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-Project Gutenberg's Die Karikatur im Weltkriege, by Ernst Schulz-Besser
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
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-
-Title: Die Karikatur im Weltkriege
-
-Author: Ernst Schulz-Besser
-
-Release Date: June 10, 2016 [EBook #52299]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KARIKATUR IM WELTKRIEGE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker, Harry Lamé and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
-file was produced from images generously made available
-by The Internet Archive)
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-Anmerkungen zur Transkription
-
- Dieser Text: Originalwerk:
- _Text_ Kursivdruck
- =Text= Fettdruck
- #Text# Gesperrter Text
- ~Text~ Antiqua (Der Rest des Originaltextes wurde in Fraktur
- gedruckt.)
-
-Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende dieses Textes.
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-
- Die Karikatur
- im Weltkriege
-
-
- Mit Genehmigung des Polizeiamtes der Stadt Leipzig
- Abteilung für Presse-Angelegenheiten
-
-
- Die
- Karikatur im Weltkriege
-
- von
-
- Ernst Schulz-Besser
-
- Mit 115 Abbildungen
-
- [Abbildung]
-
- Verlag von E. A Seemann / Leipzig
-
-
-Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
-
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-
-[Abbildung: ~Abb. 1. Johan Braakensiek: Hoheit dürfen nicht ohne Gefolge
-reisen!~
-
-~Holländische Karikatur, unmittelbar nach Ausbruch des Krieges
-erschienen.~]
-
-
-Wenn irgend etwas, so spiegelt die Karikatur die Empfindungen der
-verschiedenen Völker, ihre Zuneigungen oder Abneigungen, die ganze
-Stufenleiter ihrer Gefühle wider. Es ist eine alte Wahrheit, daß die
-Kultur oder oft besser gesagt -- die Unkultur nirgends packender zum
-Ausdruck kommt als im Spottbilde. An der Hand der Karikaturen können wir
-nicht nur die Stimmung in den feindlichen Ländern verfolgen, sondern
-auch die schwankenden Anschauungen in „Neutralien“ kennen lernen, wo
-Freunde und Feinde der Zentralmächte vereinigt leben. So kommt es, daß
-sich auch in der Karikatur das Drama „Weltkrieg“ abspielt, das alle ohne
-Ausnahme in Mitleidenschaft gezogen hat und jedes Land zu irgendeiner
-Rolle zwingt. Denn immer geringer werden die bloßen Zuschauer. Die
-bedeutenderen Zeichner aller Völker greifen tätig in die gewaltigste
-Bewegung ein, die je eine Zeit erfüllt hat.
-
-Schon der letzte große Krieg, den das Deutsche Reich schlagen mußte, der
-von 1870/71, hatte eine Fülle von Karikaturen im Gefolge. Namentlich das
-besiegte Frankreich stellte eine große Masse von Spottbildern her, die
-sich mehr durch Schamlosigkeit und Roheit, als durch künstlerische Werte
-auszeichneten. Der damals schon 60 Jahre alte Honoré Daumier war mit
-immer noch recht beachtenswerten Leistungen vertreten. Es ergibt sich
-eine schier unübersehbare Menge von vielen Zehntausenden von Karikaturen
-über Personen und Dinge des deutsch-französischen Krieges. Zwar vermögen
-uns -- mit wenigen Ausnahmen -- diese satirischen Kleinkünste (auch die
-deutschen) ästhetisch ebensowenig zu befriedigen wie die deutschen
-Schlachtengemälde des siebziger Krieges, doch als geschichtliche und
-kulturgeschichtliche Dokumente sind sie uns wert, als Erinnerung an eine
-große Zeit. Heute hat es der Künstler der Gegenwart, der mit ins Feld
-hinauszieht, um Studien zu machen, bedeutend schwerer als seine Kollegen
-von 1870. Erstens haben sich unsere Kunstanschauungen gewandelt und zwar
-gründlich, dann aber sieht sich jetzt der Zeichner bei der modernen
-Gefechtsweise vor eine ungleich schwierigere Aufgabe gestellt als seine
-Vorgänger von damals, wenn er dem Erleben sinnlichen Ausdruck geben
-will.
-
-Eine sehr umfangreiche Sammlung von Karikaturen aus der Zeit des
-siebziger Krieges besitzt die Berliner Königliche Bibliothek, die auch
-diesmal neben anderen Instituten und zahlreichen Privaten die
-Veröffentlichungen über den Weltkrieg eifrig sammelt. Durchaus nicht
-alles, was erscheint, ist literarisch und künstlerisch bedeutsam, aber
-echte Sammler heben diese Dinge auf, auch das Kleinste und
-Unscheinbarste, als vergängliche Zeugnisse einer ungeheuer großen Zeit,
-mit der ein neuer Abschnitt der Weltgeschichte beginnt.
-
-[Abbildung: ~Abb. 2. Nicholas Haz: Die Armee der Zivilisation.~
-
-~(The Fatherland, New York.)~]
-
-Wie verhältnismäßig leicht hatten es die Sammlungen und Sammler der
-siebziger Jahre -- trotz der Fülle des Erschienenen -- gegen die unserer
-Tage! Zwar in Frankreich ist unter dem Druck der gewaltigen Ereignisse
-der Born der Satire zunächst nur langsam geflossen, die Künstler des
-Humors und Witzes hatten das Lachen verlernt, oder es war zur Grimasse
-geworden. Aber die andern Länder, vor allem Deutschland, wetzten diese
-Scharte überreichlich aus. Gerade weil es niemand, auch den öffentlichen
-Sammlungen nicht, gelingen wird, eine auch nur annähernde
-Vollständigkeit zu erreichen, bietet sich dem einzelnen hier ein
-fruchtbares Feld. Aber es heißt, rasch zugreifen. Schon sind manche
-Einblattdrucke und Gelegenheitszeitungen außerordentlich selten.
-
-[Abbildung: ~Abb. 3. Japanische Karikatur aus Tokio. (Stellungskrieg
-Winter 1914.)~
-
-~„Auf dem europäischen Kriegsschauplatze ist jetzt nicht viel Tätigkeit
-zu bemerken, kein Wunder: beide Teile sind eingefroren. Sie scheinen der
-aufgehenden Sonne (Japan) zum Auftauen zu benötigen.“~]
-
-Ein trefflicher Maßstab für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines
-Landes ist seine Fachpresse; ihr Fortbestehen während der Kriegszeit
-kennzeichnet am besten die Widerstandskraft eines Reiches. In Frankreich
-haben viele wissenschaftliche Zeitschriften ihr Erscheinen im Sommer
-1914 eingestellt und fehlen zum Teil noch heute. Die großen
-Tageszeitungen kommen auch jetzt noch in sehr verringertem Umfange
-heraus, während in England und in Deutschland fast die gesamte Presse
-ohne Unterbrechungen und Kürzungen erscheint und außerdem eine große
-Reihe neuer fortlaufender Veröffentlichungen entstanden ist. Auch das
-ist ein Zeichen deutscher Kraft und Überlegenheit. Ja, es ist der Fülle
-des Guten bei uns etwas reichlich viel geworden! Schon im November 1914
-klagten die Buchhändler darüber, daß jeder Verleger sich verpflichtet
-fühle, eine Kriegsgeschichte herauszugeben, und daß es ihnen unmöglich
-sei, allen Wünschen um Verwendung für diesen reichen Segen nachkommen zu
-können. Waren doch schon in den ersten Wochen mehrere Dutzend
-Kriegs-Chroniken in Lieferungen angezeigt worden!
-
-Selbst in den ernstesten Zeiten ist Witz und Satire nicht zu bannen;
-auch während dieses fürchterlichen Völkerringens lassen sich heitere
-Augenblicksbilder nicht ausschalten. Und schließlich, halten wir uns
-doch immer vor Augen: wirklicher Humor ist nur bei sittlich reifen und
-wahrhaft ernsten Menschen zu finden. Es wäre ja auch schlimm bestellt,
-wenn den vielen Millionen, deren Nerven jetzt aufs äußerste in Anspruch
-genommen werden, der Sinn für den Scherz verloren ginge! Die Karikatur
-ist eben eine Großmacht. Ein gut gezeichnetes Blatt prägt sich dem
-Gedächtnis weit stärker ein als der schönste Leitartikel, und manche
-Blätter können sogar erzieherisch wirken! Aber der Humor leistet noch
-mehr: er hilft den Kampf gewinnen. „Ich habe hier draußen die Erfahrung
-gemacht“, schreibt der Tübinger Nationalökonom Professor Robert
-Wilbrandt als Ortskommandant von La Roche bei Longwy an den
-„Kladderadatsch“, „wie wohltuend der Humor aus der Heimat uns ist,
-gerade jetzt in diesem einzigen Kampf, wo er jubelnd erklingt, wo er so
-ganz andere Objekte und so viel Grund hat zum Lachen. Für mich und
-meinen Zug habe ich durch Bestellung gesorgt; das zirkuliert dann noch
-weiter. Aber was bedeutet das gegenüber dem Bedürfnis; an der Front ist
-es gewiß noch viel stärker als hier beim friedlichen Landsturm. Eine
-nationale Mission ist zu erfüllen. Der Humor schlägt Schlachten. Im
-feuchten Schützenloch hilft er mit. Witzblätter an die Front! Das ist
-meine Bitte an Herausgeber, Stifter, Vereine, Liebesgabenspender. Möge
-Ihr Blatt diese Bitte beherzigen, unterstützen und verbreiten!“
-
-Dem „Kladderadatsch“, der in den annähernd siebenzig Jahren seines
-Bestehens immer und fast ausschließlich die politische Satire pflegte
-und über einen ausgezeichneten Stab von Mitarbeitern, vor allem auch
-unter seinen Zeichnern, verfügt, war es nicht schwer, der begeisterten
-Erhebung der Deutschen Ausdruck in Wort und Bild zu verleihen. Von
-#Gustav Brandt#, dem Schüler der Düsseldorfer und Berliner Akademie,
-rührt seit Jahrzehnten das künstlerisch Feinste und Wichtigste her, das
-der „Kladderadatsch“ gebracht hat. Weltbekannt sind seine Porträts
-berühmter Zeitgenossen, denen er jetzt unter anderm das Bildnis des
-eigentlichen Urhebers des ganzen Krieges hinzugefügt hat (Abb. 4). „Wie
-dem Kothurnschritt der alten Tragödie das leichte Satyrspiel folgte, so
-hat der Ernst der Geschichte, so hat der Ernst des Lebens immer den
-Humor und den Witz zur Seite gehabt, denn nur durch diese Begleitschaft
-wird der Ernst des Lebens uns erträglich gemacht. Es ist dies die
-idealere Seite unserer Witzblätter, wenn sie ihre Aufgabe richtig
-verstehen,“ schrieb er beim Erscheinen der ersten Kriegsnummer. Aber
-auch die andern deutschen Witzblätter, und selbst solche, die vorwiegend
-die gesellschaftliche Satire behandeln, nahmen rasch eine Neuordnung
-vor. Die Themen, die noch im Juli 1914 die Hauptsache bildeten,
-versanken vor größeren Aufgaben. Die Klänge des ~Two-Steps~ übertönte
-das Summen der 42er Brummer, und der Tango ging in den masurischen
-Sümpfen mit unter.
-
-Selbst deutsche Witzblätter, die sich sonst von der Politik vollständig
-fernhielten, haben sich den veränderten Verhältnissen fügen müssen und
-bringen nun auch Kriegswitze und Kriegskarikaturen. In den „Meggendorfer
-Blättern“ finden sich recht hübsche Illustrationen von tüchtigen
-Zeichnern. In den „Fliegenden Blättern“ ist ebenfalls der sonst den
-Schwiegermüttern, zerstreuten Professoren, Dackeln und stehengebliebenen
-Regenschirmen geweihte Raum teilweise mit netten, stubenreinen Witzen,
-die sich in irgendeiner Weise mit dem Weltkrieg beschäftigen, angefüllt.
-
-[Abbildung: ~Abb. 4. Gustav Brandt: „Eduard VIII.“ von England, der Mann
-ohne Gewissen.~
-
-~Karikatur auf den unmittelbaren Urheber des Krieges, den englischen
-Minister des Auswärtigen Edward Grey. (Kladderadatsch.)~]
-
-Und dabei sind die besten Scherze die ungewollten. Man denkt da an jene
-alte Frau, die auf die Frage, wie es ihrem Sohn ginge, glückselig
-antwortete: „Ja, zuerst hat er es sehr schwer gehabt, da hatte er wenig
-Ruhe, aber jetzt kann er in einemfort schlafen.“ Sie hatte die Worte „in
-einem Fort“ mißverstanden. -- Als das (falsche) Gerücht am Anfang des
-Krieges verbreitet war, die Franzosen hätten durch Spione im Elsaß die
-Brunnen durch Cholerabazillen vergiften lassen, erzählte es ein biederer
-Sachse seinem Freunde auf der elektrischen Bahn. Er sprach aber immer
-nur von „Cholera-Pillen“, die die Franzosen ins Wasser geworfen hätten
-(da war es natürlich kein Wunder, daß die #Abführung# so rasch
-erfolgte!).
-
-Außerordentlich groß war der Absatz, den die führenden deutschen
-Witzblätter fanden. Der „Kladderadatsch“ mußte einzelne Nummern
-#siebenmal# neu drucken lassen, „Lustige Blätter“, „Ulk“, „Jugend“ und
-„Der wahre Jakob“ konnten ihre Gesamtauflagen wesentlich erhöhen.
-#Solche# Zeitschriften wirken aufklärend im Auslande, denn der vom
-Feinde irregeführte Neutrale wird sich sagen, wer so zu lachen vermag,
-der kann nicht, wie man mir einreden will, geschlagen am Boden liegen.
-Auch der neu entstandene „Brummer“ hatte großen Erfolg. Und die
-verwöhntere Ansprüche befriedigenden Nummern der „Kriegszeit“ aus dem
-Verlage von Paul Cassirer in Berlin, in denen Führer der deutschen
-Griffelkunst wie Max Liebermann und August Gaul dem Geiste der Zeit
-künstlerischen Ausdruck gaben, fanden weit über den Kreis der
-eigentlichen Graphiksammler hinaus zahlreiche Freunde. Ganz erstaunlich
-aber war der Umsatz in Postkarten; ein einziger Berliner Verlag
-verkaufte von Ansichtskarten mit Karikaturen in einer Woche dreiviertel
-Millionen!
-
-[Abbildung: ~Abb. 5. Ricardo Marin: Der Geist Hamlets.~
-
-~„Sein oder Nichtsein ist die Frage“.~
-
-~(Nuevo Mundo, Madrid.)~]
-
-Der Weltkrieg hat mit vielem Morschen und Kranken aufgeräumt und
-reinigend gewirkt, er hat aber auch einen massenweisen Auftrieb von
-allerhand Schund zur Folge gehabt, der stets von neuem zeigt, wie
-gering das Verständnis für ein so gewaltiges Ereignis noch immer in
-manchen Köpfen ist. Was allein auf kunstgewerblichem Gebiete, wenn man
-den Ausdruck kunstgewerblich für diese Machwerke überhaupt anwenden
-kann, an Greueln geschaffen worden ist, spottet jeder Beschreibung. Es
-genügt hier, flüchtig an die 42 ~cm~-Mörser-Schirmständer, an
-schwarz-weiß-rote Kinderbälle mit der Aufschrift „Ich kenne keine
-Parteien mehr“, an die Krawatten mit „Gott strafe England“, an die
-Granatsplitter als Vorstecknadeln und die Hindenburg-Schnupftücher zu
-erinnern (die ja auch in das Gebiet der Karikatur fallen, wenn auch in
-das der unfreiwilligen), um sich all diesen Unrat ins Gedächtnis zu
-rufen. Das Kgl. Landesgewerbemuseum in Stuttgart vereinigt in
-seiner Sammlung der Geschmacksverirrungen die Erzeugnisse jenes
-After-Kunstgewerbes, das, auf den Ungeschmack der Menge rechnend, den
-Patriotismus durch Massenerzeugung allerlei kriegsaktueller Attrappen
-und Surrogatscherze ausbeutet. Leider haben ja auch, wie die letzte
-Leipziger Messe zeigte, selbst altehrwürdige und unabhängige
-Porzellanmanufakturen sich von der Mode hinreißen lassen und dem
-Geschmack der breiten Masse Rechnung getragen. Hier zeigt sich, daß der
-Krieg das ästhetische Gefühl oft sehr ungünstig beeinflußt. Auch vor den
-Millionen von Kriegsgedichten packt weite Kreise allmählich ein
-wachsender Überdruß. Man hat es schließlich satt, noch weiter
-akademischen Stilübungen offizieller und inoffizieller Dichter zu
-lauschen. Reime wie Rote Hosen und Franzosen, Serben und Sterben,
-Brummer und Kummer, Japs und Klaps sind in Mißkredit gekommen, sodaß man
-sie kaum noch beachtet. Selbst der Reim French auf Mensch, für den es
-bisher keinen gab, (schon Grabbe sagt: „Warum sind Mensch und Jungfrau
-ungereimte Worte?“), hat allmählich an Wert verloren (die Dichter müßten
-eigentlich French für sein Erscheinen auf den Knien danken). Auch Joffre
-und Koffer ist nachgerade abgeschmackt geworden und es ist noch ein
-Glück für den französischen General, daß er nicht Jaffre heißt. Und
-was von den poetischen Gaben gesagt wird, trifft auch auf die
-Karikaturen zu. Das Kriegsbild, und nicht zum wenigsten die
-Kriegskarikatur, beherrscht die Stunde, aber es ist beileibe nicht immer
-ein angenehmes Herrschertum.
-
-[Abbildung: ~Abb. 6. P. van der Heem: Italiens Lage. Die Versuchung des
-heiligen Antonius.~
-
-~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-Der jetzige Krieg ist etwas so Gewaltiges, die militärischen Leistungen
-auf deutscher Seite sind so über jedes Lob erhaben, daß sie in der
-Dichtkunst ebensowenig wie in der bildenden Kunst jemals völlig
-verarbeitet werden können. Was er uns bisher gebracht hat, ist weder
-eine neue, noch eine besonders eigenartige Kunst. Eher darf man
-behaupten, daß er durch viele Tausende von flachen und minderwertigen
-Dingen kunstvernichtend gewirkt hat. Was von den „Mundbarbaren“ gilt,
-trifft zu einem großen Teile auch auf die „Barbaren des Griffels“ zu. Da
-sind beispielsweise die sehr unerfreulichen Schützengrabenwitze und
--Illustrationen. Wollte man den Zeichnern glauben, so lebte es sich dort
-wie in einer Laubenkolonie. Unwahrhaftigkeit ist es, was so viele Bilder
-unverdaulich macht. Vielfach stört auch die allzu häufige Wiederholung
-des gleichen Vorwurfs, das ständige Wiedererscheinen der gleichen Typen,
-wie bei dem als Porträtmaler sonst geschätzten Ernst #Heilemann#. Hin
-und wieder gelingt ihm aber auch ein originelles Blatt, wie die
-internationale Völkerschau unserer Gefangenen, die in größerem Formate
-und mit der Unterschrift ~„Quelques champions de la civilisation, de la
-liberté et du progrès“~ in Belgien angeschlagen wird, damit die Belgier
-ihre verbündeten Kulturträger: Neger, Hottentotten, Menschenfresser und
-andere Gentlemen stets vor Augen haben. Diese farbige Zeichnung ist auch
-als Postkarte mit französischem Texte vom deutschen Großen Hauptquartier
-im Westen verschickt worden. Aber auch dieses Thema ist in witzigerer
-Art in einer Karikatur behandelt worden, die ~„The Fatherland“~ brachte,
-jenes in englischer Sprache in Nordamerika von Deutsch-Amerikanern
-herausgegebene Blatt, das die deutschen Interessen in den Vereinigten
-Staaten durch Aufklärung der englisch denkenden Amerikaner fördern hilft
-(Abb. 2). Auch die Figuren von #Heinrich Zille# sehen immer gleich aus.
-Diese französischen Weiber und Kinder scheinen ganz frisch aus Berlin
-~O~ importiert zu sein, mit dem einzigen Unterschied, daß die ersteren
-nicht, wie sonst bei Zille, den man den „Meister der schwangeren Frauen“
-nennen könnte, fortgesetzt in anderen Umständen herumlaufen (womit er
-wohl diskret den Geburtenrückgang in Frankreich andeuten will.)
-
-[Abbildung: ~Abb. 7. A. Johnson: Maßregeln gegen die Deutschen in
-England.~
-
-~Koburger im Konzentrationslager. (Kladderadatsch.)~]
-
-[Abbildung: ~Wir schlagen vor, die noch in Deutschland befindlichen
-Japaner in den Zoologischen Gärten aufzubewahren.
-
-Auf den Protest beleidigter Schimpansen kann keine Rücksicht genommen
-werden!~
-
-~Abb. 8. Olaf Gulbransson: Da gehören sie hin!~
-
-~(Simplicissimus.)~]
-
-Glücklicherweise gibt es aber auch in Deutschland Karikaturisten, die
-sich mit den allerbesten anderer Länder messen können. An erster Stelle
-steht wieder mit Leistungen, die auch künstlerisch voll befriedigen, der
-„Simplicissimus“, und hier besonders der Skandinavier #Olaf
-Gulbransson#, der ja seit langen Jahren ganz zu uns Deutschen gehört.
-Neben seinem engeren Kollegen #Th. Th. Heine# und neben #G. Brandt# und
-#A. Johnson# vom „Kladderadatsch“ marschiert er an der Spitze der
-zeitgenössischen deutschen Karikaturenzeichner. Wollte man ihm gerecht
-werden, so müßte man schlechtweg seine sämtlichen Arbeiten im
-„Simplicissimus“ nennen, denn #gelungen# sind sie alle. Wie glänzend
-weiß er seine Helden zu charakterisieren, ohne durch gewaltsame
-Verzerrung Grotesken zu schaffen! In seiner Hand ist die Karikatur nicht
-nur im etymologischen Sinne des Wortes „Übertreibung“, hier wird sie
-zu einer großartigen politischen Satire. Man betrachte seine beiden
-Zeichnungen gegen die Japaner (Abb. 8 u. 9). Ist hier nicht restlos die
-Stimmung wiedergegeben, die alle Kreise unseres Landes gegen das Volk
-erfaßte, das Kiautschou raubte? Auch andere Zeichner haben (es war ja
-sehr billig) die Japse als Affen dargestellt, in allen Zeichnungen
-traten sie als Vierhänder auf, aber niemandem ist das mit solch
-raffinierter Beschränkung in den künstlerischen Mitteln gelungen wie
-Gulbransson. Durch den Nachsatz „Auf den Protest beleidigter
-Schimpansen kann keine Rücksicht genommen werden!“ erhält das Bild erst
-die richtige Wucht: also noch #unter# die Affen werden die Japaner
-gestellt! Wie köstlich ist der beleidigte Schimpanse! Der Künstler
-drückt damit denselben Gedanken aus, den die „Jugend“ in die Worte
-kleidete: „Die Japaner haben den Augenblick, da Deutschland mit vier
-Staaten zugleich Krieg führt, dazu benutzt, ihm Kiautschou zu stehlen.
-Damit sind sie vom Niveau anständiger Makaken auf die Stufe von
-Engländern herabgesunken!“ Aber nicht bloß als Quadrumanen zeigt uns
-Gulbransson die Japaner; er ist auch der einzige, der noch eine andere
-Lösung fand, dem Haß gegen den englischen Helfershelfer bildlichen
-Ausdruck zu geben: in der Zeichnung „Die Wacht in Kiautschou“, wo die
-Mongolen den wie ein einsamer Fels stehenden deutschen Ritter als
-unzählige Wellenköpfe umbranden, um schließlich, allein durch ihre
-Masse, über ihn zu triumphieren. Reine Freude gewährt auch seine
-„Alpenwacht“ in der Italiennummer, wo auf gelbem Hintergrunde sich der
-deutsche Reichsaar und der österreichische Doppeladler mit kraftvollem
-Schwarz massig und gewaltig abheben, während in der Ferne das
-Diminutivum eines Italieners erscheint, nur aus einem großen Maule
-bestehend: „Und der will uns etwas anhaben, der ist ja nur auf Singvögel
-eingeschossen.“ Mit einfachen Mitteln ist hier eine große Wirkung
-erreicht. Dieses Blatt ist durch die flächige Behandlung auch dekorativ
-sehr wirkungsvoll. Ausgezeichnet sind ferner die Beiträge von #Ragnvald
-Blix# im „Simplicissimus“. Neben dem Schweden Gulbransson ist dieser
-Norweger eine der größten Begabungen, die in Deutschland arbeiten. Seine
-reiche Phantasie weiß die Persönlichkeiten, die er sich vornimmt,
-außerordentlich witzig zu charakterisieren. Hier braucht nur an seine
-famose Karikatur „An der Ostfront“ erinnert zu werden: „Ganghofer ist da
--- der Sturm kann beginnen.“ Nur wenige wissen, daß Blix noch vor
-einigen Jahren viel für französische Zeitungen, unter anderen auch für
-~„Le Rire“~ und ~„Le Journal“~ gezeichnet hat. Er wurde bekannt durch
-eine Serie Karikaturen auf klassische Gemälde, die zuerst als Sammlung
-~„Le voile tombe“~ 1908 herauskam und auch deutsch im gleichen Jahre
-unter dem Titel „Nach alten Meistern“ erschien.
-
-[Abbildung: ~Abb. 9. Olaf Gulbransson: Deutsche Wacht in Kiautschou.~
-
-~(Simplicissimus.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 10. Die Zentralmächte und Rußland.~
-
-~Russische Karikatur aus d. Nowoje Wremja, St. Petersburg.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 11. Die unparteiischen Kriegskorrespondenten.~
-
-~Björn Björnson empfängt seine Instruktionen vom Reichskanzler Bethmann
-Hollweg, Franz von Jessen von General Joffre.~
-
-~(Klods-Hans, Kopenhagen.)~]
-
-Bei der riesigen Fülle ist es schwer, den Weizen von der Spreu zu
-sondern. Den Karikaturen des feindlichen Auslandes gegenüber muß dabei
-mit großer Weitherzigkeit begegnet werden. Zeitgeschichtliche Dokumente
-von bleibendem Wert sind auch scharfe und bissige Karikaturen des
-Feindes, sofern sie nur geistreich sind; sie haben tausendmal mehr Wert,
-als ein fader und süßlicher Kitsch, wenn er sich auch noch so
-hurrapatriotisch gebärdet. Gerade wir Deutsche als Sieger dürfen im
-Gefühl unserer überlegenen Kraft nicht zu empfindlich sein und müssen
-Humor genug besitzen, auch in der schärfsten Karikatur des Auslandes
-gegen uns den witzigen Gedanken und die künstlerische Qualität sehen zu
-können! Wenn irgendwo, so soll hier der Satz gelten: ~„Tout comprendre
-c’est tout pardonner.“~ Es wäre ein ganz falsch verstandener
-Patriotismus, alle antideutschen Karikaturen des Auslandes in Bausch und
-Bogen zu verurteilen. Bringen doch sogar die Franzosen, denen man gewiß
-keine übermäßige Objektivität nachrühmen kann, in ihren Witzblättern
-#regelmäßig# Reproduktionen deutscher Scherzbilder, die in schärfster
-Weise französische Zustände geißeln. In einer der Nummern von ~„Le
-Rire“~ vom Herbst 1915 erschien Gulbranssons englischer Löwe, den seine
-Verbündeten um Hilfe anrufen: „Was wollt ihr, das ich alles leisten
-soll! Habe ich nicht Dünkirchen und Calais besetzt?“ (Diese #deutsche#
-Satire in einem #französischen# Blatte! Das läßt doch tief blicken!) Und
-auch die Engländer haben gezeigt, daß sie Sinn für Humor besitzen, als
-sie Lissauers „Haßgesang gegen England“ (vor dessen internationaler
-Berühmtheit dem Autor jetzt selber graust) in einer, übrigens
-meisterhaften englischen Übersetzung für gemischten Chor vertont
-öffentlich im ~Royal College of Music~ zum Vortrag brachten; man denke:
-Engländer den Haßgesang gegen das eigene Land! Der Dirigent Sir Walter
-Parratt, der die Aufführung leitete, lobte in den Zeitungen den
-Enthusiasmus, mit dem der Chor die Komposition vortrug und bedauerte
-nur, daß er Lissauer kein Telegramm über den großen Erfolg senden
-konnte. Der Haßgesang kommt ja bei uns in Deutschland allmählich aus der
-Mode. Kurz nach seiner Entstehung wurde er als Lied eines bayrischen
-Soldaten im bayrischen Heere verbreitet (darauf bezieht sich Abb. 12 aus
-dem ~„Punch“~); jetzt warnt das bayrische Unterrichtsministerium vor der
-Pflege des Hasses in den Schulen und wünscht die Ausmerzung des
-Haßgesanges aus den Lesebüchern, in denen er Aufnahme gefunden hat. Ein
-gerechter Krieg bedarf keinerlei Anstachelung durch Haßgesänge!
-
-[Abbildung: ~Abb. 12. Geo. Morrow: Der Haßgesang.~
-
-~(Punch, London, Dezember 1914.)~]
-
-[Abbildung:
-
- ~„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
- Sind ihre Kräfte nicht die meine?
- Ich renne zu und bin ein rechter Mann,
- Als hätt’ ich vierundzwanzig Beine!“~
-
-~(„Faust“, 1.)~
-
-~Abb. 13. Rudolf Herrmann: Englands Wahlspruch.~
-
-~(Die Muskete, Wien.)~]
-
-[Abbildung: ~BRAVO, BELGIUM!~
-
-~Abb. 14. F. H. Townsend: Bravo, Belgien!~
-
-~(Punch, London.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 15. F. H. Townsend: Beim Barbier.~
-
-~Englische Karikatur auf die Angst vor den Deutschen. „Rasieren, mein
-Herr?“ -- „Ja -- -- das heisst: nein! Lieber doch Haarschneiden!“
-(Punch, London.)~]
-
-Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten.
-Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden,
-aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen
-worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden
-betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren
-vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß
-sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die
-niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter
-„Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit
-Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins
-Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben
-und -- abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender
-Anmerkung: ~Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun
-sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y
-réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls
-traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins,
-depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches
-de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont
-ruisselantes de gaieté -- d’une gaieté insolente, comme il convient, et
-lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et
-nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois
-que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques
-laideurs.~ Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich
-unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen
-Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen.
-Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch
-Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch
-die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das
-Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige
-Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf
-Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder
-Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und
-Heerführer hinausliefen“. -- Wie traurig muß es aber im Hirn jener
-Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer
-in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und
-doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen
-herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst
-nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die
-Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief
-eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung
-gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die
-Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten
-befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in
-geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst
-bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil
-drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann
-gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche
-Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber
-unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder,
-die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es
-wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so
-verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir
-nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich
-eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie
-hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu
-widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“
-Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht
-witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann
-diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden
-vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle
-Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur
-in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige
-Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der
-Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen,
-wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den
-„Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere
-streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend
-großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung,
-wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden #nicht#
-lustig macht. -- Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über
-russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in
-klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche ~„De moribus
-Ruthenorum“~ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen
-Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum
-weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das
-Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major,
-der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen
-Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte
-die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei.
-Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich,
-die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber
-befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem
-Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle
-atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich
-mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich
-wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot
-des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum
-keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien
-angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und
-von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. --
-
-[Abbildung:
-
- ~K is the Kaiser. (Let nobody fail
- to notice Napoleon drawn to scale.)~
-
- ~K ist der Kaiser. (Hier sieht man es klar,
- Wie klein gegen ihn doch Napoleon war.)~
-]
-
-[Abbildung:
-
- ~R’s for the Russians. I ask you to glance
- At the swarms on the gangway, alighting in France~
-
- ~(R sind die Russen. Den Blick laßt verweilen
- Auf den Schwärmen, die Frankreich zur Hilfe hier eilen.)~
-
- ~Z is a Zeppelin, right overhead --
- Isn’t it a luck to have something for Z?~
-
- ~(Z ist Zeppelin in den Wolken droben --
- Doch ein Wort für Z, darum muß man ihn loben.)~
-
-~Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.~
-
-~(Punch Almanack for 1915.)~]
-
-An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die
-Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum
-gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen
-Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß #seine#
-eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das
-dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der
-Brite“); ihm gilt ~„The Kaiser“~ als der Urheber des Krieges. Wir können
-uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den
-~„Punch“~, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich
-fast durchweg mit Wilhelm ~II.~ Er ist immer der Herrscher von Gottes
-Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das
-englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es
-sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.
-
-[Abbildung: ~ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.~
-
-~THE ANTI-ZEPPELIN BATH-CHAIR.~
-
-~Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.~
-
-~Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch,
-London.)~]
-
-Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die
-Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England
-in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte
-deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein
-furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege
-der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote
-behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen
-die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute
-ziehen es vor, darauf zu verzichten. #Raven Hill#, #Bernard Partridge#
-und vor allem der bekannteste Zeichner des ~„Punch“~, #F. H. Townsend#,
-zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen,
-als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der
-Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen
-vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend
-als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die
-französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die
-preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in
-unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als
-Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische
-König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und
-auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb:
-„Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen
-eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld
-überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit
-geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre
-die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden
-anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die
-sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig
-haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen
-Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur
-Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente
-nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum
-fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und
-Schaufenstern!“
-
-Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der
-deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren
-den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei
-beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard
-~VII.~ ~„L’Oncle de l’Europe“~ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin)
-schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in
-der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte
-nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam
-machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:
-
- „Zeigt sich Wilhelm ~II.~ in diesem Ringen als der Vorkämpfer der
- immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete
- der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen
- Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir
- im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der
- englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt
- unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun
- plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und
- nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den
- beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird
- Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich
- dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer
- Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das
- sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke
- Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen
- vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten
- der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon
- so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der
- Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere
- hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß,
- ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker
- in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die
- man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen
- sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel -- soll man ihn nun den
- guten oder bösen Onkel nennen? -- gezwungen sähe, die #japanischen#
- Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen
- Alliierten, den #Türken#, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft
- prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu
- seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen
- Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich
- die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch
- schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“
-
-So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard
-~VII.~ gesät hat, aufgegangen.
-
-In den englischen Kartons gegen Wilhelm ~II.~ steckt kein wirklicher
-Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß
-den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel
-ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den ~„Punch“~ etwa
-dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung ~Dropping the
-Pilot~ (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle
-Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag
-daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen
-Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden
-haben. In der ~„Fine Art Society“~ waren im Herbst 1914 solche
-Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des ~„Punch“~
-gegen Wilhelm ~I.~ reden eine deutliche Sprache. Der ~„Punch“~ hat jetzt
-eine Serie davon unter dem Titel ~„Punch and the Prussian Bully“~
-veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“
-(~Bully~ bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der
-Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im
-Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren
-Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint
-sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten
-dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu
-charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für
-diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von
-Townsend ~„Bravo, Belgium!“~, das in England rasch volkstümlich wurde
-(Abb. 14). -- Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf
-jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer
-Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den
-Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da
-liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt
-(nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch
-deutscher Seeleute gegen England ~„The Day“~!)
-
-[Abbildung: ~„No one can be stout with more charm than a German“~
-
-~Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als
-ein Deutscher“.~
-
-~Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.~
-
-~(Meggendorfer Blätter. München.)~]
-
-Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer
-selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas
-Versöhnendes an sich. #Harrisons# „Badestuhl“ (Abb. 19) ist ein Scherz
-auf die Zeppelinfurcht, #Townsends# Szene im Barbierladen ein solcher
-auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen (Abb. 15).
-Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch
-englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. ~„Evening Standard“~
-veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch
-sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges
-Individuum. -- „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ -- „Dann
-#entschuldigen# Sie bitte!“ -- -- Und nachdem man in England erkannte,
-daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man
-anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der
-Verbündeten. Auch #George Morrows# Geschichte von dem Kubisten ist gut,
-der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“,
-„Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“,
-„Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel
-des Interessanten enthält der ~„Punch-Almanack“~ auf 1915. In Anlehnung
-an die jedem englischen Kinde geläufigen ~„Mother Goose’s Nursery
-Rhymes“~ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser
-Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse
-vorgeführt. Da ist eine Serie ~„When William comes to London“~. Dann
-erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den
-Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz,
-Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem
-Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des
-Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie
-hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche
-Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht
-(Abb. 16, 17, 18); R eine Verspottung der Russen, die nicht in
-Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte ~„Mary
-had a little lamb“~ ist da, nur heißt sie ~„Willie had a little Wolff“~
-(das offizielle Telegraphenbureau). Dieser ~„Punch-Almanack“~ hält sich
-von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes
-zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für
-Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.
-
-#Einen# Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt:
-das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich
-erscheinende ~„Bookseller“~ nur noch monatlich herauskommt und das
-monatliche ~„Book Monthly“~ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt
-wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den
-Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen
-Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen.
-
-Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen,
-mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine
-hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie
-reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu
-den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson,
-von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine
-Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte
-Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des
-Struwwelpeter ~„Swollen Headed William“~, von der drei starke Auflagen
-in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier
-also die Anlehnung an ein berühmtes Original. (Abb. 24.)
-
-[Abbildung: ~Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.~
-
-~Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)~]
-
-~The Allies’ Alphabet~ von #Fay# und #Morrow# ist eines jener, besonders
-in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich,
-beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch
-zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch
-durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich
-teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers
-und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute,
-wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen
-von der Erde vertreibt:
-
- ~R stands for Russia: she’s proving her worth
- By telling the Germans to get off the earth~
-
- (R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert
- Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’)
-
-Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift ~„To Berlin“~ voller
-jubelnder Tommies erblicken:
-
- ~O is an omnibus, full out and in:
- It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘~
-
- (O ist ein Omnibus, voll draußen und drin,
- Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.)
-
-Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen:
-
- ~P is the part little Willie would play:
- He thinks it’s a Bona-part. What do you say?~
-
- (P ist der Part, den klein Willie erkor;
- Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es #euch# vor?)
-
-~Wicked Willie~ von #Margaret A. Rawlins# mit Illustrationen von #Gwen
-Forwood# und #Florence Holmes# geht nicht nur unter der Marke einer
-Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich
-daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der
-Verfasserin schwebte das 1871 erschienene ~„Dame Europa’s School“~ vor,
-an das sie sich nach dem Grundsatze ~Imitation is the sincerest
-flattery~ anlehnt; auch die ~„Dame Europa“~ war eine Geschichte des
-deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten
-gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden).
-Der ~Wicked Willie~ soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom
-englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die
-Nationen treten hier als Kinder (~Wicked Willie~, ~Poor Joseph~,
-~Fezzie~ [Türkei], ~Little Albert~, ~Little Helvetia~ usw.) handelnd
-auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante
-Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder
-waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger
-im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und
-klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist,
-nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule
-immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit,
-der jetzt noch anhält ...“ -- Für Erwachsene bestimmt sind trotz des
-Titels die ~Nursery Rhymes for Fighting Times~ von #Elphinstone Thorpe#,
-illustriert von #Stevens#. An der Hand altberühmter englischer Reime,
-wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die
-politischen Ereignisse satirisch behandelt:
-
- ~Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard,
- To collar a Paris bone:
- At Mons and Cambrai, British troops barred the way,
- And so the poor dog had none.~
- (Kaiser Hubbard, alt und krank
- Stürmt einen welschen Speiseschrank,
- Einen Pariser Knochen zu erhaschen.
- Bei Mons und Cambrai
- Hindern ihn Briten, o weh,
- Und so kann der arme Dackel nicht naschen.)
-
-Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. -- Ähnliche
-Absichten verfolgt ~The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery
-Rhymes for the Times~ von #George H. Powell# mit Randleisten in
-kräftiger Holzschnittmanier von #Scott Calder#.
-
-[Abbildung: ~Abb. 23. Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.~
-
-~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-[Abbildung: ~4 THE STORY OF THE INKY BOYS.~
-
- ~As he had often done before,
- For happy centuries and more,
- The wealthy English colonist
- (That stranger to the Maily Fist),
- Beneath whose skilful, kindly sway
- Our vast dominions smile each day,
- One summer morning sallied out
- To see his lands and walk about.
- And as the sun was hot, good fellow,
- He took with him his green umbrella.
- Then William, little noisy wag,
- Ran out and jeered and waved his flag;
- And Bethmann-Hollweg, smug and trim,
- Bringing his treaty shears with him;
- Bernhardi, too, snatched up his toys
- And joined the other envious boys;
- For all disliked the English race,
- And loathed this fellow's prosperous face.
- “We also want to feel the sun”;
- They said, “come, show us how it's done!
- We want a place within it, too;
- We're more deserving far than you--
- We want your place! Yah Yah! Boo Boo”!~
-
-~Abb. 24. Eine Seite (stark verkleinert) aus „The swollen-headed
-William“, der englischen politischen Struwwelpeter-Parodie.~]
-
-Auf Sven Hedins berühmtes Buch „Ein Volk in Waffen“ ist ähnlich
-ausgestattet wie die deutsche Volksausgabe eine Parodie erschienen: ~In
-Gentlest Germany by Hun Svedend. Translated from the Svengalese by E. V.
-Lucas with 45 illustrations a. 1 map by George Morrow~. Bei dem
-„Svengalesischen“ hat der Verfasser wohl auch an die bekannte Figur des
-Svengali aus „Trilby“ gedacht. Die kleinen Schwächen des Hedinschen
-Originals (sie kommen dem großen Werte des Werkes gegenüber ja gar nicht
-in Betracht) sind geschickt ausgenutzt. Die Anlage des Buches ist ganz
-neuartig: der Text der Satire hält sich meist wörtlich an das Vorbild,
-und der Verfasser Lucas wirft nur ein paar Brocken (die er natürlich
-Hedin in den Mund legt) dazwischen, um den Originaltext ins Lächerliche
-zu ziehen. Vielleicht wird es am besten durch ein Stück aus dem Text
-gezeigt, das hier folgt; die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Sätze
-entsprechen #wörtlich# dem Texte Sven Hedins (in der billigen Ausgabe
-Seite 32), die gesperrt gedruckten Stellen sind Zusätze von Lucas:
-
- (Hedin schildert, wie einfach die Speisenfolge im Hauptquartier des
- Kaisers ist und dann die Unterhaltung bei Tisch): „Der Kaiser sprach
- fast die ganze Zeit mit mir, #nannte mich stets ‚mein lieber Hun
- Svedend‘#, er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er
- beigewohnt hatte: Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl
- bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe; #das mache ihn
- stolz und glücklich#. Mich freute besonders zu hören, mit welcher
- Achtung und Sympathie der Kaiser sich über Frankreich aussprach. Er
- beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen
- habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen. Er hoffte, daß die Zeit
- kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten
- können, #wie Löwe und Lamm, wenn das Lamm bequem eingebettet im Magen
- des Löwen liegt#. Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen
- Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen
- als jetzt. #Warum sie diese Ahnung nicht haben, könne Er nicht
- begreifen. Sicherlich wären sie doch nicht so kindisch, um sich durch
- die feindlichen Bewegungen Seiner Heere beeinflussen zu lassen.#“
-
-Die Engländer sind wütend auf Hedin, weil er der Freund eines Landes
-geworden ist, gegen welches England kämpft. England, das ihn (Hedin) zum
-Ehrendoktor von Cambridge und Oxford gemacht hat! ~„In Gentlest
-Germany“~ soll die Rache dafür sein.
-
-[Abbildung: ~Abb. 25. „Bethmann Hollweg, nervously tearing his menu
-card into little bits.“ (Bethmann Hollweg zerreißt die Tischkarte in
-kleine Fetzen.) Anspielung auf die Bezeichnung des belgischen
-Unabhängigkeits-Vertrags als eines Fetzens Papier. Aus der Parodie „In
-Gentlest Germany“ by Hun Svedend, ill. von Geo. Morrow.~]
-
-In Holland sind eine große Reihe tüchtiger Karikaturisten an der Arbeit,
-den Krieg im Bilde festzuhalten. Für den „Amsterdammer“ zeichnet seit
-1887 der 1858 geborene #Johan Braakensiek# wöchentlich etwa zwei Satiren
-über aktuelle politische Ereignisse, in nicht gerade übermäßig witziger,
-oft eher hausbackener Art. Im Bestreben, nirgends anzustoßen, bleibt er
-meist sehr korrekt. Das Beste, was er geschaffen hat, ist der
-Totenkopf-Schmetterling (Abb. 23) mit der Unterschrift „Geht fort, wir
-wollen gegen Unbewaffnete nicht kämpfen“. Von ihm rührt auch die in Abb.
-1 wiedergegebene Lithographie her, die kurz nach Ausbruch des Krieges
-erschien; der Tod redet den ermordeten Erzherzog an: „Königliche Hoheit,
-ich habe geglaubt, eine Fürstlichkeit wie Sie darf nicht ohne Gefolge
-reisen“ (nämlich nicht ohne Gefolge ins Jenseits, daher im Hintergrunde
-die Schemen der Gefallenen). Nur einmal hat Braakensiek sein Phlegma
-verloren, das war nach dem Untergang der Lusitania, auf den später noch
-besonders eingegangen werden soll.
-
-Der Wochenschrift „De Amsterdammer“ ist in dem „Nieuwe Amsterdammer“,
-der Anfang 1915 gegründet wurde, eine schwer ins Gewicht fallende
-Mitbewerberin erwachsen. Das neue Blatt hat es verstanden, sich einen
-der allerbedeutendsten Karikaturisten Hollands, #Piet van der Hem#, als
-dauernden Mitarbeiter zu sichern. Die Reihe der großen farbigen Blätter,
-die er für die genannte Zeitschrift geliefert hat, gehören zum Besten
-und Stimmungsvollsten des ganzen Krieges, so zum Beispiel die
-„Versuchung des heiligen Antonius“ (Abb. 6), dann das Blatt, das nach
-dem Untergang der Lusitania entstand und in das Redaktionsbureau einer
-deutschen Zeitung versetzt (Abb. 66), vor allem aber auch ein Blatt „De
-nieuwe Dood“ (Abb. 73). Viele dieser Zeichnungen sind von tiefem
-sittlichen Ernst erfüllt.
-
-[Abbildung: ~Abb. 26. „Mr. (or Herr) Bernard Shaw“.~
-
-~Aus „In Gentlest Germany“ ill. von George Morrow.~]
-
-Für das Wochenblatt „De Notenkraker“, einer Beilage der bekannten
-sozialdemokratischen Zeitung „Het Volk“, arbeitet der an die deutschen
-Simplicissimuszeichner erinnernde #Albert Hahn#; in knapper Form und
-ohne viel Beiwerk gibt er seinen Gedanken bildlichen Ausdruck. Ihm
-erscheint der Krieg nicht als das Werk eines einzelnen, er sieht die
-Dinge von einer höheren Warte. In Abb. 22 polemisiert er gegen die
-Verwendung der Reimser Kathedrale als militärischen Stützpunkt durch die
-Franzosen. Die gleiche Absicht leitet #E. Nunes# in den „Meggendorfer
-Blättern“ (Abbildung 21).
-
-[Abbildung: ~Abb. 27. Jordaan: Der Suezkanal.~
-
-~Deutschland zur Türkei: „Packe ihn an der Gurgel!“ (De Notenkraker,
-Amsterdam.)~]
-
-Für den „Notenkraker“ zeichnet auch #Jordaan#; die Karikatur „Der
-Suezkanal“ (Abb. 27) ist sein Werk. Der deutschfeindliche „De Telegraaf“
-bringt Beiträge von #Louis Raemaekers#. Es sind ihm eine ganze Reihe
-ergreifender Darstellungen des Kriegselends gelungen; viele sind ganz
-objektiv gehalten, ohne einzelne Völker treffen zu wollen. Aber das
-Schicksal Belgiens, des stammverwandten Landes, hat ihm den Griffel in
-die Hand gedrückt, um seinem Haß gegen die „Eroberer“ Luft zu machen.
-Wenn sein Temperament mit ihm durchgeht, dann werden für ihn die
-Deutschen zu „Barbaren“, dann zeigt er belgische Bürger, die den
-deutschen Truppen vorausmarschieren müssen, um im feindlichen Kugelregen
-zusammenzubrechen, dann führt man Krieg mit den toten Meistern der Kunst
-van Eyck, Massys und Rubens, die auf einem Scheiterhaufen stehen, vor
-dem deutsche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Wacht halten. Eine
-Reihe seiner Darstellungen des Kriegselends und seiner Spottbilder hat
-er im Verlage „Elsevier“ auch als Alben herausgegeben.
-
-Auf einzelne Werke der hier genannten holländischen Zeichner wird an
-andern Stellen noch näher eingegangen werden.
-
-[Abbildung: ~Abb. 28. Türkische Karikatur: „Zur Schlachtbank“.~
-
-~Die Verbündeten müssen England Vorspanndienste leisten.~
-
-~(Hodja, Konstantinopel.)~]
-
-Unter den Blättern unserer Verbündeten steht die „Muskete“ an der
-Spitze, eine ähnliche Stellung in Österreich einnehmend wie in
-Deutschland der „Simplicissimus“, sie zählt eine ganze Reihe tüchtiger
-Illustratoren zu ihren ständigen Mitarbeitern. Zu ihnen gehört
-beispielsweise #Rudolf Herrmann#. Das Thema, das er in der Abb. 13
-trefflich behandelt, die Vorspanndienste, die die Verbündeten England
-leisten müssen, kommt auch in einer Zeichnung unseres anderen
-Bundesgenossen, wenn auch primitiver, zum Ausdruck, in der türkischen
-Karikatur, die wir hier wiedergeben (Abb. 28).
-
-[Abbildung: ~Abb. 29. Jack Walker: Wenn ich nur den anderen Stiefel auch
-anbekäme!~
-
-~(Daily Graphic, London.)~
-
-~Winter 1914-15.~]
-
-[Abbildung: ~The Rock of Germany~
-
-~Abb. 30. Robert Carter: Deutschlands Felsen.~
-
-~Hindenburg, an dem die russischen Wogen (die Wellenköpfe sind durch
-Bärenköpfe dargestellt) abprallen.~
-
-~Amerikanische Zeichnung aus dem „Evening Sun“, New York.~]
-
-Es waren ganz bestimmte Personen und ganz besondere Objekte, denen sich
-die Stifte und Pinsel der Karikaturenzeichner in erster Linie zuwandten:
-Menschen und Dinge, die rasch -- und mit vollem Recht -- eine
-unbegrenzte Volkstümlichkeit erwarben. Daß eine so prächtige und
-erfolgreiche Persönlichkeit wie #Hindenburg#, die für uns das neue
-deutsche Heldentum verkörpert, an die allererste Stelle rückte, war bei
-seinen großartigen Leistungen nur natürlich. Ein äußeres Zeichen wahrer
-Volkstümlichkeit zeigt sich in den Anekdoten, mit denen berühmte Männer,
-wie etwa Bismarck, umgeben werden. Das Volk webt um alles, was es liebt,
-einen förmlichen Sagenkreis. So war es auch bei dem großen Befreier des
-deutschen Ostens, der plötzlich wie ein Riese, bis dahin den meisten
-völlig unbekannt, vor uns stand. Gicht, Rheuma und alle möglichen
-Krankheiten sollten ihn plagen. Er wußte diese Dinge mit Humor in den
-zahlreichen Gesprächen mit Berichterstattern dankend von sich
-abzulehnen. Viel fester aber noch setzte sich die Mär, daß Hindenburg
-Sommer für Sommer in Ostpreußen zugebracht hätte, sich vom
-Garnisonkommando in Königsberg alljährlich eine Kanone entliehen und sie
-regelmäßig durch alle masurischen Seen und Sümpfe gezogen hätte, um
-diese auf ihre Tiefe zu prüfen! Man sollte es nicht für möglich halten,
-daß unter den vielen Tausenden von poetischen Erzeugnissen, mit denen
-der Generalfeldmarschall angesungen wurde (und die er dank seiner guten
-Gesundheit trefflich überstand), sich auch das Werk eines angesehenen
-Dichters befindet, die „Ballade von den masurischen Seen“ des
-Österreichers Franz Karl Ginzkey, die diese Geschichten allen Ernstes
-als Tatsachen behandelt und die damit in das Gebiet des unfreiwilligen
-Humors rückt. Aus dem in der Form gelungenen Gedicht, das namentlich
-auch das Gurgeln der Sümpfe lautmalend trefflich wiedergibt, diene
-folgender Abschnitt als Probe:
-
- Es lebt keine Unke, kein Frosch, kein Lurch,
- Die er nicht kennte durch und durch (!!)
- Er kennt jeden Steg, jeden Busch und Verhack,
- Er kennt jede Lack wie den eigenen Sack (!!)
- Wie breit sie nach West, wie tief sie nach Ost,
- Er kennt sie, als hätt’ er sie selber gekost’t. (!!)
- Und immer hört er das Gurgeln dumpf:
- Der Sumpf ist Trumpf, der Sumpf ist Trumpf.
- Er schluckt die Russen mit Rumpf und Stumpf.
-
-Man versuche nur, sich das einmal vorzustellen: die Prüfung aller der
-einzelnen Reptilien und Amphibien durch Hindenburg! Denn es „lebt
-#keine# Unke, #kein# Frosch, #kein# Lurch, die er nicht kennte #durch#
-und #durch#“. Der Dichter hat das Recht, sich der Hyperbel als einer
-poetischen Form zu bedienen, aber das hier geht denn doch zu weit! Was
-hat schließlich der anatomische Bau dieser harmlosen Tiere mit dem
-Verlaufe der Schlacht von Tannenberg zu schaffen? -- Eine Reihe wirklich
-guter Scherze knüpft sich an den Namen Hindenburg. So zum Beispiel:
-„Weshalb hat der Zar Petersburg in Petrograd umgetauft?“ Antwort: „Weil
-er hinten (Hinden)burg nicht leiden kann.“ -- Hindenburg ist Ehrendoktor
-aller vier Fakultäten. „Welchen davon hat er am meisten verdient?“ „Den
-~Dr. med.~; denn niemand hat in Ostpreußen so großartige und gelungene
--- Operationen ausgeführt wie er.“ Von dem Generalfeldmarschall erwartet
-man nach dem Burgfrieden einen #Hindenburgfrieden#, der Deutschland für
-alle Zeiten gegen neue Überfälle sichert. Und wie populär er auch gerade
-bei der Jugend ist, die nach Eintreffen seiner Siegesnachrichten
-schulfrei erhält, zeigt die Äußerung eines unvorbereiteten Quartaners
-vor der Lateinstunde: „Wenn Hindenburg heute keinen Sieg meldet, bin ich
-verloren!“ -- Der Generalfeldmarschall wird immer im Scherzbilde und
-Scherzworte fortleben, ein Zeichen wahrer Volkstümlichkeit, die er in so
-hohem Maße nur noch mit Bismarck und Zeppelin gemeinsam hat. -- Hier muß
-auch der Biertischstrategen gedacht werden. Niemand hat sie so köstlich
-karikiert wie Johnson im „Kladderadatsch“ in Anlehnung an Defreggers
-bekanntes Bild „Der Salontiroler“ (Abb. 31). Ein nettes Scherzgedicht
-von Hans Flux in der „Schwäbischen Tagwacht“ richtet sich gegen diese
-Besserwisser:
-
- Zu Cannstatt ob dem Stammtisch
- Hängt Hindenburg im Bild,
- Es blickt der Schlachtenmeister
- So freundlich und so mild.
- Worüber mag sich freuen
- Grad hier der große Mann?
- #Weil er von diesem Stammtisch
- Noch recht viel lernen kann.#
-
-[Abbildung: ~Abb. 31. A. Johnson: Der Salonstratege.~
-
-~(Kladderadatsch, Berlin.)~]
-
-[Abbildung: ~The Piper Von Hindenburg~
-
-~Abb. 32. Robert Carter: Der Bärenfänger Hindenburg.~
-
-~Amerikanische Karikatur aus dem „Evening Sun“, New York.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 33. Shonk: Hindenburg aus Schwertern, Kanonen und
-Truppen zusammengesetzt.~
-
-~(Daily Times, Portsmouth.)~]
-
-Einem Hindenburg gegenüber verstummten auch deutschfeindliche Blätter
-des Auslandes mit ihren Anklagen, er wird auch in der amerikanischen
-Presse als ~„the man of the hour“~ gefeiert (Abb. 30, 32, 33). Unter dem
-Eindrucke der großen deutschen Erfolge können auch die Zeichner, die
-sonst Deutschland nicht gerade freundlich gesinnt sind, nicht anders;
-sie bringen zwischendurch germanophile Blätter. Auf Abb. 34 ruft der
-englische Löwe Polen an: „Nicht die Preußen, die #Reußen# will ich
-sprechen“. Mackensen: „Das tut mir leid, die sind gerade abgezogen.“
-
-[Abbildung: ~Abb. 34. Karikatur auf den russischen Rückzug.~
-
-~England: „Not Prussia, #Russia#!“~
-
-~v. Mackensen: „Russia has just stepped out!“~
-
-~(Robert Carter in „Evening Sun“, New York.)~]
-
-Einen Hindenburg macht eben niemand nach, obgleich eine Anzeige im
-„Breslauer Generalanzeiger“ lautet: „Hindenburg sowie sämtliche deutsche
-Heerführer liefert zu günstigsten Bedingungen Verlag Carl Tinius,
-Leipzig-Neustadt. Vertreter an allen Plätzen gesucht. Muster franko bei
-vorheriger Einsendung von einer Mark.“ -- Man muß sich wirklich wundern,
-daß von der französischen, englischen und russischen Regierung nicht
-schon Bestellungen eingelaufen sind.
-
-Was Hindenburg unter den Lebenden, ist der #42-Zentimeter-Mörser# unter
-den leblosen Dingen. Oder soll man hier nicht auch lieber von einem
-Lebewesen sprechen? Das Volk hat diese volkstümlichste Waffe rasch
-personifiziert: #männlich# als „Großen Brummer“, #weiblich# als
-„Fleißige Berta“ oder auch „Dicke Berta“ zu Ehren der Besitzerin der
-Kruppwerke, die hier das Attribut der Dicke unverschuldet mit in den
-Kauf nehmen muß. Auch um die „Dicke Berta“ hat sich ein Sagenkreis
-gesponnen, erstens wegen ihrer rasch erworbenen Popularität, zweitens
-weil niemand etwas Näheres über sie erfuhr. Ging man doch so weit, ihre
-Existenz überhaupt leugnen zu wollen! Es ist eine der herrlichsten
-Erscheinungen in diesem Kriege, daß die wenigen Menschen, die um den
-42-Zentimeter-Mörser wußten, das Geheimnis so wunderbar gehütet haben!
-Als nach Kriegsausbruch bekannt wurde, die Deutschen besäßen ein
-Riesengeschütz, aus dem wenige Schüsse genügten, die stärkste Festung zu
-Fall zu bringen (Lüttich hatte es ja gleich bewiesen), da ging ein
-Staunen durch die ganze Welt, gemischt mit geheimem Grauen. Der Mörser
-42 aber wurde, wie später auch ~U 9~, das Symbol deutscher Tüchtigkeit,
-das Wahrzeichen der militärischen Energie Deutschlands. Die
-Überlegenheit dieses Riesenmörsers erkannten auch die Neutralen restlos
-an. Es bildete sich Legende über Legende über den großen Brummer; die
-Hauptsache war, daß das Geschütz, wie ein Militärschriftsteller
-bemerkte, einige Armeen wert ist. Die Bezeichnung „#Fleißige# Berta“
-sollte wohl den Gegensatz zur „#Faulen# Grete“ bringen, ein Name, der
-zuerst für Geschütze auftauchte, mit denen die Hohenzollernfürsten die
-aufsässigen Quitzows bekämpften.
-
-[Abbildung: ~Abb. 35. Joh. Braakensiek: Der Zauberer Mars.~
-
-~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-In Form eines Märchens hat Hans Natonek die Wirkung des „Großen
-Brummers“ besungen:
-
- „In den letzten Julitagen war es, da klang es wie fernes
- Trompetengeschmetter durch die Luft. Und näher kam der Ton, immer
- näher, schwoll ungeheuer an, es war das Rasseln von tausend
- Kanonenrädern, der Tritt von Millionen und das Säbelklirren einer
- Welt, die zum Kampf aufzog. Die schlummernden Riesen erwachten. Im
- Dunkel der Nacht, von undurchdringlichem Geheimnis umhüllt, wurden sie
- verladen. Plötzlich -- niemand wußte wie -- standen sie vor einer
- mächtigen Feste mit Panzertürmen und Mauern aus Stahl und Beton.
- Lüttich. Wie Tiere, die man aus langer Gefangenschaft entlassen hat,
- nach Beute gierig, spähten die ungeheuren Schlünde in die Ferne. Dann
- brüllten sie auf, daß der Luftraum zusammenzukrachen schien, ein
- Feuerball, wie ein Komet mit blutrotem Schweif, sauste durch die Luft,
- die Panzertürme barsten, und die Mauern aus Stahl und Beton waren
- überhaupt nicht mehr da... Was sind die blutigen Kometen, die in
- sagenhaften Zeiten den Krieg verkündeten, gegen die brennenden Gase
- des Geschosses, das die Luft durchsaust! Die 42-Zentimeter-Granate war
- der Kriegskomet des Jahres 1914! Nun staunt die Welt. Die Sage spinnt
- geheimnisvolle Fama um den Riesenmörser, von dem man weiß, daß er da
- ist, unbestimmt ahnt, was er zu wirken vermag, um den es aber noch
- immer so märchenhaft dunkel ist, wie zuvor, als man noch gar nicht
- wußte, daß es so etwas in Wirklichkeit gibt.“
-
-[Abbildung: ~Abb. 36. Nirsoli: Der Gleichmacher.~
-
-~Italienische Karikatur auf den deutschen 42 cm-Mörser.~
-
-~(Il Numero, Rom.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 37.~
-
-~M. Froehlich: Als Verlobte empfehlen sich der Onkel aus Friedrichshafen
-und die Tante aus Essen.~
-
-~(Staats-Zeitung, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 38. George van Raemdonck: Die fleißige Berta.~
-
-~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-Der „Große Brummer“ oder „Dicke Berta“ hielten nun auch bald ihren
-Einzug in die Witzblätter; jeder Künstler stellte sie in seiner Art dar,
-und es ist reizvoll, eine Reihe solcher Darbietungen miteinander zu
-vergleichen. Das Material würde ausreichend sein für eine Monographie
-„Der große Brummer in der Karikatur“. #M. Claus# zeichnete ihn als
-fleißige, strickende korpulente Dame unter Innehaltung der Geschoßform
-(Abb. 44); #Walter Trier# als Nachtmahr des Zaren, auf dessen Bett er
-mit offenem Schlunde hockt, während gleichzeitig Zeppeline den
-Betthimmel umkreisen (ein Blatt, das besser ist als die meist recht
-rohen und humorlosen Zeichnungen dieses Künstlers); #Peter Pfeffer#
-stellte ihn einem Franzosen, der das Maul aufreißt, gegenüber („Na, nun
-wollen wir doch mal sehen, wer das letzte Wort behält!“); #Gustav
-Brandt# läßt ihn selbst den unverletzlichen indischen Fakir
-zerschmettern (Abb. 39); #Thomas Theodor Heine# zeigt das englische
-Gegenstück „Lord Kitcheners neuen Faktor“ (Abb. 40); #W. A. Wellner#
-zeichnet die „Dicke Berta“ im Wochenbett bei einem „Freudentag im Hause
-Krupp“, es hat gerade wieder ein Kind von ihr das Licht der Welt
-erblickt. Ein neu gegründetes Witzblatt, der „Brummer“, ein Ableger der
-„Lustigen Blätter“, führt seinen Namen nach dem Geschütz. Die
-Volkstümlichkeit des Riesenmörsers spiegelt sich auch in dem
-scherzhaften Briefe eines Frankfurter Konfektionärs aus dem Felde an die
-„Frankfurter Zeitung“ wider:
-
- „Modelle zeigen diesmal wir Deutsche den Franzosen, und zwar hat ein
- bekanntes Haus in Essen zahlreiche ~piècen~ mit 42 Zentimeter
- Taillenweite herausgebracht, die, wo sie auch erscheinen, Staunen des
- Fachmanns und Verwunderung des Laien erregen. Die tonangebende Farbe
- für diese Saison ist feldgrau, sie hat die Versuche französischen
- Ursprungs, Rot und Blau zur Geltung zu bringen, überall siegreich aus
- dem Felde geschlagen. Die französischen Cutaways scheinen auch nicht
- die Sympathie ihrer Träger gefunden zu haben, denn sie wurden
- zahlreich vorzeitig abgelegt, da sie beim Laufen sehr hinderlich sind.
- Großen Vorrat haben wir in ~points~. Es gibt zwei Sorten: ~points
- tirés à la main~ und ~à la machine~. Letztere sind allerdings bei
- unseren Kunden sehr unbeliebt, da sie ~nolens volens~ sehr große
- Quantitäten in kürzester Zeit abnehmen müssen. Der Absatz von diesen
- Artikeln ist sehr hoch, da große englische Häuser extra auf den
- Kontinent gekommen sind, um noch davon abbekommen zu können. Der
- französische Markt scheint auch noch große Quantitäten davon aufnehmen
- zu wollen; wir sind aber genügend vorgesehen, um ihn vollständig zu
- befriedigen.“
-
-[Abbildung:
-
- Dem Fakir bei Altenglands Truppe
- Ist jeder Kugelregen Schnuppe.
-
- Auch gegen Waffen, welche länglich,
- Ist er immun und unempfänglich!
-
- Und selbst wenn die Granate platzt,
- Der Fakir vor Vergnügen schmatzt.
-
- Erst bei dem 42-#Brummer#
- Hört man ein schmerzliches Gewummer!
-
- Bei #diesem# Mörser, großkalibrig,
- Bleibt selbst vom #Fakir nichts mehr übrig!#
-
-~Abb. 39. Gust. Brandt: Der unverletzbare Fakir.~
-
-~(Kladderadatsch, Berlin.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 40. Th. Th. Heine: Lord Kitcheners „furchtbarer neuer
-Faktor“.~
-
-~(Simplicissimus, München.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 41. P. de Jong: Der Unwiderstehliche.~
-
-~(Antwerpen veroverd door den onweerstaanbare.)~
-
-~Holländ. Karikatur.~]
-
-Auch die Zeichner des Auslandes zeigten den Riesenmörser im Bilde. Zwar
-nicht die feindlichen Länder, obgleich deren Truppen besondere
-Bezeichnungen dafür haben: die Franzosen nennen die schweren deutschen
-Geschütze ~marmite~, die Engländer ~Jack Johnson~. Aber Holland und
-Amerika brachten recht geschickte Darstellungen. #Johan Braakensiek#
-schuf für „De Amsterdammer“ ein Blatt „Goochelaar Papa Mars“, der
-Kriegsgott als Zauberer mit den Mörsern (Abb. 35); der Holländer #P. de
-Jong# zeigt den Brummer eindrucksvoll als den Unwiderstehlichen, der die
-Jungfrau Antwerpen bezwungen hat und mit eisernen Klammern am Boden
-festhält (Abb. 41); ihr Schild mit der Aufschrift „Bundesgenossen“ ist
-zerbrochen, und alle anderen Geschütze erscheinen gegenüber dem Riesen
-wie Spielzeug. Eine ganz originelle Auffassung der „Fleißigen Berta“
-bringt der Flame #George van Raemdonck# (Abb. 38), hier kommt neben dem
-Humor auch das Tragische zum Ausdruck: der Unterkörper hat die Form
-eines Grabhügels, drapiert mit Totenschädeln, Knochen und Schwertern,
-die Haare und der üppige Busen der Dame zeigen die Attribute des Todes,
-und selbst der Stiel des Lorgnons ist ein Totenknochen. #Sidney Greene#,
-der fruchtbare Karikaturist des New Yorker „Evening Telegram“ zeigt in
-seiner Verwandlungsfolge ~„From Pilsner to Powder“~ (Abb. 43) die
-Entwicklung vom Frieden zum Kriege: aus dem harmlosen Pilsner und der
-Zigarre wird allmählich der 42-Zentimeter-Mörser und sein Geschoß. ~„A
-42 centimeter Mistake“~ betitelt sich die Zeichnung von #Robert Carter#,
-die zur Weihnachtszeit in dem New Yorker „Evening Sun“ erschien (Abb.
-42). In Amerika kommt der Weihnachtsmann durch die Essen in die Häuser,
-um die zu diesem Zwecke hingehängten leeren Strümpfe der Kinder mit
-Gaben zu füllen; die hohen Rohre des Mörsers 42 hält er für
-Schornsteine. (Man darf dem alten Herrn den Irrtum nicht übelnehmen.)
-Sehr nett ist dann die Zeichnung von #A. M. Froehlich# in der „New
-Yorker Staats-Zeitung“: „den geehrten Verbündeten empfehlen sich als
-Verlobte der Onkel aus Friedrichshafen und die Tante aus Essen“ (Abb.
-37). Die Idee, die diesem Scherzbilde der größten deutschen Tageszeitung
-Amerikas zugrunde liegt, ist recht gut: die „Dicke Berta“ und der
-„Zeppelin“ verloben sich, um zusammen zu wirken: #die Verbindung# der
-beiden möge die #Geburt# eines größeren Deutschlands in die Wege leiten!
-
-[Abbildung: ~Abb. 42. Robert Carter: Ein 42 Zentimeter-Irrtum.~
-
-~(A 42 centimeter Mistake.)~
-
-~(Evening Sun, New York.)~]
-
-Die amerikanische Karikatur nimmt überhaupt in diesem Kriege einen
-außergewöhnlich großen Raum ein; sie spiegelt getreu die Stimmung in den
-Vereinigten Staaten wider. Dabei haben die amerikanischen Karikaturen
-den Vorzug, meist sehr gut gezeichnet zu sein, und es liegen ihnen auch
-fast immer recht originelle Ideen zugrunde. Sehr böse sind die
-Spottbilder gegen Deutschland in dem bedeutendsten Witzblatt der
-westlichen Halbkugel, dem „Life“, besonders die von #William H. Walker#.
-Es sind die abgedroschenen Themen vom Kaiser als Feind der Zivilisation,
-der an der Niedertretung Belgiens und Zerstörung der Kunstdenkmäler
-seine Freude hat. Typisch dafür das seitengroße Blatt ~„My Heart bleeds
-for Louvain“~, der Kaiser als Keiler über den Trümmern von Löwen (die
-Darstellung des Kaisers als Keiler war schon im spanisch-amerikanischen
-Kriege üblich. Der damals sehr beschäftigte #Davenport# ist ihr
-Schöpfer; die aufrechtstehenden Schnurrbartenden haben ihn zum Vergleich
-mit den Hauern geführt. Diese Art, den deutschen Kaiser zu zeichnen, hat
-sich bis heute in der englischen und amerikanischen Karikatur erhalten).
-Das seit über dreißig Jahren erscheinende Blatt ist in Deutschland so
-gut wie gar nicht bekannt. Hin und wieder sieht man in deutschen
-Blättern sehr starke Anlehnungen an die wirklich meist recht guten
-Zeichnungen des „Life“. Ein Tierkarikaturist, wie ihn die Zeitschrift in
-#S. Sullivant# besitzt, kann nur mit Oberländer in seiner besten frühen
-Zeit verglichen werden. Die Darsteller gesellschaftlicher Zustände (der
-~upper ten~) wie #Harrison Cady# und #Foster Lincoln# können sich
-getrost unsern besten Satirikern an die Seite stellen; der bekannte
-#George Dana Gibson# wiederholt sich in letzter Zeit zu oft, seinen
-großen Serien Ebenbürtiges (~Education of Mr. Pipps etc.~) hat er nicht
-mehr geschaffen. #Otho Cushing#s von antikem Geiste beeinflußte
-Umrißzeichnungen zeigen ein feines Formgefühl, sie sind von rhythmischer
-Schönheit erfüllt. #Rea Irvin# sprudelt nur so von witzigen Einfällen,
-er hat auch nebenbei eine Reihe von japanisierenden Illustrationen zu
-den ~„Letters of a Japanese Schoolboy“~ geschaffen, die amerikanische
-Zustände vom japanischen Standpunkte beleuchten.
-
-[Abbildung: ~Abb. 43. Sidney Greene: Vom Pilsner zum Pulver.~
-
-~(From Pilsner to Powder).~
-
-~(Evening Telegram, New York.)~]
-
-Amerika ist also reich an geschickten Karikaturenzeichnern, sie kommen
-mehr noch als in den Wochenschriften in der #Tagespresse# zur Geltung.
-Die großen Zeitungen der Vereinigten Staaten, die oft Millionenauflagen
-erreichen, bringen fast alle Illustrationen; auch vornehme Blätter wie
-„Sun“ haben sich schließlich diesem Gebrauche fügen müssen. Die
-Zeichnungen müssen rasch erscheinen. Das eben eingegangene Telegramm muß
-möglichst gleich mit den nötigen Illustrationen herauskommen. ~Time is
-money.~ Der Amerikaner will nicht lange nachdenken; die Sache muß ihm
-so bequem wie möglich gemacht werden. Dabei passiert denn in der Eile
-und aus Unkenntnis mancher nette Schnitzer: als Bernhard von Bülow
-Reichskanzler wurde, brachte eine der bekanntesten New Yorker Zeitungen
-zusammen mit der Nachricht ein Bild Bülows; es war auch Bülow, aber --
-Hans von Bülow, der berühmte Dirigent, der zwar ein Orchester leiten,
-aber nicht das Deutsche Reich hätte lenken können. Sein scharf
-geschnittener Kopf mit dem charakteristischen Knebelbart fungierte nun
-für die New Yorker als Bild des neuen deutschen Kanzlers. Hier handelte
-es sich um einen Irrtum; aber auch sonst ist der Amerikaner in solchen
-Fällen nicht verlegen. „Portland News“ brachten kürzlich eine
-Reproduktion von #Anton von Werner#s Bild „Erstürmung der Spicherer
-Höhen“ als „Sturm deutscher Infanterie in geschlossener Formation auf
-einen Hügel“. -- Im allgemeinen müssen die Illustrationen der
-Tageszeitungen humoristisch gehalten sein (so will es das Publikum), und
-so sind denn in den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe tüchtiger
-Karikaturisten entstanden. Diese satirischen Darstellungen vermögen viel
-schärfer als lange Auseinandersetzungen die Blößen der darin Karikierten
-zu zeigen; deshalb kann man ihre Bedeutung zu politischen
-Propagandazwecken auch gar nicht hoch genug einschätzen, besonders, wenn
-man die Riesenauflagen der amerikanischen Zeitungen in Betracht zieht.
-
-[Abbildung: ~Abb. 44. M. Claus: Die fleißige Berta.~
-
-~(Lustige Blätter, Berlin.~)]
-
-[Abbildung: =CAN HE HATCH IT?=
-
-~Abb. 45. Sidney Greene: Die Kluck-Henne.~
-
-~(Evening Telegram, New York.)~]
-
-Es war eine der schmerzlichsten Enttäuschungen für das Deutsche
-Reich, daß sich die Mehrheit in den Vereinigten Staaten (das
-Anglo-Amerikanertum und die seinem Einfluß unterworfenen Gruppen) mehr
-oder weniger offen auf die Seite unserer Feinde stellte und ganz
-unverhohlen ihre Sympathie für diese zum meist recht deutlichen Ausdruck
-brachte, obgleich doch auch Japan, Amerikas Todfeind, zu den Verbündeten
-zählt. Ebenso erfreulich war die angenehme Enttäuschung, welche die
-Deutsch-Amerikaner durch ihr mutiges Eintreten für ihr Stammland
-bewiesen; man glaubte sie großenteils dem „Vaterland“ verloren; nun
-zeigten sie, daß sie ihre alte Heimat nicht vergessen hatten und setzten
-sich in jeder Hinsicht tatkräftig dafür ein, daß die Wahrheit über die
-Ursachen und den Verlauf des Krieges durchdringen konnte. An ihre Seite
-traten aus altem angeborenen und unausrottbarem Hasse gegen England
-geschlossen die zahlreichen in Amerika lebenden Irländer, die drüben
-großen politischen Einfluß besitzen. Man glaube nicht, daß
-ausschließlich die Beherrschung der Kabel durch England und die
-Verbreitung der Lügendepeschen die antideutsche Stimmung erzeugt haben;
-hinter diese Täuschungen kam man sehr rasch: von einem Amerikaner rührt
-das Wortspiel her: ~allies = all lies~ (die Alliierten = alles lügt). Es
-spielen da andere tiefeingewurzelte Vorurteile mit. Der Amerikaner
-betrachtet England immer noch als eine Art Mutterland, Paris als
-maßgebend in allen Geschmacksfragen (vor allem auch in der bildenden
-Kunst). Eine Niederlage dieser Länder würde er wie eine persönlich
-Schlappe empfinden. Dann glaubt er immer noch an einen „deutschen
-Militarismus“, von dem das deutsche Volk „erlöst“ werden müßte und
-fürchtet von einem siegreichen Deutschland später Verletzungen
-der bis zum Überfluß zitierten Monroe-Doktrin (daher schon im
-spanisch-amerikanischen Kriege die feindliche Stimmung gegen
-Deutschland, die erst nach der Reise des Prinzen Heinrich
-freundschaftlicheren Gefühlen Platz machte).
-
-[Abbildung: ~Abb. 46. Robert Carter: „Mehr -- und nicht so dünn!“~
-
-~„More -- and not quite so thin!“.~
-
-~(Evening Sun, New York.)~]
-
-So erklären sich die gegen Deutschland gerichteten Karikaturen, die den
-Kaiser „auf dem Rückzuge“ aus Rußland schildern (~„German Defeat“~) mit
-dem Schatten Napoleons: „Glaubst du siegen zu können, wo ich unterlag?“
-oder „die Ereignisse reifen schnell“ (~the leaves are falling fast~, die
-deutschen Waffen sinken wie trockene Blätter zu Boden) oder #Sidney
-Greene#’s ~„Cracking a cultured nut“~ (der Kaiser in der Nußzange
-zwischen Heer und Marine der Verbündeten) und so die schon erwähnten
-giftigen Zeichnungen im „Life“. Denn, was man wünscht, glaubt man gern!
-Es kommen auch noch andere Momente für die antideutsche Stimmung in
-Frage, als da sind die rauhe Außenseite des Deutschen, die unvorteilhaft
-absticht von den gewandteren Formen des Anglo-Amerikaners, und die nicht
-gerade absolut notwendig ist als Zeichen von Rechtschaffenheit und
-Wahrheitsliebe, dann die deutsche Vereinsmeierei in Amerika mit ihren
-oft recht komisch wirkenden Auswüchsen.
-
-[Abbildung: ~Abb. 47. S. Conacher: Der nette, alte Herr.~
-
-~(Dear me! and to think I came near on one of those myself -- in Mexico
--- not so very long ago!)~
-
-~(Life, New York.)~]
-
-Der wichtigste Grund der Deutschfeindlichkeit war aber für den
-Anglo-Amerikaner diesmal die Verletzung der sogenannten Neutralität
-Belgiens (so in den Reden des früheren Präsidenten der Harvard
-Universität, Eliot). Das ~„scrap of paper“~, die Bezeichnung des
-belgischen Neutralitätsvertrages als eines wertlosen Papierfetzens,
-spielt in den amerikanischen Blättern genau so wie in den englischen die
-größte Rolle. Auch wirtschaftliche Faktoren sprechen mit. Mit den
-Verbündeten kann man Geschäfte machen; mit Deutschland würde man es auch
-tun, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden wäre. Im allgemeinen kann man
-sagen: die wirtschaftlichen Kreise, besonders die Hochfinanz in den
-Neu-England-Staaten, halten zu den Alliierten, das akademisch gebildete
-Publikum bewahrt wenigstens teilweise seine Sympathien für Deutschland,
-dem es so viel schuldet und ist weit davon entfernt, es für ein von
-Barbaren bewohntes Gebiet zu halten. Man lese nur die ehrliche
-Flugschrift, die der bekannte Austauschprofessor #Burgeß# von der
-Columbia-Universität bereits im August 1914 veröffentlichte (im Herbst
-1915 ist von ihm [deutsch bei S. Hirzel in Leipzig] eine andere, sehr
-sachlich gehaltene Arbeit erschienen); er ist Anglo-Amerikaner und kann
-seinen Stammbaum Hunderte von Jahren zurückführen, er bekennt aber ganz
-offen, daß ihm näher als sein Mutterland das Vaterland Deutschland
-steht, dem er sein Wissen und seine Bildung verdanke. Und Burgeß steht
-mit seiner Propaganda für richtige Bewertung deutscher Kultur durchaus
-nicht einzeln da.
-
-[Abbildung: ~Abb. 48. „Wessen Börse wird zuerst leer?“~
-
-~Japanische Karikatur aus Osaka (Herbst 1914).~]
-
-Das Wichtigste an Aufklärungsarbeit aber leisteten die deutschen
-Vereinigungen, besonders auch die vom Mitgliede des Repräsentantenhauses
-Bartholdt gegründete „Neutralitätsliga“. Teilweise erfolgt diese
-Aufklärung in humoristischer Form. Der deutsche Preßklub in New York hat
-ein solches Blatt herausgegeben; es nennt sich „Die gefüllte Kriegsente“
-und beginnt gleich damit, die rätselhafte Neutralität Amerikas zu
-verspotten, indem es an seinen Kopf setzt: New-York, Great Britain, 14.
-November 1914. Dann gibt es lustige Kriegsberichte von allen
-Schauplätzen, ganz im Stil der anglo-amerikanischen Hetzblätter.
-„Englands Flotte nach den Masurischen Seen“ heißt es in Riesenlettern,
-und nun entwickelt der Berichterstatter in Retroward den neuesten
-Feldzugsplan des Generals Kannrennen im Sinne der Überschrift. Aus Paris
-gibt er folgenden ergötzlichen Schlachtbericht:
-
- „Auf unserm linken Flügel erlitten die Deutschen eine vernichtende
- Niederlage. Die afrikanischen Schützen griffen zusammen mit den
- Indiern und Hottentotten das Zentrum des Feindes bei
- Wosollderduebelweiten in Belgien an. Es entspann sich ein wütendes
- Geschützfeuer, welches von unserer braven Artillerie indes bald nur
- mit Schweigen beantwortet wurde. Da nämlich unser genialer
- Artilleriekommandeur sah, daß die deutschen Granaten eventuell die
- französischen Truppenbewegungen hätten stören können und die Prussiens
- überdies keinen Schuß Pulver wert sind, so zog er einfach seine Leute
- zurück. Dann begannen wir mit Heldenmut den eigentlichen Angriff. Da
- aber das Gelände ungünstig war, so wurde das Schlachtfeld später
- einige Kilometer rückwärts verlegt. Unsere tapfern Truppen ließen den
- Feind nicht zur Ruhe kommen und blieben trotz der Hast unseres
- Rückzugs mit ihm in Fühlung. Seine Verluste sind fürchterlich. Der
- feindliche General hat Selbstmord begangen. Sechs preußische Prinzen
- wurden schwer verwundet, der Bruder des Kaisers wurde gefangen
- genommen.“
-
-[Abbildung: ~Abb. 49. George van Raemdonck: Wie Holland seine
-Neutralität wahren wird.~
-
-~(Dadurch, daß es im Notfalle das ganze Land unter Wasser setzt.)~
-
-~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-Bemerkt sei noch, daß die Kriegsente mit Abbildungen reich verziert ist,
-die ebenfalls über die Gesinnung der Zeichner keinen Zweifel lassen. Ein
-jämmerlich verprügelter englischer Löwe schmückt die letzte Seite,
-hoffentlich auch das Symbol, mit dem der Weltkrieg einst zu Ende geht.
-
-[Abbildung: ~Abb. 50. Dan. Lynch: Fabrikation der Schweizerkäse während
-des Krieges.~
-
-~(Life, New York.)~]
-
-Solche Satiren auf gewisse amerikanische Zeitungen sind sehr nötig. Was
-allein der in Deutschland in seiner Bedeutung weit überschätzte „New
-York Herald“ (er gehört durchaus nicht zu den Blättern der besseren
-Klassen) in Lügen und Verhetzungen leistet, ist so hahnebüchen, daß man
-es nicht für möglich halten sollte; es übertrifft an Dummheit bei weitem
-alles, was etwa von französischen Zeitungen geboten worden ist. Danach
-müßte von dem deutschen Heere überhaupt kein Mann mehr übrig sein:
-Tausende von hungernden Menschen wälzen sich durch die Straßen Berlins
-vor das Schloß, überall in der Reichshauptstadt werden Schützengräben
-gezogen (vielleicht hat der Berichterstatter des „Herald“ die
-Ausschachtungsarbeiten für die neuen Untergrundbahnen gesehen!). Kurzum,
-Deutschland steht vor seinem nahen Ende. Und diesen Blödsinn dann mit
-zentimeterhohen Typen in den ~„headlines“~, den Überschriften, für deren
-sensationelle Aufmachung ein eigener Mitarbeiter gehalten wird! Daneben
-geht der haarige Unsinn, den andere amerikanische Zeitungen ihren Lesern
-vorsetzen. „San Francisco Chronicle“ schrieb: ~„Kaiser clips Ends of His
-Mustache. When it was observed some time after the beginning of the war
-that the Kaiser’s hair had turned white, no one paid much attention to
-that change, but the removal of his mustache ends has struck the public
-imagination, and has, perhaps, strange as it may seem, done more than
-anything else to convince the population of Berlin that the war outlook
-is becoming bad for Germany.“~ („Der Kaiser schneidet die Spitzen seines
-Schnurrbarts ab. Als man einige Zeit nach dem Ausbruch des Krieges
-bemerkte, daß das Haar des Kaisers weiß geworden war, achtete niemand
-sonderlich auf diese Veränderung, aber die Entfernung seiner
-Schnurrbartenden hat einen tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht und
-hat die Bevölkerung von Berlin mehr als alles andere davon überzeugt,
-daß die Kriegsaussichten ungünstig für Deutschland sind.“) -- Im
-Chicagoer „Hardwood Record“, einem Blatt, das in der amerikanischen
-Holzindustrie angesehen ist, war folgende Notiz enthalten: „In
-Österreich werden Sägespäne mit Teer gemischt und zu Heizbriketts
-verarbeitet. In Deutschland wird aus Sägespänen, die mit Roggenmehl
-vermischt werden, eine Art Brot gebacken, das von Menschen sowohl als
-auch von Pferden verzehrt wird. Eine Dampfbäckerei stellt allein
-zwanzigtausend solcher Brote am Tage her.“ Solcher Unsinn stand übrigens
-nicht bloß in der anglo-amerikanischen Presse, deren Ignoranz zur Genüge
-bekannt ist. Auch englische Zeitungen, z. B. die Londoner Times haben in
-der ersten Zeit manche Ente in die Welt gesetzt. Ein uraltes Vorrecht
-der Unterliegenden ist die Lüge. Später, als es mit den Lügen nicht mehr
-ging, haben sie allerdings recht objektiv berichtet. Interessant ist,
-wie solche falschen Berichte oft entstehen. Man entsinnt sich, daß im
-September 1914 die Nachricht die Runde durch die gesamte Presse machte,
-es wären achtzigtausend Russen im Hafen von Archangelsk nach Frankreich
-eingeschifft worden. In England nennt man im Eierhandel die russischen
-Eier einfach Russen, wie wir russische Zigaretten kurzweg als Russen
-bezeichnen und wie die Kaninchen, die in Massen aus Belgien über Ostende
-nach London kommen, „Ostendes“ heißen. Zu Beginn des Septembers erhielt
-nun ein Londoner Eier-Kommissionär eine Depesche des Wortlauts: „80000
-Russen aus Archangel abgegangen.“ Ein Telegraphenbeamter erzählte diese
-Ankündigung als neueste inhaltschwere Zeitungsdepesche geschwätzig
-weiter, irgendein Reporter griff sie auf -- und in zwei Tagen waren die
-Zeitungsleser der Alliierten um eine verheißungsvolle, erst nach langer
-Zeit weichende Hoffnung reicher. -- Hier waren also die unschuldigen
-Eier an einer Nachricht schuld, die die ganze Welt tagelang
-beschäftigte. ~Omne vivum ex ovo!~
-
-Über französische Lügen hatte sogar „Corriere d’Italia“ eine grotesk
-wirkende Liste gebracht: Die Basutoneger haben sich den Engländern als
-Pfeilschleuderer angeboten; der Sultan von Marokko hat außer 50000
-Getreuen auch ein Heer von Odalisken nach Frankreich gesandt; die
-Deutschen haben die Provinz Antwerpen geräumt, belagern aber die Festung
-dieses Namens; die in Archangelsk an Bord genommenen Russen sind am
-Nordkap gelandet und treffen morgen in London ein; der Inn wälzt blutige
-Wogen in den Lech usw. usw.
-
-Bewußt harmlos sind dagegen die Zeichnungen in dem schon mehrfach
-zitierten „Life“, wie die von #Dan Lynch# über Fabrikation der
-Schweizerkäse in der jetzigen Zeit (Abb. 50); die Käse werden zwischen
-der deutschen und französischen Grenze in die Höhe gewunden, und die
-Geschosse sorgen für die Durchlöcherung.
-
-[Abbildung: ~Abb. 51. Marcus: Das Duett der „Bindestrich-Amerikaner“.~
-
-~(N. Y. Times, New York.)~]
-
-Hand in Hand damit gehen zahlreiche Spottbilder gegen die ~„#hyphenated
-americans#“~. So nennt man drüben die Irisch-Amerikaner,
-Italo-Amerikaner, besonders aber die #Deutsch-Amerikaner#, also die
-Leute mit dem Bindestrich (~hyphen~); sie werden als Bürger zweiter
-Klasse betrachtet, weil sie nicht als „reine Amerikaner“ gelten,
-besonders die ~„Dutchmen“~ (Spottwort für die Deutschen). Gegen #sie#
-wendet sich die Presse der Kriegshetzer. In New York ist kürzlich sogar
-ein Theaterstück ~„The Hyphen“~ gegeben worden, das ein ganz blödes
-Machwerk der Deutschenhetze darstellte. Autor und Direktor, J. Miles
-Forman und Charles Frohmann, gingen ein paar Wochen später mit der
-Lusitania unter. Es konnte sich übrigens nicht lange auf dem Spielplan
-halten, obgleich die Reklame dafür sehr geschickt eingeleitet worden
-war. -- Gegen die ~hyphenated americans~ richten sich also zahlreiche
-Karikaturen. Meist sitzen die ~Hyphenated~ auf einer Mauer und wissen
-nicht, nach welcher von beiden Seiten (Germany oder United States) sie
-sich wenden sollen, oder sie erscheinen halbiert und singen rechts
-„Deutschland über alles“, links ~„The Star Spangled Banner“~ (Abb. 51).
-Im Sommer 1915 mehrten sich die Karikaturen auf #William Jennings
-Bryan#, dem man allzu große Deutschfreundlichkeit vorwirft (Abb. 53, 54,
-58). Daß #Bernstorff#, #Dernburg# und der in den letzten Monaten oft
-genannte österreichisch-ungarische Botschafter #Dumba# im Spottbilde
-eine große Rolle spielen, versteht sich von selbst (Abb. 52).
-
-[Abbildung: ~Abb. 52. Karikatur auf Dumba, Dernburg und Bernstorff.~
-
-~(Sidney Greene in „Evening Telegram“, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 53. Bryan in seiner neuen Uniform.~
-
-~(„Inquirer“, Philadelphia.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 54. Amerikanische Karikatur auf Bryans
-Deutschfreundlichkeit.~
-
-~(Constitution, Atlanta.)~]
-
-Aber auch hier muß der Wahrheit gemäß berichtet werden, daß es unter den
-„echten“ Amerikanern viele gibt, die mutig für Deutschland eintreten.
-Gegen die Kriegshetzer schreibt unter anderem witzig das sozialistische
-„Appeal to Reason“ den Amerikanern ins Stammbuch: „Wenn Sie den Krieg
-lieben, ziehen Sie einen Graben in Ihrem Garten, füllen ihn halb mit
-Wasser, kriechen hinein und bleiben dort einen Tag oder zwei, ohne etwas
-zu essen; bestellen Sie sich weiter einen Geisteskranken, damit er mit
-ein paar Revolvern und einem Maschinengewehr auf Sie schieße, dann haben
-Sie etwas, das gerade so gut ist und Ihrem Lande eine Menge Geld
-erspart.“
-
-Eines imponiert den Amerikanern: die deutsche Organisation. Man kann das
-gerade an den Karikaturen der Tageszeitungen wieder deutlich
-feststellen. J. M. Allison, einer der Kriegskorrespondenten des nichts
-weniger als deutschfreundlichen „New York Sun“, der dem Einmarsch der
-deutschen Truppen in Ostende als Augenzeuge beigewohnt hat, schildert
-das, was er gesehen, den Lesern seines Blattes in einem Bericht, der
-sich über die Ordnung, Manneszucht und Organisation der deutschen Armee
-mit Worten uneingeschränkten Lobes ausspricht. „Seit ich die Besetzung
-Ostendes durch die Deutschen erlebte,“ schreibt Allison, „bin ich ein
-gläubiger Bekenner des Wahrheitssatzes, daß es in der Welt nur drei
-vollkommene Organisationen gibt: die katholische Kirche, die Standard
-Oil Company und die deutsche Armee.“ Aus dem „Evening Sun“ stammt auch
-die in Abb. 46 wiedergegebene Karikatur aus dem Anfang des Krieges von
-#Robert Carter# ~„More news and not quite so thin“~, eine Satire gegen
-Englands falsche Nachrichten.
-
-[Abbildung: ~Abb. 55. Jack Walker: Die russische Dampfwalze.~
-
-~(Daily Graphic, London.)~]
-
-Neben #Robert Carter# steht der originelle #Sidney Greene#. In „The
-Bread Line“ knüpft der Zeichner an den Gebrauch großer New Yorker
-Bäckereien an, die gegen Mitternacht, besonders im Winter, Brot an die
-hungrigen Armen verteilen lassen, die sich dabei hintereinander
-anstellen müssen. Eine solche „Brotlinie“ werden nach seiner Meinung
-vielleicht auch die europäischen Mächte bilden, wenn ihnen die
-Nahrungsmittel ausgehen und sie Amerika um Unterstützung angehen müssen.
-Greene zeichnete auch ein Kinotheater, genannt ~„Theatre de l’Europe“~.
-~„Greatest war scenes in history“~, die größten Kriegsereignisse der
-Welt werden vorgeführt. Ein Plakat zeigt die Hauptdarsteller, die
-~„principals“~, und unter ihnen sofort ins Auge fallend den deutschen
-Kaiser. Italien überlegt sich, ob es teilnehmen soll oder nicht. Der Tod
-sitzt an der Kasse, und da fällt die Entscheidung schwer. Inzwischen ist
-Italien doch eingetreten, und der Tod hat reichliche Ernte gehalten. --
-
-[Abbildung: THE KNOTTY DACHSHUND
-
-~Abb. 56. Sidney Greene: Der Dachshund mit den Knoten.~
-
-~(Evening Telegram, New York.)~]
-
-Den „#Dachshund#“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch
-übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders
-in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die
-sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“
-könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton von #Jack
-Walker# aus dem „Daily Graphic“ in London (Abb. 55). Das war noch zur
-Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze
-gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte
-Warnung ~„Beware of steam roller“~ („Achtung, Dampfwalze!“) befolgt,
-wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche
-Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung von
-#Marcel Bloch# in der „Guerre sociale“ (Abb. 57). Mit innigem Behagen
-und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine
-Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große
-Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu
-reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht.
-
-[Abbildung: ~Abb. 57. Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.~
-
-~(La Guerre sociale, Paris.)~]
-
-Einen Dackel zeichnet auch #Sidney Greene# (Abb. 56); er hat sich
-reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit
-den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die
-Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund,
-weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch
-nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang
-des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel
-gehaltenen) Dackel als ~„boches“~ töten und ausrotten. Dann erfuhr der
-„Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch „Daily Mail“, die
-herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern
-dargestellt finden.
-
-[Abbildung: ~Abb. 58. Bryans Entwicklung zur Friedenstaube.~
-
-~Amerikanische Karikatur.~]
-
-Eine der gelungensten Zeichnungen Greenes ist die Kluckhenne (Abb. 45).
-Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage: ~„Can he
-hatch it?“~ Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht
-der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren?
-
-Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser
-schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen
-Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“
-bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik
-vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston:
-~„This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause
-of it!“~ („Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber ~‚made
-in Germany‘~ ist die Ursache davon“).
-
-Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genannten
-#Robert Carter# ~„Who said rats?“~ (Abb. 59). Der englische Minister
-Churchill hatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die
-man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen.
-Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort.
-Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt
-komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und
-Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein
-sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit
-zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür,
-daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere
-Wahrheit triumphieren muß!
-
-Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die
-Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte
-Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur
-deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen
-Zeichnungen gegenüber besonders notwendig.
-
-Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite
-so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote,
-Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu
-zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder
-über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel
-„#Unterseeboot#“, über das sich allein schon ein dicker Band von
-Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind
-eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den
-Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr
-hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst
-ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im
-Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch
-wertvollsten Scherzbilder entstanden sind.
-
-Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige
-direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben
-sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal
-annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem
-Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine
-Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die
-Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in
-diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine
-Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings
-hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten
-nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den
-Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch
-private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von
-einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu
-sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht
-ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des „New York
-Herald“ vom Sonnabend dem 8. Mai „The Announcer“ Bernstorff mit
-umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im
-Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre
-Abfahrtszeiten der ~„fastest and largest steamers“~ ungehindert
-ankündigt. Diese Zeichnung von #W. A. Rogers# sollte ein Hohn auf
-Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich
-versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen
-Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die
-als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon
-früher genannte #Sidney Greene# zeigt im „Evening Telegram“ den Kaiser
-persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund
-bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben:
-„#Sein# Platz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung
-brachte der Zeichner #Farr# eine Karikatur, in der die drei größten
-Seeräuber aller Zeiten, Kapt. Kidd, Simms und -- Sir Henry Morgan dem
-Kaiser den Lorbeer (~the wreath~) überreichen: ~„Handing it to him“~
-(„Ihm gebührt der Ruhmeskranz“). #Robert Carter# veröffentlichte in
-„Evening Sun“ eine Satire mit der ironischen Bezeichnung ~„Brave Work“~,
-auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt: ~„War on
-Helpless Shipping“~, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung
-konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die
-berühmte ~„mailed fist“~, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt: ~„Laws? I
-make My Own Laws“~ (Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!),
-„Cincinnati Times“ brachte eine Zeichnung von #Bushnell# mit der
-riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die
-„Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot
-unbekümmert abfährt; „Philadelphia Public Ledger“ vereinfachte den
-Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit
-der Piratenflagge an der Spitze. „Brooklyn Eagle“ bringt die
-amerikanische Flagge (~Stars and Stripes~), blutbefleckt, darunter die
-Unterschrift: „Das ist #unser# Blut“. Noch viel schärfer waren die
-Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift „Life“;
-sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen
-Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der
-verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen von #McKee# sieht man Uncle
-Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf
-dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den
-Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische
-Unterschrift lautet: ~„Stars and Stripes“~. In der gleichen Zeitung,
-deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die
-häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen
-Kaiser.
-
-Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische
-Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer ~„Vive la France“~
-heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader
-Bilder in den Himmel gehoben wird!
-
-[Abbildung: ~Abb. 59. Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said
-rats?).~
-
-~(Evening Sun, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.~
-
-~Beginn des Unterseebootkrieges.~
-
-~(World, New York.)~]
-
-Man hat in Deutschland im allgemeinen doch wohl nicht begriffen, wie
-erregt und kritisch nach dem Untergange der „Lusitania“ die Stimmung in
-Amerika gegen uns war. Die Karikaturen zeigen es zur Genüge, und wir
-können den Männern, deren Bemühungen es gelungen ist, den Frieden mit
-einem Lande zu erhalten, in dem so viel stammverwandte Menschen wohnen,
-gar nicht dankbar genug sein. Die hier angeführten Beispiele sind nur
-ein kleiner Teil der ungezählten „Lusitania“-Zeichnungen der Amerikaner.
--- Natürlich hat es auch in der französischen Presse nicht an beißenden
-Satiren gefehlt. #J. J. Roussau# brachte ein Blatt: ~„Dieu vous sauve“~;
-der Personendampfer ist eben versenkt, und Frauen und Kinder treiben
-hilflos auf den Wellen, während der deutsche Unterseeboots-Kommandant
-lachend davonfährt. Diese Zeichnung trägt die Überschrift: ~„Les fils
-chéris de Bénoit XV“~, ist also gleichzeitig ein Spottblatt gegen den
-Papst, dessen unparteiische Haltung ihm besonders in Frankreich und
-Italien wütenden Haß einbrachte (Abb. 61). #Grandjouan# zeichnete für
-„Le Rire Rouge“ eine ganzseitige Darstellung, die Wilson am
-Meeresstrande zeigt, wo die Leichname einer Mutter und zweier Kinder
-angespült werden, die noch den Rettungsring der „Lusitania“ tragen,
-während im Hintergrunde Haifische auf das leckere Mahl warten:
-~„Décidément, non, je ne peux être du parti des requins“~ (Wahrhaftig,
-nein, mit diesen Menschenfressern will ich nichts mehr zu tun haben!)
-(Abb. 63). -- Sehr deutschfeindlich sind auch die Darstellungen, die die
-holländische Presse über den „Lusitania“-Untergang brachte. #Johan
-Braakensiek# lithographierte für den „Amsterdammer“ ein Blatt ~„De dolle
-stier is los“~. Der tolle Stier ist natürlich Deutschland, auf den die
-ganze Welt Jagd machen müßte. Von #P. de Jong# erschien im „Nieuwe
-Amsterdammer“ eine Darstellung des Untergangs der „Lusitania“, in der
-der Tod die Schornsteine und Segel kappt, während rechts der Teufel, der
-die Züge des deutschen Kaisers trägt, in die Worte ausbricht: ~„Goed
-zoo! Zoo’n cultuur is ook de mijne!“~ (Gut so! Solche Kultur ist auch
-die meinige!). Eine Inschrift auf des Teufels Flügeln lautet in
-deutscher Übersetzung: „Sterbliche, laßt in meinem Dienste alle
-Menschlichkeit fahren!“ Am schlimmsten gibt sich, wie immer, Louis
-Raemaekers: Das Gewissen hält den „Mörder“ (Deutschland) in die Höhe
-„Alle, die Ihr nicht protestiert gegen die barbarischen Kriegsmethoden
-dieses Ungeheuers, seid seine Mitschuldigen!“ -- Das charakteristischste
-Blatt aber brachte dieselbe Zeitschrift in einer farbigen Zeichnung von
-dem schon früher gewürdigten #P. van der Hem#. Von ihm rührt auch das
-großartige Blatt her, das wir weiter hinten abbilden, die Wirkung der
-Stickgase darstellend. Auf der hier wiedergegebenen Karikatur ~„De
-Lusitania“~ sehen wir uns in das Bureau einer deutschen Zeitung versetzt
-(der Name an der Tür ist wohl ganz willkürlich gewählt). Die
-Schreibmaschine trägt die Aufschrift „Gott strafe England“, einer der
-Mitarbeiter fragt den Chefredakteur: „Ich habe hier noch einen Nekrolog
-über den Untergang der ‚Titanic‘, können wir den nicht jetzt wieder
-abdrucken?“ worauf der andere erwidert: „Tun Sie das, aber er muß dann
-als #Jubel-Artikel# umgearbeitet werden.“ (Abb. 66.)
-
-[Abbildung: PAROLES PAPALES
-
-~Abb. 61. L. Métivet: Päpstliche Worte.~
-
-~Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in
-denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ. „Interviewé en
-#français#, le Souverain Pontife, qui est #italien#, a répondu en
-#allemand#.“~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der
-Unterseeboote.~
-
-~(Life, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 63. Grandjouan: Wilson und die Lusitania.~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 64. Alb. René: Die Zeppeline.~
-
-~(Französische Karikatur.)~]
-
-[Abbildung: ~“OH, I SAY!”~
-
-~Abb. 65. Sidney Greene: Verdammt nochmal!~
-
-~(Evening Telegram, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 66. P. van der Hem: Die Lusitania.~
-
-~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-Die Torpedierung der „Lusitania“ ist nur eines der vielen weltbewegenden
-Ereignisse dieses Krieges gewesen. Macht man sich nun klar, welche Fülle
-von Karikaturen allein dieses eine Vorkommnis hervorgerufen hat, so
-gibt das ungefähr einen Begriff von der ungeheuren Masse satirischer
-Bilder, die der Weltkrieg überhaupt angeregt hat.
-
-[Abbildung: ~Abb. 67. P. van der Hem: Deutschlands Zukunft liegt unter
-dem Wasser.~
-
-~Holländische Darstellung der deutschen Unterseebootserfolge.~
-
-~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-Indirekt gehören zu dem Kapitel „Lusitania“ auch die
-selbstironisierenden Zeichnungen über die mangelhafte Rüstung der
-Vereinigten Staaten, denen man in der amerikanischen Presse begegnet. So
-klug sind die Amerikaner doch, um zu wissen, daß sie militärisch einem
-mächtig gerüsteten Reiche gegenüber, wie es „Germany“ ist, nichts
-auszurichten vermögen. Die in Abb. 72 wiedergegebene Zeichnung ~„The
-World Power“~, in der die United States ironisch als Weltmacht
-bezeichnet werden (sie ist von Harry Grant Dart und im Juli 1915 im
-„Life“ erschienen), möge dafür als typisches Beispiel dienen.
-
-[Abbildung: ~Abb. 68. A. Noël: „Les Soutiens de Germanie.“~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-Das #Unterseeboot# ist, wie schon gesagt und wie auch die Abbildungen
-60, 62, 66-70 weiter zeigen, ein häufiges Thema in den Karikaturen; oft
-kommt ein Gemisch von Bewunderung und Neid darin zum Ausdruck. Ein
-findiger Franzose schlägt im „Figaro“ vor, das Meer im Gebiete der
-Kriegszone mit Öl zu begießen. Dadurch würden die Gläser der Periskope
-fettig werden, dann könnte man sie nicht mehr benutzen, und die
-deutschen Unterseeboote wären lahmgelegt. Der Chefredakteur des
-„Figaro“, Alfred Capus (~de l’Académie~) gibt diese Anregung mit
-empfehlenden Worten weiter.
-
-Ebenso geht es den #Zeppelinen#; denn wenn auch die Alliierten so tun,
-als rührten sie die Zeppelinfahrten nicht (der ~„Punch“~ bringt sogar
-scherzhafte Plakate, wie eine Ankündigung des Bades Northend on Sea, das
-als besondere Attraktion ~„frequent visits of Zeppelins“~ empfiehlt), so
-haben sie doch in Wirklichkeit einen Heidenrespekt vor den Beherrschern
-der Luft. Und ebenso muß eine Zeichnung von #Paul Iribe# im „Journal“
-bewertet werden, wenn die Mutter zu ihrem ungezogenen Jungen in Paris
-sagt: „Sei artig, sonst darfst du nicht mitgehen, wenn wir uns heute die
-Zeppeline ansehen gehen!“
-
-[Abbildung: ~Abb. 69. P. Simmel: Panik an der Themse.~
-
-~(„Um Gottes willen, -- da kommt doch schon wieder was!“).~
-
-~(Lustige Blätter, Berlin.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 70. Johan Braakensiek: Der neue Tod.~
-
-~Holländische Karikatur auf die Unterseeboote.~
-
-~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 71. Reinuemel: Otez l’Œillère!~
-
-~(Die Scheuklappen weg!)~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris)~]
-
-[Abbildung:
-
- WARNING!!!
-
- ANY FOREIGN COUNTRY
- PRESUMING TO TRIFLE WITH
- THE DIGNITY AND HONOR OF THIS
- GREAT NATION DOES SO AT THE
- RISK OF INSTANT ANNIHILATION
- BY OUR MIGHTY ARMY AND
- MAGNIFICENT NAVY UNDER
- THE EFFICIENT MANAGEMENT
- OF ITS HEAVEN-GUIDED BOSS.
-
- ----------
-
- WE CAN MOBILIZE A HORDE OF
- 30,000 WELL TRAINED SOLDIERS,
- INSTANTLY, ON THREE MONTH’S
- NOTICE AND MAKE OUR FLEET
- READY FOR ACTION IN TWO YEARS.
-
- U.S.A.
-
-~Abb. 72. Harry Grant Dart: Das wohlgerüstete Amerika.~
-
-~Amerikanische Karikatur auf die mangelhaften Vorbereitungen der
-Vereinigten Staaten. (Life, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 73. P. van der Hem: Der neue Tod.~
-
-~(Die Stickgase.)~
-
-~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]
-
-#Wolffs Telegraphen-Bureau# darf natürlich auch nicht zu kurz kommen;
-hier ist es besonders die französische Presse, die sich diese
-Depeschenagentur aufs Korn genommen hat (genau so wie die deutsche das
-Bureau Reuter), übrigens nicht nur in rein karikaturistischen
-Darstellungen wie die der Abb. 71, sondern auch in harmloserer
-Verbindung. #A. Guillaume#, der bekannte Darsteller galanter Szenen,
-zeigt den plötzlich von der Reise ins Schlafzimmer seiner Frau
-zurückkehrenden Ehemann (der Galan verschwindet grade unterm Bett): „Ich
-bin schleunigst wiedergekommen; ich habe eine Depesche erhalten, daß du
-mich betrügst!“ Darauf sie: „Pah! Das ist doch natürlich wieder nichts
-anderes als so eine alberne #Nachricht des Wolffschen Bureaus#!“
-
-Die modernste und vielleicht schrecklichste Waffe, die #Stickgase#
-(~asphyxiating gases~) hat in dem schon vorher genannten #P. van der
-Hem# ihren Meister gefunden. Sein großes Blatt aus dem „Nieuwe
-Amsterdammer“ kann man wohl mit Recht als eine sehr gelungene
-Versinnbildlichung der erstickenden Dämpfe betrachten. Aus dem langen,
-röhrenartig erweiterten Totenschädel strömen die giftigen Dämpfe in den
-feindlichen Schützengraben, Tod und Verderben verbreitend. Bei allem
-Ernst, der über dem Blatt lagert, ist der Vorwurf, den sich der Künstler
-gewählt hat, temperamentvoll wiedergegeben. Trotzdem außer dem schwarzen
-Grundton nur Blau verwendet wurde, ist die Zeichnung farbig doch sehr
-stimmungsvoll. Ein Mann wie P. van der Hem, bei dem sich so scharfe
-Beobachtung mit technischem Können vereint, wäre der gegebene Zeichner
-für einen großen Totentanz des Weltkriegs. Gegen seine Darstellung der
-Stickgase (Abb. 73) fällt die des Franzosen #Lanos# ~„La bête puante“~
-aus dem ~„Rire rouge“~ gänzlich ab. Unter Hineinschleppung viel zu
-vieler Einzelheiten und bei farbig-fahriger Buntheit läßt die Zeichnung
-den Eindruck des Schrecklichen, den der Künstler beabsichtigte, durchaus
-vermissen und wirkt eher komisch.
-
-[Abbildung: Mit einem herrlichen Schwunge setzte das letzte Vierteljahr
-1914 ein.
-
-~(Kladderadatsch.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 74. Postkarte, entstanden im deutschen Großen
-Hauptquartier im Westen.~
-
- ~_Marianne, pauvre chatte,
- Tu vas brûler tes pattes
- En tirant les marrons
- Du brasier Teuton
- Pour plaire au singe avide:
- John Bull -- le grand perfide!_~
-
- ~(La Fontaine~
-
- ~Marianne, armes Kätzchen,
- Verbrennst Dir Deine Tätzchen
- Beim Holen der Maronen
- Am Feuer des Teutonen,
- Aus Liebe zu John Bull, dem Briten
- Dem gierigen Affen, dem Perfiden.~
-]
-
-[Abbildung: ~PARADE-MARCH~
-
- Michel vole les pendules; von Boden, les tableaux;
- Gretchen vide les armoires et Messieurs les Officiers, les caves.
-
-~Abb. 75. Ricardo Florès: Parademarsch.~
-
-~Aus dem Album „Boches, Deutschland unter Alles“.~
-
-~(Paris, Ollendorff Editeur, 1914.)~]
-
-Wohl kaum einem Lande ist der Krieg so überraschend gekommen wie
-Frankreich, denn wenn man dort auch immer stolz auf das ~„archiprêt“~
-pochte und eine Reihe von Kriegshetzern fleißig an der Arbeit waren, so
-hatte man, wenigstens soweit die große Mehrheit in Betracht kam, doch
-nicht ernstlich an einen Krieg geglaubt, zum mindesten nicht an einen
-solchen im Jahre 1914. So fand denn der 1. August die Franzosen
-~archiprêt~ in dem Sinne von 1870, nämlich unvorbereitet. Wandel und
-Handel stockte, vor allem der Buchhandel, und er hat sich auch bis heute
-noch nicht richtig erholen können, während er in andern Ländern schon
-längst sich den neuen Verhältnissen anzupassen wußte. In Deutschland
-beträgt #allein# die Zahl der mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden
-Neuerscheinungen vom 1. August bis 31. Dezember 1914 1416 Nummern,
-während in Frankreich der ~„Mémorial de la Librairie“~ im #ganzen# bloß
-286 Werke verzeichnete und unter diesen #nur# 20, die in direktem
-Zusammenhange mit den Zeitereignissen standen. Eine große Reihe von
-Revuen und Zeitungen verschwanden sang- und klanglos und sind auch nicht
-wieder erstanden; andere fristen notdürftig als zweiseitige Blätter ihr
-Dasein. In Paris hörten die Witzblätter nach Ausbruch des Krieges
-zunächst auf zu erscheinen. Die Karikatur trat zuerst wieder in den
-Tageszeitungen auf, in jenem Stil, der für die gesamte Literatur und
-Kunst seit dem Ausbruch des Krieges für Frankreich charakteristisch ist.
-Es ist dort anders als bei uns: während hier nur wenige Schreier und
-Toren die Ausnahme bilden und die weitaus überwiegende Mehrzahl der
-Deutschen sich vernünftig und korrekt benimmt, ist es in Frankreich
-gerade umgekehrt; dort ist die Besonnenheit eine Ausnahme, und die Masse
-des Volkes, #auch# die der Gebildeten, ist von einer Art Wahnsinn
-befallen, dessen pathologische Wutausbrüche in der Tagespresse, den
-Witzblättern, den Ansichtskarten und in Einzelheften zum Ausdruck
-kommen, die zu sammeln für jeden, der sich überhaupt mit der
-Kriegsliteratur beschäftigt, zum mindesten sehr reizvoll ist. Das
-Bewußtsein der Ohnmacht einem stärkeren Feinde gegenüber hat die
-Franzosen in eine hysterische Raserei versetzt, deren Ergüsse einfach
-jeder Beschreibung spotten. Aber es ist wirklich richtiger, alle diese
-Dokumente von der #komischen# Seite zu betrachten, als sie ernst zu
-nehmen. Die gekränkte Eitelkeit, die Sorge um den Untergang der
-~„Gloire“~ hat dieses bedauernswerte Volk zu solchen sonderbaren
-Delirien geführt. Frankreich glaubt noch immer, die Welt führe Krieg,
-weil seine Eitelkeit vor 44 Jahren durch den Verlust Elsaß-Lothringens
-verletzt wurde. Nur ganz langsam und allmählich machen sich auch Stimmen
-in Frankreich bemerkbar, die vor übergroßem Siegesbewußtsein warnen und
-den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, die sogar das Wort
-~„Les Allemands“~ wieder in Anwendung bringen, das doch jetzt in der
-französischen Presse verpönt ist und durch ~„Assassins“~, ~„Barbares“~,
-oder das so beliebte ~„Boches“~ ersetzt wird.
-
-Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische
-deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um
-französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei
-uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem
-„Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die
-Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten
-mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der
-Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere
-Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte
-kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines
-Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in
-freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das
-Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige
-Text zu dieser Fälschung fabriziert: ~„Explication orageuse des deux
-Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“~ Noch toller
-aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat;
-es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen
-tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und
-Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen
-Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die
-Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht
-gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis
-etwa zu den Knien, die #ganze# Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen
-und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf
-dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden!
-
-Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das
-„Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung
-aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen
-Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung
-der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine
--- französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des
-Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte).
-
-Abbildung 76 zeigt eine Karikatur von #L. Métivet#, die in der letzten
-vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden
-ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der
-französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres
-drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren
-veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße
-versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und
-fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik
-des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt
-immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene
-harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen
-etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise
-spotteten. Besonders die Zeichnungen von #Jossot# lassen an Schärfe
-nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen #Organisation# des
-französischen Heeres eine ätzende Kritik.
-
-Es ist eigentlich jammerschade, daß das bedeutendste französische
-Witzblatt (und man kann wohl sagen: die bedeutendste Karikaturen-Zeitung
-der Welt überhaupt), die „Assiette au Beurre“ bereits vor mehreren
-Jahren ihr Erscheinen eingestellt hat. Es wäre doch sehr wichtig
-gewesen, gerade sie unter der Kriegsliteratur vertreten zu sehen. -- Und
-dabei denkt man unwillkürlich ein bis zwei Jahrzehnte zurück, an die
-Zeit, als sich die ganze Schärfe des französischen Witzes mit aller
-Wucht und allem Haß gegen die jetzigen Verbündeten Frankreichs, die
-Briten, wandte, als sogar Sondernummern gegen die Engländer
-herausgegeben wurden, wie namentlich zur Zeit des Burenkrieges. Derselbe
-#Willette#, der sich heute in gehässigen Kartons gegen die deutschen
-„Barbaren“ nicht genug tun kann, brachte damals ein Blatt, auf dem der
-Tod die abgemagerte Britannia davonträgt. Darunter stand zu lesen: „Der
-Tag, an dem das perfide Albion verreckt, wird ein Freudentag der
-Menschheit werden!“ -- Aber auch später haben die Pariser Witzblätter
-sich noch weidlich über England lustig gemacht. So nach den letzten
-englischen Manövern, die wegen totalen Wirrwarrs und weil niemand mehr
-ein und aus wußte, schließlich abgebrochen werden mußten. -- Vielleicht
-ist die Zeit nicht allzu fern, wo sich die Stifte der französischen
-Zeichner wieder gegen jenen Feind wenden werden, der die Ursache der
-„Schmach von Faschoda“ war. Dann wird Frankreich einsehen, wie treffend
-die Situation jene als Abbildung 74 wiedergegebene Karte
-charakterisiert, die aus dem deutschen Großen Hauptquartier im Westen
-stammt. Frankreich erntet eben die Früchte seiner Revanchepolitik und
-wird wohl schließlich die Hauptzeche zahlen müssen, wenn die Engländer
-die Absicht haben, bis zum letzten Franzosen zu kämpfen.
-
-[Abbildung: ~LE SILENCIEUX: JOFFRE~
-
-~Abb. 76. Métivet: Welches ist denn nun der „Kriegsfuß“?~
-
-~(Le Rire, Paris, Juli 1914.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 77. Charles Léandre, Le Silencieux: Joffre. Il ne dit
-rien, mais chacun l’entend.~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-Eine andere Karte mit französischem Text hat das deutsche Große
-Hauptquartier im Westen sich von #Trier# zeichnen lassen. Sie zeigt
-einen Engländer, der im Blute watet und die darin ertrinkenden Franzosen
-mit folgenden Versen anredet (dieser Engländer scheint übrigens eine
-Ausnahme zu sein, denn die wenigsten, nicht einmal Herr Grey,
-beherrschen eine andere Sprache, als die englische):
-
- ~Dans ce sang, versé pour me plaire,
- Vous vous noyez? Goddam, tant pis!
- Rappelez-vous, ce que Voltaire,
- Un des vôtres, un très fin esprit,
- A dit de l’histoire d’Angleterre;
- „On y voit“, pretend ce grand homme,
- „Le sang couler comme de l’eau,
- Elle pourrait aussi bien en somme,
- Etre écrite par un bourreau!“~
-
- (In diesem Blute, vergossen für mich,
- Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer!
- Euer Voltaire, denket dran, sicherlich
- Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer,
- Über Englands Geschichte äußert er sich,
- Der Spötter, der große, man sehe dort
- Wie Wasser fließen das rote Blut,
- Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort,
- Von Henkershand ebensogut!)
-
-[Abbildung: ~Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.~
-
-~(La Guerre sociale, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto,
-daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.~
-
-~(Le Rire rouge, Paris.)~]
-
-Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den
-ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu
-Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen
-„Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß
-viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht
-fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut
-frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt
-sich #P. Carrère#); sieht den Kaiser in der Uniform der
-Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein
-„Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser
-vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein
-daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind
-erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt
-den urfranzösischen Namen #Muller#). Es wäre ganz verkehrt, diese
-Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten,
-sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein
-hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem
-abgehackten Kopf eines Deutschen als ~„Plat du jour“~ und solche mit
-allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es
-um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist
-ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der
-Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich
-veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig
-Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den
-Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war.
-Da heißt es in einem Erlasse: ~„Les hordes barbares de l’Attila moderne
-égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches
-départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du
-monde civilisé.“~ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde
-schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten;
-Napoleon ~III.~ ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten:
-~„La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les
-yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la
-civilisation.“~ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon
-damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich:
-~„L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit,
-il couvre d’obus nos hôspitaux.“~[1] Und daß die französischen
-Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die
-Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile
-bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris
-verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß
-allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten
-vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris
-unter dem Titel „Boches“ erschienen. (~Boches! Deutschland unter alles.~
-Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16
-Seiten in Großquart.) Abbildung 75 führt eine verhältnismäßig harmlose
-Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei
-Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie
-kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen
-Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen
-Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub,
-Kindermord usw.
-
- [1] „Schlagworte“, Aufsatz von Rudolf Friedmann in der „Vossischen
- Zeitung“ vom 2. Januar 1915.
-
-[Abbildung: ~Abb. 80. Teddy: Conseil de Revision.~
-
-~„Un rein flottant ...; mais c’est parfait, on va vous mettre dans la
-marine!“ (Eine flutende (Wander-) Niere ...; das ist ja ausgezeichnet,
-da kommen Sie zur Marine!)~
-
-~(Le Rire rouge, Paris.)~]
-
-[Abbildung: „Da bleibt nur viererlei übrig: Hungertod, Selbstmord, sich
-gegenseitig auffressen, oder die Rettung durch einen deutschen
-Bergführer.“
-
-~Abb. 81. Willy Stieborsky: Verstiegen.~
-
-~(Die Alliierten auf dem Balkan.)~
-
-~(Muskete, Wien.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 82. Rata Langa: Uccidiamo il militarismo.~
-
-~(L’Asino, Rom.)~]
-
-Zu den widerlichsten Veröffentlichungen Frankreichs gehört das im
-Verlage der „Librairie de l’Estampe“ erschienene ~„La ‚Kultur‘
-Germanique en 1914/15“~. Blättert man diese vierzehn Zeichnungen
-durch, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es denn in ganz Frankreich
-keinen Menschen, der diese sinnlosen Roheiten öffentlich an den Pranger
-stellt? Auf dem Umschlag eine abgehackte, beringte Frauenhand und im
-Innern Darstellungen von Mord, Schändung, Vergewaltigung und den
-widerlichsten Grausamkeiten. Ein Volk, das solche Gemeinheiten duldet,
-hat wahrlich kein Recht, von andern als Barbaren zu sprechen. Wie weit
-sich aber in der französischen Presse die Schamlosigkeit offenbarte,
-dafür ist eine Karikatur von #Maxa# in dem so viel genannten „Matin“ vom
-26. Januar ein charakteristisches Beispiel. Die „Frankfurter Zeitung“
-bemerkt dazu treffend: „Der Pariser ‚Matin‘, der nicht auf den Krieg
-gewartet hat, um sich im Urteil der ganzen Welt einschließlich der
-damals noch etwas urteilsfähigeren öffentlichen Meinung Frankreichs
-selber als den Schandfleck der europäischen Presse zu dokumentieren,
-fürchtet jetzt offenbar, daß es irgendwo in der Welt noch jemand geben
-könnte, der an seinem völligen Verzicht auch auf den letzten Funken von
-journalistischem Anstandsgefühl zweifelt. In der Tat, nur als
-verzweifelte Bemühung der Schamlosigkeit, sich selbst zu übertreffen,
-ist das Bild zu verstehen, das der ‚Matin‘ in seiner Nummer vom 26.
-dieses Monats veröffentlicht, und das in den Zügen eines Affen den
-greisen Kaiser von Österreich erkennen lassen will. Die Infamie der
-bildlichen Darstellung aber ist noch gesteigert durch die Bezeichnung
-~‚L’Increvable‘~, für die es weder im Deutschen, noch in der Sprache
-irgendeines Menschen, dem die Würde des Alters nicht als geeigneter
-Gegenstand scheußlichster Verhöhnung erscheint, eine dem gemeinen
-Gedanken entsprechende Übersetzung gibt. Der Geist, der aus diesem
-Schandprodukt spricht, ist im übrigen würdig des Blattes, das jetzt im
-Begriff ist, mit der Veranstaltung einer Volksausgabe (!) des
-französischen Greuelberichts ein Geschäftchen zu machen, zu dessen
-Hintertreibung sich der Pariser Rechtsgelehrte Charles Gide nicht
-umsonst gerade an den Senator Béranger in seiner Eigenschaft als
-Vorsitzender der Liga für die Bekämpfung der Pornographie gewandt hat.“
--- Manchmal hat der „Matin“ auch Pech gehabt, wie mit seinem
-„Dardanellen-Thermometer.“ Als die Beschießung der Meerengen durch die
-Alliierten begann, erschien im „Matin“ ein „Thermometer“ von der Hand
-der Verbündeten gehalten. Unten lag Kum Kaleh, oben Konstantinopel,
-dazwischen die andern Orte der Dardanellen. Dieses Klischee sollte
-täglich gebracht werden und zeigen, wie die Quecksilbersäule immer höher
-steigt (durch das Feuer der Alliierten!), bis sie schießlich
-Konstantinopel erreichen würde. Aber schon am dritten Tag blieb das
-schöne Klischee aus den Spalten des „Matin“ wieder weg: die
-Quecksilbersäule war zu tief gefallen.
-
-[Abbildung: ~Abb. 83. Sacha Guitry: Die beiden Kaiser.~
-
-~(Le Journal, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 84. Die „Permissions de quatre jours“.~
-
-~Französische Karikatur auf den viertägigen Urlaub, den die Truppen im
-Interesse der Volksvermehrung erhalten und auf die sich darauf
-beziehenden Vorbereitungen der Pariser Damenwelt.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 85. Djilio: Les Retraites.~
-
-~(Le Rire rouge, Paris.)~]
-
-Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel
-„Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende
-französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon
-erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert
-Henri Lavedans Ausspruch: ~„Le soldat français rit, partout. C’est une
-de ses manières.“~ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die
-Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll:
-„~Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge.~ In der jetzigen
-tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire
-alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel
-Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern
-der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders
-Wilhelm ~II.~ betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung
-weggelassen), muß nicht gerade #er# mit dem roten Eisen der Karikatur
-gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit
-allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen
-usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur
-Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich
-darüber, daß ihr ~„deux admirables dessins de Willette“~, mit denen sie
-den Haß gegen die ~„massacreurs des femmes et tueurs des enfants“~
-nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern
-enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel
-Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen
-allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt
-verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt,
-übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche
-deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So
-gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der
-Unterschrift ~„Simplicissimus, Munich“~. Sieht man nun von den
-Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht
-sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer
-höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten
-Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben:
-#Fabiano#, #Faivre#, #Gerbault#, #Guillaume#, #Léandre#, #Métivet#,
-#Steinlen#, #Willette# usw., also auch ein großer Teil von denen, die
-früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text
-sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung
-Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von
-dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit
-der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt
-macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was
-werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder
-hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt
-sich ~„La Noël des petits Boches“~:
-
- #Weihnachten bei den kleinen Boches.# „Gut,“ sagte der liebe Gott zum
- Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine
- Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für
- die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und
- Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den
- Lagern Umschau zu halten.“ -- „Das ist alles ganz schön,“ antwortete
- der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn
- es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich
- finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die
- kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen,
- denn das ist meine Pflicht.“ -- „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt
- ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem
- Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die
- Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen
- Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ -- „Aber,
- lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ -- „Mach das, wie
- du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ -- Der
- Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er
- wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die
- kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn.
- Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er
- nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für
- sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen
- Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen
- und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort
- trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute
- pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen
- Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser
- Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige
- Ware, ~made in Germany~.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit
- verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo
- er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier
- gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze
- von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen.
- Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine
- fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang
- der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere
- Duft der Boches. -- Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen
- Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den
- deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie
- die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren
- auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie
- vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges
- Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu
- verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten,
- der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen
- ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine
- einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. -- Und die
- kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit
- Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott
- mit uns! Deutschland über alles.“ --
-
-Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch
-auf den ~„Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“~, den ~„Dentiste Boche“~
-und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit
-den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer
-mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett
-Napoleons. Unterschrift: ~„Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de
-Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de
-bataille.“~ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem
-deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau
-ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft
-mit Brille (Abb. 79). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt,
-wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die
-wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit
-hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän
-gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano ~„Flirt 1914“~, auf
-dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die
-Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich
-dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf.
-
-[Abbildung: ~Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.~
-
-~„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ -- „Ja, wie die Zeit
-vergeht!“~
-
-~Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.~
-
-~Französische Karikatur auf die angebliche Ungenießbarkeit des deutschen
-K-Brotes.~]
-
-[Abbildung:
-
- LE BARBIER DE CET’VILLE
-
- _Avec un impeccable maestria, Auguste exerce en plein vent ses
- fonctions de Figaro._
-
- _Son Salon de Coiffure extrarudimentaire est simple et de bon goût._
-
- _Une couverture protège les clients contre les morsures de l’aigre
- bise qui disperse aux quatre coins du camp les toisons multicolores.
- Les glaces sont absentes, les frictions et les schampoings sont passés
- à l’état de légende, mais Auguste a tourné la difficulté. Il a lancé
- la coupe “Aux Enfants Captifs” qui transforme les cranes en une
- superbe boule de billard._
-
-~Abb. 88. Federzeichnung aus „Le Héraut“.~
-
-~Zeitung der französischen Gefangenen in Zossen bei Berlin.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 89. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von
-Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Russen.~
-
-~Nach einem Original-Aquarell.~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 90. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von
-Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Engländer.~
-
-~Nach einem Original-Aquarell.~]
-
-Aber auch gegen die eigenen Schwächen der Franzosen geht das Blatt
-bisweilen mit einer bewundernswerten Offenheit vor. So bekämpft es vor
-allen Dingen die gerade in Frankreich infolge der vielen Vetterschaften
-zahlreichen Drückeberger aller Art; gab es doch „Verwalter der eroberten
-Provinzen“, Registratoren der Milchkühe usw. (Abb. 86). Auf einem Bilde
-~„Les Cadeaux du Trésorier-Payeur“~ zeigt #Métivet#, wie ein Zahlmeister
-seiner Geliebten eine Menge von Geschenken in Gestalt von Schinken und
-allen möglichen andern Paketen überreicht („O, welche Fülle von
-Aufmerksamkeiten; wird Ihnen denn das nicht zuviel?“ -- „Nicht im
-geringsten, -- das war ja für die Schützengräben bestimmt“). #Leroy#
-zeichnet ein ganzseitiges farbiges Blatt ~„Les Inconscients“~; man sieht
-die jammervolle Gestalt eines aus dem nordöstlichen Frankreich
-geflüchteten französischen Bauern am Tisch eines Ehepaares („Nun haben
-Sie mit uns gegessen, lieber Freund, nun erzählen Sie uns auch einmal,
-wie Ihre Kinder hingeschlachtet worden sind.“)
-
-[Abbildung: ~Abb. 91. Guido Cadorin: Deutsche Architektur im Orient.~
-
-~(Die neue Hagia Sophia in Konstantinopel.)~
-
-~(Il Numero, Rom.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 92. Guido Cadorin: Die Entente unter Dach und Fach.~
-
-~(Il Numero, Rom.)~]
-
-In allen Witzblättern werfen sich die Gegner jetzt gegenseitig vor,
-Kinder und Greise in das Heer einzustellen. Wenn in Deutschland und
-Frankreich Mütter voller Sorgen und doch voll Stolz ihre noch nicht
-militärpflichtigen Söhne als Freiwillige hingeben, so sollte das
-eigentlich kein Stoff für Scherze sein -- auch in #deutschen# Blättern
-nicht. Wenn französische Blätter die beabsichtigte Einberufung
-siebzehnjähriger Franzosen als Kinderkreuzzug bezeichnen, so ist das
-doch #nur# Galgenhumor. Dieses Thema ist aber unerschöpflich, wie
-Abbildungen 94-97 zeigen. Die höchste Hyperbel erreicht #Roger Cartier#:
-in einer glänzend gezeichneten Linien-Karikatur zeigt er drei
-hochschwangere Frauen, deren Söhne bereits im Mutterleibe auf ihre
-militärische Brauchbarkeit hin untersucht werden. So absurd der Gedanke
-ist: die Karikatur selber gehört zu den witzigsten und besten des ganzen
-Krieges. Die Darstellung entbehrt jeder Roheit, und das außerordentlich
-heikle Thema ist hier mit einer Delikatesse behandelt, wie wir sie schon
-früher in den Zeichnungen französischer Graphiker beobachten konnten,
-die die gewagtesten Sachen mit so viel Geschick zu illustrieren wissen,
-daß diese Darstellungen mit pornographischen Erzeugnissen nicht das
-geringste mehr zu tun haben. In „Le Rire rouge“ begegnen wir einer
-ganzen Reihe solcher amüsanten Karikaturen, die um so mehr auffallen,
-als sie mit Produkten jammervoller Roheiten vereint stehen. Den größten
-Raum in „Le Rire rouge“ nehmen natürlich die Verhöhnungen der deutschen
-Truppen ein. In einer Zeichnung D’Ostoyas ~„En Serbie“~ sieht man die
-weinenden Frauen und Kinder vor der deutschen Front („Und da sagt man
-immer, wir seien nicht galant, wir lassen die Damen sogar #voran#
-gehen!“) Eine große Rolle spielt Joffre, der französische Nationalheld
-der Gegenwart, der Hindenburg Frankreichs. Charles Léandre widmet ihm
-das in Abbildung 77 wiedergegebene ganzseitige Blatt ~„Le Silencieux:
-Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend~.“ Er ist der Mann, der die
-Geschicke Frankreichs leitet, nicht der Präsident Poincaré, die
-sonntägliche Spießbürgertype, von dem die französischen Zeitungen
-eigentlich nur noch reden, wenn er anstandshalber einmal an die Front
-fährt. -- Wie viel „Le Rire rouge“ zusammenlügt, zeigen die Bilder, die
-die Deutschen, besonders den Kronprinzen, auf der Flucht vorführen.
-Dieser Gedankengang kommt auch in einer Zeichnung von Djilio zum
-Ausdruck (Abb. 85), auf der ein Musikalienhändler dem Kaiser Noten
-anbietet: „Hier ist ein Marsch, ‚Berlin-Paris‘, ein ‚Triumphzug nach
-Warschau‘;“ darauf der Kaiser: „Haben Sie keine Retraiten (Rückzüge)?“
--- Das alles in einem Lande, dessen Regierung dem Volke auch noch nicht
-#eine# Verlustliste zugemutet hat!
-
-[Abbildung: ~Abb. 93. Scarpelli: Der Bibabo. („Sieh einmal, wie garstig
-er ist. Wenn du nicht artig bist, wird er dein Baby auffressen!“)~
-
-~(Il Numero, Rom.)~]
-
-[Abbildung: THE LAST LINE.
-
-~Abb. 94. C. Harrison: Deutschlands letztes Aufgebot.~
-
-~(Punch, London.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 95. Rea Irvin: Das fünfte deutsche Reservekorps,
-bestehend aus Männern zwischen 60 und 75 Jahren.~
-
-~(Aus den „Letters of a Japanese School-boy“ im „Life“, New York.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 96. A. Johnson: Frankreichs letztes Aufgebot.~
-
-~(Kladderadatsch, Berlin.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 97. Sidney Greene: Deutschlands letztes Aufgebot.~
-
-~(Evening Telegram, New York.)~]
-
-Ein anderes sehr beliebtes Thema ist das deutsche K-Brot, das sich die
-Franzosen als ein Brechmittel schlimmster Art vorzustellen scheinen
-(Abb. 87). Métivet zeichnet ein Bild ~„Boulangerie allemande“~ mit der
-Unterschrift: ~„Après le pain K, le pain KK. Ça ne sent pas bon un K,
-deux K, trois K! Cette histoire-là finira par vingt Q.“~ (Wortspiel für
-~vaincu~ = besiegt). Ein anderes Bild von Maxa zeigt einen Offizier im
-Gespräch mit einem Kinde. „-- ~M’sieur, J’veux faire du pain pour vos
-soldats!~ --“ ...??? -- „ ... ~KK!“~ -- Am besten ist noch die große
-farbige Zeichnung von Abel Faivre ~„La grande vie à Berlin.“~ In einem
-eleganten Lokale sitzt ein Deutscher, sehr nachlässig gekleidet, wie
-ihn sich der Franzose vorstellt; der Primgeiger tritt an den Tisch und
-fragt: ~„Quelle morceau, M’sieur, préfère-t-il?“~ Die Antwort lautet:
-~„Un morceau de pain~.“
-
-Der Verlag von „Le Rire“ hat zu Weihnachten und Neujahr eine
-Postkartenserie herausgegeben, um diese an die Soldaten ins Feld zu
-schicken: (~Les Voeux de la France à nos Soldats pour Noël et le Jour de
-L’An. 12 Cartes Postales en couleurs. Publiées par le Journal Le Rire
-rouge.~) Sie sind verhältnismäßig anständig, teilweise sogar
-sentimental. Es sind Zeichnungen von Barrère, Delaw, Faivre, Fabiano,
-Florès, Guillaume, Gerbault, Métivet (~Joli cadeau a faire à nos
-soldats~; eine elsässische Puppe mit dem Lorbeerzweig des Siegers),
-Meunier, Roubile, Vallet, Willette (~Les étrennes de Marianne~; die
-französische Republik mit Elsaß und Lothringen an der Hand). Die Karten
-tragen sämtlich französischen und englischen Text und sind sehr stark
-anglophil gehalten. Wollte man nun hiernach urteilen, so wäre es mit der
-angeblichen geheimen Feindschaft der Franzosen gegen die Engländer nicht
-so schlimm.
-
-Als die deutschen Zeitungen berichteten, es würde notwendig sein, die
-zirka 20 Millionen Schweine in Deutschland aus Mangel an Futter zu
-schlachten, brachte Bigot ein Bild ~„Les derniers mobilisés“~, ein
-Schwein, mit tränenden Augen im Gespräch mit einem Metzger: „Sagen Sie
-Sr. Majestät dem Kaiser, daß auch wir 22 Millionen Schweine bereit sind,
-unser Blut für das deutsche Vaterland zu vergießen.“
-
-[Abbildung: ~Abb. 98. „Odaliske ‚Victoria‘, der Sultan ruft Euch!“ „Der
-ruft mich schon seit drei Jahren ... aber ich bin nicht für ihn
-geschaffen!“~
-
-~(Pasquino, Turin.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 99. Ein Titelblatt der neugegründeten italienischen
-Zeitschrift „Il Numero“.~]
-
-Wesentlich harmloser ist eine, für Freunde von Sprachscherzen nicht
-uninteressante Karte mit folgendem Text (ein Gespräch zwischen dem
-Kaiser und einem Arzt):
-
-~Docteur, je re =Metz= entre vos mains mon auguste =Pér(s)onne=. Je re..
-=Sens Toul= les =Meaux=. J’ai mal dans =l’Aisne= et ma =Vistule= me fait
-souffrir. Je suis =Arras=..se. =Mézières= en =Guise de Bouillon= j’ai
-pris du =Champagne= et ça me =Reims= les boyaux.~
-
-~Sire, quand on m’a appelé j’ai dit =Givet= de =Spa=. Quelle =La Fère!=
-votre Majesté était =Seine= quand elle vivait dans =l’Oise=..iveté elle
-marchait les =Rhin Cambrai=.~
-
-~Oui, c’est =l’Anvers= de la médaille, je ne =Craonne= plus maintenant
-j’ai =La Ferté= bien abatue.~
-
-~Je trouve votre pouls un peu =Laon=, il faudrait prendre de l’elexir de
-=Longwy=.~
-
-[Abbildung: ~Abb. 100. Ein Titelblatt des neugegründeten italienischen
-Witzblattes „Il 42°“, das nach dem deutschen 42 cm-Mörser benannt ist.~]
-
-Die durch fetten Druck hervorgehobenen Städtenamen bezeichnen die Orte,
-an denen nach Meinung der Franzosen die Deutschen Niederlagen erlitten
-haben oder zum Rückzug gezwungen wurden; diese sind mit gleichen oder
-ähnlich klingenden Worten der französischen Sprache, die
-Krankheitssymptome schildern, in Verbindung gebracht. Die Übertragung
-in richtiges Französisch lautet: ~„Docteur, je remets entre vos mains
-mon auguste personne. Je ressens tous les maux. J’ai mal dans l’aine et
-ma fistule me fait souffrir. Je suis harassé. Mais hier en guise de
-bouillon j’ai pris du champagne, et ça me rince les boyaux etc. -- Je
-trouve votre pouls un peu lent, il faudrait prendre de l’élixir de
-longue vie.“~ In deutscher Übersetzung: „Herr Doktor, ich lege in Ihre
-Hände meine hohe Person. Ich fühle wieder alle Übel. Ich habe Schmerzen
-in der Leistengegend, und meine Fistel läßt mich leiden. Ich bin
-abgemattet. Gestern habe ich an Stelle von Bouillon Champagner genommen,
-und das durchwühlt mir die Gedärme. --.... -- Ich finde Ihren Puls etwas
-langsam, es würde nötig sein, Lebenselixir zu nehmen!“ --
-
-[Abbildung: ~Abb. 101. Der Tapfere. „Madame, Sie haben kein Recht, mich
-feige zu nennen; wissen Sie nicht, daß die Fliegen (mouches) schädlicher
-sind als die Boches?“~
-
-~(Le Matin, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 102. Schwedische Karikatur auf den Treubruch
-Italiens.~
-
-~„Nun habe ich mein Schwert so lange geschliffen, bis ein Dolch daraus
-geworden ist“.~
-
-~(Söndags Nissen.)~]
-
-[Abbildung:
-
- ~Al primo degli italici cantori
- che ora fronteggia l’allemanno fuoco
- si mandera dell’oro affinchè un poco
- fronteggi il fuoco dei suoi creditori~
-
-~Abb. 103. Italienische Karikatur auf D’Annunzio.~
-
-~Aus der Weihnachtsnummer 1914 von „Il Numero“.~
-
-~(Die italienischen Verse ahmen den Stil Annunzios nach.)~
-
-~„Dem ersten der italienischen Dichter, der jetzt dem deutschen Ungestüm
-die Stirn bietet, wird man Gold schenken, damit er auch dem Ungestüm
-seiner Gläubiger die Stirn zu bieten vermag“.~]
-
-Solche Sprachscherze scheinen in allen Feldzügen aufzutauchen. Auch im
-amerikanisch-spanischen Kriege von 1898 waren sie an der Tagesordnung.
-
-Vergessen werden dürfen auch nicht die Karikaturen der bekannten Pariser
-Tageszeitungen. Die meisten bringen täglich von bekannten Künstlern
-Beiträge, die sich mit ähnlichen Themen beschäftigen wie die
-Wochenblätter. Zeichnerisch sind sie meist recht gut. Mit wie wenig
-Strichen sind beispielsweise auf der hier abgebildeten Karikatur (Abb.
-83) von #Sacha Guitry# aus „Le Journal“ die charakteristischen Züge des
-österreichischen und des deutschen Kaisers wiedergegeben! Das Gesicht
-Wilhelms ~II.~ ist nur durch eine einzige Schnurrbartlinie dargestellt,
-und doch wird ihn niemand nach der Abbildung verkennen. --
-
-[Abbildung: ~Abb. 104. Robert Minor: Die Weckeruhr.~
-
-~(World, New York.~)]
-
-Der am wenigsten verhaßte von allen Geistern, die verneinen, muß sich
-ungleich zahmer betragen, wenn er sozusagen unter militärischer
-Kontrolle steht, wie es bei dem Blatte „Le Héraut“ der Fall ist, das die
-französischen Gefangenen im Lager von Zossen herausgegeben haben. Es ist
-nur eine Nummer erschienen, und diese ist schon heute eine bibliophile
-Seltenheit. Das vom lithographischen Stein abgezogene, vier
-Großfolioseiten umfassende Blatt ahmt nicht ungeschickt den Stil der
-großen französischen Tageszeitungen nach. ~Rédacteur principal~ ist ein
-gewisser Eugène Dienne; als Chefredakteur zeichnet Luc Fichtner, der
-auch im Anzeigenteil sein Pelzgeschäft in Paris empfiehlt. Dieser
-Annoncenteil ist durchaus ernst gemeint; er gibt ein treffliches Bild
-davon, welchen Ständen die französischen Gefangenen angehören. Wir
-finden da Inserate über die Baumschulen Legrux in Douai, über die
-Milchzentrifuge Cambraisienne in Maubeuge usw. usw. Leitartikel,
-wissenschaftliche und Sportnachrichten, nichts fehlt. ~„Le but essentiel
-du Héraut est de propager sous une forme gaie, vivante, et de faire
-comprendre, l’esprit de Fraternité.... Nos pensées restent graves; sans
-l’oublier jamais, qu’il nous soit permis de chasser le cafard, suivant
-l’expression imagée des coloniaux, surmontant le regret de la Patrie
-éloignée, par une réaction de gaité saine et de bon aloi, légitime et
-nécessaire ...“~ -- Nette Federzeichnungen sind in den Text eingestreut,
-von denen Abb. 88 eine Probe gibt.
-
-[Abbildung: ~Abb. 105. Der einzige Überlebende.~
-
-~Amerikanische Karikatur.~]
-
-Unter den Zossener Gefangenen sind auch eine Anzahl Künstler und Lehrer,
-die sich ihre freie Zeit durch Anfertigung von scherzhaften
-Originalaquarellen vertreiben, die von guter Begabung zeugen und denen
-infolgedessen auch ein künstlerischer Wert nicht abzusprechen ist. Zwei
-dieser farbigen Originale auf Postkarten sind hier in schwarzer
-Reproduktion abgebildet (Abb. 89 und 90), Spottblätter auf die
-mitgefangenen „Verbündeten“. Andere Karten zeigen zum Teil in sehr
-derber Darstellung, ~„Les Aborts“~, ~„Toilette intime“~, ~„A la Queue“~
-(das Essenfassen; hier hat der Künstler, um die Eßmarke im Original auf
-der Karte verwenden zu können, sogar auf die eigene Ration verzichten
-müssen).
-
-In Frankreich selbst sind die in der Etappe, ja sogar im Schützengraben
-erscheinenden Zeitungen (im Stile unserer Bierzeitungen) fast noch
-zahlreicher als bei uns, wenn sie auch an Güte lange nicht an die Liller
-Kriegszeitung heranreichen, die wohl das weitaus Beste in ihrer Art
-darstellt. Auch in der Vergangenheit haben weltgeschichtlich bewegte
-Zeiten solche Gelegenheitszeitungen hervorgebracht. Man denke an die zur
-Zeit der Choleraepidemie 1831 erschienenen Blätter, an die zahlreichen
-kurzlebigen Zeitungen des Jahres 1848. Und ganz besonders hatte „Le
-Héraut“ schon 1870 einen Vorgänger in der Zeitung „Prométhé“, die
-französische Gefangene in Spandau herausgaben und die heute zu den
-gesuchtesten Seltenheiten zählt.
-
-[Abbildung: ~Abb. 106. F. Jüttner: Wilson will nicht.~
-
-~(Lustige Blätter, Berlin.)~]
-
-[Abbildung: ~=Die kranke Marianne.=~
-
-~„Sie leiden an der Englischen Krankheit, Madame; ich habe Ihnen hier
-ein deutsches Pulver verschrieben, das wird helfen!“~
-
-~Abb. 107. Arnold: Deutsche Feldpostkarte aus Lille.~]
-
-Es gibt nur #ein# Land, dessen Presse Frankreich im Deutschenhaß zu
-überbieten suchte, und das ist Italien. Ist man doch dort so weit
-gegangen, zu dem Zwecke Deutschland und Österreich zu bekämpfen und
-Italien zum Kriege gegen seine Verbündeten zu hetzen, #eigens#
-Witzblätter zu #gründen#. „Il Numero“ ist ein solches Erzeugnis des
-Krieges, dem die Aufgabe zufiel, die Leidenschaften gegen die
-italienische Neutralität und die Zentralmächte, vor allen Dingen gegen
-Österreich, zu schüren. Von den italienischen Witzblättern steht
-künstlerisch dieser „Il Numero“ immerhin am höchsten. Was die andern
-leisten, ist unsagbar trostlos. Auch das Blatt des italienischen Klerus
-„Il Mulo“, das in Bologna erscheint und wohl so ziemlich das einzige
-ist, das nicht deutschfeindlich auftritt, sondern eher noch eine dem
-deutschen Reiche gegenüber freundliche Absicht verfolgt, besitzt unter
-seinen Zeichnern #nicht einen#, der auch nur den geringsten Ansprüchen,
-die man an einen Karikaturisten stellen muß, gerecht wird. Immerhin soll
-ausdrücklich anerkannt werden, daß der italienische Klerus hier ein
-Blatt geschaffen hat, das wenigstens das verbündete Deutschland und
-Österreich nicht angreift. „Il Mulo“ kämpft wie „Bastone“ „gegen
-französische Freimaurerei und englischen Krämergeist“. Ein
-doppelseitiger Karton in der Weihnachtsnummer richtete sich sogar
-ausdrücklich gegen Frankreich, weil es sich mit dem Waffenstillstand
-während der Weihnachtsfeiertage nicht einverstanden erklärt hatte.
-
-[Abbildung: ~Abb. 108. Rich. Rost: Im Dreadnought-Lazarett in Malta.~
-
-~(Jugend, München.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 109. Max Richter: Der Saisontanz 1914/15.~
-
-~(Ulk, Berlin.)~]
-
-Ganz besonders arbeitet das Witzblatt „Asino“ gegen die beiden Kaiser
-der Zentralmächte; es ist auch nicht einmal andeutungsweise möglich, den
-Inhalt der Schmähbilder, die ein gewisser #Rata Langa# verbrochen hat,
-wiederzugeben. Die Existenz eines solchen Blattes wäre in Deutschland
-unmöglich, selbst wenn es sich nur gegen die Feinde richtete. Das, was
-„L’Asino“ bietet, stellt den tiefsten Grad von Verleumdung und Lügen
-dar, der denkbar ist. Dabei sprüht in dem ganzen Blatt kein Funke von
-Humor auf, der #vielleicht# noch mit einem oder dem andern der
-„Scherze“ versöhnen würde. Allerdings hat ja gerade Italien nie Überfluß
-an Witz besessen. Vielleicht sind auch diese Exzesse wüster
-Geschmacklosigkeit auf metallische Händedrücke der Alliierten
-zurückzuführen. Eine besondere Rubrik ~„Tedescherie“~ verzeichnet
-Schandtaten der Deutschen, gegen welche jene in französischen Blättern
-beinahe als sanft bezeichnet werden müssen. Die meist in Grün und mit
-starkem Rot gedruckten Abbildungen haben schon äußerlich etwas
-Blutrünstiges. Abbildung 82 gibt eine der zahmsten wieder. Den Höhepunkt
-der Gemeinheit erreichte das Blatt in seiner Weihnachtsnummer, wo es
-unter dem Titel ~„Il Natale Tedesco“~ einen betrunkenen deutschen
-Soldaten zeigt, wie er mit seinem Bajonett das Jesuskind aufspießt,
-während ein anderer die Mutter Maria ermordet, ein dritter den heiligen
-Josef erwürgt und zwei andere den Esel seiner Habe berauben!
-
-[Abbildung: ~Abb. 110. Bülow: „Lieber Freund, hier bin ich!“ Salandra:
-„Einen Augenblick! Sieh dir mal erst ein wenig meinen Kopfschmuck an!“~
-
-~(Il Punto.)~]
-
-Das bereits erwähnte neue satirische Wochenblatt „Il Numero“ steht, wie
-schon gesagt, künstlerisch wesentlich höher. Eine ganze Reihe
-geschickter Zeichner arbeiten dafür. Die Nummern, die zehn Centesimi
-kosten, haben oft einheitlichen, geschlossenen Inhalt; so wendet sich
-beispielsweise ein Heft gegen die Schweiz, die angeblich ihre
-Neutralität in allzu deutschfreundlichem Sinne ausgenutzt hat. Auch der
-42 ~cm~-Mörser spielt in diesem Blatte eine große Rolle, wie in der
-Zeichnung „Der Gleichmacher“ von Nirsoli (Abb. 36). Cadorin zeichnet die
-kommende Hagia Sofia in Konstantinopel (Abb. 91). Ein anderer Künstler,
-Scarpelli (~scarpe~ = Schuhe; daher die Signatur links unten) zeigt den
-deutschen Kaiser, wie er das durch die Neutralität „gefesselte“ Italien
-mit der Türkei schreckte (Abb. 93). Zu den zahlreichen Blättern gegen
-den österreichischen Kaiser gehört eine Zeichnung von Nasika ~„La Bocca
-del Cattaro“~, ein Ausdruck der Freude über die Beschießung dieses
-süddalmatinischen Hafens durch die französische Marine, die ja übrigens
-recht trostlos verlief und an jenen berühmten „Sieg“ der Franzosen bei
-der Beschießung des Leuchtturmes Pelagosa erinnert; damals bestand die
-Beute aus den Unterhosen des Leuchtturmwächters, zwei alten Hennen,
-dreißig jungen Hühnern, zwei Tauben, einer Ziege, einem Kanarienvogel
-und einem halben Hektoliter Wein, die alle von den französischen
-Matrosen mitgeschleppt wurden. -- Daß auch die italienischen Zeitungen
-den Krieg in Gestalt von Karikaturen verarbeiten, zeigt Abbildung 110;
-auch in dieser kurz vor Eintritt Italiens in den Krieg erschienenen
-Zeichnung kommt bereits die deutschfeindliche Tendenz zum beredten
-Ausdruck.
-
-[Abbildung: ~Abb. 111. Grandjouan: Bulgariens Entscheidung.~
-
-~L’Europe: „Que veux-tu, enfant terrible, du halva turc ou du caviar
-russe?“~
-
-~Ferdinand: „Ah, maman Europe, comme j’aime la Macédoine!“~
-
-~(Europa: „Was willst du, schreckliches Kind, türkischen Honig oder
-russischen Kaviar?“ Ferdinand: „Oh, Mama Europa, ich liebe
-Balkan-Allerlei!“ Macédoine bedeutet im Französischen sowohl Macedonien,
-wie auch ein Gericht von allerlei Gemüsen oder Früchten.)~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-Seit dem Herbste 1915 ist aber Italien unzufrieden, auch mit seinen
-neuen Verbündeten. Die Ereignisse überstürzen sich, besonders auf dem
-Balkan! Rumänien, das früher schwankte (Abb. 113), will, wie
-Griechenland, seine Neutralität wahren und nicht mitmachen, Bulgarien
-hat seine Entscheidung getroffen und sich den Zentralmächten
-angeschlossen, weil es, seine Interessen richtig erkennend, sich nicht
-an ein abwärts rollendes Rad binden wollte (Abb. 111). Schon vor Monaten
-hat #Jordaan# im „Notenkraker“ gezeigt, wo man England an der Gurgel
-packen muß (Abb. 27).
-
-[Abbildung: ~Abb. 112. Britisches Phlegma. „Ich möchte den Herrn General
-bitten, statt des Stacheldrahtes einen einfachen Zaun anlegen zu lassen,
-damit unsere Fußbälle nicht leiden.“~
-
-~(Careta, Rio de Janeiro.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 113. Mad-Odessa: Das schwankende Rumänien.~
-
-~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
-
-[Abbildung: ~Abb. 114. Die große Schlacht. Napoleon: „Herrlich, wie sich
-unsre Truppen verteidigen.“ Moltke: „Und unsre sich schlagen.“ Bismarck:
-„Fast noch besser als zu unsrer Zeit.“~
-
-~(Campana de Gracia, Barcelona.)~]
-
-Kein Wunder, daß der „Figaro“ schon im Oktober 1915 jammert: „Wenn die
-Deutschen in Konstantinopel einrücken, wenn sie weiter die große
-Handelsstraße von der Elbmündung zur Mündung des Euphrat und Tigris
-eröffnen, dann ist es um die englische Weltherrschaft geschehen. Das
-#ganze großartige Gebäude des britischen Reiches wird dann bis in seine
-Fundamente ins Wanken gebracht#, von Zypern bis nach Ceylon, vom Nil bis
-zum Ganges. Aber wenn die bepickelhaubten Hyperboreer und ihr Kaiser den
-Bosporus erreichen, so bedeutet das auch #das Ende des russischen
-Reiches#. Es ist desgleichen zu Ende mit der Bestrebungen Italiens in
-der Levante, die sie als Erbe der Cäsaren überkommen haben. Alles, was
-Italien dann zu tun hat, beschränkt sich darauf, wieder einmal wie zu
-Dantes Zeit, die Herberge des Volkes von vorwitzigen Altertumskrämern
-und teutonischen Hochzeitsreisenden zu sein (!), während zur selben Zeit
-germanische Eisenbahnlinien über die alten Römerstraßen laufen, östlich
-von der Adria wie im Asien des Lukullus und Pompejus.“
-
-[Abbildung: ~Abb. 115. Saturn zur Erde: Anfänger!!~
-
-~Amerikanische Karikatur.~]
-
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-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Abb. 100: Das Witzblatt hieß “Il 420”, nicht “Il
- 42°”.
-
- Abhängig von der benutzten Hard- und Software werden möglicherweise
- nicht alle Elemente dieses Textes richtig zu sehen sein.
-
-
- Durchgeführte Änderungen:
-
- Klare Fehler in Rechtschreibung, Interpunktion usw. sind
- stillschweigend korrigiert worden.
-
- Originaltext: Korrigierter Text:
- Bernald Partridge Bernard Partridge
- De nieuwe Dod De nieuwe Dood
- Elsevir Elsevier
- Allierten Alliierten
- G. Miles Forman J. Miles Forman
- Zoon cultuur Zoo’n cultuur
- Harri Grant Dart Harry Grant Dart
- Trésorieur-Payeur Trésorier-Payeur
- Ca ne sent pas bon Ça ne sent pas bon
- Irving Irvin
-
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-End of Project Gutenberg's Die Karikatur im Weltkriege, by Ernst Schulz-Besser
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KARIKATUR IM WELTKRIEGE ***
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