alles ruhig; als ich aber stärker klopfte, +kam des Küsters alte halb blinde Trienke aus einem Nachbarhause. +</p> + +<p> +„Wo ist der Küster?“ fragte ich. +</p> + +<p> +—„Der Küster? Mit dem Priester in die Stadt gefahren.“ +</p> + +<p> +Ich starrete die Alte an; mir war, als sei ein Blitz durch mich dahin +geschlagen. +</p> + +<p> +„Fehler Euch etwas, Herr Maler?“ frug sie. +</p> + +<p> +Ich schüttelte den Kopf und sagte nur: „So ist wohl heute keine Schule, +Trienke?“ +</p> + +<p> +—„Bewahre! Die Hexe wird ja verbrannt!“ +</p> + +<p> +Ich ließ mir von der Alten das Haus aufschließen, holte mein Malergeräthe und +das fast vollendete Bildniß aus des Küsters Schlafkammer und richtete, wie +gewöhnlich, meine Staffelei in dem leeren Schulzimmer. Ich pinselte etwas an +der Gewandung; aber ich suchte damit nur mich selber zu belügen; ich hatte +keinen Sinn zum Malen; war ja um dessen willen auch nicht hieher gekommen. +</p> + +<p> +Die Alte kam hereingelaufen, stöhnte über die arge Zeit und redete über Bauern- +und Dorfsachen, die ich nicht verstund; mich selber drängete es, sie wieder +einmal nach des Predigers Frau zu fragen, ob selbige alt oder jung, und auch, +woher sie gekommen sei; allein ich brachte das Wort nicht über meine Zungen. +Dagegen begann die Alte ein lang Gespinste von der Hex und ihrer Sippschaft +hier im Dorfe und von der Mutter Siebenzig, so mit Vorspuksehen behaftet sei; +erzählete auch, wie selbige zur Nacht, da die Gicht dem alten Weibe keine Ruh +gelassen, drei Leichlaken über des Pastors Hausdach habe fliegen sehen: es gehe +aber solch Gesichte allzeit richtig aus, und Hoffart komme vor dem Falle; denn +sei die Frau Pastorin bei aller ihrer Vornehmheit doch nur eine blasse und +schwächliche Kreatur. +</p> + +<p> +Ich mochte solch Geschwätz nicht fürder hören; ging daher aus dem Hause und auf +dem Wege herum, da wo das Pastorat mit seiner Fronte gegen die Dorfstraße +liegt; wandte auch unter bangem Sehnen meine Augen nach den weißen Fenstern, +konnte aber hinter den blinden Scheiben nichts gewahren als ein paar +Blumenscherben, wie sie überall zu sehen sind.—Ich hätte nun wohl +umkehren mögen; aber ich ging dennoch weiter. Als ich auf den Kirchhof kam, +trug von der Stadtseite der Wind ein wimmernd Glockenläuten an mein Ohr; ich +aber wandte mich und blickte hinab nach Westen, wo wiederum das Meer wie +lichtes Silber am Himmelssaume hinfloß, und war doch ein tobend Unheil dort +gewesen, worin in einer Nacht des Höchsten Hand viel tausend Menschenleben +hingeworfen hatte. Was krümmete denn ich mich so gleich einem Wurme?—Wir +sehen nicht, wie seine Wege führen! +</p> + +<p> +Ich weiß nicht mehr, wohin mich damals meine Füße noch getragen haben; ich weiß +nur, daß ich in einem Kreis gegangen bin; denn da die Sonne fast zur +Mittagshöhe war, langete ich wieder bei der Küsterei an. Ich ging aber nicht in +das Schulzimmer an meine Staffelei, sondern durch das Hinterpförtlein wieder +zum Hause hinaus.— +</p> + +<p> +Das ärmliche Gärtlein ist mir unvergessen, obschon seit jenem Tage meine Augen +es nicht mehr gesehen.—Gleich dem des Predigerhauses von der anderen +Seite, trat es als ein breiter Streifen in die Priesterkoppel; inmitten +zwischen beiden aber war eine Gruppe dichter Weidenbüsche, welche zur +Einfassung einer Wassergrube dienen mochten; denn ich hatte einmal eine Magd +mit vollem Eimer wie aus einer Tiefe daraus hervorsteigen sehen. +</p> + +<p> +Als ich ohne viel Gedanken, nur mein Gemüthe erfüllet von nicht zu zwingender +Unrast, an des Küsters abgeheimseten Bohnenbeeten hinging, hörete ich von der +Koppel draußen eine Frauenstimme von gar holdem Klang, und wie sie liebreich +einem Kinde zusprach. +</p> + +<p> +Unwillens schritt ich solchem Schalle nach; so mochte einst der griechische +Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen haben. Schon war ich +am jenseitigen Rande des Holundergebüsches, das hier ohne Verzäunung in die +Koppel ausläuft, da sahe ich den kleinen Johannes mit einem Ärmchen voll Moos, +wie es hier in dem kümmerlichen Grase wächst, gegenüber hinter die Weiden +gehen; er mochte sich dort damit nach Kinderart ein Gärtchen angeleget haben. +Und wieder kam die holde Stimme an mein Ohr: „Nun heb nur an; nun hast du +einen ganzen Haufen! Ja, ja; ich such derweil noch mehr; dort am Holunder +wächst genug!“ +</p> + +<p> +Und dann trat sie selber hinter den Weiden hervor; ich hatte ja längst schon +nicht gezweifelt.—Mit den Augen auf dem Boden suchend, schritt sie zu mir +her, so daß ich ungestöret sie betrachten durfte; und mir war, als gliche sie +nun gar seltsam dem Kinde wieder, das sie einst gewesen war, für das ich den +„Buhz“ einst von dem Baum herabgeschossen hatte; aber dieses +Kinderantlitz von heute war bleich und weder Glück noch Muth darin zu lesen. +</p> + +<p> +So war sie mählich näher kommen, ohne meiner zu gewahren; dann kniete sie +nieder an einem Streifen Moos, der unter den Büschen hinlief; doch ihre Hände +pflückten nicht davon; sie ließ das Haupt auf ihre Brust sinken, und es war, +als wolle sie nur ungesehen vor dem Kinde in ihrem Leide ausruhen. +</p> + +<p> +Da rief ich leise: „Katharina!“ +</p> + +<p> +Sie blickte auf, ich aber ergriff ihre Hand und zog sie gleich einer +Willenlosen zu mir unter den Schatten der Büsche. Doch als ich sie endlich also +nun gefunden hatte und keines Wortes mächtig vor ihr stund, da sahen ihre Augen +weg von mir, und mit fast einer fremden Stimme sagte sie: „Es ist nun +einmal so, Johannes! Ich wußte wohl, du seiest der fremde Maler; ich dachte nur +nicht, daß du heute kommen würdest.“ +</p> + +<p> +Ich hörete das, und dann sprach ich es aus: „Katharina,—so bist du +des Predigers Eheweib?“ +</p> + +<p> +Sie nickte nicht; sie sah mich starr und schmerzlich an. „Er hat das Amt +dafür bekommen“, sagte sie, „und dein Kind den ehrlichen +Namen.“ +</p> + +<p> +—„Mein Kind, Katharina?“ +</p> + +<p> +„Und fühltest du das nicht? Er hat ja doch auf deinem Schoß gesessen; +einmal doch, er selbst hat es mir erzählet.“ +</p> + +<p> +—Möge keines Menschen Brust ein solches Weh +zerfleischen!—„Und du, du und mein Kind, ihr solltet mir verloren +sein!“ +</p> + +<p> +Sie sah mich an, sie weinte nicht, sie war nur gänzlich todtenbleich. +</p> + +<p> +„Ich will das nicht!“ schrie ich; „ich will …“ Und eine +wilde Gedankenjagd rasete mir durchs Hirn. +</p> + +<p> +Aber ihre kleine Hand hatte gleich einem kühlen Blatte sich auf meine Stirn +gelegt, und ihre braunen Augensterne auf dem blassen Antlitz sahen mich flehend +an. „Du, Johannes“, sagte sie, „du wirst es nicht sein, der +mich noch elender machen will.“ +</p> + +<p> +—„Und kannst denn du so leben, Katharina?“ +</p> + +<p> +„Leben?—Es ist ja doch ein Glück dabei; er liebt das +Kind;—was ist denn mehr noch zu verlangen?“ +</p> + +<p> +—„Und von uns, von dem, was einst gewesen ist, weiß er +davon?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein!“ rief sie heftig. „Er nahm die Sünderin zum +Weibe: mehr nicht. O Gott, ist’s denn nicht genug, daß jeder neue Tag ihm +angehört!“ +</p> + +<p> +In diesem Augenblicke tönete ein zarter Gesang zu uns herüber.— +„Das Kind“, sagte sie. „Ich muß zu dem Kinde; es könnte ihm +ein Leids geschehen!“ +</p> + +<p> +Aber meine Sinne zieleten nur auf das Weib, das sie begehrten. „Bleib +doch“, sagte ich, „es spielet ja fröhlich dort mit seinem +Moose.“ +</p> + +<p> +Sie war an den Rand des Gebüsches getreten und horchete hinaus. Die goldene +Herbstsonne schien so warm hernieder, nur leichter Hauch kam von der See +herauf. Da hörten wir von jenseits durch die Weiden das Stimmlein unseres +Kindes singen: +</p> + +<p class="poem"> +„Zwei Englein, die mich decken,<br/> +Zwei Englein, die mich strecken,<br/> +Und zweie, so mich weisen<br/> +In das himmlische Paradeisen.“ +</p> + +<p> +Katharina war zurückgetreten, und ihre Augen sahen groß und geisterhaft mich +an. „Und nun leb wohl, Johannes“, sprach sie leise; „auf +Nimmerwiedersehen hier auf Erden!“ +</p> + +<p> +Ich wollte sie an mich reißen; ich streckte beide Arme nach ihr aus; doch sie +wehrete mich ab und sagte sanft: „Ich bin des anderen Mannes Weib; vergiß +das nicht.“ +</p> + +<p> +Mich aber hatte auf diese Worte ein fast wilder Zorn ergriffen. „Und +wessen, Katharina“, sprach ich hart, „bist du gewesen, ehe bevor du +sein geworden?“ +</p> + +<p> +Ein weher Klaglaut brach aus ihrer Brust; sie schlug die Hände vor ihr +Angesicht und rief. „Weh mir! O wehe, mein entweihter armer Leib!“ +</p> + +<p> +Da wurd ich meiner schier unmächtig; ich riß sie jäh an meine Brust, ich hielt +sie wie mit Eisenklammern und hatte sie endlich, endlich wieder! Und ihre Augen +sanken in die meinen, und ihre rothen Lippen duldeten die meinen; wir +umschlangen uns inbrünstiglich; ich hätte sie tödten mögen, wenn wir also mit +einander hätten sterben können. Und als dann meine Blicke voll Seligkeit auf +ihrem Antlitz weideten, da sprach sie, fast erstickt von meinen Küssen: +„Es ist ein langes, banges Leben! O Jesu Christ, vergib mir diese +Stunde!“ +</p> + +<p> +—Es kam eine Antwort; aber es war die harte Stimme jenes Mannes, aus +dessen Munde ich itzt zum ersten Male ihren Namen hörte. Der Ruf kam von drüben +aus dem Predigergarten, und noch einmal und härter rief es: +„Katharina!“ +</p> + +<p> +Da war das Glück vorbei; mit einem Blicke der Verzweiflung sahe sie mich an; +dann stille wie ein Schatten war sie fort. +</p> + +<p> +—Als ich in die Küsterei trat, war auch schon der Küster wieder da. Er +begann sofort von der Justification der armen Hexe auf mich einzureden. +„Ihr haltet wohl nicht viel davon“, sagte er; „sonst wäret +Ihr heute nicht aufs Dorf gegangen, wo der Herr Pastor gar die Bauern und ihre +Weiber in die Stadt getrieben.“ +</p> + +<p> +Ich hatte nicht die Zeit zur Antwort; ein gellender Schrei durchschnitt die +Luft; ich werde ihn leblang in den Ohren haben. +</p> + +<p> +„Was war das, Küster?“ rief ich. +</p> + +<p> +Der Mann riß ein Fenster auf und horchete hinaus, aber es geschah nichts +weiter. „So mir Gott“, sagte er, „es war ein Weib, das so +geschrien hat; und drüben von der Priesterkoppel kam’s.“ +</p> + +<p> +Indem war auch die alte Trienke in die Thür gekommen. „Nun, Herr?“ +rief sie mir zu. „Die Leichlaken sind auf des Pastors Dach +gefallen!“ +</p> + +<p> +—„Was soll das heißen, Trienke?“ +</p> + +<p> +„Das soll heißen, daß sie des Pastors kleinen Johannes soeben aus dem +Wasser ziehen.“ +</p> + +<p> +Ich stürzete aus dem Zimmer und durch den Garten auf die Priesterkoppel; aber +unter den Weiden fand ich nur das dunkle Wasser und Spuren feuchten Schlammes +daneben auf dem Grase.—Ich bedachte mich nicht, es war ganz wie von +selber, daß ich durch das weiße Pförtchen in des Pastors Garten ging. Da ich +eben ins Haus wollte, trat er selber mir entgegen. +</p> + +<p> +Der große knochige Mann sah gar wüste aus; seine Augen waren geröthet, und das +schwarze Haar hing wirr ihm ins Gesicht. „Was wollt Ihr?“ sagte er. +</p> + +<p> +Ich starrete ihn an; denn mir fehlete das Wort. Ja, was wollte ich denn +eigentlich? +</p> + +<p> +„Ich kenne Euch!“ fuhr er fort. „Das Weib hat endlich alles +ausgeredet.“ +</p> + +<p> +Das machte mir die Zunge frei. „Wo ist mein Kind!“ rief ich. +</p> + +<p> +Er sagte: „Die beiden Eltern haben es ertrinken lassen.“ +</p> + +<p> +—„So laßt mich zu meinem todten Kinde!“ +</p> + +<p> +Allein, da ich an ihm vorbei in den Hausflur wollte, drängete er mich zurück. +„Das Weib“, sprach er, „liegt bei dem Leichnam und schreit zu +Gott aus ihren Sünden. Ihr sollt nicht hin, um ihrer armen Seelen +Seligkeit!“ +</p> + +<p> +Was dermalen selber ich gesprochen, ist mir schier vergessen; aber des +Predigers Worte gruben sich in mein Gedächtniß. „Höret mich!“ +sprach er. „So von Herzen ich Euch hasse, wofür dereinst mich Gott in +seiner Gnade wolle büßen lassen, und Ihr vermuthendlich auch mich—noch +ist Eines uns gemeinsam.—Geht itzo heim und bereitet eine Tafel oder +Leinewand! Mit solcher kommet morgen in der Frühe wieder und malet darauf des +todten Knaben Antlitz. Nicht mir oder meinem Hause; der Kirchen hier, wo er +sein kurz unschuldig Leben ausgelebet, möget Ihr das Bildniß stiften. Mög es +dort die Menschen mahnen, daß vor der knöchern Hand des Todes alles Staub +ist!“ +</p> + +<p> +Ich blickte auf den Mann, der kurz vordem die edle Malerkunst ein Buhlweib mit +der Welt gescholten; aber ich sagte zu, daß alles so geschehen möge. +</p> + +<p> +—Daheim indessen wartete meiner eine Kunde, so meines Lebens Schuld und +Buße gleich einem Blitze jählings aus dem Dunkel hob, so daß ich Glied um Glied +die ganze Kette vor mir leuchten sahe. +</p> + +<p> +Mein Bruder, dessen schwache Constitution von dem abscheulichen Spectacul, dem +er heute assistiren müssen, hart ergriffen war, hatte sein Bette aufgesucht. Da +ich zu ihm eintrat, richtete er sich auf „Ich muß noch eine Weile +ruhen“, sagte er, indem er ein Blatt der Wochenzeitung in meine Hand gab; +„aber lies doch dieses! Da wirst du sehen, daß Herrn Gerhardus’ Hof +in fremde Hände kommen, maßen Junker Wulf ohn Weib und Kind durch eines tollen +Hundes Biß gar jämmerlichen Todes verfahren ist.“ +</p> + +<p> +Ich griff nach dem Blatte, das mein Bruder mir entgegenhielt; aber es fehlte +nicht viel, daß ich getaumelt wäre. Mir war’s bei dieser Schreckenspost, +als sprängen des Paradieses Pforten vor mir auf; aber schon sahe ich am +Eingange den Engel mit dem Feuerschwerte stehen, und aus meinem Herzen schrie +es wieder: O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern!—Dieser Tod hätte uns das +Leben werden können; nun war’s nur ein Entsetzen zu den andern. +</p> + +<p> +Ich saß oben auf meiner Kammer. Es wurde Dämmerung, es wurde Nacht; ich schaute +in die ewigen Gestirne, und endlich suchte auch ich mein Lager. Aber die +Erquickung des Schlafes ward mir nicht zu Theil. In meinen erregten Sinnen war +es mir gar seltsamlich, als sei der Kirchthurm drüben meinem Fenster nah +gerückt; ich fühlte die Glockenschläge durch das Holz der Bettstatt dröhnen, +und ich zählete sie alle die ganze Nacht entlang. Doch endlich dämmerte der +Morgen. Die Balken an der Decke hingen noch wie Schatten über mir, da sprang +ich auf, und ehbevor die erste Lerche aus den Stoppelfeldern stieg, hatte ich +allbereits die Stadt im Rücken. +</p> + +<p> +Aber so frühe ich auch ausgegangen, ich traf den Prediger schon auf der +Schwelle seines Hauses stehen. Er geleitete mich auf den Flur und sagte, daß +die Holztafel richtig angelanget, auch meine Staffelei und sonstiges +Malergeräth aus dem Küsterhause herübergeschaffet sei. Dann legte er seine Hand +auf die Klinke einer Stubenthür. +</p> + +<p> +Ich jedoch hielt ihn zurück und sagte: „Wenn es in diesem Zimmer ist, so +wollet mir vergönnen, bei meinem schweren Werke allein zu sein!“ +</p> + +<p> +„Es wird Euch niemand stören“, entgegnete er und zog die Hand +zurück. „Was Ihr zur Stärkung Eueres Leibes bedürfet, werdet Ihr drüben +in jenem Zimmer finden.“ Er wies auf eine Thür an der anderen Seite des +Flures; dann verließ er mich. +</p> + +<p> +Meine Hand lag itzund statt der des Predigers auf der Klinke. Es war +todtenstill im Hause; eine Weile mußte ich mich sammeln, bevor ich öffnete. +</p> + +<p> +Es war ein großes, fast leeres Gemach, wohl für den Confirmandenunterricht +bestimmt, mit kahlen weißgetünchten Wänden; die Fenster sahen über öde Felder +nach dem fernen Strand hinaus. Inmitten des Zimmers aber stund ein weißes Lager +aufgebahret. Auf dem Kissen lag ein bleiches Kinderangesicht; die Augen zu; die +kleinen Zähne schimmerten gleich Perlen aus den blassen Lippen. +</p> + +<p> +Ich fiel an meines Kindes Leiche nieder und sprach ein brünstiglich Gebet. Dann +rüstete ich alles, wie es zu der Arbeit nöthig war; und dann malte +ich—rasch, wie man die Todten malen muß, die nicht zum zweitenmal +dasselbig Antlitz zeigen. Mitunter wurd ich wie von der andauernden großen +Stille aufgeschrecket; doch wenn ich inne hielt und horchte, so wußte ich bald, +es sei nichts da gewesen. Einmal auch war es, als drängen leise Odemzüge an +mein Ohr.—Ich trat an das Bette des Todten, aber da ich mich zu dem +bleichen Mündlein niederbeugete, berührte nur die Todeskälte meine Wangen. +</p> + +<p> +Ich sahe um mich; es war noch eine Thür im Zimmer; sie mochte zu einer +Schlafkammer führen, vielleicht daß es von dort gekommen war! Allein so scharf +ich lauschte, ich vernahm nichts wieder; meine eigenen Sinne hatten wohl ein +Spiel mit mir getrieben. +</p> + +<p> +So setzete ich mich denn wieder, sahe auf den kleinen Leichnam und malete +weiter; und da ich die leeren Händchen ansahe, wie sie auf dem Linnen lagen, so +dachte ich: ,Ein klein Geschenk doch mußt du deinem Kinde geben!‘ Und ich +malete auf seinem Bildniß ihm eine weiße Wasserlilie in die Hand, als sei es +spielend damit eingeschlafen. Solcher Art Blumen gab es selten in der Gegend +hier, und mocht es also ein erwünschet Angebinde sein. +</p> + +<p> +Endlich trieb mich der Hunger von der Arbeit auf, mein ermüdeter Leib verlangte +Stärkung. Legete sonach den Pinsel und die Palette fort und ging über den Flur +nach dem Zimmer, so der Prediger mir angewiesen hatte. Indem ich aber eintrat, +wäre ich vor Überraschung bald zurückgewichen; denn Katharina stund mir +gegenüber, zwar in schwarzen Trauerkleidern und doch in all dem Zauberschein, +so Glück und Liebe in eines Weibes Antlitz wirken mögen. +</p> + +<p> +Ach, ich wußte es nur zu bald; was ich hier sahe, war nur ihr Bildniß, das ich +selber einst gemalet. Auch für dieses war also nicht mehr Raum in ihres Vaters +Haus gewesen.—Aber wo war sie selber denn? Hatte man sie fortgebracht, +oder hielt man sie auch hier gefangen?—Lang, gar lange sahe ich das +Bildniß an; die alte Zeit stieg auf und quälete mein Herz. Endlich, da ich +mußte, brach ich einen Bissen Brot und stürzete ein paar Gläser Wein hinab; +dann ging ich zurück zu unserem todten Kinde. +</p> + +<p> +Als ich drüben eingetreten und mich an die Arbeit setzen wollte, zeigete es +sich, daß in dem kleinen Angesicht die Augenlider um ein weniges sich gehoben +hatten. Da bückete ich mich hinab, im Wahne, ich möchte noch einmal meines +Kindes Blick gewinnen; als aber die kalten Augensterne vor mir lagen, überlief +mich Grausen; mir war, als sähe ich die Augen jener Ahne des Geschlechtes, als +wollten sie noch hier aus unseres Kindes Leichenantlitz künden: „Mein +Fluch hat doch euch beide eingeholet!“ Aber zugleich—ich hätte es +um alle Welt nicht lassen können—umfing ich mit beiden Armen den kleinen +blassen Leichnam und hob ihn auf an meine Brust und herzete unter bitteren +Thränen zum ersten Male mein geliebtes Kind. „Nein, nein, mein armer +Knabe, deine Seele, die gar den finstern Mann zur Liebe zwang, die blickte +nicht aus solchen Augen; was hier herausschaut, ist alleine noch der Tod. Nicht +aus der Tiefe schreckbarer Vergangenheit ist es heraufgekommen; nichts anderes +ist da als deines Vaters Schuld; sie hat uns alle in die schwarze Fluth +hinabgerissen.“ +</p> + +<p> +Sorgsam legte ich dann wieder mein Kind in seine Kissen und drückte ihm sanft +die beiden Augen zu. Dann tauchete ich meinen Pinsel in ein dunkles Roth und +schrieb unten in den Schatten des Bildes die Buchstaben: C. P. A. S. Das sollte +heißen: Culpa Patris Aquis Submersus, „Durch Vaters Schuld in der Fluth +versunken“.—Und mit dem Schalle dieser Worte in meinem Ohre, die +wie ein schneidend Schwert durch meine Seele fuhren, malete ich das Bild zu +Ende. +</p> + +<p> +Während meiner Arbeit hatte wiederum die Stille im Hause fortgedauert, nur in +der letzten Stunde war abermalen durch die Thür, hinter welcher ich eine +Schlafkammer vermuthet hatte, ein leises Geräusch hereingedrungen.—War +Katharina dort, um ungesehen bei meinem schweren Werk mir nah zu sein? Ich +konnte es nicht enträthseln. +</p> + +<p> +Es war schon spät. Mein Bild war fertig, und ich wollte mich zum Gehen wenden; +aber mir war, als müsse ich noch einen Abschied nehmen, ohne den ich nicht von +hinnen könne. +</p> + +<p> +So stand ich zögernd und schaute durch das Fenster auf die öden Felder draußen, +wo schon die Dämmerung begunnte sich zu breiten; da öffnete sich vom Flure her +die Thür und der Prediger trat zu mir herein. +</p> + +<p> +Er grüßte schweigend; dann mit gefalteten Händen blieb er stehen und +betrachtete wechselnd das Antlitz auf dem Bilde und das des kleinen Leichnams +vor ihm, als ob er sorgsame Vergleichung halte. Als aber seine Augen auf die +Lilie in der gemalten Hand des Kindes fielen, hub er wie im Schmerze seine +beiden Hände auf, und ich sahe, wie seinen Augen jählings ein reicher +Thränenquell entstürzete. +</p> + +<p> +Da streckte auch ich meine Arme nach dem Todten und rief überlaut: „Leb +wohl, mein Kind! O mein Johannes, lebe wohl!“ +</p> + +<p> +Doch in demselben Augenblicke vernahm ich leise Schritte in der Nebenkammer; es +tastete wie mit kleinen Händen an der Thür; ich hörte deutlich meinen Namen +rufen—oder war es der des todten Kindes?—Dann rauschte es wie von +Frauenkleidern hinter der Thüre nieder, und das Geräusch vom Falle eines +Körpers wurde hörbar. +</p> + +<p> +„Katharina!“ rief ich. Und schon war ich hinzugesprungen und +rüttelte an der Klinke der fest verschlossenen Thür; da legte die Hand des +Pastors sich auf meinen Arm: „Das ist meines Amtes!“ sagte er. +„Gehet itzo! Aber gehet in Frieden; und möge Gott uns allen gnädig +sein!“ +</p> + +<p> +—Ich bin dann wirklich fortgegangen; ehe ich es selbst begriff, wanderte +ich schon draußen auf der Heide auf dem Weg zur Stadt. +</p> + +<p> +Noch einmal wandte ich mich um und schaute nach dem Dorf zurück, das nur noch +wie Schatten aus dem Abenddunkel ragte. Dort lag mein todtes +Kind—Katharina—alles, alles!—Meine alte Wunde brannte mir in +meiner Brust; und seltsam, was ich niemals hier vernommen, ich wurde plötzlich +mir bewußt, daß ich vom fernen Strand die Brandung tösen hörete. Kein Mensch +begegnete mir, keines Vogels Ruf vernahm ich; aber aus dem dumpfen Brausen des +Meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren Wiegenliede: Aquis +submersus aquis submersus! +</p> + +<hr /> + +<p> +Hier endete die Handschrift. +</p> + +<p> +Dessen Herr Johannes sich einstens im Vollgefühl seiner Kraft vermessen, daß +er’s wohl auch einmal in seiner Kunst den Größeren gleichzutun verhoffe, +das sollten Worte bleiben, in die leere Luft gesprochen. +</p> + +<p> +Sein Name gehört nicht zu denen, die genannt werden; kaum dürfte er in einem +Künstlerlexikon zu finden sein; ja selbst in seiner engeren Heimat weiß niemand +von einem Maler seines Namens. Des großen Lazarusbildes tut zwar noch die +Chronik unserer Stadt Erwähnung, das Bild selbst aber ist zu Anfang dieses +Jahrhunderts nach dem Abbruch unserer alten Kirche gleich den anderen +Kunstschätzen derselben verschleudert und verschwunden. +</p> + +<p class="center"> +Aquis submersus +</p> + +</div><!--end chapter--> + +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AQUIS SUBMERSUS ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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