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+The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Moloch
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
+
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
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+ Der Moloch
+
+ Roman
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Dritte und vierte Auflage
+ neu bearbeitet
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1908
+
+
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+Frau Ansorge
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde
+zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das
+Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den
+weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den
+weißgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum
+Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die
+Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das
+überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot
+über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn
+unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein
+schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluß zwingt, ihm in
+weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter
+abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluß
+herangebaut, so daß die Hauptstraße des Dorfs nahezu die Gestalt eines
+#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu
+reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.
+
+Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser,
+öder Erdstrich. Nur ein großer Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm
+strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus.
+
+Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an
+welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von
+der Ostrauer Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer
+Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der
+damalige Bürgermeister hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der
+seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde
+gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch
+unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu
+verändern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zäune
+aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der
+Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft
+und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.
+
+Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen
+gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen.
+Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden
+geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred
+Ansorge war einer der großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers
+gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen großen
+Teil des Jahres in der traurigen, rußigen Stadt zuzubringen, aber desto
+schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf
+Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie,
+Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die
+Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei
+Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein
+falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
+kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem
+entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum
+Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter
+eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt
+zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen
+zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verließ gelegen, das
+Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch was mit dem
+Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden
+und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr
+aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des
+Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der
+Eisdecke des Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form
+des Lebens zu.
+
+Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die
+Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den
+Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äußerlich
+ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschäften zu befassen und
+bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte
+Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle
+liegenden Gründe veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
+übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr
+beeinflußt hatte.
+
+Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat
+keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie
+haßte alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf
+Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren
+Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
+mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder
+den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Straße
+ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand
+oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen.
+
+In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines
+schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die
+beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine
+unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und
+unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner
+Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts
+von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige
+Geselligkeit entsteht.
+
+Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches
+Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen
+stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute
+auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht
+ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn für
+die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals und auch später nicht
+das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein durchaus
+unrechtmäßiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem
+Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen
+Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte,
+zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die
+er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den
+Plagegeist los und biß und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich
+mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine
+verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewußtsein der
+Körperkraft entsprang und gar possierlich wirkte.
+
+Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang.
+Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die
+Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie
+selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin
+unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und
+so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den
+niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu
+lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß
+er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte
+keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher
+Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt
+gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.
+
+In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an
+ihm eine unruhige Überschwänglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur
+im Innersten fremd war. Da kam es vor, daß er während einer ganzen
+Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in
+die Erde hinein horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der
+Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst
+am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
+was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte
+er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen,
+dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Straße erschienen waren.
+
+Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein
+Gegenteil, so daß Arnold den Eindruck eines mürrischen und
+phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
+ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer und Winter und wieder Sommer und
+Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der
+Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der
+Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und
+schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen
+ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine
+geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land,
+nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der
+Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war
+nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr
+eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den
+kurzen Gesprächen mit ihr gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm
+nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum
+ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen
+geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, daß
+Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern auch die Frau in
+ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich
+untergeordnet glaubte.
+
+Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium
+für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch
+körperliche Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien gefunden.
+Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit
+ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
+Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für
+dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergaß er doch niemals den
+herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes
+Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die
+schweißbedeckte dampfende Haut.
+
+Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches
+Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es,
+als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang
+zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen
+Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten.
+
+Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die
+neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie,
+frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hieß Salscha. Als
+Arnold sie gewahrte – sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre
+Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes – da besann er sich
+lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelände und blinzelte mit den
+Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel
+Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben
+wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
+als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmäßig
+vorenthalten war. Die Magd lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf
+Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und
+Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr
+nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter
+der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung
+zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
+verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm
+nichts mehr denn ein leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken
+müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde
+wieder ruhig.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
+und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände
+glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
+entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise
+sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem
+Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
+plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
+den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
+zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.
+
+An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den
+Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich
+langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen
+leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob
+sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
+flammenden Himmel.
+
+Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
+bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen.
+Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und
+verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute,
+kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
+die Richtung nach dem Dorf ein.
+
+Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
+Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
+wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig,
+»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des
+verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt.
+Hanka heißen sie.«
+
+Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
+Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter
+durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
+Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
+Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu
+Gesicht bekam.
+
+Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim
+Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt
+und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er
+lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker
+hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu
+beobachten fähig ist und sich dessen freut.
+
+Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist
+sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
+Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.
+
+»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?«
+Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu
+allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
+reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
+betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
+zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und
+zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.
+
+Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
+fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
+leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte
+sich galant und wünschte gute Nacht.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet
+war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er
+liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und
+-frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder
+wurden zur Tränke geführt, und sie blökten freundlich.
+
+Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer
+Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken.
+Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der
+Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch
+sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen.
+
+Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn und Glatze, die trotz
+des kühlen Morgens schon schweißbedeckt waren, mit einem blauen Tuch
+trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck
+eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing,
+mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte
+seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig und ging.
+
+Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh’ jetzt ins Dorf.«
+
+Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt
+atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich
+gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege
+lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß,
+dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels
+wiedergab.
+
+Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig,
+entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den
+Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das
+Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar
+wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den
+jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
+Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die
+Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und
+Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein
+bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn
+hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob
+beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.
+
+»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd’
+ich Ihnen verklagen bei Gericht.«
+
+Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen
+Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen
+beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.
+
+Elasser wurde erregt. »Ich fürcht’ mich nicht vor Ihrem Hund,«
+antwortete er. »Ich fürcht’ mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich
+mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ hat
+sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen
+kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an
+Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
+herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte
+Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn
+gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um
+seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und
+zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur
+Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte
+Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den
+Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf
+duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos
+zusammenschrumpfte.
+
+Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen
+haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem
+Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind
+da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden.
+
+Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold
+auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die
+blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als
+sei der Sonnenschein trüber geworden.
+
+Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus
+entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf
+Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut.
+Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine
+Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
+wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein
+Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere
+Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er
+darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich
+zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold
+betraf.
+
+»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte
+er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?«
+
+Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.
+
+»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?«
+meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?«
+
+»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!«
+
+»Waren Sie nie in der Stadt?«
+
+»Nein.«
+
+»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein
+Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei
+einem Städter. Sehr merkwürdig!«
+
+»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold.
+
+»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie
+die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor.
+Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich
+sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater,
+Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale
+Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht
+vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie
+mir.«
+
+Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er
+seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend
+und verständnislos anschaute.
+
+Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine
+Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und
+neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine
+Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den
+Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
+hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und
+ging dem Lehrer entgegen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der
+Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
+Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht
+das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß
+kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den
+schlesischen Wäldern lag ein Wetter.
+
+Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
+was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
+auf ihn.
+
+Arnold brummte etwas vor sich hin.
+
+Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde
+er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können.
+
+»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf.
+
+Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
+und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.
+
+»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun
+Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
+bekommen.«
+
+»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte
+Salscha.
+
+Arnold zuckte die Achseln und schwieg.
+
+Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
+Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
+war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht.
+Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie
+nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr
+gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen.
+
+Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
+Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er
+schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau
+Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
+fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.
+
+Aber die Wolken verzogen sich wieder.
+
+Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
+allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt
+vorgeschwärmt habe.
+
+Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie;
+»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.«
+
+Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
+Regenbogen stand.
+
+»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie.
+
+Arnold trat an ihre Seite.
+
+»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir.
+Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
+übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe
+verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
+Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
+sie sind leer wie gedroschenes Stroh.«
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+Fünftes Kapitel
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+Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
+Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
+bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
+kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
+Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen
+böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
+Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und
+Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt.
+Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib,
+innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich,
+für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte.
+Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
+leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
+gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
+ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was
+sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.
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+Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
+Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain
+weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen
+Ankömmling.
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+Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester
+beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
+setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus
+langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel,
+dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine
+anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen.
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+Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
+dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
+ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
+ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer
+miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt
+aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
+erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge
+begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten.
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+»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend
+heraus.
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+»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er
+zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
+dumm.«
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+»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht
+sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
+begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und
+spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
+Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig,
+aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen
+allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt.
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+Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
+Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß
+Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
+gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka
+bei Beate nach dem Lehrer.
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+Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
+Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß
+vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht
+zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas
+Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
+wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,«
+fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es
+soll Geheimnis bleiben.«
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+Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
+Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
+die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines
+langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
+erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
+besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über
+den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
+denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte
+er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
+Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir
+haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht’s
+dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich
+fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?«
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+Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
+Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,«
+log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich
+sehr viel.«
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+»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich
+sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
+flinken Benehmen.
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+Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe
+brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
+Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
+Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob
+Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
+Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
+und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.
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+Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei
+entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen
+können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich
+in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine
+Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
+leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es
+lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.
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+Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
+ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
+Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
+am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
+von den Tschechinnen gelernt hatte.
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+ #Kudy, kudy, vede cestička
+ Pro mého Jenička ...#
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+Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
+Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
+lieben.
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+Sechstes Kapitel
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+Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am
+Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
+das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch
+und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu
+machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm
+hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas
+Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und
+stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
+schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
+Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
+einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß
+und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung
+gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
+schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
+Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
+leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
+Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand
+auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der
+Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für
+dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk’ dir
+einen neuen Unterrock.«
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+Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß
+das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
+Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher
+kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte
+der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
+Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
+kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß
+es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
+kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das
+Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
+und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn
+Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die
+Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen
+Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
+schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der
+Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt
+verhindert hatten.
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+Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
+Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
+zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
+unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die
+überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen
+und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
+Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften
+wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten
+Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
+Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
+Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten
+sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
+Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen
+Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
+seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in
+Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
+Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu.
+Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die
+Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
+blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
+das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden
+Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was
+er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
+niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken
+schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer
+fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn
+Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
+manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
+genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als
+ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene
+Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
+Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und
+Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate.
+Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
+Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
+gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf
+die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und
+wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
+hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
+Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit,
+aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und
+fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
+starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
+redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen,
+»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine
+unübersehbare Spanne Zeit.
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+Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
+heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald
+schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er
+stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen
+Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
+Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
+vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
+und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
+auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
+nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas
+durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
+antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig,
+verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare
+klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
+das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
+verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich
+zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
+vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
+höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die
+Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von
+der Anstrengung des Nachlaufens.
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+»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht
+gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch
+einen Spaziergang machen.«
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+Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den
+Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
+Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
+vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.
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+Siebentes Kapitel
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+»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
+gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
+einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und
+Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu
+schaffen hatte, irgendwohin.
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+Arnold schwieg.
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+»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer
+verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier?
+Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem
+man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.«
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+Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte
+Arnold, was macht er solches Wesen davon.
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+»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind
+doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
+Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer
+heutzutage.«
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+»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort.
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+Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
+entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft.
+Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
+über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.
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+»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
+Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die
+Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
+Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
+etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen
+durchaus reifen Charakter.
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+Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
+und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er
+hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
+Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor
+ihm floß ein Strom der Einsamkeit.
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+Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte
+sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als
+Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das
+ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner
+Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf
+und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
+auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem
+Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht
+erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern,
+als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
+den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts
+Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem
+Lehrer mit Interesse.
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+Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
+gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
+hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
+Beziehungen und wünschte Sympathien.
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+Achtes Kapitel
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+Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam
+Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden
+Elasser zu sich ins Kloster gebracht.
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+»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte
+sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.«
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+»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.
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+»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
+gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.«
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+»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch.
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+Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
+an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein
+Mädchen rauben,« sagte er verwundert.
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+»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula.
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+Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das
+Vorgefallene.
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+»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
+seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?«
+
+Frau Ansorge zuckte die Achseln.
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+»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.«
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+»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
+braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.«
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+»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?«
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+Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden
+Leute an,« entgegnete sie gleichgültig.
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+Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
+Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider
+Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
+Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen
+dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein
+alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
+Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
+sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
+Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch
+das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
+einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
+mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der
+Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen,
+alle Judenkinder zu taufen.
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+Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach
+der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden.
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+Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend,
+hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte
+Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
+Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern
+des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung
+abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls
+offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
+trauriger Anblick bot.
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+Neuntes Kapitel
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+Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
+emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
+Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune
+Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes
+Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
+abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
+kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
+spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag
+eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel
+zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
+stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
+Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
+deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
+Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
+Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften
+Teil des Raumes ein.
+
+Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
+er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel
+zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den
+Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die
+gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
+Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
+der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück
+aus dem Kloster?«
+
+Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
+ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß
+der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
+Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge,
+obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
+jeder Form zu erteilen vermag.
+
+Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das
+ist doch gegen das Recht.«
+
+»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den
+Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt’s
+kein Recht, für arme Juden gibt’s gar kein Recht. Und mit was kann ich
+dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?«
+
+»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer
+Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten
+konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
+Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
+haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
+Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
+Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch
+einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
+’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen,
+denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
+bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins Kloster,
+kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute
+Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
+Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
+freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
+die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen
+kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister
+sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir
+kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin
+ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
+sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
+Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
+sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt
+haben wird an die neue Umgebung.«
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+Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich
+fortgegangen,« schloß er und atmete tief.
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+»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt
+hatte.
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+»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
+leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.«
+
+Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis
+die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
+Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
+Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit
+dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte
+sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte,
+während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in
+Schlaf schüttelte.
+
+Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und
+blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was
+soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall
+wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen,
+sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
+mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir
+helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab.
+
+Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
+Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich.
+
+»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
+»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.«
+
+»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
+Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und
+wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un
+dürsten muß.«
+
+»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit
+streng zusammengezogenen Brauen.
+
+»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von
+einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen
+das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.«
+
+Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum,
+wobei sie Gebete murmelten.
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+Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
+Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb
+aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
+meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem
+Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
+fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte
+er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten
+wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
+Wirtshaus.«
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+Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
+schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
+ihn hinstellte.
+
+Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
+Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
+Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist
+es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich was Schlimmes erfahren. Hören
+Sie nur ... Vielleicht bereu’ ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber
+der Teufel kann ewig schweigen.«
+
+Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
+Lehrers.
+
+»Sie kennen doch Beate?«
+
+Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine
+Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich
+übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte
+Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten
+habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn
+mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
+Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und
+das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe
+hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die
+Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum
+Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
+Schnurrbart.
+
+Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte
+zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
+Wortes wert. Er schämte sich für Specht.
+
+Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
+die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
+vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann
+wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?«
+
+»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen
+Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so
+fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
+persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?«
+fragte er ironisch.
+
+»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
+völlig zu.
+
+»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?«
+Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im
+Bunde sei.
+
+Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es
+handelt sich um ein Unrecht.«
+
+Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
+Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
+findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?«
+
+»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum
+Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
+schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
+dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold
+an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
+verließ.
+
+Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich
+auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum
+Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
+melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
+versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
+mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein
+warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
+Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
+kommen?
+
+Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht!
+Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!«
+
+Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und
+schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
+blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich,
+lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas
+Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der
+Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und
+deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört
+den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
+sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben
+Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist –« ... mit
+einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten
+entzwei.
+
+»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu
+Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
+Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren
+Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so
+schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
+Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.
+
+Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.
+
+Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
+»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu.
+
+Der Lehrer lächelte sarkastisch.
+
+»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich
+genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?«
+
+»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete
+Specht.
+
+Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
+über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem
+Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen
+Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo
+sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin
+zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen
+und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem
+Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen
+Frau mit Vergnügen betrachtete.
+
+An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
+Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser.
+Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
+Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
+Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden.
+
+Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um
+sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
+Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
+mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
+seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
+erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
+verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
+die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn
+Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche
+Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht
+kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder
+nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin
+dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
+dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die
+Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit,
+sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.«
+
+Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
+sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
+schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts
+Rechtes anzufangen.
+
+In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
+Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
+einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen
+aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und
+Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus
+der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide
+Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
+trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig
+und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin.
+Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd
+erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
+Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
+daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er
+aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor;
+dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige
+Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
+etwas Unvergeßliches in sich.
+
+Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
+halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
+Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam.
+
+Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot
+glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
+davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
+Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete
+gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon.
+Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
+ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte.
+Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
+schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
+befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen
+Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer
+langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein
+ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein
+dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter
+befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
+starrten vor sich nieder.
+
+Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der
+Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen
+traten herein. Elasser reckte den Kopf auf – Arnold gedachte seines
+Traumpferds, welches sprechen wollte – und blickte nach der Tür, die
+sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre.
+Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
+erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
+erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
+Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden
+Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
+Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
+einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
+geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
+leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
+erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
+ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ
+sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
+und mit einem Schlag war es wieder still.
+
+Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
+seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen
+Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
+mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter
+finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
+hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
+frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und
+befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
+verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
+der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
+Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben
+Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
+oder wachten.
+
+Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat
+ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
+Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und
+richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
+rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne
+Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
+Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine
+Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.«
+
+Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und
+schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle
+Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu
+zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern,
+die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor
+ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
+der Oberin zu rühren.
+
+»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit
+feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
+zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer
+Spitze den Raum.
+
+Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte
+gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
+schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen.
+Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
+haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte
+und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen
+durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt –!«
+
+Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich
+verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
+Arnold um und wartete, bis er herankam.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich
+zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so
+stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann
+wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab,
+ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
+es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
+grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
+entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte
+auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
+neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
+Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
+Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
+seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
+Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne,
+erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden
+sollte, weil eine Wolke darüber zog.
+
+Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen.
+Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande.
+Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
+denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
+Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.
+
+Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
+berichtete und Arnold las:
+
+»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und
+getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner
+Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt,
+den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
+Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde
+eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt
+deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen,
+entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der
+Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
+Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus
+einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das
+Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt,
+verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
+langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein
+Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
+gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta
+Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
+des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
+Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu
+verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie
+ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid
+stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
+festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm
+eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
+Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
+Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin
+den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
+den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
+klareren und wahreren Ausdruck: entführt –? Denn das Mädchen wurde
+inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«
+
+Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die
+Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig
+war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«
+
+Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und
+bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
+geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
+erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter
+seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
+prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines
+raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht
+kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem
+seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften
+Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
+verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes
+erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
+Sorge.
+
+Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
+und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu
+haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
+auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
+sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
+rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
+bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.
+
+»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.
+
+»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den
+Sofawinkel.
+
+»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der
+Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.
+
+Die Frau schwieg.
+
+»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort.
+
+»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln.
+Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
+los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte
+Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher
+Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und
+Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
+Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
+Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
+Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
+erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten
+keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
+Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
+Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta
+verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
+Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
+Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und
+überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde
+verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
+unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty
+hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
+verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
+mehr wissen?«
+
+Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr
+Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
+Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach
+Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
+Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
+trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
+Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in
+einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich;
+der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer
+langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
+über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.
+
+Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der
+hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine
+Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch
+vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
+beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in
+Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
+Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da
+drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald
+zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!«
+
+Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
+niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
+können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
+Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem
+Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst
+gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er
+schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte
+in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch
+Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem
+noch verborgenen Feuer.
+
+»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in
+Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu
+wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
+man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
+ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er,
+schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
+in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
+uns.«
+
+Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
+Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert.
+
+»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
+Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von
+diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme
+Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
+unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!«
+
+Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage
+borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.
+
+Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als
+Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
+Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
+früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar
+bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses
+zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
+nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
+gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die
+Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den
+persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst
+alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten
+in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite,
+brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte
+nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief,
+als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der
+dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
+wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die
+stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die
+Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
+von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für
+die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend
+verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
+Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
+frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum
+Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die
+neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich
+suchend danach zurück.
+
+Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um
+jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
+Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
+Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber
+alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.
+
+Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel
+draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
+entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er
+hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein
+Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
+er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit
+dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
+darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
+»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine
+telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim
+Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber,
+aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend
+seinen Weg fortsetzte.
+
+Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es
+Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß
+Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.
+
+»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie
+er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das
+erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst
+gewesen.«
+
+»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.
+
+»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste
+belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
+Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der
+Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
+die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und
+hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
+wird Ihnen zurückgegeben werden.«
+
+Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
+Bericht des Lehrers begriff er nicht.
+
+»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort,
+»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
+Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt
+ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
+Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
+Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.«
+
+»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er
+mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die
+Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.
+
+Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie,
+lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und
+schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen
+können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
+versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.«
+
+Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
+diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
+blickend, schüttelte er den Kopf.
+
+»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht
+mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg.
+»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß
+stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung
+des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum
+die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das
+ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner
+Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe
+mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat
+dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne
+mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten
+#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
+dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei –«
+
+»Was heißt das?« unterbrach Arnold.
+
+»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
+kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser
+etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
+anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
+Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das
+Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder
+zusammen.
+
+»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben
+wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos
+schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß
+diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
+sollten.
+
+»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer
+Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in
+Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung
+unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze
+Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
+anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas
+nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie
+wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
+beide werden es nicht erleben.«
+
+Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen
+Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
+zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.
+
+Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
+paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.
+
+»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte
+Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme
+hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu
+Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
+dabei ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders
+von mir.«
+
+Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.
+
+»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die
+Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen
+Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
+scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging.
+
+Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
+die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
+herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das
+Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den
+halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck.
+Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
+Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht
+unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen
+Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß.
+
+Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er
+bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
+niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.
+
+
+
+
+Elasser
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines
+Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
+der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem
+Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
+verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
+passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände,
+tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter,
+kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er
+von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
+Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
+Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.
+
+Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
+der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die
+Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in
+dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen,
+und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
+langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
+Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine
+lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit
+Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.
+
+Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort
+draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine
+Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er,
+ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
+Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner
+während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
+zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
+Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
+Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig
+über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine
+Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte
+sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
+zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
+wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
+großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
+bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
+Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
+Natalie.
+
+Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
+Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
+zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen,
+stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den
+Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
+sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den
+Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
+betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren
+verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
+sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
+gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich
+umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
+anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
+Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
+Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
+blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
+Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche
+Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich
+hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie
+erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
+verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch
+zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
+diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit
+war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
+gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
+und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
+nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune
+des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit
+dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne
+sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
+Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
+lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
+flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
+mehr als Liebe.
+
+Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm;
+eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst
+Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
+nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
+gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater
+zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so
+vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu
+sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
+daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft
+schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.
+
+Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch
+ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
+Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das
+junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war
+Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
+verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit
+hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich
+aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle
+Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
+Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren
+gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
+sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
+aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
+und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte
+Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und
+fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr
+hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die
+düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht
+des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
+vergessen dürfe.
+
+Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
+und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das
+Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der
+Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die
+sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige
+glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den
+Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
+beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.
+
+Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen.
+Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
+nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
+als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.
+
+Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
+Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage
+ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen
+machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
+sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu
+entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.
+
+Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im
+Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
+Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat
+ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich
+überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der
+Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
+schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
+verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und
+warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
+stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb
+gekommen?«
+
+Arnold bejahte.
+
+»Zu viel Umstände,« spottete Beate.
+
+»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete
+Arnold trocken.
+
+Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von
+Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
+und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte
+den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
+Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
+Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte
+sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.
+
+Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
+begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr
+Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das
+Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.«
+Damit schlug sie die Türe zu.
+
+Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig
+erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in
+einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ
+unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die
+drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
+zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
+Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.
+
+Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
+ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür
+öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im
+Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
+seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form
+hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
+so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
+nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
+Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
+sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
+verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen
+handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von
+dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.
+
+Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals
+auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem
+Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben,
+gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
+zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
+gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
+zeigte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka
+befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die
+merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und
+Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?«
+fragte er.
+
+»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.«
+
+»Gar nichts?«
+
+»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und
+klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.
+
+»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt.
+
+Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei
+erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.«
+
+Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen
+konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
+schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar
+für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht.
+»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach
+laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold
+fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf
+ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als
+sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit
+wohlwollendem Lächeln.
+
+Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch
+ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden
+öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit
+stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es
+heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er
+die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine
+Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung
+eines Schmerzes lag.
+
+Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes
+Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute
+kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es
+sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er
+halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit
+sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,
+damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben
+hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die
+Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und
+der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr
+Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.
+
+An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel
+hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und
+verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen.
+
+In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem
+Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er
+drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen
+Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein
+Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt
+war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte
+wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold
+fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den
+Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die
+Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der
+Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die
+Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim
+Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die
+Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und
+nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?«
+fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?«
+
+»Der Herr fragt –!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein
+gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.«
+
+Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er
+fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er
+hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel
+und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen.
+Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf
+den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,
+erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von
+Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder
+hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der
+kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt.
+In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr
+Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und
+endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne.
+Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit
+ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer
+Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war
+weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne.
+Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische
+Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor
+ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer
+gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf
+steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines
+Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter
+der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich
+eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel
+fing wieder an, dunkler und gährender.
+
+Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem
+Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann
+seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer
+durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.
+
+Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das
+Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte
+bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die
+Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen
+sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte.
+Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf,
+die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen
+zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der
+mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch
+ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche
+mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu
+begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit
+den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die
+Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt
+vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum
+Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden
+erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit
+gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert
+Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr
+früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die
+dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen
+sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.
+
+Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und
+Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein.
+Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der
+Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem
+Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt
+mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in
+seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den
+hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner
+Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der
+förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege
+verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.
+
+»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in
+seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.
+
+Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem
+unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann.
+»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken.
+
+Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum
+die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du
+das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig.
+
+Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn
+so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und
+drückte das Kinn auf die Lehne.
+
+»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete
+Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem
+Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht
+klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging,
+und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des
+etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,
+die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der
+Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
+als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
+abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte.
+Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
+gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
+genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst
+werde er wiederkommen.
+
+Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
+Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
+nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
+vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine
+Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
+schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
+selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
+einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen
+Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl
+erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
+So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
+und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.
+
+Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
+Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
+waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte,
+war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen
+Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien
+sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.
+
+Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
+Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
+abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für
+das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht?
+
+Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin
+und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg
+und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
+Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
+und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über
+die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
+Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren
+riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
+herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
+Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
+Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.
+
+Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte
+der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
+Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte
+sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße
+hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein
+Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
+schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
+Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
+Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an.
+Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
+blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von
+selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
+holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
+lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er
+eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn
+sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor
+Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er
+warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
+nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen
+würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
+nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
+seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
+Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
+aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm
+erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
+denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
+du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie!
+überzeuge sie!
+
+Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte
+sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen
+Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
+geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
+Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.
+
+Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
+ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
+kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter
+Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.
+
+Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
+und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
+wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
+einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
+Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
+einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
+Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden
+gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und
+der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
+sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich.
+Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
+war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
+kleinen Kopf.
+
+Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
+Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
+greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah
+Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
+zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
+Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah
+deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob
+und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten
+sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
+vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
+konnte nicht vergessen.
+
+Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
+das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute
+empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
+indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.
+
+Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
+in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die
+andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der
+Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
+zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich
+gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe
+begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute
+düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
+Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
+Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
+sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
+Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf
+die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der
+Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
+Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
+und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?«
+
+Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
+immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
+Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
+verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.«
+
+Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
+Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.
+
+»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.
+
+»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden
+Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
+Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
+gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
+Hoffnung mehr.«
+
+»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das
+Unrecht sich ergießen lassen ganz.«
+
+»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man
+euch den Kopf abschlägt?«
+
+Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,«
+antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
+lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch.
+Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und
+nicht für uns.«
+
+Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem
+Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt
+ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die
+niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen.
+Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
+nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.«
+
+»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das
+Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein
+alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«
+
+Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster
+Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.«
+
+Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
+Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen
+geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
+gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
+Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem
+eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
+über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
+versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
+ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
+obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser
+eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit
+auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
+Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
+er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er
+mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor
+den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
+hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
+daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns
+anhören.«
+
+»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.
+
+»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln,
+»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.«
+
+Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch
+beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte
+die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an
+die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
+Darauf wurde ihm wohl und kühl.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des
+Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
+welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die
+Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
+Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
+sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.
+
+Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
+geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
+richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm
+kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die
+Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat
+wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.
+
+Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
+daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
+telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
+Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
+ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
+erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts.
+Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
+daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den
+Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
+werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
+welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser
+wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
+Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war
+bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von
+frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
+die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
+es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt,
+müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten
+Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter
+Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
+letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte
+Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und
+sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
+ein Ende.«
+
+Das war am 5. Februar.
+
+Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers
+nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
+dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von
+ihm Besitz genommen.
+
+Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach
+körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
+ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu
+schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
+rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor,
+als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
+von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
+dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
+»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
+Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.
+
+Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
+den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
+schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
+Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider
+senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt
+der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
+Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
+Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
+Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
+bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe
+Frau?«
+
+Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
+der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen
+Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
+Knien liegenden gefalteten Hände.
+
+Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit
+ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht,
+Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«
+
+Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.
+
+Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
+als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
+den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.
+
+Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
+Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener
+Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige
+Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
+und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.
+
+Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
+Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
+sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
+nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann
+kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
+jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete
+sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
+werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
+Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein
+deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
+werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
+Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
+weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
+widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
+ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
+das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
+seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
+geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es
+licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
+viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
+bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
+erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
+Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
+zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst
+vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn
+selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
+aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der
+Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige
+Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
+einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?
+
+Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
+trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
+vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
+neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
+Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
+müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
+Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter,
+Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den
+leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen.
+Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend
+auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit
+einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein
+Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte:
+»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte
+seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
+begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
+machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte
+übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste
+durch die Spalten der geschlossenen Türe.
+
+Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die
+flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben
+müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
+verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
+ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an
+Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte
+gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine
+tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der
+Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
+triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
+freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
+erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab
+ihr zu denken.
+
+Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
+gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in
+seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an
+solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um
+sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
+belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
+Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
+sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
+geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte,
+wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten
+und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei
+nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das
+beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten
+Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
+Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen
+wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
+mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka
+allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte.
+Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
+schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.
+
+»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
+Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und
+strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
+inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
+wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?«
+
+Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
+Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
+den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
+Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich
+langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes
+Wort zu finden.
+
+»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich
+langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
+Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.
+
+»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern
+Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie
+von ihm?«
+
+Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
+Unwirkliches.
+
+»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr
+Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun
+aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht
+ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.«
+
+»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten
+Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog.
+
+»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd.
+»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich
+ist alles.«
+
+Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.
+
+Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher
+so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder,
+als er gekommen war.
+
+Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
+Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
+jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
+der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit
+unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm
+suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
+den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch
+er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
+Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten
+sich.
+
+Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
+der Assistenzarzt war abgereist.
+
+Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
+Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
+geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken
+und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.
+
+Von Elasser hörte man nichts.
+
+Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
+sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf
+gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
+war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das
+Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit
+hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
+ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus,
+und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
+Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
+hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
+Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu
+schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
+Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen?
+Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
+Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir
+merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die
+Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
+Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie
+tief.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von
+Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
+Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den
+Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen
+Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die
+Frau Mutter nichts?«
+
+»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.
+
+Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster
+und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.
+
+»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle
+übrigen zu ersetzen.
+
+Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
+mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
+lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
+Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit
+Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden
+war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen
+zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+
+Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
+neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
+Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
+Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des
+Klosters – hat es ein Ende?«
+
+Elasser vermochte nichts zu erwidern.
+
+»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
+fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
+schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.
+
+»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.
+
+Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
+Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
+Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
+Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des
+unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos;
+Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
+Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
+Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
+Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
+Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.
+
+Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
+Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
+ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig
+war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie
+Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten
+Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
+weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein
+Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel
+auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
+sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
+den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht
+und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
+Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber
+niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold,
+indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob
+sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
+blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.
+
+Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte
+nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren
+heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
+mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern
+vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen
+zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
+ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
+aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
+selbständig hörenden Ohr geworden.
+
+Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist
+es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
+Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen
+würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und
+Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch
+an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es
+gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
+würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden
+schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu
+leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie
+können sonst nicht leben.
+
+Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
+Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
+Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen,
+seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
+sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie
+werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich
+eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
+lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den
+ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
+an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
+Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.
+
+Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
+Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem
+Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
+ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte
+der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm
+auf.
+
+Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
+sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß
+mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
+Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
+Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster
+waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
+entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war
+schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam
+vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
+die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
+während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
+Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine
+Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
+Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
+Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede
+Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
+hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch
+die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
+Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
+überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
+Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust
+verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
+Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie
+gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
+anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
+begann sie indes zu schlafen.
+
+Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
+das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
+empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
+Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
+vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
+Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.
+
+Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig
+das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über
+die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu
+Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
+Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
+nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
+nicht zu rühren.
+
+Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
+in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
+das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
+Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch
+bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«
+
+Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint
+sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«
+
+Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will
+fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man
+muß einen Verwalter mieten.«
+
+»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.
+
+Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und
+trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit
+erfaßt.
+
+»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«,
+begann Arnold.
+
+Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast
+ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,«
+entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die
+Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,«
+fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem
+vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
+ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
+Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«
+
+Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was
+ich muß?« fragte er.
+
+Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt
+machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er
+gedehnt und widerwillig.
+
+»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine
+Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
+Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
+kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas
+Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen
+wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
+Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
+tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
+nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
+Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab’ hier
+keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich
+will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
+Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
+Teufel holen.«
+
+Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung
+erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen
+Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den
+gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
+sträubten.
+
+Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu
+finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir
+es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
+Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem
+Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.
+
+Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
+Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig
+für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den
+Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
+bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch,
+kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände.
+
+Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
+Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
+gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei
+zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer
+Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster
+glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
+sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
+Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
+Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
+fort.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+
+Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise
+verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, die
+Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. Aber hätte ein Geist wie
+der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend
+und sie zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher so
+sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, diesen
+ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schüttelte er über sich
+selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit
+Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate hatte sich mit der
+neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen
+eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm nicht
+die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war
+sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
+hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, gedroht,
+gerast. Das alles ging förmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den
+Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst
+aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich
+selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch
+schnitt und das Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer
+Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins
+Wohnzimmer, blaß und lächelnd, saß neben Hanka, spielte ein harmloses
+Kartenspiel mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei
+ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und
+launenloser als früher.
+
+Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka wenig. Außerhalb ihres
+Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat.
+Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu
+wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften
+spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie
+diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche
+Farbe ihre Augen hätten und so weiter. So geschwind wie möglich müsse
+sie das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem dann ihre
+geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden würde. Da er, Hanka, an der
+Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und
+aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht mehr
+lange mit der Rückreise zögern, da sie frische Ananas aus Hamburg
+erhalten habe.
+
+Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, ohne sich im
+geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten.
+
+Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit,
+und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von
+Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über die
+Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter
+Gedanke ist kurz und reicht für drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu
+quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
+Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein
+starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen
+von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhaßt und
+unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin,
+weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und
+Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. Seine
+nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild
+gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate,
+an nichts anderes als an Beate.
+
+Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich
+nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie.
+Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
+mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für mich ganz angenehm.
+Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschäft machen, gehört nicht gerade
+zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher Geist wird sich
+in das natürlichste Verhältnis zu finden wissen, aber hab’ ich darum mit
+vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu
+verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich zum Fenster
+hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schützen, allein was ist mit Geld
+gegen den bösen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
+Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit,
+systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges Beisammensein und
+Langeweile zu zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im Sommer bei der
+Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es
+ist wie mit den Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je
+sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich hätte
+Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die
+Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein
+Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher Vater. Dem veralteten
+Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls
+versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt
+Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf
+dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich von
+solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch
+betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne
+ziehen.
+
+Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften Überlegungen. Aber das
+Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
+Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum
+den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum
+wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die übrige
+Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu
+lassen, dazu war Hanka die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie
+ehrlich er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht.
+
+Am andern Morgen trat er mit einem militärisch ausholenden Schritt vor
+Agnes hin, als er sie allein sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne
+Umstände an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten würde?«
+
+In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte
+verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich spähend um, riß
+plötzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
+hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht übermäßig vernünftig
+wäre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich
+habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: für
+mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja
+an sich ziemlich traurig, aber für das ganze Unternehmen von Vorteil
+ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.«
+
+Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas
+lehnte. »Nun?« fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als
+seine Hand zögerte.
+
+Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen.
+
+»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« sagte Agnes, indem auf
+einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und
+machte sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka nahm,
+unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmöglich, sich
+jemand zum Freund oder zur Gattin zu züchten, dachte er und spuckte
+verächtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
+aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will
+mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu
+sein.
+
+Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann
+wandte er sich plötzlich mit einer erzwungen pfiffigen und überlegenen
+Miene zu ihr. »Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben
+hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen
+Stimmlage, »was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag
+machen würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen auf seiner
+Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit
+langsamen Schritten das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken
+und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine
+Stunde später sein, als ihm das junge Mädchen am Hauseingang begegnete.
+Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lächeln: »Ja.«
+Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten.
+
+Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas
+gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch
+erklärt. Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin beschloß Hanka
+zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hügel. Trotz des klaren
+Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren
+noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde
+lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und
+Ungläubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit
+einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg
+hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in
+seiner formelhaften Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte sich.
+Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krähe, die über die
+Köpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch
+bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne
+Unwillen, ohne Vorwurf.
+
+Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es,
+die Zeit zu nutzen. Er hätte sich an diesem Abend eine leichtere
+Stimmung gewünscht. Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur
+Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof
+und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm
+den Zug erwartend. Hanka grüßte mit der ihm eigenen ernsten
+Verbindlichkeit, näherte sich aber nicht, sondern schritt in der
+holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft
+war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die
+Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzügen der
+Ebene.
+
+
+
+
+Natalie
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
+erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über
+drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt.
+
+Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe
+erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge,
+dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
+Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen
+beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.
+
+Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
+Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und
+die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt.
+Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
+polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
+Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und
+knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
+andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren
+Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
+stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
+Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die
+lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
+angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
+Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
+der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
+Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
+Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
+und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
+Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche
+zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter
+prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
+keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe.
+
+Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das
+in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
+Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte
+Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
+sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in
+früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
+Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
+habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
+Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
+geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
+um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag,
+waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
+reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
+war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas
+außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
+Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden
+Wohlgeruch im Zimmer.
+
+»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo.
+»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte
+Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll
+Teilnahme, etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit einer
+unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
+so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die
+Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre
+Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo,
+ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold
+überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte
+schon mit Ungeduld auf Sie – oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich
+war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im
+edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
+laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh
+erfahren – Kommen Sie, ... komm, Arnold.«
+
+All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
+Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft
+gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
+Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An
+einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten
+Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von
+Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
+einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
+blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
+Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
+auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
+schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die
+farblosen Lippen.
+
+»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo,
+indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
+Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.
+
+Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
+die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?«
+
+»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein.
+
+Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit
+einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
+verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna
+Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab
+schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.
+
+»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche
+Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
+wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte.
+
+»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an
+Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
+Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
+ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte
+sie das junge Mädchen.
+
+»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
+nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
+gesprochen wurde.
+
+»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der
+Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte
+ich eine Heldentat verrichten.«
+
+Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf
+Anna Borromeo.
+
+»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und
+tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.
+
+»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen
+Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf
+das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den
+Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
+zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
+fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei
+Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt
+war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
+sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie
+die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
+erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei
+auf der silbernen Schale griff.
+
+Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
+hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
+schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
+zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
+vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.«
+Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.
+
+Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo,
+darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften.
+Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen
+auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die
+Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna
+Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
+stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
+»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte
+und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und
+wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
+Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
+Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel
+und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
+frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die
+Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre
+endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
+empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden
+Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer.
+
+Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht
+lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und
+suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
+bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in
+dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
+spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen
+Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
+war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das
+Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille
+Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
+geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
+hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem
+Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern
+war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
+beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
+Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen.
+Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
+Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
+Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte
+gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
+Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht,
+Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
+erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer
+redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
+zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.
+
+Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
+Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
+machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
+neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
+verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen
+Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
+Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte,
+wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte
+nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
+sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
+unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
+enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
+blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
+Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
+Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und
+glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder
+das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und
+sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die
+Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung
+seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
+ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern,
+Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und
+glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die
+Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
+Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
+einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem
+unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore
+geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang.
+Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
+Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und
+war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
+Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und
+kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
+Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den
+erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
+den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten
+ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
+betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite.
+Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an
+Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu
+sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und
+trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige
+begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.
+
+Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
+Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die
+Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den
+Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
+prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
+versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
+drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege;
+jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
+etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
+Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
+Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
+ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
+es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.
+
+»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast
+du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der
+äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
+Schulter.
+
+Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
+kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
+ich’s anfangen?«
+
+»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
+Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
+Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
+zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser
+eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum
+wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du
+bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst
+du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
+Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
+abbringen, ganz im Gegenteil.«
+
+»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
+dazwischen.
+
+»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
+Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese
+Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen
+andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
+Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
+Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die
+ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im
+Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf
+sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den
+Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie
+die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von
+Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und
+Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern
+wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt.
+Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
+um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
+Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
+entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
+sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie
+Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
+erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
+Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
+nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen
+Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes.
+Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
+der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt
+dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber
+deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt
+du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
+dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
+unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege
+als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden.
+Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch
+sinnlos.«
+
+Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr
+ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte
+sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit
+hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.
+
+»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr
+Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu
+unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite
+Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich
+dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
+Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der
+unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
+noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«
+
+Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
+er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den
+Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht
+schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein
+Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo
+und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
+Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.
+
+Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
+glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«,
+sagte er. »Man kann beides tun.«
+
+»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine
+Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin
+dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht
+verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
+Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«
+
+Sie gaben einander die Hand.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im
+Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher
+besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den
+neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
+Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
+wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der
+Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
+nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
+zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit
+ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
+Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
+Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe,
+Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
+Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach
+seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren
+Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
+möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.
+
+»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
+Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
+zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz
+hübsch.« Ein köstliches Aber.
+
+Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
+weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
+und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
+das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
+kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das
+drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu
+kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
+könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken
+Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper
+vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
+erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
+Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das
+Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit
+Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.
+
+Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die
+zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
+waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war
+lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
+manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem
+Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel,
+geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren
+Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich
+verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann
+leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen,
+gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer
+Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
+Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute
+interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor
+Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
+Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht
+Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen,
+als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
+Kinder die wunderbarsten auf der Erde.
+
+Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige
+Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
+zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend
+die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
+an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
+mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.
+
+Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
+ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit
+die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
+sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die
+Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und
+zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
+betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte
+gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle
+Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte
+Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.
+
+»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,«
+sagte Natalie.
+
+Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber
+nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane.
+Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh.
+Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
+geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein,
+das ist das einzige.«
+
+»Idiot«, murmelte Natalie.
+
+Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit
+sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
+fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte
+er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
+und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe
+Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
+Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
+gelassen und erwartungsvoll anschaute.
+
+Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
+Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«
+
+»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.
+
+Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du
+weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
+Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte
+etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
+Lächeln abseits.
+
+Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich,
+schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er
+sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe.
+Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin
+zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
+anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
+Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um
+jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf
+der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.
+
+Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
+Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.
+
+»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.
+
+»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging
+zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
+vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den
+Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
+Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
+war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
+ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste
+Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
+gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
+verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
+Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.
+
+»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie,
+die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.
+
+»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.
+
+»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder
+Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich
+zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ...
+
+»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich
+Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
+aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«
+
+So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
+einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
+Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren
+können.
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf
+Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
+Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
+welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
+bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
+auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
+dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da
+wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine
+grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
+entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
+freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen
+gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer,
+Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich.
+
+Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
+Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
+Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine
+alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen
+folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
+Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
+ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
+Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
+ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
+zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
+saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.«
+
+Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine
+Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
+anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte
+nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß,
+verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen
+vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren.
+Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
+sie einen andern sich langweilen sehen.«
+
+Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
+Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich
+im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an.
+
+Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
+näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte
+er mit offenbarer Geringschätzung.
+
+»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit
+unschlüssiger Selbstironie.
+
+»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«,
+sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog
+verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra
+spielte mit ihrer Uhrkette.
+
+Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah
+rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
+reden sie?
+
+Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von
+Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
+Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte
+sie, mit den Augen zwinkernd.
+
+Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen.
+Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das
+Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
+Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe
+vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
+er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
+der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich
+gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner
+Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
+nichtigen Menschen.
+
+»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet.
+
+»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl
+frostig.
+
+»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber
+daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.«
+
+»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte.
+
+»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete
+Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.
+
+»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm.
+
+»Kommen Sie«, sagte Natalie.
+
+Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
+mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.«
+Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu:
+»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.«
+
+Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
+Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es
+wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt
+davon.«
+
+Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen
+sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
+blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen
+seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten
+im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
+nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße
+bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
+es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der
+Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
+Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
+lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe.
+
+»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und
+wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
+Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.
+
+Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand
+plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
+vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.
+
+»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den
+Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete
+eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er
+fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen,
+ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
+Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die
+Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
+oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
+betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles
+Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
+Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na,
+adieu, leben Sie wohl.«
+
+Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
+Kutscher das Zeichen, zu fahren.
+
+Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß
+er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
+dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er
+erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
+nun Wahrheit holen.
+
+Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
+von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die
+Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie
+durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem
+vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
+Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre
+Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit
+einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich
+verheiratet ...«
+
+Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
+Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß
+gelogen haben, dachte er.
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
+zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll
+Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
+Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten
+sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
+Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu
+einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine
+Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und
+wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung
+dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher
+Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit
+zu verbergen wünscht.
+
+»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold
+zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und
+ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
+Landstrich in Amerika anzukaufen ...«
+
+Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen
+Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
+fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen,
+Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
+Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große
+Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
+daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies
+überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
+gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
+feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
+freundlich und leer.
+
+Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie
+nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
+gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen
+Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie
+doch, – bitte!«
+
+Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor
+Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher
+den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.
+
+Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
+einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
+den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte
+ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie
+sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.«
+
+Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
+Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
+Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor
+Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne
+Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
+für sich aufgezogen.«
+
+»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus
+mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.«
+
+Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
+Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
+Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
+erhoben sich nun und gingen hinaus.
+
+»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie
+sogleich.
+
+Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich Ihnen«, antwortete er
+grob.
+
+Natalie sah ihn entsetzt an.
+
+Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die
+ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
+hab’ auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht
+reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?«
+
+Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen
+Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn
+ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?«
+
+Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch
+ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es
+nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig.
+
+Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und
+verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten
+Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
+zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit
+benutzen.
+
+»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und
+unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir
+würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.«
+
+Arnold verabschiedete sich und ging.
+
+Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
+Arnold?« fragte Anna Borromeo.
+
+Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die
+Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.«
+
+Frau Anna lachte.
+
+Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man
+sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
+lassen, bis sie zertreten sind.«
+
+Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen
+Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
+ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
+gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er
+das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
+eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er
+einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
+Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall
+wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
+seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
+Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in
+der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
+vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen.
+Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka
+in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
+Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen
+Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie
+endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte
+sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als
+läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
+Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
+Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
+vergessen.
+
+Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
+der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den
+Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und
+nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu
+und sah die Zukunft klar.
+
+Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und
+um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr
+Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
+beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie
+sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
+ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
+ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
+für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität.
+Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering
+und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.
+
+Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten,
+suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte
+er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er
+sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
+zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.
+
+Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit
+erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
+springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die
+Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
+Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das
+eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
+Wo ist Ihre Frau?«
+
+»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka
+humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«
+
+Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
+wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen
+bestätigt fand.
+
+Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
+nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
+Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
+das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
+Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte
+Petra den erstaunten Hanka auf.
+
+Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf
+Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
+nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas
+heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
+diesem Menschen.
+
+»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich
+dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.«
+Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
+für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie
+gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu
+betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
+konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
+betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
+Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
+Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
+Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
+Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.
+
+Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie
+bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.
+
+»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie
+heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«
+
+Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun
+am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
+stille Mann fing an, ihm zu gefallen.
+
+»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.
+
+Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
+Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.
+
+Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch
+eine Donquichoterie.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
+Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens,
+ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der
+Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden
+sollte.
+
+Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
+war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten
+Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.
+
+Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
+und blickte regungslos an die Decke.
+
+»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.
+
+Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid
+strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«
+
+Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und
+hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den
+ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
+sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
+im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er
+umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang
+Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka
+mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
+sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner
+Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
+Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran,
+sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach
+Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
+formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
+Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
+selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke
+gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
+erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen
+aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im
+Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte
+ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
+sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von
+Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
+wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
+blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
+ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum
+Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
+sehen.
+
+Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
+möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand
+des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach
+Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine
+Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am
+schnellsten entdecken.
+
+In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
+Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
+stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
+ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken
+verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln
+Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war
+feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
+bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren
+verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter,
+um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
+hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
+preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,«
+flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst
+du?«
+
+Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
+gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«,
+sagte sie.
+
+Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
+entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
+aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
+Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als
+das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
+das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung
+von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft,
+das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
+und Pottgießer bei Anna Borromeo.
+
+Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent
+war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer
+großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte
+und lud Arnold ein.
+
+Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
+heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen
+eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für
+dich, Arnold.«
+
+»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres
+Bezirks dazu veranlaßt.«
+
+Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.
+
+»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem
+sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da
+hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte
+selber austragen.«
+
+»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn
+von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«
+
+Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
+Lippen.
+
+»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte
+innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte
+halb spöttisch, halb verlegen.
+
+Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
+der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher
+Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
+zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als
+diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte
+freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.
+
+Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des
+Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen,
+auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
+Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des
+Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
+Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
+Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
+Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des
+Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
+verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die
+Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
+das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also
+besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen.
+Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
+Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
+wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
+nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm,
+der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
+gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
+lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die
+Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht
+auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
+zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die
+eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er
+sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes
+Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
+und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges
+Wort gar nicht mehr herausdrang.
+
+Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte,
+und es wurde von etwas anderm gesprochen.
+
+Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust,
+hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja
+heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
+ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.
+
+Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge
+hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo
+plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
+gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!«
+rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
+waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in
+das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte
+unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über
+Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
+Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
+Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße
+dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.
+
+Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
+rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
+weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde
+fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen.
+Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
+dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«,
+begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen
+Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
+und sah ihn erwartungsvoll an.
+
+»Was ist es?« fragte Arnold.
+
+Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
+aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen
+Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das
+bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
+nicht Platz?«
+
+Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich
+wissen, was es ist«, sagte er kühl.
+
+»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm
+starr in die Augen.
+
+»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel
+hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«
+
+»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert.
+Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein
+Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«
+
+»Ah so!« sagte Arnold.
+
+»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort.
+Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und
+ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße
+Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
+er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die
+Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.
+
+Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
+Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
+einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten
+die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
+Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht
+und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis
+verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg
+fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse
+Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
+Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im
+fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die
+Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das
+Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein
+unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,
+um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu
+vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in
+dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
+scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so
+geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien
+leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er
+vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine
+fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.
+
+Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das
+Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch
+wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
+ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen
+vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen
+abfragte.
+
+Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu
+pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun
+in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte
+abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung;
+oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine
+Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er
+wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur
+Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.
+Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel
+gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
+natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich
+sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er
+überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,
+der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.
+
+Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei
+Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der
+Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.
+
+Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig
+rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald
+das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte
+er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang
+zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er
+nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit
+benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,
+weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
+Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes
+empfunden hatte.
+
+»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen
+Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen
+Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch
+leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«
+
+Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er
+abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht.
+In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«
+
+Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.
+
+»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.
+
+»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich
+sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
+von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe
+träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«
+
+»Ja, das haben Sie immer behauptet.«
+
+»Und finden Sie das nicht?«
+
+»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«
+
+»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet
+aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,
+Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen
+Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum
+Minister bringen.«
+
+Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.
+
+Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;
+er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.
+
+Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten
+Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß
+es gut gehen.
+
+Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold
+am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend
+stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn
+ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.
+
+Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer
+seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna
+saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr
+das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.
+
+»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft.
+»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein
+und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.
+
+»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu
+Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.
+
+»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß
+zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,«
+fügte sie kalt hinzu.
+
+Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er
+stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.
+
+»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.
+
+Der Doktor bejahte.
+
+»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr
+sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas
+anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe
+nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen
+versteht.«
+
+Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann
+langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe
+keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich
+an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht
+mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
+Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf
+etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«
+
+Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen,
+daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war
+anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist
+das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so
+erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere
+Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht
+den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und
+schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.
+Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er
+nichts, was mir imponiert?«
+
+Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der
+Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
+leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.
+
+»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.
+
+»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna.
+»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«
+
+Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er
+sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde,
+worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von
+nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er
+würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
+Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu
+erwarten, was die Natur in ihm erschafft –«
+
+Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit
+einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das
+Zimmer.
+
+Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie
+beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam
+auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.
+
+Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit.
+Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so
+hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen
+nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände,
+Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.
+
+Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem
+Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war
+bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
+bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden,
+schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,
+jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau,
+sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für
+unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde
+der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten
+und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist
+beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm,
+geboren zu werden.
+
+Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.
+
+Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht
+unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster
+gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.
+Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige
+Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen
+Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt.
+»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und
+Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem
+Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen
+erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.
+
+Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie
+mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte.
+Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und
+Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich
+selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie
+genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
+einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß
+sie nur die Lippen öffnen brauchte.
+
+Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr.
+Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz
+bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah
+Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß
+sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit,
+sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge
+biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine
+Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte
+Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so
+vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck
+gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,
+und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
+gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen
+war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden
+mußte.
+
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen
+Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
+für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.
+
+»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück
+auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte
+sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.
+
+Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht.
+Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
+ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte
+sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren
+Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
+Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
+mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in
+verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut
+geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«
+
+Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
+umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
+unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
+die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich
+erwerben.«
+
+Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und
+antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer
+bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und
+da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
+»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder
+hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit
+mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn
+Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«
+
+Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein,
+dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar
+tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
+nicht wieder zu versetzen.
+
+»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich
+ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«
+
+Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
+wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,«
+sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
+aber ...«
+
+»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das
+vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun,
+und in der andern?«
+
+»Etwas Giftiges.«
+
+Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,
+Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«
+
+Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit
+langen, weißen Haaren.
+
+Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein
+Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
+phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der
+Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage
+zu reden.«
+
+Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der
+Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
+Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.
+
+»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato
+gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
+sagen. »Fabelhaft? was?«
+
+»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.
+
+»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
+sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«
+
+Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem
+Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
+wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu
+fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine
+Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller
+Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien,
+Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten
+eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher
+wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.
+
+Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
+Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
+sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete
+er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer
+mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging
+von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
+dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und
+Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
+eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
+eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den
+Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.
+
+Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann,
+verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten
+Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
+junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald
+in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
+die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
+stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer
+Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter
+Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der
+in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles
+Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
+Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des
+Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
+geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
+und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte
+Arnold, das gefällt mir.
+
+Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
+hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
+vor und drückte beide Hände an die Augen.
+
+»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer
+Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«
+
+»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid
+alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«
+
+Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
+forschend ins Gesicht.
+
+
+
+
+Dreißigstes Kapitel
+
+
+Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
+ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
+geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
+durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
+ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche
+größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er
+verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse
+und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
+den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
+Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde
+erbärmliches Dasein fortzuführen.
+
+Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
+und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
+Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
+jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
+bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
+gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
+hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und
+er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
+als Darlehen.
+
+Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus
+der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.
+
+Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.
+
+Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein
+Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.
+
+Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen
+will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
+erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und
+Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische
+Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
+Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und
+trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen
+einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen
+zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
+einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der
+Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was
+mit ihm vorgeht.
+
+Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
+Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
+erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen
+tiefen Eindruck gewonnen.
+
+Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon
+großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die
+zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann.
+»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte
+einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
+auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten
+Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas
+gönnerhaft.
+
+»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.
+
+»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.
+
+»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
+zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er
+durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
+wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«
+
+»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und
+nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
+ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele
+krank oder angefault ist.«
+
+»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen
+Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das
+zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«
+
+Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
+schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze
+zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die
+vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine
+Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
+Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
+welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
+Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende
+Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
+freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
+Wand, von Gesicht zu Gesicht.
+
+»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch
+gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
+und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.
+
+»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was,
+Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch
+einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
+essen ...«
+
+»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen
+kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.
+
+Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.
+
+Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden.
+Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die
+Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht
+aus wie eine Prinzessin.«
+
+Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht
+stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem
+Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Kapitel
+
+
+Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
+Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
+widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er
+nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
+Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
+Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor
+andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch
+edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
+schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
+anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
+sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.
+
+Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner
+gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
+Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
+standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und
+Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit
+Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
+allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
+Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand
+eine kleine, uralte Zimmerorgel.
+
+In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste
+ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen
+Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes
+und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
+vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner
+Gäste.
+
+Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
+Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
+spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.
+
+Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich
+möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
+russischen Studentin.«
+
+»Aus welchem Grund?«
+
+»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
+Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«
+
+»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.
+
+»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«
+
+»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit
+einem gewissen Tetzner?«
+
+»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«
+
+Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
+heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«
+
+»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
+Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen
+abholen und wir fahren zu Verena.«
+
+Arnold nickte.
+
+»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
+machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er
+hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft
+haben als allein sein.«
+
+»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.
+
+Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war
+Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja
+nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
+genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
+in Gemütsruhe erledige.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«
+
+Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
+trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
+tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
+einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu
+medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
+Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines
+Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
+Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
+und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen
+Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
+Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
+Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte
+dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
+Feder nach.
+
+Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte
+sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
+das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.
+
+
+
+
+Verena
+
+
+Zweiunddreißigstes Kapitel
+
+
+Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
+Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und
+Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
+gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
+beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.
+
+Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich
+abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für
+jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
+teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
+oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
+Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
+seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden
+der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er
+bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, –
+wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
+eines Freundes zu genießen.
+
+Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
+versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.
+
+Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann
+aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile,
+bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er
+das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.
+
+Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß
+ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien
+ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den
+Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem
+Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
+kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
+Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
+Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
+dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen
+schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie
+einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit
+kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
+etwas ausländischer Betonung.
+
+»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,«
+antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«
+
+Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
+belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
+setzte sich ebenfalls.
+
+»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen
+würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will
+einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt
+wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«
+
+Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das
+auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es
+wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
+geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade
+hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
+sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in
+mein Leben aufnehmen.«
+
+Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,«
+entgegnete er schnell.
+
+Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
+gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
+in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
+Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige
+Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
+Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.
+
+»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.
+
+»Medizin.«
+
+»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
+greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die
+Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und
+aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«
+
+Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von
+Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme.
+»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne
+innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«
+
+Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde
+hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
+Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu
+öffnen.
+
+Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr
+Tetzner, Herr Ansorge.«
+
+Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
+außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
+Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
+schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung
+schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.
+
+Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
+und lachte gutmütig.
+
+Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
+und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie
+wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Kapitel
+
+
+Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren
+bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
+bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die
+Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch
+ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.
+
+Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.
+
+Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis
+zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
+erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der
+Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen
+Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
+hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds
+bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft
+wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere
+Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den
+Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
+keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien
+schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht
+hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.
+
+Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
+Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
+in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
+Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es
+treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und
+düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
+Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
+paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
+die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
+oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre
+Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein,
+und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
+verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises
+seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener.
+Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser
+dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor
+ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
+troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer
+Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als
+abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden,
+das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
+treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei
+der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben
+jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm
+ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«
+
+Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
+keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
+übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
+ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als
+etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
+zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit,
+die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.
+
+Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
+geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
+schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
+Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
+zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
+begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit
+den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.
+
+Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten
+Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
+Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede
+darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
+Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich
+Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
+Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für
+ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau
+wie Verenas Hals und Hände.
+
+Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte
+Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
+hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
+Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
+Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und
+sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß
+Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
+hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
+Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
+gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
+ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, –
+meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
+Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.
+
+Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«
+
+Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen
+Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam
+sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch,
+liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn
+man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen
+durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wollte nach der Uhr sehen,
+zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur
+noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen
+und fuhr damit um den Hals.
+
+»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete
+Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag,
+Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr
+verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine
+Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
+Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich
+glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«
+
+»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den
+Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine
+Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für
+das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen
+mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis
+meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte
+tragen.«
+
+Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese
+Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen,
+offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und
+nicht gar zu mürbe zu erscheinen.
+
+»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch
+nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf
+mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
+Ihnen also das Geld geben.«
+
+Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein
+wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren
+Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug,
+uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein
+sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er
+hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas
+reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen
+sehen.«
+
+Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand
+in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine
+wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich
+frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine
+frischen Kräfte verfügen.
+
+Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war
+er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große
+Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein
+umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem
+der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
+Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des
+Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem
+Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht
+Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher
+hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Kapitel
+
+
+Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs
+Herz.
+
+Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so
+vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden
+auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte
+stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
+gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen.
+Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn
+mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn
+dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen
+Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts
+konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm
+seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu
+handeln.
+
+Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn
+bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.
+
+Er ging hin.
+
+Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir
+ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender
+Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es
+ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder,
+Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber
+jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg?
+Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die
+Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem
+Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich
+bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die
+Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«
+
+Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.
+
+Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so!
+richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit
+tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«
+
+Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu
+schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er
+und runzelte die Stirn.
+
+»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand
+vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.
+
+»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.
+
+»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber
+sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein
+Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen
+morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus.
+Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie
+mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner
+Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich
+einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und
+sie schluchzte weiter.
+
+Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er
+war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm
+sinnlos und widerwärtig.
+
+»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt.
+»Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«
+
+Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich
+nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie,
+daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.
+
+Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold
+unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum
+glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit
+besteht?«
+
+Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände
+zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich.
+»Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas
+gesagt? Wann denn?«
+
+»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen
+war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –«
+
+»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«
+
+»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir
+so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil
+wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht
+weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es
+sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«
+
+Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit
+niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich
+verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie
+doch.«
+
+»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen,
+mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu
+wissen –«
+
+»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor
+die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«
+
+»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was
+wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.«
+
+»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und
+sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten,
+ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt
+ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins
+Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.«
+
+In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen
+Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und
+Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er
+sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie
+müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß,
+mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt,
+intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das
+heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus,
+schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung
+zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.
+
+»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist.
+Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit
+großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns
+überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert
+sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch
+Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung,
+Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.
+
+»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe.
+
+Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher
+war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid
+geworden.«
+
+Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft
+von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser
+Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und
+Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.
+
+Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken
+versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von
+bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen
+Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen
+war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm
+notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann
+dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte
+die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit
+Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas
+eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht
+vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe
+suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
+nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden,
+ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede
+und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück.
+Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.
+
+Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende,
+staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem
+Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch
+übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn
+plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena
+Hoffmann aufzusuchen.
+
+Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als
+er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am
+Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick
+stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit
+schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
+deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran,
+warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch
+ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und
+beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter
+Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete:
+»Zweihundertfünfzig Fenster.«
+
+Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte
+er.
+
+Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.
+
+»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold
+neugierig.
+
+»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das
+wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?«
+
+»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts
+erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«
+
+»Kennen Sie das Mädchen näher?«
+
+»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches
+kleines Ding.«
+
+Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein
+tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter
+von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.
+
+Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold
+staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und
+er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.
+
+»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich.
+
+»Ja, er ist gekommen.«
+
+»Finden Sie ihn sympathisch?«
+
+»Sehr sympathisch.«
+
+»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es
+sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem
+korrumpierten Land eben bringen kann.«
+
+»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«
+
+»Ja, ungefähr.«
+
+»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.«
+
+»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.«
+
+»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.«
+
+Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als
+zu hohen Ämtern.«
+
+»Ach, dann bin ich versöhnt.«
+
+»Ja, aber es gibt Gefahren.«
+
+»Gefahren?«
+
+»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine
+anspruchsvollen Freundschaften haben.«
+
+»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.«
+
+»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.«
+
+»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz
+nicht arm werden, soviel es auch gibt.«
+
+»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich
+nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
+hat, dann wird es aufgebraucht.«
+
+»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine
+Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.«
+
+»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist
+er nichts wert.«
+
+Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu
+Tetzner.«
+
+»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch.
+
+Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.
+
+Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners
+Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du,
+Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier
+gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich
+sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.«
+
+Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders
+für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir
+etwas auf.«
+
+»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen
+teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr
+gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Kapitel
+
+
+In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier
+und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig
+großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte
+in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung
+war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
+einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
+Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und
+läßt auf sich warten.«
+
+Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
+schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden
+Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein
+Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens
+interessiert mich Ansorge viel mehr.«
+
+Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie.
+»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang
+ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
+du schläfst bei Tag und Nacht.«
+
+Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast
+du denn die Fahrkarten bestellt?«
+
+Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die
+Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
+war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
+seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend
+Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung
+einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für
+ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
+können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen.
+Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie
+hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre
+immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
+Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die
+Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
+ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er
+genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
+geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
+Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
+kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der
+Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
+ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.
+
+»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber
+gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
+wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas
+ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
+Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
+den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
+und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.
+
+»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte
+Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt
+gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau
+Beate, aber es hat seinen Grund.«
+
+Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.
+
+»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er
+freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es
+erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
+Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.
+
+Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
+bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor
+Angst.
+
+»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die
+auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«
+
+Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
+dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.
+
+Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu
+beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
+ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem
+hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht,
+ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.
+
+Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das
+Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
+Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
+interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und
+mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht
+aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und
+ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
+langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich
+aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
+anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
+verdächtig.
+
+Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat
+sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich
+habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je
+etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
+Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie
+nicht so geschwind wieder loslassen.«
+
+»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,«
+erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.
+
+»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns
+wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse
+auf den Teller.
+
+»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur
+darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«
+
+»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
+sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte
+nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber
+es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
+naiv dazu.«
+
+Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus
+Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
+in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.
+
+»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor
+dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer
+Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
+fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht,
+ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
+für mich eher angenehm als verstimmend.«
+
+Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
+fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die
+Teller.
+
+»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er
+gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er
+erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb
+auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
+sah.«
+
+Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?«
+fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang
+und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
+zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem
+unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich
+vielleicht.«
+
+»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des
+Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«
+
+Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte
+er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den
+Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen
+zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche
+Blässe hervor.
+
+»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
+war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
+auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka
+unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
+bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht
+wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach
+Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
+Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
+Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns
+jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie
+dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten
+vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So
+trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
+leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander
+halten. Das ist alles.«
+
+Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
+beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines
+Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein
+Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei
+es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
+Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen
+Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes,
+geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
+und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor.
+Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
+Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe,
+wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?«
+
+Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
+Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
+seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück,
+als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
+den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder
+daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
+wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an.
+Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold
+verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder
+Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«
+
+Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die
+Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah
+ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
+kalte Hand.
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Kapitel
+
+
+Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
+weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
+zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold,
+den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
+gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
+Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen
+Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und
+schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie
+geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
+dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen
+Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
+noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
+sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er
+trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
+Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
+bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er
+selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll
+Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel
+berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
+Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer
+schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also
+blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
+Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte
+nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
+studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
+eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
+verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll
+ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den
+Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte
+er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden
+sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese
+Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm?
+murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von
+ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
+Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
+ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für
+mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
+nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
+zusammenleben.
+
+Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in
+welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren
+und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
+schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf
+ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn
+fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus,
+Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort.
+»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht
+antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
+ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie
+verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine
+Handtasche packen.«
+
+»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch
+reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.«
+
+Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie
+endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
+brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
+sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
+Haß.
+
+Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in
+gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in
+welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt,
+im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
+zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
+was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
+wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich
+alles weiß.«
+
+Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr
+Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen
+die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie
+gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
+Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich
+gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte
+mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine
+Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
+das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz
+zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu.
+
+Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und
+drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine
+Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie
+setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es
+liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie
+möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
+gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich
+lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
+entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell
+biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
+etwas zu sagen?«
+
+Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue
+Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus,
+»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich
+gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
+die Kissen.
+
+»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
+und so nach ihr hinschaute.
+
+Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
+Ausdruck.
+
+Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den
+Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären
+rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht
+einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«,
+bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
+verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen.
+
+Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
+ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
+und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern.
+Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten
+führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das
+Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am
+weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
+leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
+noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
+zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
+geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers
+klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
+tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das
+er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
+einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der
+Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er
+streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
+Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im
+Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen.
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Kapitel
+
+
+Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
+unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
+kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser
+zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
+den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
+alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
+nieder.
+
+Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
+dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war
+als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes
+jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein
+Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und
+entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus
+getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
+hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
+eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
+Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
+War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche
+oder war es Arnolds Irrtum?
+
+Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf,
+nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
+Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
+mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
+obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten
+hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine
+Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu
+haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
+sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und
+sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
+Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig
+finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich
+doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie
+ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
+zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
+liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
+war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber
+wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein
+Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt
+es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?
+
+Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
+auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
+kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
+Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam,
+vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das
+wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der
+Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.
+
+Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen
+Rausch nach Hause.
+
+
+
+
+Achtunddreißigstes Kapitel
+
+
+Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte
+sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und
+bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von
+Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner
+konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
+dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald
+überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
+aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
+so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe
+erschien.
+
+Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit
+und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die
+Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
+aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte.
+
+Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
+der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit
+Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir
+nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es
+ist?«
+
+Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
+erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber
+ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
+Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.«
+
+Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme.
+Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und
+wie sehr er ihm vertraute.
+
+Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis
+erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung,
+allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen
+und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
+eigene ohne weiteres vervollkommnen könne.
+
+Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu
+jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
+Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit
+unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
+trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
+lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn,
+jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu
+übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
+gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit
+jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
+er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
+Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem
+dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
+rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den
+Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
+Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der
+Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an
+geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
+Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte,
+verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
+dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und
+aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.
+
+Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue
+Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie
+kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
+gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
+Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten.
+
+»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte
+der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
+aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre
+unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine
+Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
+erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.«
+
+Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«,
+erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
+Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
+selbst ausgeübt wird?«
+
+Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine
+Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
+selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder
+in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten
+Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht
+Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem
+rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit,
+als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.
+
+»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich
+will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
+wird alles anders.«
+
+»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen
+Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn
+auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität.
+Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.«
+
+Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig
+aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
+ich und Sie, glücklich werden?«
+
+Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
+einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
+wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
+oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen
+nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
+sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn
+überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme
+statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.«
+
+Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn
+zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
+Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
+ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur
+vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.
+
+Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
+vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen:
+Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
+Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
+Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht
+Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
+sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
+Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.
+
+Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
+ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
+beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie
+sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut
+setzte seine Ansicht über Askese auseinander.
+
+Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei
+Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie
+mit?«
+
+Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
+preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick
+auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich
+zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas
+knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden
+Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen
+Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.«
+
+Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
+Konzertsaal.
+
+Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule
+langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst
+sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren
+aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
+Herzens.
+
+Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht
+zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
+heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht.
+
+Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße
+nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir
+nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
+vornehmen Restaurants.
+
+Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte
+sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.«
+
+Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf
+einmal mit veränderter Stimme.
+
+Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
+der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte.
+
+»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann
+doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich
+zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!«
+
+»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das
+schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß
+ich lebe.«
+
+Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
+und ergebenen Blick in die Augen.
+
+Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll
+voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
+und dankbar fühlend.
+
+Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten
+schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
+von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.
+
+Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
+und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
+auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen
+Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen
+Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und
+verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke
+und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes,
+ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
+und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
+griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts,
+eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über
+der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar.
+Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
+zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit,
+daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.«
+
+Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
+Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber.
+
+»Was liest du?« fragte Verena.
+
+»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner.
+
+Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
+genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich
+plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war.
+
+»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
+fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts
+als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird
+verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um
+teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt
+das Bild der Welt.«
+
+Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige
+Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen,
+was ich empfinde und empfinden soll.«
+
+Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf
+Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er
+in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
+sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit
+veränderter, heiserer Stimme:
+
+ »Wenn er bei einer Hochzeit ist,
+ Da sollt ihr sehen, wie er frißt;
+ Was er nicht frißt, das steckt er ein,
+ Das arme Dorfschulmeisterlein.
+
+ Wenn er einmal gestorben ist,
+ Legt man ihn sicher auf den Mist.
+ Ach wer setzt einen Leichenstein
+ Dem armen Dorfschulmeisterlein.«
+
+Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
+entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man
+ihn die Außentüre zuschlagen.
+
+Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist
+finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
+sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging
+auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete
+jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als
+umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich
+war sie bemüht, sich ihm zu entwinden.
+
+»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im
+innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
+Selbstanerbietung.
+
+Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
+Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
+Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und
+geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich
+weich.
+
+Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
+über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
+stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
+seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
+nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.
+
+
+
+
+Neununddreißigstes Kapitel
+
+
+Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute
+hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben
+erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße,
+gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes
+Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
+bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
+einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in
+Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was
+er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
+Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
+günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
+Flut des Glückes.
+
+Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und
+gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen
+spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen
+Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
+Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
+gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung
+ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien.
+Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für
+ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
+fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
+Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
+entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu
+spüren. Sie sah sich verfallen.
+
+Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des
+Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
+und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und
+dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen
+brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
+stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
+die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
+Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als
+Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
+verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
+sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.«
+
+Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte.
+»Wovon wollen Sie leben?« fragte er.
+
+Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«,
+entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in
+ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben,
+Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich
+nicht ganz entblößt.«
+
+In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine
+Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst
+in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
+eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum
+gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
+zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb
+Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
+Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
+Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
+selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
+müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
+nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
+nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
+und alles gehört Ihnen.«
+
+Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem
+Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus
+stehen.
+
+Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
+Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
+Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
+fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn
+hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte.
+Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
+getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
+erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
+seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.
+
+Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht
+verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von
+Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena.
+Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich
+behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen
+wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
+füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten
+Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke,
+Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
+und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
+warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht,
+jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich
+Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
+nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
+Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
+Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
+Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
+aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
+Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
+verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk
+ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
+der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen
+der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum,
+– aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
+Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
+daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
+hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn
+beschlich eine frevelhafte Sicherheit.
+
+Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden
+Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
+aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend,
+die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
+auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und
+Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so
+ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.
+
+Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie
+hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
+begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
+lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme.
+»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde
+Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu
+lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«
+
+»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein
+Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«
+
+Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
+kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.
+
+Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück
+begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art.
+Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
+besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
+Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das
+geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch
+besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.
+
+Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in
+Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es
+für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
+zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der
+Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von
+kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren
+Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre
+Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du
+solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
+es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein
+bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
+schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen.
+Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog
+schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.
+
+Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte
+Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
+König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
+eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß
+alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte
+Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
+spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
+beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
+kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
+sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu
+schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
+entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der
+würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt
+hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank
+danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen
+hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.
+
+Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer
+Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie
+nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit
+heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit
+auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.
+
+Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
+Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
+blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
+Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter
+aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre,
+zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.
+
+»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen
+Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«
+
+Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
+nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
+reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
+begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
+war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
+Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt,
+das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte
+irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
+war sehr stolz darauf.
+
+Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
+und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
+Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer
+Woche erfahren –, wissen Sie es?«
+
+»Was?« Arnold war verdutzt.
+
+»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich
+Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie
+Silbe für Silbe glauben wollen?«
+
+»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt
+aussah.
+
+Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das
+ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
+nichts? Seien Sie aufrichtig.«
+
+»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein,
+»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit
+verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen
+Kartenreihen.
+
+»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und
+sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
+dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
+»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit
+Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
+bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
+Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
+entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –«
+
+Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
+Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
+mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn
+sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie
+glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich
+selbst.
+
+Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch
+dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte
+sie ärgerlich.
+
+Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß
+sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber
+hinweg.
+
+
+
+
+Vierzigstes Kapitel
+
+
+Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
+Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den
+Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
+ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß
+die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen,
+fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
+vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal
+frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
+Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der
+Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte.
+Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
+Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie
+sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem
+blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
+aufführten.
+
+Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
+Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
+die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den
+dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch
+anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst
+von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
+beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von
+oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen
+ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und
+schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines
+Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
+hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt
+gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in
+welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
+und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine
+Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks
+zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
+Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
+so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
+ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte
+ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei
+Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
+schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd.
+Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus – nach nichts. Er
+folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre
+erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
+betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
+erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote
+Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
+endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht.
+Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
+Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
+geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu
+bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie
+die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für
+sie etwas Elementares hatte.
+
+Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
+erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
+Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie
+versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich
+zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt
+lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den
+gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich
+heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
+Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum
+Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der
+unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
+dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
+lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der
+beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
+Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei
+Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern
+zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
+Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
+aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas
+wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.
+
+Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie
+beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
+stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den
+anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
+Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
+Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts
+gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
+Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
+reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
+fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
+Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.
+
+Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
+als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte
+bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach
+Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
+zum Morgen.
+
+Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam
+und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
+einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines
+Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
+schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
+hast du geschlafen? Wie geht es dir?«
+
+»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem
+Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie
+wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
+sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu
+bemänteln.
+
+Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
+Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander
+gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den
+runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner
+Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns
+beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß
+doch auch wissen, wohin man geht.«
+
+»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
+Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was
+schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das
+Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
+und man geht immer nur im Kreis.«
+
+»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena,
+erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
+später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen
+wollte.
+
+»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik,
+vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.
+
+Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus.
+»Begreifst du es nun?«
+
+»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme.
+
+»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach,
+Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
+verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in
+blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der
+Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht
+Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
+ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
+Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
+unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
+Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab’ ich gefragt,
+wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur
+schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
+lebe und rette dich.«
+
+Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
+umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er
+zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
+machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
+die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort.
+
+Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
+nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
+Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
+klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
+den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine
+wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden,
+fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
+Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
+seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des
+Gemüts kam über ihn.
+
+Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
+wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit
+böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein.
+Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht
+aufzuheulen.
+
+Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je
+verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
+Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
+wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu
+bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem
+Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
+schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild
+auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig,
+daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme
+Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde
+geöffnet.
+
+Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
+Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
+zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
+die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln
+auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in
+seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee
+trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena –? Wie –?« Mit
+geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.
+
+Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
+unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe,
+nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war,
+der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
+Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena
+verlegen und mitleidig.
+
+»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-,
+Herzmüdigkeit.«
+
+Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
+Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und
+da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und
+auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie
+fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden
+Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund,
+legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und
+blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der
+ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
+bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie
+rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die
+Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie
+nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender
+Begierde selbst zerstört.
+
+Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
+Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
+Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf
+die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Kapitel
+
+
+Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte
+dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
+ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
+entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich
+selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
+Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie.
+Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
+eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
+Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum
+Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.
+
+In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
+Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
+Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und
+er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein
+Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
+Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
+offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
+er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie
+durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
+überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
+veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
+Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
+größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor
+den Kopf zu stoßen.
+
+Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
+Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu
+überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
+Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie
+empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische
+Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
+Doch was mochte ihn bewegen?
+
+Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold
+machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr
+treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
+Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
+selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln,
+wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
+überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und
+faul zumute gewesen.
+
+Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb
+ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra
+ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste
+aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«
+
+»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.
+
+»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch
+gute Bücher verdorben.«
+
+»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
+dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei
+zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
+du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
+ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter
+Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß
+selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß
+die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne
+herunterziehen können.«
+
+»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte
+Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.
+
+Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
+Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld
+angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
+angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
+Hand fest.
+
+»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit
+dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
+Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen
+gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie
+mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen
+kannst.«
+
+Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du
+denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«
+
+»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete
+Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
+Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben
+aufhören, zu überlegen.«
+
+Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
+stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
+herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden
+Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
+arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
+ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
+Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
+daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da
+sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen
+von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
+Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold
+gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.
+
+Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
+herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun
+furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig
+zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
+Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
+so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
+die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
+selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn,
+unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann.
+Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
+selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es
+doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein
+Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für
+immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier
+Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
+fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.
+
+Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber
+schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
+und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem
+Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die
+Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß
+kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich
+mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete
+Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
+machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
+früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er
+sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig
+sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges
+und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.«
+
+»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein
+wichtiges Examen steht bevor ...«
+
+Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
+Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
+anderes wollen als ich.«
+
+»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise,
+indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
+verzog.
+
+Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug
+dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen,
+was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das
+bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
+emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde
+gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.
+
+»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer
+seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du
+aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
+ist schlecht ...«
+
+»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und
+schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den
+Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.
+
+In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
+regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von
+herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
+Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick
+mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen
+wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand
+über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
+vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
+Mund fast sprengen wollte.
+
+Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit
+brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er,
+als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er
+wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
+selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein
+kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete
+sich aufmerksam und lächelte zerstreut.
+
+Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang
+nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen.
+Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu
+tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den
+landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
+Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
+Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
+helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.
+
+Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
+es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
+nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
+Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
+immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«
+
+Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die
+weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
+riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
+Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst.
+Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
+würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um
+nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«
+
+Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen
+Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
+zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
+besinnungslos.
+
+Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief
+wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon,
+und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten.
+Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
+Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer
+vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der
+eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.
+
+
+
+
+Alexander Hanka
+
+
+Zweiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
+Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An
+einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die
+festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
+hinaus in die Vorstadt.
+
+»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
+nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
+»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit
+Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«
+
+»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede
+Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
+kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«
+
+»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
+gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.
+
+Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im
+Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun,
+und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt
+stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
+er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte
+er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich
+stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.
+
+Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
+aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich
+war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und
+eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
+war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen
+Abwesenheit gerüstet habe.
+
+Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
+Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
+durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang
+beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
+vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber
+und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher
+Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
+Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war,
+wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich
+alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
+widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
+Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit
+beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
+Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide
+zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den
+Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten
+aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten
+und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
+zu haben.«
+
+Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
+Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst
+im Himmel.
+
+Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor,
+legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus,
+als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt
+nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich
+der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«
+
+Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen
+wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
+und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
+Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
+es dir recht ist.«
+
+»Gewiß.«
+
+Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim
+zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum
+fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
+Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«
+
+Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren
+Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
+scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser
+ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
+Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
+gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der
+Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
+wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.
+
+Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im
+dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im
+Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der
+Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die
+Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer
+angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes
+Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
+wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
+ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu
+tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula
+und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging
+ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
+ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
+Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf
+nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
+in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
+Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.
+
+Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
+er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
+war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten,
+Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich
+hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
+Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber
+nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er
+schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
+Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
+Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
+verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
+dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des
+schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen.
+Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
+Glucksen des Wassers in den Wiesen?
+
+Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
+überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
+lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen
+den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens,
+als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die
+Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
+freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu
+dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
+Kompliment.
+
+Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
+verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die
+Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
+eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
+Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
+einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken
+an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
+erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
+Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes
+überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht
+erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden
+würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
+Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen,
+kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen,
+stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt
+war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
+Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#
+
+Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
+Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis
+bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
+schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche
+Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
+allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
+sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner
+inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr
+verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
+und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
+zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die
+Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
+Selbstprüfung vor.
+
+Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
+und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst
+allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
+junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher
+Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft
+seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von
+achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden
+und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere
+versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
+dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie
+es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.
+
+Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich
+gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes
+Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
+zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.
+
+Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
+Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe
+eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
+verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
+wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
+Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
+das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
+selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich
+gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des
+Kubu?« fragte Arnold dagegen.
+
+Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus
+Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
+sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht
+übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß
+bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen
+Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
+fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
+sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
+erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
+entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
+sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit
+meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
+nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
+Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
+ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau
+warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
+Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
+verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
+alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
+würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
+sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
+Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm
+die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
+stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem
+Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
+gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.
+
+Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor
+fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
+Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte:
+»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei
+Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
+und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
+verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
+Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
+Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen
+sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
+geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu.
+Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
+er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand
+Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
+mitteilen konnte.
+
+Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen
+und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
+Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum
+und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren
+Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
+bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja,
+er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so
+deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er
+doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
+Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
+Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte.
+Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte
+sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener
+Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold
+empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.
+
+Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
+zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei
+solchem Wetter!«
+
+»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?«
+fragte die Alte.
+
+»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
+ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
+Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
+zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
+möchte, der muß tanzen und springen.«
+
+»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«,
+sagte Ursula.
+
+Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte
+er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze
+haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«
+
+Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man
+erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«
+
+Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
+würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
+Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
+auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen,
+denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme
+Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls
+herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
+Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
+streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen,
+als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich
+mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
+jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«
+
+»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es
+Ihnen?«
+
+»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
+muß man’s treiben.« Er lachte.
+
+Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern
+den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der
+von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
+Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
+Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und
+er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.
+
+Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem
+Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Kapitel
+
+
+Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die
+Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das
+Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune
+besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
+lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in
+einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus
+der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder
+liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit
+der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen
+ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die
+sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die
+schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme
+Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm
+auf.
+
+Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er
+nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
+rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.
+
+»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den
+Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und
+Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden,
+sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen
+Ausdruck vollkommenen Ernstes.
+
+Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von
+Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?«
+
+»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin
+ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.«
+
+»So? Was fehlt ihr denn?«
+
+Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«
+
+»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?«
+
+Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«,
+antwortete er.
+
+»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was
+mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.«
+
+Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden
+heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr
+klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«
+
+»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von
+Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit
+verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier
+sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier
+vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines
+unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das
+Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen
+zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals
+auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend,
+sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu
+meiden.
+
+»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die
+Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht
+hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war
+geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem
+Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug.
+Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht.
+Verzeihen Sie.«
+
+Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte
+er stehen bleibend und sich verabschiedend.
+
+Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,
+als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete
+die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.
+Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam
+unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet,
+die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte
+das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der
+Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes,
+dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der
+unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun
+mineralisch leer.
+
+Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie
+lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er
+unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie
+lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell
+vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und
+Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah
+ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.
+Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war
+es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber
+erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten.
+
+»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich
+aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden
+Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,
+nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie
+hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch
+erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
+faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber
+hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen.
+
+Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,
+setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut
+hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge
+überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu
+leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er
+fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O
+stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
+diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.
+
+Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er
+entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn
+quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,
+nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn
+nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von
+schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen
+und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte
+er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn
+im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten
+sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine
+parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige
+lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der
+Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der
+pflügende Bauer.
+
+Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger,
+natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte,
+daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die
+Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen
+verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in
+sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm
+zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht
+gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz
+kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,
+sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und
+das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß
+ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften
+nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig
+sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er
+keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand
+ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem
+Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen
+gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die
+Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen
+erziehen.«
+
+Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu
+träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur
+bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen
+bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner
+als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch
+geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der
+Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im
+scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen
+hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den
+ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,
+schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die
+Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre
+beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung
+teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er
+die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild
+dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den
+nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine
+Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte
+an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über
+sich erblickt.
+
+Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und
+Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine
+eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das
+Ding, welches ihm das Herz auffraß.
+
+Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold
+bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka
+schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er
+spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten
+spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die
+Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und
+erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person
+zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.
+
+Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief
+Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes
+Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus
+abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und
+Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.
+Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen
+du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der
+Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
+könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna
+Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die
+Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem
+sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«
+
+Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch
+welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt
+wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen
+Vorsatz mit.
+
+
+
+
+Fünfundvierzigstes Kapitel
+
+
+Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt
+zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
+letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht
+der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es
+vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn
+zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu
+übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker
+an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben
+wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den
+Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.
+
+Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die
+Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange
+zu sehen war.
+
+»Ich bin froh, nun geht’s wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb
+sind Sie so schlecht gelaunt?«
+
+Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem
+Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um
+zehn Perzent zurückgegangen.«
+
+»Was werden Sie tun?«
+
+»Ich muß verkaufen.«
+
+»Und dann?«
+
+»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, – Arbeit.«
+
+Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.«
+
+Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am
+Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
+Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es
+nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
+nicht.
+
+In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck,
+und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude
+streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in
+ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur
+die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl
+sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
+Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
+Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im
+Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen
+begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
+Gewohnheiten entsteht.
+
+Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst
+nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
+er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
+Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die
+Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich
+bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
+zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.
+
+Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener,
+damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher
+Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
+legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
+Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
+klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen
+und setzte alles im Haus in Bewegung.
+
+Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
+ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
+hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den
+größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe.
+
+Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann
+Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
+in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie
+romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen
+wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so
+ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
+Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
+Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene
+Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
+neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt
+man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer
+mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments
+achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.
+
+Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der
+Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im
+Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
+Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
+vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der
+Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
+Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl
+erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es,
+wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit
+dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
+gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich
+selbst und findet Widerstand.
+
+Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle
+Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
+Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
+Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das
+vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr,
+welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
+das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für
+die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er
+hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
+verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
+Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
+Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.«
+
+Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war
+sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
+sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher,
+Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
+Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold
+herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.«
+
+»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas
+verdrießlich.
+
+»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
+Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles
+zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß
+atmen können.«
+
+»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten
+eine kleine Spazierfahrt unternehmen.«
+
+»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
+Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er
+und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln
+die Hand drückte.
+
+»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
+verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd.
+
+»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm
+hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
+Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
+ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
+etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
+herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte.
+
+»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen,
+der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie
+gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.«
+
+»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen
+blauen Himmel.
+
+»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?«
+
+»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl
+ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.«
+
+Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
+geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
+zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter
+tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im
+Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf
+den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
+schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in
+sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der
+Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu
+richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern
+wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.
+
+Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna
+Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in
+Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
+ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der
+Arbeit emporstieg.
+
+»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der
+Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
+Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
+selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Kapitel
+
+
+Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
+stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
+Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
+Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.
+
+»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte
+Anna Borromeo.
+
+»Beschlossen worden?«
+
+»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die
+Baronin.
+
+»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu.
+
+»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold
+verlegen.
+
+»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
+nur Figur machen.«
+
+»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken.
+
+Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und
+etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte.
+
+»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig
+fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas
+modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
+zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
+tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
+gesprochen.«
+
+»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend.
+
+Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete
+sich. Er wurde mit Kälte entlassen.
+
+»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als
+er fort war.
+
+Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.
+
+Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
+Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.
+
+Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
+soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast
+erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
+gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
+einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in
+die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen.
+Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, –
+es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
+seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste
+Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
+den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
+Straße betrat.
+
+Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
+überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im
+Laden eines Trödlers.
+
+»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und
+machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn
+durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und
+sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
+auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
+breitem Postament der marmorne Antinous.
+
+»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.
+
+»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«
+
+»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
+Eine wertvolle Sache.«
+
+»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern.
+
+»Ganz gut. Sehr schön, – vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit
+verbinden.«
+
+»Was soll das heißen?«
+
+»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit
+seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die
+Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
+ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
+Ebenholzkugeln glichen.
+
+»Und wenn ichs täte –?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber
+wenn ichs täte –?«
+
+Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine
+nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen
+unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug,
+ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer
+eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten,
+»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen –, dort?«
+
+»Ich denke nein«, entgegnete Arnold.
+
+Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
+blickte auf die Statue.
+
+Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
+sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
+er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte
+gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und
+Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort
+war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds
+Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen,
+anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung,
+nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
+es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
+benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
+für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen,
+die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im
+Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
+schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn
+ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
+begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein
+reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter
+Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
+es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
+Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
+machten?
+
+Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage
+eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen;
+was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
+Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
+Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
+gegenüber. Beide waren blaß.
+
+»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
+einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo
+lächelte dünn und leer.
+
+»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken
+gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
+Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.
+
+Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
+halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
+und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn
+empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er
+stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und
+finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
+zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
+wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen,
+im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.
+
+»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas
+ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag.
+
+»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter
+scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze
+losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.«
+
+Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
+Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster
+betrachtete.
+
+»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.
+
+Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er
+leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
+verkaufen?«
+
+Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
+gegen die eisige Trauer dieses Mannes.
+
+»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.
+
+Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
+verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte.
+Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
+wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
+ob sein Bild auch wirklich darin sei.
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Kapitel
+
+
+Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt,
+den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück.
+Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er
+konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
+Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle
+Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich
+mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie
+schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über
+der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
+viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
+Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit
+und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.
+
+Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte
+kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper
+lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
+bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn
+in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der
+vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß,
+gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
+Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines
+Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße
+Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in
+englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde,
+langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
+Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
+Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer
+Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine
+boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.
+
+»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
+überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.
+
+»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit
+einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
+höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
+Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
+erzählt man sich.«
+
+Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch
+sorgsam von den Gräten. Er lächelte.
+
+»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich
+in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz
+unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
+mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
+nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
+Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
+nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
+der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich
+höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das
+Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun
+eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
+Valescott und –«
+
+»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
+Tisch.
+
+Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt,
+Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später
+noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
+es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
+Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der
+mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso
+erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die
+Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht
+... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«
+
+Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte
+und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer,
+allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
+ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.
+
+Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
+welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
+jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine
+enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in
+Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde,
+war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete
+Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
+Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick
+zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn
+warten.
+
+Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
+Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in
+sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein
+wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die
+dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine
+Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die
+Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte
+den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier
+und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
+Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
+tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas
+Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
+Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
+einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid;
+die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen
+reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
+Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der
+Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.
+
+Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief
+davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
+zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
+eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
+Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen.
+In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
+Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
+den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
+entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von
+Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.
+
+Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht
+einmal Ihre Namen.«
+
+»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.
+
+Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
+Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite
+und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.
+
+»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.
+
+»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora.
+»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf
+diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – »aber bei Ihnen
+wollen wir eine Ausnahme machen.«
+
+Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
+Mollakkord an.
+
+»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz
+nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«
+
+»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.
+
+»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.
+
+»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte
+Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
+ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das
+gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll
+ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
+über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß
+und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen
+sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer
+Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing
+über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein
+Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete
+mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
+Träume.«
+
+»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.
+
+»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
+Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich
+zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
+Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie
+sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
+mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
+niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der
+Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
+angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz
+vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die
+bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei
+der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern
+die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
+beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden,
+als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte
+fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
+eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
+küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
+Menschen.«
+
+Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
+Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.
+
+»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.
+
+Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging
+hinaus.
+
+Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum
+spielen Sie nicht?«
+
+»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit
+prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten
+legte.
+
+Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten
+einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Kapitel
+
+
+Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
+Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
+Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.
+
+Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
+sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
+Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die
+beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der
+Tisch zum Tee war gedeckt.
+
+Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
+mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
+Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
+Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
+freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
+an Arnold. »Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« sagte
+er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?«
+
+»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.
+
+Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
+in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«
+
+»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.
+
+»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
+Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts
+als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
+Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –?
+Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
+starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«
+
+»Jawohl«, erwiderte Arnold.
+
+»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem
+Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
+nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«
+
+»Specht?«
+
+»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«
+
+Alle blickten auf Arnold.
+
+»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig
+verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er
+heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.
+
+»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig,
+»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig
+gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht
+unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es
+im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
+aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
+doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«
+
+»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so
+sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
+erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
+gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können
+Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
+angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
+Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
+Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
+Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich
+konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
+unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es
+zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für
+eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine
+Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden
+von Komödie!«
+
+Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
+Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
+verschaffte.
+
+Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres
+Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
+Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
+unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den
+Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen
+gesprochen.«
+
+Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
+nahm ziemlich verstimmt Abschied.
+
+»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die
+Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
+Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«
+
+Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis
+er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich,
+ihn zu begleiten.
+
+Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen.
+Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich
+gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich
+erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten
+Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft
+gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die
+Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem
+vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«
+
+Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er
+blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
+das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie
+ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
+her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
+Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
+hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine
+Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
+nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
+Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht
+lächerlich werden, alles nur das nicht.
+
+Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack
+an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche
+Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
+lang niedersetzte, um nachzudenken.
+
+Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
+Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den
+Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende
+Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
+sein frechster Traum umspannt.
+
+Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen
+zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich,
+herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
+er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete
+er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte
+hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer
+lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
+zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
+Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie
+zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.
+
+Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
+Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
+Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung
+von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.
+
+Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
+Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
+zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
+düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen
+Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet
+standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
+Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien,
+während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke,
+seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da
+geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
+ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem
+Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt
+haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
+Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
+werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
+Arnold.
+
+»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo,
+nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
+Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
+habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.«
+
+Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
+reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er
+blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur
+ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige
+ist Sache des Glücks.«
+
+Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
+über Arnold.
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Kapitel
+
+
+Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen
+Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
+ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
+dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
+ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach
+Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für
+Zuckerwaren erhalten.
+
+Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir –!« Und
+sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den
+Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei
+der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu
+denken. Petra hatte Pflichtgefühl.
+
+Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden
+abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
+Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald
+unterhaltende, bald langweilige Spielerei.
+
+Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts
+anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön
+bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau
+ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze
+Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche.
+
+So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
+sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
+blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie
+Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die
+Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
+verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über
+der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt
+war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde
+dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den
+Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
+Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren.
+
+Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon,
+welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr
+sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht
+verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum
+Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
+Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
+Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
+ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und
+taktvoll.«
+
+»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd.
+
+Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß
+er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief
+ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann.
+
+»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere
+Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch
+in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich –« Er rieb sein
+Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue
+mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du –« Alle starrten ihn entsetzt
+an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin
+und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
+die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.
+
+Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder
+an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß
+sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
+Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder,
+wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur
+einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
+Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
+machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
+verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die
+Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in
+die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
+Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
+zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar
+tausend Jahre lang getrieben.
+
+Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
+zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses.
+Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
+grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten,
+nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
+neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für
+ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im
+Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
+zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
+nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
+die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.
+
+Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte,
+beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines
+jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
+anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
+dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine
+Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
+Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den
+Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel
+zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
+etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
+bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde.
+
+»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
+drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
+schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
+im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
+vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
+deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber
+und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie
+zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
+nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
+Schultern herab.
+
+Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen,
+Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu
+tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame
+vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte
+von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
+fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden
+Ehren empfängt.
+
+Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich
+auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie
+unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte,
+dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere,
+unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies
+Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem
+Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
+Peitschenschlag.
+
+Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er:
+»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...«
+
+Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind
+vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht
+von der Stelle.
+
+»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit
+neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen
+furchtbaren Anfall ...«
+
+»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
+»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.«
+
+Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
+festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
+hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen
+warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
+zürnte sie der Mutter.
+
+Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
+zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er.
+
+Natalie schluchzte wie ein Kind.
+
+Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die
+immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
+Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
+einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.
+
+»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend.
+
+»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora.
+
+Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
+zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
+der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
+Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf.
+Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
+sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
+»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber
+Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll
+Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo
+Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
+die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die
+Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach
+beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
+leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige
+Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte
+sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
+erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!«
+
+Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
+schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
+welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
+durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit
+törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
+blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd
+und ging vorüber, durch das schweigende Volk.
+
+Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
+Feuerwerk.
+
+Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
+Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
+den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.
+
+Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
+der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
+Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
+zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine
+Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.«
+
+Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte
+durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
+goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
+Lichtstrahlen.
+
+Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte
+er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
+hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn
+flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob
+seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel.
+
+
+
+
+Fünfzigstes Kapitel
+
+
+Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche,
+aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
+Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
+suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.
+
+Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und
+sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte
+sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder
+Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut.
+Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
+witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
+Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für
+eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
+schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
+Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten
+vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
+Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn
+auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig,
+unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer;
+er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung,
+Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß;
+offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien
+wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
+ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
+die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in
+einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
+diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den
+er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte
+er seinen Vorsatz aus.
+
+Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne,
+sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
+und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken
+Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
+Freund sei da.«
+
+Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein
+Teurer, was führt Sie zu mir?«
+
+»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete
+Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich
+unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«
+
+Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm.
+»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie
+gerade mich suchen«, sagte er.
+
+»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«
+
+Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht
+seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben
+Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen
+Lebensappetit?«
+
+Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?«
+
+Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher
+oder später wahnsinnig werden wird.«
+
+»Und deshalb hängt sein Bild hier?«
+
+»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen,
+der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.«
+
+Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend
+über beieinander und trennten sich erst in der Nacht.
+
+Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er
+bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem
+Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon
+geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares
+Rechenexempel.
+
+Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er
+das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß
+und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis
+entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in
+welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum
+Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod
+neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser
+schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein
+Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und
+verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches
+nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.
+
+Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen
+profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die
+Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie
+morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und
+der Idee.
+
+Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu
+hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare
+Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm
+in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz
+anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
+Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach
+Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete
+sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor
+der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines
+Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
+Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen:
+»#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat
+die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente
+gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in
+ihrem hellsten Schein.«
+
+Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz?
+Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den
+Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen.
+
+Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch
+aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.«
+
+Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so
+daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn
+getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
+mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke –? fliehst du
+vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer
+fremden Wohnung niederlassen?
+
+Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen?
+gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder
+an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch!
+Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich
+verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas
+laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie
+bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
+keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir
+zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.«
+
+Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben
+erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch
+wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier
+hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er
+durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum
+Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener
+und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas
+passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging
+voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand.
+Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und
+der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde
+neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner
+Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren
+an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold
+sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor
+die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und
+untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß,
+es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte
+Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
+so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.
+
+
+
+
+Einundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß
+ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung
+seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch
+Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem
+stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er
+nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine
+Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes
+zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die
+leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert
+werden könne.
+
+Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend,
+erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn
+zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:
+»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«
+
+Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der
+Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«
+
+»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit
+bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
+Er ist ein gutmütiger Mensch.«
+
+»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde
+mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben
+könnte.«
+
+Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.
+
+»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich
+nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und
+einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«
+
+Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam
+der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.
+
+Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und
+setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!«
+sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
+versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen
+zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten
+angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß
+hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka
+hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen
+Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen
+Kegeln emporblies.
+
+»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold
+und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er
+sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei
+zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben
+sieht.
+
+»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie
+immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen
+schädlich ist? Welche Widersprüche!«
+
+Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne.
+»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen
+und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,
+was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er
+sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«,
+bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins
+Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka
+müßte man es erfinden.«
+
+Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere.
+Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen
+traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken
+und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen
+Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch
+eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«
+
+»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden
+Blick und schob Hyrtl von sich weg.
+
+»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und
+ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land
+fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller
+Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so
+finster ...!«
+
+Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz
+und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit
+Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein
+Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere
+mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,
+denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es
+waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren
+Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – ach!
+Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich
+von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben.
+Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben
+nicht, du Dummkopf.«
+
+»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.
+
+»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie
+gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder
+anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.«
+
+Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von
+Hanka begleitet.
+
+Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig
+in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte:
+»Der gnädige Herr schläft noch.«
+
+Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er:
+»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!«
+
+Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der
+Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte
+sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er
+schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.
+
+Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein
+Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum
+Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.
+Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam
+der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor
+Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.
+
+Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr
+Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang
+nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen
+und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold
+fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß
+Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und
+sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern
+erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen
+leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«
+
+Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er
+betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich
+danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«
+
+Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich
+in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte
+Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte
+er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig
+ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
+von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.
+Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte
+Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie
+geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies
+Arnold zu sagen.
+
+Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.
+Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das
+Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds
+Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die
+angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit
+natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn
+küßte.
+
+Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«,
+sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war
+er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«
+
+Hanka ging nach Hause.
+
+
+
+
+Borromeo
+
+
+Zweiundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
+Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß
+Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
+Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
+etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
+eine gleichgültige Zukunft.
+
+Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber
+nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie
+erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
+einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem
+Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die
+Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie
+hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
+Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
+das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
+Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
+wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
+konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
+ein sicheres Auskommen.
+
+Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von
+dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
+Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte
+sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, – ohne es zu
+wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.
+
+Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie
+ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer
+Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen
+Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam
+Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
+von der Kanzlei komme.
+
+Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in
+aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
+früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst.
+Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin
+gebraucht ...«
+
+Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen
+und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
+Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
+die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
+flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert
+zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der
+geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem
+Lächeln. »Hast du etwas vor?«
+
+Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich
+habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
+skandierend.
+
+Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
+»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«
+
+Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
+liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke
+begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du
+bist sonderbar.«
+
+Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu
+liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er
+meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«
+
+»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau
+Anna gleichgültig hin.
+
+»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein
+richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«
+
+»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«,
+entgegnete Anna Borromeo ruhig.
+
+Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe
+träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?«
+fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen,
+wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas
+mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«
+
+»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
+dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.
+
+»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
+erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer
+wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
+war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer
+Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann
+ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß
+wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
+immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
+sonst geht er zugrunde.«
+
+»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«,
+sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln,
+als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen
+Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
+neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
+sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an
+Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt
+dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir
+dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder
+einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es
+natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke.
+Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß.
+Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
+spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
+Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die
+daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
+weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie
+weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte
+darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
+und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich
+selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
+trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken,
+zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
+andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
+nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
+und mit Eilpost ab.
+
+Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich
+nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
+italienischen Roman und las.
+
+Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
+schwermütigen Ausdruck.
+
+Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
+Achseln.
+
+»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«
+
+»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
+zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«
+
+»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«
+
+»Er war ein guter Freund.«
+
+»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«
+
+»Schlecht.«
+
+»Du solltest Karriere machen.«
+
+»Wozu? Es lockt mich nicht.«
+
+»Du solltest reich sein.«
+
+»Ich habe genug.«
+
+»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
+denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt
+alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen
+entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den
+Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«
+
+»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«
+
+»Weil ich nichts besitze.«
+
+»Weil du nichts halten kannst.«
+
+»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«
+
+»Liebst du denn nicht deinen Mann?«
+
+Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.
+
+War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit
+Smaragden wie sie einen trug, damals ...?
+
+Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.
+
+»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.
+
+Sie schwieg.
+
+»Sprich doch!«
+
+»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja
+lauter Krämer.«
+
+Sie brach in Schluchzen aus.
+
+Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
+ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste,
+was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
+und drückte sanft seine Lippen darauf.
+
+Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
+Widerhall gefunden.
+
+Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach
+freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten
+Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
+Waldstationen.
+
+Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte,
+gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
+Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
+Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem
+Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem
+unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche,
+Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
+Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
+Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
+Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden
+Mantel des Abends, die Millionen.
+
+Reich sein, reich sein, dachte Arnold.
+
+
+
+
+Dreiundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich
+jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
+Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu
+und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast
+ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der
+Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold
+verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe
+seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde
+damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor.
+Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.
+
+Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung
+geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.
+
+»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er.
+
+»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold.
+
+»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie
+sich ausgelebt?«
+
+»Ein böses Wort, lieber Freund.«
+
+»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«
+
+»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu
+schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe,
+Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«
+
+»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings
+halte ich mich meistens an das Nützliche.«
+
+»Sie sind eine harmonische Natur.«
+
+»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen
+geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
+nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu
+wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
+wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß
+aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick
+verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen
+sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen,
+denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne
+an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf
+nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät,
+und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir
+zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein
+Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«
+
+Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über
+den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig
+entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,«
+sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge
+ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund
+fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während
+Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht
+länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre,
+Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen
+bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.
+
+Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold
+zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die
+Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort
+in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit
+regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.
+
+Arnold blieb schweigend stehen.
+
+»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.
+
+»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden,
+hatte aber jede Unbefangenheit verloren.
+
+»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam
+auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.«
+
+Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und
+meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«
+
+»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie.
+
+Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring,
+lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt
+Ohnmacht über mich«, sagte er.
+
+»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna
+leise.
+
+Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner
+Mutter verheiratet.«
+
+»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und
+habe kein Kind.«
+
+»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen
+gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott
+abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist
+blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine
+Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was
+ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.«
+
+Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten
+Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit
+erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er trat zwei
+Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß
+ich es schon vorher wußte?«
+
+Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile
+sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.«
+
+Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn
+verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten
+nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem
+er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer
+unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
+Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine
+unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich
+seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich
+sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein
+könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge.
+Das ist es.«
+
+Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck.
+»Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie.
+»Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?«
+
+Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen
+stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.«
+
+»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und
+du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit,
+die nennt man Moral.«
+
+Arnold schwieg.
+
+»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft
+hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg.
+Willst du mir Gesellschaft leisten?«
+
+»Morgen abend –?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere
+Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna
+reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem
+Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer.
+
+
+
+
+Vierundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem
+Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß
+es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
+sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam
+wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
+wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
+ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
+aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
+von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem
+Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem
+Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die
+Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der
+Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
+erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
+war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle,
+fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der
+Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
+ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen
+vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand
+von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war.
+Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
+gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
+Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
+einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
+und das war Arnold.
+
+Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus
+verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter,
+zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
+in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und
+der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den
+Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
+verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für
+die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
+zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
+ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
+Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm
+ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
+reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
+lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
+gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die
+Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen
+möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den
+Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
+welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
+setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große
+Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein
+konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
+umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
+dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der
+Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
+Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum
+Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück
+und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
+erwartet wurde.
+
+Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder
+in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
+ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
+denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter
+die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war,
+lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
+Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
+Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß,
+aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
+durch die verödenden Straßen.
+
+Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte
+er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch
+waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht
+nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die
+Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete
+endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
+Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche
+war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
+ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es
+finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein
+Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er
+die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise
+öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
+übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu
+öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der
+in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil
+des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
+Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los;
+er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört
+drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen
+stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
+der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
+einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen
+entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.
+
+
+
+
+Fünfundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend
+zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde
+nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
+leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
+Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht
+das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht
+gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
+und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
+in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte
+Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte
+sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
+erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du
+nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.
+
+Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider
+fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen
+Augen einer Wachsfigur.
+
+»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.
+
+»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es
+ist nichts, beruhige dich nur.«
+
+»Hast du denn nicht geschlafen?«
+
+Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen
+Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er
+schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
+besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
+schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
+wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er
+Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert;
+um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
+gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand
+ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«
+
+»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich
+selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
+Verfassung ...«
+
+Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche
+Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich
+unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
+verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die
+nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«
+
+Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
+sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um
+zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
+verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
+halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
+den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
+das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält
+aus.
+
+»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er
+hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und
+liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.
+
+»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
+beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf
+ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas
+geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte
+Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an
+die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller
+Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
+machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
+während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam,
+sie stumm fragend anblickte.
+
+Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck
+auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei
+gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein
+gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner
+Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«
+
+Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers
+erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du
+glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.«
+Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
+Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich
+selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.
+
+»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen
+würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder
+Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
+Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
+und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
+was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
+hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie
+nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen
+darauf.
+
+Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
+glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
+hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn
+die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
+erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das
+unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.
+
+Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
+Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als
+verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers.
+»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin
+leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«
+
+Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen
+ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
+ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
+nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
+klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten
+zu können.
+
+»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
+Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr
+Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in
+einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß
+ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
+zugegen.«
+
+Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum
+soll er nicht wissen, daß ich da bin?«
+
+Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
+aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend
+gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«
+
+Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich
+die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
+Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht
+geantwortet.«
+
+»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in
+gesellschaftlichem Ton.
+
+Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der
+Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
+die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an
+ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
+trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold
+waren wieder allein. Sie schwiegen lange.
+
+»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit
+eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat
+ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es
+das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«
+
+Arnold antwortete nicht.
+
+»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«
+
+»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
+lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.
+
+Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie
+sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
+Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine
+Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
+und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna
+erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
+schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist
+finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete
+eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
+zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.
+
+Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
+hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
+nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun
+geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, –
+aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und
+Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem
+Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder
+Beziehung gut für dich sein.«
+
+Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann
+nicht auf dem Land leben,« sagte er.
+
+»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna
+liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«
+
+»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.
+
+»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich
+gehe?«
+
+»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
+kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige
+Art. Er zitterte am ganzen Körper.
+
+»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.
+
+Er schüttelte müde den Kopf.
+
+»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin
+gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie
+verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte
+langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf
+die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.
+
+Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst
+macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«
+
+Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich
+abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
+dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
+eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und
+deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
+Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.
+
+Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden
+die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle
+Färbung.
+
+»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in
+diesem Augenblick in dem Manne vorging.
+
+»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck.
+»Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie
+du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die
+dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
+verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
+dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ...
+dann will ich nach Podolin.«
+
+Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das
+Zimmer.
+
+
+
+
+Sechsundfünfzigstes Kapitel
+
+
+»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,«
+sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so
+erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach
+Podolin zu gehen.«
+
+Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.
+
+»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
+gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das
+Sofa.
+
+Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn
+mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.
+
+Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe,
+sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er
+irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
+zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
+zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse
+hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
+war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
+empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
+einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe
+des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn
+selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb
+sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
+Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
+zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße
+ging.
+
+Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick
+Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes
+Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
+zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
+unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
+stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und
+vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in
+seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
+selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt.
+Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
+hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
+jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja
+nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
+abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
+gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna
+ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
+aber auch nicht ab; sie schwieg.
+
+So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
+hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der
+Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
+zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
+trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
+Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort
+einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja
+gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur
+Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
+deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das
+Gemüt.«
+
+Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen
+Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
+vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
+Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber
+das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus
+Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!
+
+Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut,
+ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«
+
+Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
+Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der
+Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
+verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
+Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
+Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
+träumen.
+
+Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
+ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte
+er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind
+vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
+Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
+beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was
+bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
+Leben knüpfte.
+
+Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im
+Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
+Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
+Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
+Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu
+können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge,
+forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
+der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
+Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts,
+nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna
+zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
+Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.
+
+Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern
+telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den
+dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
+Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl
+auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm
+angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu
+sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen
+Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders
+aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich
+Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie
+konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
+Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
+in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre
+Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
+und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
+hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
+wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.
+
+In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur
+Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen
+gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die
+auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die
+nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen,
+erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet
+wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
+waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
+Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
+sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit
+eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell
+werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor
+Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
+bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
+bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
+schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er
+achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
+sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung
+eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
+abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
+Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
+an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
+was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
+Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
+Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in
+Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende
+Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu
+schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs
+Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
+selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.
+
+Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
+hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
+Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
+verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
+treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht
+jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
+totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er
+glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der
+Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt
+auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
+erhalten.«
+
+Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
+gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz
+entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
+Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie
+Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen
+in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
+Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben
+und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich
+stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll
+aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
+blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
+Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite
+der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches
+Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die
+Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
+hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer,
+stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.
+
+
+
+
+Siebenundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße,
+viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er
+flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja
+ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem
+alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.«
+Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.
+
+Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
+war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
+wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
+wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
+gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens
+nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
+folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
+Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer.
+Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
+auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte
+den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste
+Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf
+einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
+Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
+sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
+vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den
+tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
+Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich
+aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
+erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig
+zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.
+
+Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf
+laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt
+er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
+er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
+aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
+Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!
+
+Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der
+Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
+Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
+Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in
+jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
+dünkelhaft und lügnerisch.
+
+Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich
+plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
+und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
+ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
+ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
+Zug.
+
+
+
+
+Achtundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
+Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde
+ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten,
+und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
+ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
+eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die
+Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
+erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge
+zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.
+
+Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
+seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und
+mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
+Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so
+rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
+gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
+Zeit ins Ewige hinaus.
+
+Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein
+Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
+auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
+worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
+Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still
+dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück,
+bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien
+ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie
+eine fabelhafte Bergkette.
+
+Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
+den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
+auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und
+schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
+drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
+Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
+Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
+Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines
+Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm
+doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
+zeigte.
+
+Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen
+Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht
+zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre
+eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem
+schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
+etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er
+antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
+betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian
+inne.
+
+Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine
+Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte.
+Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
+verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
+fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon
+begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der
+Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen,
+um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
+Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der
+Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr
+Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt
+nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch
+eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor
+dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«
+
+Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos
+Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
+ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
+Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
+Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre.
+Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und
+Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern
+öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.
+
+Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
+steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
+die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der
+ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
+hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und
+schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das
+Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als
+brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
+blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
+tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei
+Geifer in den Bart rann.
+
+Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst
+du mich nicht?« fragte er endlich.
+
+»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
+Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
+Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man
+muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«
+
+Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte,
+wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen
+und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den
+Raum.
+
+
+
+
+Neunundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das
+Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte,
+warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.
+
+Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
+aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
+Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt.
+Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
+kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
+In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
+Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof,
+zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust
+zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.
+
+Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
+auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in
+das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort,
+bezahlen!«
+
+Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
+dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
+dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
+geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine
+geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
+und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
+schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
+sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
+wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben
+ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
+kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen
+konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
+Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser
+geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
+ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
+verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu
+wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
+dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich
+also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?
+
+Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die
+Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn.
+Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust
+und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl,
+dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der
+Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
+wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht
+das Bessere wieder!
+
+Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
+wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper.
+Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
+Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
+müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann
+entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!
+
+Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
+gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
+in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
+Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar
+und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind
+niederreißenden Schicksalsmächte.
+
+Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und
+heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
+das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel
+mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine
+verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und
+dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
+Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.
+
+Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
+die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige
+Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen
+Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den
+geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan,
+kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun
+ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen
+und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
+winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand
+reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie,
+»da sind Sie also auch mein Freund.«
+
+Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
+auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich
+sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes
+lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es
+nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
+strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud
+sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte
+stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten
+war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.
+
+Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
+Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin,
+rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und
+dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
+Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka,
+denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
+preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte,
+erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.
+
+In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
+das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein
+Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien
+Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
+zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil
+wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
+Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat
+er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
+wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an
+einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit
+allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
+Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
+liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
+laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
+Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
+solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen
+oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
+Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
+niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«
+
+
+
+
+Sechzigstes Kapitel
+
+
+Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.
+
+Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten
+Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
+Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
+wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
+Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot
+flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
+oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
+ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.
+
+An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
+Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
+Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die
+glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft,
+durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das
+feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige,
+halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern
+kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen
+Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
+Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer
+Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen
+empor.
+
+Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
+Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte
+sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
+Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden
+des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
+einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie
+eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
+der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als
+bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an
+den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am
+höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
+Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog
+ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
+erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
+der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
+Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
+Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe
+
+Geh. M. 4.–, geb. M. 5.–
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
+Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
+diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
+und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
+zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«,
+in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum
+verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
+einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl
+in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
+Handlung die vollkommenste Objektivität.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch
+Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und
+nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist
+der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und
+steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört
+nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen
+Literatur der letzten Jahre.
+
+(Arbeiterzeitung, Wien)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.–, geb. M. 7.50
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. –
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller
+Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller
+Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern
+dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein
+bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes
+Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster
+Erkenntnis der menschlichen Natur sei.
+
+(Berliner Tageblatt)
+
+Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt.
+Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman – damit kann man das
+Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei
+Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange
+verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man
+nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine
+Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven
+ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine
+Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst
+aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den
+deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer
+Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Der niegeküßte Mund – Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
+man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
+Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
+deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein
+Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen
+Romane alten Stiles.
+
+(Kreuzzeitung, Berlin)
+
+... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane
+von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken
+lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in
+Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur,
+wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen,
+um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in
+seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
+Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat.
+
+(Berner Bund, Bern)
+
+»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der
+weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der
+nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen
+Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches,
+so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue
+Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert
+worden. Babylon – das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene,
+unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es
+sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag
+dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich
+auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden
+Persönlichkeit. Und wie er’s getan, das ist bewunderungswürdig.
+
+(Neue Hamburger Zeitung)
+
+... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen
+sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich
+götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und
+brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er
+liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel
+eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so
+muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende
+Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den
+mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander
+umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
+erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die
+Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr
+und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar
+finsteren Verhängnisses.
+
+(Düna-Zeitung, Riga)
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–
+
+In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
+verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen
+Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
+stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
+Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal
+seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
+wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
+und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
+tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber
+fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines
+vermummten Bluffers.
+
+Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in
+Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich
+geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
+nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
+und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und
+Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr
+eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
+Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
+mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
+Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und
+des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die
+»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
+»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
+der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
+Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht
+vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein
+wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur ein Meister
+dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem
+neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
+schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so
+deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt;
+daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
+deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und
+gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
+Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig
+wieder auftauchender Menschen festzuhalten.
+
+(Allgemeine Zeitung, München)
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
+das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
+es nicht mehr zu vergessen.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
+Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
+Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen
+Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen
+Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
+phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische
+Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei
+Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob
+Wassermanns.
+
+(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)
+
+Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von
+einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
+ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir
+ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
+ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
+Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
+verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
+nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über
+dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
+künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
+paar alte, goldtonige Gemälde vor uns.
+
+(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
+S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
+S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen
+S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.«
+S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben.
+S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«,
+S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
+S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
+S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a third
+and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
+lists all corrections applied to the original text.
+
+p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
+p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
+p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen
+p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.«
+p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
+p. 255: [added quote] daß du mich liebst«,
+p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
+p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
+p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
+***** This file should be named 20413-0.txt or 20413-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,10323 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Moloch
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ Der Moloch
+
+ Roman
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Dritte und vierte Auflage
+ neu bearbeitet
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1908
+
+
+
+Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+Frau Ansorge
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde
+zu einem unscheinbaren Hgelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das
+Wohngebude lehnte mit der Rckseite gegen die wilden Hecken, die den
+weitlufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den
+weigekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum
+Tor fhrende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die
+Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das
+berhngende Ziegeldach leuchtete wie eine mchtige Kapuze brennend rot
+ber die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn
+unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein
+schroffer Erdhgel, der den trg einherziehenden Flu zwingt, ihm in
+weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter
+abfallenden Seite des Hgels, ist aber gegen Sden bis hart an den Flu
+herangebaut, so da die Hauptstrae des Dorfs nahezu die Gestalt eines
+#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu
+reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.
+
+Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein huserloser,
+der Erdstrich. Nur ein groer Zimmerplatz lag am Fluufer und von ihm
+strmte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstmme aus.
+
+Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an
+welchem Frau Ansorge in einer altertmlichen vierschrtigen Kutsche von
+der Ostrauer Strae her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer
+Dienerin Ursula, die den fnfjhrigen Arnold auf den Knien hielt. Der
+damalige Brgermeister hatte die Frau hinber gefhrt auf den Hof, der
+seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde
+gegangenen Bauerngeschlecht gehrt hatte. Bald begann eine ruhige, doch
+unablssige Geschftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu
+verndern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zune
+aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der
+Viehstand verbessert, neue Mbel, neue Pflge, neues Gesinde beschafft
+und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.
+
+Drei Monate frher hatten Frau Ansorges Wnsche noch andern Lebenszielen
+gegolten, als in der mhrischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen.
+Sie hatte die Vergngungen der Geselligkeit und alle jene Freuden
+geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred
+Ansorge war einer der groen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers
+gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschfte gezwungen, einen groen
+Teil des Jahres in der traurigen, ruigen Stadt zuzubringen, aber desto
+schner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf
+Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie,
+Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurck. Die
+Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei
+Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein
+falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
+kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem
+entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum
+Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter
+eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt
+zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen
+zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verlie gelegen, das
+Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewi, ungewi auch was mit dem
+Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden
+und zu hren. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr
+aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des
+Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der
+Eisdecke des Stromes fliet, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form
+des Lebens zu.
+
+Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die
+Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begrbnis bei und nahm den
+Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und uerlich
+ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschften zu befassen und
+bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschftsgewohnte
+Bruder. Sie sorgte fr die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle
+liegenden Grnde veruert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
+bersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr
+beeinflut hatte.
+
+Ihr Fu wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat
+keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede berflssige Bewegung. Sie
+hate alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tnzeln. Was auf
+Rdern lief und nur entfernt einer Maschine hnlich sah, erregte ihren
+Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
+muten Bsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder
+den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Strae
+ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand
+oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp ber den Dielen.
+
+In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines
+schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die
+beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine
+unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und
+unablssig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner
+Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts
+von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eiferschtige
+Geselligkeit entsteht.
+
+Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grmliches und mrrisches
+Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen
+stapfte er herum wie ein kleiner Br. Dies reizte natrlich die Leute
+auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula ffte Arnolds Gebaren nicht
+ohne Bosheit nach. Das emprte den Knaben zu unbndigem Zorn; denn fr
+die Neckereien der Erwachsenen besa er damals und auch spter nicht
+das geringste Verstndnis; sie erschienen ihm als ein durchaus
+unrechtmiger Eingriff in seine persnliche Freiheit. Mit schiefem
+Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen
+Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte,
+zog er die Lippen auseinander, jappte jhzornig, machte zwei Fuste, die
+er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den
+Plagegeist los und bi und schlug. Doch solche Zornwtigkeit zeigte sich
+mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine
+verchtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewutsein der
+Krperkraft entsprang und gar possierlich wirkte.
+
+Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang.
+Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die
+Militrpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr fr Frau Ansorge. Sie
+selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin
+unterrichten zu knnen, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und
+so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den
+niederen Fchern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu
+lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fnfzehnten Jahr besa
+er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte
+keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergngen an krperlicher
+Arbeit. Die Mutter wnschte ihn mittelmig und so am meisten geschtzt
+gegen die Strme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.
+
+In der drngendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an
+ihm eine unruhige berschwnglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur
+im Innersten fremd war. Da kam es vor, da er whrend einer ganzen
+Sommernacht sich in den Wldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in
+die Erde hinein horchte und mit eigentmlicher Angst den Aufgang der
+Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Frh und kam erst
+am zweiten Tag zurck. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
+was hinter dem Wald, hinter den Hgeln der Ferne lag, und traurig hatte
+er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben cker und Wiesen,
+dieselben unansehnlichen Huschen an derselben Strae erschienen waren.
+
+Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein
+Gegenteil, so da Arnold den Eindruck eines mrrischen und
+phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
+ja sogar ohne Frohsinn, lie er Sommer und Winter und wieder Sommer und
+Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der
+Welt war fr ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der
+Zeit, das er mit trockener Selbstgengsamkeit verfolgte. Er war trg und
+schwieg gern aus Trgheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen
+ihnen kein gefhlvolles Streben nach Annherung, auch keine
+geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land,
+nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der
+Beschftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhltnisses. Arnold war
+nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war fr ihn mehr
+eine ltere Genossin als eine Achtungsperson. Spter zeigte er in den
+kurzen Gesprchen mit ihr gern eine spttische Aufmerksamkeit, die ihm
+nicht bel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum
+ein wenig ngstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen
+geistiger berlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, da
+Arnold nicht mehr ausschlielich die Mutter, sondern auch die Frau in
+ihr erblickte, die er, in komischem Mnnlichkeitswahn, sich
+untergeordnet glaubte.
+
+Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwles Mysterium
+fr ihn gewesen. Seine frh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch
+krperliche Arbeit, hatte keinen Anla zu dunklen Trumereien gefunden.
+Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit
+ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
+Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam fr
+dergleichen Schauspiele abstumpfte, so verga er doch niemals den
+herrlichen Anblick des sich bumenden Hengstes, sein schaumtriefendes
+Maul, die geblhten Nstern, die feurig lohenden Augen, die
+schweibedeckte dampfende Haut.
+
+Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches
+Drngen und Whlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es,
+als ob das Herz aufgeschwellt wre durch einen schrecklichen berschwang
+zielloser Krfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen
+Krper, in dem sie wohnten, zu erschttern und zu verwunden trachteten.
+
+Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die
+neuankommende war in ihrer Art eine Schnheit, braun wie eine Kastanie,
+frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hie Salscha. Als
+Arnold sie gewahrte -- sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre
+Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes -- da besann er sich
+lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelnde und blinzelte mit den
+Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel
+Umstnde; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben
+wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
+als fordere er etwas, das ihm seit langem gehrte und unrechtmig
+vorenthalten war. Die Magd lachte und lie ihn stehen. Aber zwlf
+Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und
+berlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr
+nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter
+der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung
+zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
+verschwand pltzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm
+nichts mehr denn ein leeres Gef, dessen Inhalt er hatte trinken
+mssen, um den eigenen Krper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde
+wieder ruhig.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
+und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstnde
+glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
+entgegenging. Aus der Ebene ertnte buerlicher Gesang, vom leise
+sausenden Oktoberwind bald verweht, bald berdeutlich gemacht. An einem
+Tmpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
+pltscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
+den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
+zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.
+
+An der Zauntre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lssig an den
+Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hhner, die sich
+langsam nach ihrer Schlafsttte in der Scheune aufmachten und bisweilen
+leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wnschten. Drauen schob
+sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
+flammenden Himmel.
+
+Kleiderrauschen veranlate Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
+bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorbergingen.
+Die eine der beiden, ein junges Mdchen, lchelte verlegen und
+verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Whrend er ihnen nachschaute,
+kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
+die Richtung nach dem Dorf ein.
+
+Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
+Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
+wie ein Baumblatt Adern. Sie machen Besuche, erwiderte sie vorsichtig,
+Nachbarsvisite; sie glauben, das mu so sein. Sie haben das Haus des
+verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin bersiedelt.
+Hanka heien sie.
+
+Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
+Seine Wibegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, da die Mutter
+durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
+Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
+Gerichtsbeamten waren auer den Bauern die einzigen, die man hier zu
+Gesicht bekam.
+
+Kaum war die Lampe angezndet, als es an die Tr klopfte und Maxim
+Specht eintrat. Ich bitte vielmals um Entschuldigung, sagte er gewandt
+und liebenswrdig, das Frulein hat einen Schal hier vergessen. Er
+lchelte, wobei das Liebenswrdige, Gesellschaftliche noch strker
+hervortrat und daneben etwas berlegenes wie bei jemand, der zu
+beobachten fhig ist und sich dessen freut.
+
+Das Tuch hing ber einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. Es ist
+sehr gelb, das Ding, meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
+Nase in den gestrickten Stoff. Pfui! rief er.
+
+Es ist parfmiert, sagte Specht verwundert. Finden Sie das schlecht?
+Er sah Arnold an wie einen jungen Bren, dessen Kraft und Dressur zu
+allerlei geschftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
+reden hren von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
+betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
+zugewandt war, mit spttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mitrauen und
+zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.
+
+Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
+fhlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
+leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch ber die Schulter, verbeugte
+sich galant und wnschte gute Nacht.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet
+war und in den Stall hinberging, leuchtete schon der frhe Tag. Er
+liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und
+-frische. Die Waldrnder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder
+wurden zur Trnke gefhrt, und sie blkten freundlich.
+
+Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer
+Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurck, um zu frhstcken.
+Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der
+Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch
+sonstige Gegenstnde fr den Haushalt zu verkaufen.
+
+Elasser begrte Arnold knixend, whrend er Stirn und Glatze, die trotz
+des khlen Morgens schon schweibedeckt waren, mit einem blauen Tuch
+trocknete. Sein langhngender brauner Bart verhllte fast den Ausdruck
+eines ziemlich gutmtigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing,
+mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte
+seinen ansehnlichen Pack auf den Rcken, grte ehrerbietig und ging.
+
+Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: Ich geh' jetzt ins Dorf.
+
+Der Weg wurde leicht in der windstillen und wrzigen Luft. Die Welt
+atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwrts schritt, fhlte er sich
+gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege
+lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stcke in den Flu,
+dessen mhselig hinflieendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels
+wiedergab.
+
+Podolin streckte sich lang hin. Die Huser, arm und schmutzig,
+entfernten sich nur an einer Stelle von der Strae und bildeten, den
+Hgelrcken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das
+Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebude standen. Uravar
+wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den
+jdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
+Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlssig, die
+Hnde in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und
+Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zhnen und lachte. Sein
+bartloses Gesicht war rot und glnzend wie das rohe Fleisch; am Kinn
+hatte er eine Warze mit fnf langen Haaren, welche aussah, als ob
+bestndig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukrche.
+
+Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld, sagte der Hausierer, werd'
+ich Ihnen verklagen bei Gericht.
+
+Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weien
+Zhne. Judd, geh furt, sonst holl ich Hund, sagte er und warf einen
+beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.
+
+Elasser wurde erregt. Ich frcht' mich nicht vor Ihrem Hund,
+antwortete er. Ich frcht' mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich
+mich vor Ihrem Hund frchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach' hat
+sich gehoben. Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen
+kummervoll und ermdet in ihre Hhlen. Rettungsuchend blickte er an
+Arnold vorbei auf den den Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
+herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte
+Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn
+gegen die Tre. Aber zwei Hnde klammerten sich mit solcher Kraft um
+seine dicken Schultern, da die Schlsselbeinknochen krachten und
+zurckgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm lie Uravar den Juden zur
+Erde gleiten, drehte sich schwerfllig um, den Kopf geduckt und blickte
+Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tckisch an. Arnold erwiderte den
+Blick mit solcher Ruhe, da der brutale Mensch fast demtig den Kopf
+duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos
+zusammenschrumpfte.
+
+Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. Der Herr wird dafr zu ben
+haben, sagte er, auf Uravar deutend. Einem Besoffenen und einem
+Heuwagen mu man ausweichen, heit es. Aber gegen Gewaltttigkeiten sind
+da die Gerichte. Er nickte Arnold zu und verlie den Laden.
+
+Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold
+auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die
+blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als
+sei der Sonnenschein trber geworden.
+
+Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenberliegenden Schulhaus
+entstrmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf
+Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: Sehr schn, sehr gut.
+Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine
+Lektion erhalten. Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
+wurden und freundschaftlich glnzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein
+Stck Wegs zu begleiten; oft schon htte er sich eine nhere
+Bekanntschaft gewnscht, sagte er. Obwohl sein Anzug rmlich war, sah er
+darin adrett aus; im Gesprch war er ungezwungen und zugleich
+zurckhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold
+betraf.
+
+Wie knnen Sie denn das aushalten hier, das eintnige Leben? fragte
+er. Was tun Sie denn den ganzen Tag ber?
+
+Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.
+
+Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?
+meinte Specht. Und wird Ihnen das nicht langweilig?
+
+Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!
+
+Waren Sie nie in der Stadt?
+
+Nein.
+
+berhaupt noch nicht? Wie merkwrdig! Dem uern nach sind Sie doch ein
+Stdter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei
+einem Stdter. Sehr merkwrdig!
+
+Ist denn das so etwas Besonderes, ein Stdter? erkundigte sich Arnold.
+
+Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie
+die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein groer Genu bevor.
+Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwrdig! Ich
+sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine groe Stadt. Theater,
+Konzerte, reiche Leute, schne Damen, Palste, Kirchen, kolossale
+Straen und abends ein Lichtermeer! Das knnen Sie sich nicht
+vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie
+mir.
+
+Verwundert schttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu hei wurde, zog er
+seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend
+und verstndnislos anschaute.
+
+Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Strae lag eine
+Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und
+neu umzunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine
+Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mdchen, auf den
+Lippen ein Kinderlcheln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
+hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und
+ging dem Lehrer entgegen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Es war Nachmittag; Arnold sa am Flu und schaute ruhig nach der
+Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
+Hemd ber der Brust geffnet; es war ungewhnlich schwl geworden. Nicht
+das kleinste Fischlein wollte sich verbeien; den schwarzen Flu
+kruselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; ber den
+schlesischen Wldern lag ein Wetter.
+
+Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
+was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
+auf ihn.
+
+Arnold brummte etwas vor sich hin.
+
+Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mdchen fort, dem Juden werde
+er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen knnen.
+
+So? warum denn nicht? fuhr Arnold auf.
+
+Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
+und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.
+
+Dumme Gans, murmelte Arnold verchtlich. Der Jud ist arm, hat neun
+Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
+bekommen.
+
+Natrlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wre! hhnte
+Salscha.
+
+Arnold zuckte die Achseln und schwieg.
+
+Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
+Rcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
+war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwnscht.
+Aber endlich merkte sie die Klte Arnolds. Mit bsem Blick schielte sie
+nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hrte Arnold ihr
+gleichmiges und erzrntes Trllern ber die Wiesen klingen.
+
+Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
+Heimweg, da der Regen nahte. ber Podolin wetterleuchtete es. Er
+schulterte die Rute und schritt fest ber den drren Ackerboden. Frau
+Ansorge sa bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
+frchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.
+
+Aber die Wolken verzogen sich wieder.
+
+Arnold erzhlte, da ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
+allerlei wunderlichen Ausdrcken von dem Leben in der Stadt
+vorgeschwrmt habe.
+
+Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. Der Windbeutel, sagte sie;
+er soll seine frischgebackene Weisheit fr sich behalten.
+
+Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
+Regenbogen stand.
+
+Komm einmal her, Arnold, sagte sie.
+
+Arnold trat an ihre Seite.
+
+Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schn und gro vor dir.
+Kommst du zwischen Gassen und Huser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
+brig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glck und Ruhe
+verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
+Unmenge von Gassen und Husern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
+sie sind leer wie gedroschenes Stroh.
+
+
+
+
+Fnftes Kapitel
+
+
+Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
+Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
+bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
+kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
+Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Hnden
+bswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
+Bhmen. Alexander Hanka, den alle Welt fr die Vernunft und
+Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Plne gefat.
+Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelstes Weib,
+innerlich frei und krftig, unverblendet und natrlich, das er fr sich,
+fr ein von der Gesellschaft losgelstes Leben auferziehen wollte.
+Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
+leichtglubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
+gleichmtige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
+ist wenigstens ehrlich; sie schtzte den Beschtzer, denn sie wute, was
+sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.
+
+Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
+Harzgeruch wrzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grten. Am Rain
+weideten Khe und blickten mit Ruhe und Mibilligung auf den stdtischen
+Ankmmling.
+
+Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, da seine Schwester
+beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
+setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die beraus
+langen Beine bereinander und wartete. Die Stille und der groe Himmel,
+dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewhnlich war, lieen ihn seine
+anfngliche Verdrielichkeit ber den Landausflug vergessen.
+
+Whrend er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
+dmmern, klang ein berraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
+ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
+ungeschickte Tanzstundenhflichkeit annahm, machte die beiden Mnner
+miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgerumt
+aus. Mit offenbarem Vergngen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
+erzhlte Specht, da sie auf der Lomnitzer Strae Arnold Ansorge
+begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten htten.
+
+Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber htte, platzte Beate lachend
+heraus.
+
+Nicht was er sagt, ist so amsant, erklrte Specht, sondern wie er
+zuhrt, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
+dumm.
+
+Wer ist Arnold Ansorge? fragte Hanka khl, dem die Art Spechts nicht
+sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
+begrten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravitt und
+spttischen Zurckhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
+Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhrig war, redete sie wenig,
+aus Furcht, mizuverstehen und aus noch grerer Furcht, denjenigen
+allzusehr zu bemhen, mit dem sie sich unterhielt.
+
+Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
+Taktgefhl sagte ihm, da er berflssig, und seine Empfindlichkeit, da
+Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
+gegangen und Agnes in der Kche beschftigt war, erkundigte sich Hanka
+bei Beate nach dem Lehrer.
+
+Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
+Nachlssigkeit an. Sie hatte die Hnde ber den Knien verschrnkt, sa
+vorgebeugt und trippelte leise mit den Fuspitzen. Sie begann von Specht
+zu schwrmen, der arm sei, aber nach ihrer berzeugung es zu etwas
+Groem bringen wrde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
+wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hngen. Er ist ein Sozialist,
+fuhr sie flsternd fort, aber das sag' ich dir nur im Vertrauen, es
+soll Geheimnis bleiben.
+
+Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
+Hften, schmunzelte gutmtig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
+die Ironie wie in kleinen Schlnglein. Sogar in den Bewegungen seines
+langen, hagern Krpers drckte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
+erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
+besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen ber
+den perlmutterglnzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
+denn hinter dem dunklen Kopf des Mdchens hing der Spiegel. Nie glaubte
+er Hlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
+Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestrzt wandte er sich ab. Wir
+haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen, sagte er. Wie geht's
+dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du httest dich
+fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhlt sich das?
+
+Seine vor Flle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
+Beates Lachlust. Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,
+log sie und kettete gleich eine zweite Lge bequem an: ich lese nmlich
+sehr viel.
+
+Hm--m, Herrn Spechts Einflu, sagte Hanka mit hlzerner Wrde. Zugleich
+sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
+flinken Benehmen.
+
+Die Fenster waren offen, die khle Herbstluft strich herein, die Lampe
+brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
+Beate nahm fleiig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
+Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Trspalte, um zu erfahren, ob
+Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
+Betrachtungen ber das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
+und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.
+
+Agnes trug zu essen auf, wie fr eine Soldaten-Kompanie. Dabei
+entschuldigte sie sich, da sie dies oder jenes nicht habe bekommen
+knnen. Beate reichte Hanka eine Schssel um die andere, so da er sich
+in eine Art Betubung hineina. Er schob die Lippen vor, machte eine
+Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
+leid, da er morgen schon wieder abreisen msse. Beate wiederholte es
+lauter fr Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.
+
+Das junge Mdchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
+ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
+Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
+am Haus ffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
+von den Tschechinnen gelernt hatte.
+
+ #Kudy, kudy, vede cesticka
+ Pro mho Jenicka ...#
+
+Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
+Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
+lieben.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhllte Arnold am
+Morgen die Fruchtstcke fr den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
+das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bndel. Sie war mrrisch
+und traurig und suchte Arnold durch Gleichgltigkeit aufmerksam zu
+machen. Er stand auf der Leiter, und whrend er den Arm
+hinunterstreckte, um ein Bndel zu ergreifen, begegnete er Salschas
+Blicken. Die Polin wurde bla, zog die Lippen von den Zhnen zurck und
+stie einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
+schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
+Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
+einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Scho
+und lchelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mdchen um alle Fassung
+gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
+schluchzen. Das Lcheln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
+Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
+leichte Geringschtzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
+Freude ber den, der solche starke Krnkung zufgen konnte. Sie stand
+auf, rumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hnde auf die Schulter der
+Magd und sagte: Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere fr
+dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk' dir
+einen neuen Unterrock.
+
+Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmtig stie er mit dem Fu
+das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
+Mann stehen sah, der ein junges Mdchen an der Hand fhrte. Als er nher
+kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. ngstlich und demtig entblte
+der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
+Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
+kurz, trotz der sen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, da
+es fr den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
+kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mdchen an, das
+Elasser mit sich fhrte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
+und die frhreifen Zge standen, erschreckte ihn fast. Sag dem Herrn
+Dank, Jutta, murmelte Elasser und schttelte den Arm des Mdchens. Die
+Kleine betrachtete Arnold mit einem prfenden und furchtsamen
+Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
+schwrmerischen Augen schien sie wie ermdet von den Lasten der
+Generationen, die gleichsam das natrliche Wachstum ihrer Gestalt
+verhindert hatten.
+
+Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
+Kirchweihdunst erfllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
+zusammengestrmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
+unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gste nicht fassen, die
+berall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fssern, Blcken, Ballen
+und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
+Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlpften
+wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geffneten
+Kirchentr strmte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
+Fhnchen und schlfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
+Gedrnge kaum vorwrts schieben konnte. Einige in der Nhe bekreuzten
+sich, knixten und strzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
+Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des goldenen
+Stern gedrckt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
+seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fnf Mgde, Arm in
+Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
+Hinter ihnen stand pltzlich Maxim Specht und winkte Arnold lchelnd zu.
+Er wollte folgen, aber ein Verkufer von Zaubertrnken versammelte die
+Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
+blickte, sah er auch den jdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
+das unbewegt demtige Gesicht und die nchtern und gefat prfenden
+Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, da Arnold ihn fragte, was
+er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
+niemandem htte ber etwas sprechen knnen, was ihn sehr zu bedrcken
+schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzhlte er mit einer
+fast geschftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gndigen Herrn
+Ansorge zurckgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
+manchmal beim Wirt Glser splen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
+genug, da Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mdchen empfand, als
+ob er sich hier an Menschliches klammern msse, wo er nur betrunkene
+Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
+Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrngt und
+Arnold befand sich neben der Saaltre, dicht neben Specht und Beate.
+Specht fate ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
+Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
+gegenber dieser unerwarteten Liebenswrdigkeit. Neugierig sah er auf
+die Fe der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lcherlichen und
+wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
+hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
+Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklrlichen Vertraulichkeit,
+aber mit einem geheimnisvoll tckischen Glanz in den Augen zu Arnold und
+fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
+starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
+redete, hatten etwas Unerklrliches. O ja, antwortete Arnold gelassen,
+aber ich habe es vergessen. In der Tat, fr ihn war ein Jahr eine
+unbersehbare Spanne Zeit.
+
+Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
+heie Saal mit seinen trben Lichtern glich einer kleinen Hlle. Bald
+schien es Arnold, als drehten sich die Wnde statt der Menschen. Er
+stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rckwrts, blickte zwischen
+Kpfen hinweg, ber zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
+Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
+vorbeifliegen, und ihre Rcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
+und seine groen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
+auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
+nicht. Specht hatte das Mdchen am Oberarm gefat und knirschte etwas
+durch die Zhne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
+antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlssig,
+verliebt, unentschieden und von uerster Wildheit war. Ihre Haare
+klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
+das Gesicht bla. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
+verdeckten gleich darauf die beiden fr Arnolds Blicke. Er drngte sich
+zur Tre durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
+vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
+hflich bat, mitgehen zu drfen. Arnold wute nichts zu entgegnen. Die
+Welt ist fr jedermanns Fe, dachte er. Er hrte den Lehrer keuchen von
+der Anstrengung des Nachlaufens.
+
+Bleiben wir doch noch zusammen, bat Specht wiederum. Ich mchte nicht
+gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir knnten ganz gut noch
+einen Spaziergang machen.
+
+Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgltig. Bald hatten sie den
+Lrm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
+Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
+vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetse.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Elende Bauern, sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
+gegangen waren. An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
+einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben. Er redete in Wut und
+Ha und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefhlen gar nichts zu
+schaffen hatte, irgendwohin.
+
+Arnold schwieg.
+
+Und was ist das berhaupt fr ein Leben! fuhr Specht mit einer
+verzweifelten Bewegung seines ganzen Krpers fort. Wer bin ich hier?
+Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummkpfe! Kein Mensch, mit dem
+man ein richtiges Gesprch fhren kann. Pfui Teufel.
+
+Er rgert sich, weil sein Mdchen mit einem andern getanzt hat, dachte
+Arnold, was macht er solches Wesen davon.
+
+Ich wundre mich nur, da Sie's hier aushalten, sagte Specht, Sie sind
+doch auch schlielich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
+Existenz fr Sie. Sie mssen hinaus in die Welt. Man braucht Mnner
+heutzutage.
+
+Mir ist ganz wohl hier, gab Arnold ruhig zur Antwort.
+
+Das Dorf war lngst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
+entlang. Die Wiesen glnzten silbern, Mondnebel erfllten die Luft.
+Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
+ber dem hohen Tor glnzte ein Kreuz.
+
+Wir sind sehr weit, sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
+Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenberstand, die
+Fe in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
+Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
+etwas lange, gerade, aber breitrckige Nase verlieh dem Gesicht einen
+durchaus reifen Charakter.
+
+Der Lehrer ri einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
+und schwermtig. Ihm war, als sei sein Gemt gereinigt worden, und er
+hrte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
+Baumkronen verursachte. Seine Qualen rckten auf ein anderes Ufer, vor
+ihm flo ein Strom der Einsamkeit.
+
+Sie gingen ein Stck weiter bis zum Fue der Klostermauer. Dort setzte
+sich Specht auf eine Steinbank und erzhlte von seiner Ttigkeit als
+Lehrer, von seinen Wnschen und Trumen, von seinem sozialen Ideal, das
+ihn anderswo hinweise als in mhrische Einden. Er erzhlte von seiner
+Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nchten und deutete dumpf
+und schamvoll sein kmmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
+auch durch die Nacht etwas gedrckt. Ihm war, als msse er diesem
+Menschen beichten, und er verga die jngeren Jahre Arnolds. Leicht
+erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brcken zwischen Mnnern,
+als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
+den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es fr ihn nichts
+Lngstbekanntes gab, kein alltgliches Schicksal, lauschte er dem
+Lehrer mit Interesse.
+
+Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
+gehn. Whrend des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
+hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
+Beziehungen und wnschte Sympathien.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frhstck waren, kam
+Ursula und erzhlte, die Felizianerinnen htten die Tochter des Juden
+Elasser zu sich ins Kloster gebracht.
+
+Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewut wo ihr Kind ist, sagte
+sie. Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.
+
+Und was ist dann geschehen? fragte Arnold.
+
+Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
+gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.
+
+Eine wunderbare Geschichte, bemerkte Frau Ansorge spttisch.
+
+Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
+an dessen beklommenes Wesen. Man kann doch nicht ohne weiteres ein
+Mdchen rauben, sagte er verwundert.
+
+Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden, antwortete Ursula.
+
+Der Bcker aus Podolin, der gleich darauf kam, besttigte das
+Vorgefallene.
+
+Ich versteh das nicht, sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
+seiner Mutter. Knnen die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?
+
+Frau Ansorge zuckte die Achseln.
+
+Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.
+
+Vielleicht will das Mdchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
+braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.
+
+Wenn es aber nicht will? Dann mssen Sie es wieder entlassen, wie?
+
+Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. Was gehen uns die fremden
+Leute an, entgegnete sie gleichgltig.
+
+Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
+Hauptplatz blieb er eine Weile unschlssig stehen. Dann, fast wider
+Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
+Knechte, Tagelhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saen
+dort und machten Lrm. Arnold lie sich ein Glas Tschai geben. Ein
+alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
+Mund verzogen war, als htte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
+sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
+Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloe Brust durch
+das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
+einem Bart, der dnn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
+mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Buerin behauptete, der
+Papst und der Erzbischof htten den Felizianerinnen strenge befohlen,
+alle Judenkinder zu taufen.
+
+Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschftsgehilfen nach
+der Wohnung Elassers und verlie dann den Laden.
+
+Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Huser bestehend,
+hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Fluufer, wohnte
+Elasser. Die abschssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
+Kotpftzen, Schottergestein und umhergackerndes Geflgel. Von den Mauern
+des Elasserschen Huschens war der grte Teil der Mrtelbekleidung
+abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustre in ein gleichfalls
+offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
+trauriger Anblick bot.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
+emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
+Hnden das Gesicht so vollstndig bedeckt, da darunter nur der braune
+Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintbergeschobenes
+Seidenkppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
+abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
+kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
+spielend, halb winselnd ber die Dielen und ein Neugeborenes lag
+eingehllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grnen Grtel
+zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
+stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
+Oberkrper. Auer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
+deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
+Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
+Trocknen und der Tre gegenber nahm ein uralter Schrank den fnften
+Teil des Raumes ein.
+
+Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
+er ins Zimmer. Sogleich drngten sich die sechs Kinder in einen Knuel
+zusammen. Elasser lie die Hnde vom Gesicht fallen und blickte den
+Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt ber die
+geprete Trauer und dstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
+Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
+der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: Ist sie noch nicht zurck
+aus dem Kloster?
+
+Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
+ermdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. Wei
+der Herr nicht, da unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
+Nonnenkloster? rief sie mit einer berscharfen Stimme. Ihre Zge,
+obwohl alt und hlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
+jeder Form zu erteilen vermag.
+
+Arnold blickte die Frau aufmerksam an. Ja ja, erwiderte er, aber das
+ist doch gegen das Recht.
+
+Sehn Sie nur an, fuhr die magere Jdin fort und hob sibyllenhaft den
+Kopf, wie es bestellt ist mit dem Recht. Fr die armen Leute gibt's
+kein Recht, fr arme Juden gibt's gar kein Recht. Und mit was kann ich
+dienen? Mit wem hab ich das Vergngen?
+
+Es ist der gndige Herr Ansorge, klrte Elasser auf, mit einer
+Geberde, die ebensowohl fr ehrfrchtig als fr kummervoll gelten
+konnte. Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
+Sie sich, gndiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
+haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
+Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
+Gehilf vom Uravar und klopft da drauen und meint, wir sollen doch
+einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
+'s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bnderchen zu den Nonnen,
+denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
+bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der 's Fleisch bringt ins Kloster,
+kann sie dort gesehn haben. Gndiger Herr meine Tochter ist eine gute
+Jdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
+Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
+freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
+die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pfrtnerin sagt, wir sollen
+kommen in der Frh und meine Jutta wre da. Und der Herr Wachtmeister
+sagt, warten wir bis in der Frh. Gut. Sie knnen sich denken, da wir
+kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Frh um sechs bin
+ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
+sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
+Und gndiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
+sagt, ich soll kommen in fnf Tagen, bis sich das Mdchen besser gewhnt
+haben wird an die neue Umgebung.
+
+Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. Un so bin ich
+fortgegangen, schlo er und atmete tief.
+
+Und der Wachtmeister? fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfrbt
+hatte.
+
+Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
+leider, es ist vorlufig nichts zu machen. Man mu warten. So wart ich.
+
+Der Sugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dnnes Geheul, bis
+die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
+Leinwandstck in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
+Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgltig herab, gab ihm mit
+dem Bein einen leichten Sto, und als es platt auf der Erde lag, rollte
+sie es mit dem Fu gleich einem Fchen hin und her. Das Kind lachte,
+whrend die Mutter leise summte und mit der Hand den Sugling wieder in
+Schlaf schttelte.
+
+Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrtet hatte und
+blickte Arnold ohne jede Schchternheit mit funkelnden Augen an. Was
+soll ich tun, lieber Herr, sagte er dumpf und sein demtiger Tonfall
+wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. Kann ich mir helfen,
+sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
+mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schlie ein Auge, kann ich mir
+helfen, lieber Herr? Er ging auf und ab.
+
+Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
+Diese Verzweiflung schien ihm unverstndlich.
+
+Papa, rief jetzt der lteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
+hr auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.
+
+Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
+Kind gegeben haben! rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. Und
+wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen mu, un wenn ich hungern un
+drsten mu.
+
+Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern? fragte die Frau mit
+streng zusammengezogenen Brauen.
+
+Schmen Sie sich doch, sagte Arnold laut und blickte verdrielich von
+einem zum andern, gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter mu Ihnen
+das Kind zurckgeben, sobald es das Gesetz verlangt.
+
+Drauen wurden Schritte laut und drei jdische Mnner betraten den Raum,
+wobei sie Gebete murmelten.
+
+Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
+Specht begegnete. Der Lehrer schien die grte Eile zu haben, blieb
+aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
+meinte, es sei sonderbar, da sie beide gerade gestern Abend vor dem
+Kloster geweilt htten. Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
+fabelhaft, da dergleichen noch vorkommt? Leise und geheimnisvoll fgte
+er hinzu: Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. brigens knnten
+wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
+Wirtshaus.
+
+Arnold folgte zgernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
+schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
+ihn hinstellte.
+
+Niemand war hier auer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
+Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
+Specht schien lange innerlich zu kmpfen, endlich sagte er: Heute ist
+es mir schlimm ergangen; heute hab' ich was Schlimmes erfahren. Hren
+Sie nur ... Vielleicht bereu' ich einmal, da ich schwatzhaft war, aber
+der Teufel kann ewig schweigen.
+
+Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
+Lehrers.
+
+Sie kennen doch Beate?
+
+Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgltig. Specht legte seine
+Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwrend und schmerzlich: Ich
+bertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkrperte
+Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjhrige Hexe. Was ich gelitten
+habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir. Er bedeckte die Stirn
+mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
+Reue ber seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde pltzlich kalt, und
+das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schrfe
+hervor, als er sagte: Ich hoffe, Sie knnen schweigen. Wir drfen die
+Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, whrend sie uns ungestraft zum
+Wahnsinn treiben. Er lchelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
+Schnurrbart.
+
+Arnold, der fr solche Schmerzen keinerlei Verstndnis besa, hatte
+zerstreut zugehrt. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
+Wortes wert. Er schmte sich fr Specht.
+
+ber eine Viertelstunde saen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
+die Lampe angezndet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
+vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drckte: Wann
+wird man denn befehlen, das Mdchen frei zu lassen?
+
+Welches Mdchen? entgegnete Specht aufschreckend. Die Elasser meinen
+Sie? Ich wei nicht. Specht fhlte sich beleidigt, da Arnold einer so
+fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
+persnlich nahen. Wer, glauben Sie denn, da hier befehlen wird?
+fragte er ironisch.
+
+Das Gericht, denk ich, entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
+vllig zu.
+
+Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mchte es sich hier handelt?
+Specht lchelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mchten im
+Bunde sei.
+
+Mit lachendem Mund und hchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: Es
+handelt sich um ein Unrecht.
+
+Specht meckerte. Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
+Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
+findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?
+
+Das ist mir zu dumm, was Sie da schwtzen, Sie wollen mich wohl zum
+Narren halten, erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
+schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
+dem Schlaf empor und bellte wtend. Bestrzt blickte der Lehrer Arnold
+an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
+verlie.
+
+Specht seufzte. Er schlo grbelnd die Augen. Bald machte auch er sich
+auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstrae entlang und kam bis zum
+Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
+melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
+versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
+mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Fr ihn ist das Leben ein
+warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
+Rechenschaft haben ber die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
+kommen?
+
+Im Haus wurde ein Fenster geffnet und eine helle Stimme rief: Specht!
+Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!
+
+Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saen bei Tisch und
+schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
+blickte Specht hochmtig und hhnisch an. Specht verbeugte sich,
+lchelte flchtig, nahm Platz und fragte hflich nach Agnes Hankas
+Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den berresten der
+Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schttelte Specht den Kopf und
+deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehrt
+den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
+sagte pltzlich vor sich hin, ohne Furcht, da sie von der halbtauben
+Agnes gehrt werden knne: Wenn du nicht vernnftig bist -- ... mit
+einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung ri sie das Blatt mitten
+entzwei.
+
+Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stckchen Kse, rief Specht, zu
+Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
+Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, da sie Sorge um ihren
+Bruder Alexander habe; sie frchte fr seine Gesundheit, er sehe so
+schlecht aus. brigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
+Weihnachten lngere Zeit in Podolin zuzubringen.
+
+Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.
+
+Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
+trieb. Nichts, erwiderte sie endlich scheu.
+
+Der Lehrer lchelte sarkastisch.
+
+Er lebt von seinem Geld, sagte Beate stirnrunzelnd. Er ist reich
+genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?
+
+Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen, antwortete
+Specht.
+
+Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
+ber etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschlu und Trost, naiv dem
+Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefgen
+Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, da ihr Bruder Borromeo
+sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwgerin
+zeigte eine ppige Gestalt mit regelmigen Zgen, die einen herrischen
+und kalten Ausdruck hatten. Friedrich tut nichts Gutes in seinem
+Schwabenalter, sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schnen
+Frau mit Vergngen betrachtete.
+
+An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
+Die Zeitung enthielt Spechts Bericht ber den Raub der Jutta Elasser.
+Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
+Lge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
+Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lrmendes geworden.
+
+Der Brief lautete: Wenn es Ihnen pat, holen Sie mich morgen frh um
+sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
+Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
+mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
+seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
+erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
+verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
+die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmndige Alter von vierzehn
+Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die vterliche
+Gewalt durch die Vormundschaftsbehrde abgesprochen und der Taufe steht
+kein Hindernis im Wege; denn ber das, was das Mdchen selbst will oder
+nicht will, wird ja die ffentlichkeit getuscht. Also nicht ich bin
+dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
+dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kmmere und die
+Welt, gemein wie sie ist, ndern mchte. Das ist nicht nur Dummheit,
+sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.
+
+Arnold hatte das Gefhl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
+sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
+schlielich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag ber vermochte er nichts
+Rechtes anzufangen.
+
+In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
+Landstrae an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
+einander gegenber, ein kleines und ein groes Pferd. Beide Tiere sahen
+aus, als ob sie mit Grnspan berzogen wren. An Hals, Kopf, Rcken und
+Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grnspanfarben, aus
+der Haut hervorragten, als ob es nur knstliche Tiere wren. Aber beide
+Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
+trug: diese Pferde knnen sprechen. Nachdem er eine Weile unschlssig
+und doch hchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstck hin.
+Darauf ertnte ein langsames Glckchen ber der Mauer; das grere Pferd
+erhob den Kopf und ffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
+Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
+da er in der grten Eile ber die Landstrae Reiaus nahm. Als er
+aufwachte und den Traum berlegte, kam er ihm beraus albern vor;
+dennoch, die dnne Luft, die Mauer, die einsame Strae, die schwermtige
+Miene des grnen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
+etwas Unvergeliches in sich.
+
+Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
+halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
+Frhstck unterwegs. Specht war schweigsam.
+
+Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frhrot
+glhend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
+davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
+Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pfrtnerin ffnete, deutete
+gegen eine schmale Tre zur Linken und hinkte auf einer Krcke davon.
+Als die Tr geffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
+ein Windlicht brannte, welches nur mhsam die Finsternis verringerte.
+Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
+schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
+befindliche Glastr. Die Mnner betraten ein saalartiges Gemach, dessen
+Decke durch ein gekreuztes Tonnengewlbe gebildet wurde. Auf einer
+langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darber hing ein
+ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand ffnete sich ein
+dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weien Stben bestehendes Gitter
+befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
+starrten vor sich nieder.
+
+Nach einigen langen Minuten, whrend welcher Arnold seine Uhr in der
+Tasche ticken hrte, knarrte eine zweite Tr in der Ecke und vier Nonnen
+traten herein. Elasser reckte den Kopf auf -- Arnold gedachte seines
+Traumpferds, welches sprechen wollte -- und blickte nach der Tr, die
+sich indes wieder schlo, ohne da seine Tochter eingetreten wre.
+Pltzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
+erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
+erste kehrte zurck, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
+Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das ffnen einer knarrenden
+Tre hrbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
+Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
+einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
+geschftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
+leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
+erfllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
+ausgelscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Tre lie
+sich von neuem hren; Fe scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
+und mit einem Schlag war es wieder still.
+
+Elasser war einen Schritt vorwrts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
+seine Stirn glnzte von Schwei. Ein gurgelndes Gerusch kam von seinen
+Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
+muten ihn bei den Schultern zurckhalten. Als es hinter dem Gitter
+finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
+hrte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
+frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und bung erlernte und
+befestigte Gleichgltigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
+verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
+der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
+Arnold betrachtete auch ihn; smtliche Gestalten erschienen im trben
+Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
+oder wachten.
+
+Jetzt ffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tr und die Oberin trat
+ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
+Die Oberin streifte die Mnner mit einem eisigen Seitenblick und
+richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
+rhrte, nicht grte und mit verhngten Augen auf das eherne
+Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
+Schritt auf den Kommissar zu und sagte: Herr Elasser kann leider seine
+Tochter nicht sehen. Das Mdchen ist krank.
+
+Elasser hob blitzschnell beide Hnde, zog sie rasch gegen sein Herz und
+schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemht, die rnkevolle
+Finsternis, die er um sich gewahren mute, wenigstens durch Worte zu
+zerstren; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schchtern,
+die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wnsche die Tochter vor
+ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
+der Oberin zu rhren.
+
+Sie wird sie im Himmel wiedersehen, antwortete die Oberin mit
+feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
+zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verlie an ihrer
+Spitze den Raum.
+
+Arnold, als wren seine Sinne fr andere Wahrnehmungen getrbt, starrte
+gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
+schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schlielich, um fortzugehen.
+Elasser stie einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
+haften blieb, ordnete den feiertglichen Rock, der sich verschoben hatte
+und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlssen
+durchwhlten Gesicht nichts als: So wahr ein Gott lebt --!
+
+Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Pltzlich
+verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
+Arnold um und wartete, bis er herankam.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Arnold ergriff Spechts Arm und drckte ihn so fest, da der Lehrer sich
+zusammennehmen mute, um seinen Schmerz zu verbeien. Nicht so
+strmisch, sagte er mit schwachem Lcheln. Arnold atmete tief auf, dann
+wandte er den Blick von Spechts unschlssigem, aber ernstem Gesicht ab,
+lie ihn langsam ber die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
+es. Er schttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
+gren, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
+entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strmte
+auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
+neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
+cker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
+Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
+seiner Zweifel sich zu schmen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
+Denn da Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden knne,
+erschien ihm so unmglich, wie da der Sonnenball fr immer verschwinden
+sollte, weil eine Wolke darber zog.
+
+Die nchsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewuten Horchen.
+Natrlich machte der Raub des Judenmdchens viel Aufsehen im Lande.
+Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
+denn er ahnte wohl, da da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
+Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.
+
+Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
+berichtete und Arnold las:
+
+Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, untersttzt durch die Hilfe und
+getragen von der gemeinsamen Angst und Entrstung seiner
+Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewhlt,
+den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
+Berufung auf den 145 des allgemeinen Brgerlichen Gesetzbuches wurde
+eine Eingabe an die Polizeibehrde berichtet. Dieser Paragraph erklrt
+deutlich, da die Eltern berechtigt sind, vermite Kinder aufzusuchen,
+entwichene zurckzufordern und flchtige durch Untersttzung der
+Obrigkeit zurckzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
+Vermittlung mit folgenden Worten ab: Was? ich soll ein Mdchen aus
+einem Kloster herausnehmen? In der tiefsten Besorgnis ber das
+Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflt,
+verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
+langen vergeblichen Bemhungen und langen Beratungen wurden ein
+Gerichtsarzt und der Universittsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
+gesandt. Beide rzte stimmten darin berein und sagten aus, da Jutta
+Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
+des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
+Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorfhrung des Mdchens zu
+verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: In sieben Tagen wird sie
+ihr Vater sehen. Der Beamte mute sich damit begngen, diesen Bescheid
+stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
+festgesetzten Tage bei der Polizeibehrde ein. Da berreichte man ihm
+eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
+Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
+Bericht. Man mu nur darber erstaunen, da die Schwester Wirtschafterin
+den Ausdruck entflohen whlte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
+den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
+klareren und wahreren Ausdruck: entfhrt --? Denn das Mdchen wurde
+inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.
+
+Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zhne in die
+Lippe, whrend sie las, Frau Ansorge schttelte den Kopf, als sie fertig
+war und sagte: So ist eben die Welt; so sind die Menschen.
+
+Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel berlegenheit und
+bewuten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
+geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
+erzittern kann, da sie nicht mehr aus noch ein wute; sie litt unter
+seinem vernderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
+prfenden Blick und erkannte pltzlich Krfte seines Verstandes, seines
+raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie frher mit ihrer Furcht
+kaum berhrt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, da er sich in einem
+seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber auer einigen blitzhaften
+Einblicken blieb ihr alles ein Rtsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
+verschrft, verzehnfacht; sie berzeugte sich, da ihn nichts Trbes
+erfllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
+Sorge.
+
+Eine Stunde spter ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
+und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verndert zu
+haben; der Sugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
+auf Stricken. Von den brigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
+sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
+rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
+bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.
+
+Wo ist Herr Elasser? fragte Arnold sanft.
+
+Wo wird er sein! erwiderte die Frau und lehnte sich mrrisch gegen den
+Sofawinkel.
+
+Was haben Sie fr Nachrichten ber Jutta? fragte Arnold, der
+Widerwillen empfand gegen die Jdin und ihre unordentliche Behausung.
+
+Die Frau schwieg.
+
+Ich habe gehrt, da sie in Podgorze ist, fuhr Arnold ruhig fort.
+
+Warum nicht? erwiderte die Frau hhnisch und zuckte die Achseln.
+Pltzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
+los und rief: Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr? Sie blickte
+Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergrndlicher
+Falschheit. Wissen Sie was, gndiger Herr? ich will einmal sagen und
+Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
+Spatzen pfeifen auf allen Dchern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
+Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
+Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
+erwiesen, da Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie htten
+keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
+Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
+Herrn Grafen Statthalter und wie er zurckgekommen ist, war unsere Jutta
+verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
+Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
+Wolajustowska und nach Wielowics und berall ist Jutta gewesen und
+berall ist sie wieder fortgebracht worden und berall hat die Behrde
+verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
+unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und blo in Kenty
+hat der Herr Brgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
+verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
+mehr wissen?
+
+Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne da sich ihr
+Mund ffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
+Arnold senkte den Kopf und verlie langsam das Zimmer und das Haus.
+
+
+
+
+Zwlftes Kapitel
+
+
+Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mhselig, nach
+Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
+Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
+trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
+Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht sa lesend am Tisch, und in
+einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stbchen war gemtlich;
+der Lehrer trug einen grovterischen Schlafrock und rauchte aus einer
+langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
+ber der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.
+
+Als Neuigkeit erzhlte Specht, seine Schreiberei habe in der
+hauptstdtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, da man ihm eine
+Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht sumen; noch
+vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
+beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er knne es vor Ungeduld in
+Podolin nicht mehr aushalten. Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
+Freund! Endlich! Wenn Sie wten, was in mir alles brodelt, was da
+drinnen steckt! Nicht genug Hnde hat man dort, und hier sind zwei bald
+zu viel. Endlich werd' ich atmen knnen!
+
+Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
+niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
+knnen! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
+Sauberkeit gehaltene Stbchen, die Bcher an den Wnden und auf dem
+Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans lngst
+gewhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu knnen. Er
+schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurck und starrte
+in die Luft. Auch in ihm meldete sich hheres Leben. Das durch
+Gewohnheit nahe trat zurck, und der Horizont wurde beglht von einem
+noch verborgenen Feuer.
+
+Sie mssen mir ein wenig auf Beate achten, sagte Specht, in
+Freudigkeit vor sich hinbrtend, und ohne seine Worte sonderlich zu
+wgen. Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
+man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
+ich ein, ich mchte sagen bersinnliches Vertrauen. Jaja, seufzte er,
+schlrfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
+in die Rauchwlkchen, so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
+uns.
+
+Arnold griff nach einem der Bcher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
+Geschichte, welche den Untergang des Rmerreichs schildert.
+
+Sie hat jetzt ein Verhltnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
+Gut, fuhr Maxim Specht halb fr sich fort, als vermchte er sich von
+diesem Gegenstand nicht zu trennen. Traurig genug. Mir tut nur der arme
+Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
+unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!
+
+Arnold bat, Specht mge ihm die Geschichtsbcher auf einige Tage
+borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.
+
+Das pltzliche Interesse fr die Historie war kaum mehr als
+Selbsttuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
+ueres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
+frher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Vlker war zwar
+bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Hhlen des Gedchtnisses
+zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
+nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
+gewahrte sein frischer Geist mit einem unermelichen Erstaunen, wie die
+Fhrung der menschlichen Angelegenheiten stets weit ber den
+persnlichen Willen hinausgerckt wird. Dadurch erschien ihm zunchst
+alles als ein bodenloses Mrchen. Zorn und Gleichgltigkeit wechselten
+in seinem Innern. Voll edlen Strubens las er trotzdem Seite fr Seite,
+brachte jedem Ereignis eine Flle von Miterleben entgegen und lachte
+nicht selten spttisch und verchtlich, da manches ganz anders auslief,
+als er es abgeschtzt hatte. Wie ebensoviele Kfer, die dumm in der
+dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
+whlen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mcken, die
+stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, whrend rundum die
+Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
+von dem lngstentschwundenen Treiben lngstvermoderter Geschlechter fr
+die Gegenwart Besitz ergriff, wie er ber Schicksalsmchte rcklebend
+verfgte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
+Trotz sich anmate, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
+frei ber das Kommende bestimmen zu knnen. Indem das in Zeit und Raum
+Entlegenste wie Nchste von seiner Phantasie verschmolz, stie er die
+neuen Bilder bald voll Ha von sich und kehrte bald leidenschaftlich
+suchend danach zurck.
+
+Aber gleichwie in dnstevoller Atmosphre sich ein vielfarbiger Ring um
+jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
+Erfllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
+Betrachtung, raffte sich auf, bekmpfte, ordnete, berblickte, aber
+alles das hatte mit seiner Lektre gar nichts mehr zu tun.
+
+Um seiner Bedrngnis einigermaen Herr zu werden, begann er wieder viel
+drauen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
+entlegenen Bauernschenke in der Nhe der sogenannten Polen-Mhle. Er
+hielt Einkehr und lie sich ein Glas Wein geben. Zufllig fiel sein
+Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
+er Beate, dicht und zrtlich an den hnenhaften Knecht geschmiegt, mit
+dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
+darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
+Mhrische Landbote. Gleichgltig las er, bis sein Blick auf eine
+telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, da der Jude Elasser beim
+Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darber,
+aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, da er munter pfeifend
+seinen Weg fortsetzte.
+
+Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. Wie geht es
+Ihnen? fragte der Lehrer mit so bertrieben liebevollem Tonfall, da
+Arnold ihn befremdet und mitrauisch anblickte.
+
+Elasser ist beim Justizminister, -- wissen Sie schon? sagte Arnold. Wie
+er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig sphendem Blick, das
+erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: Spa. Schon lngst
+gewesen.
+
+Nun, und ist Jutta schon frei? fragte Arnold.
+
+Frei? Meinen Sie wirklich frei? Specht lachte, aufs uerste
+belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
+Zorn sammelte, dessen uerung er frchtete, sagte er schnell: Der
+Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
+die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fllen stets, und
+hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
+wird Ihnen zurckgegeben werden.
+
+Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
+Bericht des Lehrers begriff er nicht.
+
+Sie scheinen ganz einverstanden zu sein, fuhr Specht munter fort,
+aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
+Landgericht die Strafanzeige wegen Entfhrung zu erstatten. Er verlangt
+ferner, da ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
+Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
+Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Antrge einfach und rundweg ab.
+
+Das wissen Sie doch noch nicht, versetzte Arnold unwillig. Er
+miverstand Spechts lebendige Wiedererzhlung, durch welche die
+Zeitwrter in der Gegenwartsform erschienen.
+
+Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. Was fr ein Unglck fr Sie,
+lieber Freund, da Sie so jung und unerfahren sind! rief er aus und
+schlug die Hnde zusammen. Allerdings htte ich es vorher nicht wissen
+knnen, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
+versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.
+
+Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
+diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
+blickend, schttelte er den Kopf.
+
+Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles, fuhr Specht
+mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Husern weg.
+Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschlu
+stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begrndung
+des Urteils. Denn schlielich sollte doch jedermann wissen drfen, warum
+die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlgt. Und auch das
+ist nun verweigert worden, auch das. Specht suchte erregt in seiner
+Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: Ich habe
+mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hren Sie. Arnold trat
+dicht neben Specht, so da er beim drftigen Schein einer llaterne
+mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. An den Landesadvokaten
+#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
+dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei --
+
+Was heit das? unterbrach Arnold.
+
+Das? Das ist ein Schnrkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
+kann. Es ist nmlich nicht entschieden, heit das, ob es den Elasser
+etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
+anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
+Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Grnde dem im Wege stehen. Das
+Landesgericht in Strafsachen. Specht faltete seinen Zettel wieder
+zusammen.
+
+Wichtige Grnde? fragte Arnold, der immer noch nicht vllig glauben
+wollte und keiner Lge auf den Grund zu kommen fhig war. Fassungslos
+schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmhlich begriff er selbst, da
+diese wichtigen Grnde in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
+sollten.
+
+Nun spren Sie den Atem unserer Welt, sagte Specht mit tiefer
+Bitterkeit. Heute war ein Herr von Grden bei mir, Gerichtsadjunkt in
+Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung ber die Stimmung
+unterrichten, die unter den Gutsbesitzern fr oder gegen diese ganze
+Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
+anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, da das etwas
+ntzen wird? Nicht einen Pfifferling. Die groen Herren tun, was Sie
+wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
+beide werden es nicht erleben.
+
+Arnold hrte das alles nicht. Er stand und schien zu berlegen, welchen
+Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
+zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.
+
+Langsam und ohne Gru entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
+paar Schritte zurckgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.
+
+Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen frh, sagte Specht. Ich mchte
+Sie um einen groen Gefallen bitten, fgte er mit unsicherer Stimme
+hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. Wollen Sie zu
+Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
+dabei ist --? Wollen Sie das? Und gren Sie Agnes Hanka noch besonders
+von mir.
+
+Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.
+
+Und nun, Liebster, leben Sie wohl, sagte Specht, indem er Arnold die
+Hand gab. Sollte Sie das Geschick einmal dorthin fhren, dann wissen
+Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
+scheide ich am schwersten. Schnell wandte er sich ab und ging.
+
+Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
+die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
+herrlichen 7. Oktober. Obwohl von lndlicher Unvollkommenheit, war das
+Portrt doch hnlich; das Gesicht ber dem nackten Hals und den
+halbentblten Schultern hatte einen unschuldigen und sen Ausdruck.
+Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
+Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschtzung nicht
+unterdrcken, welche Maxim Specht galt, dem so rachschtig offenen
+Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beima.
+
+Seine angstvollen und heien Gedanken waren ganz wo anders, und er
+bemerkte gar nicht, da die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
+niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinsthnte.
+
+
+
+
+Elasser
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Alexander Hanka hatte groe Spielverluste erlitten. Als er eines
+Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
+der Schmlerung, welche sein Vermgen erlitten hatte und vor dem
+Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
+verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
+passierter Gassen und Pltze, tausendmal berhrter Gegenstnde,
+tausendmal gesprochener gleichgltiger Worte, tausendmal gedachter,
+kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, trumte er
+von einem zu fassenden Entschlu; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
+Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
+Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.
+
+Unwillkrlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
+der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhlle verlassen. Die
+Einsamkeit einer Wste dnkte ihm ertrglich gegenber der Einsamkeit in
+dem Husermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mhrischen rtchen,
+und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
+langgestreckte Hgel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
+Flu, der zu mde schien, um zu flieen; zwischen dunklen Wiesen eine
+lange, schmale Landstrae wie ein gelbes Band; tiefe, stille Grben, mit
+Heckenrosen angefllt; nchterne, schattenlose, geruschlose Drfer.
+
+Er erinnerte sich freilich, da es lngst Winter war, auch dort
+drauen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als htte seine
+Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschnen vermocht. So reiste er,
+ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
+Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemchtigte sich seiner
+whrend der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
+zurckhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
+Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
+Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablssig
+ber die Mehlbrse. Niemand hrte zu, niemand antwortete, so da seine
+Reden dem lstigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdru suchte
+sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
+zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
+wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
+groen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
+bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
+Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
+Natalie.
+
+Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
+Kchentre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
+zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, ri seine schwarzen,
+stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwrmerei den
+Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
+sie ihn so fand, wie sie wnschte und mit seiner Ankunft nicht den
+Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
+betroffen durch ihren Anblick. Sie war bla; ihre Bewegungen waren
+verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
+sonst ein burischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
+gereift und abgeschliffen. Ihr Lcheln war prfend, ihre Art, sich
+umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
+anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
+Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
+Prgung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
+blieb den Abend ber schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
+Stunde fr ausgemacht, da er einige Wochen bleiben wrde. Er brauche
+Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schchterne Weise in sich
+hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentmliches Benehmen. Sie
+erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
+verbergen, sich den Anschein einer Gleichgltigen zu geben, doch
+zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
+diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst frh zu Bett und die Mahlzeit
+war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
+gegessen war, mochte es spt werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
+und ging umher, Wut und Ha im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
+nach dem andern erwgend und im Geist durch Schnee und Klte zur Scheune
+des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rcksicht entschwanden mit
+dem Vorschreiten der Stunde; langsam verlie sie das Zimmer, als knne
+sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
+Gesicht hervor, als sie drauen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
+lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
+flchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
+mehr als Liebe.
+
+Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwnscht. Argwohn lag weit von ihm;
+eher vermutete er etwas fr Beate Gnstiges und fr ihn selbst
+Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
+nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
+gedachte sich ihr gegenber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Grovater
+zu betragen, ihn tuschte die drfliche Ruhe und trbte sein sonst so
+vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedrfnis, mit Agnes von Beate zu
+sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
+da seine Beine von den Waden an auerhalb des Mbels in freier Luft
+schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.
+
+Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts ber Beate. So gtig auch
+ihre uerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
+Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, da sie und das
+junge Mdchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Bses war
+Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
+verschwenderisches Herz gefangen htte. Mit froher Bereitwilligkeit
+hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mdchen bei sich
+aufgenommen, selbst gefesselt und entzckt durch eine so zukunftsvolle
+Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
+Freundschaft, die oft so glhend zwischen Frauen entsteht, deren
+gemeinsame Wnsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
+sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
+aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
+und Macht hoffend. Ihre Vergngungslust sei nicht zu bndigen, sagte
+Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tckisch, oft ausgelassen und
+fast roh; auch lge sie gern. Aber bei alledem liee sich gut mit ihr
+hausen; sie fge sich schnell und wer wei, vielleicht rumore nur die
+dstere Kindheit noch in ihr. Zu spt vielleicht sei sie in das Licht
+des Lebens getreten, als da man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
+vergessen drfe.
+
+Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
+und, wunderlich, auch Beate nher brachte. Er war weniger fr das
+Tugendhafte, als fr das, was Charakter gibt, und er konnte in der
+Verletzung blicher Moralstze etwas Lebenfrderndes sehen. Und wie die
+sanfte Stimme seiner Schwester ber alles hinweghuschte, das Eckige
+glttend, das bel begtigend, erschien ihm Beate geschmckt mit den
+Zeichen der Persnlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
+beschlo, es an Verstndnis nicht fehlen zu lassen.
+
+Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mdchen zu vermissen.
+Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
+nachlssigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
+als htte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.
+
+Hanka verbrachte die Hlfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
+Zrtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zuknftige Tage
+ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Frh am Morgen
+machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
+sein; nicht um zu beschlieen, sondern um Erwgungen und Entschlssen zu
+entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.
+
+Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate sa allein im
+Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
+Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Tre und Arnold trat
+ein. Er grte, nahm unbefangen ihr gegenber Platz und als er sich
+berzeugt hatte, da sie allein sei, bergab er ihr das Kuvert mit der
+Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
+schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
+verchtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerri ihr Portrt und
+warf die Stcke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
+stellte und unverschmten Tones fragte: Sind Sie vielleicht deshalb
+gekommen?
+
+Arnold bejahte.
+
+Zu viel Umstnde, spottete Beate.
+
+Ich finde auch, da er zu viel Umstnde mit Ihnen macht, entgegnete
+Arnold trocken.
+
+Beate trat zwei Schritte vor, erblate und ihr Blick irrte furchtsam von
+Tr zu Tr. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
+und wute sich nicht zu erklren, warum er immer noch blieb. Sie legte
+den Arm ber die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
+Arnold sagte endlich: Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
+Specht gren. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch. Arnold fate
+sehr wrtlich auf, was ihm bestellt war.
+
+Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
+begleitete, sah Beate, wie berflssig ihre Befrchtungen seien. Ihr
+Selbstgefhl wuchs wieder; sie lachte spttisch, wandte sich um, das
+Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: Auf Wiedersehen.
+Damit schlug sie die Tre zu.
+
+Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gru so wichtig
+erschienen wre; aber er verga nach wenigen Minuten, da er sich in
+einem fremden Haus befand. Das pltzliche Alleinsein lie
+unvernderliche Gedanken aufs neue emporstrmen. Auerdem begann die
+drckende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
+zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
+Redensarten ber Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.
+
+Whrend er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
+ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tr
+ffnend. Er machte groe Augen, als er einen unbekannten Menschen im
+Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
+seinen Namen, bemerkte aber zugleich, da diese gesellschaftliche Form
+hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
+so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
+nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
+Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
+sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
+verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, da es sich um seinen Namen
+handelte, nannte ihn also und fgte hinzu, da er eine Bestellung von
+dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.
+
+Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgltig er damals
+auf Beates und Spechts Erzhlung gelauscht hatte, etwas war in seinem
+Bewutsein geblieben. Hanka hatte Vergngen an diesem offenen, derben,
+gebrunten Gesicht, an der krftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
+zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
+gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
+zeigte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Hanka fragte, und Arnold gab frmlich gehorsam Antworten. Hanka
+befremdete ihn. Sein natrlicher Scharfblick erfate sofort die
+merkwrdige Mischung von Gutmtigkeit und Trauer, von Ironie und
+Langeweile in dessen Wesen. Welche Beschftigung haben Sie denn?
+fragte er.
+
+Keine, versetzte Hanka, ich tue nichts.
+
+Gar nichts?
+
+Ich betrachte. Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und
+klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.
+
+Haben Sie denn nichts gelernt? fragte Arnold erstaunt.
+
+Hanka lachte laut. O ja, antwortete er. Ich habe die Juristerei
+erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.
+
+Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen
+konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
+schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar
+fr den Gru des Lehrers. Ein reizender Mann, sagte sie von Specht.
+Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns. Sie sprach
+laut, schttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold
+fhlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strmte auf
+ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als
+sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fhlte, betrachtete sie Arnold mit
+wohlwollendem Lcheln.
+
+Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch
+ein katholisches Flugblatt ber den Raub der Jdin. Darin wurden
+ffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit
+stand dabei und steckte die Hnde in die Taschen. Arnold berlief es
+hei und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darber verga er
+die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine
+Furcht deswegen empfand, hauptschlich, weil Frau Ansorge ohne uerung
+eines Schmerzes lag.
+
+Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes
+Aufsthnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute
+kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschlu. Es
+sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er
+halte es fr gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit
+sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,
+damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben
+hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die
+Strae gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und
+der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr
+Recht kmpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.
+
+An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Klte waren seine rmel
+hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und
+verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glnzenden Augen.
+
+In dem Huschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tr nach dem
+Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er
+drckte auf die Klinke, ffnete, sphte durch den Spalt und sah einen
+Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Hnden, in ein
+Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt
+war, nach Jutta das lteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte
+wohl Arnold von frher, getraute aber nicht, sich zu rhren. Arnold
+fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Tre stehen, um den
+Knaben nicht einzuschchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die
+Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der
+Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die
+Mutter gehe in Geschften ber Land, die andern Kinder seien beim
+Rabbiner in Lomnitz. Wie heit du? fragte Arnold. Moses, war die
+Antwort. Arnold nherte sich dem Tisch, blickte flchtig in das Buch und
+nahm dem Knaben gegenber auf einem Holzschemel Platz. Und Jutta?
+fragte er mit heiserer Stimme, wird sie denn nicht wiederkommen?
+
+Der Herr fragt --! erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein
+gutes Deutsch zu sprechen. Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.
+
+Arnold schaute den Knaben verblfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er
+fhlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er
+hrte ein vielfltiges Gemurmel von drauen, ffnete den winzigen Flgel
+und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreiig Menschen beisammenstehen.
+Gleichgltig schlo er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf
+den Knaben, der bse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,
+erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von
+Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder
+hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lrm herrschte. In der
+kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war frmlich abgesperrt.
+In breiter Reihe warteten die Leute. Je nher Arnold kam, je mehr
+Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und
+endlich ffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen knne.
+Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Hflichkeit
+hnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer
+Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war
+weit entfernt, zu denken, da diese Zusammenrottung ihm gelten knne.
+Schweigen legte sich um die Masse. Blde, neugierige, tckische
+Gesichter stierten ihn an, und unwillkrlich blieb Arnold stehen. Vor
+ihm ffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer
+gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschrnkt und den Kopf
+steif emporgerichtet. Es war ein mchtiger Kopf, gro wie der eines
+Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grnen Pupillen hinter
+der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich
+eine dnne, scharfe Stimme gegen Arnold: Judenknecht! und das Gemurmel
+fing wieder an, dunkler und ghrender.
+
+Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem
+Rufer und in seiner Nhe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann
+seinen Weg fort, aber er fhlte sich strker und als ein Schauer
+durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.
+
+Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das
+Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte
+bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die
+Augen aufschlug, lchelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen
+sie unaufhrlich sthnte und sich auf der niedrigen Matratze wlzte.
+Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold sa mit gesenktem Kopf,
+die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen
+zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der
+mit dem Frhschnellzug eintreffen mute. Von der Station aus war noch
+ein tchtiges Stck Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche
+mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu
+begren. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit
+den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die
+Hand, betrachtete ihn mit einem khl-kritischen Blick, stellte den Arzt
+vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum
+Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden
+erblickt, so schien es, als schttle sie Fieber und Fieberbilder mit
+gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert
+Brcken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr
+frheres Leben und Fhlen ins Herz getroffen worden. Die
+dazwischenliegenden Jahre strzten zusammen, und die Schmerzen in denen
+sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.
+
+Die Begrung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und
+Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden rzte blieben allein.
+Arnold fhrte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der
+Kche. Da standen uralte Mbel, auf welchen die Zeit gleich einem
+Gespenst lag. Borromeo hllte sich frierend in seinen Pelz und schritt
+mit wiegendem, mdem Gang auf und ab. Dieselbe Mdigkeit drckte sich in
+seinen Gebrden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den
+hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lcheln, in seiner
+Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der
+frmlich steifgebgelt aussah und eine ungemein sorgfltige Pflege
+verriet. Die obere Hlfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.
+
+Was hast du eigentlich fr deine Zukunft vor, Arnold? fragte er, in
+seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.
+
+Arnold war berrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem
+unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefhl mit dem Mann.
+Ich wei nicht. Ich will leben, sagte er trocken.
+
+Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum
+die Haare berhrend, als frchtete er sie zu zerzausen. Und hltst du
+das fr so leicht? erwiderte er sanft und traurig.
+
+Arnold lachte. Ist es denn schwer? fragte er verwundert. Hast du denn
+so schlechte Erfahrungen gemacht? Er sa rittlings auf einem Stuhl und
+drckte das Kinn auf die Lehne.
+
+Ich glaube, es ist nicht mglich, andere zu machen, antwortete
+Borromeo mit einem Lcheln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem
+Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht
+klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hlzernheit ging,
+und eine ngstliche Sucht, unauffllig zu sein. Die Gesichtszge des
+etwa Fnfundvierzigjhrigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,
+die Augen starrten, als knnten sie in der Luft beobachten, was in der
+Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
+als gbe es ber gewisse trstliche Dinge keinen Zweifel.
+
+
+
+
+Fnfzehntes Kapitel
+
+
+Die rzte lieen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
+abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschfte.
+Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
+gehen sollte. Auerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
+genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden knne; dann erst
+werde er wiederkommen.
+
+Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
+Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
+nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
+vor seinem Urteil frchtete. So vllig hatte das Verhltnis eine
+Umkehrung erfahren, da sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
+schlerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
+selbst geschaffen hatte, da sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
+einer ungeheuren berwindung ihr Bewutsein abzog von ihren krperlichen
+Qualen. Nicht den trumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefhl
+erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
+So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
+und sich darin zu bewahren als eine Art von khler Gttin.
+
+Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
+Kapital unberhrt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
+waren, weil die kleine konomie sich allmhlich selbst erhalten hatte,
+war Arnold Herr eines ganz betrchtlichen Vermgens. Man gab ihm einen
+berblick und sprach mit ihm ber die Anlage des Geldes, aber er schien
+sich nicht sonderlich dafr zu interessieren.
+
+Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
+Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
+abwartenden Ha. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen fr
+das Unrecht Partei. Warum? warum nicht fr das Recht?
+
+Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Fluufer hin
+und her. Das Wetter schien sich zu verndern. Regen wich der Klte. Trg
+und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
+Schlamm. Nakalte Windste schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
+und als er sich endlich entschlo nach Podolin zu gehen, war er bis ber
+die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
+Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Huserecken waren
+riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
+herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
+Rede. Das Glck des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
+Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.
+
+Aus der Kirche kam eine Prozession und fllte beim Schulhaus die Mitte
+der Strae. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
+Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jh unterschied. Er drehte
+sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Strae
+hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rcken. Ein
+Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
+schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
+Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
+Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beiflligen Charakter an.
+Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
+blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, da der Hut von
+selbst wieder zu ihm kme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
+holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
+lchelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, da er
+eigentlich nichts belnehme, sondern da es nur beschwerlich fr ihn
+sei. Arnolds Gesicht errtete und seine Augen verdunkelten sich vor
+Verachtung. Das Ma der Unbill schien ihm ber und ber gefllt. Er
+warf den Kopf zurck, stie einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
+nchsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstrzen
+wrde und rieb die Zhne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
+nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
+seiner Nhe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
+Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
+aber pltzlich war es, als ob sich ein berirdischer Mittler vor ihm
+erhbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
+denn das Recht in deiner Strke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
+du das wahre Unrecht mit den Schlgen deiner Faust? Sei anders als sie!
+berzeuge sie!
+
+berrascht und finster waren die Leute vor ihm zurckgewichen. Er wandte
+sich ab, ging bis zum Haustor ber die Strae, hob den davongeflogenen
+Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
+geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
+Lcheln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.
+
+Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
+ein apfelgroer Stein ber die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
+kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, da einer dies wagte. Ein alter
+Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.
+
+Die Dmmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
+und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
+wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
+einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
+Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
+einem andern, weigedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
+Der eben eintretende Elasser lie seinen Pack sinken und die Betenden
+gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Pltzen, und
+der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
+sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverstndlich.
+Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
+war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
+kleinen Kopf.
+
+Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
+Ruhepunkt ber den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
+greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwngten. Er sah
+Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
+zgernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
+Fen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu ben? Geschah
+deshalb nicht, was htte geschehen knnen, weil niemand die Hand erhob
+und den Mund ffnete? Warum saen sie dort in ihren Zimmern und duckten
+sich, lieen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
+vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
+konnte nicht vergessen.
+
+Oder gibt es berhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
+das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurck und schaute
+empor, um ein Stck des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
+indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Husern herauf.
+
+Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
+in das Zimmer. Elasser sa an dem kleinen, gedeckten Tisch, whrend die
+andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, da der
+Fremde einige Male hinberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
+zerknllend, schttelte stets den Kopf. Die Frau sa starr und in sich
+gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoende Kammer zur Nachtruhe
+begeben hatten, legte sie den Sugling an ihre magere Brust und schaute
+dster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
+Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
+Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
+sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
+Gast zu begleiten. Die Haustre kreischte und die zwei Mnner traten auf
+die Schwelle. Beide machten eine Gebrde des Schreckens, als sie an der
+Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
+Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
+und fragte sogleich: Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurck?
+
+Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
+immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
+Begleiter, dessen Zge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
+verrieten: Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.
+
+Der Alte lie sein Kpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
+Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.
+
+Wie steht es also? fragte Arnold ungeduldig.
+
+Es steht schlecht, sagte Elasser. Keine Hand bewegt sich. Es werden
+Erhebungen angestellt, heits, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
+Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
+gefllig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
+Hoffnung mehr.
+
+Es ist in der Schrift geschrieben, mahnte der Fremde, man soll das
+Unrecht sich ergieen lassen ganz.
+
+Eine schne Schrift! rief Arnold emprt. Wartet ihr darauf, bis man
+euch den Kopf abschlgt?
+
+Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. Herr,
+antwortete er, Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
+lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jdisch.
+Die Welt ist nicht jdisch, gndiger Herr. Das Recht ist fr Sie und
+nicht fr uns.
+
+Langsam waren die drei gegen das Fluufer gegangen. Arnold stie mit dem
+Fu einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: Aber wie knnt
+ihr ruhig dastehen, Leute, und schwtzen, immer schwtzen! Es ist ja die
+niedertrchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rhrt um eure Sachen.
+Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
+nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist fr alle.
+
+Der Herr ist in einem groen Irrtum, erwiderte Elasser finster. Das
+Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bcher, worein
+alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.
+
+Verchtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit uerster
+Feindseligkeit: Lgner und Faulenzer seid ihr.
+
+Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
+Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet pltzlich in einen
+geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
+gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
+Unschuld trug, an tyrannischem bereinkommen der Mchtigen, um in einem
+eingebildeten Rcher den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
+ber ihm nieder und zndete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
+versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
+ihm Worte! Auch das Unglck des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
+obwohl dies bswillige Hinziehen, dies tckische Verbergen, dieser
+eingestandene Raub, dies Schauspiel ffentlicher Schmach und Feigheit
+auch Gleichgltige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
+Berauschend strmte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
+er gedachte seiner eigenen unerfllten Jugend. Ja, Samuel, sagte er
+mit vernderter Stimme, du mut deine Pflicht erfllen. Wir wollen vor
+den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
+hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
+da wir knnen eine Audienz bekommen und Seine Majestt wird uns
+anhren.
+
+Er wird richten, sagte Arnold befriedigt.
+
+Ich will nicht sagen, er wird, antwortete der Alte mit feinem Lcheln,
+aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.
+
+Elasser starrte bewegt vor sich hin. Whrend die beiden Alten sich noch
+beredeten, kniete Arnold am Fluufer nieder, nahm die Mtze ab, legte
+die Binde beiseite, die seinen Hals umschlo, stlpte die rmel bis an
+die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
+Darauf wurde ihm wohl und khl.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Die nachgesuchte, durch einflureiche Personen untersttzte Audienz des
+Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
+welche die ffentliche Meinung beherrschen, schrieb, da die
+Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
+Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
+sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.
+
+Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
+geruhte, die ihm berreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
+richtete dann an den unglcklichen Vater, der schluchzend vor ihm
+kniete, die verheiungsvollen Worte: Ich werde neue Weisungen an die
+Behrden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. In der Tat
+wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.
+
+Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
+da Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
+telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
+Staatsanwalt, der schon frher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
+ging zum Ministerprsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
+erwiderte: Sie verdienen es, das gebhrt Ihnen. Es geschah nichts.
+Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
+da von der Statthalterei alles aufgeboten werden wrde, um den
+Aufenthaltsort des Mdchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
+werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
+welchem Tag sie das religionsmndige Alter erreicht haben wrde. Elasser
+wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
+Erklren nahm kein Ende. Man schttelte den Kopf, gab Ratschlge, war
+bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschftigt, ngstlich oder von
+frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
+die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
+es nach Hause. Er hatte sich mdgegangen, mdgeredet, mdgebettelt,
+mdgehofft. Am letzten Tage fate er sich noch einmal zu einem letzten
+Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister fr Galizien zu ungewohnter
+Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
+letzte Frage, um dann fr immer zu erschlaffen. Die wrdige alte
+Exzellenz, menschlich erschttert, verlor den ffentlichen Tonfall und
+sagte die denkwrdigen Worte An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
+ein Ende.
+
+Das war am 5. Februar.
+
+Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gndigen Versprechen des Kaisers
+nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
+dem Gesprch mit Elasser hatte eine gleichmige Ruhe und Zuversicht von
+ihm Besitz genommen.
+
+Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestmer Drang nach
+krperlicher Ttigkeit ber Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
+ging in den Hof und begann, einen Weg in den fuhohen Schnee zu
+schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
+rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schwei gebadet, blickte empor,
+als am Zaun eine herrische Bastimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
+von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
+dort. Arnold trat nher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
+Die Mutter ist krank, erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
+Grund fr den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.
+
+Arnold berlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
+den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
+schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
+Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgltig und unbestimmt die Lider
+senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: Warum kommt
+der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
+Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
+Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
+Bse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
+bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfllt, liebe
+Frau?
+
+Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
+der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden mglichen
+Einwand fr zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
+Knien liegenden gefalteten Hnde.
+
+Frau Ansorge hob den Kopf mit groer Mhe etwas empor und erwiderte mit
+ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: Bemhen Sie sich nicht,
+Hochwrden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.
+
+Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.
+
+Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
+als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
+den Pfarrer zu verhindern, da er sich blostelle.
+
+Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
+Tre; der Doktor trat ein und begrte den Pfarrer mit jener
+Hflichkeit und halben Kollegialitt, die eine wohlttige
+Gewhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
+und verlie unruhigen Gesichts das Zimmer.
+
+Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
+Fenster aus, da die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
+sonst. Der Doktor flsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
+nach einigen Minuten einen mit Eis gefllten Kbel zurckbrachte. Dann
+kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
+jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rstete
+sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
+werde er selbst bernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
+Borromeo zu benachrichtigen; es drngte ihn hinaus, schon allein
+deshalb, um nach seiner Art im Vorwrtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
+werden. Als er ber den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
+Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
+wei unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
+widmete ihr nur flchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
+ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
+das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
+seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
+geschaffen, in der Dmmerung zu hoffen und zu frchten; um ihn mute es
+licht, das Drohende mute beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
+viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
+bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
+erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
+Unglck war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
+zweien: Krankheit, Tod. So rcksichtslos trotz wachsender Angst
+vermochte er seinem Gefhle Klarheit abzupressen ber das, was ihn
+selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
+aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrngnis. Der
+Grund war ihm verborgen. Ein gleichgltiger Jude, seine gleichgltige
+Tochter, ein gleichgltiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
+einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei geqult?
+
+Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewutsein.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
+trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
+vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
+neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
+Borromeo in seinen Pelz gehllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
+mden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
+Lcheln verzog bisweilen seinen Mund. Drauen war das rgste Wetter,
+Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als bestndig den
+leise knarrenden, uhrenhaft regelmigen Tritten Borromeos zu lauschen.
+Ohne da er es recht wute, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lhmend
+auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Tre. Er trocknete mit
+einem Tuch die Hnde; die weie Schrze war mit Blut bespritzt. Sein
+Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kmpfers, als er sagte:
+Alles steht gut. Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drckte
+seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
+begngte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
+machen. Ursula, deren Gesicht noch in Trnen gebadet war, hantierte
+bereifrig umher. Knechte und Mgde standen im Flur und der Wind sauste
+durch die Spalten der geschlossenen Tre.
+
+Arnold fhlte sich unheimlich. Auf einmal wute er, als er die
+flsternden Stimmen der fremden Mnner vernahm, da die Mutter sterben
+msse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
+verlie er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
+ein nagender Schmerz ergriff ihn, whrend er an die rzte und an
+Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stie einen Schrei aus und rannte
+gegen den Hof zurck, bisweilen einknickend im Schnee, spter seine
+tiefen Fustapfen von vorhin benutzend. Er strzte in das Zimmer der
+Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
+triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
+freilich wei wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
+erstaunt und mde, legte beide Hnde auf seinen Kopf. Sein Ungestm gab
+ihr zu denken.
+
+Der Abend rckte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
+gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war frmlich versteckt in
+seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, da Hanka an
+solchem Tag eine Wanderung ber die kaum gangbaren Straen gewagt, um
+sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
+belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
+Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
+sich, da Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
+geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergrnden, wo. Arnold erstaunte,
+wie zwei anscheinend so ernste Mnner sich spielerisch an ein Erraten
+und Suchen begaben, oberflchliche Erinnerungen betasteten und dabei
+nicht das mindeste von Belang zu sagen wuten. Am seltsamsten war das
+beziehungs- und ortlose dieser in gleichmigem Ton gefhrten
+Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
+Schatten, die es bedeckten, vergessen schlielich der, zu dem gesprochen
+wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
+mechanisch anzureden. Arnold war schlielich froh, da er mit Hanka
+allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mute.
+Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
+schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.
+
+Wie geht es Ihnen also? fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
+Arnold gegenbersa. Er schlug ein Bein lssig ber das andere und
+strich mit der Hand ber das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
+inhaltslose Frage vergessen machte. Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
+wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?
+
+Arnold nickte. Was fr ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
+Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
+den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
+Kopf. Wollen Sie nicht einmal zu mir herberkommen, wenn Sie sich
+langweilen? fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein berbrckendes
+Wort zu finden.
+
+Wenn ich mich langweile? fragte Arnold. Warum soll ich mich
+langweilen? Er sa vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
+Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.
+
+Beneidenswerter, murmelte Hanka und suchte nach einem andern
+Gesprchsstoff. Was macht Herr Specht? fragte er zgernd. Hren Sie
+von ihm?
+
+Arnold schwieg. Fr ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
+Unwirkliches.
+
+Er soll sich sehr mit diesem jdischen Mdchenraub befat haben, fuhr
+Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berhrt. Aber was ist nun
+aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglckliche Affre macht
+ihre Verteidiger und ihre Anklger zuschanden.
+
+Der Kaiser hat entschieden, antwortete Arnold mit einer leichten
+Beunruhigung, die wie ein Hauch ber seine Mienen zog.
+
+Von einer Entscheidung wei ich nichts, bemerkte Hanka kopfschttelnd.
+Was knnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich wei ja nicht, mglich
+ist alles.
+
+Arnold lchelte besserwissend und erhob sich.
+
+Hankas Gesicht war ermdet. Es war, als htte Nchternheit seinen vorher
+so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich klter und fremder,
+als er gekommen war.
+
+Am Abend sa Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
+Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
+jetzt im Geist. Whrend Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
+der junge Assistent lesend bei der Lampe sa, schaute sie Arnold mit
+unverwandten Blicken an. In ihren Adern fhlte sie den Tod, aber ihm
+suchte sie, als wohne eine bermchtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
+den Glauben zu geben, da neues Leben fr sie anbreche. Und Arnold, auch
+er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
+Gesicht war die Lge der Hoffnung. So saen sie beisammen und tuschten
+sich.
+
+Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
+der Assistenzarzt war abgereist.
+
+Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
+Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
+geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Hndlerin zuzustecken
+und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.
+
+Von Elasser hrte man nichts.
+
+Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
+sie, man solle das Fenster ffnen, und sie blickte nun schrg hinauf
+gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
+war es, als schlsse sie sich strker als seit vielen Jahren an das
+Leben an, als sei die Luft um sie her verdnnt und sie vermchte weit
+hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
+ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Zge pltzlich Gte aus,
+und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
+Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
+hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
+Wie htte er dies zu sagen vermocht? Wie htte er seine Unruhe zu
+schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
+Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grblerisches Horchen?
+Pltzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
+Drangsal verstanden. Es gibt ein Wort in der Bibel, das mut du dir
+merken, Arnold, sagte sie. Es heit: Wer reiner Hnde ist, mehrt die
+Kraft. Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
+Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schlo, seufzte sie
+tief.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+Am nchsten Morgen, die Luft war voller Taudnste und der Wind wehte von
+Sden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
+Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er nher. Elasser berhrte den
+Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmigen
+Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: Braucht die
+Frau Mutter nichts?
+
+Schon zurck, Elasser? fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.
+
+Der Jude nickte. Heut in der Nacht, sagte er. Sein Blick wurde finster
+und er blies, um sie zu erwrmen, in die eine freie Hand.
+
+Und Jutta? fragte Arnold von neuem, als vermchte dies eine Wort alle
+brigen zu ersetzen.
+
+Elasser zuckte die Achseln. Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
+mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
+lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
+Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr. Mit
+Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenbla geworden
+war; der Mund war geffnet, die Nase war ganz wei, die Lippen
+zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+
+Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
+neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
+Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
+Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: An den Mauern des
+Klosters -- hat es ein Ende?
+
+Elasser vermochte nichts zu erwidern.
+
+Das ist gesagt worden? fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
+fort. Indessen fhlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
+schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Klte.
+
+Jaja, nickte Elasser. Er war betrbt, aber auch khl und willenlos.
+
+Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
+Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
+Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
+Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Flle des
+unertrglichen, schmerzlichen Zorns bi er die Zhne ins Moos;
+Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
+Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
+Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
+Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
+Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.
+
+Ist es mglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
+Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
+ernsten, grmlichen, harten und gleichgltigen Ausdruck. Gleichgltig
+war ihnen das, was geschah und ihre trben Augen sahen leblos aus wie
+Muscheln. Ein Bach flo ber den Weg. Auch im Wasser wimmelten
+Gesichter, ja, Vorgnge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
+weit weg von Podolin. Whrend er aus dem Gehlz trat, sah er, wie ein
+Knecht eine weie Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prgel
+auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
+sprang hinber (der Straengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
+den Hften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das brtige Gesicht
+und schttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
+Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brllte, aber
+niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verdet. Still, sagte Arnold,
+indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er lie ab. Der Knecht erhob
+sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
+blieb er tckisch gebckt an seinem Platz.
+
+Arnold entfernte sich, ohne da der Gezchtigte sich rhrte. Er konnte
+nicht verweilen. In seinen Fen steckte Ungeduld; seine Schlfen waren
+hei wie von Weingenu. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
+mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zgern
+vor, denn er erschien sich beleidigt, malos bervorteilt. Alle schienen
+zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
+ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
+aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
+selbstndig hrenden Ohr geworden.
+
+Ist es eine Welt? dachte er; wo leb' ich denn? was geschieht denn? Ist
+es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
+Wolken: eile! Er frchtete zu spt zu kommen. Der Erste, dem er sagen
+wrde, was vorgefallen, mute ja niederfallen, von Schande erdrckt und
+Zhneknirschen mute seinen Mund fr jede Speise verschlieen. Sieh doch
+an, was geschehen ist, wollte er ihm erzhlen. Aber dessen bedurfte es
+gar nicht, wozu erzhlen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
+wrde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei wrde kommen, alle wrden
+schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht mglich zu
+leben. Arnold, wrde die Mutter sagen, geh' hin und ruhe nicht, denn sie
+knnen sonst nicht leben.
+
+Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
+Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
+Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fhlen,
+seine Krfte zu spren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
+sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lcheln und sie
+werden sagen; weshalb hast du nicht frher, Arnold Ansorge, dich
+eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
+lcheln, indem sein Gesicht sich mit Rte bedeckte. Und er lchelte den
+ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
+an der Tre stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
+Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.
+
+Arnold ging langsam nher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
+Trauer ergriff ihn. Lchelnd fate er die Hand der Gestorbenen mit einem
+Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
+ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. Sie ist tot, sagte
+der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lchelnd zu ihm
+auf.
+
+Der Pfarrer wich zurck, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
+sich hin, sah sich murmelnd um und verlie das Zimmer. Die Pflegerin ri
+mit eiligen Gebrden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
+Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
+Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Tre und Fenster
+waren weit geffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
+entfernt und geflchtet wie vor einem bsen Geist. Die Dmmerung war
+schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, frbte sich langsam
+vom aufsteigenden Mond. Die Lfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
+die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
+whrend die Grtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
+Arnold mit sich selber sprechen hrte, glaubte sie, er fhre eine
+Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
+Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
+Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbstndiger Handlung getrieben, jede
+Stunde erwartete sie Erlsung von ihrer Angst.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
+hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saen im Grtnerhaus; auch
+die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
+Spt abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
+berschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
+Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht ber die Brust
+verschrnkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
+Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und lie sie
+gewhren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
+anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
+begann sie indes zu schlafen.
+
+Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
+das Rdergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
+empor, ein Gebet flsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
+Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
+vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
+Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.
+
+Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verlie zartsinnig
+das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen ber
+die Ebene. Nicht lange vermochte er drauen zu bleiben. Er ging zu
+Ursula, die in der Kche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
+Vormittags seine Wsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
+ntig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
+nicht zu rhren.
+
+Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
+in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
+das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
+Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: Zum Begrbnis wirst du doch
+bleiben? Packen, was soll das heien? Wo hinaus denn so geschwind?
+
+Borromeo hrte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: Meint
+sie dich, Arnold? Willst du denn fort?
+
+Mit einer beredten und lebhaften Gebrde sagte Arnold: Ja. Ich will
+fort. Mu fort. Bald, sobald wie mglich. Gleich nach dem Begrbnis. Man
+mu einen Verwalter mieten.
+
+Willst du mir das nicht erklren? fragte Borromeo matt.
+
+Beide Mnner gingen in die anstoende Kammer. Borromeo schritt voran und
+trug das Petroleumlmpchen. Wieder hatte ihn jene dstere Verlegenheit
+erfat.
+
+Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere,
+begann Arnold.
+
+Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. Du hast
+ungefhr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,
+entgegnete er kalt. Die Verzinsung ist nicht bermig hoch, aber die
+Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,
+fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, da ich bis zu deinem
+vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
+ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
+Schritte zu berwachen und dein Vermgen zu verwalten.
+
+Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. Kannst du mich abhalten zu tun, was
+ich mu? fragte er.
+
+Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefat
+machen zu sollen. Das erbitterte ihn. Was hast du vor? fragte er
+gedehnt und widerwillig.
+
+Die Sache ist die, begann Arnold. Elasser, der Jude, bekommt seine
+Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
+Er hat alles mgliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
+kommen. Das ist doch schndlich. Ich htte nie geglaubt, da so etwas
+Schndliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mdchen
+wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
+Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
+tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
+nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
+Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunchst nach Wien. Ich hab' hier
+keine Ruhe mehr. Hier wei man ja nichts, hier erfhrt man nichts. Ich
+will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
+Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
+Teufel holen.
+
+Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehrt. Eine Art Rhrung
+erfate ihn, die aber gleich wieder verdrngt wurde von einem dumpfen
+Mitrauen gegen diesen Idealismus, wie er es innerlich nannte, und den
+glubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
+strubten.
+
+Grnde gegen dieses kindliche Unterfangen waren natrlich leicht zu
+finden. Aber Borromeo schmte sich pltzlich seiner Grnde. Lassen wir
+es heute, sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
+Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrcktheit und einem
+Gefhl leerer Erwartung wie frher trat er in den wohlbekannten Flur.
+
+Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
+Elasser, die Frau und ein Bauer. Der lteste Knabe zog sich gleichmtig
+fr die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermdlich auf den
+Bauer ein, der ein Stck Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
+bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war hhnisch,
+kratzte sich in den Haaren, befhlte den Stoff und rang die Hnde.
+
+Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
+Nachdem er eine Weile zugehrt, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
+gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mdchen huschte an ihm vorbei
+zum Hauseingang und stie dort einen Schrei aus, als ein grauer
+Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hngender Zunge und dster
+glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
+sich nicht mehr rhrte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
+Mdchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
+Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
+fort.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+
+Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise
+verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, da ihn das Landleben, die
+Stille und Gleichmigkeit der Tage festhalte. Aber htte ein Geist wie
+der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend
+und sie zugleich verachtend, dies frher ertragen? sich frher so
+sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschftigungen, diesen
+ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schttelte er ber sich
+selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst miachtetes Gut nun mit
+Leidenschaft umklammert. Agnes war glcklich. Beate hatte sich mit der
+neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen
+eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Sprsinn ihm nicht
+die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war
+sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
+hatte. Fruchtlos war sie hinbergegangen, hatte geweint, gedroht,
+gerast. Das alles ging frmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den
+Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schmte sie sich, zuerst
+aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich
+selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch
+schnitt und das Blut vergiftete. Sie wlzte sich auf dem Boden ihrer
+Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins
+Wohnzimmer, bla und lchelnd, sa neben Hanka, spielte ein harmloses
+Kartenspiel mit ihm, wrmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei
+ihre schlauen Plne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und
+launenloser als frher.
+
+Von seinen Freunden in der Stadt hrte Hanka wenig. Auerhalb ihres
+Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versumt hat.
+Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu
+wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften
+spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie
+diese berhmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche
+Farbe ihre Augen htten und so weiter. So geschwind wie mglich msse
+sie das wissen, schon um den Neid zu genieen, mit dem dann ihre
+geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden wrde. Da er, Hanka, an der
+Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bcken und
+aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im brigen mchte er nicht mehr
+lange mit der Rckreise zgern, da sie frische Ananas aus Hamburg
+erhalten habe.
+
+Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amsiert, ohne sich im
+geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten.
+
+Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit,
+und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von
+Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift ber die
+Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter
+Gedanke ist kurz und reicht fr drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu
+quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
+Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein
+starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trbes, dnnes Flchen
+von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhat und
+unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin,
+weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und
+Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstrendes fr ihn. Seine
+nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild
+gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate,
+an nichts anderes als an Beate.
+
+Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich
+nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie.
+Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
+mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja fr mich ganz angenehm.
+Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschft machen, gehrt nicht gerade
+zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natrlicher Geist wird sich
+in das natrlichste Verhltnis zu finden wissen, aber hab' ich darum mit
+vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu
+verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermgen pltzlich zum Fenster
+hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schtzen, allein was ist mit Geld
+gegen den bsen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
+Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit,
+systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmiges Beisammensein und
+Langeweile zu zweien. Das Gepck des Lebens wchst wie im Sommer bei der
+Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es
+ist wie mit den Schaumtrtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je
+sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich htte
+Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die
+Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein
+Verstndnis fr Kinder und wre ein erbrmlicher Vater. Dem veralteten
+Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls
+versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt
+Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf
+dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, wei ich von
+solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch
+betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefden, die durch die Sonne
+ziehen.
+
+Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften berlegungen. Aber das
+Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
+Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum
+den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum
+wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die brige
+Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu
+lassen, dazu war Hanka die uere Nacht sehr willkommen. Aber wie
+ehrlich er sich auch bemhte, Klarheit fand sich nicht.
+
+Am andern Morgen trat er mit einem militrisch ausholenden Schritt vor
+Agnes hin, als er sie allein sah. Was wrdest du sagen, fing er ohne
+Umstnde an, den Mund ihrem Ohr nahe, wenn ich Beate heiraten wrde?
+
+In groer Bestrzung ri Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte
+verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich sphend um, ri
+pltzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
+hastigen Zgen: Du mut gestehen, da es nicht bermig vernnftig
+wre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich
+habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: fr
+mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja
+an sich ziemlich traurig, aber fr das ganze Unternehmen von Vorteil
+ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.
+
+Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas
+lehnte. Nun? fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als
+seine Hand zgerte.
+
+Er zuckte die Achseln und knllte das Blatt zusammen.
+
+Du mut es selber am besten wissen, Alexander, sagte Agnes, indem auf
+einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und
+machte sich nachdenklich an ihre huslichen Arbeiten. Hanka nahm,
+unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmglich, sich
+jemand zum Freund oder zur Gattin zu zchten, dachte er und spuckte
+verchtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
+aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will
+mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglckt war, Idealist zu
+sein.
+
+Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann
+wandte er sich pltzlich mit einer erzwungen pfiffigen und berlegenen
+Miene zu ihr. Was wrdest du sagen, Beate, begann er mit derselben
+hlzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen
+Stimmlage, was wrdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag
+machen wrde? Er sah verrgert aus und Runzeln erschienen auf seiner
+Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit
+langsamen Schritten das Zimmer verlie, sank er in ein tiefes Nachdenken
+und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine
+Stunde spter sein, als ihm das junge Mdchen am Hauseingang begegnete.
+Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lcheln: Ja.
+Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten.
+
+Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas
+gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den blichen Teilnahmsbesuch
+erklrt. Am folgenden Tag war das Begrbnis und dorthin beschlo Hanka
+zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hgel. Trotz des klaren
+Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Grber waren
+noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde
+lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und
+Unglubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit
+einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg
+hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in
+seiner formelhaften Rede, brach pltzlich erregt ab und entfernte sich.
+Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krhe, die ber die
+Kpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht ber dem dunklen Bart wurde noch
+bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne
+Unwillen, ohne Vorwurf.
+
+Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es,
+die Zeit zu nutzen. Er htte sich an diesem Abend eine leichtere
+Stimmung gewnscht. Frh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur
+Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof
+und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm
+den Zug erwartend. Hanka grte mit der ihm eigenen ernsten
+Verbindlichkeit, nherte sich aber nicht, sondern schritt in der
+holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschner Tag; die Luft
+war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die
+Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzgen der
+Ebene.
+
+
+
+
+Natalie
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
+erklrt, da der obere Halbstock vllig leer stehe und da Arnold ber
+drei Zimmer ungestrt verfgen knne. Arnold hatte eingewilligt.
+
+Schweigend und unablssig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nhe
+erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Zge,
+dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
+Lngst entherzigt, lngst hohl gesogen, kmpfte Borromeo einen
+bestndigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.
+
+Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
+Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straen der Stadt gewahrte und
+die Flut der Getse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestrzt.
+Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
+polterte, rasselte und drhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
+Glckchen klimperten; es zischte, stampfte, chzte, heulte, hmmerte und
+knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
+andere, denen Schwei auf der Haut glnzte; andere, deren
+Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
+stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
+Kutschen lehnten und deren Mienen frmlich gelhmt waren; andere, die
+lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
+angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
+Reihen gleichmiger Huser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
+der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
+Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
+Seifen, Weine, Ewaren, Zeitungen, Mbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
+und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
+Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerche
+zogen aus den Husern, krppelhafte Bumchen erhoben sich hinter
+prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
+keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gbe.
+
+Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebude, das
+in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
+Diener kam, um das Reisegepck in Empfang zu nehmen. Borromeo fhrte
+Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
+sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklrte, da in
+frheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
+Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
+habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
+Blick langsam zur Tr, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
+geradezu frstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
+um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lcheln lag,
+waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
+reichsten Flle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
+war mit einem Rauschen verbunden, welches fr Arnold etwas
+auerordentlich Rtselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
+Gesicht wandte er sich der Dame zu und er versprte einen beunruhigenden
+Wohlgeruch im Zimmer.
+
+Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stren, sagte Frau Borromeo.
+Das ist also der Neffe, fuhr sie fort, trat rauschend nher, streckte
+Arnold die Hand entgegen und lchelte: sorglos, mtterlich, voll
+Teilnahme, etwas spttisch, -- alles zu gleicher Zeit mit einer
+unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
+so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wnde, die
+Mbel, das Licht, die Luft und die beiden Mnner. Arnold verga, ihre
+Hand zu ergreifen. Sie lachte, schttelte den Kopf und fragte Borromeo,
+ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er mge ihr Arnold
+berlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. Ich warte
+schon mit Ungeduld auf Sie -- oder auf dich, sagte sie zu Arnold. Ich
+war auf eine Art von Waldmenschen gefat und bin es noch. Natrlich im
+edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
+la ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute frh
+erfahren -- Kommen Sie, ... komm, Arnold.
+
+All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
+Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Krper ein musterhaft
+gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
+Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein groes, lichtes Zimmer. An
+einem mit Tassen, Glsern, Silbergeschirr, Blumen und Ewaren bedeckten
+Tisch saen plaudernd drei Personen, ein junges Mdchen, welches von
+Frau Borromeo als Petra Knig vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
+einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
+blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
+Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
+auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
+schweren, groen Stiefel und ein humoristisches Lcheln umzuckte die
+farblosen Lippen.
+
+Nun haben wir unsern Waldmenschen glcklich hier, sagte Frau Borromeo,
+indem sie spttisch lchelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
+Gste. Ich erzhlte Ihnen ja von ihm, wandte sie sich zu Hyrtl.
+
+Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
+die Arnold unerklrlich war: Sie sind Landwirt?
+
+Bis jetzt war er Landwirt, fiel Anna Borromeo ein.
+
+Hyrtl, der den Ankmmling fr dumm und blde hielt, starrte Arnold mit
+einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
+verhaltenem Witz. Er bemhte sich vergeblich, zu ergrnden, weshalb Anna
+Borromeo den merkwrdigen Menschen in ihren Salon gefhrt und gab
+schlielich ihrer Sucht nach berraschungen die Schuld.
+
+Sie sind wohl geschftlich in der Stadt? fragte der unermdliche
+Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
+wenn er sich mit dem stummen Gast beschftigte.
+
+Seine Mutter ist gestorben, bemerkte Anna Borromeo abermals an
+Arnolds Stelle. Es war, als frchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
+Petra Knig Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
+ihren Brauen. Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie? fragte
+sie das junge Mdchen.
+
+Gut, entgegnete Frulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
+nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
+gesprochen wurde.
+
+Ein ganz kstliches Weibchen, meinte Drusius und schnalzte mit der
+Zunge. Ein Rokoko-Figrchen, ein Sprhgeist. Fr dieses Frauchen knnte
+ich eine Heldentat verrichten.
+
+Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermtig-messend auf
+Anna Borromeo.
+
+Wie stehen die Montan-Papiere? fragte ihn Frau Anna lchelnd und
+tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.
+
+Schlecht, antwortete Hyrtl. Wir knnen uns auf einen groen
+Brsenkrach gefat machen. Er legte den Knchel des einen Beines auf
+das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so da ber den
+Lackstiefeln ein Stck des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
+zog mit leichter Gebrde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
+fragte mit Hflichkeit die Wirtin, ob er rauchen drfe. Er blickte dabei
+Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so da Arnold sehr erstaunt
+war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
+sah er, da Petra Knigs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, da sie
+die Augen, die einen wrmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
+erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lcheln nach einer Bckerei
+auf der silbernen Schale griff.
+
+Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
+hrte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
+schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
+zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
+vor den Tisch, dankte und fgte hinzu: Jetzt will ich mich waschen.
+Damit verlie er den Salon mit unbefangenem Gesicht.
+
+Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lchelte Anna Borromeo,
+darauf lchelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hften.
+Es lchelten auch Drusius und Petra Knig. Dann blies Hyrtl die Backen
+auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schlielich die
+Beteuerung hervorchzte, er habe sich nie so gttlich unterhalten. Anna
+Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
+stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
+Was fr Befehle? fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lchelte
+und blickte Arnold aufmerksam an. Gehn Sie nur, sagte Arnold und
+wartete, bis der Mann die Tre geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
+Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
+Tapeten besah, die schweren Vorhnge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Mbel
+und Bcher. Er ri das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
+frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte ber die
+Hhe, erstaunte ber die Nhe der gegenberliegenden Huser und ihre
+endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
+empor und sah nur ein geringes Stck des abendlich verdmmernden
+Himmels. Ein Flug Vgel zog mit Kreischen geschwind ber die Dcher.
+
+Whrend dieser Beobachtungen sprte er groen Hunger. Er berlegte nicht
+lange, nahm den Hut, verlie seine Wohnung, eilte auf die Strae und
+suchte das nchste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
+bestellte Wein, Wurst und Kse und a mit Appetit. Viele Mnner saen in
+dem raucherfllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
+spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschlo, einen
+Spaziergang durch die Straen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
+war, kehrte er zuerst zurck und prgte genau die Gasse und das
+Borromeosche Haus seinem Gedchtnis ein. Kaum hatte er dies stille
+Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
+geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
+hohen, weien Lampen gnzlich zerstreut. Aus allen Lden, aus jedem
+Fenster der schnen Palste drang Licht, und die Nacht ber den Dchern
+war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
+bestndig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
+Gerusch, das zu ihm flo, sei ein gleichmiges, ngstliches Raunen.
+Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
+Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
+Seufzer, oft wie fernes Gelchter; nichts hielt Stand, alles rauschte
+gleich einem schwerflssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
+Seite der Huser und kam nur langsam vorwrts. Er ermdete nicht,
+Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
+erhaschen. Einer blickte vorsichtig und sphend vor sich hin, einer
+redete gereizt, einer ging mde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
+zwischen unsichtbaren Wnden zu gehen.
+
+Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
+Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
+machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
+neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
+verschwammen im Nebel. Ungewhnlich erregt verlie er die taghellen
+Straen und kam in sprlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
+Schatten matt mit dem Dunkel zusammenflo, und immer wieder auftauchte,
+wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorberging. Er dachte
+nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
+sonderbar gelhmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
+unglaubhaft, unbegrndet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
+enggepret, da jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
+blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
+Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
+Gedanken an Rckkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Strae und
+glaubte bei jedem neuen Anfang, nun msse sich bald der Wald ffnen oder
+das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstrt und
+sein Erstaunen wurde grer und dumpfer, insbesondere durch die
+Wahrnehmung, da die endlosen Husermassen ihn nicht nur in der Richtung
+seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
+ausstrmten. Er betrachtete die Aushngeschilder von Krmern,
+Wirtshusern und den zahllosen Geschften, in denen er zufriedene und
+glckliche Menschen vermutete, getuscht durch den Lichterglanz und die
+Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
+Kaffeehuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
+einem Feste geschmckt vorkam. Er sah mchtige Gebude, die einem
+unbekannten feierlichen Zweck dienen muten, Kirchen, deren eherne Tore
+geschlossen waren, und von deren Trmen dennoch Glockengelute erklang.
+berall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
+Gerechtigkeit und hundertmal schttelte er ber sich selbst den Kopf und
+war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
+Gefhl lustloser Ermdung gesprt. Doch er setzte seinen Weg fort und
+kam in eine de Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
+Huser niedriger und der Himmel schien infolgedessen nher. In den
+erdgeschssigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
+den Kneipen drang Lrm und Geschrei, Dirnen gingen vorber und lchelten
+ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
+betubende Empfindung der Vielfltigkeit und der unbersehbaren Weite.
+Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fhlte er seinen gnzlichen Mangel an
+Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu mssen. Herrgott, sagte er zu
+sich selbst, das kann bel enden, und pltzlich drehte er sich um und
+trat mit strmischem Wesen die Rckkehr an, auf welcher er einige
+begegnende Personen hflich und zaghaft nach dem Weg befragte.
+
+Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
+Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zndete die
+Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schttelte den
+Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
+prchtigen Sthle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
+versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
+drehe es hin und her, aber es war stumm. Pltzlich sah er viele Wege;
+jeder fhrte dorthin, wo man mhelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
+etwas so Groes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
+Gedanken wert? Arnold schmte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
+Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
+ihm leicht und selbstverstndlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
+es an der Tr pochte; Friedrich Borromeo trat ein.
+
+Guten Abend, Arnold, sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, hast
+du dich schon ein wenig zurechtgefunden? Vorsichtig hob er mit der
+ueren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
+Schulter.
+
+Arnold trat vor ihn hin. Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
+kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
+ich's anfangen?
+
+Ei, ei, so ungestm, erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
+Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
+Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
+zwischen den Mittelfingern beider Hnde behielt. Du willst also dieser
+eingesperrten Jdin zur Freiheit verhelfen, sagte er mit einem kaum
+wahrnehmbaren Lcheln. Ich verstehe deine Beweggrnde. Du bist jung. Du
+bist begeistert. Du kannst dich noch entrsten. Schn. Aber was willst
+du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
+Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
+abbringen, ganz im Gegenteil.
+
+Wrde dir auch nichts ntzen, warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
+dazwischen.
+
+Schn. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
+Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufllig war es diese
+Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es htten Millionen
+andere sein knnen. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
+Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
+Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verben die
+ungeheuerlichsten Diebsthle. Der Wucher blht wie anderswo im
+Mittelalter. Die Lnderbank ist verkracht, weil ein Frst und ein Graf
+sie durch Betrgereien ins Verderben gestrzt haben. Hast du von den
+Cziriskawer Gruben gehrt? Die hungernden Arbeiter muten zusehen, wie
+die Aktionre einander und der Direktor die Aktionre um Tausende von
+Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder fr die in Krankheit und
+Hunger vegetierenden Bauern werden zurckgehalten; auf den groen Gtern
+wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstcken statt in Geld ausgezahlt.
+Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
+um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
+Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
+entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
+sondern immer annehmen, da es das beste ist. Ich lasse dir freie
+Verfgung ber dein Vermgen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
+erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
+Mnner; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
+nicht nur eines ganzen Menschen, einer groen Leidenschaft, einer reinen
+Seele, sondern auch eines aufs hchste gebildeten, praktischen Geistes.
+Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
+der du dich bewhren mut. uerlich mut du sein wie alle andern, mut
+dich kleiden wie sie, mut ihre Formen und Gebruche annehmen; aber
+deine Hand mu sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mut
+du dich durchkmpfen, hinaufkmpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
+dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
+unmglich fr dich wie fr jeden andern. Du httest keine andern Wege
+als jene Leute selbst, du wrdest nirgends eine werkttige Hilfe finden.
+Und deine Krfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wre doch
+sinnlos.
+
+Arnold sa weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein khler Schauder fuhr
+ihm ber die Haut. Er fhlte Zorn und Rhrung. Er begriff und wollte
+sich dennoch verschlieen. Er sah ein, da das alles seine Richtigkeit
+hatte und wnschte doch, es nicht gehrt zu haben.
+
+Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen, fuhr
+Borromeo fort, so wre es dies: fange an, dich ber alles mgliche zu
+unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bcher und an gescheite
+Menschen. Bereite dich fr ein Amt vor. Eine Regelmigkeit wird sich
+dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
+Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schnen Ziel zu gelangen. Der
+unerschtterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
+noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!
+
+Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
+er schwieg jetzt mit einem erleichterten und mden Gesicht und lie den
+Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwrts gegen das Licht
+schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hnde gesttzt und sein
+Gesicht verborgen. Was in ihm kmpfte und brauste, das ahnte Borromeo
+und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
+Hand auf die Schulter. Nun? fragte er leicht und kurz.
+
+Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
+glhten. Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen,
+sagte er. Man kann beides tun.
+
+O gewi, man kann beides tun, antwortete Borromeo. Insofern keine
+Gefahr ist, da man sich verzettelt. Gewi. Die Erfahrung wird darin
+dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, da du nicht
+verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
+Sie schaden mehr als sie ntzen. Gute Nacht, Arnold.
+
+Sie gaben einander die Hand.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage spter war er im
+Besitz von vier modischen Anzgen; das Zubehr an Wsche war vorher
+besorgt worden. Zaudernd und umstndlich bekleidete sich Arnold mit den
+neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
+Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
+wrst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwrdig aus, wie der
+Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
+nicht entschlieen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
+zur ffentlichen Bibliothek wollte. Als es berwunden war und er mit
+ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
+Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
+Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: Dies ist mein Neffe,
+Herr Ansorge. Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
+Dame und sagte: Frau Natalie Osterburg. Arnold reichte sofort nach
+seiner Gewohnheit die Hand und versprte eine andere Hand, deren
+Winzigkeit ihn verblffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
+mge sie loslassen; Anna Borromeo lchelte.
+
+Also _das_ sind Sie! sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
+Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
+zugewandt. Petra hat mir von ihm erzhlt, aber ich finde, er ist ganz
+hbsch. Ein kstliches Aber.
+
+Arnold fhlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
+weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
+und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
+das Gepltscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
+kindlichem Ernst nach gleichgltigen Dingen, war unglcklich ber das
+drohende Regenwetter, sagte, sie habe die grte Eile nach Hause zu
+kommen, verga es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
+knne. Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jger vorgestellt, denken
+Sie nur, wie komisch, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkrper
+vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
+erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
+Spiel der Augen und ihn verdro das liebenswrdige Lcheln, das
+Hinabbeugen ber die Treppenbrstung, das Winken mit der Hand, womit
+Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.
+
+Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreiig Jahre noch die
+zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
+waren die zwei Gefhle, von denen sie vllig beherrscht wurde. Sie war
+lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
+manches vernnftige Gesprch und manchen ernsthaften Mann aus dem
+Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Fe und Hnde; sie war eitel,
+geschwtzig, naschhaft, vergngungsschtig, aber sie gewann ihren
+Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Gestndnisse ablegte und sich
+verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder sa oder lachte, dann
+leuchtete es vor Freude in ihren Augen, da es mglich war, so sprechen,
+gehen, sitzen und lachen zu knnen wie sie. Fr die Ausbrche ihrer
+Bewunderung, ihrer berraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
+Gesichtsausdruck, der schwrmerisch genug war; in derselben Minute
+interessiert sie sich rasend fr einen Klatsch und zappelt vor
+Ungeduld darber, da sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
+Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mdchen von zehn und acht
+Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzhlen,
+als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
+Kinder die wunderbarsten auf der Erde.
+
+Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmdchen, wo der gndige
+Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
+zu und flsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schlo erblassend
+die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
+an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
+mit zrtlich verdrehten Ausdrcken begrten.
+
+Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
+ein ungewhnlicher Lrm. Natalie ffnete mit theatralischer Langsamkeit
+die Tr und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
+sich zu waschen und rieb den Krper mit einer Heftigkeit, als sei die
+Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, pltscherte, sthnte und
+zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
+betrachtete ihn mit einem malosen Erstaunen und einer zur Hlfte
+gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrieliche und eifervolle
+Falten in sein Gesicht, whrend er mit einem Flanelltuch die behaarte
+Brust trocknete und chzend den Rcken rieb.
+
+Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschfte aus,
+sagte Natalie.
+
+Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knpfen, zog es aber
+nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkrper auf die Ottomane.
+Er hob das Bein ein wenig in die Hhe und betrachtete seinen Lackschuh.
+Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
+geschnellt und sagte dster und verlegen: Ja, reich sein, reich sein,
+das ist das einzige.
+
+Idiot, murmelte Natalie.
+
+Osterburg verfiel in ein starrkrampfhnliches Besinnen und betastete mit
+sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
+frstelte, dachte er daran sich anzukleiden. Ich bin ruiniert, sagte
+er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
+und schrie. Meinen heiligsten Schwur, da ich in drei Wochen eine halbe
+Million haben werde, oder -- Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
+Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
+gelassen und erwartungsvoll anschaute.
+
+Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
+Kinder. Liebste Petra! rief sie, komm, ich will zur Mutter.
+
+Nun? fragte Petra in ihrer berlegenen Weise.
+
+Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: Jaja. Aber du
+weit, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
+Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spt zum Probieren. Sie kte
+etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
+Lcheln abseits.
+
+Kaum hatte Osterburg bemerkt, da er allein sei, so erhob er sich,
+schttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfgte er
+sich in die Kche und fragte die Kchin, was sie zu essen habe.
+Schwermtig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Kchin
+zhlte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
+anscheinend betrbt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
+Idee erfllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strmen aufzufangen um
+jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld msse fr ihn auf
+der Strae liegen und er brauche nur hingehen und sich bcken.
+
+Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
+Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.
+
+Er ist der grte Narr, den es gibt, Mama, versetzte Natalie kalt.
+
+Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind, meinte die alte Dame und ging
+zu ihrem Stuhl zurck. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
+vorwrts. Der Oberkrper, weit zurckgeneigt, schien nur lose mit den
+Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
+Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
+war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
+ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Knigin. Fr die plumpeste
+Schmeichelei empfnglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
+gebrechlich und zhe, znkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
+verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
+Klarheit und Regelmigkeit der Kristalle unmglich ist.
+
+Glaubst du, Mama, da hellgrn mich zu bla macht? fragte Natalie,
+die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.
+
+Mama, du sollst nicht so viel herumgehen, mahnte Petra.
+
+Zu meiner Zeit gab es andere Ehen, sagte Frau Knig mit rasselnder
+Stimme. Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Geflligkeit. Oft sag ich
+zu Petra ... nicht wahr, Petra --? ...
+
+Pottgieer hat eine rmische Statue aus Spalato angekauft, wandte sich
+Natalie an Petra. Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
+aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.
+
+So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
+einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
+Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berhren
+knnen.
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, fllten sich schon von fnf
+Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
+Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
+welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
+bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
+auf dieses Pferd gesetzt htten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
+dieser Sieg sei lange vorher ein ffentliches Geheimnis gewesen, da
+wurde Osterburg vor Verachtung um fnf Zentimeter lnger, und seine
+grauen, brstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
+entrstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
+freundlich, begrte Emerich Hyrtl und Armin Pottgieer, den von allen
+gefrchteten Pottgieer. Pottgieer war Brsenmann, Zeitungsbesitzer,
+Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermelich reich.
+
+Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
+Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
+Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Tre geffnet und eine
+alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mdchen
+folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
+Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
+ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
+Hyrtls Bericht frchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
+ihm die Hand und war schchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
+zu folgen und fhrte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
+saen. Verzeiht, sagte sie, hier ist ein Ausnahmsgast.
+
+Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war hei. Ist hier eine
+Versammlung, Frulein? fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
+anschaute. Das junge Mdchen errtete, lachte, war verwundert und wute
+nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasa,
+verlor den gleichgltig-grmlichen Ausdruck, der in seinen Zgen
+vorherrschte und sagte liebenswrdig: Lassen Sie sich nicht beirren.
+Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
+sie einen andern sich langweilen sehen.
+
+Petra, die durch Arnolds hfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
+Hyrtls lauschte, gerhrt wurde, lchelte und ihre Augen nahmen pltzlich
+im Lampenlicht ein schnes, tiefes Blau an.
+
+Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
+nherte sich. Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus, sagte
+er mit offenbarer Geringschtzung.
+
+Bei mir hat jedes Hrchen seine Bedeutung, entgegnete Hyrtl mit
+unschlssiger Selbstironie.
+
+Dann mssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebt haben,
+sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmtig-widerwillig und verzog
+verchtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs uerste. Petra
+spielte mit ihrer Uhrkette.
+
+Was reden sie? dachte Arnold bestrzt. Er blickte Petra an, sah
+rckwrts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
+reden sie?
+
+Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hren, von
+Lcheln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
+Schulter; er blickte berrascht empor. Nun was treiben Sie? fragte
+sie, mit den Augen zwinkernd.
+
+Auf einmal, er wute nicht, wie es kam, begann er zu erzhlen.
+Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschlieen oder fhlte er das
+Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
+Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mhe
+vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
+er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
+der drei Zuhrer leuchtend an, als ob er berzeugt sei, da sie sich
+gleich ihm selbst fr diese Sache entflammen wrden. Er war in seiner
+Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
+nichtigen Menschen.
+
+Das ist ja riesig interessant, rief Natalie aus, als er geendet.
+
+Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden, bemerkte Hyrtl
+frostig.
+
+An der Geschichte ist freilich nichts Neues, erwiderte Natalie; aber
+da er sich so dafr ins Zeug legt, ist doch interessant.
+
+Man mte etwas dafr tun, sagte Petra, die sich schmte.
+
+Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen, entgegnete
+Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.
+
+Dafr wrde ich Ihnen sehr dankbar sein, sagte Arnold warm.
+
+Kommen Sie, sagte Natalie.
+
+Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
+mitteilen, indessen fhrte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: Da ist er.
+Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fgte sie feierlich hinzu:
+Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.
+
+Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
+Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: Ist es
+wahr, da Sie bis jetzt in einer Hhle gelebt haben? Alle Welt erzhlt
+davon.
+
+Arnold sah den Mann berrascht an und wute nicht, was er aus ihm machen
+sollte. Er bckte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
+blitzte, dann ging er zur Tre, verlie den Raum und suchte drauen
+seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die khle Luft ein. Unten
+im Flur berholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
+nun mit einem gedrehten, mhsam elastischen Schritt gegen die Strae
+bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
+es schien, als se auf knstlichen Beinen ein hlzerner Rumpf. Auch der
+Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
+Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
+lag drckende Langeweile und trostlose Ruhe.
+
+Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge? fragte er hflich und
+wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
+Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.
+
+Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit groen Augen. Er empfand
+pltzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
+vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.
+
+Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs? fragte Hyrtl. Er hatte den
+Wagenschlag geffnet, stellte einen Fu auf das Trittbrett und zndete
+eine Zigarette an. Es ist eine ganz interessante Familie, fuhr er
+fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. Das was Sie oben sehen,
+ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
+Keller. Hinter den Mbeln und Bildern hngen die Pfndungssiegel. Die
+Sthle, worauf sie sitzen, gehren ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
+oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
+betrgt ihren Mann und Osterburg betrgt seine Frau. Es ist alles
+Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
+Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mdchen. Na,
+adieu, leben Sie wohl.
+
+Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
+Kutscher das Zeichen, zu fahren.
+
+Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem berlegen beschlo
+er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
+dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getncht waren; er
+erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
+nun Wahrheit holen.
+
+Er eilte die Stufen empor, lutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
+von andern Mnteln und trat mit suchendem Gesicht in die
+Gesellschaftsrume. Zwischen Kpfen und Schultern sah er Natalie wie
+durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lchelte ihm zu wie einem
+vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
+Arnold suchte nher zu ihr zu gelangen, und pltzlich vernahm er ihre
+Stimme hinter sich. Denken Sie nur, was ich soeben hre, sagte sie mit
+einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; Hanka hat sich
+verheiratet ...
+
+Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
+Jubel, Liebenswrdigkeit und Vergngen. Nein, der Mensch da drunten mu
+gelogen haben, dachte er.
+
+
+
+
+Fnfundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Er wnschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
+zusammengefunden hatten. Mitteilsam glnzten die Augen, voll
+Geschftigkeit ffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
+Viele Mnner waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als htten
+sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
+Drusius, der seine Freude ausdrckte, ihn zu sehen. Er fhrte ihn zu
+einem jungen Mdchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. Meine
+Schwester, sagte der Alte. Sie grte flchtig, lchelte flchtig und
+wandte sich zu einem Herrn, der in majesttisch-nachlssiger Haltung
+dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewutsein unendlicher
+Geistesberlegenheit erfllt ist, dies aber in anmaender Bescheidenheit
+zu verbergen wnscht.
+
+Das ist der berhmte Bernay, eine Kapazitt, flsterte Drusius Arnold
+zu. Er will einen Staat von freien Menschen grnden, ohne Steuern und
+ohne Stdte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
+Landstrich in Amerika anzukaufen ...
+
+Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verstndigen
+Gesicht einen altjngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
+fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklrliche Namennennen,
+Verbeugen, Hndedrcken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
+Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man groe
+Hoffnungen setzt. Arnold grbelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
+da sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, pltzlich dies
+berflieende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
+gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
+feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
+freundlich und leer.
+
+Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: Sind Sie
+nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
+gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kmen aus Podolin. Sie kennen
+Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzhlen Sie
+doch, -- bitte!
+
+Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz auer sich vor
+Neugierde und bi sich auf die Lippen vor Verdru, da sie nicht frher
+den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.
+
+Arnold fhlte sich abgestoen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
+einige Sekunden berlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
+den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: Herr Hanka htte
+ein besseres Frauenzimmer finden knnen, glaube ich. Die Beate oder wie
+sie heit, ist dem Teufel zu schlecht.
+
+Natalie erblate, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
+Mund und erwiderte betreten: Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
+Das drfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, da Doktor
+Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst knnen Sie sich schne
+Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
+fr sich aufgezogen.
+
+Es ist aber doch so, wie ich sage, beharrte Arnold kalt. Von mir aus
+mag sie treiben, was sie will, aber ich wei, was ich wei.
+
+Natalies Neugier war aufs uerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
+Arnolds Arm und fhrte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
+Zwei alte Herren saen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
+erhoben sich nun und gingen hinaus.
+
+Also was wissen Sie? Erzhlen Sie! Erzhlen Sie! begann Natalie
+sogleich.
+
+Arnold runzelte die Stirn. Gar nichts erzhl' ich Ihnen, antwortete er
+grob.
+
+Natalie sah ihn entsetzt an.
+
+Er aber fuhr fort: Ist es wahr, da Sie gar kein Geld haben, um die
+ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
+hab' auch noch ganz andre Dinge gehrt, davon will ich aber jetzt nicht
+reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?
+
+Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte ber den ganzen
+Krper, trat einen Schritt zurck und flsterte: Was fllt Ihnen denn
+ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?
+
+Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrielich. Als er jedoch
+ihre hbschen Kinderaugen voll Trnen sah, wurde er gerhrt. Wenn es
+nicht wahr wre, wrden Sie nicht weinen, bemerkte er treuherzig.
+
+Natalie htte pltzlich lachen mgen. Sie zog das Taschentuch und
+verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrckten
+Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
+zurckverhalf. Er ist reich, dachte sie, man knnte seine Dummheit
+benutzen.
+
+Sie sind ein sonderbarer Mensch, sagte sie, das Gesicht erhebend und
+unter Trnen lchelnd. Wir mssen ausfhrlich miteinander reden, wir
+wrden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.
+
+Arnold verabschiedete sich und ging.
+
+Er a bei Borromeos zu Abend. Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
+Arnold? fragte Anna Borromeo.
+
+Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: Ich will nicht die
+Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.
+
+Frau Anna lachte.
+
+Borromeo liebkoste seinen Bart. Er hat ganz recht, sagte er. Man
+sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
+lassen, bis sie zertreten sind.
+
+Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem sprlichen
+Gesprch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
+ohne da in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
+gestern htte Arnold das nicht gesprt. Einen Augenblick lang wollte er
+das rtselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
+eine ehrliche Frage ergrnden. Da er dies nicht vermochte, da er
+einsah, das drfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
+Nachdenken. Wo er stand, wo er sa, wohin sein Herz sich wandte, berall
+wuchs ein Anderssein-Mssen aus dem Boden.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
+seiner jungen Frau vorlufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
+Paris. Beate trumte von Italien wie die kleinen Brgermdchen, die in
+der berlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
+vergngen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glck spazieren zu fhren.
+Einstweilen gab sie sich in der schnen Wohnung zufrieden, welche Hanka
+in einer Villa in Dbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
+Augenblicken gestand sie sich, da sie das Leben im abseits gelegenen
+Huschen eigentlich kenne, da sie der Einsamkeit mde sei und da sie
+endlich Menschen, Straen, Blle und Theater haben wolle. Sie stellte
+sich trotzdem, als sei Hankas Glck auch das ihre. Sie stellte sich, als
+lse sie in den Bchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
+Bsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
+Verstndnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
+vergessen.
+
+Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
+der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehrte zu den
+Leuten, die sich im Glck possierlich finden. Er betrieb historische und
+nationalkonomische Studien, gedachte seines frheren Lebens mit Abscheu
+und sah die Zukunft klar.
+
+Beates Zge wurden krftiger und energischer. Ihr Kinn rndete sich und
+um den bogenfrmigen Mund legte sich das Lcheln der Gewiheit. Ihr
+Krper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
+beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schme sie
+sich ihrer Fe, ihrer Hnde, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
+ihr Lcheln auf der Strae. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
+ein hartnckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
+fr sie ein groes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravitt.
+Sie glaubte sich ihm berlegen, denn seine Bildung schtzte sie gering
+und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.
+
+Unter allen Bekannten, die fr Hanka in einem feindlichen Land hausten,
+suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Fr sie bewahrte
+er die Zuneigung eines Grovaters, nach ihrem bunten Geschwtz konnte er
+sich zuweilen wnschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
+zuerst wollte er allein gehen, die lstigen Fragen allein schlucken.
+
+Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrte ihn mit
+erknstelter Entrstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
+springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurck, schlug schmunzelnd die
+Beine bereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
+Natalie konnte nicht lnger an sich halten. Doktor! rief sie, ist das
+eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
+Wo ist Ihre Frau?
+
+Erst mu ich auskundschaften, meine Teure, erwiderte Hanka
+humoristisch. brigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.
+
+Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
+wenn sie ihre stillen Vorstellungen ber das Benehmen eines Menschen
+besttigt fand.
+
+Das Zimmermdchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
+nickte berrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
+Verwunderung war auerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
+das ergtzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
+Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Whrend sie ihn begrte, klrte
+Petra den erstaunten Hanka auf.
+
+Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur sprlich auf
+Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
+nun, als ob sie berhaupt nie allein sei. Natalie sprte auch so etwas
+heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
+diesem Menschen.
+
+Sie haben sich rasch zurechtgefunden, sagte Hanka zu Arnold. Ich
+dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.
+Trotzdem er nun wute, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
+fr ihn immer noch etwas Unerklrliches. Er war gewohnt, sich Natalie
+gegenber in einer unvernderlich trockenen und spahaften Weise zu
+betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
+konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
+betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
+Schlielich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
+Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
+Mund hlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
+Verlegenheit gerade hinaus. Das rgerte Arnold.
+
+Hanka erhob sich und Arnold entschlo sich, mit ihm zu gehen. Natalie
+bat ihn, noch zu bleiben, aber er schttelte den Kopf.
+
+Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen, sagte sie; wenn Sie
+heute keine Zeit haben, kommen Sie nchsten Donnerstag um fnf Uhr.
+
+Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wre nun
+am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
+stille Mann fing an, ihm zu gefallen.
+
+Was machen Sie eigentlich in Wien? fragte Hanka auf der Strae.
+
+Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
+Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.
+
+Hanka machte groe Augen. Um Himmelswillen, sagte er, das ist doch
+eine Donquichoterie.
+
+Was heit das?
+
+Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
+Windmhlen zu kmpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. brigens,
+ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Er sah Arnold verstohlen von der
+Seite an und wute nicht, ob er ihn nrrisch oder bewundernswert finden
+sollte.
+
+Arnold verdro jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
+war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nchsten
+Straenecke verabschiedete er sich daher kurz und brsk.
+
+Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
+und blickte regungslos an die Decke.
+
+Schlfst du, Beate? fragte Hanka vterlich.
+
+Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Fen unter dem Kleid
+strampelnd: Ich langweile mich, ich langweile mich.
+
+Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte ghnend die Arme und
+hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlssigen Umarmung. Auf den
+ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
+sie sich um und sa bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
+im Wagen. Er sollte ihr erzhlen, und berichtete von Natalie. Whrend er
+umstndlich und etwas grbelnd seine Gedanken ausdrckte, verschlang
+Beate mit den Blicken die Leute der Strae und bemerkte nicht, da Hanka
+mit spttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
+sagte er sich, legte ein Bein ber das andere und blies den Rauch seiner
+Zigarre mit der Vershnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
+Frhlingsluft. Beate schmiegte sich nher an ihn, als lge ihr daran,
+sich dankbar zu erweisen und sann in unergrndlicher Schlauheit nach
+Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
+formlos, denn sie hatte mehr Wnsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
+Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
+selbst im Schlaf berzogen. Um Beschftigung zu haben, spann sie Rnke
+gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
+erzhlte sie erfundene Trume, streute sie Verleumdungen ber Personen
+aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, da sie im
+Gartenhuschen eine Katze an den Beinen aufgehngt hatte. Hanka machte
+ihr Vorwrfe. Whrend er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
+sie ihn und bi ihn ins Ohr. Hanka ri die Augen auf, ertappte ihren von
+Ungeduld, ja von Ha glhenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
+wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
+bltterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
+ihr fern. Ihr war alles in solcher Nhe, da ihr Geist nicht zum
+Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
+sehen.
+
+Hanka freilich fhlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
+mglich. Glcklich sein hie fr ihn, unabhngig sein und jeden Zustand
+des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu knnen. Da er so nach
+Sicherheit im Innern strebte, gab er nach auen Verllichkeit, eine
+Eigenschaft, worauf die Unverllichsten am meisten bauen und die sie am
+schnellsten entdecken.
+
+In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
+Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
+sttzte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
+ihm so fremd in seinem Schlaf, da er einen leichten Schrecken
+versprte. Die krampfhaft verschlossenen Lider lieen die dunkeln
+Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewlbte Stirn war
+feucht, die weien Schlfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
+bewegten sich in unhrbaren Worten, welche vielleicht den Zgen ihren
+verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berhrte ihre Schulter,
+um sie von dem qulenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
+hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
+prete und ihren Krper fest an ihn schmiegte. Ach Alexander,
+flsterte sie mit gebrochener Stimme, du mut mir etwas kaufen. Willst
+du?
+
+Sie wnschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
+gesehen. Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst,
+sagte sie.
+
+Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
+entstand in ihm. Grnde der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
+aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
+Prfung ihrer harrte. Dennoch schlo er Beate in alle Betrachtungen als
+das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
+das sich ihm aufbewahrt. Da er selbst es gewesen, der in einer Handlung
+von dunkler Kraft schon so frhe ihre Zukunft mit der seinen verknpft,
+das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
+und Pottgieer bei Anna Borromeo.
+
+Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Brsen-Agent
+war drauen, der sie zu sprechen wnschte. Pottgieer sprach von einer
+groen Gesellschaft, die demnchst in seinem Hause stattfinden sollte
+und lud Arnold ein.
+
+Anna Borromeo kam zurck. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
+heuchlerischer Lebhaftigkeit: Ich hre eben, da es im Parlament morgen
+eine Interpellation ber den Fall Elasser gibt. Das ist doch was fr
+dich, Arnold.
+
+Ich wei es, erwiderte Arnold. Ich habe den Abgeordneten unseres
+Bezirks dazu veranlat.
+
+Hyrtl und Pottgieer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.
+
+Da knnen Sie einen netten Skandal erleben, bemerkte Pottgieer, indem
+sich sein Gesicht verfinsterte. Wozu mischen Sie sich eigentlich da
+hinein? wandte er sich an Arnold. Die Juden sollen ihre Geschfte
+selber austragen.
+
+Sie sind doch auch ein Jude, entgegnete Arnold verwundert und ma ihn
+von oben bis unten. Gestern erst hat mir's jemand erzhlt, zufllig.
+
+Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
+Lippen.
+
+Ich _war_ ein Jude, versetzte Pottgieer scharf, und ich hatte
+innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das. Er lachte
+halb spttisch, halb verlegen.
+
+Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
+der Nhe der Tre stand, drckte ihm Hyrtl mit befremdlicher
+Herzlichkeit die Hand und sagte: Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
+zu mir. Ich langweile mich so. Nichts konnte ehrlicher klingen als
+diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn gro an und lchelte
+freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.
+
+Er erwartete mit Ungeduld den nchsten Morgen. Als er im Zuhrerraum des
+Parlaments sa, war es unten noch leer. Langsam fllten sich die Reihen,
+auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
+Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schnheit des
+Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
+Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
+Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
+Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geisteserttung, des
+belwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
+verzerrt. Indessen begngte sich Arnold mit dem Bewutsein, da sich die
+Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
+das seine Richter und Vter kennen zu lernen wnschte; es sei also
+besser zu hren, als zu sehen und ntzlicher zu warten als zu urteilen.
+Erst mu man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
+Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
+wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
+nmlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betubender Lrm,
+der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
+gestikulierten und brllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
+lachen und zu brllen, stiegen auf die Bnke und schmhten gegen die
+Juden und dergleichen. Die Parteignger gaben ihre Sache natrlich nicht
+auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
+zu Wort; er redete aber schlecht, stie mit der Zunge an und ging um die
+eigentliche Sache feig herum. Niemand kmmerte sich um das, was er
+sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewsch erhob sich johlendes
+Gelchter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
+und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so da ein richtiges
+Wort gar nicht mehr herausdrang.
+
+Pltzlich lutete der Prsident, verkndigte den Schlu der Debatte,
+und es wurde von etwas anderm gesprochen.
+
+Arnold schaute sich um, als ob er trume. Er hatte Lust,
+hinunterzuschreien und erhob unwillkrlich die Faust. Das ist ja
+heillos, was die da treiben, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
+ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn hhnisch anstarrte.
+
+Er sprang auf, verlie die Tribne, lief durch Treppen und Gnge
+hinunter, kam in eine prchtige, mit Sulen geschmckte Halle, wo
+pltzlich ein junger, gewhlt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
+gestreckten Hnden und dem Ausdruck hchster berraschung Arnold!
+rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
+waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, da er leer nachdenkend in
+das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Klte
+unangenehm berhrt, lie sich aber nichts merken, stellte Fragen ber
+Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
+Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
+Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Strae
+dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.
+
+Er sa zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
+rufen lie. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
+weies, loses Gewand, welches ber die Fe hinweg seitlich zur Erde
+fiel. Den Kopf hatte sie hintbergesenkt und die Augen geschlossen.
+Langsam ffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
+dem Arm, nher zu kommen. Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold,
+begann sie mit ruhiger Stimme. Willst du mir aus einer groen
+Verlegenheit helfen? Sie sttzte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
+und sah ihn erwartungsvoll an.
+
+Was ist es? fragte Arnold.
+
+Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
+aufrecht mit untergeschlagenen Armen. Ich brauche nicht allein einen
+Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer, sagte sie. Nun das
+bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
+nicht Platz?
+
+Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. Erst mu ich
+wissen, was es ist, sagte er khl.
+
+Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch, sagte die Frau und sah ihm
+starr in die Augen.
+
+Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel, rief er aus. So viel
+hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.
+
+Ich habe eine drckende Brsenschuld. Ich habe unglcklich spekuliert.
+Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natrlich kein
+Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir's zurckgeben.
+
+Ah so! sagte Arnold.
+
+In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand, fuhr Anna fort.
+Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschrnkten Armen, auf und
+ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weie
+Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
+er sich, trat zum Tisch, ri ein Blatt aus dem Anweisungsbuch fr die
+Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.
+
+Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
+Zimmer angelangt, ffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
+einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Von den Bchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschftigte, machten
+die juristischen einen groen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
+Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht
+und von einer glatten Strae sah er sich bisweilen in eine Wildnis
+verschlagen. Er erkannte dann stets, da es gefhrlich sei, den Weg
+fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse
+Ermdung verknpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
+Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im
+fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmhlich wurde es ihm schwer, die
+Ordnung zu bewahren, nach auen und nach innen. Er wute nicht, ob das
+Leere wirklich leer sei und das Unverstndliche nur ihm allein
+unverstndlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,
+um mit Geringschtzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu
+vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in
+dunklen Nchten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
+scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so
+geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien
+leicht, das Leichte unberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schlo er
+vorlufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, da keine
+fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.
+
+Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das
+Farbig-Tuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mitrauen, auch
+wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
+ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu wrdigen
+vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen
+abfragte.
+
+Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu
+pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun
+in kalter Nhe und Trockenheit. Was Geschwtz und Schiefheit war, mute
+abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lge, Hader und Tuschung;
+oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Gterverteilung. Eine
+Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er
+wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur
+Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.
+Pforten, denen Licht entstrahlte, ffneten sich, durch eine Formel
+gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
+natrliche Lage zurckkehrt, so erschlaffte weder, noch berspannte sich
+sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er berschtzte das Licht; er
+berschtzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,
+der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach auen verwendet.
+
+Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei
+Pottgieer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der
+Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.
+
+Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfltig
+rasiert und frisiert, lchelnd und liebenswrdig. Er schilderte alsbald
+das Leben, das er jetzt fhrte, und mit innerer Unsicherheit versuchte
+er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang
+zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trgt, kann er
+nicht gut verbergen, da seine Hand von der berquellenden Flssigkeit
+benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,
+weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
+Schullehrer geworden sei, der so groen Jammer mit dem Elend des Volkes
+empfunden hatte.
+
+Sie scheinen viel zu lesen, bemerkte Specht, auf die zahlreichen
+Bcher blickend, die auf dem Tisch lagen. brigens kann ich Ihnen einen
+Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch
+leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.
+
+Arnold schttelte den Kopf. Ich brauch' das nicht, erwiderte er
+abwehrend. Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les' ich nicht.
+In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.
+
+Specht meckerte. Kstlich, sagte er.
+
+Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung? fragte Arnold.
+
+O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich
+sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
+von denen ich mir frher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe
+trumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Grostadt.
+
+Ja, das haben Sie immer behauptet.
+
+Und finden Sie das nicht?
+
+Es ist mir zu viel, vorlufig. Ich mu mich erst hineinleben.
+
+Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergngen ins andere. Kostet
+aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,
+Arnold! Er schnalzte mit der Zunge. Ich brauchte nur einen reichen
+Verwandten oder Freund, fuhr er fort, und ich wrde es bis zum
+Minister bringen.
+
+Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.
+
+Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;
+er habe was auf dem Herzen, fgte er hastig hinzu.
+
+Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Strae in einen eleganten
+Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem mu
+es gut gehen.
+
+Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold
+am Pottgieerschen Abend teilnehmen wrde. Arnold bejahte. Dieser Abend
+stellte sich ihm nicht als Vergngen dar, sondern er betrachtete ihn
+ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.
+
+Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer
+seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fuspitzen. Anna
+sa lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Frulein kmmte ihr
+das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.
+
+Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich? fragte Frau Borromeo sanft.
+Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh, wandte sie sich an das Frulein
+und klopfte ungeduldig mit dem Fu auf den Boden.
+
+Ich wollte dich nur verstndigen, Anna, da es mir unmglich ist, zu
+Pottgieer zu gehen, sagte der Doktor.
+
+Berufspflichten? spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdru
+zu zeigen. Dann wird mir nichts brig bleiben als ohne dich zu gehen,
+fgte sie kalt hinzu.
+
+Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er
+stand wie ein untertniger Auftragnehmer an der Tre.
+
+Dein Neffe wird mich fhren, denke ich, sagte Anna stirnrunzelnd.
+
+Der Doktor bejahte.
+
+Er zeigt berhaupt glnzende Talente zum Gesellschaftsmenschen, fuhr
+sie fort. Ich mu gestehen, da ich nach deiner Schilderung etwas
+anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstrmer erwartet und sehe
+nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen
+versteht.
+
+Das Frisierfrulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann
+langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. Ich habe
+keinerlei Verantwortung dafr bernommen, bis zu welchem Grade du dich
+an Arnold amsieren kannst, sagte er endlich. Wenn du an ihm nicht
+mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
+Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbrmlicher, als wenn wir auf
+etwas herunterzublicken glauben, was hoch ber uns steht.
+
+Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verstndig genug, um einzusehen,
+da sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war
+anteilvoller, als sie rasch erwiderte: Ganz gut; nehmen wir an, er ist
+das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so
+erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere
+Kreise versetzt wird, mte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht
+den Eindruck, als ob ihn alles kalt liee. Er lchelt und schaut und
+schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.
+Warum hre ich nichts von ihm, was mir Aufschlu gibt? Warum tut er
+nichts, was mir imponiert?
+
+Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren bla, der
+Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
+leugnen. Sie hate, weil sie zu lieben sich frchtete.
+
+Lassen wir es, sagte Borromeo verdrielich und wehrte mit der Hand ab.
+
+Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenber angenommen, sagte Anna.
+Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem ber den Kopf wchst.
+
+Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. Du hast recht, begann er
+sachlich, aber wrde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen wrde,
+worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von
+nicht so hoher Bedeutung wrde das tun, was du von Arnold erwartest. Er
+wrde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
+Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu
+erwarten, was die Natur in ihm erschafft --
+
+Er hielt inne, als er das unglubige Lcheln Annas bemerkte, schob mit
+einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verlie das
+Zimmer.
+
+Anna Borromeo lutete dem Zimmermdchen, welches ber eine Stunde um sie
+beschftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam
+auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.
+
+Das Haus, welches Pottgieer bewohnte, war eine Sehenswrdigkeit.
+Marmorbelegte Fluren fhrten zu den Empfangsrumen. Die Sle waren so
+hochgebaut und luftvoll, da auch die gedrngteste Versammlung ihnen
+nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstnde,
+Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Flle.
+
+Arnold gewahrte Natalie und begrte sie. Sie war in hellgrnem
+Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war
+bezaubernd, sie lcheln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
+bewundere. Whrend sie an Arnolds Seite ging, grte sie die Grenden,
+schelmisch beschmt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,
+jedermanns Erlebnisse wute sie zu erzhlen. Da war eine junge Frau,
+sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es fr
+unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde
+der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten
+und im vierten auch nicht. Groer Familienrat; aber der Storch ist
+beleidigt und der Sprling hlt es jetzt nicht mehr fr vornehm,
+geboren zu werden.
+
+Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzhlung.
+
+Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, -- ist es nicht
+unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster
+gestrzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.
+Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbrtige und vollbackige
+Herr hat groe Unterschlagungen verbt und nur seine herzlichen
+Beziehungen zur Grfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschtzt.
+Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu, flsterte Natalie, und
+Vergngen und Wohlwollen frbte ihr Gesicht. Sie naschen von jedem
+Tisch und sind berall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen
+erzhlen. Es ist sehr hbsch hier, nicht wahr? So plauderte Natalie.
+
+Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie
+mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, da sie sich gttlich unterhalte.
+Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und
+Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich
+selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoen; sie
+geno mit, wo sie sich schwchlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
+einmal entbehren zu knnen, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so da
+sie nur die Lippen ffnen brauchte.
+
+Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, sa auch bei Tisch neben ihr.
+Eine merkwrdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz
+bestand, die Dinge von der gnstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah
+Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, da
+sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schnheit,
+sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge
+biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fhlte sich ber seine
+Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte
+Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefhl, mit so
+vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck
+gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,
+und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
+gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreien
+war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern bertnt werden
+mute.
+
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Natalies halb entblte Brust, ihre entblten Schultern zogen seinen
+Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
+fr eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.
+
+Petra ist kopfhngerisch, sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstck
+auf ihrem Teller. Soll ich Ihnen etwas anvertrauen? Doch sofort wandte
+sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.
+
+Arnold sah zwischen zwei Blumenbschen ein sehr schnes Frauengesicht.
+Er schaute unbeweglich lchelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
+ihm. Was wollen Sie mir anvertrauen? fragte er Natalie. Natalie drehte
+sich wieder zu ihm. Richtig, sagte sie leise und mit einer heiteren
+Wendung des Kopfes. Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
+Sie darber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
+mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube? sagte sie dann in
+verndertem Ton. Ich glaube, da nicht leicht zwei Menschen so gut
+geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.
+
+Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
+umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
+unbekmmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
+die ihm sonst keineswegs eigen war: Freundschaft mu man sich
+erwerben.
+
+Natalie zuckte unter seiner Berhrung zusammen. Dann lachte sie und
+antwortete: Es gehrt auch Talent zur Freundschaft. Man mu Opfer
+bringen knnen. Welches Opfer knnten Sie mir zum Beispiel bringen? Und
+da er etwas verblfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
+Wrden Sie mir die Hlfte Ihres Vermgens schenken? Nein? Oder
+hunderttausend Gulden? Nein? Oder fnftausend? Sie sehen, ich lasse mit
+mir handeln. Ach, schlo sie wehleidig, was hngt alles am Gelde! Wenn
+Sie ahnten, was ich fr Kummer habe, lieber Freund.
+
+Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man mu deutlicher mit ihm sein,
+dachte sie; er ist einfltig wie eine Kchin. Wahrhaftig, mit ein paar
+tausend Gulden wre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
+nicht wieder zu versetzen.
+
+Ach, ich bin so froh gelaunt heute, rief Natalie laut, indem sie sich
+ein wenig dehnte, ich knnte die ganze Welt kssen.
+
+Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
+wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprgen. Sie sind wie ein Kind,
+sagte er. In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
+aber ...
+
+Was? Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil ber sie selbst, auch das
+vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. Nun,
+und in der andern?
+
+Etwas Giftiges.
+
+Man hrte die Stimme des Doktor Bernay: Gebt uns reinen Boden, Luft,
+Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.
+
+Alle erhoben sich. Der alte Rousseau-Schwindel, sagte ein Herr mit
+langen, weien Haaren.
+
+Bernay trat vor den wrdigen Herrn; Rousseau! Was fr ein
+Miverstndnis! rief er. Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
+phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Mnner. Immer hrt man von der
+Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Mnnerfrage
+zu reden.
+
+Ein verdrieliches Schweigen entstand. Gleichgltig wandte Arnold der
+Gruppe den Rcken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
+Von allen Seiten hrte er nichts weiter als Geschwtz.
+
+Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgieer in Spalato
+gekauft hat? hrte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
+sagen. Fabelhaft? was?
+
+Halten Sie sie fr echt? antwortete der zweite.
+
+Pottgieer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
+sechzehntausend Gulden gekostet, der Spa.
+
+Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehrt, wie Hyrtl von diesem
+Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
+wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis auf den Zahn zu
+fhlen, wie er sich ausdrckte, denn was sich nicht unter seine
+Begriffe von Welt und Leben bringen lie, das beklffte er in aller
+Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus ber Aktien,
+Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzhlte schlielich Geschichten
+eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhrte, je abenteuerlicher
+wurden die Vorflle und je hher stieg er in Osterburgs Achtung.
+
+Pottgieer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
+Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
+sich neben den Flgel, als die ersten Takte ertnten. Zuerst beobachtete
+er nur die Finger der Spielerin, dann lie er einen prfenden, immer
+mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dmmeriges, Verblasenes ging
+von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
+dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschfte und
+Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
+eines eiferschtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
+eine sliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lcheln, in den
+Augen schwle Trumerei und ein ungesunder Glanz.
+
+Whrend die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stck begann,
+verlie Arnold das Musikzimmer. Er berschritt einen gepflasterten
+Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
+junges Mdchen in friedlichem Gesprch. Er ging weiter und kam alsbald
+in ein kleines, rondellfrmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
+die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
+stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschpf aus einer
+Mrchenwelt vor sich zu sehen, mrchenhaft belebt, in mrchenhafter
+Nacktheit. Aber als er sich berzeugt hatte, da es ein Stein war, der
+in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein khles
+Befremden. Unwillkrlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
+Arm der Statue nach, die gttlich-kalte und ungerhrte Neigung des
+Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
+geklrt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
+und erst das Werk zum Wirkenden werden lieen. Das ist schn, dachte
+Arnold, das gefllt mir.
+
+Er kehrte zur Gesellschaft zurck. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
+hatte ihn gesucht. Schweigend sa er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
+vor und drckte beide Hnde an die Augen.
+
+Hte dich vor dieser Natalie, sagte sie pltzlich. Es ist kein wahrer
+Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.
+
+Sie ist nicht schlechter als andere, gab Arnold khl zurck. Ihr seid
+alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.
+
+Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
+forschend ins Gesicht.
+
+
+
+
+Dreiigstes Kapitel
+
+
+Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
+ersten Wirkungskreis erffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
+geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
+durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
+ungefhr fnfhundert. Dabei wurden seine Bedrfnisse mit jeder Woche
+grer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreien, in welchem er
+verstrickt war, tglich geringer. Er geriet in schwierige Verhltnisse
+und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
+den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
+Abenteuerlichkeiten aller Art muten vorhalten, um ein im Grunde
+erbrmliches Dasein fortzufhren.
+
+Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
+und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
+Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
+jetziges Leben fr alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
+bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
+gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
+hatten ihn die berlegungen der dazwischen liegenden Tage gestrkt, und
+er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
+als Darlehen.
+
+Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er go ein Glas Wasser aus
+der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.
+
+Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.
+
+Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. Es ist ein
+Freundschaftsdienst, sagte er lchelnd.
+
+Arnold nickte. Ich habe nicht so viel zu Hause, erwiderte er. Morgen
+will ich es Ihnen schicken. Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
+erschien ihm neu und fremd, vllig verndert gegen frher. Wangen und
+Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behbiger, trotzdem die modische
+Kleidung ungnstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
+Podolin mit dem geschmeidigen, wnschevollen, verstrten, khlen und
+trunkenen Mann verglich, der vor ihm sa, suchte er nach den Ursachen
+einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Krfte schienen
+zerstrt in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
+einem Tanz teilnimmt, teilnehmen mu, und der mit allen Zeichen der
+Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht wei, was
+mit ihm vorgeht.
+
+Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
+Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
+erstenmal bei einem Shakespeareschen Stck gewesen und hatte einen
+tiefen Eindruck gewonnen.
+
+Es wurde ein neues Stck aufgefhrt, welches in andern Stdten schon
+groen Beifall erlangt hatte. Specht sa als berlegener Mann da. Die
+zwei ersten Akte waren vorber, und brausendes Hndeklatschen begann.
+Ein glnzendes Stck, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grte
+einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
+auf, ihn zu begleiten, und sie schritten drauen im teppichbelegten
+Wandelgang auf und ab. Wie gefllt es Ihnen? fragte Specht etwas
+gnnerhaft.
+
+Ich finde es vollkommen sinnlos, erwiderte Arnold.
+
+Sind Sie toll? rief Maxim Specht verdutzt.
+
+Mu er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
+zugrunde geht? fuhr Arnold unbeirrt fort. Oder vielmehr, warum geht er
+durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
+wahr, ist lauter verlogenes Zeug.
+
+Aber begreifen Sie denn nicht, entgegnete Specht ironisch und
+nachsichtig, der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
+ideale Liebe zugrunde gehen mu, wenn einmal das Innere seiner Seele
+krank oder angefault ist.
+
+Gewi versteh ich das, sagte Arnold ruhig. Aber an einem solchen
+Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heit denn das
+zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?
+
+Spechts Gesicht wurde immer lnger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
+schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Pltze
+zurckzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentre traten und die
+vier, einander betrachtend, sich gegenberstanden. Beate verlor nur eine
+Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
+Mnnern die Hand. Specht lie kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
+welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
+Arme und die Wlbung der Brste freilie. Gelangweilt vorbeischleichende
+Mnner hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
+freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
+Wand, von Gesicht zu Gesicht.
+
+Mich langweilt dieses schlechte Stck, sagte Hanka humoristisch
+gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
+und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.
+
+Wir mssen uns sputen, es fngt an, drngte Beate. Weit du was,
+Alexander, rief sie pltzlich, wir wollen vor unserer Abreise noch
+einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
+essen ...
+
+Sehr gut; aber Sie knnen auch sonst einmal zu einem Plauderstndchen
+kommen, sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.
+
+Arnold nickte. Er fhlte auf einmal eine groe Zuneigung zu Hanka.
+
+Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Hhle verschwunden.
+Specht blickte auf die Tr, durch die Beate gegangen war. Haben Sie die
+Schultern gesehen? murmelte er Arnold zu; und das Gesicht? Sie sieht
+aus wie eine Prinzessin.
+
+Noch ein letzter Gast kam aus einem der Auenrume, Hyrtl. Specht
+stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, da alle drei nach dem
+Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.
+
+
+
+
+Einunddreiigstes Kapitel
+
+
+Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
+Stadt kannte und ihm die Erzhlung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
+widerwillig, so doch ohne Entstellung, besttigt worden war, hatte er
+nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
+Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
+Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anla, Arnold vor
+andern zu erheben, und was er wute, andern mitzuteilen, verschnt durch
+edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
+schmckte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
+anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
+sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.
+
+Als der Diener die Tr von Hyrtls Wohnung ffnete, sprang ein kleiner
+gelber Hund zur Begrung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
+Arten und Gren von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
+standen in roten, grnen, blauen und gelben Flschchen Essenzen und
+Wohlgerche, auf dem Schreibtisch lagen in gewhlter Ordentlichkeit
+Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhngsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
+allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
+Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bcherkasten gegenber stand
+eine kleine, uralte Zimmerorgel.
+
+In Hyrtls blassen Zgen zitterte schon jetzt die Angst, da die Gste
+ihn zu frh verlassen knnten, denn wie sehr frchtete er die einsamen
+Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berckendes
+und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
+vorrckte. Hilfsbedrftig klammerte er sich an jedes Lcheln seiner
+Gste.
+
+Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
+Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
+spielte eine choralhnliche Folge von Akkorden.
+
+Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: Ich
+mchte Sie nchstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
+russischen Studentin.
+
+Aus welchem Grund?
+
+Ihr beide wrdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
+Freude, Menschen zueinander zu fhren, Schicksale zu erzeugen.
+
+Die reine Alchimisterei, spottete Specht.
+
+Nein wirklich, beharrte Hyrtl, Verena Hoffmann wrde Ihnen gefallen.
+
+Verena Hoffmann? rief Specht. Die kenn' ich ja. Lebt die nicht mit
+einem gewissen Tetzner?
+
+Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhltnis.
+
+Specht lachte. Hat sie's Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
+heit denn das? Soll brigens sehr reich sein, dieser Tetzner.
+
+Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
+Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd' ich Sie morgen mit dem Wagen
+abholen und wir fahren zu Verena.
+
+Arnold nickte.
+
+Gehen Sie schon? fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
+machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fgte er
+hinzu: Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmrder zur Gesellschaft
+haben als allein sein.
+
+Warum arbeiten Sie nicht? fragte Arnold hart.
+
+Hyrtl zuckte die Achseln. Ich kann nichts, antwortete er. Ich war
+Kaufmann, aber ich htte ebensogut Strmpfe stopfen knnen. Ich wrde ja
+nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
+genug hinterlassen, da ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
+in Gemtsruhe erledige.
+
+Was heit das?
+
+Das heit, da ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.
+
+Als seine Gste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
+trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
+tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
+einen Ruf zusammenklang: wir knnen dir nicht helfen. Er griff zu
+medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
+Lexika, zu alten Zeitungen; schlielich ffnete er ein Fach seines
+Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
+Art Tagebuch, das die oberflchlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
+und einen Widerklang der eitlen, leeren, rmlichen und empfindsamen
+Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
+Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
+Freunden und hielt es geheim. Das Schlo, hinter dem es lag, zeigte
+dreifachen Verschlu und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
+Feder nach.
+
+Hyrtls Gesicht war md und welk geworden. Er kleidete sich aus, wlzte
+sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
+das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.
+
+
+
+
+Verena
+
+
+Zweiunddreiigstes Kapitel
+
+
+Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
+Hoffmanns gefahren. Das Frulein hatte sie ziemlich khl empfangen und
+Arnold merkte gleich, da es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
+gerhmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
+beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.
+
+Durch einen scheinbar unerklrlichen Ansto begann Arnold sich pltzlich
+abzuschlieen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugnglich fr
+jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
+teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
+oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
+Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
+seinen Geist in unaufhrliche Beschftigung versetzten und den Stunden
+der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mhe? dachte er
+bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vgel am Horizont flogen, --
+wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
+eines Freundes zu genieen.
+
+Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
+versprechen schien und deren Widerhall nicht erlschen wollte.
+
+Eines Nachmittags entschlo er sich pltzlich, Verena Hoffmann
+aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstr stand, zgerte er eine Weile,
+bevor er auf den elektrischen Knopf drckte. Als es lutete, hatte er
+das Gefhl, ber seine Zukunft entschieden zu haben.
+
+Verena selbst ffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hie
+ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich groes Zimmer; es schien
+ihm, als she er es zum erstenmal. berall lagen Bcher umher, an den
+Wnden, auf dem Tisch, auf Bett und Sthlen und auf dem Boden. In einem
+Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
+kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
+Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
+Flaschen, zwei Krautkpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
+dieses mit Verwunderung und mute schlielich lcheln. Das junge Mdchen
+schaute halb gespannt, halb verdrielich in sein Gesicht, das auf sie
+einen Eindruck von Vierschrtigkeit und Hausbackenheit machte. Womit
+kann ich dienen? fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
+etwas auslndischer Betonung.
+
+Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,
+antwortete Arnold unbefangen. Ich heie Ansorge, Arnold Ansorge.
+
+Verena machte groe Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
+belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
+setzte sich ebenfalls.
+
+Ich dachte mir gleich, begann Arnold zutraulich, da Sie fragen
+wrden, warum ich kme und da ich nicht antworten knnte. Ich will
+einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, da wir schon lange bekannt
+wren und da Sie mich heute erwartet htten.
+
+Das junge Mdchen wendete mechanisch die Bltter eines Buches um, das
+auf dem Tisch lag. Wenn ich Ihnen jetzt antworten wrde, wie Sie es
+wnschen, sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
+geneigt war, dann wrde ich Sie belgen. Ich wei nicht, was Sie gerade
+hierher treibt; vielleicht ein Straeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
+sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir ntzt, kann ich in
+mein Leben aufnehmen.
+
+Arnolds Gesicht rtete sich. Da fhren Sie aber ein trauriges Leben,
+entgegnete er schnell.
+
+Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
+gegen die berall verstreuten Bcher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
+in Errterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
+Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berhrte zerstreut einige
+Gegenstnde mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
+Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.
+
+Was studieren Sie eigentlich? fragte Arnold.
+
+Medizin.
+
+Medizin, wiederholte er. Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
+greifen. Er machte eine Bewegung, als nhme er die ganze Medizin in die
+Hand. Da gibt es Arbeit, fuhr er fort, man wei, wo man anfangen und
+aufhren soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.
+
+Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, nderte sich der Ausdruck von
+Verenas Gesicht. Das allein gengt nicht, antwortete sie mit Wrme.
+Die Arbeit gengt nicht und das Ziel gengt nicht. Was ist Arbeit ohne
+innere Freude und Ziel ohne Persnlichkeit! Darum handelt sich's.
+
+Das Gerusch eines auf den Steinflieen der Treppe Schlrfenden wurde
+hrbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
+Seufzen und Schnauben, dann klopfte es drauen und Verena ging, um zu
+ffnen.
+
+Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: Herr
+Tetzner, Herr Ansorge.
+
+Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
+auerordentlich groe Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
+Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
+schwollen frmlich aus dem Bart heraus, der in der Dmmerbeleuchtung
+schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.
+
+Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
+und lachte gutmtig.
+
+Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
+und sagte mit freundlich-ernstem Lcheln: Ich hoffe, Sie
+wiederzusehen. In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.
+
+
+
+
+Dreiunddreiigstes Kapitel
+
+
+Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Ttigkeit, deren
+bloe Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
+bemht gewesen war. Er begriff endlich, da die Flle ihn verwirrt, die
+Vielfltigkeit zerstreut hatte, und er beschlo, dem nchsten, praktisch
+ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.
+
+Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.
+
+Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fcher, deren Kenntnis
+zur Abiturialprfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
+erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen muten. In der
+Universitt wies man ihn da- und dorthin. Schlielich nahm er einen
+Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
+hatte nennen hren. Der Mann war mrrisch und kalt. Doch Arnolds
+bestimmtes Auftreten und Fragen schchterten ihn ein; er gab Auskunft
+wie ein aus dem Schlaf geweckter Schler. Arnold notierte; seine heitere
+Liebenswrdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn fr den
+Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
+keinen fett, der Andrang sei gro und die Brste der Alma mater seien
+schlaff geworden. Arnold verstand den Schmlenden nicht. Ich bin nicht
+hungrig, sagte er kurz, dankte und entfernte sich.
+
+Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
+Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
+in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
+Adresse beim Pedell der Universitt. Am nchsten Morgen schon ging es
+treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Mnner mit leidenden und
+dstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
+Schau, eine Unterwrfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
+pate. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
+die groe Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
+oder fnfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mhe, ihre
+Eifersucht und Vordringlichkeit zu zhmen. Jeder wollte der erste sein,
+und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
+verdrngen zu knnen, sondern durch die grere Niedrigkeit des Preises
+seiner Dienste. Von Einem zum Nchsten wurde Arnold unentschlossener.
+Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stie ihn wieder ein gewisser
+dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Zge vor
+ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
+troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumstnden, ihrer
+Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschft als
+abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getuscht wurden,
+das ihm frivol erschien. Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
+treiben, meinte einer hhnisch, dafr bleibt mir Zeit, wenn andere bei
+der Tafel sitzen. Arnold schwieg, berlegte, dann sagte er, da er eben
+jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstnde, und das mu ihm
+ebenso natrlich sein, wie mir, zu fragen.
+
+Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
+keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
+brigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
+ungesundes Mitleid einzubohren und betrbende Verhltnisse entweder als
+etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
+zu verwirren. Ihm war es klar geworden, da eine geregelte Ttigkeit,
+die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrhte Tat.
+
+Er beschlo sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
+geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
+schnste Mue; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
+Prozeangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
+zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
+begngte sich mit dem kleinen Himmelsstck zwischen den Dchern und mit
+den kurzen Vogelschreien, die ber die Strae hallten.
+
+Verena Hoffmann antwortete ihm unverzglich, sie wisse einen geeigneten
+Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
+Hyrtl zusammen gewesen, fgte sie hinzu; er erzhlte mir, da die Rede
+darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
+Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch mchte ich
+Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
+Geschwtz sein, so htte ich den Mann unterschtzt, der so etwas fr
+ein kurzes Gesprch erfindet. Die Schrift war fein und rundlich, genau
+wie Verenas Hals und Hnde.
+
+Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was knnte
+Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
+hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
+Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
+Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstckchen und
+sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufri: Gott sei Dank, da
+Sie zu Hause sind. Ich wre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
+htte. Sie mssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
+Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
+gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
+ging ziemlich hoch. Bis heute abend mu ich -- Sie begreifen, Arnold, --
+meine Ehre -- Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
+Gesicht lie ihn nicht das Beste hoffen.
+
+Arnold schttelte den Kopf. Nein, lieber Specht, sagte er, nein.
+
+Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen
+Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. Sie wollen grausam
+sein, Liebster, flsterte er mit gezwungenem Lcheln und einem Versuch,
+liebenswrdig-beredt zu erscheinen, aber man straft sich selbst, wenn
+man seine Freunde verlt. Sie sind reich genug, um dieses Smmchen
+durch die Finger zu blasen, ich aber --, er wollte nach der Uhr sehen,
+zog aber die Hand zurck -- wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur
+noch eine Pistole kaufen. Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen
+und fuhr damit um den Hals.
+
+Das sind nichtswrdige Dinge, die Sie da vorbringen, antwortete
+Arnold. Es ist so wenig Verstand darin, da ich gar nicht anfangen mag,
+Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr
+verspielen, als man hat. Das wre nicht ehrenhaft und knnte keine
+Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
+Geld an Ihre Stiefelsohlen hngen, damit es auf der Strae liegt. Ich
+glaube nmlich, mit Geld mu man Edles beginnen, damit es edel wird.
+
+Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den
+Reformator, klagte Specht mit einer mden Kopfbewegung, whrend seine
+Augen halb gehssig, halb verzweifelt blitzten. Ich mu nun doch fr
+das Geschehene einstehen. Theorien sind gut fr das Kommende. Sie sollen
+mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis
+meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefat, ich werde auch Frchte
+tragen.
+
+Arnold schmte sich fr Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese
+Reden mit Verachtung auf. Ein spttisches Lcheln lag um Spechts Lippen,
+offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und
+nicht gar zu mrbe zu erscheinen.
+
+Gut, sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch
+nachdenklichen Miene, ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf
+mich rechnen, mu ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
+Ihnen also das Geld geben.
+
+Spechts Gesicht wurde erst glhend rot, dann bla. Sind Sie nicht ein
+wenig ungerecht gegen mich? fragte er mit einem fast sichtbaren
+Aufatmen der Erleichterung. Htten wir nicht Grund und Fhigkeit genug,
+uns gegenseitig anzuschlieen, statt uns abzuwetzen? Wo Sigkeit sein
+sollte, ist immer Schrfe. Aufstehend und sich verabschiedend, fgte er
+hinzu: Wir beide sind bermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas
+reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns drauen
+sehen.
+
+Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand
+in der frhesten Frhe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine
+wunderbare Unermdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer tglich
+frische Klarheit ber das Notwendige erwirbt, mu tglich ber seine
+frischen Krfte verfgen.
+
+Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war
+er um die nchste Straenecke gebogen, so sah er vor sich eine groe
+Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein
+umgestrztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Pltzlich gewahrte er in einem
+der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
+Abendrte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des
+Wagens zurckgeschoben. Mit aufgeregter Neugier sphte sie nach dem
+Hindernis, und Arnold war sehr berrascht, als er an ihrer Seite nicht
+Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, nher
+hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder ber das Fenster.
+
+
+
+
+Vierunddreiigstes Kapitel
+
+
+Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs
+Herz.
+
+Ihm wre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so
+vertraut beisammen zu sehen, htte er nicht gewut, wie die beiden
+auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mute
+stehen bleiben, um seine berlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
+gerade Art wurde ihm gegenwrtig, ebenso wie Beates schlpfriges Wesen.
+Er fand sich aufs wunderlichste fr eine Sache verantwortlich, die ihn
+mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschftigte; mit schmerzlichem Zorn
+dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen
+Leben keine Wahrheit flo. Wie er sich auch stellen mochte, nichts
+konnte ihn seiner Unruhe entreien. Die Furcht des Irrtums lie ihm
+seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschlo irgendwie zu
+handeln.
+
+Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn
+bat, er mge gleich zu ihr kommen, sie wnsche ihn dringend zu sprechen.
+
+Er ging hin.
+
+Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschftigt. Wir
+ziehen morgen aufs Land, sagte sie und sah sich mit lachender
+Verzweiflung nach einem Stuhl um; berall lagen Kleider und Wsche. Es
+ist schon ein wenig spt im Jahr, aber ich freu' mich riesig auf Wlder,
+Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber
+jedenfalls reisen, denk' ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg?
+Das wre mrchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die
+Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem
+Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, da du dich
+bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die
+Vter so klug wren wie ihre Kinder, wrden sie keine haben.
+
+Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.
+
+Natalie erblate, griff sich an die Stirn und murmelte: Ach so!
+richtig! Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit
+tragischer Betonung: Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?
+
+Arnold blickte sie mitrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu
+schluchzen. Arnold rhrte sich nicht. Eine schne Geschichte, dachte er
+und runzelte die Stirn.
+
+Nein, ich kann nicht, ich kann nicht, sthnte Natalie, schlug die Hand
+vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.
+
+Also was ist denn los? fuhr Arnold rgerlich heraus.
+
+Ich kann nicht, wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber
+sogleich fort: Es handelt sich um eine Brgschaft, lieber Freund. Mein
+Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen
+morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus.
+Nchste Woche erwartet Osterburg groe Summen aus Amerika. Helfen Sie
+mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwre Ihnen beim Leben meiner
+Kinder, da Sie alles zurckerhalten sollen. Zeigen Sie mir, da ich
+einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglcklich! Und
+sie schluchzte weiter.
+
+Herrgott, dachte Arnold, fr die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er
+war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm
+sinnlos und widerwrtig.
+
+Ich werde Ihnen morgen frh eine Anweisung schicken, sagte er kalt.
+Aber schwren Sie nicht solche dumme Schwre.
+
+Es fehlte nicht viel, und Natalie htte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich
+nicht daran geglaubt und vergo nun echte Trnen. Dennoch bereute sie,
+da sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.
+
+Ihre verworrenen und berschwenglichen Danksagungen waren Arnold
+unbequem. Hren Sie einmal zu, Frau Natalie, unterbrach er sie, warum
+glauben Sie eigentlich, da zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit
+besteht?
+
+Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hnde
+zusammen und setzte sich ihm gegenber auf einen aufgerollten Teppich.
+Ich? erwiderte sie halb bestrzt, halb belustigt, ich htte so etwas
+gesagt? Wann denn?
+
+Sie haben es gesagt, beharrte Arnold. Wie ich das erstemal bei Ihnen
+war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben --
+
+Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?
+
+Ich mchte nicht mehr darber sagen, antwortete Arnold. Aber weil wir
+so darber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil
+wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, da der Doktor Hanka nicht
+wei, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es
+sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken mu.
+
+Natalies Stirn legte sich in bedchtige Falten und mit
+niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. Ich
+verstehe nicht, sagte sie aufgeregt. Was wissen Sie denn? Erzhlen Sie
+doch.
+
+Erzhlt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen,
+mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu
+wissen --
+
+Was fr verdrehte Ideen! rief Natalie aus. Und wenn er Sie dann vor
+die Tr setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, da er nichts wei?
+
+Das ist klar. Weil die Beate nicht so wre wie sie ist, wenn er was
+wte. Und weil sie berhaupt ein Lgenbeutel ist.
+
+Aber das alles ist mir ja riesig interessant, flsterte Natalie und
+sah Arnold mit naivem Entsetzen an. Machen Sie nur keine Dummheiten,
+ich bitte Sie. Glauben Sie denn, da die Welt auf Wahrheit gestellt
+ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wre, mten wir ja allesamt ins
+Gefngnis oder Gott wei wohin wandern.
+
+In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von groen
+Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und
+Leutseligkeit schttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er
+sich seit Wochen mit diesem Plan beschftigt htte: Herr Ansorge, Sie
+mssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mdchen fr Sie, ohne Spa,
+mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt,
+intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundstze, Ideale, wie das
+heute so blich ist. Breitbeinig stand er da, sah verstndnisinnig aus,
+schmatzte mit den Lippen und fchelte sich mit dem Taschentuch Khlung
+zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.
+
+Das einzige Hindernis wre, fuhr er fort, da sie eine Jdin ist.
+Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklrter Geist. Er ging mit
+groartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. Was geht uns
+berhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert
+sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brder. Wenn wir auch
+Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung,
+Herr Ansorge. Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.
+
+Bist du betrunken? fragte Natalie mit eisiger Ruhe.
+
+Osterburg wurde pltzlich kleinlaut. Ach, ach, seufzte er, frher
+war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid
+geworden.
+
+Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft
+von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser
+Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und
+Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.
+
+Am nchsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken
+versprochen hatte. Er hie Wolmut und war ein zarter Mensch von
+brschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen
+Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nchtern-Belehrendes, sein Betragen
+war gewandt und khl, aber Arnold sprte sofort, da dies der ihm
+notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann
+dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fhlte
+die Gegenwart einer tchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit
+Vergngen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas
+eine schriftliche Ermahnung kam, er mge den heutigen Abend nicht
+vergessen, da war fr ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trbe
+suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
+nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden,
+ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzgen schrieb er Anrede
+und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurck.
+Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.
+
+Es war ein heier Tag, Arnold wurde gelhmt durch die brtende,
+staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem
+Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Strae war es noch
+bler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn
+pltzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschlo, Verena
+Hoffmann aufzusuchen.
+
+Er lutete einige Male an der Tr und niemand rhrte sich drinnen. Als
+er sich enttuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am
+Fu der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick
+stehen und lchelte empor. Sie trug ein weies Leinwandkleid mit
+schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
+deren festen Druck er fest erwiderte, dann schlo sie auf, ging voran,
+warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke ber das noch
+ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und
+beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter
+Blick in die Nachbarhfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete:
+Zweihundertfnfzig Fenster.
+
+Arnold nickte. Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster? erwiderte
+er.
+
+Verena sagte, sie freue sich, da er gekommen sei.
+
+Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzhlt? fragte Arnold
+neugierig.
+
+Es ist die Geschichte mit dem Judenmdchen. Ist es wahr, war das
+wirklich der Anla fr Sie, Ihre Heimat zu verlassen?
+
+Ja, das ist wahr, murmelte er. Aber ich habe bis jetzt nichts
+erreicht, gar nichts. Es ist schndlich.
+
+Kennen Sie das Mdchen nher?
+
+Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein hliches
+kleines Ding.
+
+Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein
+tieferes Interesse fr ihn erweckt htte. Doch sprach sie nicht weiter
+von der Sache und dafr war Arnold ihr dankbar.
+
+Sie saen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold
+staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und
+er hatte das Gefhl, als berstrmten ihn Wohlgerche.
+
+Ist Wolmut zu Ihnen gekommen? fragte Verena endlich.
+
+Ja, er ist gekommen.
+
+Finden Sie ihn sympathisch?
+
+Sehr sympathisch.
+
+Er ist einer der ntzlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es
+sicher noch sehr weit bringen, das heit, soweit man es in diesem
+korrumpierten Land eben bringen kann.
+
+Weit bringen, das heit, ein groes Amt bekommen?
+
+Ja, ungefhr.
+
+So weit werd' ich's wohl nie bringen.
+
+Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen mtern.
+
+Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.
+
+Verena lachte. Aber die Idealisten knnen es noch weiter bringen als
+zu hohen mtern.
+
+Ach, dann bin ich vershnt.
+
+Ja, aber es gibt Gefahren.
+
+Gefahren?
+
+Die Idealisten drfen sich nicht verpflichten. Sie drfen keine
+anspruchsvollen Freundschaften haben.
+
+Wieso? Sie meinen, da man sparsam mit seinem Herzen sein mu.
+
+Vielleicht. Oder doch, da man das Herz nicht verschwenden soll.
+
+Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz
+nicht arm werden, soviel es auch gibt.
+
+Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich
+nmlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
+hat, dann wird es aufgebraucht.
+
+Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine
+Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.
+
+Aber wenn einer ein Ziel hat, dann mu er sein Herz bewahren, sonst ist
+er nichts wert.
+
+Pltzlich erhob sich Verena und sagte: Ich mu gehen. Ich mu zu
+Tetzner.
+
+Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner? fragte Arnold rasch.
+
+Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.
+
+Kaum hatten sie auf der Strae ein paar Schritte gemacht, als Tetzners
+Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. Wo steckst du,
+Verena? rief er; nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier
+gibt es die seltensten Schnpse der Welt und vieles andere, was sich
+sonst nur auf der Tafel des Grokhans der Bucharei findet. Kommen Sie.
+
+Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. Man hat schon wo anders
+fr mich gesorgt, entgegnete er lachend, aber vielleicht heben Sie mir
+etwas auf.
+
+Bravo, rief Tetzner und klatschte in die Hnde. Verena warf einen
+teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr
+gefiel. Fast ungestm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.
+
+
+
+
+Fnfunddreiigstes Kapitel
+
+
+In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, sa Hanka am Klavier
+und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate sa in der Ecke des mig
+groen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, bltterte
+in einem Photographiealbum und ghnte von Zeit zu Zeit. Diese Einladung
+war ganz unntig, sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
+einem Allegro, besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
+Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhflich und
+lt auf sich warten.
+
+Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
+schmatzte mit den Lippen und erwiderte: Wir wollten doch die beiden
+Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Da dein
+Freund Specht absagen wrde, konnte man ja nicht vermuten. brigens
+interessiert mich Ansorge viel mehr.
+
+Beate pendelte ungeduldig mit den Fen. Mich langweilt er, sagte sie.
+Ich langweile mich berhaupt. Wenn wir nur schon fort wren. Wie lang
+ist es noch bis morgen frh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
+du schlfst bei Tag und Nacht.
+
+Und zwischen einem Lcheln und einem Zhneknirschen fuhr sie fort: Hast
+du denn die Fahrkarten bestellt?
+
+Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka ber die
+Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
+war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
+seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch ersphte er fortwhrend
+Auflehnung in ihrem Innern. Fr eine Person wie Hanka ist die uerung
+einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; fr
+ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
+knnen. Wer dies, ihn verstehend, ermglichte, konnte ihn ganz besitzen.
+Es war ihm unwidersprechlich geworden, da Beate nicht sah, was sie
+htte sehen, nicht fhlte, was sie htte fhlen mssen, da ihre
+immerwhrende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
+Verdru machte oft die Ruhe seines Nachdenkens dster. Die
+Anziehungskraft wchst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
+ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Grndlichkeit wnschte er
+genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
+geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
+Zrtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
+kannte, erblickte er immer wieder das krftige und kaprizise Kind der
+Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
+ebenbrtiger Laune unterwerfen mute.
+
+Trabst schon wieder herum wie ein Br, sagte Beate, sprang aber
+gleichzeitig auf, da es gelutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
+wurde von Hanka mit herzlichem Hndedruck, von Beate mit etwas
+ungeschickter Klte begrt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
+Drauen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
+den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
+und fragte Arnold, weshalb er so spt komme.
+
+Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen, sagte
+Beate rgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. Ich habe bis zuletzt
+gezgert, ob ich kommen soll, sagte er. Das ist nicht hflich, Frau
+Beate, aber es hat seinen Grund.
+
+Beate stutzte. Er hat immer Grnde, erwiderte sie bissig.
+
+Als alte Bekannte seid ihr zu spitz, bemerkte Hanka gutmtig. Er
+freute sich eigentlich, da Arnold Ansorge ihm nun gegenber sa, es
+erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
+Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.
+
+Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
+bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht vernderte sich zusehends vor
+Angst.
+
+Ja, mit den Gewittern, meinte Hanka stirnrunzelnd. Fr eine Frau, die
+auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschmend.
+
+Ein auerordentlicher Blitz lie die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
+dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstrt vor sich hin.
+
+Auch Hanka stand auf. Er fate Beate bei den Hnden und suchte sie zu
+beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
+ihrem Krper. Voll Heftigkeit stie sie Hanka von sich; mit einem
+hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: Ich will nicht,
+ich will euch nicht, und lief aus dem Zimmer.
+
+Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurck, rief das
+Stubenmdchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
+Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
+interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorber und
+mischte sich so wenig mit seinem Geist wie l mit dem Wasser. Vielleicht
+aber war das Spiel der Elemente drauen fr ihn anziehender und
+ergreifender als die selbstschtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
+langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fhlte er sich
+aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
+anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
+verdchtig.
+
+Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurck. Sie hat
+sich in Betttcher eingehllt und die Ohren verstopft, sagte er. Ich
+habe ihr versprechen mssen, da Sie bald gehen werden. Haben Sie je
+etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
+Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, da Sie da sind und werde Sie
+nicht so geschwind wieder loslassen.
+
+Frau Beate frchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,
+erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.
+
+Warum? Warum frchten? Sie wollte ja selbst, da Sie einmal bei uns
+wren. Vergngt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemse
+auf den Teller.
+
+Das kann ich mir erklren, sagte Arnold. Vielleicht wollte sie es nur
+darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten mu.
+
+Ei, was Sie fr ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
+sagen, hat etwas fr sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhate
+nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schtzen. Aber
+es ist lcherlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
+naiv dazu.
+
+Arnold schwieg. Unschlssigkeit berkam ihn. Und er sprte nun aus
+Hankas Worten deutlich eine vollstndige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
+in ihm einen stummen Zorn gegen das lgnerische Weib.
+
+Es berhrt uns doch, ich mchte sagen sthetisch, wenn Frauen sich vor
+dem Gewitter frchten, fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. In einer
+Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
+fast mchte man glauben, da die Natur sich einen Spa daraus macht,
+ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
+fr mich eher angenehm als verstimmend.
+
+Ein blulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
+fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wnde und rasselten die
+Teller.
+
+Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen? fragte Arnold, indem er
+gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. Er
+erzhlte mir zuerst, da er hier sein wrde. Es fllt mir nur deshalb
+auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
+sah.
+
+Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. So?
+fragte er kurz. Er erinnerte sich pltzlich, da ihm die Stunden lang
+und ungewhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
+zugebracht haben wollte. Er schttelte den Kopf und sagte mit einem
+unsichern und wohlwollenden Lcheln: Darin tuschen Sie sich
+vielleicht.
+
+Ich tusche mich nicht, erwiderte Arnold, obwohl die Vorhnge des
+Wagens nur einen Augenblick zurckgeschoben wurden.
+
+Hanka hrte auf zu essen. Warum erzhlte sie mir davon nichts? dachte
+er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrgen. Er lehnte sich in den
+Stuhl zurck, ffnete den Mund, schlo ihn aber wieder, ohne gesprochen
+zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflgel trat eine seltsame gelbliche
+Blsse hervor.
+
+Ich dachte mir, Sie wten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
+war, fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
+auf den Tisch und den Kopf in die Hand gesttzt und schaute Hanka
+unverrckt an. Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
+bei Nacht. Das wei ich und wrde es Ihnen nicht sagen, wenn ich's nicht
+wte. Darum hren Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht qule. Nach
+Specht hatte sie ein Verhltnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
+Gut, das heit, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
+Knecht sie durch Schlge gehorsam machte. Davon wuten die Mgde bei uns
+jeden Tag zu erzhlen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, da Sie
+dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, htten
+vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden htte. So
+trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
+leben von Lge, die andern von Wahrheit, die beiden mu man voneinander
+halten. Das ist alles.
+
+Whrend dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
+bestndig zugenommen. Auch er sah unverrckt in das Gesicht seines
+Gegenbers; und allmhlich verlor er das Bewutsein davon, da da ein
+Mensch sitze; er gewahrte nur einen weilichen Kreis; ihm war, als sei
+es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
+Jedoch er hrte, hrte. Er versprte einen ungeheuren, verschlungenen
+Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dnnes,
+geistloses Lcheln ber seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
+und so saen sie lange schweigend, whrend das Gewitter sich verlor.
+Endlich rckte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
+Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schrfe,
+wobei er die schwarzen Augen weit aufri: Beweise --?
+
+Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
+Hankas. Es war ein berlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
+seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurck,
+als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
+den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurck und verschwand wieder
+daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
+wie zum Zeichen seiner Fassung zndete er langsam eine Zigarre an.
+Darauf ging er schweigend mit groen Schritten auf und ab. Auch Arnold
+verlie seinen Platz. Adieu, Doktor Hanka, sagte er; Freund oder
+Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.
+
+Hanka kehrte ihm den Rcken, verschrnkte die Arme und blickte gegen die
+Fenster. Doch als Arnold sich zur Tr wandte, schritt er ihm nach, sah
+ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
+kalte Hand.
+
+
+
+
+Sechsunddreiigstes Kapitel
+
+
+Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
+weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
+zunchst auf die Person Arnolds. Er vergegenwrtigte sich den Arnold,
+den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
+gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
+Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mute einen
+Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit ber alles liebte. Und
+schlielich mute er sich gestehen, da dieser Mensch von Sympathie
+gefhrt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
+dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haartiges Gefhl von Klte gegen
+Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
+noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
+sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was fhrt ihn her? dachte er
+trb und trotzig. Mitleid? Dann wre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
+Wie konnte er annehmen, da zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
+bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bumen. Vielleicht wurde er
+selbst verschmht und spielt den Verrter, grbelte er voll
+Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm ber die Haut, als ob ihn Ekel
+berhrt htte. Hundert Erwgungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
+Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklgers zu entstellen, immer
+schttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurck: war ich also
+blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
+Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, lie all ihre Worte
+nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
+studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
+eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
+verhllt, Verlogenheit unter tausendfach tuschendem Lcheln. Was soll
+ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als msse er sich auf den
+Boden legen, um Jahre lang nur darber nachzudenken. Erst jetzt dachte
+er daran, da er ja zu Beate gehen knne und da dann alles entschieden
+sein msse. Mit grausamer Logik berzeugte er sich, da er diese
+Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schlielich so schlimm?
+murmelte er. Ein Weib weniger fr mich, gut. Das Vergehen ist gering von
+ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
+Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
+ist schlielich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Fr
+mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
+nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
+zusammenleben.
+
+Er zndete eine Kerze an, verlie das Zimmer, ging durch einen Salon, in
+welchem die Sessel schon mit staubschtzenden berzgen versehen waren
+und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
+schlief. Er zgerte, stellte dann die Kerze vorstzlich geruschvoll auf
+ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. Hast du ihn
+fortgeschickt? fragte sie schlaftrunken. Lsch doch die Kerze aus,
+Alexander, sonst verbrennt der Vorhang, fuhr sie munter werdend fort.
+Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht? Da er nicht
+antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
+ungeduldigen Blicken. Du knntest jetzt zu Bett gehen, sagte sie
+verdrielich. Wir mssen ausschlafen, ich mu morgen frh noch meine
+Handtasche packen.
+
+Die magst du wohl packen, entgegnete Hanka mit Ruhe. Du kannst auch
+reisen, wenn es dir gefllt, aber es wird ohne mich sein.
+
+Beate ri erstaunt die Augen auf. Ja, bist du denn toll? schrie sie
+endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
+brachte die Fe auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
+sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
+Ha.
+
+Es schien, als ob Hanka von alledem nichts she. Er begann in
+gleichmtigem Tonfall wieder zu sprechen. Ich frage dich nicht, in
+welchem Verhltnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlat,
+im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
+zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
+was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
+wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, da ich
+alles wei.
+
+Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rcken krmmte sich, und ihr
+Kopf sank ein wenig herab. Langsam ffneten sich die Lippen und lieen
+die fest zusammengepreten Zhne sehen. Es schien, als ob sie
+gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
+Zehen rhrten sich in den dnnen Strmpfen, ihre Knie drckten sich
+gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jhlings auf und sagte
+mit grenzenloser Verachtung: Der Hund also! der Schwtzer! der gemeine
+Denunziant! Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
+das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strmpfen stolz
+zur Tr und schlug sie knallend hinter sich zu.
+
+Ein verblasenes Lcheln glitt ber Hankas Mund. Er blieb stehen und
+drckte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, bergenug. Doch keine
+Minute war verflossen, als Beate wieder zurckkam. Sie weinte; sie
+setzte sich auf einen Stuhl und drckte die Hnde vor die Augen. Es
+liegt nun an dir, sagte Hanka, dein Leben in Zukunft so gut wie
+mglich einzurichten. Ein ffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
+gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verlt. Ich
+lasse dir Zeit, ich will fr einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
+entsteht. Was ich dir zu einer anstndigen Lebensfhrung materiell
+biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
+etwas zu sagen?
+
+Als Beate merkte, da es so bitterer Ernst war, ging eine neue
+Vernderung mit ihr vor. Ich bin unschuldig, Alexander! rief sie aus,
+sie haben mich verfhrt, bei Gott. Sie haben mich unglcklich
+gemacht. Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
+die Kissen.
+
+Das mag wahr sein, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
+und so nach ihr hinschaute.
+
+Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
+Ausdruck.
+
+Hanka lchelte schmerzlich. Er begriff, da seine Sprache nicht zu den
+Ohren dieser Frau dringen konnte, da seine Welt in andern Sphren
+rollte, da sein Blut anders beschaffen war und da Beate dies nicht
+einmal zu ahnen vermochte. Richte dich nach dem, was ich gesagt habe,
+bemerkte er khl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
+verlassen hatte, hrte er Beates aufschreiendes Lachen.
+
+Er kehrte in das Ezimmer zurck, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
+ein Notenheft auf und prludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
+und dem Instrument eine Wand befinde; die Tne blieben dumpf und fern.
+Er stand auf, ffnete die Fenster und die Glastr, die in den Garten
+fhrte. Er ging hinaus. Von Bumen und Struchern tropfte das
+Regenwasser, und ber den Beeten lag schwrzestes Dunkel. Am
+weilichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
+leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
+noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
+zwei Windsten hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
+geschlungenen Gartenwege, und das unvernderliche Tropfen des Wassers
+klang ihm wie die Hmmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
+tnen wollen. Es war spt, als er wieder in das Zimmer zurckkehrte, das
+er nach allen Seiten abschlo. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
+einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefhl der
+Mdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nchte durchzecht htte. Er
+streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
+Denken, welches in einen hohlen Schlummer berging, als die Bltter im
+Garten von der Morgenrte zu erglhen anfingen.
+
+
+
+
+Siebenunddreiigstes Kapitel
+
+
+Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
+unschlssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
+kehrte aber wieder zurck. Schweigend standen die Villen und Landhuser
+zu beiden Seiten der Strae, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
+den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
+alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
+nieder.
+
+Der letzte Blick und Hndedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
+dem Kopf. Arnold fhlte wohl, da darin mehr und anderes enthalten war
+als die dankbare Quittung fr einen wohlgemeinten Dienst, anderes
+jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, da ein
+Mann, der behbig im Finstern gesessen, sich berrascht, ttig und
+entschlossen dem Licht zuwenden wrde, das ihm ein Freund ins Haus
+getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
+hatte er einen Gedemtigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
+eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
+Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
+War dies nun die Schwche Hankas oder war es die menschliche Schwche
+oder war es Arnolds Irrtum?
+
+Ist es Hankas Schwche, dachte Arnold, dann beruht sein Glck darauf,
+nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
+Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
+mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
+obwohl ich sehe, da jedes Ding, gutes Ding und bses Ding zwei Seiten
+hat. War es eine menschliche Schwche, dann kann es ja auch meine
+Schwche sein, und es wird fr mich um so vielmal schwerer, Recht zu
+haben, als es auer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
+sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka kme zu mir und
+sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
+Schwei und fremde Not zusammengehuft. Ich mte es prfen und richtig
+finden und mte von mir werfen, was ich durch Lge besitze, weil ich
+doch behauptet habe, da jeder seine Lge von sich werfen soll. Aber wie
+ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
+zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
+liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
+war hier die Lge das Bessere. Lge, das ist doch nur ein Wort. Aber
+wie? wenn er es auf rohe und niedertrchtige Art erfahren htte? ist ein
+Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefhr? und gilt
+es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?
+
+Und wenn Lge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
+auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
+kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
+Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, da die Jdin ins Kloster kam,
+vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur wei ichs nicht. Aber das
+wre ja eine verzweifelte, eine hchst verzweifelte Geschichte, wenn der
+Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.
+
+Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trbseligen
+Rausch nach Hause.
+
+
+
+
+Achtunddreiigstes Kapitel
+
+
+Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurck. Sie machte
+sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte fr Konzerte und Theater und
+bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Ste von
+Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschft und keiner
+konnte sie lnger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
+dorthin, klagte ber Schlaflosigkeit, schien bald entkrftet, bald
+berreizt, bald geschwtzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
+aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
+so engen und ewigen Verhltnis zu denken, als welches ihm die Ehe
+erschien.
+
+Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Mdigkeit
+und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel fhrte, die
+Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
+a oder ein Gesprch zu einem vorlufigen Endpunkt schleppte.
+
+Es verdro und krnkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
+der Wunsch, sich um Menschen zu bemhen. Als er an einem Morgen mit
+Borromeo allein beim Frhstck sa, begann er offen: Knntest du mir
+nicht sagen, was dich so niederdrckt? Mu denn alles so sein, wie es
+ist?
+
+Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
+erlschend in die Winkel. Du fragst wie ein Jngling, sagte er, aber
+ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
+Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.
+
+Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Hndedruck voll Wrme.
+Nichts konnte deutlicher ausdrcken, wie zufrieden er mit ihm war und
+wie sehr er ihm vertraute.
+
+Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verstndnis
+erreicht. Er erkannte sofort dessen glckliche und gesunde Veranlagung,
+allen Krften seines Wesens gleichmig zur Entwicklung zu verhelfen
+und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
+eigene ohne weiteres vervollkommnen knne.
+
+Vllig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehrte Wolmut zu
+jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
+Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschfte verrichtete er mit
+unermdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
+trug er mit selbstverstndlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
+lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befhigte ihn,
+jede schadhafte Stelle in der Lebensfhrung des Andern sofort zu
+bersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
+gegenber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen htte. Seit
+jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
+er nicht aufgehrt, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
+Welt zu hadern. Allmhlich war sein leidenschaftliches Wollen einem
+dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
+rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstrkungen gegen den
+Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
+Atem. Dann wird seine Stirne khler. Er beginnt Gefallen an der
+Landschaft zu finden, lt allmhlich das Pferd im Tritt gehen und an
+geschtzter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
+Mittag. Der drngende Ruf, der seine Schritte beflgelt hatte,
+verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
+dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrcken unter dem Horizont, und
+aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.
+
+Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemht gewesen, eine ihm neue
+Weichheit der Stimmung abzuschtteln von der er kaum wute, woher sie
+kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
+gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
+Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden htten.
+
+Soviel ich wei, steht die Geschichte auf dem alten Fleck, erwiderte
+der Student. Ich hrte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
+aber dadurch wird nichts gendert werden. Wenn die Justiz ihre
+unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist fr den Einzelnen keine
+Mglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
+erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.
+
+Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. Das hrt sich gut an,
+erwiderte er schroff, so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
+Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
+selbst ausgebt wird?
+
+Wolmut lchelte. Das mte man auch. Es handelt sich nur um eine
+Ausschaltung unzweckmiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
+selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die mglichst viel Rder
+in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der grten
+Arbeitsleistung den kleinsten Krfteverbrauch erzielen, ist das nicht
+Teilnahme genug? Der kleine, schmale, hbsche Mensch mit dem
+rosenroten Gesicht sprach ruhig und berlegen, mit einer Verhaltenheit,
+als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.
+
+Das ist wahr, weil es wahr sein kann, gab Arnold gereizt zurck. Ich
+will nicht sagen, da ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
+wird alles anders.
+
+Gefhl zerstrt, behauptete Wolmut mit seiner unerschtterlichen
+Lehrsamkeit. Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fuspitze, ihn
+auch nur um einen Millimeter zu berschreiten. Glck ist Positivitt.
+Die Welt ndern wollen heit, sich selbst vernichten.
+
+Arnolds Gesicht rtete sich. Das ist Streberweisheit, rief er zornig
+aus. Das Judenmdchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
+ich und Sie, glcklich werden?
+
+Wolmut zuckte die Achseln. Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
+einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
+wie ein Schatten, je hher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
+oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch mu unbedingt seine Handlungen
+nach dem Ma seiner Hilfskrfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
+sich darber klar sein mu, da nichts in seinem eigenen Charakter ihn
+berraschen und da kein Vorfall der Welt ihn verfhren kann, die Arme
+statt des Kopfes oder das Herz statt der Fe zu gebrauchen.
+
+Arnold hatte das Gefhl, als ob ein schdlicher Doppelgnger auf ihn
+zugetreten wre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
+Klte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
+ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu berzeugen, verdunkelte ihn nur
+vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.
+
+Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
+vorenthalten htten, wozu andere so mhelos und planvoll kmen:
+Sichbescheiden. Darber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
+Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
+Stimmung und Verstimmung zurck, aus deren Wolken sich das Gesicht
+Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
+sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
+Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.
+
+Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
+ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
+beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurckhaltend wie
+sonst, doch heiterer. Tetzner sa schweigsam beim Fenster, und Wolmut
+setzte seine Ansicht ber Askese auseinander.
+
+Verena stand auf und trat zu Arnold. Ich habe fr morgen Abend zwei
+Billette zum Konzert, sagte sie freundlich. Vielleicht kommen Sie
+mit?
+
+Arnold lchelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
+prete sie die Lippen zusammen, erblate und warf einen flchtigen Blick
+auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt sa. Hierauf sahen sie sich
+zum erstenmal von solcher Nhe in die Augen, Arnold mit groem, etwas
+knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bsen und flehenden
+Ausdruck. Kommen Sie nur, wiederholte sie schlielich mit der vorigen
+Freundlichkeit, man spielt Beethoven.
+
+Am nchsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
+Konzertsaal.
+
+Wunderbare Klnge hrte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Sule
+langsam und zart bis in den hchsten Himmel wachsen, und oben erst
+sprhten die erdgeborenen Blitze. Es war, als wrden ihm zwei neue Ohren
+aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
+Herzens.
+
+Aus einer hastigen uerung entnahm Verena, da er ganz und gar nicht
+zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
+heiteres Wesen erfllte sie mit seltsamer Furcht.
+
+Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Strae
+nebeneinander. Ich habe Hunger, sagte Arnold endlich. Wollen wir
+nicht in das Gasthaus da? Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
+vornehmen Restaurants.
+
+Verena schttelte lchelnd den Kopf. Ich bin keine Millionrin, sagte
+sie. berdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.
+
+Sie gingen weiter. Ich lebe nmlich von Tetzners Geld, sagte sie auf
+einmal mit vernderter Stimme.
+
+Arnold hatte Mhe, einer rtselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
+der Stirn bis zu den Sohlen einhllte.
+
+Aber ich will nicht sprechen, fuhr Verena fort. Wozu auch. Man kann
+doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fhig, mich
+zu verstndigen. Ach, das Leben, das elende Leben!
+
+Das elende Leben? Nein, das schne Leben, versetzte Arnold. Das
+schne, herrliche, gute glckliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, da
+ich lebe.
+
+Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
+und ergebenen Blick in die Augen.
+
+Sie waren im Haus. Verena zndete eine Kerze an und ging gedankenvoll
+voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
+und dankbar fhlend.
+
+Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Tre und sah mit dem breiten
+schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
+von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.
+
+Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
+und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
+auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete ber den blauen stillen
+Augen wie ein weies Blatt. Whrend sie a, nahm sie ein Stckchen
+Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lchelnd und
+verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich ber die Ecke
+und erkannte verwundert sein bertriebenes Profil: ein rundes,
+ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
+und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
+griechisch kurze Oberlippe, das Stck eines kmmerlichen Schnurrbarts,
+eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und ber
+der ungewlbten Stirn anstndig und gleichmig gestrichenes Haar.
+Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
+zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stck verging aber so geraume Zeit,
+da Verena belustigt ausrief: Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.
+
+Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
+Mit groen, weit offenen Augen blickte er herber.
+
+Was liest du? fragte Verena.
+
+Ein Buch ber die Liebe, antwortete Tetzner.
+
+Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
+gengt, um die Seele zu entflammen. Sein bercktes Herz sammelte sich
+pltzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fhig war.
+
+Wenn ich so das Leben berblicke, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
+fort, und sein Blick richtete sich dster gegen die Wand, so ist nichts
+als Irrtum. Was man hat und rechtmig in sich trgt, wird
+verschleudert, und das Schlechte, das trgerisch glnzt, kauft man um
+teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trbt
+das Bild der Welt.
+
+Gegen den Ofen gelehnt, flsterte Verena nervs: Was soll das ewige
+Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin berdrssig, alles zu wissen,
+was ich empfinde und empfinden soll.
+
+Tetzner ging auf und ab und seufzte. So lange es Tee und Schinken auf
+Erden gibt, soll man nicht ber Liebe reden, das ist richtig, sagte er
+in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
+sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trllerte mit
+vernderter, heiserer Stimme:
+
+ Wenn er bei einer Hochzeit ist,
+ Da sollt ihr sehen, wie er frit;
+ Was er nicht frit, das steckt er ein,
+ Das arme Dorfschulmeisterlein.
+
+ Wenn er einmal gestorben ist,
+ Legt man ihn sicher auf den Mist.
+ Ach wer setzt einen Leichenstein
+ Dem armen Dorfschulmeisterlein.
+
+Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
+entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hrte man
+ihn die Auentre zuschlagen.
+
+Die Stirn an die Scheibe gedrckt, stand Verena am Fenster. Es ist
+finster drauen, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
+sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfrbte sich ihr Gesicht. Er ging
+auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hnde. Sie schwieg, atmete
+jedoch wie eine Gehetzte. Er drckte ihre Hnde nur um so fester, als
+umschlsse er alles, was er im Leben an sich reien wollen. Vergeblich
+war sie bemht, sich ihm zu entwinden.
+
+Sind Sie denn glcklich, Verena? fragte Arnold endlich flsternd, im
+innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
+Selbstanerbietung.
+
+Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
+Hnde frei. Whrend sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
+Hand sttzte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwhlt, gekrnkt und
+gengstigt. Sie mssen jetzt gehen, Arnold, sagte Verena pltzlich
+weich.
+
+Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
+ber das Gelnder gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
+stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
+seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
+nchtige Ferne, einander grend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.
+
+
+
+
+Neununddreiigstes Kapitel
+
+
+Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden fr Arnold, andere Laute
+hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurckliegendes Leben
+erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine se,
+gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu knnen; sein eigenes
+Spiegelbild kam ihm nher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
+bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
+einem verlorenen Punkt seiner Trume finden. Nichts lste sich in
+Weichheit auf, keine Ader seines Krpers wurde schlaff, aber alles, was
+er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
+Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
+gnstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
+Flut des Glckes.
+
+Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander tglich und
+gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straen
+spazieren. Sonst saen sie im Zimmer oder in einem kleinen
+Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
+Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
+gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berhrung
+ihres Blickes weicher, wrmer, empfindlicher zu werden schien.
+Allmhlich erschtterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie frchtete fr
+ihn, denn je schrfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
+frchtete auch fr sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
+Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
+entweichen, um immer strker und glhender den Hauch seiner Nhe zu
+spren. Sie sah sich verfallen.
+
+Ihre Gesprche bedeckten gleichmig Tiefen und Untiefen des
+Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
+und da es wenig genug war, so konnte sie sich gromtig erweisen und
+dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu bertreffen
+brauchte. Ihre eingeschrnkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
+stutzig; es betrbte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
+die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
+Tetzner stand mit gekrmmtem Rcken und gebeugtem Kopf nahe der Tr. Als
+Arnold Verena begrt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
+verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
+sie: Nun ist es entschieden. Ich bin frei.
+
+Erst nach sorgenvoller berlegung verstand Arnold, was sie meinte.
+Wovon wollen Sie leben? fragte er.
+
+Sie zuckte die Achseln. Man verhungert nur an seinem Unvermgen,
+entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lchelnd und breitete in
+ihrer sinnlich-mden Weise die Arme aus. Ich werde Stunden geben,
+Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. brigens bin ich
+nicht ganz entblt.
+
+In ungreifbarer Betrbnis verbrachte Arnold die nchsten Tage. Eine
+Verachtung alles Glnzenden, Reichen, Geputzten erfate ihn; er selbst
+in seiner Unbekmmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
+eines Morgens erwachte er, frmlich erhitzt von einem wie im Traum
+gefaten Entschlu. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
+zu Hause; auf der Strae auf und ab gehend, wartete er anderthalb
+Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
+Widerglanz ihrer Ttigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
+Gesichtszgen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
+selten. Sogleich begann Arnold. Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
+mssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
+nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
+nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
+und alles gehrt Ihnen.
+
+Kalt und stolz sah ihn Verena an. Das hiee einen Strick mit einem
+Messer vertauschen, antwortete sie schroff und lie ihn vor dem Haus
+stehen.
+
+Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
+Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
+Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
+fast widerwilligen Anschmiegen lie sie dunkle Leiden vor ihn
+hinstrmen, malte Schatten, deren Krper er nicht zu sehen vermochte.
+Zum erstenmal tnte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
+getrstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
+erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
+seiner Gefhle auf festem Grunde hielt.
+
+Aber die wunderliche Scham ber seinen Besitz wollte ihn nicht
+verlassen. Er fate pltzlich den Plan zu einer Art von
+Wohlttigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer fr Verena.
+Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schlielich
+behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmiges getan wissen
+wollte. Das Gercht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
+fllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung tglich mit den buntesten
+Figuren: Frauen und Greise, Jnglinge, Familienvter, Kinder; Kranke,
+Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
+und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
+warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttuscht,
+jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, da sich
+Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
+nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
+Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
+Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
+Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
+aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
+Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
+verwundeten Tier sich lst, so da das in Krmpfen zuckende Muskelwerk
+ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
+der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkr, gelassenes Hinnehmen
+der Rechtlosigkeit, grausamstes Rnkespiel und hartnckiges Strebertum,
+-- aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
+Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
+da er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
+htte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstrzen, aber ihn
+beschlich eine frevelhafte Sicherheit.
+
+Wolmut, wie ein uneigenntziger und gewandter Minister, behandelte jeden
+Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
+aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die grere Rolle einstudierend,
+die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
+auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschrnken, alles Gebauschte und
+berflssige zu vermeiden. Auch uerlich lebte er so einfach und mit so
+ngstlicher Sparsamkeit, da er zum Spott seiner nheren Umgebung wurde.
+
+Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdru und Entrstung. Sie
+hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
+begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
+lebhaft ber das Gesindel, welches nun tglich Flur und Treppen strme.
+Gut, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, ich werde
+Arnold ersuchen, vor dem Haustor Frcke und seidene Kleider austeilen zu
+lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.
+
+Du hast recht, gab Anna zurck; und wir beide werden bei ihm um ein
+Versorgungsstbchen in Podolin betteln.
+
+Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
+kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehrte.
+
+Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. Willst du mich ein Stck
+begleiten? fragte er in seiner zurckhaltenden und bescheidenen Art.
+Arnold erklrte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
+besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
+Entschuldigungen, er mge nicht bse sein, sie werde auf Ehrenwort das
+geliehene Geld am ersten Januar zurckerstatten, er solle sie doch
+besuchen und damit zeigen, da er ihr noch freundlich gesinnt sei.
+
+Sie gingen ein Stck Wegs, ohne da Borromeo, was ihn beschftigte, in
+Worte zu fassen vermochte. Er war redensmde; immer schwerer wurde es
+fr ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
+zu stellen, da all und jedes Ding fr ihn in ein unermeliches Meer der
+Nutzlosigkeit flo. Trotzdem sagte er schlielich mit einem Anflug von
+krnklicher Ironie: Du ziehst das lebhafte Mifallen der besseren
+Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, da man ihre
+Privilegien, die sie ja freilich nicht ausben, zu wrtlich nimmt. Du
+solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
+es nicht, so werden die besseren Kreise dafr sorgen, da dein
+bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
+schner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise fhren.
+Stecknadelschlacht ist es. Er reichte Arnold die Hand und zog
+schwermtig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.
+
+Bei Osterburgs wurde er in das groe Wohnzimmer gefhrt. Im Ofen brannte
+Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
+Knig, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
+eintrat, herrschte die grte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, da
+alle Sieben in der gleichen Weise beschftigt waren. Frau Knig legte
+Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkrtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
+spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
+beschftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
+kleine Patience. So saen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
+sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau Knig an zu
+schmlen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
+entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslrm und der
+wrdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der gengt
+htte, um eine Schar von Landsknechten einzuschchtern. Auch er versank
+danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flchtig das Wasser verlassen
+hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.
+
+Natalie begrte Arnold etwas verlegen. Alle hrten auf zu spielen auer
+Frau Knig, die dem jungen Mann so vertraulich zulchelte, als ob sie
+nichts Lieberes als ihn kenne. Gleich bin ich fertig, sagte sie mit
+heiserer Stimme und deutete mit einer bertriebenen Rokokohflichkeit
+auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.
+
+Osterburg ghnte, befhlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
+Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
+blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
+Fremden, brachen wechselsweise in ein vllig unbegrndetes Gelchter
+aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wre,
+zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.
+
+Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr, klagte Natalie. Seit vielen
+Nchten kann ich kein Auge mehr schlieen.
+
+Osterburg bewegte sich. Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
+nie geschlafen, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
+reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
+begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
+war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
+Grnden sein Todfeind. Wissen Sie, da ich krank bin? sagte er jetzt,
+das Haupt matt nach Arnold drehend. Ich habe Psorias. Er hatte
+irgendwo den Fachausdruck fr einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
+war sehr stolz darauf.
+
+Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
+und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
+Erregung sagte sie: Wissen Sie denn schon? Ich hab' es erst vor einer
+Woche erfahren --, wissen Sie es?
+
+Was? Arnold war verdutzt.
+
+Ich mchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge, lie sich
+Osterburg wieder vernehmen, aber geben Sie mir das Ehrenwort, da Sie
+Silbe fr Silbe glauben wollen?
+
+Er braucht einen Maulkorb, murmelte Hyrtl, der mde und verstimmt
+aussah.
+
+Natalie klatschte in die Hnde. Petra! rief sie triumphierend ber das
+ganze Zimmer, er wei noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
+nichts? Seien Sie aufrichtig.
+
+Wenn du so schreist, liebes Kind, fiel die alte Dame mahnend ein,
+kann ich unmglich nachdenken. Ich habe kein A mehr, ... Mit
+verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmigen
+Kartenreihen.
+
+Hanka hat seine Frau weggejagt, begann Natalie mit Feierlichkeit und
+sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
+dieser Zge sie enttuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
+Hanka ist verreist und niemand wei wohin. Beate hat ein Verhltnis mit
+Pottgieer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
+bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
+Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
+entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas --
+
+Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
+Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
+mit einem Buch zurck und ihre Zge zeigten ein ehernes Lcheln. Wenn
+sie ein Wort sprach, war es von der gewhltesten Natrlichkeit, denn sie
+glaubte sich von andern ebenso unaufhrlich beobachtet wie von sich
+selbst.
+
+Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder berrascht, noch
+dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. Sie sind ein Stock, sagte
+sie rgerlich.
+
+Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, da
+sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Khl hrte Arnold darber
+hinweg.
+
+
+
+
+Vierzigstes Kapitel
+
+
+Durch Schneegestber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
+Universitt nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich fr den
+Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
+ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und verga
+die schneeweie Frhlichkeit der Straen. Oben wollte sie Tee kochen,
+fand aber, da kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
+vor den Ofen hin und legte Spne hinein, um aus der Glut noch einmal
+frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
+Blick schweifte ernsthaft ber die zahllosen schneeberahmten Fenster der
+Hfe, hinter denen bisweilen ein umriloses fremdes Gesicht auftauchte.
+Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
+Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefhl, als nhere sie
+sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Strae einem
+blendend weien Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
+auffhrten.
+
+Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
+Knochengerst, sttzte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
+die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schrg auf den
+drren Schdel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gesprch
+anzuknpfen, unterdrckte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelst
+von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
+beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zrtlichkeit erschtterte sie von
+oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kmpfen
+ermdet sei, hatte sie Schlafbedrfnis. Sie legte sich auf das Bett und
+schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Gerusch eines
+Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
+hereingekommen sei. Seine Erklrung, da die Auentre nur angelehnt
+gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und sen Lcheln auf, in
+welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
+und strich die braunen Haare aus der Stirn. ber Arnold legte sich eine
+Erstarrung. Er glaubte glcklich zu sein oder doch die Nhe des Glcks
+zu ahnen. Das Bild eines mrchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
+Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
+so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
+ergriff ihre Hnde, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er prete
+ihre Hand an die Lippen und drckte die Zhne in die Haut, so da zwei
+Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
+schmerzlich und drngte von ihm weg; er flsterte, ungewi lchelnd.
+Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus -- nach nichts. Er
+folgte ihr nun, umschlo sie bei den Schultern und kte sie. Ihre
+erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
+betubten Tieres. Der beschwrende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
+erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hnde lagen zuerst wie zwei tote
+Krper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
+endlich schlaff mit den Armen vllig zu sinken. Arnold lie sie nicht.
+Ihr trnennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
+Freude gewhre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
+geworden war, unfhig, einen vergangenen oder zuknftigen Augenblick zu
+bedenken, als alle gesprochenen Worte pltzlich leichter schienen wie
+die Luft, erfllte Verena ein Verlangen, dessen ruberische Wildheit fr
+sie etwas Elementares hatte.
+
+Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
+erschien ihr auf einmal unmglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
+Furchtsames. Sie war beraus schweigsam; ihre Lippen waren wie
+versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr krperlich
+zurckgeblieben, war ein alle Glieder umgrtender Schmerz; und im Gemt
+lag Nchternheit, Selbstha und Erschpfung. Noch gestern ber den
+gewhnlichen Dingen und Menschen der Strae schreitend, kam sie sich
+heute mit ihnen vermhlt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
+Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschften der zum
+Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lrm und die Unrast der
+unzhligen enggedrngten Huser strmte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
+dampfende Maschine mit glhendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
+lebendige Leiber in ihren Fusten zerquetschend, erhob sich aus der
+beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
+Festigkeit und sprte zwischen ihren Fen und ihrem Leibe keinerlei
+Zusammenhang. Sie wute kein Mittel, sich vor ihrem aufstrmenden Innern
+zu verschlieen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
+Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
+aufblickend glaubte sie ihn viel grer als sonst, und sie sprte etwas
+wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.
+
+Arnold begleitete Verena wieder zurck. Die kalte, stille Luft hatte sie
+beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
+stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Geflligkeit gegen den
+anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
+Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
+Ihr Gesicht war gertet; einmal legte sie den Kopf auf die rckwrts
+gekreuzten Hnde, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
+Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
+reichte ihm den Mund zum Ku. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
+fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
+Herzens in seinen Bewegungen ausdrckte. Ihr war es einsam.
+
+Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
+als wre ihm der Befehl ber eine Armee bertragen worden, lchelte
+bisweilen verschmitzt und gemtlich in sich hinein, und als er nach
+Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
+zum Morgen.
+
+Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frhstck sa. Der Diener kam
+und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
+einer eigentmlich strahlenden Blsse. Sie nahm mit den Bewegungen eines
+Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
+schaute sie umher und sagte: Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
+hast du geschlafen? Wie geht es dir?
+
+Gut, sehr gut, Verena, antwortete Arnold glcklich und mit erwachendem
+Stolz darber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, da sie
+wieder gedacht hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
+sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimtigkeit zu
+bemnteln.
+
+Verena legte den Kopf zurck und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
+Boden und Arnold bckte sich danach. Dann standen sie einander
+gegenber. Du sollst wissen, Arnold, begann Verena und whlte mit den
+runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, da ich mich keiner
+Tuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um ber uns
+beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen gengt nicht, man mu
+doch auch wissen, wohin man geht.
+
+Warum, Verena, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
+Furcht vor dem, was sie sagen wrde, warum immer das zerpflcken, was
+schn ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, ber das
+Schlechte zu grbeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
+und man geht immer nur im Kreis.
+
+Das ist doch eine etwas oberflchliche Wahrheit, entgegnete Verena,
+erstaunt ber das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
+spter, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, da er ihr entweichen
+wollte.
+
+Du bist zu schwermtig, Verena, sagte er mit begtigender Kritik,
+vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.
+
+Verena erhob schnell den Kopf. Darin hast du recht! rief sie aus.
+Begreifst du es nun?
+
+Ich begreife nichts, entgegnete er mit stockender Stimme.
+
+Ich wei zu viel von mir. Leider, sagte Verena. Denke doch nach,
+Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
+verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, whrend du noch in
+blhenden Geschlechtern stehst. Und hauptschlich wenn man so in der
+Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermtig. Nicht
+Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
+ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
+Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
+unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
+Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab' ich gefragt,
+wohin es gehen soll, denn du mtest mich auf deinem Weg nicht nur
+schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
+lebe und rette dich.
+
+Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
+umfat von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrngnis. Aber er
+zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
+machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
+die Arme und kte sie. Dann gingen sie zusammen fort.
+
+Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
+nach aufgehrt, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
+Hnde in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
+klar, da seine Aufgerumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
+den Kopf, als frchte er, seine Stirn knne zusammenbrechen. Seine
+wulstigen Lippen lagen wie zwei Fuste aufeinander und mit dem runden,
+fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
+Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
+seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dmpfend. Verdunkelung des
+Gemts kam ber ihn.
+
+Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
+wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor ffnete, sagte mit
+bswillig-wissendem Lcheln, der junge Herr sei oben bei dem Frulein.
+Whrend Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mhe, nicht
+aufzuheulen.
+
+Er klopfte an der Tre in der Weise, wie er es mit Verena seit je
+verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
+Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
+wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anla zu
+bsem Grinsen zu geben. Aber er hrte nun trippelnde Schritte in dem
+Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
+schien, als ob eine schuldige Person an die Tre schliche. Dieses Bild
+auf Verena angewandt, erschien ihm pltzlich so toll und widerwrtig,
+da er laut auflachte. Tetzner, sind Sie es? ertnte die Stimme
+Verenas hinter der Tre. Ich, erwiderte Tetzner, und es wurde
+geffnet.
+
+Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
+Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
+zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
+die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lcheln
+auseinander. Etwas Angstvolles, Zrtliches und Geistreiches tauchte in
+seinem Gesicht auf, als er sagte: Wollen wir nicht frhlich sein, Tee
+trinken, ber die Zukunft plaudern? Na, Verena --? Wie --? Mit
+geschlossenen Augen lchelte er und hing seinen Mantel an die Wand.
+
+Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
+unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte groe Mhe,
+nicht merken zu lassen, wie verdrielich ihm Tetzners Anwesenheit war,
+der nun in dem groen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
+Hnde auf den Kopf legte. Sind Sie mde, Tetzner? fragte Verena
+verlegen und mitleidig.
+
+Ja, mein Seelchen, antwortete er. Nicht Fumdigkeit, sondern Herz-,
+Herzmdigkeit.
+
+Arnold brtete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
+Wahrnehmung, wnschte er nichts anderes, als da Tetzner fortgehe, und
+da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrckte und
+auch sie begann dasselbe zu wnschen. Sie sah, da Tetzner litt, sie
+fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstrt durch die hmmernden
+Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemhte sich um den Freund,
+legte ihm ein nasses Tuch ber die Schlfen, zhlte die Pulsschlge und
+blickte grbelnd zu Arnold hinber, der keine Teilnahme zeigte, der
+ungeregt und unberhrt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
+bittere Betrbtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! htte sie
+rufen mgen. Verschlie dich nicht, vergi dich nicht! umfange die
+Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sndhaft vor, denn das wollte sie
+nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungengender
+Begierde selbst zerstrt.
+
+Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
+Arnold nicht lnger bezhmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
+Schultern und kte die sich ehrlich Strubende ungestm und lachend auf
+die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Kapitel
+
+
+Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewut alle seine Krfte
+dahin, sie willfhrig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
+ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
+entstand keine Glckesgewiheit fr sie. Sie suchte den Mangel in sich
+selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
+Innern. Oftmals legte sich Ernchterung wie ein grauer Mantel um sie.
+Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
+eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
+Urteil still, und sie wute, da es htte sein mssen, so wie im Traum
+Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.
+
+In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
+Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
+Vergngen, als Auenstehender das rhythmische Gewhl zu beobachten, und
+er freute sich, Verena zu fhren. Die Beziehung zwischen beiden war kein
+Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
+Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
+offen, da sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
+er gab ihr recht. Gerade die Gutmtigsten und Nachsichtigsten hatten sie
+durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
+berredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
+veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
+Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
+greren Spa bereitete es ihm, seine brgerlich gesinnte Umgebung vor
+den Kopf zu stoen.
+
+Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
+Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besnftigen, vergeblich zu
+berzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
+Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schlo sie in die Arme, hob sie
+empor, erdrckte sie beinahe, jauchzte, kte sie, gab ihr kindische
+Kosenamen, prete ihre Hnde. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
+Doch was mochte ihn bewegen?
+
+Unter den brigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra Knig, und Arnold
+machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb bestndig um Verena. Ihr
+treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
+Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
+selbstndiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lcheln,
+wie unbekannt die Prderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
+berlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so de und
+faul zumute gewesen.
+
+Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fu, machte Verena halb bittere, halb
+ironische Andeutungen ber Petras anschmiegende Jngferlichkeit. Petra
+ist so, antwortete Arnold bedchtig. Immer sucht sie sich das Beste
+aus, was man reden und tun mu, aber es bleibt ihr fremd.
+
+Du weit sehr gut zu urteilen, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.
+
+Petra ist nicht bel, fuhr Arnold fort. Sie ist vielleicht nur durch
+gute Bcher verdorben.
+
+Gewi߫, besttigte Verena. Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
+dem, was sie vermag. Dadurch wird sie geknstelt. Aber was hab ich dabei
+zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
+du mich hinberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
+ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch, sagte sie mit vernderter
+Stimme, zu einer Vorstellung berspringend, die sie betrbte, da
+selbst die freiesten Mdchen sich die Ehe wnschen. Es ist traurig, da
+die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schne
+herunterziehen knnen.
+
+Wre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena? fragte
+Arnold und beugte sich lchelnd zu ihr.
+
+Verena bi sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
+Gesicht. Sie mute an jenen Tag zurckdenken, an dem er ihr sein Geld
+angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
+angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
+Hand fest.
+
+Heute la mich allein, Arnold, bat sie. Ihre Augen waren von Mdigkeit
+dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
+Stirn und seufzte; ihre geffneten und in die Hhe gerichteten Augen
+gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. Mein Liebster, sagte sie
+mit wunderbarer Sanftmut, prfe dich genau, ob du nicht widerstehen
+kannst.
+
+Arnold lachte. Immer betrachten und zerpflcken! rief er. Kannst du
+denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?
+
+Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar, entgegnete
+Verena leise. Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
+Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst mte ich eben
+aufhren, zu berlegen.
+
+Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
+stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
+herab. Die Strae entlang pltscherte und sickerte es vom tauenden
+Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
+arktischen Klte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
+ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
+Armes drckte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
+da Arnold nun doch mit hinaufgehen wrde. Sie selbst wnschte es, da
+sie nicht eine ganze Nacht lang durch Miverstndnis und bses Sinnen
+von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
+Hausmeister drinnen den Schlssel ins Schlo steckte, wnschte Arnold
+gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.
+
+Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
+herum. Was vorher still und fern in ihr gewhlt, durchbrach nun
+furchtbar die Hllen und entlockte ihr Frage ber Frage, vor denen feig
+zurckzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
+Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
+so werden knnen. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
+die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
+selbst vergessen hatte. Sie wnschte vorher von ihm zu gehn,
+unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer fr ihn die Erinnerung begann.
+Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
+selbst zurckgeben und mich zugleich fr ihn bewahren. Einmal wrde es
+doch kommen, da er mich vom Weg stiee und dann s ich da wie ein
+Bettelweib, whrend ich jetzt noch ein Stck von ihm mitnehmen kann, fr
+immer. Ich wei, was ich wei; das Wort Ende besteht aus vier
+Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
+fnf daraus. Nach dem letzten Ku kommt kein allerletzter.
+
+Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmhlich ein. Aber
+schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
+und war doch mde, unfhig zu berlegen, welche Arbeit sie an diesem
+Tage erwarte, der nach ersten Frhnebeln einen blauen Himmel ber die
+Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, go
+kaltes Wasser ber sich herab, da ihre Haare troffen, dann zog sie sich
+mit so schwermtiger Langsamkeit an, als knne sie das gefrchtete
+Vorrcken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
+machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
+frh bei Verena. Ich war niedertrchtig gestern, verzeih, sagte er
+sofort und nahm ihre Hand. Und heute, Verena, darfst du nicht fleiig
+sein, heute wollen wir hinaus -- Er stockte, als er ihr unschlssiges
+und mdes Gesicht sah, -- hinaus aufs Land.
+
+Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren, antwortete Verena; ein
+wichtiges Examen steht bevor ...
+
+Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
+Arnold: Ich will aber, da du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
+anderes wollen als ich.
+
+Ich habe schon gesagt, da ich nicht gehe, entgegnete Verena leise,
+indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
+verzog.
+
+Arnolds Gesicht wurde rot. Du mut! rief er mit Heftigkeit und schlug
+dabei in die Hnde. Aber der Anblick Verenas lie ihn sofort bereuen,
+was er getan. Ihr pltzliches, unwillkrliches Hndefalten, das
+bestrzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
+emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schrg zur Erde
+gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.
+
+Ich lebe nicht nur in der Liebe, sagte endlich Verena mit einer
+seufzend sich hebenden Stimme, und das ist vielleicht meine Schuld. Du
+aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
+ist schlecht ...
+
+Ich wei nicht, da du mich liebst, erwiderte Arnold trotzig und
+schchtern zugleich, ich habe keine Beweise. Er setzte sich auf den
+Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Hnden, starrte er zu Boden.
+
+In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
+regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Zge strahlten pltzlich von
+herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
+Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mute, seinen Blick
+mit ihrem zu vereinen. Nun geh, flsterte sie endlich. Heute wollen
+wir uns nicht mehr sehen. Sie kte ihn, erhob sich, deckte die Hand
+ber die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
+vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
+Mund fast sprengen wollte.
+
+Auch Arnold stand auf. Gut, auf morgen also, Verena, sagte er mit
+brennendem Schamgefhl. Hier ist irgend ein Miverstndnis, dachte er,
+als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn pltzlich, und er
+wute nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
+selbst, das er verloren geben mute. Im untern Stockwerk hing ein
+kleiner Spiegel neben einer Tre. Er blieb davor stehen, betrachtete
+sich aufmerksam und lchelte zerstreut.
+
+Zu Hause machte er sich ber seine Bcher und Hefte her, aber es gelang
+nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergnger unterwegs liegen.
+Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verstndnis zu
+tun pflegte, eine Gemlde-Galerie. Meist blieb er vor den
+landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
+Frhlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
+Bume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
+helle Herden und weitgestreckte Ackergrnde.
+
+Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
+es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
+nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
+Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
+immer: Ich soll Sie vielmals gren. Verena Hoffmann ist abgereist.
+
+Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Was --? fragte er, und die
+weien Bltter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
+ri er den Brief auf und las: Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
+Mhe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wre umsonst.
+Wenn du das Warum sprst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
+wrde uns dies doch allzubald auseinander reien. Ich werfe weg, um
+nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.
+
+Arnold nahm Mantel und Hut, strzte fort, warf sich unten in einen
+Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
+zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
+besinnungslos.
+
+Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie's vollbracht. Er lief
+wieder herab, ging zwei Huser weiter, -- auch Tetzner war auf und davon,
+und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn berzeugt hatten.
+Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
+Welch ein Miverstndnis ist dies? fragte er sich verstrt. Noch immer
+vermochte er nichts zu sehen als ein Miverstndnis, wie jemand, der
+eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hlt.
+
+
+
+
+Alexander Hanka
+
+
+Zweiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Mitte Mrz legte Arnold die Prfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
+Spiel. Er entschied sich fr das juristische und philosophische Fach. An
+einem strmischen Frhlingstag entrichtete er an der Universitt die
+festgesetzten Gebhren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
+hinaus in die Vorstadt.
+
+Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
+nchsten Jahren nehmen wollen? fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
+Vergessen Sie nicht, da Sie viel lter sind, als die Burschen, die mit
+Ihnen uerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.
+
+Ich mache kein Programm, erwiderte Arnold lebhaft. Damit geht jede
+Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
+kommt. Spter kann ich dann mein Gebiet begrenzen.
+
+Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?
+
+Das wei ich nicht.
+
+Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
+gewissen Gedanken verbohrt, bemerkte Wolmut freundschaftlich.
+
+Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bume bogen sich im
+Wind. Der Sturm entfhrte Arnold den Hut, wirbelte ihn ber den Zaun,
+und Arnold mute am Tor des Gartens luten und ziemlich lange barhaupt
+stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
+er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Strae schritt, hatte
+er die Empfindung einer schnen, jedoch dunklen Erinnerung. Pltzlich
+stand es in ihm fest, da er nach Podolin gehn werde.
+
+Zu Hause angekommen, zog er den lndlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
+aber es zeigte sich, da dieses ehrwrdige Stck zu klein und zu hlich
+war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen groen Lederkoffer und
+eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
+war, bemerkte er mit Verwunderung, da er sich wie zu einer langen
+Abwesenheit gerstet habe.
+
+Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
+Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
+durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Trvorhang
+beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
+vor sich. Die Beiden saen an einem schmalen Teetisch einander gegenber
+und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrielicher
+Abwehr nach ihm zurck. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
+Gemach und sagte, weshalb er kme. Da sein Benehmen unbefangen war,
+wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien gergert. Er erhob sich
+alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
+widerwilliger Hflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
+Anna Borromeo: Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur. Mit
+beiden Hnden und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
+Haarkrone zurecht, lchelte Arnold mtterlich zu, stemmte dann beide
+zur Faust geballten Hnde tief in ihren Scho, und starrte auf den
+Boden. Was tust du jetzt in Podolin? fragte sie, aus ihrem Brten
+aufschreckend. Es ist noch kalt drauen. Hast du aufgehrt zu arbeiten
+und machst dir Ferien? Ich mchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
+zu haben.
+
+Unangenehm berhrt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
+Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begnnen wahrscheinlich erst
+im Himmel.
+
+Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmtig. Sie beugte sich vor,
+legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrn aus,
+als sie erwiderte: Kannst du mit meinem Herzen fhlen? Nein. Es gibt
+nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich tglich freue, nmlich
+der, wenn ich nachts das Licht auslsche.
+
+Arnold zuckte die Achseln und sagte, er msse eilen. Als er gehen
+wollte, kam Borromeo. Anna erzhlte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
+und schttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
+Jetzt, in einer Stunde. Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
+es dir recht ist.
+
+Gewi.
+
+Arnold bergab sein Gepck einem Wagen, whrend er selbst mit dem Oheim
+zu Fu ging. Wie lange willst du bleiben? fragte Borromeo. Und warum
+fhrst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
+Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.
+
+Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes lie alle Anzeichen ueren
+Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
+scheinbar ganz bewutloses Anschmiegen an die Person Arnolds, da dieser
+ganz verwundert darber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
+Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
+gesprchig und gab Ratschlge und Meinungen in betreff der
+Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
+wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.
+
+Das strmische Wetter war unverndert geblieben, als Arnold im
+dmmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen chzte im
+Straenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wst und der
+Nebel verhllte die Wlder. Ursula war nicht wenig verblfft ber die
+Ankunft des jungen Herrn. Der bhmische Verwalter, der seit dem Sommer
+angestellt war, stand mit entbltem Kopf am Gartentor. Sein rotes
+Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
+wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
+ergnzen, aber Arnold bedeutete ihr, da er vorlufig damit nichts zu
+tun haben wolle. Sie sind grer und schner geworden, meinte Ursula
+und bewunderte seine Kleidung, seinen vernderten Gang, -- nichts entging
+ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
+ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
+Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, da er darauf
+nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
+in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
+Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mrrisch verhllte.
+
+Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
+er das Frhstck ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
+war eng, kahl und dster. Die Fenster waren winzig wie Schiescharten,
+Mbel und Gerte von unbequemer Drftigkeit. Arnold lchelte in sich
+hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
+Vorgarten schritt, um hinber nach Podolin zu gehen, dachte er darber
+nach, wie er es nehmen wrde, wenn er hierzubleiben gezwungen wre. Er
+schttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Dennoch zitterte beim Gehen ber die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
+Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
+Lftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
+verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
+dnnen Blau zu weichen begannen, er blieb trumend am Ufer des
+schwrzlichen Flusses stehen und ergtzte sich am Kreischen der Krhen.
+Gibt es angenehmere Tne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
+Glucksen des Wassers in den Wiesen?
+
+Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
+berrascht, jedes Huschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
+lchelnd von Torweg zu Torweg und schritt ber den Platz hinauf gegen
+den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tr seines Ladens,
+als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerhrt htte. Die
+Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
+freundlich; es war ihm, als htte er stets freundliche Beziehungen zu
+dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
+Kompliment.
+
+Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
+verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick ber die
+Ebene, die erst in groer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
+eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
+Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
+einfacher Stein schmckte den Hgel. Arnold lehnte sich mit dem Rcken
+an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
+erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
+Schweifen ergriff den Sinn und trbe nur, kaum den Rand des Grabes
+berschreitend, wurde ein edler Umri sichtbar. Arnold hatte das nicht
+erwartet; er hatte nicht geglaubt, da er sich so allein hier finden
+wrde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
+Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrckt, einen regenverwaschenen,
+kleinen Grabstein, in dem die verblate Photographie eines schnen,
+stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stck Glas verdeckt
+war. Auf der Flche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
+Mailand. #Mal fa chi tanta f obblia.#
+
+Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
+Nie frher hatte er den alten Stein mit dem slich-hbschen Bildnis
+bemerkt. Mhsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
+schlecht fr den, der so viel Treue vergit. Eine wunderliche
+Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
+allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
+sich gegen einen Selbstvorwurf schtzen wolle, rief er mit seiner
+inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rckweg begleitete ihn ihr
+verschntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
+und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
+zweifellos, da er sie in der Stadt wieder sehen wrde, und die
+Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
+Selbstprfung vor.
+
+Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
+und ihren Lippen entquoll eine unverstndliche Flut von Worten. Erst
+allmhlich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
+junge Person war das Weib des Huslers Kubu, der frher
+Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fnf Jahren die Wirtschaft
+seines Vaters bernommen hatte. Wegen eines Steuerrckstandes von
+achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfndet worden
+und heute hatte er die Mitteilung erhalten, da die beiden Tiere
+versteigert werden mten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
+dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, da sie
+es zur Ernte richtig zurckzahlen wolle.
+
+Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschftigt, zwar weich
+gestimmt, doch nur fr sich selbst, wies das Weib ab, dessen lrmendes
+Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
+zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.
+
+Als er am nchsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
+Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhfe
+eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
+verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
+wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
+Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
+das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
+selbst sei der Bahn-Expeditor und habe frher den Kubu unter sich
+gehabt, der ein ordentlicher Mensch wre. Ist dies das Anwesen des
+Kubu? fragte Arnold dagegen.
+
+Der Expeditor erzhlte, da um zwlf Uhr der Steuer-Exekutor aus
+Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
+sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, da er die Ochsen nicht
+bergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgem
+bezahlt, gegenwrtig sei er aber infolge der Miernte des vorigen
+Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
+fgte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
+sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
+erhobenen Hnden um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
+entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
+sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als da ich spter mit
+meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
+nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
+Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
+ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Sbel. Die Frau
+warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
+Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
+verletzt, da ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
+alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
+wrden schieen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
+sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
+Ochsen knnen nur ber meine Leiche gefhrt werden. Die Frau entri ihm
+die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
+strmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Mnnern, die Frau von dem
+Husler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
+gepfndeten Ochsen los und lie sie mit vier Gendarmen forttreiben.
+
+Whrend Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, da der Expeditor
+fragte, ob er sich krank fhle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
+Rock, zhlte siebzig Gulden ab, berreichte sie dem Expeditor und sagte:
+Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es fr den Husler. Zwei
+Gulden bekomm ich zurck. Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
+und drckte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
+verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
+Mehrere drngten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
+Arnold mute an einen andern Tag zurckdenken; damals hatte er ihnen
+sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
+geschleudert; heute jauchzten sie ihm fr versptete siebzig Gulden zu.
+Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
+er betrog sich mit diesem Gefhl. Sein trger gewordenes Herz empfand
+Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
+mitteilen konnte.
+
+Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinberfhrte, blieb Arnold stehen
+und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
+Erleuchtung: sollte es mglich sein? Er stellte sich vor einen Baum
+und blickte starr auf die Rinde. Denn pltzlich begann er den wahren
+Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
+bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefllten Baumstamm. Ja,
+er begriff. Nicht lnger erschien ihm als ein Miverstndnis, was so
+deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmhlich suchte er
+doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
+Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
+Platz und die Waldeinsamkeit rhrte ihn, weil ihn sein Kummer rhrte.
+Kein Laut unterbrach die Stille. Wei, breit, sanft ansteigend, krmmte
+sich die Landstrae hgelwrts hinan und bohrte sich wie aus eigener
+Kraft durch das Dickicht der Stmme und des niederen Buschwerks. Arnold
+empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.
+
+Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
+zu Ursula in die Kche und sagte ghnend: Was soll man anfangen bei
+solchem Wetter!
+
+Erzhlen Sie mir doch. Wie gefllt Ihnen das Leben in der Stadt?
+fragte die Alte.
+
+Ja, das ist etwas fr sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
+ein Hllenkreisel. Da heit es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
+Hier wei man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
+zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
+mchte, der mu tanzen und springen.
+
+Aber wenn es regnet, wird's dort auch na. Das ist kein Unterschied,
+sagte Ursula.
+
+Arnold machte ein listiges Gesicht. Wenn es regnet oder schneit, sagte
+er, merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straen und Pltze
+haben Glasdcher und fen. Es ist immer warm und trocken.
+
+Ursula erwiderte verdrielich und unsicher: Einem alten Weib kann man
+erzhlen, da der Leineweber die Kartoffeln macht.
+
+Arnold trat unter die Haustr. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
+wrzte diese einfrmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
+Er entschlo sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
+auf den Hauptplatz gekommen war, mute er in einem Flur Schutz suchen,
+denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmglich. Eine krumme
+Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rcken, flchtete gleichfalls
+herein, sttzte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
+Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
+streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergngen,
+als er ihn erkannt hatte. Ei gndiger Herr! sagte er. Gleich hab ich
+mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
+jetzt? Un wo waren Sie die Zeit ber?
+
+Ja, ich bin hier, antwortete Arnold lau und verlegen. Wie geht es
+Ihnen?
+
+No, es lat sich leben. Man mu sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
+mu man's treiben. Er lachte.
+
+Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er htte gern
+den geschtzten Platz verlassen, denn ihn strte der muffige Geruch, der
+von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
+Zunge, aber es war ihm nicht mglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
+Glubiger vor ihm, der es aus Zartgefhl unterlie, ihn zu mahnen, und
+er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, frher als er denkt.
+
+Endlich verdnnte sich das Strmen des Wassers. Arnold nickte dem
+Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurck.
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Kapitel
+
+
+Der folgende Tag war ein strahlender Frhlingstag. Der Himmel hatte die
+Erde noch einer grndlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das
+Frhlingskleid ber die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune
+besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
+lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in
+einem Dorf bei Milch und Kse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus
+der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch mig sitzen oder
+liegen. Manchmal bemchtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit
+der Felder wurde ihm dann drckend und nichtssagend. Lstig erschienen
+ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Tler, die
+sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die
+schmutzigen Bauernhfe, das drftige Gras der Wiesen, der unbequeme
+Ostwind, die neugierigen Kinder in den Drfern. Unruhe flammte in ihm
+auf.
+
+Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurck. Noch hatte er
+nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
+rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.
+
+Ich habe erst gestern gehrt, da Sie hier sind, und zwar durch den
+Brieftrger, sagte Hanka und drckte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und
+Freude. Er schien grer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden,
+sein Gesicht lnger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen
+Ausdruck vollkommenen Ernstes.
+
+Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von
+Befangenheit. Wo kommen Sie her? fragte er. Wo waren Sie solange?
+
+Ich war in Rom, Sizilien und Tunis, berichtete Hanka, und jetzt bin
+ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.
+
+So? Was fehlt ihr denn?
+
+Hanka zuckte die Achseln. Die Nerven, das Blut.
+
+Bleiben Sie lange hier? fragte er. Ist es Ihnen nicht langweilig?
+
+Arnold schttelte lchelnd den Kopf. Ich langweile mich nie,
+antwortete er.
+
+Das ist ein groes Wort, meinte Hanka und nickte nachdenklich. Was
+mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Mae.
+
+Die breite Behbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden
+heraufbrummte, machte Arnold lachen. Jetzt darf man doch nicht mehr
+klagen, sagte er. Schauen Sie sich doch um: Frhling!
+
+Seit drei Monaten habe ich Frhling und bin den blhenden Mandeln von
+Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt. Mit
+verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier
+sah er quellend und in Blte, was in ihm selber eine Wste war. Hier
+vermutete er naiven berschwang der Krfte und die Fruchtbarkeit eines
+unbefangenen Geistes. Whrend seines langen Alleinseins hatte sich das
+Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen
+zugewandt als der Verkrperung alles dessen, was seiner Natur niemals
+auch nur aus der Ferne hatte winken drfen. Ihm jetzt gegenberstehend,
+sah er in sich selbst eine Gefahr fr Arnold und er beschlo, ihn zu
+meiden.
+
+Wollen wir nicht abends fter zusammenkommen? fragte Arnold. Die
+Abende sind sehr lang. Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht
+hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war
+geschehen. Errtend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem
+Tadel auf dessen Zigarette blickend: Nie sieht man Sie ohne das Zeug.
+Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefllt mir nicht.
+Verzeihen Sie.
+
+Hanka lchelte gelassen. Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen, sagte
+er stehen bleibend und sich verabschiedend.
+
+Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,
+als er allein war und sich dem Zaun des Vorgrtchens nherte. Er ffnete
+die Gattertre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.
+Betroffen bckte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam
+unter dem erkaltenden Federkleid, die Flgel waren schlaff ausgebreitet,
+die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte
+das kranke Wesen in die Kche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der
+Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfu des Herdes,
+dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der
+unbegreiflichen Bewegung erfllt, welche Leben heit, glnzten nun
+mineralisch leer.
+
+Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie
+lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er
+unterhielt sich mit ihr, erzhlte Reisegeschichten und machte sie
+lachen. Agnes wute das Notwendigste ber ihres Bruder schnell
+vergangene Ehe. Es waren darber nicht drei Stze gewechselt worden, und
+Agnes war nicht so berrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah
+ihn verndert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.
+Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefhlvoll. Hanka war
+es im Grunde gleichgltig, wofr man ihn nahm. Der Sturm kann darber
+erhaben sein, da ihn taube Ohren fr das Summen einer Fliege halten.
+
+Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag, sagte Agnes, sich
+aufsttzend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden
+Zweige der Bume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,
+nickte sie beglckt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie
+hatte nie etwas anderes gelesen. Frher hatte Hanka die ihm altmodisch
+erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
+faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber
+hatte er eine bessere Ansicht darber gewonnen.
+
+Er entnahm der Bndereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,
+setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut
+hren knne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge
+berblickt hatte. Er schwieg und las fr sich: Sobald wir anfangen zu
+leben, drckt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er
+fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hren wir auf. O
+strben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
+diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.
+
+Mit erschrecktem Stirnrunzeln lie Hanka das Buch sinken. Er
+entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn
+qulte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,
+nach ihrem Geschwtz und nach Spiel. Der weite Himmel drckte auf ihn
+nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von
+schwarzen Ameisen ber einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen
+und in geteilten Haufen die roten Stcke fortzerrten. Voll Ekel wandte
+er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn
+im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten
+sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine
+parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte drre Zweige
+lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Bltter leuchtete in der
+Sonne. Die Spatzen lrmten und auf den Feldern schritt schon der
+pflgende Bauer.
+
+Das Beisammensein der beiden Mnner trug den Ausdruck gegenseitiger,
+natrlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwhnte,
+da er sich die Zeit her um nichts gekmmert habe; er finde nicht die
+Ruhe, es treibe ihn zu groen Geschften, die ein Wagnis und Einsetzen
+verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Krftevermgen in
+sich selber verzehre, kme man bald zur Schwche. Darum sei es ihm
+zweifellos, da das Leben auf dem Lande fr junge Menschen, wenn nicht
+gefhrlich, doch sehr einschrnkend sei. Arnold redete mit einer ganz
+kleinen berspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,
+sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und
+das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, da
+ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschften
+nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwrtig
+sein ganzes Vermgen in Brsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er
+keine Ttigkeit, sondern fhle sich faul und gleichmtig. Es entstand
+ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne bergang die Geschichte mit dem
+Husler Kubu berichtete. Hanka sagte: Solange es nur gute Menschen
+gibt, die mit den Unglcklichen fhlen, ist nichts gewonnen fr die
+Welt. Mit den Glcklichen zu fhlen, dazu mte man die Menschen
+erziehen.
+
+Sie verabredeten fr den nchsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu
+trg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur
+bestimmten Stunde kam das Gefhrt zur Stelle, mit zwei dicken Gulen
+bespannt. Langsam ging es ber die Heerstrae; der Tag war noch schner
+als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch
+geschlte Baumstmme lagen quer ber dem Graben und glnzten in der
+Sonne wie Goldbarren. Die Strae war schmal. Hinter ihnen fuhr im
+scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen
+hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den
+ganzen Wald mit Getse erfllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,
+schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam nher, auch die
+Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brllten; ihre
+beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nhmen sie an der Erregung
+teil. Arnold ri dem Kutscher die Zgel aus der Hand; lachend trieb er
+die dicken Gule vorwrts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild
+dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den
+nachstrmenden Pferden in die rtlich lohenden Augen. Seine
+Gleichmtigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte
+an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hngt, Tod unter und Tod ber
+sich erblickt.
+
+Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und
+Hanka kehrten auf einem nheren Weg gegen Podolin zurck. Eine
+eigentmliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das
+Ding, welches ihm das Herz auffra.
+
+Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold
+bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflut, was Hanka
+schweigend in sich verschlo. Er trieb wieder mathematische Studien. Er
+spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten
+spielt. ber all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die
+Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und
+erfllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rtsel ihrer Person
+zu ergrnden und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.
+
+Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief
+Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, da sie fr sein langes
+Ausbleiben keine andere Ursache vermuten knne, als da ihn ihr Haus
+abgestoen und ihre Person verscheucht habe. Aber lieber Neffe und
+Freund, wir knnen dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.
+Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschften ermdeten Kopf, indessen
+du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte qult sich mit der
+Befrchtung, da du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
+knnest, und auch mich drngt es, dir eine bessere Idee von Anna
+Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Fr die
+Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschlieen sollte, dem
+sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.
+
+Arnold war Anna Borromeo fast dankbar fr dieses Schreiben, durch
+welches sein Schwanken beendigt und der Entschlu der Abreise bewirkt
+wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen
+Vorsatz mit.
+
+
+
+
+Fnfundvierzigstes Kapitel
+
+
+Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt
+zurckkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
+letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht
+der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es
+vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn
+zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, da es nicht leicht war, ihn zu
+bertlpeln. Er sollte sich darber entscheiden, ob er ein Stck Acker
+an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben
+wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den
+Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.
+
+Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die
+Strae hinaus. Ursula lie ein weies Handtuch flattern, das noch lange
+zu sehen war.
+
+Ich bin froh, nun geht's wieder an die Arbeit, sagte Arnold. Weshalb
+sind Sie so schlecht gelaunt?
+
+Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrielich auf dem
+Hals. Es geht mir schief, antwortete er. Die Montanpapiere sind um
+zehn Perzent zurckgegangen.
+
+Was werden Sie tun?
+
+Ich mu verkaufen.
+
+Und dann?
+
+Dann steht mir ein groes Unglck bevor, -- Arbeit.
+
+Arnold lachte. Schade, meinte er, Sie sind zum Miggang geboren.
+
+Wohlttig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lrm berhrt, als sie am
+Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
+Die Wrme des Lebens strmte ihm aus den Straen entgegen. Hier war es
+nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
+nicht.
+
+In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepck,
+und whrend dem trat Anna Borromeo unter die Tre. Mit groer Freude
+streckte sie ihm beide Hnde entgegen und Arnold war sehr berrascht, in
+ihr eine so schne Frau zu sehen, denn fr sein Auge war sie bisher nur
+die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzhlte ihm Neuigkeiten, und obwohl
+sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
+Arnold doch natrlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
+Anna war erstaunt darber, da er auch ihre halbgesprochenen Stze im
+Stillen zu ergnzen wute, und da er jenes andeutungsreiche Wesen
+begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
+Gewohnheiten entsteht.
+
+Spter las Arnold die Briefe, die fr ihn eingetroffen waren. Zuerst
+nahm er Stck um Stck in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
+er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
+Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, da er in die
+Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und da ihm wahrscheinlich
+bald eine weitere Befrderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
+zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.
+
+Geschftig rumte Arnold alle Bcher aus den Regalen, rief den Diener,
+damit die Bnde abgestaubt wrden, und ordnete alles mit peinlicher
+Sorgfalt nach Gre, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
+legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
+Drhte. Er lie die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
+klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flhen
+und setzte alles im Haus in Bewegung.
+
+Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
+ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
+hin und fand ihn in trbseliger Laune. Hanka gestand ihm, da er den
+grten Teil seines Vermgens an der Brse verloren habe.
+
+Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Pltzlich begann
+Arnold von Verena zu erzhlen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
+in seinem Mund; gefrbt durch selbstschtiges Leiden, wirkten sie
+romantisch und verzwickt. Schon die Befrchtung, ein Liebesabenteuerchen
+wie hundert andere zu erzhlen, verwischte den natrlichen und so
+ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
+Er uerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
+Verlust seines Vermgens betrauerte er pltzlich Arnolds bertriebene
+Beredsamkeit. Arnold fhlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
+neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets berhebt
+man sich, wenn man loben mu, was man liebt, und Hanka wurde immer
+mitrauischer und betrbter. So sehr er uerungen des Temperaments
+achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.
+
+Aber er begab sich des Nachdenkens darber und begngte sich mit der
+Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorber wie man im
+Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
+Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
+vorbereiteter Geist von Schrecken erfllt war durch die Erwartung der
+Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
+Handeln eigentlich durch ein alles umgrtendes Verantwortlichkeitsgefhl
+erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schndlich ist es,
+wenn deine Seele ermdet, ohne da dein Leib mde ist; und grbelte mit
+dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
+gebietet dem Krper, und der Krper gehorcht; der Geist gebietet sich
+selbst und findet Widerstand.
+
+Hankas einzige Zuflucht bildete das Glcksspiel. Er verbrauchte alle
+Krfte seines Gemts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
+Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
+Geist mit finsterm Beharren erfllte, das Ungefhr, das
+vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefhr,
+welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
+das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und groen Gerichtshof fr
+die Lebendigen bildet. Aber betrbte Spieler knnen nicht gewinnen. Er
+hatte das Gefhl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
+verlor er gegen fnftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
+Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
+Kaltbltigkeit und sagte: Genug, ich werde keine Karte mehr berhren.
+
+Als ob er nun die Mauer zerstrt htte, die ihn von Arnold trennte, war
+sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
+sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bcher,
+Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
+Leiter, der Diener war mit Packen beschftigt. Hollah! rief Arnold
+herab, Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.
+
+Ich sehe wenigstens, da Sie beschftigt sind, erwiderte Hanka etwas
+verdrielich.
+
+Ich ziehe nmlich aus, erklrte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
+Boden und rollte eifrig einen Strick ber die Hand. Hier ist mir alles
+zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man mu
+atmen knnen.
+
+Da bin ich also berflssig, meinte Hanka; ich dachte, wir knnten
+eine kleine Spazierfahrt unternehmen.
+
+Sehr gut! rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
+Wagen zu besorgen. Ich habe schon zu viel Staub geschluckt, sagte er
+und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lcheln
+die Hand drckte.
+
+Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
+verlassen, sagte Hanka kopfschttelnd.
+
+Es ist mir eben zu still, erwiderte Arnold. Alles ist alt und krumm
+hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
+Boden. Es wird zu frh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
+ist nichts fr mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
+etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
+herausfallen. Er lachte, auch Hanka lchelte.
+
+Man kommt nicht zur Besinnung, sagte Arnold, als sie im Wagen saen,
+der die Richtung gegen den Prater nahm. Und wie schn es heute ist, wie
+gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.
+
+So? erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedchtig in den vollkommen
+blauen Himmel.
+
+Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch ber schlechtes Wetter?
+
+Ich schnurre, gab Hanka zurck, obwohl es mir dabei nicht so wohl
+ist, wie es die Beschftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.
+
+Der Kutscher lie die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
+geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
+zurckkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschne Frauengesichter
+tauchten auf und Arnolds Mund ffnete sich begehrlich. Unersttlich im
+Wunsch, lie er die Augen ber die Massen hingleiten, welche sich auf
+den Fuwegen drngten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
+schneller schlagen lassen knnte. Keiner wei vom andern, jeder birgt in
+sich die grte Flle der Bitterkeit, des Lebensberdrusses und der
+Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fhigkeit auf ein Ziel zu
+richten, ttig nach auen werden zu lassen, was zerstrend im Innern
+wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.
+
+Sie fuhren zurck gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. Anna
+Borromeo hat mich lngst gebeten, Sie zu ihr zu fhren. Sie vermutet in
+Ihnen einen Philosophen. Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
+ihren Lenden, gleichwie auch von den Straen der schwle Dampf der
+Arbeit emporstieg.
+
+Ah, Besuche und noch dazu Damen, sagte Arnold im Vorzimmer der
+Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
+Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
+selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Kapitel
+
+
+Es wurde ber ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
+stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
+Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
+Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.
+
+Es ist auch beschlossen worden, da du dem Komitee beitrittst, sagte
+Anna Borromeo.
+
+Beschlossen worden?
+
+Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen, sagte die
+Baronin.
+
+Aber hauptschlich sollen Sie mitspielen, fgte Valescott hinzu.
+
+Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht, erwiderte Arnold
+verlegen.
+
+Das ist berflssig. Es gengt, da Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
+nur Figur machen.
+
+Also ungefhr das Beschwerlichste, was es gibt, meinte Hanka trocken.
+
+Alle lachten, ausgenommen die ltere der Baronessen, deren kluges und
+etwas verdrossenes Gesicht sich blo fr einen Augenblick erhellte.
+
+Ich glaube sogar, Sie mten den Narzi geben, fuhr Valescott eifrig
+fort. Das Spiel behandelt nmlich die Sache vom Narzi in etwas
+modernisierter Form, ins Barock bersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
+zu mir, wir wollen darber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
+tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
+gesprochen.
+
+Was sagen Sie dazu, Hanka? fragte Arnold lachend.
+
+Hanka zuckte die Achseln. Pltzlich stand er auf und verabschiedete
+sich. Er wurde mit Klte entlassen.
+
+So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden, sagte Anna Borromeo, als
+er fort war.
+
+Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.
+
+Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
+Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.
+
+Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
+soeben an ihm vorbergegangen war; einen langen Bart und trbe, fast
+erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
+gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
+einholen. Er blickte in die Hausgnge, schaute durch die Glastren in
+die Lden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewhl stehen.
+Und pltzlich sah er die Erscheinung, zurckkehrend, zum zweitenmal, --
+es war nicht Elasser; eine hnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
+seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nchste
+Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
+den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
+Strae betrat.
+
+Am nchsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
+berall noch Leute beschftigt. Kostbare Gegenstnde lagen umher wie im
+Laden eines Trdlers.
+
+Sie treffen Anstalten, das Geschft zu vergrern, meinte Hanka und
+machte einen Riesenschritt ber eine flache Kiste. Arnold fhrte ihn
+durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollstndig finstern Raum und
+sagte: Passen Sie auf. Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
+auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
+breitem Postament der marmorne Antinous.
+
+Wo haben Sie das Ding her? fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.
+
+Es hat dem reichen Pottgieer gehrt.
+
+Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
+Eine wertvolle Sache.
+
+Wie gefllt es Ihnen, Hanka? fragte Arnold fast schchtern.
+
+Ganz gut. Sehr schn, -- vorausgesetzt, da Sie keine Tendenz damit
+verbinden.
+
+Was soll das heien?
+
+Ich meine, etwa Griechentum, Schnheit und so weiter. Hanka ging mit
+seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hnde fest auf die
+Hftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
+ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
+Ebenholzkugeln glichen.
+
+Und wenn ichs tte --? erwiderte Arnold. Ich wei nichts davon, aber
+wenn ichs tte --?
+
+Hanka blieb stehen. Es wre nicht weiter schlimm, sagte er. Ich meine
+nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir mssen
+unsere Ideale viel niedriger hngen. Es ist fr uns schon Ideal genug,
+ein anstndiger Mensch zu sein. brigens, fgte er hinzu, mit einer
+eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt htten,
+wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen --, dort?
+
+Ich denke nein, entgegnete Arnold.
+
+Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
+blickte auf die Statue.
+
+Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
+sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
+er jetzt nichts anderes als den gemeielten Stein darin. Er lauschte
+gegen die Straen. Ein leises, unvernderliches Kochen, Surren und
+Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die tuschende Stille. Dort
+war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersttlicher Hunger erfllte Arnolds
+Brust. Ohne Zgern htte er all das Unbekannte an sich reien mgen,
+anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glck, nicht Befriedigung,
+nicht Ausfllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
+es, wonach dies Unersttliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
+benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
+fr den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verchtlicher Bissen,
+die Umarmung der Psyche kaum ein Trpfchen Erquickung bedeutet htte. Im
+Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
+schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausflle. Was ihn
+ehedem hatte erglhen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
+begehrt, bettelhaft. Zahllose Wnsche waren beschftigt, ihm ein
+reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzckter
+Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
+es, da aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
+Spinne, deren feine Fden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
+machten?
+
+Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der vernderten Anlage
+eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu khnen Unternehmungen;
+was er anpackte, ging den glcklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
+Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
+Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
+gegenber. Beide waren bla.
+
+Verzeiht, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
+einem durchbohrenden Blick ihrer glhendblauen Augen an, Borromeo
+lchelte dnn und leer.
+
+Habt ihr zu sprechen? fragte Anna Borromeo. Mit einem trgen Nicken
+gegen Arnold verlie sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
+Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.
+
+Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
+halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
+und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrcken den Bart unter dem Kinn
+empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zhne. Dann blieb er
+stehen, lauschte, ffnete die Tre, durch welche Anna gegangen war, und
+finster lag der groe Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
+zweiten Tre, die er gleichfalls ffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
+wieder schlo. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hngenden Armen,
+im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.
+
+Du hast mir noch nichts von Podolin erzhlt, sagte er. Er hatte etwas
+ganz anderes unterdrckt, das ihm zu sagen nher lag.
+
+Es hat sich nichts verndert, antwortete Arnold. Der Verwalter
+scheint mir nicht zuverlssig, Ursula wird alt. Ich mchte das Ganze
+losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.
+
+Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
+Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen Knig heraus, den er dster
+betrachtete.
+
+Was denkst du dazu? fragte Arnold.
+
+Borromeo schttelte sanft den Kopf. Ich kann nicht raten, sagte er
+leise. Ich bedrfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
+verkaufen?
+
+Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
+gegen die eisige Trauer dieses Mannes.
+
+Ich bedrfte selbst des Rates, wiederholte Borromeo.
+
+Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
+verehrenden, klaren, glubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fhlte.
+Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
+wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
+ob sein Bild auch wirklich darin sei.
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Kapitel
+
+
+Arnold trumte, er stehe auf einem glsernen Feld und bei jedem Schritt,
+den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurck.
+ber diesen Bemhungen erwachte er und versprte Kopfschmerzen. Er
+konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
+Whrend des Lesens fate er den Plan, in der neuen Wohnung alle
+Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschftigte sich
+mit der Zusammenstellung kstlicher Speisen und seine Phantasie
+schmckte im voraus die Rume. Antinous sollte eine Rosenguirlande ber
+der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
+viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
+Morgen zur Universitt, um eine Vorlesung zu hren, schrieb fleiig mit
+und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.
+
+Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort fr sich hatte
+kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nhe der Oper
+lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
+bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen fr ihn
+in der Luft. Es machte ihm Vergngen, einen Kellner zu beobachten, der
+vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch sa,
+gewahrte er gegenber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
+Beate. Specht grte mit einem nachlssigen kalten Neigen seines
+Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroe
+Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrnes Tuchkleid in
+englischer Machart. Ihr Gesicht war auerordentlich bleich, mde,
+langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
+Anstndigkeit. Als Arnold grte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
+Specht schien innerlich zu kmpfen; er flsterte mit Beate, nach einer
+Weile kam er herber und drckte Arnold die Hand. Er zeigte eine
+boshafte Frmlichkeit in seinem Benehmen.
+
+Es scheint Ihnen gut zu gehen? sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
+berflssige Annherung im voraus abzuweisen.
+
+Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes, erzhlte Specht und nahm mit
+einer leichten Verbeugung Platz. Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
+hre, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
+Schulter. Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
+erzhlt man sich.
+
+Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weie Fleisch
+sorgsam von den Grten. Er lchelte.
+
+brigens mu ich Ihnen etwas mitteilen, sagte Maxim Specht pltzlich
+in heiterer Belebtheit, und es ist gut, da ich Sie treffe. Eine ganz
+unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
+mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
+nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
+Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
+nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
+der Kellner, der mich sehr gut kennt, lt mich vorbeigehen, und ich
+hre schon von weitem unsere Gesellschaft lrmen. Da passiert mir das
+Unglck, ich mu die Nummer des Zimmers vergessen haben, da ich nun
+eine falsche Tre ffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
+Valescott und --
+
+Nicht weiter Specht! rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
+Tisch.
+
+Specht senkte die hochgewlbten Lider und sagte: Namen sind verpnt,
+Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah spter
+noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
+es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
+Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht ber den dummen Irrtum, der
+mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie knnten hier ebenso
+erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenber. Die
+Wahrheit ist eine sehr schne Sache, besonders wenn man fr sie einsteht
+... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.
+
+Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Elust eingebt, zahlte
+und ging. Zorn gegen Specht erfllte ihn, Unschlssigkeit, Trauer,
+allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
+ein wohlttiger Schleier ber das unharmonische Wogen der Gefhle.
+
+Es war vier Uhr und er entschlo sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
+welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
+jener alten verwitterten Palste, deren ursprngliche Majestt, in eine
+enge, finstere, wurmartig gekrmmte Gasse verdrngt, sich ganz in
+Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold gefhrt wurde,
+war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wnde und eine stuckverkleidete
+Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
+Diener kam zurck und sagte, der Herr Baron msse jeden Augenblick
+zurckkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge mge bestimmt auf ihn
+warten.
+
+Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
+Gasse hinab. Whrend er bemht war, einem bestimmten Gedanken Einla in
+sein Gehirn zu verwehren, ertnte ein Klavier im Nebenraum und ein
+wiegender Gesang, sehr gedmpft durch die geschlossene Tre und die
+dicke Portiere. Arnold ging zur Tr und lauschte. Es war eine
+Mdchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lchelnd schob er die
+Portiere beiseite, drckte auf die Klinke, ffnete behutsam und steckte
+den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ltere Valescott sa am Klavier
+und spielte mit einer mden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
+Krpers. Das brnette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
+tief ber den Nacken und gab der Gestalt von rckwrts etwas
+Nachlssig-Vertrumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
+Mdchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
+einander zag bei den Hnden. Die ltere der beiden war im Straenkleid;
+die jngste trug ein Kostm, kurzes lila Rckchen, zu den Knieen
+reichend, violette Strmpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
+Das braune Haar war mit violetten Stiefmtterchen bekrnzt, und in der
+Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefllt mit denselben Blumen.
+
+Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Tre. Sie schrie und lief
+davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
+zweiten Schwester im Verein. Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
+eingebrochen sind, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
+lteste blieb still mit rckwrts verschrnkten Armen am Flgel stehen.
+In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
+Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
+den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
+entgegenwirkenden Krfte gestrt wurde. Ein seltsames Gemisch von
+Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.
+
+Arnold drckte beiden die Hand und sagte: Nun wei ich noch nicht
+einmal Ihre Namen.
+
+Raten Sie, sagte die lteste fast streng.
+
+Er riet, -- stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
+Mdchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hie die lteste, Dora die zweite
+und die jngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.
+
+Sind Sie denn allein zu Hause? fragte Arnold.
+
+Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen, antwortete Dora.
+Jedenfalls mssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht blich, auf
+diese Art Herrenbesuche zu empfangen, -- sie lachte, -- aber bei Ihnen
+wollen wir eine Ausnahme machen.
+
+Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
+Mollakkord an.
+
+Sind Sie eigentlich schon lange in Wien? fragte Dora, indem sie Platz
+nahm. Erzhlen Sie uns doch etwas. Wir hren gern Geschichten.
+
+Geschichten wei ich nicht, erwiderte Arnold.
+
+Dann erzhlen Sie Wahrheiten oder Lgen oder Trume. Dora lachte.
+
+Es ist sehr schwer, nicht zu lgen, wenn man Trume erzhlt, sagte
+Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
+ein wenig schwrmerisches Lcheln wich nicht von seinen Lippen. Das
+gerade schien die Mdchen wunderbar zu berhren. Dora blickte voll
+ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
+ber die Schulter zurckgeschaut, nun legte sie die Hnde in den Scho
+und lauschte. Ich erinnere mich, begann Arnold, einst hatte ich einen
+sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grne Pferde. Auf einer
+Mauer stand geschrieben: diese Pferde knnen sprechen. Eine Glocke hing
+ber der Mauer und sobald die Glocke tnte, machte das eine Pferd sein
+Maul auf und sagte: wer reiner Hnde ist, mehrt die Kraft. Ich frchtete
+mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
+Trume.
+
+Wo waren Sie denn da? fragte Dora.
+
+In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
+Ebene, Wald, ein Hgel, ein schmutziger Flu. Aber wenn ich
+zurckdenke --! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
+Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nhe der wilden Kapelle, wie
+sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
+mich aber nicht und grbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
+niemals dacht ich ber etwas nach. Ein paar Tage spter heit es, der
+Waldhofbuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
+angezeigt, da bei der wilden Kapelle ein wunderttiger Rosenkranz
+vergraben ist. Am Sonntag strmen Tausende aus allen Drfern hinaus, die
+bucklige alte Buerin voraus. Ein schreckliches Gedrnge entsteht bei
+der Kapelle, die Alte betet, dann grbt sie und grbt mit bloen Fingern
+die Erde, die tausend Mnner, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
+beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Hnden in den Boden,
+als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hlt. Hunderte
+fallen ber sie her, reien ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
+eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
+kssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
+Menschen.
+
+Die Mdchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
+Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.
+
+Mademoiselle Dora! rief eine krhende Stimme vom Flur.
+
+Dora erhob sich. Die Franzsin, sagte sie geringschtzig und ging
+hinaus.
+
+Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: Warum
+spielen Sie nicht?
+
+Was lieben Sie? entgegnete das junge Mdchen, indem es ihn mit
+prfenden Augen ansah und die linke Hand rckwrts auf den Haarknoten
+legte.
+
+Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie kten
+einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trb vor sich hin.
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Kapitel
+
+
+Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
+Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
+Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drckte er ihm die Hand.
+
+Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
+sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
+Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrte sie die
+beiden Besucher, einen Herrn von Grden und den alten Baron Drusius. Der
+Tisch zum Tee war gedeckt.
+
+Die beiden jungen Mdchen saen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
+mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
+Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
+Grden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
+freundliche, hflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
+an Arnold. Herr Ansorge, -- wenn ich recht verstanden habe --? sagte
+er. Haben Sie Verwandte dort oben in Mhren in ... Podolin?
+
+Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause, erwiderte Arnold.
+
+Herr von Grden rusperte sich. Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
+in der Nhe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.
+
+Ja, es ist ein altes Dorf, erwiderte Arnold.
+
+Gott verzeih mir, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
+Aufschlagen seiner Augen fort, es war eine schreckliche Zeit. Nichts
+als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
+Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affre mit dem Juden Elasser --?
+Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
+starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?
+
+Jawohl, erwiderte Arnold.
+
+Das ist mir ein Rtsel, fuhr Herr von Grden mit aufrichtigem
+Erstaunen fort. Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
+nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...
+
+Specht?
+
+Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzhlt.
+
+Alle blickten auf Arnold.
+
+Warum ist Ihnen das ein Rtsel? entgegnete Arnold, der sich ein wenig
+verfrbt hatte. Es handelte sich doch um ffentlichen Raub --? Er
+heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.
+
+Ja, ja, ja! ganz gewi, natrlich, sagte Herr von Grden bereitwillig,
+aber immerhin, das verrottete jdische Gesindel mu ein wenig
+gepeitscht werden. Sie mssen mir doch zugeben, da diese Leute nicht
+unserer differenzierten Empfindung zugnglich sind. Das Mdchen wird es
+im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
+aufgewachsen ist. Der ganze Lrm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
+doch nur eine verabredete Komdie. Sie mssen doch zugeben --
+
+Ich gebe nichts zu, unterbrach ihn Arnold. Wie knnen Sie so
+sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
+erstenmal davon hrte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
+gewi nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie knnen
+Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
+angewiesen ist, da man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
+Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
+Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
+Versndigung brig, da kein Gedanke sich daran gewhnen kann. Ich
+konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
+unter einem furchtbaren Futritt. Man raubt ein Kind, man will es
+zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was fr
+eine Religion, das ist doch gleichgltig, und nichts geschieht, keine
+Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird bswillig erstickt. Und Sie reden
+von Komdie!
+
+Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
+Gefhl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
+verschaffte.
+
+Drusius klopfte ihm auf die Schulter. Wacker, sagte er, ein wackeres
+Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
+Teufel! Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
+unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand ber den
+Tisch und sagte mit verbindlichem Lcheln: Sie haben mir aus dem Herzen
+gesprochen.
+
+Herr von Grden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
+nahm ziemlich verstimmt Abschied.
+
+Wir haben nicht viel Zeit, sagte die Baronin zu ihren Tchtern, die
+Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
+Vergngen, mit in unsere Loge zu kommen --?
+
+Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es wrde zu spt werden, bis
+er sich umgekleidet htte. Aber der Leutnant drngte ihn und erbot sich,
+ihn zu begleiten.
+
+Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straen von allem mglichen.
+Er war uerlich von sehr angenehmer Wirkung, hbsch, auerordentlich
+gepflegt und besa eine angeborene Liebenswrdigkeit. Schlielich
+erzhlte er Weibergeschichten. Am liebsten hab ich mit verheirateten
+Frauen zu tun, sagte er khl und wissenschaftlich, es ist oft
+gefhrlich, gewi, aber in den meisten Fllen bequem. Sie werden ja die
+Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefhl steht in einem
+vollkommen richtigen Verhltnis zu dem, was an Gefhl verlangt wird.
+
+Arnold berhrte die Schamlosigkeit dieses Gestndnisses erstaunlich. Er
+blieb pltzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
+das heutige Gesprch mit Specht und den Rcken hinab rieselte etwas wie
+ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
+her, da er eine entrstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
+Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
+hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrstung, Zorn, Emprung -- kleine
+Aderlsse fr das berstrmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
+nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
+Moralisten machen. Man wre lcherlich erschienen, und nur nicht
+lcherlich werden, alles nur das nicht.
+
+Aber Arnold war aufrichtig betrbt. Er zog mit groer Eile seinen Frack
+an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrbt, da er falsche
+Knpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
+lang niedersetzte, um nachzudenken.
+
+Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
+Blicke ber die Reihe der geschmckten Damen schweifen lie, die an den
+Brstungen der Logen saen, empfand er wieder jenes berauschende
+Machtgefhl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
+sein frechster Traum umspannt.
+
+Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin whrend der Pausen
+zu besuchen. Er bemerkte wohl, da er Eindruck machte. Er mhte sich,
+herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
+er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehrte, beobachtete
+er sich und hielt sich fest im Zaum. Da er sich gegen Felicia hatte
+hinreien lassen, bereute er, denn er fand es unwrdig, mit einer
+lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
+zurck und das rgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
+Heiterkeit und eine gewisse liebenswrdige Vertieftheit, die sie nie
+zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.
+
+Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
+Nchte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
+Bestrzung, wenn er berlegte, wie wenig auch bei der gnstigsten Fgung
+von diesem Reichtum fr ihn abfallen konnte.
+
+Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
+Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
+zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
+dstern Flur kam er in ein groes, gewlbeartiges Zimmer mit plumpen
+Mbeln und hohen Regalen, in denen die Bcherreihen pedantisch geordnet
+standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
+Borromeo gegenber, dessen Bart heute besonders steifgebgelt schien,
+whrend die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fhlte seine Strke,
+seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewlbe doppelt. Da
+geschah das Grausige, da nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
+ein heftiger Donnerschlag ertnte. Arnold hatte nichts von einem
+Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mute sich das Wetter geballt
+haben. Er hrte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
+Innern: Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
+werden ... Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
+Arnold.
+
+Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung, sagte Borromeo,
+nachdem er flchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
+Donners nachgelauscht hatte, aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
+habe mich erkundigt, -- man zuckt die Achseln.
+
+Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
+reden? dachte er und wute doch schon, da er nicht reden wrde. Er
+blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: Die Konjunktur
+ist aber gnstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das brige
+ist Sache des Glcks.
+
+Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
+ber Arnold.
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Kapitel
+
+
+Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des groen
+Blumenfestes gehrt, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
+ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
+drfen. Es gelang ihr, der Frstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
+ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglckt eilte sie nach
+Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt fr
+Zuckerwaren erhalten.
+
+Noch die Tre in der Hand, rief sie atemlos: Petra, denk dir --! Und
+sie erzhlte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerhrt von den
+Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, da es unrecht sei, bei
+der tglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergngungen zu
+denken. Petra hatte Pflichtgefhl.
+
+Natalie hatte kein Pflichtgefhl. Sie war von allen Wrmegraden
+abhngig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
+Kinder, ihr Haushalt, alles war fr sie eine niedliche, bald
+unterhaltende, bald langweilige Spielerei.
+
+Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Fr nichts
+anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schn
+bleiben werde, und jeden, bis zum Bckerjungen und zur Milchfrau
+ersuchte sie um ausfhrliche Meinung darber. Sie bezog das ganze
+Weltall auf das Gelingen ihrer Wnsche.
+
+So rckte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
+sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
+blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es flo wie
+Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwlf Uhr kam die
+Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
+verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher ber
+der Brust ein rundes Medaillon mit einem schnen Edelstein befestigt
+war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknpfen eine Viertelstunde
+dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strmpfe an den
+Fen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
+Petra mit Kartenspielen beschftigt waren.
+
+Frau Knig lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem groen Ballon,
+welchen die Wrterin hielt. Sie lie beim Eintritt Natalies das Saugrohr
+sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zrtliches Lcheln nicht
+verschnt, sondern entstellt. Natalie, mein Kind, du gehst zum
+Vergngen. Recht hast du, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
+Krchzen. Auch ich war vergngt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
+Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
+ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer berlegt und
+taktvoll.
+
+Sprich nicht so viel, Mama, sagte Petra stirnrunzelnd.
+
+Natalie stand beschmt und rgerlich da wie ein Snger, der bemerkt, da
+er vor tauben Ohren singt. Glaubst du, da das Kleid zu tief
+ausgeschnitten ist? fragte sie ihren Mann.
+
+Meine liebe Natalie, erwiderte Osterburg rauflustig, ich habe andere
+Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich wei nicht, ob irgend ein Mensch
+in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich -- Er rieb sein
+Knie. Du bist eine leichtsinnige Frau, fuhr er wtend fort, ich traue
+mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du -- Alle starrten ihn entsetzt
+an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wrterin
+und begann pltzlich franzsisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
+die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.
+
+Frau Knig verfolgte mit stillem Ha dies Gesprch. Sie glaubte weder
+an ihre Krankheit noch glaubte sie, da sie je wrde sterben mssen. Da
+sie so liegen mute und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
+Zusammenwirken boshafter Umstnde zu, und sie hate die eigenen Kinder,
+wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heit, mitzuleben. Es gab nur
+einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
+Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
+machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
+verstand: da man in der Frhe gemtlich Kaffee trank, dann die
+Klatschereien hrte, mit Behagen beim Mittagstisch sa, nachmittags in
+die Geschfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
+Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
+zwei Glser mit Wasser auf dem Nachttisch. So htte sie es gern ein paar
+tausend Jahre lang getrieben.
+
+Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
+zu frher Stunde in den festlich geschmckten Park des Belvedere-Schlosses.
+Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
+grne Laub, nicht die Blumenkrnze, die sich von Baum zu Baum spannten,
+nicht die Wasserknste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
+neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel fr
+ihre eigene geschmckte Person, und sie lchelte, lchelte wie im
+Schlaf, wute kaum, da sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
+zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
+nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
+die Welt. So htte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.
+
+Sie trank braunen, eisgekhlten, sen Kaffee und weischaumige Torte,
+beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lcheln die Fragen eines
+jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
+anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
+dafr. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begren. Sie hatte eine
+Glckslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
+Kleid, wei wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, ber den
+Hften durch einen kostbaren mit fnf Smaragden besteckten Grtel
+zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
+etwas Knigliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
+blulichen Blutgefen vibrierenden Hals verstrkt wurde.
+
+Wo ist Herr Ansorge? fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
+drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
+schneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
+im Gesprch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
+vor Natalie. Geqult musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
+deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfllte. Arnold kam herber
+und sagte: Sie sind schn, Frau Natalie, und diese Worte gengten, sie
+zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
+nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
+Schultern herab.
+
+Bald war ihr rosenbekrnztes Verkaufszelt dicht umdrngt. Grfinnen,
+Frstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gru zu
+tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und lie sich die anmutige Dame
+vorstellen, junge Kavaliere nherten sich dienstbeflissen. Sie sprhte
+von Geist; die Triumphe betubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
+fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebhrenden
+Ehren empfngt.
+
+Drei Musikkapellen spielten, auf drei Pltze des Gartens verteilt. Sich
+auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzckt einem Walzer, als sie
+unter dem Menschenstrom, der sich heranwlzte, ihren Mann bemerkte,
+dessen Augen hastig unter den Zeltdchern umherblickten. Dieser dstere,
+unheilvolle Blick ihres Gatten berhrte wie ein eisiger Anhauch Natalies
+Stirn und Wangen. Sie hatte vollstndig vergessen, da sie mit diesem
+Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
+Peitschenschlag.
+
+Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrngt hatte, sagte er:
+Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...
+
+Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als wrde sie pltzlich blind
+vor Schrecken. Ihre Augen fllten sich mit Trnen; sie rhrte sich nicht
+von der Stelle.
+
+Du mut kommen, drngte Osterburg, whrend er zu gleicher Zeit
+neugierig und begehrlich um sich blickte. Die Mutter hat einen
+furchtbaren Anfall ...
+
+Es ist sicher nicht rger als sonst, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
+Nur noch bis der Kaiser kommt, la mich hier.
+
+Osterburg htte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
+festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
+hergefhrt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Hnden
+warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
+zrnte sie der Mutter.
+
+Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
+zum Ausgang fhrten. Wohin? wohin? rief er.
+
+Natalie schluchzte wie ein Kind.
+
+Arnold schaute Natalie bestrzt nach. Dann bahnte er sich durch die
+immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
+Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
+einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.
+
+Was zahlt man fr ein Los? fragte Arnold, vor das Zelt tretend.
+
+Das steht bei Ihnen, erwiderte Dora.
+
+Er warf fnf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
+zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
+der Brieftasche und whlte dafr zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
+Neugierige und stellten sich hastig drngend in engem Halbkreis auf.
+Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
+sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
+Ich habe kein Geld mehr, sagte Arnold und blickte sich um. Aber
+Kredit, so viel Sie wollen! rief Dora. Er nahm lachend zwei Hnde voll
+Lose und schrieb einen Schuldzettel ber fnfhundert Gulden. Bravo
+Narzi! rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
+die Damen klatschten in die Hnde, und einige waren ihm behlflich, die
+Rllchen zu ffnen. Die Leute drngten sich nher. Arnold griff nach
+beiden noch gefllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
+leicht fliegenden Inhalt ber die Kpfe der Leute hinweg. Unzhlige
+Hnde streckten sich aus, und in bengstigender Kreiselbewegung drehte
+sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
+erschallte der Ruf: Der Kaiser! Der Kaiser!
+
+Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
+schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
+welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
+durch den Krper. Wie in einem frheren Dasein sah er sich selbst, mit
+trichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
+blickend. Nun stand der Frst kaum fnf Schritte weit, nickte lchelnd
+und ging vorber, durch das schweigende Volk.
+
+Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
+Feuerwerk.
+
+Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
+Schlo, um die Tnze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
+den Bumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.
+
+Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
+der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
+Menschen, des Volkes, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
+zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rckwrts umfat, und eine
+Stimme flsterte: Schon lange, schon lange lieb ich dich.
+
+Als er sich umwandte, lieen ihn die Arme los, ein weies Kleid rauschte
+durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
+goldenen Grtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
+Lichtstrahlen.
+
+Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lchelnd stehen. Wohl ahnte
+er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
+htte er niederstrzen mssen ins Gras, um Gott zu bitten, da er ihn
+flchten lasse oder die Seele in einen strkeren Krper presse. Er hob
+seine Augen eine Sekunde lang demtig zum Himmel.
+
+
+
+
+Fnfzigstes Kapitel
+
+
+Die Tage schlichen gleichmig vorber. Arnold machte viele Besuche,
+aber selten vermochte ihn ein Gesprch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
+Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
+suchte, aber der krnkliche Mann erregte seinen Widerwillen.
+
+Er nahm an den Zusammenknften einer Anzahl von Schauspielern und
+sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nchtelang umher und machte
+sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er bte wie jeder
+Kritik an jedem und urteilte schlecht ber den, dem er soeben vertraut.
+Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
+witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
+Gewhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde fr
+eine ursprngliche Natur erklrt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
+schttelte er diese Anhnger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
+Schwelle der guten Gesellschaft zurck. Er wollte unterbrochene Arbeiten
+vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
+Wnsche traten an die Stelle der Plne. Leere Verabredungen trieben ihn
+auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprchig,
+unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde grer;
+er machte Reiseplne und verwarf sie wieder in der Befrchtung,
+Wichtiges zu versumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schlo;
+offenen Auges stie sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Znkereien
+wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
+ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
+die der Selbstbeherrschung, denn sie ntigte zur Heuchelei. Mitten in
+einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
+diesen Rumen widerwrtig zu finden. Er beschlo Hanka aufzusuchen, den
+er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so fhrte
+er seinen Vorsatz aus.
+
+Im Hotel erhielt er die Auskunft, da Hanka nicht mehr dort wohne,
+sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
+und fuhr hin. Die Kchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. Wecken
+Sie ihn nur auf, erwiderte Arnold, es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
+Freund sei da.
+
+Hanka rkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: Nun, mein
+Teurer, was fhrt Sie zu mir?
+
+Ich wollte mich nur berzeugen, ob Sie noch am Leben sind, antwortete
+Arnold und nahm neben dem Bett Platz. Weshalb machen Sie sich
+unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?
+
+Hanka richtete sich ein wenig empor und sttzte den Kopf auf den Arm.
+Es ist kein gutes Zeichen fr Ihr geistiges Wohlbefinden, da Sie
+gerade mich suchen, sagte er.
+
+Unsinn, versetzte Arnold. Stehen Sie auf und reden wir vernnftig.
+
+Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit klglichem Gesicht
+seine dnnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. Was treiben
+Sie? orgelte seine tiefe Stimme. Haben Sie noch immer so groen
+Lebensappetit?
+
+Arnold deutete auf ein lbildnis an der Wand und fragte: Wer ist das?
+
+Hanka wusch sich und entgegnete prustend: Das ist ein Mann, der frher
+oder spter wahnsinnig werden wird.
+
+Und deshalb hngt sein Bild hier?
+
+Jawohl. Fr den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen,
+der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.
+
+Sie gingen zusammen zum Essen, saen im Kaffeehaus, blieben den Abend
+ber beieinander und trennten sich erst in der Nacht.
+
+Hanka sah wohl, da Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er
+bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem
+Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon
+geben kann, je rmer wird er daran werden; ein sonderbares
+Rechenexempel.
+
+Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er
+das Ende voraus und frchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Ha
+und Wrdelosigkeit verzerrt, und die Schnheit atmete ihm schon Fulnis
+entgegen. Ihm htte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in
+welcher das Wasser nicht die Erde hhlt und nicht der Freund einst zum
+Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod
+neigte und an den Gesetzen der Vernderung teilnahm. Er sah das Wasser
+schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lcheln, kein
+Entschlu, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und
+verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Hrchen des Krpers, welches
+nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.
+
+Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen
+profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die
+Formel entgegen, und zu anderer Zeit stie er alles Lehrwerk wie
+morsche Hlzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und
+der Idee.
+
+Arnold kmpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu
+hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare
+Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm
+in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mute, da er um etwas ganz
+anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
+berlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach
+Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er frchtete
+sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor
+der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft frchtet. Eines
+Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
+Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen:
+#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat
+die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente
+gefahren, kehrte ich zurck. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in
+ihrem hellsten Schein.
+
+Arnold las es und fragte ironisch: Was ist das fr ein Geschwtz?
+Schmen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben? Er nahm den
+Pappendeckel und lie ihn geringschtzig fallen.
+
+Hanka erwiderte ebenso bedchtig wie nachsichtig: Das ist ein Spruch
+aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.
+
+Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Vernderung in Arnold, so
+da er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn
+getroffen, gro, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
+mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke --? fliehst du
+vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer
+fremden Wohnung niederlassen?
+
+Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. Vergessen?
+gnzlich vergessen? schrieb Hyrtl. Vor einigen Tagen dachte ich wieder
+an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch!
+Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gnzlich
+verlassen, sitze zu Hause und bin bel dran. Das beste Backwerk Europas
+la ich fr Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, knnen Sie
+bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
+keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir
+zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.
+
+Gleichgltig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben
+erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch
+wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier
+hielt es ihn nicht lange. Die Strae lockte ihn. Langsam schlenderte er
+durch die Dmmerung, kehrte aber bald nach Hause zurck, denn zum
+Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener
+und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: Gndiger Herr, es ist etwas
+passiert. Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging
+voraus und ffnete die Tre zu dem Raum, worin der Antinous sich befand.
+Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und
+der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schnen Geberde
+neben dem Leib. Es erwies sich, da die beiden Diener whrend seiner
+Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergngt hatten. Sie waren
+an die Statue gestoen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold
+sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor
+die Trmmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und
+untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglck sei nicht gro,
+es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte
+Arnolds Niedergeschlagenheit. Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
+so sehr? fragte er etwas ungeduldig.
+
+
+
+
+Einundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Sie gingen in das Speisezimmer. Whrend des Essens erzhlte Hanka, da
+ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstnde, die Vereinfachung
+seiner Lebensweise nicht viel gentzt habe. Er habe noch
+Schuldverpflichtungen im Betrag von fnfzehntausend Gulden. Auerdem
+stehe noch die Zahlung an seine frhere Gattin aus, und da drfe er
+nicht lange zgern, schaltete er bitter ein, wo die Moralitt eine
+Geldfrage sei. Er schrecke davor zurck, sich an seine Schwester Agnes
+zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die
+leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschttert
+werden knne.
+
+Arnold hrte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprchsstoff suchend,
+erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn
+zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:
+Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?
+
+Arnold zuckte die Achseln. Der Mann lgt, sagte er kalt. Nicht der
+Tat nach, sondern dem Gefhl nach.
+
+So lgt man nicht, antwortete Hanka kopfschttelnd. In frherer Zeit
+bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
+Er ist ein gutmtiger Mensch.
+
+Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit, sagte Arnold lebhaft, er wrde
+mit Vergngen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben
+knnte.
+
+Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich berrascht ins Gesicht.
+
+Sie sind ja ein Psycholog, erwiderte er. Aber das ist eigentlich
+nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und
+einen Menschen fr alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.
+
+Arnold wollte etwas entgegnen, doch es lutete drauen, und darnach kam
+der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.
+
+Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und
+setzte sich. Kinder, wenn ihr wtet, was es heit, allein zu sein!
+sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
+versuchte. Man sieht Gesichter in der Luft, die Wnde schrumpfen
+zusammen, das Zimmer wird bodenlos. Hyrtls Augen lagen tief und irrten
+angstvoll in den Hhlen, und auf der Stirne brach bestndig Schwei
+hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka
+hrte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen
+Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dnnen
+Kegeln emporblies.
+
+Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster? wandte sich Hyrtl an Arnold
+und in seinem Blick glhte ehrliche Freundschaft, rhrende Hingebung. Er
+sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei
+zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben
+sieht.
+
+Gut, sehr gut, antwortete Arnold trocken. Und Sie, Sie sind krank wie
+immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen
+schdlich ist? Welche Widersprche!
+
+Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr ntzen knne.
+Jetzt ist mir wieder wohl, sagte er. Ich habe meinen Arzt betrogen
+und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,
+was wollen Sie, ich bin ein Schwchling. Und Sie, Doktor, wandte er
+sich an Hanka, was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch,
+bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rcksichtslos ins
+Gesicht zu loben. Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wre, fr Hanka
+mte man es erfinden.
+
+Errtend, wirklich errtend, legte Hanka ein Bein ber das andere.
+Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, da ihm Trnen in die Augen
+traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zrtlich um Arnolds Nacken
+und ttschelte dessen Wange. Erinnern Sie sich an unsere hbschen
+Abende? fragte er. Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch
+eine Schnheit! Wo ist sie? wo ist Verena?
+
+Sie sind wieder einmal kindisch, sagte Arnold mit einem fast drohenden
+Blick und schob Hyrtl von sich weg.
+
+Ich sehne mich nach einem Stck Wald, sagte Hyrtl umhergehend, und
+ich mchte fr mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag ber Land
+fahren. Mein Wagen steht zur Verfgung, wir essen drauen in aller
+Gemtlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so
+finster ...!
+
+Arnold schttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz
+und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. Ich wre gern mit
+Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da drauen ist noch ein
+Spielplatz, auf dem ich als Kind fast tglich herumtrieb. Ich erinnere
+mich, ich hatte ein weies Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,
+denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es
+waren natrlich nur Sgespne da, wie bei manchem unserer wackeren
+Mitbrger. Er lachte. Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, -- ach!
+Sie war ein Bckertchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich
+von ihr vernachlssigt und sagte zu ihr: Sophie, heut mu ich sterben.
+Darauf lachte sie verchtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben
+nicht, du Dummkopf.
+
+Na, fahren wir doch mit ihm hinaus, sagte Hanka gutmtig.
+
+Ja, tun Sie es! rief Hyrtl. Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wten wie
+gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal fr mich. Wenn ich wieder
+anfangen drfte zu leben, mcht ich so sein wie Sie.
+
+Endlich lie sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von
+Hanka begleitet.
+
+Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig
+in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flsterte:
+Der gndige Herr schlft noch.
+
+Arnold war entrstet. Die Tr des Schlafzimmers weit ffnend, rief er:
+Auf! auf! Langschlfer! der schnste Tag!
+
+Hyrtl lag mit friedlichem Lcheln im Bett und rhrte sich nicht. Der
+Diener stand mibilligend unter der Tre, nherte sich langsam, beugte
+sich ber das Bett und ergriff die Hand des Schlfers. Pltzlich rief er
+schluchzend: Der gndige Herr! und fiel neben dem Bett auf die Knie.
+
+Hanka hielt sich an den Messingknpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein
+Gesicht war grnlich bleich geworden. Arnold schrie: Laufen Sie zum
+Arzt! Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.
+Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam
+der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, da der Tod schon vor
+Stunden eingetreten sein msse, ein Herzschlag whrend des Schlafes.
+
+Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr
+Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen htten, eine Stunde lang
+nicht zu lachen. Arnold und Hanka verstndigten sich durch ein Zeichen
+und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold
+frchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er frchtete ebenso sehr, da
+Hanka ihn jetzt allein lassen knnte. Pltzlich blieb er stehen und
+sagte: Hren Sie Hanka, ich habe mir das berlegt, was Sie mir gestern
+erzhlt haben. Sie sind in einer milichen Lage und ich kann Ihnen
+leicht die fnfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.
+
+Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er
+betrbt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. Ich
+danke Ihnen, sagte er kalt, ich brauche es nicht.
+
+Noch gestern und er htte das Geld angenommen. Sein Herz wnschte sich
+in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als htte ihn eine gespensterhafte
+Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verchtlichen Augen blickte
+er vor sich hin und stie sein leer gewordenes Schifflein gleichgltig
+ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
+von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.
+Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte
+Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur mu der Sinn, aus dem sie
+geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies
+Arnold zu sagen.
+
+Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.
+Die Auentre stand offen. Krnze lagen im Flur. Sie wollten in das
+Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds
+Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die
+angelehnte Tr sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit
+natrlicher Verehrung ber die Leiche beugte und die Hand des Herrn
+kte.
+
+Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. Gute Nacht,
+sagte Hanka, als sie drauen waren. Sehen Sie, nicht einmal so viel war
+er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.
+
+Hanka ging nach Hause.
+
+
+
+
+Borromeo
+
+
+Zweiundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
+Armen vergraben, da die Hnde sich ber dem Kopf verschrnkten, sa
+Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
+Morgens. Heute war sie dreiig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
+etwa einer unntz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
+eine gleichgltige Zukunft.
+
+Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mhe wert, darber
+nachzudenken. Es war nichts Auerordentliches in ihrem Leben. Sie
+erinnerte sich, da sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
+einem Tag auf den folgenden hatte freuen knnen. Auch wenn sie an einem
+Ereignis mit Erwartung hing, so wute sie doch genau, wie weit die
+Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurckbleiben wrde. Sie
+hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
+Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
+das Ende des Stcks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
+Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
+wenigen Worte, da sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
+konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
+ein sicheres Auskommen.
+
+Sie holte den Handspiegel und betrachtete dster ihr Gesicht. Nur von
+dem greren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
+Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhrchen machte
+sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhngig, -- ohne es zu
+wissen, denn sie hielt sich fr eine faustisch-unzufriedene Natur.
+
+Schlielich raffte sie sich auf und ging in die Kche. Kaum hatte sie
+ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich vernderte wie das einer
+Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die ntigen
+Anweisungen fr den Tag und als sie ber den Korridor zurckging, kam
+Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
+von der Kanzlei komme.
+
+Borromeo schttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Klte: Wo in
+aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
+frh hast du schon das Haus verlassen und niemand wei, wohin du gehst.
+Ich htte notwendig hundertfnfzig Gulden fr die Schneiderin
+gebraucht ...
+
+Borromeo lachte; das heit, dies Lachen bestand darin, da er die Lippen
+und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
+Zhne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
+die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
+flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschftigung verwundert
+zu. Dann senkte sie den Kopf. Seit Tagen verschwindest du in der
+geheimnisvollsten Weise, Friedrich, sagte sie und zwang sich zu einem
+Lcheln. Hast du etwas vor?
+
+Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. Ich
+habe etwas vor, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
+skandierend.
+
+Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
+Valescotts lassen dich gren. Ich war gestern nachmittag dort.
+
+Mit einem Lcheln nherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
+liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurck. Ihre Blicke
+begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: Du
+bist sonderbar.
+
+Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Hnden zu
+liebkosen. Was ist eigentlich mit Arnold? fragte er umhergehend. Er
+meidet uns. Findest du nicht, da er uns meidet?
+
+Ach, -- er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus, warf Frau
+Anna gleichgltig hin.
+
+Es ist nicht ntig, fr ihn besorgt zu sein, sagte Borromeo. Was ein
+richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Trnke.
+
+Du hast eine halsstarrige Manier, dich ber Arnold zu tuschen,
+entgegnete Anna Borromeo ruhig.
+
+Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lchelte beinahe
+trumerisch vor sich hin. Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?
+fragte er endlich. Ich glaube, man darf einander ruhig beglckwnschen,
+wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich mchte ich dir etwas
+mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.
+
+Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
+dir hast, antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.
+
+Ja. Ich bin es mde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
+erdulden. Ich bin es mde. Es ist noch nicht lange her, da ich zu einer
+wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
+war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in frherer
+Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgefhrt habe. Deshalb kann
+ich nicht lnger mittun. Denn unser Leben luft immer darauf hinaus, da
+wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
+immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
+sonst geht er zugrunde.
+
+Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen,
+sagte Anna Borromeo ernst und geringschtzig. Sie zuckte die Achseln,
+als Borromeo schwieg und verlie das Zimmer. Drben in ihrem eigenen
+Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
+neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
+sich daran, Einladungskarten fr den Samstagabend zu schreiben. Auch an
+Arnold richtete sie eine Karte, zerri sie aber wieder, nahm statt
+dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: Mein Lieber, drfen wir
+dich fr den dreizehnten abends erwarten? Borromeo krnkt sich wieder
+einmal ber dein Fernbleiben, ich aber finde es natrlich. Ich finde es
+natrlich, das hindert aber nicht, da ich oft mit Scham an dich denke.
+Httest du nicht vergessen, so wrde ich dich beschwren: vergi.
+Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
+spielen, sonst httest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
+Wahrheit spielt man leider nicht, ohne da es sich an denen rcht, die
+daran glauben. Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
+weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drckte. Sie
+weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlulosigkeit, weinte
+darber, da ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
+und vor denen sie bestrzt und feige stand, wenn sie gleich
+selbstndigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
+trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu berblicken,
+zerri sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
+andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
+nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
+und mit Eilpost ab.
+
+Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fhle sich
+nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
+italienischen Roman und las.
+
+Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
+schwermtigen Ausdruck.
+
+Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
+Achseln.
+
+Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?
+
+Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
+zuletzt bei Hyrtls Begrbnis gesehen.
+
+Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.
+
+Er war ein guter Freund.
+
+Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?
+
+Schlecht.
+
+Du solltest Karriere machen.
+
+Wozu? Es lockt mich nicht.
+
+Du solltest reich sein.
+
+Ich habe genug.
+
+Genug? Fr dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
+denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heit
+alles Hliche, Armselige, Strende im Umkreis von zehn Meilen
+entfernen. Reich sein heit, der Phantasie so viel zu geben, da sie den
+Tod vergit. Ich sehne mich nach Reichtum.
+
+Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.
+
+Weil ich nichts besitze.
+
+Weil du nichts halten kannst.
+
+Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.
+
+Liebst du denn nicht deinen Mann?
+
+Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.
+
+War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Grtel mit
+Smaragden wie sie einen trug, damals ...?
+
+Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.
+
+Hast du schon wieder Schulden? fragte er pltzlich in strengem Ton.
+
+Sie schwieg.
+
+Sprich doch!
+
+Glaubst du, ich rechne auf dich? versetzte sie kalt. Ihr seid ja
+lauter Krmer.
+
+Sie brach in Schluchzen aus.
+
+Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
+ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hnde als das Schnste, Zarteste,
+was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
+und drckte sanft seine Lippen darauf.
+
+Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
+Widerhall gefunden.
+
+Ein wenig spter verlie Arnold das Haus. In dem dunklen Bedrfnis nach
+freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nchsten
+Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
+Waldstationen.
+
+Die Bahn, die auf einem langen Viadukte ber Gumpendorf emporfhrte,
+gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
+Dmmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
+Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich tuschend einem
+Stern. Unzhlbare Schlte ragten empor, bleich leuchtend von einem
+unsichtbaren Licht. Husermauern ber Husermauern, angegraut von Asche,
+Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
+Lchern, Hfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
+Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
+Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schwei riechenden
+Mantel des Abends, die Millionen.
+
+Reich sein, reich sein, dachte Arnold.
+
+
+
+
+Dreiundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Zwei Tage spter, als Arnold ber den Graben ging, winkte ihm pltzlich
+jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
+Schlank, fein, freundlich, rotbckig wie immer, eilte er auf Arnold zu
+und htte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast
+ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der
+Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold
+verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe
+seine national-konomische Broschre herausgegeben und sich Freunde
+damit gemacht. Auch stehe seine Befrderung auf der Statthalterei bevor.
+Wolmuts weie Stirn leuchtete von Hoffnungen.
+
+Nicht wenig berrascht war Wolmut, als er in Arnolds prchtige Wohnung
+gefhrt wurde. Aber er lie nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.
+
+Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht? fragte er.
+
+Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt, antwortete Arnold.
+
+Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie
+sich ausgelebt?
+
+Ein bses Wort, lieber Freund.
+
+Es klingt ein bichen verdchtig, Sie haben recht.
+
+Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu
+schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe,
+Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.
+
+Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings
+halte ich mich meistens an das Ntzliche.
+
+Sie sind eine harmonische Natur.
+
+Damit wollen Sie sich trsten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen
+geben, da Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
+nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu
+wirtschaften versteht, mu Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
+wie soll ich sagen, das groe Los seiner Existenz ziehen. Aber man mu
+aufmerken, man mu der Geisterstimme lauschen knnen. Diesen Augenblick
+verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen
+sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von auen,
+denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne
+an sich selbst begeht. Man mu Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf
+nicht mit dem eigenen Krper umspringen wie mit einem gekauften Gert,
+und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir
+zugrunde richte, wird die Menschheit rmer. Auer mir ist kein
+Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.
+
+Der Diener trat ein und flsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, ber
+den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo sa und ihm ruhig
+entgegenlchelte. Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,
+sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie mge
+ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er msse einen Freund
+fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, whrend
+Arnold zu Wolmut zurckging und ihm freimtig erklrte, da sie nicht
+lnger beisammenbleiben knnten. Auch wenn hier Anla gewesen wre,
+Wolmut gehrte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen
+bestand ja in einer geradezu programmmigen Ehrlichkeit.
+
+Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold
+zurckkam, fand er Anna nicht mehr in dem groen Raum. Sie hatte die
+Tre zu dem anschlieenden Bibliothekszimmerchen geffnet und sa dort
+in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurckgebeugt, den Kopf mit
+regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.
+
+Arnold blieb schweigend stehen.
+
+Wieviel Uhr ist es? fragte Anna, ohne sich zu rhren.
+
+Dreiviertelfnf, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden,
+hatte aber jede Unbefangenheit verloren.
+
+Dann bleibt mir noch eine Stunde, sagte Anna und richtete sich langsam
+auf. Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.
+
+Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und
+meinte endlich: Was ist daran zu sehen? Ein gewhnlicher Ring.
+
+Wenn du ihn trgst, wirst du Macht ber mich haben, entgegnete sie.
+
+Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring,
+lchelte mechanisch und gab ihr den Ring zurck. Macht ber dich heit
+Ohnmacht ber mich, sagte er.
+
+Manchmal ist mir, als wren wir fr einander geboren, sagte Anna
+leise.
+
+Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: Du bist mit dem Bruder meiner
+Mutter verheiratet.
+
+Das ist wahr, sagte Anna ruhig aber ich bin dreiig Jahre alt und
+habe kein Kind.
+
+Ich will dir nur gestehen, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen
+gleichgltigen Klang an, da ich mich eine Zeitlang mit Valescott
+abgegeben habe, ohne da es zu etwas Ernstem htte kommen knnen. Er ist
+blind und stumm und wei nur von Abenteuern. Eines Tages verga er seine
+Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefhrlich. Aber fr alles, was
+ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.
+
+Arnold schritt auf und ab, die Hnde mit festaneinander geklammerten
+Fingern auf dem Rcken. Pltzlich blieb er stehen und sagte mit
+erloschenem Blick: Wozu mu ich das wissen? Oder -- er trat zwei
+Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, oder ist es dir bekannt, da
+ich es schon vorher wute?
+
+Anna war erstaunt. Sie sttzte den Kopf in die Hand und nach einer Weile
+sagte sie: Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.
+
+Arnold hrte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berckte ihn. Ihn
+verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten
+nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prfen; indem
+er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer
+unmittelbaren Nhe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
+Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine
+unergrndliche Falschheit und der Hochmut der Schwche bemchtigten sich
+seiner und indem er stehen blieb, sagte er: Ich kann nicht glcklich
+sein in der Lge. Ja, Anna, ich sehe wohl, da wir uns etwas andres sein
+knnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lge.
+Das ist es.
+
+Anna lchelte mit einem halb vertrumten, halb mitfhlenden Ausdruck.
+Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch? fragte sie.
+Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?
+
+Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen
+stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: Das .... wre undenkbar.
+
+Undenkbar? fragte sie mit rtselhafter Miene. Ich kann es denken. Und
+du, du kannst es fhlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit,
+die nennt man Moral.
+
+Arnold schwieg.
+
+Ich mu fort, sagte sie aufstehend. Hre, Arnold, fgte sie lebhaft
+hinzu, ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fhrt nach Preburg.
+Willst du mir Gesellschaft leisten?
+
+Morgen abend --? Arnold zgerte, als besinne er sich, ob nicht andere
+Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna
+reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem
+Tiefsten bestndig zitternd, durch die Zimmer.
+
+
+
+
+Vierundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Um fnf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistndigem
+Schlaf. Er griff nach den Streichhlzern und machte Licht. Er wute, da
+es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
+sich, als die ersten Morgenlaute von der Strae heraufdrangen. Langsam
+wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
+wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
+ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
+aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
+von Zweikampf heraus, und am Abend bemchtigte sich seiner von all dem
+Indieluft-Kmpfen eine so grenzenlose Erschpfung, da er sich vor dem
+Wiederaufwachen nach sprlichem Schlaf frchtete. Er frchtete die
+Gerusche, durch die sich der Tag ankndigt, und das Licht, das der
+Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
+erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
+war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspren wolle,
+fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefhlen der
+Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
+ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er htte selbst nicht zu sagen
+vermocht, durch welche Einwirkungen allmhlich dieser sonderbare Zustand
+von Fulnis in seinem Krper und Gemt entstanden und angewachsen war.
+Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
+gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
+Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
+einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
+und das war Arnold.
+
+Die Straen lagen schon in goldner Frhsonne, als Borromeo das Haus
+verlie. Er ging in ein Kaffeehaus, frhstckte, las die Morgenbltter,
+zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
+in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschftigt, und
+der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrcke durch den
+Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
+verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er fr
+die Verhandlung in Preburg ntig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
+zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
+ein Geldstck, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
+Bewegung, und Borromeo schlo die Augen. Pltzlich aber erwachte in ihm
+ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
+reden, nicht hren, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
+lcheln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
+gleichgltigen, altbackenen, gefrorenen, mhseligen Redensarten ber die
+Zunge wlzen, durch die allein eine Verstndigung zwischen den Menschen
+mglich ist. Als die nchste Haltestation erreicht war, verlie er den
+Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
+welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
+setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flten ihm so groe
+Furcht ein, da die Haut ber seiner Brust sich spannte und in ein
+konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
+umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
+dachte er, mir graut vor dem Getmmel der Straen und mir graut vor der
+Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
+Rinde von dem Stamm, auf dem er sa bis das gelbe feuchte Fleisch zum
+Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurck
+und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
+erwartet wurde.
+
+Mit dem nchsten Zug, der erst am spten Nachmittag kam, fuhr er wieder
+in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
+ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
+denn wieder in ein Kaffeelokal, nur da er jetzt statt der Morgenbltter
+die Abendbltter las. Und als er dieser Beschftigung berdrssig war,
+lehnte er sich zurck und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
+Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
+Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschlo,
+aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
+durch die verdenden Straen.
+
+Ohne da ihn jemand hrte, weil er niemand zu stren wnschte, erreichte
+er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hnde und das Gesicht waschen, doch
+waren die Krge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn fr diese Nacht
+nicht zurckerwartet. Er drckte auf den Knopf der Glocke, welche in die
+Kche fhrte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zndete
+endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
+Uhr war, muten die Mdchen oder der Diener noch wach sein. In der Kche
+war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
+ist sie selber fort? Er ffnete die Tre des Salons, auch hier war es
+finster, aber durch die Spalten der nchsten Tr drang ein
+Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging ber den Teppich, und als er
+die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flstern. Leise
+ffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
+bertrieben, da er kaum die Tren weit genug fr seinen Krper zu
+ffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stck der dunklen Portiere, mit der
+in jenem Zimmer die Tre verhngt war, dann erst konnte er einen Teil
+des Zimmers selbst berblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
+Mund im grten Entsetzen weit auseinanderzog. Er lie die Klinke los;
+er wagte die Tre nicht wieder zu schlieen, sie hatten nichts gehrt
+drinnen und konnten nicht sehen, da die Tre hinter der Portiere offen
+stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
+der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
+einem dnnen, wimmernden Gerusch, das sich fortwhrend seinen Lippen
+entprete, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.
+
+
+
+
+Fnfundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Als Anna am Morgen erfuhr, da ihr Mann schon den vorherigen Abend
+zurckgekehrt sei, ging sie hinber und klopfte an seine Tre. Es wurde
+nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
+leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
+Hause und das Stubenmdchen sagte ihr, der gndige Herr habe noch nicht
+das Zimmer verlassen und gehe bestndig auf und ab; sie habe nicht
+gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
+und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
+in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberhrte
+Bett. Borromeo stand, ihr den Rcken zuwendend, am Fenster und drehte
+sich, als er ihre Schritte hrte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
+erschrak so vor seinem Aussehen, da sie einen Schrei ausstie. Bist du
+nicht wohl, Friedrich? fragte sie mit schwerer Zunge.
+
+Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorber und seine Lider
+fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den knstlichen
+Augen einer Wachsfigur.
+
+Friedrich! rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.
+
+Es ist nichts, Anna, sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; es
+ist nichts, beruhige dich nur.
+
+Hast du denn nicht geschlafen?
+
+Er zuckte die Achseln und packte pltzlich den Bart mit beiden vollen
+Hnden. Anna wich mechanisch zurck, als er auf sie zukam. Aber er
+schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
+besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
+schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
+wartete auf seinen Bescheid. Gndige Frau, sagte der Arzt, als er
+Borromeos Zimmer verlassen hatte, unser Freund scheint sehr verndert;
+um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
+gebraucht. Die Sache ist die, da er mich nicht einmal seine Hand
+ergreifen lie. Er hat mich weggeschickt.
+
+Ich danke Ihnen, Doktor, erwiderte Anna Borromeo freundlich. Ich
+selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
+Verfassung ...
+
+Der Arzt zuckte die Achseln. Vielleicht eine geschftliche
+Katastrophe --, obwohl er fr solche Dinge doch immer ziemlich
+unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
+verteufelt einer Gemtsstrung hnlich. Warten wir jedenfalls noch die
+nchsten vierundzwanzig Stunden ab.
+
+Das Gesprch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
+sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verlie bald darauf das Haus, um
+zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
+verflo. Sie lutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
+halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
+den Hut im schlaff herabhngenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
+das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah geqult
+aus.
+
+Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier? fragte er
+hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gtiger und
+liebenswrdiger Bewegung ihre beiden Hnde.
+
+La nur, Arnold, antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
+beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lchelte, wobei er auf
+ihren Hals sah. Da fllt mir etwas ein, sagte er ich will dir etwas
+geben. Er eilte aus dem Zimmer. Whrend ihres kurzen Alleinseins hatte
+Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hnde an
+die Stirn und dachte nach. Ungewiheit war ihr das verhateste aller
+Gefhle, deshalb beschlo sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
+machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
+whrend der kleinen Weile so viel begeben, da Arnold, als er zurckkam,
+sie stumm fragend anblickte.
+
+Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertmlicher Schmuck
+auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumenstruchen; die Stengel, frei
+gebunden, bestanden aus Gold, die Bltenkelche wurden durch fein
+gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. Dies ist noch von meiner
+Mutter, sagte Arnold, und du sollst es haben.
+
+Anna betrachtete es, ohne da sie sich eines wunderlichen Schauers
+erwehren konnte, der langsam ihren Rcken hinabrieselte. Und du
+glaubst, ich soll es tragen? fragte sie. Das geht auf keinen Fall.
+Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
+Stirn sich verfinsterte. Was sollen wir also tun, sagte er wie zu sich
+selbst und warf einen schchternen Blick zum Himmel.
+
+O, ich knnte es ausdenken, Arnold, da du ihm die ganze Wahrheit sagen
+wrdest. So tief drfen wir doch nicht sinken, da uns Mitleid oder
+Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
+Vergngen auerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
+und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
+was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
+hast, ich nicht ruhig diese hbsche Brosche werde tragen knnen. Sie
+nahm das Schmuckstck zwischen die Fingerspitzen und drckte die Lippen
+darauf.
+
+Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
+glaubte sie daran, da Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
+hintreten wrde, aber sie wollte sehen, was daraus werden wrde, wenn
+die Stunde gekommen war. Fr jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
+erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wute und ob das
+unberhrte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.
+
+Arnold schmte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
+Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefhl, als
+verbreitete sich Blsse ber Zunge und Gaumen ins Innere des Krpers.
+Ich denke daran, sagte er umhergehend, ob Borromeo nicht in Podolin
+leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.
+
+Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straen
+ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
+ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
+nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
+klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhrten
+zu knnen.
+
+Ist der Herr zu Hause? fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
+Mdchen geffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. Gut, fuhr
+Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, wir wollen in
+einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, da
+ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
+zugegen.
+
+Sie traten in das Speisezimmer. Was heit das? fragte Arnold. Warum
+soll er nicht wissen, da ich da bin?
+
+Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
+aufmerksam die Ngel ihrer Hand betrachtete: Er ist gestern abend
+gekommen, ohne da wir ihn gehrt haben, und ich frchte --
+
+Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Krper. Dann schlug er pltzlich
+die Hnde zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
+Mdchen trat ein und berichtete: Der gndige Herr hat mir nicht
+geantwortet.
+
+Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold, sagte Anna in
+gesellschaftlichem Ton.
+
+Kaum saen sie, so ffnete sich die Tre und Borromeo erschien auf der
+Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
+die weie Farbe verlor und sich rtete. Niemand hatte das je zuvor an
+ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
+trat er wieder zurck, schlo geruschlos die Tre und Anna und Arnold
+waren wieder allein. Sie schwiegen lange.
+
+Deine Idee mit Podolin ist sehr gut, sagte endlich Anna Borromeo mit
+eigentmlichem Lcheln, so knnte es doch nicht weitergehen. Er hat
+ohnehin schon lange aufgehrt unter Menschen zu leben. Fr ihn ist es
+das beste und fr uns ist es das ruhigste und einfachste.
+
+Arnold antwortete nicht.
+
+Ich will nicht damit zgern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.
+
+Ja, tu es nur, sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
+lgnerischen Entschlossenheit, die ihn berfallen hatte.
+
+Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hrte sie
+sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
+Borromeos Zimmer zu gelangen, mute sie, schon im Halbdunkel, um eine
+Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
+und murmelte vor sich hin. Friedrich! Friedrich! rief Anna
+erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
+schlielich die hrbaren Worte rangen: Ich kann nicht weiter, es ist
+finster. Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurck, zndete
+eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
+zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.
+
+Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
+hllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
+nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. Es ist nun
+geschehen, Friedrich, sagte sie dann. Es hat auch geschehen mssen, --
+aus vielen Grnden. Doch du mut dir selbst und uns das berflssige und
+Qulende ersparen. Ich schlage dir vor, die nchsten Jahre still auf dem
+Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstrt, und so wird es in jeder
+Beziehung gut fr dich sein.
+
+Borromeo stand, an die Tr gelehnt, frstelnd, regungslos. Ich kann
+nicht auf dem Land leben, sagte er.
+
+Und in der Stadt fhlst du dich keineswegs wohl, sagte Anna
+liebenswrdig tadelnd. Also wo willst du denn leben? Im Nichts?
+
+Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts, flsterte Borromeo.
+
+Willst du den Skandal? fuhr die Frau ernster fort. Willst du, da ich
+gehe?
+
+Ich will nicht einsam drauen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
+kaput, sagte Borromeo auf einmal erregt, vllig gegen seine sonstige
+Art. Er zitterte am ganzen Krper.
+
+Also willst du reisen, Friedrich? fragte Anna liebevoll.
+
+Er schttelte mde den Kopf.
+
+Hre mich, begann Anna wieder. Wie wre es, wenn du nach Podolin
+gingest und dort --. Man wrde dir die beste Pflege verschaffen ... Sie
+verstummte. Borromeo schaute seine Frau gro und kalt an und erwiderte
+langsam: Podolin? Ich? Er trat zum Tisch und sttzte beide Arme auf
+die Platte. Eher gleich verdorren, murmelte er vor sich hin.
+
+Anna Borromeo war verwundert. Arnold will es, sagte sie, er selbst
+macht dir das Anerbieten und hlt es fr gut.
+
+Da fingen Borromeos Augen zu glhen an und sein Gesicht berzog sich
+abermals mit Rte. Arnold? fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
+dem Kopf. Will --? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
+eine Lge ... eine Lge ist es. Er hatte den Arm ausgestreckt und
+deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
+Lge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.
+
+ngstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schlo einige Sekunden
+die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frhere fahle
+Frbung.
+
+Es ist nicht Lge, sagte Anna fast schchtern. Sie ahnte nicht, was in
+diesem Augenblick in dem Manne vorging.
+
+Nun gut, sagte Borromeo mit grblerischem und traurigem Ausdruck.
+Podolin, -- das ist schlimm, schlimm fr mich. Aus vielen Grnden, wie
+du dich ausgedrckt hast. Aber, er erhob nun wieder seine Stimme, die
+dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
+verhalten schien, aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
+dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich fr gut, nun, dann ...
+dann will ich nach Podolin.
+
+Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verlie stumm das
+Zimmer.
+
+
+
+
+Sechsundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Er will es nicht, Arnold. Er strubt sich dagegen wie gegen Feuer,
+sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurckkam. Er war so
+erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wre schlecht fr ihn, nach
+Podolin zu gehen.
+
+Arnold war verwundert. Es mu ja nicht sein, antwortete er.
+
+Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
+gehn, sagt er. Das sind seine Worte. Anna legte sich ermdet auf das
+Sofa.
+
+Arnold verstummte. Die Vorstellung, da Borromeo wissen knnte, was ihn
+mit Anna verband, versetzte ihn pltzlich in die grte Angst.
+
+Am nchsten Tag erzhlte Anna, da Borromeo dem Diener befohlen habe,
+sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stie. Er
+irrte durch die Rume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
+zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
+zu frchten. Bei Nacht ffnete er das Fenster und sphte die Gasse
+hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
+war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
+empfing, stellte sich pltzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
+einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nhe
+des Ofens und schien aufmerksam den Gesprchen zu folgen. Wenn ihn
+selber jemand ansprach, nickte er oder schttelte den Kopf. Er blieb
+sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
+Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
+zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Strae
+ging.
+
+Annas Gemt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklrlichen Blick
+Borromeos. Seine Nhe lie sie erstarren, sein nicht zu brechendes
+Schweigen erfllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
+zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
+unwillkrlich in den Flsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
+stehen und auf das Ungefhre zu warten, folterte seinen Stolz und
+vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelst auf Gelst siedete in
+seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
+selbst sie vorher zurckgehalten hatte. Aber sie schien wie gelhmt.
+Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
+htte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
+jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schlu, da es ja
+nur auf ihn selbst ankam, da Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
+abhngig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
+gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erflle, teilte er Anna
+ruhig mit, was er fr das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
+aber auch nicht ab; sie schwieg.
+
+So kam der Abend. Borromeo, hie es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
+hinber, pochte an die Tre und trat ein. Borromeo sa am Tisch vor der
+Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
+zurckgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
+trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
+Gegenstnde zu sammeln. Dann begann er. Es ist besser fr dich, dort
+einsam zu sein, als hier, sagte er unter anderm. Podolin ist ja
+gewissermaen ein Familiensitz fr uns geworden. Nichts wird dir zur
+Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
+deinem unerklrlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund fr das
+Gemt.
+
+Arnold konnte nicht anders, er mute seinen Blick in denjenigen
+Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
+verga er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
+Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, da Borromeo alles wute. Aber
+das lie ihn fast gleichgltig gegenber dem einen Wort, das aus
+Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zustrmte: Ungerechter!
+
+Borromeo stand etwas schwerfllig auf und sagte kurzangebunden: Gut,
+ich gehe. Verla das Zimmer, Arnold.
+
+Als Arnold drauen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
+Fenster und weinte. Aber er schmte sich seiner Trnen selbst vor der
+Nacht und htte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
+verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
+Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
+Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
+trumen.
+
+Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
+ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darber erwachte
+er, aber das Entsetzen blieb. Er frchtete sich vor Podolin wie ein Kind
+vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
+Unterordnung oder Einsicht fgte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
+beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fhlte, was
+bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
+Leben knpfte.
+
+Der Diener Christian, ein anhnglicher Mensch, der schon elf Jahre im
+Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
+Wsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
+Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
+Blick schien sich nicht vom nchsten Umkreis seines Krpers entfernen zu
+knnen. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Auftrge,
+forderte von ihm tglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
+der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
+Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwrts,
+nicht seitwrts, sondern nur einwrts wie ein fast Erblindeter. Anna
+zitterte ber die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
+Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlssel in ihre Tasche.
+
+Eine halbe Stunde spter kam Arnold. Er hatte noch gestern
+telegraphische Anweisung fr die Aufnahme in Podolin getroffen und den
+dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
+Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es khl
+auf. Schweigend sa er bei ihr, bis sich ein trber Zorn in ihm
+angesammelt hatte. Er packte mit beiden Hnden ihren Kopf, bog ihn zu
+sich heran und fragte durch die Zhne, indem er seine aufgerissenen
+Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: Sieht denn die Erfllung anders
+aus als der Wunsch? Und Anna entgegnete flsternd: Ja. Da erhob sich
+Arnold, lachte und ging. Gern htte ihn Anna zurckgerufen, aber sie
+konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
+Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
+in eine de Trauer. Sie trauerte darber, da sie sich von Arnold ihre
+Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
+und hlich, was vor der Erfllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
+hatte sich alles erfllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
+wenig, denn von ihm selbst besa sie nichts. Sie verwnschte ihr Leben.
+
+In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzhlt, Borromeo sei zur
+Erholung fr einige Wochen nach dem mhrischen Landgut seines Neffen
+gereist. Aber auch andere Gerchte tauchten auf und zngelten umher, die
+auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie sprte es, denn Leute wie sie, die
+nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben fhren,
+erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbrtig geachtet
+wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
+waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
+Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
+sich selbst beschftigt, da alles auerhalb Liegende seine Wichtigkeit
+eingebt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es htte hell
+werden knnen, so blieb er stehen und begann zu trumen. Er verlor
+Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
+bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
+bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
+schauderte er zurck. Er hatte kein Ma fr den Lauf der Tage, er
+achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
+sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er sprte die Erschtterung
+eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
+abgelstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
+Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
+an und stie ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
+was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
+Wnsche, wnschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
+Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatrlich sich in
+Unheil und Migeschick gebohrt hatte. Bestndig glaubte er, glhende
+Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfllte ihn, zu denken und zu
+schauen. Oft sa er allein und starrte, wie ein Schiffbrchiger aufs
+Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
+selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hlt.
+
+Eines Abends gegen die Dmmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
+hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
+Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
+verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
+treuen Dieners lautete wie folgt: Gndige Frau, der gndige Herr sieht
+jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
+totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gndige Herr, weil er
+glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hrt Stimmen, und der
+Doktor von Podolin sagt, der gndige Herr verliert den Verstand. Er sagt
+auch, der gndige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
+erhalten.
+
+Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
+gegen die Knie gedrckt, so fest, da die Lehne pltzlich am Sitz
+entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
+Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich blulich-wei wie
+Milch an die Scheiben drckte. Dann murmelte er einen Gru, warf drauen
+in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
+Hals, die Brust und die Fe. Er lief durch die Straen, als ob Leben
+und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhnge, um pltzlich
+stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Hnden und verzweiflungsvoll
+aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
+blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
+Gebilde seiner Phantasie wre. Da sah er gegenber auf der andern Seite
+der Strae die geffneten Tren einer Kirche. Ein feierliches rtliches
+Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinber, betrat die
+Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
+hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, strmischer,
+strmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.
+
+
+
+
+Siebenundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Er kam auf die Strae und sah nichts; er sah nicht einmal die Strae,
+viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als da er ging; er
+flsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. Ja
+ja, rief er stehen bleibend und den Arm in die Hhe streckend, einem
+alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, ja ja.
+Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.
+
+Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
+war ihm nicht genug, er zndete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
+wie wenn er aus der Ofenwrme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
+wre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
+gerechte und furchtbare Macht rollte pltzlich den Faden seines Lebens
+nach rckwrts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
+folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
+Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhrlich durch die Flucht der Zimmer.
+Vllig erschpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
+auf Bild, qulend wie die Trume an der Grenze des Erwachens. Er legte
+den Kopf zwischen die Hnde und schlief ein, gerade als der erste
+Tagesstrahl die Finsternis drauen durchbohrte. Er trumte, er se auf
+einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
+Podolin fuhr. Ein frchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
+sah, da er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
+vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefhrt durch den
+tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
+Arnold die angespannte Nackenhaut und den mde gesenkten Kopf. Pltzlich
+aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
+erwachte Arnold von der Berhrung des Dieners, der seinem Herrn gefllig
+zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.
+
+Er ging ins Badezimmer, lie einen kalten Wasserstrahl ber den Kopf
+laufen, trocknete und kmmte sich und verlie das Haus. Langsam schritt
+er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
+er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
+aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
+Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!
+
+Valescott begegnete ihm. Wie sehen Sie aus, lieber Freund! rief der
+Leutnant. Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
+Arzt benachrichtigen? Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
+Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flte ihm Furcht ein, denn in
+jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
+dnkelhaft und lgnerisch.
+
+Ohne da ein Vorsatz seine Schritte gelenkt htte, befand er sich
+pltzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
+und sah, da er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
+ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
+ohne Reisegepck, in wster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
+Zug.
+
+
+
+
+Achtundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
+Rder zu dmpfen. Schwarze Bume streckten mit verzweifelter Gebrde
+ihre ste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mute der Zug halten,
+und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
+ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
+eines Pferdes hingestreckt lag. Geschftig, aber unttig standen die
+Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
+erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung lieen seine Zge
+zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.
+
+Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
+seine Ecke, Minute auf Minute rollte hrbar an seinem Ohr vorbei und
+mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
+Arnold diejenige herausklauben zu knnen, whrend welcher er auf so
+rtselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
+gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
+Zeit ins Ewige hinaus.
+
+Die Station kam, in der Arnold den Zug verlie. Weit und breit war kein
+Wagen zu haben. Er mute zu Fu nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
+auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
+worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
+Trichters blickte ein Stck hellblauen Himmels herab. Leer und still
+dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurck,
+bis er sich allmhlich gegen den Horizont drngte. Die Sonne beschien
+ihn brunlich golden und nur den Flu entlang trmte er sich noch wie
+eine fabelhafte Bergkette.
+
+Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
+den Hgel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
+auf dem hlzernen Steg, der ber den Flu fhrte, blieb er stehen und
+schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
+drben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
+Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
+Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
+Holzgelnder des Stegs, als frchte er, selbst das dunkle Abbild seines
+Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurckgab und welches ihm
+doch wenigstens seine eigenen Zge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
+zeigte.
+
+Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweien
+Hnden aus der Kche kam. Freude schien die Alte ber sein Kommen nicht
+zu empfinden. Die Luft im Hause war verndert. Ursula, die hier ihre
+eigentliche Heimat gefunden hatte, fhlte sich nun unbehaglich. In dem
+schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
+etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepck habe, doch er
+antwortete nicht. Er knne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
+betrbt fort, die drei andern Zimmer htten der Herr Onkel und Christian
+inne.
+
+Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Kchentre und lehnte die eine
+Schlfe gegen den Pfosten, whrend Ursula hantierte und dabei erzhlte.
+Sie buk einen Obstkuchen fr Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
+verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
+fange er oft an zu phantasieren, aber niemand knne etwas davon
+begreifen. Es drfe nie finster sein, er frchte sich vor der
+Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Tren,
+um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
+Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian msse dann mit der
+Kerze in alle Winkel leuchten. Der hiesige Doktor behauptet, fuhr
+Ursula fort, da die Einsamkeit an allem schuld ist und da jetzt
+nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche luft uns auch
+eins vom Gesinde davon. Sie sind aberglubisch und ngstigen sich vor
+dem guten Herrn wie vor dem Teufel.
+
+Arnold ging wieder in den Flur zurck. Er trat an die Tre von Borromeos
+Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
+ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
+Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
+Pltzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Fhre.
+Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschlu. Seine Stirn und
+Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurckging. Ohne weiteres Zaudern
+ffnete er die Tr zum Zimmer des Oheims.
+
+Borromeo sa einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
+steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
+die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollstndig grau geworden. Der
+ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
+hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hnde waren gelb und
+schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Tre. Das
+Gerusch des Eintretenden war lngst verklungen, aber es schien, als
+brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
+blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
+tasten zu knnen. Er fletschte die Lippen und lchelte endlich, wobei
+Geifer in den Bart rann.
+
+Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. Onkel Borromeo, kennst
+du mich nicht? fragte er endlich.
+
+H --? machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
+Bewegung des Mitrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
+Hnde zur Hhe des Halses erhob: Zurckgesetzt ... sie lauern ... man
+mu vo--orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...
+
+Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten htte,
+wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ngstlich die Augen
+und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verlie den
+Raum.
+
+
+
+
+Neunundfnfzigstes Kapitel
+
+
+Drauen berfiel ihn eine betubende Schlafsucht. Er taumelte in das
+Zimmer, das Ursula inzwischen notdrftig fr ihn hergerichtet hatte,
+warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.
+
+Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
+aber weder Streichhlzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
+Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustre versperrt.
+Er berlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
+kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
+In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
+Minuten, und er kehrte zurck und stieg durch das Fenster in den Hof,
+zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest ber der Brust
+zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rcken.
+
+Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
+auf dem Boden etwas, das ihm gehrte. Mit feuchten Augen blickte er in
+das Dunkel und rief pltzlich aus: Bezahlen! das ist das groe Wort,
+bezahlen!
+
+Auf einer hgeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
+dem fernsten Waldrand glhte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
+dort zu wten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
+geffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold sprte, wie eine
+geistergleiche Hand Trbes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
+und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
+schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
+sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
+wiederkommt. Nicht darf man sich betrgen und glauben, ein neues Leben
+ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
+kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Groe vergessen
+konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
+Leicht ist es, sich selber zu betrgen und zu glauben, du bist besser
+geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
+ich nicht erfllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
+verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmig, glcklich werden zu
+wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
+dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, -- was mu ich
+also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?
+
+Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als knne ihn die
+Erde nicht lnger tragen. Schauer auf Schauer berflutete ihn.
+Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wlbung seiner Brust
+und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefhl,
+dann zusammenrauschend und -strzend, erhob sich eine Stimme wie der
+Flgelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
+wird auch dein bel nicht mehr sein; erst aus der shnenden Tat erwacht
+das Bessere wieder!
+
+Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
+wurden von einem Strauch geritzt, Krmpfe durchzuckten seinen Krper.
+Wann hat es begonnen? grbelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
+Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
+mde und faul zu machen. Eingeschlfert hat es mein Herz und dann
+entzwei gerissen. Bezahlen mut du, Arnold, bezahlen!
+
+Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
+gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
+in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
+Teil seiner Sinne gelebt htte, _fhlte_ er sich jetzt, fhlte er klar
+und leicht den menschlichen Sieg ber die ungefhren, blind
+niederreienden Schicksalsmchte.
+
+Der stliche Himmel kam ins Glhen. Mit einem seltsam khlen und
+heiteren Lcheln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
+das Auseinanderflieen der flammenden Cirruswlkchen und wie der Himmel
+mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als htte ihn eine
+verborgene Quelle mit Blue bergossen. Die Luft war frisch und
+dnstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
+Vormittag, aber die Huser sahen aus, als lgen sie noch im Schlaf.
+
+Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
+die ausgehngten Flinten und Hirschfnger. Die Werkstatt lag einige
+Treppen tiefer als die Strae. Arnold ging hinunter und verlangte einen
+Revolver. Er whlte eine billige und gewhnliche Waffe, bezahlte den
+geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hgel hinan,
+kam wieder in die freie Landschaft und sah pltzlich hinter dem Zaun
+ihres Grtchens Agnes Hanka. Sie schttelte Zwetschgen von den Bumen
+und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
+winkend zum Pfrtchen schritt und ihm schchtern lchelnd die Hand
+reichte. Ich wei, da Sie mit Alexander befreundet sind, sagte sie,
+da sind Sie also auch mein Freund.
+
+Arnold errtete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
+auseinandergerissen hatte. Kopfschttelnd antwortete er: Hanka und ich
+sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld. Agnes
+lchelte, wie Frauen ber Mnnerumtriebe zu lcheln pflegen. Sie nahm es
+nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
+strahlendes Gesicht blickte, welches keine bernchtigkeit zeigte, lud
+sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wnschte
+stets zu geben; da dies fr sie am leichtesten und unverfnglichsten
+war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.
+
+Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
+Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Frchte vor ihn hin,
+rckte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerhrt und
+dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
+Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzhlte mit Vorsicht von Hanka,
+denn er erinnerte sich, da er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
+preisgeben drfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzhlt hatte,
+erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.
+
+In ziemlich weitem Bogen fhrte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
+das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, da um sieben Uhr morgens ein
+Arzt und ein Wrter angekommen seien und schon zwei Stunden spter seien
+Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
+zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich lngstvergessenes Unheil
+wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
+Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit ber im Hof auf und ab. Dann trat
+er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
+wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umstndlichkeit an
+einen Tisch und schrieb: Der Ansorge-Hof fllt nach meinem Tode mit
+allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
+Kmmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
+liegendes Barvermgen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
+laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
+Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
+solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprchen
+oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
+Bewutsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
+niedergeschrieben zu Podolin in Mhren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.
+
+
+
+
+Sechzigstes Kapitel
+
+
+Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verlie.
+
+Er ging ein Stck am Flu entlang, bis er zu einem verwahrlosten
+Httchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
+Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
+wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
+Guldenstck und stieg ein. Stehend, mit der Stange stie er das Boot
+fluabwrts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
+oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
+ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.
+
+An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
+Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
+Blicke fielen auf das hellgrne Moos, den Bltterteppich, die
+glitzernden Grserspitzen, das Mckengewimmel in der weilichen Luft,
+durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schieend. Er horchte auf das
+feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfltige, schlfrige,
+halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Bltterrascheln, das Flattern
+kleiner Vgel. Die meisten Strucher waren schon kahl; auf einem kleinen
+Wiesenstck standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
+Forstes ertnte Hundegeklff, dann ebenso fern das Knallen einer
+Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stmmen
+empor.
+
+Die Sonne war am Sinken. Rtlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
+Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen lie, vernderte
+sein sattes Tiefblau ins Grnlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
+Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fden
+des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
+einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fhlte sich klein wie
+eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
+der Grser von unten und innen. Seine Zge wurden noch ruhiger als
+bisher, aber auch ernster. Er rckte ein wenig hinauf, um sich bequem an
+den dicken Stamm der Fhre lehnen zu knnen, die von allen ringsum am
+hchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
+Osten zugleich den Mond begrte. Arnold pflckte einen Grashalm und zog
+ihn lchelnd durch den Mund, so da die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
+erfrischte. Dann ffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
+der Tasche und drckte die Laufmndung fest gegen die linke Brust.
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
+Der niegekte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
+Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:
+
+Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe
+
+Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--
+
+Der Verfasser der Geschichte der jungen Renate Fuchs, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman Die Juden von
+Zirndorf in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Krzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwrdiger Roman,
+diese Juden von Zirndorf. Kaum je hat ein jdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und ber das Judentum der Gegenwart berhaupt schrfere
+und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkrpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glhende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen Vorspiel des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwrdigen Messias Sabbatai Zewi verknpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glnzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
+zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der Juden von Zirndorf,
+in denen ein begabter Jngling Agathon, in dem das edelste Judentum
+verkrpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
+einen Mord an seinem Peiniger rcht. Dennoch beweist der Dichter sowohl
+in der reichen Flle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
+Handlung die vollkommenste Objektivitt.
+
+(Neue Zrcher Zeitung)
+
+Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch
+Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und
+nachsprenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist
+der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und
+steht, soweit das berhaupt mglich ist, ber ihnen. Das Buch gehrt
+nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen
+Literatur der letzten Jahre.
+
+(Arbeiterzeitung, Wien)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50
+
+Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. --
+Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfltiger Registrierung aller
+Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller
+Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern
+drfen, da es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein
+bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes
+Kapitel ein vollgltiger Beweis intimster Empfindung und feinster
+Erkenntnis der menschlichen Natur sei.
+
+(Berliner Tageblatt)
+
+Ein subjektives Entzcken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt.
+Ein subjektiver, mnnlich empfundener Frauenroman -- damit kann man das
+Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es fr ein Ereignis. Bei
+Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange
+verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man
+nicht: sie rhrt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine
+Erfindung im kleinen, im Zusammenhnge-Schaffen und Verweben von Motiven
+ist fr den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine
+Sprache, das eigentlich Schnste und Phantasievollste an ihm, wchst
+aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den
+deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer
+Kunst nun jahrelang gest worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Der niegekte Mund -- Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzhlungskunst eine mehr als
+respektable Hhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhltnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fliet, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausfhrung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrt einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wren nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, da
+man sie verschweigen darf und erklren: der knstlerisch Genieende, der
+Kenner, wird hier sein volles Gengen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzhlt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso khner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehrt zu unsern schnsten
+deutschen Prosabchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein
+Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt ber die meisten historischen
+Romane alten Stiles.
+
+(Kreuzzeitung, Berlin)
+
+... Da man sich ja nicht durch die Erinnerung an die gyptischen Romane
+von Ebers oder an die Vlkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken
+lasse, diesen Alexander in Babylon zu lesen. Hier gibt es keine in
+Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur,
+wenn man es nicht ohnehin sprt, in Plutarchs Alexander nachzulesen,
+um alsobald zu begreifen, da Wassermann die antike Welt gleichsam in
+seine Seele hineingeglht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
+Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama Elektra tat.
+
+(Berner Bund, Bern)
+
+Nach Babylon! Der bloe Name versetzte die Sldner in Entzcken. Der
+wei nichts von irdischer Glckseligkeit, hie es unter ihnen, der
+nichts von Babylon wei. Und auch uns versetzt der Name dieser groen
+Stadt in Entzcken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches,
+so intensiv, so herrlich, so betrend ist uns Babel, fr das das Neue
+Testament nicht genug verchtliche Ausdrcke finden konnte, geschildert
+worden. Babylon -- das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene,
+unermelich groe, an Freuden nie auszuschpfende. Und oft scheint es
+sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag
+dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich
+auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten berdauernden
+Persnlichkeit. Und wie er's getan, das ist bewunderungswrdig.
+
+(Neue Hamburger Zeitung)
+
+... So mu Alexander der Groe, der Bezwinger des Orients, gewesen
+sein, so mu er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich
+gtterhoch ber die Mitmenschen erhoben dnkte, Menschenverachtung und
+brtende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er
+liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel
+eines echten Knstlers malt, mu die Glut des Orients gebrannt haben; so
+mu die Farbenpracht Indiens und die Gre Babylons, die berckende
+Schnheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den
+mazedonischen Waffen zu Fen zu legen, auf die Mnner, die Alexander
+umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
+erheben sich zu erschtternder Kraft, man hrt die Herzen gegen die
+Rippen pochen, die Leidenschaften wten und emporzngeln und steht starr
+und von Grauen berwltigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar
+finsteren Verhngnisses.
+
+(Dna-Zeitung, Riga)
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--
+
+In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
+verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines knstlerischen
+Schaffens, seiner knstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
+stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
+Belebtem und Unbelebtem verrt, da die melancholisch-dstere, manchmal
+seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
+wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
+und verlogen ist. Pseudoknstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
+tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkrlich aber
+fllt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Zge eines
+vermummten Bluffers.
+
+Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schpfungen, in
+Wesentlichem wie Unwesentlichem, Groem wie Kleinem stets sich gleich
+geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
+nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
+und Nebulose, das Rtselhafte und Versteckte, das berreizte und
+Nervse, das vielen Figuren seines knstlerischen Schaffens so sehr
+eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
+Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
+mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
+Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen Schwestern und
+des Vorspiels der Juden von Zirndorf angehren, neuer Zeit, in der die
+Juden von Zirndorf selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
+Geschichte der jungen Renate Fuchs spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
+der Schwestern zu erzhlen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
+Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ngstlich und mit Absicht
+vermieden: solch Unterfangen hiee mit plumper Hand eingreifen in ein
+wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie's nur ein Meister
+dunkler Knste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, da auch in diesem
+neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
+schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den Juden von Zirndorf, so
+deutlich fhlbar ward, in unverminderter Strke in Erscheinung tritt;
+da nach wie vor unerschpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
+deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermtigen und
+gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
+Striche die phantastische Silhouette flchtig vorberhuschender, eilig
+wieder auftauchender Menschen festzuhalten.
+
+(Allgemeine Zeitung, Mnchen)
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehren zu jenen glcklichen,
+unglcklichen Geschpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glnzen uns hier nicht Schnheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? ffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwrmerei ist
+das Buch, in den Tnen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnschten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
+es nicht mehr zu vergessen.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tatschlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
+Wortprgungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
+Grbelsinn, einer so heien Phantasie wie der dieses deutschen
+Orientalen konnte es gelingen, die Verrcktheiten der kastilischen
+Isabella so tief poetisch mrchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
+phantastisch konstruierten Kriminalfllen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterstrmungen so hervortnen zu lassen. -- Das historische
+Vorspiel der Juden von Zirndorf, Alexander in Babylon und diese drei
+Novellen bezeichnen fr mich bisher die Hhepunkte im Schaffen Jakob
+Wassermanns.
+
+(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)
+
+Diese Geschichten, die etwas Legendres an sich haben, sind erfllt von
+einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
+ihnen, das uns bannt, und wir spren Fden aus fernen Welten, die wir
+ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
+ruhigen, khlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
+Prezises an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
+verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
+nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebndigt; der Autor steht ber
+dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
+knstlerisches Bewutsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
+paar alte, goldtonige Gemlde vor uns.
+
+(Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller
+gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 082: [Komma entfernt] als frchtete er sie zu zerzausen.,
+S. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem
+S. 102: [evtl.: Mundwinkeln] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+S. 125: [Anfhrungszeichen ergnzt] Wir knnen uns auf einen groen
+S. 126: [vereinheitlicht] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+S. 148: [Anfhrungszeichen ergnzt] ist dem Teufel zu schlecht.
+S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+S. 237: [Punk ergnzt] und darauf sitzenbleiben.
+S. 255: [Anfhrungszeichen ergnzt] da du mich liebst,
+S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+S. 295: [Anfhrungszeichen] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie
+S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+S. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich?
+S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third
+and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
+lists all corrections applied to the original text.
+
+p. 082: [removed extra comma] als frchtete er sie zu zerzausen.,
+p. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem
+p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+p. 125: [added quote] Wir knnen uns auf einen groen
+p. 126: [normalized] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.
+p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
+p. 255: [added quote] da du mich liebst,
+p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+p. 295: [fixed quote] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie
+p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+p. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich?
+p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
+***** This file should be named 20413-8.txt or 20413-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
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+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Moloch
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
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+<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3"></a>[3]</span></p>
+<h1>Der Moloch</h1>
+
+<h3>Roman</h3>
+
+<h4>von</h4>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+<h6>Dritte und vierte Auflage<br />
+neu bearbeitet</h6>
+
+<h5>S. Fischer, Verlag, Berlin<br />
+1908</h5>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4"></a>[4]</span></p>
+<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das der &Uuml;bersetzung, vorbehalten.</p>
+</div>
+
+
+<div class="textbody">
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5"></a>[5]</span></p>
+<h2><a name="Frau_Ansorge" id="Frau_Ansorge"></a>Frau Ansorge</h2>
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6"></a>[6]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7"></a>[7]</span></p>
+<h3><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene
+aus einer flachen Mulde zu einem unscheinbaren
+H&uuml;gelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das Wohngeb&auml;ude
+lehnte mit der R&uuml;ckseite gegen die wilden
+Hecken, die den weitl&auml;ufigen parkartigen Garten begrenzten.
+Das Haus, mit den wei&szlig;gekalkten Mauern
+tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum Tor
+f&uuml;hrende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen
+um die Fenstervierecke als ein Mittelding
+zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das &uuml;berh&auml;ngende
+Ziegeldach leuchtete wie eine m&auml;chtige
+Kapuze brennend rot &uuml;ber die Landschaft. Vom
+Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn unvermutet,
+durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei
+Podolin ein schroffer Erdh&uuml;gel, der den tr&auml;g einherziehenden
+Flu&szlig; zwingt, ihm in weitem Knie auszuweichen.
+Podolin selbst liegt auf der sanfter abfallenden
+Seite des H&uuml;gels, ist aber gegen S&uuml;den
+bis hart an den Flu&szlig; herangebaut, so da&szlig; die Hauptstra&szlig;e
+des Dorfs nahezu die Gestalt eines <em class="antiqua">S</em> hat.
+Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht
+allzu reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.</p>
+
+<p>Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete
+sich ein h&auml;userloser, &ouml;der Erdstrich. Nur ein gro&szlig;er
+Zimmerplatz lag am Flu&szlig;ufer und von ihm str&ouml;mte
+Sommer und Winter der Geruch frisch behauener
+Baumst&auml;mme aus.</p>
+
+<p>Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich
+genau des Tages, an welchem Frau Ansorge in einer
+<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8"></a>[8]</span>altert&uuml;mlichen vierschr&ouml;tigen Kutsche von der Ostrauer
+Stra&szlig;e her ins Dorf eingefahren war, begleitet von
+ihrer Dienerin Ursula, die den f&uuml;nfj&auml;hrigen Arnold
+auf den Knien hielt. Der damalige B&uuml;rgermeister
+hatte die Frau hin&uuml;ber gef&uuml;hrt auf den Hof, der seit
+mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und
+nun zu grunde gegangenen Bauerngeschlecht geh&ouml;rt
+hatte. Bald begann eine ruhige, doch unabl&auml;ssige
+Gesch&auml;ftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes
+zu ver&auml;ndern. Stall und Scheune wurden in Stand
+gesetzt, Z&auml;une aufgerichtet, der versandete Brunnen
+wurde tiefer gegraben, der Viehstand verbessert, neue
+M&ouml;bel, neue Pfl&uuml;ge, neues Gesinde beschafft und
+das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.</p>
+
+<p>Drei Monate fr&uuml;her hatten Frau Ansorges W&uuml;nsche
+noch andern Lebenszielen gegolten, als in der m&auml;hrischen
+Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. Sie
+hatte die Vergn&uuml;gungen der Geselligkeit und alle jene
+Freuden geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes
+verschaffen konnte. Alfred Ansorge war einer der
+gro&szlig;en Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers gewesen.
+Allerdings hatten ihn seine Gesch&auml;fte gezwungen,
+einen gro&szlig;en Teil des Jahres in der traurigen,
+ru&szlig;igen Stadt zuzubringen, aber desto sch&ouml;ner
+war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge
+oder auf Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen
+Reise kehrte die Familie, Mann, Frau und Kind,
+anfangs Dezember nach Ostrau zur&uuml;ck. Die Winternacht,
+der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal
+der drei Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel
+lief der Eisenbahnzug auf ein falsches Geleise und
+<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9"></a>[9]</span>prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
+kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden
+Wagenteile, die dem entsetzt auffahrenden
+Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau
+zum Schutz geworden und hatten sie und den Knaben
+umgeben wie die Bretter eines Sarges. Als man
+sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt zwischen
+ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur
+ihre Augen zeigten, was in ihr vorgegangen war,
+als sie in dem Verlie&szlig; gelegen, das Brausen des
+Windes im Ohr, der Rettung ungewi&szlig;, ungewi&szlig; auch
+was mit dem Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte
+sie nicht zu gehen, zu reden und zu h&ouml;ren.
+Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr aufzubewahren
+als die furchtbaren Laute dieser Stunde,
+die am Rande des Lebens und am Anfang des Todes
+lag. Doch wie das Wasser unter der Eisdecke des
+Stromes flie&szlig;t, trieb ihr dunkler Wille einer neuen
+Form des Lebens zu.</p>
+
+<p>Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder
+Frau Ansorges, ordnete die Hinterlassenschaft des
+Mannes, wohnte dem Begr&auml;bnis bei und nahm den
+Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge
+innerlich und &auml;u&szlig;erlich ruhig; sie vermochte sich mit
+den laufenden Gesch&auml;ften zu befassen und bekundete
+sogar eine eindringlichere Teilnahme als der gesch&auml;ftsgewohnte
+Bruder. Sie sorgte f&uuml;r die beste Verzinsung
+des Kapitals, nachdem alle liegenden Gr&uuml;nde
+ver&auml;u&szlig;ert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
+&uuml;bersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit
+ihre Wahl sehr beeinflu&szlig;t hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10"></a>[10]</span>Ihr Fu&szlig; wurde vorsichtig im Schreiten wie der
+eines Blinden. Sie tat keinen unnotwendigen Schritt
+und vermied jede &uuml;berfl&uuml;ssige Bewegung. Sie ha&szlig;te
+alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und
+T&auml;nzeln. Was auf R&auml;dern lief und nur entfernt
+einer Maschine &auml;hnlich sah, erregte ihren Abscheu. Im
+Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
+mu&szlig;ten B&uuml;sche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise
+konnte sie weder den Anblick der Horizontlinie,
+noch den der langhinlaufenden Stra&szlig;e ertragen.
+Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an
+der Wand oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach
+und knapp &uuml;ber den Dielen.</p>
+
+<p>In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor.
+Auf dem Grunde eines schwarzen Unheils malte
+sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die beharrende
+Furcht der Mutter war eine Schranke um
+ihn, aber eine unsichtbare. Nicht etwas Nennbares
+und Wechselndes, sondern ehern und unabl&auml;ssig als
+Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner Gewohnheiten;
+sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch
+hatte er nichts von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose
+und eifers&uuml;chtige Geselligkeit entsteht.</p>
+
+<p>Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja gr&auml;mliches
+und m&uuml;rrisches Wesen. Mit zusammengezogenen
+Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen stapfte
+er herum wie ein kleiner B&auml;r. Dies reizte nat&uuml;rlich
+die Leute auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula
+&auml;ffte Arnolds Gebaren nicht ohne Bosheit nach. Das
+emp&ouml;rte den Knaben zu unb&auml;ndigem Zorn; denn
+f&uuml;r die Neckereien der Erwachsenen besa&szlig; er damals
+<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11"></a>[11]</span>und auch sp&auml;ter nicht das geringste Verst&auml;ndnis; sie
+erschienen ihm als ein durchaus unrechtm&auml;&szlig;iger Eingriff
+in seine pers&ouml;nliche Freiheit. Mit schiefem Blick
+und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand
+er bei solchen Gelegenheiten da, und wenn der feindliche
+Spott kein Ende nehmen wollte, zog er die
+Lippen auseinander, jappte j&auml;hzornig, machte zwei
+F&auml;uste, die er gleich Puffern links und rechts an der
+Brust hielt, sprang auf den Plagegeist los und bi&szlig;
+und schlug. Doch solche Zornw&uuml;tigkeit zeigte sich mit
+den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich
+eine ver&auml;chtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die
+dem Bewu&szlig;tsein der K&ouml;rperkraft entsprang und gar
+possierlich wirkte.</p>
+
+<p>Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold
+jedem Bildungszwang. Durch die weitgehenden Verbindungen
+Friedrich Borromeos bildete die Milit&auml;rpflicht
+Jahre voraus keine Sorge mehr f&uuml;r Frau Ansorge.
+Sie selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um
+ihn auch weiterhin unterrichten zu k&ouml;nnen, studierte
+sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und so wurde
+sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie
+und den niederen F&auml;chern der Mathematik. Ihn im
+Dunkel der Unwissenheit zu lassen, darin sah sie keine
+Sicherheit. In seinem f&uuml;nfzehnten Jahr besa&szlig; er die
+Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters.
+Er hatte keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand
+Vergn&uuml;gen an k&ouml;rperlicher Arbeit. Die Mutter
+w&uuml;nschte ihn mittelm&auml;&szlig;ig und so am meisten gesch&uuml;tzt
+gegen die St&uuml;rme des Schicksals. Der Anschein befriedigte
+sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12"></a>[12]</span>In der dr&auml;ngendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit
+verriet sich an ihm eine unruhige &Uuml;berschw&auml;nglichkeit
+und Phantasterei, die seiner Natur im Innersten
+fremd war. Da kam es vor, da&szlig; er w&auml;hrend einer
+ganzen Sommernacht sich in den W&auml;ldern herumtrieb,
+nach den Sternen starrte, in die Erde hinein
+horchte und mit eigent&uuml;mlicher Angst den Aufgang
+der Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich
+in der Fr&uuml;h und kam erst am zweiten Tag zur&uuml;ck.
+Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
+was hinter dem Wald, hinter den H&uuml;geln der Ferne
+lag, und traurig hatte er den Heimweg angetreten,
+als immer wieder dieselben &Auml;cker und Wiesen, dieselben
+unansehnlichen H&auml;uschen an derselben Stra&szlig;e
+erschienen waren.</p>
+
+<p>Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und
+kehrte sich fast in sein Gegenteil, so da&szlig; Arnold den
+Eindruck eines m&uuml;rrischen und phlegmatischen Burschen
+machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
+ja sogar ohne Frohsinn, lie&szlig; er Sommer
+und Winter und wieder Sommer und Winter
+vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse
+der Welt war f&uuml;r ihn das bedeutendste Schauspiel
+auf dem Zifferblatt der Zeit, das er mit trockener
+Selbstgen&uuml;gsamkeit verfolgte. Er war tr&auml;g und
+schwieg gern aus Tr&auml;gheit, auch gegen die Mutter.
+Es bestand zwischen ihnen kein gef&uuml;hlvolles Streben
+nach Ann&auml;herung, auch keine geheimnisvolle Abgeschlossenheit.
+Jeder schien in einem eigenen Land,
+nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der
+Tage und der Besch&auml;ftigungen bestimmte den Charakter
+<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13"></a>[13]</span>ihres Verh&auml;ltnisses. Arnold war nie trotzig
+oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war f&uuml;r
+ihn mehr eine &auml;ltere Genossin als eine Achtungsperson.
+Sp&auml;ter zeigte er in den kurzen Gespr&auml;chen mit ihr
+gern eine sp&ouml;ttische Aufmerksamkeit, die ihm nicht
+&uuml;bel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht
+nur darum ein wenig &auml;ngstigte, weil sie etwas
+an sich hatte, was wie ein Zeichen geistiger &Uuml;berlegenheit
+aussah. Aber die Sache war einfach die,
+da&szlig; Arnold nicht mehr ausschlie&szlig;lich die Mutter, sondern
+auch die Frau in ihr erblickte, die er, in komischem
+M&auml;nnlichkeitswahn, sich untergeordnet glaubte.</p>
+
+<p>Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie
+ein schw&uuml;les Mysterium f&uuml;r ihn gewesen. Seine fr&uuml;h
+erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch k&ouml;rperliche
+Arbeit, hatte keinen Anla&szlig; zu dunklen Tr&auml;umereien
+gefunden. Als er mit sieben Jahren zum erstenmal
+das Belegen einer Stute mit ansah, da begriff er
+das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
+Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein
+Blick langsam f&uuml;r dergleichen Schauspiele abstumpfte,
+so verga&szlig; er doch niemals den herrlichen Anblick des
+sich b&auml;umenden Hengstes, sein schaumtriefendes Maul,
+die gebl&auml;hten N&uuml;stern, die feurig lohenden Augen,
+die schwei&szlig;bedeckte dampfende Haut.</p>
+
+<p>Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer
+zu und ein wunderliches Dr&auml;ngen und W&uuml;hlen
+meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war
+es, als ob das Herz aufgeschwellt w&auml;re durch einen
+schrecklichen &Uuml;berschwang zielloser Kr&auml;fte, die des
+Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen K&ouml;rper,
+<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14"></a>[14]</span>in dem sie wohnten, zu ersch&uuml;ttern und zu verwunden
+trachteten.</p>
+
+<p>Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden
+Bauernhof fort, und die neuankommende war in
+ihrer Art eine Sch&ouml;nheit, braun wie eine Kastanie,
+frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen
+und hie&szlig; Salscha. Als Arnold sie gewahrte &#8211; sie
+stand am Brunnentrog und wusch, ihre Bewegungen
+hatten etwas Rauhes und Herausforderndes &#8211; da
+besann er sich lange, schaute gegen das sonnebeschienene
+Gel&auml;nde und blinzelte mit den Augen. Aber
+er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte
+nicht viel Umst&auml;nde; als er vor Salscha stand, fragte
+er einfach, ob sie ihn haben wolle, und zwar hatte
+er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
+als fordere er etwas, das ihm seit langem geh&ouml;rte
+und unrechtm&auml;&szlig;ig vorenthalten war. Die Magd
+lachte und lie&szlig; ihn stehen. Aber zw&ouml;lf Stunden
+darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne
+Belauern und &Uuml;berlisten, das war seine Sache nicht,
+nahm sie Arnold und war bei ihr nachts in der Kammer
+oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof
+unter der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit
+glaubte Salscha guter Hoffnung zu sein, doch damit
+war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
+verschwand pl&ouml;tzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer
+und Salscha war ihm nichts mehr denn ein
+leeres Gef&auml;&szlig;, dessen Inhalt er hatte trinken m&uuml;ssen,
+um den eigenen K&ouml;rper vor Verderben zu bewahren.
+Sein Herz wurde wieder ruhig.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15"></a>[15]</span></p>
+<h3><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben.
+Gelb, violett, purpurn und zinnoberrot wogte
+es in der abendlichen Luft. Ferne Waldst&auml;nde
+glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne,
+der Arnold langsam entgegenging. Aus der Ebene
+ert&ouml;nte b&auml;uerlicher Gesang, vom leise sausenden
+Oktoberwind bald verweht, bald &uuml;berdeutlich gemacht.
+An einem T&uuml;mpel in den Wiesen stand
+Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und pl&auml;tscherte
+mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte
+er gegen den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand
+erwarte. Er war erst seit zwei Monaten in Podolin;
+Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.</p>
+
+<p>An der Zaunt&uuml;re des Hofes angelangt, lehnte sich
+Arnold l&auml;ssig an den Pfosten und betrachtete die ruhig
+vorbeitrippelnden H&uuml;hner, die sich langsam nach ihrer
+Schlafst&auml;tte in der Scheune aufmachten und bisweilen
+leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht
+w&uuml;nschten. Drau&szlig;en schob sich Maxim Spechts Gestalt
+schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
+flammenden Himmel.</p>
+
+<p>Kleiderrauschen veranla&szlig;te Arnold, sich umzudrehen.
+Zu seinem Erstaunen bemerkte er zwei Frauen, die
+aus dem Tor tretend, an ihm vor&uuml;bergingen. Die
+eine der beiden, ein junges M&auml;dchen, l&auml;chelte verlegen
+und verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht.
+W&auml;hrend er ihnen nachschaute, kam der Lehrer voll
+Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
+die Richtung nach dem Dorf ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16"></a>[16]</span>Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen
+sei. Frau Ansorge wandte ihm langsam
+das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte wie ein
+Baumblatt Adern. &raquo;Sie machen Besuche,&laquo; erwiderte
+sie vorsichtig, &raquo;Nachbarsvisite; sie glauben, das mu&szlig;
+so sein. Sie haben das Haus des verstorbenen Michael
+Becker geerbt und sind nach Podolin &uuml;bersiedelt. Hanka
+hei&szlig;en sie.&laquo;</p>
+
+<p>Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte
+sich hungrig zu Tisch. Seine Wi&szlig;begierde war befriedigt.
+Er bemerkte nicht, da&szlig; die Mutter durch
+die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn
+ein neuer Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der
+Pfarrer, der Doktor, die Post- und Gerichtsbeamten
+waren au&szlig;er den Bauern die einzigen, die man hier
+zu Gesicht bekam.</p>
+
+<p>Kaum war die Lampe angez&uuml;ndet, als es an die
+T&uuml;r klopfte und Maxim Specht eintrat. &raquo;Ich bitte
+vielmals um Entschuldigung,&laquo; sagte er gewandt und
+liebensw&uuml;rdig, &raquo;das Fr&auml;ulein hat einen Schal hier
+vergessen.&laquo; Er l&auml;chelte, wobei das Liebensw&uuml;rdige,
+Gesellschaftliche noch st&auml;rker hervortrat und daneben
+etwas &Uuml;berlegenes wie bei jemand, der zu beobachten
+f&auml;hig ist und sich dessen freut.</p>
+
+<p>Das Tuch hing &uuml;ber einem Stuhl, und Arnold gab
+es dem Lehrer. &raquo;Es ist sehr gelb, das Ding,&laquo; meinte
+er lachend. Er schnupperte und steckte die Nase in
+den gestrickten Stoff. &raquo;Pfui!&laquo; rief er.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist parf&uuml;miert,&laquo; sagte Specht verwundert.
+&raquo;Finden Sie das schlecht?&laquo; Er sah Arnold an wie
+einen jungen B&auml;ren, dessen Kraft und Dressur zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17"></a>[17]</span>allerlei gesch&auml;ftlichen Unternehmungen locken. Er
+hatte in Podolin viel reden h&ouml;ren von dem Leben
+auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits betrachtete
+das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht
+ihm zugewandt war, mit sp&ouml;ttischer Aufmerksamkeit.
+Er empfand Mi&szlig;trauen und zugleich eine unklare
+Regung der Kameradschaft.</p>
+
+<p>Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges
+auf sich ruhen f&uuml;hlte, geboten Takt und Bescheidenheit,
+sich zu entfernen. Mit einer leichten
+Bewegung warf er das gelbe Tuch &uuml;ber die Schulter,
+verbeugte sich galant und w&uuml;nschte gute Nacht.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als
+er gewaschen und angekleidet war und in den
+Stall hin&uuml;berging, leuchtete schon der fr&uuml;he Tag. Er
+liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit
+und -frische. Die Waldr&auml;nder am Horizont
+waren rosig bemalt. Die Rinder wurden zur Tr&auml;nke
+gef&uuml;hrt, und sie bl&ouml;kten freundlich.</p>
+
+<p>Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem
+Fleischer Uravar wegen einer Kuh unterhandeln
+sollte, kehrte er ins Haus zur&uuml;ck, um zu fr&uuml;hst&uuml;cken.
+Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei
+Frau Ansorge. Der Jude kam jeden Monat zwei-
+bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch sonstige
+Gegenst&auml;nde f&uuml;r den Haushalt zu verkaufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18"></a>[18]</span>Elasser begr&uuml;&szlig;te Arnold knixend, w&auml;hrend er Stirn
+und Glatze, die trotz des k&uuml;hlen Morgens schon schwei&szlig;bedeckt
+waren, mit einem blauen Tuch trocknete. Sein
+langh&auml;ngender brauner Bart verh&uuml;llte fast den Ausdruck
+eines ziemlich gutm&uuml;tigen Gesichts. Er steckte
+das Geld, das er empfing, mit liebevoller Sorgfalt
+in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte seinen
+ansehnlichen Pack auf den R&uuml;cken, gr&uuml;&szlig;te ehrerbietig
+und ging.</p>
+
+<p>Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: &raquo;Ich
+geh&#8217; jetzt ins Dorf.&laquo;</p>
+
+<p>Der Weg wurde leicht in der windstillen und w&uuml;rzigen
+Luft. Die Welt atmete Frieden. Indem
+Arnold rege vorw&auml;rts schritt, f&uuml;hlte er sich gelaunt,
+tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf,
+der am Wege lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr
+und warf die St&uuml;cke in den Flu&szlig;, dessen m&uuml;hselig
+hinflie&szlig;endes Wasser nichts von der Reinheit des
+Himmels wiedergab.</p>
+
+<p>Podolin streckte sich lang hin. Die H&auml;user, arm
+und schmutzig, entfernten sich nur an einer Stelle
+von der Stra&szlig;e und bildeten, den H&uuml;gelr&uuml;cken hinan,
+einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das Pfarrhaus,
+die Schule, die Post und das Gerichtsgeb&auml;ude
+standen. Uravar wohnte am Eck hoch oben. Als
+Arnold in den Laden trat, erblickte er den j&uuml;dischen
+Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
+Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar
+hockte nachl&auml;ssig, die H&auml;nde in den Taschen, auf der
+Kante des langen Tisches, der mit Blut und Fleisch
+bedeckt war, knirschte mit den Z&auml;hnen und lachte.
+<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19"></a>[19]</span>Sein bartloses Gesicht war rot und gl&auml;nzend wie
+das rohe Fleisch; am Kinn hatte er eine Warze mit
+f&uuml;nf langen Haaren, welche aussah, als ob best&auml;ndig
+eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukr&ouml;che.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,&laquo;
+sagte der Hausierer, &raquo;werd&#8217; ich Ihnen verklagen bei
+Gericht.&laquo;</p>
+
+<p>Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die
+blendend wei&szlig;en Z&auml;hne. &raquo;Judd, geh furt, sonst holl
+ich Hund,&laquo; sagte er und warf einen beifallhaschenden
+Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle
+stand.</p>
+
+<p>Elasser wurde erregt. &raquo;Ich f&uuml;rcht&#8217; mich nicht vor
+Ihrem Hund,&laquo; antwortete er. &raquo;Ich f&uuml;rcht&#8217; mich nicht
+einmal vor Ihnen, wie soll ich mich vor Ihrem Hund
+f&uuml;rchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach&#8217;
+hat sich gehoben.&laquo; Sein Gesicht sah fahl aus, und
+die Augen fielen kummervoll und erm&uuml;det in ihre
+H&ouml;hlen. Rettungsuchend blickte er an Arnold vorbei
+auf den &ouml;den Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
+herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn
+zuging. Er packte Elasser mit beiden Armen um den
+Leib, hob ihn empor und schleppte ihn gegen die T&uuml;re.
+Aber zwei H&auml;nde klammerten sich mit solcher Kraft
+um seine dicken Schultern, da&szlig; die Schl&uuml;sselbeinknochen
+krachten und zur&uuml;ckgedreht wurden. Mit
+einem Wutgebrumm lie&szlig; Uravar den Juden zur Erde
+gleiten, drehte sich schwerf&auml;llig um, den Kopf geduckt
+und blickte Arnold, der ihn nun losgelassen hatte,
+t&uuml;ckisch an. Arnold erwiderte den Blick mit solcher
+Ruhe, da&szlig; der brutale Mensch fast dem&uuml;tig den Kopf
+<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20"></a>[20]</span>duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne
+mutlos zusammenschrumpfte.</p>
+
+<p>Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. &raquo;Der
+Herr wird daf&uuml;r zu b&uuml;&szlig;en haben,&laquo; sagte er, auf
+Uravar deutend. &raquo;Einem Besoffenen und einem
+Heuwagen mu&szlig; man ausweichen, hei&szlig;t es. Aber
+gegen Gewaltt&auml;tigkeiten sind da die Gerichte.&laquo; Er
+nickte Arnold zu und verlie&szlig; den Laden.</p>
+
+<p>Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer
+zu reden, trat Arnold auf den Platz hinaus und sah
+gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die blendende
+Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam
+es ihm vor, als sei der Sonnenschein tr&uuml;ber geworden.</p>
+
+<p>Hinter den Kindern, die jetzt dem gegen&uuml;berliegenden
+Schulhaus entstr&ouml;mten, wurde Maxim Specht
+sichtbar. Er schritt ohne weiters auf Arnold zu und
+sagte mit anerkennendem Ausdruck: &raquo;Sehr sch&ouml;n,
+sehr gut. Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich
+einmal hat dieser Kerl eine Lektion erhalten.&laquo;
+Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
+wurden und freundschaftlich gl&auml;nzten. Dann lud er
+Arnold ein, ihn ein St&uuml;ck Wegs zu begleiten; oft
+schon h&auml;tte er sich eine n&auml;here Bekanntschaft gew&uuml;nscht,
+sagte er. Obwohl sein Anzug &auml;rmlich war, sah er
+darin adrett aus; im Gespr&auml;ch war er ungezwungen
+und zugleich zur&uuml;ckhaltend. Er war sehr neugierig
+in bezug auf alles, was Arnold betraf.</p>
+
+<p>&raquo;Wie k&ouml;nnen Sie denn das aushalten hier, das eint&ouml;nige
+Leben?&laquo; fragte er. &raquo;Was tun Sie denn den
+ganzen Tag &uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21"></a>[21]</span>&raquo;Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut
+Ihrer Frau Mutter?&laquo; meinte Specht. &raquo;Und wird
+Ihnen das nicht langweilig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Waren Sie nie in der Stadt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;berhaupt noch nicht? Wie merkw&uuml;rdig! Dem
+&Auml;u&szlig;ern nach sind Sie doch ein St&auml;dter. Ihre Sprache,
+Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei einem
+St&auml;dter. Sehr merkw&uuml;rdig!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist denn das so etwas Besonderes, ein St&auml;dter?&laquo;
+erkundigte sich Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade
+sagen. Aber wenn Sie die Stadt noch nicht
+kennen, da steht Ihnen ein gro&szlig;er Genu&szlig; bevor.
+Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein!
+Wie merkw&uuml;rdig! Ich sage Ihnen, es ist etwas Herrliches
+um so eine gro&szlig;e Stadt. Theater, Konzerte,
+reiche Leute, sch&ouml;ne Damen, Pal&auml;ste, Kirchen, kolossale
+Stra&szlig;en und abends ein Lichtermeer! Das k&ouml;nnen
+Sie sich nicht vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier
+versumpft man ja, glauben Sie mir.&laquo;</p>
+
+<p>Verwundert sch&uuml;ttelte Arnold den Kopf. Da es
+ihm zu hei&szlig; wurde, zog er seine Lodenjacke aus, wobei
+er stehen blieb und den Lehrer durchdringend und
+verst&auml;ndnislos anschaute.</p>
+
+<p>Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen.
+An der Stra&szlig;e lag eine Art Meierhof: ein schmuckes
+Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und neu
+umz&auml;unt. Wie eine appetitliche Speise auf dem
+Teller lag das kleine Gut in der Ebene. Unter dem
+<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22"></a>[22]</span>Haus stand ein junges M&auml;dchen, auf den Lippen
+ein Kinderl&auml;cheln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
+hatte, schlug sie den gelben Schal fester
+um Brust und Schultern und ging dem Lehrer entgegen.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Es war Nachmittag; Arnold sa&szlig; am Flu&szlig; und
+schaute ruhig nach der Angelschnur, die sich in
+weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
+Hemd &uuml;ber der Brust ge&ouml;ffnet; es war ungew&ouml;hnlich
+schw&uuml;l geworden. Nicht das kleinste Fischlein
+wollte sich verbei&szlig;en; den schwarzen Flu&szlig; kr&auml;uselte
+keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; &uuml;ber
+den schlesischen W&auml;ldern lag ein Wetter.</p>
+
+<p>Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold
+stehen und fragte ihn, was er mit dem Fleischer Uravar
+gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel auf ihn.</p>
+
+<p>Arnold brummte etwas vor sich hin.</p>
+
+<p>Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das M&auml;dchen
+fort, dem Juden werde er ja doch nicht zu seinem
+Recht verhelfen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;So? warum denn nicht?&laquo; fuhr Arnold auf.</p>
+
+<p>Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen,
+sie behexten das Vieh und zu Ostern schlachten sie
+Christenkinder.</p>
+
+<p>&raquo;Dumme Gans,&laquo; murmelte Arnold ver&auml;chtlich. &raquo;Der
+Jud ist arm, hat neun Kinder zu Haus und wenn
+er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht bekommen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23"></a>[23]</span>&raquo;Nat&uuml;rlich, als ob das Recht bei den Gerichten so
+billig w&auml;re!&laquo; h&ouml;hnte Salscha.</p>
+
+<p>Arnold zuckte die Achseln und schwieg.</p>
+
+<p>Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold,
+die Knie unter den R&ouml;cken weit voneinander, die Augen
+nicht von ihm wendend. Weit und breit war kein
+Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien
+erw&uuml;nscht. Aber endlich merkte sie die K&auml;lte Arnolds.
+Mit b&ouml;sem Blick schielte sie nach der Angel, stand
+auf und ging. Lange noch h&ouml;rte Arnold ihr gleichm&auml;&szlig;iges
+und erz&uuml;rntes Tr&auml;llern &uuml;ber die Wiesen
+klingen.</p>
+
+<p>Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und
+machte sich auf den Heimweg, da der Regen nahte.
+&Uuml;ber Podolin wetterleuchtete es. Er schulterte die
+Rute und schritt fest &uuml;ber den d&uuml;rren Ackerboden.
+Frau Ansorge sa&szlig; bleich in der Mitte des Zimmers,
+als er eintrat, denn sie f&uuml;rchtete Gewitter, besonders
+die des Herbstes.</p>
+
+<p>Aber die Wolken verzogen sich wieder.</p>
+
+<p>Arnold erz&auml;hlte, da&szlig; ihn der Lehrer in Podolin
+angesprochen und ihm mit allerlei wunderlichen Ausdr&uuml;cken
+von dem Leben in der Stadt vorgeschw&auml;rmt
+habe.</p>
+
+<p>Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. &raquo;Der
+Windbeutel&laquo;, sagte sie; &raquo;er soll seine frischgebackene
+Weisheit f&uuml;r sich behalten.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den
+Himmel, wo ein Regenbogen stand.</p>
+
+<p>&raquo;Komm einmal her, Arnold,&laquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Arnold trat an ihre Seite.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24"></a>[24]</span>&raquo;Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er sch&ouml;n
+und gro&szlig; vor dir. Kommst du zwischen Gassen und
+H&auml;user, so bleibt nicht mehr viel von ihm &uuml;brig. Und
+so viel deine Augen davon verlieren, so viel Gl&uuml;ck
+und Ruhe verlierst du selber. Und die Stadt, das ist
+nichts andres als eine Unmenge von Gassen und
+H&auml;usern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
+sie sind leer wie gedroschenes Stroh.&laquo;</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>F&uuml;nftes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Hankas, die neuen Bewohner von Podolin,
+hatten Besuch. Der Bruder von Agnes Hanka,
+Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte
+nur drei Tage bleiben; Erbschaftsangelegenheiten
+waren zu besprechen. Auch wegen Beate kam
+er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie
+einst auf seinen Wunsch zu sich genommen. Vor
+Jahren hatte er die arme Waise den H&auml;nden b&ouml;swilliger
+Verwandten entrissen, der Familie seines
+Gutsinspektors in B&ouml;hmen. Alexander Hanka, den
+alle Welt f&uuml;r die Vernunft und Hausbackenheit selber
+hielt, hatte damals phantastische Pl&auml;ne gefa&szlig;t. Ein
+Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgel&ouml;stes
+Weib, innerlich frei und kr&auml;ftig, unverblendet
+und nat&uuml;rlich, das er f&uuml;r sich, f&uuml;r ein von der Gesellschaft
+losgel&ouml;stes Leben auferziehen wollte. Seitdem
+waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
+leichtgl&auml;ubiges Ich etwas gelangweilt herab.
+<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25"></a>[25]</span>Beate selbst fand diese gleichm&uuml;tige Gesinnung sehr
+bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, ist
+wenigstens ehrlich; sie sch&auml;tzte den Besch&uuml;tzer, denn
+sie wu&szlig;te, was sie an ihm hatte, und war zutraulich
+gegen ihn.</p>
+
+<p>Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die
+Sonne schon tief im Westen. Harzgeruch w&uuml;rzte die
+Luft, Bauern gingen vorbei und gr&uuml;&szlig;ten. Am Rain
+weideten K&uuml;he und blickten mit Ruhe und Mi&szlig;billigung
+auf den st&auml;dtischen Ank&ouml;mmling.</p>
+
+<p>Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka
+erfuhr, da&szlig; seine Schwester beim Pfarrer, Beate man
+wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, setzte
+sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die
+&uuml;beraus langen Beine &uuml;bereinander und wartete.
+Die Stille und der gro&szlig;e Himmel, dessen Anblick in
+solchem Umfang ihm ungew&ouml;hnlich war, lie&szlig;en ihn
+seine anf&auml;ngliche Verdrie&szlig;lichkeit &uuml;ber den Landausflug
+vergessen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er noch in Nachdenken versunken war,
+es fing schon an zu d&auml;mmern, klang ein &uuml;berraschtes
+Ach an seine Ohren. Beate stand hinter ihm und
+mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem
+sie eine ungeschickte Tanzstundenh&ouml;flichkeit annahm,
+machte die beiden M&auml;nner miteinander bekannt.
+Der Lehrer und Beate sahen belustigt und
+aufger&auml;umt aus. Mit offenbarem Vergn&uuml;gen an
+seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, erz&auml;hlte
+Specht, da&szlig; sie auf der Lomnitzer Stra&szlig;e Arnold
+Ansorge begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten
+h&auml;tten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26"></a>[26]</span>&raquo;Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber h&auml;tte,&laquo;
+platzte Beate lachend heraus.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht was er sagt, ist so am&uuml;sant,&laquo; erkl&auml;rte Specht,
+&raquo;sondern wie er zuh&ouml;rt, wie er verwundert ist, wie
+er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht dumm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wer ist Arnold Ansorge?&laquo; fragte Hanka k&uuml;hl, dem
+die Art Spechts nicht sympathisch war. Indes kam
+auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester begr&uuml;&szlig;ten
+einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen
+Gravit&auml;t und sp&ouml;ttischen Zur&uuml;ckhaltung, Agnes mit
+einem Ausdruck unbegrenzter Hochachtung vor dem
+Bruder. Da sie schwerh&ouml;rig war, redete sie wenig,
+aus Furcht, mi&szlig;zuverstehen und aus noch gr&ouml;&szlig;erer
+Furcht, denjenigen allzusehr zu bem&uuml;hen, mit dem
+sie sich unterhielt.</p>
+
+<p>Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete
+sich bald. Sein Taktgef&uuml;hl sagte ihm, da&szlig; er &uuml;berfl&uuml;ssig,
+und seine Empfindlichkeit, da&szlig; Hanka nicht
+zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden.
+Als Specht gegangen und Agnes in der K&uuml;che besch&auml;ftigt
+war, erkundigte sich Hanka bei Beate nach
+dem Lehrer.</p>
+
+<p>Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit
+damenhafter Nachl&auml;ssigkeit an. Sie hatte die H&auml;nde
+&uuml;ber den Knien verschr&auml;nkt, sa&szlig; vorgebeugt und
+trippelte leise mit den Fu&szlig;spitzen. Sie begann von
+Specht zu schw&auml;rmen, der arm sei, aber nach ihrer
+&Uuml;berzeugung es zu etwas Gro&szlig;em bringen w&uuml;rde.
+Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald wolle
+er die Schulmeisterei an den Nagel h&auml;ngen. &raquo;Er ist
+ein Sozialist,&laquo; fuhr sie fl&uuml;sternd fort, &raquo;aber das
+<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27"></a>[27]</span>sag&#8217; ich dir nur im Vertrauen, es soll Geheimnis
+bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen,
+wiegte sich in den H&uuml;ften, schmunzelte gutm&uuml;tig und
+um seinen vollen, weichen Mund zuckte die Ironie
+wie in kleinen Schl&auml;nglein. Sogar in den Bewegungen
+seines langen, hagern K&ouml;rpers dr&uuml;ckte sich Wohlwollen
+und Spott aus. Zum erstenmal heute sah er
+Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, besonders
+behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der
+Brauen &uuml;ber den perlmuttergl&auml;nzenden Augen. Darauf
+erblickte er sein eigenes Bild, denn hinter dem
+dunklen Kopf des M&auml;dchens hing der Spiegel. Nie
+glaubte er H&auml;&szlig;licheres gesehen zu haben; eine dicke,
+lange Nase, eine niedere Stirn; ein blasses Mephistogesicht.
+Best&uuml;rzt wandte er sich ab. &raquo;Wir haben uns
+ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,&laquo; sagte er.
+&raquo;Wie geht&#8217;s dir denn, Beate? Einmal schrieb mir
+Agnes, du h&auml;ttest dich fortgestohlen, um zu tanzen.
+Wie verh&auml;lt sich das?&laquo;</p>
+
+<p>Seine vor F&uuml;lle vibrierende Stimme mit den
+tiefen O-Lauten erregte Beates Lachlust. &raquo;Es macht
+mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,&laquo; log sie
+und kettete gleich eine zweite L&uuml;ge bequem an: &raquo;ich
+lese n&auml;mlich sehr viel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm&#8211;m, Herrn Spechts Einflu&szlig;,&laquo; sagte Hanka
+mit h&ouml;lzerner W&uuml;rde. Zugleich sah er im Geist den
+jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
+flinken Benehmen.</p>
+
+<p>Die Fenster waren offen, die k&uuml;hle Herbstluft strich
+herein, die Lampe brannte freundlich, und altvertraute
+<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28"></a>[28]</span>Bilder schauten von der Wand. Beate nahm
+flei&szlig;ig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte
+den vom Herdfeuer erhitzten Kopf durch die T&uuml;rspalte,
+um zu erfahren, ob Alexander auch den richtigen
+Hunger habe. Hanka stellte allerlei Betrachtungen
+&uuml;ber das Landleben an, rauchte schweigend
+seine Zigarette und sandte bisweilen einen kurzen
+Blick nach Beate.</p>
+
+<p>Agnes trug zu essen auf, wie f&uuml;r eine Soldaten-Kompanie.
+Dabei entschuldigte sie sich, da&szlig; sie dies
+oder jenes nicht habe bekommen k&ouml;nnen. Beate reichte
+Hanka eine Sch&uuml;ssel um die andere, so da&szlig; er sich
+in eine Art Bet&auml;ubung hineina&szlig;. Er schob die Lippen
+vor, machte eine Schnauze, drehte den Hals wie eine
+Ente im Wasser und sagte, es tue ihm leid, da&szlig; er
+morgen schon wieder abreisen m&uuml;sse. Beate wiederholte
+es lauter f&uuml;r Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll
+an.</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen ging bald schlafen, und die
+Geschwister hatten eine ernsthafte Unterredung. Mitten
+darin verlor sich Hankas Geist in die Breite und spielte
+mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
+am Haus &ouml;ffnete sich ein Fenster. Beates Stimme
+sang ein Lied, das sie von den Tschechinnen gelernt
+hatte.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua">
+<span class="i0">Kudy, kudy, vede cesti&#269;ka<br /></span>
+<span class="i0">Pro m&eacute;ho Jeni&#269;ka ...<br /></span></em>
+</div></div>
+
+<p>Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet
+es, um sich eine Reiche zu suchen, aber das
+kann nicht hindern, ihn noch weiter zu lieben.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29"></a>[29]</span></p>
+<h3><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Da in der Nacht leichter Frost eingetreten
+war, umh&uuml;llte Arnold am Morgen die Fruchtst&ouml;cke
+f&uuml;r den Winter mit Stroh. Salscha half ihm,
+trug das Stroh aus der Scheune und legte es in
+lange B&uuml;ndel. Sie war m&uuml;rrisch und traurig und
+suchte Arnold durch Gleichg&uuml;ltigkeit aufmerksam zu
+machen. Er stand auf der Leiter, und w&auml;hrend er
+den Arm hinunterstreckte, um ein B&uuml;ndel zu ergreifen,
+begegnete er Salschas Blicken. Die Polin
+wurde bla&szlig;, zog die Lippen von den Z&auml;hnen zur&uuml;ck
+und stie&szlig; einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang
+stand sie noch schweigend, dann kehrte sie um, ging
+ins Haus, trat entschlossenen Schrittes vor Frau Ansorge
+hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
+einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte
+die Stickerei auf den Scho&szlig; und l&auml;chelte Salscha entgegen.
+Dadurch wurde das M&auml;dchen um alle Fassung
+gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen
+und fing an zu schluchzen. Das L&auml;cheln auf Frau
+Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden Ausdruck
+der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit
+und leichte Geringsch&auml;tzung; dahinter gleich einem
+feinen Schimmer die Freude &uuml;ber den, der solche
+starke Kr&auml;nkung zuf&uuml;gen konnte. Sie stand auf,
+r&auml;umte ihre Arbeit beiseite, legte beide H&auml;nde auf
+die Schulter der Magd und sagte: &raquo;Das vergeht
+schon, Salscha. Gott hat tausend andere f&uuml;r dich
+erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich
+schenk&#8217; dir einen neuen Unterrock.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30"></a>[30]</span>Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichm&uuml;tig
+stie&szlig; er mit dem Fu&szlig; das Stroh aus dem Weg und
+wandte sich zum Gartentor, da er dort einen Mann
+stehen sah, der ein junges M&auml;dchen an der Hand
+f&uuml;hrte. Als er n&auml;her kam, erkannte er Elasser, den
+Hausierer. &Auml;ngstlich und dem&uuml;tig entbl&ouml;&szlig;te der Jude
+das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft
+vor Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz
+seiner Ehrerbietung war er kurz, trotz der s&uuml;&szlig;en
+Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, da&szlig;
+es f&uuml;r den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen,
+wenn es so weit kam. Arnold dachte nicht
+an anderes. Er blickte das M&auml;dchen an, das Elasser
+mit sich f&uuml;hrte, und der Gegensatz, in dem die winzige
+Gestalt und die fr&uuml;hreifen Z&uuml;ge standen, erschreckte
+ihn fast. &raquo;Sag dem Herrn Dank, Jutta,&laquo; murmelte
+Elasser und sch&uuml;ttelte den Arm des M&auml;dchens. Die
+Kleine betrachtete Arnold mit einem pr&uuml;fenden und
+furchtsamen Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn
+Jahre alt und mit ihren etwas schw&auml;rmerischen
+Augen schien sie wie erm&uuml;det von den Lasten der
+Generationen, die gleichsam das nat&uuml;rliche Wachstum
+ihrer Gestalt verhindert hatten.</p>
+
+<p>Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen
+und Platz waren vom Kirchweihdunst erf&uuml;llt. Aus
+der ganzen Umgegend waren die Bauern zusammengestr&ouml;mt.
+Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander
+zu unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten
+ihre G&auml;ste nicht fassen, die &uuml;berall im Flur und auf
+der Gasse hockten, auf F&auml;ssern, Bl&ouml;cken, Ballen und
+Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder
+<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31"></a>[31]</span>johlten. Die Drehorgeln quietschten, die Heringbrater
+schrien und Kinder schl&uuml;pften wie Eidechsen
+um die Beine der Erwachsenen. Aus der ge&ouml;ffneten
+Kirchent&uuml;r str&ouml;mte der Weihrauch in den Heringsgestank,
+und mit bunten F&auml;hnchen und schl&auml;frigem
+Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im Gedr&auml;nge
+kaum vorw&auml;rts schieben konnte. Einige in
+der N&auml;he bekreuzten sich, knixten und st&uuml;rzten wieder
+in den Trubel. Dabei wurde es Abend. Die Menge
+staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur
+des &raquo;goldenen Stern&laquo; gedr&uuml;ckt, wo Tanzmusik erklang.
+Ein Mann schrie verzweifelt, seine farbigen
+Ballons waren in die Luft geflogen. F&uuml;nf M&auml;gde,
+Arm in Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor
+und sangen lachend ein Lied. Hinter ihnen stand
+pl&ouml;tzlich Maxim Specht und winkte Arnold l&auml;chelnd
+zu. Er wollte folgen, aber ein Verk&auml;ufer von Zaubertr&auml;nken
+versammelte die Zecher um sich, und der
+Durchgang war versperrt. Als er neben sich blickte,
+sah er auch den j&uuml;dischen Hausierer. Seine traurige
+Gestalt, das unbewegt dem&uuml;tige Gesicht und die n&uuml;chtern
+und gefa&szlig;t pr&uuml;fenden Augen wirkten so befremdlich
+in dem Haufen, da&szlig; Arnold ihn fragte,
+was er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft,
+als wenn er bisher mit niemandem h&auml;tte &uuml;ber etwas
+sprechen k&ouml;nnen, was ihn sehr zu bedr&uuml;cken schien.
+Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erz&auml;hlte
+er mit einer fast gesch&auml;ftlichen Freundlichkeit. Seit
+er vom Hof des gn&auml;digen Herrn Ansorge zur&uuml;ckgekommen,
+sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe
+sie manchmal beim Wirt Gl&auml;ser sp&uuml;len, aber sie sei
+<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32"></a>[32]</span>nicht da. Wunderlich genug, da&szlig; Arnold auf einmal
+Sorge um das gesuchte M&auml;dchen empfand, als ob
+er sich hier an Menschliches klammern m&uuml;sse, wo er
+nur betrunkene Tiere sah. Er wurde nachdenklich
+und sah diese winzige Jutta irgendwo im Wald verirrt.
+Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedr&auml;ngt
+und Arnold befand sich neben der Saalt&uuml;re,
+dicht neben Specht und Beate. Specht fa&szlig;te
+ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
+Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand
+keinen Tonfall gegen&uuml;ber dieser unerwarteten Liebensw&uuml;rdigkeit.
+Neugierig sah er auf die F&uuml;&szlig;e der Tanzenden,
+denn die plumpen, gespreizten, l&auml;cherlichen und
+wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust.
+Oben auf einer Estrade hockten wie Kobolde die
+Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. Beate
+wandte sich erhitzt mit derselben unerkl&auml;rlichen Vertraulichkeit,
+aber mit einem geheimnisvoll t&uuml;ckischen
+Glanz in den Augen zu Arnold und fragte, ob er
+denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so
+erstaunt starre. Auch die Schnelligkeit und falsche
+Heiterkeit, mit der sie redete, hatten etwas Unerkl&auml;rliches.
+&raquo;O ja,&laquo; antwortete Arnold gelassen, &raquo;aber
+ich habe es vergessen.&laquo; In der Tat, f&uuml;r ihn war
+ein Jahr eine un&uuml;bersehbare Spanne Zeit.</p>
+
+<p>Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem
+Wuchs davon. Der hei&szlig;e Saal mit seinen
+tr&uuml;ben Lichtern glich einer kleinen H&ouml;lle. Bald schien
+es Arnold, als drehten sich die W&auml;nde statt der Menschen.
+Er stand am Schanktisch, konnte weder vor-
+noch r&uuml;ckw&auml;rts, blickte zwischen K&ouml;pfen hinweg, &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33"></a>[33]</span>zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
+Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank.
+Er sah Beate vorbeifliegen, und ihre R&ouml;cke wehten.
+Der Bauer schien sie zu tragen, und seine gro&szlig;en
+Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
+auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm.
+Beide sahen ihn nicht. Specht hatte das M&auml;dchen
+am Oberarm gefa&szlig;t und knirschte etwas durch die
+Z&auml;hne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich.
+Beate antwortete ihm mit einem langen Blick,
+der zugleich nachl&auml;ssig, verliebt, unentschieden und
+von &auml;u&szlig;erster Wildheit war. Ihre Haare klebten an
+der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren
+purpurrot, das Gesicht bla&szlig;. Zwei betrunkene Bauern,
+die tschechisch lallten, verdeckten gleich darauf die beiden
+f&uuml;r Arnolds Blicke. Er dr&auml;ngte sich zur T&uuml;re durch.
+Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter
+sich vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals
+in den Arnolds schob und h&ouml;flich bat, mitgehen
+zu d&uuml;rfen. Arnold wu&szlig;te nichts zu entgegnen. Die
+Welt ist f&uuml;r jedermanns F&uuml;&szlig;e, dachte er. Er h&ouml;rte den
+Lehrer keuchen von der Anstrengung des Nachlaufens.</p>
+
+<p>&raquo;Bleiben wir doch noch zusammen,&laquo; bat Specht
+wiederum. &raquo;Ich m&ouml;chte nicht gern allein sein. Es
+ist erst sieben Uhr und wir k&ouml;nnten ganz gut noch
+einen Spaziergang machen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichg&uuml;ltig.
+Bald hatten sie den L&auml;rm hinter sich. Trotz der
+Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der Viertelsmond
+stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
+vertausendfacht durch das nun verklungene Marktget&ouml;se.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34"></a>[34]</span></p>
+<h3><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newquotesection"><span class="bigletter">&raquo;E</span>lende Bauern,&laquo; sagte Specht, nachdem sie eine
+Weile lang schweigend gegangen waren. &raquo;An
+einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
+einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt
+haben.&laquo; Er redete in Wut und Ha&szlig; und warf irgend
+eine Anklage, die mit seinen Gef&uuml;hlen gar nichts
+zu schaffen hatte, irgendwohin.</p>
+
+<p>Arnold schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist das &uuml;berhaupt f&uuml;r ein Leben!&laquo; fuhr
+Specht mit einer verzweifelten Bewegung seines
+ganzen K&ouml;rpers fort. &raquo;Wer bin ich hier? Was soll
+ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummk&ouml;pfe! Kein
+Mensch, mit dem man ein richtiges Gespr&auml;ch f&uuml;hren
+kann. Pfui Teufel.&laquo;</p>
+
+<p>Er &auml;rgert sich, weil sein M&auml;dchen mit einem andern
+getanzt hat, dachte Arnold, was macht er solches Wesen
+davon.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wundre mich nur, da&szlig; Sie&#8217;s hier aushalten,&laquo;
+sagte Specht, &raquo;Sie sind doch auch schlie&szlig;lich nicht auf
+den Kopf gefallen. Das ist doch keine Existenz f&uuml;r
+Sie. Sie m&uuml;ssen hinaus in die Welt. Man braucht
+M&auml;nner heutzutage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir ist ganz wohl hier,&laquo; gab Arnold ruhig zur
+Antwort.</p>
+
+<p>Das Dorf war l&auml;ngst verschwunden, sie schritten
+schweigend am Waldrand entlang. Die Wiesen
+gl&auml;nzten silbern, Mondnebel erf&uuml;llten die Luft. Dicht
+vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters
+auf; &uuml;ber dem hohen Tor gl&auml;nzte ein Kreuz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35"></a>[35]</span>&raquo;Wir sind sehr weit,&laquo; sagte Specht bedenklich. Mit
+verborgener Bewunderung heftete er den Blick auf
+Arnold, der ihm gegen&uuml;berstand, die F&uuml;&szlig;e in schreitender
+Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
+Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der
+Stirn gestrichen. Die etwas lange, gerade, aber breitr&uuml;ckige
+Nase verlieh dem Gesicht einen durchaus reifen
+Charakter.</p>
+
+<p>Der Lehrer ri&szlig; einen Zweig ab und zerbog ihn.
+Seine Haltung war sinnend und schwerm&uuml;tig. Ihm
+war, als sei sein Gem&uuml;t gereinigt worden, und er
+h&ouml;rte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches
+der Wind in den Baumkronen verursachte. Seine
+Qualen r&uuml;ckten auf ein anderes Ufer, vor ihm flo&szlig;
+ein Strom der Einsamkeit.</p>
+
+<p>Sie gingen ein St&uuml;ck weiter bis zum Fu&szlig;e der
+Klostermauer. Dort setzte sich Specht auf eine Steinbank
+und erz&auml;hlte von seiner T&auml;tigkeit als Lehrer,
+von seinen W&uuml;nschen und Tr&auml;umen, von seinem
+sozialen Ideal, das ihn anderswo hinweise als in
+m&auml;hrische Ein&ouml;den. Er erz&auml;hlte von seiner Bibliothek,
+von seinen mit Studien verbrachten N&auml;chten
+und deutete dumpf und schamvoll sein k&uuml;mmerliches
+Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn auch
+durch die Nacht etwas gedr&uuml;ckt. Ihm war, als m&uuml;sse
+er diesem Menschen beichten, und er verga&szlig; die
+j&uuml;ngeren Jahre Arnolds. Leicht erzeugt ohnedies
+eine solche Stunde festere Br&uuml;cken zwischen M&auml;nnern,
+als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich
+nicht bei Arnold, den keine innere Enge trieb,
+sich mitzuteilen. Aber da es f&uuml;r ihn nichts L&auml;ngstbekanntes
+<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36"></a>[36]</span>gab, kein allt&auml;gliches Schicksal, lauschte er
+dem Lehrer mit Interesse.</p>
+
+<p>Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch
+Zeit, nach Hause zu gehn. W&auml;hrend des Heimwanderns
+brachte er noch vielerlei vor, denn er hatte
+einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte
+er Beziehungen und w&uuml;nschte Sympathien.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge
+beim Fr&uuml;hst&uuml;ck waren, kam Ursula und erz&auml;hlte,
+die Felizianerinnen h&auml;tten die Tochter des Juden
+Elasser zu sich ins Kloster gebracht.</p>
+
+<p>&raquo;Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewu&szlig;t
+wo ihr Kind ist,&laquo; sagte sie. &raquo;Erst heut Nacht haben
+sie es durch einen Zufall erfahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist dann geschehen?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister
+Wittek ins Kloster gegangen. Man hat sie aber nicht
+hineingelassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine wunderbare Geschichte,&laquo; bemerkte Frau Ansorge
+sp&ouml;ttisch.</p>
+
+<p>Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung
+mit dem Hausierer und an dessen beklommenes Wesen.
+&raquo;Man kann doch nicht ohne weiteres ein M&auml;dchen
+rauben,&laquo; sagte er verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,&laquo;
+antwortete Ursula.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37"></a>[37]</span>Der B&auml;cker aus Podolin, der gleich darauf kam,
+best&auml;tigte das Vorgefallene.</p>
+
+<p>&raquo;Ich versteh das nicht,&laquo; sagte Arnold in wachsender
+Verwunderung zu seiner Mutter. &raquo;K&ouml;nnen die vom
+Kloster ein Kind einfach stehlen?&laquo;</p>
+
+<p>Frau Ansorge zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern
+nicht wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht will das M&auml;dchen selber. Wenn es vierzehn
+Jahre alt ist, braucht man die Einwilligung der
+Eltern nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn es aber nicht will? Dann m&uuml;ssen Sie es
+wieder entlassen, wie?&laquo;</p>
+
+<p>Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. &raquo;Was
+gehen uns die fremden Leute an,&laquo; entgegnete sie
+gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg
+nach dem Dorf. Auf dem Hauptplatz blieb er eine
+Weile unschl&uuml;ssig stehen. Dann, fast wider Willen
+trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der
+Ecke. Bauern, Knechte, Tagel&ouml;hner, Unterstandslose,
+ja sogar ein paar Weiber sa&szlig;en dort und machten
+L&auml;rm. Arnold lie&szlig; sich ein Glas Tschai geben. Ein
+alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps
+roch und dessen Mund verzogen war, als h&auml;tte er
+Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt sei die Zeit
+gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus
+gemacht. Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche,
+dem die blo&szlig;e Brust durch das zerrissene Hemd schien.
+Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit einem Bart,
+der d&uuml;nn und kranzartig um das ganze Gesicht lief,
+<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38"></a>[38]</span>lachte mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige
+B&auml;uerin behauptete, der Papst und der Erzbischof
+h&auml;tten den Felizianerinnen strenge befohlen,
+alle Judenkinder zu taufen.</p>
+
+<p>Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden
+Gesch&auml;ftsgehilfen nach der Wohnung Elassers und verlie&szlig;
+dann den Laden.</p>
+
+<p>Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger
+H&auml;user bestehend, hatte nur eine einzige Seitengasse
+und dort, dicht am Flu&szlig;ufer, wohnte Elasser. Die
+absch&uuml;ssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
+Kotpf&uuml;tzen, Schottergestein und umhergackerndes
+Gefl&uuml;gel. Von den Mauern des Elasserschen
+H&auml;uschens war der gr&ouml;&szlig;te Teil der M&ouml;rtelbekleidung
+abgefallen. Arnold ging durch die offene Haust&uuml;re
+in ein gleichfalls offenes Zimmer zur Rechten, wo
+sich ihm ein ebenso wunderbarer als trauriger Anblick
+bot.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die
+Knie fast bis zur Brust emporgezogen, im
+Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit
+beiden H&auml;nden das Gesicht so vollst&auml;ndig bedeckt,
+da&szlig; darunter nur der braune Bart hervorquoll. Auf
+dem Kopf trug er ein altes, hint&uuml;bergeschobenes
+Seidenk&auml;ppchen mit einer Quaste. Um ihn herum
+standen wie in einem abgemessenen Halbkreis sechs
+Kinder und blickten regungslos auf die kauernde Gestalt
+<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39"></a>[39]</span>ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch
+halb spielend, halb winselnd &uuml;ber die Dielen und
+ein Neugeborenes lag eingeh&uuml;llt in bunte Lappen,
+die wiederum durch einen gr&uuml;nen G&uuml;rtel zusammengehalten
+waren, auf einer breiten Bank neben dem
+Ofen. Die Frau stand vor dem Fenstersims und bewegte
+betend die Lippen und den Oberk&ouml;rper. Au&szlig;er
+dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
+deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen
+acht blecherne Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen
+zur Wand hingen rote Windeln zum Trocknen und
+der T&uuml;re gegen&uuml;ber nahm ein uralter Schrank den
+f&uuml;nften Teil des Raumes ein.</p>
+
+<p>Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der
+Schwelle geblieben war, trat er ins Zimmer. Sogleich
+dr&auml;ngten sich die sechs Kinder in einen Kn&auml;uel
+zusammen. Elasser lie&szlig; die H&auml;nde vom Gesicht fallen
+und blickte den Fremdling mit glasigen Blicken an.
+Arnold war etwas verdutzt &uuml;ber die gepre&szlig;te Trauer
+und d&uuml;stere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
+Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als
+er das ihm bekannte der kleinen Jutta nicht erblickte,
+fragte er: &raquo;Ist sie noch nicht zur&uuml;ck aus dem Kloster?&laquo;</p>
+
+<p>Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren
+hervorquellenden, erm&uuml;deten Augen einen ungewissen
+und furchtsamen Blick auf Arnold. &raquo;Wei&szlig; der Herr
+nicht, da&szlig; unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt
+ins Nonnenkloster?&laquo; rief sie mit einer &uuml;berscharfen
+Stimme. Ihre Z&uuml;ge, obwohl alt und h&auml;&szlig;lich,
+entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
+jeder Form zu erteilen vermag.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40"></a>[40]</span>Arnold blickte die Frau aufmerksam an. &raquo;Ja ja,&laquo;
+erwiderte er, &raquo;aber das ist doch gegen das Recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie nur an,&laquo; fuhr die magere J&uuml;din fort
+und hob sibyllenhaft den Kopf, &raquo;wie es bestellt ist
+mit dem Recht. F&uuml;r die armen Leute gibt&#8217;s kein
+Recht, f&uuml;r arme Juden gibt&#8217;s gar kein Recht. Und
+mit was kann ich dienen? Mit wem hab ich das
+Vergn&uuml;gen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist der gn&auml;dige Herr Ansorge,&laquo; kl&auml;rte Elasser
+auf, mit einer Geberde, die ebensowohl f&uuml;r ehrf&uuml;rchtig
+als f&uuml;r kummervoll gelten konnte. &raquo;Der Herr kommt
+nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern Sie
+sich, gn&auml;diger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht
+Sonntag? Wir haben gewartet und gewartet und
+wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. Und der
+ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen
+der Gehilf vom Uravar und klopft da drau&szlig;en
+und meint, wir sollen doch einmal nachfragen im
+Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
+&#8217;s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die B&auml;nderchen
+zu den Nonnen, denn sie ist allein hausieren gegangen,
+und solche Sachen sind schon bereits vorgekommen,
+und der Gehilfe, der &#8217;s Fleisch bringt ins
+Kloster, kann sie dort gesehn haben. Gn&auml;diger Herr
+meine Tochter ist eine gute J&uuml;din, warum soll sie
+bei den Nonnen geblieben sein? Und es war Mitternacht,
+bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister,
+ein freundlicher Herr, ist mit mir gegangen
+ins Kloster. Und wir verlangen die Oberin zu sprechen,
+aber die Schwester Pf&ouml;rtnerin sagt, wir sollen kommen
+in der Fr&uuml;h und meine Jutta w&auml;re da. Und der
+<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41"></a>[41]</span>Herr Wachtmeister sagt, warten wir bis in der Fr&uuml;h.
+Gut. Sie k&ouml;nnen sich denken, da&szlig; wir kein Aug
+zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Fr&uuml;h
+um sechs bin ich abermals wieder gegangen mit dem
+Herrn Wachtmeister und verlang zu sprechen die
+Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben
+mein Kind. Und gn&auml;diger Herr, glauben Se mir,
+mein Herz is still gestanden, sie sagt, ich soll kommen
+in f&uuml;nf Tagen, bis sich das M&auml;dchen besser gew&ouml;hnt
+haben wird an die neue Umgebung.&laquo;</p>
+
+<p>Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide
+brennten. &raquo;Un so bin ich fortgegangen,&laquo; schlo&szlig; er
+und atmete tief.</p>
+
+<p>&raquo;Und der Wachtmeister?&laquo; fragte Arnold, dessen Gesicht
+sich verf&auml;rbt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr,
+aber er hat gesagt, leider, es ist vorl&auml;ufig nichts zu
+machen. Man mu&szlig; warten. So wart ich.&laquo;</p>
+
+<p>Der S&auml;ugling auf der Ofenbank erwachte und begann
+ein d&uuml;nnes Geheul, bis die Mutter hinging
+und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges Leinwandst&uuml;ck
+in den Mund steckte. Auch das auf dem
+Boden kriechende Kind fing an zu weinen. Die Frau
+blickte gleichg&uuml;ltig herab, gab ihm mit dem Bein
+einen leichten Sto&szlig;, und als es platt auf der Erde
+lag, rollte sie es mit dem Fu&szlig; gleich einem F&auml;&szlig;chen
+hin und her. Das Kind lachte, w&auml;hrend die Mutter
+leise summte und mit der Hand den S&auml;ugling wieder
+in Schlaf sch&uuml;ttelte.</p>
+
+<p>Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebr&uuml;tet
+hatte und blickte Arnold ohne jede Sch&uuml;chternheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42"></a>[42]</span>mit funkelnden Augen an. &raquo;Was soll ich tun,
+lieber Herr,&laquo; sagte er dumpf und sein dem&uuml;tiger Tonfall
+wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen.
+&raquo;Kann ich mir helfen, sagen Sie selber? Wenn
+sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
+mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schlie&szlig;
+ein Auge, kann ich mir helfen, lieber Herr?&laquo; Er
+ging auf und ab.</p>
+
+<p>Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff
+nicht, begriff nichts. Diese Verzweiflung schien ihm
+unverst&auml;ndlich.</p>
+
+<p>&raquo;Papa,&laquo; rief jetzt der &auml;lteste Knabe mit finsterer
+Entschlossenheit, &raquo;h&ouml;r auf zu reden, bitt dich, vor dem
+Christen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde,
+bis sie mir nicht mein Kind gegeben haben!&laquo; rief
+Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. &raquo;Und wenn
+ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen mu&szlig;, un wenn
+ich hungern un d&uuml;rsten mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?&laquo;
+fragte die Frau mit streng zusammengezogenen
+Brauen.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&auml;men Sie sich doch,&laquo; sagte Arnold laut und
+blickte verdrie&szlig;lich von einem zum andern, &raquo;gibt es
+denn kein Gericht? Jeder Richter mu&szlig; Ihnen das
+Kind zur&uuml;ckgeben, sobald es das Gesetz verlangt.&laquo;</p>
+
+<p>Drau&szlig;en wurden Schritte laut und drei j&uuml;dische
+M&auml;nner betraten den Raum, wobei sie Gebete murmelten.</p>
+
+<p>Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes
+gelangt, als ihm Specht begegnete. Der
+<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43"></a>[43]</span>Lehrer schien die gr&ouml;&szlig;te Eile zu haben, blieb aber
+doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte
+an und meinte, es sei sonderbar, da&szlig; sie beide gerade
+gestern Abend vor dem Kloster geweilt h&auml;tten. &raquo;Und
+was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht fabelhaft,
+da&szlig; dergleichen noch vorkommt?&laquo; Leise und geheimnisvoll
+f&uuml;gte er hinzu: &raquo;Ich berichte alles an eine
+Wiener Zeitung. &Uuml;brigens k&ouml;nnten wir eine halbe
+Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
+Wirtshaus.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold folgte z&ouml;gernd, betrat das dumpfe und
+dunkle Gemach, nahm schweigend neben Specht Platz
+und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor ihn hinstellte.</p>
+
+<p>Niemand war hier au&szlig;er den beiden. Ein kleiner
+Rattenpinscher lag neben Specht auf der Bank, erhob
+den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. Specht
+schien lange innerlich zu k&auml;mpfen, endlich sagte er:
+&raquo;Heute ist es mir schlimm ergangen; heute hab&#8217; ich
+was Schlimmes erfahren. H&ouml;ren Sie nur ... Vielleicht
+bereu&#8217; ich einmal, da&szlig; ich schwatzhaft war, aber
+der Teufel kann ewig schweigen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll
+auf den Mund des Lehrers.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen doch Beate?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichg&uuml;ltig.
+Specht legte seine Hand auf Arnolds Schulter und
+sagte beschw&ouml;rend und schmerzlich: &raquo;Ich &uuml;bertreibe
+nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verk&ouml;rperte
+Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnj&auml;hrige Hexe.
+Was ich gelitten habe! Doch es ist vorbei; anderes
+<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44"></a>[44]</span>liegt vor mir.&laquo; Er bedeckte die Stirn mit der Hand;
+seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon
+jetzt Reue &uuml;ber seine Mitteilsamkeit. Seine Miene
+wurde pl&ouml;tzlich kalt, und das Gesellschaftliche in seinem
+Wesen trat mit auffallender Sch&auml;rfe hervor, als er
+sagte: &raquo;Ich hoffe, Sie k&ouml;nnen schweigen. Wir d&uuml;rfen
+die Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, w&auml;hrend
+sie uns ungestraft zum Wahnsinn treiben.&laquo; Er l&auml;chelte
+und zupfte an seinem schmalen, blonden Schnurrbart.</p>
+
+<p>Arnold, der f&uuml;r solche Schmerzen keinerlei Verst&auml;ndnis
+besa&szlig;, hatte zerstreut zugeh&ouml;rt. Jenes unbedeutende
+Frauenzimmer erschien ihm keines Wortes
+wert. Er sch&auml;mte sich f&uuml;r Specht.</p>
+
+<p>&Uuml;ber eine Viertelstunde sa&szlig;en sie schweigend beisammen.
+Der Wirt hatte die Lampe angez&uuml;ndet.
+Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
+vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken
+Hand dr&uuml;ckte: &raquo;Wann wird man denn befehlen, das
+M&auml;dchen frei zu lassen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Welches M&auml;dchen?&laquo; entgegnete Specht aufschreckend.
+&raquo;Die Elasser meinen Sie? Ich wei&szlig;
+nicht.&laquo; Specht f&uuml;hlte sich beleidigt, da&szlig; Arnold einer
+so fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als
+seiner, Maxim Spechts, pers&ouml;nlich nahen. &raquo;Wer,
+glauben Sie denn, da&szlig; hier befehlen wird?&laquo; fragte
+er ironisch.</p>
+
+<p>&raquo;Das Gericht, denk ich,&laquo; entgegnete Arnold und
+wandte sich dem Lehrer v&ouml;llig zu.</p>
+
+<p>&raquo;Sie ahnen offenbar nicht, um welche M&auml;chte es
+sich hier handelt?&laquo; Specht l&auml;chelte boshaft vor sich
+hin, als ob er mit diesen M&auml;chten im Bunde sei.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45"></a>[45]</span>Mit lachendem Mund und h&ouml;chst erstauntem Ausdruck
+sagte Arnold: &raquo;Es handelt sich um ein Unrecht.&laquo;</p>
+
+<p>Specht meckerte. &raquo;Unrecht hin oder her. Leben
+wir denn im Paradies? Findet denn jedes Unrecht
+einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
+findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir zu dumm, was Sie da schw&auml;tzen, Sie
+wollen mich wohl zum Narren halten,&laquo; erwiderte
+Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und schob
+den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg.
+Der Hund fuhr aus dem Schlaf empor und bellte
+w&uuml;tend. Best&uuml;rzt blickte der Lehrer Arnold an, der
+schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die
+Wirtsstube verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Specht seufzte. Er schlo&szlig; gr&uuml;belnd die Augen.
+Bald machte auch er sich auf den Weg, schlenderte
+die finstere Dorfstra&szlig;e entlang und kam bis zum
+Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor
+und begann melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne
+Absicht und nur in sich selbst versinkend. Seltsame
+Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
+mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? F&uuml;r
+ihn ist das Leben ein warmer Pfannkuchen; er braucht
+sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er Rechenschaft
+haben &uuml;ber die Unbescholtenheit der Henne, von der
+die Eier kommen?</p>
+
+<p>Im Haus wurde ein Fenster ge&ouml;ffnet und eine
+helle Stimme rief: &raquo;Specht! Herr Specht! Kommen
+Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!&laquo;</p>
+
+<p>Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes
+sa&szlig;en bei Tisch und schienen soeben mit dem Abendessen
+<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46"></a>[46]</span>fertig geworden zu sein. Beate blickte Specht
+hochm&uuml;tig und h&ouml;hnisch an. Specht verbeugte sich,
+l&auml;chelte fl&uuml;chtig, nahm Platz und fragte h&ouml;flich nach
+Agnes Hankas Befinden. Freundlich und eilfertig
+bot ihm Agnes von den &Uuml;berresten der Mahlzeit und
+obwohl er hungrig war, sch&uuml;ttelte Specht den Kopf
+und deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate
+hatte nicht aufgeh&ouml;rt den Lehrer fest anzublicken. Sie
+spielte mit einem Zeitungsblatt und sagte pl&ouml;tzlich
+vor sich hin, ohne Furcht, da&szlig; sie von der halbtauben
+Agnes geh&ouml;rt werden k&ouml;nne: &raquo;Wenn du nicht vern&uuml;nftig
+bist&nbsp;&#8211;&laquo; ... mit einer kategorischen und deutungsvollen
+Bewegung ri&szlig; sie das Blatt mitten entzwei.</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein St&uuml;ckchen
+K&auml;se,&laquo; rief Specht, zu Agnes gewandt, die ihm erfreut
+Butter, Brot, die Weinflasche und den Wurstteller
+hinschob. Sie klagte dem Lehrer, da&szlig; sie Sorge
+um ihren Bruder Alexander habe; sie f&uuml;rchte f&uuml;r
+seine Gesundheit, er sehe so schlecht aus. &Uuml;brigens
+habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
+Weihnachten l&auml;ngere Zeit in Podolin zuzubringen.</p>
+
+<p>Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich
+treibe.</p>
+
+<p>Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas
+gab, das Hanka &raquo;trieb&laquo;. &raquo;Nichts,&laquo; erwiderte sie
+endlich scheu.</p>
+
+<p>Der Lehrer l&auml;chelte sarkastisch.</p>
+
+<p>&raquo;Er lebt von seinem Geld,&laquo; sagte Beate stirnrunzelnd.
+&raquo;Er ist reich genug. Ist das vielleicht nicht
+erlaubt?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47"></a>[47]</span>&raquo;Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,&laquo;
+antwortete Specht.</p>
+
+<p>Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu
+lesen. Es war, als suche sie &uuml;ber etwas Beunruhigendes
+in Hankas Leben Aufschlu&szlig; und Trost, naiv dem
+Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut
+die ungef&uuml;gen Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte
+er Beates Hand zu ergreifen.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, da&szlig;
+ihr Bruder Borromeo sich wieder verheiratet habe.
+Die Photographie der neuen Schw&auml;gerin zeigte eine
+&uuml;ppige Gestalt mit regelm&auml;&szlig;igen Z&uuml;gen, die einen
+herrischen und kalten Ausdruck hatten. &raquo;Friedrich tut
+nichts Gutes in seinem Schwabenalter,&laquo; sagte Frau
+Ansorge zu Arnold, der das Bild der sch&ouml;nen Frau
+mit Vergn&uuml;gen betrachtete.</p>
+
+<p>An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen
+Brief und eine Zeitung. Die Zeitung enthielt Spechts
+Bericht &uuml;ber den Raub der Jutta Elasser. Arnold
+las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade
+wie eine L&uuml;ge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen.
+Aus dem Nahen und Wahren war etwas
+Fernes, Gespreiztes und L&auml;rmendes geworden.</p>
+
+<p>Der Brief lautete: &raquo;Wenn es Ihnen pa&szlig;t, holen
+Sie mich morgen fr&uuml;h um sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann
+hat mit der Elasserschen Angelegenheit
+<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48"></a>[48]</span>einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter
+von mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu
+sein, wenn Elasser im Kloster seine Tochter zu sehen
+bekommt. Davon darf man die Entscheidung erwarten,
+denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm
+dann noch das Kind verweigern wollen, was doch
+zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, die Sache
+hinzuziehen, bis Jutta das religionsm&uuml;ndige Alter
+von vierzehn Jahren erreicht haben wird. Dann wird
+dem Samuel Elasser die v&auml;terliche Gewalt durch die
+Vormundschaftsbeh&ouml;rde abgesprochen und der Taufe
+steht kein Hindernis im Wege; denn &uuml;ber das, was
+das M&auml;dchen selbst will oder nicht will, wird ja die
+&Ouml;ffentlichkeit get&auml;uscht. Also nicht ich bin dumm oder
+boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind
+es. Und dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil
+ich mich darum k&uuml;mmere und die Welt, gemein wie
+sie ist, &auml;ndern m&ouml;chte. Das ist nicht nur Dummheit,
+sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold hatte das Gef&uuml;hl eines Hinterhaltes. Er
+las den Brief nicht nur, sondern er studierte ihn,
+drehte ihn um und um und zerstampfte ihn schlie&szlig;lich
+mit den Stiefeln. Den ganzen Tag &uuml;ber vermochte
+er nichts Rechtes anzufangen.</p>
+
+<p>In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum.
+Er kam von einer langen Landstra&szlig;e an eine hohe
+Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
+einander gegen&uuml;ber, ein kleines und ein gro&szlig;es Pferd.
+Beide Tiere sahen aus, als ob sie mit Gr&uuml;nspan &uuml;berzogen
+w&auml;ren. An Hals, Kopf, R&uuml;cken und Bauch
+trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls gr&uuml;nspanfarben,
+<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49"></a>[49]</span>aus der Haut hervorragten, als ob es nur
+k&uuml;nstliche Tiere w&auml;ren. Aber beide Pferde lebten.
+Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
+trug: diese Pferde k&ouml;nnen sprechen. Nachdem
+er eine Weile unschl&uuml;ssig und doch h&ouml;chst begierig
+gestanden war, warf er ein Geldst&uuml;ck hin. Darauf
+ert&ouml;nte ein langsames Gl&ouml;ckchen &uuml;ber der Mauer;
+das gr&ouml;&szlig;ere Pferd erhob den Kopf und &ouml;ffnete weit
+das Maul, um zu sprechen. In diesem Augenblick
+wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken
+ergriffen, da&szlig; er in der gr&ouml;&szlig;ten Eile &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+Rei&szlig;aus nahm. Als er aufwachte und den
+Traum &uuml;berlegte, kam er ihm &uuml;beraus albern vor;
+dennoch, die d&uuml;nne Luft, die Mauer, die einsame
+Stra&szlig;e, die schwerm&uuml;tige Miene des gr&uuml;nen Gauls,
+der sich anschickte zu sprechen, das alles trug etwas
+Unverge&szlig;liches in sich.</p>
+
+<p>Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim
+Specht ein. Es war noch halb dunkel, als sie sich
+auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein Fr&uuml;hst&uuml;ck
+unterwegs. Specht war schweigsam.</p>
+
+<p>Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten
+Wolken vom Fr&uuml;hrot gl&uuml;hend wurden, traf der Kommissar
+mit einem Gendarmen ein. Ein wenig davon
+entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz.
+Der Kommissar zog die Glocke. Die Schwester
+Pf&ouml;rtnerin &ouml;ffnete, deutete gegen eine schmale T&uuml;re
+zur Linken und hinkte auf einer Kr&uuml;cke davon. Als
+die T&uuml;r ge&ouml;ffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar,
+an dessen Ende ein Windlicht brannte, welches
+nur m&uuml;hsam die Finsternis verringerte. Darnach
+<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50"></a>[50]</span>kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel
+hockte schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte
+stumm auf die zur Linken befindliche Glast&uuml;r. Die
+M&auml;nner betraten ein saalartiges Gemach, dessen Decke
+durch ein gekreuztes Tonnengew&ouml;lbe gebildet wurde.
+Auf einer langen Bank standen zwei dreiarmige silberne
+Leuchter, dar&uuml;ber hing ein ehernes Kreuz mit
+dem Heiland. An der hinteren Wand &ouml;ffnete sich
+ein dunkles Loch, vor welchem sich ein aus wei&szlig;en
+St&auml;ben bestehendes Gitter befand. Elasser und der
+Rabbiner standen schweigend abseits; sie starrten vor
+sich nieder.</p>
+
+<p>Nach einigen langen Minuten, w&auml;hrend welcher
+Arnold seine Uhr in der Tasche ticken h&ouml;rte, knarrte
+eine zweite T&uuml;r in der Ecke und vier Nonnen traten
+herein. Elasser reckte den Kopf auf &#8211; Arnold gedachte
+seines Traumpferds, welches sprechen wollte &#8211;
+und blickte nach der T&uuml;r, die sich indes wieder schlo&szlig;,
+ohne da&szlig; seine Tochter eingetreten w&auml;re. Pl&ouml;tzlich
+war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
+erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei,
+eine andere folgte. Die erste kehrte zur&uuml;ck, streckte
+die Arme aus, als wolle sie einen schweren Gegenstand
+ans Licht ziehen. Darauf wurde das &Ouml;ffnen
+einer knarrenden T&uuml;re h&ouml;rbar, und in demselben
+Augenblick begann ein Weinen und Schluchzen, das
+um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
+einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien.
+Die Arme regten sich gesch&auml;ftiger, noch ein paar Arme
+und ein Kopf schienen Beistand zu leisten, aber das
+nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen erf&uuml;llte
+<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51"></a>[51]</span>nach wie vor anschwellend den Raum. Die
+Kerze wurde ausgel&ouml;scht; das Gitter wurde wieder
+finster, die knarrende T&uuml;re lie&szlig; sich von neuem h&ouml;ren;
+F&uuml;&szlig;e scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, und
+mit einem Schlag war es wieder still.</p>
+
+<p>Elasser war einen Schritt vorw&auml;rts gegangen. Der
+ganze Mann zitterte und seine Stirn gl&auml;nzte von
+Schwei&szlig;. Ein gurgelndes Ger&auml;usch kam von seinen
+Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der
+Rabbiner und der Gendarm mu&szlig;ten ihn bei den
+Schultern zur&uuml;ckhalten. Als es hinter dem Gitter
+finster und ruhig wurde, war auch er wieder still.
+Einige Minuten lang h&ouml;rte man das leise Aufprasseln
+der Kerzenflammen auf der Bank. Die frommen
+Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und
+&Uuml;bung erlernte und befestigte Gleichg&uuml;ltigkeit. Ihr
+inneres Leben schien sich zu einem verheimlichten
+Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
+der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht
+stand mit bleichem Gesicht. Arnold betrachtete auch
+ihn; s&auml;mtliche Gestalten erschienen im tr&uuml;ben Zwielicht
+wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden,
+ob sie schliefen oder wachten.</p>
+
+<p>Jetzt &ouml;ffnete sich zum zweitenmal die seitliche T&uuml;r
+und die Oberin trat ein. Specht, der Kommissar
+und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. Die
+Oberin streifte die M&auml;nner mit einem eisigen Seitenblick
+und richtete die Augen befremdet und fragend
+auf Arnold, der sich nicht r&uuml;hrte, nicht gr&uuml;&szlig;te und
+mit verh&auml;ngten Augen auf das eherne Christuskreuz
+sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52"></a>[52]</span>festem Schritt auf den Kommissar zu und sagte:
+&raquo;Herr Elasser kann leider seine Tochter nicht sehen.
+Das M&auml;dchen ist krank.&laquo;</p>
+
+<p>Elasser hob blitzschnell beide H&auml;nde, zog sie rasch
+gegen sein Herz und schien reden zu wollen. Ja,
+er schien gewaltsam bem&uuml;ht, die r&auml;nkevolle Finsternis,
+die er um sich gewahren mu&szlig;te, wenigstens durch
+Worte zu zerst&ouml;ren; der Polizei-Kommissar nahm
+seine Partei, bemerkte sch&uuml;chtern, die Mutter des
+Kindes liege schwer darnieder und w&uuml;nsche die Tochter
+vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese
+List gedachte er das Herz der Oberin zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wird sie im Himmel wiedersehen,&laquo; antwortete
+die Oberin mit feierlich erhobener Hand und mit
+langsamer, zu peinvollem Lauschen zwingender
+Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verlie&szlig;
+an ihrer Spitze den Raum.</p>
+
+<p>Arnold, als w&auml;ren seine Sinne f&uuml;r andere Wahrnehmungen
+getr&uuml;bt, starrte gegen den Boden; das
+rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen schien
+ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schlie&szlig;lich, um
+fortzugehen. Elasser stie&szlig; einen Seufzer aus, der
+Arnold noch lange in Erinnerung haften blieb, ordnete
+den feiert&auml;glichen Rock, der sich verschoben hatte und
+sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von
+Entschl&uuml;ssen durchw&uuml;hlten Gesicht nichts als: &raquo;So
+wahr ein Gott lebt &#8211;!&laquo;</p>
+
+<p>Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem
+Dorfe zu. Pl&ouml;tzlich verabschiedete sich Specht von
+seinem Begleiter, schaute sich nach Arnold um und
+wartete, bis er herankam.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53"></a>[53]</span></p>
+<h3><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Arnold ergriff Spechts Arm und dr&uuml;ckte ihn
+so fest, da&szlig; der Lehrer sich zusammennehmen
+mu&szlig;te, um seinen Schmerz zu verbei&szlig;en. &raquo;Nicht
+so st&uuml;rmisch,&laquo; sagte er mit schwachem L&auml;cheln. Arnold
+atmete tief auf, dann wandte er den Blick
+von Spechts unschl&uuml;ssigem, aber ernstem Gesicht ab,
+lie&szlig; ihn langsam &uuml;ber die Landschaft gleiten, und
+um seinen Mund zuckte es. Er sch&uuml;ttelte heftig und
+kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu gr&uuml;&szlig;en, ging
+er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste
+ihm entgegen, bald schien die Sonne, bald verging
+sie wieder, dann str&ouml;mte auf einmal Regen, vom
+Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
+neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm
+und weit dehnten sich &Auml;cker und Wiesen. Arnold war
+unzufrieden mit sich selbst; diese Empfindung beirrte
+ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
+seiner Zweifel sich zu sch&auml;men, und langsam erhellte
+sich seine Stirn. Denn da&szlig; Elasser um sein offenbares
+klares Recht gebracht werden k&ouml;nne, erschien
+ihm so unm&ouml;glich, wie da&szlig; der Sonnenball f&uuml;r immer
+verschwinden sollte, weil eine Wolke dar&uuml;ber zog.</p>
+
+<p>Die n&auml;chsten Tage verflossen ihm wie in einem
+unbewu&szlig;ten Horchen. Nat&uuml;rlich machte der Raub
+des Judenm&auml;dchens viel Aufsehen im Lande. Arnold
+wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der
+Dinge zu fragen, denn er ahnte wohl, da&szlig; da mehr
+Feindseligkeit und Parteileidenschaft im Spiel war,
+als es zuerst den Anschein gehabt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54"></a>[54]</span>Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung
+zu, an welche er berichtete und Arnold las:</p>
+
+<p>&raquo;Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterst&uuml;tzt
+durch die Hilfe und getragen von der gemeinsamen
+Angst und Entr&uuml;stung seiner Stammesgenossen,
+hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gew&auml;hlt,
+den Hof- und Gerichtsadvokaten <em class="antiqua">Dr.</em> Steinbacher in
+Krakau. Unter Berufung auf den &sect;&nbsp;145 des allgemeinen
+B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches wurde eine Eingabe
+an die Polizeibeh&ouml;rde berichtet. Dieser Paragraph
+erkl&auml;rt deutlich, da&szlig; die Eltern berechtigt sind, vermi&szlig;te
+Kinder aufzusuchen, entwichene zur&uuml;ckzufordern
+und fl&uuml;chtige durch Unterst&uuml;tzung der Obrigkeit zur&uuml;ckzubringen.
+Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede Vermittlung
+mit folgenden Worten ab: &raquo;Was? ich soll
+ein M&auml;dchen aus einem Kloster herausnehmen?&laquo; In
+der tiefsten Besorgnis &uuml;ber das Wohlbefinden seiner
+Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingefl&ouml;&szlig;t,
+verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes.
+Nach langen vergeblichen Bem&uuml;hungen
+und langen Beratungen wurden ein Gerichtsarzt
+und der Universit&auml;tsprofessor <em class="antiqua">Dr.</em> Woering
+in das Kloster gesandt. Beide &Auml;rzte stimmten darin
+&uuml;berein und sagten aus, da&szlig; Jutta Elasser vollkommen
+gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
+des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt,
+in aller Form des Gesetzes vom Kloster wenigstens die
+Vorf&uuml;hrung des M&auml;dchens zu verlangen. Die Oberin
+antwortete dem Beamten: &raquo;In sieben Tagen wird
+sie ihr Vater sehen.&laquo; Der Beamte mu&szlig;te sich damit
+begn&uuml;gen, diesen Bescheid stillschweigend zu Protokoll
+<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55"></a>[55]</span>zu bringen. Samuel Elasser fand sich am festgesetzten
+Tage bei der Polizeibeh&ouml;rde ein. Da &uuml;berreichte
+man ihm eine schriftliche Meldung der Schwester
+Wirtschafterin, wonach Jutta Elasser zwei Tage vorher
+aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
+Bericht. Man mu&szlig; nur dar&uuml;ber erstaunen, da&szlig; die
+Schwester Wirtschafterin den Ausdruck &raquo;entflohen&laquo;
+w&auml;hlte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
+den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin
+nicht den klareren und wahreren Ausdruck:
+entf&uuml;hrt&nbsp;&#8211;? Denn das M&auml;dchen wurde inzwischen
+schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt
+und bohrte die Z&auml;hne in die Lippe, w&auml;hrend sie las,
+Frau Ansorge sch&uuml;ttelte den Kopf, als sie fertig war
+und sagte: &raquo;So ist eben die Welt; so sind die Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte
+so viel &Uuml;berlegenheit und bewu&szlig;ten Eigenwillen, so
+viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und geheimnisvolles
+Erzittern alles dessen, was eben nur in einem
+Mann erzittern kann, da&szlig; sie nicht mehr aus noch
+ein wu&szlig;te; sie litt unter seinem ver&auml;nderten Gang,
+seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen pr&uuml;fenden
+Blick und erkannte pl&ouml;tzlich Kr&auml;fte seines Verstandes,
+seines raschen Auges, seiner Entflammbarkeit,
+die sie fr&uuml;her mit ihrer Furcht kaum ber&uuml;hrt
+hatte. Wohl nahm sie bald wahr, da&szlig; er sich in
+einem seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber
+au&szlig;er einigen blitzhaften Einblicken blieb ihr alles ein
+R&auml;tsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe versch&auml;rft,
+<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56"></a>[56]</span>verzehnfacht; sie &uuml;berzeugte sich, da&szlig; ihn nichts Tr&uuml;bes
+erf&uuml;llte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter
+Grund zur Sorge.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter ging Arnold ins Dorf, bog in
+die bekannte Seitengasse und betrat das Elassersche
+Haus. Dort schien sich nichts ver&auml;ndert zu haben;
+der S&auml;ugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln
+hingen noch auf Stricken. Von den &uuml;brigen Kindern
+und Elasser selbst war nichts zu sehen. Die Frau lag
+auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die rauchschwarze
+Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich,
+und ihr Gesicht bekam einen verbissenen und boshaften
+Ausdruck.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Herr Elasser?&laquo; fragte Arnold sanft.</p>
+
+<p>&raquo;Wo wird er sein!&laquo; erwiderte die Frau und lehnte
+sich m&uuml;rrisch gegen den Sofawinkel.</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie f&uuml;r Nachrichten &uuml;ber Jutta?&laquo;
+fragte Arnold, der Widerwillen empfand gegen die
+J&uuml;din und ihre unordentliche Behausung.</p>
+
+<p>Die Frau schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe geh&ouml;rt, da&szlig; sie in Podgorze ist,&laquo; fuhr
+Arnold ruhig fort.</p>
+
+<p>&raquo;Warum nicht?&laquo; erwiderte die Frau h&ouml;hnisch und
+zuckte die Achseln. Pl&ouml;tzlich sprang sie auf, schritt
+hastig quer durch die Stube auf Arnold los und rief:
+&raquo;Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?&laquo;
+Sie blickte Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person
+von unergr&uuml;ndlicher Falschheit. &raquo;Wissen Sie was,
+gn&auml;diger Herr? ich will einmal sagen und Sie sind
+ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren,
+was die Spatzen pfeifen auf allen D&auml;chern? Ja! in
+<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57"></a>[57]</span>Podgorze ist Jutta, zwei Nonnen haben sie in der
+Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
+Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie
+dorten hat erwiesen, da&szlig; Jutta war im
+Kloster. Aber sie haben gesagt, sie h&auml;tten keinen
+Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
+Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann
+ist gegangen zum Herrn Grafen Statthalter
+und wie er zur&uuml;ckgekommen ist, war unsere
+Jutta verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist
+gegangen ins Kloster nach Binczice und ins Kloster
+nach Morawice und ins Kloster nach Wolajustowska
+und nach Wielowics und &uuml;berall ist Jutta gewesen
+und &uuml;berall ist sie wieder fortgebracht worden und
+&uuml;berall hat die Beh&ouml;rde verweigert den schuldigen
+Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
+unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders.
+Und blo&szlig; in Kenty hat der Herr B&uuml;rgermeister geleistet
+Beistand und ist vorgestern verhaftet worden
+wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen
+Sie noch mehr wissen?&laquo;</p>
+
+<p>Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und
+lachte, ohne da&szlig; sich ihr Mund &ouml;ffnete. Was antwortest
+du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
+Arnold senkte den Kopf und verlie&szlig; langsam das Zimmer
+und das Haus.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58"></a>[58]</span></p>
+<h3><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zw&ouml;lftes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war
+sogar m&uuml;hselig, nach Podolin zu kommen, aber
+da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
+Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte
+er der Aufforderung, trotzdem es schon weit im
+Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
+Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht sa&szlig;
+lesend am Tisch, und in einer Teekanne vor ihm
+summte das Wasser. Das St&uuml;bchen war gem&uuml;tlich;
+der Lehrer trug einen gro&szlig;v&auml;terischen Schlafrock und
+rauchte aus einer langen Pfeife. Die Tabakswolken
+zogen langsam durch das Zimmerchen, nur &uuml;ber der
+Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.</p>
+
+<p>Als Neuigkeit erz&auml;hlte Specht, seine Schreiberei
+habe in der hauptst&auml;dtischen Redaktion solchen Beifall
+gewonnen, da&szlig; man ihm eine Stellung bei dem
+Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht s&auml;umen;
+noch vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein
+neues Amt erst im Januar beginne. Aber da sei
+viel zu ordnen und er k&ouml;nne es vor Ungeduld in
+Podolin nicht mehr aushalten. &raquo;Ich freue mich ja
+wahnsinnig, lieber Freund! Endlich! Wenn Sie
+w&uuml;&szlig;ten, was in mir alles brodelt, was da drinnen
+steckt! Nicht genug H&auml;nde hat man dort, und hier
+sind zwei bald zu viel. Endlich werd&#8217; ich atmen k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so
+sympathisch gewesen, niemals auch hatte er so leicht
+das Wesen eines andern begriffen. Atmen k&ouml;nnen!
+<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59"></a>[59]</span>Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
+Sauberkeit gehaltene St&uuml;bchen, die B&uuml;cher an
+den W&auml;nden und auf dem Tisch. Maxim Specht,
+an das wortkarge Gehaben des Kumpans l&auml;ngst gew&ouml;hnt,
+war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen
+zu k&ouml;nnen. Er schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich
+auf dem Sessel zur&uuml;ck und starrte in die Luft. Auch
+in ihm meldete sich h&ouml;heres Leben. Das durch Gewohnheit
+nahe trat zur&uuml;ck, und der Horizont wurde
+begl&uuml;ht von einem noch verborgenen Feuer.</p>
+
+<p>&raquo;Sie m&uuml;ssen mir ein wenig auf Beate achten,&laquo;
+sagte Specht, in Freudigkeit vor sich hinbr&uuml;tend, und
+ohne seine Worte sonderlich zu w&auml;gen. &raquo;Zwar ist
+alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat,
+soll man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da
+zu Hankas. Zu Ihnen hab ich ein, ich m&ouml;chte sagen
+&uuml;bersinnliches Vertrauen. Jaja,&laquo; seufzte er, schl&uuml;rfte
+behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
+in die Rauchw&ouml;lkchen, &raquo;so geht die Liebe
+hin und das Leben ergreift uns.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold griff nach einem der B&uuml;cher im Regal. Es
+war ein Band von Gibbons Geschichte, welche den
+Untergang des R&ouml;merreichs schildert.</p>
+
+<p>&raquo;Sie hat jetzt ein Verh&auml;ltnis mit dem Bauernknecht
+auf dem Randomirschen Gut,&laquo; fuhr Maxim
+Specht halb f&uuml;r sich fort, als verm&ouml;chte er sich von
+diesem Gegenstand nicht zu trennen. &raquo;Traurig genug.
+Mir tut nur der arme Hanka leid. Er hat sich ihrer
+angenommen und glaubt nun, eine unverdorbene
+Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum
+Lachen!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60"></a>[60]</span>Arnold bat, Specht m&ouml;ge ihm die Geschichtsb&uuml;cher
+auf einige Tage borgen. Vor der Abreise solle er
+sie wieder haben.</p>
+
+<p>Das pl&ouml;tzliche Interesse f&uuml;r die Historie war kaum
+mehr als Selbstt&auml;uschung; ein Versuch, sich von seinem
+Innern ab- und an ein &Auml;u&szlig;eres, Weltliches zu wenden.
+Er hatte nach Schriften solcher Art fr&uuml;her nie gefragt.
+Die Vergangenheit der Erde und ihrer V&ouml;lker war
+zwar bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene
+H&ouml;hlen des Ged&auml;chtnisses zu stopfen, aber nie war
+auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
+nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls
+einer Nation vertiefte, gewahrte sein frischer Geist
+mit einem unerme&szlig;lichen Erstaunen, wie die F&uuml;hrung
+der menschlichen Angelegenheiten stets weit &uuml;ber
+den pers&ouml;nlichen Willen hinausger&uuml;ckt wird. Dadurch
+erschien ihm zun&auml;chst alles als ein bodenloses
+M&auml;rchen. Zorn und Gleichg&uuml;ltigkeit wechselten in
+seinem Innern. Voll edlen Str&auml;ubens las er trotzdem
+Seite f&uuml;r Seite, brachte jedem Ereignis eine
+F&uuml;lle von Miterleben entgegen und lachte nicht selten
+sp&ouml;ttisch und ver&auml;chtlich, da manches ganz anders auslief,
+als er es abgesch&auml;tzt hatte. Wie ebensoviele
+K&auml;fer, die dumm in der dunklen Rinne laufen, statt
+den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu w&auml;hlen,
+kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden
+wie M&uuml;cken, die stumpf und trunken ins kleine Netz
+sich verstricken, w&auml;hrend rundum die Luft voll Freiheit
+ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam,
+wie er von dem l&auml;ngstentschwundenen Treiben l&auml;ngstvermoderter
+Geschlechter f&uuml;r die Gegenwart Besitz
+<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61"></a>[61]</span>ergriff, wie er &uuml;ber Schicksalsm&auml;chte r&uuml;cklebend verf&uuml;gte,
+mit brennendem Kopf den Zusammenhang
+verlor und in wirrem Trotz sich anma&szlig;te, an Stelle
+eines jeden dieser Helden und Unhelden frei &uuml;ber
+das Kommende bestimmen zu k&ouml;nnen. Indem das
+in Zeit und Raum Entlegenste wie N&auml;chste von seiner
+Phantasie verschmolz, stie&szlig; er die neuen Bilder bald
+voll Ha&szlig; von sich und kehrte bald leidenschaftlich
+suchend danach zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Aber gleichwie in d&uuml;nstevoller Atmosph&auml;re sich ein
+vielfarbiger Ring um jede Flamme bildet, so waren
+jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn Erf&uuml;llende,
+sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt
+und Betrachtung, raffte sich auf, bek&auml;mpfte,
+ordnete, &uuml;berblickte, aber alles das hatte mit seiner
+Lekt&uuml;re gar nichts mehr zu tun.</p>
+
+<p>Um seiner Bedr&auml;ngnis einigerma&szlig;en Herr zu werden,
+begann er wieder viel drau&szlig;en herumzuwandern.
+Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
+entlegenen Bauernschenke in der N&auml;he der sogenannten
+Polen-M&uuml;hle. Er hielt Einkehr und lie&szlig;
+sich ein Glas Wein geben. Zuf&auml;llig fiel sein Blick
+in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen
+und dort sah er Beate, dicht und z&auml;rtlich an den
+h&uuml;nenhaften Knecht geschmiegt, mit dem sie auf dem
+Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
+darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem
+Tisch lag. Es war der &raquo;M&auml;hrische Landbote&laquo;. Gleichg&uuml;ltig
+las er, bis sein Blick auf eine telegraphische
+Meldung fiel, des Inhalts, da&szlig; der Jude Elasser beim
+Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr
+<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62"></a>[62]</span>stand nicht dar&uuml;ber, aber dies befriedigte Arnold so
+vollkommen, da&szlig; er munter pfeifend seinen Weg fortsetzte.</p>
+
+<p>Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte
+er Specht. &raquo;Wie geht es Ihnen?&laquo; fragte der Lehrer
+mit so &uuml;bertrieben liebevollem Tonfall, da&szlig; Arnold
+ihn befremdet und mi&szlig;trauisch anblickte.</p>
+
+<p>&raquo;Elasser ist beim Justizminister, &#8211; wissen Sie
+schon?&laquo; sagte Arnold. Wie er so dastand, ein wenig
+vorgebeugt, mit listig sp&auml;hendem Blick, das erregte
+Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: &raquo;Spa&szlig;.
+Schon l&auml;ngst gewesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, und ist Jutta schon frei?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Frei? Meinen Sie wirklich frei?&laquo; Specht lachte,
+aufs &auml;u&szlig;erste belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich
+in Arnolds Gesicht wieder jener Zorn sammelte, dessen
+&Auml;u&szlig;erung er f&uuml;rchtete, sagte er schnell: &raquo;Der Minister
+hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen
+Vater auf die Schulter geklopft, das tut ein Minister
+in solchen F&auml;llen stets, und hat ihn mit den Worten
+entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
+wird Ihnen zur&uuml;ckgegeben werden.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet.
+Den Spott in dem Bericht des Lehrers begriff er
+nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,&laquo; fuhr
+Specht munter fort, &raquo;aber nun weiter. Der Minister
+beauftragt den Staatsanwalt, beim Landgericht die
+Strafanzeige wegen Entf&uuml;hrung zu erstatten. Er
+verlangt ferner, da&szlig; ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl
+geschrieben und dem Kloster zugestellt wird.
+<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63"></a>[63]</span>Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die Ratskammer
+des Landgerichts lehnt diese Antr&auml;ge einfach
+und rundweg ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wissen Sie doch noch nicht,&laquo; versetzte Arnold
+unwillig. Er mi&szlig;verstand Spechts lebendige Wiedererz&auml;hlung,
+durch welche die Zeitw&ouml;rter in der Gegenwartsform
+erschienen.</p>
+
+<p>Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. &raquo;Was
+f&uuml;r ein Ungl&uuml;ck f&uuml;r Sie, lieber Freund, da&szlig; Sie so
+jung und unerfahren sind!&laquo; rief er aus und schlug
+die H&auml;nde zusammen. &raquo;Allerdings h&auml;tte ich es vorher
+nicht wissen k&ouml;nnen, denn so weit kann sich der frechste
+Pessimismus nicht versteigen. Aber es ist geschehen,
+ist schon geschehen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend
+an, als mangle ihm in diesem Augenblick das Zutrauen
+in dessen Worte. Besinnend zur Erde blickend,
+sch&uuml;ttelte er den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht
+alles,&laquo; fuhr Specht mit leiser Stimme fort und zog
+Arnold ein wenig von den H&auml;usern weg. &raquo;Der Advokat
+Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser
+Beschlu&szlig; stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht
+aus den Akten die Begr&uuml;ndung des Urteils. Denn
+schlie&szlig;lich sollte doch jedermann wissen d&uuml;rfen, warum
+die Ratskammer das Verlangen des Justizministers
+abschl&auml;gt. Und auch das ist nun verweigert worden,
+auch das.&laquo; Specht suchte erregt in seiner Tasche,
+nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte:
+&raquo;Ich habe mir von dem Dekret eine Abschrift genommen.
+H&ouml;ren Sie.&laquo; Arnold trat dicht neben
+<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64"></a>[64]</span>Specht, so da&szlig; er beim d&uuml;rftigen Schein einer &Ouml;llaterne
+mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas.
+&raquo;An den Landesadvokaten <em class="antiqua">Dr.</em> Steinbacher.
+Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser
+in dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen
+sei&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t das?&laquo; unterbrach Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Das? Das ist ein Schn&ouml;rkel, den niemand auf
+Gottes Welt verantworten kann. Es ist n&auml;mlich nicht
+entschieden, hei&szlig;t das, ob es den Elasser etwas angeht,
+wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also
+weiter ... anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in
+die Akten betreffs der Sache Jutta Elasser verweigert,
+weil wichtige Gr&uuml;nde dem im Wege stehen. Das
+Landesgericht in Strafsachen.&laquo; Specht faltete seinen
+Zettel wieder zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Wichtige Gr&uuml;nde?&laquo; fragte Arnold, der immer noch
+nicht v&ouml;llig glauben wollte und keiner L&uuml;ge auf
+den Grund zu kommen f&auml;hig war. Fassungslos schaute
+er dem Lehrer ins Gesicht und allm&auml;hlich begriff er
+selbst, da&szlig; diese wichtigen Gr&uuml;nde in den zwei Worten
+bestanden, die sie vorgeben sollten.</p>
+
+<p>&raquo;Nun sp&uuml;ren Sie den Atem unserer Welt,&laquo; sagte
+Specht mit tiefer Bitterkeit. &raquo;Heute war ein Herr
+von Gr&ouml;den bei mir, Gerichtsadjunkt in Lomnitz. Er
+sollte sich im Auftrag der Regierung &uuml;ber die Stimmung
+unterrichten, die unter den Gutsbesitzern f&uuml;r
+oder gegen diese ganze Geschichte herrscht. Ich habe
+ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter anderm auch
+von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, da&szlig;
+das etwas n&uuml;tzen wird? Nicht einen Pfifferling. Die
+<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65"></a>[65]</span>gro&szlig;en Herren tun, was Sie wollen und der kleine
+Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
+beide werden es nicht erleben.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold h&ouml;rte das alles nicht. Er stand und schien
+zu &uuml;berlegen, welchen Weg er zu nehmen habe, um
+nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme zu
+laufen, das aus der Nacht emporstieg.</p>
+
+<p>Langsam und ohne Gru&szlig; entfernte er sich von
+Specht. Er hatte kaum ein paar Schritte zur&uuml;ckgelegt,
+so holte ihn der Lehrer ein.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen fr&uuml;h,&laquo;
+sagte Specht. &raquo;Ich m&ouml;chte Sie um einen gro&szlig;en
+Gefallen bitten,&laquo; f&uuml;gte er mit unsicherer Stimme
+hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche.
+&raquo;Wollen Sie zu Hankas gehen und dies Beate
+geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst dabei
+ist&nbsp;&#8211;? Wollen Sie das? Und gr&uuml;&szlig;en Sie Agnes
+Hanka noch besonders von mir.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.</p>
+
+<p>&raquo;Und nun, Liebster, leben Sie wohl,&laquo; sagte Specht,
+indem er Arnold die Hand gab. &raquo;Sollte Sie das
+Geschick einmal dorthin f&uuml;hren, dann wissen Sie, wo
+Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold.
+Von Ihnen scheide ich am schwersten.&laquo; Schnell
+wandte er sich ab und ging.</p>
+
+<p>Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen
+Kuvert der Inhalt. Es war die Photographie Beates;
+auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den herrlichen
+7.&nbsp;Oktober. Obwohl von l&auml;ndlicher Unvollkommenheit,
+war das Portr&auml;t doch &auml;hnlich; das Gesicht
+&uuml;ber dem nackten Hals und den halbentbl&ouml;&szlig;ten
+<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66"></a>[66]</span>Schultern hatte einen unschuldigen und s&uuml;&szlig;en Ausdruck.
+Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten
+die Augen unter den Linien der Brauen hervor.
+Arnold konnte eine Empfindung der Geringsch&auml;tzung
+nicht unterdr&uuml;cken, welche Maxim Specht galt, dem
+so rachs&uuml;chtig offenen Kuvert und der Wichtigkeit, die
+der Lehrer all diesem beima&szlig;.</p>
+
+<p>Seine angstvollen und hei&szlig;en Gedanken waren
+ganz wo anders, und er bemerkte gar nicht, da&szlig; die
+Mutter, schweigsam und bleich auf dem niedrigen
+Sofa liegend, dumpf vor sich hinst&ouml;hnte.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67"></a>[67]</span></p>
+<h2><a name="Elasser" id="Elasser"></a>Elasser</h2>
+
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68"></a>[68]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69"></a>[69]</span></p>
+<h3><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Alexander Hanka hatte gro&szlig;e Spielverluste erlitten.
+Als er eines Sonntags mit Entschlossenheit
+an eine Berechnung ging, erschrak er
+vor der Schm&auml;lerung, welche sein Verm&ouml;gen erlitten
+hatte und vor dem Zeugnis, das sich wider
+ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
+verband sich die Galerie tausendmal gesehener
+Gesichter, tausendmal passierter Gassen und Pl&auml;tze,
+tausendmal ber&uuml;hrter Gegenst&auml;nde, tausendmal gesprochener
+gleichg&uuml;ltiger Worte, tausendmal gedachter,
+kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete,
+tr&auml;umte er von einem zu fassenden Entschlu&szlig;;
+irgend ein Geschehnis winkte in weiter Ferne. Am
+andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen
+der Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am
+Tag vorher.</p>
+
+<p>Unwillk&uuml;rlich begannen seine Gedanken sich zu erheben
+und flatterten aus der Stadt wie Schmetterlinge,
+die ihre Raupenh&uuml;lle verlassen. Die Einsamkeit
+einer W&uuml;ste d&uuml;nkte ihm ertr&auml;glich gegen&uuml;ber der
+Einsamkeit in dem H&auml;usermeer. Im Geiste sah er
+sich wieder in dem m&auml;hrischen &Ouml;rtchen, und sein Herz
+schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: langgestreckte
+H&uuml;gel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger
+glatter Flu&szlig;, der zu m&uuml;de schien, um zu flie&szlig;en;
+zwischen dunklen Wiesen eine lange, schmale Landstra&szlig;e
+wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gr&auml;ben, mit
+Heckenrosen angef&uuml;llt; n&uuml;chterne, schattenlose, ger&auml;uschlose
+D&ouml;rfer.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70"></a>[70]</span>Er erinnerte sich freilich, da&szlig; es l&auml;ngst Winter war,
+auch dort drau&szlig;en. Dennoch behaupteten jene Bilder
+ihren Reiz, als h&auml;tte seine Ahnung sie unter der
+Schneedecke zu versch&ouml;nen vermocht. So reiste er,
+ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht
+Mienen, die zum Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit
+bem&auml;chtigte sich seiner w&auml;hrend der
+Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn
+warnen oder zur&uuml;ckhalten. Die fremden Gesichter
+um ihn her, welche Langeweile, Neugierde und Sattgegessenheit
+verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
+Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur
+sprach unabl&auml;ssig &uuml;ber die Mehlb&ouml;rse. Niemand h&ouml;rte
+zu, niemand antwortete, so da&szlig; seine Reden dem
+l&auml;stigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdru&szlig;
+suchte sich Hanka durch die Betrachtung der
+schneeblauen Landschaft zu zerstreuen, dann zog er
+schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
+wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen
+Ton der gro&szlig;en Welt gehalten war,
+eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles bestocherte
+wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah
+seine Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche,
+kleine, ruhelose Natalie.</p>
+
+<p>Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres
+Bruders unter der K&uuml;chent&uuml;re auftauchte. Mit zitterndem
+Arm griff sie nach der Lampe, um zu sehen,
+ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, ri&szlig; seine
+schwarzen, stumpfblickigen Augen auf und starrte mit
+komischer Schw&auml;rmerei den Apfelkuchen an, der neben
+dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als sie ihn
+<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71"></a>[71]</span>so fand, wie sie w&uuml;nschte und mit seiner Ankunft nicht
+den Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte.
+Auch Beate kam; Hanka war betroffen durch ihren
+Anblick. Sie war bla&szlig;; ihre Bewegungen waren verhaltener,
+wenn sich auch in einem Achselzucken oder
+einem Lachen wie sonst ein b&auml;urischer Zug zeigte.
+Aber in wenigen Wochen schien sie gereift und abgeschliffen.
+Ihr L&auml;cheln war pr&uuml;fend, ihre Art, sich
+umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck
+eine lauschende Stellung anzunehmen, war, obwohl
+rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. Sie
+hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es
+Hanka vor; eine Pr&auml;gung, die sie von allen andern
+auf den ersten Blick unterschied. Er blieb den Abend
+&uuml;ber schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
+Stunde f&uuml;r ausgemacht, da&szlig; er einige Wochen bleiben
+w&uuml;rde. Er brauche Ruhe, sagte er. Agnes freute sich
+auf ihre sch&uuml;chterne Weise in sich hinein; Hanka wurde
+aufmerksam durch Beates eigent&uuml;mliches Benehmen.
+Sie erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und
+ab, suchte ihr Gesicht zu verbergen, sich den Anschein
+einer Gleichg&uuml;ltigen zu geben, doch zitterte sie vor
+Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich
+um diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst fr&uuml;h
+zu Bett und die Mahlzeit war kurz. Nun sollte sie
+warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
+gegessen war, mochte es sp&auml;t werden. Sie wollte
+nicht unvorsichtig sein und ging umher, Wut und Ha&szlig;
+im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan nach
+dem andern erw&auml;gend und im Geist durch Schnee
+und K&auml;lte zur Scheune des Randomirschen Gutes
+<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72"></a>[72]</span>eilend. Klugheit und R&uuml;cksicht entschwanden mit dem
+Vorschreiten der Stunde; langsam verlie&szlig; sie das Zimmer,
+als k&ouml;nne sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter
+Ausdruck trat in ihrem Gesicht hervor, als
+sie drau&szlig;en hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
+lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu
+erbitten, durch eine fl&uuml;chtige Liebkosung Sicherheit zu
+geben, denn Furcht bewegte sie noch mehr als Liebe.</p>
+
+<p>Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerw&uuml;nscht.
+Argwohn lag weit von ihm; eher vermutete er etwas
+f&uuml;r Beate G&uuml;nstiges und f&uuml;r ihn selbst Angenehmes.
+Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen
+wollen, nicht das, was sie geworden war durch sein
+geringes Hinzutun. Er gedachte sich ihr gegen&uuml;ber
+wie ein Vater, wenn nicht wie ein Gro&szlig;vater zu betragen,
+ihn t&auml;uschte die d&ouml;rfliche Ruhe und tr&uuml;bte
+sein sonst so vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bed&uuml;rfnis,
+mit Agnes von Beate zu sprechen. So
+dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war
+so lang, da&szlig; seine Beine von den Waden an au&szlig;erhalb
+des M&ouml;bels in freier Luft schwebten) und bat
+Agnes, sich neben ihn zu setzen.</p>
+
+<p>Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts &uuml;ber
+Beate. So g&uuml;tig auch ihre &Auml;u&szlig;erungen waren, und
+so sehr sie in Ton und Wort jede Richterlichkeit ablehnte,
+aus allem war doch deutlich, da&szlig; sie und das
+junge M&auml;dchen niemals aneinander warm geworden
+waren. Nichts B&ouml;ses war Agnes bekannt, aber auch
+nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht verschwenderisches
+Herz gefangen h&auml;tte. Mit froher Bereitwilligkeit
+hatte sie damals Alexanders Willen getan,
+<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73"></a>[73]</span>und das M&auml;dchen bei sich aufgenommen, selbst gefesselt
+und entz&uuml;ckt durch eine so zukunftsvolle Handlung.
+In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch
+nicht in jener Freundschaft, die oft so gl&uuml;hend zwischen
+Frauen entsteht, deren gemeinsame W&uuml;nsche sich in
+einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als sei das
+Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin
+geworden, aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen
+auf einstige Befreiung und Macht hoffend.
+Ihre Vergn&uuml;gungslust sei nicht zu b&auml;ndigen, sagte
+Agnes, oft scheine sie still und ein wenig t&uuml;ckisch, oft
+ausgelassen und fast roh; auch l&uuml;ge sie gern. Aber
+bei alledem lie&szlig;e sich gut mit ihr hausen; sie f&uuml;ge
+sich schnell und wer wei&szlig;, vielleicht rumore nur die
+d&uuml;stere Kindheit noch in ihr. Zu sp&auml;t vielleicht sei
+sie in das Licht des Lebens getreten, als da&szlig; man
+die Dunkelheit, aus der sie gekommen, vergessen d&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Alexander Hanka lauschte und freute sich einer
+Offenheit, die ihm Agnes und, wunderlich, auch Beate
+n&auml;her brachte. Er war weniger f&uuml;r das Tugendhafte,
+als f&uuml;r das, was Charakter gibt, und er konnte in der
+Verletzung &uuml;blicher Morals&auml;tze etwas Lebenf&ouml;rderndes
+sehen. Und wie die sanfte Stimme seiner Schwester
+&uuml;ber alles hinweghuschte, das Eckige gl&auml;ttend, das &Uuml;bel
+beg&uuml;tigend, erschien ihm Beate geschm&uuml;ckt mit den
+Zeichen der Pers&ouml;nlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm
+er hin; er beschlo&szlig;, es an Verst&auml;ndnis nicht fehlen zu
+lassen.</p>
+
+<p>Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge
+M&auml;dchen zu vermissen. Sie fragte die Magd, aber
+da trat Beate schon ein, mit derselben nachl&auml;ssigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74"></a>[74]</span>Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer
+Miene, als h&auml;tte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer
+geholt.</p>
+
+<p>Hanka verbrachte die H&auml;lfte der Nacht mit unruhvollen
+Gedanken. Z&auml;rtliche Regungen lagen ihm fern.
+Aber es war, als ob zuk&uuml;nftige Tage ihn lockten, und
+so verkroch er sich in Betrachtungen. Fr&uuml;h am Morgen
+machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn
+er wollte einsam sein; nicht um zu beschlie&szlig;en, sondern
+um Erw&auml;gungen und Entschl&uuml;ssen zu entgehen,
+die zu Hause blieben, wo Beate war.</p>
+
+<p>Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen.
+Beate sa&szlig; allein im Zimmer und vertrieb
+sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone Stickmuster
+auf Linnen malte. Da klopfte es an der T&uuml;re
+und Arnold trat ein. Er gr&uuml;&szlig;te, nahm unbefangen
+ihr gegen&uuml;ber Platz und als er sich &uuml;berzeugt hatte,
+da&szlig; sie allein sei, &uuml;bergab er ihr das Kuvert mit der
+Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie
+nahm es, starrte schweigend auf das Bild, blickte Arnold
+an und verzog finster und ver&auml;chtlich Brauen und
+Mund. Dann stand sie auf, zerri&szlig; ihr Portr&auml;t und
+warf die St&uuml;cke in den Ofen, vor den sie sich nun mit
+gespreizten Beinen stellte und unversch&auml;mten Tones
+fragte: &raquo;Sind Sie vielleicht deshalb gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold bejahte.</p>
+
+<p>&raquo;Zu viel Umst&auml;nde,&laquo; spottete Beate.</p>
+
+<p>&raquo;Ich finde auch, da&szlig; er zu viel Umst&auml;nde mit
+Ihnen macht,&laquo; entgegnete Arnold trocken.</p>
+
+<p>Beate trat zwei Schritte vor, erbla&szlig;te und ihr Blick
+irrte furchtsam von T&uuml;r zu T&uuml;r. Sie bekam Angst
+<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75"></a>[75]</span>vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes und wu&szlig;te
+sich nicht zu erkl&auml;ren, warum er immer noch blieb.
+Sie legte den Arm &uuml;ber die Augen und stellte sich,
+als ob sie weinen wollte. Arnold sagte endlich: &raquo;Kommt
+Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim Specht
+gr&uuml;&szlig;en. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.&laquo;
+Arnold fa&szlig;te sehr w&ouml;rtlich auf, was ihm bestellt war.</p>
+
+<p>Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden
+Blick, der sie begleitete, sah Beate, wie &uuml;berfl&uuml;ssig
+ihre Bef&uuml;rchtungen seien. Ihr Selbstgef&uuml;hl wuchs
+wieder; sie lachte sp&ouml;ttisch, wandte sich um, das Zimmer
+zu verlassen und sagte unter der Schwelle: &raquo;Auf
+Wiedersehen.&laquo; Damit schlug sie die T&uuml;re zu.</p>
+
+<p>Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag
+zum Gru&szlig; so wichtig erschienen w&auml;re; aber er
+verga&szlig; nach wenigen Minuten, da&szlig; er sich in einem
+fremden Haus befand. Das pl&ouml;tzliche Alleinsein lie&szlig;
+unver&auml;nderliche Gedanken aufs neue emporst&uuml;rmen.
+Au&szlig;erdem begann die dr&uuml;ckende Stimmung des eigenen
+Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte zusammen
+mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
+Redensarten &uuml;ber Frau Ansorges Krankheit
+gemacht hatte.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er noch versunken war, trat Alexander
+Hanka mit seinem ausholenden Schritt herein, nach
+seiner Gewohnheit spannweit die T&uuml;r &ouml;ffnend. Er
+machte gro&szlig;e Augen, als er einen unbekannten Menschen
+im Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner
+steifen Art und nannte seinen Namen, bemerkte aber
+zugleich, da&szlig; diese gesellschaftliche Form hier nicht angebracht
+war. Arnold sah verwundert zu ihm empor,
+<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76"></a>[76]</span>denn ein so langer und magerer Mensch war ihm
+noch nicht vorgekommen. Hanka, nicht weniger verwundert,
+fing an zu lachen, geriet jedoch in Verlegenheit,
+als er den Fremden ohne Verlegenheit sah.
+Arnold erhob sich, und als er das fragende, fast zu
+einer fragenden Grimasse verzogene Gesicht Hankas
+ansah, begriff er, da&szlig; es sich um seinen Namen handelte,
+nannte ihn also und f&uuml;gte hinzu, da&szlig; er eine
+Bestellung von dem Lehrer Specht auszurichten habe,
+der gestern abgereist sei.</p>
+
+<p>Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So
+gleichg&uuml;ltig er damals auf Beates und Spechts Erz&auml;hlung
+gelauscht hatte, etwas war in seinem Bewu&szlig;tsein
+geblieben. Hanka hatte Vergn&uuml;gen an diesem
+offenen, derben, gebr&auml;unten Gesicht, an der kr&auml;ftigen,
+trockenen Stirn, die unbeweglich zwischen klar-grauen
+Augen und braunen glatten Haaren lag, an der gutgebauten
+Gestalt, die nichts von Verfettung und
+Krankhaftigkeit zeigte.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Hanka fragte, und Arnold gab f&ouml;rmlich gehorsam
+Antworten. Hanka befremdete ihn. Sein nat&uuml;rlicher
+Scharfblick erfa&szlig;te sofort die merkw&uuml;rdige
+Mischung von Gutm&uuml;tigkeit und Trauer, von Ironie
+und Langeweile in dessen Wesen. &raquo;Welche Besch&auml;ftigung
+haben Sie denn?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Keine,&laquo; versetzte Hanka, &raquo;ich tue nichts.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77"></a>[77]</span>&raquo;Gar nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich betrachte.&laquo; Hanka hatte seinen Stock in der
+Hand behalten und klopfte damit, weit vorgebeugt
+sitzend, auf den Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie denn nichts gelernt?&laquo; fragte Arnold
+erstaunt.</p>
+
+<p>Hanka lachte laut. &raquo;O ja&laquo;, antwortete er. &raquo;Ich
+habe die Juristerei erlernt, aber eben deshalb mach
+ich keinen Gebrauch davon.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber
+ehe er etwas dagegensagen konnte, kam Agnes ins
+Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
+schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu
+sehen und dankbar f&uuml;r den Gru&szlig; des Lehrers. &raquo;Ein
+reizender Mann,&laquo; sagte sie von Specht. &raquo;Vielleicht
+kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.&laquo;
+Sie sprach laut, sch&uuml;ttelte die Hand Arnolds und ihre
+Augen strahlten mild. Arnold f&uuml;hlte das beunruhigte
+Wesen von sich weichen und Sympathie str&ouml;mte auf
+ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war,
+schnitt eine Fratze; als sie aber Hankas Blick auf sich
+ruhen f&uuml;hlte, betrachtete sie Arnold mit wohlwollendem
+L&auml;cheln.</p>
+
+<p>Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen,
+fand er auf dem Tisch ein katholisches Flugblatt &uuml;ber
+den Raub der J&uuml;din. Darin wurden &ouml;ffentliche
+Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die
+Wahrheit stand dabei und steckte die H&auml;nde in die
+Taschen. Arnold &uuml;berlief es hei&szlig; und kalt. Seine
+Zuversicht begann zu schwinden. Dar&uuml;ber verga&szlig; er
+die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst
+<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78"></a>[78]</span>nahm, und keine Furcht deswegen empfand, haupts&auml;chlich,
+weil Frau Ansorge ohne &Auml;u&szlig;erung eines
+Schmerzes lag.</p>
+
+<p>Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes
+tiefes Aufst&ouml;hnen. Mit Schrecken entdeckte
+er, von welchem Mund die Laute kamen. Da war
+es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschlu&szlig;.
+Es sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte
+der Mann unsicher und er halte es f&uuml;r gut,
+einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging
+mit sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich
+dem Oheim Borromeo, damit das Notwendige rasch
+geschehe. Als er die Depesche aufgegeben hatte, schritt
+er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo
+die Stra&szlig;e gegen die Elassersche Wohnung abbog.
+Zu jeder Zeit des Tages und der Nacht, in jedem
+Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um
+ihr Recht k&auml;mpfen, und sein ganzes Wesen lechzte
+nach Entscheidung.</p>
+
+<p>An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der
+K&auml;lte waren seine &Auml;rmel hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem
+Grinsen starrte er Arnold an und verfolgte
+ihn mit den stets wie in Trunkenheit gl&auml;nzenden
+Augen.</p>
+
+<p>In dem H&auml;uschen des Juden herrschte vollkommene
+Stille. Die T&uuml;r nach dem Wohnzimmer war geschlossen.
+Arnold pochte, aber niemand antwortete.
+Er dr&uuml;ckte auf die Klinke, &ouml;ffnete, sp&auml;hte durch den
+Spalt und sah einen Knaben an dem runden Tisch
+sitzen, den Kopf zwischen den H&auml;nden, in ein Buch
+vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn
+<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79"></a>[79]</span>Jahre alt war, nach Jutta das &auml;lteste Kind) blickte
+erschrocken empor, erkannte wohl Arnold von fr&uuml;her,
+getraute aber nicht, sich zu r&uuml;hren. Arnold fragte,
+ob niemand zu Hause sei und blieb an der T&uuml;re
+stehen, um den Knaben nicht einzusch&uuml;chtern. Niemand,
+erwiderte der Bursche und die Augen in dem
+blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei
+in der Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit
+langsamem Tonfall fort, die Mutter gehe in Gesch&auml;ften
+&uuml;ber Land, die andern Kinder seien beim
+Rabbiner in Lomnitz. &raquo;Wie hei&szlig;t du?&laquo; fragte Arnold.
+Moses, war die Antwort. Arnold n&auml;herte sich
+dem Tisch, blickte fl&uuml;chtig in das Buch und nahm dem
+Knaben gegen&uuml;ber auf einem Holzschemel Platz. &raquo;Und
+Jutta?&laquo; fragte er mit heiserer Stimme, &raquo;wird sie denn
+nicht wiederkommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr fragt&nbsp;&#8211;!&laquo; erwiderte Moses ironisch und
+mit dem Bestreben, ein gutes Deutsch zu sprechen.
+&raquo;Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schaute den Knaben verbl&uuml;fft an. Sonderbar
+war es ihm zumute, er f&uuml;hlte sich schuldig. Langsam
+stand er auf und trat zum Fenster. Er h&ouml;rte ein
+vielf&auml;ltiges Gemurmel von drau&szlig;en, &ouml;ffnete den winzigen
+Fl&uuml;gel und sah oben an der Ecke zwanzig bis
+drei&szlig;ig Menschen beisammenstehen. Gleichg&uuml;ltig schlo&szlig;
+er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf den
+Knaben, der b&ouml;se vor sich hinstarrte. Als er aus dem
+Haus trat, erblickte er am oberen Ausgang der Gasse
+noch immer die Ansammlung von Menschen; es
+schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und
+Kinder hatten sich hinzugesellt und ein verworrener
+<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80"></a>[80]</span>L&auml;rm herrschte. In der kurzen Gasse selber stand
+keiner, sondern diese war f&ouml;rmlich abgesperrt. In
+breiter Reihe warteten die Leute. Je n&auml;her Arnold
+kam, je mehr Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame
+Aufmerksamkeit zu und endlich &ouml;ffnete sich
+eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen k&ouml;nne.
+Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als
+einer H&ouml;flichkeit &auml;hnlich. Uravar stand in der Mitte
+eines Haufens gleich der Feder einer Uhr, welche,
+kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt.
+Arnold war weit entfernt, zu denken, da&szlig; diese Zusammenrottung
+ihm gelten k&ouml;nne. Schweigen legte
+sich um die Masse. Bl&ouml;de, neugierige, t&uuml;ckische Gesichter
+stierten ihn an, und unwillk&uuml;rlich blieb Arnold
+stehen. Vor ihm &ouml;ffnete sich eine Art Bucht, in deren
+Mitte er den neuen Pfarrer gewahrte. Der geistliche
+Herr hatte die Arme verschr&auml;nkt und den Kopf steif
+emporgerichtet. Es war ein m&auml;chtiger Kopf, gro&szlig;
+wie der eines Ochsen, mit an der Seite abstehenden
+Haaren. Die gr&uuml;nen Pupillen hinter der Brille
+flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob
+sich eine d&uuml;nne, scharfe Stimme gegen Arnold:
+&raquo;Judenknecht!&laquo; und das Gemurmel fing wieder an,
+dunkler und g&auml;hrender.</p>
+
+<p>Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos
+forschte er nach dem Rufer und in seiner N&auml;he
+kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann seinen
+Weg fort, aber er f&uuml;hlte sich st&auml;rker und als ein
+Schauer durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.</p>
+
+<p>Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold,
+der um neun Uhr das Lager aufgesucht hatte,
+<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81"></a>[81]</span>fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte bis
+zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach
+nicht; wenn sie die Augen aufschlug, l&auml;chelte sie gezwungen;
+dann kamen Stunden, in denen sie unaufh&ouml;rlich
+st&ouml;hnte und sich auf der niedrigen Matratze
+w&auml;lzte. Ursula murmelte Gebete aus einem Buch,
+Arnold sa&szlig; mit gesenktem Kopf, die Augen bald
+gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt.
+Gegen zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den
+Arzt aus Wien zu erwarten, der mit dem Fr&uuml;hschnellzug
+eintreffen mu&szlig;te. Von der Station aus
+war noch ein t&uuml;chtiges St&uuml;ck Weg, aber schon kurz
+nach elf kam eine Landkutsche mit zwei Insassen angefahren.
+Arnold trat in den Hof, die Herren zu
+begr&uuml;&szlig;en. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort,
+obwohl er ihn seit den Kinderjahren nicht
+gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen
+die Hand, betrachtete ihn mit einem k&uuml;hl-kritischen
+Blick, stellte den Arzt vor, einen eleganten, noch
+jungen Mann und alle drei gingen zum Krankenbett.
+Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und
+den Fremden erblickt, so schien es, als sch&uuml;ttle sie
+Fieber und Fieberbilder mit gewaltiger Anstrengung
+von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert Br&uuml;cken.
+Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war
+all ihr fr&uuml;heres Leben und F&uuml;hlen ins Herz getroffen
+worden. Die dazwischenliegenden Jahre st&uuml;rzten zusammen,
+und die Schmerzen in denen sie jetzt gefangen
+war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.</p>
+
+<p>Die Begr&uuml;&szlig;ung war kurz und ohne Worte. Doktor
+Borromeo winkte Arnold und Ursula, das Zimmer
+<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82"></a>[82]</span>zu verlassen. Die beiden &Auml;rzte blieben allein. Arnold
+f&uuml;hrte seinen Oheim in ein wenig benutztes
+Zimmer hinter der K&uuml;che. Da standen uralte M&ouml;bel,
+auf welchen die Zeit gleich einem Gespenst lag. Borromeo
+h&uuml;llte sich frierend in seinen Pelz und schritt mit
+wiegendem, m&uuml;dem Gang auf und ab. Dieselbe
+M&uuml;digkeit dr&uuml;ckte sich in seinen Geb&auml;rden wie in
+seinem Mienenspiel aus, sie lag in den hingeworfenen
+Worten, die er sprach, in seinem L&auml;cheln, in
+seiner Stimme. Kinn und Mund waren durch einen
+schwarzen Bart verdeckt, der f&ouml;rmlich steifgeb&uuml;gelt
+aussah und eine ungemein sorgf&auml;ltige Pflege verriet.
+Die obere H&auml;lfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche
+Linien.</p>
+
+<p>&raquo;Was hast du eigentlich f&uuml;r deine Zukunft vor,
+Arnold?&laquo; fragte er, in seiner Wanderung innehaltend,
+mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.</p>
+
+<p>Arnold war &uuml;berrascht und schaute zaudernd vor
+sich hin. Aus einem unklaren Grund empfand er
+ein ebenso unklares Mitgef&uuml;hl mit dem Mann. &raquo;Ich
+wei&szlig; nicht. Ich will leben&laquo;, sagte er trocken.</p>
+
+<p>Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam
+an seinem Bart herab, kaum die Haare ber&uuml;hrend,
+als f&uuml;rchtete er sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma: 'zerzausen.,'">zerzausen.</ins> &raquo;Und h&auml;ltst du
+das f&uuml;r so leicht?&laquo; erwiderte er sanft und traurig.</p>
+
+<p>Arnold lachte. &raquo;Ist es denn schwer?&laquo; fragte er
+verwundert. &raquo;Hast du denn so schlechte Erfahrungen
+gemacht?&laquo; Er sa&szlig; rittlings auf einem Stuhl und
+dr&uuml;ckte das Kinn auf die Lehne.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, es ist nicht m&ouml;glich, andere zu machen&laquo;,
+antwortete Borromeo mit einem L&auml;cheln, welches ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83"></a>[83]</span>vernichtendes Erbarmen mit dem Frager zeigte. Arnold
+wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus
+nicht klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis
+zur H&ouml;lzernheit ging, und eine &auml;ngstliche Sucht, unauff&auml;llig
+zu sein. Die Gesichtsz&uuml;ge des etwa F&uuml;nfundvierzigj&auml;hrigen
+hatten einen greisenhaft stillen
+Ausdruck, die Augen starrten, als k&ouml;nnten sie in der
+Luft beobachten, was in der Seele selbst vorging.
+Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
+als g&auml;be es &uuml;ber gewisse tr&ouml;stliche Dinge keinen
+Zweifel.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Fuenfzehntes_Kapitel" id="Fuenfzehntes_Kapitel"></a>F&uuml;nfzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Die &Auml;rzte lie&szlig;en wenig Hoffnung; die Dauer des
+Leidens war nicht abzusehen. So reiste Borromeo
+wieder ab, denn ihn riefen Gesch&auml;fte. Arnold
+gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn
+es schlechter gehen sollte. Au&szlig;erdem wurde der Landarzt
+von dem jungen Spezialisten genau unterrichtet,
+wann eine Operation stattfinden k&ouml;nne; dann erst
+werde er wiederkommen.</p>
+
+<p>Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre
+ganze Kraft nahm sie vor Arnold zusammen. Nicht
+um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
+nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen,
+sondern weil sie sich vor seinem Urteil f&uuml;rchtete. So
+v&ouml;llig hatte das Verh&auml;ltnis eine Umkehrung erfahren,
+da&szlig; sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun sch&uuml;lerhaft
+von dem Bilde abhing, das sie im Innern des
+<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84"></a>[84]</span>Sohnes von sich selbst geschaffen hatte, da&szlig; sie sein
+Mitleid mit Recht scheute und mit einer ungeheuren
+&Uuml;berwindung ihr Bewu&szlig;tsein abzog von ihren k&ouml;rperlichen
+Qualen. Nicht den tr&auml;umerischen Weichling
+wollte sie, der im Mitgef&uuml;hl erst seine Neigung entdeckt.
+Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. So
+litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft
+rein zu wissen und sich darin zu bewahren als eine
+Art von k&uuml;hler G&ouml;ttin.</p>
+
+<p>Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes
+gesprochen. Da das Kapital unber&uuml;hrt lag und die
+Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden waren,
+weil die kleine &Ouml;konomie sich allm&auml;hlich selbst erhalten
+hatte, war Arnold Herr eines ganz betr&auml;chtlichen
+Verm&ouml;gens. Man gab ihm einen &Uuml;berblick
+und sprach mit ihm &uuml;ber die Anlage des Geldes, aber
+er schien sich nicht sonderlich daf&uuml;r zu interessieren.</p>
+
+<p>Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in
+sich gekehrter. Wenn er ins Dorf kam, bemerkte er
+feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, abwartenden
+Ha&szlig;. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe,
+alle nehmen f&uuml;r das Unrecht Partei. Warum? warum
+nicht f&uuml;r das Recht?</p>
+
+<p>Eines Nachmittags ging er aus und marschierte
+lange Zeit am Flu&szlig;ufer hin und her. Das Wetter
+schien sich zu ver&auml;ndern. Regen wich der K&auml;lte. Tr&auml;g
+und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb
+von Sand und Schlamm. Na&szlig;kalte Windst&ouml;&szlig;e schlugen
+dem Wanderer in Gesicht und Nacken, und als er sich
+endlich entschlo&szlig; nach Podolin zu gehen, war er bis
+&uuml;ber die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des
+<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85"></a>[85]</span>Dorfes standen einige Leute in Gruppen und disputierten
+eifrig. An den H&auml;userecken waren riesenhafte
+Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten
+daran herum und schrien durcheinander.
+Es war von einer Wahlversammlung die Rede. Das
+Gl&uuml;ck des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit,
+und als Quelle alles Unheils wurden die Juden
+genannt.</p>
+
+<p>Aus der Kirche kam eine Prozession und f&uuml;llte
+beim Schulhaus die Mitte der Stra&szlig;e. Als Arnold
+zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
+Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern j&auml;h
+unterschied. Er drehte sich um und erblickte Elasser,
+der von der Lomnitzer Stra&szlig;e hereingekommen war,
+den schweren Hausierpack auf dem R&uuml;cken. Ein
+Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den
+Juden los und schleuderte mit einer kurzen Armbewegung
+den Schlapphut vom Kopfe des Wehrlosen,
+und der Hut flog im weiten Bogen auf die
+Schwelle eines Haustors. Das zornige Murmeln
+nahm einen beif&auml;lligen Charakter an. Elasser blieb
+stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
+blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte
+er, da&szlig; der Hut von selbst wieder zu ihm k&auml;me,
+da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu holen. Er
+schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen
+und l&auml;chelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern
+zu zeigen, da&szlig; er eigentlich nichts &uuml;belnehme, sondern
+da&szlig; es nur beschwerlich f&uuml;r ihn sei. Arnolds Gesicht
+err&ouml;tete und seine Augen verdunkelten sich vor Verachtung.
+Das Ma&szlig; der Unbill schien ihm &uuml;ber und
+<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86"></a>[86]</span>&uuml;ber gef&uuml;llt. Er warf den Kopf zur&uuml;ck, stie&szlig; einen
+gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der n&auml;chsten
+Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenst&uuml;rzen
+w&uuml;rde und rieb die Z&auml;hne aneinander,
+indem er die Lippen nach oben und nach
+unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher,
+stand in seiner N&auml;he und glotzte. Arnold wollte
+auf ihn zu, um ihn mitten in den Haufen der andern
+zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen
+Mund, aber pl&ouml;tzlich war es, als ob sich ein &uuml;berirdischer
+Mittler vor ihm erh&ouml;be, dessen unsichtbarer
+Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt denn
+das Recht in deiner St&auml;rke? schien eine Stimme zu
+fragen. Triffst du das wahre Unrecht mit den Schl&auml;gen
+deiner Faust? Sei anders als sie! &uuml;berzeuge sie!</p>
+
+<p>&Uuml;berrascht und finster waren die Leute vor ihm
+zur&uuml;ckgewichen. Er wandte sich ab, ging bis zum
+Haustor &uuml;ber die Stra&szlig;e, hob den davongeflogenen
+Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf.
+Dabei begegnete er dem geschlagenen Blick des Juden,
+der sich wieder mit demselben knechtischen L&auml;cheln an
+die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.</p>
+
+<p>Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte
+weiter gelangt, als ihm ein apfelgro&szlig;er Stein &uuml;ber
+die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert kehrte
+er sich um, denn es wunderte ihn, da&szlig; einer dies
+wagte. Ein alter Mann senkte die schon erhobene
+Hand, die einen zweiten Stein hielt.</p>
+
+<p>Die D&auml;mmerung war eingebrochen und nahm rasch
+zu. Arnold blieb stehen und dachte nach. Fast mechanisch
+<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87"></a>[87]</span>schritt er dann in die Gasse hinein, wo Elasser
+wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses
+und warf einen Blick in die niedrige Stube. Die
+Kinder hockten aufmerksam um den Tisch. Frau
+Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend
+vor einem andern, wei&szlig;gedeckten Tischchen, auf welchem
+auch Kerzen brannten. Der eben eintretende
+Elasser lie&szlig; seinen Pack sinken und die Betenden
+gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich
+von ihren Pl&auml;tzen, und der Knabe, mit welchem
+Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, sagte
+etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben
+unverst&auml;ndlich. Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich
+und nachsichtig aussah, nickte. Er war etwa siebzig
+Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
+kleinen Kopf.</p>
+
+<p>Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand
+sich jetzt wie auf einem Ruhepunkt &uuml;ber den Geschehnissen.
+Es war, als ob sich die Bilder greifbar in die
+Finsternis zwischen Hand und Auge zw&auml;ngten. Er
+sah Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im
+Haus, widerrechtlich z&ouml;gernd, feig aller Vernunft zum
+Spott. Ging der Spruch auf so langsamen F&uuml;&szlig;en?
+Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu
+&uuml;ben? Geschah deshalb nicht, was h&auml;tte geschehen
+k&ouml;nnen, weil niemand die Hand erhob und den Mund
+&ouml;ffnete? Warum sa&szlig;en sie dort in ihren Zimmern
+und duckten sich, lie&szlig;en Unrecht an sich herabrinnen
+wie Wasser? Hatten sie denn vergessen? Ihm
+brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein,
+er konnte nicht vergessen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88"></a>[88]</span>Oder gibt es &uuml;berhaupt keine Gerechtigkeit? dachte
+er schaudernd. Ist das alles Unsinn oder Einbildung?
+Er lehnte den Kopf zur&uuml;ck und schaute empor, um
+ein St&uuml;ck des Himmels und seiner Sterne zu suchen.
+Denn es war indessen Nacht geworden. Der Mond
+stieg zwischen den H&auml;usern herauf.</p>
+
+<p>Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters
+haltend, von neuem in das Zimmer. Elasser sa&szlig; an
+dem kleinen, gedeckten Tisch, w&auml;hrend die andern an
+dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold
+sah, da&szlig; der Fremde einige Male hin&uuml;berging, aber
+Elasser, den Bart in der Faust zerkn&uuml;llend, sch&uuml;ttelte
+stets den Kopf. Die Frau sa&szlig; starr und in sich gekehrt.
+Als die Kinder sich in die ansto&szlig;ende Kammer
+zur Nachtruhe begeben hatten, legte sie den S&auml;ugling
+an ihre magere Brust und schaute d&uuml;ster sinnend
+ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann
+und Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde
+Laute drangen zu Arnolds Ohr; aber der Fremde
+reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
+sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich
+jedoch an, den Gast zu begleiten. Die Haust&uuml;re
+kreischte und die zwei M&auml;nner traten auf die Schwelle.
+Beide machten eine Geb&auml;rde des Schreckens, als sie
+an der Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom
+Mond gebildeten Lichtdreiecks einen Menschen stehen
+sahen. Arnold ging auf die beiden zu und fragte
+sogleich: &raquo;Was ist also geschehen? Kommt Jutta
+zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte
+Arnold verwundert und immer mehr verwundert ins
+<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89"></a>[89]</span>Gesicht. Endlich sagte er zu seinem Begleiter, dessen
+Z&uuml;ge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
+verrieten: &raquo;Das ist der Herr von Ansorge, ders so
+gut meint mit uns.&laquo;</p>
+
+<p>Der Alte lie&szlig; sein K&ouml;pfchen hin und her pendeln,
+das trotz seiner Kleinheit den Schultern eine zu
+schwere Last war.</p>
+
+<p>&raquo;Wie steht es also?&laquo; fragte Arnold ungeduldig.</p>
+
+<p>&raquo;Es steht schlecht,&laquo; sagte Elasser. &raquo;Keine Hand
+bewegt sich. Es werden Erhebungen angestellt, hei&szlig;ts,
+und mich haben sie herumgehetzt wie einen Hund, und
+ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug,
+is es gef&auml;llig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn
+Jahr alt und dann ist keine Hoffnung mehr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist in der Schrift geschrieben,&laquo; mahnte der
+Fremde, &raquo;man soll das Unrecht sich ergie&szlig;en lassen
+ganz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine sch&ouml;ne Schrift!&laquo; rief Arnold emp&ouml;rt. &raquo;Wartet
+ihr darauf, bis man euch den Kopf abschl&auml;gt?&laquo;</p>
+
+<p>Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit
+den Armen. &raquo;Herr,&laquo; antwortete er, &raquo;Sie kommen
+mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat lernen
+wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt
+ist j&uuml;disch. Die Welt ist nicht j&uuml;disch, gn&auml;diger Herr.
+Das Recht ist f&uuml;r Sie und nicht f&uuml;r uns.&laquo;</p>
+
+<p>Langsam waren die drei gegen das Flu&szlig;ufer gegangen.
+Arnold stie&szlig; mit dem Fu&szlig; einen Stein ins
+Wasser und heftig bewegt sagte er: &raquo;Aber wie k&ouml;nnt
+ihr ruhig dastehen, Leute, und schw&auml;tzen, immer
+schw&auml;tzen! Es ist ja die niedertr&auml;chtigste Teufelei,
+wenn ihr euch nicht r&uuml;hrt um eure Sachen. Mein
+<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90"></a>[90]</span>Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht.
+Da ist nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist
+f&uuml;r alle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr ist in einem gro&szlig;en Irrtum,&laquo; erwiderte
+Elasser finster. &raquo;Das Recht ist da; auch die Richter
+sind da; gleichfalls die B&uuml;cher, worein alles steht geschrieben.
+Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.&laquo;</p>
+
+<p>Ver&auml;chtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete
+mit &auml;u&szlig;erster Feindseligkeit: &raquo;L&uuml;gner und
+Faulenzer seid ihr.&laquo;</p>
+
+<p>Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf.
+Die Weltanschauung der Geduld, die ihm Nieren und
+Hirn geformt hatte, geriet pl&ouml;tzlich in einen geheimnisvollen
+Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte
+er genug gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an
+blutigen Wunden, welche die Unschuld trug, an <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'tyranischem'">tyrannischem</ins>
+&Uuml;bereinkommen der M&auml;chtigen, um in einem
+eingebildeten R&auml;cher den letzten Trost zu finden. Nun
+ging ein Blitz &uuml;ber ihm nieder und z&uuml;ndete in seiner
+Brust, deren Empfindungen schon versteinert schienen.
+Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was
+waren ihm Worte! Auch das Ungl&uuml;ck des ihm blutsverwandten
+Elasser nicht, obwohl dies b&ouml;swillige Hinziehen,
+dies t&uuml;ckische Verbergen, dieser eingestandene
+Raub, dies Schauspiel &ouml;ffentlicher Schmach und Feigheit
+auch Gleichg&uuml;ltige erregt hatte. Das Neue kam
+von Arnold her. Berauschend str&ouml;mte der wilde
+Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und er gedachte
+seiner eigenen unerf&uuml;llten Jugend. &raquo;Ja,
+Samuel,&laquo; sagte er mit ver&auml;nderter Stimme, &raquo;du
+mu&szlig;t deine Pflicht erf&uuml;llen. Wir wollen vor den
+<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91"></a>[91]</span>Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du
+brauchst, hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es
+ist uns schon gesagt worden, da&szlig; wir k&ouml;nnen eine
+Audienz bekommen und Seine Majest&auml;t wird uns
+anh&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er wird richten,&laquo; sagte Arnold befriedigt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht sagen, er wird,&laquo; antwortete der
+Alte mit feinem L&auml;cheln, &raquo;aber es kann sein. Reisen
+wir also nach Wien, Samuel.&laquo;</p>
+
+<p>Elasser starrte bewegt vor sich hin. W&auml;hrend die
+beiden Alten sich noch beredeten, kniete Arnold am
+Flu&szlig;ufer nieder, nahm die M&uuml;tze ab, legte die Binde
+beiseite, die seinen Hals umschlo&szlig;, st&uuml;lpte die &Auml;rmel
+bis an die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht
+mit dem eiskalten Wasser. Darauf wurde ihm wohl
+und k&uuml;hl.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Die nachgesuchte, durch einflu&szlig;reiche Personen
+unterst&uuml;tzte Audienz des Juden Elasser beim
+Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
+welche die &ouml;ffentliche Meinung beherrschen,
+schrieb, da&szlig; die Angelegenheit, welche solange
+das Staunen und die Beunruhigung aller Redlichdenkenden
+verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz
+gelangt sei, bei der es kein Zaudern und keinen
+Umweg gebe.</p>
+
+<p>Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig
+bekannt. Der Monarch geruhte, die ihm &uuml;berreichte
+<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92"></a>[92]</span>Bittschrift aufmerksam durchzulesen und richtete dann
+an den ungl&uuml;cklichen Vater, der schluchzend vor ihm
+kniete, die verhei&szlig;ungsvollen Worte: &raquo;Ich werde
+neue Weisungen an die Beh&ouml;rden geben, damit sie
+ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.&laquo; In der Tat wurden
+schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle
+solcher Art erlassen.</p>
+
+<p>Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und
+Erfolg. Als Elasser erfuhr, da&szlig; Jutta im Kloster
+bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
+telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies
+ihn an denselben Staatsanwalt, der schon fr&uuml;her jeden
+Antrag abgelehnt hatte. Elasser ging zum Ministerpr&auml;sidenten,
+welcher auf seine Bitte um Schutz erwiderte:
+&raquo;Sie verdienen es, das geb&uuml;hrt Ihnen.&laquo;
+Es geschah nichts. Elasser wandte sich an den Justizminister
+und erhielt die Versicherung, da&szlig; von der
+Statthalterei alles aufgeboten werden w&uuml;rde, um den
+Aufenthaltsort des M&auml;dchens zu ermitteln. Es solle
+alles aufgeboten werden, um dem Vater seine Tochter
+vor dem 10. Februar wiederzugeben, an welchem
+Tag sie das religionsm&uuml;ndige Alter erreicht haben
+w&uuml;rde. Elasser wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken,
+Bitten, Sichverbeugen, Erkl&auml;ren
+nahm kein Ende. Man sch&uuml;ttelte den Kopf, gab Ratschl&auml;ge,
+war bedenklich, zerstreut, ergriffen, besch&auml;ftigt,
+&auml;ngstlich oder von frecher Deutlichkeit. Die Zeit
+ging hin. Ein anderer Skandal erweckte die Aufmerksamkeit
+der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei
+tot. Ihn zog es nach Hause. Er hatte sich m&uuml;dgegangen,
+m&uuml;dgeredet, m&uuml;dgebettelt, m&uuml;dgehofft. Am
+<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93"></a>[93]</span>letzten Tage fa&szlig;te er sich noch einmal zu einem letzten
+Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister f&uuml;r
+Galizien zu ungewohnter Stunde zu sprechen. In
+drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine letzte
+Frage, um dann f&uuml;r immer zu erschlaffen. Die w&uuml;rdige
+alte Exzellenz, menschlich ersch&uuml;ttert, verlor den
+&ouml;ffentlichen Tonfall und sagte die denkw&uuml;rdigen Worte
+&raquo;An den Mauern des Klosters hat unsre Macht ein Ende.&laquo;</p>
+
+<p>Das war am 5. Februar.</p>
+
+<p>Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gn&auml;digen
+Versprechen des Kaisers nach Podolin und zu
+Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
+dem Gespr&auml;ch mit Elasser hatte eine gleichm&auml;&szlig;ige
+Ruhe und Zuversicht von ihm Besitz genommen.</p>
+
+<p>Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein
+ungest&uuml;mer Drang nach k&ouml;rperlicher T&auml;tigkeit &uuml;ber
+Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
+ging in den Hof und begann, einen Weg in den fu&szlig;hohen
+Schnee zu schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete
+er, ohne auszusetzen. Die Luft war rein und
+es war sehr kalt. Arnold, in Schwei&szlig; gebadet, blickte
+empor, als am Zaun eine herrische Ba&szlig;stimme erschallte.
+Den Schirm aufgespannt, von den hohen
+Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der
+Pfarrer dort. Arnold trat n&auml;her. Der geistliche
+Herr fragte nach Frau Ansorge. &raquo;Die Mutter ist
+krank,&laquo; erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto
+mehr Grund f&uuml;r den Seelsorger, sie zu besuchen, war
+die herrische Antwort.</p>
+
+<p>Arnold &uuml;berlegte und schritt dann dem Pfarrer
+voran. Frau Ansorge wandte den Eintretenden langsam
+<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94"></a>[94]</span>das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, schaute
+die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden,
+und als Frau Ansorge zur Erwiderung gleichg&uuml;ltig
+und unbestimmt die Lider senkte, befeuchtete
+er die Lippen mit der Zunge und sagte: &raquo;Warum
+kommt der junge Ansorge weder in die Kirche noch
+zur Beichte? Haben Sie Ihren Sohn nicht in der
+Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
+Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht
+mein Harren zuschanden. B&ouml;se Umtriebe stecken in
+ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum bin
+ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter
+erf&uuml;llt, liebe Frau?&laquo;</p>
+
+<p>Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall
+gesprochen, schwieg der Pfarrer und beleckte wieder
+die Lippen. Er hielt jeden m&ouml;glichen Einwand f&uuml;r
+zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine
+auf den Knien liegenden gefalteten H&auml;nde.</p>
+
+<p>Frau Ansorge hob den Kopf mit gro&szlig;er M&uuml;he
+etwas empor und erwiderte mit ihrer von Krankheit
+gebrochenen Stimme: &raquo;Bem&uuml;hen Sie sich nicht,
+Hochw&uuml;rden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen
+uns und dem Himmel.&laquo;</p>
+
+<p>Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl
+auf.</p>
+
+<p>Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte
+sie umher. Es war, als gehorche der Mund nicht
+mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um den
+Pfarrer zu verhindern, da&szlig; er sich blo&szlig;stelle.</p>
+
+<p>Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht.
+Jetzt klopfte es an der T&uuml;re; der Doktor trat ein
+<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95"></a>[95]</span>und begr&uuml;&szlig;te den Pfarrer mit jener H&ouml;flichkeit und
+halben Kollegialit&auml;t, die eine wohlt&auml;tige Gew&ouml;hnlichkeitsluft
+verbreitete. Der Geistliche murmelte ein
+paar Worte und verlie&szlig; unruhigen Gesichts das Zimmer.</p>
+
+<p>Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett.
+Arnold beobachtete vom Fenster aus, da&szlig; die Kranke
+schneller und vernehmlicher atmete als sonst. Der
+Doktor fl&uuml;sterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging
+und nach einigen Minuten einen mit Eis
+gef&uuml;llten K&uuml;bel zur&uuml;ckbrachte. Dann kam der Doktor
+zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und
+sagte, jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff
+gekommen. Arnold r&uuml;stete sich, um auf das Telegraphenamt
+zu gehen, aber der Doktor meinte, das
+werde er selbst &uuml;bernehmen. Arnold schickte sich nun
+an, Friedrich Borromeo zu benachrichtigen; es dr&auml;ngte
+ihn hinaus, schon allein deshalb, um nach seiner Art
+im Vorw&auml;rtsschreiten Herr der Besorgnisse zu werden.
+Als er &uuml;ber den Marktplatz des Dorfes ging, sah er
+Beate aus der Kirche kommen; sie schaute unbeweglich
+vor sich hin und ihr Gesicht war wei&szlig; unter der
+Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees.
+Arnold widmete ihr nur fl&uuml;chtige Aufmerksamkeit;
+eine Sekunde lang erschienen ihm der Pfarrer, die
+Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
+das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene
+des Doktors hatte seine Verachtung erregt und ihn
+zugleich vorbereitet. Er war nicht geschaffen, in der
+D&auml;mmerung zu hoffen und zu f&uuml;rchten; um ihn
+mu&szlig;te es licht, das Drohende mu&szlig;te beleuchtet sein.
+<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96"></a>[96]</span>Das Schicksal der Mutter lag viel greifbarer vor ihm
+als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, bis zu
+dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers
+Kunde erhalten hatte. Wie es auch mit der
+Mutter gehen mochte, dies nahe Ungl&uuml;ck war begrenzt;
+es konnte mit einem Worte bezeichnet werden,
+mit zweien: Krankheit, Tod. So r&uuml;cksichtslos
+trotz wachsender Angst vermochte er seinem Gef&uuml;hle
+Klarheit abzupressen &uuml;ber das, was ihn selbst betraf,
+was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war.
+Dort aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche
+Bedr&auml;ngnis. Der Grund war ihm verborgen.
+Ein gleichg&uuml;ltiger Jude, seine gleichg&uuml;ltige
+Tochter, ein gleichg&uuml;ltiges Kloster, ein fremdes Leiden,
+umflutet von einem Gewirr fremder Stimmen,
+was hatte ihn dabei gequ&auml;lt?</p>
+
+<p>Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht
+mehr bei Bewu&szlig;tsein.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Der Wiener Professor (samt einem Assistenten)
+und Friedrich Borromeo trafen auch diesmal
+zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde
+darauf vorgenommen. Arnold und sein Oheim
+befanden sich in demselben Zimmer wie neulich, jedoch
+in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte
+sich Doktor Borromeo in seinen Pelz geh&uuml;llt, wieder
+schritt er mit seinem wiegenden, m&uuml;den Gang
+<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97"></a>[97]</span>auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
+L&auml;cheln verzog bisweilen seinen Mund. Drau&szlig;en
+war das &auml;rgste Wetter, Sturm und Schneetreiben.
+Arnold konnte nicht anders, als best&auml;ndig den leise
+knarrenden, uhrenhaft regelm&auml;&szlig;igen Tritten Borromeos
+zu lauschen. Ohne da&szlig; er es recht wu&szlig;te,
+wirkte die Gegenwart dieses Mannes l&auml;hmend auf
+ihn. Nun erschien der Assistent unter der T&uuml;re. Er
+trocknete mit einem Tuch die H&auml;nde; die wei&szlig;e Sch&uuml;rze
+war mit Blut bespritzt. Sein Gesicht zeigte die Helligkeit
+eines siegreichen K&auml;mpfers, als er sagte: &raquo;Alles
+steht gut.&laquo; Arnold ging dem jungen Mann entgegen
+und dr&uuml;ckte seine noch feuchte Hand. Auch der Professor
+kam zum Vorschein und begn&uuml;gte sich, mit
+emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar
+zu machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tr&auml;nen
+gebadet war, hantierte &uuml;bereifrig umher. Knechte
+und M&auml;gde standen im Flur und der Wind sauste
+durch die Spalten der geschlossenen T&uuml;re.</p>
+
+<p>Arnold f&uuml;hlte sich unheimlich. Auf einmal wu&szlig;te
+er, als er die fl&uuml;sternden Stimmen der fremden
+M&auml;nner vernahm, da&szlig; die Mutter sterben m&uuml;sse.
+Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde
+ihm verwehrt. So verlie&szlig; er das Haus, trieb sich
+zwei Stunden lang im Sturm umher, und ein nagender
+Schmerz ergriff ihn, w&auml;hrend er an die &Auml;rzte
+und an Borromeo wie an Gespenster dachte. Er
+stie&szlig; einen Schrei aus und rannte gegen den Hof
+zur&uuml;ck, bisweilen einknickend im Schnee, sp&auml;ter seine
+tiefen Fu&szlig;stapfen von vorhin benutzend. Er st&uuml;rzte
+in das Zimmer der Kranken, trat ans Bett, umschlang
+<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98"></a>[98]</span>sie mit den Armen und lachte halb triumphierend,
+halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
+freilich wei&szlig; wie die Leinwand, auf der sie ruhte.
+Frau Ansorge, erstaunt und m&uuml;de, legte beide H&auml;nde
+auf seinen Kopf. Sein Ungest&uuml;m gab ihr zu denken.</p>
+
+<p>Der Abend r&uuml;ckte schon heran, und das Wetter
+hatte sich ein wenig gebessert, da erschien Alexander
+Hanka. Er war f&ouml;rmlich versteckt in seinem Winterpelz,
+aber trotzdem war es zu verwundern, da&szlig; Hanka
+an solchem Tag eine Wanderung &uuml;ber die kaum gangbaren
+Stra&szlig;en gewagt, um sich nach Frau Ansorges
+Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
+belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold
+die Hand reichte. Doktor Borromeo trat zu ihnen
+in das abseits liegende Zimmer. Es erwies sich, da&szlig;
+Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
+geschlossen hatten, und es blieb nur zu
+ergr&uuml;nden, wo. Arnold erstaunte, wie zwei anscheinend
+so ernste M&auml;nner sich spielerisch an ein Erraten
+und Suchen begaben, oberfl&auml;chliche Erinnerungen betasteten
+und dabei nicht das mindeste von Belang zu
+sagen wu&szlig;ten. Am seltsamsten war das beziehungs-
+und ortlose dieser in gleichm&auml;&szlig;igem Ton gef&uuml;hrten
+Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen
+das Haus und die Schatten, die es bedeckten, vergessen
+schlie&szlig;lich der, zu dem gesprochen wurde und
+jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf
+und mechanisch anzureden. Arnold war schlie&szlig;lich
+froh, da&szlig; er mit Hanka allein blieb, da sein Oheim
+sich zur Wiederabreise vorbereiten mu&szlig;te. Auch der
+Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag,
+<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99"></a>[99]</span>um eine schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es Ihnen also?&laquo; fragte Hanka mit seiner
+tiefen Stimme, als er Arnold gegen&uuml;bersa&szlig;. Er
+schlug ein Bein l&auml;ssig &uuml;ber das andere und strich mit
+der Hand &uuml;ber das Knie. In seinen Augen lag etwas,
+das diese inhaltslose Frage vergessen machte. &raquo;Hoffentlich
+ist Frau Ansorge bald wieder gesund. Es soll ja
+nun Aussicht sein, wie?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte. Was f&uuml;r ein Mensch, dachte er; ihn
+verwunderten die Worte Hankas, aber dennoch zog
+ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte den
+jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte
+dann rasch den Kopf. &raquo;Wollen Sie nicht einmal zu
+mir her&uuml;berkommen, wenn Sie sich langweilen?&laquo;
+fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein &uuml;berbr&uuml;ckendes
+Wort zu finden.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich mich langweile?&laquo; fragte Arnold. &raquo;Warum
+soll ich mich langweilen?&laquo; Er sa&szlig; vorgebeugt,
+warf aber mit einem Ruck den Kopf in den Nacken
+und schaute Hanka nachdenklich an.</p>
+
+<p>&raquo;Beneidenswerter,&laquo; murmelte Hanka und suchte
+nach einem andern Gespr&auml;chsstoff. &raquo;Was macht
+Herr Specht?&laquo; fragte er z&ouml;gernd. &raquo;H&ouml;ren Sie von
+ihm?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schwieg. F&uuml;r ihn war der Name Specht
+schon etwas Fernes und Unwirkliches.</p>
+
+<p>&raquo;Er soll sich sehr mit diesem j&uuml;dischen M&auml;dchenraub
+befa&szlig;t haben,&laquo; fuhr Hanka fort, von Arnolds
+Schweigen sonderbar ber&uuml;hrt. &raquo;Aber was ist nun
+aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese ungl&uuml;ckliche
+<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100"></a>[100]</span>Aff&auml;re macht ihre Verteidiger und ihre Ankl&auml;ger
+zuschanden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Kaiser hat entschieden&laquo;, antwortete Arnold
+mit einer leichten Beunruhigung, die wie ein Hauch
+&uuml;ber seine Mienen zog.</p>
+
+<p>&raquo;Von einer Entscheidung wei&szlig; ich nichts&laquo;, bemerkte
+Hanka kopfsch&uuml;ttelnd. &raquo;Was k&ouml;nnte der Kaiser auch
+hier entscheiden. Ich wei&szlig; ja nicht, m&ouml;glich ist alles.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold l&auml;chelte besserwissend und erhob sich.</p>
+
+<p>Hankas Gesicht war erm&uuml;det. Es war, als h&auml;tte
+N&uuml;chternheit seinen vorher so frischen Blick gebrochen.
+Er verabschiedete sich k&auml;lter und fremder, als er gekommen
+war.</p>
+
+<p>Am Abend sa&szlig; Arnold neben der Matratze der
+Mutter. Sie dachte an die Liebkosung, die er ihr
+vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
+jetzt im Geist. W&auml;hrend Ursula am Lagerende ihren
+Strumpf strickte und der junge Assistent lesend bei
+der Lampe sa&szlig;, schaute sie Arnold mit unverwandten
+Blicken an. In ihren Adern f&uuml;hlte sie den Tod, aber
+ihm suchte sie, als wohne eine &uuml;berm&auml;chtige Kraft
+der Beeinflussung in ihr, den Glauben zu geben, da&szlig;
+neues Leben f&uuml;r sie anbreche. Und Arnold, auch er
+kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt,
+und in seinem Gesicht war die L&uuml;ge der Hoffnung.
+So sa&szlig;en sie beisammen und t&auml;uschten sich.</p>
+
+<p>Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre
+Anweisungen erhalten, und der Assistenzarzt war abgereist.</p>
+
+<p>Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm
+einen mit kaum leserlichen Buchstaben hingeschmierten
+<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101"></a>[101]</span>Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg geschrieben.
+Es war ihr gelungen, das Papier einer
+H&auml;ndlerin zuzustecken und diese hatte ihn gebracht.
+Der Brief war ein Notschrei.</p>
+
+<p>Von Elasser h&ouml;rte man nichts.</p>
+
+<p>Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der
+Mutter begab, verlangte sie, man solle das Fenster
+&ouml;ffnen, und sie blickte nun schr&auml;g hinauf gegen den
+von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel.
+Heute war es, als schl&ouml;sse sie sich st&auml;rker
+als seit vielen Jahren an das Leben an, als sei die
+Luft um sie her verd&uuml;nnt und sie verm&ouml;chte weit
+hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache
+und Wirkung den Lauf ihrer Tage zu verfolgen.
+Deshalb strahlten ihre Z&uuml;ge pl&ouml;tzlich G&uuml;te aus, und
+Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was
+sollte er sagen? Ich nehme teil an einem fremden
+Schicksal? Irgend etwas hat mich mit hundert
+Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu
+geben vermag? Wie h&auml;tte er dies zu sagen vermocht?
+Wie h&auml;tte er seine Unruhe zu schildern vermocht,
+seine Bangnis um irgendwelche Nachricht,
+um Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein
+gr&uuml;blerisches Horchen? Pl&ouml;tzlich ergriff die Mutter
+seine Hand, als habe sie seine wachsende Drangsal
+verstanden. &raquo;Es gibt ein Wort in der Bibel, das
+mu&szlig;t du dir merken, Arnold,&laquo; sagte sie. Es hei&szlig;t:
+&raquo;Wer reiner H&auml;nde ist, mehrt die Kraft.&laquo; Die Kranke
+wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag Todesschatten.
+Als die Pflegerin das Fenster leise schlo&szlig;,
+seufzte sie tief.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102"></a>[102]</span></p>
+<h3><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Am n&auml;chsten Morgen, die Luft war voller Taud&uuml;nste
+und der Wind wehte von S&uuml;den, trat
+Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun
+die Gestalt Elassers. Arnold erschrak. Langsam
+ging er n&auml;her. Elasser ber&uuml;hrte den Schlapphut,
+machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsm&auml;&szlig;igen
+Knix und indem er auf seinen Huckepack
+deutete, fragte er: &raquo;Braucht die Frau Mutter nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon zur&uuml;ck, Elasser?&laquo; fragte Arnold mit stockendem
+Herzen dagegen.</p>
+
+<p>Der Jude nickte. &raquo;Heut in der Nacht&laquo;, sagte er.
+Sein Blick wurde finster und er blies, um sie zu erw&auml;rmen,
+in die eine freie Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Und Jutta?&laquo; fragte Arnold von neuem, als verm&ouml;chte
+dies eine Wort alle &uuml;brigen zu ersetzen.</p>
+
+<p>Elasser zuckte die Achseln. &raquo;Sie haben mir gesagt,
+der Herr Minister hat mir gesagt, wollen Sie wissen,
+was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott lebt, der
+mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den
+Mauern des Klosters hat unsere Macht ein Ende.
+Das hat er zu mir gesagt, Herr.&laquo; Mit Besorgnis
+und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenbla&szlig;
+geworden war; der Mund war ge&ouml;ffnet, die Nase
+war ganz wei&szlig;, die Lippen zitterten, in den <ins class="correction" title="Transcriber's note: possibly 'Mundwinkeln'">Mundwickeln</ins>
+war Feuchtigkeit.</p>
+
+<p>Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum
+Gehen wenden. Arnold trat neben ihn hin, wodurch
+er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
+Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103"></a>[103]</span>einer unbeschreiblichen Langsamkeit und einem entstellenden
+Gesichtsausdruck: &raquo;An den Mauern des
+Klosters &#8211; hat es ein Ende?&laquo;</p>
+
+<p>Elasser vermochte nichts zu erwidern.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist gesagt worden?&laquo; fuhr Arnold in derselben
+versteinerten Weise fort. Indessen f&uuml;hlte er es in
+sich zittern und schaudern, sein Herz schien brennend
+und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag K&auml;lte.</p>
+
+<p>&raquo;Jaja,&laquo; nickte Elasser. Er war betr&uuml;bt, aber auch
+k&uuml;hl und willenlos.</p>
+
+<p>Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte
+sich Arnold ab. Seine Schritte wurden schneller,
+dann wieder langsamer, dann wieder schneller. Ohne
+zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf
+den nassen Boden und legte Stirn und Augen auf
+die flache Hand. In der F&uuml;lle des unertr&auml;glichen,
+schmerzlichen Zorns bi&szlig; er die Z&auml;hne ins Moos;
+Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und
+sein Zahnfleisch blutete. Ihm war bitter auf der
+Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
+Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften
+sich zusammen vor Bitterkeit. Er stand wieder
+auf und wanderte fast laufend weiter. Sein Anzug,
+sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.</p>
+
+<p>Ist es m&ouml;glich? dachte er und empfand wieder das
+schreckliche Zittern. Er sah Gesichter vor sich, die er
+noch nie gesehen. Sie hatten einen ernsten, gr&auml;mlichen,
+harten und gleichg&uuml;ltigen Ausdruck. Gleichg&uuml;ltig
+war ihnen das, was geschah und ihre tr&uuml;ben
+Augen sahen leblos aus wie Muscheln. Ein Bach
+flo&szlig; &uuml;ber den Weg. Auch im Wasser wimmelten
+<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104"></a>[104]</span>Gesichter, ja, Vorg&auml;nge voll Bosheit. Er kam zu
+einem Bauernhof, es war weit weg von Podolin.
+W&auml;hrend er aus dem Geh&ouml;lz trat, sah er, wie ein
+Knecht eine wei&szlig;e Katze beim Schwanz hielt und
+heftig mit einem Pr&uuml;gel auf das Tier einhieb. Schon
+zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er sprang
+hin&uuml;ber (der Stra&szlig;engraben lag dazwischen), packte
+den Knecht bei den H&uuml;ften, warf ihn nieder, schlug
+mit der Faust in das b&auml;rtige Gesicht und sch&uuml;ttelte
+den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
+Brust von einem schweren Druck frei machte. Der
+Knecht br&uuml;llte, aber niemand eilte ihm zu Hilfe, der
+Hof lag ver&ouml;det. &raquo;Still&laquo;, sagte Arnold, indem er
+den Mann bei den Haaren ergriff. Er lie&szlig; ab. Der
+Knecht erhob sich langsam auf ein Knie; er machte
+eine Bewegung der Wut, aber dann blieb er t&uuml;ckisch
+geb&uuml;ckt an seinem Platz.</p>
+
+<p>Arnold entfernte sich, ohne da&szlig; der Gez&uuml;chtigte sich
+r&uuml;hrte. Er konnte nicht verweilen. In seinen F&uuml;&szlig;en
+steckte Ungeduld; seine Schl&auml;fen waren hei&szlig; wie von
+Weingenu&szlig;. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen.
+Eile! mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind.
+Frech kam ihm sein Z&ouml;gern vor, denn er erschien sich
+beleidigt, ma&szlig;los &uuml;bervorteilt. Alle schienen zu leiden,
+die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach
+welch ein Zorn ergriff ihn immer wieder mit neuer
+Gewalt! Wenn er stillstand, um aufzuatmen, war es
+schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
+selbst&auml;ndig h&ouml;renden Ohr geworden.</p>
+
+<p>Ist es eine Welt? dachte er; wo leb&#8217; ich denn? was
+geschieht denn? Ist es erlaubt? Und neuerdings
+<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105"></a>[105]</span>riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die Wolken:
+eile! Er f&uuml;rchtete zu sp&auml;t zu kommen. Der Erste,
+dem er sagen w&uuml;rde, was vorgefallen, mu&szlig;te ja
+niederfallen, von Schande erdr&uuml;ckt und Z&auml;hneknirschen
+mu&szlig;te seinen Mund f&uuml;r jede Speise verschlie&szlig;en.
+Sieh doch an, was geschehen ist, wollte er ihm erz&auml;hlen.
+Aber dessen bedurfte es gar nicht, wozu erz&auml;hlen?
+Ein Hinweis, ein Satz und es war genug.
+Keiner w&uuml;rde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei
+w&uuml;rde kommen, alle w&uuml;rden schreien: Gerechtigkeit!
+Gerechtigkeit! sonst ist es nicht m&ouml;glich zu leben. Arnold,
+w&uuml;rde die Mutter sagen, geh&#8217; hin und ruhe nicht,
+denn sie k&ouml;nnen sonst nicht leben.</p>
+
+<p>Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern
+lag der Schlummer: Hanka, der Pfarrer,
+Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die Knechte, die
+Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu
+f&uuml;hlen, seine Kr&auml;fte zu sp&uuml;ren, seine Jugend und die
+Genugtuung, den Schlaf von sich entfernt zu haben.
+Dann werden sie herankommen und l&auml;cheln und sie
+werden sagen; weshalb hast du nicht fr&uuml;her, Arnold
+Ansorge, dich eingefunden? Nun will ich wachsam
+sein, erwiderte er ihnen und begann zu l&auml;cheln, indem
+sein Gesicht sich mit R&ouml;te bedeckte. Und er l&auml;chelte
+den ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer
+trat, sah er Ursula weinend an der T&uuml;re stehen, auch
+die Pflegerin weinte, und oben am Lager der Mutter
+stand unbeweglich der Pfarrer.</p>
+
+<p>Arnold ging langsam n&auml;her. Sie ist tot, dachte er;
+weder Schrecken, noch Trauer ergriff ihn. L&auml;chelnd
+fa&szlig;te er die Hand der Gestorbenen mit einem Ausdruck
+<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106"></a>[106]</span>des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe.
+Als Ursula ihn ansah, schrie sie laut auf und lief aus
+dem Zimmer. &raquo;Sie ist tot,&laquo; sagte der geistliche Herr
+mit scharfer Stimme. Arnold nickte l&auml;chelnd zu ihm
+auf.</p>
+
+<p>Der Pfarrer wich zur&uuml;ck, steckte sein Buch in die
+Tasche, murmelte vor sich hin, sah sich murmelnd um
+und verlie&szlig; das Zimmer. Die Pflegerin ri&szlig; mit
+eiligen Geb&auml;rden ihren Mantel von der Wand und
+folgte dem Pfarrer. Als es still um Arnold war,
+begann wieder das formlose Wallen in seiner Seele.
+Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab.
+T&uuml;re und Fenster waren weit ge&ouml;ffnet, keine Menschenseele
+war nah, alle hatten sich entfernt und gefl&uuml;chtet
+wie vor einem b&ouml;sen Geist. Die D&auml;mmerung
+war schon gekommen; der Himmel, reingefegt
+von Wolken, f&auml;rbte sich langsam vom aufsteigenden
+Mond. Die L&uuml;fte und Winde ruhten. Eine Magd,
+dieselbe die im Flur gestanden war und geweint
+hatte, schlich am Fenster vorbei, w&auml;hrend die G&auml;rtnersfrau
+und Ursula von fern lauschten. Als die
+Spionin Arnold mit sich selber sprechen h&ouml;rte, glaubte
+sie, er f&uuml;hre eine Unterhaltung mit der Toten und
+schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. Ursula hatte
+schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht
+gegeben; Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbst&auml;ndiger
+Handlung getrieben, jede Stunde erwartete sie
+Erl&ouml;sung von ihrer Angst.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107"></a>[107]</span></p>
+<h3><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Der Mond beschien den Leichnam, der schon
+seit dem Mittag gewaschen und hergerichtet
+war. Ursula und die Pflegerin sa&szlig;en im G&auml;rtnerhaus;
+auch die Pflegerin wartete auf die Ankunft
+Borromeos und auf ihre Entlohnung. Sp&auml;t
+abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf
+gekauft, &uuml;berschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer
+und sah Arnold am Fenster sitzen, zwanglos
+angelehnt, die Arme leicht &uuml;ber die Brust verschr&auml;nkt.
+Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten
+die Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold
+sah ruhig zu und lie&szlig; sie gew&auml;hren, auch dann,
+als sie, auf einem Schemel hockend, sich anschickte, die
+Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
+begann sie indes zu schlafen.</p>
+
+<p>Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier
+Uhr morgens sein, als das R&auml;dergerassel eines Wagens
+laut wurde. Ursula erwachte, sprang empor, ein Gebet
+fl&uuml;sternd, und als sie fertig war, trat Friedrich Borromeo
+ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er
+war schon vorbereitet auf den Anblick einer Toten.
+Trotzdem, als er am Bett der Schwester stand, schluchzte
+er trocken vor sich hin.</p>
+
+<p>Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen
+hatte, verlie&szlig; zartsinnig das Zimmer. Der Mond
+stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen
+&uuml;ber die Ebene. Nicht lange vermochte er drau&szlig;en
+zu bleiben. Er ging zu Ursula, die in der K&uuml;che
+Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des Vormittags
+<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108"></a>[108]</span>seine W&auml;sche und was sonst zur Reise und langen
+Abwesenheit n&ouml;tig, zu richten und einzupacken. Vor
+Erstaunen vermochte sich die Alte nicht zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm
+die Hand und wandte dann in geheimnisvoller Verlegenheit
+und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
+das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde
+durch Ursula unterbrochen. Auf Arnold zugehend,
+fragte sie heftig: &raquo;Zum Begr&auml;bnis wirst du doch
+bleiben? Packen, was soll das hei&szlig;en? Wo hinaus
+denn so geschwind?&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo h&ouml;rte betroffen zu. Nach einer Pause
+fragte er sanft: &raquo;Meint sie dich, Arnold? Willst du
+denn fort?&laquo;</p>
+
+<p>Mit einer beredten und lebhaften Geb&auml;rde sagte
+Arnold: &raquo;Ja. Ich will fort. Mu&szlig; fort. Bald, sobald
+wie m&ouml;glich. Gleich nach dem Begr&auml;bnis. Man
+mu&szlig; einen Verwalter mieten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Willst du mir das nicht erkl&auml;ren?&laquo; fragte Borromeo
+matt.</p>
+
+<p>Beide M&auml;nner gingen in die ansto&szlig;ende Kammer.
+Borromeo schritt voran und trug das Petroleuml&auml;mpchen.
+Wieder hatte ihn jene d&uuml;stere Verlegenheit
+erfa&szlig;t.</p>
+
+<p>&raquo;Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze,
+dann das andere&laquo;, begann Arnold.</p>
+
+<p>Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte
+sich mit Unmut. &raquo;Du hast ungef&auml;hr siebenhundertsiebzigtausend
+Gulden in sehr guten Wertpapieren,&laquo;
+entgegnete er kalt. &raquo;Die Verzinsung ist nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig
+hoch, aber die Anlage ist sicher. Ich darf dich
+<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109"></a>[109]</span>vielleicht darauf aufmerksam machen,&laquo; fuhr er mit
+bureaukratischer Gelassenheit fort, &raquo;da&szlig; ich bis zu
+deinem vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund
+bin und nach unsern Gesetzen ist es mir nicht
+nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
+Schritte zu &uuml;berwachen und dein Verm&ouml;gen zu verwalten.&laquo;</p>
+
+<p>Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. &raquo;Kannst du mich
+abhalten zu tun, was ich mu&szlig;?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte
+sich auf Kampf gefa&szlig;t machen zu sollen. Das erbitterte
+ihn. &raquo;Was hast du vor?&laquo; fragte er gedehnt
+und widerwillig.</p>
+
+<p>&raquo;Die Sache ist die,&laquo; begann Arnold. &raquo;Elasser, der
+Jude, bekommt seine Tochter nicht. Sie haben sie
+ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen. Er hat alles
+m&ouml;gliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
+kommen. Das ist doch sch&auml;ndlich. Ich h&auml;tte nie geglaubt,
+da&szlig; so etwas Sch&auml;ndliches passieren kann. Wie
+geht das zu, ein unschuldiges M&auml;dchen wird den Eltern
+geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
+Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will
+etwas dagegen tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen,
+und doch, es geschieht nichts. Kann man
+denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst <em class="gesperrt">du</em> leben ohne
+Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zun&auml;chst nach
+Wien. Ich hab&#8217; hier keine Ruhe mehr. Hier wei&szlig;
+man ja nichts, hier erf&auml;hrt man nichts. Ich will einmal
+sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den
+Kerlen schon Beine machen. Der Jude soll sein Kind
+wieder haben oder mich soll der Teufel holen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110"></a>[110]</span>Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugeh&ouml;rt.
+Eine Art R&uuml;hrung erfa&szlig;te ihn, die aber gleich
+wieder verdr&auml;ngt wurde von einem dumpfen Mi&szlig;trauen
+gegen diesen &raquo;Idealismus&laquo;, wie er es innerlich
+nannte, und den gl&auml;ubig hinzunehmen, sich gleichsam
+alle Erfahrungen seines Lebens str&auml;ubten.</p>
+
+<p>Gr&uuml;nde gegen dieses kindliche Unterfangen waren
+nat&uuml;rlich leicht zu finden. Aber Borromeo sch&auml;mte
+sich pl&ouml;tzlich seiner Gr&uuml;nde. &raquo;Lassen wir es heute,&laquo;
+sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.</p>
+
+<p>Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold
+auf den Weg zur Elasserschen Wohnung machte. Nicht
+mehr mit Bedr&uuml;cktheit und einem Gef&uuml;hl leerer Erwartung
+wie fr&uuml;her trat er in den wohlbekannten Flur.</p>
+
+<p>Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren.
+Mitten im Zimmer standen Elasser, die Frau und
+ein Bauer. Der &auml;lteste Knabe zog sich gleichm&uuml;tig
+f&uuml;r die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten
+unerm&uuml;dlich auf den Bauer ein, der ein St&uuml;ck Leinwand
+nicht mit dem verlangten Preis bezahlen wollte.
+Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war h&ouml;hnisch,
+kratzte sich in den Haaren, bef&uuml;hlte den Stoff und
+rang die H&auml;nde.</p>
+
+<p>Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand
+achtete auf ihn. Nachdem er eine Weile zugeh&ouml;rt,
+wandte er sich nachdenklich ab, um zu gehen.
+Eines der kleinen, halbangezogenen M&auml;dchen huschte
+an ihm vorbei zum Hauseingang und stie&szlig; dort einen
+Schrei aus, als ein grauer Metzgerhund vom Ufer
+herauftrabte und mit h&auml;ngender Zunge und d&uuml;ster
+glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte
+<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111"></a>[111]</span>und sich nicht mehr r&uuml;hrte. In
+einer wunderbaren Regung hob Arnold das M&auml;dchen
+auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der
+Beteuerung die Hand auf die Stirn. Dann verjagte
+er den Hund und setzte seinen Weg fort.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte
+Alexander Hanka seine Reise verschoben. Er
+sagte sich mit Befriedigung, da&szlig; ihn das Landleben,
+die Stille und Gleichm&auml;&szlig;igkeit der Tage festhalte.
+Aber h&auml;tte ein Geist wie der seine, ewig nach den
+leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend und sie
+zugleich verachtend, dies fr&uuml;her ertragen? sich fr&uuml;her
+so sorglos zwischen diesen nichtssagenden Besch&auml;ftigungen,
+diesen ereignislosen Wintertagen eingebettet?
+Bisweilen sch&uuml;ttelte er &uuml;ber sich selbst den Kopf, aber
+wie jemand, der ein sonst mi&szlig;achtetes Gut nun mit
+Leidenschaft umklammert. Agnes war gl&uuml;cklich. Beate
+hatte sich mit der neuen Gesellschaft zurechtgefunden
+und wenn auch Hanka in ihren Augen eine komische
+Figur war, versagte ihr eingeborener Sp&uuml;rsinn ihm
+nicht die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen
+Freundes. Auch war sie zahm gestimmt, seit
+der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
+hatte. Fruchtlos war sie hin&uuml;bergegangen, hatte geweint,
+gedroht, gerast. Das alles ging f&ouml;rmlich im
+Dunkel vor sich, abgewandt vor den Augen, die sie
+<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112"></a>[112]</span>liebevoll verfolgten. Endlich sch&auml;mte sie sich, zuerst
+aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen
+konnte, um sich selbst noch zu achten; dann war es
+die wirkliche Scham, die ins Fleisch schnitt und das
+Blut vergiftete. Sie w&auml;lzte sich auf dem Boden ihrer
+Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie
+wieder herab ins Wohnzimmer, bla&szlig; und l&auml;chelnd,
+sa&szlig; neben Hanka, spielte ein harmloses Kartenspiel
+mit ihm, w&auml;rmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete
+dabei ihre schlauen Pl&auml;ne, schien sanfter, ergebener,
+mitteilsamer und launenloser als fr&uuml;her.</p>
+
+<p>Von seinen Freunden in der Stadt h&ouml;rte Hanka
+wenig. Au&szlig;erhalb ihres Kreises lebend, war er gleich
+dem Spieler, der den Einsatz vers&auml;umt hat. Nur
+Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang
+sie, alles zu wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing.
+In den Gesellschaften spreche man von
+nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben,
+wie diese ber&uuml;hmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme,
+sich kleide, welche Farbe ihre Augen h&auml;tten
+und so weiter. So geschwind wie m&ouml;glich m&uuml;sse sie
+das wissen, schon um den Neid zu genie&szlig;en, mit dem
+dann ihre geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden
+w&uuml;rde. Da er, Hanka, an der Quelle der Ereignisse
+sitze, brauche er sich ja nur zu b&uuml;cken und aufzuheben,
+was ihr so kostbar sei. Im &uuml;brigen m&ouml;chte er nicht
+mehr lange mit der R&uuml;ckreise z&ouml;gern, da sie frische
+Ananas aus Hamburg erhalten habe.</p>
+
+<p>Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka am&uuml;siert,
+ohne sich im geringsten zu beeilen, seiner reizenden
+Freundin zu antworten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113"></a>[113]</span>Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen
+verbrachte er die Zeit, und all dies hatte in seinen
+Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von Philosophie.
+Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift &uuml;ber
+die Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald
+darauf. Ein guter Gedanke ist kurz und reicht f&uuml;r
+drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu quetschen wie
+einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
+Er empfand Widerwillen und Furcht vor der
+Arbeit. In ihm war ein starker, klarer Strom von
+Erkenntnis, aber ein tr&uuml;bes, d&uuml;nnes Fl&uuml;&szlig;chen von
+Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich
+verha&szlig;t und unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige
+Aufenthalt in Podolin, weit entfernt, ihm die
+Segnungen der Stille, Sammlung und Abgeschiedenheit
+zu bringen, hatte etwas Zerst&ouml;rendes f&uuml;r ihn.
+Seine nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf
+ein schwankendes Bild gewiesen, auf dem sie mit jedem
+Tag fester ruhten. Er dachte an Beate, an nichts
+anderes als an Beate.</p>
+
+<p>Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe
+fort und lasse mich nicht wieder sehen; oder sie wird
+meine Geliebte; oder ich heirate sie. Das erste habe
+ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
+mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja f&uuml;r
+mich ganz angenehm. Doch mit der Ahnungslosigkeit
+ein Gesch&auml;ft machen, geh&ouml;rt nicht gerade zu den
+sympathischen Dingen. Allerdings, ein nat&uuml;rlicher
+Geist wird sich in das nat&uuml;rlichste Verh&auml;ltnis zu finden
+wissen, aber hab&#8217; ich darum mit vierundzwanzig Jahren
+Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu verlassen
+<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114"></a>[114]</span>wie jemand, der ein erworbenes Verm&ouml;gen pl&ouml;tzlich
+zum Fenster hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut
+sch&uuml;tzen, allein was ist mit Geld gegen den b&ouml;sen
+Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
+Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse
+auf Sicherheit, systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsm&auml;&szlig;iges
+Beisammensein und Langeweile zu
+zweien. Das Gep&auml;ck des Lebens w&auml;chst wie im
+Sommer bei der Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe
+kommen die Jahre der Pflichten. Es ist wie mit den
+Schaumt&ouml;rtchen in der Konditorei; je besser sie sind,
+je sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den
+Fall, ich h&auml;tte Nachkommenschaft zu erwarten. Habe
+ich die Talente eines Erziehers, die Geduld eines
+Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe
+kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r Kinder und w&auml;re ein erb&auml;rmlicher
+Vater. Dem veralteten Institut der Ehe neue
+Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls versagt.
+Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa?
+Liebt Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender
+Komik. Ich sie? Seit mich auf dem Gymnasium
+meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, wei&szlig; ich
+von solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr.
+Summa: wie man es auch betrachtet, nichts Haltbares
+bleibt; Spinnef&auml;den, die durch die Sonne ziehen.</p>
+
+<p>Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften
+&Uuml;berlegungen. Aber das Zimmer und das Haus
+waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
+Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war.
+Er vermochte kaum den Weg zu erkennen, der ihn
+von den Feldern schied. Der Himmel, kaum wahrnehmbar,
+<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115"></a>[115]</span>glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und
+die &uuml;brige Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in
+seinem Innern hell werden zu lassen, dazu war Hanka
+die &auml;u&szlig;ere Nacht sehr willkommen. Aber wie ehrlich
+er sich auch bem&uuml;hte, Klarheit fand sich nicht.</p>
+
+<p>Am andern Morgen trat er mit einem milit&auml;risch
+ausholenden Schritt vor Agnes hin, als er sie allein
+sah. &raquo;Was w&uuml;rdest du sagen,&laquo; fing er ohne Umst&auml;nde
+an, den Mund ihrem Ohr nahe, &raquo;wenn ich Beate heiraten
+w&uuml;rde?&laquo;</p>
+
+<p>In gro&szlig;er Best&uuml;rzung ri&szlig; Agnes die blauen Augen
+auf. Hanka saugte verlegen und krampfhaft an seiner
+Zigarre, sah sich sp&auml;hend um, ri&szlig; pl&ouml;tzlich ein leeres
+Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
+hastigen Z&uuml;gen: &raquo;Du mu&szlig;t gestehen, da&szlig; es nicht
+&uuml;berm&auml;&szlig;ig vern&uuml;nftig w&auml;re. Heiraten ist in jedem
+Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich habe mich
+wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad
+zwei: f&uuml;r mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur.
+Ich bin nicht verliebt, was ja an sich ziemlich traurig,
+aber f&uuml;r das ganze Unternehmen von Vorteil ist. Was
+mich besonders anzieht, kannst du dir denken.&laquo;</p>
+
+<p>Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an
+den linken Arm Hankas lehnte. &raquo;Nun?&laquo; fragte sie,
+naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als seine
+Hand z&ouml;gerte.</p>
+
+<p>Er zuckte die Achseln und kn&uuml;llte das Blatt zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t es selber am besten wissen, Alexander,&laquo;
+sagte Agnes, indem auf einmal ihre Augen feucht
+wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und machte
+<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116"></a>[116]</span>sich nachdenklich an ihre h&auml;uslichen Arbeiten. Hanka
+nahm, unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen.
+Es ist unm&ouml;glich, sich jemand zum Freund oder zur
+Gattin zu z&uuml;chten, dachte er und spuckte ver&auml;chtlich
+durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
+aber erst die Ereignisse charakterisieren eine
+Handlung, und ich will mich nicht selbst verraten,
+weil es mir einmal gegl&uuml;ckt war, Idealist zu sein.</p>
+
+<p>Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal
+auf und ab, dann wandte er sich pl&ouml;tzlich mit einer
+erzwungen pfiffigen und &uuml;berlegenen Miene zu ihr.
+&raquo;Was w&uuml;rdest du sagen, Beate,&laquo; begann er mit derselben
+h&ouml;lzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet
+und in einer enorm tiefen Stimmlage, &raquo;was w&uuml;rdest
+du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag machen
+w&uuml;rde?&laquo; Er sah ver&auml;rgert aus und Runzeln erschienen
+auf seiner Stirn. Und da Beate unbeweglich
+vor sich hinsah und endlich mit langsamen Schritten
+das Zimmer verlie&szlig;, sank er in ein tiefes Nachdenken
+und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben.
+Es mochte eine Stunde sp&auml;ter sein, als ihm
+das junge M&auml;dchen am Hauseingang begegnete. Sie
+erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem
+L&auml;cheln: &raquo;Ja.&laquo; Hanka durcheilte klopfenden Herzens
+den Garten.</p>
+
+<p>Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon
+am Morgen zu Hankas gelangt. Alexander Hanka
+hatte sich gegen den &uuml;blichen Teilnahmsbesuch erkl&auml;rt.
+Am folgenden Tag war das Begr&auml;bnis und dorthin
+beschlo&szlig; Hanka zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf
+dem H&uuml;gel. Trotz des klaren Nachmittag-Himmels
+<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117"></a>[117]</span>herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gr&auml;ber waren
+noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch
+Zweig und Erde lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit
+einer Mischung von Staunen und Ungl&auml;ubigkeit beobachtete
+er Arnold, der neben dem Grab stand und
+mit einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch
+blickte, als der Sarg hinabgelassen wurde. Alle sahen
+auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in seiner formelhaften
+Rede, brach pl&ouml;tzlich erregt ab und entfernte
+sich. Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer
+Kr&auml;he, die &uuml;ber die K&ouml;pfe flog. Borromeos bleiches
+Gesicht &uuml;ber dem dunklen Bart wurde noch bleicher.
+Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch
+ohne Unwillen, ohne Vorwurf.</p>
+
+<p>Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur
+Reise, denn nun galt es, die Zeit zu nutzen. Er h&auml;tte
+sich an diesem Abend eine leichtere Stimmung gew&uuml;nscht.
+Fr&uuml;h am Morgen fuhr der Wagen vor,
+der ihn zur Station bringen sollte. Nach anderthalb
+Stunden stand er auf dem Bahnhof und sah
+Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide
+gleich ihm den Zug erwartend. Hanka gr&uuml;&szlig;te mit
+der ihm eigenen ernsten Verbindlichkeit, n&auml;herte sich
+aber nicht, sondern schritt in der holzgedeckten Halle
+auf und ab. Es war ein wundersch&ouml;ner Tag; die Luft
+war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin
+schimmerten die Gleise in der Sonne und verloren
+sich in den graublauen Waldz&uuml;gen der Ebene.</p>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118"></a>[118]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119"></a>[119]</span></p>
+<h2><a name="Natalie" id="Natalie"></a>Natalie</h2>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120"></a>[120]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121"></a>[121]</span></p>
+<h3><a name="Einundzwanzigstes_Kapitel" id="Einundzwanzigstes_Kapitel"></a>Einundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung
+angeboten, er hatte erkl&auml;rt, da&szlig; der
+obere Halbstock v&ouml;llig leer stehe und da&szlig; Arnold &uuml;ber
+drei Zimmer ungest&ouml;rt verf&uuml;gen k&ouml;nne. Arnold
+hatte eingewilligt.</p>
+
+<p>Schweigend und unabl&auml;ssig beriet Borromeo mit
+sich selbst. Arnolds N&auml;he erregte ihn und spannte ihn
+ab. Der Anblick dieser gesammelten Z&uuml;ge, dieses festen
+und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
+L&auml;ngst entherzigt, l&auml;ngst hohl gesogen, k&auml;mpfte
+Borromeo einen best&auml;ndigen stillen Kampf mit den
+Affekten anderer Menschen.</p>
+
+<p>Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren
+im offenen Wagen vom Bahnhof weg. Als Arnold
+zum erstenmal die Stra&szlig;en der Stadt gewahrte und
+die Flut der Get&ouml;se in seine Ohren drang, wurde er
+ganz best&uuml;rzt. Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen
+erschallte. Es klopfte, knallte, polterte, rasselte
+und dr&ouml;hnte; Wagen fuhren, Karren knatterten, Gl&ouml;ckchen
+klimperten; es zischte, stampfte, &auml;chzte, heulte,
+h&auml;mmerte und knisterte. Menschen liefen, die heftig
+mit den Armen schlenkerten; andere, denen Schwei&szlig;
+auf der Haut gl&auml;nzte; andere, deren Gesichtsmuskeln
+krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
+stierten und weder rechts noch links schauten;
+andere, die in vornehmen Kutschen lehnten und deren
+Mienen f&ouml;rmlich gel&auml;hmt waren; andere, die lachten
+und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften
+und angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick
+<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122"></a>[122]</span>von Staub. Die langen Reihen gleichm&auml;&szlig;iger H&auml;user
+zeigten zahllose Fenster; anders sah hier der Himmel
+aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne.
+An den Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf
+in der seltsamsten Weise Seifen, Weine, E&szlig;waren,
+Zeitungen, M&ouml;bel, Konzerte, Kleider, Heilmittel und
+Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll
+herum, Soldaten marschierten stumpfsinnig,
+Bier-, Speisen- und Ladenger&uuml;che zogen aus den
+H&auml;usern, kr&uuml;ppelhafte B&auml;umchen erhoben sich hinter
+prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast,
+als ob es hier keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe,
+kein Besinnen g&auml;be.</p>
+
+<p>Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es
+war ein altes Geb&auml;ude, das in einer engen, finstern,
+gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein Diener
+kam, um das Reisegep&auml;ck in Empfang zu nehmen.
+Borromeo f&uuml;hrte Arnold sogleich in das obere Stockwerk,
+das ihm zur Wohnung dienen sollte. Die Zimmer
+waren hoch und still. Borromeo erkl&auml;rte, da&szlig; in
+fr&uuml;heren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau
+hier gewohnt, ein Mann, der sich in den Studentenjahren
+durch Trinken und Weiber ruiniert habe. Inmitten
+seines knappen Berichts brach Borromeo ab
+und wandte den Blick langsam zur T&uuml;r, durch welche
+seine Frau eintrat. Sie war von geradezu f&uuml;rstlicher
+Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen, um
+die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes
+L&auml;cheln lag, waren brennend rot. Fast von demselben
+Rot waren die Haare, die in der reichsten F&uuml;lle
+zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
+<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123"></a>[123]</span>war mit einem Rauschen verbunden, welches f&uuml;r Arnold
+etwas au&szlig;erordentlich R&auml;tselhaftes hatte. Mit
+einem neugierigen und staunenden Gesicht wandte er
+sich der Dame zu und er versp&uuml;rte einen beunruhigenden
+Wohlgeruch im Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu st&ouml;ren&laquo;,
+sagte Frau Borromeo. &raquo;Das ist also der Neffe&laquo;, fuhr
+sie fort, trat rauschend n&auml;her, streckte Arnold die Hand
+entgegen und l&auml;chelte: sorglos, m&uuml;tterlich, voll Teilnahme,
+etwas sp&ouml;ttisch, &#8211; alles zu gleicher Zeit mit
+einer unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und
+Ruhe. Indem sie eintrat, so schien es, hatte sie alles
+zu ihrem Eigentum gemacht, die W&auml;nde, die M&ouml;bel,
+das Licht, die Luft und die beiden M&auml;nner. Arnold
+verga&szlig;, ihre Hand zu ergreifen. Sie lachte, sch&uuml;ttelte
+den Kopf und fragte Borromeo, ob er zum Tee komme.
+Als er verneinte, erwiderte sie, er m&ouml;ge ihr Arnold
+&uuml;berlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein
+werde. &raquo;Ich warte schon mit Ungeduld auf Sie &#8211;
+oder auf dich&laquo;, sagte sie zu Arnold. &raquo;Ich war auf
+eine Art von Waldmenschen gefa&szlig;t und bin es noch.
+Nat&uuml;rlich im edelsten Sinn. Aber damit wollen wir
+jetzt keine Zeit verlieren. Hier la&szlig; ich unterdes alles
+instand setzen; ich habe ja erst heute fr&uuml;h erfahren &#8211;
+Kommen Sie, ... komm, Arnold.&laquo;</p>
+
+<p>All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen,
+mit einem Wechsel des Ausdrucks, dem sich jedes Wort
+anschmiegte wie dem K&ouml;rper ein musterhaft gefertigtes
+Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor,
+dann ein Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein
+gro&szlig;es, lichtes Zimmer. An einem mit Tassen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124"></a>[124]</span>Gl&auml;sern, Silbergeschirr, Blumen und E&szlig;waren bedeckten
+Tisch sa&szlig;en plaudernd drei Personen, ein
+junges M&auml;dchen, welches von Frau Borromeo als
+Petra K&ouml;nig vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
+einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und
+ein junger, blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der
+durch eine fast puppenhafte Sorgfalt seines Anzugs
+auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet auf
+Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen,
+auf seine schweren, gro&szlig;en Stiefel und ein humoristisches
+L&auml;cheln umzuckte die farblosen Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun haben wir unsern Waldmenschen gl&uuml;cklich
+hier&laquo;, sagte Frau Borromeo, indem sie sp&ouml;ttisch l&auml;chelte,
+als belustigte sie die Verwunderung ihrer G&auml;ste. &raquo;Ich
+erz&auml;hlte Ihnen ja von ihm&laquo;, wandte sie sich zu Hyrtl.</p>
+
+<p>Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte
+mit einer Teilnahme, die Arnold unerkl&auml;rlich war:
+&raquo;Sie sind Landwirt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bis jetzt war er Landwirt&laquo;, fiel Anna Borromeo
+ein.</p>
+
+<p>Hyrtl, der den Ank&ouml;mmling f&uuml;r dumm und bl&ouml;de
+hielt, starrte Arnold mit einer Miene an, die immer
+humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von verhaltenem
+Witz. Er bem&uuml;hte sich vergeblich, zu ergr&uuml;nden,
+weshalb Anna Borromeo den merkw&uuml;rdigen
+Menschen in ihren Salon gef&uuml;hrt und gab schlie&szlig;lich
+ihrer Sucht nach &Uuml;berraschungen die Schuld.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind wohl gesch&auml;ftlich in der Stadt?&laquo; fragte
+der unerm&uuml;dliche Drusius wieder, der Frau Borromeo
+einen Gefallen zu erweisen glaubte, wenn er sich mit
+dem stummen Gast besch&auml;ftigte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125"></a>[125]</span>&raquo;Seine Mutter ist gestorben&laquo;, bemerkte Anna Borromeo
+abermals an Arnolds Stelle. Es war, als
+f&uuml;rchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte Petra
+K&ouml;nig Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich
+zwischen ihren Brauen. &raquo;Wie geht es eigentlich
+Ihrer Schwester Natalie?&laquo; fragte sie das junge M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;Gut&laquo;, entgegnete Fr&auml;ulein Petra mit verdecktem
+Blick und mit jenem nachsichtigen Spott, der nur in
+ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie gesprochen
+wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Ein ganz k&ouml;stliches Weibchen&laquo;, meinte Drusius
+und schnalzte mit der Zunge. &raquo;Ein Rokoko-Fig&uuml;rchen,
+ein Spr&uuml;hgeist. F&uuml;r dieses Frauchen k&ouml;nnte ich
+eine Heldentat verrichten.&laquo;</p>
+
+<p>Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten
+schwerm&uuml;tig-messend auf Anna Borromeo.</p>
+
+<p>&raquo;Wie stehen die Montan-Papiere?&laquo; fragte ihn Frau
+Anna l&auml;chelnd und tippte mit der Fingerspitze eine
+Brotkrume von ihrem Kleid.</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht&laquo;, antwortete Hyrtl. <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">&raquo;Wir k&ouml;nnen</ins> uns
+auf einen gro&szlig;en B&ouml;rsenkrach gefa&szlig;t machen.&laquo; Er
+legte den Kn&ouml;chel des einen Beines auf das Knie
+des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so da&szlig;
+&uuml;ber den Lackstiefeln ein St&uuml;ck des violett-seidenen
+Strumpfes sichtbar wurde, zog mit leichter Geb&auml;rde
+eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und fragte
+mit H&ouml;flichkeit die Wirtin, ob er rauchen d&uuml;rfe. Er
+blickte dabei Frau Borromeo tief und traurig in die
+Augen, so da&szlig; Arnold sehr erstaunt war, als er die
+Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
+<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126"></a>[126]</span>sah er, da&szlig; Petra K&ouml;nigs Blicke auf ihn selbst
+gerichtet waren, da&szlig; sie die Augen, die einen w&auml;rmeren,
+ruhigeren Glanz angenommen hatten, erschreckt
+wieder abwandte und mit leerem L&auml;cheln
+nach einer B&auml;ckerei auf der silbernen Schale griff.</p>
+
+<p>Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die
+Teppiche, die Bilder und h&ouml;rte mehr und mehr erstaunt
+der schnell von einem Gegenstand zum andern
+schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem
+er sehr viel Milch zugegossen, ausgetrunken hatte,
+erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe vor den Tisch,
+dankte und f&uuml;gte hinzu: &raquo;Jetzt will ich mich waschen.&laquo;
+Damit verlie&szlig; er den Salon mit unbefangenem Gesicht.</p>
+
+<p>Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann
+l&auml;chelte Anna Borromeo, darauf l&auml;chelte auch <ins class="correction" title="Transcriber's note: normalized from 'Emmerich'">Emerich</ins>
+Hyrtl und stemmte die Arme auf die H&uuml;ften.
+Es l&auml;chelten auch Drusius und Petra K&ouml;nig. Dann
+blies Hyrtl die Backen auf und verfiel in einen wahren
+Lachkrampf, aus dem er schlie&szlig;lich die Beteuerung
+hervor&auml;chzte, er habe sich nie so g&ouml;ttlich unterhalten.
+Anna Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Zweiundzwanzigstes_Kapitel" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel"></a>Zweiundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer
+auf. Im Vorraum seiner Wohnung stand
+der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des
+jungen Herrn. &raquo;Was f&uuml;r Befehle?&laquo; fragte Arnold
+<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127"></a>[127]</span>und blieb stehen. Der Diener l&auml;chelte und blickte
+Arnold aufmerksam an. &raquo;Gehn Sie nur&laquo;, sagte
+Arnold und wartete, bis der Mann die T&uuml;re geschlossen
+hatte. Welch ein sonderbarer Aufenthalt,
+dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
+Tapeten besah, die schweren Vorh&auml;nge, die
+Bilder, Vasen, Teppiche, M&ouml;bel und B&uuml;cher. Er ri&szlig;
+das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
+frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und
+erstaunte &uuml;ber die H&ouml;he, erstaunte &uuml;ber die N&auml;he der
+gegen&uuml;berliegenden H&auml;user und ihre endlosen Reihen
+von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
+empor und sah nur ein geringes St&uuml;ck des abendlich
+verd&auml;mmernden Himmels. Ein Flug V&ouml;gel zog mit
+Kreischen geschwind &uuml;ber die D&auml;cher.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Beobachtungen sp&uuml;rte er gro&szlig;en
+Hunger. Er &uuml;berlegte nicht lange, nahm den Hut,
+verlie&szlig; seine Wohnung, eilte auf die Stra&szlig;e und
+suchte das n&auml;chste Wirtshaus. Bald fand er eine
+kleine Kutscherkneipe, bestellte Wein, Wurst und K&auml;se
+und a&szlig; mit Appetit. Viele M&auml;nner sa&szlig;en in dem
+raucherf&uuml;llten Raum, schimpften, politisierten, schrien,
+lachten und spielten. Als Arnold satt war, bezahlte
+er und ging. Er beschlo&szlig;, einen Spaziergang durch
+die Stra&szlig;en zu unternehmen, aber vorsichtig, wie
+er war, kehrte er zuerst zur&uuml;ck und pr&auml;gte genau die
+Gasse und das Borromeosche Haus seinem Ged&auml;chtnis
+ein. Kaum hatte er dies stille Seitental verlassen,
+als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom geriet.
+Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende
+Licht aus den hohen, wei&szlig;en Lampen g&auml;nzlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128"></a>[128]</span>zerstreut. Aus allen L&auml;den, aus jedem Fenster der
+sch&ouml;nen Pal&auml;ste drang Licht, und die Nacht &uuml;ber den
+D&auml;chern war wie eine feste Decke. Als Arnold sich
+inmitten der unabsehbaren, best&auml;ndig sich erneuernden
+Menge befand, glaubte er zuerst, das Ger&auml;usch, das
+zu ihm flo&szlig;, sei ein gleichm&auml;&szlig;iges, &auml;ngstliches Raunen.
+Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder
+Reden noch Schreien. Oft klang es wie minutenlang
+hintereinander ausgehauchte tiefe Seufzer, oft wie
+fernes Gel&auml;chter; nichts hielt Stand, alles rauschte
+gleich einem schwerfl&uuml;ssigen Wasser dahin. Arnold
+ging dicht an der Seite der H&auml;user und kam nur
+langsam vorw&auml;rts. Er erm&uuml;dete nicht, Gesichter zu
+betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der
+Augen zu erhaschen. Einer blickte vorsichtig und
+sp&auml;hend vor sich hin, einer redete gereizt, einer ging
+m&uuml;de. Jeder schien eine Maske zu tragen und zwischen
+unsichtbaren W&auml;nden zu gehen.</p>
+
+<p>Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold
+vor sich hin. Seine Stimme erschien ihm klein, seine
+Schritte zu kurz, seine Arme machtlos, seine Verstellungen
+kindlich. Er sah Menschen, Menschen,
+immer neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten,
+alle Gesichter verschwammen im Nebel. Ungew&ouml;hnlich
+erregt verlie&szlig; er die taghellen Stra&szlig;en
+und kam in sp&auml;rlicher beleuchtete, in welchen sein
+eigener Schatten matt mit dem Dunkel zusammenflo&szlig;,
+und immer wieder auftauchte, wenn er unter
+der gelben Flamme einer Gaslampe vor&uuml;berging. Er
+dachte nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges;
+mit umfangenen Augen und sonderbar gel&auml;hmten
+<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129"></a>[129]</span>Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
+unglaubhaft, unbegr&uuml;ndet und widersinnig. Warum
+stand Haus an Haus so enggepre&szlig;t, da&szlig; jedem einzelnen
+der Atem zu fehlen schien? An der Ecke blieb
+Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche
+Reihe der Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende
+kennen zu lernen, und ohne den Gedanken an R&uuml;ckkehr
+folgte er der Flucht jeder Gasse und Stra&szlig;e
+und glaubte bei jedem neuen Anfang, nun m&uuml;sse
+sich bald der Wald &ouml;ffnen oder das Wiesenland dehnen.
+Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerst&ouml;rt und
+sein Erstaunen wurde gr&ouml;&szlig;er und dumpfer, insbesondere
+durch die Wahrnehmung, da&szlig; die endlosen
+H&auml;usermassen ihn nicht nur in der Richtung seines
+Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten
+hin ausstr&ouml;mten. Er betrachtete die Aush&auml;ngeschilder
+von Kr&auml;mern, Wirtsh&auml;usern und den zahllosen Gesch&auml;ften,
+in denen er zufriedene und gl&uuml;ckliche Menschen
+vermutete, get&auml;uscht durch den Lichterglanz und
+die Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten
+Fenstern der Kaffeeh&auml;user stehen und blickte
+ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu einem Feste
+geschm&uuml;ckt vorkam. Er sah m&auml;chtige Geb&auml;ude, die
+einem unbekannten feierlichen Zweck dienen mu&szlig;ten,
+Kirchen, deren eherne Tore geschlossen waren, und
+von deren T&uuml;rmen dennoch Glockengel&auml;ute erklang.
+&Uuml;berall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung
+und der Gerechtigkeit und hundertmal sch&uuml;ttelte er
+&uuml;ber sich selbst den Kopf und war unzufrieden, ohne
+zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein Gef&uuml;hl
+lustloser Erm&uuml;dung gesp&uuml;rt. Doch er setzte seinen
+<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130"></a>[130]</span>Weg fort und kam in eine &ouml;de Vorstadt mit ausgestorbenen
+Gassen. Hier wurden die H&auml;user niedriger
+und der Himmel schien infolgedessen n&auml;her. In den
+erdgesch&ouml;ssigen Wohnungen sah er Familien beim
+Abendessen sitzen, aus den Kneipen drang L&auml;rm und
+Geschrei, Dirnen gingen vor&uuml;ber und l&auml;chelten ihm
+zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in
+Arnold die bet&auml;ubende Empfindung der Vielf&auml;ltigkeit
+und der un&uuml;bersehbaren Weite. Mit Bitterkeit,
+ja fast mit Angst f&uuml;hlte er seinen g&auml;nzlichen Mangel
+an Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu m&uuml;ssen.
+Herrgott, sagte er zu sich selbst, das kann &uuml;bel enden,
+und pl&ouml;tzlich drehte er sich um und trat mit st&uuml;rmischem
+Wesen die R&uuml;ckkehr an, auf welcher er einige
+begegnende Personen h&ouml;flich und zaghaft nach dem
+Weg befragte.</p>
+
+<p>Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich
+zurecht und kam gegen zehn Uhr nach Haus. Der
+Diener begleitete ihn in sein Zimmer, z&uuml;ndete die
+Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei.
+Arnold sch&uuml;ttelte den Kopf. Er sah seinen Reisekoffer
+vor sich stehen und ohne einen der pr&auml;chtigen
+St&uuml;hle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf
+und versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte
+er sein Herz in der Hand, drehe es hin und her, aber
+es war stumm. Pl&ouml;tzlich sah er viele Wege; jeder
+f&uuml;hrte dorthin, wo man m&uuml;helos Gerechtigkeit erlangte.
+War es denn etwas so Gro&szlig;es, diese Gerechtigkeit?
+so vielen Zorns, so vieler Gedanken wert?
+Arnold sch&auml;mte sich und kam sich vor wie jemand,
+der mit Pferd und Wagen kommt, um eine Maus
+<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131"></a>[131]</span>aufzuladen. Sein Vorhaben erschien ihm leicht und
+selbstverst&auml;ndlich. Er begann vor sich hinzupfeifen,
+als es an der T&uuml;r pochte; Friedrich Borromeo trat ein.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Abend, Arnold,&laquo; sagte er in seiner gemessenen
+Sprechweise, &raquo;hast du dich schon ein wenig
+zurechtgefunden?&laquo; Vorsichtig hob er mit der &auml;u&szlig;eren
+Seite der Hand seinen Bart empor und legte den
+Kopf gegen die Schulter.</p>
+
+<p>Arnold trat vor ihn hin. &raquo;Zurechtgefunden? Nein,
+Onkel. Zurechtfinden kann ich mich hier nicht. Also
+sage mir, was soll ich tun? Wie soll ich&#8217;s anfangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei, ei, so ungest&uuml;m,&laquo; erwiderte Borromeo. Er
+gab es endlich auf, seinen Bart zu bestreichen, schritt
+zum Tisch, setzte sich auf einen der Polstersessel und
+nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
+zwischen den Mittelfingern beider H&auml;nde behielt. &raquo;Du
+willst also dieser eingesperrten J&uuml;din zur Freiheit verhelfen,&laquo;
+sagte er mit einem kaum wahrnehmbaren
+L&auml;cheln. &raquo;Ich verstehe deine Beweggr&uuml;nde. Du
+bist jung. Du bist begeistert. Du kannst dich noch
+entr&uuml;sten. Sch&ouml;n. Aber was willst du allein ausrichten?
+Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann
+<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'kein'">keine</ins> Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von
+deinem idealen Unternehmen abbringen, ganz im
+Gegenteil.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;rde dir auch nichts n&uuml;tzen,&laquo; warf Arnold
+trocken und etwas ungeduldig dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Sch&ouml;n. Aber betrachten wir die Sache einmal
+von einem andern Standpunkt, von einem praktischen
+sozusagen. Zuf&auml;llig war es diese Klostergeschichte, die
+dich in Aufruhr gebracht hat. Es h&auml;tten Millionen
+<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132"></a>[132]</span>andere sein k&ouml;nnen. Nehmen wir nur unser Land,
+ja nehmen wir nur einmal Galizien. Die Regierung
+dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den Tod.
+Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie
+ver&uuml;ben die ungeheuerlichsten Diebst&auml;hle. Der Wucher
+bl&uuml;ht wie anderswo im Mittelalter. Die L&auml;nderbank
+ist verkracht, weil ein F&uuml;rst und ein Graf sie durch
+Betr&uuml;gereien ins Verderben gest&uuml;rzt haben. Hast
+du von den Cziriskawer Gruben geh&ouml;rt? Die hungernden
+Arbeiter mu&szlig;ten zusehen, wie die Aktion&auml;re einander
+und der Direktor die Aktion&auml;re um Tausende
+von Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder
+f&uuml;r die in Krankheit und Hunger vegetierenden Bauern
+werden zur&uuml;ckgehalten; auf den gro&szlig;en G&uuml;tern wird
+der Arbeitslohn in Pappendeckelst&uuml;cken statt in Geld
+ausgezahlt. Was ist dagegen deine Klostergefangene?
+Urteile selbst. Schau dich nur um. Es gibt viel zu
+tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
+Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals
+deinem Willen entgegentreten. Ich werde nie fragen,
+ob das auch gut ist, was du tust, sondern immer annehmen,
+da&szlig; es das beste ist. Ich lasse dir freie Verf&uuml;gung
+&uuml;ber dein Verm&ouml;gen, deine Zeit, deine Person.
+Aber lerne erst erkennen, wo du Hand anzulegen
+hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
+M&auml;nner; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen
+Land bedarf es nicht nur eines ganzen Menschen,
+einer gro&szlig;en Leidenschaft, einer reinen Seele,
+sondern auch eines aufs h&ouml;chste gebildeten, praktischen
+Geistes. Erfahrungen braucht es und Kultur. Das
+ist eben die Probe, Arnold, in der du dich bew&auml;hren
+<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133"></a>[133]</span>mu&szlig;t. &Auml;u&szlig;erlich mu&szlig;t du sein wie alle andern, mu&szlig;t
+dich kleiden wie sie, mu&szlig;t ihre Formen und Gebr&auml;uche
+annehmen; aber deine Hand mu&szlig; sauber bleiben,
+deine Seele rein. Und trotz alledem mu&szlig;t du dich
+durchk&auml;mpfen, hinaufk&auml;mpfen. Das ist das Problem.
+Dann wird es dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser
+zu befreien. Heute ist es unm&ouml;glich f&uuml;r dich wie f&uuml;r
+jeden andern. Du h&auml;ttest keine andern Wege als
+jene Leute selbst, du w&uuml;rdest nirgends eine werkt&auml;tige
+Hilfe finden. Und deine Kr&auml;fte ins Phantastische
+hinein verschwenden, das w&auml;re doch sinnlos.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sa&szlig; weitvorgebeugt auf seinem Koffer und
+ein k&uuml;hler Schauder fuhr ihm &uuml;ber die Haut. Er
+f&uuml;hlte Zorn und R&uuml;hrung. Er begriff und wollte
+sich dennoch verschlie&szlig;en. Er sah ein, da&szlig; das alles
+seine Richtigkeit hatte und w&uuml;nschte doch, es nicht geh&ouml;rt
+zu haben.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm
+aufzustellen,&laquo; fuhr Borromeo fort, &raquo;so w&auml;re es dies:
+fange an, dich &uuml;ber alles m&ouml;gliche zu unterrichten.
+Belehre dich. Halte dich an die B&uuml;cher und an gescheite
+Menschen. Bereite dich f&uuml;r ein Amt vor. Eine
+Regelm&auml;&szlig;igkeit wird sich dir bald von selbst ergeben,
+vielleicht auch der Beistand eines Freundes. Du hast
+alle Gaben, um zu einem sch&ouml;nen Ziel zu gelangen.
+Der unersch&uuml;tterliche Wille besiegt jedes Hindernis.
+Und um mit zwei Worten noch einmal alles zu sagen:
+Bleib und werde!&laquo;</p>
+
+<p>Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo
+ums Reden wurde, denn er schwieg jetzt mit einem
+erleichterten und m&uuml;den Gesicht und lie&szlig; den Blick
+<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134"></a>[134]</span>langsam von dem Elfenbeinmesser aufw&auml;rts gegen
+das Licht schweifen. Arnold hatte den Kopf auf
+beide H&auml;nde gest&uuml;tzt und sein Gesicht verborgen. Was
+in ihm k&auml;mpfte und brauste, das ahnte Borromeo
+und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin
+und legte Arnold die Hand auf die Schulter. &raquo;Nun?&laquo;
+fragte er leicht und kurz.</p>
+
+<p>Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem
+Sitz empor. Seine Wangen gl&uuml;hten. &raquo;Man kann
+das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen&laquo;,
+sagte er. &raquo;Man kann beides tun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;O gewi&szlig;, man kann beides tun&laquo;, antwortete
+Borromeo. &raquo;Insofern keine Gefahr ist, da&szlig; man
+sich verzettelt. Gewi&szlig;. Die Erfahrung wird darin
+dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich,
+da&szlig; du nicht verstockt bist. Von den Idealisten ohne
+Kopf hab ich nie etwas gehalten. Sie schaden mehr
+als sie n&uuml;tzen. Gute Nacht, Arnold.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gaben einander die Hand.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Dreiundzwanzigstes_Kapitel" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel"></a>Dreiundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen.
+Zwei Tage sp&auml;ter war er im Besitz von vier
+modischen Anz&uuml;gen; das Zubeh&ouml;r an W&auml;sche war
+vorher besorgt worden. Zaudernd und umst&auml;ndlich
+bekleidete sich Arnold mit den neuen Dingen.
+Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte
+an seinem Bild herab wie an einem fremden
+<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135"></a>[135]</span>Mann. Aha, redete er sich selbst an, da w&auml;rst du
+also, lieber Bruder, siehst immerhin merkw&uuml;rdig aus,
+wie der Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das
+Gesicht und konnte sich lange nicht entschlie&szlig;en, das
+Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
+zur &ouml;ffentlichen Bibliothek wollte. Als es &uuml;berwunden
+war und er mit ungewohnter Langsamkeit die Treppen
+hinunter schritt, sah er im Korridor Anna Borromeo
+mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen.
+Frau Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der
+Fremden: &raquo;Dies ist mein Neffe, Herr Ansorge.&laquo;
+Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die
+fremde Dame und sagte: &raquo;Frau Natalie Osterburg.&laquo;
+Arnold reichte sofort nach seiner Gewohnheit die Hand
+und versp&uuml;rte eine andere Hand, deren Winzigkeit ihn
+verbl&uuml;ffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz,
+er m&ouml;ge sie loslassen; Anna Borromeo l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Also <em class="gesperrt">das</em> sind Sie!&laquo; sagte Natalie Osterburg, und
+das neugierige Kindergesichtchen hinter dem schwarzen
+Schleier blieb Arnold fragend zugewandt. &raquo;Petra
+hat mir von ihm erz&auml;hlt, aber ich finde, er ist ganz
+h&uuml;bsch.&laquo; Ein k&ouml;stliches Aber.</p>
+
+<p>Arnold f&uuml;hlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen,
+weshalb er ohne weiteres sein Kommen versprach,
+als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
+und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu
+Anna Borromeo, was wie das Gepl&auml;tscher eines
+Springbrunnens klang, lachte, fragte mit kindlichem
+Ernst nach gleichg&uuml;ltigen Dingen, war ungl&uuml;cklich &uuml;ber
+das drohende Regenwetter, sagte, sie habe die gr&ouml;&szlig;te
+Eile nach Hause zu kommen, verga&szlig; es jedoch sogleich
+<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136"></a>[136]</span>und fragte Arnold, ob er reiten k&ouml;nne. &raquo;Ich habe
+Sie mir als eine Art wilden J&auml;ger vorgestellt, denken
+Sie nur, wie komisch&laquo;, meinte sie und lachend beugte
+sie den Oberk&ouml;rper vor. Darauf verabschiedete sie
+sich und Frau Borromeo schien sehr erleichtert, als
+sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
+Spiel der Augen und ihn verdro&szlig; das liebensw&uuml;rdige
+L&auml;cheln, das Hinabbeugen &uuml;ber die Treppenbr&uuml;stung,
+das Winken mit der Hand, womit Anna Borromeo
+ihrem Gast das Geleit gab.</p>
+
+<p>Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddrei&szlig;ig
+Jahre noch die zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur.
+Begeisterung und Neugierde waren die zwei
+Gef&uuml;hle, von denen sie v&ouml;llig beherrscht wurde. Sie
+war lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete,
+und damit brachte sie manches vern&uuml;nftige Gespr&auml;ch
+und manchen ernsthaften Mann aus dem Gleise.
+Sie war stolz auf ihre kleinen F&uuml;&szlig;e und H&auml;nde; sie
+war eitel, geschw&auml;tzig, naschhaft, vergn&uuml;gungss&uuml;chtig,
+aber sie gewann ihren Tadlern einen Vorsprung ab,
+indem sie Gest&auml;ndnisse ablegte und sich verspottete.
+Wenn sie sprach oder ging oder sa&szlig; oder lachte, dann
+leuchtete es vor Freude in ihren Augen, da&szlig; es m&ouml;glich
+war, so sprechen, gehen, sitzen und lachen zu
+k&ouml;nnen wie sie. F&uuml;r die Ausbr&uuml;che ihrer Bewunderung,
+ihrer &Uuml;berraschung gab es kein zu kostbares
+Wort und keinen Gesichtsausdruck, der schw&auml;rmerisch
+genug war; in derselben Minute interessiert sie sich
+&raquo;rasend&laquo; f&uuml;r einen Klatsch und zappelt vor Ungeduld
+dar&uuml;ber, da&szlig; sie einen Traum, einen Namen, den
+Titel eines Buches vergessen hat. Sie hat zwei
+<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137"></a>[137]</span>Kinder, M&auml;dchen von zehn und acht Jahren, und
+sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu
+erz&auml;hlen, als sei das Dasein von Kindern etwas sehr
+Seltenes und als seien ihre Kinder die wunderbarsten
+auf der Erde.</p>
+
+<p>Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstm&auml;dchen,
+wo der gn&auml;dige Herr sei. Im Salon, wurde
+ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester zu
+und fl&uuml;sterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie
+schlo&szlig; erblassend die Augen und legte den Kopf gegen
+den Nacken. Petra sah sie mitleidig an und wandte
+sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die
+Mutter mit z&auml;rtlich verdrehten Ausdr&uuml;cken begr&uuml;&szlig;ten.</p>
+
+<p>Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem
+Schlafgemach nebenan drang ein ungew&ouml;hnlicher
+L&auml;rm. Natalie &ouml;ffnete mit theatralischer Langsamkeit
+die T&uuml;r und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt.
+Er war im Begriff, sich zu waschen und rieb den
+K&ouml;rper mit einer Heftigkeit, als sei die Haut mit
+Teer beschmiert; dabei prustete, pl&auml;tscherte, st&ouml;hnte
+und zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet
+ist. Natalie betrachtete ihn mit einem ma&szlig;losen
+Erstaunen und einer zur H&auml;lfte gespielten Verachtung.
+Herr Osterburg legte verdrie&szlig;liche und
+eifervolle Falten in sein Gesicht, w&auml;hrend er mit
+einem Flanelltuch die behaarte Brust trocknete und
+&auml;chzend den R&uuml;cken rieb.</p>
+
+<p>&raquo;Also so weit sind wir wieder, so fallen deine
+sichern Gesch&auml;fte aus,&laquo; sagte Natalie.</p>
+
+<p>Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden
+mit Kn&ouml;pfen, zog es aber nicht an, sondern legte
+<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138"></a>[138]</span>sich mit nacktem Oberk&ouml;rper auf die Ottomane. Er
+hob das Bein ein wenig in die H&ouml;he und betrachtete
+seinen Lackschuh. Dann tat er einen tiefen Seufzer,
+warf sich empor, wie von einer Feder geschnellt und
+sagte d&uuml;ster und verlegen: &raquo;Ja, reich sein, reich sein,
+das ist das einzige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Idiot&laquo;, murmelte Natalie.</p>
+
+<p>Osterburg verfiel in ein starrkrampf&auml;hnliches Besinnen
+und betastete mit sorgenvoller Stirn die fette
+Gegend seines Magens. Erst als ihn fr&ouml;stelte, dachte
+er daran sich anzukleiden. &raquo;Ich bin ruiniert&laquo;, sagte
+er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte
+die Faust gegen die Decke und schrie. &raquo;Meinen
+heiligsten Schwur, da&szlig; ich in drei Wochen eine halbe
+Million haben werde, oder&nbsp;&#8211;&laquo; Er deutete mit
+prophetischem Ausdruck ins Unbestimmte und schwieg
+wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie gelassen
+und erwartungsvoll anschaute.</p>
+
+<p>Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten
+in das Zimmer ihrer Kinder. &raquo;Liebste Petra!&laquo; rief
+sie, &raquo;komm, ich will zur Mutter.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun?&laquo; fragte Petra in ihrer &uuml;berlegenen Weise.</p>
+
+<p>Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut:
+&raquo;Jaja. Aber du wei&szlig;t, ich habe die Schneiderin
+zur Mutter bestellt, damit mein Mann das Kleid nicht
+sieht. Rasch, sonst wird es zu sp&auml;t zum Probieren.&laquo;
+Sie k&uuml;&szlig;te etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand
+mit sarkastisch-ergebenem L&auml;cheln abseits.</p>
+
+<p>Kaum hatte Osterburg bemerkt, da&szlig; er allein sei,
+so erhob er sich, sch&uuml;ttelte unwillig den Kopf und
+fletschte die Lippen. Dann verf&uuml;gte er sich in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139"></a>[139]</span>K&uuml;che und fragte die K&ouml;chin, was sie zu essen habe.
+Schwerm&uuml;tig stand er am Herd und stierte in die
+Pfanne. Die K&ouml;chin z&auml;hlte ihren Speisezettel an den
+Fingern ab, und Osterburg schlurfte anscheinend betr&uuml;bt
+wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer
+einzigen Idee erf&uuml;llt: Geldquellen zu entdecken, Gold
+in Str&ouml;men aufzufangen um jeden Preis, durch jedes
+Mittel. Ihm schien, das Geld m&uuml;sse f&uuml;r ihn auf der
+Stra&szlig;e liegen und er brauche nur hingehen und sich
+b&uuml;cken.</p>
+
+<p>Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten,
+fragte diese, was mit Osterburg vorgegangen sei, er
+benehme sich so sonderbar.</p>
+
+<p>&raquo;Er ist der gr&ouml;&szlig;te Narr, den es gibt, Mama&laquo;, versetzte
+Natalie kalt.</p>
+
+<p>&raquo;Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind&laquo;, meinte
+die alte Dame und ging zu ihrem Stuhl zur&uuml;ck.
+Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich vorw&auml;rts.
+Der Oberk&ouml;rper, weit zur&uuml;ckgeneigt, schien nur lose
+mit den Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen
+etwas Automatisches erhielten. Bei jedem Schritt
+nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
+war farblos und hatte etwas von einem Sandstein,
+der vom Wasser zernagt ist. Sie hatte die Miene
+einer abgesetzten K&ouml;nigin. F&uuml;r die plumpeste Schmeichelei
+empf&auml;nglich, war sie zugleich harmlos und
+boshaft, gebrechlich und z&auml;he, z&auml;nkisch und liebevoll.
+Diese Frau hatte die Rasse verdorben. Sie
+hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche
+die Klarheit und Regelm&auml;&szlig;igkeit der Kristalle unm&ouml;glich
+ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140"></a>[140]</span>&raquo;Glaubst du, Mama, da&szlig; hellgr&uuml;n mich zu bla&szlig;
+macht?&laquo; fragte Natalie, die mit Ungeduld auf das
+Kleid wartete.</p>
+
+<p>&raquo;Mama, du sollst nicht so viel herumgehen&laquo;, mahnte
+Petra.</p>
+
+<p>&raquo;Zu meiner Zeit gab es andere Ehen&laquo;, sagte Frau
+K&ouml;nig mit rasselnder Stimme. &raquo;Da war nichts als
+Einigkeit, Frieden, Gef&auml;lligkeit. Oft sag ich zu Petra
+... nicht wahr, Petra&nbsp;&#8211;?&laquo;&nbsp;...</p>
+
+<p>&raquo;Pottgie&szlig;er hat eine r&ouml;mische Statue aus Spalato
+angekauft&laquo;, wandte sich Natalie an Petra. &raquo;Einen
+Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, aus
+der besten Zeit, sagt die Borromeo.&laquo;</p>
+
+<p>So redete jede der drei Frauen von etwas anderem,
+und sie schienen einander trotzdem zu verstehen. Sie
+waren beweglich wie die Ringe im Wasser, die, um
+denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie ber&uuml;hren
+k&ouml;nnen.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Vierundzwanzigstes_Kapitel" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel"></a>Vierundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs,
+f&uuml;llten sich schon von f&uuml;nf Uhr ab die
+Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg
+stand bei einer Gruppe junger Leute und prahlte
+mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf welches niemand
+gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als
+jemand dies bezweifelte, konnte Martin nur noch
+zwei Leute zugeben, die ebenfalls auf dieses Pferd
+gesetzt h&auml;tten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
+<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141"></a>[141]</span>dieser Sieg sei lange vorher ein &ouml;ffentliches Geheimnis
+gewesen, da wurde Osterburg vor Verachtung um
+f&uuml;nf Zentimeter l&auml;nger, und seine grauen, b&uuml;rstenartig
+emporstehenden Haare erschienen wie lauter
+entr&uuml;stete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber
+war er wieder freundlich, begr&uuml;&szlig;te Emerich Hyrtl
+und Armin Pottgie&szlig;er, den von allen gef&uuml;rchteten
+Pottgie&szlig;er. Pottgie&szlig;er war B&ouml;rsenmann, Zeitungsbesitzer,
+Volksfreund, Regierungsfreund und vor
+allem war er unerme&szlig;lich reich.</p>
+
+<p>Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge
+ein. Dies war die Stunde, die ihm Natalie bestimmt
+hatte und anstatt Natalies sah er eine Menge unbekannter
+Menschen. Hinter ihm blieb die T&uuml;re ge&ouml;ffnet
+und eine alte wie ein Fabeltier aufgeputzte
+Dame, welcher zwei junge M&auml;dchen folgten, schob
+Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
+Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen;
+sie hatte nicht geglaubt, ihn heute schon bei sich zu
+sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach Hyrtls
+Bericht f&uuml;rchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold.
+Sie reichte ihm die Hand und war sch&uuml;chtern vor
+lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr zu folgen und
+f&uuml;hrte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem
+Winkel sa&szlig;en. &raquo;Verzeiht,&laquo; sagte sie, &raquo;hier ist ein
+Ausnahmsgast.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war
+hei&szlig;. &raquo;Ist hier eine Versammlung, Fr&auml;ulein?&laquo; fragte
+er, indem er Petra erwartungsvoll anschaute. Das
+junge M&auml;dchen err&ouml;tete, lachte, war verwundert und
+wu&szlig;te nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon
+<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142"></a>[142]</span>von Vornehmheit dasa&szlig;, verlor den gleichg&uuml;ltig-gr&auml;mlichen
+Ausdruck, der in seinen Z&uuml;gen vorherrschte und
+sagte liebensw&uuml;rdig: &raquo;Lassen Sie sich nicht beirren.
+Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile
+vergessen, wenn sie einen andern sich langweilen
+sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Petra, die durch Arnolds h&ouml;fliche Aufmerksamkeit,
+mit der er den Worten Hyrtls lauschte, ger&uuml;hrt wurde,
+l&auml;chelte und ihre Augen nahmen pl&ouml;tzlich im Lampenlicht
+ein sch&ouml;nes, tiefes Blau an.</p>
+
+<p>Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und
+schwarzen, frechen Augen n&auml;herte sich. &raquo;Freund
+Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus&laquo;, sagte er
+mit offenbarer Geringsch&auml;tzung.</p>
+
+<p>&raquo;Bei mir hat jedes H&auml;rchen seine Bedeutung&laquo;, entgegnete
+Hyrtl mit unschl&uuml;ssiger Selbstironie.</p>
+
+<p>&raquo;Dann m&uuml;ssen Sie aber mit den Jahren viel an
+Bedeutung eingeb&uuml;&szlig;t haben&laquo;, sagte der junge Mann.
+Hyrtl lachte gutm&uuml;tig-widerwillig und verzog ver&auml;chtlich
+das Gesicht. Beide verachteten einander aufs
+&auml;u&szlig;erste. Petra spielte mit ihrer Uhrkette.</p>
+
+<p>Was reden sie? dachte Arnold best&uuml;rzt. Er blickte
+Petra an, sah r&uuml;ckw&auml;rts in das Zimmer, dann gegen
+das Fenster und dachte abermals: was reden sie?</p>
+
+<p>Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt
+von Reden, von H&ouml;ren, von L&auml;cheln. Mit leichter
+Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds Schulter;
+er blickte &uuml;berrascht empor. &raquo;Nun was treiben Sie?&laquo;
+fragte sie, mit den Augen zwinkernd.</p>
+
+<p>Auf einmal, er wu&szlig;te nicht, wie es kam, begann
+er zu erz&auml;hlen. Vielleicht war es der Trieb, sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143"></a>[143]</span>aufzuschlie&szlig;en oder f&uuml;hlte er das Verlangen, seine
+Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
+Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden
+und wie alle M&uuml;he vergebens gewesen war, ihm zu
+seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe er sein
+Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er
+blickte jeden der drei Zuh&ouml;rer leuchtend an, als ob
+er &uuml;berzeugt sei, da&szlig; sie sich gleich ihm selbst f&uuml;r
+diese Sache entflammen w&uuml;rden. Er war in seiner
+Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm
+den Respekt jener nichtigen Menschen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja riesig interessant&laquo;, rief Natalie aus, als
+er geendet.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem
+Juden&laquo;, bemerkte Hyrtl frostig.</p>
+
+<p>&raquo;An der Geschichte ist freilich nichts Neues,&laquo; erwiderte
+Natalie; &raquo;aber da&szlig; er sich so daf&uuml;r ins Zeug
+legt, ist doch interessant.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man m&uuml;&szlig;te etwas daf&uuml;r tun&laquo;, sagte Petra, die
+sich sch&auml;mte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mit meinem Freund, dem Minister
+Schrott sprechen&laquo;, entgegnete Hyrtl, indem er auf
+die Uhr blickte.</p>
+
+<p>&raquo;Daf&uuml;r w&uuml;rde ich Ihnen sehr dankbar sein&laquo;, sagte
+Arnold warm.</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie&laquo;, sagte Natalie.</p>
+
+<p>Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte
+ihm etwas Wichtiges mitteilen, indessen f&uuml;hrte sie
+ihn zu ihrem Mann und sagte: &raquo;Da ist er.&laquo; Und als
+Martin ein dummes Gesicht machte, f&uuml;gte sie feierlich
+hinzu: &raquo;Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144"></a>[144]</span>Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm
+sogleich in den Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den
+Mund und sagte kauend: &raquo;Ist es wahr, da&szlig; Sie bis
+jetzt in einer H&ouml;hle gelebt haben? Alle Welt erz&auml;hlt
+davon.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sah den Mann &uuml;berrascht an und wu&szlig;te
+nicht, was er aus ihm machen sollte. Er b&uuml;ckte sich,
+um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich blitzte,
+dann ging er zur T&uuml;re, verlie&szlig; den Raum und suchte
+drau&szlig;en seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete
+er tief die k&uuml;hle Luft ein. Unten im Flur &uuml;berholte
+er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und
+sich nun mit einem gedrehten, m&uuml;hsam elastischen
+Schritt gegen die Stra&szlig;e bewegte, wo sein Wagen
+wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
+es schien, als s&auml;&szlig;e auf k&uuml;nstlichen Beinen ein h&ouml;lzerner
+Rumpf. Auch der Kopf schien mit Kunst in die
+Schultern eingedreht, und der allzukurze Hals verschwand
+im Pelz <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'der'">des Mantels.</ins> In allen Bewegungen,
+in jedem Blick lag dr&uuml;ckende Langeweile und trostlose
+Ruhe.</p>
+
+<p>&raquo;Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?&laquo;
+fragte er h&ouml;flich und wohlwollend. Er schritt zu den
+Pferden, patschte den Tieren auf die Lenden, und die
+Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.</p>
+
+<p>Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit gro&szlig;en
+Augen. Er empfand pl&ouml;tzlich Neugier, den Mann von
+innen zu sehen, oder doch ohne Kleider, vielleicht
+schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?&laquo; fragte
+Hyrtl. Er hatte den Wagenschlag ge&ouml;ffnet, stellte
+<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145"></a>[145]</span>einen Fu&szlig; auf das Trittbrett und z&uuml;ndete eine
+Zigarette an. &raquo;Es ist eine ganz interessante Familie&laquo;,
+fuhr er fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu
+kehren. &raquo;Das was Sie oben sehen, ist alles Maskerade.
+Die Leute sind verschuldet vom Boden bis
+in den Keller. Hinter den M&ouml;beln und Bildern
+h&auml;ngen die Pf&auml;ndungssiegel. Die St&uuml;hle, worauf
+sie sitzen, geh&ouml;ren ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die
+wir oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld
+gekocht. Natalie betr&uuml;gt ihren Mann und Osterburg
+betr&uuml;gt seine Frau. Es ist alles Schwindel, was Sie
+da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
+Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres
+M&auml;dchen. Na, adieu, leben Sie wohl.&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit
+eleganter Bewegung dem Kutscher das Zeichen, zu
+fahren.</p>
+
+<p>Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach
+kurzem &Uuml;berlegen beschlo&szlig; er, von neuem hinaufzugehen
+und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen,
+was dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter
+get&uuml;ncht waren; er erschien sich in wichtiger Angelegenheit
+hintergangen und wollte sich nun Wahrheit holen.</p>
+
+<p>Er eilte die Stufen empor, l&auml;utete, warf seinen
+Mantel auf einen Berg von andern M&auml;nteln und
+trat mit suchendem Gesicht in die Gesellschaftsr&auml;ume.
+Zwischen K&ouml;pfen und Schultern sah er Natalie wie
+durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und
+l&auml;chelte ihm zu wie einem vertrauten Freund. Sein
+Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
+Arnold suchte n&auml;her zu ihr zu gelangen, und pl&ouml;tzlich
+<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146"></a>[146]</span>vernahm er ihre Stimme hinter sich. &raquo;Denken Sie
+nur, was ich soeben h&ouml;re,&laquo; sagte sie mit einem vor
+Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; &raquo;Hanka
+hat sich verheiratet&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht
+nichts gewahren als Jubel, Liebensw&uuml;rdigkeit
+und Vergn&uuml;gen. Nein, der Mensch da drunten mu&szlig;
+gelogen haben, dachte er.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel" id="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel"></a>F&uuml;nfundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Er w&uuml;nschte zu wissen, wovon all die Leute
+sprachen, die sich hier zusammengefunden hatten.
+Mitteilsam gl&auml;nzten die Augen, voll Gesch&auml;ftigkeit
+&ouml;ffneten sich die Lippen, um zu schwatzen
+und zu lachen. Viele M&auml;nner waren feist und ansehnlich;
+andere sahen aus, als h&auml;tten sie schreckliche
+Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es
+war Baron Drusius, der seine Freude ausdr&uuml;ckte, ihn
+zu sehen. Er f&uuml;hrte ihn zu einem jungen M&auml;dchen,
+das eine Narbe auf der Wange hatte. &raquo;Meine
+Schwester&laquo;, sagte der Alte. Sie gr&uuml;&szlig;te fl&uuml;chtig,
+l&auml;chelte fl&uuml;chtig und wandte sich zu einem Herrn, der
+in majest&auml;tisch-nachl&auml;ssiger Haltung dastand und einem
+Menschen glich, welcher von dem Bewu&szlig;tsein unendlicher
+Geistes&uuml;berlegenheit erf&uuml;llt ist, dies aber in
+anma&szlig;ender Bescheidenheit zu verbergen w&uuml;nscht.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist der ber&uuml;hmte Bernay, eine Kapazit&auml;t&laquo;,
+fl&uuml;sterte Drusius Arnold zu. &raquo;Er will einen Staat
+<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147"></a>[147]</span>von freien Menschen gr&uuml;nden, ohne Steuern und
+ohne St&auml;dte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen,
+um einen Landstrich in Amerika anzukaufen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe
+gab dem verst&auml;ndigen Gesicht einen altj&uuml;ngferlichen
+Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
+fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerkl&auml;rliche
+Namennennen, Verbeugen, H&auml;ndedr&uuml;cken.
+Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
+Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf
+den man gro&szlig;e Hoffnungen setzt. Arnold gr&uuml;belte,
+weshalb sie freundlich seien, ohne da&szlig; sie ihn kannten;
+weshalb sie, zuerst kalt, pl&ouml;tzlich dies &uuml;berflie&szlig;ende
+Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die
+Hand gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu
+wissen und oft strahlte es feindselig und angstvoll
+aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen freundlich
+und leer.</p>
+
+<p>Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn
+zu und sagte: &raquo;Sind Sie nicht aus Podolin, Herr
+Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
+gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie k&auml;men aus
+Podolin. Sie kennen Hanka? Und kennen Sie auch
+seine Frau, diese Beate? Ja? Erz&auml;hlen Sie doch, &#8211;
+bitte!&laquo;</p>
+
+<p>Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz
+au&szlig;er sich vor Neugierde und bi&szlig; sich auf die Lippen
+vor Verdru&szlig;, da&szlig; sie nicht fr&uuml;her den Einfall gehabt,
+Arnold zu fragen.</p>
+
+<p>Arnold f&uuml;hlte sich abgesto&szlig;en durch das zudringliche
+Wesen. Nachdem er einige Sekunden &uuml;berlegend
+<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148"></a>[148]</span>geschwiegen, hob er in jener heitern Weise den Kopf,
+die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: &raquo;Herr
+Hanka h&auml;tte ein besseres Frauenzimmer finden k&ouml;nnen,
+glaube ich. Die Beate oder wie sie hei&szlig;t, ist dem
+Teufel zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">schlecht.&laquo;</ins></p>
+
+<p>Natalie erbla&szlig;te, sah sich erschreckt um, legte einen
+Finger auf den Mund und erwiderte betreten: &raquo;Was
+machen Sie denn, Sie komischer Mensch! Das d&uuml;rfen
+Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht,
+da&szlig; Doktor Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt,
+sonst k&ouml;nnen Sie sich sch&ouml;ne Unannehmlichkeiten zuziehen.
+Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
+f&uuml;r sich aufgezogen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist aber doch so, wie ich sage&laquo;, beharrte Arnold
+kalt. &raquo;Von mir aus mag sie treiben, was sie will,
+aber ich wei&szlig;, was ich wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Natalies Neugier war aufs &auml;u&szlig;erste gestiegen.
+Ungeduldig nahm sie Arnolds Arm und f&uuml;hrte
+ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
+Zwei alte Herren sa&szlig;en am Fenster und
+unterhielten sich leise; sie erhoben sich nun und
+gingen hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Also was wissen Sie? Erz&auml;hlen Sie! Erz&auml;hlen
+Sie!&laquo; begann Natalie sogleich.</p>
+
+<p>Arnold runzelte die Stirn. &raquo;Gar nichts erz&auml;hl&#8217; ich
+Ihnen&laquo;, antwortete er grob.</p>
+
+<p>Natalie sah ihn entsetzt an.</p>
+
+<p>Er aber fuhr fort: &raquo;Ist es wahr, da&szlig; Sie gar kein
+Geld haben, um die ganze Herrlichkeit zu bezahlen,
+die Sie da den Leuten vormachen? Ich hab&#8217; auch
+noch ganz andre Dinge geh&ouml;rt, davon will ich aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149"></a>[149]</span>jetzt nicht reden. Was treiben Sie denn eigentlich?
+Warum ist denn das so?&laquo;</p>
+
+<p>Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte
+&uuml;ber den ganzen K&ouml;rper, trat einen Schritt zur&uuml;ck
+und fl&uuml;sterte: &raquo;Was f&auml;llt Ihnen denn ein? Sind
+Sie toll geworden, Monsieur?&laquo;</p>
+
+<p>Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrie&szlig;lich.
+Als er jedoch ihre h&uuml;bschen Kinderaugen
+voll Tr&auml;nen sah, wurde er ger&uuml;hrt. &raquo;Wenn es nicht
+wahr w&auml;re, w&uuml;rden Sie nicht weinen&laquo;, bemerkte er
+treuherzig.</p>
+
+<p>Natalie h&auml;tte pl&ouml;tzlich lachen m&ouml;gen. Sie zog das
+Taschentuch und verbarg das Gesicht. Sie erstickte
+beinahe an dem unterdr&uuml;ckten Lachanfall. Dann kam
+ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst zur&uuml;ckverhalf.
+Er ist reich, dachte sie, man k&ouml;nnte seine Dummheit
+benutzen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein sonderbarer Mensch&laquo;, sagte sie, das
+Gesicht erhebend und unter Tr&auml;nen l&auml;chelnd. &raquo;Wir
+m&uuml;ssen ausf&uuml;hrlich miteinander reden, wir w&uuml;rden
+uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn
+ich allein bin.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold verabschiedete sich und ging.</p>
+
+<p>Er a&szlig; bei Borromeos zu Abend. &raquo;Wie hast du dir
+die Zeit vertrieben, Arnold?&laquo; fragte Anna Borromeo.</p>
+
+<p>Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte:
+&raquo;Ich will nicht die Zeit vertreiben. Ich will die Zeit
+halten.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Anna lachte.</p>
+
+<p>Borromeo liebkoste seinen Bart. &raquo;Er hat ganz
+recht&laquo;, sagte er. &raquo;Man sollte diese Redensarten immer
+<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150"></a>[150]</span>beim Schwanz packen und sie nicht lassen, bis sie zertreten
+sind.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und
+lauschte ihrem sp&auml;rlichen Gespr&auml;ch. Sie sprachen wie
+durch eine Wand. Sie sahen einander nie an, ohne
+da&szlig; in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit
+lag. Noch gestern h&auml;tte Arnold das nicht gesp&uuml;rt.
+Einen Augenblick lang wollte er das r&auml;tselhafte Dunkel,
+das zwischen den zwei Personen herrschte, durch eine
+ehrliche Frage ergr&uuml;nden. Da&szlig; er dies nicht vermochte,
+da&szlig; er einsah, das d&uuml;rfe nicht geschehen, war
+die Ursache zu tieferem Nachdenken. Wo er stand,
+wo er sa&szlig;, wohin sein Herz sich wandte, &uuml;berall wuchs
+ein Anderssein-M&uuml;ssen aus dem Boden.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Sechsundzwanzigstes_Kapitel" id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel"></a>Sechsundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden.
+Er blieb mit seiner jungen Frau vorl&auml;ufig
+in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
+Paris. Beate tr&auml;umte von Italien wie die kleinen
+B&uuml;rgerm&auml;dchen, die in der &Uuml;berlieferung der Hochzeitsreise
+aufgewachsen sind und sich darin vergn&uuml;gen,
+ihr gesellschaftlich anerkanntes Gl&uuml;ck spazieren zu f&uuml;hren.
+Einstweilen gab sie sich in der sch&ouml;nen Wohnung zufrieden,
+welche Hanka in einer Villa in D&ouml;bling eingerichtet
+hatte. Aber in heimlichen Augenblicken gestand
+sie sich, da&szlig; sie das Leben im abseits gelegenen
+H&auml;uschen eigentlich kenne, da&szlig; sie der Einsamkeit
+<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151"></a>[151]</span>m&uuml;de sei und da&szlig; sie endlich Menschen, Stra&szlig;en,
+B&auml;lle und Theater haben wolle. Sie stellte sich trotzdem,
+als sei Hankas Gl&uuml;ck auch das ihre. Sie stellte
+sich, als l&auml;se sie in den B&uuml;chern, die er ihr empfahl,
+als freue sie sich mit den B&uuml;sten, Stichen und Kunstdingen,
+mit denen sein Geschmack und sein Verst&auml;ndnis
+sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die
+Welt vergessen.</p>
+
+<p>Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen
+wie ein Pudel vor, der in der Sonne liegt und nach
+Fliegen schnappt, denn er geh&ouml;rte zu den Leuten,
+die sich im Gl&uuml;ck possierlich finden. Er betrieb historische
+und national&ouml;konomische Studien, gedachte
+seines fr&uuml;heren Lebens mit Abscheu und sah die Zukunft
+klar.</p>
+
+<p>Beates Z&uuml;ge wurden kr&auml;ftiger und energischer. Ihr
+Kinn r&uuml;ndete sich und um den bogenf&ouml;rmigen Mund
+legte sich das L&auml;cheln der Gewi&szlig;heit. Ihr K&ouml;rper
+zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die
+unter beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft
+war es, als sch&auml;me sie sich ihrer F&uuml;&szlig;e, ihrer H&auml;nde,
+ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde ihr L&auml;cheln
+auf der Stra&szlig;e. Dann redete sie Dinge, unter deren
+Schutz ein hartn&auml;ckiger und boshafter Gedanke zu
+schlummern schien. Hanka blieb f&uuml;r sie ein gro&szlig;es,
+ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravit&auml;t. Sie
+glaubte sich ihm &uuml;berlegen, denn seine Bildung
+sch&auml;tzte sie gering und die Art seines Geistes war ihr
+unbekannt.</p>
+
+<p>Unter allen Bekannten, die f&uuml;r Hanka in einem
+feindlichen Land hausten, suchte er sich doch Natalie
+<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152"></a>[152]</span>als eine Ausnahme heraus. F&uuml;r sie bewahrte er die
+Zuneigung eines Gro&szlig;vaters, nach ihrem bunten Geschw&auml;tz
+konnte er sich zuweilen w&uuml;nschen. Er hatte
+Beate diesen Besuch versprochen, aber zuerst wollte
+er allein gehen, die l&auml;stigen Fragen allein schlucken.</p>
+
+<p>Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie
+begr&uuml;&szlig;te ihn mit erk&uuml;nstelter Entr&uuml;stung. Ihr Gaumen
+schien von tausend Fragen zu springen. Hanka lehnte
+sich in den Sessel zur&uuml;ck, schlug schmunzelnd die Beine
+&uuml;bereinander und machte ein heiteres und geduldiges
+Gesicht. Natalie konnte nicht l&auml;nger an sich halten.
+&raquo;Doktor!&laquo; rief sie, &raquo;ist das eine Art, sich zu verheiraten?
+Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
+Wo ist Ihre Frau?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst mu&szlig; ich auskundschaften, meine Teure&laquo;, erwiderte
+Hanka humoristisch. &raquo;&Uuml;brigens freue ich mich,
+Sie wiederzusehen.&laquo;</p>
+
+<p>Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen
+war. Es geschah meist, wenn sie ihre stillen Vorstellungen
+&uuml;ber das Benehmen eines Menschen best&auml;tigt
+fand.</p>
+
+<p>Das Zimmerm&auml;dchen trat ein und sagte, ein Herr
+Ansorge sei da. Natalie nickte &uuml;berrascht und verlegen
+und gleich darauf kam Arnold. Hankas Verwunderung
+war au&szlig;erordentlich. Er blickte von einem
+zum andern und das erg&ouml;tzte Natalie. Sie kam sich
+wichtig vor und sah nun selbst etwas Geheimnisvolles
+in Arnolds Besuch. W&auml;hrend sie ihn begr&uuml;&szlig;te, kl&auml;rte
+Petra den erstaunten Hanka auf.</p>
+
+<p>Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete
+nur sp&auml;rlich auf Fragen. Er hatte geglaubt,
+<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153"></a>[153]</span>Natalie allein zu finden und es schien ihm nun,
+als ob sie &uuml;berhaupt nie allein sei. Natalie
+sp&uuml;rte auch so etwas heraus, denn sie war ziemlich
+kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor diesem
+Menschen.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben sich rasch zurechtgefunden&laquo;, sagte Hanka
+zu Arnold. &raquo;Ich dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt
+der Gesellschaft zu finden.&laquo; Trotzdem er nun
+wu&szlig;te, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
+f&uuml;r ihn immer noch etwas Unerkl&auml;rliches.
+Er war gewohnt, sich Natalie gegen&uuml;ber in einer unver&auml;nderlich
+trockenen und spa&szlig;haften Weise zu betragen;
+Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt
+und beide konnten stets hinter den Worten, womit
+sie einander spielerisch betrogen, etwas anderes suchen.
+Dies reizte heute Hanka nicht. Schlie&szlig;lich schwiegen
+sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller Verzweiflung
+studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase
+zu klein, den Mund h&auml;&szlig;lich, das Haar zu glatt und
+lachte endlich vor Zorn und Verlegenheit gerade hinaus.
+Das &auml;rgerte Arnold.</p>
+
+<p>Hanka erhob sich und Arnold entschlo&szlig; sich, mit
+ihm zu gehen. Natalie bat ihn, noch zu bleiben,
+aber er sch&uuml;ttelte den Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,&laquo;
+sagte sie; &raquo;wenn Sie heute keine Zeit haben, kommen
+Sie n&auml;chsten Donnerstag um f&uuml;nf Uhr.&laquo;</p>
+
+<p>Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn
+immerhin, und er w&auml;re nun am liebsten gleich dageblieben,
+doch wollte er mit Hanka reden, denn der
+stille Mann fing an, ihm zu gefallen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154"></a>[154]</span>&raquo;Was machen Sie eigentlich in Wien?&laquo; fragte
+Hanka auf der Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er
+neulich gegen Natalie, Petra und Hyrtl gebraucht,
+setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.</p>
+
+<p>Hanka machte gro&szlig;e Augen. &raquo;Um Himmelswillen,&laquo;
+sagte er, &raquo;das ist doch eine Donquichoterie.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der
+zog aus, um gegen Windm&uuml;hlen zu k&auml;mpfen. Lesen
+Sie doch die famose Geschichte. &Uuml;brigens, ich will
+Ihnen nicht zu nahe treten.&laquo; Er sah Arnold verstohlen
+von der Seite an und wu&szlig;te nicht, ob er ihn
+n&auml;rrisch oder bewundernswert finden sollte.</p>
+
+<p>Arnold verdro&szlig; jedoch diese Art zu reden, die ihm
+nun schon wohlbekannt war, und die ihm etwas
+Niedriges zu enthalten schien. An der n&auml;chsten
+Stra&szlig;enecke verabschiedete er sich daher kurz und
+br&uuml;sk.</p>
+
+<p>Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate
+lag auf einem Langstuhl und blickte regungslos an
+die Decke.</p>
+
+<p>&raquo;Schl&auml;fst du, Beate?&laquo; fragte Hanka v&auml;terlich.</p>
+
+<p>Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den
+F&uuml;&szlig;en unter dem Kleid strampelnd: &raquo;Ich langweile
+mich, ich langweile mich.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte
+g&auml;hnend die Arme und hielt sie dann vor sich, wie
+zu einer nachl&auml;ssigen Umarmung. Auf den ruhigen
+Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu
+machen, kleidete sie sich um und sa&szlig; bald darauf mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155"></a>[155]</span>festlichem Gesicht an seiner Seite im Wagen. Er
+sollte ihr erz&auml;hlen, und berichtete von Natalie. W&auml;hrend
+er umst&auml;ndlich und etwas gr&uuml;belnd seine Gedanken
+ausdr&uuml;ckte, verschlang Beate mit den Blicken
+die Leute der Stra&szlig;e und bemerkte nicht, da&szlig; Hanka
+mit sp&ouml;ttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung,
+lebendig und hungrig, sagte er sich, legte ein Bein
+&uuml;ber das andere und blies den Rauch seiner Zigarre
+mit der Vers&ouml;hnlichkeit eines alten Landpfarrers in
+die frische Fr&uuml;hlingsluft. Beate schmiegte sich n&auml;her
+an ihn, als l&auml;ge ihr daran, sich dankbar zu erweisen
+und sann in unergr&uuml;ndlicher Schlauheit nach Mitteln,
+um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte,
+war formlos, denn sie hatte mehr W&uuml;nsche
+als Gedanken. Alle Wege ihrer Phantasie waren
+mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
+selbst im Schlaf &uuml;berzogen. Um Besch&auml;ftigung zu
+haben, spann sie R&auml;nke gegen die Dienstboten, schrieb
+sie Briefe an eingebildete Personen, erz&auml;hlte sie erfundene
+Tr&auml;ume, streute sie Verleumdungen &uuml;ber
+Personen aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte.
+Es kam heraus, da&szlig; sie im Gartenh&auml;uschen eine
+Katze an den Beinen aufgeh&auml;ngt hatte. Hanka machte
+ihr Vorw&uuml;rfe. W&auml;hrend er dann ein Buch nahm und
+zu lesen begann, umarmte sie ihn und bi&szlig; ihn ins
+Ohr. Hanka ri&szlig; die Augen auf, ertappte ihren von
+Ungeduld, ja von Ha&szlig; gl&uuml;henden Blick und starrte
+sie sprachlos an. Sie wurde finster und nahm eine
+Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos bl&auml;tterte. Sich
+ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie
+lebte, lag ihr fern. Ihr war alles in solcher N&auml;he,
+<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156"></a>[156]</span>da&szlig; ihr Geist nicht zum Schauen, sondern nur zum Betasten
+kam. Sie wollte Leidenschaften um sich sehen.</p>
+
+<p>Hanka freilich f&uuml;hlte sich als den Herrn. Anders
+zu leben war ihm nicht m&ouml;glich. Gl&uuml;cklich sein hie&szlig;
+f&uuml;r ihn, unabh&auml;ngig sein und jeden Zustand des Behagens
+mit freiem Urteil abmessen zu k&ouml;nnen. Da
+er so nach Sicherheit im Innern strebte, gab er nach
+au&szlig;en Verl&auml;&szlig;lichkeit, eine Eigenschaft, worauf die
+Unverl&auml;&szlig;lichsten am meisten bauen und die sie am
+schnellsten entdecken.</p>
+
+<p>In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er
+drehte die elektrische Lampe auf und versuchte zu
+lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann st&uuml;tzte
+er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht.
+Es erschien ihm so fremd in seinem Schlaf, da&szlig; er
+einen leichten Schrecken versp&uuml;rte. Die krampfhaft
+verschlossenen Lider lie&szlig;en die dunkeln Streifen der
+Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gew&ouml;lbte
+Stirn war feucht, die wei&szlig;en Schl&auml;fen bebten unter
+dem Lauf des Blutes. Die Lippen bewegten sich in
+unh&ouml;rbaren Worten, welche vielleicht den Z&uuml;gen ihren
+verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka ber&uuml;hrte
+ihre Schulter, um sie von dem qu&auml;lenden
+Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und hatte
+ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre
+Arme um ihn pre&szlig;te und ihren K&ouml;rper fest an ihn
+schmiegte. &raquo;Ach Alexander,&laquo; fl&uuml;sterte sie mit gebrochener
+Stimme, &raquo;du mu&szlig;t mir etwas kaufen. Willst du?&laquo;</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei
+einem Juwelier gesehen. &raquo;Nie wieder will ich etwas,
+wenn du mir den Schmuck kaufst&laquo;, sagte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157"></a>[157]</span>Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam.
+Unzufriedenheit entstand in ihm. Gr&uuml;nde
+der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, aber
+sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
+Pr&uuml;fung ihrer harrte. Dennoch schlo&szlig; er Beate
+in alle Betrachtungen als das wertvollste Besitztum
+seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, das sich
+ihm aufbewahrt. Da&szlig; er selbst es gewesen, der in
+einer Handlung von dunkler Kraft schon so fr&uuml;he ihre
+Zukunft mit der seinen verkn&uuml;pft, das erschien ihm
+als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Siebenundzwanzigstes_Kapitel" id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel"></a>Siebenundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Als Arnold am folgenden Nachmittag in das
+Speisezimmer trat, waren Hyrtl und Pottgie&szlig;er
+bei Anna Borromeo.</p>
+
+<p>Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer
+gerufen. Ein B&ouml;rsen-Agent war drau&szlig;en, der
+sie zu sprechen w&uuml;nschte. Pottgie&szlig;er sprach von einer
+gro&szlig;en Gesellschaft, die demn&auml;chst in seinem Hause
+stattfinden sollte und lud Arnold ein.</p>
+
+<p>Anna Borromeo kam zur&uuml;ck. Sie war sehr bleich,
+sagte aber mit heuchlerischer Lebhaftigkeit: &raquo;Ich h&ouml;re
+eben, da&szlig; es im Parlament morgen eine Interpellation
+&uuml;ber den Fall Elasser gibt. Das ist doch was
+f&uuml;r dich, Arnold.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es&laquo;, erwiderte Arnold. &raquo;Ich habe den
+Abgeordneten unseres Bezirks dazu veranla&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158"></a>[158]</span>Hyrtl und Pottgie&szlig;er sahen ihn mit sonderbaren
+Blicken an.</p>
+
+<p>&raquo;Da k&ouml;nnen Sie einen netten Skandal erleben&laquo;,
+bemerkte Pottgie&szlig;er, indem sich sein Gesicht verfinsterte.
+&raquo;Wozu mischen Sie sich eigentlich da hinein?&laquo;
+wandte er sich an Arnold. &raquo;Die Juden sollen
+ihre Gesch&auml;fte selber austragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind doch auch ein Jude,&laquo; entgegnete Arnold
+verwundert und ma&szlig; ihn von oben bis unten. &raquo;Gestern
+erst hat mir&#8217;s jemand erz&auml;hlt, zuf&auml;llig.&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl
+spitzte moquant die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich <em class="gesperrt">war</em> ein Jude,&laquo; versetzte Pottgie&szlig;er scharf,
+&raquo;und ich hatte innerlich nie etwas mit Juden gemein.
+Aber lassen wir das.&laquo; Er lachte halb sp&ouml;ttisch, halb
+verlegen.</p>
+
+<p>Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls
+erhoben hatte und in der N&auml;he der T&uuml;re stand, dr&uuml;ckte
+ihm Hyrtl mit befremdlicher Herzlichkeit die Hand
+und sagte: &raquo;Kommen Sie doch einmal auf eine
+Stunde zu mir. Ich langweile mich so.&laquo; Nichts
+konnte ehrlicher klingen als diese wenigen Worte.
+Arnold schaute ihn gro&szlig; an und l&auml;chelte freundschaftlich.
+Er versprach, zu kommen.</p>
+
+<p>Er erwartete mit Ungeduld den n&auml;chsten Morgen.
+Als er im Zuh&ouml;rerraum des Parlaments sa&szlig;, war
+es unten noch leer. Langsam f&uuml;llten sich die Reihen,
+auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies
+anfangs den Schein der Feierlichkeit besessen hatte,
+sehr verursacht durch die Sch&ouml;nheit des Raums, war
+es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von
+<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159"></a>[159]</span>den Gestalten hier oben und dort unten besonders
+darboten. Denn diese Gesichter waren wie von einem
+Folterinstrument zu dem Ausdruck des Hohns, der
+Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesert&ouml;tung, des
+&Uuml;belwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und
+des fanatischen Hasses verzerrt. Indessen begn&uuml;gte
+sich Arnold mit dem Bewu&szlig;tsein, da&szlig; sich die Gesetzgeber
+des Landes hier versammelten und ein Teilchen
+des Volkes, das seine Richter und V&auml;ter kennen
+zu lernen w&uuml;nschte; es sei also besser zu h&ouml;ren, als
+zu sehen und n&uuml;tzlicher zu warten als zu urteilen.
+Erst mu&szlig; man sehen und lernen, dachte er, indem
+er dem Beginn der Verhandlungen lauschte und auf
+ein erschreckendes Geschrei aufmerksam wurde, wie
+unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus.
+Sobald n&auml;mlich der Name Elasser gefallen war, erhob
+sich ein bet&auml;ubender L&auml;rm, der in Schimpf- und
+Hohnreden bestand; viele erhoben sich, gestikulierten
+und br&uuml;llten; auch die Leute um Arnold fingen an
+zu lachen und zu br&uuml;llen, stiegen auf die B&auml;nke und
+schm&auml;hten gegen die Juden und dergleichen. Die
+Parteig&auml;nger gaben ihre Sache nat&uuml;rlich nicht auf;
+auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge.
+Dann kam einer zu Wort; er redete aber schlecht,
+stie&szlig; mit der Zunge an und ging um die eigentliche
+Sache feig herum. Niemand k&uuml;mmerte sich um das,
+was er sagte. Mitten in seinem hudelnden Gew&auml;sch
+erhob sich johlendes Gel&auml;chter, viele begannen wiederum
+zu schreien, zu pfeifen, zu zetern und das dauerte
+mindestens eine Viertelstunde lang, so da&szlig; ein richtiges
+Wort gar nicht mehr herausdrang.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160"></a>[160]</span>Pl&ouml;tzlich l&auml;utete der Pr&auml;sident, verk&uuml;ndigte den
+Schlu&szlig; der Debatte, und es wurde von etwas anderm
+gesprochen.</p>
+
+<p>Arnold schaute sich um, als ob er tr&auml;ume. Er
+hatte Lust, hinunterzuschreien und erhob unwillk&uuml;rlich
+die Faust. &raquo;Das ist ja heillos, was die da treiben&laquo;,
+sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem ungeheuerlichen
+Fettwanst, der ihn h&ouml;hnisch anstarrte.</p>
+
+<p>Er sprang auf, verlie&szlig; die Trib&uuml;ne, lief durch
+Treppen und G&auml;nge hinunter, kam in eine pr&auml;chtige,
+mit S&auml;ulen geschm&uuml;ckte Halle, wo pl&ouml;tzlich ein junger,
+gew&auml;hlt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
+gestreckten H&auml;nden und dem Ausdruck h&ouml;chster &Uuml;berraschung
+&raquo;Arnold!&laquo; rief. Arnold blickte empor und
+erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne waren
+so sehr von dem Vorgefallenen benommen, da&szlig; er
+leer nachdenkend in das Gesicht des ehemaligen
+Lehrers starrte. Specht war von dieser K&auml;lte unangenehm
+ber&uuml;hrt, lie&szlig; sich aber nichts merken, stellte
+Fragen &uuml;ber Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten,
+Neugier, aber auch voll Behagen, Lebenslust
+und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein Verlangen
+mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich.
+Auf der Stra&szlig;e dachte Arnold nicht mehr an die
+Begegnung.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer,
+als ihn Anna Borromeo rufen lie&szlig;. Er ging
+hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug
+ein wei&szlig;es, loses Gewand, welches &uuml;ber die F&uuml;&szlig;e
+hinweg seitlich zur Erde fiel. Den Kopf hatte sie
+hint&uuml;bergesenkt und die Augen geschlossen. Langsam
+<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161"></a>[161]</span>&ouml;ffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte
+ihm mit dem Arm, n&auml;her zu kommen. &raquo;Du siehst
+mich in Angst und Sorge, Arnold&laquo;, begann sie mit
+ruhiger Stimme. &raquo;Willst du mir aus einer gro&szlig;en
+Verlegenheit helfen?&laquo; Sie st&uuml;tzte sich auf den Ellbogen,
+hob sich empor und sah ihn erwartungsvoll an.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist es?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich
+heran und setzte sich aufrecht mit untergeschlagenen
+Armen. &raquo;Ich brauche nicht allein einen Helfer, sondern
+auch einen verschwiegenen Helfer&laquo;, sagte sie.
+&raquo;Nun das bist du, verschwiegen bist du, du bist ja
+ein Mann. Warum nimmst du nicht Platz?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel.
+&raquo;Erst mu&szlig; ich wissen, was es ist&laquo;, sagte er
+k&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch&laquo;,
+sagte die Frau und sah ihm starr in die Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel&laquo;,
+rief er aus. &raquo;So viel hab ich in meinem ganzen Leben
+nicht gebraucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe eine dr&uuml;ckende B&ouml;rsenschuld. Ich habe
+ungl&uuml;cklich spekuliert. Dein Onkel darf nichts davon
+erfahren. Ich verlange nat&uuml;rlich kein Geschenk von
+dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir&#8217;s zur&uuml;ckgeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah so!&laquo; sagte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der
+Hand&laquo;, fuhr Anna fort. Sie erhob sich und schritt,
+immer noch mit verschr&auml;nkten Armen, auf und ab.
+Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor
+<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162"></a>[162]</span>und sah das wei&szlig;e Kinn, den roten Mund und einen
+feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob er sich,
+trat zum Tisch, ri&szlig; ein Blatt aus dem Anweisungsbuch
+f&uuml;r die Bank, das er in der Tasche trug, nahm
+die Feder und schrieb.</p>
+
+<p>Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte
+und er ging. In seinem Zimmer angelangt, &ouml;ffnete
+er die Fenster, setzte sich rittlings auf einen Stuhl
+und schaute nachdenklich in die Luft.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Achtundzwanzigstes_Kapitel" id="Achtundzwanzigstes_Kapitel"></a>Achtundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Von den B&uuml;chern, mit denen sich Arnold neuerdings
+besch&auml;ftigte, machten die juristischen einen
+gro&szlig;en Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
+Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen,
+war nicht leicht und von einer glatten
+Stra&szlig;e sah er sich bisweilen in eine Wildnis verschlagen.
+Er erkannte dann stets, da&szlig; es gef&auml;hrlich
+sei, den Weg fortzusetzen und fing wieder am Anfang
+an. Damit war eine gewisse Erm&uuml;dung verkn&uuml;pft,
+und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
+Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem
+unberaten im fremdesten Gebiet sich zu finden. Allm&auml;hlich
+wurde es ihm schwer, die Ordnung zu bewahren,
+nach au&szlig;en und nach innen. Er wu&szlig;te nicht,
+ob das Leere wirklich leer sei und das Unverst&auml;ndliche
+nur ihm allein unverst&auml;ndlich. Nicht selten
+tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, um mit Geringsch&auml;tzung
+<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163"></a>[163]</span>wahrzunehmen, wie leicht der Schein
+von Tiefe zu vernichten sei. Aber vergebens suchte
+er Grenzen zu ziehen. Wie in dunklen N&auml;chten
+manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
+scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit,
+so geschah es hier. Er griff dahin und
+dorthin; Schwieriges erschien leicht, das Leichte un&uuml;berwindlich.
+Jeden Gedanken an Beistand schlo&szlig;
+er vorl&auml;ufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war
+der Meinung, da&szlig; keine fremde Weisung ihm die
+Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.</p>
+
+<p>Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht.
+Aber das Farbig-T&auml;uschende, ja sogar das Bildhafte
+erregte sein Mi&szlig;trauen, auch wo ein Meister schuf.
+Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
+ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht
+zu w&uuml;rdigen vermochte und er den Werken des Geistes
+naiv ihren unmittelbaren Nutzen abfragte.</p>
+
+<p>Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das
+Wirkliche an sich zu pressen. Torheit, Verbrechen,
+Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun in kalter
+N&auml;he und Trockenheit. Was Geschw&auml;tz und Schiefheit
+war, mu&szlig;te abgestreift werden. Vom Politischen
+blieb nur L&uuml;ge, Hader und T&auml;uschung; oder Namen:
+Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, G&uuml;terverteilung.
+Eine Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie
+ein Gefangener umher. Er wollte das Festeste ergreifen,
+das ihm erreichbar war, und so kam er zur
+Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien
+es heller zu werden. Pforten, denen Licht entstrahlte,
+&ouml;ffneten sich, durch eine Formel gesprengt. Wie die
+<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164"></a>[164]</span>Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
+nat&uuml;rliche Lage zur&uuml;ckkehrt, so erschlaffte weder, noch
+&uuml;berspannte sich sein Geist bei solcher Arbeit. Aber
+er &uuml;bersch&auml;tzte das Licht; er &uuml;bersch&auml;tzte die Klarheit,
+in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, der seine
+innere Flamme zur Beleuchtung nach au&szlig;en verwendet.</p>
+
+<p>Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die
+Gesellschaft bei Pottgie&szlig;er sein, zu der Arnold geladen
+war. Gegen vier Uhr brachte der Diener eine
+Karte mit dem Namen Maxim Spechts.</p>
+
+<p>Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich,
+sorgf&auml;ltig rasiert und frisiert, l&auml;chelnd und liebensw&uuml;rdig.
+Er schilderte alsbald das Leben, das er jetzt
+f&uuml;hrte, und mit innerer Unsicherheit versuchte er es,
+die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen
+geistigen Einklang zu bringen. Aber wenn jemand
+einen allzu vollen Becher tr&auml;gt, kann er nicht gut verbergen,
+da&szlig; seine Hand von der &uuml;berquellenden
+Fl&uuml;ssigkeit benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich.
+Er fragte sich umsonst, weshalb Specht gekommen
+sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
+Schullehrer geworden sei, der so gro&szlig;en Jammer mit
+dem Elend des Volkes empfunden hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen viel zu lesen&laquo;, bemerkte Specht, auf
+die zahlreichen B&uuml;cher blickend, die auf dem Tisch
+lagen. &raquo;&Uuml;brigens kann ich Ihnen einen Roman
+empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen
+das Buch leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf
+unsre heutige Gesellschaft.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Ich brauch&#8217; das
+nicht,&laquo; erwiderte er abwehrend. &raquo;Das Geistreiche
+<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165"></a>[165]</span>schmeckt mir nicht. Romane les&#8217; ich nicht. In den
+Romanen erbleichen die Leute zu oft.&laquo;</p>
+
+<p>Specht meckerte. &raquo;K&ouml;stlich&laquo;, sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?&laquo; fragte
+Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene
+Stellung gemacht. Ich sage Ihnen, Arnold, ich
+habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
+von denen ich mir fr&uuml;her in meiner Schullehrerweisheit
+nichts habe tr&auml;umen lassen. Es ist doch
+was Herrliches um so eine Gro&szlig;stadt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das haben Sie immer behauptet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und finden Sie das nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir zu viel, vorl&auml;ufig. Ich mu&szlig; mich
+erst hineinleben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergn&uuml;gen
+ins andere. Kostet aber auch teuflisches Geld;
+besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, Arnold!&laquo;
+Er schnalzte mit der Zunge. &raquo;Ich brauchte nur einen
+reichen Verwandten oder Freund,&laquo; fuhr er fort, &raquo;und
+ich w&uuml;rde es bis zum Minister bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.</p>
+
+<p>Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen,
+bald wieder zu kommen; er habe was auf dem Herzen,
+f&uuml;gte er hastig hinzu.</p>
+
+<p>Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Stra&szlig;e
+in einen eleganten Wagen steigen, der vor dem Haus
+gewartet hatte. Ei, dachte er, dem mu&szlig; es gut gehen.</p>
+
+<p>Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor
+Borromeo herauf, ob Arnold am Pottgie&szlig;erschen
+Abend teilnehmen w&uuml;rde. Arnold bejahte. Dieser
+<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166"></a>[166]</span>Abend stellte sich ihm nicht als Vergn&uuml;gen dar, sondern
+er betrachtete ihn ernsthaft als einen Teil seiner
+Aufgaben.</p>
+
+<p>Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte,
+ging er in das Zimmer seiner Frau. Leise trat er
+ein, als ginge er auf den Fu&szlig;spitzen. Anna sa&szlig; lesend
+am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fr&auml;ulein
+k&auml;mmte ihr das Haar. Der Doktor stutzte und wollte
+sich wieder entfernen.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?&laquo; fragte
+Frau Borromeo sanft. &raquo;Geben Sie acht, Lina,
+Sie tun mir weh,&laquo; wandte sie sich an das Fr&auml;ulein
+und klopfte ungeduldig mit dem Fu&szlig; auf den
+Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte dich nur verst&auml;ndigen, Anna, da&szlig; es
+mir unm&ouml;glich ist, zu Pottgie&szlig;er zu gehen,&laquo; sagte der
+Doktor.</p>
+
+<p>&raquo;Berufspflichten?&laquo; spottete Anna Borromeo, ohne
+den geringsten Verdru&szlig; zu zeigen. &raquo;Dann wird mir
+nichts &uuml;brig bleiben als ohne dich zu gehen,&laquo; f&uuml;gte
+sie kalt hinzu.</p>
+
+<p>Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden
+Biene nach. Er stand wie ein untert&auml;niger
+Auftragnehmer an der T&uuml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Dein Neffe wird mich f&uuml;hren, denke ich,&laquo; sagte
+Anna stirnrunzelnd.</p>
+
+<p>Der Doktor bejahte.</p>
+
+<p>&raquo;Er zeigt &uuml;berhaupt gl&auml;nzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,&laquo;
+fuhr sie fort. &raquo;Ich mu&szlig; gestehen,
+da&szlig; ich nach deiner Schilderung etwas anderes
+erwartet habe. Ich habe einen Himmelsst&uuml;rmer erwartet
+<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167"></a>[167]</span>und sehe nichts als einen stillen, jungen Mann,
+der sich ganz artig anzupassen versteht.&laquo;</p>
+
+<p>Das Frisierfr&auml;ulein war fertig und empfahl sich.
+Doktor Borromeo begann langsam auf und ab zu
+gehen und sich den Bart zu streichen. &raquo;Ich habe
+keinerlei Verantwortung daf&uuml;r &uuml;bernommen, bis zu
+welchem Grade du dich an Arnold am&uuml;sieren kannst,&laquo;
+sagte er endlich. &raquo;Wenn du an ihm nicht mehr findest,
+als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
+Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erb&auml;rmlicher,
+als wenn wir auf etwas herunterzublicken glauben,
+was hoch &uuml;ber uns steht.&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verst&auml;ndig
+genug, um einzusehen, da&szlig; sie einen falschen
+Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war anteilvoller,
+als sie rasch erwiderte: &raquo;Ganz gut; nehmen wir an,
+er ist das, was <em class="gesperrt">du</em> in ihm siehst. Warum scheint
+er dann so dumpf, so erstaunt, so simpel? Wenn so
+ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere Kreise versetzt
+wird, m&uuml;&szlig;te er doch wie Dynamit wirken. Aber
+es macht den Eindruck, als ob ihn alles kalt lie&szlig;e.
+Er l&auml;chelt und schaut und schweigt. Er hat sogar gelernt,
+sich in unserer Manier zu verbeugen. Warum
+h&ouml;re ich nichts von ihm, was mir Aufschlu&szlig; gibt?
+Warum tut er nichts, was mir imponiert?&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre
+Wangen waren bla&szlig;, der Ausdruck ihrer Augen
+leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
+leugnen. Sie ha&szlig;te, weil sie zu lieben sich f&uuml;rchtete.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen wir es,&laquo; sagte Borromeo verdrie&szlig;lich und
+wehrte mit der Hand ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168"></a>[168]</span>&raquo;Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegen&uuml;ber
+angenommen,&laquo; sagte Anna. &raquo;Es ist leicht, ein Thema
+abzubrechen, das einem &uuml;ber den Kopf w&auml;chst.&laquo;</p>
+
+<p>Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. &raquo;Du
+hast recht,&laquo; begann er sachlich, &raquo;aber w&uuml;rde es dich
+denn bekehren, wenn ich dir sagen w&uuml;rde, worin du
+irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein
+Charakter von nicht so hoher Bedeutung w&uuml;rde das
+tun, was du von Arnold erwartest. Er w&uuml;rde um
+sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
+Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat
+die Ruhe, das zu erwarten, was die Natur in ihm
+erschafft&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Er hielt inne, als er das ungl&auml;ubige L&auml;cheln Annas
+bemerkte, schob mit einem wunderlichen Ausdruck
+seinen Kragen zurecht und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>Anna Borromeo l&auml;utete dem Zimmerm&auml;dchen,
+welches &uuml;ber eine Stunde um sie besch&auml;ftigt war.
+Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat,
+kam auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete
+unten.</p>
+
+<p>Das Haus, welches Pottgie&szlig;er bewohnte, war eine
+Sehensw&uuml;rdigkeit. Marmorbelegte Fluren f&uuml;hrten
+zu den Empfangsr&auml;umen. Die S&auml;le waren so hochgebaut
+und luftvoll, da&szlig; auch die gedr&auml;ngteste Versammlung
+ihnen nichts von ihrer Weite zu rauben
+schien. Kostbare Kunstgegenst&auml;nde, Bilder, Statuen,
+Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in
+F&uuml;lle.</p>
+
+<p>Arnold gewahrte Natalie und begr&uuml;&szlig;te sie. Sie
+war in hellgr&uuml;nem Moireekleid, trug Perlen um den
+<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169"></a>[169]</span>Hals und Diamanten im Haar. Es war bezaubernd,
+sie l&auml;cheln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
+bewundere. W&auml;hrend sie an Arnolds Seite ging,
+gr&uuml;&szlig;te sie die Gr&uuml;&szlig;enden, schelmisch besch&auml;mt oder
+mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, jedermanns
+Erlebnisse wu&szlig;te sie zu erz&auml;hlen. Da war
+eine junge Frau, sechs Jahre verheiratet und noch
+kinderlos. Und warum? Weil sie es f&uuml;r unvornehm
+gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen,
+wurde der Storch abbestellt. Aber im
+zweiten Jahr kam auch keines, im dritten und im
+vierten auch nicht. Gro&szlig;er Familienrat; aber
+der Storch ist beleidigt und der Spr&ouml;&szlig;ling h&auml;lt
+es jetzt nicht mehr f&uuml;r vornehm, geboren zu
+werden.</p>
+
+<p>Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erz&auml;hlung.</p>
+
+<p>Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere
+Person, &#8211; ist es nicht unappetitlich, so mager zu
+sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster gest&uuml;rzt,
+weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich
+gefunden. Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser
+rotb&auml;rtige und vollbackige Herr hat gro&szlig;e Unterschlagungen
+ver&uuml;bt und nur seine herzlichen Beziehungen
+zur Gr&auml;fin Palansky haben ihn vor dem
+Kerker gesch&uuml;tzt. &raquo;Keine von diesen Frauen ist ihrem
+Manne treu,&laquo; fl&uuml;sterte Natalie, und Vergn&uuml;gen und
+Wohlwollen f&auml;rbte ihr Gesicht. &raquo;Sie naschen von
+jedem Tisch und sind &uuml;berall gleich satt. Tausend
+Geschichten kann ich Ihnen erz&auml;hlen. Es ist sehr
+h&uuml;bsch hier, nicht wahr?&laquo; So plauderte Natalie.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170"></a>[170]</span>Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal
+versicherte Natalie mit ihrer jauchzenden Kinderstimme,
+da&szlig; sie sich g&ouml;ttlich unterhalte. Petra senkte
+in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold
+und Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr
+Wesen irrte in sich selbst. Sie fand sich nur abgesondert,
+sie konnte nicht absto&szlig;en; sie geno&szlig; mit, wo
+sie sich schw&auml;chlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
+einmal entbehren zu k&ouml;nnen, wenn das Bessere zu
+ihr herabwuchs, so da&szlig; sie nur die Lippen &ouml;ffnen
+brauchte.</p>
+
+<p>Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, sa&szlig; auch
+bei Tisch neben ihr. Eine merkw&uuml;rdige Heiterkeit
+umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz bestand, die
+Dinge von der g&uuml;nstigen Seite betrachten zu wollen.
+Er sah Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und
+machte die Beobachtung, da&szlig; sie vor allen Frauen
+sich hervorhebe, nicht allein durch Sch&ouml;nheit, sondern
+auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem
+Auge biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte,
+f&uuml;hlte sich &uuml;ber seine Nachdenklichkeit erhoben, strengte
+sich an, im Harmlosen die versteckte Andeutung zu
+finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gef&uuml;hl,
+mit so vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen,
+lediglich zum Zweck gemeinschaftlichen Essens. Die
+endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, und er besah
+sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
+gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung
+zu durchrei&szlig;en war und deren helles
+Klirren durch vielfaches Plaudern &uuml;bert&ouml;nt werden
+mu&szlig;te.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171"></a>[171]</span></p>
+<h3><a name="Neunundzwanzigstes_Kapitel" id="Neunundzwanzigstes_Kapitel"></a>Neunundzwanzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Natalies halb entbl&ouml;&szlig;te Brust, ihre entbl&ouml;&szlig;ten Schultern
+zogen seinen Blick von ihrem listigen Gesichtchen
+ab. Oft schlossen sich ihre Augen f&uuml;r eine
+Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte
+der Musik.</p>
+
+<p>&raquo;Petra ist kopfh&auml;ngerisch,&laquo; sagte sie und zerlegte
+dabei das Fasanst&uuml;ck auf ihrem Teller. &raquo;Soll ich
+Ihnen etwas anvertrauen?&laquo; Doch sofort wandte sie
+sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu
+antworten.</p>
+
+<p>Arnold sah zwischen zwei Blumenb&uuml;schen ein sehr
+sch&ouml;nes Frauengesicht. Er schaute unbeweglich l&auml;chelnd
+hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in ihm. &raquo;Was
+wollen Sie mir anvertrauen?&laquo; fragte er Natalie.
+Natalie drehte sich wieder zu ihm. &raquo;Richtig,&laquo; sagte
+sie leise und mit einer heiteren Wendung des Kopfes.
+&raquo;Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
+Sie dar&uuml;ber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra
+ist jedenfalls nicht mit dem Herzen dabei. Wissen
+Sie, was ich glaube?&laquo; sagte sie dann in ver&auml;ndertem
+Ton. &raquo;Ich glaube, da&szlig; nicht leicht zwei Menschen
+so gut geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir
+beide.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem
+Eis, welches umhergereicht wurde. Dann erst blickte
+er Natalie an und legte unbek&uuml;mmert seine Hand
+auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, die
+ihm sonst keineswegs eigen war: &raquo;Freundschaft mu&szlig;
+man sich erwerben.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172"></a>[172]</span>Natalie zuckte unter seiner Ber&uuml;hrung zusammen.
+Dann lachte sie und antwortete: &raquo;Es geh&ouml;rt auch
+Talent zur Freundschaft. Man mu&szlig; Opfer bringen
+k&ouml;nnen. Welches Opfer k&ouml;nnten Sie mir zum Beispiel
+bringen?&laquo; Und da er etwas verbl&uuml;fft schwieg,
+fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: &raquo;W&uuml;rden Sie
+mir die H&auml;lfte Ihres Verm&ouml;gens schenken? Nein?
+Oder hunderttausend Gulden? Nein? Oder f&uuml;nftausend?
+Sie sehen, ich lasse mit mir handeln. Ach,&laquo;
+schlo&szlig; sie wehleidig, &raquo;was h&auml;ngt alles am Gelde!
+Wenn Sie ahnten, was ich f&uuml;r Kummer habe, lieber
+Freund.&laquo;</p>
+
+<p>Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man
+mu&szlig; deutlicher mit ihm sein, dachte sie; er ist
+einf&auml;ltig wie eine K&ouml;chin. Wahrhaftig, mit ein
+paar tausend Gulden w&auml;re mir gedient und ich
+brauchte morgen meinen Schmuck nicht wieder zu
+versetzen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach, ich bin so froh gelaunt heute,&laquo; rief Natalie
+laut, indem sie sich ein wenig dehnte, &raquo;ich k&ouml;nnte
+die ganze Welt k&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute
+Arnold sie an, als wolle er sich jede ihrer Bewegungen
+einpr&auml;gen. &raquo;Sie sind wie ein Kind,&laquo; sagte er. &raquo;In
+der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
+aber&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil
+&uuml;ber sie selbst, auch das vernichtendste, setzte sie in
+einen Zustand wohliger Aufregung. &raquo;Nun, und in
+der andern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Etwas Giftiges.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173"></a>[173]</span>Man h&ouml;rte die Stimme des Doktor Bernay: &raquo;Gebt
+uns reinen Boden, Luft, Wald, Acker und wir werden
+edle Menschen hervorbringen.&laquo;</p>
+
+<p>Alle erhoben sich. &raquo;Der alte Rousseau-Schwindel,&laquo;
+sagte ein Herr mit langen, wei&szlig;en Haaren.</p>
+
+<p>Bernay trat vor den w&uuml;rdigen Herrn; &raquo;Rousseau!
+Was f&uuml;r ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis!&laquo; rief er. &raquo;Wir wollen
+die Rasse erneuern. Kein phantastisches Zukunftsideal.
+Wir wollen M&auml;nner. Immer h&ouml;rt man von
+der Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal
+Zeit, von der M&auml;nnerfrage zu reden.&laquo;</p>
+
+<p>Ein verdrie&szlig;liches Schweigen entstand. Gleichg&uuml;ltig
+wandte Arnold der Gruppe den R&uuml;cken. Seine
+Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
+Von allen Seiten h&ouml;rte er nichts weiter als Geschw&auml;tz.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgie&szlig;er
+in Spalato gekauft hat?&laquo; h&ouml;rte er einen jungen
+Mann zu einem andern jungen Mann sagen. &raquo;Fabelhaft?
+was?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Halten Sie sie f&uuml;r echt?&laquo; antwortete der zweite.</p>
+
+<p>&raquo;Pottgie&szlig;er soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen
+sein. Hat sechzehntausend Gulden gekostet, der
+Spa&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte geh&ouml;rt,
+wie Hyrtl von diesem Herrn Ansorge als von einem
+Elementarereignis gesprochen hatte. Dies wurmte
+ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis
+&raquo;auf den Zahn zu f&uuml;hlen&laquo;, wie er sich ausdr&uuml;ckte,
+denn was sich nicht unter seine Begriffe von Welt
+und Leben bringen lie&szlig;, das bekl&auml;ffte er in aller
+Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174"></a>[174]</span>Aktien, Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erz&auml;hlte
+schlie&szlig;lich Geschichten eigenen Fabrikats. Je geduldiger
+Arnold zuh&ouml;rte, je abenteuerlicher wurden
+die Vorf&auml;lle und je h&ouml;her stieg er in Osterburgs
+Achtung.</p>
+
+<p>Pottgie&szlig;er hatte einige Herren zu verschiedenen
+Kartenspielen verteilt. Im Musikzimmer wurde eine
+Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte sich
+neben den Fl&uuml;gel, als die ersten Takte ert&ouml;nten. Zuerst
+beobachtete er nur die Finger der Spielerin, dann
+lie&szlig; er einen pr&uuml;fenden, immer mehr erstaunten Blick
+umherschweifen. Etwas D&auml;mmeriges, Verblasenes
+ging von der Musik wie von der Spielenden aus.
+Die ganze willenlose Seele dieser Menschen war es,
+die aus ihr erklang. Die Geldgesch&auml;fte und Geldgedanken
+schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen
+Aufregungen eines eifers&uuml;chtigen Beisammenseins.
+In den Gesichtern der Frauen lag eine s&uuml;&szlig;liche Verlorenheit,
+um den Mund ein zerstreutes L&auml;cheln, in den
+Augen schw&uuml;le Tr&auml;umerei und ein ungesunder Glanz.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Spielerin nach langem Beifall ein
+neues St&uuml;ck begann, verlie&szlig; Arnold das Musikzimmer.
+Er &uuml;berschritt einen gepflasterten Vorraum; in einem
+Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
+junges M&auml;dchen in friedlichem Gespr&auml;ch. Er ging
+weiter und kam alsbald in ein kleines, rondellf&ouml;rmiges
+Gemach. Hier stand als einzige Zierde die
+Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur
+blieb er ergriffen stehen. Im ersten Augenblick
+glaubte er, ein Gesch&ouml;pf aus einer M&auml;rchenwelt
+vor sich zu sehen, m&auml;rchenhaft belebt, in m&auml;rchenhafter
+<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175"></a>[175]</span>Nacktheit. Aber als er sich &uuml;berzeugt hatte,
+da&szlig; es ein Stein war, der in feierlicher Unbeweglichkeit
+vor ihm aufragte, wich sein k&uuml;hles Befremden.
+Unwillk&uuml;rlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung
+im linken Arm der Statue nach, die g&ouml;ttlich-kalte und
+unger&uuml;hrte Neigung des Hauptes. Der Ausdruck der
+dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde gekl&auml;rt
+durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild
+beschauten und erst das Werk zum Wirkenden werden
+lie&szlig;en. Das ist sch&ouml;n, dachte Arnold, das gef&auml;llt mir.</p>
+
+<p>Er kehrte zur Gesellschaft zur&uuml;ck. Anna Borromeo,
+die nach Hause wollte, hatte ihn gesucht. Schweigend
+sa&szlig; er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich vor
+und dr&uuml;ckte beide H&auml;nde an die Augen.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;te dich vor dieser Natalie,&laquo; sagte sie pl&ouml;tzlich.
+&raquo;Es ist kein wahrer Blutstropfen in der Person. Sie
+spielt mit sich und mit den Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist nicht schlechter als andere,&laquo; gab Arnold
+k&uuml;hl zur&uuml;ck. &raquo;Ihr seid alle so. Ihr spielt nur mit
+den Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch
+die Dunkelheit forschend ins Gesicht.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Dreissigstes_Kapitel" id="Dreissigstes_Kapitel"></a>Drei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung
+verlassen, die ihm seinen ersten Wirkungskreis
+er&ouml;ffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
+geworden, welches von der Regierung unterhalten
+<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176"></a>[176]</span>wurde. Er verdiente durch seine Arbeit etwa zweihundert
+Gulden im Monat. Er verbrauchte ungef&auml;hr
+f&uuml;nfhundert. Dabei wurden seine Bed&uuml;rfnisse mit
+jeder Woche gr&ouml;&szlig;er und die Hoffnung, das Schuldennetz
+zu zerrei&szlig;en, in welchem er verstrickt war, t&auml;glich
+geringer. Er geriet in schwierige Verh&auml;ltnisse und
+war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen,
+in deren Mitte er den Herrn zu spielen dachte. Der
+Boden schwankte unter ihm. Abenteuerlichkeiten aller
+Art mu&szlig;ten vorhalten, um ein im Grunde erb&auml;rmliches
+Dasein fortzuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen
+wollte er der Harmlosigkeit und der Menschlichkeit
+Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
+Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas
+sah, das sein jetziges Leben f&uuml;r alle Ereignisse
+und Gestalten der Vergangenheit bildete. Sein erster
+Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen gelten,
+auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum
+zweitenmal kam, hatten ihn die &Uuml;berlegungen der
+dazwischen liegenden Tage gest&auml;rkt, und er forderte
+von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert
+Gulden als Darlehen.</p>
+
+<p>Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er go&szlig;
+ein Glas Wasser aus der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.</p>
+
+<p>Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.</p>
+
+<p>Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden
+Augen. &raquo;Es ist ein Freundschaftsdienst,&laquo; sagte er
+l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>Arnold nickte. &raquo;Ich habe nicht so viel zu Hause,&laquo;
+erwiderte er. &raquo;Morgen will ich es Ihnen schicken.&laquo;
+<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177"></a>[177]</span>Er betrachtete das Gesicht Spechts und es erschien
+ihm neu und fremd, v&ouml;llig ver&auml;ndert gegen fr&uuml;her.
+Wangen und Kinn waren aufgeschwemmt, breiter,
+beh&auml;biger, trotzdem die modische Kleidung ung&uuml;nstige
+Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
+Podolin mit dem geschmeidigen, w&uuml;nschevollen, verst&ouml;rten,
+k&uuml;hlen und trunkenen Mann verglich, der vor
+ihm sa&szlig;, suchte er nach den Ursachen einer so unheilvollen
+Verwandlung. Irgend welche Kr&auml;fte
+schienen zerst&ouml;rt in Specht; er war wie ein Mensch,
+der wider seine Absicht an einem Tanz teilnimmt,
+teilnehmen mu&szlig;, und der mit allen Zeichen der Hitze,
+der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht
+wei&szlig;, was mit ihm vorgeht.</p>
+
+<p>Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu
+gehen, er habe zwei Sitze von der Zeitung;
+Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor
+einem Monat zum erstenmal bei einem Shakespeareschen
+St&uuml;ck gewesen und hatte einen tiefen Eindruck
+gewonnen.</p>
+
+<p>Es wurde ein neues St&uuml;ck aufgef&uuml;hrt, welches in
+andern St&auml;dten schon gro&szlig;en Beifall erlangt hatte.
+Specht sa&szlig; als &uuml;berlegener Mann da. Die zwei
+ersten Akte waren vor&uuml;ber, und brausendes H&auml;ndeklatschen
+begann. &raquo;Ein gl&auml;nzendes St&uuml;ck&laquo;, sagte
+Specht befriedigt, erhob sich und gr&uuml;&szlig;te einige Personen
+mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte
+er Arnold auf, ihn zu begleiten, und sie schritten
+drau&szlig;en im teppichbelegten Wandelgang auf und ab.
+&raquo;Wie gef&auml;llt es Ihnen?&laquo; fragte Specht etwas g&ouml;nnerhaft.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178"></a>[178]</span>&raquo;Ich finde es vollkommen sinnlos,&laquo; erwiderte
+Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie toll?&laquo; rief Maxim Specht verdutzt.</p>
+
+<p>&raquo;Mu&szlig; er sich denn verlieben? Warum verliebt er
+sich, wenn er dadurch zugrunde geht?&laquo; fuhr Arnold
+unbeirrt fort. &raquo;Oder vielmehr, warum geht er durch
+Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde,
+das ist nicht wahr, ist lauter verlogenes
+Zeug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber begreifen Sie denn nicht,&laquo; entgegnete Specht
+ironisch und nachsichtig, &raquo;der Verfasser will zeigen,
+wie ein Mann gerade durch eine ideale Liebe zugrunde
+gehen mu&szlig;, wenn einmal das Innere seiner
+Seele krank oder angefault ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig; versteh ich das,&laquo; sagte Arnold ruhig. &raquo;Aber
+an einem solchen Schwachkopf war doch nichts mehr
+zu verderben. Und hei&szlig;t denn das zugrunde gehen,
+wenn man sein Geld verliert?&laquo;</p>
+
+<p>Spechts Gesicht wurde immer l&auml;nger. Der Mann
+ist gar nicht so dumm, schien er sagen zu wollen.
+Beide schickten sich an, auf ihre Pl&auml;tze zur&uuml;ckzukehren,
+als Beate und Hanka aus einer Logent&uuml;re traten
+und die vier, einander betrachtend, sich gegen&uuml;berstanden.
+Beate verlor nur eine Sekunde lang die
+Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
+M&auml;nnern die Hand. Specht lie&szlig; kein Auge von ihr.
+Sie trug ein Kleid, welches wie von tausend Schuppen
+fischhaft schillerte und das Schultern, Arme und die
+W&ouml;lbung der Br&uuml;ste freilie&szlig;. Gelangweilt vorbeischleichende
+M&auml;nner hefteten den frech-studierenden
+Blick auf sie, die sich dessen zu freuen schien, denn
+<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179"></a>[179]</span>ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
+Wand, von Gesicht zu Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Mich langweilt dieses schlechte St&uuml;ck,&laquo; sagte Hanka
+humoristisch gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch
+den Schnurrbart rasieren lassen und sah nun aus halb
+wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.</p>
+
+<p>&raquo;Wir m&uuml;ssen uns sputen, es f&auml;ngt an,&laquo; dr&auml;ngte
+Beate. &raquo;Wei&szlig;t du was, Alexander,&laquo; rief sie pl&ouml;tzlich,
+&raquo;wir wollen vor unserer Abreise noch einen Podoliner
+Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei
+uns essen&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut; aber Sie k&ouml;nnen auch sonst einmal zu
+einem Plauderst&uuml;ndchen kommen,&laquo; sagte Hanka zu
+Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.</p>
+
+<p>Arnold nickte. Er f&uuml;hlte auf einmal eine gro&szlig;e
+Zuneigung zu Hanka.</p>
+
+<p>Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer
+H&ouml;hle verschwunden. Specht blickte auf die T&uuml;r,
+durch die Beate gegangen war. &raquo;Haben Sie die
+Schultern gesehen?&laquo; murmelte er Arnold zu; &raquo;und
+das Gesicht? Sie sieht aus wie eine Prinzessin.&laquo;</p>
+
+<p>Noch ein letzter Gast kam aus einem der Au&szlig;enr&auml;ume,
+Hyrtl. Specht stellte sich vor, und es wurde
+ausgemacht, da&szlig; alle drei nach dem Theater bei Hyrtl
+zu Abend essen sollten.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180"></a>[180]</span></p>
+<h3><a name="Einunddreissigstes_Kapitel" id="Einunddreissigstes_Kapitel"></a>Einunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund
+von Arnolds Aufenthalt in der Stadt kannte
+und ihm die Erz&auml;hlung Arnolds von Anna Borromeo
+wenn auch widerwillig, so doch ohne Entstellung,
+best&auml;tigt worden war, hatte er nicht nur
+Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und
+bewunderte das Vortreffliche wie ein Leser von
+Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher Schlachten
+gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anla&szlig;,
+Arnold vor andern zu erheben, und was er wu&szlig;te,
+andern mitzuteilen, versch&ouml;nt durch edle Einzelheiten,
+welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
+schm&uuml;ckte sich mit den besten Eigenschaften seiner
+Freunde, indem er sie anerkannte, und er liebte seine
+Freunde leidenschaftlich, das will sagen, alle Menschen,
+die ihm Gesellschaft leisteten.</p>
+
+<p>Als der Diener die T&uuml;r von Hyrtls Wohnung
+&ouml;ffnete, sprang ein kleiner gelber Hund zur Begr&uuml;&szlig;ung
+heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte
+alle Arten und Gr&ouml;&szlig;en von Sofas und gepolsterten
+Sesseln. Auf Glastischen standen in roten, gr&uuml;nen,
+blauen und gelben Fl&auml;schchen Essenzen und Wohlger&uuml;che,
+auf dem Schreibtisch lagen in gew&auml;hlter
+Ordentlichkeit Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anh&auml;ngsel,
+Ringe, Dosen, Ketten und aus allen Ecken und von
+jeder Wand starrten Photographien von Herren und
+Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem B&uuml;cherkasten
+gegen&uuml;ber stand eine kleine, uralte Zimmerorgel.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181"></a>[181]</span>In Hyrtls blassen Z&uuml;gen zitterte schon jetzt die Angst,
+da&szlig; die G&auml;ste ihn zu fr&uuml;h verlassen k&ouml;nnten, denn
+wie sehr f&uuml;rchtete er die einsamen Stunden der Nacht!
+Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Ber&uuml;ckendes
+und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor,
+je mehr die Stunde vorr&uuml;ckte. Hilfsbed&uuml;rftig klammerte
+er sich an jedes L&auml;cheln seiner G&auml;ste.</p>
+
+<p>Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg.
+Aus seinen Schulmeistertagen war er noch mit
+einigen Griffen vertraut, und er spielte eine choral&auml;hnliche
+Folge von Akkorden.</p>
+
+<p>Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu
+Arnold und sagte: &raquo;Ich m&ouml;chte Sie n&auml;chstens mit
+einer Freundin von mir bekannt machen, einer russischen
+Studentin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus welchem Grund?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr beide w&uuml;rdet wunderbar zusammenpassen.
+Es macht mir manchmal Freude, Menschen zueinander
+zu f&uuml;hren, Schicksale zu erzeugen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die reine Alchimisterei,&laquo; spottete Specht.</p>
+
+<p>&raquo;Nein wirklich,&laquo; beharrte Hyrtl, &raquo;Verena Hoffmann
+w&uuml;rde Ihnen gefallen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verena Hoffmann?&laquo; rief Specht. &raquo;Die kenn&#8217; ich
+ja. Lebt die nicht mit einem gewissen Tetzner?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verh&auml;ltnis.&laquo;</p>
+
+<p>Specht lachte. &raquo;Hat sie&#8217;s Ihnen schriftlich gegeben?
+Einwandfrei! Was hei&szlig;t denn das? Soll &uuml;brigens
+sehr reich sein, dieser Tetzner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist
+geworden ist. Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge,
+<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182"></a>[182]</span>werd&#8217; ich Sie morgen mit dem Wagen abholen und
+wir fahren zu Verena.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte.</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie schon?&laquo; fragte Hyrtl traurig, da die
+jungen Leute Anstalt machten, aufzubrechen, und indem
+er Arnold die Hand reichte, f&uuml;gte er hinzu:
+&raquo;Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubm&ouml;rder zur
+Gesellschaft haben als allein sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum arbeiten Sie nicht?&laquo; fragte Arnold hart.</p>
+
+<p>Hyrtl zuckte die Achseln. &raquo;Ich kann nichts,&laquo; antwortete
+er. &raquo;Ich war Kaufmann, aber ich h&auml;tte
+ebensogut Str&uuml;mpfe stopfen k&ouml;nnen. Ich w&uuml;rde ja
+nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen,
+wozu? Mein Vater hat mir genug hinterlassen, da&szlig;
+ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, in
+Gem&uuml;tsruhe erledige.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was hei&szlig;t das?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das hei&szlig;t, da&szlig; ich sehr krank bin. Mein Herz
+ist kaput.&laquo;</p>
+
+<p>Als seine G&auml;ste gegangen waren, gab sich Hyrtl
+eine Zeitlang seinen trostlosen Betrachtungen hin.
+Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben tanzten.
+Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter
+in den einen Ruf zusammenklang: wir k&ouml;nnen dir
+nicht helfen. Er griff zu medizinischen Werken, zu
+philosophischen Schriften, zu alphabetischen Lexika,
+zu alten Zeitungen; schlie&szlig;lich &ouml;ffnete er ein Fach
+seines Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus
+und schrieb. Es war eine Art Tagebuch, das die
+oberfl&auml;chlichen Dienste eines Spiegels verrichtete und
+einen Widerklang der eitlen, leeren, &auml;rmlichen und
+<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183"></a>[183]</span>empfindsamen Dinge bildete, die sich im Kopf dieses
+Menschen wie eine Schar von Insekten herumtrieben.
+Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen Freunden
+und hielt es geheim. Das Schlo&szlig;, hinter dem
+es lag, zeigte dreifachen Verschlu&szlig; und gab zuletzt
+erst dem Druck einer verborgenen Feder nach.</p>
+
+<p>Hyrtls Gesicht war m&uuml;d und welk geworden. Er
+kleidete sich aus, w&auml;lzte sich noch lange unter der
+himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als das
+Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.</p>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184"></a>[184]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185"></a>[185]</span></p>
+<h2><a name="Verena" id="Verena"></a>Verena</h2>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186"></a>[186]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187"></a>[187]</span></p>
+<h3><a name="Zweiunddreissigstes_Kapitel" id="Zweiunddreissigstes_Kapitel"></a>Zweiunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich
+in die Wohnung Verena Hoffmanns gefahren.
+Das Fr&auml;ulein hatte sie ziemlich k&uuml;hl empfangen
+und Arnold merkte gleich, da&szlig; es mit der
+Freundschaft, deren sich Hyrtl ger&uuml;hmt, nicht so recht
+stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
+beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie
+wieder.</p>
+
+<p>Durch einen scheinbar unerkl&auml;rlichen Ansto&szlig; begann
+Arnold sich pl&ouml;tzlich abzuschlie&szlig;en. Er folgte keiner
+Einladung mehr und war unzug&auml;nglich f&uuml;r jeden
+Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei
+Borromeos nicht mehr teil, sondern versorgte sich
+entweder zu Hause mit Schinken und Wurst oder
+suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf.
+Trotz des Alleinseins wimmelte es um ihn her von
+Bildern und Gesichtern, die seinen Geist in unaufh&ouml;rliche
+Besch&auml;ftigung versetzten und den Stunden
+der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all
+der M&uuml;he? dachte er bisweilen in Zweifeln, die wie
+schwarze V&ouml;gel am Horizont flogen, &#8211; wohin? zu
+welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die
+Anerkennung eines Freundes zu genie&szlig;en.</p>
+
+<p>Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese
+Anerkennung zu versprechen schien und deren Widerhall
+nicht erl&ouml;schen wollte.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags entschlo&szlig; er sich pl&ouml;tzlich, Verena
+Hoffmann aufzusuchen. Als er vor der Wohnungst&uuml;r
+stand, z&ouml;gerte er eine Weile, bevor er auf den elektrischen
+<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188"></a>[188]</span>Knopf dr&uuml;ckte. Als es l&auml;utete, hatte er das
+Gef&uuml;hl, &uuml;ber seine Zukunft entschieden zu haben.</p>
+
+<p>Verena selbst &ouml;ffnete. Sie war sichtlich verwundert,
+ihn zu sehen, hie&szlig; ihn jedoch eintreten. Er kam in
+ein ziemlich gro&szlig;es Zimmer; es schien ihm, als s&auml;he
+er es zum erstenmal. &Uuml;berall lagen B&uuml;cher umher,
+an den W&auml;nden, auf dem Tisch, auf Bett und St&uuml;hlen
+und auf dem Boden. In einem Winkel stand ein
+menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
+kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben
+befand sich eine Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel
+stand, ein Mikroskop, eine Retorte, Flaschen,
+zwei Krautk&ouml;pfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete
+all dieses mit Verwunderung und mu&szlig;te
+schlie&szlig;lich l&auml;cheln. Das junge M&auml;dchen schaute halb
+gespannt, halb verdrie&szlig;lich in sein Gesicht, das auf
+sie einen Eindruck von Vierschr&ouml;tigkeit und Hausbackenheit
+machte. &raquo;Womit kann ich dienen?&laquo; fragte
+sie mit einer hellen deutlichen Stimme und etwas
+ausl&auml;ndischer Betonung.</p>
+
+<p>&raquo;Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn
+Hyrtl neulich bei Ihnen,&laquo; antwortete Arnold unbefangen.
+&raquo;Ich hei&szlig;e Ansorge, Arnold Ansorge.&laquo;</p>
+
+<p>Verena machte gro&szlig;e Augen. Der seltsame Besucher
+fing an, sie zu belustigen. Sie forderte ihn
+durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und setzte
+sich ebenfalls.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte mir gleich,&laquo; begann Arnold zutraulich,
+&raquo;da&szlig; Sie fragen w&uuml;rden, warum ich k&auml;me und da&szlig;
+ich nicht antworten k&ouml;nnte. Ich will einen Vorschlag
+machen. Denken Sie doch, da&szlig; wir schon lange
+<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189"></a>[189]</span>bekannt w&auml;ren und da&szlig; Sie mich heute erwartet
+h&auml;tten.&laquo;</p>
+
+<p>Das junge M&auml;dchen wendete mechanisch die Bl&auml;tter
+eines Buches um, das auf dem Tisch lag. &raquo;Wenn
+ich Ihnen jetzt antworten w&uuml;rde, wie Sie es w&uuml;nschen,&laquo;
+sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu
+dem offenen Buch geneigt war, &raquo;dann w&uuml;rde ich
+Sie bel&uuml;gen. Ich wei&szlig; nicht, was Sie gerade hierher
+treibt; vielleicht ein Stra&szlig;eninteresse. Ich habe
+wenig Zeit, sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben.
+Nur was mir n&uuml;tzt, kann ich in mein Leben aufnehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnolds Gesicht r&ouml;tete sich. &raquo;Da f&uuml;hren Sie aber
+ein trauriges Leben,&laquo; entgegnete er schnell.</p>
+
+<p>Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte
+eine unbestimmte Geberde gegen die &uuml;berall verstreuten
+B&uuml;cher. Sie schien nicht aufgelegt, sich in
+Er&ouml;rterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem,
+gedankenvollem Schritt ging sie hinter dem Tisch auf
+und ab, ber&uuml;hrte zerstreut einige Gegenst&auml;nde mit
+der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf
+den Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.</p>
+
+<p>&raquo;Was studieren Sie eigentlich?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Medizin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Medizin,&laquo; wiederholte er. &raquo;Ja, das ist etwas
+Festes, danach kann man greifen.&laquo; Er machte eine
+Bewegung, als n&auml;hme er die ganze Medizin in die
+Hand. &raquo;Da gibt es Arbeit,&laquo; fuhr er fort, &raquo;man
+wei&szlig;, wo man anfangen und aufh&ouml;ren soll. Es hat
+einen Sinn und einen Zweck.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190"></a>[190]</span>Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, &auml;nderte
+sich der Ausdruck von Verenas Gesicht. &raquo;Das allein
+gen&uuml;gt nicht,&laquo; antwortete sie mit W&auml;rme. &raquo;Die
+Arbeit gen&uuml;gt nicht und das Ziel gen&uuml;gt nicht. Was
+ist Arbeit ohne innere Freude und Ziel ohne Pers&ouml;nlichkeit!
+Darum handelt sich&#8217;s.&laquo;</p>
+
+<p>Das Ger&auml;usch eines auf den Steinflie&szlig;en der
+Treppe Schl&uuml;rfenden wurde h&ouml;rbar, erst entfernt,
+dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
+Seufzen und Schnauben, dann klopfte es drau&szlig;en
+und Verena ging, um zu &ouml;ffnen.</p>
+
+<p>Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena
+stellte vor: &raquo;Herr Tetzner, Herr Ansorge.&laquo;</p>
+
+<p>Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut,
+einen Wettermantel und au&szlig;erordentlich gro&szlig;e Stiefel.
+Unter dem Arm hatte er einen dicken Folianten. Sein
+Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
+schwollen f&ouml;rmlich aus dem Bart heraus, der in der
+D&auml;mmerbeleuchtung schier eine kanariengelbe Farbe
+zeigte.</p>
+
+<p>Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner
+blickte Arnold an und lachte gutm&uuml;tig.</p>
+
+<p>Fragend schaute Arnold von einem zum andern.
+Verena reichte ihm die Hand und sagte mit freundlich-ernstem
+L&auml;cheln: &raquo;Ich hoffe, Sie wiederzusehen.&laquo;
+In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191"></a>[191]</span></p>
+<h3><a name="Dreiunddreissigstes_Kapitel" id="Dreiunddreissigstes_Kapitel"></a>Dreiunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn
+an eine T&auml;tigkeit, deren blo&szlig;e Grenzen zu bestimmen
+er bisher mit bedenklicher Leidenschaft bem&uuml;ht
+gewesen war. Er begriff endlich, da&szlig; die
+F&uuml;lle ihn verwirrt, die Vielf&auml;ltigkeit zerstreut hatte,
+und er beschlo&szlig;, dem n&auml;chsten, praktisch ausnutzbaren
+Ziel zuzusteuern.</p>
+
+<p>Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen
+seien.</p>
+
+<p>Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der
+F&auml;cher, deren Kenntnis zur Abiturialpr&uuml;fung erfordert
+wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu erfahren,
+bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen
+mu&szlig;ten. In der Universit&auml;t wies man ihn da- und
+dorthin. Schlie&szlig;lich nahm er einen Wagen und fuhr
+in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz,
+den er hatte nennen h&ouml;ren. Der Mann war m&uuml;rrisch
+und kalt. Doch Arnolds bestimmtes Auftreten und
+Fragen sch&uuml;chterten ihn ein; er gab Auskunft wie ein
+aus dem Schlaf geweckter Sch&uuml;ler. Arnold notierte;
+seine heitere Liebensw&uuml;rdigkeit verwunderte endlich
+den Gelehrten und nahm ihn f&uuml;r den Besucher ein.
+Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot
+mache keinen fett, der Andrang sei gro&szlig; und die
+Br&uuml;ste der Alma mater seien schlaff geworden. Arnold
+verstand den Schm&auml;lenden nicht. &raquo;Ich bin nicht
+hungrig,&laquo; sagte er kurz, dankte und entfernte sich.</p>
+
+<p>Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe
+er Lateinisch und Griechisch treiben konnte; von beiden
+<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192"></a>[192]</span>Sprachen waren nur Anfangsregeln in seinem Kopf.
+Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte
+seine Adresse beim Pedell der Universit&auml;t. Am
+n&auml;chsten Morgen schon ging es treppauf, treppab im
+Borromeoschen Haus. Junge M&auml;nner mit leidenden
+und d&uuml;stern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine
+angenommene Demut zur Schau, eine Unterw&uuml;rfigkeit,
+die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds pa&szlig;te.
+Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn
+wirkte, war die gro&szlig;e Menge dieser nahrungslosen
+Studenten. Im Korridor, wo oft zehn oder f&uuml;nfzehn
+auf einmal warteten, hatte der Diener M&uuml;he,
+ihre Eifersucht und Vordringlichkeit zu z&auml;hmen. Jeder
+wollte der erste sein, und nicht durch seine Person
+oder sein Wesen glaubte er den andern verdr&auml;ngen
+zu k&ouml;nnen, sondern durch die gr&ouml;&szlig;ere Niedrigkeit des
+Preises seiner Dienste. Von Einem zum N&auml;chsten
+wurde Arnold unentschlossener. Manches Gesicht war
+ihm sympathisch, da stie&szlig; ihn wieder ein gewisser
+dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos
+tauchten ihre Z&uuml;ge vor ihm auf, redeten nicht, sondern
+lispelten und verschwanden wieder troglodytisch-fahl.
+Arnold fragte oft nach ihren Lebensumst&auml;nden,
+ihrer Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete
+sein Gesch&auml;ft als abgetan, sobald seine Erwartungen
+durch ein Interesse get&auml;uscht wurden, das ihm frivol
+erschien. &raquo;Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
+treiben,&laquo; meinte einer h&ouml;hnisch, &raquo;daf&uuml;r bleibt mir
+Zeit, wenn andere bei der Tafel sitzen.&laquo; Arnold
+schwieg, &uuml;berlegte, dann sagte er, da&szlig; er eben jemand
+suche, der darauf Antwort zu geben verst&uuml;nde, &raquo;und
+<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193"></a>[193]</span>das mu&szlig; ihm ebenso nat&uuml;rlich sein, wie mir, zu
+fragen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen,
+und Arnold, der keinen mit leeren Versprechungen
+hingehalten, wollte nun auch die &uuml;brigen
+nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich
+in ein ungesundes Mitleid einzubohren und betr&uuml;bende
+Verh&auml;ltnisse entweder als etwas Unabwendbares hinzunehmen
+oder durch unreife Handlungen noch mehr
+zu verwirren. Ihm war es klar geworden, da&szlig;
+eine geregelte T&auml;tigkeit, die auf Taten zielt, mehr
+ist als eine verfr&uuml;hte Tat.</p>
+
+<p>Er beschlo&szlig; sich an Verena zu wenden, welche
+ihm vielleicht eine geeignete Person empfehlen konnte.
+Zu seiner Arbeit hatte er nun die sch&ouml;nste Mu&szlig;e;
+Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
+Proze&szlig;angelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der
+Sommer und Sonnenschein zog Arnold nicht ab. Tag
+und Nacht waren seine Fenster offen, und er begn&uuml;gte
+sich mit dem kleinen Himmelsst&uuml;ck zwischen den
+D&auml;chern und mit den kurzen Vogelschreien, die &uuml;ber
+die Stra&szlig;e hallten.</p>
+
+<p>Verena Hoffmann antwortete ihm unverz&uuml;glich, sie
+wisse einen geeigneten Menschen und werde ihn bald
+schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn Hyrtl
+zusammen gewesen, f&uuml;gte sie hinzu; &raquo;er erz&auml;hlte mir,
+da die Rede darauf kam, Interessantes von Ihnen.
+Er scheint in bezug auf seine Freunde ein sehr ruhmrednerischer
+Mann zu sein, aber dennoch m&ouml;chte ich
+Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt
+mir zu denken. Sollte es Geschw&auml;tz sein, so h&auml;tte
+<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194"></a>[194]</span>ich den Mann untersch&auml;tzt, der so etwas f&uuml;r ein kurzes
+Gespr&auml;ch erfindet.&laquo; Die Schrift war fein und rundlich,
+genau wie Verenas Hals und H&auml;nde.</p>
+
+<p>Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie
+wissen? und was k&ouml;nnte Hyrtl von mir wissen? Er
+hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da hinter dem
+meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins
+Zimmer trat. Ohne seinen Hut abzunehmen, warf
+er sich in einen Sessel, spannte die Knie zwischen
+seine Arme und das vorgehaltene Spazierst&ouml;ckchen
+und sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen
+aufri&szlig;: &raquo;Gott sei Dank, da&szlig; Sie zu Hause sind. Ich
+w&auml;re verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
+h&auml;tte. Sie m&uuml;ssen mir helfen, lieber Freund. Ich
+habe gestern abend an Hyrtl vierhundert Gulden auf
+Ehrenwort verloren. Wir haben Macao gespielt, ich,
+Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr.
+Es ging ziemlich hoch. Bis heute abend mu&szlig; ich &#8211;
+Sie begreifen, Arnold, &#8211; meine Ehre&nbsp;&#8211;&laquo; Er stotterte,
+denn Arnolds verwundertes und verletztes Gesicht lie&szlig;
+ihn nicht das Beste hoffen.</p>
+
+<p>Arnold sch&uuml;ttelte den Kopf. &raquo;Nein, lieber Specht,&laquo;
+sagte er, &raquo;nein.&laquo;</p>
+
+<p>Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf,
+griff nach seinem seidenen Taschentuch und wischte
+die feuchte, runde Stirn. &raquo;Sie wollen grausam sein,
+Liebster,&laquo; fl&uuml;sterte er mit gezwungenem L&auml;cheln und
+einem Versuch, liebensw&uuml;rdig-beredt zu erscheinen,
+&raquo;aber man straft sich selbst, wenn man seine Freunde
+verl&auml;&szlig;t. Sie sind reich genug, um dieses S&uuml;mmchen
+durch die Finger zu blasen, ich aber&nbsp;&#8211;,&laquo; er wollte
+<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195"></a>[195]</span>nach der Uhr sehen, zog aber die Hand zur&uuml;ck &#8211;
+&raquo;wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur noch
+eine Pistole kaufen.&laquo; Er schob den Zeigefinger hinter
+den Kragen und fuhr damit um den Hals.</p>
+
+<p>&raquo;Das sind nichtsw&uuml;rdige Dinge, die Sie da vorbringen,&laquo;
+antwortete Arnold. &raquo;Es ist so wenig Verstand
+darin, da&szlig; ich gar nicht anfangen mag, Ihnen
+Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man
+doch nicht mehr verspielen, als man hat. Das w&auml;re
+nicht ehrenhaft und k&ouml;nnte keine Ehrenschuld sein.
+Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
+Geld an Ihre Stiefelsohlen h&auml;ngen, damit es auf
+der Stra&szlig;e liegt. Ich glaube n&auml;mlich, mit Geld mu&szlig;
+man Edles beginnen, damit es edel wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner
+kleinen Misere den Reformator,&laquo; klagte Specht mit
+einer m&uuml;den Kopfbewegung, w&auml;hrend seine Augen
+halb geh&auml;ssig, halb verzweifelt blitzten. &raquo;Ich mu&szlig;
+nun doch f&uuml;r das Geschehene einstehen. Theorien
+sind gut f&uuml;r das Kommende. Sie sollen mir nichts
+schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie
+nur, bis meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefa&szlig;t,
+ich werde auch Fr&uuml;chte tragen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sch&auml;mte sich f&uuml;r Specht, denn sein praktischer
+Sinn nahm diese Reden mit Verachtung auf.
+Ein sp&ouml;ttisches L&auml;cheln lag um Spechts Lippen,
+offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu
+klein zu werden und nicht gar zu m&uuml;rbe zu erscheinen.</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; sagte Arnold endlich mit einer freundlichen,
+jedoch nachdenklichen Miene, &raquo;ich darf Sie nicht belehren,
+und wenn Sie auf mich rechnen, mu&szlig; ich
+<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196"></a>[196]</span>vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
+Ihnen also das Geld geben.&laquo;</p>
+
+<p>Spechts Gesicht wurde erst gl&uuml;hend rot, dann bla&szlig;.
+&raquo;Sind Sie nicht ein wenig ungerecht gegen mich?&laquo;
+fragte er mit einem fast sichtbaren Aufatmen der
+Erleichterung. &raquo;H&auml;tten wir nicht Grund und F&auml;higkeit
+genug, uns gegenseitig anzuschlie&szlig;en, statt uns
+abzuwetzen? Wo S&uuml;&szlig;igkeit sein sollte, ist immer
+Sch&auml;rfe.&laquo; Aufstehend und sich verabschiedend, f&uuml;gte
+er hinzu: &raquo;Wir beide sind &uuml;bermorgen abend bei
+Hankas eingeladen. Hankas reisen noch in dieser
+Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns drau&szlig;en
+sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging
+bald zu Bett und stand in der fr&uuml;hesten Fr&uuml;he auf.
+Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine wunderbare
+Unerm&uuml;dlichkeit war in ihm entstanden, denn
+wer t&auml;glich frische Klarheit &uuml;ber das Notwendige erwirbt,
+mu&szlig; t&auml;glich &uuml;ber seine frischen Kr&auml;fte verf&uuml;gen.</p>
+
+<p>Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft
+aus dem Haus. Kaum war er um die n&auml;chste Stra&szlig;enecke
+gebogen, so sah er vor sich eine gro&szlig;e Ansammlung
+von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg
+durch ein umgest&uuml;rztes Frachtfuhrwerk gesperrt war.
+Pl&ouml;tzlich gewahrte er in einem der eleganten Fiaker
+Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
+Abendr&ouml;te beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte
+den Vorhang des Wagens zur&uuml;ckgeschoben. Mit aufgeregter
+Neugier sp&auml;hte sie nach dem Hindernis, und
+Arnold war sehr &uuml;berrascht, als er an ihrer Seite
+<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197"></a>[197]</span>nicht Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er
+hatte nicht Zeit, n&auml;her hinzuschauen, denn schnell fiel
+der Vorhang wieder &uuml;ber das Fenster.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Vierunddreissigstes_Kapitel" id="Vierunddreissigstes_Kapitel"></a>Vierunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen
+schwer aufs Herz.</p>
+
+<p>Ihm w&auml;re es durchaus nicht auffallend erschienen,
+Specht und Beate so vertraut beisammen
+zu sehen, h&auml;tte er nicht gewu&szlig;t, wie die beiden auseinandergegangen
+waren. Es beschlich ihn etwas
+Dunkles, und er mu&szlig;te stehen bleiben, um seine
+&Uuml;berlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
+gerade Art wurde ihm gegenw&auml;rtig, ebenso wie
+Beates schl&uuml;pfriges Wesen. Er fand sich aufs wunderlichste
+f&uuml;r eine Sache verantwortlich, die ihn mit
+Ahnungen von Trug und Geheimnis besch&auml;ftigte;
+mit schmerzlichem Zorn dachte er an Hanka, wenn
+er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen Leben
+keine Wahrheit flo&szlig;. Wie er sich auch stellen mochte,
+nichts konnte ihn seiner Unruhe entrei&szlig;en. Die
+Furcht des Irrtums lie&szlig; ihm seinen Zweifel ungeheuerlich
+erscheinen, und er beschlo&szlig; irgendwie zu
+handeln.</p>
+
+<p>Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von
+Natalie, worin sie ihn bat, er m&ouml;ge gleich zu ihr
+kommen, sie w&uuml;nsche ihn dringend zu sprechen.</p>
+
+<p>Er ging hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198"></a>[198]</span>Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von
+Koffern besch&auml;ftigt. &raquo;Wir ziehen morgen aufs Land,&laquo;
+sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung
+nach einem Stuhl um; &uuml;berall lagen Kleider und
+W&auml;sche. &raquo;Es ist schon ein wenig sp&auml;t im Jahr, aber
+ich freu&#8217; mich riesig auf W&auml;lder, Wiesen und Luft.
+Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird
+aber jedenfalls reisen, denk&#8217; ich. Werden Sie uns
+nicht besuchen im Gebirg? Das w&auml;re m&auml;rchenhaft.
+Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder
+sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen
+heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich
+kann gar nicht begreifen, da&szlig; du dich bei Mama langweilst.
+Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun,
+wenn die V&auml;ter so klug w&auml;ren wie ihre Kinder,
+w&uuml;rden sie keine haben.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb
+sie ihn gerufen.</p>
+
+<p>Natalie erbla&szlig;te, griff sich an die Stirn und murmelte:
+&raquo;Ach so! richtig!&laquo; Dann legte sie ihre Hand
+auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung:
+&raquo;Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein
+wahrer Freund?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold blickte sie mi&szlig;trauisch an und schwieg. Auf
+einmal begann sie zu schluchzen. Arnold r&uuml;hrte sich
+nicht. Eine sch&ouml;ne Geschichte, dachte er und runzelte
+die Stirn.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,&laquo; st&ouml;hnte Natalie,
+schlug die Hand vor das Gesicht und schielte
+durch die gespreizten Finger nach Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Also was ist denn los?&laquo; fuhr Arnold &auml;rgerlich heraus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199"></a>[199]</span>&raquo;Ich kann nicht,&laquo; wiederholte Natalie mit herzbrechendem
+Ton, fuhr aber sogleich fort: &raquo;Es handelt
+sich um eine B&uuml;rgschaft, lieber Freund. Mein Mann
+hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht.
+Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und
+haben nicht hundert im Haus. N&auml;chste Woche erwartet
+Osterburg gro&szlig;e Summen aus Amerika.
+Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken.
+Ich schw&ouml;re Ihnen beim Leben meiner Kinder, da&szlig;
+Sie alles zur&uuml;ckerhalten sollen. Zeigen Sie mir, da&szlig;
+ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich
+bin ja so ungl&uuml;cklich!&laquo; Und sie schluchzte weiter.</p>
+
+<p>Herrgott, dachte Arnold, f&uuml;r die Leute ist man ja
+der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen,
+im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos
+und widerw&auml;rtig.</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde Ihnen morgen fr&uuml;h eine Anweisung
+schicken,&laquo; sagte er kalt. &raquo;Aber schw&ouml;ren Sie nicht
+solche dumme Schw&uuml;re.&laquo;</p>
+
+<p>Es fehlte nicht viel, und Natalie h&auml;tte ihn umarmt.
+Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergo&szlig;
+nun echte Tr&auml;nen. Dennoch bereute sie, da&szlig; sie nicht
+um tausend Gulden mehr verlangt hatte.</p>
+
+<p>Ihre verworrenen und &uuml;berschwenglichen Danksagungen
+waren Arnold unbequem. &raquo;H&ouml;ren Sie einmal
+zu, Frau Natalie,&laquo; unterbrach er sie, &raquo;warum
+glauben Sie eigentlich, da&szlig; zwischen Hanka und Beate
+keine Ehrlichkeit besteht?&laquo;</p>
+
+<p>Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug
+sie die H&auml;nde zusammen und setzte sich ihm gegen&uuml;ber
+auf einen aufgerollten Teppich. &raquo;Ich?&laquo; erwiderte
+<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200"></a>[200]</span>sie halb best&uuml;rzt, halb belustigt, &raquo;ich h&auml;tte so
+etwas gesagt? Wann denn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben es gesagt,&laquo; beharrte Arnold. &raquo;Wie
+ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der
+Verheiratung Hankas gesprochen haben&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn
+geschehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte nicht mehr dar&uuml;ber sagen,&laquo; antwortete
+Arnold. &raquo;Aber weil wir so dar&uuml;ber sprechen und
+denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich
+auch andere Menschen glauben, da&szlig; der
+Doktor Hanka nicht wei&szlig;, wie es die Beate seinerzeit
+in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob
+man dem Mann nicht reinen Wein einschenken mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Natalies Stirn legte sich in bed&auml;chtige Falten und
+mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring
+am Finger rundum. &raquo;Ich verstehe nicht,&laquo; sagte sie
+aufgeregt. &raquo;Was wissen Sie denn? Erz&auml;hlen Sie
+doch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlt wird nichts. Ich frage nur: soll man
+dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es
+so und so, du scheinst nichts davon zu wissen&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r verdrehte Ideen!&laquo; rief Natalie aus. &raquo;Und
+wenn er Sie dann vor die T&uuml;r setzt? Was dann?
+Wer sagt Ihnen denn, da&szlig; er nichts wei&szlig;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist klar. Weil die Beate nicht so w&auml;re wie
+sie ist, wenn er was w&uuml;&szlig;te. Und weil sie &uuml;berhaupt
+ein L&uuml;genbeutel ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber das alles ist mir ja riesig interessant,&laquo; fl&uuml;sterte
+Natalie und sah Arnold mit naivem Entsetzen an.
+&raquo;Machen Sie nur keine Dummheiten, ich bitte Sie.
+<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201"></a>[201]</span>Glauben Sie denn, da&szlig; die Welt auf Wahrheit gestellt
+ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das w&auml;re, m&uuml;&szlig;ten
+wir ja allesamt ins Gef&auml;ngnis oder Gott wei&szlig; wohin
+wandern.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und
+wichtig, wie von gro&szlig;en Erlebnissen strahlend. Mit
+einer Mischung von Vertraulichkeit und Leutseligkeit
+sch&uuml;ttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob
+er sich seit Wochen mit diesem Plan besch&auml;ftigt h&auml;tte:
+&raquo;Herr Ansorge, Sie m&uuml;ssen heiraten. Ich habe ein
+wunderbares M&auml;dchen f&uuml;r Sie, ohne Spa&szlig;, mein
+Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man
+so sagt, intelligent. Unter uns, eine famose Person.
+Grunds&auml;tze, Ideale, wie das heute so &uuml;blich ist.&laquo;
+Breitbeinig stand er da, sah verst&auml;ndnisinnig aus,
+schmatzte mit den Lippen und f&auml;chelte sich mit dem
+Taschentuch K&uuml;hlung zu. Natalie sah ihn voll Schrecken
+und Staunen an.</p>
+
+<p>&raquo;Das einzige Hindernis w&auml;re,&laquo; fuhr er fort, &raquo;da&szlig;
+sie eine J&uuml;din ist. Aber Sie sind ja sozusagen ein
+aufgekl&auml;rter Geist.&laquo; Er ging mit gro&szlig;artigen Schritten
+herum und fuchtelte mit den Armen. &raquo;Was geht
+uns &uuml;berhaupt diese Geschichte an, die da vor
+zweitausend Jahren passiert sein soll? Wir sind
+alle Menschen, alle sind wir Br&uuml;der. Wenn wir
+auch Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort,
+das ist meine Meinung, Herr Ansorge.&laquo;
+Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster
+hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Bist du betrunken?&laquo; fragte Natalie mit eisiger
+Ruhe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202"></a>[202]</span>Osterburg wurde pl&ouml;tzlich kleinlaut. &raquo;Ach, ach,&laquo;
+seufzte er, &raquo;fr&uuml;her war ich so geistreich; erst seit zwei
+Jahren bin ich so stupid geworden.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing
+ihn stets eine Luft von seltsamer Wesenlosigkeit,
+ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser Reden, ein
+grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von
+Eifer und Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag fand sich der junge Mann ein,
+den Verena zu schicken versprochen hatte. Er hie&szlig;
+Wolmut und war ein zarter Mensch von b&uuml;rschchenhaftem
+Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und
+ernsten, klugen Augen. Seine Redeweise hatte etwas
+N&uuml;chtern-Belehrendes, sein Betragen war gewandt
+und k&uuml;hl, aber Arnold sp&uuml;rte sofort, da&szlig; dies der
+ihm notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus
+dem kleinen blonden Mann dunkel herausfand, war
+eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er f&uuml;hlte die
+Gegenwart einer t&uuml;chtigen und klaren Natur. So
+sah er sich mit Vergn&uuml;gen am Eingang einer arbeitsreichen
+Epoche, und als von Hankas eine schriftliche
+Ermahnung kam, er m&ouml;ge den heutigen Abend nicht
+vergessen, da war f&uuml;r ihn beschlossen, nicht hinzugehen.
+Wozu das Tr&uuml;be suchen? dachte er; im
+schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
+nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen
+zu melden, ward es jedoch anders. Mit
+seinen groben Federz&uuml;gen schrieb er Anrede und Anfangsworte
+und legte langsam den Halter auf den
+Tisch zur&uuml;ck. Ernst und fragend tauchte Alexander
+Hankas Gesicht vor ihm empor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203"></a>[203]</span>Es war ein hei&szlig;er Tag, Arnold wurde gel&auml;hmt
+durch die br&uuml;tende, staubige Stadthitze. Die Sonne
+leuchtete nicht, sondern glomm in einem Dunstnest.
+Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Stra&szlig;e
+war es noch &uuml;bler als im Zimmer, und er wollte
+schon umkehren, da zog es ihn pl&ouml;tzlich nach einer
+ganz andern Richtung, und er beschlo&szlig;, Verena Hoffmann
+aufzusuchen.</p>
+
+<p>Er l&auml;utete einige Male an der T&uuml;r und niemand
+r&uuml;hrte sich drinnen. Als er sich entt&auml;uscht zur Treppe
+wandte, kam Verena von unten herauf. Am Fu&szlig;
+der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen
+Augenblick stehen und l&auml;chelte empor. Sie trug ein
+wei&szlig;es Leinwandkleid mit schwarzem Band um den
+Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
+deren festen Druck er fest erwiderte, dann schlo&szlig; sie
+auf, ging voran, warf ohne sonderliche Verlegenheit
+eine Wolldecke &uuml;ber das noch ungemachte Bett, brachte
+Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und beide
+nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von
+hier war ein weiter Blick in die Nachbarh&ouml;fe und
+Verena sagte, indem sie hinausdeutete: &raquo;Zweihundertf&uuml;nfzig
+Fenster.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nickte. &raquo;Auf wie viele Menschen kommt da
+ein Fenster?&laquo; erwiderte er.</p>
+
+<p>Verena sagte, sie freue sich, da&szlig; er gekommen sei.</p>
+
+<p>&raquo;Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir
+erz&auml;hlt?&laquo; fragte Arnold neugierig.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist die Geschichte mit dem Judenm&auml;dchen. Ist
+es wahr, war das wirklich der Anla&szlig; f&uuml;r Sie, Ihre
+Heimat zu verlassen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204"></a>[204]</span>&raquo;Ja, das ist wahr,&laquo; murmelte er. &raquo;Aber ich habe
+bis jetzt nichts erreicht, gar nichts. Es ist sch&auml;ndlich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennen Sie das M&auml;dchen n&auml;her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben
+gesehen. Ein h&auml;&szlig;liches kleines Ding.&laquo;</p>
+
+<p>Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob
+diese Antwort erst ein tieferes Interesse f&uuml;r ihn erweckt
+h&auml;tte. Doch sprach sie nicht weiter von der
+Sache und daf&uuml;r war Arnold ihr dankbar.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig;en nun mindestens eine Viertelstunde
+schweigend beisammen. Arnold staunte vor sich hin.
+Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust,
+und er hatte das Gef&uuml;hl, als &uuml;berstr&ouml;mten ihn Wohlger&uuml;che.</p>
+
+<p>&raquo;Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?&laquo; fragte Verena
+endlich.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, er ist gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Finden Sie ihn sympathisch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr sympathisch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist einer der n&uuml;tzlichsten Menschen, die ich kenne;
+er wird es sicher noch sehr weit bringen, das hei&szlig;t,
+soweit man es in diesem korrumpierten Land eben
+bringen kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weit bringen, das hei&szlig;t, ein gro&szlig;es Amt bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ungef&auml;hr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So weit werd&#8217; ich&#8217;s wohl nie bringen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen
+&Auml;mtern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin
+doch kein Schiller.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205"></a>[205]</span>Verena lachte. &raquo;Aber die Idealisten k&ouml;nnen es
+noch weiter bringen als zu hohen &Auml;mtern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, dann bin ich vers&ouml;hnt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, aber es gibt Gefahren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gefahren?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Idealisten d&uuml;rfen sich nicht verpflichten. Sie
+d&uuml;rfen keine anspruchsvollen Freundschaften haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieso? Sie meinen, da&szlig; man sparsam mit seinem
+Herzen sein mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht. Oder doch, da&szlig; man das Herz nicht
+verschwenden soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht
+nach kann das Herz nicht arm werden, soviel
+es auch gibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem
+Holzweg. Das Herz kann sich n&auml;mlich auch irren
+und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
+hat, dann wird es aufgebraucht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man
+kann doch nicht eine Rechenmaschine in die Brust
+hineinstellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn einer ein Ziel hat, dann mu&szlig; er sein
+Herz bewahren, sonst ist er nichts wert.&laquo;</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich erhob sich Verena und sagte: &raquo;Ich mu&szlig;
+gehen. Ich mu&szlig; zu Tetzner.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?&laquo;
+fragte Arnold rasch.</p>
+
+<p>Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber
+nicht.</p>
+
+<p>Kaum hatten sie auf der Stra&szlig;e ein paar Schritte
+gemacht, als Tetzners Kopf an einem ebenerdigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206"></a>[206]</span>Fenster sichtbar wurde. &raquo;Wo steckst du, Verena?&laquo;
+rief er; &raquo;nimm doch den Herrn mit herein. Junger
+Freund, hier gibt es die seltensten Schn&auml;pse der
+Welt und vieles andere, was sich sonst nur auf der
+Tafel des Gro&szlig;khans der Bucharei findet. Kommen
+Sie.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse.
+&raquo;Man hat schon wo anders f&uuml;r mich gesorgt,&laquo; entgegnete
+er lachend, &raquo;aber vielleicht heben Sie mir
+etwas auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bravo,&laquo; rief Tetzner und klatschte in die H&auml;nde.
+Verena warf einen teilnehmenden, tiefen Blick auf
+Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr gefiel. Fast ungest&uuml;m
+streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Fuenfunddreissigstes_Kapitel" id="Fuenfunddreissigstes_Kapitel"></a>F&uuml;nfunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">In dem Zimmer, welches gegen den Garten
+hinausging, sa&szlig; Hanka am Klavier und spielte
+eine Haydnsche Sonate. Beate sa&szlig; in der Ecke
+des m&auml;&szlig;ig gro&szlig;en, noch von der untergehenden
+Sonne beleuchteten Raumes, bl&auml;tterte in einem
+Photographiealbum und g&auml;hnte von Zeit zu Zeit.
+&raquo;Diese Einladung war ganz unn&ouml;tig,&laquo; sagte sie in
+der Pause zwischen einem Andante und einem Allegro,
+&raquo;besonders da Specht nicht kommt. Was tun
+wir denn mit Ansorge allein und was geht er uns
+an? Dazu ist er noch unh&ouml;flich und l&auml;&szlig;t auf sich
+warten.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207"></a>[207]</span>Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um.
+Er blickte auf die Uhr, schmatzte mit den Lippen und
+erwiderte: &raquo;Wir wollten doch die beiden Podoliner
+einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es.
+Da&szlig; dein Freund Specht absagen w&uuml;rde, konnte man
+ja nicht vermuten. &Uuml;brigens interessiert mich Ansorge
+viel mehr.&laquo;</p>
+
+<p>Beate pendelte ungeduldig mit den F&uuml;&szlig;en. &raquo;Mich
+langweilt er,&laquo; sagte sie. &raquo;Ich langweile mich &uuml;berhaupt.
+Wenn wir nur schon fort w&auml;ren. Wie lang
+ist es noch bis morgen fr&uuml;h! Ich will jeden Tag
+wo anders sein, und du, du schl&auml;fst bei Tag und
+Nacht.&laquo;</p>
+
+<p>Und zwischen einem L&auml;cheln und einem Z&auml;hneknirschen
+fuhr sie fort: &raquo;Hast du denn die Fahrkarten
+bestellt?&laquo;</p>
+
+<p>Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte
+Hanka &uuml;ber die Breitseite des Zimmers. Er antwortete
+nichts. Seit einer Reihe von Tagen war
+er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen
+bewegt. Mit der Kraft seines ganzen Wesens hing
+er an Beate, doch ersp&auml;hte er fortw&auml;hrend Auflehnung
+in ihrem Innern. F&uuml;r eine Person wie
+Hanka ist die &Auml;u&szlig;erung einer Empfindung nicht das
+Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; f&uuml;r ihn war
+es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit
+einschlagen zu k&ouml;nnen. Wer dies, ihn verstehend,
+erm&ouml;glichte, konnte ihn ganz besitzen. Es war ihm
+unwidersprechlich geworden, da&szlig; Beate nicht sah, was
+sie h&auml;tte sehen, nicht f&uuml;hlte, was sie h&auml;tte f&uuml;hlen
+m&uuml;ssen, da&szlig; ihre immerw&auml;hrende Beweglichkeit nichts
+<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208"></a>[208]</span>anderes war als eine Flucht vor ihm. Verdru&szlig; machte
+oft die Ruhe seines Nachdenkens d&uuml;ster. Die Anziehungskraft
+w&auml;chst mit dem Quadrat der Entfernungen,
+pflegte er sich ironisch zu sagen, und mit
+seiner pedantischen Gr&uuml;ndlichkeit w&uuml;nschte er genau
+zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate
+so unentbehrlich geworden. Doch hier machten seine
+Gedanken Halt, und in einer Z&auml;rtlichkeit, wie sie nur
+sein von allen Seiten verschlossenes Herz kannte, erblickte
+er immer wieder das kr&auml;ftige und kaprizi&ouml;se
+Kind der Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener
+Wille sich mit ebenb&uuml;rtiger Laune unterwerfen
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Trabst schon wieder herum wie ein B&auml;r,&laquo; sagte
+Beate, sprang aber gleichzeitig auf, da es gel&auml;utet
+hatte. Bald darauf trat Arnold ein und wurde von
+Hanka mit herzlichem H&auml;ndedruck, von Beate mit
+etwas ungeschickter K&auml;lte begr&uuml;&szlig;t. Alle drei setzten
+sich sogleich zu Tisch. Drau&szlig;en hatte sich der Himmel
+verfinstert, und Gewitterwind wehte durch den Garten.
+Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen
+auf und fragte Arnold, weshalb er so sp&auml;t komme.</p>
+
+<p>&raquo;Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen
+bekommen,&laquo; sagte Beate &auml;rgerlich. Arnold entschuldigte
+sich nicht. &raquo;Ich habe bis zuletzt gez&ouml;gert, ob
+ich kommen soll,&laquo; sagte er. &raquo;Das ist nicht h&ouml;flich,
+Frau Beate, aber es hat seinen Grund.&laquo;</p>
+
+<p>Beate stutzte. &raquo;Er hat immer Gr&uuml;nde,&laquo; erwiderte
+sie bissig.</p>
+
+<p>&raquo;Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,&laquo; bemerkte
+Hanka gutm&uuml;tig. Er freute sich eigentlich, da&szlig; Arnold
+<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209"></a>[209]</span>Ansorge ihm nun gegen&uuml;ber sa&szlig;, es erschien ihm fast
+wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
+Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.</p>
+
+<p>Unter dem heranrollenden Donner begannen sie
+zu essen. Beate legte aber bald Messer und Gabel
+hin, und ihr Gesicht ver&auml;nderte sich zusehends vor
+Angst.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mit den Gewittern,&laquo; meinte Hanka stirnrunzelnd.
+&raquo;F&uuml;r eine Frau, die auf dem Land aufgewachsen
+ist, ist das besch&auml;mend.&laquo;</p>
+
+<p>Ein au&szlig;erordentlicher Blitz lie&szlig; die Lichter des
+Zimmers erblassen. Nach dem langen Donner erhob
+sich Beate und murmelte verst&ouml;rt vor sich hin.</p>
+
+<p>Auch Hanka stand auf. Er fa&szlig;te Beate bei den
+H&auml;nden und suchte sie zu beruhigen. Ein zweiter
+Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in ihrem
+K&ouml;rper. Voll Heftigkeit stie&szlig; sie Hanka von sich; mit
+einem hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner
+hinein: &raquo;Ich will nicht, ich will euch nicht,&laquo; und lief
+aus dem Zimmer.</p>
+
+<p>Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam
+er zur&uuml;ck, rief das Stubenm&auml;dchen, und Arnold fand
+sich abermals allein an dem gedeckten Tisch. Er nahm
+weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
+interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt
+ihm vor&uuml;ber und mischte sich so wenig mit seinem
+Geist wie &Ouml;l mit dem Wasser. Vielleicht aber war
+das Spiel der Elemente drau&szlig;en f&uuml;r ihn anziehender
+und ergreifender als die selbsts&uuml;chtige Bangnis einer
+kleinen Seele. Er trat langsam an das Gartenfenster,
+und beim Schein der Blitze f&uuml;hlte er sich aufgefordert,
+<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210"></a>[210]</span>Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen
+Beates, anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm
+ihre ganze Person geradezu verd&auml;chtig.</p>
+
+<p>Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam
+Hanka zur&uuml;ck. &raquo;Sie hat sich in Bettt&uuml;cher eingeh&uuml;llt
+und die Ohren verstopft,&laquo; sagte er. &raquo;Ich habe ihr
+versprechen m&uuml;ssen, da&szlig; Sie bald gehen werden.
+Haben Sie je etwas mit ihr gehabt? Es ist mir
+unbegreiflich. Kommen Sie, lieber Freund, essen
+wir weiter. Ich freue mich, da&szlig; Sie da sind und
+werde Sie nicht so geschwind wieder loslassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Frau Beate f&uuml;rchtet vielleicht, mich mit Ihnen
+allein zu lassen,&laquo; erwiderte Arnold ruhig und folgte
+Hanka zum Tisch.</p>
+
+<p>&raquo;Warum? Warum f&uuml;rchten? Sie wollte ja selbst,
+da&szlig; Sie einmal bei uns w&auml;ren.&laquo; Vergn&uuml;gt und
+voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gem&uuml;se
+auf den Teller.</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich mir erkl&auml;ren,&laquo; sagte Arnold. &raquo;Vielleicht
+wollte sie es nur darum, um zu sehen, wie
+sie sich gegen mich verhalten mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei, was Sie f&uuml;r ein Psycholog geworden sind!
+Allerdings, was Sie da sagen, hat etwas f&uuml;r sich.
+Gerade die Frauen wollen oft das Verha&szlig;te nahe
+haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu
+sch&uuml;tzen. Aber es ist l&auml;cherlich, wenn Sie das bei
+Beate annehmen. Beate ist viel zu naiv dazu.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schwieg. Unschl&uuml;ssigkeit &uuml;berkam ihn. Und
+er sp&uuml;rte nun aus Hankas Worten deutlich eine vollst&auml;ndige
+Ahnungslosigkeit. Dies erregte in ihm einen
+stummen Zorn gegen das l&uuml;gnerische Weib.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211"></a>[211]</span>&raquo;Es ber&uuml;hrt uns doch, ich m&ouml;chte sagen &auml;sthetisch,
+wenn Frauen sich vor dem Gewitter f&uuml;rchten,&laquo; fuhr
+Hanka angeregt zu plaudern fort. &raquo;In einer Frau
+liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen
+Wolke, und fast m&ouml;chte man glauben, da&szlig;
+die Natur sich einen Spa&szlig; daraus macht, ihre latenten
+Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen
+ist f&uuml;r mich eher angenehm als verstimmend.&laquo;</p>
+
+<p>Ein bl&auml;ulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt
+Hankas Rede ab und vom fast gleichzeitigen Donnerkrach
+zitterten die W&auml;nde und rasselten die Teller.</p>
+
+<p>&raquo;Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?&laquo;
+fragte Arnold, indem er gegen das Fenster sah, an
+welches der Regen gepeitscht wurde. &raquo;Er erz&auml;hlte
+mir zuerst, da&szlig; er hier sein w&uuml;rde. Es f&auml;llt mir
+nur deshalb auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate
+in einem verschlossenen Wagen sah.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes
+Gesicht. &raquo;So?&laquo; fragte er kurz. Er erinnerte
+sich pl&ouml;tzlich, da&szlig; ihm die Stunden lang und ungew&ouml;hnlich
+erschienen waren, die Beate gestern bei der
+Schneiderin zugebracht haben wollte. Er sch&uuml;ttelte
+den Kopf und sagte mit einem unsichern und wohlwollenden
+L&auml;cheln: &raquo;Darin t&auml;uschen Sie sich vielleicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich t&auml;usche mich nicht,&laquo; erwiderte Arnold, &raquo;obwohl
+die Vorh&auml;nge des Wagens nur einen Augenblick
+zur&uuml;ckgeschoben wurden.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka h&ouml;rte auf zu essen. Warum erz&auml;hlte sie
+mir davon nichts? dachte er, wie um sich noch einmal
+gewaltsam zu betr&uuml;gen. Er lehnte sich in den Stuhl
+<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212"></a>[212]</span>zur&uuml;ck, &ouml;ffnete den Mund, schlo&szlig; ihn aber wieder,
+ohne gesprochen zu haben. Zu beiden Seiten der
+Nasenfl&uuml;gel trat eine seltsame gelbliche Bl&auml;sse hervor.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte mir, Sie w&uuml;&szlig;ten um alles was zwischen
+Specht und Ihrer Frau war,&laquo; fuhr Arnold mit unerbittlichem
+Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen auf
+den Tisch und den Kopf in die Hand gest&uuml;tzt und
+schaute Hanka unverr&uuml;ckt an. &raquo;Beide waren in Podolin
+wie Mann und Frau, bei Tag und bei Nacht. Das
+wei&szlig; ich und w&uuml;rde es Ihnen nicht sagen, wenn ich&#8217;s
+nicht w&uuml;&szlig;te. Darum h&ouml;ren Sie alles auf einmal,
+damit ich Sie nicht qu&auml;le. Nach Specht hatte sie
+ein Verh&auml;ltnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
+Gut, das hei&szlig;t, im Anfang betrog sie den
+einen mit dem andern, bis der Knecht sie durch
+Schl&auml;ge gehorsam machte. Davon wu&szlig;ten die M&auml;gde
+bei uns jeden Tag zu erz&auml;hlen. Mir hat von jeher
+eine Stimme gesagt, da&szlig; Sie dabei im Finstern sind,
+denn Sie sahen eine andere Beate, h&auml;tten vielleicht
+nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden
+h&auml;tte. So trieb es mich also her, wie schwer es auch
+ist; ich denke mir, die einen leben von L&uuml;ge, die
+andern von Wahrheit, die beiden mu&szlig; man voneinander
+halten. Das ist alles.&laquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser Worte hatten die gelblichen Flecke
+auf Hankas Gesicht best&auml;ndig zugenommen. Auch
+er sah unverr&uuml;ckt in das Gesicht seines Gegen&uuml;bers;
+und allm&auml;hlich verlor er das Bewu&szlig;tsein davon, da&szlig;
+da ein Mensch sitze; er gewahrte nur einen wei&szlig;lichen
+Kreis; ihm war, als sei es der Mond, der
+vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
+<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213"></a>[213]</span>Jedoch er h&ouml;rte, h&ouml;rte. Er versp&uuml;rte einen ungeheuren,
+verschlungenen Schmerz im Kopf, und als
+Arnold geendigt hatte, glitt ein d&uuml;nnes, geistloses
+L&auml;cheln &uuml;ber seine Lippen. Arnold schwieg und
+Hanka schwieg, und so sa&szlig;en sie lange schweigend,
+w&auml;hrend das Gewitter sich verlor. Endlich r&uuml;ckte
+Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er
+ein Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und
+richterlicher Sch&auml;rfe, wobei er die schwarzen Augen
+weit aufri&szlig;: &raquo;Beweise&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine
+Blicke in diejenigen Hankas. Es war ein &uuml;berlegener,
+strenger und vornehmer Ausdruck in seinen Augen
+wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder
+zur&uuml;ck, als ob er sein Wort vergessen haben wolle.
+Er legte eine Hand glatt auf den Kopf, Farbe kehrte
+in seine Wangen zur&uuml;ck und verschwand wieder
+daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut
+von sich, stand auf und wie zum Zeichen seiner
+Fassung z&uuml;ndete er langsam eine Zigarre an. Darauf
+ging er schweigend mit gro&szlig;en Schritten auf und
+ab. Auch Arnold verlie&szlig; seinen Platz. &raquo;Adieu,
+Doktor Hanka,&laquo; sagte er; &raquo;Freund oder Feind; wie
+Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka kehrte ihm den R&uuml;cken, verschr&auml;nkte die
+Arme und blickte gegen die Fenster. Doch als Arnold
+sich zur T&uuml;r wandte, schritt er ihm nach, sah ihn mit
+einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die
+feuchte kalte Hand.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214"></a>[214]</span></p>
+<h3><a name="Sechsunddreissigstes_Kapitel" id="Sechsunddreissigstes_Kapitel"></a>Sechsunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer
+fort. Er dachte nun weder an sich selbst, noch
+an Beate, sondern er richtete seine Gedanken zun&auml;chst
+auf die Person Arnolds. Er vergegenw&auml;rtigte
+sich den Arnold, den er in Podolin kennen gelernt
+und hielt den dawider, der heute zu ihm gesprochen.
+Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um
+die Tiefe des Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen.
+Das Lot sank weit. Er mu&szlig;te einen Verstand
+anerkennen, der die Aufrichtigkeit &uuml;ber alles
+liebte. Und schlie&szlig;lich mu&szlig;te er sich gestehen, da&szlig;
+dieser Mensch von Sympathie gef&uuml;hrt wurde, um
+ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
+dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein ha&szlig;artiges
+Gef&uuml;hl von K&auml;lte gegen Arnold von sich abzuwehren.
+Wie er sich auch stellen mochte, er konnte noch nicht
+glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang
+phantastisch, sich einem Zweifel an Beate zu ergeben.
+Was f&uuml;hrt ihn her? dachte er tr&uuml;b und trotzig. Mitleid?
+Dann w&auml;re selbst seine Wahrheit nicht wahr.
+Wie konnte er annehmen, da&szlig; zwischen uns kein
+gegenseitiges Wissen bestand? Hankas Eigenliebe begann
+sich zu b&auml;umen. Vielleicht wurde er selbst verschm&auml;ht
+und spielt den Verr&auml;ter, gr&uuml;belte er voll
+Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm &uuml;ber die
+Haut, als ob ihn Ekel ber&uuml;hrt h&auml;tte. Hundert Erw&auml;gungen
+verbrannten sein Gehirn, durch hundert
+Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Ankl&auml;gers zu
+entstellen, immer sch&uuml;ttelte er den Kopf und kehrte
+<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215"></a>[215]</span>zu sich selbst zur&uuml;ck: war ich also blind! Und abermals
+ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
+Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden,
+lie&szlig; all ihre Worte nachklingen, die ihm erinnerlich
+waren, begann an ihrem Schweigen zu studieren,
+und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser
+Bilder eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit,
+in kindisches Gewand verh&uuml;llt, Verlogenheit
+unter tausendfach t&auml;uschendem L&auml;cheln. Was soll
+ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als
+m&uuml;sse er sich auf den Boden legen, um Jahre lang
+nur dar&uuml;ber nachzudenken. Erst jetzt dachte er daran,
+da&szlig; er ja zu Beate gehen k&ouml;nne und da&szlig; dann alles
+entschieden sein m&uuml;sse. Mit grausamer Logik &uuml;berzeugte
+er sich, da&szlig; er diese Entscheidung nur verschieben
+wolle. Ist es denn schlie&szlig;lich so schlimm?
+murmelte er. Ein Weib weniger f&uuml;r mich, gut. Das
+Vergehen ist gering von ihrer Seite, da sie doch nicht
+die ist, die ich glaubte. Man darf die Einfachheit
+der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug,
+das ist schlie&szlig;lich Angelegenheit des Geschmacks
+und der Reinlichkeit. F&uuml;r mich handelt es sich um
+mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man nicht
+gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
+zusammenleben.</p>
+
+<p>Er z&uuml;ndete eine Kerze an, verlie&szlig; das Zimmer,
+ging durch einen Salon, in <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'welchen'">welchem</ins> die Sessel schon
+mit staubsch&uuml;tzenden &Uuml;berz&uuml;gen versehen waren und
+betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock
+auf dem Bett und schlief. Er z&ouml;gerte, stellte dann
+die Kerze vors&auml;tzlich ger&auml;uschvoll auf ein Marmortischchen
+<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216"></a>[216]</span>und Beate schreckte empor. &raquo;Hast du ihn
+fortgeschickt?&laquo; fragte sie schlaftrunken. &raquo;L&ouml;sch doch
+die Kerze aus, Alexander, sonst verbrennt der Vorhang&laquo;,
+fuhr sie munter werdend fort. &raquo;Es ist ja Licht
+genug, siehst du denn das nicht?&laquo; Da er nicht antwortete,
+sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte
+sie ihn mit ungeduldigen Blicken. &raquo;Du k&ouml;nntest
+jetzt zu Bett gehen&laquo;, sagte sie verdrie&szlig;lich. &raquo;Wir
+m&uuml;ssen ausschlafen, ich mu&szlig; morgen fr&uuml;h noch meine
+Handtasche packen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die magst du wohl packen&laquo;, entgegnete Hanka
+mit Ruhe. &raquo;Du kannst auch reisen, wenn es dir gef&auml;llt,
+aber es wird ohne mich sein.&laquo;</p>
+
+<p>Beate ri&szlig; erstaunt die Augen auf. &raquo;Ja, bist du
+denn toll?&laquo; schrie sie endlich, starrte wieder und lachte
+darauf laut. Sie hob sich empor, brachte die F&uuml;&szlig;e
+auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
+sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von
+Angst, Sorge und Ha&szlig;.</p>
+
+<p>Es schien, als ob Hanka von alledem nichts s&auml;he.
+Er begann in gleichm&uuml;tigem Tonfall wieder zu sprechen.
+&raquo;Ich frage dich nicht, in welchem Verh&auml;ltnis
+du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranla&szlig;t,
+im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die
+Stadt zu fahren, noch was zwischen euch schon in
+Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht, was
+es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich
+hatte. Ich will nur wissen, was du mir jetzt zu sagen
+hast, da dir bekannt ist, da&szlig; ich alles wei&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr R&uuml;cken
+kr&uuml;mmte sich, und ihr Kopf sank ein wenig herab.
+<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217"></a>[217]</span>Langsam &ouml;ffneten sich die Lippen und lie&szlig;en die fest
+zusammengepre&szlig;ten Z&auml;hne sehen. Es schien, als ob
+sie gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger
+bewegten sich, ihre Zehen r&uuml;hrten sich in den d&uuml;nnen
+Str&uuml;mpfen, ihre Knie dr&uuml;ckten sich gegeneinander,
+ihre Arme zuckten, dann stand sie j&auml;hlings auf und
+sagte mit grenzenloser Verachtung: &raquo;Der Hund also!
+der Schw&auml;tzer! der gemeine Denunziant!&laquo; Mit einer
+blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch, das
+auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf
+Str&uuml;mpfen stolz zur T&uuml;r und schlug sie knallend hinter
+sich zu.</p>
+
+<p>Ein verblasenes L&auml;cheln glitt &uuml;ber Hankas Mund.
+Er blieb stehen und dr&uuml;ckte die Augen zu, als wollte
+er sagen: Genug, &uuml;bergenug. Doch keine Minute
+war verflossen, als Beate wieder zur&uuml;ckkam. Sie
+weinte; sie setzte sich auf einen Stuhl und dr&uuml;ckte
+die H&auml;nde vor die Augen. &raquo;Es liegt nun an dir&laquo;,
+sagte Hanka, &raquo;dein Leben in Zukunft so gut wie
+m&ouml;glich einzurichten. Ein &ouml;ffentlicher Skandal widerstrebt
+mir ganz und gar. Es ist also gut, wenn du
+in aller Stille die Stadt verl&auml;&szlig;t. Ich lasse dir Zeit,
+ich will f&uuml;r einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
+entsteht. Was ich dir zu einer anst&auml;ndigen
+Lebensf&uuml;hrung materiell biete, werde ich morgen
+schriftlich feststellen lassen. Hast du noch etwas zu
+sagen?&laquo;</p>
+
+<p>Als Beate merkte, da&szlig; es so bitterer Ernst war,
+ging eine neue Ver&auml;nderung mit ihr vor. &raquo;Ich bin
+unschuldig, Alexander!&laquo; rief sie aus, &raquo;sie haben mich
+verf&uuml;hrt, bei Gott. Sie haben mich ungl&uuml;cklich gemacht.&laquo;
+<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218"></a>[218]</span>Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und
+legte ihr Gesicht in die Kissen.</p>
+
+<p>&raquo;Das mag wahr sein&laquo;, sagte Hanka freundlich, der
+vor dem Spiegel stand und so nach ihr hinschaute.</p>
+
+<p>Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht
+war ein naiv hoffender Ausdruck.</p>
+
+<p>Hanka l&auml;chelte schmerzlich. Er begriff, da&szlig; seine
+Sprache nicht zu den Ohren dieser Frau dringen
+konnte, da&szlig; seine Welt in andern Sph&auml;ren rollte,
+da&szlig; sein Blut anders beschaffen war und da&szlig; Beate
+dies nicht einmal zu ahnen vermochte. &raquo;Richte dich
+nach dem, was ich gesagt habe&laquo;, bemerkte er k&uuml;hl
+und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum
+schon verlassen hatte, h&ouml;rte er Beates aufschreiendes
+Lachen.</p>
+
+<p>Er kehrte in das E&szlig;zimmer zur&uuml;ck, setzte sich ans
+Klavier, schlug irgend ein Notenheft auf und pr&auml;ludierte.
+Aber es war, als ob sich zwischen ihm und
+dem Instrument eine Wand befinde; die T&ouml;ne blieben
+dumpf und fern. Er stand auf, &ouml;ffnete die Fenster
+und die Glast&uuml;r, die in den Garten f&uuml;hrte. Er ging
+hinaus. Von B&auml;umen und Str&auml;uchern tropfte das
+Regenwasser, und &uuml;ber den Beeten lag schw&auml;rzestes
+Dunkel. Am wei&szlig;lichgrauen Himmel schoben sich Wolken
+hin, und das Gewitter leuchtete noch in der Ferne.
+Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze noch auf
+der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka;
+zwischen zwei Windst&ouml;&szlig;en hat sich das Schicksal gewandt.
+Er verfolgte die geschlungenen Gartenwege,
+und das unver&auml;nderliche Tropfen des Wassers klang
+ihm wie die H&auml;mmer des Klaviers, das an diesem
+<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219"></a>[219]</span>Abend nicht hatte t&ouml;nen wollen. Es war sp&auml;t, als
+er wieder in das Zimmer zur&uuml;ckkehrte, das er nach
+allen Seiten abschlo&szlig;. Er nahm in einer Ecke Platz
+und griff zu einem Buch, zu einem zweiten und
+dritten. Hanka hatte ein Gef&uuml;hl der M&uuml;digkeit und
+Schwere, als ob er zwei N&auml;chte durchzecht h&auml;tte.
+Er streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe
+begann ein hohles Denken, welches in einen hohlen
+Schlummer &uuml;berging, als die Bl&auml;tter im Garten von
+der Morgenr&ouml;te zu ergl&uuml;hen anfingen.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Siebenunddreissigstes_Kapitel" id="Siebenunddreissigstes_Kapitel"></a>Siebenunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte,
+stand er eine Weile unschl&uuml;ssig vor dem Tor.
+Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, kehrte
+aber wieder zur&uuml;ck. Schweigend standen die Villen
+und Landh&auml;user zu beiden Seiten der Stra&szlig;e, und
+sein Ohr vernahm keinen andern Laut als den des
+Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem
+Schutze eines alten Kastanienbaumes leidlich trocken
+geblieben war und setzte sich nieder.</p>
+
+<p>Der letzte Blick und H&auml;ndedruck Alexander Hankas
+wollten ihm nicht aus dem Kopf. Arnold f&uuml;hlte
+wohl, da&szlig; darin mehr und anderes enthalten war
+als die dankbare Quittung f&uuml;r einen wohlgemeinten
+Dienst, anderes jedenfalls, als was Arnold erwartet
+hatte. Er hatte erwartet, da&szlig; ein Mann, der beh&auml;big
+im Finstern gesessen, sich &uuml;berrascht, t&auml;tig und
+<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220"></a>[220]</span>entschlossen dem Licht zuwenden w&uuml;rde, das ihm ein
+Freund ins Haus getragen. Statt dessen, das verrieten
+ihm Empfindung und Beobachtung, hatte er
+einen Gedem&uuml;tigten hinter sich gelassen. Arnold hatte
+geglaubt, eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er
+hatte ein Gericht abgehalten. Hankas Blick war deutlich:
+du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
+War dies nun die Schw&auml;che Hankas oder war es die
+menschliche Schw&auml;che oder war es Arnolds Irrtum?</p>
+
+<p>Ist es Hankas Schw&auml;che, dachte Arnold, dann beruht
+sein Gl&uuml;ck darauf, nicht zu sehen, wie das meine,
+sehen zu wollen. Und so wenig ich die Macht habe,
+ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig
+steht bei mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden.
+Hier ist kein Ausweg, obwohl ich sehe, da&szlig;
+jedes Ding, gutes Ding und b&ouml;ses Ding zwei Seiten
+hat. War es eine menschliche Schw&auml;che, dann kann
+es ja auch meine Schw&auml;che sein, und es wird f&uuml;r
+mich um so vielmal schwerer, Recht zu haben, als es
+au&szlig;er mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt,
+das ist sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich
+nehme an, Hanka k&auml;me zu mir und sagte: deines
+Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
+Schwei&szlig; und fremde Not zusammengeh&auml;uft. Ich
+m&uuml;&szlig;te es pr&uuml;fen und richtig finden und m&uuml;&szlig;te von
+mir werfen, was ich durch L&uuml;ge besitze, weil ich doch
+behauptet habe, da&szlig; jeder seine L&uuml;ge von sich werfen
+soll. Aber wie ist es mit Beate? Vielleicht war es
+der beste Weg, den sie erkannt hat, zu schweigen?
+Vielleicht war es ihre Kraft, <em class="gesperrt">nicht</em> zu bekennen, und
+sie liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen
+<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221"></a>[221]</span>liebte? Vielleicht war hier die L&uuml;ge das Bessere.
+L&uuml;ge, das ist doch nur ein Wort. Aber wie? wenn
+er es auf rohe und niedertr&auml;chtige Art erfahren h&auml;tte?
+ist ein Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut
+wie das Ungef&auml;hr? und gilt es darum nicht als Wahrheit,
+weil ich es gewollt?</p>
+
+<p>Und wenn L&uuml;ge nur ein Wort ist, bald so, bald
+so zu nehmen, dann ist ja auch Ungerechtigkeit nur
+ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
+kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit
+nicht schaffen. Vielleicht ist es irgendwo bestimmt,
+da&szlig; die J&uuml;din ins Kloster kam, vielleicht hat das
+irgendwo sein Gutes, nur wei&szlig; ichs nicht. Aber das
+w&auml;re ja eine verzweifelte, eine h&ouml;chst verzweifelte
+Geschichte, wenn der Mensch nicht mehr imstande ist,
+zu wissen, was er soll und darf.</p>
+
+<p>Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie
+in einem tr&uuml;bseligen Rausch nach Hause.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Achtunddreissigstes_Kapitel" id="Achtunddreissigstes_Kapitel"></a>Achtunddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt
+zur&uuml;ck. Sie machte sofort Besuche,
+empfing Besuche, abonnierte f&uuml;r Konzerte und
+Theater und bereitete sich auf das gewohnte Herbst-
+und Winterleben vor. St&ouml;&szlig;e von Romanen kamen
+von der Buchhandlung und vom Leihgesch&auml;ft und
+keiner konnte sie l&auml;nger als einen Vormittag festhalten.
+Sie jagte hierhin und dorthin, klagte &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222"></a>[222]</span>Schlaflosigkeit, schien bald entkr&auml;ftet, bald &uuml;berreizt,
+bald geschw&auml;tzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
+aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte
+es, sie und den Oheim in einem so engen und ewigen
+Verh&auml;ltnis zu denken, als welches ihm die Ehe erschien.</p>
+
+<p>Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts
+kam der M&uuml;digkeit und Gelassenheit gleich, mit welcher
+er Messer und Gabel f&uuml;hrte, die Speisen auf
+seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit
+der er a&szlig; oder ein Gespr&auml;ch zu einem vorl&auml;ufigen
+Endpunkt schleppte.</p>
+
+<p>Es verdro&szlig; und kr&auml;nkte Arnold, dies zu beobachten.
+Noch brannte in ihm der Wunsch, sich um Menschen
+zu bem&uuml;hen. Als er an einem Morgen mit Borromeo
+allein beim Fr&uuml;hst&uuml;ck sa&szlig;, begann er offen: &raquo;K&ouml;nntest
+du mir nicht sagen, was dich so niederdr&uuml;ckt? Mu&szlig;
+denn alles so sein, wie es ist?&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine
+beiden Augensterne rollten erl&ouml;schend in die Winkel.
+&raquo;Du fragst wie ein J&uuml;ngling&laquo;, sagte er, &raquo;aber ich
+kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen
+wir das. Auch die Sterbenden haben ein <em class="antiqua">nil nisi
+bene</em>.&laquo;</p>
+
+<p>Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos
+H&auml;ndedruck voll W&auml;rme. Nichts konnte deutlicher
+ausdr&uuml;cken, wie zufrieden er mit ihm war und wie
+sehr er ihm vertraute.</p>
+
+<p>Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold
+ein gutes Verst&auml;ndnis erreicht. Er erkannte sofort
+dessen gl&uuml;ckliche und gesunde Veranlagung, allen
+<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223"></a>[223]</span>Kr&auml;ften seines Wesens gleichm&auml;&szlig;ig zur Entwicklung
+zu verhelfen und beobachtete ihn so scharf, als ob er
+durch die fremde Natur seine eigene ohne weiteres
+vervollkommnen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>V&ouml;llig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters,
+geh&ouml;rte Wolmut zu jenen Menschen, welche sich eine
+Weltanschauung aufbauen, um damit das Leben zu
+kommandieren. Seine kleinsten Gesch&auml;fte verrichtete
+er mit unerm&uuml;dlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit,
+und seine Armut trug er mit selbstverst&auml;ndlichem
+Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
+lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil
+bef&auml;higte ihn, jede schadhafte Stelle in der Lebensf&uuml;hrung
+des Andern sofort zu &uuml;bersehen. Die neugierige
+Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
+gegen&uuml;ber Elasser und der Gewalttat des Klosters
+benommen h&auml;tte. Seit jener Nacht, die unter dem
+Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte er
+nicht aufgeh&ouml;rt, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit
+sich und der Welt zu hadern. Allm&auml;hlich war sein
+leidenschaftliches Wollen einem dumpfen Zwiespalt
+gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
+rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verst&auml;rkungen
+gegen den Feind zu holen; er eilt anfangs
+und seine Botschaft benimmt ihm noch den Atem.
+Dann wird seine Stirne k&uuml;hler. Er beginnt Gefallen
+an der Landschaft zu finden, l&auml;&szlig;t allm&auml;hlich das Pferd
+im Tritt gehen und an gesch&uuml;tzter Stelle grasen; aus
+der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen Mittag.
+Der dr&auml;ngende Ruf, der seine Schritte befl&uuml;gelt hatte,
+verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre
+<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224"></a>[224]</span>flehenden Blicke dem Abgesandten in die Seele bohrten,
+entr&uuml;cken unter dem Horizont, und aus dem Geschehenen
+wird sozusagen eine Vorstellung.</p>
+
+<p>Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bem&uuml;ht
+gewesen, eine ihm neue Weichheit der Stimmung
+abzusch&uuml;tteln von der er kaum wu&szlig;te, woher
+sie kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die
+harmlos schien. Er gedachte zu ersehen, welches Echo
+die Podoliner Ereignisse in einem so Fern-, doch
+wahrhaft Mit-Lebenden gefunden h&auml;tten.</p>
+
+<p>&raquo;Soviel ich wei&szlig;, steht die Geschichte auf dem alten
+Fleck&laquo;, erwiderte der Student. &raquo;Ich h&ouml;rte, die Regierung
+habe jemand zum Papst gesandt, aber dadurch
+wird nichts ge&auml;ndert werden. Wenn die Justiz
+ihre unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist f&uuml;r
+den Einzelnen keine M&ouml;glichkeit mehr, sich zu widersetzen.
+Der Rechtsbegriff wird nicht erzwungen und
+gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. &raquo;Das
+h&ouml;rt sich gut an&laquo;, erwiderte er schroff, &raquo;so lange, bis
+Sie selber dabei den Hieb bekommen. Wollen Sie
+verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht
+an Ihnen selbst ausge&uuml;bt wird?&laquo;</p>
+
+<p>Wolmut l&auml;chelte. &raquo;Das m&uuml;&szlig;te man auch. Es
+handelt sich nur um eine Ausschaltung unzweckm&auml;&szlig;iger
+Triebe. Was soll platonische Teilnahme?
+Sich selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die
+m&ouml;glichst viel R&auml;der in Bewegung setzt, mit der
+Feuerung haushalten und bei der gr&ouml;&szlig;ten Arbeitsleistung
+den kleinsten Kr&auml;fteverbrauch erzielen, ist das
+nicht Teilnahme genug?&laquo; Der kleine, schmale, h&uuml;bsche
+<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225"></a>[225]</span>Mensch mit dem rosenroten Gesicht sprach ruhig und
+&uuml;berlegen, mit einer Verhaltenheit, als wolle er Meinung
+und Gebahren sogleich in Einklang bringen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr, weil es wahr sein kann&laquo;, gab Arnold
+gereizt zur&uuml;ck. &raquo;Ich will nicht sagen, da&szlig; ich
+anders denke, aber wenn ich gar nicht denke, wird
+alles anders.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gef&uuml;hl zerst&ouml;rt&laquo;, behauptete Wolmut mit seiner
+unersch&uuml;tterlichen Lehrsamkeit. &raquo;Ziehen Sie Ihren
+Kreis; verbieten Sie Ihrer Fu&szlig;spitze, ihn auch nur
+um einen Millimeter zu &uuml;berschreiten. Gl&uuml;ck ist Positivit&auml;t.
+Die Welt &auml;ndern wollen hei&szlig;t, sich selbst vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>Arnolds Gesicht r&ouml;tete sich. &raquo;Das ist Streberweisheit&laquo;,
+rief er zornig aus. &raquo;Das Judenm&auml;dchen ist
+also nur deshalb nicht zu retten, damit wir, ich und
+Sie, gl&uuml;cklich werden?&laquo;</p>
+
+<p>Wolmut zuckte die Achseln. &raquo;Warum denn nicht?
+Jede Kultur schleppt noch einen Rest von Finsternis
+hinter sich her, der von selbst kleiner wird wie ein
+Schatten, je h&ouml;her die Sonne steigt. Ich predige
+nicht Apathie oder banalen Egoismus. Aber jeder
+Mensch mu&szlig; unbedingt seine Handlungen nach dem
+Ma&szlig; seiner Hilfskr&auml;fte modeln. Ebenso wie er zu
+jeder Minute sich dar&uuml;ber klar sein mu&szlig;, da&szlig; nichts
+in seinem eigenen Charakter ihn &uuml;berraschen und da&szlig;
+kein Vorfall der Welt ihn verf&uuml;hren kann, die Arme
+statt des Kopfes oder das Herz statt der F&uuml;&szlig;e zu gebrauchen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold hatte das Gef&uuml;hl, als ob ein sch&auml;dlicher
+Doppelg&auml;nger auf ihn zugetreten w&auml;re, um die Gedanken
+<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226"></a>[226]</span>der Entschuldigung und entfremdeten K&auml;lte,
+die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste
+und ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu &uuml;berzeugen,
+verdunkelte ihn nur vor sich selbst und vermehrte seine
+Unsicherheit.</p>
+
+<p>Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung
+an, die ihm vorenthalten h&auml;tten, wozu andere
+so m&uuml;helos und planvoll k&auml;men: Sichbescheiden.
+Dar&uuml;ber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit
+einem Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er
+wieder zu jener weichen Stimmung und Verstimmung
+zur&uuml;ck, aus deren Wolken sich das Gesicht Verenas
+erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der
+Erscheinung, sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als
+ob sich neuerdings eine Sache der Gewalt und der
+unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.</p>
+
+<p>Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena
+zu besuchen. Er fand in ihrem Zimmer eine kleine
+Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen beim
+Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war
+zur&uuml;ckhaltend wie sonst, doch heiterer. Tetzner sa&szlig;
+schweigsam beim Fenster, und Wolmut setzte seine
+Ansicht &uuml;ber Askese auseinander.</p>
+
+<p>Verena stand auf und trat zu Arnold. &raquo;Ich habe
+f&uuml;r morgen Abend zwei <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Billete'">Billette</ins> zum Konzert&laquo;, sagte
+sie freundlich. &raquo;Vielleicht kommen Sie mit?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold l&auml;chelte ohne zu antworten. Verena war
+etwas verwundert; dann pre&szlig;te sie die Lippen zusammen,
+erbla&szlig;te und warf einen fl&uuml;chtigen Blick auf
+Tetzner, der schweigend und abgekehrt sa&szlig;. Hierauf
+sahen sie sich zum erstenmal von solcher N&auml;he in die
+<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227"></a>[227]</span>Augen, Arnold mit gro&szlig;em, etwas knabenhaftem
+Blick, Verena mit einem zugleich b&ouml;sen und flehenden
+Ausdruck. &raquo;Kommen Sie nur&laquo;, wiederholte sie
+schlie&szlig;lich mit der vorigen Freundlichkeit, &raquo;man spielt
+Beethoven.&laquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr
+ab, und sie fuhren zum Konzertsaal.</p>
+
+<p>Wunderbare Kl&auml;nge h&ouml;rte Arnold in diesen Stunden.
+Er sah eine S&auml;ule langsam und zart bis in den
+h&ouml;chsten Himmel wachsen, und oben erst spr&uuml;hten die
+erdgeborenen Blitze. Es war, als w&uuml;rden ihm zwei
+neue Ohren aufgerissen, und er lauschte mit einem
+Zustimmen seines tiefsten Herzens.</p>
+
+<p>Aus einer hastigen &Auml;u&szlig;erung entnahm Verena,
+da&szlig; er ganz und gar nicht zerflossen war. Das hatte
+sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und heiteres
+Wesen erf&uuml;llte sie mit seltsamer Furcht.</p>
+
+<p>Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf
+der Stra&szlig;e nebeneinander. &raquo;Ich habe Hunger&laquo;, sagte
+Arnold endlich. &raquo;Wollen wir nicht in das Gasthaus
+da?&laquo; Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
+vornehmen Restaurants.</p>
+
+<p>Verena sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd den Kopf. &raquo;Ich bin
+keine Million&auml;rin&laquo;, sagte sie. &raquo;&Uuml;berdies habe ich
+Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen weiter. &raquo;Ich lebe n&auml;mlich von Tetzners
+Geld&laquo;, sagte sie auf einmal mit ver&auml;nderter
+Stimme.</p>
+
+<p>Arnold hatte M&uuml;he, einer r&auml;tselhaften Freude Herr
+zu werden, die ihn von der Stirn bis zu den Sohlen
+einh&uuml;llte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228"></a>[228]</span>&raquo;Aber ich will nicht sprechen,&laquo; fuhr Verena fort.
+&raquo;Wozu auch. Man kann doch nichts aus sich herausbringen.
+Ich bin auch kaum mehr f&auml;hig, mich zu verst&auml;ndigen.
+Ach, das Leben, das elende Leben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das elende Leben? Nein, das sch&ouml;ne Leben&laquo;,
+versetzte Arnold. &raquo;Das sch&ouml;ne, herrliche, gute gl&uuml;ckliche
+Leben! Jeden Tag bin ich froh, da&szlig; ich lebe.&laquo;</p>
+
+<p>Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena
+mit einem forschenden und ergebenen Blick in die
+Augen.</p>
+
+<p>Sie waren im Haus. Verena z&uuml;ndete eine Kerze
+an und ging gedankenvoll voraus, den Arm mit der
+Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
+und dankbar f&uuml;hlend.</p>
+
+<p>Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die T&uuml;re
+und sah mit dem breiten schwarzen Hut, dem langen
+glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der von
+dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin
+aus.</p>
+
+<p>Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig
+war, nahm er sein Buch und setzte sich abseits. Verena
+legte Brot, Butter und kaltes Fleisch auf einige Teller.
+Ihre niedere Stirn leuchtete &uuml;ber den blauen stillen
+Augen wie ein wei&szlig;es Blatt. W&auml;hrend sie a&szlig;, nahm
+sie ein St&uuml;ckchen Kreide und zeichnete auf der Tischplatte
+herum, dabei l&auml;chelnd und verstohlen einigemal
+nach Arnold schielend. Er beugte sich &uuml;ber die Ecke
+und erkannte verwundert sein &uuml;bertriebenes Profil:
+ein rundes, ausladendes Kinn, dessen Linie gegen
+den Mund abenteuerlich weit einbog und so mit dem
+vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete,
+<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229"></a>[229]</span>eine griechisch kurze Oberlippe, das St&uuml;ck eines
+k&uuml;mmerlichen Schnurrbarts, eine lange, gerade und
+unbescheiden in die Luft stechende Nase und &uuml;ber der
+ungew&ouml;lbten Stirn anst&auml;ndig und gleichm&auml;&szlig;ig gestrichenes
+Haar. Arnold nahm nun seinerseits die
+Kreide und begann damit, Verenas Frisur zu zeichnen.
+Mit diesem schwierigen St&uuml;ck verging aber so
+geraume Zeit, da&szlig; Verena belustigt ausrief: &raquo;Sehen
+Sie, auch dazu braucht es Talent.&laquo;</p>
+
+<p>Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf
+das offene Buch gelegt. Mit gro&szlig;en, weit offenen
+Augen blickte er her&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Was liest du?&laquo; fragte Verena.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Buch &uuml;ber die Liebe&laquo;, antwortete Tetzner.</p>
+
+<p>Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo
+ein einziges Wort gen&uuml;gt, um die Seele zu entflammen.
+Sein ber&uuml;cktes Herz sammelte sich pl&ouml;tzlich zu
+aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es f&auml;hig war.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich so das Leben &uuml;berblicke&laquo;, fuhr Tetzner
+versonnen plaudernd fort, und sein Blick richtete sich
+d&uuml;ster gegen die Wand, &raquo;so ist nichts als Irrtum.
+Was man hat und rechtm&auml;&szlig;ig in sich tr&auml;gt, wird verschleudert,
+und das Schlechte, das tr&uuml;gerisch gl&auml;nzt,
+kauft man um teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich
+ein Irrtum, und sie tr&uuml;bt das Bild der Welt.&laquo;</p>
+
+<p>Gegen den Ofen gelehnt, fl&uuml;sterte Verena nerv&ouml;s:
+&raquo;Was soll das ewige Reden! Ich bin satt von Worten.
+Ich bin &uuml;berdr&uuml;ssig, alles zu wissen, was ich empfinde
+und empfinden soll.&laquo;</p>
+
+<p>Tetzner ging auf und ab und seufzte. &raquo;So lange
+es Tee und Schinken auf Erden gibt, soll man nicht
+<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230"></a>[230]</span>&uuml;ber Liebe reden, das ist richtig&laquo;, sagte er in seiner
+wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig
+stellte er sich vor den Tisch, starrte ins Licht der
+Lampe und tr&auml;llerte mit ver&auml;nderter, heiserer Stimme:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">&raquo;Wenn er bei einer Hochzeit ist,<br /></span>
+<span class="i0">Da sollt ihr sehen, wie er fri&szlig;t;<br /></span>
+<span class="i0">Was er nicht fri&szlig;t, das steckt er ein,<br /></span>
+<span class="i0">Das arme Dorfschulmeisterlein.<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wenn er einmal gestorben ist,<br /></span>
+<span class="i0">Legt man ihn sicher auf den Mist.<br /></span>
+<span class="i0">Ach wer setzt einen Leichenstein<br /></span>
+<span class="i0">Dem armen Dorfschulmeisterlein.&laquo;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Dann warf er den Wettermantel um, nahm den
+Schlapphut und sein Buch und entfernte sich, ohne
+irgend Abschied genommen zu haben. Bald h&ouml;rte
+man ihn die Au&szlig;ent&uuml;re zuschlagen.</p>
+
+<p>Die Stirn an die Scheibe gedr&uuml;ckt, stand Verena
+am Fenster. &raquo;Es ist finster drau&szlig;en&laquo;, murmelte sie
+mit erzwungener Gelassenheit. Als sie sich umdrehte
+und Arnold gewahrte, entf&auml;rbte sich ihr Gesicht. Er
+ging auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre H&auml;nde.
+Sie schwieg, atmete jedoch wie eine Gehetzte. Er
+dr&uuml;ckte ihre H&auml;nde nur um so fester, als umschl&ouml;sse
+er alles, was er im Leben an sich rei&szlig;en wollen.
+Vergeblich war sie bem&uuml;ht, sich ihm zu entwinden.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie denn gl&uuml;cklich, Verena?&laquo; fragte Arnold
+endlich fl&uuml;sternd, im innigsten Ton, mit einem Ausdruck
+von Treuherzigkeit und Selbstanerbietung.</p>
+
+<p>Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig,
+und er gab ihre H&auml;nde frei. W&auml;hrend sie sich an den
+<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231"></a>[231]</span>Tisch setzte und den Kopf in die Hand st&uuml;tzte, stand
+Arnold ratlos, wie niemals durchw&uuml;hlt, gekr&auml;nkt und
+ge&auml;ngstigt. &raquo;Sie m&uuml;ssen jetzt gehen, Arnold&laquo;, sagte
+Verena pl&ouml;tzlich weich.</p>
+
+<p>Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen
+Flur und wartete, weit &uuml;ber das Gel&auml;nder gebeugt,
+bis er unten war. Dort blieb er noch einmal stehen
+und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er
+es sonst in seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten
+sich ihre Augen durch eine n&auml;chtige Ferne,
+einander gr&uuml;&szlig;end, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Neununddreissigstes_Kapitel" id="Neununddreissigstes_Kapitel"></a>Neununddrei&szlig;igstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden f&uuml;r
+Arnold, andere Laute hatte der Tag, andere
+Strahlen das Licht. Sein zur&uuml;ckliegendes Leben
+erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in
+eine s&uuml;&szlig;e, gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er,
+sehen zu k&ouml;nnen; sein eigenes Spiegelbild kam ihm
+n&auml;her und wesensvoller vor. Er war mit allen
+Sinnen bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte
+er sich mit ganzer Seele an einem verlorenen Punkt
+seiner Tr&auml;ume finden. Nichts l&ouml;ste sich in Weichheit
+auf, keine Ader seines K&ouml;rpers wurde schlaff,
+aber alles, was er unternahm, hatte einen bestrickenden
+Reiz von allgemeiner Liebe und Erkenntnis des
+Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
+<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232"></a>[232]</span>g&uuml;nstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten
+schon von ferne in die Flut des Gl&uuml;ckes.</p>
+
+<p>Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen
+einander t&auml;glich und gingen, wenn das Wetter es erlaubte,
+stundenlang in den Stra&szlig;en spazieren. Sonst
+sa&szlig;en sie im Zimmer oder in einem kleinen Vorstadtkaffeehaus.
+Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte,
+die Zeit begrenzte. Sie war es, welche die
+Schranken zog, und Arnold, der gehorsam davor stehen
+blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Ber&uuml;hrung
+ihres Blickes weicher, w&auml;rmer, empfindlicher zu werden
+schien. Allm&auml;hlich ersch&uuml;tterte es sie sogar, dies
+zu sehen. Sie f&uuml;rchtete f&uuml;r ihn, denn je sch&auml;rfer der
+Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie f&uuml;rchtete
+auch f&uuml;r sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
+Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach
+allen Seiten suchte sie zu entweichen, um immer
+st&auml;rker und gl&uuml;hender den Hauch seiner N&auml;he zu
+sp&uuml;ren. Sie sah sich verfallen.</p>
+
+<p>Ihre Gespr&auml;che bedeckten gleichm&auml;&szlig;ig Tiefen und
+Untiefen des Beisammenseins. Verena wartete stets
+ab, was von ihr gefordert wurde, und da es wenig
+genug war, so konnte sie sich gro&szlig;m&uuml;tig erweisen und
+dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen
+zu &uuml;bertreffen brauchte. Ihre eingeschr&auml;nkte Lebensweise
+machte Arnold mehr und mehr stutzig; es betr&uuml;bte
+und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
+die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal
+kam er zu ihr; Tetzner stand mit gekr&uuml;mmtem R&uuml;cken
+und gebeugtem Kopf nahe der T&uuml;r. Als Arnold
+Verena begr&uuml;&szlig;t hatte und sich nach ihm umschaute,
+<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233"></a>[233]</span>war er schon verschwunden. Verena blieb einsilbig
+und abgekehrt. Erst am Abend sagte sie: &raquo;Nun ist
+es entschieden. Ich bin frei.&laquo;</p>
+
+<p>Erst nach sorgenvoller &Uuml;berlegung verstand Arnold,
+was sie meinte. &raquo;Wovon wollen Sie leben?&laquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln. &raquo;Man verhungert nur an
+seinem Unverm&ouml;gen&laquo;, entgegnete sie. Sie wandte
+sich ab, seufzte l&auml;chelnd und breitete in ihrer sinnlich-m&uuml;den
+Weise die Arme aus. &raquo;Ich werde Stunden
+geben, Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich
+bietet. &Uuml;brigens bin ich nicht ganz entbl&ouml;&szlig;t.&laquo;</p>
+
+<p>In ungreifbarer Betr&uuml;bnis verbrachte Arnold die
+n&auml;chsten Tage. Eine Verachtung alles Gl&auml;nzenden,
+Reichen, Geputzten erfa&szlig;te ihn; er selbst in seiner
+Unbek&uuml;mmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich.
+Aber eines Morgens erwachte er, f&ouml;rmlich erhitzt
+von einem wie im Traum gefa&szlig;ten Entschlu&szlig;.
+Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war
+nicht zu Hause; auf der Stra&szlig;e auf und ab gehend,
+wartete er anderthalb Stunden. Sie kam. Morgendlich
+hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den Widerglanz
+ihrer T&auml;tigkeit und ihrer Besonnenheit in den
+weichen Gesichtsz&uuml;gen und in der robusten Gestalt,
+reif und anziehend wie selten. Sogleich begann
+Arnold. &raquo;Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
+m&uuml;ssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack
+voll Geld und wenn ich nur ein Loch hineinschneide,
+rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur nehmen,
+Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur
+darauf zu treten und alles geh&ouml;rt Ihnen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234"></a>[234]</span>Kalt und stolz sah ihn Verena an. &raquo;Das hie&szlig;e
+einen Strick mit einem Messer vertauschen&laquo;, antwortete
+sie schroff und lie&szlig; ihn vor dem Haus stehen.</p>
+
+<p>Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen
+auf der Schwelle. Mit schleichenden Schritten
+ging er endlich langsam heim. Gegen Abend empfing
+er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
+fast widerwilligen Anschmiegen lie&szlig; sie dunkle Leiden
+vor ihn hinstr&ouml;men, malte Schatten, deren K&ouml;rper er
+nicht zu sehen vermochte. Zum erstenmal t&ouml;nte ihr
+Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm; getr&ouml;stet und
+aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund
+und erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende
+Schifflein seiner Gef&uuml;hle auf festem Grunde hielt.</p>
+
+<p>Aber die wunderliche Scham &uuml;ber seinen Besitz
+wollte ihn nicht verlassen. Er fa&szlig;te pl&ouml;tzlich den
+Plan zu einer Art von Wohlt&auml;tigkeitsinstitut. Dies
+erschien ihm wie ein Opfer f&uuml;r Verena. Wolmut,
+der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schlie&szlig;lich
+behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckm&auml;&szlig;iges
+getan wissen wollte. Das Ger&uuml;cht trug den Namen
+des Helfers rasch genug herum. Bald f&uuml;llte sich das
+Vorzimmer von Arnolds Wohnung t&auml;glich mit den
+buntesten Figuren: Frauen und Greise, J&uuml;nglinge,
+Familienv&auml;ter, Kinder; Kranke, Vorsteher von Vereinen,
+Unternehmer von Sammlungen, verarmte
+Kaufleute und Handwerker, mittellose Schauspieler,
+Beamte, Adlige, Arbeiter, alle warteten auf ihre
+Viertelstunde und zogen befriedigt oder entt&auml;uscht,
+jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es
+kam so weit, da&szlig; sich Leute einfanden, welche durchaus
+<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235"></a>[235]</span>nicht nach Geld trachteten, sondern nur in einer
+schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten,
+zum Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten,
+in Heirats- und Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar
+in Fragen ihres Berufs. Oft gab es Stoff zum
+Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der
+Leute, und aus mancher geheimnisvollen Not sprach
+das Leiden und der Irrtum von Geschlechtern. Und
+wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod verwundeten
+Tier sich l&ouml;st, so da&szlig; das in Kr&auml;mpfen
+zuckende Muskelwerk ans Licht tritt, so konnte Arnold
+in das kranke Fleisch des Landes und der Gesellschaft
+blicken. Unduldung und Willk&uuml;r, gelassenes Hinnehmen
+der Rechtlosigkeit, grausamstes R&auml;nkespiel und hartn&auml;ckiges
+Strebertum, &#8211; aus ebensovielen Wunden
+rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber Arnold
+litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen
+wollte, da&szlig; er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein
+Gitter um ihn gewoben h&auml;tte. Wohl sah er Pfeile
+fliegen und Getroffene niederst&uuml;rzen, aber ihn beschlich
+eine frevelhafte Sicherheit.</p>
+
+<p>Wolmut, wie ein uneigenn&uuml;tziger und gewandter
+Minister, behandelte jeden Fall mit trockener Sachlichkeit
+und stand in dem kleinen Tatengewebe aufmerksam
+da, vielleicht mit Wissen die gr&ouml;&szlig;ere Rolle
+einstudierend, die er der Welt einst vorzuspielen gedachte.
+Arnold lernte von ihm, sich auf das Einfache
+und Zweckdienliche zu beschr&auml;nken, alles Gebauschte
+und &Uuml;berfl&uuml;ssige zu vermeiden. Auch &auml;u&szlig;erlich lebte
+er so einfach und mit so &auml;ngstlicher Sparsamkeit, da&szlig;
+er zum Spott seiner n&auml;heren Umgebung wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236"></a>[236]</span>Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdru&szlig;
+und Entr&uuml;stung. Sie hatte jetzt selten Gelegenheit,
+ihn zu sehen, aber wenn sie ihm begegnete, erbleichte
+sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
+lebhaft &uuml;ber das Gesindel, welches nun t&auml;glich Flur
+und Treppen st&uuml;rme. &raquo;Gut&laquo;, erwiderte der Doktor
+mit niedergeschlagenen Augen, &raquo;ich werde Arnold ersuchen,
+vor dem Haustor Fr&auml;cke und seidene Kleider
+austeilen zu lassen. Dann kannst du die Herrschaften
+getrost auch bei dir empfangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast recht&laquo;, gab Anna zur&uuml;ck; &raquo;und wir beide
+werden bei ihm um ein Versorgungsst&uuml;bchen in Podolin
+betteln.&laquo;</p>
+
+<p>Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen
+jungen Leutnant, der seit kurzem zu Anna Borromeos
+eifrigen Verehrern geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus.
+&raquo;Willst du mich ein St&uuml;ck begleiten?&laquo; fragte er in
+seiner zur&uuml;ckhaltenden und bescheidenen Art. Arnold
+erkl&auml;rte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie
+Osterburg zu besuchen. Sie hatte ihm geschrieben,
+einen langen Brief mit hundert Entschuldigungen, er
+m&ouml;ge nicht b&ouml;se sein, sie werde auf Ehrenwort das
+geliehene Geld am ersten Januar zur&uuml;ckerstatten, er
+solle sie doch besuchen und damit zeigen, da&szlig; er ihr
+noch freundlich gesinnt sei.</p>
+
+<p>Sie gingen ein St&uuml;ck Wegs, ohne da&szlig; Borromeo,
+was ihn besch&auml;ftigte, in Worte zu fassen vermochte.
+Er war redensm&uuml;de; immer schwerer wurde es f&uuml;r
+ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor
+ein Geschehnis zu stellen, da all und jedes Ding f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237"></a>[237]</span>ihn in ein unerme&szlig;liches Meer der Nutzlosigkeit flo&szlig;.
+Trotzdem sagte er schlie&szlig;lich mit einem Anflug von
+kr&auml;nklicher Ironie: &raquo;Du ziehst das lebhafte Mi&szlig;fallen
+der besseren Kreise auf dich. Die besseren Kreise
+wollen nicht, da&szlig; man ihre Privilegien, die sie ja
+freilich nicht aus&uuml;ben, zu w&ouml;rtlich nimmt. Du solltest
+dir ein Sammetpolster kaufen und darauf <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">sitzenbleiben.</ins>
+Tust du es nicht, so werden die besseren Kreise daf&uuml;r
+sorgen, da&szlig; dein bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert
+wird. Du siehst, es ist kein sch&ouml;ner Kampf, man kann
+ihn nicht auf ehrliche Weise f&uuml;hren. Stecknadelschlacht
+ist es.&laquo; Er reichte Arnold die Hand und zog schwerm&uuml;tig
+die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend
+nach.</p>
+
+<p>Bei Osterburgs wurde er in das gro&szlig;e Wohnzimmer
+gef&uuml;hrt. Im Ofen brannte Feuer. Es war eine
+ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
+K&ouml;nig, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und
+Hyrtl. Als Arnold eintrat, herrschte die gr&ouml;&szlig;te Stille,
+und er gewahrte mit Erstaunen, da&szlig; alle Sieben in
+der gleichen Weise besch&auml;ftigt waren. Frau K&ouml;nig
+legte Patiencen mit zierlichen Elfenbeink&auml;rtchen, dasselbe
+tat Natalie; Petra spielte mit Herrn Osterburg
+Beziques. Selbst die beiden Kinder besch&auml;ftigten sich
+mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
+kleine Patience. So sa&szlig;en sie seit Stunden, nicht nur
+an diesem Tag, sondern jeden Tag, den Gott gab.
+Bisweilen fing Frau K&ouml;nig an zu schm&auml;len, dann
+sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
+entspann sich unter den Kindern ein bedeutender
+Kriegsl&auml;rm und der w&uuml;rdige Vater brachte sie durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238"></a>[238]</span>einen Zornanfall zur Ruhe, der gen&uuml;gt h&auml;tte, um
+eine Schar von Landsknechten einzusch&uuml;chtern. Auch
+er versank danach wieder im Spiel wie ein Frosch,
+der fl&uuml;chtig das Wasser verlassen hat, nur um ein
+Donnerwetter am Himmel zu bequaken.</p>
+
+<p>Natalie begr&uuml;&szlig;te Arnold etwas verlegen. Alle
+h&ouml;rten auf zu spielen au&szlig;er Frau K&ouml;nig, die dem
+jungen Mann so vertraulich zul&auml;chelte, als ob sie
+nichts Lieberes als ihn kenne. &raquo;Gleich bin ich fertig&laquo;,
+sagte sie mit heiserer Stimme und deutete mit einer
+&uuml;bertriebenen Rokokoh&ouml;flichkeit auf einen leeren Stuhl
+an ihrer Seite.</p>
+
+<p>Osterburg g&auml;hnte, bef&uuml;hlte seine Lenden und warf
+sich mit gelangweiltem Gesicht auf eine Ottomane,
+wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen blieb.
+Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit
+eines Fremden, brachen wechselsweise in ein v&ouml;llig
+unbegr&uuml;ndetes Gel&auml;chter aus, als ob es an sich verdienstvoll
+und der Aufmerksamkeit wert w&auml;re, zu
+lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins
+Leere.</p>
+
+<p>&raquo;Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr&laquo;, klagte
+Natalie. &raquo;Seit vielen N&auml;chten kann ich kein Auge
+mehr schlie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Osterburg bewegte sich. &raquo;Seit ich dich kenne, meine
+Liebe, hast du noch nie geschlafen&laquo;, rief er verdrossen
+und gereizt. Zu gewissen Zeiten reizte ihn der harmloseste
+Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst
+und er begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen.
+Besonders auf neuere Malerei war er schlecht zu
+sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239"></a>[239]</span>Gr&uuml;nden sein Todfeind. &raquo;Wissen Sie, da&szlig; ich
+krank bin?&laquo; sagte er jetzt, das Haupt matt nach Arnold
+drehend. &raquo;Ich habe Psorias.&laquo; Er hatte irgendwo
+den Fachausdruck f&uuml;r einen unbedeutenden Ausschlag
+gefunden und war sehr stolz darauf.</p>
+
+<p>Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen
+hatte, in eine Ecke und nahm auf einem niedrigen
+Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser Erregung
+sagte sie: &raquo;Wissen Sie denn schon? Ich hab&#8217; es erst
+vor einer Woche erfahren&nbsp;&#8211;, wissen Sie es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; Arnold war verdutzt.</p>
+
+<p>&raquo;Ich m&ouml;chte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr
+Ansorge&laquo;, lie&szlig; sich Osterburg wieder vernehmen, &raquo;aber
+geben Sie mir das Ehrenwort, da&szlig; Sie Silbe f&uuml;r
+Silbe glauben wollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er braucht einen Maulkorb&laquo;, murmelte Hyrtl, der
+m&uuml;de und verstimmt aussah.</p>
+
+<p>Natalie klatschte in die H&auml;nde. &raquo;Petra!&laquo; rief sie
+triumphierend &uuml;ber das ganze Zimmer, &raquo;er wei&szlig; noch
+nichts. Also Sie wissen wirklich noch nichts? Seien
+Sie aufrichtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du so schreist, liebes Kind&laquo;, fiel die alte
+Dame mahnend ein, &raquo;kann ich unm&ouml;glich nachdenken.
+Ich habe kein A&szlig; mehr,&nbsp;...&laquo; Mit verglasten Augen
+starrte sie auf die soldatisch regelm&auml;&szlig;igen Kartenreihen.</p>
+
+<p>&raquo;Hanka hat seine Frau weggejagt&laquo;, begann Natalie
+mit Feierlichkeit und sah, die Wirkung erwartend, Arnold
+gespannt an. Da die Unbeweglichkeit dieser Z&uuml;ge
+sie entt&auml;uschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung
+fort: &raquo;Hanka ist verreist und niemand wei&szlig; wohin.
+Beate hat ein Verh&auml;ltnis mit Pottgie&szlig;er, Ihr Freund,
+<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240"></a>[240]</span>Maxim Specht, hat die beiden miteinander bekannt
+gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl
+die Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen
+Sie dazu? Ist das nicht entsetzlich? Aber so reden
+Sie doch etwas&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und
+verzweifelt gegen die Decke des Zimmers und ging
+schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit mit
+einem Buch zur&uuml;ck und ihre Z&uuml;ge zeigten ein ehernes
+L&auml;cheln. Wenn sie ein Wort sprach, war es von der
+gew&auml;hltesten Nat&uuml;rlichkeit, denn sie glaubte sich von
+andern ebenso unaufh&ouml;rlich beobachtet wie von sich
+selbst.</p>
+
+<p>Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder
+&uuml;berrascht, noch dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll.
+&raquo;Sie sind ein Stock&laquo;, sagte sie &auml;rgerlich.</p>
+
+<p>Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte,
+er glaube im Ernst, da&szlig; sein Herz nicht mehr lange
+gehorchen werde. K&uuml;hl h&ouml;rte Arnold dar&uuml;ber hinweg.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Vierzigstes_Kapitel" id="Vierzigstes_Kapitel"></a>Vierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Durch Schneegest&ouml;ber und hochliegenden Schnee
+ging Verena von der Universit&auml;t nach Hause.
+In der Nachbarschaft versorgte sie sich f&uuml;r den Mittag
+mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich
+die Treppen zu ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen
+wurde ihr Herz schwerer und verga&szlig; die schneewei&szlig;e
+Fr&ouml;hlichkeit der Stra&szlig;en. Oben wollte sie Tee
+<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241"></a>[241]</span>kochen, fand aber, da&szlig; kein Spiritus mehr da sei. In
+Hut und Mantel kauerte sie vor den Ofen hin und
+legte Sp&auml;ne hinein, um aus der Glut noch einmal
+frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans
+Fenster und ihr Blick schweifte ernsthaft &uuml;ber die zahllosen
+schneeberahmten Fenster der H&ouml;fe, hinter denen
+bisweilen ein umri&szlig;loses fremdes Gesicht auftauchte.
+Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm
+sie die Flasche, und, die Treppen hinuntergehend,
+hatte sie abermals das Gef&uuml;hl, als n&auml;here sie sich
+einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die
+Stra&szlig;e einem blendend wei&szlig;en Saal, in welchem die
+Flocken einen schwerelosen Tanz auff&uuml;hrten.</p>
+
+<p>Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten,
+vor das Knochenger&uuml;st, st&uuml;tzte den Arm auf
+die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in die Hand und
+blickte unter halbgeschlossenen Lidern schr&auml;g auf den
+d&uuml;rren Sch&auml;del. Wunderliche Anwandlungen, mit
+diesem Ding ein Gespr&auml;ch anzukn&uuml;pfen, unterdr&uuml;ckte
+sie, ja sie erblickte sich selbst, losgel&ouml;st von Fleisch,
+Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
+beinernes Abstraktum. Eine seltsame Z&auml;rtlichkeit
+ersch&uuml;tterte sie von oben bis unten und bald
+darauf, als ob ihr Organismus von K&auml;mpfen erm&uuml;det
+sei, hatte sie Schlafbed&uuml;rfnis. Sie legte sich
+auf das Bett und schlief ein, um nach einer Viertelstunde
+von dem Ger&auml;usch eines Eintretenden zu erwachen.
+Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie
+er hereingekommen sei. Seine Erkl&auml;rung, da&szlig; die
+Au&szlig;ent&uuml;re nur angelehnt gewesen sei, nahm sie mit
+einem nachdenklichen und s&uuml;&szlig;en L&auml;cheln auf, in welchem
+<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242"></a>[242]</span>noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich,
+reichte ihm die Hand und strich die braunen Haare
+aus der Stirn. &Uuml;ber Arnold legte sich eine Erstarrung.
+Er glaubte gl&uuml;cklich zu sein oder doch die N&auml;he des
+Gl&uuml;cks zu ahnen. Das Bild eines m&auml;rchenhaften
+Sommers stieg vor ihm auf; nackte Menschen wanderten
+zwischen Blumen und buntem Laub. Nie
+hatte er Verena so gesehen, still und von gleichsam
+animalischer Zutraulichkeit. Er ergriff ihre H&auml;nde,
+um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er pre&szlig;te
+ihre Hand an die Lippen und dr&uuml;ckte die Z&auml;hne in
+die Haut, so da&szlig; zwei Halbkreise von blutunterlaufenen
+Strichen entstanden. Sie seufzte schmerzlich und
+dr&auml;ngte von ihm weg; er fl&uuml;sterte, ungewi&szlig; l&auml;chelnd.
+Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme
+aus &#8211; nach nichts. Er folgte ihr nun, umschlo&szlig; sie
+bei den Schultern und k&uuml;&szlig;te sie. Ihre erstickten Bewegungen,
+sich zu befreien, glichen den Zuckungen
+eines bet&auml;ubten Tieres. Der beschw&ouml;rende Ausdruck
+und Glanz ihrer Augen erlosch langsam. Ihre beiden
+offenen H&auml;nde lagen zuerst wie zwei tote K&ouml;rper auf
+seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab,
+um endlich schlaff mit den Armen v&ouml;llig zu sinken.
+Arnold lie&szlig; sie nicht. Ihr tr&auml;nennasses Gesicht sah
+er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit Freude
+gew&auml;hre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
+geworden war, unf&auml;hig, einen vergangenen
+oder zuk&uuml;nftigen Augenblick zu bedenken, als alle gesprochenen
+Worte pl&ouml;tzlich leichter schienen wie die
+Luft, erf&uuml;llte Verena ein Verlangen, dessen r&auml;uberische
+Wildheit f&uuml;r sie etwas Elementares hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243"></a>[243]</span>Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im
+Zimmer zu bleiben, erschien ihr auf einmal unm&ouml;glich.
+Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas Furchtsames.
+Sie war &uuml;beraus schweigsam; ihre Lippen
+waren wie versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit.
+Was ihr k&ouml;rperlich zur&uuml;ckgeblieben, war ein alle Glieder
+umg&uuml;rtender Schmerz; und im Gem&uuml;t lag N&uuml;chternheit,
+Selbstha&szlig; und Ersch&ouml;pfung. Noch gestern
+&uuml;ber den gew&ouml;hnlichen Dingen und Menschen der
+Stra&szlig;e schreitend, kam sie sich heute mit ihnen verm&auml;hlt
+vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr Eigenleben
+zu verlassen und an den tausend endlosen
+Gesch&auml;ften der zum Tode strebenden Menschheit teilzunehmen.
+Der L&auml;rm und die Unrast der unz&auml;hligen
+enggedr&auml;ngten H&auml;user str&ouml;mte auf sie ein. Die Stadt,
+wie eine dampfende Maschine mit gl&uuml;hendem Bauch,
+Dampf und Feuer ausspeiend, lebendige Leiber in
+ihren F&auml;usten zerquetschend, erhob sich aus der beunruhigten
+Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade
+bat. Sie ging ohne Festigkeit und sp&uuml;rte zwischen
+ihren F&uuml;&szlig;en und ihrem Leibe keinerlei Zusammenhang.
+Sie wu&szlig;te kein Mittel, sich vor ihrem aufst&uuml;rmenden
+Innern zu verschlie&szlig;en, als den Schlaf,
+aber sie mochte sich noch nicht von Arnold trennen.
+Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm aufblickend
+glaubte sie ihn viel gr&ouml;&szlig;er als sonst, und sie
+sp&uuml;rte etwas wie bange Erwartung vor seinem Urteil
+und seinem heiteren Blick.</p>
+
+<p>Arnold begleitete Verena wieder zur&uuml;ck. Die kalte,
+stille Luft hatte sie beide erfrischt. Vor dem Tor
+blieben sie noch eine Weile plaudernd stehen; aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244"></a>[244]</span>es war, als ob jeder nur aus Gef&auml;lligkeit gegen den
+anderen rede, da das Reden der inneren Stimme
+vorlaut zu werden begann. Verena suchte den Abschied
+von einer Minute zur andern zu verschieben.
+Ihr Gesicht war ger&ouml;tet; einmal legte sie den Kopf
+auf die r&uuml;ckw&auml;rts gekreuzten H&auml;nde, wodurch die atmende
+Bewegung der Brust etwas Friedliches und
+Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
+reichte ihm den Mund zum Ku&szlig;. Lange sah sie ihm
+nach, wie er sicher und fest dahinschritt und wie sich
+frohe Laune und frohe Leichtigkeit des Herzens in
+seinen Bewegungen ausdr&uuml;ckte. Ihr war es einsam.</p>
+
+<p>Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit.
+Er ging so aufrecht, als w&auml;re ihm der Befehl
+&uuml;ber eine Armee &uuml;bertragen worden, l&auml;chelte bisweilen
+verschmitzt und gem&uuml;tlich in sich hinein, und
+als er nach Hause gekommen war, legte er sich sogleich
+ins Bett und schlief fest bis zum Morgen.</p>
+
+<p>Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Fr&uuml;hst&uuml;ck
+sa&szlig;. Der Diener kam und meldete eine Dame.
+Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
+einer eigent&uuml;mlich strahlenden Bl&auml;sse. Sie nahm mit
+den Bewegungen eines Gastes Platz. Mit weiten
+Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
+schaute sie umher und sagte: &raquo;Ich wollte dich nur
+sehen, Arnold. Wie hast du geschlafen? Wie geht es
+dir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, sehr gut, Verena&laquo;, antwortete Arnold gl&uuml;cklich
+und mit erwachendem Stolz dar&uuml;ber, sie zu besitzen.
+Aber er sah an ihrem Wesen, da&szlig; sie wieder
+&raquo;gedacht&laquo; hatte, wie er es innerlich nannte und suchte
+<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245"></a>[245]</span>seine sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische
+Freim&uuml;tigkeit zu bem&auml;nteln.</p>
+
+<p>Verena legte den Kopf zur&uuml;ck und sah ihn an. Ihre
+Handschuhe fielen zu Boden und Arnold b&uuml;ckte sich
+danach. Dann standen sie einander gegen&uuml;ber. &raquo;Du
+sollst wissen, Arnold&laquo;, begann Verena und w&uuml;hlte mit
+den runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke,
+&raquo;da&szlig; ich mich keiner T&auml;uschung hingebe. Ich habe
+die ganze Nacht dazu benutzt, um &uuml;ber uns beide
+klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen gen&uuml;gt
+nicht, man mu&szlig; doch auch wissen, wohin man
+geht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Warum, Verena&laquo;, unterbrach sie Arnold mit
+leisem Unwillen und mit Furcht vor dem, was sie
+sagen w&uuml;rde, &raquo;warum immer das zerpfl&uuml;cken, was
+sch&ouml;n ist und was von selber entstanden ist? Es ist
+genug, &uuml;ber das Schlechte zu gr&uuml;beln, und warum
+brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund und man
+geht immer nur im Kreis.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist doch eine etwas oberfl&auml;chliche Wahrheit&laquo;,
+entgegnete Verena, erstaunt &uuml;ber das Bestimmte und
+Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde sp&auml;ter, und
+sie wurde traurig, denn sie erkannte, da&szlig; er ihr entweichen
+wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Du bist zu schwerm&uuml;tig, Verena&laquo;, sagte er mit
+beg&uuml;tigender Kritik, vergeblich nach dem Grund ihres
+ahnungsvollen Schweigens suchend.</p>
+
+<p>Verena erhob schnell den Kopf. &raquo;Darin hast du
+recht!&laquo; rief sie aus. &raquo;Begreifst du es nun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich begreife nichts&laquo;, entgegnete er mit stockender
+Stimme.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246"></a>[246]</span>&raquo;Ich wei&szlig; zu viel von mir. Leider&laquo;, sagte Verena.
+&raquo;Denke doch nach, Arnold, du fliegst umher in der
+Luft. Ich bin ein im Erdreich verfallenes Etwas.
+Meine Wurzeln sind abgestorben, w&auml;hrend du noch
+in bl&uuml;henden Geschlechtern stehst. Und haupts&auml;chlich
+wenn man so in der Tiefe lebt, ist alles dunkel oder
+wie du sagst, schwerm&uuml;tig. Nicht Einzelschwermut,
+weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es ist
+mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig
+Zeit zum Spazierengehen habe, sondern die Schwermut
+unseres ganzen Lebens, unseres Siechtums,
+unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
+Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb
+hab&#8217; ich gefragt, wohin es gehen soll, denn du m&uuml;&szlig;test
+mich auf deinem Weg nicht nur schleppen, sondern
+sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
+lebe und rette dich.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes
+Innere wurde bewegt und umfa&szlig;t von diesem zauberhaften
+Blick ehrlicher Bedr&auml;ngnis. Aber er zweifelte,
+ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
+machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen
+nahm er sie in die Arme und k&uuml;&szlig;te sie. Dann gingen
+sie zusammen fort.</p>
+
+<p>Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung.
+Tetzner hatte nach und nach aufgeh&ouml;rt, ihre Gesellschaft
+zu suchen. Einmal trat er ein, die H&auml;nde in
+den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald
+wurde es klar, da&szlig; seine Aufger&auml;umtheit nur eine
+Larve war. Er legte die Hand vor den Kopf, als
+f&uuml;rchte er, seine Stirn k&ouml;nne zusammenbrechen. Seine
+<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247"></a>[247]</span>wulstigen Lippen lagen wie zwei F&auml;uste aufeinander
+und mit dem runden, fahlen Bart und dem blinden
+Ausdruck der Augen sah er aus wie ein Bildnis des
+alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich
+wieder, seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam
+d&auml;mpfend. Verdunkelung des Gem&uuml;ts kam &uuml;ber ihn.</p>
+
+<p>Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde,
+trieb es ihn wieder zu Verena hinauf.
+Der Portier, der ihm das Tor &ouml;ffnete, sagte mit b&ouml;swillig-wissendem
+L&auml;cheln, der junge Herr sei oben bei
+dem Fr&auml;ulein. W&auml;hrend Tetzner die Stiegen emporkeuchte,
+hatte er M&uuml;he, nicht aufzuheulen.</p>
+
+<p>Er klopfte an der T&uuml;re in der Weise, wie er es mit
+Verena seit je verabredet hatte, aber alles blieb still.
+Traurig lehnte er sich im Finstern an die Mauer. Er
+wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er wollte
+auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder
+Anla&szlig; zu b&ouml;sem Grinsen zu geben. Aber er h&ouml;rte nun
+trippelnde Schritte in dem Flur drinnen; er glaubte
+sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
+schien, als ob eine schuldige Person an die T&uuml;re schliche.
+Dieses Bild auf Verena angewandt, erschien ihm pl&ouml;tzlich
+so toll und widerw&auml;rtig, da&szlig; er laut auflachte.
+&raquo;Tetzner, sind Sie es?&laquo; ert&ouml;nte die Stimme Verenas
+hinter der T&uuml;re. &raquo;Ich&laquo;, erwiderte Tetzner, und es
+wurde ge&ouml;ffnet.</p>
+
+<p>Es war warm und hell im Zimmer. Vor der
+Lampe lag ein aufgeschlagenes Buch. Tetzner schob
+die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
+zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut
+an, dann zogen sich die Muskeln des Gesichts zu
+<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248"></a>[248]</span>einem nachtwandlerischen L&auml;cheln auseinander. Etwas
+Angstvolles, Z&auml;rtliches und Geistreiches tauchte in
+seinem Gesicht auf, als er sagte: &raquo;Wollen wir nicht
+fr&ouml;hlich sein, Tee trinken, &uuml;ber die Zukunft plaudern?
+Na, Verena&nbsp;&#8211;? Wie&nbsp;&#8211;?&laquo; Mit geschlossenen Augen
+l&auml;chelte er und hing seinen Mantel an die Wand.</p>
+
+<p>Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold
+war unruhig und unwillig. Er begehrte mit
+Verena allein zu sein und hatte gro&szlig;e M&uuml;he, nicht
+merken zu lassen, wie verdrie&szlig;lich ihm Tetzners Anwesenheit
+war, der nun in dem gro&szlig;en Sessel Platz
+nahm, die Beine ausstreckte und beide H&auml;nde auf den
+Kopf legte. &raquo;Sind Sie m&uuml;de, Tetzner?&laquo; fragte Verena
+verlegen und mitleidig.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein Seelchen&laquo;, antwortete er. &raquo;Nicht Fu&szlig;m&uuml;digkeit,
+sondern Herz-, Herzm&uuml;digkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold br&uuml;tete in sich hinein. Ohne Sympathie,
+ohne Milde der Wahrnehmung, w&uuml;nschte er nichts
+anderes, als da&szlig; Tetzner fortgehe, und da er sich
+nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedr&uuml;ckte
+und auch sie begann dasselbe zu w&uuml;nschen.
+Sie sah, da&szlig; Tetzner litt, sie fragte ihn und er gab
+Auskunft, ein wenig verst&ouml;rt durch die h&auml;mmernden
+Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bem&uuml;hte
+sich um den Freund, legte ihm ein nasses Tuch
+&uuml;ber die Schl&auml;fen, z&auml;hlte die Pulsschl&auml;ge und blickte
+gr&uuml;belnd zu Arnold hin&uuml;ber, der keine Teilnahme
+zeigte, der ungeregt und unber&uuml;hrt nur seiner egoistischen
+Sehnsucht nachhing. Eine bittere Betr&uuml;btheit
+umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! h&auml;tte
+sie rufen m&ouml;gen. Verschlie&szlig; dich nicht, vergi&szlig; dich
+<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249"></a>[249]</span>nicht! umfange die Welt! Sie kam sich selbst auf
+einmal s&uuml;ndhaft vor, denn das wollte sie nicht: von
+einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungen&uuml;gender
+Begierde selbst zerst&ouml;rt.</p>
+
+<p>Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen,
+konnte sich Arnold nicht l&auml;nger bez&auml;hmen.
+Er stand auf, ergriff Verena bei den Schultern und
+k&uuml;&szlig;te die sich ehrlich Str&auml;ubende ungest&uuml;m und lachend
+auf die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Einundvierzigstes_Kapitel" id="Einundvierzigstes_Kapitel"></a>Einundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich
+unbewu&szlig;t alle seine Kr&auml;fte dahin, sie willf&auml;hrig
+zu machen. Worin sie sich unterordnete, das
+lockte ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament
+zu erliegen, doch es entstand keine Gl&uuml;ckesgewi&szlig;heit
+f&uuml;r sie. Sie suchte den Mangel in sich
+selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein?
+klagte sie in ihrem Innern. Oftmals legte sich Ern&uuml;chterung
+wie ein grauer Mantel um sie. Dies
+Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg
+zu Kreuzweg eilen, ratlos warten und fragen.
+Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr Urteil still, und
+sie wu&szlig;te, da&szlig; es h&auml;tte sein m&uuml;ssen, so wie im Traum
+Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.</p>
+
+<p>In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds
+Begleitung zu einem Ball der Studentinnen. Arnold
+tanzte nicht, aber es machte ihm Vergn&uuml;gen,
+<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250"></a>[250]</span>als Au&szlig;enstehender das rhythmische Gew&uuml;hl zu beobachten,
+und er freute sich, Verena zu f&uuml;hren. Die
+Beziehung zwischen beiden war kein Geheimnis, sollte
+es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
+Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch
+gestand sie Arnold offen, da&szlig; sie nicht sobald
+wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und er gab
+ihr recht. Gerade die Gutm&uuml;tigsten und Nachsichtigsten
+hatten sie durch Neugierde und Zudringlichkeit
+verletzt. Aber nach wenigen Tagen &uuml;berredete
+Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
+veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen.
+Hyrtl ergriff gern die Gelegenheit, eine moderne Gesinnung
+an den Tag zu legen, und noch viel gr&ouml;&szlig;eren
+Spa&szlig; bereitete es ihm, seine b&uuml;rgerlich gesinnte Umgebung
+vor den Kopf zu sto&szlig;en.</p>
+
+<p>Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt
+setzte sich Arnold in eine Ecke. Sie suchte ihn vergeblich
+zu bes&auml;nftigen, vergeblich zu &uuml;berzeugen. Als
+er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
+Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schlo&szlig; sie in
+die Arme, hob sie empor, erdr&uuml;ckte sie beinahe, jauchzte,
+k&uuml;&szlig;te sie, gab ihr kindische Kosenamen, pre&szlig;te ihre
+H&auml;nde. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. Doch
+was mochte ihn bewegen?</p>
+
+<p>Unter den &uuml;brigen Ballbesuchern trafen sie auch
+Petra K&ouml;nig, und Arnold machte sie mit Verena bekannt.
+Sie blieb best&auml;ndig um Verena. Ihr treuherziger
+Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken
+zu erhaschen. Aber sie suchte auch hervortreten zu
+lassen, wie viel freier und selbst&auml;ndiger sie dachte, als
+<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251"></a>[251]</span>die andern und betonte mit jedem L&auml;cheln, wie unbekannt
+die Pr&uuml;derie der Gesellschaft ihrem Wesen
+sei. Verena war &uuml;berlegen genug, es humoristisch
+zu nehmen, aber nie war ihr so &ouml;de und faul zumute
+gewesen.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fu&szlig;, machte
+Verena halb bittere, halb ironische Andeutungen &uuml;ber
+Petras anschmiegende J&uuml;ngferlichkeit. &raquo;Petra ist so&laquo;,
+antwortete Arnold bed&auml;chtig. &raquo;Immer sucht sie sich
+das Beste aus, was man reden und tun mu&szlig;, aber
+es bleibt ihr fremd.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du wei&szlig;t sehr gut zu urteilen&laquo;, meinte Verena
+mit abgewandtem Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Petra ist nicht &uuml;bel&laquo;, fuhr Arnold fort. &raquo;Sie ist
+vielleicht nur durch gute B&uuml;cher verdorben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;&laquo;, best&auml;tigte Verena. &raquo;Sie verwechselt das,
+was sie bewundert, mit dem, was sie vermag. Dadurch
+wird sie gek&uuml;nstelt. Aber was hab ich dabei zu
+schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben?
+Warum willst du mich hin&uuml;berziehn auf den
+Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur ein
+kurzes Leben. Aber ich begreife doch&laquo;, sagte sie mit
+ver&auml;nderter Stimme, zu einer Vorstellung &uuml;berspringend,
+die sie betr&uuml;bte, &raquo;da&szlig; selbst die freiesten M&auml;dchen
+sich die Ehe w&uuml;nschen. Es ist traurig, da&szlig; die
+Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der
+sie das Sch&ouml;ne herunterziehen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein,
+Verena?&laquo; fragte Arnold und beugte sich l&auml;chelnd zu ihr.</p>
+
+<p>Verena bi&szlig; sich auf die Lippen. Mit kurzem
+Seitenblick streifte sie sein Gesicht. Sie mu&szlig;te an
+<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252"></a>[252]</span>jenen Tag zur&uuml;ckdenken, an dem er ihr sein Geld
+angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten.
+Als sie am Haustor angelangt waren, wollte sich
+Verena verabschieden, doch er hielt ihre Hand fest.</p>
+
+<p>&raquo;Heute la&szlig; mich allein, Arnold&laquo;, bat sie. Ihre
+Augen waren von M&uuml;digkeit dunkler. Trotzig wich
+Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
+Stirn und seufzte; ihre ge&ouml;ffneten und in die H&ouml;he
+gerichteten Augen gaben dem Gesicht einen bitteren
+Ausdruck. &raquo;Mein Liebster&laquo;, sagte sie mit wunderbarer
+Sanftmut, &raquo;pr&uuml;fe dich genau, ob du nicht widerstehen
+kannst.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold lachte. &raquo;Immer betrachten und zerpfl&uuml;cken!&laquo;
+rief er. &raquo;Kannst du denn noch zwischen Freude und
+Nichtfreude unterscheiden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar&laquo;,
+entgegnete Verena leise. &raquo;Das andere sind
+Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes Leiden
+als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst
+m&uuml;&szlig;te ich eben aufh&ouml;ren, zu &uuml;berlegen.&laquo;</p>
+
+<p>Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine
+ungeduldige Bewegung. Er stand und pfiff leise.
+Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach herab.
+Die Stra&szlig;e entlang pl&auml;tscherte und sickerte es vom
+tauenden Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz
+und ihre Adern in einer arktischen K&auml;lte zusammenschrumpften.
+Lautlos brachen die noch ungesprochenen
+Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung
+des Armes dr&uuml;ckte sie auf den Knopf der Hausglocke,
+im Stillen erwartend, da&szlig; Arnold nun doch
+mit hinaufgehen w&uuml;rde. Sie selbst w&uuml;nschte es, da
+<span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253"></a>[253]</span>sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+und b&ouml;ses Sinnen von ihm getrennt bleiben wollte.
+Aber der Teufel war in ihm. Als der Hausmeister
+drinnen den Schl&uuml;ssel ins Schlo&szlig; steckte, w&uuml;nschte
+Arnold gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung
+und ging.</p>
+
+<p>Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden
+wanderte sie in ihrem Zimmer herum. Was vorher
+still und fern in ihr gew&uuml;hlt, durchbrach nun
+furchtbar die H&uuml;llen und entlockte ihr Frage &uuml;ber
+Frage, vor denen feig zur&uuml;ckzuprallen nicht in ihrem
+Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und Arnold nicht
+so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch
+niemals so werden k&ouml;nnen. Die Natur selbst rief
+dann ihr vorbestimmtes Nein in die zukunftlosen
+Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
+selbst vergessen hatte. Sie w&uuml;nschte vorher von ihm
+zu gehn, unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer
+f&uuml;r ihn die Erinnerung begann. Nur so kann ich ihn
+erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
+selbst zur&uuml;ckgeben und mich zugleich f&uuml;r ihn bewahren.
+Einmal w&uuml;rde es doch kommen, da&szlig; er mich vom
+Weg stie&szlig;e und dann s&auml;&szlig; ich da wie ein Bettelweib,
+w&auml;hrend ich jetzt noch ein St&uuml;ck von ihm mitnehmen
+kann, f&uuml;r immer. Ich wei&szlig;, was ich wei&szlig;; das Wort
+Ende besteht aus vier Buchstaben, und wenn man es
+auch zehnmal schreibt, werden doch nicht f&uuml;nf daraus.
+Nach dem letzten Ku&szlig; kommt kein allerletzter.</p>
+
+<p>Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allm&auml;hlich
+ein. Aber schon um sechs Uhr wachte sie auf,
+konnte keinen Schlummer mehr finden und war doch
+<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254"></a>[254]</span>m&uuml;de, unf&auml;hig zu &uuml;berlegen, welche Arbeit sie an
+diesem Tage erwarte, der nach ersten Fr&uuml;hnebeln
+einen blauen Himmel &uuml;ber die Stadt spannte. Die
+Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, go&szlig;
+kaltes Wasser &uuml;ber sich herab, da&szlig; ihre Haare troffen,
+dann zog sie sich mit so schwerm&uuml;tiger Langsamkeit
+an, als k&ouml;nne sie das gef&uuml;rchtete Vorr&uuml;cken der Stunden
+dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
+machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum
+erstenmal war er so fr&uuml;h bei Verena. &raquo;Ich war niedertr&auml;chtig
+gestern, verzeih&laquo;, sagte er sofort und nahm
+ihre Hand. &raquo;Und heute, Verena, darfst du nicht flei&szlig;ig
+sein, heute wollen wir hinaus&nbsp;&#8211;&laquo; Er stockte, als er
+ihr unschl&uuml;ssiges und m&uuml;des Gesicht sah, &raquo;&#8211;&nbsp;hinaus
+aufs Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren&laquo;, antwortete
+Verena; &raquo;ein wichtiges Examen steht bevor&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch
+ihre Weigerung, sagte Arnold: &raquo;Ich will aber, da&szlig;
+du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas anderes
+wollen als ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe schon gesagt, da&szlig; ich nicht gehe&laquo;, entgegnete
+Verena leise, indem sie nach ihrer Weise die
+Brauen erhob und den einen Mundwinkel verzog.</p>
+
+<p>Arnolds Gesicht wurde rot. &raquo;Du mu&szlig;t!&laquo; rief er
+mit Heftigkeit und schlug dabei in die H&auml;nde. Aber
+der Anblick Verenas lie&szlig; ihn sofort bereuen, was er
+getan. Ihr pl&ouml;tzliches, unwillk&uuml;rliches H&auml;ndefalten,
+das best&uuml;rzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts
+und die gewaltsam emporsteigende Entschlossenheit,
+<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255"></a>[255]</span>die sich in ihrem schr&auml;g zur Erde gerichteten Blick
+kundgab, erschreckten ihn.</p>
+
+<p>&raquo;Ich lebe nicht nur in der Liebe&laquo;, sagte endlich
+Verena mit einer seufzend sich hebenden Stimme,
+&raquo;und das ist vielleicht meine Schuld. Du aber, Arnold,
+bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren,
+und das ist schlecht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht, da&szlig; du mich <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">liebst&laquo;</ins>, erwiderte Arnold
+trotzig und sch&uuml;chtern zugleich, &raquo;ich habe keine
+Beweise.&laquo; Er setzte sich auf den Kohlenkasten und,
+den Kopf zwischen den H&auml;nden, starrte er zu Boden.</p>
+
+<p>In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange
+Minute hindurch regungslos. Dann zuckte ihr Mund,
+und ihre Z&uuml;ge strahlten pl&ouml;tzlich von herrlichem inneren
+Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um
+den Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen
+mu&szlig;te, seinen Blick mit ihrem zu vereinen. &raquo;Nun
+geh&laquo;, fl&uuml;sterte sie endlich. &raquo;Heute wollen wir uns
+nicht mehr sehen.&laquo; Sie k&uuml;&szlig;te ihn, erhob sich, deckte
+die Hand &uuml;ber die Augen und wandte sich ab. Sie
+weinte, doch gelang es ihr vollkommen, dies zu verbergen,
+wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
+Mund fast sprengen wollte.</p>
+
+<p>Auch Arnold stand auf. &raquo;Gut, auf morgen also,
+Verena&laquo;, sagte er mit brennendem Schamgef&uuml;hl.
+Hier ist irgend ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis, dachte er, als er
+die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn pl&ouml;tzlich,
+und er wu&szlig;te nicht recht, war es Sehnsucht nach
+Verena, oder nach etwas in ihm selbst, das er verloren
+geben mu&szlig;te. Im untern Stockwerk hing ein
+kleiner Spiegel neben einer T&uuml;re. Er blieb davor
+<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256"></a>[256]</span>stehen, betrachtete sich aufmerksam und l&auml;chelte zerstreut.</p>
+
+<p>Zu Hause machte er sich &uuml;ber seine B&uuml;cher und
+Hefte her, aber es gelang nichts. Die Gedanken
+blieben wie faule Spazierg&auml;nger unterwegs liegen.
+Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem
+Verst&auml;ndnis zu tun pflegte, eine Gem&auml;lde-Galerie.
+Meist blieb er vor den landschaftlichen Darstellungen
+stehen. Heute, da die ersten Boten des Fr&uuml;hlings
+durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern
+braune B&auml;ume mit machtvollen Kronen, stille
+Teiche, verglimmende Abendhimmel, helle Herden
+und weitgestreckte Ackergr&uuml;nde.</p>
+
+<p>Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben
+wolle. Endlich wurde es Abend, endlich Nacht. Arnold
+begriff seine Ungeduld und sein Bangen nicht.
+Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten
+Stunde. Er reichte Arnold einen verschlossenen Brief
+und sagte, ruhig und sachlich wie immer: &raquo;Ich soll
+Sie vielmals gr&uuml;&szlig;en. Verena Hoffmann ist abgereist.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. &raquo;Was&nbsp;&#8211;?&laquo;
+fragte er, und die wei&szlig;en Bl&auml;tter auf dem Tisch
+schienen auf einmal rot zu werden. Hastig ri&szlig; er
+den Brief auf und las: &raquo;Mein Liebster, ich sage dir
+Lebewohl. M&uuml;he dich nicht, mich zu finden oder mir
+zu folgen, es w&auml;re umsonst. Wenn du das Warum
+sp&uuml;rst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
+w&uuml;rde uns dies doch allzubald auseinander rei&szlig;en.
+Ich werfe weg, um nicht zu verlieren. Lebe wohl!
+Tetzner begleitet mich.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257"></a>[257]</span>Arnold nahm Mantel und Hut, st&uuml;rzte fort, warf
+sich unten in einen Wagen, nachdem er mit heiserer
+Stimme dem Kutscher Verenas Adresse zugerufen
+hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn
+fast besinnungslos.</p>
+
+<p>Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte
+sie&#8217;s vollbracht. Er lief wieder herab, ging zwei H&auml;user
+weiter, &#8211; auch Tetzner war auf und davon, und jetzt
+erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn &uuml;berzeugt
+hatten. Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht,
+wohin er sich wenden solle. Welch ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis
+ist dies? fragte er sich verst&ouml;rt. Noch immer vermochte
+er nichts zu sehen als ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis, wie jemand,
+der eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor
+die Augen h&auml;lt.</p>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258"></a>[258]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259"></a>[259]</span></p>
+<h2><a name="Alexander_Hanka" id="Alexander_Hanka"></a>Alexander Hanka</h2>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260"></a>[260]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261"></a>[261]</span></p>
+<h3><a name="Zweiundvierzigstes_Kapitel" id="Zweiundvierzigstes_Kapitel"></a>Zweiundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Mitte M&auml;rz legte Arnold die Pr&uuml;fungen mit Erfolg
+ab. Es war ihm nur ein Spiel. Er entschied
+sich f&uuml;r das juristische und philosophische Fach.
+An einem st&uuml;rmischen Fr&uuml;hlingstag entrichtete er an
+der Universit&auml;t die festgesetzten Geb&uuml;hren und begleitete
+dann Wolmut vom Ring bis weit hinaus
+in die Vorstadt.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung,
+die Sie in den n&auml;chsten Jahren nehmen wollen?&laquo;
+fragte Wolmut zum wiederholten Mal. &raquo;Vergessen
+Sie nicht, da&szlig; Sie viel &auml;lter sind, als die Burschen,
+die mit Ihnen &auml;u&szlig;erlich jetzt auf demselben Punkt
+stehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mache kein Programm&laquo;, erwiderte Arnold lebhaft.
+&raquo;Damit geht jede Unbefangenheit verloren. Ich
+will zugreifen und alles packen, was zu mir kommt.
+Sp&auml;ter kann ich dann mein Gebiet begrenzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten
+anfangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht
+auch zu sehr in einen gewissen Gedanken verbohrt&laquo;,
+bemerkte Wolmut freundschaftlich.</p>
+
+<p>Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen
+der B&auml;ume bogen sich im Wind. Der Sturm entf&uuml;hrte
+Arnold den Hut, wirbelte ihn &uuml;ber den Zaun,
+und Arnold mu&szlig;te am Tor des Gartens l&auml;uten und
+ziemlich lange barhaupt stehen, ehe er wieder in den
+Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als er durch
+<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262"></a>[262]</span>die stillen Gartenwege wieder gegen die Stra&szlig;e schritt,
+hatte er die Empfindung einer sch&ouml;nen, jedoch dunklen
+Erinnerung. Pl&ouml;tzlich stand es in ihm fest, da&szlig; er nach
+Podolin gehn werde.</p>
+
+<p>Zu Hause angekommen, zog er den l&auml;ndlichen Holzkoffer
+aus dem Winkel, aber es zeigte sich, da&szlig; dieses
+ehrw&uuml;rdige St&uuml;ck zu klein und zu h&auml;&szlig;lich war. Er
+ging daher von neuem aus und kaufte einen gro&szlig;en
+Lederkoffer und eine Handtasche. Er packte bis zum
+Nachmittag, und erst als er fertig war, bemerkte er
+mit Verwunderung, da&szlig; er sich wie zu einer langen
+Abwesenheit ger&uuml;stet habe.</p>
+
+<p>Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte,
+wollte er bei Borromeos Abschied nehmen. Man
+sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er durchschritt
+die Reihe der Zimmer und als er einen roten
+T&uuml;rvorhang beiseite schob, sah er unvermutet Frau
+Anna und den Leutnant Valescott vor sich. Die
+Beiden sa&szlig;en an einem schmalen Teetisch einander
+gegen&uuml;ber und drehten das Gesicht gespannt mit einem
+Ausdruck verdrie&szlig;licher Abwehr nach ihm zur&uuml;ck. Arnold
+entschuldigte sich, trat vollends in das Gemach
+und sagte, weshalb er k&auml;me. Da sein Benehmen
+unbefangen war, wurde Anna Borromeo freundlich.
+Valescott schien ge&auml;rgert. Er erhob sich alsbald,
+reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold
+mit widerwilliger H&ouml;flichkeit und verschwand.
+Nach einer langen Pause sagte Anna Borromeo:
+&raquo;Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.&laquo;
+Mit beiden H&auml;nden und gespreizten Fingern schob sie
+die kupferfarbene Haarkrone zurecht, l&auml;chelte Arnold
+<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263"></a>[263]</span>m&uuml;tterlich zu, stemmte dann beide zur Faust geballten
+H&auml;nde tief in ihren Scho&szlig;, und starrte auf den Boden.
+&raquo;Was tust du jetzt in Podolin?&laquo; fragte sie, aus ihrem
+Br&uuml;ten aufschreckend. &raquo;Es ist noch kalt drau&szlig;en. Hast
+du aufgeh&ouml;rt zu arbeiten und machst dir Ferien? Ich
+m&ouml;chte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien zu
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>Unangenehm ber&uuml;hrt von ihrem Ton wie von dem,
+was sie sagte, entgegnete Arnold, die Ferientage einer
+vornehmen Dame beg&auml;nnen wahrscheinlich erst im
+Himmel.</p>
+
+<p>Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochm&uuml;tig.
+Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf die Arnolds,
+und ihre Augen sahen smaragdgr&uuml;n aus, als sie erwiderte:
+&raquo;Kannst du mit meinem Herzen f&uuml;hlen?
+Nein. Es gibt nur einen einzigen Augenblick, auf
+den ich mich t&auml;glich freue, n&auml;mlich der, wenn ich
+nachts das Licht ausl&ouml;sche.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold zuckte die Achseln und sagte, er m&uuml;sse eilen.
+Als er gehen wollte, kam Borromeo. Anna erz&auml;hlte
+ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte und sch&uuml;ttelte
+den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen
+wolle. Jetzt, in einer Stunde. &raquo;Dann werde ich dich
+zum Bahnhof begleiten, wenn es dir recht ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold &uuml;bergab sein Gep&auml;ck einem Wagen, w&auml;hrend
+er selbst mit dem Oheim zu Fu&szlig; ging. &raquo;Wie lange
+willst du bleiben?&laquo; fragte Borromeo. &raquo;Und warum
+f&auml;hrst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du
+einen bestimmten Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264"></a>[264]</span>Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes lie&szlig;
+alle Anzeichen &auml;u&szlig;eren Mitlebens vermissen. Doch
+lag in seinem Gehaben ein so scheues, scheinbar ganz
+bewu&szlig;tloses Anschmiegen an die Person Arnolds, da&szlig;
+dieser ganz verwundert dar&uuml;ber war. Bis kurz vor
+der Abfahrt des Zuges blieb Borromeo ziemlich
+schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf
+einmal gespr&auml;chig und gab Ratschl&auml;ge und Meinungen
+in betreff der Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug
+setzte sich in Bewegung und Borromeo wartete, bis
+die Bahnhofshalle leer war.</p>
+
+<p>Das st&uuml;rmische Wetter war unver&auml;ndert geblieben,
+als Arnold im d&auml;mmernden Morgen von der Station
+nach Podolin fuhr. Der Wagen &auml;chzte im Stra&szlig;enkot
+und auf dem Schottergestein; die Felder lagen w&uuml;st
+und der Nebel verh&uuml;llte die W&auml;lder. Ursula war nicht
+wenig verbl&uuml;fft &uuml;ber die Ankunft des jungen Herrn.
+Der b&ouml;hmische Verwalter, der seit dem Sommer angestellt
+war, stand mit entbl&ouml;&szlig;tem Kopf am Gartentor.
+Sein rotes Gesicht war zum Ausdruck sklavischer
+Ehrerbietung erstarrt. Ursula wollte Rechnungen vorlegen
+und die brieflichen Berichte des Verwalters erg&auml;nzen,
+aber Arnold bedeutete ihr, da&szlig; er vorl&auml;ufig
+damit nichts zu tun haben wolle. &raquo;Sie sind gr&ouml;&szlig;er
+und sch&ouml;ner geworden&laquo;, meinte Ursula und bewunderte
+seine Kleidung, seinen ver&auml;nderten Gang, &#8211;
+nichts entging ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr
+Benehmen aber verwandelte sich nach der ersten
+Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
+Befehlshaberei wieder anzunehmen,
+aber sie merkte bald, da&szlig; er darauf nicht einging. Mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265"></a>[265]</span>diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
+in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit
+einer Wolke von Respekt, welche alle lebendige Erinnerung
+m&uuml;rrisch verh&uuml;llte.</p>
+
+<p>Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus
+wohlbekannter Tasse nahm er das Fr&uuml;hst&uuml;ck ein; alles
+mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube war
+eng, kahl und d&uuml;ster. Die Fenster waren winzig wie
+Schie&szlig;scharten, M&ouml;bel und Ger&auml;te von unbequemer
+D&uuml;rftigkeit. Arnold l&auml;chelte in sich hinein wie ein
+alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch
+den Vorgarten schritt, um hin&uuml;ber nach Podolin zu
+gehen, dachte er dar&uuml;ber nach, wie er es nehmen
+w&uuml;rde, wenn er hierzubleiben gezwungen w&auml;re. Er
+sch&uuml;ttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Dreiundvierzigstes_Kapitel" id="Dreiundvierzigstes_Kapitel"></a>Dreiundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Dennoch zitterte beim Gehen &uuml;ber die Wiesen
+ein Hauch jener gewaltigen Bewegung nach,
+die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie
+das L&uuml;ftchen, das sich von einem entfernten Orkan
+in stillere Regionen verirrt hat. Er freute sich des
+weiten Himmels, dessen Wolken einem d&uuml;nnen Blau
+zu weichen begannen, er blieb tr&auml;umend am Ufer des
+schw&auml;rzlichen Flusses stehen und erg&ouml;tzte sich am Kreischen
+der Kr&auml;hen. Gibt es angenehmere T&ouml;ne, dachte
+er beim Weiterwandern, als das leise Glucksen des
+Wassers in den Wiesen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266"></a>[266]</span>Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine
+Heiterkeit. Er war &uuml;berrascht, jedes H&auml;uschen noch
+auf seinem Fleck zu finden, blickte l&auml;chelnd von Torweg
+zu Torweg und schritt &uuml;ber den Platz hinauf
+gegen den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter
+der T&uuml;r seines Ladens, als ob er sich all die Zeit hindurch
+nicht von dort ger&uuml;hrt h&auml;tte. Die Kreuzspinne
+lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen
+und nickte freundlich; es war ihm, als h&auml;tte er stets
+freundliche Beziehungen zu dem Mann unterhalten.
+Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges Kompliment.</p>
+
+<p>Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von
+Wind und Wetter schief, verdorrt und zerbrochen. Von
+hier aus war der weiteste Ausblick &uuml;ber die Ebene,
+die erst in gro&szlig;er Ferne bergige Formen annahm und
+sich glatt wie eine ungeheure Bucht hindehnte. Das
+Grab der Frau Ansorge lag auf einem Vorsprung
+des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums.
+Ein einfacher Stein schm&uuml;ckte den H&uuml;gel. Arnold
+lehnte sich mit dem R&uuml;cken an die niedere Mauer-Einfassung
+und suchte die Gestalt der Toten erstehen
+zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein;
+buntes Schweifen ergriff den Sinn und tr&uuml;be nur,
+kaum den Rand des Grabes &uuml;berschreitend, wurde
+ein edler Umri&szlig; sichtbar. Arnold hatte das nicht erwartet;
+er hatte nicht geglaubt, da&szlig; er sich so allein
+hier finden w&uuml;rde. Als er sich gegen den Ausgang
+wandte, gewahrte er, ganz in einem Winkel zwischen
+Kirche und Mauer gedr&uuml;ckt, einen regenverwaschenen,
+kleinen Grabstein, in dem die verbla&szlig;te Photographie
+<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267"></a>[267]</span>eines sch&ouml;nen, stolzblickenden Mannes eingelassen und
+durch ein St&uuml;ck Glas verdeckt war. Auf der Fl&auml;che
+des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus Mailand.
+<em class="antiqua">Mal fa chi tanta f&egrave; obblia.</em></p>
+
+<p>Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli
+nach Podolin geraten sein? Nie fr&uuml;her hatte er den
+alten Stein mit dem s&uuml;&szlig;lich-h&uuml;bschen Bildnis bemerkt.
+M&uuml;hsam entzifferte er den Sinn der italienischen
+Worte: schlecht f&uuml;r den, der so viel Treue vergi&szlig;t.
+Eine wunderliche Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies
+schien wirklich das Wesentliche allen Lebens und den
+Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
+sich gegen einen Selbstvorwurf sch&uuml;tzen wolle, rief er
+mit seiner inneren Stimme den Namen Verenas. Auf
+dem R&uuml;ckweg begleitete ihn ihr versch&ouml;ntes Bild und
+als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
+und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es
+erschien ihm zweifellos, da&szlig; er sie in der Stadt wieder
+sehen w&uuml;rde, und die Einsamkeit, in die er sich versetzt
+hatte, kam ihm wie eine freiwillige Selbstpr&uuml;fung
+vor.</p>
+
+<p>Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich
+eilte sie auf Arnold zu und ihren Lippen entquoll eine
+unverst&auml;ndliche Flut von Worten. Erst allm&auml;hlich vermochte
+Arnold herauszubringen, worum es sich handle.
+Die junge Person war das Weib des H&auml;uslers Kubu,
+der fr&uuml;her Eisenbahnbediensteter gewesen war und
+seit f&uuml;nf Jahren die Wirtschaft seines Vaters &uuml;bernommen
+hatte. Wegen eines Steuerr&uuml;ckstandes von
+achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger
+Ochsen gepf&auml;ndet worden und heute hatte er die Mitteilung
+<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268"></a>[268]</span>erhalten, da&szlig; die beiden Tiere versteigert werden
+m&uuml;&szlig;ten, falls er die Steuer nicht bar bezahle.
+Um dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei
+der Mutter Gottes, da&szlig; sie es zur Ernte richtig zur&uuml;ckzahlen
+wolle.</p>
+
+<p>Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand besch&auml;ftigt,
+zwar weich gestimmt, doch nur f&uuml;r sich selbst,
+wies das Weib ab, dessen l&auml;rmendes Getue ihm nicht
+angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
+zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging
+ins Haus.</p>
+
+<p>Als er am n&auml;chsten Morgen seinen Spaziergang
+nach Podolin machte, um Briefe auf die Post zu
+tragen, sah er vor einem der ersten Bauernh&ouml;fe eine
+Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche
+Aufregung verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes
+standen sechs Gendarmen. Arnold wollte einen der
+Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
+Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr
+Ansorge sei und ob das Weib des Kubu gestern bei
+ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er selbst sei
+der Bahn-Expeditor und habe fr&uuml;her den Kubu unter
+sich gehabt, der ein ordentlicher Mensch w&auml;re. &raquo;Ist
+dies das Anwesen des Kubu?&laquo; fragte Arnold dagegen.</p>
+
+<p>Der Expeditor erz&auml;hlte, da&szlig; um zw&ouml;lf Uhr der
+Steuer-Exekutor aus Sobielska beim Kubu in Begleitung
+zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
+sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, da&szlig;
+er die Ochsen nicht &uuml;bergeben werde. Er habe acht
+Jahre lang die Steuern ordnungsgem&auml;&szlig; bezahlt, gegenw&auml;rtig
+sei er aber infolge der Mi&szlig;ernte des vorigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269"></a>[269]</span>Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und
+Hof als Pfand an und f&uuml;gte hinzu: ohne das Vieh
+bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, sie
+werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide
+baten mit erhobenen H&auml;nden um Fristung. Es war
+jedoch vergeblich. Der Exekutor entschied: entweder
+bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
+sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als da&szlig;
+ich sp&auml;ter mit meiner Familie zugrund gehe. Das
+ganze Dorf war zusammengelaufen und nahm eine
+drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska
+um weitere Gendarmen und wartete, bis diese kamen.
+Sie wendeten sich gegen Kubu, um ihn zu fesseln.
+Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den S&auml;bel.
+Die Frau warf sich ihm entgegen und flehte: nicht
+auf den Kopf! Sie fing den Schlag auf, der dem
+Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so verletzt,
+da&szlig; ein Finger nur noch an der Haut hing.
+Dann stellten sich alle Gendarmen zwei Meter von
+Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie w&uuml;rden
+schie&szlig;en, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine
+Frau bluten sah, sprang er in den Stall, ergriff eine
+Heugabel und schrie: die Ochsen k&ouml;nnen nur &uuml;ber
+meine Leiche gef&uuml;hrt werden. Die Frau entri&szlig; ihm
+die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen
+die auf ihn st&uuml;rmenden Gendarmen. Endlich gelang es
+den M&auml;nnern, die Frau von dem H&auml;usler wegzuziehen
+und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die gepf&auml;ndeten
+Ochsen los und lie&szlig; sie mit vier Gendarmen forttreiben.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Arnold alles das vernahm, wurde er so
+bleich, da&szlig; der Expeditor fragte, ob er sich krank f&uuml;hle.
+<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270"></a>[270]</span>Arnold zog seine Brieftasche aus dem Rock, z&auml;hlte
+siebzig Gulden ab, &uuml;berreichte sie dem Expeditor und
+sagte: &raquo;Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle
+es f&uuml;r den H&auml;usler. Zwei Gulden bekomm ich zur&uuml;ck.&laquo;
+Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut und dr&uuml;ckte
+Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
+verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des
+jungen Gutsherrn. Mehrere dr&auml;ngten sich an ihn und
+riefen ihm anerkennende Worte zu. Arnold mu&szlig;te an
+einen andern Tag zur&uuml;ckdenken; damals hatte er ihnen
+sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine
+nach ihm geschleudert; heute jauchzten sie ihm f&uuml;r versp&auml;tete
+siebzig Gulden zu. Er fing an, diese begriff-
+und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber er betrog
+sich mit diesem Gef&uuml;hl. Sein tr&auml;ger gewordenes
+Herz empfand Schmerzen der Scham, die es dem
+Verstand nicht mitteilte und nicht mitteilen konnte.</p>
+
+<p>Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hin&uuml;berf&uuml;hrte,
+blieb Arnold stehen und murmelte mit einem
+Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen Erleuchtung:
+&raquo;sollte es m&ouml;glich sein?&laquo; Er stellte sich
+vor einen Baum und blickte starr auf die Rinde.
+Denn pl&ouml;tzlich begann er den wahren Grund von
+Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein
+paar Schritte bis an den Waldrand und setzte sich
+auf einen gef&auml;llten Baumstamm. Ja, er begriff.
+Nicht l&auml;nger erschien ihm als ein Mi&szlig;verst&auml;ndnis,
+was so deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte.
+Aber allm&auml;hlich suchte er doch, sich zu verteidigen.
+Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen Augenblick
+furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
+<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271"></a>[271]</span>Platz und die Waldeinsamkeit r&uuml;hrte ihn, weil
+ihn sein Kummer r&uuml;hrte. Kein Laut unterbrach die
+Stille. Wei&szlig;, breit, sanft ansteigend, kr&uuml;mmte sich
+die Landstra&szlig;e h&uuml;gelw&auml;rts hinan und bohrte sich wie
+aus eigener Kraft durch das Dickicht der St&auml;mme und
+des niederen Buschwerks. Arnold empfand ein Verlangen
+nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.</p>
+
+<p>Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten
+Tag. Arnold stellte sich zu Ursula in die K&uuml;che und
+sagte g&auml;hnend: &raquo;Was soll man anfangen bei solchem
+Wetter!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erz&auml;hlen Sie mir doch. Wie gef&auml;llt Ihnen das
+Leben in der Stadt?&laquo; fragte die Alte.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist etwas f&uuml;r sich, Ursula. Davon wird
+man nie fertig. Es ist ein H&ouml;llenkreisel. Da hei&szlig;t
+es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. Hier
+wei&szlig; man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend
+ist. Aber dort, zwischen Suppe und Mehlspeise wird
+die Welt anders, und wer stillsitzen m&ouml;chte, der mu&szlig;
+tanzen und springen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn es regnet, wird&#8217;s dort auch na&szlig;. Das
+ist kein Unterschied&laquo;, sagte Ursula.</p>
+
+<p>Arnold machte ein listiges Gesicht. &raquo;Wenn es regnet
+oder schneit&laquo;, sagte er, &raquo;merkt man es gar nicht in der
+Stadt, denn alle Stra&szlig;en und Pl&auml;tze haben Glasd&auml;cher
+und &Ouml;fen. Es ist immer warm und trocken.&laquo;</p>
+
+<p>Ursula erwiderte verdrie&szlig;lich und unsicher: &raquo;Einem
+alten Weib kann man erz&auml;hlen, da&szlig; der Leineweber
+die Kartoffeln macht.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold trat unter die Haust&uuml;r. Ein verzweifeltes
+Wetter, dachte er und w&uuml;rzte diese einf&ouml;rmige Betrachtung
+<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272"></a>[272]</span>mit einem humoristischen Seufzer. Er entschlo&szlig;
+sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen.
+Als er bis auf den Hauptplatz gekommen war, mu&szlig;te
+er in einem Flur Schutz suchen, denn ein wahrer
+Wolkenbruch machte das Weitergehn unm&ouml;glich. Eine
+krumme Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem
+R&uuml;cken, fl&uuml;chtete gleichfalls herein, st&uuml;tzte das Paket
+auf den Mauerabsatz und wischte das nasse Gesicht
+und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser.
+Der Jude streckte ihm die Hand entgegen, und sein
+Gesicht strahlte vor Vergn&uuml;gen, als er ihn erkannt
+hatte. &raquo;Ei gn&auml;diger Herr!&laquo; sagte er. &raquo;Gleich hab
+ich mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht.
+Sind Sie wieder hier jetzt? Un wo waren Sie die
+Zeit &uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich bin hier&laquo;, antwortete Arnold lau und verlegen.
+&raquo;Wie geht es Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;No, es la&szlig;t sich leben. Man mu&szlig; sich eben dazuhalten.
+Mit der Peitsche mu&szlig; man&#8217;s treiben.&laquo; Er lachte.</p>
+
+<p>Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken
+Regen. Er h&auml;tte gern den gesch&uuml;tzten Platz verlassen,
+denn ihn st&ouml;rte der muffige Geruch, der von
+dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine
+Frage lag Arnold auf der Zunge, aber es war ihm
+nicht m&ouml;glich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
+Gl&auml;ubiger vor ihm, der es aus Zartgef&uuml;hl unterlie&szlig;,
+ihn zu mahnen, und er sagte sich: ich werde ihn bald
+bezahlen, fr&uuml;her als er denkt.</p>
+
+<p>Endlich verd&uuml;nnte sich das Str&ouml;men des Wassers.
+Arnold nickte dem Hausierer zu und kehrte eilig nach
+Hause zur&uuml;ck.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273"></a>[273]</span></p>
+<h3><a name="Vierundvierzigstes_Kapitel" id="Vierundvierzigstes_Kapitel"></a>Vierundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Der folgende Tag war ein strahlender Fr&uuml;hlingstag.
+Der Himmel hatte die Erde noch
+einer gr&uuml;ndlichen Waschung unterzogen, bevor er
+ihr das Fr&uuml;hlingskleid &uuml;ber die noch frierenden
+Schultern zog. Arnolds Laune besserte sich; seine
+Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
+lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er
+irgendwo rastete oder in einem Dorf bei Milch und
+K&auml;se seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus der
+Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch
+m&uuml;&szlig;ig sitzen oder liegen. Manchmal bem&auml;chtigte sich
+Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit der Felder
+wurde ihm dann dr&uuml;ckend und nichtssagend. L&auml;stig
+erschienen ihm die Bilder der Landschaft, die sanften,
+schattenvollen T&auml;ler, die sich nicht tiefer senkten, als
+ein Teller unter seinen Rand, die schmutzigen Bauernh&ouml;fe,
+das d&uuml;rftige Gras der Wiesen, der unbequeme
+Ostwind, die neugierigen Kinder in den D&ouml;rfern.
+Unruhe flammte in ihm auf.</p>
+
+<p>Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach
+Hause zur&uuml;ck. Noch hatte er nicht den Hauptplatz
+erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
+rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka
+auf sich zukommen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe erst gestern geh&ouml;rt, da&szlig; Sie hier sind,
+und zwar durch den Brieftr&auml;ger&laquo;, sagte Hanka und
+dr&uuml;ckte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und Freude.
+Er schien gr&ouml;&szlig;er, denn seine Gestalt war noch hagerer
+geworden, sein Gesicht l&auml;nger und farbloser; die
+<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274"></a>[274]</span>schwarzen Augen hatten einen Ausdruck vollkommenen
+Ernstes.</p>
+
+<p>Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht
+ganz frei von Befangenheit. &raquo;Wo kommen Sie her?&laquo;
+fragte er. &raquo;Wo waren Sie solange?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich war in Rom, Sizilien und Tunis&laquo;, berichtete
+Hanka, &raquo;und jetzt bin ich hier, weil meine Schwester
+erkrankt ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? Was fehlt ihr denn?&laquo;</p>
+
+<p>Hanka zuckte die Achseln. &raquo;Die Nerven, das Blut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bleiben Sie lange hier?&laquo; fragte er. &raquo;Ist es
+Ihnen nicht langweilig?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sch&uuml;ttelte l&auml;chelnd den Kopf. &raquo;Ich langweile
+mich nie&laquo;, antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ein gro&szlig;es Wort&laquo;, meinte Hanka und nickte
+nachdenklich. &raquo;Was mich betrifft, ich langweile mich
+in hervorragendem Ma&szlig;e.&laquo;</p>
+
+<p>Die breite Beh&auml;bigkeit, mit der Hanka das O aus
+den Eingeweiden heraufbrummte, machte Arnold
+lachen. &raquo;Jetzt darf man doch nicht mehr klagen&laquo;,
+sagte er. &raquo;Schauen Sie sich doch um: Fr&uuml;hling!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit drei Monaten habe ich Fr&uuml;hling und bin
+den bl&uuml;henden Mandeln von Syrakus bis Florenz
+nachgereist. Auch das bekommt man satt.&laquo; Mit verschwiegener
+und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka
+Arnold an. Hier sah er quellend und in Bl&uuml;te, was
+in ihm selber eine W&uuml;ste war. Hier vermutete er
+naiven &Uuml;berschwang der Kr&auml;fte und die Fruchtbarkeit
+eines unbefangenen Geistes. W&auml;hrend seines
+langen Alleinseins hatte sich das Bild Arnolds in
+seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im
+<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275"></a>[275]</span>Stillen zugewandt als der Verk&ouml;rperung alles dessen,
+was seiner Natur niemals auch nur aus der Ferne
+hatte winken d&uuml;rfen. Ihm jetzt gegen&uuml;berstehend,
+sah er in sich selbst eine Gefahr f&uuml;r Arnold und er
+beschlo&szlig;, ihn zu meiden.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen wir nicht abends &ouml;fter zusammenkommen?&laquo;
+fragte Arnold. &raquo;Die Abende sind sehr lang.&laquo; Er zuckte
+zusammen, da er gerade dieses nicht hatte sagen
+wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen
+es war geschehen. Err&ouml;tend wandte er sich
+an Hanka und sagte, mit freundlichem Tadel auf
+dessen Zigarette blickend: &raquo;Nie sieht man Sie ohne
+das Zeug. Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr
+Blut. Das gef&auml;llt mir nicht. Verzeihen Sie.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka l&auml;chelte gelassen. &raquo;Ich komme vielleicht
+morgen zu Ihnen&laquo;, sagte er stehen bleibend und sich
+verabschiedend.</p>
+
+<p>Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das
+Bett angenehm, dachte Hanka, als er allein war
+und sich dem Zaun des Vorg&auml;rtchens n&auml;herte. Er
+&ouml;ffnete die Gattert&uuml;re und sah neben dem Weg
+einen sterbenden Vogel liegen. Betroffen b&uuml;ckte
+er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug
+langsam unter dem erkaltenden Federkleid, die
+Fl&uuml;gel waren schlaff ausgebreitet, die gelben Beinchen
+waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und
+legte das kranke Wesen in die K&uuml;che dicht neben
+den Ofen. Der gelbe, mit der Erde beschmutzte
+Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfu&szlig; des
+Herdes, dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen
+Perl-Augen, soeben noch von der unbegreiflichen
+<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276"></a>[276]</span>Bewegung erf&uuml;llt, welche Leben hei&szlig;t, gl&auml;nzten nun
+mineralisch leer.</p>
+
+<p>Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt
+und hilflos wie sie lag, erinnerte sie ihn an den
+Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er unterhielt
+sich mit ihr, erz&auml;hlte Reisegeschichten und machte sie
+lachen. Agnes wu&szlig;te das Notwendigste &uuml;ber ihres
+Bruder schnell vergangene Ehe. Es waren dar&uuml;ber
+nicht drei S&auml;tze gewechselt worden, und Agnes war
+nicht so &uuml;berrascht, als Hanka wohl glauben mochte.
+Sie sah ihn ver&auml;ndert, in einer Weise, die kaum mit
+Worten zu bezeichnen war. Dies ist Beates Werk,
+glaubte sie kurzsichtig und gef&uuml;hlvoll. Hanka war es
+im Grunde gleichg&uuml;ltig, wof&uuml;r man ihn nahm. Der
+Sturm kann dar&uuml;ber erhaben sein, da&szlig; ihn taube
+Ohren f&uuml;r das Summen einer Fliege halten.</p>
+
+<p>&raquo;Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag&laquo;, sagte
+Agnes, sich aufst&uuml;tzend. In dem milden, mattblauen
+Himmel sah sie die knospenden Zweige der B&auml;ume
+schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen
+solle, nickte sie begl&uuml;ckt. Ihr Lieblingsschriftsteller war
+Jean Paul; sie hatte nie etwas anderes gelesen.
+Fr&uuml;her hatte Hanka die ihm altmodisch erscheinende
+Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
+faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu
+finden. Jetzt aber hatte er eine bessere Ansicht dar&uuml;ber
+gewonnen.</p>
+
+<p>Er entnahm der B&auml;ndereihe ein Buch, das die
+Kranke bezeichnet hatte, setzte sich hin und las mit
+sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut h&ouml;ren
+k&ouml;nne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes
+<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277"></a>[277]</span>Auge &uuml;berblickt hatte. Er schwieg und
+las f&uuml;r sich: Sobald wir anfangen zu leben, dr&uuml;ckt
+das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes
+ab. Er fliegt so lange, als wir atmen und wenn er
+ankommt, h&ouml;ren wir auf. O st&uuml;rben wir doch auch
+so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
+diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.</p>
+
+<p>Mit erschrecktem Stirnrunzeln lie&szlig; Hanka das Buch
+sinken. Er entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und
+ging in den Garten. Ihn qu&auml;lte die Einsamkeit. Er
+sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, nach
+ihrem Geschw&auml;tz und nach Spiel. Der weite Himmel
+dr&uuml;ckte auf ihn nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete
+er jetzt, wie viele Tausende von schwarzen
+Ameisen &uuml;ber einen Regenwurm hergefallen waren,
+ihn zerbissen und in geteilten Haufen die roten St&uuml;cke
+fortzerrten. Voll Ekel wandte er sich ab. Er nahm
+Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und
+fand ihn im Garten auf und ab gehend, wie er
+selbst vorhin getan. Sie setzten sich auf eine Bank
+und plauderten. Der Garten und besonders seine
+parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte
+d&uuml;rre Zweige lagen umher und ein Teppich feuchter,
+brauner Bl&auml;tter leuchtete in der Sonne. Die Spatzen
+l&auml;rmten und auf den Feldern schritt schon der pfl&uuml;gende
+Bauer.</p>
+
+<p>Das Beisammensein der beiden M&auml;nner trug den
+Ausdruck gegenseitiger, nat&uuml;rlicher Achtung. Arnold
+sprach von der Landwirtschaft und erw&auml;hnte, da&szlig; er
+sich die Zeit her um nichts gek&uuml;mmert habe; er finde
+nicht die Ruhe, es treibe ihn zu gro&szlig;en Gesch&auml;ften,
+<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278"></a>[278]</span>die ein Wagnis und Einsetzen verlangten, denn wenn
+man nur dasitze und sein inneres Kr&auml;fteverm&ouml;gen in
+sich selber verzehre, k&auml;me man bald zur Schw&auml;che.
+Darum sei es ihm zweifellos, da&szlig; das Leben auf dem
+Lande f&uuml;r junge Menschen, wenn nicht gef&auml;hrlich,
+doch sehr einschr&auml;nkend sei. Arnold redete mit einer
+ganz kleinen &Uuml;berspannung des Temperaments; dies
+entging Hanka nicht nur, sondern er hatte auch seine
+Freude daran. Er trat aus sich heraus, und das
+Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen.
+Arnold meinte, da&szlig; ein solches Wagen und Opfern,
+wie er es auffasse, mit Geldgesch&auml;ften nichts zu tun
+habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenw&auml;rtig
+sein ganzes Verm&ouml;gen in B&ouml;rsen-Unternehmungen
+stehen habe, empfinde er keine T&auml;tigkeit,
+sondern f&uuml;hle sich faul und gleichm&uuml;tig. Es entstand
+ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne &Uuml;bergang die
+Geschichte mit dem H&auml;usler Kubu berichtete. Hanka
+sagte: &raquo;Solange es nur gute Menschen gibt, die mit
+den Ungl&uuml;cklichen f&uuml;hlen, ist nichts gewonnen f&uuml;r die
+Welt. Mit den Gl&uuml;cklichen zu f&uuml;hlen, dazu m&uuml;&szlig;te
+man die Menschen erziehen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie verabredeten f&uuml;r den n&auml;chsten Morgen einen
+Ausflug, aber da Hanka zu tr&auml;g war, um zu gehen,
+wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur bestimmten
+Stunde kam das Gef&auml;hrt zur Stelle, mit
+zwei dicken G&auml;ulen bespannt. Langsam ging es &uuml;ber
+die Heerstra&szlig;e; der Tag war noch sch&ouml;ner als der
+gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf.
+Frisch gesch&auml;lte Baumst&auml;mme lagen quer &uuml;ber dem
+Graben und gl&auml;nzten in der Sonne wie Goldbarren.
+<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279"></a>[279]</span>Die Stra&szlig;e war schmal. Hinter ihnen fuhr im scharfen
+Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende
+Burschen hockten auf den Leitern; einer
+schwang die Peitsche, deren Knallen den ganzen Wald
+mit Get&ouml;se erf&uuml;llte, die andern, mit schiefsitzenden
+Kappen, schrien drohend und lachend drauflos. Das
+Fuhrwerk kam n&auml;her, auch die Kutsche rollte schneller.
+Die Kerle warfen die Arme und br&uuml;llten; ihre beiden
+Pferde hatten Schaum am Maul, als n&auml;hmen sie an
+der Erregung teil. Arnold ri&szlig; dem Kutscher die Z&uuml;gel
+aus der Hand; lachend trieb er die dicken G&auml;ule vorw&auml;rts,
+und sie jagten nun auch ihrerseits wild dahin.
+Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte
+den nachst&uuml;rmenden Pferden in die r&ouml;tlich lohenden
+Augen. Seine Gleichm&uuml;tigkeit schwand unter einer
+grausigen Vorstellung, und er dachte an den Mann
+jenes Gedichts, der im Brunnen h&auml;ngt, Tod unter
+und Tod &uuml;ber sich erblickt.</p>
+
+<p>Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre
+still. Arnold und Hanka kehrten auf einem
+n&auml;heren Weg gegen Podolin zur&uuml;ck. Eine eigent&uuml;mliche
+Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er
+verachtete das Ding, welches ihm das Herz auffra&szlig;.</p>
+
+<p>Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung.
+Das erfuhr Arnold bald. Seine Lebensstimmung
+wurde durch das beeinflu&szlig;t, was Hanka
+schweigend in sich verschlo&szlig;. Er trieb wieder mathematische
+Studien. Er spielte und es ist im Grund,
+dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten spielt.
+&Uuml;ber all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist
+die Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280"></a>[280]</span>nieder wie Regen und erf&uuml;llte seine Brust mit Traurigkeit.
+Er suchte das R&auml;tsel ihrer Person zu ergr&uuml;nden
+und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.</p>
+
+<p>Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit
+kam ein Brief Anna Borromeos. Sie schrieb
+an Arnold, da&szlig; sie f&uuml;r sein langes Ausbleiben keine
+andere Ursache vermuten k&ouml;nne, als da&szlig; ihn ihr Haus
+abgesto&szlig;en und ihre Person verscheucht habe. &raquo;Aber
+lieber Neffe und Freund, wir k&ouml;nnen dich, so scheint
+es, weniger entbehren als du uns. Wir zerbrechen
+uns den von zahllosen Gesch&auml;ften erm&uuml;deten Kopf,
+indessen du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest.
+Mein Gatte qu&auml;lt sich mit der Bef&uuml;rchtung, da&szlig; du
+unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
+k&ouml;nnest, und auch mich dr&auml;ngt es, dir eine bessere
+Idee von Anna Borromeo zu geben, als du jetzt in
+deine Heimat getragen. F&uuml;r die Schlechtesten gibt
+man sich aus und dem, den man umschlie&szlig;en sollte,
+dem sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A.&nbsp;B.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold war Anna Borromeo fast dankbar f&uuml;r dieses
+Schreiben, durch welches sein Schwanken beendigt
+und der Entschlu&szlig; der Abreise bewirkt wurde. Er
+freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka
+seinen Vorsatz mit.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281"></a>[281]</span></p>
+<h3><a name="Fuenfundvierzigstes_Kapitel" id="Fuenfundvierzigstes_Kapitel"></a>F&uuml;nfundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka
+ebenfalls in die Stadt zur&uuml;ckkehren und Arnold
+war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
+letzten Abend raffte er sich auf und unternahm
+endlich eine Durchsicht der Rechnungen und Berichte,
+welche ihm der Verwalter vorlegte. Es vergingen
+Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen,
+ihn zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm,
+da&szlig; es nicht leicht war, ihn zu &uuml;bert&ouml;lpeln. Er sollte
+sich dar&uuml;ber entscheiden, ob er ein St&uuml;ck Acker an die
+Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer
+Lokalbahn haben wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug.
+Ungeduldig verschob Arnold den Bescheid,
+wodurch freilich nichts gewonnen war.</p>
+
+<p>Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend
+fuhr Arnold gegen die Stra&szlig;e hinaus. Ursula lie&szlig;
+ein wei&szlig;es Handtuch flattern, das noch lange zu sehen
+war.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin froh, nun geht&#8217;s wieder an die Arbeit&laquo;,
+sagte Arnold. &raquo;Weshalb sind Sie so schlecht gelaunt?&laquo;</p>
+
+<p>Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte
+verdrie&szlig;lich auf dem Hals. &raquo;Es geht mir schief&laquo;, antwortete
+er. &raquo;Die Montanpapiere sind um zehn Perzent
+zur&uuml;ckgegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was werden Sie tun?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; verkaufen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dann?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann steht mir ein gro&szlig;es Ungl&uuml;ck bevor, &#8211;
+Arbeit.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282"></a>[282]</span>Arnold lachte. &raquo;Schade&laquo;, meinte er, &raquo;Sie sind
+zum M&uuml;&szlig;iggang geboren.&laquo;</p>
+
+<p>Wohlt&auml;tig wurde Arnold von dem Gewirr und
+dem L&auml;rm ber&uuml;hrt, als sie am Nachmittag in der
+Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von
+Hanka. Die W&auml;rme des Lebens str&ouml;mte ihm aus den
+Stra&szlig;en entgegen. Hier war es nicht von Belang, ob
+die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder nicht.</p>
+
+<p>In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold
+die Leute mit dem Gep&auml;ck, und w&auml;hrend dem trat
+Anna Borromeo unter die T&uuml;re. Mit gro&szlig;er Freude
+streckte sie ihm beide H&auml;nde entgegen und Arnold war
+sehr &uuml;berrascht, in ihr eine so sch&ouml;ne Frau zu sehen,
+denn f&uuml;r sein Auge war sie bisher nur die Gattin
+Borromeos gewesen. Sie erz&auml;hlte ihm Neuigkeiten,
+und obwohl sie beide nie in so vertraulicher Weise
+geplaudert hatten, schien es Arnold doch nat&uuml;rlich zu
+sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. Anna
+war erstaunt dar&uuml;ber, da&szlig; er auch ihre halbgesprochenen
+S&auml;tze im Stillen zu erg&auml;nzen wu&szlig;te, und da&szlig;
+er jenes andeutungsreiche Wesen begriff, welches
+zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
+Gewohnheiten entsteht.</p>
+
+<p>Sp&auml;ter las Arnold die Briefe, die f&uuml;r ihn eingetroffen
+waren. Zuerst nahm er St&uuml;ck um St&uuml;ck in
+die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden er gehofft
+hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen.
+Ein Schreiben Wolmuts war dabei, der
+ihn benachrichtigte, da&szlig; er in die Statthalterei nach
+Graz berufen worden sei, und da&szlig; ihm wahrscheinlich
+bald eine weitere Bef&ouml;rderung in Aussicht stehe. Arnold
+<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283"></a>[283]</span>war nicht sehr zufrieden damit; ihm war, als
+habe ein guter Geist das Haus verlassen.</p>
+
+<p>Gesch&auml;ftig r&auml;umte Arnold alle B&uuml;cher aus den
+Regalen, rief den Diener, damit die B&auml;nde abgestaubt
+w&uuml;rden, und ordnete alles mit peinlicher Sorgfalt
+nach Gr&ouml;&szlig;e, Gattung und Aussehen wieder ein.
+Die Schreibereien legte er Blatt auf Blatt zusammen
+und spannte das Gleichartige zwischen Dr&auml;hte. Er
+lie&szlig; die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
+klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken,
+Spinneweben, Fl&ouml;hen und setzte alles im Haus in Bewegung.</p>
+
+<p>Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka
+auf. In der Villa wurde ihm gesagt, Hanka wohne
+in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
+hin und fand ihn in tr&uuml;bseliger Laune. Hanka gestand
+ihm, da&szlig; er den gr&ouml;&szlig;ten Teil seines Verm&ouml;gens
+an der B&ouml;rse verloren habe.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter.
+Pl&ouml;tzlich begann Arnold von Verena zu erz&auml;hlen.
+Die Ereignisse verschoben sich sonderbar in seinem
+Mund; gef&auml;rbt durch selbsts&uuml;chtiges Leiden, wirkten
+sie romantisch und verzwickt. Schon die Bef&uuml;rchtung,
+ein Liebesabenteuerchen wie hundert andere zu erz&auml;hlen,
+verwischte den nat&uuml;rlichen und so ruhigen
+Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus
+der Geschichte. Er &auml;u&szlig;erte sanfte Zweifel an der gepriesenen
+Verena, und mehr als den Verlust seines
+Verm&ouml;gens betrauerte er pl&ouml;tzlich Arnolds &uuml;bertriebene
+Beredsamkeit. Arnold f&uuml;hlte es. In ziemlicher
+Erregung begann er von neuem, Verenas seltene
+<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284"></a>[284]</span>Natur begreiflich zu machen; aber stets &uuml;berhebt man
+sich, wenn man loben mu&szlig;, was man liebt, und Hanka
+wurde immer mi&szlig;trauischer und betr&uuml;bter. So sehr
+er &Auml;u&szlig;erungen des Temperaments achtete, so sehr
+schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.</p>
+
+<p>Aber er begab sich des Nachdenkens dar&uuml;ber und
+begn&uuml;gte sich mit der Feststellung der Tatsache. Er
+ging an den Ereignissen vor&uuml;ber wie man im Flur
+eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen
+man nicht wohnt. Aber da sein alles voraussehender
+und stets auf das Schlimmste vorbereiteter Geist von
+Schrecken erf&uuml;llt war durch die Erwartung der Millionen
+Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde
+all sein Handeln eigentlich durch ein alles umg&uuml;rtendes
+Verantwortlichkeitsgef&uuml;hl erdrosselt. Hanka dachte
+an die Worte Marc Aurels: Sch&auml;ndlich ist es, wenn
+deine Seele erm&uuml;det, ohne da&szlig; dein Leib m&uuml;de ist;
+und gr&uuml;belte mit dem heiligen Augustinus: Woher
+diese Unnatur? und warum? Der Geist gebietet dem
+K&ouml;rper, und der K&ouml;rper gehorcht; der Geist gebietet
+sich selbst und findet Widerstand.</p>
+
+<p>Hankas einzige Zuflucht bildete das Gl&uuml;cksspiel. Er
+verbrauchte alle Kr&auml;fte seines Gem&uuml;ts gegen die aufreibenden
+Erregungen am Kartentisch. Hier sah er
+alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
+Geist mit finsterm Beharren erf&uuml;llte, das Ungef&auml;hr,
+das vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im
+Weltraum lauernde Ungef&auml;hr, welches als Zufall,
+mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
+das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und
+gro&szlig;en Gerichtshof f&uuml;r die Lebendigen bildet. Aber
+<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285"></a>[285]</span>betr&uuml;bte Spieler k&ouml;nnen nicht gewinnen. Er hatte
+das Gef&uuml;hl, als werfe er das Geld ins Wasser. In
+wenigen Wochen verlor er gegen f&uuml;nftausend Gulden.
+Als die Summe voll war und sich der Weg deutlich
+zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm
+eigenen Kaltbl&uuml;tigkeit und sagte: &raquo;Genug, ich werde
+keine Karte mehr ber&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>Als ob er nun die Mauer zerst&ouml;rt h&auml;tte, die ihn
+von Arnold trennte, war sein erster Gedanke, den
+Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
+sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten,
+Koffer, B&uuml;cher, Betten lagen durcheinander; Arnold
+hantierte mit rotem Kopf auf einer Leiter, der Diener
+war mit Packen besch&auml;ftigt. &raquo;Hollah!&laquo; rief Arnold
+herab, &raquo;Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es
+Arbeit, wie Sie sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe wenigstens, da&szlig; Sie besch&auml;ftigt sind&laquo;, erwiderte
+Hanka etwas verdrie&szlig;lich.</p>
+
+<p>&raquo;Ich ziehe n&auml;mlich aus&laquo;, erkl&auml;rte Arnold, sprang
+mit einem Satz auf den Boden und rollte eifrig einen
+Strick &uuml;ber die Hand. &raquo;Hier ist mir alles zu klein.
+Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen
+Zimmern. Man mu&szlig; atmen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da bin ich also &uuml;berfl&uuml;ssig&laquo;, meinte Hanka; &raquo;ich
+dachte, wir k&ouml;nnten eine kleine Spazierfahrt unternehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut!&laquo; rief Arnold, wandte sich zum Diener
+und gebot ihm, einen Wagen zu besorgen. &raquo;Ich habe
+schon zu viel Staub geschluckt&laquo;, sagte er und bahnte
+sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem
+L&auml;cheln die Hand dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286"></a>[286]</span>&raquo;Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie
+das stille Haus hier verlassen&laquo;, sagte Hanka kopfsch&uuml;ttelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir eben zu still&laquo;, erwiderte Arnold. &raquo;Alles
+ist alt und krumm hier im Haus. Wenn man ordentlich
+auftritt, krachen die Bretter im Boden. Es wird
+zu fr&uuml;h dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein.
+Das ist nichts f&uuml;r mich. Dort, Sie werden sehen,
+der reinste Palast. Und etwas hab ich gekauft, Hanka!
+Da werden Ihnen die Augen vor <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Erstauen'">Erstaunen</ins> herausfallen.&laquo;
+Er lachte, auch Hanka l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;Man kommt nicht zur Besinnung&laquo;, sagte Arnold,
+als sie im Wagen sa&szlig;en, der die Richtung gegen den
+Prater nahm. &raquo;Und wie sch&ouml;n es heute ist, wie gut
+die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So?&laquo; erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bed&auml;chtig
+in den vollkommen blauen Himmel.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch
+&uuml;ber schlechtes Wetter?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich schnurre&laquo;, gab Hanka zur&uuml;ck, &raquo;obwohl es mir
+dabei nicht so wohl ist, wie es die Besch&auml;ftigung des
+Schnurrens mit sich bringen sollte.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kutscher lie&szlig; die Pferde laufen, und das leichte
+Fuhrwerk sauste geschwind die breite Allee hinab und
+mit gleicher Geschwindigkeit flogen zur&uuml;ckkommende
+Wagen an ihnen vorbei. Wundersch&ouml;ne Frauengesichter
+tauchten auf und Arnolds Mund &ouml;ffnete sich
+begehrlich. Uners&auml;ttlich im Wunsch, lie&szlig; er die Augen
+&uuml;ber die Massen hingleiten, welche sich auf den Fu&szlig;wegen
+dr&auml;ngten, und ihm war, als sei er es, der ihre
+<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287"></a>[287]</span>Herzen schneller schlagen lassen k&ouml;nnte. Keiner wei&szlig;
+vom andern, jeder birgt in sich die gr&ouml;&szlig;te F&uuml;lle der
+Bitterkeit, des Lebens&uuml;berdrusses und der Armut, und
+Arnold hat die Macht, all ihre F&auml;higkeit auf ein Ziel
+zu richten, t&auml;tig nach au&szlig;en werden zu lassen, was
+zerst&ouml;rend im Innern wirkte, aber er rast an ihnen
+vorbei zu andern Sternen.</p>
+
+<p>Sie fuhren zur&uuml;ck gegen die Stadt. Arnold lud
+Hanka zum Tee ein. &raquo;Anna Borromeo hat mich
+l&auml;ngst gebeten, Sie zu ihr zu f&uuml;hren. Sie vermutet
+in Ihnen einen Philosophen.&laquo; Die Pferde gingen im
+Schritt, Dampf entstieg ihren Lenden, gleichwie auch
+von den Stra&szlig;en der schw&uuml;le Dampf der Arbeit
+emporstieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ah, Besuche und noch dazu Damen&laquo;, sagte Arnold
+im Vorzimmer der Borromeoschen Wohnung.
+Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
+Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte
+Hanka vor und wurde selbst mit den fremden Damen
+bekannt gemacht.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Sechsundvierzigstes_Kapitel" id="Sechsundvierzigstes_Kapitel"></a>Sechsundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Es wurde &uuml;ber ein Blumenfest gesprochen, das im
+Belvederegarten stattfinden und wozu der Kaiser
+und der ganze Hof kommen sollte. Der Leutnant Valescott
+hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
+Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei
+mitzuwirken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288"></a>[288]</span>&raquo;Es ist auch beschlossen worden, da&szlig; du dem Komitee
+beitrittst&laquo;, sagte Anna Borromeo.</p>
+
+<p>&raquo;Beschlossen worden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen
+machen&laquo;, sagte die Baronin.</p>
+
+<p>&raquo;Aber haupts&auml;chlich sollen Sie mitspielen&laquo;, f&uuml;gte
+Valescott hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht&laquo;,
+erwiderte Arnold verlegen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist &uuml;berfl&uuml;ssig. Es gen&uuml;gt, da&szlig; Sie gut gewachsen
+sind. Sie sollen nur Figur machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also ungef&auml;hr das Beschwerlichste, was es gibt&laquo;,
+meinte Hanka trocken.</p>
+
+<p>Alle lachten, ausgenommen die &auml;ltere der Baronessen,
+deren kluges und etwas verdrossenes Gesicht
+sich blo&szlig; f&uuml;r einen Augenblick erhellte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube sogar, Sie m&uuml;&szlig;ten den Narzi&szlig; geben&laquo;,
+fuhr Valescott eifrig fort. &raquo;Das Spiel behandelt
+n&auml;mlich die Sache vom Narzi&szlig; in etwas modernisierter
+Form, ins Barock &uuml;bersetzt. Kommen Sie doch
+dieser Tage zu mir, wir wollen dar&uuml;ber sprechen. Sie
+haben wirklich nichts weiter zu tun als eine Pose anzunehmen.
+Die Verse werden von einem Schauspieler
+gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was sagen Sie dazu, Hanka?&laquo; fragte Arnold
+lachend.</p>
+
+<p>Hanka zuckte die Achseln. Pl&ouml;tzlich stand er auf
+und verabschiedete sich. Er wurde mit K&auml;lte entlassen.</p>
+
+<p>&raquo;So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden&laquo;, sagte
+Anna Borromeo, als er fort war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289"></a>[289]</span>Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem
+er kommen wollte.</p>
+
+<p>Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu.
+Das Pflaster war rot vom Sonnenuntergang, auch
+der Staub in der Luft schimmerte farbig.</p>
+
+<p>Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken
+einem Manne nach, der soeben an ihm vor&uuml;bergegangen
+war; einen langen Bart und tr&uuml;be, fast erloschene
+Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte,
+Elasser sei es gewesen. Rasch folgte er dem Menschen,
+konnte ihn aber nicht mehr einholen. Er blickte in
+die Hausg&auml;nge, schaute durch die Glast&uuml;ren in die
+L&auml;den, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengew&uuml;hl
+stehen. Und pl&ouml;tzlich sah er die Erscheinung,
+zur&uuml;ckkehrend, zum zweitenmal, &#8211; es war nicht
+Elasser; eine &Auml;hnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er
+setzte seinen Weg fort und erwog im Stillen einen
+Plan. Er suchte das n&auml;chste Postamt auf, schrieb
+eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie
+an den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf,
+als er wieder die Stra&szlig;e betrat.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Abend kam Hanka zu Arnold. In
+den saalartigen Zimmern waren &uuml;berall noch Leute
+besch&auml;ftigt. Kostbare Gegenst&auml;nde lagen umher wie
+im Laden eines Tr&ouml;dlers.</p>
+
+<p>&raquo;Sie treffen Anstalten, das Gesch&auml;ft zu vergr&ouml;&szlig;ern&laquo;,
+meinte Hanka und machte einen Riesenschritt &uuml;ber
+eine flache Kiste. Arnold f&uuml;hrte ihn durch ein halbdunkles
+Zimmer in einen vollst&auml;ndig finstern Raum
+und sagte: &raquo;Passen Sie auf.&laquo; Er drehte den Knopf
+dreier elektrischer Lampen auf und es entstand blendende
+<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290"></a>[290]</span>Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
+breitem Postament der marmorne Antinous.</p>
+
+<p>&raquo;Wo haben Sie das Ding her?&laquo; fragte Hanka nach
+einigem Stillschweigen.</p>
+
+<p>&raquo;Es hat dem reichen Pottgie&szlig;er geh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie
+haben es gekauft? Eine wertvolle Sache.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie gef&auml;llt es Ihnen, Hanka?&laquo; fragte Arnold
+fast sch&uuml;chtern.</p>
+
+<p>&raquo;Ganz gut. Sehr sch&ouml;n, &#8211; vorausgesetzt, da&szlig; Sie
+keine Tendenz damit verbinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das hei&szlig;en?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich meine, etwa Griechentum, Sch&ouml;nheit und so
+weiter.&laquo; Hanka ging mit seinem sonderbar stampfenden
+Schritt umher, hatte die H&auml;nde fest auf die H&uuml;ftknochen
+gestemmt und so schien alles an ihm in einer
+Art Bewegung, ausgenommen die Augen, die in eine
+eingebildete Tiefe starrten und zwei Ebenholzkugeln
+glichen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn ichs t&auml;te&nbsp;&#8211;?&laquo; erwiderte Arnold. &raquo;Ich
+wei&szlig; nichts davon, aber wenn ichs t&auml;te&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Hanka blieb stehen. &raquo;Es w&auml;re nicht weiter schlimm&laquo;,
+sagte er. &raquo;Ich meine nur, damit haben wir nichts
+zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir m&uuml;ssen unsere
+Ideale viel niedriger h&auml;ngen. Es ist f&uuml;r uns
+schon Ideal genug, ein anst&auml;ndiger Mensch zu sein.
+&Uuml;brigens&laquo;, f&uuml;gte er hinzu, mit einer eklen Mundbewegung,
+als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt
+h&auml;tten, &raquo;wollen Sie wirklich ein lebendes Bild
+machen&nbsp;&#8211;, dort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke nein&laquo;, entgegnete Arnold.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291"></a>[291]</span>Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold
+stand am Fenster, und blickte auf die Statue.</p>
+
+<p>Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen
+Figur, aber wenn sie ihm gleich in Hankas
+Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte er jetzt
+nichts anderes als den gemei&szlig;elten Stein darin. Er
+lauschte gegen die Stra&szlig;en. Ein leises, unver&auml;nderliches
+Kochen, Surren und Zittern drang zu seinem
+Ohr und durchbrach die t&auml;uschende Stille. Dort war
+Leben, ewiges Wach-Sein. Ein uners&auml;ttlicher Hunger
+erf&uuml;llte Arnolds Brust. Ohne Z&ouml;gern h&auml;tte er all das
+Unbekannte an sich rei&szlig;en m&ouml;gen, anstatt hier zu sitzen
+und zu warten. Nicht Gl&uuml;ck, nicht Befriedigung, nicht
+Ausf&uuml;llung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht
+Wissenschaft war es, wonach dies Uners&auml;ttliche Verlangen
+trug. Kein Wort konnte es benennen, kein
+Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten
+Rachen, f&uuml;r den die Millionen eines Goldbergwerks
+nur ein ver&auml;chtlicher Bissen, die Umarmung der Psyche
+kaum ein Tr&ouml;pfchen Erquickung bedeutet h&auml;tte. Im
+Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der
+Ahnung umhergetrieben, schien es ihm, als ob sein
+blindes Begehren die Welt ausf&uuml;lle. Was ihn ehedem
+hatte ergl&uuml;hen lassen, erschien ihm nichtig, was
+er ehemals begehrt, bettelhaft. Zahllose W&uuml;nsche
+waren besch&auml;ftigt, ihm ein reizendes Wandelpanorama
+der Welt zu malen, dessen entz&uuml;ckter Betrachtung er
+sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher
+kam es, da&szlig; aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer
+kroch, wie eine Spinne, deren feine F&auml;den
+das Herz umspannen und es kalt und lustlos machten?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292"></a>[292]</span>Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen
+der ver&auml;nderten Anlage eines Kapitalsteiles zu reden.
+Er hatte Lust zu k&uuml;hnen Unternehmungen; was er
+anpackte, ging den gl&uuml;cklichsten Weg. In der Kanzlei
+traf er den Oheim nicht. So wartete er bis zum
+Abend und ging dann in die Wohnung. Als er angepocht
+hatte und eintrat, standen Borromeo und
+Anna einander gegen&uuml;ber. Beide waren bla&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Verzeiht&laquo;, sagte Arnold und reichte die Hand.
+Frau Anna sah ihn mit einem durchbohrenden Blick
+ihrer gl&uuml;hendblauen Augen an, Borromeo l&auml;chelte
+d&uuml;nn und leer.</p>
+
+<p>&raquo;Habt ihr zu sprechen?&laquo; fragte Anna Borromeo.
+Mit einem tr&auml;gen Nicken gegen Arnold verlie&szlig; sie
+das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
+Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in
+Brand.</p>
+
+<p>Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht
+seinen Segen geben. Mit halbgeschlossenen Augen
+und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
+und ab. Bisweilen hob er mit dem Handr&uuml;cken den
+Bart unter dem Kinn empor und zog die fahlen
+Lippen zwischen die Z&auml;hne. Dann blieb er stehen,
+lauschte, &ouml;ffnete die T&uuml;re, durch welche Anna gegangen
+war, und finster lag der gro&szlig;e Raum des
+Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
+zweiten T&uuml;re, die er gleichfalls &ouml;ffnete, aber nach
+kurzem Hinausstarren wieder schlo&szlig;. Die Augen
+emporschlagend, mit regungslos h&auml;ngenden Armen,
+im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293"></a>[293]</span>&raquo;Du hast mir noch nichts von Podolin erz&auml;hlt&laquo;,
+sagte er. Er hatte etwas ganz anderes unterdr&uuml;ckt,
+das ihm zu sagen n&auml;her lag.</p>
+
+<p>&raquo;Es hat sich nichts ver&auml;ndert&laquo;, antwortete Arnold.
+&raquo;Der Verwalter scheint mir nicht zuverl&auml;ssig, Ursula
+wird alt. Ich m&ouml;chte das Ganze losschlagen. Es ist
+ein Stein am Hals.&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten
+verstreut lagen. Er nahm einen Pack in die
+Hand und zog einen K&ouml;nig heraus, den er d&uuml;ster betrachtete.</p>
+
+<p>&raquo;Was denkst du dazu?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>Borromeo sch&uuml;ttelte sanft den Kopf. &raquo;Ich kann
+nicht raten&laquo;, sagte er leise. &raquo;Ich bed&uuml;rfte selbst des
+Rates. Warum willst du deine Heimat verkaufen?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer
+Unwille erhob sich in ihm gegen die eisige Trauer
+dieses Mannes.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bed&uuml;rfte selbst des Rates&laquo;, wiederholte Borromeo.</p>
+
+<p>Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken,
+als er den verehrenden, klaren, gl&auml;ubigen
+Blick des Oheims auf sich ruhen f&uuml;hlte. Er vermochte
+nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde
+lang zumute wie damals, als er in Verenas Hause
+in den Spiegel geschaut, um zu sehen ob sein Bild
+auch wirklich darin sei.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294"></a>[294]</span></p>
+<h3><a name="Siebenundvierzigstes_Kapitel" id="Siebenundvierzigstes_Kapitel"></a>Siebenundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Arnold tr&auml;umte, er stehe auf einem gl&auml;sernen
+Feld und bei jedem Schritt, den er zu machen
+versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zur&uuml;ck.
+&Uuml;ber diesen Bem&uuml;hungen erwachte er und versp&uuml;rte
+Kopfschmerzen. Er konnte nicht mehr einschlafen,
+machte Licht, nahm ein Buch und las. W&auml;hrend
+des Lesens fa&szlig;te er den Plan, in der neuen Wohnung
+alle Bekannten und Freunde an einem Abend
+zu versammeln. Er besch&auml;ftigte sich mit der Zusammenstellung
+k&ouml;stlicher Speisen und seine Phantasie
+schm&uuml;ckte im voraus die R&auml;ume. Antinous
+sollte eine Rosenguirlande &uuml;ber der Schulter tragen.
+Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, viel
+zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat
+ging er am Morgen zur Universit&auml;t, um eine Vorlesung
+zu h&ouml;ren, schrieb flei&szlig;ig mit und zwang seine
+widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.</p>
+
+<p>Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl
+er dort f&uuml;r sich hatte kochen lassen, sondern in ein
+Restaurant, welches in der N&auml;he der Oper lag. Es
+war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold
+hatte Lust bekommen, gute und seltene Dinge
+zu essen. Solche Antriebe lagen f&uuml;r ihn in der Luft.
+Es machte ihm Vergn&uuml;gen, einen Kellner zu beobachten,
+der vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen.
+Als er am Tisch sa&szlig;, gewahrte er gegen&uuml;ber an
+der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und Beate.
+Specht gr&uuml;&szlig;te mit einem nachl&auml;ssigen kalten Neigen
+<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295"></a>[295]</span>seines Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner
+Hand, und eine erbsengro&szlig;e Perle steckte in seiner
+Kravatte. Beate trug ein hellgr&uuml;nes Tuchkleid in
+englischer Machart. Ihr Gesicht war au&szlig;erordentlich
+bleich, m&uuml;de, langgezogen und hatte den Ausdruck
+einer maskenhaften, kalten Anst&auml;ndigkeit. Als Arnold
+gr&uuml;&szlig;te, lachte sie ihm einfach ins Gesicht. Specht
+schien innerlich zu k&auml;mpfen; er fl&uuml;sterte mit Beate,
+nach einer Weile kam er her&uuml;ber und dr&uuml;ckte Arnold
+die Hand. Er zeigte eine boshafte F&ouml;rmlichkeit in
+seinem Benehmen.</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint Ihnen gut zu gehen?&laquo; sagte Arnold.
+Seine Miene suchte jede &uuml;berfl&uuml;ssige Ann&auml;herung im
+voraus abzuweisen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes&laquo;, erz&auml;hlte
+Specht und nahm mit einer leichten Verbeugung
+Platz. &raquo;Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich h&ouml;re&laquo;,
+fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen
+die eine <ins class="correction" title="Transcriber's note: fixed closing to opening quotes">Schulter. &raquo;Sie</ins> haben vorteilhaft in bulgarischer
+Rente spekuliert, erz&auml;hlt man sich.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte
+das wei&szlig;e Fleisch sorgsam von den Gr&auml;ten. Er l&auml;chelte.</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;brigens mu&szlig; ich Ihnen etwas mitteilen&laquo;, sagte
+Maxim Specht pl&ouml;tzlich in heiterer Belebtheit, &raquo;und
+es ist gut, da&szlig; ich Sie treffe. Eine ganz unheimliche
+Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich
+hatte mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft
+verabredet. Wir wollten nach dem Theater im
+Stephanskeller essen und hatten ein separiertes Zimmerchen
+bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag,
+und der Oberkellner nennt mir die Nummer des Zimmers.
+<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296"></a>[296]</span>Das Theater ist aus, ich gehe hin, der Kellner,
+der mich sehr gut kennt, l&auml;&szlig;t mich vorbeigehen, und
+ich h&ouml;re schon von weitem unsere Gesellschaft l&auml;rmen.
+Da passiert mir das Ungl&uuml;ck, ich mu&szlig; die Nummer
+des Zimmers vergessen haben, da&szlig; ich nun eine falsche
+T&uuml;re &ouml;ffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen
+Baron Valescott und&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht weiter Specht!&laquo; rief Arnold herrisch und
+legte die Gabel auf den Tisch.</p>
+
+<p>Specht senkte die hochgew&ouml;lbten Lider und sagte:
+&raquo;Namen sind verp&ouml;nt, Sie haben Recht. Aber Sie
+verstehen mich hoffentlich. Ich sah sp&auml;ter noch dieselbe
+Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen
+Schleier, es war Mitternacht, als sie gingen.
+Baron Valescott hatte sich beim Kellner erkundigt
+und war sehr aufgebracht &uuml;ber den dummen Irrtum,
+der mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie k&ouml;nnten
+hier ebenso erfolgreich den Wahrheitsmann machen
+wie damals Hanka gegen&uuml;ber. Die Wahrheit ist eine
+sehr sch&ouml;ne Sache, besonders wenn man f&uuml;r sie einsteht
+... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl,
+auf Wiedersehn.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die
+E&szlig;lust eingeb&uuml;&szlig;t, zahlte und ging. Zorn gegen Specht
+erf&uuml;llte ihn, Unschl&uuml;ssigkeit, Trauer, allgemeine Tatensehnsucht,
+aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
+ein wohlt&auml;tiger Schleier &uuml;ber das unharmonische
+Wogen der Gef&uuml;hle.</p>
+
+<p>Es war vier Uhr und er entschlo&szlig; sich, zu Valescott
+zu gehen. Das Haus, welches die Familie bewohnte,
+lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
+<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297"></a>[297]</span>jener alten verwitterten Pal&auml;ste, deren urspr&uuml;ngliche
+Majest&auml;t, in eine enge, finstere, wurmartig gekr&uuml;mmte
+Gasse verdr&auml;ngt, sich ganz in Melancholie verwandelt
+hat. Das Zimmer, in welches Arnold gef&uuml;hrt wurde,
+war sehr hoch, hatte rot tapezierte W&auml;nde und eine
+stuckverkleidete Decke, von der ein altmodischer, kostbarer
+Kronleuchter herabhing. Der Diener kam zur&uuml;ck
+und sagte, der Herr Baron m&uuml;sse jeden Augenblick
+zur&uuml;ckkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge
+m&ouml;ge bestimmt auf ihn warten.</p>
+
+<p>Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte
+ruhig auf die einsame Gasse hinab. W&auml;hrend er bem&uuml;ht
+war, einem bestimmten Gedanken Einla&szlig; in
+sein Gehirn zu verwehren, ert&ouml;nte ein Klavier im
+Nebenraum und ein wiegender Gesang, sehr ged&auml;mpft
+durch die geschlossene T&uuml;re und die dicke Portiere.
+Arnold ging zur T&uuml;r und lauschte. Es war eine
+M&auml;dchenstimme, welche die Tanzweise begleitete.
+L&auml;chelnd schob er die Portiere beiseite, dr&uuml;ckte auf
+die Klinke, &ouml;ffnete behutsam und steckte den Kopf
+vorsichtig in die Spalte. Die &auml;ltere Valescott sa&szlig;
+am Klavier und spielte mit einer m&uuml;den, doch rhythmisch
+schaukelnden Bewegung des K&ouml;rpers. Das
+br&uuml;nette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt,
+hing tief &uuml;ber den Nacken und gab der Gestalt von
+r&uuml;ckw&auml;rts etwas Nachl&auml;ssig-Vertr&auml;umtes. Die andere
+Schwester und noch ein sehr junges M&auml;dchen tanzten
+auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie
+hielten einander zag bei den H&auml;nden. Die &auml;ltere der
+beiden war im Stra&szlig;enkleid; die j&uuml;ngste trug ein
+Kost&uuml;m, kurzes lila R&ouml;ckchen, zu den Knieen reichend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298"></a>[298]</span>violette Str&uuml;mpfe und seidene Schuhe von der gleichen
+Farbe. Das braune Haar war mit violetten Stiefm&uuml;tterchen
+bekr&auml;nzt, und in der Hand trug sie einen
+Strohkorb, dicht gef&uuml;llt mit denselben Blumen.</p>
+
+<p>Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der T&uuml;re.
+Sie schrie und lief davon. Die Spielerin erhob sich
+erschreckt, aber bald lachte sie mit der zweiten Schwester
+im Verein. &raquo;Kommen Sie nur ganz, da Sie doch
+einmal eingebrochen sind&laquo;, sagte die mittlere, welche
+die gewandteste war. Die &Auml;lteste blieb still mit r&uuml;ckw&auml;rts
+verschr&auml;nkten Armen am Fl&uuml;gel stehen. In
+ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber
+ohne Frohsinn. Sie schien weder leichtsinnig noch
+ernst. Ihre schlanke Gestalt machte den Eindruck der
+Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander entgegenwirkenden
+Kr&auml;fte gest&ouml;rt wurde. Ein seltsames
+Gemisch von Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn
+war an ihr auffallend.</p>
+
+<p>Arnold dr&uuml;ckte beiden die Hand und sagte: &raquo;Nun
+wei&szlig; ich noch nicht einmal Ihre Namen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Raten Sie&laquo;, sagte die &Auml;lteste fast streng.</p>
+
+<p>Er riet, &#8211; stellte sich ein wenig verschmitzt und
+verzweifelt, bis die M&auml;dchen ihm zu Hilfe kamen.
+Felicia hie&szlig; die &auml;lteste, Dora die zweite und die
+j&uuml;ngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie denn allein zu Hause?&laquo; fragte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen&laquo;,
+antwortete Dora. &raquo;Jedenfalls m&uuml;ssen Sie
+auf Franz warten. Es ist sonst nicht &uuml;blich, auf diese
+Art Herrenbesuche zu empfangen&laquo;, &#8211; sie lachte, &#8211;
+&raquo;aber bei Ihnen wollen wir eine Ausnahme machen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299"></a>[299]</span>Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte,
+schlug leise einen Mollakkord an.</p>
+
+<p>&raquo;Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?&laquo; fragte
+Dora, indem sie Platz nahm. &raquo;Erz&auml;hlen Sie uns
+doch etwas. Wir h&ouml;ren gern Geschichten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geschichten wei&szlig; ich nicht&laquo;, erwiderte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Dann erz&auml;hlen Sie Wahrheiten oder L&uuml;gen oder
+Tr&auml;ume.&laquo; Dora lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist sehr schwer, nicht zu l&uuml;gen, wenn man
+Tr&auml;ume erz&auml;hlt&laquo;, sagte Arnold. Er stockte, schwieg
+und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar ein
+wenig schw&auml;rmerisches L&auml;cheln wich nicht von seinen
+Lippen. Das gerade schien die M&auml;dchen wunderbar
+zu ber&uuml;hren. Dora blickte voll ernster Aufmerksamkeit
+in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
+&uuml;ber die Schulter zur&uuml;ckgeschaut, nun legte sie die
+H&auml;nde in den Scho&szlig; und lauschte. &raquo;Ich erinnere
+mich&laquo;, begann Arnold, &raquo;einst hatte ich einen sonderbaren
+Traum. Es waren zwei Pferde da ... gr&uuml;ne
+Pferde. Auf einer Mauer stand geschrieben: diese
+Pferde k&ouml;nnen sprechen. Eine Glocke hing &uuml;ber der
+Mauer und sobald die Glocke t&ouml;nte, machte das eine
+Pferd sein Maul auf und sagte: wer reiner H&auml;nde
+ist, mehrt die Kraft. Ich f&uuml;rchtete mich, mir grauste
+und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
+Tr&auml;ume.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo waren Sie denn da?&laquo; fragte Dora.</p>
+
+<p>&raquo;In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein
+schmuckloses Land, eine Ebene, Wald, ein H&uuml;gel, ein
+schmutziger Flu&szlig;. Aber wenn ich zur&uuml;ckdenke&nbsp;&#8211;!
+Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
+<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300"></a>[300]</span>Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der
+N&auml;he der wilden Kapelle, wie sie genannt wird. Ein
+ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht mich
+aber nicht und gr&auml;bt etwas in den Boden. Ich denke
+nichts dabei, niemals dacht ich &uuml;ber etwas nach. Ein
+paar Tage sp&auml;ter hei&szlig;t es, der Waldhofb&auml;uerin ist
+die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
+angezeigt, da&szlig; bei der wilden Kapelle ein wundert&auml;tiger
+Rosenkranz vergraben ist. Am Sonntag str&ouml;men
+Tausende aus allen D&ouml;rfern hinaus, die bucklige alte
+B&auml;uerin voraus. Ein schreckliches Gedr&auml;nge entsteht
+bei der Kapelle, die Alte betet, dann gr&auml;bt sie und
+gr&auml;bt mit blo&szlig;en Fingern die Erde, die tausend
+M&auml;nner, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
+beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den
+H&auml;nden in den Boden, als meine Alte ihren gefundenen
+Rosenkranz in die Luft h&auml;lt. Hunderte fallen
+&uuml;ber sie her, rei&szlig;en ihr die Kleider vom Leib, denn
+sie ist jetzt eine Heilige, und jedes will seine Reliquie
+haben. Die rohesten Bauern k&uuml;ssen sie, heulen und
+sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
+Menschen.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;dchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt,
+in vorgebeugter Haltung blickte sie anscheinend
+ruhig zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Mademoiselle Dora!&laquo; rief eine kr&auml;hende Stimme
+vom Flur.</p>
+
+<p>Dora erhob sich. &raquo;Die Franz&ouml;sin&laquo;, sagte sie geringsch&auml;tzig
+und ging hinaus.</p>
+
+<p>Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und
+fragte: &raquo;Warum spielen Sie nicht?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301"></a>[301]</span>&raquo;Was lieben Sie?&laquo; entgegnete das junge M&auml;dchen,
+indem es ihn mit pr&uuml;fenden Augen ansah und die
+linke Hand r&uuml;ckw&auml;rts auf den Haarknoten legte.</p>
+
+<p>Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt,
+und sie k&uuml;&szlig;ten einander hastig wie Verbrecher. Arnold
+blickte tr&uuml;b vor sich hin.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Achtundvierzigstes_Kapitel" id="Achtundvierzigstes_Kapitel"></a>Achtundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Valescott und die Baronin traten mit Dora ins
+Zimmer. Der Leutnant zog Arnold sogleich beiseite
+und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
+Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, dr&uuml;ckte
+er ihm die Hand.</p>
+
+<p>Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller.
+Die Baronin sagte, sie lasse bitten. Dann forderte
+sie mit anmutiger Handbewegung Arnold auf,
+ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begr&uuml;&szlig;te
+sie die beiden Besucher, einen Herrn von Gr&ouml;den und
+den alten Baron Drusius. Der Tisch zum Tee war
+gedeckt.</p>
+
+<p>Die beiden jungen M&auml;dchen sa&szlig;en nebeneinander.
+Drusius knackte wie immer mit seinen Fingern. Dora
+starrte wie verzaubert auf seinen riesigen Kehlkopfapfel,
+der sich beim Sprechen auf und abbewegte.
+Herr von Gr&ouml;den, der etwas beleibt war, ein dickes,
+rundes Gesicht und freundliche, h&ouml;flich-aufmerksame
+Augen hatte, wandte sich zuvorkommend an Arnold.
+&raquo;Herr Ansorge, &#8211; wenn ich recht verstanden habe&nbsp;&#8211;?&laquo;
+<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302"></a>[302]</span>sagte er. &raquo;Haben Sie Verwandte dort oben in M&auml;hren
+in ... Podolin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause&laquo;, erwiderte
+Arnold.</p>
+
+<p>Herr von Gr&ouml;den r&auml;usperte sich. &raquo;Ich war drei
+Jahre lang Gerichtsadjunkt in der N&auml;he, in Lomnitz,
+Sie werden das Nest kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, es ist ein altes Dorf&laquo;, erwiderte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Gott verzeih mir&laquo;, fuhr der junge, behagliche
+Mann mit einem Aufschlagen seiner Augen fort, &raquo;es
+war eine schreckliche Zeit. Nichts als Bauern und
+Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie,
+Herr Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Aff&auml;re
+mit dem Juden Elasser&nbsp;&#8211;? Sind Sie es vielleicht
+selbst, der damals, wie soll ich sagen, so starken Anteil
+daran genommen hat? Sind Sie es selbst?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl&laquo;, erwiderte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist mir ein R&auml;tsel&laquo;, fuhr Herr von Gr&ouml;den
+mit aufrichtigem Erstaunen fort. &raquo;Es ist ja schon
+ziemlich lange her, ich erinnere mich nicht mehr genau,
+ein Lehrer dort namens ... namens&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Specht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir
+von Ihnen erz&auml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>Alle blickten auf Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Warum ist Ihnen das ein R&auml;tsel?&laquo; entgegnete Arnold,
+der sich ein wenig verf&auml;rbt hatte. &raquo;Es handelte
+sich doch um &ouml;ffentlichen Raub&nbsp;&#8211;?&laquo; Er heftete den
+Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ja, ja! ganz gewi&szlig;, nat&uuml;rlich&laquo;, sagte Herr
+von Gr&ouml;den bereitwillig, &raquo;aber immerhin, das verrottete
+<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303"></a>[303]</span>j&uuml;dische Gesindel mu&szlig; ein wenig gepeitscht
+werden. Sie m&uuml;ssen mir doch zugeben, da&szlig; diese
+Leute nicht unserer differenzierten Empfindung zug&auml;nglich
+sind. Das M&auml;dchen wird es im Kloster
+tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem
+sie aufgewachsen ist. Der ganze L&auml;rm, den man
+deshalb aufgeschlagen hat, war doch nur eine verabredete
+Kom&ouml;die. Sie m&uuml;ssen doch zugeben&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe nichts zu&laquo;, unterbrach ihn Arnold. &raquo;Wie
+k&ouml;nnen Sie so sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener
+der Regierung? Als ich zum erstenmal davon h&ouml;rte,
+ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
+gewi&szlig; nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte.
+Aber wie k&ouml;nnen Sie es entschuldigen? Kein Mensch
+darf das wagen, der selbst darauf angewiesen ist, da&szlig;
+man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
+Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung,
+oder Ihre Bequemlichkeit zu urteilen, so
+bleibt doch eine so ungeheure Vers&uuml;ndigung &uuml;brig,
+da&szlig; kein Gedanke sich daran gew&ouml;hnen kann. Ich
+konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt
+brach zusammen wie unter einem furchtbaren Fu&szlig;tritt.
+Man raubt ein Kind, man will es zwingen,
+die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist,
+was f&uuml;r eine Religion, das ist doch gleichg&uuml;ltig, und
+nichts geschieht, keine Gerechtigkeit gibt es, das
+Recht wird b&ouml;swillig erstickt. Und Sie reden von
+Kom&ouml;die!&laquo;</p>
+
+<p>Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst
+seiner Worte war mit dem Gef&uuml;hl der Erleichterung
+verbunden, welche ihm dieser Ausbruch verschaffte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304"></a>[304]</span>Drusius klopfte ihm auf die Schulter. &raquo;Wacker&laquo;,
+sagte er, &raquo;ein wackeres Wort. Ich hab es immer
+gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
+Teufel!&laquo; Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend
+auf die unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie
+reichte Arnold die Hand &uuml;ber den Tisch und sagte
+mit verbindlichem L&auml;cheln: &raquo;Sie haben mir aus
+dem Herzen gesprochen.&laquo;</p>
+
+<p>Herr von Gr&ouml;den antwortete nicht; nach einiger Zeit
+erhob er sich und nahm ziemlich verstimmt Abschied.</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben nicht viel Zeit&laquo;, sagte die Baronin zu
+ihren T&ouml;chtern, &raquo;die Oper beginnt um halb sieben.
+Herrn Ansorge macht es vielleicht Vergn&uuml;gen, mit in
+unsere Loge zu kommen&nbsp;&#8211;?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es w&uuml;rde
+zu sp&auml;t werden, bis er sich umgekleidet h&auml;tte. Aber
+der Leutnant dr&auml;ngte ihn und erbot sich, ihn zu begleiten.</p>
+
+<p>Valescott plauderte auf dem Weg durch die Stra&szlig;en
+von allem m&ouml;glichen. Er war &auml;u&szlig;erlich von sehr angenehmer
+Wirkung, h&uuml;bsch, au&szlig;erordentlich gepflegt
+und besa&szlig; eine angeborene Liebensw&uuml;rdigkeit. Schlie&szlig;lich
+erz&auml;hlte er Weibergeschichten. &raquo;Am liebsten hab
+ich mit verheirateten Frauen zu tun&laquo;, sagte er k&uuml;hl
+und wissenschaftlich, &raquo;es ist oft gef&auml;hrlich, gewi&szlig;, aber
+in den meisten F&auml;llen bequem. Sie werden ja die
+Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an
+Gef&uuml;hl steht in einem vollkommen richtigen Verh&auml;ltnis
+zu dem, was an Gef&uuml;hl verlangt wird.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold ber&uuml;hrte die Schamlosigkeit dieses Gest&auml;ndnisses
+erstaunlich. Er blieb pl&ouml;tzlich stehen, als ob er
+<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305"></a>[305]</span>etwas erwidern wollte. Er dachte an das heutige
+Gespr&auml;ch mit Specht und den R&uuml;cken hinab rieselte
+etwas wie ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg.
+Es war noch nicht lang genug her, da&szlig; er eine entr&uuml;stete
+Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
+Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die
+Schulter geklopft und hatte gesagt: ein wackeres Wort.
+Entr&uuml;stung, Zorn, Emp&ouml;rung &#8211; kleine Aderl&auml;sse f&uuml;r
+das &uuml;berstr&ouml;mende Herz. Er schwieg, er schwieg.
+Man konnte nicht schon wieder, man konnte nicht
+zweimal hintereinander den Moralisten machen. Man
+w&auml;re l&auml;cherlich erschienen, und nur nicht l&auml;cherlich
+werden, alles nur das nicht.</p>
+
+<p>Aber Arnold war aufrichtig betr&uuml;bt. Er zog mit
+gro&szlig;er Eile seinen Frack an, um keine Zeit zu verlieren,
+aber er war so betr&uuml;bt, da&szlig; er falsche Kn&ouml;pfe
+in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch
+zwei Minuten lang niedersetzte, um nachzudenken.</p>
+
+<p>Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die
+Oper. Als Arnold seine Blicke &uuml;ber die Reihe der
+geschm&uuml;ckten Damen schweifen lie&szlig;, die an den
+Br&uuml;stungen der Logen sa&szlig;en, empfand er wieder
+jenes berauschende Machtgef&uuml;hl eines Menschen, der
+zu besitzen erhoffen kann, was immer sein frechster
+Traum umspannt.</p>
+
+<p>Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die
+Baronin w&auml;hrend der Pausen zu besuchen. Er bemerkte
+wohl, da&szlig; er Eindruck machte. Er m&uuml;hte sich,
+herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich
+seien, durch die er eroberte. Um nicht zu verlieren,
+was ihm einmal geh&ouml;rte, beobachtete er sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306"></a>[306]</span>und hielt sich fest im Zaum. Da&szlig; er sich gegen Felicia
+hatte hinrei&szlig;en lassen, bereute er, denn er fand es
+unw&uuml;rdig, mit einer lebendigen Seele zu spielen.
+Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich zur&uuml;ck und das
+&auml;rgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
+Heiterkeit und eine gewisse liebensw&uuml;rdige Vertieftheit,
+die sie nie zuvor an irgend einem Mann bemerkt.
+Aber ihr Herz war ohne Halt.</p>
+
+<p>Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen
+sich als zu kurz, die N&auml;chte ebenfalls. Wie
+reich erschien ihm das Leben! Er geriet in Best&uuml;rzung,
+wenn er &uuml;berlegte, wie wenig auch bei der
+g&uuml;nstigsten F&uuml;gung von diesem Reichtum f&uuml;r ihn abfallen
+konnte.</p>
+
+<p>Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo
+wegen der schwebenden Kapitalsangelegenheit. Er
+bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es zwei
+Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr
+hin. Durch einen d&uuml;stern Flur kam er in ein gro&szlig;es,
+gew&ouml;lbeartiges Zimmer mit plumpen M&ouml;beln und
+hohen Regalen, in denen die B&uuml;cherreihen pedantisch
+geordnet standen. Unbefangen setzte sich Arnold in
+einen lederbezogenen Sessel, Borromeo gegen&uuml;ber,
+dessen Bart heute besonders steifgeb&uuml;gelt schien, w&auml;hrend
+die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold f&uuml;hlte
+seine St&auml;rke, seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem
+finsteren Gew&ouml;lbe doppelt. Da geschah das Grausige,
+da&szlig; nach den ersten Worten, die Arnold geredet, ein
+heftiger Donnerschlag ert&ouml;nte. Arnold hatte nichts
+von einem Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden
+mu&szlig;te sich das Wetter geballt haben. Er h&ouml;rte Spechts
+<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307"></a>[307]</span>Worte wie ein Echo des Donners in seinem Innern:
+&raquo;Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald
+sehen werden&nbsp;...&laquo; Auch damals war ein Gewitter,
+als ich zu Hanka kam, dachte Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung&laquo;,
+sagte Borromeo, nachdem er fl&uuml;chtig gegen das Fenster
+geschaut und dem Verrollen des Donners nachgelauscht
+hatte, &raquo;aber bedenke, was du dabei riskierst.
+Ich habe mich erkundigt, &#8211; man zuckt die Achseln.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie
+selten zuvor. Soll ich reden? dachte er und wu&szlig;te
+doch schon, da&szlig; er nicht reden w&uuml;rde. Er blickte auf
+den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: &raquo;Die
+Konjunktur ist aber g&uuml;nstig. Das Unternehmen hat
+jetzt gute Aussichten. Das &uuml;brige ist Sache des Gl&uuml;cks.&laquo;</p>
+
+<p>Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente
+hatten keine Macht mehr &uuml;ber Arnold.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Neunundvierzigstes_Kapitel" id="Neunundvierzigstes_Kapitel"></a>Neunundvierzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung
+des gro&szlig;en Blumenfestes geh&ouml;rt, als sie,
+von einer schwindelnden Aufregung ergriffen, alles
+Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen
+zu d&uuml;rfen. Es gelang ihr, der F&uuml;rstin-Protektorin
+vorgestellt zu werden, ein paar leutselige Worte zu
+erwischen und begl&uuml;ckt eilte sie nach Hause. Sie sollte
+zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt
+f&uuml;r Zuckerwaren erhalten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308"></a>[308]</span>Noch die T&uuml;re in der Hand, rief sie atemlos:
+&raquo;Petra, denk dir&nbsp;&#8211;!&laquo; Und sie erz&auml;hlte. Aber Petra
+zeigte sich nicht besonders ger&uuml;hrt von den Erfolgen
+der Schwester. Sie hielt Natalie vor, da&szlig; es unrecht
+sei, bei der t&auml;glich schlimmer werdenden Krankheit
+der Mutter an Vergn&uuml;gungen zu denken. Petra
+hatte Pflichtgef&uuml;hl.</p>
+
+<p>Natalie hatte kein Pflichtgef&uuml;hl. Sie war von
+allen W&auml;rmegraden abh&auml;ngig, welche die Luft der
+Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre Kinder, ihr
+Haushalt, alles war f&uuml;r sie eine niedliche, bald unterhaltende,
+bald langweilige Spielerei.</p>
+
+<p>Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest
+gerichtet. F&uuml;r nichts anderes hatte sie Teilnahme.
+Sie war nur besorgt, ob das Wetter sch&ouml;n bleiben
+werde, und jeden, bis zum B&auml;ckerjungen und zur
+Milchfrau ersuchte sie um ausf&uuml;hrliche Meinung dar&uuml;ber.
+Sie bezog das ganze Weltall auf das Gelingen
+ihrer W&uuml;nsche.</p>
+
+<p>So r&uuml;ckte der Tag heran. Die Schneiderin kam
+um elf Uhr morgens und sofort begann Natalie sich
+anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus blauer
+Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es flo&szlig; wie
+Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um
+zw&ouml;lf Uhr kam die Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte
+Veilchen wurden in das dunkle Haar verwoben.
+Um den Hals legte Natalie eine goldene
+Kette, an welcher &uuml;ber der Brust ein rundes Medaillon
+mit einem sch&ouml;nen Edelstein befestigt war.
+Dann die langen Handschuhe, deren Zukn&ouml;pfen eine
+Viertelstunde dauerte, und so, blauseidene Schuhe
+<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309"></a>[309]</span>und blauseidene Str&uuml;mpfe an den F&uuml;&szlig;en, trat Natalie
+in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
+Petra mit Kartenspielen besch&auml;ftigt waren.</p>
+
+<p>Frau K&ouml;nig lag im Bette und trank Sauerstoff
+aus einem gro&szlig;en Ballon, welchen die W&auml;rterin hielt.
+Sie lie&szlig; beim Eintritt Natalies das Saugrohr sinken
+und ihr Gesicht wurde durch ein z&auml;rtliches L&auml;cheln
+nicht versch&ouml;nt, sondern entstellt. &raquo;Natalie, mein Kind,
+du gehst zum Vergn&uuml;gen. Recht hast du&laquo;, sagte sie, und
+ihre Stimme glich einem rauhen Kr&auml;chzen. &raquo;Auch ich
+war vergn&uuml;gt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
+Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter?
+Recht so. Sie ist ein philosophisches Kind, meine
+Petra. Sie war immer &uuml;berlegt und taktvoll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sprich nicht so viel, Mama&laquo;, sagte Petra stirnrunzelnd.</p>
+
+<p>Natalie stand besch&auml;mt und &auml;rgerlich da wie ein
+S&auml;nger, der bemerkt, da&szlig; er vor tauben Ohren singt.
+&raquo;Glaubst du, da&szlig; das Kleid zu tief ausgeschnitten ist?&laquo;
+fragte sie ihren Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Meine liebe Natalie&laquo;, erwiderte Osterburg rauflustig,
+&raquo;ich habe andere Sorgen, das kannst du mir
+glauben. Ich wei&szlig; nicht, ob irgend ein Mensch in
+der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich&nbsp;&#8211;&laquo;
+Er rieb sein Knie. &raquo;Du bist eine leichtsinnige Frau&laquo;,
+fuhr er w&uuml;tend fort, &raquo;ich traue mich nicht eine Zigarre
+zu kaufen und du&nbsp;&#8211;&laquo; Alle starrten ihn entsetzt an.
+Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick
+die W&auml;rterin und begann pl&ouml;tzlich franz&ouml;sisch zu reden,
+wobei jedoch das Wort <em class="antiqua">alors</em> die Hauptrolle spielte;
+mehr war kaum zu verstehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310"></a>[310]</span>Frau K&ouml;nig verfolgte mit stillem Ha&szlig; dies Gespr&auml;ch.
+Sie glaubte weder an ihre Krankheit noch
+glaubte sie, da&szlig; sie je w&uuml;rde sterben m&uuml;ssen. Da&szlig;
+sie so liegen mu&szlig;te und Sauerstoff atmen, schrieb sie
+einem Zusammenwirken boshafter Umst&auml;nde zu, und
+sie ha&szlig;te die eigenen Kinder, wenn sie ihr allzudeutlich
+zeigten, was es hei&szlig;t, mitzuleben. Es gab nur
+einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte,
+das war der Arzt. Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte,
+so glaubte sie den Tod machtlos. Krampfhaft
+klammerte sie sich an das Leben wie sie es verstand:
+da&szlig; man in der Fr&uuml;he gem&uuml;tlich Kaffee trank, dann
+die Klatschereien h&ouml;rte, mit Behagen beim Mittagstisch
+sa&szlig;, nachmittags in die Gesch&auml;fte oder in den
+Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der Familie
+sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und
+tief zu schlafen, zwei Gl&auml;ser mit Wasser auf dem
+Nachttisch. So h&auml;tte sie es gern ein paar tausend
+Jahre lang getrieben.</p>
+
+<p>Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den
+Wagen und gelangte noch zu fr&uuml;her Stunde in den
+festlich geschm&uuml;ckten Park des Belvedere-Schlosses.
+Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den
+blauen Himmel, nicht das gr&uuml;ne Laub, nicht die
+Blumenkr&auml;nze, die sich von Baum zu Baum spannten,
+nicht die Wasserk&uuml;nste, die langen Reihen der
+Verkaufszelte, die neugierigen Menschen; ihr war
+alles ein unbefriedigender Spiegel f&uuml;r ihre eigene
+geschm&uuml;ckte Person, und sie l&auml;chelte, l&auml;chelte wie im
+Schlaf, wu&szlig;te kaum, da&szlig; sie ging, wo sie stand, was
+sie sprach und was zu ihr gesprochen wurde. Ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311"></a>[311]</span>kleines Herz war leicht und lustig, und nicht mehr
+sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster
+in die Welt. So h&auml;tte es auch Natalie gern
+tausend Jahre lang gehabt.</p>
+
+<p>Sie trank braunen, eisgek&uuml;hlten, s&uuml;&szlig;en Kaffee und
+wei&szlig;schaumige Torte, beantwortete mit demselben
+inhaltlosen, seligen L&auml;cheln die Fragen eines jungen
+Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich
+auch nichts anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit
+und erhielt eine Banknote daf&uuml;r. Anna Borromeo
+kam, um Natalie zu begr&uuml;&szlig;en. Sie hatte eine Gl&uuml;ckslotterie
+zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie
+trug ein Kleid, wei&szlig; wie Jasmin, mit schweren, griechischen
+Falten, &uuml;ber den H&uuml;ften durch einen kostbaren
+mit f&uuml;nf Smaragden besteckten G&uuml;rtel zusammengehalten.
+Das rotgoldne, kronengleiche Haar
+gab der Gestalt etwas K&ouml;nigliches, das durch das
+bleiche Gesicht und den bleichen, unter bl&auml;ulichen
+Blutgef&auml;&szlig;en vibrierenden Hals verst&auml;rkt wurde.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Herr Ansorge?&laquo; fragte Natalie und ihr
+neugieriges Kindergesicht drehte sich mit einem Ausdruck
+der Verzagtheit und des Neides der sch&ouml;neren
+Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg,
+wo Arnold im Gespr&auml;ch mit den Valescotts
+stand. Er verbeugte sich aus der Ferne vor Natalie.
+Gequ&auml;lt musterte Natalie die beiden Valescottschen
+Damen, deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis
+erf&uuml;llte. Arnold kam her&uuml;ber und sagte: &raquo;Sie
+sind sch&ouml;n, Frau Natalie&laquo;, und diese Worte gen&uuml;gten,
+sie zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu
+stimmen. Sie versuchte auch nicht, etwas dagegen
+<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312"></a>[312]</span>einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den Schultern
+herab.</p>
+
+<p>Bald war ihr rosenbekr&auml;nztes Verkaufszelt dicht
+umdr&auml;ngt. Gr&auml;finnen, F&uuml;rstinnen kamen, mit Natalie
+ein freundliches Wort, einen Gru&szlig; zu tauschen, ein
+Erzherzog blieb stehen und lie&szlig; sich die anmutige
+Dame vorstellen, junge Kavaliere n&auml;herten sich dienstbeflissen.
+Sie spr&uuml;hte von Geist; die Triumphe bet&auml;ubten
+ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine fremde
+Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr geb&uuml;hrenden
+Ehren empf&auml;ngt.</p>
+
+<p>Drei Musikkapellen spielten, auf drei Pl&auml;tze des
+Gartens verteilt. Sich auf den Zehen wiegend,
+lauschte Natalie entz&uuml;ckt einem Walzer, als sie unter
+dem Menschenstrom, der sich heranw&auml;lzte, ihren Mann
+bemerkte, dessen Augen hastig unter den Zeltd&auml;chern
+umherblickten. Dieser d&uuml;stere, unheilvolle Blick ihres
+Gatten ber&uuml;hrte wie ein eisiger Anhauch Natalies
+Stirn und Wangen. Sie hatte vollst&auml;ndig vergessen,
+da&szlig; sie mit diesem Menschen verheiratet war, und ihn
+gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein Peitschenschlag.</p>
+
+<p>Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedr&auml;ngt
+hatte, sagte er: &raquo;Natalie, komm nach Hause,
+deine Mutter&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als
+w&uuml;rde sie pl&ouml;tzlich blind vor Schrecken. Ihre Augen
+f&uuml;llten sich mit Tr&auml;nen; sie r&uuml;hrte sich nicht von der
+Stelle.</p>
+
+<p>&raquo;Du mu&szlig;t kommen&laquo;, dr&auml;ngte Osterburg, w&auml;hrend
+er zu gleicher Zeit neugierig und begehrlich um sich
+blickte. &raquo;Die Mutter hat einen furchtbaren Anfall&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313"></a>[313]</span>&raquo;Es ist sicher nicht &auml;rger als sonst&laquo;, erwiderte Natalie
+vorwurfsvoll. &raquo;Nur noch bis der Kaiser kommt, la&szlig;
+mich hier.&laquo;</p>
+
+<p>Osterburg h&auml;tte sehr gern eingewilligt, denn er fing
+an, mit dem festlichen Treiben sich zu befreunden und
+zu vergessen, was ihn hergef&uuml;hrt. Aber Natalies erwachtes
+Gewissen rief. Mit zitternden H&auml;nden warf
+sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten
+Herzen z&uuml;rnte sie der Mutter.</p>
+
+<p>Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der
+Wiesenwege, die schneller zum Ausgang f&uuml;hrten.
+&raquo;Wohin? wohin?&laquo; rief er.</p>
+
+<p>Natalie schluchzte wie ein Kind.</p>
+
+<p>Arnold schaute Natalie best&uuml;rzt nach. Dann bahnte
+er sich durch die immer dichter werdende Volksmenge
+einen Weg zum Zelt der Valescottschen Damen, welche
+Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
+einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.</p>
+
+<p>&raquo;Was zahlt man f&uuml;r ein Los?&laquo; fragte Arnold, vor
+das Zelt tretend.</p>
+
+<p>&raquo;Das steht bei Ihnen&laquo;, erwiderte Dora.</p>
+
+<p>Er warf f&uuml;nf Gulden auf das Brett und zog lachend.
+Es war nichts. Zum zweiten und dritten Mal, ohne
+Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein der
+Brieftasche und w&auml;hlte daf&uuml;r zwanzig Lose. Von
+allen Seiten kamen Neugierige und stellten sich hastig
+dr&auml;ngend in engem Halbkreis auf. Hinter den Zelten
+wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
+sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung
+Arnolds aus den Augen. &raquo;Ich habe kein Geld mehr&laquo;,
+sagte Arnold und blickte sich um. &raquo;Aber Kredit, so
+<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314"></a>[314]</span>viel Sie wollen!&laquo; rief Dora. Er nahm lachend zwei
+H&auml;nde voll Lose und schrieb einen Schuldzettel &uuml;ber
+f&uuml;nfhundert Gulden. &raquo;Bravo Narzi&szlig;!&laquo; rief Valescott,
+der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war; die
+Damen klatschten in die H&auml;nde, und einige waren
+ihm beh&uuml;lflich, die R&ouml;llchen zu &ouml;ffnen. Die Leute
+dr&auml;ngten sich n&auml;her. Arnold griff nach beiden noch
+gef&uuml;llten Schalen, schwenkte sie in den Armen und
+warf den leicht fliegenden Inhalt &uuml;ber die K&ouml;pfe der
+Leute hinweg. Unz&auml;hlige H&auml;nde streckten sich aus,
+und in be&auml;ngstigender Kreiselbewegung drehte sich
+die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das
+tolle Wesen erschallte der Ruf: &raquo;Der Kaiser! Der
+Kaiser!&laquo;</p>
+
+<p>Die Musikkapellen traten zusammen und spielten
+die Hymne, Soldaten schoben die Menge auseinander,
+und es bildete sich eine Gasse, durch welche von fern
+der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr
+Arnold durch den K&ouml;rper. Wie in einem fr&uuml;heren
+Dasein sah er sich selbst, mit t&ouml;richten Erwartungen
+auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
+blickend. Nun stand der F&uuml;rst kaum f&uuml;nf Schritte
+weit, nickte l&auml;chelnd und ging vor&uuml;ber, durch das
+schweigende Volk.</p>
+
+<p>Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen
+Ende des Gartens war Feuerwerk.</p>
+
+<p>Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme
+Welt versammelte sich im Schlo&szlig;, um die T&auml;nze und
+lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter den
+B&auml;umen und blickte still in den Lichterglanz des
+Gartens.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315"></a>[315]</span>Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu
+sich selbst kommen. Aus der Ferne kam das alberne
+Klappern der Musik und das Geschrei der Menschen,
+des &raquo;Volkes&laquo;, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte.
+Arnold zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von
+r&uuml;ckw&auml;rts umfa&szlig;t, und eine Stimme fl&uuml;sterte: &raquo;Schon
+lange, schon lange lieb ich dich.&laquo;</p>
+
+<p>Als er sich umwandte, lie&szlig;en ihn die Arme los,
+ein wei&szlig;es Kleid rauschte durch das Laub, die Gestalt
+wandte sich noch einmal um und an einem goldenen
+G&uuml;rtel blitzten Smaragde im Schein einiger
+verirrter Lichtstrahlen.</p>
+
+<p>Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos
+l&auml;chelnd stehen. Wohl ahnte er, wer ihn umfangen
+hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
+h&auml;tte er niederst&uuml;rzen m&uuml;ssen ins Gras, um Gott zu
+bitten, da&szlig; er ihn fl&uuml;chten lasse oder die Seele in
+einen st&auml;rkeren K&ouml;rper presse. Er hob seine Augen
+eine Sekunde lang dem&uuml;tig zum Himmel.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Fuenfzigstes_Kapitel" id="Fuenfzigstes_Kapitel"></a>F&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Die Tage schlichen gleichm&auml;&szlig;ig vor&uuml;ber. Arnold
+machte viele Besuche, aber selten vermochte ihn ein
+Gespr&auml;ch zu fesseln. Ein paarmal suchte er Hyrtl auf, der
+ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden suchte,
+aber der kr&auml;nkliche Mann erregte seinen Widerwillen.</p>
+
+<p>Er nahm an den Zusammenk&uuml;nften einer Anzahl
+von Schauspielern und sonstigen Theaterleuten teil,
+<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316"></a>[316]</span>trieb sich n&auml;chtelang umher und machte sich die unwahre
+Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er &uuml;bte
+wie jeder Kritik an jedem und urteilte schlecht &uuml;ber
+den, dem er soeben vertraut. Seine tieferen menschlichen
+Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die witzige
+und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
+Gew&ouml;hnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen
+und er wurde f&uuml;r eine urspr&uuml;ngliche Natur
+erkl&auml;rt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge sch&uuml;ttelte
+er diese Anh&auml;nger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
+Schwelle der guten Gesellschaft zur&uuml;ck. Er
+wollte unterbrochene Arbeiten vollenden, aber sein
+Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
+W&uuml;nsche traten an die Stelle der Pl&auml;ne. Leere
+Verabredungen trieben ihn auf, er folgte ihnen gehorsam,
+ging hin, war gespr&auml;chig, unternehmungslustig,
+teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde
+gr&ouml;&szlig;er; er machte Reisepl&auml;ne und verwarf sie wieder
+in der Bef&uuml;rchtung, Wichtiges zu vers&auml;umen. Die
+Welt lockte ihn, sobald er die Augen schlo&szlig;; offenen
+Auges stie&szlig; sie ihn ab. In seinem Innern entstanden
+Z&auml;nkereien wie unter den Parteien eines Hauses.
+Ungesammelt begann der Tag, ungesammelt endigte
+er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
+die der Selbstbeherrschung, denn sie n&ouml;tigte zur
+Heuchelei. Mitten in einer Nacht erhob sich Arnold
+aus dem Bett und begann den Aufenthalt in diesen
+R&auml;umen widerw&auml;rtig zu finden. Er beschlo&szlig; Hanka
+aufzusuchen, den er seit Wochen nicht gesehen hatte.
+Kaum war es Tag geworden, so f&uuml;hrte er seinen
+Vorsatz aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317"></a>[317]</span>Im Hotel erhielt er die Auskunft, da&szlig; Hanka nicht
+mehr dort wohne, sondern ein Logis im dritten Bezirk
+bezogen habe. Er nahm einen Wagen und fuhr
+hin. Die K&ouml;chin sagte, der Herr Doktor schlafe noch.
+&raquo;Wecken Sie ihn nur auf&laquo;, erwiderte Arnold, &raquo;es ist
+elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein Freund sei da.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka r&auml;kelte sich im Bette, als Arnold eintrat,
+und fragte: &raquo;Nun, mein Teurer, was f&uuml;hrt Sie
+zu mir?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wollte mich nur &uuml;berzeugen, ob Sie noch
+am Leben sind&laquo;, antwortete Arnold und nahm
+neben dem Bett Platz. &raquo;Weshalb machen Sie
+sich unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?&laquo;</p>
+
+<p>Hanka richtete sich ein wenig empor und st&uuml;tzte den
+Kopf auf den Arm. &raquo;Es ist kein gutes Zeichen f&uuml;r
+Ihr geistiges Wohlbefinden, da&szlig; Sie gerade mich
+suchen&laquo;, sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn&laquo;, versetzte Arnold. &raquo;Stehen Sie auf und
+reden wir vern&uuml;nftig.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit
+kl&auml;glichem Gesicht seine d&uuml;nnen Beine und fuhr schlotternd
+in die Unterhosen. &raquo;Was treiben Sie?&laquo; orgelte
+seine tiefe Stimme. &raquo;Haben Sie noch immer so
+gro&szlig;en Lebensappetit?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold deutete auf ein &Ouml;lbildnis an der Wand und
+fragte: &raquo;Wer ist das?&laquo;</p>
+
+<p>Hanka wusch sich und entgegnete prustend: &raquo;Das
+ist ein Mann, der fr&uuml;her oder sp&auml;ter wahnsinnig
+werden wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und deshalb h&auml;ngt sein Bild hier?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318"></a>[318]</span>&raquo;Jawohl. F&uuml;r den Einbeinigen ist es eine Erquickung,
+jemand zu sehen, der gar keine Beine hat.
+Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen zusammen zum Essen, sa&szlig;en im Kaffeehaus,
+blieben den Abend &uuml;ber beieinander und trennten
+sich erst in der Nacht.</p>
+
+<p>Hanka sah wohl, da&szlig; Arnold gleichsam als Bittsteller
+zu ihm komme. Er bittet mich um meine
+Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem Gegenstand
+kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich
+ihm davon geben kann, je &auml;rmer wird er daran werden;
+ein sonderbares Rechenexempel.</p>
+
+<p>Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung
+zwischen Menschen sah er das Ende voraus und f&uuml;rchtete
+es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Ha&szlig; und
+W&uuml;rdelosigkeit verzerrt, und die Sch&ouml;nheit atmete ihm
+schon F&auml;ulnis entgegen. Ihm h&auml;tte es gedient, in
+einer wandellosen Welt zu leben, in welcher das
+Wasser nicht die Erde h&ouml;hlt und nicht der Freund
+einst zum Verleumder werden wird. Er lebte in
+allem was verdarb, was sich zum Tod neigte und
+an den Gesetzen der Ver&auml;nderung teilnahm. Er sah
+das Wasser schon als Wolke, die Wolke als Regen.
+Keine Bewegung, kein L&auml;cheln, kein Entschlu&szlig;, der
+nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und verwandeln,
+keine Speise, kein Trunk, kein H&auml;rchen des
+K&ouml;rpers, welches nicht auf seine besondere Weise das
+Ende bringen konnte.</p>
+
+<p>Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich
+und sein Wissen profund. Dem grenzenlosen
+Schweifen unreifer Empirie setzte er die Formel
+<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319"></a>[319]</span>entgegen, und zu anderer Zeit stie&szlig; er alles
+Lehrwerk wie morsche H&ouml;lzer beiseite und trat in den
+lichten Raum der Anschauung und der Idee.</p>
+
+<p>Arnold k&auml;mpfte hier vergebens um Freundschaft.
+Er begann Hanka dunkel zu hassen. Er verlegte sich
+auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare Verachtung
+von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar
+war es ihm in manchem Augenblick zumut, wenn
+er ahnen mu&szlig;te, da&szlig; er um etwas ganz anderes stritt,
+als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
+&Uuml;berlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde
+suchte er nach Mitteln des Sieges, irgendwelchen
+Sieges, um jeden Preis; er f&uuml;rchtete sich
+vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor
+sich selbst, vor der Welt, vor der Vergangenheit und
+vor der Zukunft f&uuml;rchtet. Eines Tages sah er bei
+Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
+Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift
+die Worte standen: &raquo;<em class="antiqua">Precaria salus:</em> ich durchschritt
+die Pforten des Todes, ich betrat die
+Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch
+alle Elemente gefahren, kehrte ich zur&uuml;ck. In der
+Mitte der Nacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten
+Schein.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold las es und fragte ironisch: &raquo;Was ist das
+f&uuml;r ein Geschw&auml;tz? Sch&auml;men Sie sich nicht, solche
+Dunkelmeierei zu treiben?&laquo; Er nahm den Pappendeckel
+und lie&szlig; ihn geringsch&auml;tzig fallen.</p>
+
+<p>Hanka erwiderte ebenso bed&auml;chtig wie nachsichtig:
+&raquo;Das ist ein Spruch aus den Isis-Mysterien, mein
+Teurer.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320"></a>[320]</span>Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Ver&auml;nderung
+in Arnold, so da&szlig; er schweigend zum Fenster
+trat. Nur Hankas Blick hatte ihn getroffen, gro&szlig;,
+fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
+mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich
+denke&nbsp;&#8211;? fliehst du vielleicht aus dir, wunderlicher
+Mensch, und willst dich in einer fremden Wohnung
+niederlassen?</p>
+
+<p>Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief
+von Hyrtl. &raquo;Vergessen? g&auml;nzlich vergessen?&laquo; schrieb
+Hyrtl. &raquo;Vor einigen Tagen dachte ich wieder an Sie,
+und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen
+Sie doch! Ich darf nicht ausgehen. Kommen
+Sie heute Abend. Ich bin g&auml;nzlich verlassen, sitze
+zu Hause und bin &uuml;bel dran. Das beste Backwerk
+Europas la&szlig; ich f&uuml;r Sie herrichten, und wenn Sie
+nicht reden wollen, k&ouml;nnen Sie bei mir auch schweigen.
+Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
+keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein.
+Bald wird es mit mir zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.&laquo;</p>
+
+<p>Gleichg&uuml;ltig warf Arnold das Schreiben beiseite.
+Dies weibliche Werben erregte seinen Abscheu. Er
+versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch wieder
+weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus.
+Doch auch hier hielt es ihn nicht lange. Die Stra&szlig;e
+lockte ihn. Langsam schlenderte er durch die D&auml;mmerung,
+kehrte aber bald nach Hause zur&uuml;ck, denn zum
+Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe
+stand der eine Diener und murmelte mit zerknirschtem
+Gesicht: &raquo;Gn&auml;diger Herr, es ist etwas passiert.&laquo; Arnold
+sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch
+<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321"></a>[321]</span>ging voraus und &ouml;ffnete die T&uuml;re zu dem Raum,
+worin der Antinous sich befand. Die Statue lag auf
+der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt
+und der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit
+seiner sch&ouml;nen Geberde neben dem Leib. Es erwies
+sich, da&szlig; die beiden Diener w&auml;hrend seiner Abwesenheit
+sich in jenem Zimmer mit Raufen vergn&uuml;gt
+hatten. Sie waren an die Statue gesto&szlig;en und mitsamt
+der Figur zu Falle gekommen. Arnold sagte
+den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann
+traurig vor die Tr&uuml;mmer. Als Hanka kam, hoben
+sie zusammen den Rumpf empor und untersuchten
+die Bruchstellen. Hanka sagte, das Ungl&uuml;ck sei nicht
+gro&szlig;, es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen,
+aber ihn belustigte Arnolds Niedergeschlagenheit.
+&raquo;Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
+so sehr?&laquo; fragte er etwas ungeduldig.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Einundfuenfzigstes_Kapitel" id="Einundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Einundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Sie gingen in das Speisezimmer. W&auml;hrend des
+Essens erz&auml;hlte Hanka, da&szlig; ihm der Verkauf
+seines Hauses, seiner Wertgegenst&auml;nde, die Vereinfachung
+seiner Lebensweise nicht viel gen&uuml;tzt habe.
+Er habe noch Schuldverpflichtungen im Betrag von
+f&uuml;nfzehntausend Gulden. Au&szlig;erdem stehe noch die
+Zahlung an seine fr&uuml;here Gattin aus, und da d&uuml;rfe
+er nicht lange z&ouml;gern, schaltete er bitter ein, wo die
+Moralit&auml;t eine Geldfrage sei. Er schrecke davor zur&uuml;ck,
+<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322"></a>[322]</span>sich an seine Schwester Agnes zu wenden, die sich auf
+dem Wege der Genesung befinde und durch die leiseste
+Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur ersch&uuml;ttert
+werden k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Arnold h&ouml;rte mit halbem Ohr zu. Nach einem
+neuen Gespr&auml;chsstoff suchend, erinnerte er sich an
+Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn zweimal,
+betrachtete das Papier von allen Seiten und
+fragte endlich: &raquo;Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>Arnold zuckte die Achseln. &raquo;Der Mann l&uuml;gt&laquo;,
+sagte er kalt. &raquo;Nicht der Tat nach, sondern dem
+Gef&uuml;hl nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So l&uuml;gt man nicht&laquo;, antwortete Hanka kopfsch&uuml;ttelnd.
+&raquo;In fr&uuml;herer Zeit bin ich oft mit Hyrtl
+beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
+Er ist ein gutm&uuml;tiger Mensch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit&laquo;, sagte Arnold
+lebhaft, &raquo;er w&uuml;rde mit Vergn&uuml;gen sterben, wenn
+er den Eindruck seines Todes erleben k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich
+&uuml;berrascht ins Gesicht.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ja ein Psycholog&laquo;, erwiderte er. &raquo;Aber
+das ist eigentlich nicht die rechte Art. Ich meine,
+diese Art, ein Urteil zu bilden und einen Menschen
+f&uuml;r alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold wollte etwas entgegnen, doch es l&auml;utete
+drau&szlig;en, und darnach kam der Diener und meldete
+Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.</p>
+
+<p>Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte
+beiden die Hand und setzte sich. &raquo;Kinder, wenn ihr
+<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323"></a>[323]</span>w&uuml;&szlig;tet, was es hei&szlig;t, allein zu sein!&laquo; sagte er mit
+einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
+versuchte. &raquo;Man sieht Gesichter in der
+Luft, die W&auml;nde schrumpfen zusammen, das Zimmer
+wird bodenlos.&laquo; Hyrtls Augen lagen tief und
+irrten angstvoll in den H&ouml;hlen, und auf der Stirne
+brach best&auml;ndig Schwei&szlig; hervor, den er mit dem
+Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka h&ouml;rte
+nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen
+hastigen Seitenblick auf Arnold, der schweigend den
+Rauch einer Zigarre in d&uuml;nnen Kegeln emporblies.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?&laquo;
+wandte sich Hyrtl an Arnold und in seinem Blick
+gl&uuml;hte ehrliche Freundschaft, r&uuml;hrende Hingebung.
+Er sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die
+Kraft, und es war <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins> dabei zumut wie dem Sklaven,
+der einen Adler in der blauen Luft schweben sieht.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, sehr gut&laquo;, antwortete Arnold trocken. &raquo;Und
+Sie, Sie sind krank wie immer. Raffen Sie sich doch
+auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen sch&auml;dlich
+ist? Welche Widerspr&uuml;che!&laquo;</p>
+
+<p>Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag
+mehr n&uuml;tzen k&ouml;nne. &raquo;Jetzt ist mir wieder wohl&laquo;,
+sagte er. &raquo;Ich habe meinen Arzt betrogen und bin
+ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts
+mir gut. Nun, was wollen Sie, ich bin ein Schw&auml;chling.
+Und Sie, Doktor&laquo;, wandte er sich an Hanka,
+&raquo;was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch&laquo;,
+bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden
+r&uuml;cksichtslos ins Gesicht zu loben. &raquo;Wenn das Wort ehrenhaft
+nicht da w&auml;re, f&uuml;r Hanka m&uuml;&szlig;te man es erfinden.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324"></a>[324]</span>Err&ouml;tend, wirklich err&ouml;tend, legte Hanka ein Bein
+&uuml;ber das andere. Hyrtl und Arnold lachten, und
+Hyrtl so sehr, da&szlig; ihm Tr&auml;nen in die Augen traten.
+Dann erhob er sich, legte einen Arm z&auml;rtlich um
+Arnolds Nacken und t&auml;tschelte dessen Wange. &raquo;Erinnern
+Sie sich an unsere h&uuml;bschen Abende?&laquo; fragte
+er. &raquo;Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena!
+Welch eine Sch&ouml;nheit! Wo ist sie? wo ist Verena?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind wieder einmal kindisch&laquo;, sagte Arnold
+mit einem fast drohenden Blick und schob Hyrtl von
+sich weg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehne mich nach einem St&uuml;ck Wald&laquo;, sagte
+Hyrtl umhergehend, &raquo;und ich m&ouml;chte f&uuml;r mein Leben
+gern mit euch beiden morgen Mittag &uuml;ber Land
+fahren. Mein Wagen steht zur Verf&uuml;gung, wir essen
+drau&szlig;en in aller Gem&uuml;tlichkeit, wollen Sie? Sagen
+Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so finster&nbsp;...!&laquo;</p>
+
+<p>Arnold sch&uuml;ttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig.
+Er nahm wieder Platz und plauderte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'im'">in melancholischer</ins>
+Selbstvergessenheit. &raquo;Ich w&auml;re gern mit Ihnen
+nach Dornbach gefahren, Arnold. Da drau&szlig;en ist
+noch ein Spielplatz, auf dem ich als Kind fast t&auml;glich
+herumtrieb. Ich erinnere mich, ich hatte ein wei&szlig;es
+Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, denn
+es interessierte mich riesig, was hinter den Augen
+steckte. Aber es waren nat&uuml;rlich nur S&auml;gesp&auml;ne da,
+wie bei manchem unserer wackeren Mitb&uuml;rger.&laquo; Er
+lachte. &raquo;Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, &#8211;
+ach! Sie war ein B&auml;ckert&ouml;chterlein, vier Jahre alt.
+Einst glaubte ich mich von ihr vernachl&auml;ssigt und sagte
+zu ihr: Sophie, heut mu&szlig; ich sterben. Darauf lachte
+<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325"></a>[325]</span>sie ver&auml;chtlich und gab mir zur Antwort: Menschen
+sterben nicht, du Dummkopf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, fahren wir doch mit ihm hinaus&laquo;, sagte Hanka
+gutm&uuml;tig.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, tun Sie es!&laquo; rief Hyrtl. &raquo;Tun Sies, Arnold!
+Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten wie gern ich Sie habe!
+Sie sind so eine Art Ideal f&uuml;r mich. Wenn ich
+wieder anfangen d&uuml;rfte zu leben, m&ouml;cht ich so sein
+wie Sie.&laquo;</p>
+
+<p>Endlich lie&szlig; sich Arnold bewegen und Hyrtl ging
+zufrieden fort, von Hanka begleitet.</p>
+
+<p>Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold
+und Hanka fast gleichzeitig in Hyrtls Wohnung. Der
+Diener trat ihnen im Flur entgegen und fl&uuml;sterte:
+&raquo;Der gn&auml;dige Herr schl&auml;ft noch.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold war entr&uuml;stet. Die T&uuml;r des Schlafzimmers
+weit &ouml;ffnend, rief er: &raquo;Auf! auf! Langschl&auml;fer! der
+sch&ouml;nste Tag!&laquo;</p>
+
+<p>Hyrtl lag mit friedlichem L&auml;cheln im Bett und
+r&uuml;hrte sich nicht. Der Diener stand mi&szlig;billigend
+unter der T&uuml;re, n&auml;herte sich langsam, beugte sich
+&uuml;ber das Bett und ergriff die Hand des Schl&auml;fers.
+Pl&ouml;tzlich rief er schluchzend: &raquo;Der gn&auml;dige Herr!&laquo;
+und fiel neben dem Bett auf die Knie.</p>
+
+<p>Hanka hielt sich an den Messingkn&ouml;pfen der beiden
+Bettpfosten fest. Sein Gesicht war gr&uuml;nlich bleich
+geworden. Arnold schrie: &raquo;Laufen Sie zum Arzt!&laquo;
+Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte
+dem Befehl. Schweigend setzte sich Hanka in eine
+Ecke. Nach einer Viertelstunde kam der Arzt. Das
+Ergebnis seiner Untersuchung war, da&szlig; der Tod schon
+<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326"></a>[326]</span>vor Stunden eingetreten sein m&uuml;sse, ein Herzschlag
+w&auml;hrend des Schlafes.</p>
+
+<p>Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck
+komischer Finsternis in ihr Gesicht gelegt hatten, als
+ob sie versprochen h&auml;tten, eine Stunde lang nicht zu
+lachen. Arnold und Hanka verst&auml;ndigten sich durch
+ein Zeichen und gingen. Keiner von ihnen vermochte
+den andern anzureden. Arnold f&uuml;rchtete Hankas Gesicht,
+Hankas Gedanken; er f&uuml;rchtete ebenso sehr, da&szlig;
+Hanka ihn jetzt allein lassen k&ouml;nnte. Pl&ouml;tzlich blieb er
+stehen und sagte: &raquo;H&ouml;ren Sie Hanka, ich habe mir
+das &uuml;berlegt, was Sie mir gestern erz&auml;hlt haben. Sie
+sind in einer mi&szlig;lichen Lage und ich kann Ihnen leicht
+die f&uuml;nfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus.
+Aha, dachte er betr&uuml;bt, bestechen willst du mich, mein
+Urteil willst du bestechen. &raquo;Ich danke Ihnen&laquo;, sagte
+er kalt, &raquo;ich brauche es nicht.&laquo;</p>
+
+<p>Noch gestern und er h&auml;tte das Geld angenommen.
+Sein Herz w&uuml;nschte sich in dieser Sekunde weit weg.
+Ihm war, als h&auml;tte ihn eine gespensterhafte Hand
+ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, ver&auml;chtlichen
+Augen blickte er vor sich hin und stie&szlig; sein leer gewordenes
+Schifflein gleichg&uuml;ltig ins Meer. Er mochte
+nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
+von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar
+Stunden beieinander. Es kommt gar nicht darauf
+an, eine schlechte oder eine lobenswerte Handlung
+zu begehen, dachte Hanka, nur mu&szlig; der Sinn, aus
+dem sie geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht
+Willenskraft genug, dies Arnold zu sagen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327"></a>[327]</span>Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den
+toten Hyrtl aufzusuchen. Die Au&szlig;ent&uuml;re stand offen.
+Kr&auml;nze lagen im Flur. Sie wollten in das Sterbezimmer
+treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand
+auf Arnolds Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam
+zu machen. Durch die angelehnte T&uuml;r
+sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten,
+sich mit nat&uuml;rlicher Verehrung &uuml;ber die Leiche beugte
+und die Hand des Herrn k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm
+mechanisch. &raquo;Gute Nacht&laquo;, sagte Hanka, als sie
+drau&szlig;en waren. &raquo;Sehen Sie, nicht einmal so viel
+war er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.&laquo;</p>
+
+<p>Hanka ging nach Hause.</p>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328"></a>[328]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329"></a>[329]</span></p>
+<h2><a name="Borromeo" id="Borromeo"></a>Borromeo</h2>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330"></a>[330]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331"></a>[331]</span></p>
+<h3><a name="Zweiundfuenfzigstes_Kapitel" id="Zweiundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Zweiundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht
+derart zwischen den Armen vergraben, da&szlig;
+die H&auml;nde sich &uuml;ber dem Kopf verschr&auml;nkten, sa&szlig; Anna
+Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in
+der Unordnung des Morgens. Heute war sie drei&szlig;ig
+Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht etwa einer unn&uuml;tz
+hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht
+auf eine gleichg&uuml;ltige Zukunft.</p>
+
+<p>Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der M&uuml;he
+wert, dar&uuml;ber nachzudenken. Es war nichts Au&szlig;erordentliches
+in ihrem Leben. Sie erinnerte sich, da&szlig;
+sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
+einem Tag auf den folgenden hatte freuen k&ouml;nnen.
+Auch wenn sie an einem Ereignis mit Erwartung
+hing, so wu&szlig;te sie doch genau, wie weit die Wirklichkeit
+hinter dem Bild ihrer Phantasie zur&uuml;ckbleiben
+w&uuml;rde. Sie hatte Borromeo geheiratet an einem
+Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein Traum mehr
+in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem
+Schauspieler das Ende des St&uuml;cks. Sie trat ihrem
+Gatten nicht mit Sympathie entgegen. Sie sah es
+ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann
+der wenigen Worte, da&szlig; sie ihm nichts zu geben
+hatte, was er brauchen konnte. Und er, er konnte
+ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, ein
+sicheres Auskommen.</p>
+
+<p>Sie holte den Handspiegel und betrachtete d&uuml;ster
+ihr Gesicht. Nur von dem gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren
+Glanz ihrer Augen, der frischen Feuchtigkeit der
+<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332"></a>[332]</span>Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenh&auml;rchen
+machte sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens
+abh&auml;ngig, &#8211; ohne es zu wissen, denn sie hielt sich
+f&uuml;r eine faustisch-unzufriedene Natur.</p>
+
+<p>Schlie&szlig;lich raffte sie sich auf und ging in die
+K&uuml;che. Kaum hatte sie ihr Zimmer verlassen, als ihr
+Gesicht sich ver&auml;nderte wie das einer Amtsperson,
+welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die
+n&ouml;tigen Anweisungen f&uuml;r den Tag und als sie &uuml;ber
+den Korridor zur&uuml;ckging, kam Borromeo nach Hause.
+Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
+von der Kanzlei komme.</p>
+
+<p>Borromeo sch&uuml;ttelte den Kopf. Anna sagte mit
+liebloser K&auml;lte: &raquo;Wo in aller Welt bist du zu finden,
+wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr fr&uuml;h hast
+du schon das Haus verlassen und niemand wei&szlig;,
+wohin du gehst. Ich h&auml;tte notwendig hundertf&uuml;nfzig
+Gulden f&uuml;r die Schneiderin gebraucht&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo lachte; das hei&szlig;t, dies Lachen bestand
+darin, da&szlig; er die Lippen und die Mundwinkel auseinanderzog
+und die Zungenspitze zwischen die Z&auml;hne
+legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten
+Betrag, legte die Noten eine nach der andern auf
+den Tisch und strich sie mit der flachen Hand glatt.
+Anna Borromeo sah dieser Besch&auml;ftigung verwundert
+zu. Dann senkte sie den Kopf. &raquo;Seit Tagen verschwindest
+du in der geheimnisvollsten Weise, Friedrich&laquo;,
+sagte sie und zwang sich zu einem L&auml;cheln.
+&raquo;Hast du etwas vor?&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen
+zogen sich zusammen. &raquo;Ich habe etwas vor&laquo;, antwortete
+<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333"></a>[333]</span>er, mit dem Zeigefinger seine Worte skandierend.</p>
+
+<p>Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht
+und sagte rasch: &raquo;Valescotts lassen dich gr&uuml;&szlig;en.
+Ich war gestern nachmittag dort.&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem L&auml;cheln n&auml;herte sich Borromeo der Frau,
+legte die Hand fast liebevoll auf ihre Haare und bog
+den Kopf sachte zur&uuml;ck. Ihre Blicke begegneten einander.
+Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt:
+&raquo;Du bist sonderbar.&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart
+mit beiden H&auml;nden zu liebkosen. &raquo;Was ist eigentlich
+mit Arnold?&laquo; fragte er umhergehend. &raquo;Er meidet
+uns. Findest du nicht, da&szlig; er uns meidet?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, &#8211; er macht es wie tausend andere, er lebt
+sich aus&laquo;, warf Frau Anna gleichg&uuml;ltig hin.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht n&ouml;tig, f&uuml;r ihn besorgt zu sein&laquo;, sagte
+Borromeo. &raquo;Was ein richtiges Waldtier ist, findet
+immer wieder zur Tr&auml;nke.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du hast eine halsstarrige Manier, dich &uuml;ber Arnold
+zu t&auml;uschen&laquo;, entgegnete Anna Borromeo ruhig.</p>
+
+<p>Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und
+l&auml;chelte beinahe tr&auml;umerisch vor sich hin. &raquo;Du hast
+heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?&laquo; fragte er endlich.
+&raquo;Ich glaube, man darf einander ruhig begl&uuml;ckw&uuml;nschen,
+wenn man wieder ein Jahr hinter sich
+hat. Zugleich m&ouml;chte ich dir etwas mitteilen. Ich
+gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann tust du etwas der Form nach, was du in
+der Tat schon lange hinter dir hast,&laquo; antwortete die
+Frau mit ersticktem Zorn.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334"></a>[334]</span>&raquo;Ja. Ich bin es m&uuml;de, die Klopffechtereien einer
+sogenannten Justiz zu erdulden. Ich bin es m&uuml;de.
+Es ist noch nicht lange her, da&szlig; ich zu einer wirklichen
+Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag,
+wo es geschah, war ich auch fertig. Und mir graut
+jetzt vor allem, was ich in fr&uuml;herer Zeit ohne diese
+Einsicht unternommen und ausgef&uuml;hrt habe. Deshalb
+kann ich nicht l&auml;nger mittun. Denn unser Leben
+l&auml;uft immer darauf hinaus, da&szlig; wir unsere Handlungen
+von Anfang an mit Konsequenz festhalten,
+und wer immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf
+einmal das Gute wollen, sonst geht er zugrunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit
+einem Arzt sprechen&laquo;, sagte Anna Borromeo ernst
+und geringsch&auml;tzig. Sie zuckte die Achseln, als Borromeo
+schwieg und verlie&szlig; das Zimmer. Dr&uuml;ben in
+ihrem eigenen Gemach wartete die Friseurin und
+Anna unterhielt sich mit ihr von den neuen Ereignissen
+in der Gesellschaft. Als dies beendet war,
+machte sie sich daran, Einladungskarten f&uuml;r den
+Samstagabend zu schreiben. Auch an Arnold richtete
+sie eine Karte, zerri&szlig; sie aber wieder, nahm statt
+dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: &raquo;Mein
+Lieber, d&uuml;rfen wir dich f&uuml;r den dreizehnten abends
+erwarten? Borromeo kr&auml;nkt sich wieder einmal &uuml;ber
+dein Fernbleiben, ich aber finde es nat&uuml;rlich. Ich
+finde es nat&uuml;rlich, das hindert aber nicht, da&szlig; ich oft
+mit Scham an dich denke. H&auml;ttest du nicht vergessen,
+so w&uuml;rde ich dich beschw&ouml;ren: vergi&szlig;. Offenbar gehst
+du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
+spielen, sonst h&auml;ttest du mich am selben Abend erdolcht.
+<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335"></a>[335]</span>Ernst und Wahrheit spielt man leider nicht,
+ohne da&szlig; es sich an denen r&auml;cht, die daran glauben.&laquo;
+Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
+weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht
+dr&uuml;ckte. Sie weinte aus Wut, aus innerer
+Leere, aus Entschlu&szlig;losigkeit, weinte dar&uuml;ber, da&szlig;
+ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
+und vor denen sie best&uuml;rzt und feige stand, wenn sie
+gleich selbst&auml;ndigen Wesen ihr auf dem Briefpapier
+ins Gesicht lachten. Sie trocknete die Augen und
+ohne ihr Schreiben noch einmal zu &uuml;berblicken, zerri&szlig;
+sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie
+an alle andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die
+Worte dazu: ich bin heute nachmittag allein zu Hause
+und langweile mich. Dies schickte sie sofort und mit
+Eilpost ab.</p>
+
+<p>Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben,
+sie f&uuml;hle sich nicht wohl. Dann versuchte sie
+zu schlafen, nahm aber einen italienischen Roman
+und las.</p>
+
+<p>Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden.
+Die Augen hatten einen schwerm&uuml;tigen Ausdruck.</p>
+
+<p>Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen
+sei. Er zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>&raquo;Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in
+Steiermark. Wir haben uns zuletzt bei Hyrtls Begr&auml;bnis
+gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte
+ihm seine Krankheit nie.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336"></a>[336]</span>&raquo;Er war ein guter Freund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie
+lebst du, Arnold?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du solltest Karriere machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wozu? Es lockt mich nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du solltest reich sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Genug? F&uuml;r dich vielleicht. Reichtum ist etwas
+anderes. Wieviel hast du denn? Ein paarmal hunderttausend
+Gulden. Lappalie. Reich sein hei&szlig;t
+alles H&auml;&szlig;liche, Armselige, St&ouml;rende im Umkreis von
+zehn Meilen entfernen. Reich sein hei&szlig;t, der Phantasie
+so viel zu geben, da&szlig; sie den Tod vergi&szlig;t. Ich
+sehne mich nach Reichtum.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil ich nichts besitze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil du nichts halten kannst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Liebst du denn nicht deinen Mann?&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet.
+Sie erbleichte.</p>
+
+<p>War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es
+mehrere solche G&uuml;rtel mit Smaragden wie sie einen
+trug, damals&nbsp;...?</p>
+
+<p>Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie
+sah ihn flehentlich an.</p>
+
+<p>&raquo;Hast du schon wieder Schulden?&laquo; fragte er pl&ouml;tzlich
+in strengem Ton.</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Sprich doch!&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337"></a>[337]</span>&raquo;Glaubst du, ich rechne auf <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'dich&laquo;?'">dich?&laquo;</ins> versetzte sie kalt.
+&raquo;Ihr seid ja lauter Kr&auml;mer.&laquo;</p>
+
+<p>Sie brach in Schluchzen aus.</p>
+
+<p>Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an.
+Auf einmal erschienen ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen
+H&auml;nde als das Sch&ouml;nste, Zarteste, was er
+je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg
+von der Wange und dr&uuml;ckte sanft seine Lippen darauf.</p>
+
+<p>Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes
+Herz irgendwo einen Widerhall gefunden.</p>
+
+<p>Ein wenig sp&auml;ter verlie&szlig; Arnold das Haus. In
+dem dunklen Bed&uuml;rfnis nach freier Luft, nach Baum
+und Wiese, begab er sich zur n&auml;chsten Stadtbahnstation
+und nahm eine Karte nach einer der Wiener
+Waldstationen.</p>
+
+<p>Die Bahn, die auf einem langen Viadukte &uuml;ber
+Gumpendorf emporf&uuml;hrte, gelangte zu einer Biegung
+und weit hingedehnt, im graublauen D&auml;mmerlicht,
+lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten
+die Horizontlinie und manche fahle Lampe
+in einem Haus glich t&auml;uschend einem Stern. Unz&auml;hlbare
+Schl&ouml;te ragten empor, bleich leuchtend von
+einem unsichtbaren Licht. H&auml;usermauern &uuml;ber H&auml;usermauern,
+angegraut von Asche, Zeit und Elend, so
+dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
+L&ouml;chern, H&ouml;fe, in denen schwarze Menschen krabbelnd
+sich bewegten und Dach neben Dach bis in den Himmel
+hinein. Hier wohnten sie, einer im Atem des andern,
+unter dem graublauen, nach Kohle und Schwei&szlig;
+riechenden Mantel des Abends, die Millionen.</p>
+
+<p>Reich sein, reich sein, dachte Arnold.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338"></a>[338]</span></p>
+<h3><a name="Dreiundfuenfzigstes_Kapitel" id="Dreiundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Dreiundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Zwei Tage sp&auml;ter, als Arnold &uuml;ber den Graben
+ging, winkte ihm pl&ouml;tzlich jemand mit Lebhaftigkeit
+zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
+Schlank, fein, freundlich, rotb&auml;ckig wie immer,
+eilte er auf Arnold zu und h&auml;tte ihn beinahe
+umarmt. Arnold freute sich, und war fast ungehalten,
+als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur
+wenige Tage in der Stadt. Er wolle aber gern den
+Mittag und den Nachmittag mit Arnold verbringen.
+Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er
+habe seine national-&ouml;konomische Brosch&uuml;re herausgegeben
+und sich Freunde damit gemacht. Auch stehe
+seine Bef&ouml;rderung auf der Statthalterei bevor. Wolmuts
+wei&szlig;e Stirn leuchtete von Hoffnungen.</p>
+
+<p>Nicht wenig &uuml;berrascht war Wolmut, als er in
+Arnolds pr&auml;chtige Wohnung gef&uuml;hrt wurde. Aber
+er lie&szlig; nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig
+gebracht?&laquo; fragte er.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt&laquo;,
+antwortete Arnold.</p>
+
+<p>&raquo;Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das
+Sichausleben, wie? Haben Sie sich ausgelebt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein b&ouml;ses Wort, lieber Freund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es klingt ein bi&szlig;chen verd&auml;chtig, Sie haben recht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut,
+alles beiseite zu schieben, was Ihnen nicht dienlich
+ist? Sie haben offenbar die Gabe, Hindernisse schon
+von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339"></a>[339]</span>&raquo;Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks
+zu. Allerdings halte ich mich meistens an das
+N&uuml;tzliche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind eine harmonische Natur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Damit wollen Sie sich tr&ouml;sten, mein Lieber, indem
+Sie mir zu verstehen geben, da&szlig; Sie zu viel
+Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
+nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien.
+Wer nicht damit zu wirtschaften versteht,
+mu&szlig; Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
+wie soll ich sagen, das gro&szlig;e Los seiner Existenz ziehen.
+Aber man mu&szlig; aufmerken, man mu&szlig; der Geisterstimme
+lauschen k&ouml;nnen. Diesen Augenblick verschlafen aber
+die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das
+nennen sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt
+keine Abhilfe von au&szlig;en, denn nichts kann das Verbrechen
+ungeschehen machen, das jeder einzelne an sich
+selbst begeht. Man mu&szlig; Ehrfurcht vor sich selber
+haben. Man darf nicht mit dem eigenen K&ouml;rper
+umspringen wie mit einem gekauften Ger&auml;t, und mit
+der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die
+ich in mir zugrunde richte, wird die Menschheit &auml;rmer.
+Au&szlig;er mir ist kein Schicksal, nur ich selbst kann mich
+vernichten.&laquo;</p>
+
+<p>Der Diener trat ein und fl&uuml;sterte Arnold etwas
+zu. Er ging hinaus, &uuml;ber den Korridor in das Empfangszimmer,
+wo Anna Borromeo sa&szlig; und ihm ruhig
+entgegenl&auml;chelte. &raquo;Ich <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'wolle'">wollte</ins> doch einmal sehen, wo
+du residierst,&laquo; sagte sie, und ihre Stimme klang ein
+wenig heiser. Arnold bat, sie m&ouml;ge ihn noch eine
+kurze Weile entschuldigen, er m&uuml;sse einen Freund
+<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340"></a>[340]</span>fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum
+auf, w&auml;hrend Arnold zu Wolmut zur&uuml;ckging
+und ihm freim&uuml;tig erkl&auml;rte, da&szlig; sie nicht l&auml;nger beisammenbleiben
+k&ouml;nnten. Auch wenn hier Anla&szlig; gewesen
+w&auml;re, Wolmut geh&ouml;rte nicht zu den Verletzlichen.
+Sein Verkehr mit Menschen bestand ja in
+einer geradezu programmm&auml;&szlig;igen Ehrlichkeit.</p>
+
+<p>Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet
+hatten und Arnold zur&uuml;ckkam, fand er Anna
+nicht mehr in dem gro&szlig;en Raum. Sie hatte die
+T&uuml;re zu dem anschlie&szlig;enden Bibliothekszimmerchen
+ge&ouml;ffnet und sa&szlig; dort in der Ecke eines Divans, den
+Oberleib zur&uuml;ckgebeugt, den Kopf mit regungslos
+starrenden Augen auf der Armlehne.</p>
+
+<p>Arnold blieb schweigend stehen.</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel Uhr ist es?&laquo; fragte Anna, ohne sich zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Dreiviertelf&uuml;nf&laquo;, antwortete Arnold. Sein Gesicht
+war ernst geworden, hatte aber jede Unbefangenheit
+verloren.</p>
+
+<p>&raquo;Dann bleibt mir noch eine Stunde&laquo;, sagte Anna
+und richtete sich langsam auf. &raquo;Komm einmal,
+Arnold, sieh dir diesen Ring an.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte
+ihn hin und her und meinte endlich: &raquo;Was ist daran
+zu sehen? Ein gew&ouml;hnlicher Ring.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn du ihn tr&auml;gst, wirst du Macht &uuml;ber mich
+haben&laquo;, entgegnete sie.</p>
+
+<p>Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete
+wieder den Ring, l&auml;chelte mechanisch und gab ihr
+den Ring zur&uuml;ck. &raquo;Macht &uuml;ber dich hei&szlig;t Ohnmacht
+&uuml;ber mich&laquo;, sagte er.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341"></a>[341]</span>&raquo;Manchmal ist mir, als w&auml;ren wir f&uuml;r einander geboren&laquo;,
+sagte Anna leise.</p>
+
+<p>Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: &raquo;Du
+bist mit dem Bruder meiner Mutter verheiratet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist wahr&laquo;, sagte Anna ruhig &raquo;aber ich bin
+drei&szlig;ig Jahre alt und habe kein Kind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will dir nur gestehen&laquo;, fuhr sie fort, und ihre
+Stimme nahm einen gleichg&uuml;ltigen Klang an, &raquo;da&szlig;
+ich mich eine Zeitlang mit Valescott abgegeben habe,
+ohne da&szlig; es zu etwas Ernstem h&auml;tte kommen k&ouml;nnen.
+Er ist blind und stumm und wei&szlig; nur von Abenteuern.
+Eines Tages verga&szlig; er seine Rolle und ich
+jagte ihn davon. Es war gef&auml;hrlich. Aber f&uuml;r alles,
+was ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schritt auf und ab, die H&auml;nde mit festaneinander
+geklammerten Fingern auf dem R&uuml;cken.
+Pl&ouml;tzlich blieb er stehen und sagte mit erloschenem
+Blick: &raquo;Wozu mu&szlig; ich das wissen? Oder&nbsp;&#8211;&laquo; er
+trat zwei Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf,
+&raquo;oder ist es dir bekannt, da&szlig; ich es schon vorher
+wu&szlig;te?&laquo;</p>
+
+<p>Anna war erstaunt. Sie st&uuml;tzte den Kopf in die
+Hand und nach einer Weile sagte sie: &raquo;Das war unappetitlich,
+also reden wir von etwas anderm.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold h&ouml;rte es nicht. Der Klang ihrer Stimme
+ber&uuml;ckte ihn. Ihn verlangte nach grund- und bodenloser
+Leidenschaft wie den Eingesperrten nach Freiheit.
+Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu pr&uuml;fen;
+indem er vor Anna auf und abging, verglich er die
+Empfindung, die er in ihrer unmittelbaren N&auml;he
+hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
+<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342"></a>[342]</span>Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold.
+Eine unergr&uuml;ndliche Falschheit und der Hochmut der
+Schw&auml;che bem&auml;chtigten sich seiner und indem er stehen
+blieb, sagte er: &raquo;Ich kann nicht gl&uuml;cklich sein in der
+L&uuml;ge. Ja, Anna, ich sehe wohl, da&szlig; wir uns etwas
+andres sein k&ouml;nnten, als wir uns jetzt sind. Aber
+ich kann nicht leben in der L&uuml;ge. Das ist es.&laquo;</p>
+
+<p>Anna l&auml;chelte mit einem halb vertr&auml;umten, halb
+mitf&uuml;hlenden Ausdruck. &raquo;Nehmen wir also an, es
+geschieht nach deinem Wunsch?&laquo; fragte sie. &raquo;Nehmen
+wir an, es geschieht mit Wahrheit?&laquo;</p>
+
+<p>Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen
+zwei hohen Felsen stehend, erwiderte Arnold ohne
+Festigkeit: &raquo;Das .... w&auml;re undenkbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Undenkbar?&laquo; fragte sie mit r&auml;tselhafter Miene.
+&raquo;Ich kann es denken. Und du, du kannst es f&uuml;hlen.
+Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, die
+nennt man Moral.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; fort&laquo;, sagte sie aufstehend. &raquo;H&ouml;re, Arnold&laquo;,
+f&uuml;gte sie lebhaft hinzu, &raquo;ich bin morgen abend
+ganz allein. Friedrich f&auml;hrt nach Pre&szlig;burg. Willst
+du mir Gesellschaft leisten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Morgen abend&nbsp;&#8211;?&laquo; Arnold z&ouml;gerte, als besinne
+er sich, ob nicht andere Verabredungen ihn verpflichteten.
+Dann versprach er zu kommen. Anna reichte
+ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt,
+ja, in seinem Tiefsten best&auml;ndig zitternd, durch
+die Zimmer.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343"></a>[343]</span></p>
+<h3><a name="Vierundfuenfzigstes_Kapitel" id="Vierundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Vierundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Um f&uuml;nf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo
+nach kaum zweist&uuml;ndigem Schlaf. Er griff
+nach den Streichh&ouml;lzern und machte Licht. Er
+wu&szlig;te, da&szlig; es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen
+zu warten, darum erhob er sich, als
+die ersten Morgenlaute von der Stra&szlig;e heraufdrangen.
+Langsam wusch er sich und kleidete sich
+an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch wohin
+mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig
+Stunden lagen vor ihm, bis er sich wieder auskleiden
+konnte, um wieder das Bett aufzusuchen wie gestern.
+Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art von
+Zweikampf heraus, und am Abend bem&auml;chtigte sich
+seiner von all dem Indieluft-K&auml;mpfen eine so grenzenlose
+Ersch&ouml;pfung, da&szlig; er sich vor dem Wiederaufwachen
+nach sp&auml;rlichem Schlaf f&uuml;rchtete. Er f&uuml;rchtete
+die Ger&auml;usche, durch die sich der Tag ank&uuml;ndigt, und
+das Licht, das der Sonne vorauseilt scheute er ebenso,
+wie ihm die Finsternis Grauen erregte. Er liebte
+weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern
+es war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den
+beiden aussp&uuml;ren wolle, fern von Gedanken, Erinnerungen,
+Erwartungen und Gef&uuml;hlen der Verantwortlichkeit,
+gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
+ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er h&auml;tte selbst
+nicht zu sagen vermocht, durch welche Einwirkungen
+allm&auml;hlich dieser sonderbare Zustand von F&auml;ulnis in
+seinem K&ouml;rper und Gem&uuml;t entstanden und angewachsen
+war. Lustlosigkeit war es, die das Wesen
+<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344"></a>[344]</span>seiner Worte und seiner Handlungen gebildet hatte
+von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und
+keine Freude an den Menschen und keine Freude an
+sich selbst. Nur einen einzigen Menschen gab es, an
+dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, und das
+war Arnold.</p>
+
+<p>Die Stra&szlig;en lagen schon in goldner Fr&uuml;hsonne,
+als Borromeo das Haus verlie&szlig;. Er ging in ein
+Kaffeehaus, fr&uuml;hst&uuml;ckte, las die Morgenbl&auml;tter, zahlte
+und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war
+der erste dort; in seinem Arbeitsraum war der Diener
+noch mit Kehren besch&auml;ftigt, und der Staub lief in
+den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbr&uuml;cke durch
+den Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die
+Schreiber kamen mit verschlafenen Gesichtern; einer
+brachte ihm den Gerichtsakt, den er f&uuml;r die Verhandlung
+in Pre&szlig;burg n&ouml;tig hatte. Er nahm Hut und
+Mantel und fuhr zum Bahnhof. Er setzte sich in ein
+leeres Abteil und gab dem Schaffner ein Geldst&uuml;ck,
+damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in Bewegung,
+und Borromeo schlo&szlig; die Augen. Pl&ouml;tzlich
+aber erwachte in ihm ein tiefer Widerwille gegen
+das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht reden, nicht
+h&ouml;ren, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
+l&auml;cheln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte
+nicht jene gleichg&uuml;ltigen, altbackenen, gefrorenen,
+m&uuml;hseligen Redensarten &uuml;ber die Zunge w&auml;lzen,
+durch die allein eine Verst&auml;ndigung zwischen den
+Menschen m&ouml;glich ist. Als die n&auml;chste Haltestation
+erreicht war, verlie&szlig; er den Wagen, nahm seine Aktenmappe
+unter den Arm und spazierte in den Wald,
+<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345"></a>[345]</span>welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann.
+Aber nicht lange setzte er den Weg fort. Die
+Einsamkeit und Stille fl&ouml;&szlig;ten ihm so gro&szlig;e Furcht
+ein, da&szlig; die Haut &uuml;ber seiner Brust sich spannte und
+in ein konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch
+nicht, sogleich wieder umzukehren, sondern setzte sich
+auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? dachte
+er, mir graut vor dem Get&uuml;mmel der Stra&szlig;en und
+mir graut vor der Ruhe des Waldes. Er nahm sein
+Messer und schabte geduldig die dicke Rinde von dem
+Stamm, auf dem er sa&szlig; bis das gelbe feuchte Fleisch
+zum Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich,
+wanderte zur Station zur&uuml;ck und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm
+dorthin, wo er vergeblich
+erwartet wurde.</p>
+
+<p>Mit dem n&auml;chsten Zug, der erst am sp&auml;ten Nachmittag
+kam, fuhr er wieder in die Stadt. Er wollte
+nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten ihn
+vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So
+setzte er sich denn wieder in ein Kaffeelokal, nur da&szlig;
+er jetzt statt der Morgenbl&auml;tter die Abendbl&auml;tter las.
+Und als er dieser Besch&auml;ftigung &uuml;berdr&uuml;ssig war,
+lehnte er sich zur&uuml;ck und starrte in die Luft. Viertelstunde
+auf Viertelstunde verging. Er empfand Hunger
+und bestellte ein Butterbrot. Der Raum wurde leer;
+es war schon halb zehn, als er sich entschlo&szlig;, aufzubrechen.
+Wieder nahm er seine Aktentasche unter den
+Arm und schritt durch die ver&ouml;denden Stra&szlig;en.</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; ihn jemand h&ouml;rte, weil er niemand zu
+st&ouml;ren w&uuml;nschte, erreichte er sein Schlafzimmer. Er
+wollte die H&auml;nde und das Gesicht waschen, doch
+<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346"></a>[346]</span>waren die Kr&uuml;ge auf dem Waschtisch leer. Man hatte
+ihn f&uuml;r diese Nacht nicht zur&uuml;ckerwartet. Er dr&uuml;ckte
+auf den Knopf der Glocke, welche in die K&uuml;che f&uuml;hrte,
+aber niemand kam. Er wartete und lauschte und
+z&uuml;ndete endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen,
+denn da es noch nicht zehn Uhr war, mu&szlig;ten die
+M&auml;dchen oder der Diener noch wach sein. In der
+K&uuml;che war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus
+geschickt? dachte er, und ist sie selber fort? Er &ouml;ffnete
+die T&uuml;re des Salons, auch hier war es finster, aber
+durch die Spalten der n&auml;chsten T&uuml;r drang ein Lichtschimmer.
+Er hielt die Kerze vor, ging &uuml;ber den
+Teppich, und als er die Hand auf die Klinke legte,
+vernahm er Murmeln und Fl&uuml;stern. Leise &ouml;ffnete er,
+denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
+&uuml;bertrieben, da&szlig; er kaum die T&uuml;ren weit genug f&uuml;r
+seinen K&ouml;rper zu &ouml;ffnen wagte. Er sah zuerst nur
+ein St&uuml;ck der dunklen Portiere, mit der in jenem
+Zimmer die T&uuml;re verh&auml;ngt war, dann erst konnte er
+einen Teil des Zimmers selbst &uuml;berblicken. Kaum
+war dies geschehen, als sich sein Mund im gr&ouml;&szlig;ten
+Entsetzen weit auseinanderzog. Er lie&szlig; die Klinke
+los; er wagte die T&uuml;re nicht wieder zu schlie&szlig;en, sie
+hatten nichts geh&ouml;rt drinnen und konnten nicht sehen,
+da&szlig; die T&uuml;re hinter der Portiere offen stand. Im
+Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete
+sich an der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo
+die Gaslampe brannte. Mit einem d&uuml;nnen, wimmernden
+Ger&auml;usch, das sich fortw&auml;hrend seinen Lippen
+entpre&szlig;te, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit
+dem Bauch zu unterst.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347"></a>[347]</span></p>
+<h3><a name="Fuenfundfuenfzigstes_Kapitel" id="Fuenfundfuenfzigstes_Kapitel"></a>F&uuml;nfundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Als Anna am Morgen erfuhr, da&szlig; ihr Mann
+schon den vorherigen Abend zur&uuml;ckgekehrt sei,
+ging sie hin&uuml;ber und klopfte an seine T&uuml;re. Es
+wurde nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe
+noch, entfernte sie sich leise, vollendete ihren Anzug
+und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach Hause
+und das Stubenm&auml;dchen sagte ihr, der gn&auml;dige Herr
+habe noch nicht das Zimmer verlassen und gehe best&auml;ndig
+auf und ab; sie habe nicht gewagt, das Zimmer
+in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang
+abzunehmen und ohne etwas zu erwidern,
+schritt Anna den Korridor entlang und trat in das
+Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen
+das unber&uuml;hrte Bett. Borromeo stand, ihr den R&uuml;cken
+zuwendend, am Fenster und drehte sich, als er ihre
+Schritte h&ouml;rte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
+erschrak so vor seinem Aussehen, da&szlig; sie einen Schrei
+ausstie&szlig;. &raquo;Bist du nicht wohl, Friedrich?&laquo; fragte
+sie mit schwerer Zunge.</p>
+
+<p>Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr
+vor&uuml;ber und seine Lider fielen ein paarmal zu und
+hoben sich wieder wie bei den k&uuml;nstlichen Augen einer
+Wachsfigur.</p>
+
+<p>&raquo;Friedrich!&laquo; rief jetzt Anna Borromeo laut und in
+Angst.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nichts, Anna,&laquo; sagte er nun mit leiser,
+schleppender Stimme; &raquo;es ist nichts, beruhige dich
+nur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast du denn nicht geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348"></a>[348]</span>Er zuckte die Achseln und packte pl&ouml;tzlich den Bart
+mit beiden vollen H&auml;nden. Anna wich mechanisch
+zur&uuml;ck, als er auf sie zukam. Aber er schritt an ihr
+vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster.
+Scheu und besinnend blickte Anna zu Boden, dann
+eilte sie hinaus, klingelte und schickte zum Hausarzt,
+der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
+wartete auf seinen Bescheid. &raquo;Gn&auml;dige Frau&laquo;, sagte
+der Arzt, als er Borromeos Zimmer verlassen hatte,
+&raquo;unser Freund scheint sehr ver&auml;ndert; um das zu
+konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
+gebraucht. Die Sache ist die, da&szlig; er mich nicht einmal
+seine Hand ergreifen lie&szlig;. Er hat mich weggeschickt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, Doktor&laquo;, erwiderte Anna Borromeo
+freundlich. &raquo;Ich selbst begreife nichts davon.
+Noch gestern war er in der besten Verfassung&nbsp;...&laquo;</p>
+
+<p>Der Arzt zuckte die Achseln. &raquo;Vielleicht eine gesch&auml;ftliche
+Katastrophe&nbsp;&#8211;, obwohl er f&uuml;r solche Dinge
+doch immer ziemlich unempfindlich war. Sein Aussehen
+macht mich bedenklich. Es sieht verteufelt einer
+Gem&uuml;tsst&ouml;rung &auml;hnlich. Warten wir jedenfalls noch
+die n&auml;chsten vierundzwanzig Stunden ab.&laquo;</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch mit einem Fremden hatte Anna ein
+wenig beruhigt. Sie setzte sich zu Tisch, nahm einige
+Bissen und verlie&szlig; bald darauf das Haus, um zu
+Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete.
+Eine Stunde verflo&szlig;. Sie l&auml;utete dem Diener und
+bat um ein Glas Wasser. Noch eine halbe Stunde
+schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im
+Mantel, den Hut im schlaff herabh&auml;ngenden Arm
+<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349"></a>[349]</span>haltend. Sein Gesicht, das nun das vollkommene
+Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequ&auml;lt
+aus.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du
+schon hier?&laquo; fragte er hastig. Er setzte sich neben
+sie und ergriff mit g&uuml;tiger und liebensw&uuml;rdiger Bewegung
+ihre beiden H&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; nur, Arnold,&laquo; antwortete sie, entzog ihm die
+eine Hand, packte ihn beim Kinn und hob den Kopf
+ein wenig empor. Er l&auml;chelte, wobei er auf ihren
+Hals sah. &raquo;Da f&auml;llt mir etwas ein&laquo;, sagte er &raquo;ich
+will dir etwas geben.&laquo; Er eilte aus dem Zimmer.
+W&auml;hrend ihres kurzen Alleinseins hatte Anna Borromeo
+einen erschreckenden Gedanken. Sie legte
+beide H&auml;nde an die Stirn und dachte nach. Ungewi&szlig;heit
+war ihr das verha&szlig;teste aller Gef&uuml;hle, deshalb
+beschlo&szlig; sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende
+zu machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen
+Gesicht hatte sich w&auml;hrend der kleinen Weile so viel
+begeben, da&szlig; Arnold, als er zur&uuml;ckkam, sie stumm
+fragend anblickte.</p>
+
+<p>Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein
+altert&uuml;mlicher Schmuck auf schwarzem Sammet lag.
+Es war ein Blumenstr&auml;u&szlig;chen; die Stengel, frei gebunden,
+bestanden aus Gold, die Bl&uuml;tenkelche wurden
+durch fein gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt.
+&raquo;Dies ist noch von meiner Mutter&laquo;, sagte Arnold,
+&raquo;und du sollst es haben.&laquo;</p>
+
+<p>Anna betrachtete es, ohne da&szlig; sie sich eines wunderlichen
+Schauers erwehren konnte, der langsam
+ihren R&uuml;cken hinabrieselte. &raquo;Und du glaubst, ich soll
+<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350"></a>[350]</span>es tragen?&laquo; fragte sie. &raquo;Das geht auf keinen Fall.&laquo;
+Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft
+auf Arnold, dessen Stirn sich verfinsterte. &raquo;Was
+sollen wir also tun&laquo;, sagte er wie zu sich selbst und
+warf einen sch&uuml;chternen Blick zum Himmel.</p>
+
+<p>&raquo;O, ich k&ouml;nnte es ausdenken, Arnold, da&szlig; du ihm
+die ganze Wahrheit sagen w&uuml;rdest. So tief d&uuml;rfen
+wir doch nicht sinken, da&szlig; uns Mitleid oder Angst
+oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns
+nur ein kleines Vergn&uuml;gen au&szlig;erhalb des Erlaubten
+verschafft? Besinne dich nur, Arnold, und versuche,
+etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte
+und was du dir schuldig bist. Und ob nach
+dem ersten Satz, den du ihm gesagt hast, ich nicht
+ruhig diese h&uuml;bsche Brosche werde tragen k&ouml;nnen.&laquo;
+Sie nahm das Schmuckst&uuml;ck zwischen die Fingerspitzen
+und dr&uuml;ckte die Lippen darauf.</p>
+
+<p>Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu
+probieren, das war es. Nicht glaubte sie daran, da&szlig;
+Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis hintreten
+w&uuml;rde, aber sie wollte sehen, was daraus
+werden w&uuml;rde, wenn die Stunde gekommen war.
+F&uuml;r jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu erfahren,
+ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wu&szlig;te und
+ob das unber&uuml;hrte Bett der heutigen Nacht auf dies
+Wissen Bezug habe.</p>
+
+<p>Arnold sch&auml;mte sich und gab ihr recht. Aber er
+erbleichte, wenn er das Bevorstehende im Bild zu
+sehen versuchte, und hatte das Gef&uuml;hl, als verbreitete
+sich Bl&auml;sse &uuml;ber Zunge und Gaumen ins Innere des
+K&ouml;rpers. &raquo;Ich denke daran,&laquo; sagte er umhergehend,
+<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351"></a>[351]</span>&raquo;ob Borromeo nicht in Podolin leben will. Ihn
+wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an
+Annas Seite durch die Stra&szlig;en ging, schnitt er sich
+mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
+ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben,
+den Augenblick zu nutzen, und was feindlich dagegen
+aufstand zu vernichten. Daran klammerte er sich,
+um sein Herz mit einem Anschein von Recht verh&auml;rten
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist der Herr zu Hause?&laquo; fragte Anna Borromeo
+sogleich, als ihnen das M&auml;dchen ge&ouml;ffnet hatte, und
+die Antwort lautete bejahend. &raquo;Gut,&laquo; fuhr Anna
+fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm,
+&raquo;wir wollen in einer Viertelstunde zu Abend essen.
+Benachrichtigen Sie den Herrn, da&szlig; ich auf ihn warte,
+ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst zugegen.&laquo;</p>
+
+<p>Sie traten in das Speisezimmer. &raquo;Was hei&szlig;t
+das?&laquo; fragte Arnold. &raquo;Warum soll er nicht wissen,
+da&szlig; ich da bin?&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und
+erwiderte, indem sie aufmerksam die N&auml;gel ihrer Hand
+betrachtete: &raquo;Er ist gestern abend gekommen, ohne
+da&szlig; wir ihn geh&ouml;rt haben, und ich f&uuml;rchte&nbsp;&#8211;&laquo;</p>
+
+<p>Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen K&ouml;rper.
+Dann schlug er pl&ouml;tzlich die H&auml;nde zusammen und
+wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
+M&auml;dchen trat ein und berichtete: &raquo;Der gn&auml;dige Herr
+hat mir nicht geantwortet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,&laquo; sagte
+Anna in gesellschaftlichem Ton.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352"></a>[352]</span>Kaum sa&szlig;en sie, so &ouml;ffnete sich die T&uuml;re und Borromeo
+erschien auf der Schwelle. Und kaum hatte
+er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht die wei&szlig;e
+Farbe verlor und sich r&ouml;tete. Niemand hatte das je
+zuvor an ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem
+Blick sah er Arnold an, dann trat er wieder zur&uuml;ck,
+schlo&szlig; ger&auml;uschlos die T&uuml;re und Anna und Arnold
+waren wieder allein. Sie schwiegen lange.</p>
+
+<p>&raquo;Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,&laquo; sagte endlich
+Anna Borromeo mit eigent&uuml;mlichem L&auml;cheln, &raquo;so
+k&ouml;nnte es doch nicht weitergehen. Er hat ohnehin
+schon lange aufgeh&ouml;rt unter Menschen zu leben. F&uuml;r
+ihn ist es das beste und f&uuml;r uns ist es das ruhigste
+und einfachste.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold antwortete nicht.</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht damit z&ouml;gern, ich werde sogleich
+mit ihm sprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, tu es nur,&laquo; sagte Arnold dumpf, und seine
+Augen loderten in jener l&uuml;gnerischen Entschlossenheit,
+die ihn &uuml;berfallen hatte.</p>
+
+<p>Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor
+trat, h&ouml;rte sie sonderbare Laute. Der vordere
+Teil des Flurs war erleuchtet; um zu Borromeos
+Zimmer zu gelangen, mu&szlig;te sie, schon im Halbdunkel,
+um eine Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal
+Borromeo. Er stand regungslos und murmelte vor
+sich hin. &raquo;Friedrich! Friedrich!&laquo; rief Anna erschrocken.
+Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem
+sich schlie&szlig;lich die h&ouml;rbaren Worte rangen: &raquo;Ich kann
+nicht weiter, es ist finster.&laquo; Anna schluckte ihren
+Schrecken hinab, ging zur&uuml;ck, z&uuml;ndete eine Kerze an,
+<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353"></a>[353]</span>wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
+zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann
+voraus.</p>
+
+<p>Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm
+einen rotkarrierten Schal und h&uuml;llte ihn um seine
+Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch nieder
+und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. &raquo;Es
+ist nun geschehen, Friedrich,&laquo; sagte sie dann. &raquo;Es
+hat auch geschehen m&uuml;ssen, &#8211; aus vielen Gr&uuml;nden.
+Doch du mu&szlig;t dir selbst und uns das &Uuml;berfl&uuml;ssige
+und Qu&auml;lende ersparen. Ich schlage dir vor, die
+n&auml;chsten Jahre still auf dem Land zu verbringen.
+Deine Nerven sind zerst&ouml;rt, und so wird es in jeder
+Beziehung gut f&uuml;r dich sein.&laquo;</p>
+
+<p>Borromeo stand, an die T&uuml;r gelehnt, fr&ouml;stelnd,
+regungslos. &raquo;Ich kann nicht auf dem Land leben,&laquo;
+sagte er.</p>
+
+<p>&raquo;Und in der Stadt f&uuml;hlst du dich keineswegs wohl,&laquo;
+sagte Anna liebensw&uuml;rdig tadelnd. &raquo;Also wo willst
+du denn leben? Im Nichts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,&laquo; fl&uuml;sterte
+Borromeo.</p>
+
+<p>&raquo;Willst du den Skandal?&laquo; fuhr die Frau ernster
+fort. &raquo;Willst du, da&szlig; ich gehe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will nicht einsam drau&szlig;en leben in der Natur,
+Anna. Das macht mich kaput,&laquo; sagte Borromeo auf
+einmal erregt, v&ouml;llig gegen seine sonstige Art. Er
+zitterte am ganzen K&ouml;rper.</p>
+
+<p>&raquo;Also willst du reisen, Friedrich?&laquo; fragte Anna
+liebevoll.</p>
+
+<p>Er sch&uuml;ttelte m&uuml;de den Kopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354"></a>[354]</span>&raquo;H&ouml;re mich,&laquo; begann Anna wieder. &raquo;Wie w&auml;re
+es, wenn du nach Podolin gingest und dort&nbsp;&#8211;. Man
+w&uuml;rde dir die beste Pflege verschaffen&nbsp;...&laquo; Sie
+verstummte. Borromeo schaute seine Frau gro&szlig; und
+kalt an und erwiderte langsam: &raquo;Podolin? Ich?&laquo;
+Er trat zum Tisch und st&uuml;tzte beide Arme auf die
+Platte. &raquo;Eher gleich verdorren,&laquo; murmelte er vor
+sich hin.</p>
+
+<p>Anna Borromeo war verwundert. &raquo;Arnold will
+es,&laquo; sagte sie, &raquo;er selbst macht dir das Anerbieten
+und h&auml;lt es f&uuml;r gut.&laquo;</p>
+
+<p>Da fingen Borromeos Augen zu gl&uuml;hen an und
+sein Gesicht &uuml;berzog sich abermals mit R&ouml;te. &raquo;Arnold?&laquo;
+fragte er und nickte dazu krampfhaft mit dem
+Kopf. &raquo;Will&nbsp;&#8211;? Das ist nicht wahr! Das will
+Arnold nicht! Das ist eine L&uuml;ge ... eine L&uuml;ge ist
+es.&laquo; Er hatte den Arm ausgestreckt und deutete mit
+dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob
+er die L&uuml;ge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen
+war unheimlich verwandelt.</p>
+
+<p>&Auml;ngstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo
+schlo&szlig; einige Sekunden die Augen, atmete tief
+und sein Gesicht erhielt wieder die fr&uuml;here fahle
+F&auml;rbung.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist nicht L&uuml;ge,&laquo; sagte Anna fast sch&uuml;chtern.
+Sie ahnte nicht, was in diesem Augenblick in dem
+Manne vorging.</p>
+
+<p>&raquo;Nun gut,&laquo; sagte Borromeo mit gr&uuml;blerischem und
+traurigem Ausdruck. &raquo;Podolin, &#8211; das ist schlimm,
+schlimm f&uuml;r mich. Aus vielen Gr&uuml;nden, wie du dich
+ausgedr&uuml;ckt hast. Aber,&laquo; er erhob nun wieder seine
+<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355"></a>[355]</span>Stimme, die dann nicht laut klang, aber unendlichen
+Zorn und Kummer in sich zu verhalten schien, &raquo;aber
+wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: dies,
+Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich f&uuml;r gut,
+nun, dann ... dann will ich nach Podolin.&laquo;</p>
+
+<p>Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach
+und verlie&szlig; stumm das Zimmer.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Sechsundfuenfzigstes_Kapitel" id="Sechsundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Sechsundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newquotesection"><span class="bigletter">&raquo;E</span>r will es nicht, Arnold. Er str&auml;ubt sich dagegen
+wie gegen Feuer,&laquo; sagte Anna Borromeo, als
+sie in das Speisezimmer zur&uuml;ckkam. &raquo;Er war so erregt,
+wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es w&auml;re
+schlecht f&uuml;r ihn, nach Podolin zu gehen.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold war verwundert. &raquo;Es mu&szlig; ja nicht sein,&laquo;
+antwortete er.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will
+es, gut dann will ich gehn, sagt er. Das sind seine
+Worte.&laquo; Anna legte sich erm&uuml;det auf das Sofa.</p>
+
+<p>Arnold verstummte. Die Vorstellung, da&szlig; Borromeo
+wissen k&ouml;nnte, was ihn mit Anna verband, versetzte
+ihn pl&ouml;tzlich in die gr&ouml;&szlig;te Angst.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tag erz&auml;hlte Anna, da&szlig; Borromeo
+dem Diener befohlen habe, sein Bett in dem Zimmer
+aufzustellen, welches an sein eigenes stie&szlig;. Er irrte
+durch die R&auml;ume im Haus, ging in das obere Stockwerk,
+stellte sich zu den Dienstboten, ohne etwas zu
+reden. Die Leute begannen sich vor ihm zu f&uuml;rchten.
+<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356"></a>[356]</span>Bei Nacht &ouml;ffnete er das Fenster und sp&auml;hte die
+Gasse hinauf und hinunter. So ging es bis zum
+Ende der Woche. Sein Benehmen war stets sanft
+und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon
+Besuche empfing, stellte sich pl&ouml;tzlich auch Borromeo
+ein, blickte jedem einzelnen mit besinnendem Ausdruck
+ins Gesicht, setzte sich in die N&auml;he des Ofens
+und schien aufmerksam den Gespr&auml;chen zu folgen.
+Wenn ihn selber jemand ansprach, nickte er oder
+sch&uuml;ttelte den Kopf. Er blieb sitzen, bis der letzte
+gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
+Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im
+Flur auf und ab, bis er zusammenschreckte, sich umsah,
+Hut und Mantel nahm und auf die Stra&szlig;e ging.</p>
+
+<p>Annas Gem&uuml;t verdunkelte sich langsam unter dem
+ihr unerkl&auml;rlichen Blick Borromeos. Seine N&auml;he lie&szlig;
+sie erstarren, sein nicht zu brechendes Schweigen erf&uuml;llte
+sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr,
+das Haus zu verlassen, und wenn sie mit Arnold
+allein war, gerieten beide unwillk&uuml;rlich in den Fl&uuml;sterton.
+Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu stehen
+und auf das Ungef&auml;hre zu warten, folterte seinen
+Stolz und vernichtete seine sanfteren Empfindungen.
+Gel&uuml;st auf Gel&uuml;st siedete in seinem Herzen empor,
+und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
+selbst sie vorher zur&uuml;ckgehalten hatte. Aber sie schien
+wie gel&auml;hmt. Finde einen Rat! sprachen ihre Augen.
+Er wollte nicht erkennen, was er h&auml;tte tun sollen,
+und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er
+wieder an jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er
+gelangte zu dem Schlu&szlig;, da&szlig; es ja nur auf ihn
+<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357"></a>[357]</span>selbst ankam, da&szlig; Borromeo die Entscheidung von
+ihm selbst abh&auml;ngig gemacht hatte. Er brauchte nur
+zu reden. Als ob gemeinschaftliche Qual sie beide
+in diesem Punkt erf&uuml;lle, teilte er Anna ruhig mit,
+was er f&uuml;r das beste halte. Sie stimmte ihm nicht
+zu, riet aber auch nicht ab; sie schwieg.</p>
+
+<p>So kam der Abend. Borromeo, hie&szlig; es, sei soeben
+heimgekehrt. Arnold ging hin&uuml;ber, pochte an
+die T&uuml;re und trat ein. Borromeo sa&szlig; am Tisch
+vor der Lampe. Er erblickte Arnold, und es war,
+als ob eine lang zur&uuml;ckgehaltene, gewaltige Angst in
+seinem Gesicht nun offen zur Schau trete. Arnold
+suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
+Gegenst&auml;nde zu sammeln. Dann begann er.
+&raquo;Es ist besser f&uuml;r dich, dort einsam zu sein, als hier,&laquo;
+sagte er unter anderm. &raquo;Podolin ist ja gewisserma&szlig;en
+ein Familiensitz f&uuml;r uns geworden. Nichts wird dir
+zur Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange
+dauern, bis du dich von deinem unerkl&auml;rlichen Leiden
+erholt hast. Podolin ist gesund f&uuml;r das Gem&uuml;t.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold konnte nicht anders, er mu&szlig;te seinen Blick
+in denjenigen Borromeos tauchen; er versuchte nicht
+einmal, ihn abzuwenden. Und nicht verga&szlig; er diesen
+Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine
+gleiche Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, da&szlig;
+Borromeo alles wu&szlig;te. Aber das lie&szlig; ihn fast gleichg&uuml;ltig
+gegen&uuml;ber dem einen Wort, das aus Borromeos
+Augen unsichtbar auf ihn zustr&ouml;mte: Ungerechter!</p>
+
+<p>Borromeo stand etwas schwerf&auml;llig auf und sagte
+kurzangebunden: &raquo;Gut, ich gehe. Verla&szlig; das Zimmer,
+Arnold.&laquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358"></a>[358]</span>Als Arnold drau&szlig;en war, stellte sich Borromeo
+aufrechter Haltung ans Fenster und weinte. Aber
+er sch&auml;mte sich seiner Tr&auml;nen selbst vor der Nacht und
+h&auml;tte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine
+Stunde verging. Der Diener brachte das Essen.
+Borromeo gewahrte es nicht. Bis Mitternacht stand
+er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
+Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald
+begann er zu tr&auml;umen.</p>
+
+<p>Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen
+allein; das Meer ringsum bewegte sich nicht,
+sondern war still wie Blei. Dar&uuml;ber erwachte er,
+aber das Entsetzen blieb. Er f&uuml;rchtete sich vor Podolin
+wie ein Kind vor dem Gang in die Finsternis. Aber
+Arnold wollte es, und nicht aus Unterordnung oder
+Einsicht f&uuml;gte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
+beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo
+f&uuml;hlte, was bevorstand. Damit hatte er auch
+abgeschlossen mit allem, was ihn an das Leben
+kn&uuml;pfte.</p>
+
+<p>Der Diener Christian, ein anh&auml;nglicher Mensch,
+der schon elf Jahre im Hause war, sollte Borromeo
+begleiten und bei ihm bleiben. Er packte W&auml;sche
+und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr
+sollten sie zum Bahnhof fahren. Borromeo lag auf
+dem Bett und stierte in die Luft. Sein Blick schien
+sich nicht vom n&auml;chsten Umkreis seines K&ouml;rpers entfernen
+zu k&ouml;nnen. Oft seufzte er tief und lang.
+Anna kam, gab dem Diener Auftr&auml;ge, forderte von
+ihm t&auml;glichen Bericht, dann stand sie stumm vor
+Borromeo, der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging.
+<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359"></a>[359]</span>Der Diener nahm den Koffer, Borromeo
+folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorw&auml;rts,
+nicht seitw&auml;rts, sondern nur einw&auml;rts wie ein fast
+Erblindeter. Anna zitterte &uuml;ber die ganze Haut, als
+sie ihm nachblickte. Sie sperrte Borromeos Zimmer
+zu und steckte den Schl&uuml;ssel in ihre Tasche.</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde sp&auml;ter kam Arnold. Er hatte
+noch gestern telegraphische Anweisung f&uuml;r die Aufnahme
+in Podolin getroffen und den dortigen jungen
+Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf
+die Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo
+mit, aber sie nahm es k&uuml;hl auf. Schweigend sa&szlig; er
+bei ihr, bis sich ein tr&uuml;ber Zorn in ihm angesammelt
+hatte. Er packte mit beiden H&auml;nden ihren Kopf, bog
+ihn zu sich heran und fragte durch die Z&auml;hne, indem
+er seine aufgerissenen Augen vor ihre halbgeschlossenen
+hielt: &raquo;Sieht denn die Erf&uuml;llung anders aus als der
+Wunsch?&laquo; Und Anna entgegnete fl&uuml;sternd: &raquo;Ja.&laquo;
+Da erhob sich Arnold, lachte und ging. Gern h&auml;tte
+ihn Anna zur&uuml;ckgerufen, aber sie konnte nicht. Ihre
+Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit
+und Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten
+ersehnte. Sie versank in eine &ouml;de Trauer. Sie
+trauerte dar&uuml;ber, da&szlig; sie sich von Arnold ihre Schulden
+hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch
+gemein und h&auml;&szlig;lich, was vor der Erf&uuml;llung abenteuerlich
+gewesen war. Zu rasch hatte sich alles erf&uuml;llt, zu
+viel hatte er gegeben; zu viel und zu wenig, denn von
+ihm selbst besa&szlig; sie nichts. Sie verw&uuml;nschte ihr Leben.</p>
+
+<p>In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde
+erz&auml;hlt, Borromeo sei zur Erholung f&uuml;r einige Wochen
+<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360"></a>[360]</span>nach dem m&auml;hrischen Landgut seines Neffen gereist.
+Aber auch andere Ger&uuml;chte tauchten auf und z&uuml;ngelten
+umher, die auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie
+sp&uuml;rte es, denn Leute wie sie, die nur durch die
+Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben
+f&uuml;hren, erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht
+mehr ebenb&uuml;rtig geachtet wissen. Seltsam, von der
+Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
+waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten.
+Ruhelosigkeit und Zerfahrenheit herrschten
+in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit sich
+selbst besch&auml;ftigt, da&szlig; alles au&szlig;erhalb Liegende seine
+Wichtigkeit eingeb&uuml;&szlig;t hatte. Und doch, wenn er zu
+dem Punkte kam, wo es h&auml;tte hell werden k&ouml;nnen,
+so blieb er stehen und begann zu tr&auml;umen. Er verlor
+Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den
+Menschen, die ihn bewundert und geliebt hatten. Er
+verlangte Rechenschaft von sich, aber bei der ersten
+Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
+schauderte er zur&uuml;ck. Er hatte kein Ma&szlig; f&uuml;r den Lauf
+der Tage, er achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen
+und verstrickt erschien er sich, verschlungen von
+etwas Ungeheurem. Er sp&uuml;rte die Ersch&uuml;tterung
+eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern
+ein von ihm abgel&ouml;stes Wesen, das im leeren
+Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne Ruder
+und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft,
+alles zog ihn an und stie&szlig; ihn, kaum genossen, wieder
+ab. Er konnte nicht begreifen, was denn eigentlich
+mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
+W&uuml;nsche, w&uuml;nschte eine neue Erde zu finden, einen
+<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361"></a>[361]</span>andern schweifenden Stern, um dort von neuem zu
+beginnen, was hier so widernat&uuml;rlich sich in Unheil
+und Mi&szlig;geschick gebohrt hatte. Best&auml;ndig glaubte
+er, gl&uuml;hende Luft zu atmen und eine wunderliche
+Scheu erf&uuml;llte ihn, zu denken und zu schauen. Oft
+sa&szlig; er allein und starrte, wie ein Schiffbr&uuml;chiger aufs
+Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht
+und sich weigert, selbst den Balken weiterzutreiben,
+an den er sich h&auml;lt.</p>
+
+<p>Eines Abends gegen die D&auml;mmerstunde, es ging
+schon tief in den Herbst hinein, suchte er Anna Borromeo
+auf. Sie zeigte ihm die Berichte Christians und
+des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander
+zu verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das
+letzte Schreiben des treuen Dieners lautete wie folgt:
+&raquo;Gn&auml;dige Frau, der gn&auml;dige Herr sieht jetzt immer
+Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
+totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der
+gn&auml;dige Herr, weil er glaubt, jemand will ihn vergiften.
+Er sagt, er h&ouml;rt Stimmen, und der Doktor
+von Podolin sagt, der gn&auml;dige Herr verliert den Verstand.
+Er sagt auch, der gn&auml;dige Herr, er will ans
+Gericht gehen, um sein Recht zu erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne
+eines Stuhles gepackt, sie gegen die Knie gedr&uuml;ckt,
+so fest, da&szlig; die Lehne pl&ouml;tzlich am Sitz entzweibrach.
+Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
+Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich
+bl&auml;ulich-wei&szlig; wie Milch an die Scheiben dr&uuml;ckte.
+Dann murmelte er einen Gru&szlig;, warf drau&szlig;en in
+aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte
+<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362"></a>[362]</span>das Gesicht, der Hals, die Brust und die F&uuml;&szlig;e. Er
+lief durch die Stra&szlig;en, als ob Leben und Tod von
+der Schnelligkeit seines Schrittes abh&auml;nge, um pl&ouml;tzlich
+stehen zu bleiben und mit zusammengeballten
+H&auml;nden und verzweiflungsvoll aufgerissenen Augen
+wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
+blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel
+tastend, als ob er ein Gebilde seiner Phantasie w&auml;re.
+Da sah er gegen&uuml;ber auf der andern Seite der Stra&szlig;e
+die ge&ouml;ffneten T&uuml;ren einer Kirche. Ein feierliches
+r&ouml;tliches Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum.
+Er ging hin&uuml;ber, betrat die Kirche, sank in einer
+finstern Ecke auf die Knie und betete, betete hastig,
+aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, st&uuml;rmischer,
+st&uuml;rmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Siebenundfuenfzigstes_Kapitel" id="Siebenundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Siebenundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Er kam auf die Stra&szlig;e und sah nichts; er
+sah nicht einmal die Stra&szlig;e, viel weniger die
+Menschen. Er taumelte mehr, als da&szlig; er ging; er
+fl&uuml;sterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene
+Bewegungen. &raquo;Ja ja,&laquo; rief er stehen bleibend und
+den Arm in die H&ouml;he streckend, einem alten Mann
+nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war,
+&raquo;ja ja.&laquo; Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.</p>
+
+<p>Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An
+den elektrischen Flammen war ihm nicht genug, er
+z&uuml;ndete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, wie
+<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363"></a>[363]</span>wenn er aus der Ofenw&auml;rme eines Zimmers auf
+ein Eisfeld getreten w&auml;re. Kein Gegenstand vermochte
+den Blick seiner Augen zu fesseln; eine gerechte
+und furchtbare Macht rollte pl&ouml;tzlich den Faden
+seines Lebens nach r&uuml;ckw&auml;rts ab und zwang Arnold,
+sich umzuwenden und der Gewalt zu folgen. Die
+ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
+Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufh&ouml;rlich
+durch die Flucht der Zimmer. V&ouml;llig ersch&ouml;pft
+warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte
+Bild auf Bild, qu&auml;lend wie die Tr&auml;ume an der
+Grenze des Erwachens. Er legte den Kopf zwischen
+die H&auml;nde und schlief ein, gerade als der erste Tagesstrahl
+die Finsternis drau&szlig;en durchbohrte. Er tr&auml;umte,
+er s&auml;&szlig;e auf einem armseligen Leiterwagen, welcher
+durch Schnee und Regen nach Podolin fuhr. Ein
+f&uuml;rchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
+sah, da&szlig; er gegen Borromeo die Peitsche schwang.
+Denn kein Pferd war vorgespannt, sondern Borromeo
+zog das knirschende Gef&auml;hrt durch den tiefen Schlamm
+und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
+Arnold die angespannte Nackenhaut und den
+m&uuml;de gesenkten Kopf. Pl&ouml;tzlich aber wandte sich
+Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden,
+da erwachte Arnold von der Ber&uuml;hrung des Dieners,
+der seinem Herrn gef&auml;llig zu sein glaubte, wenn er
+ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.</p>
+
+<p>Er ging ins Badezimmer, lie&szlig; einen kalten Wasserstrahl
+&uuml;ber den Kopf laufen, trocknete und k&auml;mmte
+sich und verlie&szlig; das Haus. Langsam schritt er durch
+den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben
+<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364"></a>[364]</span>Stunde stand er vor dem Haus, wo einst Verena
+gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich aus der
+Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen.
+War es Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena.
+Wie dunkel lagen die Wege!</p>
+
+<p>Valescott begegnete ihm. &raquo;Wie sehen Sie aus,
+lieber Freund!&laquo; rief der Leutnant. &raquo;Ihnen ist nicht
+wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
+Arzt benachrichtigen?&laquo; Nichts von alledem. Arnold
+entzog sich dem Besorgten. Jedes menschliche Gesicht
+fl&ouml;&szlig;te ihm Furcht ein, denn in jedem sah er
+verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt,
+leer, d&uuml;nkelhaft und l&uuml;gnerisch.</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; ein Vorsatz seine Schritte gelenkt h&auml;tte,
+befand er sich pl&ouml;tzlich vor dem Nordbahnhof. In
+der Halle studierte er den Zugsplan und sah, da&szlig;
+er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er
+kaufte ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen
+dunkeln Winkel, und so, ohne Reisegep&auml;ck, in w&uuml;ster,
+geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den Zug.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Achtundfuenfzigstes_Kapitel" id="Achtundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Achtundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung
+und das Klappern der R&auml;der zu d&auml;mpfen.
+Schwarze B&auml;ume streckten mit verzweifelter Geb&auml;rde
+ihre &Auml;ste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke
+mu&szlig;te der Zug halten, und die Bediensteten liefen
+rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und ging
+<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365"></a>[365]</span>langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher
+der Leichnam eines Pferdes hingestreckt lag. Gesch&auml;ftig,
+aber unt&auml;tig standen die Leute beisammen. Arnold
+wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres erinnerte
+ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung lie&szlig;en
+seine Z&uuml;ge zusammenschrumpfen wie den Schwamm
+eine Faust.</p>
+
+<p>Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben.
+Arnold setzte sich wieder in seine Ecke, Minute auf
+Minute rollte h&ouml;rbar an seinem Ohr vorbei und
+mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen.
+Leicht glaubte Arnold diejenige herausklauben zu
+k&ouml;nnen, w&auml;hrend welcher er auf so r&auml;tselhafte Weise
+sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
+gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem
+glatten Strom der Zeit ins Ewige hinaus.</p>
+
+<p>Die Station kam, in der Arnold den Zug verlie&szlig;.
+Weit und breit war kein Wagen zu haben. Er mu&szlig;te
+zu Fu&szlig; nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
+auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen
+die Erde zu blasen, worauf das Nebelwerk widerwillig
+verflog. Wie in die Tiefe eines Trichters blickte
+ein St&uuml;ck hellblauen Himmels herab. Leer und still
+dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten
+wich der Nebel zur&uuml;ck, bis er sich allm&auml;hlich gegen
+den Horizont dr&auml;ngte. Die Sonne beschien ihn br&auml;unlich
+golden und nur den Flu&szlig; entlang t&uuml;rmte er sich
+noch wie eine fabelhafte Bergkette.</p>
+
+<p>Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine
+Biegung des Wegs rechts den H&uuml;gel von Podolin
+gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
+<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366"></a>[366]</span>auf dem h&ouml;lzernen Steg, der &uuml;ber den Flu&szlig; f&uuml;hrte,
+blieb er stehen und schaute ins Wasser. Jetzt erst
+dachte er daran, wen das heimatliche Haus dr&uuml;ben
+beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von
+ihm Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten
+erschien ihm sein Inneres, und er lehnte sich mit
+einer Inbrunst an das schwache Holzgel&auml;nder des
+Stegs, als f&uuml;rchte er, selbst das dunkle Abbild seines
+Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zur&uuml;ckgab
+und welches ihm doch wenigstens seine eigenen
+Z&uuml;ge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme zeigte.</p>
+
+<p>Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade
+mit mehlwei&szlig;en H&auml;nden aus der K&uuml;che kam.
+Freude schien die Alte &uuml;ber sein Kommen nicht zu
+empfinden. Die Luft im Hause war ver&auml;ndert.
+Ursula, die hier ihre eigentliche Heimat gefunden
+hatte, f&uuml;hlte sich nun unbehaglich. In dem schmalen
+Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete
+ihn traurig und etwas erstaunt. Sie fragte, wo er
+sein Reisegep&auml;ck habe, doch er antwortete nicht. Er
+k&ouml;nne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie betr&uuml;bt
+fort, die drei andern Zimmer h&auml;tten der Herr
+Onkel und Christian inne.</p>
+
+<p>Arnold stellte sich auf die Schwelle zur K&uuml;chent&uuml;re
+und lehnte die eine Schl&auml;fe gegen den Pfosten,
+w&auml;hrend Ursula hantierte und dabei erz&auml;hlte. Sie
+buk einen Obstkuchen f&uuml;r Borromeo; nur dies esse
+er bisweilen, sonst verweigere er fast alle Nahrung.
+Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht fange er oft an
+zu phantasieren, aber niemand k&ouml;nne etwas davon
+begreifen. Es d&uuml;rfe nie finster sein, er f&uuml;rchte sich
+<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367"></a>[367]</span>vor der Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche
+er zehnmal zu den T&uuml;ren, um zu sehen, ob sie fest
+verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser Gedanke auch
+im Schlaf keine Ruhe, und Christian m&uuml;sse dann mit
+der Kerze in alle Winkel leuchten. &raquo;Der hiesige
+Doktor behauptet,&laquo; fuhr Ursula fort, &raquo;da&szlig; die Einsamkeit
+an allem schuld ist und da&szlig; jetzt nichts mehr
+zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche l&auml;uft
+uns auch eins vom Gesinde davon. Sie sind abergl&auml;ubisch
+und &auml;ngstigen sich vor dem guten Herrn
+wie vor dem Teufel.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold ging wieder in den Flur zur&uuml;ck. Er trat
+an die T&uuml;re von Borromeos Zimmer und legte die
+Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
+ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf
+den Hof und sah vom Zaun aus gegen die Fenster.
+Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. Pl&ouml;tzlich
+aber stand er still und klammerte den einen
+Arm um eine F&ouml;hre. Mit aller Gewalt sammelte
+er sich zu einem Entschlu&szlig;. Seine Stirn und Blicke
+waren gesenkt, als er zum Haus zur&uuml;ckging. Ohne
+weiteres Zaudern &ouml;ffnete er die T&uuml;r zum Zimmer des
+Oheims.</p>
+
+<p>Borromeo sa&szlig; einige Schritte vom Fenster entfernt
+und schaute, eine steinerne Unbeweglichkeit in allen
+Gliedern und selbst im Gesicht, gegen die Landschaft
+hinaus. Sein Bart war vollst&auml;ndig grau geworden.
+Der ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit
+der niedrigen Stirn hatte etwas von einem aufgesetzten
+Wachsmodell. Die H&auml;nde waren gelb und
+schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf
+<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368"></a>[368]</span>gegen die T&uuml;re. Das Ger&auml;usch des Eintretenden
+war l&auml;ngst verklungen, aber es schien, als brauchten
+die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen.
+Er blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick
+schien nicht sehen, sondern nur tasten zu k&ouml;nnen. Er
+fletschte die Lippen und l&auml;chelte endlich, wobei Geifer
+in den Bart rann.</p>
+
+<p>Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. &raquo;Onkel
+Borromeo, kennst du mich nicht?&laquo; fragte er endlich.</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;&nbsp;&#8211;?&laquo; machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser
+Laut, von einer Bewegung des Mi&szlig;trauens
+begleitet. Auf einmal sagte er, indem er
+beide H&auml;nde zur H&ouml;he des Halses erhob: &raquo;Zur&uuml;ckgesetzt
+... sie lauern ... man mu&szlig; vo&#8211;orsichtig
+sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...&laquo;</p>
+
+<p>Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf
+erhalten h&auml;tte, wankte und streckte den Arm aus.
+Borromeo verdrehte &auml;ngstlich die Augen und wollte
+sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und
+verlie&szlig; den Raum.</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Neunundfuenfzigstes_Kapitel" id="Neunundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Neunundf&uuml;nfzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Drau&szlig;en &uuml;berfiel ihn eine bet&auml;ubende Schlafsucht.
+Er taumelte in das Zimmer, das Ursula inzwischen
+notd&uuml;rftig f&uuml;r ihn hergerichtet hatte, warf
+sich auf die nackte Matratze und schlief ein.</p>
+
+<p>Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte
+Licht zu machen, fand aber weder Streichh&ouml;lzer, noch
+<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369"></a>[369]</span>Kerze. Er tastete sich, nachdem er den Mantel umgeworfen
+hatte, in den Flur, fand aber die Haust&uuml;re
+versperrt. Er &uuml;berlegte, ob er Ursula wecken solle;
+er lehnte die Stirn an die kalte Mauer, und feurige
+Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. In
+seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten.
+Wenige Minuten, und er kehrte zur&uuml;ck und
+stieg durch das Fenster in den Hof, zog vor dem
+frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest &uuml;ber
+der Brust zusammen, und bald hatte er das Haus
+weit im R&uuml;cken.</p>
+
+<p>Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so
+ging, schien es, als suche er auf dem Boden etwas,
+das ihm geh&ouml;rte. Mit feuchten Augen blickte er in
+das Dunkel und rief pl&ouml;tzlich aus: &raquo;Bezahlen! das
+ist das gro&szlig;e Wort, bezahlen!&laquo;</p>
+
+<p>Auf einer h&uuml;geligen Erhebung des Bodens blieb
+er stehen. Fern, hinter dem fernsten Waldrand
+gl&uuml;hte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
+dort zu w&uuml;ten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck
+sah mehr wie das ge&ouml;ffnete Tor zu einer unbekannten
+Welt aus. Arnold sp&uuml;rte, wie eine geistergleiche
+Hand Tr&uuml;bes und Ungleiches aus seinem
+Innern entfernte und wie das ungeduldig pochende
+Herz sich ausdehnte und freier zu schlagen begann.
+Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt
+es sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren,
+ob das Schlechte nicht wiederkommt. Nicht darf man
+sich betr&uuml;gen und glauben, ein neues Leben ist da,
+wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie
+sehr ich vergessen kann, das hat sich gezeigt. Wenn
+<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370"></a>[370]</span>ich das Gute und Gro&szlig;e vergessen konnte, um wie
+viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
+Leicht ist es, sich selber zu betr&uuml;gen und zu
+glauben, du bist besser geworden, nur weil du gesehen
+hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe ich
+nicht erf&uuml;llt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist
+auf ewig verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtm&auml;&szlig;ig,
+gl&uuml;cklich werden zu wollen, wenn man
+schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
+dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich
+werfen, &#8211; was mu&szlig; ich also tun, damit Gerechtigkeit
+entsteht?</p>
+
+<p>Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war
+ihm, als k&ouml;nne ihn die Erde nicht l&auml;nger tragen.
+Schauer auf Schauer &uuml;berflutete ihn. Undeutlich
+und fieberhaft zuerst, dann, indem die W&ouml;lbung
+seiner Brust und seiner Stirne sich furchtbar spannten,
+erst Gedanke, dann Gef&uuml;hl, dann zusammenrauschend
+und -st&uuml;rzend, erhob sich eine Stimme wie der Fl&uuml;gelschlag
+eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du
+nicht mehr bist, wird auch dein &Uuml;bel nicht mehr sein;
+erst aus der s&uuml;hnenden Tat erwacht das Bessere wieder!</p>
+
+<p>Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in
+den Sand, Wange und Kinn wurden von einem
+Strauch geritzt, Kr&auml;mpfe durchzuckten seinen K&ouml;rper.
+Wann hat es begonnen? gr&uuml;belte er; an welchem
+Tag, zu welcher Stunde? Langsam hat mich ein
+Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es,
+mich m&uuml;de und faul zu machen. Eingeschl&auml;fert hat
+es mein Herz und dann entzwei gerissen. Bezahlen
+mu&szlig;t du, Arnold, bezahlen!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371"></a>[371]</span>Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein
+ganzes Wesen empor, gesammelt, friedlich und fest.
+Er war sich selber dankbar, und als ob er in einer
+dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit
+einem kleinen Teil seiner Sinne gelebt h&auml;tte, <em class="gesperrt">f&uuml;hlte</em>
+er sich jetzt, f&uuml;hlte er klar und leicht den menschlichen
+Sieg &uuml;ber die ungef&auml;hren, blind niederrei&szlig;enden
+Schicksalsm&auml;chte.</p>
+
+<p>Der &ouml;stliche Himmel kam ins Gl&uuml;hen. Mit einem
+seltsam k&uuml;hlen und heiteren L&auml;cheln setzte Arnold
+seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt das Auseinanderflie&szlig;en
+der flammenden Cirrusw&ouml;lkchen und
+wie der Himmel mit jeder Minute klarer und strahlender
+wurde, als h&auml;tte ihn eine verborgene Quelle mit
+Bl&auml;ue &uuml;bergossen. Die Luft war frisch und d&uuml;nstelos.
+Als Arnold nach Podolin kam, war es schon
+ziemlich weit im Vormittag, aber die H&auml;user sahen
+aus, als l&auml;gen sie noch im Schlaf.</p>
+
+<p>Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold
+stehen und betrachtete die ausgeh&auml;ngten Flinten und
+Hirschf&auml;nger. Die Werkstatt lag einige Treppen
+tiefer als die Stra&szlig;e. Arnold ging hinunter und
+verlangte einen Revolver. Er w&auml;hlte eine billige
+und gew&ouml;hnliche Waffe, bezahlte den geringen Preis
+und empfahl sich freundlich. Er schritt den H&uuml;gel
+hinan, kam wieder in die freie Landschaft und sah
+pl&ouml;tzlich hinter dem Zaun ihres G&auml;rtchens Agnes
+Hanka. Sie sch&uuml;ttelte Zwetschgen von den B&auml;umen
+und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt,
+als sie freudig winkend zum Pf&ouml;rtchen schritt und
+ihm sch&uuml;chtern l&auml;chelnd die Hand reichte. &raquo;Ich wei&szlig;,
+<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372"></a>[372]</span>da&szlig; Sie mit Alexander befreundet sind,&laquo; sagte sie,
+&raquo;da sind Sie also auch mein Freund.&laquo;</p>
+
+<p>Arnold err&ouml;tete. Er begriff in diesem Augenblick,
+was ihn und Hanka auseinandergerissen hatte. Kopfsch&uuml;ttelnd
+antwortete er: &raquo;Hanka und ich sind Freunde
+gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.&laquo;
+Agnes l&auml;chelte, wie Frauen &uuml;ber M&auml;nnerumtriebe zu
+l&auml;cheln pflegen. Sie nahm es nicht recht ernst. Indem
+sie offen in Arnolds frisches und von innen
+strahlendes Gesicht blickte, welches keine &Uuml;bern&auml;chtigkeit
+zeigte, lud sie ihn zu einem Butterbrot und einem
+Glas Wein ins Haus. Sie w&uuml;nschte stets zu geben;
+da dies f&uuml;r sie am leichtesten und unverf&auml;nglichsten
+war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer
+ihres Herzens.</p>
+
+<p>Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an.
+Alsbald setzte Agnes Brot, Schinken, Butter, Honig
+und eingemachte Fr&uuml;chte vor ihn hin, r&uuml;ckte einen
+Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah ger&uuml;hrt
+und dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie
+hatte seit langer Zeit keinen Gast mehr in ihrem
+Hause gehabt. Arnold erz&auml;hlte mit Vorsicht von
+Hanka, denn er erinnerte sich, da&szlig; er gewisse Geheimnisse
+vor Agnes nicht preisgeben d&uuml;rfe. Als er
+genug gegessen, getrunken und erz&auml;hlt hatte, erhob
+er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.</p>
+
+<p>In ziemlich weitem Bogen f&uuml;hrte sein Weg gegen
+den Ansorge-Hof. Als er das Haus betrat, erfuhr
+er von Ursula, da&szlig; um sieben Uhr morgens ein Arzt
+und ein W&auml;rter angekommen seien und schon zwei
+Stunden sp&auml;ter seien Borromeo und Christian mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373"></a>[373]</span>jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte zusammen,
+als er dies vernahm, wie wenn sich l&auml;ngstvergessenes
+Unheil wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber
+dies war nur ein letztes Gedenken. Ruhig wanderte
+er eine Zeit &uuml;ber im Hof auf und ab. Dann trat
+er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen
+Papiers aus der Lade, wo dergleichen verwahrt
+wurde, setzte sich nicht ohne Umst&auml;ndlichkeit an einen
+Tisch und schrieb: &raquo;Der Ansorge-Hof f&auml;llt nach
+meinem Tode mit allem beweglichen und unbeweglichen
+Gut an unsere alte Dienerin Ursula K&auml;mmerer.
+Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
+liegendes Barverm&ouml;gen im Betrage von
+achtmalhundertvierzigtausend Gulden laut Kontokorrent
+vom 1. Juli <em class="antiqua">a.&nbsp;c.</em> vermache ich meinem
+Freunde, dem Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut,
+zurzeit in Graz. Er soll es auf eine solche
+Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen
+Gespr&auml;chen oft aufgestellten Ideal angemessen
+ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem Bewu&szlig;tsein meiner
+selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
+niedergeschrieben zu Podolin in M&auml;hren, am 27. Oktober.
+Arnold Ansorge.&laquo;</p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Sechzigstes_Kapitel" id="Sechzigstes_Kapitel"></a>Sechzigstes Kapitel</h3>
+
+
+<p class="newsection">Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das
+Haus verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Er ging ein St&uuml;ck am Flu&szlig; entlang, bis er zu
+einem verwahrlosten H&uuml;ttchen kam. Am Ufer hockten
+<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374"></a>[374]</span>ein Mann und ein Weib und flickten Netze. Im
+Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute
+um das Fahrzeug; er wolle nur bis zum Wald hinunter
+rudern. Zugleich gab er dem Mann ein Guldenst&uuml;ck
+und stieg ein. Stehend, mit der Stange stie&szlig;
+er das Boot flu&szlig;abw&auml;rts, wobei er lange Ruhepausen
+machte, um den strahlenden Himmel oder
+sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten.
+Es schien ihm, als gleite er zwischen zwei
+Himmeln dahin.</p>
+
+<p>An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald
+an beiden Ufern dicht zum Wasser trat, legte Arnold
+an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
+Blicke fielen auf das hellgr&uuml;ne Moos, den Bl&auml;tterteppich,
+die glitzernden Gr&auml;serspitzen, das M&uuml;ckengewimmel
+in der wei&szlig;lichen Luft, durch gelbe und
+goldene Sonnenstrahlen schie&szlig;end. Er horchte auf
+das feine Sausen des Windes hoch in den Kronen,
+auf vielf&auml;ltige, schl&auml;frige, halberstorbene Laute,
+Zweigeknacken, Bl&auml;tterrascheln, das Flattern kleiner
+V&ouml;gel. Die meisten Str&auml;ucher waren schon kahl;
+auf einem kleinen Wiesenst&uuml;ck standen Hunderte
+violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des Forstes
+ert&ouml;nte Hundegekl&auml;ff, dann ebenso fern das Knallen
+einer Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel
+zwischen den St&auml;mmen empor.</p>
+
+<p>Die Sonne war am Sinken. R&ouml;tlich zitterten die
+Tannennadeln in der Luft. Der Himmelsausschnitt,
+den eine Lichtung wahrnehmen lie&szlig;, ver&auml;nderte sein
+sattes Tiefblau ins Gr&uuml;nlich-Violette. Arnold legte
+sich auf eine Schicht von braunem Nadelwerk. Mit
+<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375"></a>[375]</span>der Hand haschte er nach den F&auml;den des Altweibersommers,
+die ihn umschwebten. Vertieft blickte er
+dann auf einen Ameisenzug neben seiner Schulter,
+und er f&uuml;hlte sich klein wie eine Grille und betrachtete
+liebend diese Welt der Ameisen und den Wald der
+Gr&auml;ser von unten und innen. Seine Z&uuml;ge wurden
+noch ruhiger als bisher, aber auch ernster. Er r&uuml;ckte
+ein wenig hinauf, um sich bequem an den dicken
+Stamm der F&ouml;hre lehnen zu k&ouml;nnen, die von allen
+ringsum am h&ouml;chsten ragte, als erste das Abendrot
+an ihrer Spitze auffing und im Osten zugleich den
+Mond begr&uuml;&szlig;te. Arnold pfl&uuml;ckte einen Grashalm
+und zog ihn l&auml;chelnd durch den Mund, so da&szlig; die
+tauige Feuchtigkeit seine Lippen erfrischte. Dann
+&ouml;ffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver
+aus der Tasche und dr&uuml;ckte die Laufm&uuml;ndung fest
+gegen die linke Brust.</p>
+
+<p class="ende"><em class="gesperrt">Ende</em></p>
+</div>
+
+<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376"></a>[376]</span>[Blank Page]</p> -->
+
+<div class="advertisements">
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377"></a>[377]</span></p>
+<p class="noindent">Von <em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em> ist im gleichen Verlag erschienen:</p>
+
+<ul>
+<li>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. <span class="smaller">Roman. 9. Auflage.</span></li>
+<li>Die Juden von Zirndorf. <span class="smaller">Roman. Neubearbeitete Ausgabe.</span></li>
+<li>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund. Hilperich. <span class="smaller">Novellistische Studien.</span></li>
+<li>Alexander in Babylon. <span class="smaller">Roman. Dritte Auflage.</span></li>
+<li>Die Schwestern. <span class="smaller">Drei Novellen. Dritte Auflage.</span></li>
+</ul>
+
+<p class="noindent">Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:</p>
+
+<ul>
+<li>Caspar Hauser oder die Tr&auml;gheit des Herzens. <span class="smaller">Roman. 6. Aufl.</span></li>
+</ul>
+
+<h2>Die Juden von Zirndorf</h2>
+
+<h3>Roman. Neubearbeitete Ausgabe
+Geh. M.&nbsp;4.&#8211;, geb. M.&nbsp;5.&#8211;</h3>
+
+
+<p>Der Verfasser der &raquo;Geschichte der jungen Renate Fuchs&laquo;,
+Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen
+Roman &raquo;Die Juden von Zirndorf&laquo; in einer neubearbeiteten
+Ausgabe herausgegeben, der die K&uuml;rzungen trefflich zustatten
+gekommen sind. Ein merkw&uuml;rdiger Roman, diese &raquo;Juden von
+Zirndorf&laquo;. Kaum je hat ein j&uuml;discher Poet seinen Glaubensgenossen
+und &uuml;ber das Judentum der Gegenwart &uuml;berhaupt
+sch&auml;rfere und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in
+diesem Buche. Die besten Eigenschaften des j&uuml;dischen Volkes
+erscheinen in ihm selbst verk&ouml;rpert, vor allem der kritisch-skeptische
+Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet
+sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als
+sinnlich gl&uuml;hende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen
+&raquo;Vorspiel&laquo; des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des
+merkw&uuml;rdigen Messias Sabbatai Zewi verkn&uuml;pfte Judenverfolgung
+im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine gl&auml;nzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den
+Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte
+der &raquo;Juden von Zirndorf&laquo;, in denen ein begabter J&uuml;ngling
+Agathon, in dem das edelste Judentum verk&ouml;rpert ist, die
+von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch einen
+Mord an seinem Peiniger r&auml;cht. Dennoch beweist der Dichter
+sowohl in der reichen F&uuml;lle feingezeichneter Charaktere als
+im Gange der Handlung die vollkommenste Objektivit&auml;t.</p>
+
+<p class="right">(Neue Z&uuml;rcher Zeitung)</p>
+
+<p>Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste
+Buch Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage,
+in einer tiefen und nachsp&uuml;renden Weise dargestellt, reizt das
+aktuelle Interesse. Dabei ist der Verfasser, selbst ein Jude,
+<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378"></a>[378]</span>voll klarer Einsicht in die Dinge und steht, soweit das &uuml;berhaupt
+m&ouml;glich ist, &uuml;ber ihnen. Das Buch geh&ouml;rt nach Form
+und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der
+deutschen Literatur der letzten Jahre.</p>
+
+<p class="right">(Arbeiterzeitung, Wien)</p>
+
+
+<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2>
+
+<h3>Roman. Neunte Auflage. Geh. M.&nbsp;6.&#8211;, geb. M.&nbsp;7.50</h3>
+
+<p>Jedes gro&szlig;e, befreiende Buch mu&szlig; ein Buch der Erl&ouml;sung
+und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erl&ouml;sung
+der Frauen, &raquo;die alten sinnlichen Vorurteilen zu mi&szlig;trauen
+beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben
+und nicht l&auml;nger leibeigen sein wollen&laquo;. &#8211; Seit dem &raquo;Gr&uuml;nen
+Heinrich&laquo; Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter
+und tiefsinniger Roman erschienen.</p>
+
+<p class="right">(Die Zukunft)</p>
+
+<p>Ernsthafte Kritiker werden nach sorgf&auml;ltiger Registrierung
+aller Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem
+Studium aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen
+auf Eid und Gewissen versichern d&uuml;rfen, da&szlig; es sich
+bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein bedeutendes
+dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem
+jedes Kapitel ein vollg&uuml;ltiger Beweis intimster Empfindung
+und feinster Erkenntnis der menschlichen Natur sei.</p>
+
+<p class="right">(Berliner Tageblatt)</p>
+
+<p>Ein subjektives Entz&uuml;cken ist es eigentlich, das an dieses
+Buch fesselt. Ein subjektiver, m&auml;nnlich empfundener Frauenroman
+&#8211; damit kann man das Buch literarisch kennzeichnen.
+Ich halte es f&uuml;r ein Ereignis. Bei Wassermanns Darstellungskunst
+im einzelnen kann ich nicht lange verweilen. Seiner Art
+von psychologischer Dialektik widersteht man nicht: sie r&uuml;hrt
+ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine Erfindung
+im kleinen, im Zusammenh&auml;nge-Schaffen und Verweben
+von Motiven ist f&uuml;r den mitstrebenden Arbeitsgenossen
+bewundernswert. Und seine Sprache, das eigentlich Sch&ouml;nste
+<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379"></a>[379]</span>und Phantasievollste an ihm, w&auml;chst aus schlichtesten Einzelheiten
+zu wundervollen Wirkungen. Durch den deutschen
+Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande
+unserer Kunst nun jahrelang ges&auml;t worden, Wassermanns
+Roman ist reiche Ernte.</p>
+
+<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p>
+
+
+<h2>Der niegek&uuml;&szlig;te Mund &#8211; Hilperich</h2>
+
+<h3>Novellistische Studien. Geh. M.&nbsp;2.&#8211;, geb. M.&nbsp;3.&#8211;</h3>
+
+<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erz&auml;hlungskunst
+eine mehr als respektable H&ouml;he erreicht. Es sind belletristische
+Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit,
+wie wir ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele
+besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute
+Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verh&auml;ltnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng
+die Linie flie&szlig;t, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten
+sich verhalten, Ausf&uuml;hrung und Andeutung zueinander stehen
+&#8211; alles das verr&auml;t einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand
+und ungemein viel Talent. In dieser Hinsicht w&auml;ren
+nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, da&szlig; man sie
+verschweigen darf und erkl&auml;ren: der k&uuml;nstlerisch Genie&szlig;ende,
+der Kenner, wird hier sein volles Gen&uuml;gen finden.</p>
+
+<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p>
+
+
+<h2>Alexander in Babylon</h2>
+
+<h3>Roman. Dritte Auflage. Geh. M.&nbsp;3.50, geb. M.&nbsp;4.50</h3>
+
+<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von
+Alexanders R&uuml;ckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode
+wird uns erz&auml;hlt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer
+Ausmalung und mit ebenso k&uuml;hner als intensiver Psychologie.
+So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman,
+und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der
+Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische
+Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380"></a>[380]</span>sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie
+durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung.
+Es geh&ouml;rt zu unsern sch&ouml;nsten deutschen Prosab&uuml;chern. Manche
+Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf
+solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p>
+
+<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p>
+
+<p>Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes
+ein Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt &uuml;ber die
+meisten historischen Romane alten Stiles.</p>
+
+<p class="right">(Kreuzzeitung, Berlin)</p>
+
+<p>... Da&szlig; man sich ja nicht durch die Erinnerung an die
+&auml;gyptischen Romane von Ebers oder an die V&ouml;lkerwanderungsromane
+von Felix Dahn abschrecken lasse, diesen &raquo;Alexander
+in Babylon&laquo; zu lesen. Hier gibt es keine in Griechen oder
+Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, wenn
+man es nicht ohnehin sp&uuml;rt, in Plutarchs &raquo;Alexander&laquo; nachzulesen,
+um alsobald zu begreifen, da&szlig; Wassermann die antike
+Welt gleichsam in seine Seele hineingegl&uuml;ht hat, etwa so, wie
+es in neuerer Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in
+seinem Drama &raquo;Elektra&laquo; tat.</p>
+
+<p class="right">(Berner Bund, Bern)</p>
+
+<p>&raquo;Nach Babylon!&laquo; Der blo&szlig;e Name versetzte die S&ouml;ldner
+in Entz&uuml;cken. Der wei&szlig; nichts von irdischer Gl&uuml;ckseligkeit, hie&szlig;
+es unter ihnen, der nichts von Babylon wei&szlig;. Und auch uns
+versetzt der Name dieser gro&szlig;en Stadt in Entz&uuml;cken, erinnern
+wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, so intensiv, so
+herrlich, so bet&ouml;rend ist uns Babel, f&uuml;r das das Neue Testament
+nicht genug ver&auml;chtliche Ausdr&uuml;cke finden konnte, geschildert
+worden. Babylon &#8211; das ist das Leitmotiv dieses
+Buches, die goldene, unerme&szlig;lich gro&szlig;e, an Freuden nie auszusch&ouml;pfende.
+Und oft scheint es sogar, als ob auch Alexander
+nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag dazu doch eine
+zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich auseinandersetzen
+mit einer solchen herrlichen, die Zeiten &uuml;berdauernden
+Pers&ouml;nlichkeit. Und wie er&#8217;s getan, das ist bewunderungsw&uuml;rdig.</p>
+
+<p class="right">(Neue Hamburger Zeitung)</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381"></a>[381]</span>... So mu&szlig; Alexander der Gro&szlig;e, der Bezwinger des
+Orients, gewesen sein, so mu&szlig; er, als der Traum der Weltherrschaft
+ihn packte und er sich g&ouml;tterhoch &uuml;ber die Mitmenschen
+erhoben d&uuml;nkte, Menschenverachtung und br&uuml;tende Einsamkeit
+umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er liebte und
+denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem
+Pinsel eines echten K&uuml;nstlers malt, mu&szlig; die Glut des Orients
+gebrannt haben; so mu&szlig; die Farbenpracht Indiens und die
+Gr&ouml;&szlig;e Babylons, die ber&uuml;ckende Sch&ouml;nheit der Frauen Persiens
+und Indiens, die Idee, die Welt den mazedonischen Waffen
+zu F&uuml;&szlig;en zu legen, auf die M&auml;nner, die Alexander umgaben
+und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
+erheben sich zu ersch&uuml;tternder Kraft, man h&ouml;rt die
+Herzen gegen die Rippen pochen, die Leidenschaften w&uuml;ten
+und emporz&uuml;ngeln und steht starr und von Grauen &uuml;berw&auml;ltigt
+vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar finsteren
+Verh&auml;ngnisses.</p>
+
+<p class="right">(D&uuml;na-Zeitung, Riga)</p>
+
+
+<h2>Die Schwestern</h2>
+
+<h3>Drei Novellen. Dritte Auflage.
+Geh. M.&nbsp;2.&#8211;, geb. M.&nbsp;3.&#8211;</h3>
+
+<p>In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten
+Jakob Wassermanns verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in
+der Art seines k&uuml;nstlerischen Schaffens, seiner k&uuml;nstlerischen Anschauungen
+vor sich gegangen. Dieses stete Sichgleichbleiben in
+der Auffassung von Menschen und Dingen, Belebtem und Unbelebtem
+verr&auml;t, da&szlig; die melancholisch-d&uuml;stere, manchmal seltsame
+und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
+wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt,
+nicht anempfunden und verlogen ist. Pseudok&uuml;nstler lieben
+es aus gutem Grunde, Masken zu tragen, die ihr wahres
+Antlitz verbergen sollen; unwillk&uuml;rlich aber f&auml;llt zuweilen die
+Larve und offenbart die uninteressanten Z&uuml;ge eines vermummten
+Bluffers.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382"></a>[382]</span>Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen
+Sch&ouml;pfungen, in Wesentlichem wie Unwesentlichem, Gro&szlig;em
+wie Kleinem stets sich gleich geblieben ist, gibt wohl das
+wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, nicht ein geputztes
+und geschminktes. So stammt also das Verschleierte und
+Nebulose, das R&auml;tselhafte und Versteckte, das &Uuml;berreizte und
+Nerv&ouml;se, das vielen Figuren seines k&uuml;nstlerischen Schaffens so
+sehr eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht
+in voller Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in
+der er sich individuell mit Menschen und Menschenwerk alter
+und neuer Zeit psychisch abfindet. Alter Zeit, der die exotischen
+Naturen seiner Novellen &raquo;Schwestern&laquo; und des Vorspiels
+der &raquo;Juden von Zirndorf&laquo; angeh&ouml;ren, neuer Zeit, in der
+die &raquo;Juden von Zirndorf&laquo; selbst und die Fortsetzung dieses
+Romanes, die &raquo;Geschichte der jungen Renate Fuchs&laquo; spielen.
+Die sonderbaren Erlebnisse der &raquo;Schwestern&laquo; zu erz&auml;hlen, die
+fremdartig anmutenden Frauen Johanna, Sara und Clarissa
+kritisch zu analysieren, sei &auml;ngstlich und mit Absicht vermieden:
+solch Unterfangen hie&szlig;e mit plumper Hand eingreifen in ein
+wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie&#8217;s nur
+ein Meister dunkler K&uuml;nste zu dichten vermag. Aber angemerkt
+sei, da&szlig; auch in diesem neuen Werke die seelische Eigenart
+Wassermanns, die zehn Jahre vorher schon im Erstlingswerke
+des Jugendlichen, den &raquo;Juden von Zirndorf&laquo;, so deutlich
+f&uuml;hlbar ward, in unverminderter St&auml;rke in Erscheinung tritt;
+da&szlig; nach wie vor unersch&ouml;pft geblieben ist die Gabe, in unserer
+schweren deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der
+schwerm&uuml;tigen und gepeinigten Seele wiederzugeben, und die
+Gabe, mit feinem, mit feinstem Striche die phantastische Silhouette
+fl&uuml;chtig vor&uuml;berhuschender, eilig wieder auftauchender
+Menschen festzuhalten.</p>
+
+<p class="right">(Allgemeine Zeitung, M&uuml;nchen)</p>
+
+<p>Die Heldinnen dieser Novellen geh&ouml;ren zu jenen gl&uuml;cklichen,
+ungl&uuml;cklichen Gesch&ouml;pfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine
+Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu
+neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es,
+aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse
+des Lebens herauszulesen. Gl&auml;nzen uns hier nicht Sch&ouml;nheiten
+<span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383"></a>[383]</span>entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege vergeblich
+suchen? &Ouml;ffnet sich hier nicht dem Blick ein neues Leben,
+viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde
+Schw&auml;rmerei ist das Buch, in den T&ouml;nen lieblicher Inbrunst
+gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehns&uuml;chten
+und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um es nicht mehr zu
+vergessen.</p>
+
+<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p>
+
+<p>Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tats&auml;chlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam
+geschliffenen Wortpr&auml;gungen spezifisch Wassermannscher
+Art. Nur einem kabbalistischen Gr&uuml;belsinn, einer so hei&szlig;en
+Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen,
+die Verr&uuml;cktheiten der kastilischen Isabella so tief
+poetisch m&auml;rchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch
+konstruierten Kriminalf&auml;llen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterstr&ouml;mungen so hervort&ouml;nen zu lassen. &#8211;
+Das historische Vorspiel der &raquo;Juden von Zirndorf&laquo;, &raquo;Alexander
+in Babylon&laquo; und diese drei Novellen bezeichnen f&uuml;r mich
+bisher die H&ouml;hepunkte im Schaffen Jakob Wassermanns.</p>
+
+<p class="right">(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)</p>
+
+<p>Diese Geschichten, die etwas Legend&auml;res an sich haben, sind
+erf&uuml;llt von einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas
+Grauenhaftes webt in ihnen, das uns bannt, und wir sp&uuml;ren
+F&auml;den aus fernen Welten, die wir ahnen, aber nicht kennen.
+Die Novellen sind vorgetragen in einem ruhigen, k&uuml;hlen, klaren,
+ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas Prezi&ouml;ses an
+sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich verbirgt.
+Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben
+ist nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur geb&auml;ndigt; der Autor
+steht &uuml;ber dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz
+spricht als vielmehr sein k&uuml;nstlerisches Bewu&szlig;tsein. Diese drei
+Frauengestalten stehen wie ein paar alte, goldtonige Gem&auml;lde
+vor uns.</p>
+
+<p class="right">(Rheinisch-Westf&auml;lische Zeitung, Essen)</p>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt eine Auflistung aller
+gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_82">S. 082</a>: [Komma entfernt] als f&uuml;rchtete er sie zu zerzausen.,</li>
+<li><a href="#Page_90">S. 090</a>: tyranischem &Uuml;bereinkommen &rarr; tyrannischem</li>
+<li><a href="#Page_102">S. 102</a>: [evtl.: &raquo;Mundwinkeln&laquo;] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.</li>
+<li><a href="#Page_125">S. 125</a>: [Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] &raquo;Wir k&ouml;nnen uns auf einen gro&szlig;en</li>
+<li><a href="#Page_126">S. 126</a>: [vereinheitlicht] darauf l&auml;chelte auch Emmerich Hyrtl &rarr; Emerich</li>
+<li><a href="#Page_131">S. 131</a>: kann kein Schlacht gewinnen &rarr; keine</li>
+<li><a href="#Page_144">S. 144</a>: Hals verschwand im Pelz der Mantels &rarr; des Mantels</li>
+<li><a href="#Page_148">S. 148</a>: [Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] ist dem Teufel zu schlecht.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_215">S. 215</a>: einen Salon, in welchen die Sessel &rarr; welchem</li>
+<li><a href="#Page_226">S. 226</a>: zwei Billete zum Konzert &rarr; Billette</li>
+<li><a href="#Page_237">S. 237</a>: [Punk erg&auml;nzt] und darauf sitzenbleiben.</li>
+<li><a href="#Page_255">S. 255</a>: [Anf&uuml;hrungszeichen erg&auml;nzt] da&szlig; du mich liebst&laquo;,</li>
+<li><a href="#Page_286">S. 286</a>: die Augen vor Erstauen herausfallen &rarr; Erstaunen</li>
+<li><a href="#Page_295">S. 295</a>: [Anf&uuml;hrungszeichen] eine Schulter.&laquo; Sie haben &rarr; Schulter. &raquo;Sie</li>
+<li><a href="#Page_323">S. 323</a>: es war ihn dabei zumut &rarr; ihm</li>
+<li><a href="#Page_324">S. 324</a>: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit &rarr; in</li>
+<li><a href="#Page_337">S. 337</a>: &raquo;Glaubst du, ich rechne auf dich&laquo;? &rarr; dich?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_339">S. 339</a>: Ich wolle doch einmal sehen &rarr; wollte</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from scans of a third
+and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
+lists all corrections applied to the original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_82">p. 082</a>: [removed extra comma] als f&uuml;rchtete er sie zu zerzausen.,</li>
+<li><a href="#Page_90">p. 090</a>: tyranischem &Uuml;bereinkommen &rarr; tyrannischem</li>
+<li><a href="#Page_102">p. 102</a>: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.</li>
+<li><a href="#Page_125">p. 125</a>: [added quote] &raquo;Wir k&ouml;nnen uns auf einen gro&szlig;en</li>
+<li><a href="#Page_126">p. 126</a>: [normalized] darauf l&auml;chelte auch Emmerich Hyrtl &rarr; Emerich</li>
+<li><a href="#Page_131">p. 131</a>: kann kein Schlacht gewinnen &rarr; keine</li>
+<li><a href="#Page_144">p. 144</a>: Hals verschwand im Pelz der Mantels &rarr; des Mantels</li>
+<li><a href="#Page_148">p. 148</a>: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_215">p. 215</a>: einen Salon, in welchen die Sessel &rarr; welchem</li>
+<li><a href="#Page_226">p. 226</a>: zwei Billete zum Konzert &rarr; Billette</li>
+<li><a href="#Page_237">p. 237</a>: [added period] und darauf sitzenbleiben.</li>
+<li><a href="#Page_255">p. 255</a>: [added quote] da&szlig; du mich liebst&laquo;,</li>
+<li><a href="#Page_286">p. 286</a>: die Augen vor Erstauen herausfallen &rarr; Erstaunen</li>
+<li><a href="#Page_295">p. 295</a>: [fixed quote] eine Schulter.&laquo; Sie haben &rarr; Schulter. &raquo;Sie</li>
+<li><a href="#Page_323">p. 323</a>: es war ihn dabei zumut &rarr; ihm</li>
+<li><a href="#Page_324">p. 324</a>: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit &rarr; in</li>
+<li><a href="#Page_337">p. 337</a>: &raquo;Glaubst du, ich rechne auf dich&laquo;? &rarr; dich?&laquo;</li>
+<li><a href="#Page_339">p. 339</a>: Ich wolle doch einmal sehen &rarr; wollte</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
+***** This file should be named 20413-h.htm or 20413-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+States.
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
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+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
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+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
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+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
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+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
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+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
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index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #20413 (https://www.gutenberg.org/ebooks/20413)