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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Karikatur im Weltkriege - -Author: Ernst Schulz-Besser - -Release Date: June 10, 2016 [EBook #52299] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KARIKATUR IM WELTKRIEGE *** - - - - -Produced by Peter Becker, Harry Lamé and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - Dieser Text: Originalwerk: - _Text_ Kursivdruck - =Text= Fettdruck - #Text# Gesperrter Text - ~Text~ Antiqua (Der Rest des Originaltextes wurde in Fraktur - gedruckt.) - -Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende dieses Textes. - - - - - Die Karikatur - im Weltkriege - - - Mit Genehmigung des Polizeiamtes der Stadt Leipzig - Abteilung für Presse-Angelegenheiten - - - Die - Karikatur im Weltkriege - - von - - Ernst Schulz-Besser - - Mit 115 Abbildungen - - [Abbildung] - - Verlag von E. A Seemann / Leipzig - - -Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig - - - - -[Abbildung: ~Abb. 1. Johan Braakensiek: Hoheit dürfen nicht ohne Gefolge -reisen!~ - -~Holländische Karikatur, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges -erschienen.~] - - -Wenn irgend etwas, so spiegelt die Karikatur die Empfindungen der -verschiedenen Völker, ihre Zuneigungen oder Abneigungen, die ganze -Stufenleiter ihrer Gefühle wider. Es ist eine alte Wahrheit, daß die -Kultur oder oft besser gesagt -- die Unkultur nirgends packender zum -Ausdruck kommt als im Spottbilde. An der Hand der Karikaturen können wir -nicht nur die Stimmung in den feindlichen Ländern verfolgen, sondern -auch die schwankenden Anschauungen in „Neutralien“ kennen lernen, wo -Freunde und Feinde der Zentralmächte vereinigt leben. So kommt es, daß -sich auch in der Karikatur das Drama „Weltkrieg“ abspielt, das alle ohne -Ausnahme in Mitleidenschaft gezogen hat und jedes Land zu irgendeiner -Rolle zwingt. Denn immer geringer werden die bloßen Zuschauer. Die -bedeutenderen Zeichner aller Völker greifen tätig in die gewaltigste -Bewegung ein, die je eine Zeit erfüllt hat. - -Schon der letzte große Krieg, den das Deutsche Reich schlagen mußte, der -von 1870/71, hatte eine Fülle von Karikaturen im Gefolge. Namentlich das -besiegte Frankreich stellte eine große Masse von Spottbildern her, die -sich mehr durch Schamlosigkeit und Roheit, als durch künstlerische Werte -auszeichneten. Der damals schon 60 Jahre alte Honoré Daumier war mit -immer noch recht beachtenswerten Leistungen vertreten. Es ergibt sich -eine schier unübersehbare Menge von vielen Zehntausenden von Karikaturen -über Personen und Dinge des deutsch-französischen Krieges. Zwar vermögen -uns -- mit wenigen Ausnahmen -- diese satirischen Kleinkünste (auch die -deutschen) ästhetisch ebensowenig zu befriedigen wie die deutschen -Schlachtengemälde des siebziger Krieges, doch als geschichtliche und -kulturgeschichtliche Dokumente sind sie uns wert, als Erinnerung an eine -große Zeit. Heute hat es der Künstler der Gegenwart, der mit ins Feld -hinauszieht, um Studien zu machen, bedeutend schwerer als seine Kollegen -von 1870. Erstens haben sich unsere Kunstanschauungen gewandelt und zwar -gründlich, dann aber sieht sich jetzt der Zeichner bei der modernen -Gefechtsweise vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt als seine -Vorgänger von damals, wenn er dem Erleben sinnlichen Ausdruck geben -will. - -Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des -siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch -diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die -Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht -alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber -echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und -Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit, -mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt. - -[Abbildung: ~Abb. 2. Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.~ - -~(The Fatherland, New York.)~] - -Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der -siebziger Jahre -- trotz der Fülle des Erschienenen -- gegen die unserer -Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse -der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des -Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse -geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese -Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen -Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde -Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein -fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche -Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten. - -[Abbildung: ~Abb. 3. Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg -Winter 1914.)~ - -~„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit -zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der -aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“~] - -Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines -Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit -kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich -haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer -1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen -Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange -heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse -ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große -Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das -ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle -des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914 -klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet -fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich -sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu -können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend -Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden! - -Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen; -auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere -Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns -doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und -wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt, -wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch -genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur -ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem -Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche -Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch -mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung -gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert -Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den -„Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist, -gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so -ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und -meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch -weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist -es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine -nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im -feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist -meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge -Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“ - -Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines -Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte -und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch -unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten -Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von -#Gustav Brandt#, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie, -rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das -der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts -berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des -eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat (Abb. 4). „Wie -dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so -hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den -Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft -wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die -idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig -verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber -auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend -die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung -vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten, -versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des ~Two-Steps~ übertönte -das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen -Sümpfen mit unter. - -Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig -fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und -bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer -Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen -Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den -Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen -Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen, -die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt. - -[Abbildung: ~Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann -ohne Gewissen.~ - -~Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen -Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)~] - -Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene -alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig -antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig -Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in -einem Fort“ mißverstanden. -- Als das (falsche) Gerücht am Anfang des -Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die -Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer -Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer -nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten -(da war es natürlich kein Wunder, daß die #Abführung# so rasch -erfolgte!). - -Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen -Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern -#siebenmal# neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und -„Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen. -#Solche# Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom -Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag, -der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen. -Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die -verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem -Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen -Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit -künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der -eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich -aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag -verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel -Millionen! - -[Abbildung: ~Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.~ - -~„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.~ - -~(Nuevo Mundo, Madrid.)~] - -Der Weltkrieg hat mit vielem Morschen und Kranken aufgeräumt und -reinigend gewirkt, er hat aber auch einen massenweisen Auftrieb von -allerhand Schund zur Folge gehabt, der stets von neuem zeigt, wie -gering das Verständnis für ein so gewaltiges Ereignis noch immer in -manchen Köpfen ist. Was allein auf kunstgewerblichem Gebiete, wenn man -den Ausdruck kunstgewerblich für diese Machwerke überhaupt anwenden -kann, an Greueln geschaffen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Es -genügt hier, flüchtig an die 42 ~cm~-Mörser-Schirmständer, an -schwarz-weiß-rote Kinderbälle mit der Aufschrift „Ich kenne keine -Parteien mehr“, an die Krawatten mit „Gott strafe England“, an die -Granatsplitter als Vorstecknadeln und die Hindenburg-Schnupftücher zu -erinnern (die ja auch in das Gebiet der Karikatur fallen, wenn auch in -das der unfreiwilligen), um sich all diesen Unrat ins Gedächtnis zu -rufen. Das Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart vereinigt in -seiner Sammlung der Geschmacksverirrungen die Erzeugnisse jenes -After-Kunstgewerbes, das, auf den Ungeschmack der Menge rechnend, den -Patriotismus durch Massenerzeugung allerlei kriegsaktueller Attrappen -und Surrogatscherze ausbeutet. Leider haben ja auch, wie die letzte -Leipziger Messe zeigte, selbst altehrwürdige und unabhängige -Porzellanmanufakturen sich von der Mode hinreißen lassen und dem -Geschmack der breiten Masse Rechnung getragen. Hier zeigt sich, daß der -Krieg das ästhetische Gefühl oft sehr ungünstig beeinflußt. Auch vor den -Millionen von Kriegsgedichten packt weite Kreise allmählich ein -wachsender Überdruß. Man hat es schließlich satt, noch weiter -akademischen Stilübungen offizieller und inoffizieller Dichter zu -lauschen. Reime wie Rote Hosen und Franzosen, Serben und Sterben, -Brummer und Kummer, Japs und Klaps sind in Mißkredit gekommen, sodaß man -sie kaum noch beachtet. Selbst der Reim French auf Mensch, für den es -bisher keinen gab, (schon Grabbe sagt: „Warum sind Mensch und Jungfrau -ungereimte Worte?“), hat allmählich an Wert verloren (die Dichter müßten -eigentlich French für sein Erscheinen auf den Knien danken). Auch Joffre -und Koffer ist nachgerade abgeschmackt geworden und es ist noch ein -Glück für den französischen General, daß er nicht Jaffre heißt. Und -was von den poetischen Gaben gesagt wird, trifft auch auf die -Karikaturen zu. Das Kriegsbild, und nicht zum wenigsten die -Kriegskarikatur, beherrscht die Stunde, aber es ist beileibe nicht immer -ein angenehmes Herrschertum. - -[Abbildung: ~Abb. 6. P. van der Heem: Italiens Lage. Die Versuchung des -heiligen Antonius.~ - -~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -Der jetzige Krieg ist etwas so Gewaltiges, die militärischen Leistungen -auf deutscher Seite sind so über jedes Lob erhaben, daß sie in der -Dichtkunst ebensowenig wie in der bildenden Kunst jemals völlig -verarbeitet werden können. Was er uns bisher gebracht hat, ist weder -eine neue, noch eine besonders eigenartige Kunst. Eher darf man -behaupten, daß er durch viele Tausende von flachen und minderwertigen -Dingen kunstvernichtend gewirkt hat. Was von den „Mundbarbaren“ gilt, -trifft zu einem großen Teile auch auf die „Barbaren des Griffels“ zu. Da -sind beispielsweise die sehr unerfreulichen Schützengrabenwitze und --Illustrationen. Wollte man den Zeichnern glauben, so lebte es sich dort -wie in einer Laubenkolonie. Unwahrhaftigkeit ist es, was so viele Bilder -unverdaulich macht. Vielfach stört auch die allzu häufige Wiederholung -des gleichen Vorwurfs, das ständige Wiedererscheinen der gleichen Typen, -wie bei dem als Porträtmaler sonst geschätzten Ernst #Heilemann#. Hin -und wieder gelingt ihm aber auch ein originelles Blatt, wie die -internationale Völkerschau unserer Gefangenen, die in größerem Formate -und mit der Unterschrift ~„Quelques champions de la civilisation, de la -liberté et du progrès“~ in Belgien angeschlagen wird, damit die Belgier -ihre verbündeten Kulturträger: Neger, Hottentotten, Menschenfresser und -andere Gentlemen stets vor Augen haben. Diese farbige Zeichnung ist auch -als Postkarte mit französischem Texte vom deutschen Großen Hauptquartier -im Westen verschickt worden. Aber auch dieses Thema ist in witzigerer -Art in einer Karikatur behandelt worden, die ~„The Fatherland“~ brachte, -jenes in englischer Sprache in Nordamerika von Deutsch-Amerikanern -herausgegebene Blatt, das die deutschen Interessen in den Vereinigten -Staaten durch Aufklärung der englisch denkenden Amerikaner fördern hilft -(Abb. 2). Auch die Figuren von #Heinrich Zille# sehen immer gleich aus. -Diese französischen Weiber und Kinder scheinen ganz frisch aus Berlin -~O~ importiert zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren -nicht, wie sonst bei Zille, den man den „Meister der schwangeren Frauen“ -nennen könnte, fortgesetzt in anderen Umständen herumlaufen (womit er -wohl diskret den Geburtenrückgang in Frankreich andeuten will.) - -[Abbildung: ~Abb. 7. A. Johnson: Maßregeln gegen die Deutschen in -England.~ - -~Koburger im Konzentrationslager. (Kladderadatsch.)~] - -[Abbildung: ~Wir schlagen vor, die noch in Deutschland befindlichen -Japaner in den Zoologischen Gärten aufzubewahren. - -Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen -werden!~ - -~Abb. 8. Olaf Gulbransson: Da gehören sie hin!~ - -~(Simplicissimus.)~] - -Glücklicherweise gibt es aber auch in Deutschland Karikaturisten, die -sich mit den allerbesten anderer Länder messen können. An erster Stelle -steht wieder mit Leistungen, die auch künstlerisch voll befriedigen, der -„Simplicissimus“, und hier besonders der Skandinavier #Olaf -Gulbransson#, der ja seit langen Jahren ganz zu uns Deutschen gehört. -Neben seinem engeren Kollegen #Th. Th. Heine# und neben #G. Brandt# und -#A. Johnson# vom „Kladderadatsch“ marschiert er an der Spitze der -zeitgenössischen deutschen Karikaturenzeichner. Wollte man ihm gerecht -werden, so müßte man schlechtweg seine sämtlichen Arbeiten im -„Simplicissimus“ nennen, denn #gelungen# sind sie alle. Wie glänzend -weiß er seine Helden zu charakterisieren, ohne durch gewaltsame -Verzerrung Grotesken zu schaffen! In seiner Hand ist die Karikatur nicht -nur im etymologischen Sinne des Wortes „Übertreibung“, hier wird sie -zu einer großartigen politischen Satire. Man betrachte seine beiden -Zeichnungen gegen die Japaner (Abb. 8 u. 9). Ist hier nicht restlos die -Stimmung wiedergegeben, die alle Kreise unseres Landes gegen das Volk -erfaßte, das Kiautschou raubte? Auch andere Zeichner haben (es war ja -sehr billig) die Japse als Affen dargestellt, in allen Zeichnungen -traten sie als Vierhänder auf, aber niemandem ist das mit solch -raffinierter Beschränkung in den künstlerischen Mitteln gelungen wie -Gulbransson. Durch den Nachsatz „Auf den Protest beleidigter -Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!“ erhält das Bild erst -die richtige Wucht: also noch #unter# die Affen werden die Japaner -gestellt! Wie köstlich ist der beleidigte Schimpanse! Der Künstler -drückt damit denselben Gedanken aus, den die „Jugend“ in die Worte -kleidete: „Die Japaner haben den Augenblick, da Deutschland mit vier -Staaten zugleich Krieg führt, dazu benutzt, ihm Kiautschou zu stehlen. -Damit sind sie vom Niveau anständiger Makaken auf die Stufe von -Engländern herabgesunken!“ Aber nicht bloß als Quadrumanen zeigt uns -Gulbransson die Japaner; er ist auch der einzige, der noch eine andere -Lösung fand, dem Haß gegen den englischen Helfershelfer bildlichen -Ausdruck zu geben: in der Zeichnung „Die Wacht in Kiautschou“, wo die -Mongolen den wie ein einsamer Fels stehenden deutschen Ritter als -unzählige Wellenköpfe umbranden, um schließlich, allein durch ihre -Masse, über ihn zu triumphieren. Reine Freude gewährt auch seine -„Alpenwacht“ in der Italiennummer, wo auf gelbem Hintergrunde sich der -deutsche Reichsaar und der österreichische Doppeladler mit kraftvollem -Schwarz massig und gewaltig abheben, während in der Ferne das -Diminutivum eines Italieners erscheint, nur aus einem großen Maule -bestehend: „Und der will uns etwas anhaben, der ist ja nur auf Singvögel -eingeschossen.“ Mit einfachen Mitteln ist hier eine große Wirkung -erreicht. Dieses Blatt ist durch die flächige Behandlung auch dekorativ -sehr wirkungsvoll. Ausgezeichnet sind ferner die Beiträge von #Ragnvald -Blix# im „Simplicissimus“. Neben dem Schweden Gulbransson ist dieser -Norweger eine der größten Begabungen, die in Deutschland arbeiten. Seine -reiche Phantasie weiß die Persönlichkeiten, die er sich vornimmt, -außerordentlich witzig zu charakterisieren. Hier braucht nur an seine -famose Karikatur „An der Ostfront“ erinnert zu werden: „Ganghofer ist da --- der Sturm kann beginnen.“ Nur wenige wissen, daß Blix noch vor -einigen Jahren viel für französische Zeitungen, unter anderen auch für -~„Le Rire“~ und ~„Le Journal“~ gezeichnet hat. Er wurde bekannt durch -eine Serie Karikaturen auf klassische Gemälde, die zuerst als Sammlung -~„Le voile tombe“~ 1908 herauskam und auch deutsch im gleichen Jahre -unter dem Titel „Nach alten Meistern“ erschien. - -[Abbildung: ~Abb. 9. Olaf Gulbransson: Deutsche Wacht in Kiautschou.~ - -~(Simplicissimus.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 10. Die Zentralmächte und Rußland.~ - -~Russische Karikatur aus d. Nowoje Wremja, St. Petersburg.~] - -[Abbildung: ~Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.~ - -~Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann -Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.~ - -~(Klods-Hans, Kopenhagen.)~] - -Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu -sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei -mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente -von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des -Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert, -als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so -hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im -Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen -Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes -gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu -können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: ~„Tout comprendre -c’est tout pardonner.“~ Es wäre ein ganz falsch verstandener -Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und -Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß -keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern -#regelmäßig# Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster -Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von ~„Le -Rire“~ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine -Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten -soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese #deutsche# -Satire in einem #französischen# Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und -auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als -sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler -Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens -meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont -öffentlich im ~Royal College of Music~ zum Vortrag brachten; man denke: -Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter -Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den -Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte -nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden -konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der -Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen -Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich Abb. 12 aus -dem ~„Punch“~); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der -Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des -Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein -gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge! - -[Abbildung: ~Abb. 12. Geo. Morrow: Der Haßgesang.~ - -~(Punch, London, Dezember 1914.)~] - -[Abbildung: - - ~„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, - Sind ihre Kräfte nicht die meine? - Ich renne zu und bin ein rechter Mann, - Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine!“~ - -~(„Faust“, 1.)~ - -~Abb. 13. Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.~ - -~(Die Muskete, Wien.)~] - -[Abbildung: ~BRAVO, BELGIUM!~ - -~Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!~ - -~(Punch, London.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.~ - -~Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein -Herr?“ -- „Ja -- -- das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“ -(Punch, London.)~] - -Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten. -Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden, -aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen -worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden -betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren -vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß -sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die -niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter -„Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit -Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins -Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben -und -- abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender -Anmerkung: ~Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun -sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y -réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls -traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins, -depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches -de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont -ruisselantes de gaieté -- d’une gaieté insolente, comme il convient, et -lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et -nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois -que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques -laideurs.~ Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich -unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen -Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen. -Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch -Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch -die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das -Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige -Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf -Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder -Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und -Heerführer hinausliefen“. -- Wie traurig muß es aber im Hirn jener -Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer -in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und -doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen -herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst -nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die -Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief -eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung -gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die -Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten -befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in -geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst -bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil -drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann -gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche -Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber -unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder, -die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es -wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so -verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir -nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich -eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie -hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu -widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“ -Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht -witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann -diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden -vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle -Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur -in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige -Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der -Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen, -wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den -„Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere -streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend -großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung, -wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden #nicht# -lustig macht. -- Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über -russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in -klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche ~„De moribus -Ruthenorum“~ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen -Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum -weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das -Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major, -der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen -Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte -die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei. -Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich, -die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber -befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem -Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle -atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich -mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich -wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot -des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum -keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien -angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und -von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. -- - -[Abbildung: - - ~K is the Kaiser. (Let nobody fail - to notice Napoleon drawn to scale.)~ - - ~K ist der Kaiser. (Hier sieht man es klar, - Wie klein gegen ihn doch Napoleon war.)~ -] - -[Abbildung: - - ~R’s for the Russians. I ask you to glance - At the swarms on the gangway, alighting in France~ - - ~(R sind die Russen. Den Blick laßt verweilen - Auf den Schwärmen, die Frankreich zur Hilfe hier eilen.)~ - - ~Z is a Zeppelin, right overhead -- - Isn’t it a luck to have something for Z?~ - - ~(Z ist Zeppelin in den Wolken droben -- - Doch ein Wort für Z, darum muß man ihn loben.)~ - -~Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.~ - -~(Punch Almanack for 1915.)~] - -An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die -Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum -gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen -Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß #seine# -eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das -dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der -Brite“); ihm gilt ~„The Kaiser“~ als der Urheber des Krieges. Wir können -uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den -~„Punch“~, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich -fast durchweg mit Wilhelm ~II.~ Er ist immer der Herrscher von Gottes -Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das -englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es -sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab. - -[Abbildung: ~ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.~ - -~THE ANTI-ZEPPELIN BATH-CHAIR.~ - -~Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.~ - -~Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch, -London.)~] - -Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die -Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England -in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte -deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein -furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege -der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote -behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen -die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute -ziehen es vor, darauf zu verzichten. #Raven Hill#, #Bernard Partridge# -und vor allem der bekannteste Zeichner des ~„Punch“~, #F. H. Townsend#, -zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen, -als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der -Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen -vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend -als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die -französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die -preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in -unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als -Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische -König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und -auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb: -„Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen -eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld -überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit -geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre -die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden -anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die -sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig -haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen -Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur -Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente -nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum -fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und -Schaufenstern!“ - -Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der -deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren -den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei -beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard -~VII.~ ~„L’Oncle de l’Europe“~ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin) -schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in -der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte -nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam -machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen: - - „Zeigt sich Wilhelm ~II.~ in diesem Ringen als der Vorkämpfer der - immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete - der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen - Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir - im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der - englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt - unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun - plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und - nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den - beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird - Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich - dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer - Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das - sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke - Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen - vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten - der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon - so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der - Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere - hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß, - ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker - in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die - man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen - sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel -- soll man ihn nun den - guten oder bösen Onkel nennen? -- gezwungen sähe, die #japanischen# - Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen - Alliierten, den #Türken#, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft - prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu - seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen - Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich - die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch - schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“ - -So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard -~VII.~ gesät hat, aufgegangen. - -In den englischen Kartons gegen Wilhelm ~II.~ steckt kein wirklicher -Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß -den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel -ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den ~„Punch“~ etwa -dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung ~Dropping the -Pilot~ (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle -Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag -daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen -Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden -haben. In der ~„Fine Art Society“~ waren im Herbst 1914 solche -Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des ~„Punch“~ -gegen Wilhelm ~I.~ reden eine deutliche Sprache. Der ~„Punch“~ hat jetzt -eine Serie davon unter dem Titel ~„Punch and the Prussian Bully“~ -veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“ -(~Bully~ bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der -Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im -Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren -Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint -sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten -dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu -charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für -diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von -Townsend ~„Bravo, Belgium!“~, das in England rasch volkstümlich wurde -(Abb. 14). -- Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf -jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer -Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den -Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da -liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt -(nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch -deutscher Seeleute gegen England ~„The Day“~!) - -[Abbildung: ~„No one can be stout with more charm than a German“~ - -~Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als -ein Deutscher“.~ - -~Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.~] - -[Abbildung: ~Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.~ - -~(Meggendorfer Blätter. München.)~] - -Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer -selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas -Versöhnendes an sich. #Harrisons# „Badestuhl“ (Abb. 19) ist ein Scherz -auf die Zeppelinfurcht, #Townsends# Szene im Barbierladen ein solcher -auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen (Abb. 15). -Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch -englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. ~„Evening Standard“~ -veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch -sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges -Individuum. -- „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ -- „Dann -#entschuldigen# Sie bitte!“ -- -- Und nachdem man in England erkannte, -daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man -anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der -Verbündeten. Auch #George Morrows# Geschichte von dem Kubisten ist gut, -der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“, -„Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“, -„Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel -des Interessanten enthält der ~„Punch-Almanack“~ auf 1915. In Anlehnung -an die jedem englischen Kinde geläufigen ~„Mother Goose’s Nursery -Rhymes“~ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser -Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse -vorgeführt. Da ist eine Serie ~„When William comes to London“~. Dann -erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den -Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz, -Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem -Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des -Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie -hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche -Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht -(Abb. 16, 17, 18); R eine Verspottung der Russen, die nicht in -Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte ~„Mary -had a little lamb“~ ist da, nur heißt sie ~„Willie had a little Wolff“~ -(das offizielle Telegraphenbureau). Dieser ~„Punch-Almanack“~ hält sich -von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes -zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für -Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden. - -#Einen# Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt: -das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich -erscheinende ~„Bookseller“~ nur noch monatlich herauskommt und das -monatliche ~„Book Monthly“~ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt -wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den -Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen -Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen. - -Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen, -mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine -hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie -reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu -den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson, -von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine -Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte -Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des -Struwwelpeter ~„Swollen Headed William“~, von der drei starke Auflagen -in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier -also die Anlehnung an ein berühmtes Original. (Abb. 24.) - -[Abbildung: ~Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.~ - -~Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)~] - -~The Allies’ Alphabet~ von #Fay# und #Morrow# ist eines jener, besonders -in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich, -beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch -zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch -durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich -teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers -und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute, -wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen -von der Erde vertreibt: - - ~R stands for Russia: she’s proving her worth - By telling the Germans to get off the earth~ - - (R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert - Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’) - -Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift ~„To Berlin“~ voller -jubelnder Tommies erblicken: - - ~O is an omnibus, full out and in: - It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘~ - - (O ist ein Omnibus, voll draußen und drin, - Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.) - -Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen: - - ~P is the part little Willie would play: - He thinks it’s a Bona-part. What do you say?~ - - (P ist der Part, den klein Willie erkor; - Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es #euch# vor?) - -~Wicked Willie~ von #Margaret A. Rawlins# mit Illustrationen von #Gwen -Forwood# und #Florence Holmes# geht nicht nur unter der Marke einer -Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich -daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der -Verfasserin schwebte das 1871 erschienene ~„Dame Europa’s School“~ vor, -an das sie sich nach dem Grundsatze ~Imitation is the sincerest -flattery~ anlehnt; auch die ~„Dame Europa“~ war eine Geschichte des -deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten -gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden). -Der ~Wicked Willie~ soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom -englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die -Nationen treten hier als Kinder (~Wicked Willie~, ~Poor Joseph~, -~Fezzie~ [Türkei], ~Little Albert~, ~Little Helvetia~ usw.) handelnd -auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante -Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder -waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger -im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und -klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist, -nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule -immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit, -der jetzt noch anhält ...“ -- Für Erwachsene bestimmt sind trotz des -Titels die ~Nursery Rhymes for Fighting Times~ von #Elphinstone Thorpe#, -illustriert von #Stevens#. An der Hand altberühmter englischer Reime, -wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die -politischen Ereignisse satirisch behandelt: - - ~Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard, - To collar a Paris bone: - At Mons and Cambrai, British troops barred the way, - And so the poor dog had none.~ - (Kaiser Hubbard, alt und krank - Stürmt einen welschen Speiseschrank, - Einen Pariser Knochen zu erhaschen. - Bei Mons und Cambrai - Hindern ihn Briten, o weh, - Und so kann der arme Dackel nicht naschen.) - -Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. -- Ähnliche -Absichten verfolgt ~The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery -Rhymes for the Times~ von #George H. Powell# mit Randleisten in -kräftiger Holzschnittmanier von #Scott Calder#. - -[Abbildung: ~Abb. 23. Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.~ - -~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -[Abbildung: ~4 THE STORY OF THE INKY BOYS.~ - - ~As he had often done before, - For happy centuries and more, - The wealthy English colonist - (That stranger to the Maily Fist), - Beneath whose skilful, kindly sway - Our vast dominions smile each day, - One summer morning sallied out - To see his lands and walk about. - And as the sun was hot, good fellow, - He took with him his green umbrella. - Then William, little noisy wag, - Ran out and jeered and waved his flag; - And Bethmann-Hollweg, smug and trim, - Bringing his treaty shears with him; - Bernhardi, too, snatched up his toys - And joined the other envious boys; - For all disliked the English race, - And loathed this fellow's prosperous face. - “We also want to feel the sun”; - They said, “come, show us how it's done! - We want a place within it, too; - We're more deserving far than you-- - We want your place! Yah Yah! Boo Boo”!~ - -~Abb. 24. Eine Seite (stark verkleinert) aus „The swollen-headed -William“, der englischen politischen Struwwelpeter-Parodie.~] - -Auf Sven Hedins berühmtes Buch „Ein Volk in Waffen“ ist ähnlich -ausgestattet wie die deutsche Volksausgabe eine Parodie erschienen: ~In -Gentlest Germany by Hun Svedend. Translated from the Svengalese by E. V. -Lucas with 45 illustrations a. 1 map by George Morrow~. Bei dem -„Svengalesischen“ hat der Verfasser wohl auch an die bekannte Figur des -Svengali aus „Trilby“ gedacht. Die kleinen Schwächen des Hedinschen -Originals (sie kommen dem großen Werte des Werkes gegenüber ja gar nicht -in Betracht) sind geschickt ausgenutzt. Die Anlage des Buches ist ganz -neuartig: der Text der Satire hält sich meist wörtlich an das Vorbild, -und der Verfasser Lucas wirft nur ein paar Brocken (die er natürlich -Hedin in den Mund legt) dazwischen, um den Originaltext ins Lächerliche -zu ziehen. Vielleicht wird es am besten durch ein Stück aus dem Text -gezeigt, das hier folgt; die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Sätze -entsprechen #wörtlich# dem Texte Sven Hedins (in der billigen Ausgabe -Seite 32), die gesperrt gedruckten Stellen sind Zusätze von Lucas: - - (Hedin schildert, wie einfach die Speisenfolge im Hauptquartier des - Kaisers ist und dann die Unterhaltung bei Tisch): „Der Kaiser sprach - fast die ganze Zeit mit mir, #nannte mich stets ‚mein lieber Hun - Svedend‘#, er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er - beigewohnt hatte: Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl - bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe; #das mache ihn - stolz und glücklich#. Mich freute besonders zu hören, mit welcher - Achtung und Sympathie der Kaiser sich über Frankreich aussprach. Er - beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen - habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen. Er hoffte, daß die Zeit - kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten - können, #wie Löwe und Lamm, wenn das Lamm bequem eingebettet im Magen - des Löwen liegt#. Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen - Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen - als jetzt. #Warum sie diese Ahnung nicht haben, könne Er nicht - begreifen. Sicherlich wären sie doch nicht so kindisch, um sich durch - die feindlichen Bewegungen Seiner Heere beeinflussen zu lassen.#“ - -Die Engländer sind wütend auf Hedin, weil er der Freund eines Landes -geworden ist, gegen welches England kämpft. England, das ihn (Hedin) zum -Ehrendoktor von Cambridge und Oxford gemacht hat! ~„In Gentlest -Germany“~ soll die Rache dafür sein. - -[Abbildung: ~Abb. 25. „Bethmann Hollweg, nervously tearing his menu -card into little bits.“ (Bethmann Hollweg zerreißt die Tischkarte in -kleine Fetzen.) Anspielung auf die Bezeichnung des belgischen -Unabhängigkeits-Vertrags als eines Fetzens Papier. Aus der Parodie „In -Gentlest Germany“ by Hun Svedend, ill. von Geo. Morrow.~] - -In Holland sind eine große Reihe tüchtiger Karikaturisten an der Arbeit, -den Krieg im Bilde festzuhalten. Für den „Amsterdammer“ zeichnet seit -1887 der 1858 geborene #Johan Braakensiek# wöchentlich etwa zwei Satiren -über aktuelle politische Ereignisse, in nicht gerade übermäßig witziger, -oft eher hausbackener Art. Im Bestreben, nirgends anzustoßen, bleibt er -meist sehr korrekt. Das Beste, was er geschaffen hat, ist der -Totenkopf-Schmetterling (Abb. 23) mit der Unterschrift „Geht fort, wir -wollen gegen Unbewaffnete nicht kämpfen“. Von ihm rührt auch die in Abb. -1 wiedergegebene Lithographie her, die kurz nach Ausbruch des Krieges -erschien; der Tod redet den ermordeten Erzherzog an: „Königliche Hoheit, -ich habe geglaubt, eine Fürstlichkeit wie Sie darf nicht ohne Gefolge -reisen“ (nämlich nicht ohne Gefolge ins Jenseits, daher im Hintergrunde -die Schemen der Gefallenen). Nur einmal hat Braakensiek sein Phlegma -verloren, das war nach dem Untergang der Lusitania, auf den später noch -besonders eingegangen werden soll. - -Der Wochenschrift „De Amsterdammer“ ist in dem „Nieuwe Amsterdammer“, -der Anfang 1915 gegründet wurde, eine schwer ins Gewicht fallende -Mitbewerberin erwachsen. Das neue Blatt hat es verstanden, sich einen -der allerbedeutendsten Karikaturisten Hollands, #Piet van der Hem#, als -dauernden Mitarbeiter zu sichern. Die Reihe der großen farbigen Blätter, -die er für die genannte Zeitschrift geliefert hat, gehören zum Besten -und Stimmungsvollsten des ganzen Krieges, so zum Beispiel die -„Versuchung des heiligen Antonius“ (Abb. 6), dann das Blatt, das nach -dem Untergang der Lusitania entstand und in das Redaktionsbureau einer -deutschen Zeitung versetzt (Abb. 66), vor allem aber auch ein Blatt „De -nieuwe Dood“ (Abb. 73). Viele dieser Zeichnungen sind von tiefem -sittlichen Ernst erfüllt. - -[Abbildung: ~Abb. 26. „Mr. (or Herr) Bernard Shaw“.~ - -~Aus „In Gentlest Germany“ ill. von George Morrow.~] - -Für das Wochenblatt „De Notenkraker“, einer Beilage der bekannten -sozialdemokratischen Zeitung „Het Volk“, arbeitet der an die deutschen -Simplicissimuszeichner erinnernde #Albert Hahn#; in knapper Form und -ohne viel Beiwerk gibt er seinen Gedanken bildlichen Ausdruck. Ihm -erscheint der Krieg nicht als das Werk eines einzelnen, er sieht die -Dinge von einer höheren Warte. In Abb. 22 polemisiert er gegen die -Verwendung der Reimser Kathedrale als militärischen Stützpunkt durch die -Franzosen. Die gleiche Absicht leitet #E. Nunes# in den „Meggendorfer -Blättern“ (Abbildung 21). - -[Abbildung: ~Abb. 27. Jordaan: Der Suezkanal.~ - -~Deutschland zur Türkei: „Packe ihn an der Gurgel!“ (De Notenkraker, -Amsterdam.)~] - -Für den „Notenkraker“ zeichnet auch #Jordaan#; die Karikatur „Der -Suezkanal“ (Abb. 27) ist sein Werk. Der deutschfeindliche „De Telegraaf“ -bringt Beiträge von #Louis Raemaekers#. Es sind ihm eine ganze Reihe -ergreifender Darstellungen des Kriegselends gelungen; viele sind ganz -objektiv gehalten, ohne einzelne Völker treffen zu wollen. Aber das -Schicksal Belgiens, des stammverwandten Landes, hat ihm den Griffel in -die Hand gedrückt, um seinem Haß gegen die „Eroberer“ Luft zu machen. -Wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, dann werden für ihn die -Deutschen zu „Barbaren“, dann zeigt er belgische Bürger, die den -deutschen Truppen vorausmarschieren müssen, um im feindlichen Kugelregen -zusammenzubrechen, dann führt man Krieg mit den toten Meistern der Kunst -van Eyck, Massys und Rubens, die auf einem Scheiterhaufen stehen, vor -dem deutsche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wacht halten. Eine -Reihe seiner Darstellungen des Kriegselends und seiner Spottbilder hat -er im Verlage „Elsevier“ auch als Alben herausgegeben. - -Auf einzelne Werke der hier genannten holländischen Zeichner wird an -andern Stellen noch näher eingegangen werden. - -[Abbildung: ~Abb. 28. Türkische Karikatur: „Zur Schlachtbank“.~ - -~Die Verbündeten müssen England Vorspanndienste leisten.~ - -~(Hodja, Konstantinopel.)~] - -Unter den Blättern unserer Verbündeten steht die „Muskete“ an der -Spitze, eine ähnliche Stellung in Österreich einnehmend wie in -Deutschland der „Simplicissimus“, sie zählt eine ganze Reihe tüchtiger -Illustratoren zu ihren ständigen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört -beispielsweise #Rudolf Herrmann#. Das Thema, das er in der Abb. 13 -trefflich behandelt, die Vorspanndienste, die die Verbündeten England -leisten müssen, kommt auch in einer Zeichnung unseres anderen -Bundesgenossen, wenn auch primitiver, zum Ausdruck, in der türkischen -Karikatur, die wir hier wiedergeben (Abb. 28). - -[Abbildung: ~Abb. 29. Jack Walker: Wenn ich nur den anderen Stiefel auch -anbekäme!~ - -~(Daily Graphic, London.)~ - -~Winter 1914-15.~] - -[Abbildung: ~The Rock of Germany~ - -~Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.~ - -~Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch -Bärenköpfe dargestellt) abprallen.~ - -~Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.~] - -Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich -die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten: -Menschen und Dinge, die rasch -- und mit vollem Recht -- eine -unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und -erfolgreiche Persönlichkeit wie #Hindenburg#, die für uns das neue -deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei -seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer -Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer, -wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt, -einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des -deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten -völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen -Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den -zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich -abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg -Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom -Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie -regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um -diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten, -daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen -der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten -Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen -Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des -Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes -als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen -Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich -auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene -folgender Abschnitt als Probe: - - Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch, - Die er nicht kennte durch und durch (!!) - Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack, - Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!) - Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost, - Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!) - Und immer hört er das Gurgeln dumpf: - Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf. - Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf. - -Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der -einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt -#keine# Unke, #kein# Frosch, #kein# Lurch, die er nicht kennte #durch# -und #durch#“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer -poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was -hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem -Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? -- Eine Reihe wirklich -guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel: -„Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil -er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ -- Hindenburg ist Ehrendoktor -aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den -~Dr. med.~; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene --- Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet -man nach dem Burgfrieden einen #Hindenburgfrieden#, der Deutschland für -alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade -bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten -schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners -vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich -verloren!“ -- Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und -Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so -hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. -- Hier muß -auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich -karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers -bekanntes Bild „Der Salontiroler“ (Abb. 31). Ein nettes Scherzgedicht -von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese -Besserwisser: - - Zu Cannstatt ob dem Stammtisch - Hängt Hindenburg im Bild, - Es blickt der Schlachtenmeister - So freundlich und so mild. - Worüber mag sich freuen - Grad hier der große Mann? - #Weil er von diesem Stammtisch - Noch recht viel lernen kann.# - -[Abbildung: ~Abb. 31. A. Johnson: Der Salonstratege.~ - -~(Kladderadatsch, Berlin.)~] - -[Abbildung: ~The Piper Von Hindenburg~ - -~Abb. 32. Robert Carter: Der Bärenfänger Hindenburg.~ - -~Amerikanische Karikatur aus dem „Evening Sun“, New York.~] - -[Abbildung: ~Abb. 33. Shonk: Hindenburg aus Schwertern, Kanonen und -Truppen zusammengesetzt.~ - -~(Daily Times, Portsmouth.)~] - -Einem Hindenburg gegenüber verstummten auch deutschfeindliche Blätter -des Auslandes mit ihren Anklagen, er wird auch in der amerikanischen -Presse als ~„the man of the hour“~ gefeiert (Abb. 30, 32, 33). Unter dem -Eindrucke der großen deutschen Erfolge können auch die Zeichner, die -sonst Deutschland nicht gerade freundlich gesinnt sind, nicht anders; -sie bringen zwischendurch germanophile Blätter. Auf Abb. 34 ruft der -englische Löwe Polen an: „Nicht die Preußen, die #Reußen# will ich -sprechen“. Mackensen: „Das tut mir leid, die sind gerade abgezogen.“ - -[Abbildung: ~Abb. 34. Karikatur auf den russischen Rückzug.~ - -~England: „Not Prussia, #Russia#!“~ - -~v. Mackensen: „Russia has just stepped out!“~ - -~(Robert Carter in „Evening Sun“, New York.)~] - -Einen Hindenburg macht eben niemand nach, obgleich eine Anzeige im -„Breslauer Generalanzeiger“ lautet: „Hindenburg sowie sämtliche deutsche -Heerführer liefert zu günstigsten Bedingungen Verlag Carl Tinius, -Leipzig-Neustadt. Vertreter an allen Plätzen gesucht. Muster franko bei -vorheriger Einsendung von einer Mark.“ -- Man muß sich wirklich wundern, -daß von der französischen, englischen und russischen Regierung nicht -schon Bestellungen eingelaufen sind. - -Was Hindenburg unter den Lebenden, ist der #42-Zentimeter-Mörser# unter -den leblosen Dingen. Oder soll man hier nicht auch lieber von einem -Lebewesen sprechen? Das Volk hat diese volkstümlichste Waffe rasch -personifiziert: #männlich# als „Großen Brummer“, #weiblich# als -„Fleißige Berta“ oder auch „Dicke Berta“ zu Ehren der Besitzerin der -Kruppwerke, die hier das Attribut der Dicke unverschuldet mit in den -Kauf nehmen muß. Auch um die „Dicke Berta“ hat sich ein Sagenkreis -gesponnen, erstens wegen ihrer rasch erworbenen Popularität, zweitens -weil niemand etwas Näheres über sie erfuhr. Ging man doch so weit, ihre -Existenz überhaupt leugnen zu wollen! Es ist eine der herrlichsten -Erscheinungen in diesem Kriege, daß die wenigen Menschen, die um den -42-Zentimeter-Mörser wußten, das Geheimnis so wunderbar gehütet haben! -Als nach Kriegsausbruch bekannt wurde, die Deutschen besäßen ein -Riesengeschütz, aus dem wenige Schüsse genügten, die stärkste Festung zu -Fall zu bringen (Lüttich hatte es ja gleich bewiesen), da ging ein -Staunen durch die ganze Welt, gemischt mit geheimem Grauen. Der Mörser -42 aber wurde, wie später auch ~U 9~, das Symbol deutscher Tüchtigkeit, -das Wahrzeichen der militärischen Energie Deutschlands. Die -Überlegenheit dieses Riesenmörsers erkannten auch die Neutralen restlos -an. Es bildete sich Legende über Legende über den großen Brummer; die -Hauptsache war, daß das Geschütz, wie ein Militärschriftsteller -bemerkte, einige Armeen wert ist. Die Bezeichnung „#Fleißige# Berta“ -sollte wohl den Gegensatz zur „#Faulen# Grete“ bringen, ein Name, der -zuerst für Geschütze auftauchte, mit denen die Hohenzollernfürsten die -aufsässigen Quitzows bekämpften. - -[Abbildung: ~Abb. 35. Joh. Braakensiek: Der Zauberer Mars.~ - -~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -In Form eines Märchens hat Hans Natonek die Wirkung des „Großen -Brummers“ besungen: - - „In den letzten Julitagen war es, da klang es wie fernes - Trompetengeschmetter durch die Luft. Und näher kam der Ton, immer - näher, schwoll ungeheuer an, es war das Rasseln von tausend - Kanonenrädern, der Tritt von Millionen und das Säbelklirren einer - Welt, die zum Kampf aufzog. Die schlummernden Riesen erwachten. Im - Dunkel der Nacht, von undurchdringlichem Geheimnis umhüllt, wurden sie - verladen. Plötzlich -- niemand wußte wie -- standen sie vor einer - mächtigen Feste mit Panzertürmen und Mauern aus Stahl und Beton. - Lüttich. Wie Tiere, die man aus langer Gefangenschaft entlassen hat, - nach Beute gierig, spähten die ungeheuren Schlünde in die Ferne. Dann - brüllten sie auf, daß der Luftraum zusammenzukrachen schien, ein - Feuerball, wie ein Komet mit blutrotem Schweif, sauste durch die Luft, - die Panzertürme barsten, und die Mauern aus Stahl und Beton waren - überhaupt nicht mehr da... Was sind die blutigen Kometen, die in - sagenhaften Zeiten den Krieg verkündeten, gegen die brennenden Gase - des Geschosses, das die Luft durchsaust! Die 42-Zentimeter-Granate war - der Kriegskomet des Jahres 1914! Nun staunt die Welt. Die Sage spinnt - geheimnisvolle Fama um den Riesenmörser, von dem man weiß, daß er da - ist, unbestimmt ahnt, was er zu wirken vermag, um den es aber noch - immer so märchenhaft dunkel ist, wie zuvor, als man noch gar nicht - wußte, daß es so etwas in Wirklichkeit gibt.“ - -[Abbildung: ~Abb. 36. Nirsoli: Der Gleichmacher.~ - -~Italienische Karikatur auf den deutschen 42 cm-Mörser.~ - -~(Il Numero, Rom.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 37.~ - -~M. Froehlich: Als Verlobte empfehlen sich der Onkel aus Friedrichshafen -und die Tante aus Essen.~ - -~(Staats-Zeitung, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 38. George van Raemdonck: Die fleißige Berta.~ - -~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -Der „Große Brummer“ oder „Dicke Berta“ hielten nun auch bald ihren -Einzug in die Witzblätter; jeder Künstler stellte sie in seiner Art dar, -und es ist reizvoll, eine Reihe solcher Darbietungen miteinander zu -vergleichen. Das Material würde ausreichend sein für eine Monographie -„Der große Brummer in der Karikatur“. #M. Claus# zeichnete ihn als -fleißige, strickende korpulente Dame unter Innehaltung der Geschoßform -(Abb. 44); #Walter Trier# als Nachtmahr des Zaren, auf dessen Bett er -mit offenem Schlunde hockt, während gleichzeitig Zeppeline den -Betthimmel umkreisen (ein Blatt, das besser ist als die meist recht -rohen und humorlosen Zeichnungen dieses Künstlers); #Peter Pfeffer# -stellte ihn einem Franzosen, der das Maul aufreißt, gegenüber („Na, nun -wollen wir doch mal sehen, wer das letzte Wort behält!“); #Gustav -Brandt# läßt ihn selbst den unverletzlichen indischen Fakir -zerschmettern (Abb. 39); #Thomas Theodor Heine# zeigt das englische -Gegenstück „Lord Kitcheners neuen Faktor“ (Abb. 40); #W. A. Wellner# -zeichnet die „Dicke Berta“ im Wochenbett bei einem „Freudentag im Hause -Krupp“, es hat gerade wieder ein Kind von ihr das Licht der Welt -erblickt. Ein neu gegründetes Witzblatt, der „Brummer“, ein Ableger der -„Lustigen Blätter“, führt seinen Namen nach dem Geschütz. Die -Volkstümlichkeit des Riesenmörsers spiegelt sich auch in dem -scherzhaften Briefe eines Frankfurter Konfektionärs aus dem Felde an die -„Frankfurter Zeitung“ wider: - - „Modelle zeigen diesmal wir Deutsche den Franzosen, und zwar hat ein - bekanntes Haus in Essen zahlreiche ~piècen~ mit 42 Zentimeter - Taillenweite herausgebracht, die, wo sie auch erscheinen, Staunen des - Fachmanns und Verwunderung des Laien erregen. Die tonangebende Farbe - für diese Saison ist feldgrau, sie hat die Versuche französischen - Ursprungs, Rot und Blau zur Geltung zu bringen, überall siegreich aus - dem Felde geschlagen. Die französischen Cutaways scheinen auch nicht - die Sympathie ihrer Träger gefunden zu haben, denn sie wurden - zahlreich vorzeitig abgelegt, da sie beim Laufen sehr hinderlich sind. - Großen Vorrat haben wir in ~points~. Es gibt zwei Sorten: ~points - tirés à la main~ und ~à la machine~. Letztere sind allerdings bei - unseren Kunden sehr unbeliebt, da sie ~nolens volens~ sehr große - Quantitäten in kürzester Zeit abnehmen müssen. Der Absatz von diesen - Artikeln ist sehr hoch, da große englische Häuser extra auf den - Kontinent gekommen sind, um noch davon abbekommen zu können. Der - französische Markt scheint auch noch große Quantitäten davon aufnehmen - zu wollen; wir sind aber genügend vorgesehen, um ihn vollständig zu - befriedigen.“ - -[Abbildung: - - Dem Fakir bei Altenglands Truppe - Ist jeder Kugelregen Schnuppe. - - Auch gegen Waffen, welche länglich, - Ist er immun und unempfänglich! - - Und selbst wenn die Granate platzt, - Der Fakir vor Vergnügen schmatzt. - - Erst bei dem 42-#Brummer# - Hört man ein schmerzliches Gewummer! - - Bei #diesem# Mörser, großkalibrig, - Bleibt selbst vom #Fakir nichts mehr übrig!# - -~Abb. 39. Gust. Brandt: Der unverletzbare Fakir.~ - -~(Kladderadatsch, Berlin.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 40. Th. Th. Heine: Lord Kitcheners „furchtbarer neuer -Faktor“.~ - -~(Simplicissimus, München.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 41. P. de Jong: Der Unwiderstehliche.~ - -~(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)~ - -~Holländ. Karikatur.~] - -Auch die Zeichner des Auslandes zeigten den Riesenmörser im Bilde. Zwar -nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere -Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen -Geschütze ~marmite~, die Engländer ~Jack Johnson~. Aber Holland und -Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. #Johan Braakensiek# -schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der -Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern (Abb. 35); der Holländer #P. de -Jong# zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die -Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden -festhält (Abb. 41); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist -zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen -wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“ -bringt der Flame #George van Raemdonck# (Abb. 38), hier kommt neben dem -Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form -eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern, -die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes, -und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. #Sidney Greene#, -der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in -seiner Verwandlungsfolge ~„From Pilsner to Powder“~ (Abb. 43) die -Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der -Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. ~„A -42 centimeter Mistake“~ betitelt sich die Zeichnung von #Robert Carter#, -die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien (Abb. -42). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser, -um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit -Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für -Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.) -Sehr nett ist dann die Zeichnung von #A. M. Froehlich# in der „New -Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als -Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ (Abb. -37). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung -Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der -„Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: #die Verbindung# der -beiden möge die #Geburt# eines größeren Deutschlands in die Wege leiten! - -[Abbildung: ~Abb. 42. Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.~ - -~(A 42 centimeter Mistake.)~ - -~(Evening Sun, New York.)~] - -Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen -außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den -Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen -den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch -fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die -Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der -westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die von #William H. Walker#. -Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation, -der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler -seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt ~„My Heart bleeds -for Louvain“~, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die -Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen -Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigte #Davenport# ist ihr -Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich -mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat -sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten). -Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so -gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen -Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten -Zeichnungen des „Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift in -#S. Sullivant# besitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen -Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (der -~upper ten~) wie #Harrison Cady# und #Foster Lincoln# können sich -getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannte -#George Dana Gibson# wiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen -großen Serien Ebenbürtiges (~Education of Mr. Pipps etc.~) hat er nicht -mehr geschaffen. #Otho Cushing#s von antikem Geiste beeinflußte -Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer -Schönheit erfüllt. #Rea Irvin# sprudelt nur so von witzigen Einfällen, -er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu -den ~„Letters of a Japanese Schoolboy“~ geschaffen, die amerikanische -Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten. - -[Abbildung: ~Abb. 43. Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.~ - -~(From Pilsner to Powder).~ - -~(Evening Telegram, New York.)~] - -Amerika ist also reich an geschickten Karikaturenzeichnern, sie kommen -mehr noch als in den Wochenschriften in der #Tagespresse# zur Geltung. -Die großen Zeitungen der Vereinigten Staaten, die oft Millionenauflagen -erreichen, bringen fast alle Illustrationen; auch vornehme Blätter wie -„Sun“ haben sich schließlich diesem Gebrauche fügen müssen. Die -Zeichnungen müssen rasch erscheinen. Das eben eingegangene Telegramm muß -möglichst gleich mit den nötigen Illustrationen herauskommen. ~Time is -money.~ Der Amerikaner will nicht lange nachdenken; die Sache muß ihm -so bequem wie möglich gemacht werden. Dabei passiert denn in der Eile -und aus Unkenntnis mancher nette Schnitzer: als Bernhard von Bülow -Reichskanzler wurde, brachte eine der bekanntesten New Yorker Zeitungen -zusammen mit der Nachricht ein Bild Bülows; es war auch Bülow, aber -- -Hans von Bülow, der berühmte Dirigent, der zwar ein Orchester leiten, -aber nicht das Deutsche Reich hätte lenken können. Sein scharf -geschnittener Kopf mit dem charakteristischen Knebelbart fungierte nun -für die New Yorker als Bild des neuen deutschen Kanzlers. Hier handelte -es sich um einen Irrtum; aber auch sonst ist der Amerikaner in solchen -Fällen nicht verlegen. „Portland News“ brachten kürzlich eine -Reproduktion von #Anton von Werner#s Bild „Erstürmung der Spicherer -Höhen“ als „Sturm deutscher Infanterie in geschlossener Formation auf -einen Hügel“. -- Im allgemeinen müssen die Illustrationen der -Tageszeitungen humoristisch gehalten sein (so will es das Publikum), und -so sind denn in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe tüchtiger -Karikaturisten entstanden. Diese satirischen Darstellungen vermögen viel -schärfer als lange Auseinandersetzungen die Blößen der darin Karikierten -zu zeigen; deshalb kann man ihre Bedeutung zu politischen -Propagandazwecken auch gar nicht hoch genug einschätzen, besonders, wenn -man die Riesenauflagen der amerikanischen Zeitungen in Betracht zieht. - -[Abbildung: ~Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.~ - -~(Lustige Blätter, Berlin.~)] - -[Abbildung: =CAN HE HATCH IT?= - -~Abb. 45. Sidney Greene: Die Kluck-Henne.~ - -~(Evening Telegram, New York.)~] - -Es war eine der schmerzlichsten Enttäuschungen für das Deutsche -Reich, daß sich die Mehrheit in den Vereinigten Staaten (das -Anglo-Amerikanertum und die seinem Einfluß unterworfenen Gruppen) mehr -oder weniger offen auf die Seite unserer Feinde stellte und ganz -unverhohlen ihre Sympathie für diese zum meist recht deutlichen Ausdruck -brachte, obgleich doch auch Japan, Amerikas Todfeind, zu den Verbündeten -zählt. Ebenso erfreulich war die angenehme Enttäuschung, welche die -Deutsch-Amerikaner durch ihr mutiges Eintreten für ihr Stammland -bewiesen; man glaubte sie großenteils dem „Vaterland“ verloren; nun -zeigten sie, daß sie ihre alte Heimat nicht vergessen hatten und setzten -sich in jeder Hinsicht tatkräftig dafür ein, daß die Wahrheit über die -Ursachen und den Verlauf des Krieges durchdringen konnte. An ihre Seite -traten aus altem angeborenen und unausrottbarem Hasse gegen England -geschlossen die zahlreichen in Amerika lebenden Irländer, die drüben -großen politischen Einfluß besitzen. Man glaube nicht, daß -ausschließlich die Beherrschung der Kabel durch England und die -Verbreitung der Lügendepeschen die antideutsche Stimmung erzeugt haben; -hinter diese Täuschungen kam man sehr rasch: von einem Amerikaner rührt -das Wortspiel her: ~allies = all lies~ (die Alliierten = alles lügt). Es -spielen da andere tiefeingewurzelte Vorurteile mit. Der Amerikaner -betrachtet England immer noch als eine Art Mutterland, Paris als -maßgebend in allen Geschmacksfragen (vor allem auch in der bildenden -Kunst). Eine Niederlage dieser Länder würde er wie eine persönlich -Schlappe empfinden. Dann glaubt er immer noch an einen „deutschen -Militarismus“, von dem das deutsche Volk „erlöst“ werden müßte und -fürchtet von einem siegreichen Deutschland später Verletzungen -der bis zum Überfluß zitierten Monroe-Doktrin (daher schon im -spanisch-amerikanischen Kriege die feindliche Stimmung gegen -Deutschland, die erst nach der Reise des Prinzen Heinrich -freundschaftlicheren Gefühlen Platz machte). - -[Abbildung: ~Abb. 46. Robert Carter: „Mehr -- und nicht so dünn!“~ - -~„More -- and not quite so thin!“.~ - -~(Evening Sun, New York.)~] - -So erklären sich die gegen Deutschland gerichteten Karikaturen, die den -Kaiser „auf dem Rückzuge“ aus Rußland schildern (~„German Defeat“~) mit -dem Schatten Napoleons: „Glaubst du siegen zu können, wo ich unterlag?“ -oder „die Ereignisse reifen schnell“ (~the leaves are falling fast~, die -deutschen Waffen sinken wie trockene Blätter zu Boden) oder #Sidney -Greene#’s ~„Cracking a cultured nut“~ (der Kaiser in der Nußzange -zwischen Heer und Marine der Verbündeten) und so die schon erwähnten -giftigen Zeichnungen im „Life“. Denn, was man wünscht, glaubt man gern! -Es kommen auch noch andere Momente für die antideutsche Stimmung in -Frage, als da sind die rauhe Außenseite des Deutschen, die unvorteilhaft -absticht von den gewandteren Formen des Anglo-Amerikaners, und die nicht -gerade absolut notwendig ist als Zeichen von Rechtschaffenheit und -Wahrheitsliebe, dann die deutsche Vereinsmeierei in Amerika mit ihren -oft recht komisch wirkenden Auswüchsen. - -[Abbildung: ~Abb. 47. S. Conacher: Der nette, alte Herr.~ - -~(Dear me! and to think I came near on one of those myself -- in Mexico --- not so very long ago!)~ - -~(Life, New York.)~] - -Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den -Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität -Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten der Harvard -Universität, Eliot). Das ~„scrap of paper“~, die Bezeichnung des -belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens, -spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die -größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den -Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch -tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man -sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den -Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete -Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland, -dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von -Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche -Flugschrift, die der bekannte Austauschprofessor #Burgeß# von der -Columbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst -1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr -sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann -seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz -offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland -steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. Und Burgeß steht -mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus -nicht einzeln da. - -[Abbildung: ~Abb. 48. „Wessen Börse wird zuerst leer?“~ - -~Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).~] - -Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen -Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses -Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese -Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat -ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“ -und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu -verspotten, indem es an seinen Kopf setzt: New-York, Great Britain, 14. -November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen -Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter. -„Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern, -und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten -Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris -gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht: - - „Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende - Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den - Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei - Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes - Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur - mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer - Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die - französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens - überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute - zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da - aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später - einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den - Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres - Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der - feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen - wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen - genommen.“ - -[Abbildung: ~Abb. 49. George van Raemdonck: Wie Holland seine -Neutralität wahren wird.~ - -~(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)~ - -~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist, -die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein -jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite, -hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht. - -[Abbildung: ~Abb. 50. Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während -des Krieges.~ - -~(Life, New York.)~] - -Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was -allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte „New -York Herald“ (er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren -Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man -es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem -alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach -müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein: -Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins -vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben -gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des „Herald“ die -Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum, -Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit -zentimeterhohen Typen in den ~„headlines“~, den Überschriften, für deren -sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben -geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern -vorsetzen. „San Francisco Chronicle“ schrieb: ~„Kaiser clips Ends of His -Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war -that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to -that change, but the removal of his mustache ends has struck the public -imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than -anything else to convince the population of Berlin that the war outlook -is becoming bad for Germany.“~ („Der Kaiser schneidet die Spitzen seines -Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges -bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand -sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner -Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und -hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt, -daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) -- Im -Chicagoer „Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen -Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In -Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts -verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl -vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als -auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein -zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens -nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge -bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die Londoner Times haben in -der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht -der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr -ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist, -wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im -September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte, -es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich -eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen -Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen -bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende -nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt -nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000 -Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese -Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig -weiter, irgendein Reporter griff sie auf -- und in zwei Tagen waren die -Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer -Zeit weichende Hoffnung reicher. -- Hier waren also die unschuldigen -Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang -beschäftigte. ~Omne vivum ex ovo!~ - -Über französische Lügen hatte sogar „Corriere d’Italia“ eine grotesk -wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als -Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000 -Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die -Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung -dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am -Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige -Wogen in den Lech usw. usw. - -Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach -zitierten „Life“, wie die von #Dan Lynch# über Fabrikation der -Schweizerkäse in der jetzigen Zeit (Abb. 50); die Käse werden zwischen -der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die -Geschosse sorgen für die Durchlöcherung. - -[Abbildung: ~Abb. 51. Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.~ - -~(N. Y. Times, New York.)~] - -Hand in Hand damit gehen zahlreiche Spottbilder gegen die ~„#hyphenated -americans#“~. So nennt man drüben die Irisch-Amerikaner, -Italo-Amerikaner, besonders aber die #Deutsch-Amerikaner#, also die -Leute mit dem Bindestrich (~hyphen~); sie werden als Bürger zweiter -Klasse betrachtet, weil sie nicht als „reine Amerikaner“ gelten, -besonders die ~„Dutchmen“~ (Spottwort für die Deutschen). Gegen #sie# -wendet sich die Presse der Kriegshetzer. In New York ist kürzlich sogar -ein Theaterstück ~„The Hyphen“~ gegeben worden, das ein ganz blödes -Machwerk der Deutschenhetze darstellte. Autor und Direktor, J. Miles -Forman und Charles Frohmann, gingen ein paar Wochen später mit der -Lusitania unter. Es konnte sich übrigens nicht lange auf dem Spielplan -halten, obgleich die Reklame dafür sehr geschickt eingeleitet worden -war. -- Gegen die ~hyphenated americans~ richten sich also zahlreiche -Karikaturen. Meist sitzen die ~Hyphenated~ auf einer Mauer und wissen -nicht, nach welcher von beiden Seiten (Germany oder United States) sie -sich wenden sollen, oder sie erscheinen halbiert und singen rechts -„Deutschland über alles“, links ~„The Star Spangled Banner“~ (Abb. 51). -Im Sommer 1915 mehrten sich die Karikaturen auf #William Jennings -Bryan#, dem man allzu große Deutschfreundlichkeit vorwirft (Abb. 53, 54, -58). Daß #Bernstorff#, #Dernburg# und der in den letzten Monaten oft -genannte österreichisch-ungarische Botschafter #Dumba# im Spottbilde -eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst (Abb. 52). - -[Abbildung: ~Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.~ - -~(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 53. Bryan in seiner neuen Uniform.~ - -~(„Inquirer“, Philadelphia.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 54. Amerikanische Karikatur auf Bryans -Deutschfreundlichkeit.~ - -~(Constitution, Atlanta.)~] - -Aber auch hier muß der Wahrheit gemäß berichtet werden, daß es unter den -„echten“ Amerikanern viele gibt, die mutig für Deutschland eintreten. -Gegen die Kriegshetzer schreibt unter anderem witzig das sozialistische -„Appeal to Reason“ den Amerikanern ins Stammbuch: „Wenn Sie den Krieg -lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit -Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas -zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit -ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schieße, dann haben -Sie etwas, das gerade so gut ist und Ihrem Lande eine Menge Geld -erspart.“ - -Eines imponiert den Amerikanern: die deutsche Organisation. Man kann das -gerade an den Karikaturen der Tageszeitungen wieder deutlich -feststellen. J. M. Allison, einer der Kriegskorrespondenten des nichts -weniger als deutschfreundlichen „New York Sun“, der dem Einmarsch der -deutschen Truppen in Ostende als Augenzeuge beigewohnt hat, schildert -das, was er gesehen, den Lesern seines Blattes in einem Bericht, der -sich über die Ordnung, Manneszucht und Organisation der deutschen Armee -mit Worten uneingeschränkten Lobes ausspricht. „Seit ich die Besetzung -Ostendes durch die Deutschen erlebte,“ schreibt Allison, „bin ich ein -gläubiger Bekenner des Wahrheitssatzes, daß es in der Welt nur drei -vollkommene Organisationen gibt: die katholische Kirche, die Standard -Oil Company und die deutsche Armee.“ Aus dem „Evening Sun“ stammt auch -die in Abb. 46 wiedergegebene Karikatur aus dem Anfang des Krieges von -#Robert Carter# ~„More news and not quite so thin“~, eine Satire gegen -Englands falsche Nachrichten. - -[Abbildung: ~Abb. 55. Jack Walker: Die russische Dampfwalze.~ - -~(Daily Graphic, London.)~] - -Neben #Robert Carter# steht der originelle #Sidney Greene#. In „The -Bread Line“ knüpft der Zeichner an den Gebrauch großer New Yorker -Bäckereien an, die gegen Mitternacht, besonders im Winter, Brot an die -hungrigen Armen verteilen lassen, die sich dabei hintereinander -anstellen müssen. Eine solche „Brotlinie“ werden nach seiner Meinung -vielleicht auch die europäischen Mächte bilden, wenn ihnen die -Nahrungsmittel ausgehen und sie Amerika um Unterstützung angehen müssen. -Greene zeichnete auch ein Kinotheater, genannt ~„Theatre de l’Europe“~. -~„Greatest war scenes in history“~, die größten Kriegsereignisse der -Welt werden vorgeführt. Ein Plakat zeigt die Hauptdarsteller, die -~„principals“~, und unter ihnen sofort ins Auge fallend den deutschen -Kaiser. Italien überlegt sich, ob es teilnehmen soll oder nicht. Der Tod -sitzt an der Kasse, und da fällt die Entscheidung schwer. Inzwischen ist -Italien doch eingetreten, und der Tod hat reichliche Ernte gehalten. -- - -[Abbildung: THE KNOTTY DACHSHUND - -~Abb. 56. Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.~ - -~(Evening Telegram, New York.)~] - -Den „#Dachshund#“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch -übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders -in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die -sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“ -könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton von #Jack -Walker# aus dem „Daily Graphic“ in London (Abb. 55). Das war noch zur -Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze -gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte -Warnung ~„Beware of steam roller“~ („Achtung, Dampfwalze!“) befolgt, -wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche -Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung von -#Marcel Bloch# in der „Guerre sociale“ (Abb. 57). Mit innigem Behagen -und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine -Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große -Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu -reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht. - -[Abbildung: ~Abb. 57. Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.~ - -~(La Guerre sociale, Paris.)~] - -Einen Dackel zeichnet auch #Sidney Greene# (Abb. 56); er hat sich -reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit -den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die -Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund, -weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch -nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang -des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel -gehaltenen) Dackel als ~„boches“~ töten und ausrotten. Dann erfuhr der -„Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch „Daily Mail“, die -herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern -dargestellt finden. - -[Abbildung: ~Abb. 58. Bryans Entwicklung zur Friedenstaube.~ - -~Amerikanische Karikatur.~] - -Eine der gelungensten Zeichnungen Greenes ist die Kluckhenne (Abb. 45). -Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage: ~„Can he -hatch it?“~ Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht -der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren? - -Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser -schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen -Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“ -bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik -vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston: -~„This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause -of it!“~ („Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber ~‚made -in Germany‘~ ist die Ursache davon“). - -Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genannten -#Robert Carter# ~„Who said rats?“~ (Abb. 59). Der englische Minister -Churchill hatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die -man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen. -Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort. -Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt -komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und -Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein -sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit -zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür, -daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere -Wahrheit triumphieren muß! - -Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die -Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte -Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur -deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen -Zeichnungen gegenüber besonders notwendig. - -Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite -so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote, -Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu -zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder -über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel -„#Unterseeboot#“, über das sich allein schon ein dicker Band von -Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind -eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den -Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr -hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst -ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im -Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch -wertvollsten Scherzbilder entstanden sind. - -Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige -direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben -sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal -annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem -Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine -Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die -Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in -diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine -Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings -hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten -nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den -Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch -private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von -einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu -sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht -ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des „New York -Herald“ vom Sonnabend dem 8. Mai „The Announcer“ Bernstorff mit -umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im -Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre -Abfahrtszeiten der ~„fastest and largest steamers“~ ungehindert -ankündigt. Diese Zeichnung von #W. A. Rogers# sollte ein Hohn auf -Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich -versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen -Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die -als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon -früher genannte #Sidney Greene# zeigt im „Evening Telegram“ den Kaiser -persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund -bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben: -„#Sein# Platz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung -brachte der Zeichner #Farr# eine Karikatur, in der die drei größten -Seeräuber aller Zeiten, Kapt. Kidd, Simms und -- Sir Henry Morgan dem -Kaiser den Lorbeer (~the wreath~) überreichen: ~„Handing it to him“~ -(„Ihm gebührt der Ruhmeskranz“). #Robert Carter# veröffentlichte in -„Evening Sun“ eine Satire mit der ironischen Bezeichnung ~„Brave Work“~, -auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt: ~„War on -Helpless Shipping“~, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung -konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die -berühmte ~„mailed fist“~, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt: ~„Laws? I -make My Own Laws“~ (Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!), -„Cincinnati Times“ brachte eine Zeichnung von #Bushnell# mit der -riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die -„Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot -unbekümmert abfährt; „Philadelphia Public Ledger“ vereinfachte den -Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit -der Piratenflagge an der Spitze. „Brooklyn Eagle“ bringt die -amerikanische Flagge (~Stars and Stripes~), blutbefleckt, darunter die -Unterschrift: „Das ist #unser# Blut“. Noch viel schärfer waren die -Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift „Life“; -sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen -Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der -verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen von #McKee# sieht man Uncle -Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf -dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den -Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische -Unterschrift lautet: ~„Stars and Stripes“~. In der gleichen Zeitung, -deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die -häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen -Kaiser. - -Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische -Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer ~„Vive la France“~ -heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader -Bilder in den Himmel gehoben wird! - -[Abbildung: ~Abb. 59. Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said -rats?).~ - -~(Evening Sun, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.~ - -~Beginn des Unterseebootkrieges.~ - -~(World, New York.)~] - -Man hat in Deutschland im allgemeinen doch wohl nicht begriffen, wie -erregt und kritisch nach dem Untergange der „Lusitania“ die Stimmung in -Amerika gegen uns war. Die Karikaturen zeigen es zur Genüge, und wir -können den Männern, deren Bemühungen es gelungen ist, den Frieden mit -einem Lande zu erhalten, in dem so viel stammverwandte Menschen wohnen, -gar nicht dankbar genug sein. Die hier angeführten Beispiele sind nur -ein kleiner Teil der ungezählten „Lusitania“-Zeichnungen der Amerikaner. --- Natürlich hat es auch in der französischen Presse nicht an beißenden -Satiren gefehlt. #J. J. Roussau# brachte ein Blatt: ~„Dieu vous sauve“~; -der Personendampfer ist eben versenkt, und Frauen und Kinder treiben -hilflos auf den Wellen, während der deutsche Unterseeboots-Kommandant -lachend davonfährt. Diese Zeichnung trägt die Überschrift: ~„Les fils -chéris de Bénoit XV“~, ist also gleichzeitig ein Spottblatt gegen den -Papst, dessen unparteiische Haltung ihm besonders in Frankreich und -Italien wütenden Haß einbrachte (Abb. 61). #Grandjouan# zeichnete für -„Le Rire Rouge“ eine ganzseitige Darstellung, die Wilson am -Meeresstrande zeigt, wo die Leichname einer Mutter und zweier Kinder -angespült werden, die noch den Rettungsring der „Lusitania“ tragen, -während im Hintergrunde Haifische auf das leckere Mahl warten: -~„Décidément, non, je ne peux être du parti des requins“~ (Wahrhaftig, -nein, mit diesen Menschenfressern will ich nichts mehr zu tun haben!) -(Abb. 63). -- Sehr deutschfeindlich sind auch die Darstellungen, die die -holländische Presse über den „Lusitania“-Untergang brachte. #Johan -Braakensiek# lithographierte für den „Amsterdammer“ ein Blatt ~„De dolle -stier is los“~. Der tolle Stier ist natürlich Deutschland, auf den die -ganze Welt Jagd machen müßte. Von #P. de Jong# erschien im „Nieuwe -Amsterdammer“ eine Darstellung des Untergangs der „Lusitania“, in der -der Tod die Schornsteine und Segel kappt, während rechts der Teufel, der -die Züge des deutschen Kaisers trägt, in die Worte ausbricht: ~„Goed -zoo! Zoo’n cultuur is ook de mijne!“~ (Gut so! Solche Kultur ist auch -die meinige!). Eine Inschrift auf des Teufels Flügeln lautet in -deutscher Übersetzung: „Sterbliche, laßt in meinem Dienste alle -Menschlichkeit fahren!“ Am schlimmsten gibt sich, wie immer, Louis -Raemaekers: Das Gewissen hält den „Mörder“ (Deutschland) in die Höhe -„Alle, die Ihr nicht protestiert gegen die barbarischen Kriegsmethoden -dieses Ungeheuers, seid seine Mitschuldigen!“ -- Das charakteristischste -Blatt aber brachte dieselbe Zeitschrift in einer farbigen Zeichnung von -dem schon früher gewürdigten #P. van der Hem#. Von ihm rührt auch das -großartige Blatt her, das wir weiter hinten abbilden, die Wirkung der -Stickgase darstellend. Auf der hier wiedergegebenen Karikatur ~„De -Lusitania“~ sehen wir uns in das Bureau einer deutschen Zeitung versetzt -(der Name an der Tür ist wohl ganz willkürlich gewählt). Die -Schreibmaschine trägt die Aufschrift „Gott strafe England“, einer der -Mitarbeiter fragt den Chefredakteur: „Ich habe hier noch einen Nekrolog -über den Untergang der ‚Titanic‘, können wir den nicht jetzt wieder -abdrucken?“ worauf der andere erwidert: „Tun Sie das, aber er muß dann -als #Jubel-Artikel# umgearbeitet werden.“ (Abb. 66.) - -[Abbildung: PAROLES PAPALES - -~Abb. 61. L. Métivet: Päpstliche Worte.~ - -~Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in -denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ. „Interviewé en -#français#, le Souverain Pontife, qui est #italien#, a répondu en -#allemand#.“~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der -Unterseeboote.~ - -~(Life, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 63. Grandjouan: Wilson und die Lusitania.~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 64. Alb. René: Die Zeppeline.~ - -~(Französische Karikatur.)~] - -[Abbildung: ~“OH, I SAY!”~ - -~Abb. 65. Sidney Greene: Verdammt nochmal!~ - -~(Evening Telegram, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 66. P. van der Hem: Die Lusitania.~ - -~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -Die Torpedierung der „Lusitania“ ist nur eines der vielen weltbewegenden -Ereignisse dieses Krieges gewesen. Macht man sich nun klar, welche Fülle -von Karikaturen allein dieses eine Vorkommnis hervorgerufen hat, so -gibt das ungefähr einen Begriff von der ungeheuren Masse satirischer -Bilder, die der Weltkrieg überhaupt angeregt hat. - -[Abbildung: ~Abb. 67. P. van der Hem: Deutschlands Zukunft liegt unter -dem Wasser.~ - -~Holländische Darstellung der deutschen Unterseebootserfolge.~ - -~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -Indirekt gehören zu dem Kapitel „Lusitania“ auch die -selbstironisierenden Zeichnungen über die mangelhafte Rüstung der -Vereinigten Staaten, denen man in der amerikanischen Presse begegnet. So -klug sind die Amerikaner doch, um zu wissen, daß sie militärisch einem -mächtig gerüsteten Reiche gegenüber, wie es „Germany“ ist, nichts -auszurichten vermögen. Die in Abb. 72 wiedergegebene Zeichnung ~„The -World Power“~, in der die United States ironisch als Weltmacht -bezeichnet werden (sie ist von Harry Grant Dart und im Juli 1915 im -„Life“ erschienen), möge dafür als typisches Beispiel dienen. - -[Abbildung: ~Abb. 68. A. Noël: „Les Soutiens de Germanie.“~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -Das #Unterseeboot# ist, wie schon gesagt und wie auch die Abbildungen -60, 62, 66-70 weiter zeigen, ein häufiges Thema in den Karikaturen; oft -kommt ein Gemisch von Bewunderung und Neid darin zum Ausdruck. Ein -findiger Franzose schlägt im „Figaro“ vor, das Meer im Gebiete der -Kriegszone mit Öl zu begießen. Dadurch würden die Gläser der Periskope -fettig werden, dann könnte man sie nicht mehr benutzen, und die -deutschen Unterseeboote wären lahmgelegt. Der Chefredakteur des -„Figaro“, Alfred Capus (~de l’Académie~) gibt diese Anregung mit -empfehlenden Worten weiter. - -Ebenso geht es den #Zeppelinen#; denn wenn auch die Alliierten so tun, -als rührten sie die Zeppelinfahrten nicht (der ~„Punch“~ bringt sogar -scherzhafte Plakate, wie eine Ankündigung des Bades Northend on Sea, das -als besondere Attraktion ~„frequent visits of Zeppelins“~ empfiehlt), so -haben sie doch in Wirklichkeit einen Heidenrespekt vor den Beherrschern -der Luft. Und ebenso muß eine Zeichnung von #Paul Iribe# im „Journal“ -bewertet werden, wenn die Mutter zu ihrem ungezogenen Jungen in Paris -sagt: „Sei artig, sonst darfst du nicht mitgehen, wenn wir uns heute die -Zeppeline ansehen gehen!“ - -[Abbildung: ~Abb. 69. P. Simmel: Panik an der Themse.~ - -~(„Um Gottes willen, -- da kommt doch schon wieder was!“).~ - -~(Lustige Blätter, Berlin.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 70. Johan Braakensiek: Der neue Tod.~ - -~Holländische Karikatur auf die Unterseeboote.~ - -~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 71. Reinuemel: Otez l’Œillère!~ - -~(Die Scheuklappen weg!)~ - -~(Le Rire Rouge, Paris)~] - -[Abbildung: - - WARNING!!! - - ANY FOREIGN COUNTRY - PRESUMING TO TRIFLE WITH - THE DIGNITY AND HONOR OF THIS - GREAT NATION DOES SO AT THE - RISK OF INSTANT ANNIHILATION - BY OUR MIGHTY ARMY AND - MAGNIFICENT NAVY UNDER - THE EFFICIENT MANAGEMENT - OF ITS HEAVEN-GUIDED BOSS. - - ---------- - - WE CAN MOBILIZE A HORDE OF - 30,000 WELL TRAINED SOLDIERS, - INSTANTLY, ON THREE MONTH’S - NOTICE AND MAKE OUR FLEET - READY FOR ACTION IN TWO YEARS. - - U.S.A. - -~Abb. 72. Harry Grant Dart: Das wohlgerüstete Amerika.~ - -~Amerikanische Karikatur auf die mangelhaften Vorbereitungen der -Vereinigten Staaten. (Life, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 73. P. van der Hem: Der neue Tod.~ - -~(Die Stickgase.)~ - -~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~] - -#Wolffs Telegraphen-Bureau# darf natürlich auch nicht zu kurz kommen; -hier ist es besonders die französische Presse, die sich diese -Depeschenagentur aufs Korn genommen hat (genau so wie die deutsche das -Bureau Reuter), übrigens nicht nur in rein karikaturistischen -Darstellungen wie die der Abb. 71, sondern auch in harmloserer -Verbindung. #A. Guillaume#, der bekannte Darsteller galanter Szenen, -zeigt den plötzlich von der Reise ins Schlafzimmer seiner Frau -zurückkehrenden Ehemann (der Galan verschwindet grade unterm Bett): „Ich -bin schleunigst wiedergekommen; ich habe eine Depesche erhalten, daß du -mich betrügst!“ Darauf sie: „Pah! Das ist doch natürlich wieder nichts -anderes als so eine alberne #Nachricht des Wolffschen Bureaus#!“ - -Die modernste und vielleicht schrecklichste Waffe, die #Stickgase# -(~asphyxiating gases~) hat in dem schon vorher genannten #P. van der -Hem# ihren Meister gefunden. Sein großes Blatt aus dem „Nieuwe -Amsterdammer“ kann man wohl mit Recht als eine sehr gelungene -Versinnbildlichung der erstickenden Dämpfe betrachten. Aus dem langen, -röhrenartig erweiterten Totenschädel strömen die giftigen Dämpfe in den -feindlichen Schützengraben, Tod und Verderben verbreitend. Bei allem -Ernst, der über dem Blatt lagert, ist der Vorwurf, den sich der Künstler -gewählt hat, temperamentvoll wiedergegeben. Trotzdem außer dem schwarzen -Grundton nur Blau verwendet wurde, ist die Zeichnung farbig doch sehr -stimmungsvoll. Ein Mann wie P. van der Hem, bei dem sich so scharfe -Beobachtung mit technischem Können vereint, wäre der gegebene Zeichner -für einen großen Totentanz des Weltkriegs. Gegen seine Darstellung der -Stickgase (Abb. 73) fällt die des Franzosen #Lanos# ~„La bête puante“~ -aus dem ~„Rire rouge“~ gänzlich ab. Unter Hineinschleppung viel zu -vieler Einzelheiten und bei farbig-fahriger Buntheit läßt die Zeichnung -den Eindruck des Schrecklichen, den der Künstler beabsichtigte, durchaus -vermissen und wirkt eher komisch. - -[Abbildung: Mit einem herrlichen Schwunge setzte das letzte Vierteljahr -1914 ein. - -~(Kladderadatsch.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 74. Postkarte, entstanden im deutschen Großen -Hauptquartier im Westen.~ - - ~_Marianne, pauvre chatte, - Tu vas brûler tes pattes - En tirant les marrons - Du brasier Teuton - Pour plaire au singe avide: - John Bull -- le grand perfide!_~ - - ~(La Fontaine~ - - ~Marianne, armes Kätzchen, - Verbrennst Dir Deine Tätzchen - Beim Holen der Maronen - Am Feuer des Teutonen, - Aus Liebe zu John Bull, dem Briten - Dem gierigen Affen, dem Perfiden.~ -] - -[Abbildung: ~PARADE-MARCH~ - - Michel vole les pendules; von Boden, les tableaux; - Gretchen vide les armoires et Messieurs les Officiers, les caves. - -~Abb. 75. Ricardo Florès: Parademarsch.~ - -~Aus dem Album „Boches, Deutschland unter Alles“.~ - -~(Paris, Ollendorff Editeur, 1914.)~] - -Wohl kaum einem Lande ist der Krieg so überraschend gekommen wie -Frankreich, denn wenn man dort auch immer stolz auf das ~„archiprêt“~ -pochte und eine Reihe von Kriegshetzern fleißig an der Arbeit waren, so -hatte man, wenigstens soweit die große Mehrheit in Betracht kam, doch -nicht ernstlich an einen Krieg geglaubt, zum mindesten nicht an einen -solchen im Jahre 1914. So fand denn der 1. August die Franzosen -~archiprêt~ in dem Sinne von 1870, nämlich unvorbereitet. Wandel und -Handel stockte, vor allem der Buchhandel, und er hat sich auch bis heute -noch nicht richtig erholen können, während er in andern Ländern schon -längst sich den neuen Verhältnissen anzupassen wußte. In Deutschland -beträgt #allein# die Zahl der mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden -Neuerscheinungen vom 1. August bis 31. Dezember 1914 1416 Nummern, -während in Frankreich der ~„Mémorial de la Librairie“~ im #ganzen# bloß -286 Werke verzeichnete und unter diesen #nur# 20, die in direktem -Zusammenhange mit den Zeitereignissen standen. Eine große Reihe von -Revuen und Zeitungen verschwanden sang- und klanglos und sind auch nicht -wieder erstanden; andere fristen notdürftig als zweiseitige Blätter ihr -Dasein. In Paris hörten die Witzblätter nach Ausbruch des Krieges -zunächst auf zu erscheinen. Die Karikatur trat zuerst wieder in den -Tageszeitungen auf, in jenem Stil, der für die gesamte Literatur und -Kunst seit dem Ausbruch des Krieges für Frankreich charakteristisch ist. -Es ist dort anders als bei uns: während hier nur wenige Schreier und -Toren die Ausnahme bilden und die weitaus überwiegende Mehrzahl der -Deutschen sich vernünftig und korrekt benimmt, ist es in Frankreich -gerade umgekehrt; dort ist die Besonnenheit eine Ausnahme, und die Masse -des Volkes, #auch# die der Gebildeten, ist von einer Art Wahnsinn -befallen, dessen pathologische Wutausbrüche in der Tagespresse, den -Witzblättern, den Ansichtskarten und in Einzelheften zum Ausdruck -kommen, die zu sammeln für jeden, der sich überhaupt mit der -Kriegsliteratur beschäftigt, zum mindesten sehr reizvoll ist. Das -Bewußtsein der Ohnmacht einem stärkeren Feinde gegenüber hat die -Franzosen in eine hysterische Raserei versetzt, deren Ergüsse einfach -jeder Beschreibung spotten. Aber es ist wirklich richtiger, alle diese -Dokumente von der #komischen# Seite zu betrachten, als sie ernst zu -nehmen. Die gekränkte Eitelkeit, die Sorge um den Untergang der -~„Gloire“~ hat dieses bedauernswerte Volk zu solchen sonderbaren -Delirien geführt. Frankreich glaubt noch immer, die Welt führe Krieg, -weil seine Eitelkeit vor 44 Jahren durch den Verlust Elsaß-Lothringens -verletzt wurde. Nur ganz langsam und allmählich machen sich auch Stimmen -in Frankreich bemerkbar, die vor übergroßem Siegesbewußtsein warnen und -den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, die sogar das Wort -~„Les Allemands“~ wieder in Anwendung bringen, das doch jetzt in der -französischen Presse verpönt ist und durch ~„Assassins“~, ~„Barbares“~, -oder das so beliebte ~„Boches“~ ersetzt wird. - -Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische -deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um -französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei -uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem -„Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die -Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten -mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der -Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere -Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte -kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines -Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in -freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das -Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige -Text zu dieser Fälschung fabriziert: ~„Explication orageuse des deux -Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“~ Noch toller -aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat; -es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen -tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und -Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen -Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die -Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht -gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis -etwa zu den Knien, die #ganze# Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen -und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf -dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden! - -Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das -„Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung -aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen -Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung -der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine --- französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des -Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte). - -Abbildung 76 zeigt eine Karikatur von #L. Métivet#, die in der letzten -vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden -ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der -französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres -drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren -veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße -versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und -fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik -des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt -immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene -harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen -etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise -spotteten. Besonders die Zeichnungen von #Jossot# lassen an Schärfe -nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen #Organisation# des -französischen Heeres eine ätzende Kritik. - -Es ist eigentlich jammerschade, daß das bedeutendste französische -Witzblatt (und man kann wohl sagen: die bedeutendste Karikaturen-Zeitung -der Welt überhaupt), die „Assiette au Beurre“ bereits vor mehreren -Jahren ihr Erscheinen eingestellt hat. Es wäre doch sehr wichtig -gewesen, gerade sie unter der Kriegsliteratur vertreten zu sehen. -- Und -dabei denkt man unwillkürlich ein bis zwei Jahrzehnte zurück, an die -Zeit, als sich die ganze Schärfe des französischen Witzes mit aller -Wucht und allem Haß gegen die jetzigen Verbündeten Frankreichs, die -Briten, wandte, als sogar Sondernummern gegen die Engländer -herausgegeben wurden, wie namentlich zur Zeit des Burenkrieges. Derselbe -#Willette#, der sich heute in gehässigen Kartons gegen die deutschen -„Barbaren“ nicht genug tun kann, brachte damals ein Blatt, auf dem der -Tod die abgemagerte Britannia davonträgt. Darunter stand zu lesen: „Der -Tag, an dem das perfide Albion verreckt, wird ein Freudentag der -Menschheit werden!“ -- Aber auch später haben die Pariser Witzblätter -sich noch weidlich über England lustig gemacht. So nach den letzten -englischen Manövern, die wegen totalen Wirrwarrs und weil niemand mehr -ein und aus wußte, schließlich abgebrochen werden mußten. -- Vielleicht -ist die Zeit nicht allzu fern, wo sich die Stifte der französischen -Zeichner wieder gegen jenen Feind wenden werden, der die Ursache der -„Schmach von Faschoda“ war. Dann wird Frankreich einsehen, wie treffend -die Situation jene als Abbildung 74 wiedergegebene Karte -charakterisiert, die aus dem deutschen Großen Hauptquartier im Westen -stammt. Frankreich erntet eben die Früchte seiner Revanchepolitik und -wird wohl schließlich die Hauptzeche zahlen müssen, wenn die Engländer -die Absicht haben, bis zum letzten Franzosen zu kämpfen. - -[Abbildung: ~LE SILENCIEUX: JOFFRE~ - -~Abb. 76. Métivet: Welches ist denn nun der „Kriegsfuß“?~ - -~(Le Rire, Paris, Juli 1914.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 77. Charles Léandre, Le Silencieux: Joffre. Il ne dit -rien, mais chacun l’entend.~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -Eine andere Karte mit französischem Text hat das deutsche Große -Hauptquartier im Westen sich von #Trier# zeichnen lassen. Sie zeigt -einen Engländer, der im Blute watet und die darin ertrinkenden Franzosen -mit folgenden Versen anredet (dieser Engländer scheint übrigens eine -Ausnahme zu sein, denn die wenigsten, nicht einmal Herr Grey, -beherrschen eine andere Sprache, als die englische): - - ~Dans ce sang, versé pour me plaire, - Vous vous noyez? Goddam, tant pis! - Rappelez-vous, ce que Voltaire, - Un des vôtres, un très fin esprit, - A dit de l’histoire d’Angleterre; - „On y voit“, pretend ce grand homme, - „Le sang couler comme de l’eau, - Elle pourrait aussi bien en somme, - Etre écrite par un bourreau!“~ - - (In diesem Blute, vergossen für mich, - Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer! - Euer Voltaire, denket dran, sicherlich - Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer, - Über Englands Geschichte äußert er sich, - Der Spötter, der große, man sehe dort - Wie Wasser fließen das rote Blut, - Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort, - Von Henkershand ebensogut!) - -[Abbildung: ~Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.~ - -~(La Guerre sociale, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto, -daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.~ - -~(Le Rire rouge, Paris.)~] - -Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den -ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu -Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen -„Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß -viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht -fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut -frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt -sich #P. Carrère#); sieht den Kaiser in der Uniform der -Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein -„Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser -vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein -daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind -erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt -den urfranzösischen Namen #Muller#). Es wäre ganz verkehrt, diese -Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten, -sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein -hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem -abgehackten Kopf eines Deutschen als ~„Plat du jour“~ und solche mit -allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es -um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist -ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der -Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich -veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig -Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den -Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war. -Da heißt es in einem Erlasse: ~„Les hordes barbares de l’Attila moderne -égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches -départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du -monde civilisé.“~ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde -schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten; -Napoleon ~III.~ ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten: -~„La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les -yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la -civilisation.“~ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon -damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich: -~„L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit, -il couvre d’obus nos hôspitaux.“~[1] Und daß die französischen -Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die -Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile -bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris -verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß -allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten -vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris -unter dem Titel „Boches“ erschienen. (~Boches! Deutschland unter alles.~ -Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16 -Seiten in Großquart.) Abbildung 75 führt eine verhältnismäßig harmlose -Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei -Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie -kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen -Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen -Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub, -Kindermord usw. - - [1] „Schlagworte“, Aufsatz von Rudolf Friedmann in der „Vossischen - Zeitung“ vom 2. Januar 1915. - -[Abbildung: ~Abb. 80. Teddy: Conseil de Revision.~ - -~„Un rein flottant ...; mais c’est parfait, on va vous mettre dans la -marine!“ (Eine flutende (Wander-) Niere ...; das ist ja ausgezeichnet, -da kommen Sie zur Marine!)~ - -~(Le Rire rouge, Paris.)~] - -[Abbildung: „Da bleibt nur viererlei übrig: Hungertod, Selbstmord, sich -gegenseitig auffressen, oder die Rettung durch einen deutschen -Bergführer.“ - -~Abb. 81. Willy Stieborsky: Verstiegen.~ - -~(Die Alliierten auf dem Balkan.)~ - -~(Muskete, Wien.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 82. Rata Langa: Uccidiamo il militarismo.~ - -~(L’Asino, Rom.)~] - -Zu den widerlichsten Veröffentlichungen Frankreichs gehört das im -Verlage der „Librairie de l’Estampe“ erschienene ~„La ‚Kultur‘ -Germanique en 1914/15“~. Blättert man diese vierzehn Zeichnungen -durch, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es denn in ganz Frankreich -keinen Menschen, der diese sinnlosen Roheiten öffentlich an den Pranger -stellt? Auf dem Umschlag eine abgehackte, beringte Frauenhand und im -Innern Darstellungen von Mord, Schändung, Vergewaltigung und den -widerlichsten Grausamkeiten. Ein Volk, das solche Gemeinheiten duldet, -hat wahrlich kein Recht, von andern als Barbaren zu sprechen. Wie weit -sich aber in der französischen Presse die Schamlosigkeit offenbarte, -dafür ist eine Karikatur von #Maxa# in dem so viel genannten „Matin“ vom -26. Januar ein charakteristisches Beispiel. Die „Frankfurter Zeitung“ -bemerkt dazu treffend: „Der Pariser ‚Matin‘, der nicht auf den Krieg -gewartet hat, um sich im Urteil der ganzen Welt einschließlich der -damals noch etwas urteilsfähigeren öffentlichen Meinung Frankreichs -selber als den Schandfleck der europäischen Presse zu dokumentieren, -fürchtet jetzt offenbar, daß es irgendwo in der Welt noch jemand geben -könnte, der an seinem völligen Verzicht auch auf den letzten Funken von -journalistischem Anstandsgefühl zweifelt. In der Tat, nur als -verzweifelte Bemühung der Schamlosigkeit, sich selbst zu übertreffen, -ist das Bild zu verstehen, das der ‚Matin‘ in seiner Nummer vom 26. -dieses Monats veröffentlicht, und das in den Zügen eines Affen den -greisen Kaiser von Österreich erkennen lassen will. Die Infamie der -bildlichen Darstellung aber ist noch gesteigert durch die Bezeichnung -~‚L’Increvable‘~, für die es weder im Deutschen, noch in der Sprache -irgendeines Menschen, dem die Würde des Alters nicht als geeigneter -Gegenstand scheußlichster Verhöhnung erscheint, eine dem gemeinen -Gedanken entsprechende Übersetzung gibt. Der Geist, der aus diesem -Schandprodukt spricht, ist im übrigen würdig des Blattes, das jetzt im -Begriff ist, mit der Veranstaltung einer Volksausgabe (!) des -französischen Greuelberichts ein Geschäftchen zu machen, zu dessen -Hintertreibung sich der Pariser Rechtsgelehrte Charles Gide nicht -umsonst gerade an den Senator Béranger in seiner Eigenschaft als -Vorsitzender der Liga für die Bekämpfung der Pornographie gewandt hat.“ --- Manchmal hat der „Matin“ auch Pech gehabt, wie mit seinem -„Dardanellen-Thermometer.“ Als die Beschießung der Meerengen durch die -Alliierten begann, erschien im „Matin“ ein „Thermometer“ von der Hand -der Verbündeten gehalten. Unten lag Kum Kaleh, oben Konstantinopel, -dazwischen die andern Orte der Dardanellen. Dieses Klischee sollte -täglich gebracht werden und zeigen, wie die Quecksilbersäule immer höher -steigt (durch das Feuer der Alliierten!), bis sie schießlich -Konstantinopel erreichen würde. Aber schon am dritten Tag blieb das -schöne Klischee aus den Spalten des „Matin“ wieder weg: die -Quecksilbersäule war zu tief gefallen. - -[Abbildung: ~Abb. 83. Sacha Guitry: Die beiden Kaiser.~ - -~(Le Journal, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 84. Die „Permissions de quatre jours“.~ - -~Französische Karikatur auf den viertägigen Urlaub, den die Truppen im -Interesse der Volksvermehrung erhalten und auf die sich darauf -beziehenden Vorbereitungen der Pariser Damenwelt.~] - -[Abbildung: ~Abb. 85. Djilio: Les Retraites.~ - -~(Le Rire rouge, Paris.)~] - -Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel -„Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende -französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon -erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert -Henri Lavedans Ausspruch: ~„Le soldat français rit, partout. C’est une -de ses manières.“~ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die -Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll: -„~Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge.~ In der jetzigen -tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire -alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel -Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern -der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders -Wilhelm ~II.~ betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung -weggelassen), muß nicht gerade #er# mit dem roten Eisen der Karikatur -gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit -allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen -usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur -Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich -darüber, daß ihr ~„deux admirables dessins de Willette“~, mit denen sie -den Haß gegen die ~„massacreurs des femmes et tueurs des enfants“~ -nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern -enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel -Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen -allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt -verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt, -übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche -deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So -gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der -Unterschrift ~„Simplicissimus, Munich“~. Sieht man nun von den -Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht -sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer -höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten -Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben: -#Fabiano#, #Faivre#, #Gerbault#, #Guillaume#, #Léandre#, #Métivet#, -#Steinlen#, #Willette# usw., also auch ein großer Teil von denen, die -früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text -sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung -Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von -dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit -der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt -macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was -werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder -hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt -sich ~„La Noël des petits Boches“~: - - #Weihnachten bei den kleinen Boches.# „Gut,“ sagte der liebe Gott zum - Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine - Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für - die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und - Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den - Lagern Umschau zu halten.“ -- „Das ist alles ganz schön,“ antwortete - der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn - es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich - finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die - kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen, - denn das ist meine Pflicht.“ -- „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt - ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem - Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die - Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen - Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ -- „Aber, - lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ -- „Mach das, wie - du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ -- Der - Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er - wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die - kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn. - Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er - nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für - sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen - Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen - und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort - trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute - pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen - Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser - Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige - Ware, ~made in Germany~.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit - verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo - er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier - gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze - von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen. - Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine - fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang - der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere - Duft der Boches. -- Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen - Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den - deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie - die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren - auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie - vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges - Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu - verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten, - der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen - ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine - einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. -- Und die - kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit - Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott - mit uns! Deutschland über alles.“ -- - -Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch -auf den ~„Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“~, den ~„Dentiste Boche“~ -und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit -den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer -mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett -Napoleons. Unterschrift: ~„Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de -Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de -bataille.“~ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem -deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau -ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft -mit Brille (Abb. 79). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt, -wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die -wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit -hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän -gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano ~„Flirt 1914“~, auf -dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die -Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich -dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf. - -[Abbildung: ~Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.~ - -~„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ -- „Ja, wie die Zeit -vergeht!“~ - -~Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.~] - -[Abbildung: ~Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.~ - -~Französische Karikatur auf die angebliche Ungenießbarkeit des deutschen -K-Brotes.~] - -[Abbildung: - - LE BARBIER DE CET’VILLE - - _Avec un impeccable maestria, Auguste exerce en plein vent ses - fonctions de Figaro._ - - _Son Salon de Coiffure extrarudimentaire est simple et de bon goût._ - - _Une couverture protège les clients contre les morsures de l’aigre - bise qui disperse aux quatre coins du camp les toisons multicolores. - Les glaces sont absentes, les frictions et les schampoings sont passés - à l’état de légende, mais Auguste a tourné la difficulté. Il a lancé - la coupe “Aux Enfants Captifs” qui transforme les cranes en une - superbe boule de billard._ - -~Abb. 88. Federzeichnung aus „Le Héraut“.~ - -~Zeitung der französischen Gefangenen in Zossen bei Berlin.~] - -[Abbildung: ~Abb. 89. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von -Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Russen.~ - -~Nach einem Original-Aquarell.~] - -[Abbildung: ~Abb. 90. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von -Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Engländer.~ - -~Nach einem Original-Aquarell.~] - -Aber auch gegen die eigenen Schwächen der Franzosen geht das Blatt -bisweilen mit einer bewundernswerten Offenheit vor. So bekämpft es vor -allen Dingen die gerade in Frankreich infolge der vielen Vetterschaften -zahlreichen Drückeberger aller Art; gab es doch „Verwalter der eroberten -Provinzen“, Registratoren der Milchkühe usw. (Abb. 86). Auf einem Bilde -~„Les Cadeaux du Trésorier-Payeur“~ zeigt #Métivet#, wie ein Zahlmeister -seiner Geliebten eine Menge von Geschenken in Gestalt von Schinken und -allen möglichen andern Paketen überreicht („O, welche Fülle von -Aufmerksamkeiten; wird Ihnen denn das nicht zuviel?“ -- „Nicht im -geringsten, -- das war ja für die Schützengräben bestimmt“). #Leroy# -zeichnet ein ganzseitiges farbiges Blatt ~„Les Inconscients“~; man sieht -die jammervolle Gestalt eines aus dem nordöstlichen Frankreich -geflüchteten französischen Bauern am Tisch eines Ehepaares („Nun haben -Sie mit uns gegessen, lieber Freund, nun erzählen Sie uns auch einmal, -wie Ihre Kinder hingeschlachtet worden sind.“) - -[Abbildung: ~Abb. 91. Guido Cadorin: Deutsche Architektur im Orient.~ - -~(Die neue Hagia Sophia in Konstantinopel.)~ - -~(Il Numero, Rom.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 92. Guido Cadorin: Die Entente unter Dach und Fach.~ - -~(Il Numero, Rom.)~] - -In allen Witzblättern werfen sich die Gegner jetzt gegenseitig vor, -Kinder und Greise in das Heer einzustellen. Wenn in Deutschland und -Frankreich Mütter voller Sorgen und doch voll Stolz ihre noch nicht -militärpflichtigen Söhne als Freiwillige hingeben, so sollte das -eigentlich kein Stoff für Scherze sein -- auch in #deutschen# Blättern -nicht. Wenn französische Blätter die beabsichtigte Einberufung -siebzehnjähriger Franzosen als Kinderkreuzzug bezeichnen, so ist das -doch #nur# Galgenhumor. Dieses Thema ist aber unerschöpflich, wie -Abbildungen 94-97 zeigen. Die höchste Hyperbel erreicht #Roger Cartier#: -in einer glänzend gezeichneten Linien-Karikatur zeigt er drei -hochschwangere Frauen, deren Söhne bereits im Mutterleibe auf ihre -militärische Brauchbarkeit hin untersucht werden. So absurd der Gedanke -ist: die Karikatur selber gehört zu den witzigsten und besten des ganzen -Krieges. Die Darstellung entbehrt jeder Roheit, und das außerordentlich -heikle Thema ist hier mit einer Delikatesse behandelt, wie wir sie schon -früher in den Zeichnungen französischer Graphiker beobachten konnten, -die die gewagtesten Sachen mit so viel Geschick zu illustrieren wissen, -daß diese Darstellungen mit pornographischen Erzeugnissen nicht das -geringste mehr zu tun haben. In „Le Rire rouge“ begegnen wir einer -ganzen Reihe solcher amüsanten Karikaturen, die um so mehr auffallen, -als sie mit Produkten jammervoller Roheiten vereint stehen. Den größten -Raum in „Le Rire rouge“ nehmen natürlich die Verhöhnungen der deutschen -Truppen ein. In einer Zeichnung D’Ostoyas ~„En Serbie“~ sieht man die -weinenden Frauen und Kinder vor der deutschen Front („Und da sagt man -immer, wir seien nicht galant, wir lassen die Damen sogar #voran# -gehen!“) Eine große Rolle spielt Joffre, der französische Nationalheld -der Gegenwart, der Hindenburg Frankreichs. Charles Léandre widmet ihm -das in Abbildung 77 wiedergegebene ganzseitige Blatt ~„Le Silencieux: -Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend~.“ Er ist der Mann, der die -Geschicke Frankreichs leitet, nicht der Präsident Poincaré, die -sonntägliche Spießbürgertype, von dem die französischen Zeitungen -eigentlich nur noch reden, wenn er anstandshalber einmal an die Front -fährt. -- Wie viel „Le Rire rouge“ zusammenlügt, zeigen die Bilder, die -die Deutschen, besonders den Kronprinzen, auf der Flucht vorführen. -Dieser Gedankengang kommt auch in einer Zeichnung von Djilio zum -Ausdruck (Abb. 85), auf der ein Musikalienhändler dem Kaiser Noten -anbietet: „Hier ist ein Marsch, ‚Berlin-Paris‘, ein ‚Triumphzug nach -Warschau‘;“ darauf der Kaiser: „Haben Sie keine Retraiten (Rückzüge)?“ --- Das alles in einem Lande, dessen Regierung dem Volke auch noch nicht -#eine# Verlustliste zugemutet hat! - -[Abbildung: ~Abb. 93. Scarpelli: Der Bibabo. („Sieh einmal, wie garstig -er ist. Wenn du nicht artig bist, wird er dein Baby auffressen!“)~ - -~(Il Numero, Rom.)~] - -[Abbildung: THE LAST LINE. - -~Abb. 94. C. Harrison: Deutschlands letztes Aufgebot.~ - -~(Punch, London.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 95. Rea Irvin: Das fünfte deutsche Reservekorps, -bestehend aus Männern zwischen 60 und 75 Jahren.~ - -~(Aus den „Letters of a Japanese School-boy“ im „Life“, New York.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 96. A. Johnson: Frankreichs letztes Aufgebot.~ - -~(Kladderadatsch, Berlin.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 97. Sidney Greene: Deutschlands letztes Aufgebot.~ - -~(Evening Telegram, New York.)~] - -Ein anderes sehr beliebtes Thema ist das deutsche K-Brot, das sich die -Franzosen als ein Brechmittel schlimmster Art vorzustellen scheinen -(Abb. 87). Métivet zeichnet ein Bild ~„Boulangerie allemande“~ mit der -Unterschrift: ~„Après le pain K, le pain KK. Ça ne sent pas bon un K, -deux K, trois K! Cette histoire-là finira par vingt Q.“~ (Wortspiel für -~vaincu~ = besiegt). Ein anderes Bild von Maxa zeigt einen Offizier im -Gespräch mit einem Kinde. „-- ~M’sieur, J’veux faire du pain pour vos -soldats!~ --“ ...??? -- „ ... ~KK!“~ -- Am besten ist noch die große -farbige Zeichnung von Abel Faivre ~„La grande vie à Berlin.“~ In einem -eleganten Lokale sitzt ein Deutscher, sehr nachlässig gekleidet, wie -ihn sich der Franzose vorstellt; der Primgeiger tritt an den Tisch und -fragt: ~„Quelle morceau, M’sieur, préfère-t-il?“~ Die Antwort lautet: -~„Un morceau de pain~.“ - -Der Verlag von „Le Rire“ hat zu Weihnachten und Neujahr eine -Postkartenserie herausgegeben, um diese an die Soldaten ins Feld zu -schicken: (~Les Voeux de la France à nos Soldats pour Noël et le Jour de -L’An. 12 Cartes Postales en couleurs. Publiées par le Journal Le Rire -rouge.~) Sie sind verhältnismäßig anständig, teilweise sogar -sentimental. Es sind Zeichnungen von Barrère, Delaw, Faivre, Fabiano, -Florès, Guillaume, Gerbault, Métivet (~Joli cadeau a faire à nos -soldats~; eine elsässische Puppe mit dem Lorbeerzweig des Siegers), -Meunier, Roubile, Vallet, Willette (~Les étrennes de Marianne~; die -französische Republik mit Elsaß und Lothringen an der Hand). Die Karten -tragen sämtlich französischen und englischen Text und sind sehr stark -anglophil gehalten. Wollte man nun hiernach urteilen, so wäre es mit der -angeblichen geheimen Feindschaft der Franzosen gegen die Engländer nicht -so schlimm. - -Als die deutschen Zeitungen berichteten, es würde notwendig sein, die -zirka 20 Millionen Schweine in Deutschland aus Mangel an Futter zu -schlachten, brachte Bigot ein Bild ~„Les derniers mobilisés“~, ein -Schwein, mit tränenden Augen im Gespräch mit einem Metzger: „Sagen Sie -Sr. Majestät dem Kaiser, daß auch wir 22 Millionen Schweine bereit sind, -unser Blut für das deutsche Vaterland zu vergießen.“ - -[Abbildung: ~Abb. 98. „Odaliske ‚Victoria‘, der Sultan ruft Euch!“ „Der -ruft mich schon seit drei Jahren ... aber ich bin nicht für ihn -geschaffen!“~ - -~(Pasquino, Turin.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 99. Ein Titelblatt der neugegründeten italienischen -Zeitschrift „Il Numero“.~] - -Wesentlich harmloser ist eine, für Freunde von Sprachscherzen nicht -uninteressante Karte mit folgendem Text (ein Gespräch zwischen dem -Kaiser und einem Arzt): - -~Docteur, je re =Metz= entre vos mains mon auguste =Pér(s)onne=. Je re.. -=Sens Toul= les =Meaux=. J’ai mal dans =l’Aisne= et ma =Vistule= me fait -souffrir. Je suis =Arras=..se. =Mézières= en =Guise de Bouillon= j’ai -pris du =Champagne= et ça me =Reims= les boyaux.~ - -~Sire, quand on m’a appelé j’ai dit =Givet= de =Spa=. Quelle =La Fère!= -votre Majesté était =Seine= quand elle vivait dans =l’Oise=..iveté elle -marchait les =Rhin Cambrai=.~ - -~Oui, c’est =l’Anvers= de la médaille, je ne =Craonne= plus maintenant -j’ai =La Ferté= bien abatue.~ - -~Je trouve votre pouls un peu =Laon=, il faudrait prendre de l’elexir de -=Longwy=.~ - -[Abbildung: ~Abb. 100. Ein Titelblatt des neugegründeten italienischen -Witzblattes „Il 42°“, das nach dem deutschen 42 cm-Mörser benannt ist.~] - -Die durch fetten Druck hervorgehobenen Städtenamen bezeichnen die Orte, -an denen nach Meinung der Franzosen die Deutschen Niederlagen erlitten -haben oder zum Rückzug gezwungen wurden; diese sind mit gleichen oder -ähnlich klingenden Worten der französischen Sprache, die -Krankheitssymptome schildern, in Verbindung gebracht. Die Übertragung -in richtiges Französisch lautet: ~„Docteur, je remets entre vos mains -mon auguste personne. Je ressens tous les maux. J’ai mal dans l’aine et -ma fistule me fait souffrir. Je suis harassé. Mais hier en guise de -bouillon j’ai pris du champagne, et ça me rince les boyaux etc. -- Je -trouve votre pouls un peu lent, il faudrait prendre de l’élixir de -longue vie.“~ In deutscher Übersetzung: „Herr Doktor, ich lege in Ihre -Hände meine hohe Person. Ich fühle wieder alle Übel. Ich habe Schmerzen -in der Leistengegend, und meine Fistel läßt mich leiden. Ich bin -abgemattet. Gestern habe ich an Stelle von Bouillon Champagner genommen, -und das durchwühlt mir die Gedärme. --.... -- Ich finde Ihren Puls etwas -langsam, es würde nötig sein, Lebenselixir zu nehmen!“ -- - -[Abbildung: ~Abb. 101. Der Tapfere. „Madame, Sie haben kein Recht, mich -feige zu nennen; wissen Sie nicht, daß die Fliegen (mouches) schädlicher -sind als die Boches?“~ - -~(Le Matin, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 102. Schwedische Karikatur auf den Treubruch -Italiens.~ - -~„Nun habe ich mein Schwert so lange geschliffen, bis ein Dolch daraus -geworden ist“.~ - -~(Söndags Nissen.)~] - -[Abbildung: - - ~Al primo degli italici cantori - che ora fronteggia l’allemanno fuoco - si mandera dell’oro affinchè un poco - fronteggi il fuoco dei suoi creditori~ - -~Abb. 103. Italienische Karikatur auf D’Annunzio.~ - -~Aus der Weihnachtsnummer 1914 von „Il Numero“.~ - -~(Die italienischen Verse ahmen den Stil Annunzios nach.)~ - -~„Dem ersten der italienischen Dichter, der jetzt dem deutschen Ungestüm -die Stirn bietet, wird man Gold schenken, damit er auch dem Ungestüm -seiner Gläubiger die Stirn zu bieten vermag“.~] - -Solche Sprachscherze scheinen in allen Feldzügen aufzutauchen. Auch im -amerikanisch-spanischen Kriege von 1898 waren sie an der Tagesordnung. - -Vergessen werden dürfen auch nicht die Karikaturen der bekannten Pariser -Tageszeitungen. Die meisten bringen täglich von bekannten Künstlern -Beiträge, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen wie die -Wochenblätter. Zeichnerisch sind sie meist recht gut. Mit wie wenig -Strichen sind beispielsweise auf der hier abgebildeten Karikatur (Abb. -83) von #Sacha Guitry# aus „Le Journal“ die charakteristischen Züge des -österreichischen und des deutschen Kaisers wiedergegeben! Das Gesicht -Wilhelms ~II.~ ist nur durch eine einzige Schnurrbartlinie dargestellt, -und doch wird ihn niemand nach der Abbildung verkennen. -- - -[Abbildung: ~Abb. 104. Robert Minor: Die Weckeruhr.~ - -~(World, New York.~)] - -Der am wenigsten verhaßte von allen Geistern, die verneinen, muß sich -ungleich zahmer betragen, wenn er sozusagen unter militärischer -Kontrolle steht, wie es bei dem Blatte „Le Héraut“ der Fall ist, das die -französischen Gefangenen im Lager von Zossen herausgegeben haben. Es ist -nur eine Nummer erschienen, und diese ist schon heute eine bibliophile -Seltenheit. Das vom lithographischen Stein abgezogene, vier -Großfolioseiten umfassende Blatt ahmt nicht ungeschickt den Stil der -großen französischen Tageszeitungen nach. ~Rédacteur principal~ ist ein -gewisser Eugène Dienne; als Chefredakteur zeichnet Luc Fichtner, der -auch im Anzeigenteil sein Pelzgeschäft in Paris empfiehlt. Dieser -Annoncenteil ist durchaus ernst gemeint; er gibt ein treffliches Bild -davon, welchen Ständen die französischen Gefangenen angehören. Wir -finden da Inserate über die Baumschulen Legrux in Douai, über die -Milchzentrifuge Cambraisienne in Maubeuge usw. usw. Leitartikel, -wissenschaftliche und Sportnachrichten, nichts fehlt. ~„Le but essentiel -du Héraut est de propager sous une forme gaie, vivante, et de faire -comprendre, l’esprit de Fraternité.... Nos pensées restent graves; sans -l’oublier jamais, qu’il nous soit permis de chasser le cafard, suivant -l’expression imagée des coloniaux, surmontant le regret de la Patrie -éloignée, par une réaction de gaité saine et de bon aloi, légitime et -nécessaire ...“~ -- Nette Federzeichnungen sind in den Text eingestreut, -von denen Abb. 88 eine Probe gibt. - -[Abbildung: ~Abb. 105. Der einzige Überlebende.~ - -~Amerikanische Karikatur.~] - -Unter den Zossener Gefangenen sind auch eine Anzahl Künstler und Lehrer, -die sich ihre freie Zeit durch Anfertigung von scherzhaften -Originalaquarellen vertreiben, die von guter Begabung zeugen und denen -infolgedessen auch ein künstlerischer Wert nicht abzusprechen ist. Zwei -dieser farbigen Originale auf Postkarten sind hier in schwarzer -Reproduktion abgebildet (Abb. 89 und 90), Spottblätter auf die -mitgefangenen „Verbündeten“. Andere Karten zeigen zum Teil in sehr -derber Darstellung, ~„Les Aborts“~, ~„Toilette intime“~, ~„A la Queue“~ -(das Essenfassen; hier hat der Künstler, um die Eßmarke im Original auf -der Karte verwenden zu können, sogar auf die eigene Ration verzichten -müssen). - -In Frankreich selbst sind die in der Etappe, ja sogar im Schützengraben -erscheinenden Zeitungen (im Stile unserer Bierzeitungen) fast noch -zahlreicher als bei uns, wenn sie auch an Güte lange nicht an die Liller -Kriegszeitung heranreichen, die wohl das weitaus Beste in ihrer Art -darstellt. Auch in der Vergangenheit haben weltgeschichtlich bewegte -Zeiten solche Gelegenheitszeitungen hervorgebracht. Man denke an die zur -Zeit der Choleraepidemie 1831 erschienenen Blätter, an die zahlreichen -kurzlebigen Zeitungen des Jahres 1848. Und ganz besonders hatte „Le -Héraut“ schon 1870 einen Vorgänger in der Zeitung „Prométhé“, die -französische Gefangene in Spandau herausgaben und die heute zu den -gesuchtesten Seltenheiten zählt. - -[Abbildung: ~Abb. 106. F. Jüttner: Wilson will nicht.~ - -~(Lustige Blätter, Berlin.)~] - -[Abbildung: ~=Die kranke Marianne.=~ - -~„Sie leiden an der Englischen Krankheit, Madame; ich habe Ihnen hier -ein deutsches Pulver verschrieben, das wird helfen!“~ - -~Abb. 107. Arnold: Deutsche Feldpostkarte aus Lille.~] - -Es gibt nur #ein# Land, dessen Presse Frankreich im Deutschenhaß zu -überbieten suchte, und das ist Italien. Ist man doch dort so weit -gegangen, zu dem Zwecke Deutschland und Österreich zu bekämpfen und -Italien zum Kriege gegen seine Verbündeten zu hetzen, #eigens# -Witzblätter zu #gründen#. „Il Numero“ ist ein solches Erzeugnis des -Krieges, dem die Aufgabe zufiel, die Leidenschaften gegen die -italienische Neutralität und die Zentralmächte, vor allen Dingen gegen -Österreich, zu schüren. Von den italienischen Witzblättern steht -künstlerisch dieser „Il Numero“ immerhin am höchsten. Was die andern -leisten, ist unsagbar trostlos. Auch das Blatt des italienischen Klerus -„Il Mulo“, das in Bologna erscheint und wohl so ziemlich das einzige -ist, das nicht deutschfeindlich auftritt, sondern eher noch eine dem -deutschen Reiche gegenüber freundliche Absicht verfolgt, besitzt unter -seinen Zeichnern #nicht einen#, der auch nur den geringsten Ansprüchen, -die man an einen Karikaturisten stellen muß, gerecht wird. Immerhin soll -ausdrücklich anerkannt werden, daß der italienische Klerus hier ein -Blatt geschaffen hat, das wenigstens das verbündete Deutschland und -Österreich nicht angreift. „Il Mulo“ kämpft wie „Bastone“ „gegen -französische Freimaurerei und englischen Krämergeist“. Ein -doppelseitiger Karton in der Weihnachtsnummer richtete sich sogar -ausdrücklich gegen Frankreich, weil es sich mit dem Waffenstillstand -während der Weihnachtsfeiertage nicht einverstanden erklärt hatte. - -[Abbildung: ~Abb. 108. Rich. Rost: Im Dreadnought-Lazarett in Malta.~ - -~(Jugend, München.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 109. Max Richter: Der Saisontanz 1914/15.~ - -~(Ulk, Berlin.)~] - -Ganz besonders arbeitet das Witzblatt „Asino“ gegen die beiden Kaiser -der Zentralmächte; es ist auch nicht einmal andeutungsweise möglich, den -Inhalt der Schmähbilder, die ein gewisser #Rata Langa# verbrochen hat, -wiederzugeben. Die Existenz eines solchen Blattes wäre in Deutschland -unmöglich, selbst wenn es sich nur gegen die Feinde richtete. Das, was -„L’Asino“ bietet, stellt den tiefsten Grad von Verleumdung und Lügen -dar, der denkbar ist. Dabei sprüht in dem ganzen Blatt kein Funke von -Humor auf, der #vielleicht# noch mit einem oder dem andern der -„Scherze“ versöhnen würde. Allerdings hat ja gerade Italien nie Überfluß -an Witz besessen. Vielleicht sind auch diese Exzesse wüster -Geschmacklosigkeit auf metallische Händedrücke der Alliierten -zurückzuführen. Eine besondere Rubrik ~„Tedescherie“~ verzeichnet -Schandtaten der Deutschen, gegen welche jene in französischen Blättern -beinahe als sanft bezeichnet werden müssen. Die meist in Grün und mit -starkem Rot gedruckten Abbildungen haben schon äußerlich etwas -Blutrünstiges. Abbildung 82 gibt eine der zahmsten wieder. Den Höhepunkt -der Gemeinheit erreichte das Blatt in seiner Weihnachtsnummer, wo es -unter dem Titel ~„Il Natale Tedesco“~ einen betrunkenen deutschen -Soldaten zeigt, wie er mit seinem Bajonett das Jesuskind aufspießt, -während ein anderer die Mutter Maria ermordet, ein dritter den heiligen -Josef erwürgt und zwei andere den Esel seiner Habe berauben! - -[Abbildung: ~Abb. 110. Bülow: „Lieber Freund, hier bin ich!“ Salandra: -„Einen Augenblick! Sieh dir mal erst ein wenig meinen Kopfschmuck an!“~ - -~(Il Punto.)~] - -Das bereits erwähnte neue satirische Wochenblatt „Il Numero“ steht, wie -schon gesagt, künstlerisch wesentlich höher. Eine ganze Reihe -geschickter Zeichner arbeiten dafür. Die Nummern, die zehn Centesimi -kosten, haben oft einheitlichen, geschlossenen Inhalt; so wendet sich -beispielsweise ein Heft gegen die Schweiz, die angeblich ihre -Neutralität in allzu deutschfreundlichem Sinne ausgenutzt hat. Auch der -42 ~cm~-Mörser spielt in diesem Blatte eine große Rolle, wie in der -Zeichnung „Der Gleichmacher“ von Nirsoli (Abb. 36). Cadorin zeichnet die -kommende Hagia Sofia in Konstantinopel (Abb. 91). Ein anderer Künstler, -Scarpelli (~scarpe~ = Schuhe; daher die Signatur links unten) zeigt den -deutschen Kaiser, wie er das durch die Neutralität „gefesselte“ Italien -mit der Türkei schreckte (Abb. 93). Zu den zahlreichen Blättern gegen -den österreichischen Kaiser gehört eine Zeichnung von Nasika ~„La Bocca -del Cattaro“~, ein Ausdruck der Freude über die Beschießung dieses -süddalmatinischen Hafens durch die französische Marine, die ja übrigens -recht trostlos verlief und an jenen berühmten „Sieg“ der Franzosen bei -der Beschießung des Leuchtturmes Pelagosa erinnert; damals bestand die -Beute aus den Unterhosen des Leuchtturmwächters, zwei alten Hennen, -dreißig jungen Hühnern, zwei Tauben, einer Ziege, einem Kanarienvogel -und einem halben Hektoliter Wein, die alle von den französischen -Matrosen mitgeschleppt wurden. -- Daß auch die italienischen Zeitungen -den Krieg in Gestalt von Karikaturen verarbeiten, zeigt Abbildung 110; -auch in dieser kurz vor Eintritt Italiens in den Krieg erschienenen -Zeichnung kommt bereits die deutschfeindliche Tendenz zum beredten -Ausdruck. - -[Abbildung: ~Abb. 111. Grandjouan: Bulgariens Entscheidung.~ - -~L’Europe: „Que veux-tu, enfant terrible, du halva turc ou du caviar -russe?“~ - -~Ferdinand: „Ah, maman Europe, comme j’aime la Macédoine!“~ - -~(Europa: „Was willst du, schreckliches Kind, türkischen Honig oder -russischen Kaviar?“ Ferdinand: „Oh, Mama Europa, ich liebe -Balkan-Allerlei!“ Macédoine bedeutet im Französischen sowohl Macedonien, -wie auch ein Gericht von allerlei Gemüsen oder Früchten.)~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -Seit dem Herbste 1915 ist aber Italien unzufrieden, auch mit seinen -neuen Verbündeten. Die Ereignisse überstürzen sich, besonders auf dem -Balkan! Rumänien, das früher schwankte (Abb. 113), will, wie -Griechenland, seine Neutralität wahren und nicht mitmachen, Bulgarien -hat seine Entscheidung getroffen und sich den Zentralmächten -angeschlossen, weil es, seine Interessen richtig erkennend, sich nicht -an ein abwärts rollendes Rad binden wollte (Abb. 111). Schon vor Monaten -hat #Jordaan# im „Notenkraker“ gezeigt, wo man England an der Gurgel -packen muß (Abb. 27). - -[Abbildung: ~Abb. 112. Britisches Phlegma. „Ich möchte den Herrn General -bitten, statt des Stacheldrahtes einen einfachen Zaun anlegen zu lassen, -damit unsere Fußbälle nicht leiden.“~ - -~(Careta, Rio de Janeiro.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 113. Mad-Odessa: Das schwankende Rumänien.~ - -~(Le Rire Rouge, Paris.)~] - -[Abbildung: ~Abb. 114. Die große Schlacht. Napoleon: „Herrlich, wie sich -unsre Truppen verteidigen.“ Moltke: „Und unsre sich schlagen.“ Bismarck: -„Fast noch besser als zu unsrer Zeit.“~ - -~(Campana de Gracia, Barcelona.)~] - -Kein Wunder, daß der „Figaro“ schon im Oktober 1915 jammert: „Wenn die -Deutschen in Konstantinopel einrücken, wenn sie weiter die große -Handelsstraße von der Elbmündung zur Mündung des Euphrat und Tigris -eröffnen, dann ist es um die englische Weltherrschaft geschehen. Das -#ganze großartige Gebäude des britischen Reiches wird dann bis in seine -Fundamente ins Wanken gebracht#, von Zypern bis nach Ceylon, vom Nil bis -zum Ganges. Aber wenn die bepickelhaubten Hyperboreer und ihr Kaiser den -Bosporus erreichen, so bedeutet das auch #das Ende des russischen -Reiches#. Es ist desgleichen zu Ende mit der Bestrebungen Italiens in -der Levante, die sie als Erbe der Cäsaren überkommen haben. Alles, was -Italien dann zu tun hat, beschränkt sich darauf, wieder einmal wie zu -Dantes Zeit, die Herberge des Volkes von vorwitzigen Altertumskrämern -und teutonischen Hochzeitsreisenden zu sein (!), während zur selben Zeit -germanische Eisenbahnlinien über die alten Römerstraßen laufen, östlich -von der Adria wie im Asien des Lukullus und Pompejus.“ - -[Abbildung: ~Abb. 115. Saturn zur Erde: Anfänger!!~ - -~Amerikanische Karikatur.~] - - - - - Jeder Sammler oder Kunstfreund gebe seine Adresse der - Verlagsbuchhandlung E. A. 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Seemann in Leipzig - - Auch briefliche Anfragen werden gern eingehend beantwortet - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - - Abb. 100: Das Witzblatt hieß “Il 420”, nicht “Il - 42°”. - - Abhängig von der benutzten Hard- und Software werden möglicherweise - nicht alle Elemente dieses Textes richtig zu sehen sein. - - - Durchgeführte Änderungen: - - Klare Fehler in Rechtschreibung, Interpunktion usw. sind - stillschweigend korrigiert worden. - - Originaltext: Korrigierter Text: - Bernald Partridge Bernard Partridge - De nieuwe Dod De nieuwe Dood - Elsevir Elsevier - Allierten Alliierten - G. Miles Forman J. Miles Forman - Zoon cultuur Zoo’n cultuur - Harri Grant Dart Harry Grant Dart - Trésorieur-Payeur Trésorier-Payeur - Ca ne sent pas bon Ça ne sent pas bon - Irving Irvin - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Karikatur im Weltkriege, by Ernst Schulz-Besser - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KARIKATUR IM WELTKRIEGE *** - -***** This file should be named 52299-0.txt or 52299-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/2/2/9/52299/ - -Produced by Peter Becker, Harry Lamé and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This -file was produced from images generously made available -by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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