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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:22:59 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Moloch + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading +Team at http://www.pgdp.net + + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + + + + + + + + + + + Der Moloch + + Roman + von + + Jakob Wassermann + + + Dritte und vierte Auflage + neu bearbeitet + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1908 + + + +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + + + + +Frau Ansorge + + +Erstes Kapitel + + +Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde +zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das +Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den +weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den +weißgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum +Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die +Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das +überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot +über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn +unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein +schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluß zwingt, ihm in +weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter +abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluß +herangebaut, so daß die Hauptstraße des Dorfs nahezu die Gestalt eines +#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu +reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint. + +Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser, +öder Erdstrich. Nur ein großer Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm +strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus. + +Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an +welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von +der Ostrauer Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer +Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der +damalige Bürgermeister hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der +seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde +gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch +unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu +verändern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zäune +aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der +Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft +und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach. + +Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen +gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. +Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden +geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred +Ansorge war einer der großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers +gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen großen +Teil des Jahres in der traurigen, rußigen Stadt zuzubringen, aber desto +schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf +Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie, +Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die +Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei +Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein +falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien +kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem +entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum +Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter +eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt +zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen +zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verließ gelegen, das +Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch was mit dem +Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden +und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr +aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des +Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der +Eisdecke des Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form +des Lebens zu. + +Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die +Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den +Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äußerlich +ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschäften zu befassen und +bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte +Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle +liegenden Gründe veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu +übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr +beeinflußt hatte. + +Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat +keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie +haßte alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf +Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren +Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern +mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder +den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Straße +ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand +oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen. + +In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines +schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die +beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine +unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und +unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner +Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts +von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige +Geselligkeit entsteht. + +Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches +Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen +stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute +auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht +ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn für +die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals und auch später nicht +das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein durchaus +unrechtmäßiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem +Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen +Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte, +zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die +er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den +Plagegeist los und biß und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich +mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine +verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewußtsein der +Körperkraft entsprang und gar possierlich wirkte. + +Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang. +Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die +Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie +selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin +unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und +so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den +niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu +lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß +er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte +keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher +Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt +gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie. + +In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an +ihm eine unruhige Überschwänglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur +im Innersten fremd war. Da kam es vor, daß er während einer ganzen +Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in +die Erde hinein horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der +Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst +am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren, +was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte +er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen, +dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Straße erschienen waren. + +Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein +Gegenteil, so daß Arnold den Eindruck eines mürrischen und +phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung, +ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer und Winter und wieder Sommer und +Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der +Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der +Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und +schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen +ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine +geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land, +nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der +Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war +nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr +eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den +kurzen Gesprächen mit ihr gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm +nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum +ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen +geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, daß +Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern auch die Frau in +ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich +untergeordnet glaubte. + +Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium +für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch +körperliche Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien gefunden. +Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit +ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem +Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für +dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergaß er doch niemals den +herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes +Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die +schweißbedeckte dampfende Haut. + +Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches +Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es, +als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang +zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen +Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten. + +Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die +neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie, +frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hieß Salscha. Als +Arnold sie gewahrte – sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre +Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes – da besann er sich +lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelände und blinzelte mit den +Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel +Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben +wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus, +als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmäßig +vorenthalten war. Die Magd lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf +Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und +Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr +nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter +der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung +zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm, +verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm +nichts mehr denn ein leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken +müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde +wieder ruhig. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn +und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände +glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam +entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise +sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem +Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und +plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen +den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit +zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen. + +An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den +Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich +langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen +leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob +sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den +flammenden Himmel. + +Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen +bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen. +Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und +verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute, +kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen +die Richtung nach dem Dorf ein. + +Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau +Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte +wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig, +»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des +verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt. +Hanka heißen sie.« + +Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch. +Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter +durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer +Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und +Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu +Gesicht bekam. + +Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim +Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt +und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er +lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker +hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu +beobachten fähig ist und sich dessen freut. + +Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist +sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die +Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er. + +»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?« +Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu +allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel +reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits +betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm +zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und +zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft. + +Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen +fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer +leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte +sich galant und wünschte gute Nacht. + + + + +Drittes Kapitel + + +Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet +war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er +liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und +-frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder +wurden zur Tränke geführt, und sie blökten freundlich. + +Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer +Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken. +Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der +Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch +sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen. + +Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn und Glatze, die trotz +des kühlen Morgens schon schweißbedeckt waren, mit einem blauen Tuch +trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck +eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing, +mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte +seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig und ging. + +Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh’ jetzt ins Dorf.« + +Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt +atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich +gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege +lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß, +dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels +wiedergab. + +Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig, +entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den +Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das +Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar +wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den +jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen +Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die +Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und +Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein +bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn +hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob +beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche. + +»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd’ +ich Ihnen verklagen bei Gericht.« + +Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen +Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen +beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand. + +Elasser wurde erregt. »Ich fürcht’ mich nicht vor Ihrem Hund,« +antwortete er. »Ich fürcht’ mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich +mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ hat +sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen +kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an +Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz +herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte +Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn +gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um +seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und +zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur +Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte +Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den +Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf +duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos +zusammenschrumpfte. + +Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen +haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem +Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind +da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden. + +Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold +auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die +blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als +sei der Sonnenschein trüber geworden. + +Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus +entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf +Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut. +Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine +Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein +wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein +Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere +Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er +darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich +zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold +betraf. + +»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte +er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?« + +Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft. + +»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?« +meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?« + +»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!« + +»Waren Sie nie in der Stadt?« + +»Nein.« + +»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein +Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei +einem Städter. Sehr merkwürdig!« + +»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold. + +»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie +die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor. +Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich +sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater, +Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale +Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht +vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie +mir.« + +Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er +seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend +und verständnislos anschaute. + +Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine +Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und +neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine +Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den +Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet +hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und +ging dem Lehrer entgegen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der +Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das +Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht +das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß +kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den +schlesischen Wäldern lag ein Wetter. + +Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn, +was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel +auf ihn. + +Arnold brummte etwas vor sich hin. + +Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde +er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können. + +»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf. + +Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh +und zu Ostern schlachten sie Christenkinder. + +»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun +Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht +bekommen.« + +»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte +Salscha. + +Arnold zuckte die Achseln und schwieg. + +Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den +Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit +war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht. +Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie +nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr +gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen. + +Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den +Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er +schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau +Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie +fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes. + +Aber die Wolken verzogen sich wieder. + +Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit +allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt +vorgeschwärmt habe. + +Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie; +»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.« + +Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein +Regenbogen stand. + +»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie. + +Arnold trat an ihre Seite. + +»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir. +Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm +übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe +verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine +Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel, +sie sind leer wie gedroschenes Stroh.« + + + + +Fünftes Kapitel + + +Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von +Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage +bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate +kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen +Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen +böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in +Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und +Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt. +Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib, +innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich, +für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte. +Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges +leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese +gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, +ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was +sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn. + +Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen. +Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain +weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen +Ankömmling. + +Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester +beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, +setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus +langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel, +dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine +anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen. + +Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu +dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter +ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine +ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer +miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt +aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, +erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge +begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten. + +»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend +heraus. + +»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er +zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht +dumm.« + +»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht +sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester +begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und +spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter +Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig, +aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen +allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt. + +Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein +Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß +Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht +gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka +bei Beate nach dem Lehrer. + +Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter +Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß +vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht +zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas +Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald +wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,« +fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag’ ich dir nur im Vertrauen, es +soll Geheimnis bleiben.« + +Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den +Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte +die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines +langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum +erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, +besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über +den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild, +denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte +er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere +Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir +haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht’s +dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich +fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?« + +Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte +Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,« +log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich +sehr viel.« + +»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich +sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem +flinken Benehmen. + +Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe +brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand. +Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom +Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob +Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei +Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette +und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate. + +Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei +entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen +können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich +in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine +Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm +leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es +lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an. + +Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine +ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die +Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben +am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie +von den Tschechinnen gelernt hatte. + + #Kudy, kudy, vede cestička + Pro mého Jenička ...# + +Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine +Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu +lieben. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am +Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug +das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch +und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu +machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm +hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas +Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und +stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch +schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen +Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich +einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß +und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung +gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu +schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden +Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und +leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die +Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand +auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der +Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für +dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk’ dir +einen neuen Unterrock.« + +Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß +das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen +Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher +kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte +der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor +Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er +kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß +es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit +kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das +Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt +und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn +Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die +Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen +Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas +schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der +Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt +verhindert hatten. + +Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom +Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern +zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu +unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die +überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen +und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die +Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften +wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten +Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten +Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im +Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten +sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend. +Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen +Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt, +seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in +Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied. +Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu. +Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die +Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich +blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt, +das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden +Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was +er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit +niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken +schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer +fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn +Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie +manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich +genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als +ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene +Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im +Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und +Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate. +Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe. +Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall +gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf +die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und +wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade +hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. +Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit, +aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und +fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt +starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie +redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen, +»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine +unübersehbare Spanne Zeit. + +Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der +heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald +schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er +stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen +Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte +Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate +vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen, +und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen +auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn +nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas +durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate +antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig, +verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare +klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot, +das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten, +verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich +zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich +vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und +höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die +Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von +der Anstrengung des Nachlaufens. + +»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht +gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch +einen Spaziergang machen.« + +Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den +Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der +Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien +vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse. + + + + +Siebentes Kapitel + + +»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend +gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie +einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und +Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu +schaffen hatte, irgendwohin. + +Arnold schwieg. + +»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer +verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier? +Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem +man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.« + +Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte +Arnold, was macht er solches Wesen davon. + +»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind +doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine +Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer +heutzutage.« + +»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort. + +Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand +entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft. +Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf; +über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz. + +»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener +Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die +Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des +Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die +etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen +durchaus reifen Charakter. + +Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend +und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er +hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den +Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor +ihm floß ein Strom der Einsamkeit. + +Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte +sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als +Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das +ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner +Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf +und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn +auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem +Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht +erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern, +als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold, +den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts +Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem +Lehrer mit Interesse. + +Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu +gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er +hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er +Beziehungen und wünschte Sympathien. + + + + +Achtes Kapitel + + +Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam +Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden +Elasser zu sich ins Kloster gebracht. + +»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte +sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.« + +»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold. + +»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster +gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.« + +»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch. + +Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und +an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein +Mädchen rauben,« sagte er verwundert. + +»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula. + +Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das +Vorgefallene. + +»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu +seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?« + +Frau Ansorge zuckte die Achseln. + +»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.« + +»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist, +braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.« + +»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?« + +Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden +Leute an,« entgegnete sie gleichgültig. + +Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem +Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider +Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern, +Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen +dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein +alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen +Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt +sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht. +Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch +das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit +einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte +mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der +Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen, +alle Judenkinder zu taufen. + +Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach +der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden. + +Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend, +hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte +Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen, +Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern +des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung +abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls +offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als +trauriger Anblick bot. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust +emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden +Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune +Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes +Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem +abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die +kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb +spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag +eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel +zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau +stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den +Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein +deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne +Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum +Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften +Teil des Raumes ein. + +Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat +er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel +zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den +Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die +gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten. +Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte +der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück +aus dem Kloster?« + +Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden, +ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß +der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins +Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge, +obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in +jeder Form zu erteilen vermag. + +Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das +ist doch gegen das Recht.« + +»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den +Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt’s +kein Recht, für arme Juden gibt’s gar kein Recht. Und mit was kann ich +dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?« + +»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer +Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten +konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern +Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir +haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. +Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der +Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch +einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch, +’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen, +denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon +bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins Kloster, +kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute +Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war +Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein +freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen +die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen +kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister +sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir +kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin +ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu +sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind. +Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie +sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt +haben wird an die neue Umgebung.« + +Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich +fortgegangen,« schloß er und atmete tief. + +»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt +hatte. + +»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt, +leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.« + +Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis +die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges +Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende +Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit +dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte +sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte, +während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in +Schlaf schüttelte. + +Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und +blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was +soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall +wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen, +sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich +mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir +helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab. + +Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts. +Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich. + +»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit, +»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.« + +»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein +Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und +wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un +dürsten muß.« + +»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit +streng zusammengezogenen Brauen. + +»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von +einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen +das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.« + +Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum, +wobei sie Gebete murmelten. + +Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm +Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb +aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und +meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem +Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht +fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte +er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten +wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins +Wirtshaus.« + +Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm +schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor +ihn hinstellte. + +Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben +Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. +Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist +es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich was Schlimmes erfahren. Hören +Sie nur ... Vielleicht bereu’ ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber +der Teufel kann ewig schweigen.« + +Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des +Lehrers. + +»Sie kennen doch Beate?« + +Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine +Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich +übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte +Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten +habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn +mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt +Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und +das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe +hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die +Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum +Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden +Schnurrbart. + +Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte +zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines +Wortes wert. Er schämte sich für Specht. + +Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte +die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig +vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann +wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?« + +»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen +Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so +fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts, +persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?« +fragte er ironisch. + +»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer +völlig zu. + +»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?« +Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im +Bunde sei. + +Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es +handelt sich um ein Unrecht.« + +Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies? +Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter +findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?« + +»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum +Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und +schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus +dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold +an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube +verließ. + +Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich +auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum +Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann +melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst +versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff, +mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein +warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er +Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier +kommen? + +Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht! +Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!« + +Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und +schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate +blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich, +lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas +Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der +Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und +deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört +den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und +sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben +Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist –« ... mit +einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten +entzwei. + +»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu +Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den +Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren +Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so +schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen +Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen. + +Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe. + +Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka +»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu. + +Der Lehrer lächelte sarkastisch. + +»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich +genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?« + +»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete +Specht. + +Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie +über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem +Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen +Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo +sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin +zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen +und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem +Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen +Frau mit Vergnügen betrachtete. + +An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung. +Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser. +Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine +Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und +Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden. + +Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um +sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen +Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von +mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster +seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung +erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind +verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, +die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn +Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche +Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht +kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder +nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin +dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und +dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die +Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit, +sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.« + +Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur, +sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn +schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts +Rechtes anzufangen. + +In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen +Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde +einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen +aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und +Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus +der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide +Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift +trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig +und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin. +Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd +erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem +Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen, +daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er +aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor; +dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige +Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug +etwas Unvergeßliches in sich. + +Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch +halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein +Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam. + +Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot +glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig +davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der +Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete +gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon. +Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende +ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte. +Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte +schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken +befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen +Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer +langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein +ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein +dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter +befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie +starrten vor sich nieder. + +Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der +Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen +traten herein. Elasser reckte den Kopf auf – Arnold gedachte seines +Traumpferds, welches sprechen wollte – und blickte nach der Tür, die +sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre. +Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme +erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die +erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren +Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden +Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und +Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen +einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich +geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu +leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen +erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde +ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ +sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, +und mit einem Schlag war es wieder still. + +Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und +seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen +Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm +mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter +finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang +hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die +frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und +befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem +verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung +der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht. +Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben +Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen +oder wachten. + +Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat +ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. +Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und +richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht +rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne +Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem +Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine +Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.« + +Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und +schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle +Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu +zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern, +die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor +ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz +der Oberin zu rühren. + +»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit +feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen +zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer +Spitze den Raum. + +Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte +gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen +schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen. +Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung +haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte +und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen +durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt –!« + +Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich +verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach +Arnold um und wartete, bis er herankam. + + + + +Elftes Kapitel + + +Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich +zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so +stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann +wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab, +ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte +es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu +grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm +entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte +auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von +neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich +Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese +Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, +seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn. +Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne, +erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden +sollte, weil eine Wolke darüber zog. + +Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen. +Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande. +Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen, +denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im +Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt. + +Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er +berichtete und Arnold las: + +»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und +getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner +Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt, +den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter +Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde +eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt +deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen, +entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der +Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede +Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus +einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das +Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt, +verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach +langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein +Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster +gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta +Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen +des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des +Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu +verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie +ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid +stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am +festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm +eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta +Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte +Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin +den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu +den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den +klareren und wahreren Ausdruck: entführt –? Denn das Mädchen wurde +inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.« + +Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die +Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig +war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.« + +Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und +bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und +geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann +erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter +seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen +prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines +raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht +kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem +seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften +Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe +verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes +erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur +Sorge. + +Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse +und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu +haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch +auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu +sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die +rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht +bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck. + +»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft. + +»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den +Sofawinkel. + +»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der +Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung. + +Die Frau schwieg. + +»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort. + +»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln. +Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold +los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte +Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher +Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und +Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die +Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei +Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. +Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat +erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten +keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum +Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum +Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta +verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach +Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach +Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und +überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde +verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von +unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty +hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern +verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch +mehr wissen?« + +Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr +Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. +Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach +Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen +Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung, +trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des +Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in +einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich; +der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer +langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur +über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen. + +Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der +hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine +Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch +vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar +beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in +Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber +Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da +drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald +zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!« + +Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen, +niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen +können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher +Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem +Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst +gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er +schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte +in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch +Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem +noch verborgenen Feuer. + +»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in +Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu +wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll +man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab +ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er, +schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit +in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift +uns.« + +Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons +Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert. + +»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen +Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von +diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme +Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine +unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!« + +Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage +borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben. + +Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als +Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein +Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art +früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar +bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses +zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er +nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte, +gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die +Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den +persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst +alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten +in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite, +brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte +nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief, +als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der +dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu +wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die +stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die +Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er +von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für +die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend +verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem +Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden +frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum +Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die +neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich +suchend danach zurück. + +Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um +jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn +Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und +Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber +alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun. + +Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel +draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen +entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er +hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein +Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah +er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit +dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich +darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der +»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine +telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim +Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber, +aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend +seinen Weg fortsetzte. + +Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es +Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß +Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte. + +»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie +er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das +erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst +gewesen.« + +»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold. + +»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste +belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener +Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der +Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf +die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und +hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind +wird Ihnen zurückgegeben werden.« + +Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem +Bericht des Lehrers begriff er nicht. + +»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort, +»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim +Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt +ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem +Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die +Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.« + +»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er +mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die +Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen. + +Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie, +lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und +schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen +können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht +versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.« + +Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in +diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde +blickend, schüttelte er den Kopf. + +»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht +mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg. +»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß +stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung +des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum +die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das +ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner +Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe +mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat +dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne +mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten +#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in +dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei –« + +»Was heißt das?« unterbrach Arnold. + +»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten +kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser +etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ... +anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache +Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das +Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder +zusammen. + +»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben +wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos +schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß +diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben +sollten. + +»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer +Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in +Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung +unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze +Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter +anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas +nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie +wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir +beide werden es nicht erleben.« + +Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen +Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme +zu laufen, das aus der Nacht emporstieg. + +Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein +paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein. + +»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte +Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme +hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu +Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst +dabei ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders +von mir.« + +Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang. + +»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die +Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen +Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen +scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging. + +Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war +die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den +herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das +Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den +halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck. +Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der +Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht +unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen +Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß. + +Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er +bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem +niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte. + + + + +Elasser + + +Dreizehntes Kapitel + + +Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines +Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor +der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem +Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit +verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal +passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände, +tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter, +kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er +von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter +Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der +Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher. + +Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus +der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die +Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in +dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen, +und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: +langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter +Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine +lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit +Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer. + +Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort +draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine +Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er, +ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum +Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner +während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder +zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile, +Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner +Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig +über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine +Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte +sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu +zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie +wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der +großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles +bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine +Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose +Natalie. + +Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der +Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um +zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen, +stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den +Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als +sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den +Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war +betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren +verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie +sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie +gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich +umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung +anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. +Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine +Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er +blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten +Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche +Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich +hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie +erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu +verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch +zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um +diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit +war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis +gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein +und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan +nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune +des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit +dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne +sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem +Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie +lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine +flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch +mehr als Liebe. + +Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm; +eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst +Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen, +nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er +gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater +zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so +vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu +sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang, +daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft +schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen. + +Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch +ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede +Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das +junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war +Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht +verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit +hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich +aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle +Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener +Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren +gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als +sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden, +aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung +und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte +Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und +fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr +hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die +düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht +des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen, +vergessen dürfe. + +Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes +und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das +Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der +Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die +sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige +glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den +Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er +beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen. + +Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen. +Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben +nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene, +als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt. + +Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken. +Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage +ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen +machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam +sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu +entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war. + +Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im +Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone +Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat +ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich +überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der +Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte +schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und +verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und +warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen +stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb +gekommen?« + +Arnold bejahte. + +»Zu viel Umstände,« spottete Beate. + +»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete +Arnold trocken. + +Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von +Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes +und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte +den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte. +Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim +Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte +sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war. + +Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie +begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr +Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das +Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.« +Damit schlug sie die Türe zu. + +Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig +erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in +einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ +unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die +drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte +zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche +Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte. + +Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem +ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür +öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im +Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte +seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form +hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein +so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka, +nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in +Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob +sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse +verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen +handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von +dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei. + +Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals +auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem +Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben, +gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich +zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der +gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit +zeigte. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka +befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die +merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und +Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?« +fragte er. + +»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.« + +»Gar nichts?« + +»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und +klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden. + +»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt. + +Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei +erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.« + +Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen +konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und +schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar +für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht. +»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach +laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold +fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf +ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als +sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit +wohlwollendem Lächeln. + +Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch +ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden +öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit +stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es +heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er +die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine +Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung +eines Schmerzes lag. + +Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes +Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute +kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es +sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er +halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit +sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo, +damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben +hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die +Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und +der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr +Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung. + +An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel +hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und +verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen. + +In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem +Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er +drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen +Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein +Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt +war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte +wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold +fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den +Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die +Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der +Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die +Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim +Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die +Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und +nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?« +fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?« + +»Der Herr fragt –!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein +gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.« + +Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er +fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er +hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel +und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen. +Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf +den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat, +erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von +Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder +hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der +kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt. +In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr +Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und +endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne. +Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit +ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer +Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war +weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne. +Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische +Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor +ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer +gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf +steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines +Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter +der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich +eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel +fing wieder an, dunkler und gährender. + +Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem +Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann +seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer +durchrann ihn die Vorahnung von Kampf. + +Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das +Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte +bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die +Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen +sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte. +Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf, +die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen +zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der +mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch +ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche +mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu +begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit +den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die +Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt +vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum +Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden +erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit +gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert +Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr +früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die +dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen +sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen. + +Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und +Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein. +Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der +Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem +Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt +mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in +seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den +hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner +Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der +förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege +verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien. + +»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in +seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall. + +Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem +unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann. +»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken. + +Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum +die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du +das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig. + +Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn +so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und +drückte das Kinn auf die Lehne. + +»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete +Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem +Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht +klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging, +und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des +etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck, +die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der +Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick, +als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht +abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte. +Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter +gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten +genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst +werde er wiederkommen. + +Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor +Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und +nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich +vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine +Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun +schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich +selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit +einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen +Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl +erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. +So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen +und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin. + +Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das +Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden +waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte, +war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen +Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien +sich nicht sonderlich dafür zu interessieren. + +Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins +Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, +abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für +das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht? + +Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin +und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg +und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und +Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken, +und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über +die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige +Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren +riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran +herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die +Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als +Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt. + +Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte +der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes +Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte +sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße +hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein +Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und +schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des +Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines +Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an. +Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung, +blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von +selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu +holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und +lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er +eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn +sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor +Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er +warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der +nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen +würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und +nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in +seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den +Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund, +aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm +erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt +denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst +du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie! +überzeuge sie! + +Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte +sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen +Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem +geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen +Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte. + +Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm +ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert +kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter +Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt. + +Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen +und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein, +wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf +einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den +Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor +einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten. +Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden +gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und +der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, +sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich. +Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er +war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend +kleinen Kopf. + +Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem +Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder +greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah +Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich +zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen +Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah +deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob +und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten +sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn +vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er +konnte nicht vergessen. + +Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist +das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute +empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war +indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf. + +Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem +in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die +andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der +Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust +zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich +gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe +begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute +düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und +Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds +Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte +sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den +Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf +die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der +Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten +Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu +und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?« + +Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und +immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem +Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde +verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.« + +Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner +Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war. + +»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig. + +»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden +Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen +Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es +gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine +Hoffnung mehr.« + +»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das +Unrecht sich ergießen lassen ganz.« + +»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man +euch den Kopf abschlägt?« + +Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,« +antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat +lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch. +Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und +nicht für uns.« + +Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem +Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt +ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die +niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen. +Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist +nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.« + +»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das +Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein +alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.« + +Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster +Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.« + +Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der +Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen +geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug +gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die +Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem +eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz +über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon +versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren +ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht, +obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser +eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit +auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her. +Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und +er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er +mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor +den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst, +hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden, +daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns +anhören.« + +»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt. + +»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln, +»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.« + +Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch +beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte +die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an +die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser. +Darauf wurde ihm wohl und kühl. + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des +Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen, +welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die +Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller +Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt +sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe. + +Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch +geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und +richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm +kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die +Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat +wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen. + +Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr, +daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich +telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben +Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser +ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz +erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts. +Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung, +daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den +Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten +werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an +welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser +wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen, +Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war +bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von +frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte +die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog +es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt, +müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten +Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter +Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine +letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte +Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und +sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht +ein Ende.« + +Das war am 5. Februar. + +Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers +nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit +dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von +ihm Besitz genommen. + +Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach +körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand, +ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu +schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war +rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor, +als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt, +von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer +dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge. +»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr +Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort. + +Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte +den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, +schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als +Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider +senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt +der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren +Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen? +Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden. +Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum +bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe +Frau?« + +Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg +der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen +Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den +Knien liegenden gefalteten Hände. + +Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit +ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht, +Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.« + +Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf. + +Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war, +als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um +den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle. + +Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der +Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener +Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige +Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte +und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer. + +Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom +Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als +sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und +nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann +kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, +jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete +sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das +werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich +Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein +deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu +werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der +Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war +weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold +widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen +ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen +das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte +seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht +geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es +licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag +viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, +bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde +erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe +Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit +zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst +vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn +selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort +aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der +Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige +Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von +einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält? + +Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein. + + + + +Siebzehntes Kapitel + + +Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo +trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf +vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie +neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor +Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden, +müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges +Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter, +Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den +leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen. +Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend +auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit +einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein +Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte: +»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte +seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und +begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu +machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte +übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste +durch die Spalten der geschlossenen Türe. + +Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die +flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben +müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So +verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und +ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an +Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte +gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine +tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der +Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb +triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte, +freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge, +erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab +ihr zu denken. + +Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig +gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in +seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an +solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um +sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und +belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte. +Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies +sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft +geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte, +wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten +und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei +nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das +beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten +Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die +Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen +wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und +mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka +allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte. +Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine +schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten. + +»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er +Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und +strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese +inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald +wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?« + +Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte +Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte +den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den +Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich +langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes +Wort zu finden. + +»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich +langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den +Nacken und schaute Hanka nachdenklich an. + +»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern +Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie +von ihm?« + +Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und +Unwirkliches. + +»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr +Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun +aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht +ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.« + +»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten +Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog. + +»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd. +»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich +ist alles.« + +Arnold lächelte besserwissend und erhob sich. + +Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher +so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder, +als er gekommen war. + +Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die +Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie +jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und +der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit +unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm +suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr, +den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch +er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem +Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten +sich. + +Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und +der Assistenzarzt war abgereist. + +Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen +Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg +geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken +und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei. + +Von Elasser hörte man nichts. + +Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte +sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf +gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute +war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das +Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit +hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf +ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus, +und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen? +Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit +hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag? +Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu +schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um +Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen? +Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende +Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir +merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die +Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag +Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie +tief. + + + + +Achtzehntes Kapitel + + +Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von +Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt +Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den +Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen +Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die +Frau Mutter nichts?« + +»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen. + +Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster +und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand. + +»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle +übrigen zu ersetzen. + +Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat +mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott +lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des +Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit +Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden +war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen +zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. + +Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat +neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die +Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen +Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des +Klosters – hat es ein Ende?« + +Elasser vermochte nichts zu erwidern. + +»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise +fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz +schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte. + +»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos. + +Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine +Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller. +Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen +Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des +unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos; +Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete. +Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im +Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor +Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein +Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt. + +Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern. +Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen +ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig +war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie +Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten +Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war +weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein +Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel +auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er +sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei +den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht +und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine +Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber +niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold, +indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob +sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann +blieb er tückisch gebückt an seinem Platz. + +Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte +nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren +heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile! +mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern +vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen +zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn +ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um +aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum +selbständig hörenden Ohr geworden. + +Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was geschieht denn? Ist +es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die +Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen +würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und +Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch +an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es +gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner +würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden +schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu +leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, denn sie +können sonst nicht leben. + +Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der +Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die +Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen, +seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von +sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie +werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich +eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu +lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den +ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend +an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der +Mutter stand unbeweglich der Pfarrer. + +Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch +Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem +Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn +ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte +der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm +auf. + +Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor +sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß +mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer. +Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner +Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster +waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich +entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war +schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam +vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe +die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei, +während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin +Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine +Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. +Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben; +Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede +Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst. + + + + +Neunzehntes Kapitel + + +Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und +hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch +die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung. +Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft, +überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am +Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust +verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die +Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie +gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich +anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit +begann sie indes zu schlafen. + +Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als +das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang +empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich +Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon +vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der +Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin. + +Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig +das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über +die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu +Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des +Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit +nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte +nicht zu rühren. + +Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann +in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen +das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen. +Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch +bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?« + +Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint +sie dich, Arnold? Willst du denn fort?« + +Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will +fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man +muß einen Verwalter mieten.« + +»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt. + +Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und +trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit +erfaßt. + +»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«, +begann Arnold. + +Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast +ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,« +entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die +Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,« +fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem +vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen +ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine +Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.« + +Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was +ich muß?« fragte er. + +Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt +machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er +gedehnt und widerwillig. + +»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine +Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen. +Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht +kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas +Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen +wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der +Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen +tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht +nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne +Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab’ hier +keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich +will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon +Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der +Teufel holen.« + +Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung +erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen +Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den +gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens +sträubten. + +Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu +finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir +es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus. + +Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur +Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem +Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur. + +Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen +Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig +für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den +Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis +bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch, +kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände. + +Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn. +Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu +gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei +zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer +Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster +glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und +sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das +Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die +Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg +fort. + + + + +Zwanzigstes Kapitel + + +Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise +verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, die +Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. Aber hätte ein Geist wie +der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend +und sie zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher so +sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, diesen +ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schüttelte er über sich +selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit +Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate hatte sich mit der +neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen +eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm nicht +die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war +sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt +hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, gedroht, +gerast. Das alles ging förmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den +Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst +aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich +selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch +schnitt und das Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer +Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins +Wohnzimmer, blaß und lächelnd, saß neben Hanka, spielte ein harmloses +Kartenspiel mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei +ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und +launenloser als früher. + +Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka wenig. Außerhalb ihres +Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat. +Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu +wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften +spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie +diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche +Farbe ihre Augen hätten und so weiter. So geschwind wie möglich müsse +sie das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem dann ihre +geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden würde. Da er, Hanka, an der +Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und +aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht mehr +lange mit der Rückreise zögern, da sie frische Ananas aus Hamburg +erhalten habe. + +Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, ohne sich im +geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten. + +Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit, +und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von +Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über die +Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter +Gedanke ist kurz und reicht für drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu +quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend. +Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein +starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen +von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhaßt und +unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin, +weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und +Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. Seine +nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild +gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate, +an nichts anderes als an Beate. + +Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich +nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie. +Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte +mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für mich ganz angenehm. +Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschäft machen, gehört nicht gerade +zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher Geist wird sich +in das natürlichste Verhältnis zu finden wissen, aber hab’ ich darum mit +vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu +verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich zum Fenster +hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schützen, allein was ist mit Geld +gegen den bösen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das +Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit, +systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges Beisammensein und +Langeweile zu zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im Sommer bei der +Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es +ist wie mit den Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je +sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich hätte +Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die +Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein +Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher Vater. Dem veralteten +Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls +versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt +Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf +dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich von +solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch +betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne +ziehen. + +Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften Überlegungen. Aber das +Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins +Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum +den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum +wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die übrige +Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu +lassen, dazu war Hanka die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie +ehrlich er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht. + +Am andern Morgen trat er mit einem militärisch ausholenden Schritt vor +Agnes hin, als er sie allein sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne +Umstände an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten würde?« + +In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte +verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich spähend um, riß +plötzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in +hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht übermäßig vernünftig +wäre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich +habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: für +mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja +an sich ziemlich traurig, aber für das ganze Unternehmen von Vorteil +ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.« + +Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas +lehnte. »Nun?« fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als +seine Hand zögerte. + +Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen. + +»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« sagte Agnes, indem auf +einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und +machte sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka nahm, +unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmöglich, sich +jemand zum Freund oder zur Gattin zu züchten, dachte er und spuckte +verächtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete; +aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will +mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu +sein. + +Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann +wandte er sich plötzlich mit einer erzwungen pfiffigen und überlegenen +Miene zu ihr. »Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben +hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen +Stimmlage, »was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag +machen würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen auf seiner +Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit +langsamen Schritten das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken +und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine +Stunde später sein, als ihm das junge Mädchen am Hauseingang begegnete. +Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lächeln: »Ja.« +Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten. + +Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas +gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch +erklärt. Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin beschloß Hanka +zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hügel. Trotz des klaren +Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren +noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde +lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und +Ungläubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit +einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg +hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in +seiner formelhaften Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte sich. +Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krähe, die über die +Köpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch +bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne +Unwillen, ohne Vorwurf. + +Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es, +die Zeit zu nutzen. Er hätte sich an diesem Abend eine leichtere +Stimmung gewünscht. Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur +Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof +und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm +den Zug erwartend. Hanka grüßte mit der ihm eigenen ernsten +Verbindlichkeit, näherte sich aber nicht, sondern schritt in der +holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft +war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die +Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzügen der +Ebene. + + + + +Natalie + + +Einundzwanzigstes Kapitel + + +Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte +erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über +drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt. + +Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe +erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge, +dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg. +Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen +beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen. + +Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom +Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und +die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt. +Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte, +polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten, +Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und +knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten; +andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren +Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn +stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen +Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die +lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und +angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen +Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier +der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den +Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise +Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel +und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum, +Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche +zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter +prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier +keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe. + +Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das +in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein +Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte +Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen +sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in +früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein +Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert +habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den +Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von +geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen, +um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag, +waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der +reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau +war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas +außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden +Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden +Wohlgeruch im Zimmer. + +»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo. +»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte +Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll +Teilnahme, etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit einer +unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat, +so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die +Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre +Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo, +ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold +überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte +schon mit Ungeduld auf Sie – oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich +war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im +edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier +laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh +erfahren – Kommen Sie, ... komm, Arnold.« + +All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des +Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft +gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein +Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An +einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten +Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von +Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit +einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger, +blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte +Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet +auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine +schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die +farblosen Lippen. + +»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo, +indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer +Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl. + +Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme, +die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?« + +»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein. + +Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit +einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von +verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna +Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab +schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld. + +»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche +Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte, +wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte. + +»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an +Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte +Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen +ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte +sie das junge Mädchen. + +»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem +nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie +gesprochen wurde. + +»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der +Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte +ich eine Heldentat verrichten.« + +Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf +Anna Borromeo. + +»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und +tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid. + +»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen +Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf +das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den +Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde, +zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und +fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei +Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt +war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich +sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie +die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten, +erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei +auf der silbernen Schale griff. + +Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und +hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern +schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch +zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe +vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.« +Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht. + +Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo, +darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften. +Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen +auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die +Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna +Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung +stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn. +»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte +und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und +wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer +Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren +Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel +und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und +frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die +Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre +endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute +empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden +Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer. + +Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht +lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und +suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe, +bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in +dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und +spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen +Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er +war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das +Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille +Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom +geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den +hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem +Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern +war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren, +beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das +Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen. +Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch +Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe +Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte +gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der +Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht, +Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu +erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer +redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und +zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen. + +Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin. +Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme +machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer +neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter +verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen +Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener +Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte, +wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte +nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und +sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm +unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so +enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke +blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der +Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den +Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und +glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder +das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und +sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die +Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung +seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin +ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern, +Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und +glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die +Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der +Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu +einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem +unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore +geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang. +Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der +Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und +war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein +Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und +kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die +Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den +erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus +den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten +ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die +betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite. +Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an +Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu +sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und +trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige +begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte. + +Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn +Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die +Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den +Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der +prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und +versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand, +drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege; +jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn +etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler +Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit +Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien +ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als +es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein. + +»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast +du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der +äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die +Schulter. + +Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden +kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll +ich’s anfangen?« + +»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen +Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der +Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose +zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser +eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum +wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du +bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst +du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine +Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen +abbringen, ganz im Gegenteil.« + +»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig +dazwischen. + +»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern +Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese +Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen +andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal +Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den +Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die +ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im +Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf +sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den +Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie +die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von +Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und +Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern +wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt. +Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur +um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast. +Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen +entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust, +sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie +Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst +erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen +Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es +nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen +Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes. +Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in +der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt +dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber +deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt +du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es +dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es +unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege +als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden. +Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch +sinnlos.« + +Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr +ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte +sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit +hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben. + +»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr +Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu +unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite +Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich +dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines +Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der +unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten +noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!« + +Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn +er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den +Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht +schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein +Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo +und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die +Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz. + +Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen +glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«, +sagte er. »Man kann beides tun.« + +»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine +Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin +dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht +verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten. +Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.« + +Sie gaben einander die Hand. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im +Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher +besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den +neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem +Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da +wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der +Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange +nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen +zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit +ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor +Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau +Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe, +Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde +Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach +seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren +Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er +möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte. + +»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige +Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend +zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz +hübsch.« Ein köstliches Aber. + +Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne +weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag +und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie +das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit +kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das +drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu +kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten +könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken +Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper +vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr +erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten +Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das +Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit +Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab. + +Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die +zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde +waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war +lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie +manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem +Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel, +geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren +Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich +verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann +leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen, +gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer +Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen +Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute +interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor +Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines +Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht +Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen, +als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre +Kinder die wunderbarsten auf der Erde. + +Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige +Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester +zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend +die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig +an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter +mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten. + +Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang +ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit +die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff, +sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die +Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und +zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie +betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte +gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle +Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte +Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb. + +»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,« +sagte Natalie. + +Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber +nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane. +Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh. +Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder +geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein, +das ist das einzige.« + +»Idiot«, murmelte Natalie. + +Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit +sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn +fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte +er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke +und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe +Million haben werde, oder –« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins +Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie +gelassen und erwartungsvoll anschaute. + +Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer +Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.« + +»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise. + +Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du +weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das +Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte +etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem +Lächeln abseits. + +Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich, +schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er +sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe. +Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin +zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte +anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen +Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um +jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf +der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken. + +Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit +Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar. + +»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt. + +»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging +zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich +vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den +Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten. +Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht +war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt +ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste +Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft, +gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse +verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die +Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist. + +»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie, +die mit Ungeduld auf das Kleid wartete. + +»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra. + +»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder +Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich +zu Petra ... nicht wahr, Petra –?« ... + +»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich +Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, +aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.« + +So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen +einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im +Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren +können. + + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel + + +Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf +Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer +Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf +welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies +bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls +auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete, +dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da +wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine +grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter +entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder +freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen +gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer, +Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich. + +Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die +Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine +Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine +alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen +folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte +Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt, +ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach +Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte +ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr +zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel +saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.« + +Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine +Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll +anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte +nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß, +verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen +vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren. +Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn +sie einen andern sich langweilen sehen.« + +Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten +Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich +im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an. + +Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen +näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte +er mit offenbarer Geringschätzung. + +»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit +unschlüssiger Selbstironie. + +»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«, +sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog +verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra +spielte mit ihrer Uhrkette. + +Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah +rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was +reden sie? + +Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von +Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds +Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte +sie, mit den Augen zwinkernd. + +Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen. +Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das +Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der +Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe +vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe +er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden +der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich +gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner +Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener +nichtigen Menschen. + +»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet. + +»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl +frostig. + +»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber +daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.« + +»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte. + +»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete +Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte. + +»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm. + +»Kommen Sie«, sagte Natalie. + +Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges +mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.« +Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu: +»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.« + +Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den +Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es +wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt +davon.« + +Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen +sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich +blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen +seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten +im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich +nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße +bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend; +es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der +Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze +Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick +lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe. + +»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und +wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die +Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht. + +Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand +plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider, +vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte. + +»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den +Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete +eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er +fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen, +ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den +Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die +Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir +oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie +betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles +Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur +Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na, +adieu, leben Sie wohl.« + +Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem +Kutscher das Zeichen, zu fahren. + +Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß +er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was +dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er +erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich +nun Wahrheit holen. + +Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg +von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die +Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie +durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem +vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt. +Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre +Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit +einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich +verheiratet ...« + +Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als +Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß +gelogen haben, dachte er. + + + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel + + +Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier +zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll +Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen. +Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten +sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron +Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu +einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine +Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und +wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung +dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher +Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit +zu verbergen wünscht. + +»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold +zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und +ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen +Landstrich in Amerika anzukaufen ...« + +Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen +Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit +fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen, +Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das? +Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große +Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne +daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies +überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand +gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es +feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen +freundlich und leer. + +Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie +nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen +gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen +Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie +doch, – bitte!« + +Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor +Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher +den Einfall gehabt, Arnold zu fragen. + +Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er +einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise +den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte +ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie +sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.« + +Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den +Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch! +Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor +Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne +Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit +für sich aufgezogen.« + +»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus +mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.« + +Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie +Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach. +Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie +erhoben sich nun und gingen hinaus. + +»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie +sogleich. + +Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich Ihnen«, antwortete er +grob. + +Natalie sah ihn entsetzt an. + +Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die +ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich +hab’ auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht +reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?« + +Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen +Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn +ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?« + +Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch +ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es +nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig. + +Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und +verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten +Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst +zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit +benutzen. + +»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und +unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir +würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.« + +Arnold verabschiedete sich und ging. + +Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben, +Arnold?« fragte Anna Borromeo. + +Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die +Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.« + +Frau Anna lachte. + +Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man +sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht +lassen, bis sie zertreten sind.« + +Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen +Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an, +ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch +gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er +das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch +eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er +einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem +Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall +wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden. + + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel + + +Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit +seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach +Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in +der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin +vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen. +Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka +in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen +Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen +Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie +endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte +sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als +läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den +Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein +Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt +vergessen. + +Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in +der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den +Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und +nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu +und sah die Zukunft klar. + +Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und +um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr +Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter +beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie +sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde +ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz +ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb +für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität. +Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering +und die Art seines Geistes war ihr unbekannt. + +Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten, +suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte +er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er +sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber +zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken. + +Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit +erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu +springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die +Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht. +Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das +eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? +Wo ist Ihre Frau?« + +»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka +humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.« + +Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist, +wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen +bestätigt fand. + +Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie +nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas +Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und +das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas +Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte +Petra den erstaunten Hanka auf. + +Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf +Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm +nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas +heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor +diesem Menschen. + +»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich +dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.« +Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit +für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie +gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu +betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide +konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch +betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht. +Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller +Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den +Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und +Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold. + +Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie +bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf. + +»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie +heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.« + +Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun +am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der +stille Mann fing an, ihm zu gefallen. + +»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße. + +Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie, +Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander. + +Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch +eine Donquichoterie.« + +»Was heißt das?« + +»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen +Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens, +ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der +Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden +sollte. + +Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt +war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten +Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk. + +Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl +und blickte regungslos an die Decke. + +»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich. + +Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid +strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.« + +Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und +hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den +ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete +sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite +im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er +umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang +Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka +mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig, +sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner +Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische +Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran, +sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach +Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war +formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer +Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht +selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke +gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen, +erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen +aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im +Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte +ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte +sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von +Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie +wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos +blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag +ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum +Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich +sehen. + +Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht +möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand +des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach +Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine +Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am +schnellsten entdecken. + +In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische +Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann +stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien +ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken +verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln +Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war +feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen +bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren +verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter, +um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und +hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn +preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,« +flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst +du?« + +Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier +gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«, +sagte sie. + +Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit +entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, +aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte +Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als +das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, +das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung +von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft, +das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals. + + + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel + + +Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl +und Pottgießer bei Anna Borromeo. + +Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent +war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer +großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte +und lud Arnold ein. + +Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit +heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen +eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für +dich, Arnold.« + +»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres +Bezirks dazu veranlaßt.« + +Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an. + +»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem +sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da +hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte +selber austragen.« + +»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn +von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.« + +Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die +Lippen. + +»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte +innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte +halb spöttisch, halb verlegen. + +Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in +der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher +Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde +zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als +diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte +freundschaftlich. Er versprach, zu kommen. + +Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des +Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, +auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der +Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des +Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den +Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese +Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des +Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des +Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses +verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die +Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, +das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also +besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen. +Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der +Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam +wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald +nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm, +der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, +gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu +lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die +Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht +auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer +zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die +eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er +sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes +Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern +und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges +Wort gar nicht mehr herausdrang. + +Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte, +und es wurde von etwas anderm gesprochen. + +Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust, +hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja +heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem +ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte. + +Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge +hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo +plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit +gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!« +rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne +waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in +das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte +unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über +Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll +Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein +Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße +dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung. + +Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo +rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein +weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde +fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen. +Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit +dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«, +begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen +Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor +und sah ihn erwartungsvoll an. + +»Was ist es?« fragte Arnold. + +Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich +aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen +Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das +bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du +nicht Platz?« + +Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich +wissen, was es ist«, sagte er kühl. + +»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm +starr in die Augen. + +»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel +hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.« + +»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert. +Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein +Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.« + +»Ah so!« sagte Arnold. + +»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort. +Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und +ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße +Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob +er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die +Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb. + +Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem +Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf +einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft. + + + + +Achtundzwanzigstes Kapitel + + +Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten +die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und +Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht +und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis +verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg +fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse +Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern +Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im +fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die +Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das +Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein +unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, +um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu +vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in +dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben +scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so +geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien +leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er +vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine +fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte. + +Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das +Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch +wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr +ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen +vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen +abfragte. + +Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu +pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun +in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte +abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung; +oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine +Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er +wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur +Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden. +Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel +gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre +natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich +sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er +überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, +der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet. + +Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei +Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der +Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts. + +Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig +rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald +das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte +er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang +zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er +nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit +benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst, +weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen +Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes +empfunden hatte. + +»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen +Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen +Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch +leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.« + +Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er +abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht. +In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.« + +Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er. + +»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold. + +»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich +sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, +von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe +träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.« + +»Ja, das haben Sie immer behauptet.« + +»Und finden Sie das nicht?« + +»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.« + +»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet +aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, +Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen +Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum +Minister bringen.« + +Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold. + +Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; +er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu. + +Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten +Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß +es gut gehen. + +Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold +am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend +stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn +ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben. + +Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer +seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna +saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr +das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen. + +»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft. +»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein +und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. + +»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu +Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor. + +»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß +zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,« +fügte sie kalt hinzu. + +Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er +stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe. + +»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd. + +Der Doktor bejahte. + +»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr +sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas +anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe +nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen +versteht.« + +Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann +langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe +keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich +an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht +mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen +Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf +etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.« + +Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen, +daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war +anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist +das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so +erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere +Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht +den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und +schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen. +Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er +nichts, was mir imponiert?« + +Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der +Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu +leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete. + +»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab. + +»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna. +»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.« + +Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er +sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde, +worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von +nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er +würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose +Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu +erwarten, was die Natur in ihm erschafft –« + +Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit +einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das +Zimmer. + +Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie +beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam +auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten. + +Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit. +Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so +hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen +nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände, +Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle. + +Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem +Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war +bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und +bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden, +schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, +jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau, +sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für +unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde +der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten +und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist +beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm, +geboren zu werden. + +Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung. + +Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht +unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster +gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden. +Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige +Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen +Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt. +»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und +Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem +Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen +erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie. + +Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie +mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte. +Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und +Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich +selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie +genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht +einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß +sie nur die Lippen öffnen brauchte. + +Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr. +Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz +bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah +Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß +sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit, +sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge +biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine +Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte +Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so +vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck +gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, +und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander +gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen +war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden +mußte. + + + + +Neunundzwanzigstes Kapitel + + +Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen +Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen +für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik. + +»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück +auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte +sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten. + +Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht. +Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in +ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte +sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren +Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen +Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht +mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in +verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut +geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.« + +Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches +umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte +unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, +die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich +erwerben.« + +Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und +antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer +bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und +da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: +»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder +hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit +mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn +Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.« + +Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein, +dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar +tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck +nicht wieder zu versetzen. + +»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich +ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.« + +Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als +wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« +sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern +aber ...« + +»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das +vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, +und in der andern?« + +»Etwas Giftiges.« + +Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft, +Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.« + +Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit +langen, weißen Haaren. + +Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein +Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein +phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der +Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage +zu reden.« + +Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der +Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. +Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz. + +»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato +gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann +sagen. »Fabelhaft? was?« + +»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite. + +»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat +sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.« + +Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem +Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies +wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu +fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine +Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller +Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien, +Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten +eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher +wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung. + +Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. +Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte +sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete +er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer +mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging +von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele +dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und +Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen +eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag +eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den +Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz. + +Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann, +verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten +Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein +junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald +in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde +die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen +stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer +Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter +Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der +in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles +Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken +Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des +Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde +geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten +und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte +Arnold, das gefällt mir. + +Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, +hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich +vor und drückte beide Hände an die Augen. + +»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer +Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.« + +»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid +alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.« + +Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit +forschend ins Gesicht. + + + + +Dreißigstes Kapitel + + +Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen +ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes +geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente +durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte +ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche +größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er +verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse +und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er +den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. +Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde +erbärmliches Dasein fortzuführen. + +Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit +und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses +Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein +jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit +bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen +gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, +hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und +er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden +als Darlehen. + +Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus +der Karaffe, ohne jedoch zu trinken. + +Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht. + +Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein +Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd. + +Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen +will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es +erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und +Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische +Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus +Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und +trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen +einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen +zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an +einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der +Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was +mit ihm vorgeht. + +Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der +Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum +erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen +tiefen Eindruck gewonnen. + +Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon +großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die +zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann. +»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte +einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold +auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten +Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas +gönnerhaft. + +»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold. + +»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt. + +»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch +zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er +durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht +wahr, ist lauter verlogenes Zeug.« + +»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und +nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine +ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele +krank oder angefault ist.« + +»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen +Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das +zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?« + +Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm, +schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze +zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die +vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine +Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen +Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid, +welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern, +Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende +Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu +freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu +Wand, von Gesicht zu Gesicht. + +»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch +gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen +und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater. + +»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was, +Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch +einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns +essen ...« + +»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen +kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt. + +Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka. + +Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden. +Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die +Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht +aus wie eine Prinzessin.« + +Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht +stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem +Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten. + + + + +Einunddreißigstes Kapitel + + +Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der +Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch +widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er +nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das +Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher +Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor +andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch +edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl +schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie +anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will +sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten. + +Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner +gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle +Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen +standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und +Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit +Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus +allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und +Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand +eine kleine, uralte Zimmerorgel. + +In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste +ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen +Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes +und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde +vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner +Gäste. + +Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen +Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er +spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden. + +Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich +möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer +russischen Studentin.« + +»Aus welchem Grund?« + +»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal +Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.« + +»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht. + +»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.« + +»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit +einem gewissen Tetzner?« + +»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.« + +Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was +heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.« + +»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist. +Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen +abholen und wir fahren zu Verena.« + +Arnold nickte. + +»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt +machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er +hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft +haben als allein sein.« + +»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart. + +Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war +Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja +nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir +genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, +in Gemütsruhe erledige.« + +»Was heißt das?« + +»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.« + +Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen +trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben +tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den +einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu +medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen +Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines +Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine +Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete +und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen +Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von +Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen +Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte +dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen +Feder nach. + +Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte +sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als +das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf. + + + + +Verena + + +Zweiunddreißigstes Kapitel + + +Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena +Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und +Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl +gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und +beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder. + +Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich +abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für +jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr +teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst +oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des +Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die +seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden +der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er +bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, – +wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung +eines Freundes zu genießen. + +Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu +versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte. + +Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann +aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile, +bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er +das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben. + +Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß +ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien +ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den +Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem +Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein +kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine +Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte, +Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all +dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen +schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie +einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit +kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und +etwas ausländischer Betonung. + +»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,« +antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.« + +Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu +belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und +setzte sich ebenfalls. + +»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen +würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will +einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt +wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.« + +Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das +auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es +wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch +geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade +hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit, +sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in +mein Leben aufnehmen.« + +Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,« +entgegnete er schnell. + +Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde +gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich +in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem +Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige +Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den +Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen. + +»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold. + +»Medizin.« + +»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man +greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die +Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und +aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.« + +Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von +Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. +»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne +innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.« + +Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde +hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit +Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu +öffnen. + +Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr +Tetzner, Herr Ansorge.« + +Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und +außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken +Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen +schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung +schier eine kanariengelbe Farbe zeigte. + +Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an +und lachte gutmütig. + +Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand +und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie +wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches. + + + + +Dreiunddreißigstes Kapitel + + +Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren +bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft +bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die +Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch +ausnutzbaren Ziel zuzusteuern. + +Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien. + +Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis +zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu +erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der +Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen +Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er +hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds +bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft +wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere +Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den +Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache +keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien +schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht +hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich. + +Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und +Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln +in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine +Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es +treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und +düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur +Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds +paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war +die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn +oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre +Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein, +und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern +verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises +seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener. +Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser +dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor +ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder +troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer +Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als +abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden, +das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu +treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei +der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben +jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm +ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.« + +Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der +keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die +übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein +ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als +etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr +zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit, +die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat. + +Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine +geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die +schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in +Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein +zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er +begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit +den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten. + +Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten +Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn +Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede +darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine +Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich +Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es +Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für +ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau +wie Verenas Hals und Hände. + +Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte +Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da +hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. +Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die +Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und +sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß +Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen +hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an +Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao +gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es +ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, – +meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes +Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen. + +Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.« + +Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen +Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam +sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch, +liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn +man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen +durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wollte nach der Uhr sehen, +zog aber die Hand zurück – »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur +noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen +und fuhr damit um den Hals. + +»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete +Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag, +Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr +verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine +Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht +Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich +glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.« + +»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den +Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine +Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für +das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen +mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis +meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte +tragen.« + +Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese +Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, +offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und +nicht gar zu mürbe zu erscheinen. + +»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch +nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf +mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will +Ihnen also das Geld geben.« + +Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein +wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren +Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug, +uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein +sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er +hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas +reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen +sehen.« + +Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand +in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine +wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich +frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine +frischen Kräfte verfügen. + +Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war +er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große +Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein +umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem +der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der +Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des +Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem +Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht +Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher +hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster. + + + + +Vierunddreißigstes Kapitel + + +Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs +Herz. + +Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so +vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden +auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte +stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und +gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen. +Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn +mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn +dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen +Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts +konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm +seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu +handeln. + +Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn +bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen. + +Er ging hin. + +Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir +ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender +Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es +ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu’ mich riesig auf Wälder, +Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber +jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? +Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die +Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem +Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich +bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die +Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.« + +Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen. + +Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! +richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit +tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?« + +Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu +schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er +und runzelte die Stirn. + +»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand +vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold. + +»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus. + +»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber +sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein +Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen +morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. +Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie +mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner +Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich +einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und +sie schluchzte weiter. + +Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er +war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm +sinnlos und widerwärtig. + +»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. +»Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.« + +Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich +nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, +daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte. + +Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold +unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum +glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit +besteht?« + +Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände +zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. +»Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas +gesagt? Wann denn?« + +»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen +war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben –« + +»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?« + +»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir +so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil +wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht +weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es +sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.« + +Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit +niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich +verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie +doch.« + +»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, +mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu +wissen –« + +»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor +die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?« + +»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was +wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.« + +»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und +sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten, +ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt +ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins +Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.« + +In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen +Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und +Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er +sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie +müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß, +mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt, +intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das +heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus, +schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung +zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an. + +»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist. +Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit +großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns +überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert +sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch +Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung, +Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus. + +»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe. + +Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher +war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid +geworden.« + +Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft +von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser +Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und +Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit. + +Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken +versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von +bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen +Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen +war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm +notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann +dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte +die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit +Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas +eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht +vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe +suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich +nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden, +ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede +und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück. +Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor. + +Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende, +staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem +Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch +übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn +plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena +Hoffmann aufzusuchen. + +Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als +er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am +Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick +stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit +schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, +deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran, +warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch +ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und +beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter +Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete: +»Zweihundertfünfzig Fenster.« + +Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte +er. + +Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei. + +»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold +neugierig. + +»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das +wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?« + +»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts +erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.« + +»Kennen Sie das Mädchen näher?« + +»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches +kleines Ding.« + +Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein +tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter +von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar. + +Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold +staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und +er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche. + +»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich. + +»Ja, er ist gekommen.« + +»Finden Sie ihn sympathisch?« + +»Sehr sympathisch.« + +»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es +sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem +korrumpierten Land eben bringen kann.« + +»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?« + +»Ja, ungefähr.« + +»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.« + +»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.« + +»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.« + +Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als +zu hohen Ämtern.« + +»Ach, dann bin ich versöhnt.« + +»Ja, aber es gibt Gefahren.« + +»Gefahren?« + +»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine +anspruchsvollen Freundschaften haben.« + +»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.« + +»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.« + +»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz +nicht arm werden, soviel es auch gibt.« + +»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich +nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt +hat, dann wird es aufgebraucht.« + +»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine +Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.« + +»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist +er nichts wert.« + +Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu +Tetzner.« + +»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch. + +Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht. + +Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners +Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du, +Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier +gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich +sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.« + +Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders +für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir +etwas auf.« + +»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen +teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr +gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging. + + + + +Fünfunddreißigstes Kapitel + + +In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier +und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig +großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte +in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung +war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und +einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit +Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und +läßt auf sich warten.« + +Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr, +schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden +Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein +Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens +interessiert mich Ansorge viel mehr.« + +Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie. +»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang +ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du, +du schläfst bei Tag und Nacht.« + +Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast +du denn die Fahrkarten bestellt?« + +Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die +Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen +war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft +seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend +Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung +einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für +ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu +können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen. +Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie +hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre +immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm. +Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die +Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich +ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er +genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich +geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer +Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz +kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der +Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit +ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte. + +»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber +gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und +wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas +ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch. +Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch +den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf +und fragte Arnold, weshalb er so spät komme. + +»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte +Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt +gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau +Beate, aber es hat seinen Grund.« + +Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig. + +»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er +freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es +erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten. +Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er. + +Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber +bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor +Angst. + +»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die +auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.« + +Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach +dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin. + +Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu +beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in +ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem +hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht, +ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer. + +Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das +Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten +Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem +interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und +mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht +aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und +ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat +langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich +aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates, +anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu +verdächtig. + +Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat +sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich +habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je +etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber +Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie +nicht so geschwind wieder loslassen.« + +»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,« +erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch. + +»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns +wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse +auf den Teller. + +»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur +darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.« + +»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da +sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte +nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber +es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu +naiv dazu.« + +Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus +Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte +in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib. + +»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor +dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer +Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und +fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht, +ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist +für mich eher angenehm als verstimmend.« + +Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom +fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die +Teller. + +»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er +gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er +erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb +auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen +sah.« + +Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?« +fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang +und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin +zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem +unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich +vielleicht.« + +»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des +Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.« + +Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte +er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den +Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen +zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche +Blässe hervor. + +»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau +war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen +auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka +unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und +bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht +wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach +Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen +Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der +Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns +jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie +dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten +vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So +trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen +leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander +halten. Das ist alles.« + +Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht +beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines +Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein +Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei +es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen. +Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen +Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes, +geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg, +und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor. +Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein +Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe, +wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?« + +Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen +Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in +seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück, +als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf +den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder +daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und +wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an. +Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold +verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder +Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.« + +Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die +Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah +ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte +kalte Hand. + + + + +Sechsunddreißigstes Kapitel + + +Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun +weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken +zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold, +den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm +gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des +Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen +Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und +schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie +geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind, +dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen +Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte +noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch, +sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er +trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr. +Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen +bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er +selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll +Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel +berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert +Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer +schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also +blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter +Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte +nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu +studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder +eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand +verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll +ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den +Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte +er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden +sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese +Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm? +murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von +ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die +Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das +ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für +mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man +nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht +zusammenleben. + +Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in +welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren +und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und +schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf +ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn +fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus, +Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort. +»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht +antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit +ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie +verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine +Handtasche packen.« + +»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch +reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.« + +Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie +endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor, +brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes +sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und +Haß. + +Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in +gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in +welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt, +im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was +zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht, +was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur +wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich +alles weiß.« + +Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr +Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen +die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie +gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre +Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich +gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte +mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine +Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch, +das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz +zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu. + +Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und +drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine +Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie +setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es +liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie +möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und +gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich +lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen +entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell +biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch +etwas zu sagen?« + +Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue +Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus, +»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich +gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in +die Kissen. + +»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand +und so nach ihr hinschaute. + +Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender +Ausdruck. + +Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den +Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären +rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht +einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«, +bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon +verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen. + +Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend +ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm +und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern. +Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten +führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das +Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am +weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter +leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze +noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen +zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die +geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers +klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte +tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das +er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu +einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der +Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er +streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles +Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im +Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen. + + + + +Siebenunddreißigstes Kapitel + + +Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile +unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, +kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser +zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als +den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines +alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich +nieder. + +Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus +dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war +als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes +jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein +Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und +entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus +getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung, +hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt, +eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten. +Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen? +War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche +oder war es Arnolds Irrtum? + +Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf, +nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die +Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei +mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg, +obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten +hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine +Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu +haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist +sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und +sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden +Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig +finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich +doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie +ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat, +zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie +liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht +war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber +wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein +Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt +es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt? + +Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja +auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen +kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen. +Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam, +vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das +wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der +Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf. + +Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen +Rausch nach Hause. + + + + +Achtunddreißigstes Kapitel + + +Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte +sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und +bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von +Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner +konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und +dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald +überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte +aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem +so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe +erschien. + +Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit +und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die +Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er +aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte. + +Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm +der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit +Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir +nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es +ist?« + +Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten +erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber +ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die +Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.« + +Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme. +Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und +wie sehr er ihm vertraute. + +Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis +erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung, +allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen +und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine +eigene ohne weiteres vervollkommnen könne. + +Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu +jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das +Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit +unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut +trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu +lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn, +jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu +übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut +gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit +jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte +er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der +Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem +dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und +rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den +Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den +Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der +Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an +geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen +Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte, +verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke +dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und +aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung. + +Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue +Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie +kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er +gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so +Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten. + +»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte +der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt, +aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre +unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine +Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht +erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.« + +Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«, +erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen. +Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen +selbst ausgeübt wird?« + +Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine +Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich +selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder +in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten +Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht +Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem +rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit, +als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen. + +»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich +will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke, +wird alles anders.« + +»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen +Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn +auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität. +Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.« + +Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig +aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir, +ich und Sie, glücklich werden?« + +Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch +einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird +wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie +oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen +nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute +sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn +überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme +statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.« + +Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn +zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten +Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und +ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur +vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit. + +Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm +vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen: +Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem +Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen +Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht +Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung, +sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der +Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe. + +Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in +ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen +beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie +sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut +setzte seine Ansicht über Askese auseinander. + +Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei +Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie +mit?« + +Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann +preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick +auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich +zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas +knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden +Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen +Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.« + +Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum +Konzertsaal. + +Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule +langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst +sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren +aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten +Herzens. + +Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht +zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und +heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht. + +Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße +nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir +nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines +vornehmen Restaurants. + +Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte +sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.« + +Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf +einmal mit veränderter Stimme. + +Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von +der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte. + +»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann +doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich +zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!« + +»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das +schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß +ich lebe.« + +Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden +und ergebenen Blick in die Augen. + +Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll +voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft +und dankbar fühlend. + +Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten +schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der +von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus. + +Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch +und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch +auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen +Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen +Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und +verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke +und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes, +ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog +und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine +griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts, +eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über +der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar. +Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur +zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit, +daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.« + +Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt. +Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber. + +»Was liest du?« fragte Verena. + +»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner. + +Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort +genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich +plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war. + +»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd +fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts +als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird +verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um +teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt +das Bild der Welt.« + +Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige +Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen, +was ich empfinde und empfinden soll.« + +Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf +Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er +in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er +sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit +veränderter, heiserer Stimme: + + »Wenn er bei einer Hochzeit ist, + Da sollt ihr sehen, wie er frißt; + Was er nicht frißt, das steckt er ein, + Das arme Dorfschulmeisterlein. + + Wenn er einmal gestorben ist, + Legt man ihn sicher auf den Mist. + Ach wer setzt einen Leichenstein + Dem armen Dorfschulmeisterlein.« + +Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und +entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man +ihn die Außentüre zuschlagen. + +Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist +finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie +sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging +auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete +jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als +umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich +war sie bemüht, sich ihm zu entwinden. + +»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im +innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und +Selbstanerbietung. + +Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre +Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die +Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und +geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich +weich. + +Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit +über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal +stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in +seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine +nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren. + + + + +Neununddreißigstes Kapitel + + +Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute +hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben +erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße, +gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes +Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen +bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an +einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in +Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was +er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und +Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht +günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die +Flut des Glückes. + +Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und +gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen +spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen +Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die +Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der +gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung +ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien. +Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für +ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie +fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen +Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu +entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu +spüren. Sie sah sich verfallen. + +Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des +Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde, +und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und +dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen +brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr +stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen, +die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr; +Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als +Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon +verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte +sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.« + +Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte. +»Wovon wollen Sie leben?« fragte er. + +Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«, +entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in +ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben, +Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich +nicht ganz entblößt.« + +In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine +Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst +in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber +eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum +gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht +zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb +Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den +Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen +Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie +selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht +müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich +nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur +nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten +und alles gehört Ihnen.« + +Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem +Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus +stehen. + +Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der +Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim. +Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem +fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn +hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte. +Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm; +getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und +erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein +seiner Gefühle auf festem Grunde hielt. + +Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht +verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von +Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena. +Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich +behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen +wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald +füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten +Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke, +Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute +und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle +warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht, +jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich +Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern +nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum +Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und +Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es +Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und +aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von +Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod +verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk +ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und +der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen +der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum, +– aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber +Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte, +daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben +hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn +beschlich eine frevelhafte Sicherheit. + +Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden +Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe +aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend, +die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich +auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und +Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so +ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde. + +Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie +hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm +begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten +lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme. +»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde +Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu +lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.« + +»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein +Versorgungsstübchen in Podolin betteln.« + +Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit +kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte. + +Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück +begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art. +Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu +besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert +Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das +geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch +besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei. + +Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in +Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es +für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis +zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der +Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von +kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren +Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre +Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du +solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du +es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein +bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein +schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen. +Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog +schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach. + +Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte +Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau +König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold +eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß +alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte +Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra +spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder +beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte +kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag, +sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu +schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf +entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der +würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt +hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank +danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen +hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken. + +Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer +Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie +nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit +heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit +auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite. + +Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem +Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen +blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines +Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter +aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre, +zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere. + +»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen +Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.« + +Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch +nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten +reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er +begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei +war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen +Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt, +das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte +irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und +war sehr stolz darauf. + +Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke +und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser +Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer +Woche erfahren –, wissen Sie es?« + +»Was?« Arnold war verdutzt. + +»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich +Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie +Silbe für Silbe glauben wollen?« + +»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt +aussah. + +Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das +ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch +nichts? Seien Sie aufrichtig.« + +»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein, +»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit +verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen +Kartenreihen. + +»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und +sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit +dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort: +»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit +Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander +bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die +Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht +entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –« + +Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die +Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit +mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn +sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie +glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich +selbst. + +Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch +dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte +sie ärgerlich. + +Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß +sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber +hinweg. + + + + +Vierzigstes Kapitel + + +Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der +Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den +Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu +ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß +die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen, +fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie +vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal +frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr +Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der +Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte. +Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die +Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie +sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem +blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz +aufführten. + +Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das +Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in +die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den +dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch +anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst +von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied, +beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von +oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen +ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und +schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines +Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er +hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt +gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in +welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand +und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine +Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks +zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte +Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena +so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er +ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte +ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei +Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte +schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd. +Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus – nach nichts. Er +folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre +erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines +betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen +erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote +Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um +endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht. +Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit +Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig +geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu +bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie +die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für +sie etwas Elementares hatte. + +Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben, +erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas +Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie +versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich +zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt +lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den +gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich +heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr +Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum +Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der +unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine +dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend, +lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der +beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne +Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei +Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern +zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von +Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm +aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas +wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick. + +Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie +beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd +stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den +anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann. +Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben. +Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts +gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas +Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und +reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und +fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des +Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam. + +Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht, +als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte +bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach +Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis +zum Morgen. + +Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam +und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von +einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines +Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten, +schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie +hast du geschlafen? Wie geht es dir?« + +»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem +Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie +wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine +sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu +bemänteln. + +Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu +Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander +gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den +runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner +Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns +beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß +doch auch wissen, wohin man geht.« + +»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit +Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was +schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das +Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund +und man geht immer nur im Kreis.« + +»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena, +erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde +später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen +wollte. + +»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik, +vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend. + +Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus. +»Begreifst du es nun?« + +»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme. + +»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach, +Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich +verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in +blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der +Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht +Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es +ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum +Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens, +unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch +Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab’ ich gefragt, +wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur +schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also +lebe und rette dich.« + +Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und +umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er +zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies +machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in +die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort. + +Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und +nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die +Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es +klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor +den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine +wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden, +fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein +Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder, +seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des +Gemüts kam über ihn. + +Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn +wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit +böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein. +Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht +aufzuheulen. + +Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je +verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im +Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er +wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu +bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem +Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es +schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild +auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig, +daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme +Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde +geöffnet. + +Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes +Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold +zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich +die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln +auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in +seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee +trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena –? Wie –?« Mit +geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand. + +Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und +unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe, +nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war, +der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide +Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena +verlegen und mitleidig. + +»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-, +Herzmüdigkeit.« + +Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der +Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und +da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und +auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie +fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden +Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund, +legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und +blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der +ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine +bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie +rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die +Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie +nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender +Begierde selbst zerstört. + +Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich +Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den +Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf +die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet. + + + + +Einundvierzigstes Kapitel + + +Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte +dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte +ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es +entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich +selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem +Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie. +Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg +eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr +Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum +Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren. + +In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem +Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm +Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und +er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein +Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand +Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold +offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und +er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie +durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen +überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball +veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die +Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel +größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor +den Kopf zu stoßen. + +Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine +Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu +überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die +Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie +empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische +Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. +Doch was mochte ihn bewegen? + +Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold +machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr +treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen. +Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und +selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln, +wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war +überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und +faul zumute gewesen. + +Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb +ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra +ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste +aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.« + +»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht. + +»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch +gute Bücher verdorben.« + +»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit +dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei +zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst +du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur +ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter +Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß +selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß +die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne +herunterziehen können.« + +»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte +Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr. + +Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein +Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld +angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor +angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre +Hand fest. + +»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit +dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die +Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen +gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie +mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen +kannst.« + +Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du +denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?« + +»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete +Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes +Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben +aufhören, zu überlegen.« + +Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er +stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach +herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden +Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer +arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch +ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des +Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend, +daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da +sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen +von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der +Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold +gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging. + +Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer +herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun +furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig +zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und +Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals +so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in +die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich +selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn, +unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann. +Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich +selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es +doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein +Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für +immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier +Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht +fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter. + +Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber +schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden +und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem +Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die +Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß +kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich +mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete +Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit +machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so +früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er +sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig +sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges +und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.« + +»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein +wichtiges Examen steht bevor ...« + +Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte +Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas +anderes wollen als ich.« + +»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise, +indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel +verzog. + +Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug +dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen, +was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das +bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam +emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde +gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn. + +»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer +seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du +aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das +ist schlecht ...« + +»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und +schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den +Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden. + +In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch +regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von +herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den +Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick +mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen +wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand +über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr +vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren +Mund fast sprengen wollte. + +Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit +brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er, +als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er +wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm +selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein +kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete +sich aufmerksam und lächelte zerstreut. + +Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang +nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen. +Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu +tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den +landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des +Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune +Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel, +helle Herden und weitgestreckte Ackergründe. + +Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde +es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen +nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte +Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie +immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.« + +Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die +weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig +riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl. +Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst. +Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann +würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um +nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.« + +Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen +Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse +zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast +besinnungslos. + +Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief +wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon, +und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten. +Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle. +Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer +vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der +eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält. + + + + +Alexander Hanka + + +Zweiundvierzigstes Kapitel + + +Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein +Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An +einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die +festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit +hinaus in die Vorstadt. + +»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den +nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal. +»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit +Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.« + +»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede +Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir +kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.« + +»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?« + +»Das weiß ich nicht.« + +»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen +gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich. + +Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im +Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun, +und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt +stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als +er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte +er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich +stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde. + +Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel, +aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich +war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und +eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig +war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen +Abwesenheit gerüstet habe. + +Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei +Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er +durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang +beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott +vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber +und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher +Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das +Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war, +wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich +alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit +widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte +Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit +beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene +Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide +zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den +Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten +aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten +und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien +zu haben.« + +Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete +Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst +im Himmel. + +Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor, +legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus, +als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt +nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich +der, wenn ich nachts das Licht auslösche.« + +Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen +wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte +und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle. +Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn +es dir recht ist.« + +»Gewiß.« + +Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim +zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum +fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten +Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.« + +Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren +Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues, +scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser +ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb +Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal +gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der +Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo +wartete, bis die Bahnhofshalle leer war. + +Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im +dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im +Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der +Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die +Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer +angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes +Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula +wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters +ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu +tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula +und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging +ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der +ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder +Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf +nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn +in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von +Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte. + +Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm +er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube +war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten, +Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich +hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den +Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber +nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er +schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab. + + + + +Dreiundvierzigstes Kapitel + + +Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen +Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das +Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen +verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem +dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des +schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen. +Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise +Glucksen des Wassers in den Wiesen? + +Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war +überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte +lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen +den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens, +als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die +Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte +freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu +dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges +Kompliment. + +Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief, +verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die +Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie +eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem +Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein +einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken +an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten +erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes +Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes +überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht +erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden +würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem +Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen, +kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen, +stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt +war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus +Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.# + +Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein? +Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis +bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte: +schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche +Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche +allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er +sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner +inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr +verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr +und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm +zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die +Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige +Selbstprüfung vor. + +Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu +und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst +allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die +junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher +Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft +seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von +achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden +und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere +versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um +dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie +es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle. + +Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich +gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes +Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, +zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus. + +Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um +Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe +eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung +verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold +wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener +Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob +das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er +selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich +gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des +Kubu?« fragte Arnold dagegen. + +Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus +Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu +sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht +übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß +bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen +Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und +fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, +sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit +erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor +entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe +sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit +meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und +nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere +Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um +ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau +warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den +Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so +verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich +alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie +würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten +sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die +Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm +die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn +stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem +Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die +gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben. + +Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor +fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem +Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte: +»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei +Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut +und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern +verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn. +Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu. +Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen +sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm +geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu. +Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber +er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand +Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht +mitteilen konnte. + +Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen +und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen +Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum +und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren +Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte +bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja, +er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so +deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er +doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen +Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen +Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte. +Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte +sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener +Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold +empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit. + +Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich +zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei +solchem Wetter!« + +»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?« +fragte die Alte. + +»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist +ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. +Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort, +zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen +möchte, der muß tanzen und springen.« + +»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«, +sagte Ursula. + +Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte +er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze +haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.« + +Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man +erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.« + +Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und +würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer. +Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis +auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen, +denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme +Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls +herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse +Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude +streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, +als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich +mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier +jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?« + +»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es +Ihnen?« + +»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche +muß man’s treiben.« Er lachte. + +Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern +den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der +von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der +Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein +Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und +er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt. + +Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem +Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück. + + + + +Vierundvierzigstes Kapitel + + +Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die +Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das +Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune +besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden +lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in +einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus +der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder +liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit +der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen +ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die +sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die +schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme +Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm +auf. + +Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er +nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen +rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen. + +»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den +Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und +Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden, +sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen +Ausdruck vollkommenen Ernstes. + +Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von +Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?« + +»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin +ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.« + +»So? Was fehlt ihr denn?« + +Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.« + +»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?« + +Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«, +antwortete er. + +»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was +mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.« + +Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden +heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr +klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!« + +»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von +Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit +verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier +sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier +vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines +unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das +Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen +zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals +auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend, +sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu +meiden. + +»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die +Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht +hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war +geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem +Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug. +Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht. +Verzeihen Sie.« + +Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte +er stehen bleibend und sich verabschiedend. + +Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka, +als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete +die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen. +Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam +unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet, +die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte +das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der +Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes, +dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der +unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun +mineralisch leer. + +Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie +lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er +unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie +lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell +vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und +Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah +ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war. +Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war +es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber +erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten. + +»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich +aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden +Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle, +nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie +hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch +erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem +faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber +hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen. + +Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte, +setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut +hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge +überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu +leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er +fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O +stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann +diejenigen, deren Pfeile noch fliegen. + +Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er +entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn +quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, +nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn +nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von +schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen +und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte +er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn +im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten +sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine +parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige +lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der +Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der +pflügende Bauer. + +Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger, +natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte, +daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die +Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen +verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in +sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm +zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht +gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz +kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur, +sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und +das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß +ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften +nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig +sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er +keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand +ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem +Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen +gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die +Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen +erziehen.« + +Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu +träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur +bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen +bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner +als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch +geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der +Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im +scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen +hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den +ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen, +schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die +Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre +beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung +teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er +die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild +dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den +nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine +Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte +an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über +sich erblickt. + +Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und +Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine +eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das +Ding, welches ihm das Herz auffraß. + +Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold +bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka +schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er +spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten +spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die +Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und +erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person +zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln. + +Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief +Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes +Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus +abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und +Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns. +Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen +du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der +Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben +könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna +Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die +Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem +sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.« + +Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch +welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt +wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen +Vorsatz mit. + + + + +Fünfundvierzigstes Kapitel + + +Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt +zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am +letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht +der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es +vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn +zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu +übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker +an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben +wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den +Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war. + +Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die +Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange +zu sehen war. + +»Ich bin froh, nun geht’s wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb +sind Sie so schlecht gelaunt?« + +Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem +Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um +zehn Perzent zurückgegangen.« + +»Was werden Sie tun?« + +»Ich muß verkaufen.« + +»Und dann?« + +»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, – Arbeit.« + +Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.« + +Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am +Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka. +Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es +nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder +nicht. + +In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck, +und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude +streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in +ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur +die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl +sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es +Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. +Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im +Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen +begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen +Gewohnheiten entsteht. + +Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst +nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden +er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein +Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die +Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich +bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr +zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen. + +Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener, +damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher +Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien +legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen +Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche +klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen +und setzte alles im Haus in Bewegung. + +Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde +ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er +hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den +größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe. + +Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann +Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar +in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie +romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen +wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so +ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte. +Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den +Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene +Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von +neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt +man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer +mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments +achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab. + +Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der +Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im +Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt. +Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste +vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der +Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein +Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl +erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es, +wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit +dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist +gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich +selbst und findet Widerstand. + +Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle +Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch. +Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden +Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das +vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr, +welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal, +das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für +die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er +hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen +verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der +Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen +Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.« + +Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war +sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat, +sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher, +Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer +Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold +herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.« + +»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas +verdrießlich. + +»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den +Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles +zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß +atmen können.« + +»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten +eine kleine Spazierfahrt unternehmen.« + +»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen +Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er +und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln +die Hand drückte. + +»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier +verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd. + +»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm +hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im +Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das +ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und +etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen +herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte. + +»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen, +der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie +gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.« + +»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen +blauen Himmel. + +»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?« + +»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl +ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.« + +Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste +geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen +zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter +tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im +Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf +den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen +schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in +sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der +Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu +richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern +wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen. + +Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna +Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in +Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg +ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der +Arbeit emporstieg. + +»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der +Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen +Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde +selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht. + + + + +Sechsundvierzigstes Kapitel + + +Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten +stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der +Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden +Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken. + +»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte +Anna Borromeo. + +»Beschlossen worden?« + +»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die +Baronin. + +»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu. + +»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold +verlegen. + +»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen +nur Figur machen.« + +»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken. + +Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und +etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte. + +»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig +fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas +modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage +zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu +tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler +gesprochen.« + +»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend. + +Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete +sich. Er wurde mit Kälte entlassen. + +»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als +er fort war. + +Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte. + +Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom +Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig. + +Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der +soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast +erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es +gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr +einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in +die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen. +Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, – +es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte +seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste +Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an +den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die +Straße betrat. + +Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren +überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im +Laden eines Trödlers. + +»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und +machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn +durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und +sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen +auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf +breitem Postament der marmorne Antinous. + +»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen. + +»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.« + +»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft? +Eine wertvolle Sache.« + +»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern. + +»Ganz gut. Sehr schön, – vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit +verbinden.« + +»Was soll das heißen?« + +»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit +seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die +Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung, +ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei +Ebenholzkugeln glichen. + +»Und wenn ichs täte –?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber +wenn ichs täte –?« + +Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine +nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen +unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug, +ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer +eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten, +»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen –, dort?« + +»Ich denke nein«, entgegnete Arnold. + +Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und +blickte auf die Statue. + +Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn +sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte +er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte +gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und +Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort +war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds +Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen, +anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung, +nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war +es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es +benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen, +für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen, +die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im +Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben, +schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn +ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals +begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein +reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter +Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam +es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine +Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos +machten? + +Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage +eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen; +was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den +Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung. +Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander +gegenüber. Beide waren blaß. + +»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit +einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo +lächelte dünn und leer. + +»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken +gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der +Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand. + +Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit +halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf +und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn +empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er +stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und +finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur +zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren +wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen, +im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold. + +»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas +ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag. + +»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter +scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze +losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.« + +Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen. +Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster +betrachtete. + +»Was denkst du dazu?« fragte Arnold. + +Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er +leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat +verkaufen?« + +Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm +gegen die eisige Trauer dieses Mannes. + +»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo. + +Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den +verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte. +Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute +wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen +ob sein Bild auch wirklich darin sei. + + + + +Siebenundvierzigstes Kapitel + + +Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt, +den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück. +Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er +konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las. +Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle +Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich +mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie +schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über +der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, +viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am +Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit +und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes. + +Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte +kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper +lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust +bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn +in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der +vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß, +gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und +Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines +Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße +Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in +englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde, +langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten +Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht. +Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer +Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine +boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen. + +»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede +überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen. + +»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit +einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich +höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine +Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert, +erzählt man sich.« + +Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch +sorgsam von den Gräten. Er lächelte. + +»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich +in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz +unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte +mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten +nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes +Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner +nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin, +der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich +höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das +Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun +eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron +Valescott und –« + +»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den +Tisch. + +Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt, +Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später +noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier, +es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim +Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der +mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso +erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die +Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht +... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.« + +Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte +und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer, +allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich +ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle. + +Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus, +welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer +jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine +enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in +Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde, +war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete +Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der +Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick +zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn +warten. + +Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame +Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in +sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein +wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die +dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine +Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die +Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte +den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier +und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des +Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing +tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas +Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges +Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten +einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid; +die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen +reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe. +Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der +Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen. + +Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief +davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der +zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal +eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die +Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen. +In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn. +Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte +den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander +entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von +Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend. + +Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht +einmal Ihre Namen.« + +»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng. + +Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die +Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite +und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia. + +»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold. + +»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora. +»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf +diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – »aber bei Ihnen +wollen wir eine Ausnahme machen.« + +Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen +Mollakkord an. + +»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz +nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.« + +»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold. + +»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte. + +»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte +Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar +ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das +gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll +ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz +über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß +und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen +sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer +Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing +über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein +Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete +mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich +Träume.« + +»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora. + +»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine +Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich +zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes. +Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie +sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht +mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei, +niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der +Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr +angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz +vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die +bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei +der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern +die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen, +beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden, +als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte +fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt +eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern +küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen +Menschen.« + +Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter +Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden. + +»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur. + +Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging +hinaus. + +Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum +spielen Sie nicht?« + +»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit +prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten +legte. + +Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten +einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin. + + + + +Achtundvierzigstes Kapitel + + +Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog +Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe. +Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand. + +Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin +sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung +Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die +beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der +Tisch zum Tee war gedeckt. + +Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer +mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen +Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von +Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und +freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend +an Arnold. »Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« sagte +er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?« + +»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold. + +Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt +in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.« + +»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold. + +»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem +Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts +als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr +Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –? +Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so +starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?« + +»Jawohl«, erwiderte Arnold. + +»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem +Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich +nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...« + +»Specht?« + +»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.« + +Alle blickten auf Arnold. + +»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig +verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er +heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann. + +»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig, +»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig +gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht +unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es +im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie +aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war +doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –« + +»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so +sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum +erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das +gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können +Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf +angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. +Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre +Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure +Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich +konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie +unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es +zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für +eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine +Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden +von Komödie!« + +Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem +Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch +verschaffte. + +Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres +Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der +Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die +unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den +Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen +gesprochen.« + +Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und +nahm ziemlich verstimmt Abschied. + +»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die +Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht +Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?« + +Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis +er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich, +ihn zu begleiten. + +Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen. +Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich +gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich +erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten +Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft +gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die +Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem +vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.« + +Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er +blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an +das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie +ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug +her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte +Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und +hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine +Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte +nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den +Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht +lächerlich werden, alles nur das nicht. + +Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack +an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche +Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten +lang niedersetzte, um nachzudenken. + +Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine +Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den +Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende +Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer +sein frechster Traum umspannt. + +Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen +zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich, +herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die +er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete +er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte +hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer +lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich +zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine +Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie +zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt. + +Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die +Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in +Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung +von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte. + +Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden +Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es +zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen +düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen +Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet +standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel, +Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien, +während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke, +seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da +geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet, +ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem +Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt +haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem +Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen +werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte +Arnold. + +»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo, +nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des +Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich +habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.« + +Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich +reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er +blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur +ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige +ist Sache des Glücks.« + +Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr +über Arnold. + + + + +Neunundvierzigstes Kapitel + + +Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen +Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung +ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu +dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden, +ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach +Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für +Zuckerwaren erhalten. + +Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir –!« Und +sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den +Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei +der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu +denken. Petra hatte Pflichtgefühl. + +Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden +abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre +Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald +unterhaltende, bald langweilige Spielerei. + +Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts +anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön +bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau +ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze +Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche. + +So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und +sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus +blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie +Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die +Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar +verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über +der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt +war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde +dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den +Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und +Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren. + +Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon, +welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr +sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht +verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum +Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen +Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein +Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist +ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und +taktvoll.« + +»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd. + +Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß +er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief +ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann. + +»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere +Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch +in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich –« Er rieb sein +Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue +mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du –« Alle starrten ihn entsetzt +an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin +und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors# +die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen. + +Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder +an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß +sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem +Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder, +wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur +einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt. +Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod +machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es +verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die +Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in +die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der +Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen, +zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar +tausend Jahre lang getrieben. + +Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch +zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses. +Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das +grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten, +nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die +neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für +ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im +Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was +zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und +nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in +die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt. + +Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte, +beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines +jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts +anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote +dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine +Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein +Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den +Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel +zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt +etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter +bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde. + +»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht +drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der +schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold +im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne +vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen, +deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber +und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie +zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch +nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den +Schultern herab. + +Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen, +Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu +tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame +vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte +von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine +fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden +Ehren empfängt. + +Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich +auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie +unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte, +dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere, +unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies +Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem +Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein +Peitschenschlag. + +Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er: +»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...« + +Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind +vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht +von der Stelle. + +»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit +neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen +furchtbaren Anfall ...« + +»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll. +»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.« + +Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem +festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn +hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen +warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen +zürnte sie der Mutter. + +Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller +zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er. + +Natalie schluchzte wie ein Kind. + +Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die +immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen +Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein +einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme. + +»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend. + +»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora. + +Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum +zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein +der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen +Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf. +Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren +sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen. +»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber +Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll +Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo +Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war; +die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die +Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach +beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den +leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige +Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte +sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen +erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!« + +Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten +schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch +welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold +durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit +törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen +blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd +und ging vorüber, durch das schweigende Volk. + +Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war +Feuerwerk. + +Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im +Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter +den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens. + +Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus +der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der +Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold +zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine +Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.« + +Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte +durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem +goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter +Lichtstrahlen. + +Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte +er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst +hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn +flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob +seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel. + + + + +Fünfzigstes Kapitel + + +Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche, +aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er +Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden +suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen. + +Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und +sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte +sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder +Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut. +Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die +witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das +Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für +eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge +schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere +Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten +vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle. +Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn +auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig, +unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer; +er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung, +Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß; +offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien +wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag, +ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch +die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in +einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in +diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den +er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte +er seinen Vorsatz aus. + +Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne, +sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen +und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken +Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein +Freund sei da.« + +Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein +Teurer, was führt Sie zu mir?« + +»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete +Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich +unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?« + +Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm. +»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie +gerade mich suchen«, sagte er. + +»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.« + +Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht +seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben +Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen +Lebensappetit?« + +Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?« + +Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher +oder später wahnsinnig werden wird.« + +»Und deshalb hängt sein Bild hier?« + +»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen, +der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.« + +Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend +über beieinander und trennten sich erst in der Nacht. + +Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er +bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem +Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon +geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares +Rechenexempel. + +Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er +das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß +und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis +entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in +welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum +Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod +neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser +schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein +Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und +verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches +nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte. + +Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen +profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die +Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie +morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und +der Idee. + +Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu +hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare +Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm +in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz +anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige +Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach +Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete +sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor +der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines +Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine +Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen: +»#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat +die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente +gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in +ihrem hellsten Schein.« + +Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz? +Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den +Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen. + +Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch +aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.« + +Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so +daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn +getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in +mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke –? fliehst du +vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer +fremden Wohnung niederlassen? + +Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen? +gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder +an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch! +Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich +verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas +laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie +bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten +keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir +zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.« + +Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben +erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch +wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier +hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er +durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum +Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener +und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas +passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging +voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand. +Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und +der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde +neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner +Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren +an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold +sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor +die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und +untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß, +es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte +Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge +so sehr?« fragte er etwas ungeduldig. + + + + +Einundfünfzigstes Kapitel + + +Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß +ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung +seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch +Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem +stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er +nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine +Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes +zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die +leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert +werden könne. + +Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend, +erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn +zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: +»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?« + +Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der +Tat nach, sondern dem Gefühl nach.« + +»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit +bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. +Er ist ein gutmütiger Mensch.« + +»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde +mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben +könnte.« + +Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht. + +»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich +nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und +einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.« + +Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam +der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an. + +Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und +setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!« +sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen +versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen +zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten +angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß +hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka +hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen +Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen +Kegeln emporblies. + +»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold +und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er +sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei +zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben +sieht. + +»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie +immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen +schädlich ist? Welche Widersprüche!« + +Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne. +»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen +und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun, +was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er +sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«, +bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins +Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka +müßte man es erfinden.« + +Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere. +Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen +traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken +und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen +Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch +eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?« + +»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden +Blick und schob Hyrtl von sich weg. + +»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und +ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land +fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller +Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so +finster ...!« + +Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz +und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit +Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein +Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere +mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, +denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es +waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren +Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – ach! +Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich +von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben. +Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben +nicht, du Dummkopf.« + +»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig. + +»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie +gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder +anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.« + +Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von +Hanka begleitet. + +Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig +in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte: +»Der gnädige Herr schläft noch.« + +Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er: +»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!« + +Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der +Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte +sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er +schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie. + +Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein +Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum +Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl. +Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam +der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor +Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes. + +Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr +Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang +nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen +und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold +fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß +Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und +sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern +erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen +leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.« + +Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er +betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich +danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.« + +Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich +in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte +Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte +er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig +ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon +von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander. +Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte +Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie +geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies +Arnold zu sagen. + +Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen. +Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das +Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds +Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die +angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit +natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn +küßte. + +Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«, +sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war +er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.« + +Hanka ging nach Hause. + + + + +Borromeo + + +Zweiundfünfzigstes Kapitel + + +Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den +Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß +Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des +Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht +etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf +eine gleichgültige Zukunft. + +Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber +nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie +erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von +einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem +Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die +Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie +hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein +Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler +das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen. +Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der +wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen +konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, +ein sicheres Auskommen. + +Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von +dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen +Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte +sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, – ohne es zu +wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur. + +Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie +ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer +Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen +Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam +Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder +von der Kanzlei komme. + +Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in +aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr +früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst. +Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin +gebraucht ...« + +Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen +und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die +Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte +die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der +flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert +zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der +geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem +Lächeln. »Hast du etwas vor?« + +Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich +habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte +skandierend. + +Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch: +»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.« + +Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast +liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke +begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du +bist sonderbar.« + +Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu +liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er +meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?« + +»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau +Anna gleichgültig hin. + +»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein +richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.« + +»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«, +entgegnete Anna Borromeo ruhig. + +Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe +träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?« +fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen, +wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas +mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.« + +»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter +dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn. + +»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu +erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer +wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, +war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer +Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann +ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß +wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer +immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, +sonst geht er zugrunde.« + +»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«, +sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, +als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen +Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den +neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie +sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an +Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt +dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir +dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder +einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es +natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke. +Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß. +Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu +spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und +Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die +daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und +weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie +weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte +darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte +und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich +selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie +trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, +zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle +andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute +nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort +und mit Eilpost ab. + +Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich +nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen +italienischen Roman und las. + +Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen +schwermütigen Ausdruck. + +Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die +Achseln. + +»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?« + +»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns +zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.« + +»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.« + +»Er war ein guter Freund.« + +»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?« + +»Schlecht.« + +»Du solltest Karriere machen.« + +»Wozu? Es lockt mich nicht.« + +»Du solltest reich sein.« + +»Ich habe genug.« + +»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du +denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt +alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen +entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den +Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.« + +»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.« + +»Weil ich nichts besitze.« + +»Weil du nichts halten kannst.« + +»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.« + +»Liebst du denn nicht deinen Mann?« + +Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte. + +War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit +Smaragden wie sie einen trug, damals ...? + +Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an. + +»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton. + +Sie schwieg. + +»Sprich doch!« + +»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja +lauter Krämer.« + +Sie brach in Schluchzen aus. + +Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen +ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste, +was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange +und drückte sanft seine Lippen darauf. + +Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen +Widerhall gefunden. + +Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach +freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten +Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener +Waldstationen. + +Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte, +gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen +Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die +Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem +Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem +unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche, +Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit +Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und +Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im +Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden +Mantel des Abends, die Millionen. + +Reich sein, reich sein, dachte Arnold. + + + + +Dreiundfünfzigstes Kapitel + + +Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich +jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. +Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu +und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast +ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der +Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold +verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe +seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde +damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor. +Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen. + +Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung +geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil. + +»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er. + +»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold. + +»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie +sich ausgelebt?« + +»Ein böses Wort, lieber Freund.« + +»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.« + +»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu +schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, +Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.« + +»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings +halte ich mich meistens an das Nützliche.« + +»Sie sind eine harmonische Natur.« + +»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen +geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind +nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu +wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, +wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß +aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick +verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen +sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen, +denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne +an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf +nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät, +und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir +zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein +Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.« + +Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über +den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig +entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,« +sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge +ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund +fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während +Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht +länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre, +Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen +bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit. + +Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold +zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die +Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort +in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit +regungslos starrenden Augen auf der Armlehne. + +Arnold blieb schweigend stehen. + +»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren. + +»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden, +hatte aber jede Unbefangenheit verloren. + +»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam +auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.« + +Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und +meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.« + +»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie. + +Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring, +lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt +Ohnmacht über mich«, sagte er. + +»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna +leise. + +Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner +Mutter verheiratet.« + +»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und +habe kein Kind.« + +»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen +gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott +abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist +blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine +Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was +ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.« + +Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten +Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit +erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er trat zwei +Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß +ich es schon vorher wußte?« + +Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile +sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.« + +Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn +verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten +nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem +er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer +unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des +Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine +unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich +seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich +sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein +könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge. +Das ist es.« + +Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck. +»Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie. +»Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?« + +Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen +stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.« + +»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und +du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, +die nennt man Moral.« + +Arnold schwieg. + +»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft +hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg. +Willst du mir Gesellschaft leisten?« + +»Morgen abend –?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere +Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna +reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem +Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer. + + + + +Vierundfünfzigstes Kapitel + + +Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem +Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß +es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er +sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam +wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch +wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor +ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett +aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art +von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem +Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem +Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die +Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der +Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen +erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es +war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle, +fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der +Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des +ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen +vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand +von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war. +Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen +gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine +Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen +einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, +und das war Arnold. + +Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus +verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter, +zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort; +in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und +der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den +Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit +verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für +die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr +zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner +ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in +Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm +ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht +reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht +lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene +gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die +Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen +möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den +Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald, +welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange +setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große +Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein +konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder +umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? +dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der +Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke +Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum +Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück +und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich +erwartet wurde. + +Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder +in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten +ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich +denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter +die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war, +lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf +Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot. +Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß, +aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt +durch die verödenden Straßen. + +Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte +er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch +waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht +nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die +Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete +endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn +Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche +war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und +ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es +finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein +Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er +die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise +öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so +übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu +öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der +in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil +des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein +Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los; +er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört +drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen +stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an +der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit +einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen +entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst. + + + + +Fünfundfünfzigstes Kapitel + + +Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend +zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde +nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich +leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach +Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht +das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht +gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen +und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat +in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte +Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte +sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie +erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du +nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge. + +Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider +fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen +Augen einer Wachsfigur. + +»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst. + +»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es +ist nichts, beruhige dich nur.« + +»Hast du denn nicht geschlafen?« + +Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen +Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er +schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und +besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und +schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna +wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er +Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert; +um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht +gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand +ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.« + +»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich +selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten +Verfassung ...« + +Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche +Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich +unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht +verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die +nächsten vierundzwanzig Stunden ab.« + +Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte +sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um +zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde +verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine +halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, +den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun +das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält +aus. + +»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er +hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und +liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände. + +»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn +beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf +ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas +geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte +Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an +die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller +Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu +machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich +während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam, +sie stumm fragend anblickte. + +Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck +auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei +gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein +gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner +Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.« + +Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers +erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du +glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« +Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen +Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich +selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel. + +»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen +würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder +Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines +Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold, +und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und +was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt +hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie +nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen +darauf. + +Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht +glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis +hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn +die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu +erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das +unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe. + +Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das +Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als +verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers. +»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin +leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.« + +Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen +ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen +ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu +nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran +klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten +zu können. + +»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das +Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr +Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in +einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß +ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst +zugegen.« + +Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum +soll er nicht wissen, daß ich da bin?« + +Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie +aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend +gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –« + +Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich +die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das +Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht +geantwortet.« + +»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in +gesellschaftlichem Ton. + +Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der +Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht +die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an +ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann +trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold +waren wieder allein. Sie schwiegen lange. + +»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit +eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat +ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es +das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.« + +Arnold antwortete nicht. + +»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.« + +»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener +lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte. + +Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie +sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu +Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine +Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos +und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna +erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich +schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist +finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete +eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam +zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus. + +Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und +hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch +nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun +geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, – +aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und +Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem +Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder +Beziehung gut für dich sein.« + +Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann +nicht auf dem Land leben,« sagte er. + +»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna +liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?« + +»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo. + +»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich +gehe?« + +»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich +kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige +Art. Er zitterte am ganzen Körper. + +»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll. + +Er schüttelte müde den Kopf. + +»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin +gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie +verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte +langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf +die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin. + +Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst +macht dir das Anerbieten und hält es für gut.« + +Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich +abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit +dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist +eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und +deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die +Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt. + +Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden +die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle +Färbung. + +»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in +diesem Augenblick in dem Manne vorging. + +»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck. +»Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie +du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die +dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu +verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: +dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ... +dann will ich nach Podolin.« + +Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das +Zimmer. + + + + +Sechsundfünfzigstes Kapitel + + +»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,« +sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so +erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach +Podolin zu gehen.« + +Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er. + +»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich +gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das +Sofa. + +Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn +mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst. + +Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe, +sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er +irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich +zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm +zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse +hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen +war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche +empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem +einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe +des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn +selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb +sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt +Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er +zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße +ging. + +Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick +Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes +Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus +zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide +unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu +stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und +vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in +seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er +selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt. +Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er +hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an +jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja +nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst +abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob +gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna +ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet +aber auch nicht ab; sie schwieg. + +So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging +hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der +Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang +zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau +trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten +Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort +einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja +gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur +Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von +deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das +Gemüt.« + +Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen +Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht +vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche +Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber +das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus +Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter! + +Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut, +ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.« + +Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans +Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der +Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde +verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis +Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den +Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu +träumen. + +Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer +ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte +er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind +vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus +Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu +beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was +bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das +Leben knüpfte. + +Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im +Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte +Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum +Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein +Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu +können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge, +forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo, +der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den +Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts, +nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna +zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte +Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche. + +Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern +telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den +dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die +Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl +auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm +angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu +sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen +Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders +aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich +Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie +konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und +Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank +in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre +Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein +und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch +hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu +wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben. + +In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur +Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen +gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die +auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die +nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen, +erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet +wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen, +waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und +Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit +sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit +eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell +werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor +Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn +bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber +bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab, +schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er +achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er +sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung +eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm +abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne +Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn +an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen, +was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte +Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden +Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in +Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende +Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu +schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs +Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert, +selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält. + +Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst +hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte +Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu +verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des +treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht +jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn +totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er +glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der +Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt +auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu +erhalten.« + +Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie +gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz +entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans +Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie +Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen +in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der +Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben +und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich +stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll +aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu +blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein +Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite +der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches +Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die +Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete +hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer, +stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele. + + + + +Siebenundfünfzigstes Kapitel + + +Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße, +viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er +flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja +ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem +alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.« +Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte. + +Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen +war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, +wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten +wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine +gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens +nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu +folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen +Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer. +Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild +auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte +den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste +Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf +einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach +Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold +sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war +vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den +tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte +Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich +aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da +erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig +zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half. + +Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf +laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt +er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand +er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich +aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es +Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege! + +Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der +Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den +Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem +Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in +jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer, +dünkelhaft und lügnerisch. + +Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich +plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan +und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte +ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so, +ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den +Zug. + + + + +Achtundfünfzigstes Kapitel + + +Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der +Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde +ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten, +und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und +ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam +eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die +Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres +erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge +zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust. + +Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in +seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und +mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte +Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so +rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander +gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der +Zeit ins Ewige hinaus. + +Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein +Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn +auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen, +worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines +Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still +dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück, +bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien +ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie +eine fabelhafte Bergkette. + +Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts +den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; +auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und +schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus +drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm +Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein +Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache +Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines +Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm +doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme +zeigte. + +Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen +Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht +zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre +eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem +schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und +etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er +antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie +betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian +inne. + +Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine +Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte. +Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst +verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht +fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon +begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der +Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen, +um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser +Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der +Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr +Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt +nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch +eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor +dem guten Herrn wie vor dem Teufel.« + +Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos +Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, +ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom +Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. +Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre. +Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und +Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern +öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims. + +Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine +steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen +die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der +ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn +hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und +schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das +Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als +brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er +blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur +tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei +Geifer in den Bart rann. + +Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst +du mich nicht?« fragte er endlich. + +»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer +Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide +Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man +muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...« + +Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte, +wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen +und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den +Raum. + + + + +Neunundfünfzigstes Kapitel + + +Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das +Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte, +warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein. + +Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand +aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den +Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt. +Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die +kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. +In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige +Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof, +zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust +zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken. + +Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er +auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in +das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort, +bezahlen!« + +Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter +dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien +dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das +geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine +geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte +und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu +schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es +sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht +wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben +ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen +kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen +konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. +Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser +geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe +ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig +verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu +wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit +dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich +also tun, damit Gerechtigkeit entsteht? + +Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die +Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn. +Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust +und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl, +dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der +Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist, +wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht +das Bessere wieder! + +Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn +wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper. +Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde? +Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich +müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann +entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen! + +Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor, +gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er +in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen +Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar +und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind +niederreißenden Schicksalsmächte. + +Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und +heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt +das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel +mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine +verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und +dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im +Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf. + +Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete +die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige +Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen +Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den +geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan, +kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun +ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen +und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig +winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand +reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie, +»da sind Sie also auch mein Freund.« + +Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka +auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich +sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes +lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es +nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen +strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud +sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte +stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten +war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens. + +Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes +Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin, +rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und +dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen +Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka, +denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht +preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte, +erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging. + +In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er +das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein +Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien +Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte +zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil +wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes +Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat +er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade, +wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an +einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit +allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula +Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank +liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden +laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem +Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine +solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen +oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem +Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies +niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.« + + + + +Sechzigstes Kapitel + + +Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ. + +Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten +Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze. +Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er +wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein +Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot +flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel +oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien +ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin. + +An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum +Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine +Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die +glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft, +durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das +feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige, +halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern +kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen +Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des +Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer +Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen +empor. + +Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft. +Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte +sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine +Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden +des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf +einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie +eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald +der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als +bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an +den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am +höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im +Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog +ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen +erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus +der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust. + + _Ende_ + + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen: + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. +Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. +Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien. +Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage. +Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart: + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl. + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen: + + +Die Juden von Zirndorf + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe + +Geh. M. 4.–, geb. M. 5.– + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von +Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die +Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, +diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen +Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere +und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die +besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst +verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst +nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, +jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord +zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, +in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum +verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch +einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl +in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der +Handlung die vollkommenste Objektivität. + +(Neue Zürcher Zeitung) + +Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch +Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und +nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist +der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und +steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört +nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen +Literatur der letzten Jahre. + +(Arbeiterzeitung, Wien) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.–, geb. M. 7.50 + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. – +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + +(Die Zukunft) + +Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller +Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller +Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern +dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein +bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes +Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei. + +(Berliner Tageblatt) + +Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt. +Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman – damit kann man das +Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei +Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange +verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man +nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine +Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven +ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine +Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst +aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den +deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer +Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte. + +(Die Zeit, Wien) + + +Der niegeküßte Mund – Hilperich + +Novellistische Studien. Geh. M. 2.–, geb. M. 3.– + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie +fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausführung und Andeutung zueinander stehen – alles das verrät einen in +Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In +dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß +man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der +Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + +(Die Zeit, Wien) + + +Alexander in Babylon + +Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum +genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten +deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen +zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und +beseelt. + +(Neue Freie Presse, Wien) + +Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein +Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen +Romane alten Stiles. + +(Kreuzzeitung, Berlin) + +... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane +von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken +lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in +Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, +wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, +um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in +seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der +Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat. + +(Berner Bund, Bern) + +»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der +weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der +nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen +Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, +so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue +Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert +worden. Babylon – das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene, +unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es +sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag +dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich +auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden +Persönlichkeit. Und wie er’s getan, das ist bewunderungswürdig. + +(Neue Hamburger Zeitung) + +... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen +sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich +götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und +brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er +liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel +eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so +muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende +Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den +mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander +umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen +erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die +Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr +und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar +finsteren Verhängnisses. + +(Düna-Zeitung, Riga) + + +Die Schwestern + +Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Geh. M. 2.–, geb. M. 3.– + +In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns +verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen +Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses +stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen, +Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal +seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener +wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden +und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu +tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber +fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines +vermummten Bluffers. + +Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in +Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich +geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, +nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte +und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und +Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr +eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller +Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell +mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet. +Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und +des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die +»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die +»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse +der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna, +Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht +vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein +wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur ein Meister +dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem +neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher +schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so +deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt; +daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren +deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und +gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem +Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig +wieder auftauchender Menschen festzuhalten. + +(Allgemeine Zeitung, München) + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem +Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus +dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. +Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem +Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist +das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, +von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um +es nicht mehr zu vergessen. + +(Hannoverscher Kurier) + +Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen +Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen +Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen +Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen +Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei +phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – Das historische +Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei +Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob +Wassermanns. + +(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo) + +Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von +einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in +ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir +ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem +ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas +Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich +verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist +nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über +dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein +künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein +paar alte, goldtonige Gemälde vor uns. + +(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen., +S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem +S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen +S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.« +S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben. +S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«, +S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie +S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?« +S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans of a third +and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below +lists all corrections applied to the original text. + +p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen., +p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem +p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen +p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.« +p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben. +p. 255: [added quote] daß du mich liebst«, +p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie +p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?« +p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + +***** This file should be named 20413-0.txt or 20413-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/ + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/20413-0.zip b/20413-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f73dab1 --- /dev/null +++ b/20413-0.zip diff --git a/20413-8.txt b/20413-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d3519a1 --- /dev/null +++ b/20413-8.txt @@ -0,0 +1,10323 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Moloch + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading +Team at http://www.pgdp.net + + + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + + + + + + + + + + + Der Moloch + + Roman + von + + Jakob Wassermann + + + Dritte und vierte Auflage + neu bearbeitet + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + 1908 + + + +Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten. + + + + +Frau Ansorge + + +Erstes Kapitel + + +Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde +zu einem unscheinbaren Hgelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das +Wohngebude lehnte mit der Rckseite gegen die wilden Hecken, die den +weitlufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den +weigekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum +Tor fhrende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die +Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das +berhngende Ziegeldach leuchtete wie eine mchtige Kapuze brennend rot +ber die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn +unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein +schroffer Erdhgel, der den trg einherziehenden Flu zwingt, ihm in +weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter +abfallenden Seite des Hgels, ist aber gegen Sden bis hart an den Flu +herangebaut, so da die Hauptstrae des Dorfs nahezu die Gestalt eines +#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu +reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint. + +Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein huserloser, +der Erdstrich. Nur ein groer Zimmerplatz lag am Fluufer und von ihm +strmte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstmme aus. + +Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an +welchem Frau Ansorge in einer altertmlichen vierschrtigen Kutsche von +der Ostrauer Strae her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer +Dienerin Ursula, die den fnfjhrigen Arnold auf den Knien hielt. Der +damalige Brgermeister hatte die Frau hinber gefhrt auf den Hof, der +seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde +gegangenen Bauerngeschlecht gehrt hatte. Bald begann eine ruhige, doch +unablssige Geschftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu +verndern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zune +aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der +Viehstand verbessert, neue Mbel, neue Pflge, neues Gesinde beschafft +und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach. + +Drei Monate frher hatten Frau Ansorges Wnsche noch andern Lebenszielen +gegolten, als in der mhrischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. +Sie hatte die Vergngungen der Geselligkeit und alle jene Freuden +geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred +Ansorge war einer der groen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers +gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschfte gezwungen, einen groen +Teil des Jahres in der traurigen, ruigen Stadt zuzubringen, aber desto +schner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf +Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie, +Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurck. Die +Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei +Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein +falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien +kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem +entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum +Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter +eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt +zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen +zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verlie gelegen, das +Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewi, ungewi auch was mit dem +Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden +und zu hren. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr +aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des +Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der +Eisdecke des Stromes fliet, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form +des Lebens zu. + +Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die +Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begrbnis bei und nahm den +Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und uerlich +ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschften zu befassen und +bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschftsgewohnte +Bruder. Sie sorgte fr die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle +liegenden Grnde veruert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu +bersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr +beeinflut hatte. + +Ihr Fu wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat +keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede berflssige Bewegung. Sie +hate alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tnzeln. Was auf +Rdern lief und nur entfernt einer Maschine hnlich sah, erregte ihren +Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern +muten Bsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder +den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Strae +ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand +oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp ber den Dielen. + +In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines +schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die +beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine +unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und +unablssig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner +Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts +von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eiferschtige +Geselligkeit entsteht. + +Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grmliches und mrrisches +Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen +stapfte er herum wie ein kleiner Br. Dies reizte natrlich die Leute +auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula ffte Arnolds Gebaren nicht +ohne Bosheit nach. Das emprte den Knaben zu unbndigem Zorn; denn fr +die Neckereien der Erwachsenen besa er damals und auch spter nicht +das geringste Verstndnis; sie erschienen ihm als ein durchaus +unrechtmiger Eingriff in seine persnliche Freiheit. Mit schiefem +Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen +Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte, +zog er die Lippen auseinander, jappte jhzornig, machte zwei Fuste, die +er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den +Plagegeist los und bi und schlug. Doch solche Zornwtigkeit zeigte sich +mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine +verchtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewutsein der +Krperkraft entsprang und gar possierlich wirkte. + +Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang. +Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die +Militrpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr fr Frau Ansorge. Sie +selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin +unterrichten zu knnen, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und +so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den +niederen Fchern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu +lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fnfzehnten Jahr besa +er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte +keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergngen an krperlicher +Arbeit. Die Mutter wnschte ihn mittelmig und so am meisten geschtzt +gegen die Strme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie. + +In der drngendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an +ihm eine unruhige berschwnglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur +im Innersten fremd war. Da kam es vor, da er whrend einer ganzen +Sommernacht sich in den Wldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in +die Erde hinein horchte und mit eigentmlicher Angst den Aufgang der +Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Frh und kam erst +am zweiten Tag zurck. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren, +was hinter dem Wald, hinter den Hgeln der Ferne lag, und traurig hatte +er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben cker und Wiesen, +dieselben unansehnlichen Huschen an derselben Strae erschienen waren. + +Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein +Gegenteil, so da Arnold den Eindruck eines mrrischen und +phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung, +ja sogar ohne Frohsinn, lie er Sommer und Winter und wieder Sommer und +Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der +Welt war fr ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der +Zeit, das er mit trockener Selbstgengsamkeit verfolgte. Er war trg und +schwieg gern aus Trgheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen +ihnen kein gefhlvolles Streben nach Annherung, auch keine +geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land, +nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der +Beschftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhltnisses. Arnold war +nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war fr ihn mehr +eine ltere Genossin als eine Achtungsperson. Spter zeigte er in den +kurzen Gesprchen mit ihr gern eine spttische Aufmerksamkeit, die ihm +nicht bel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum +ein wenig ngstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen +geistiger berlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, da +Arnold nicht mehr ausschlielich die Mutter, sondern auch die Frau in +ihr erblickte, die er, in komischem Mnnlichkeitswahn, sich +untergeordnet glaubte. + +Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwles Mysterium +fr ihn gewesen. Seine frh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch +krperliche Arbeit, hatte keinen Anla zu dunklen Trumereien gefunden. +Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit +ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem +Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam fr +dergleichen Schauspiele abstumpfte, so verga er doch niemals den +herrlichen Anblick des sich bumenden Hengstes, sein schaumtriefendes +Maul, die geblhten Nstern, die feurig lohenden Augen, die +schweibedeckte dampfende Haut. + +Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches +Drngen und Whlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es, +als ob das Herz aufgeschwellt wre durch einen schrecklichen berschwang +zielloser Krfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen +Krper, in dem sie wohnten, zu erschttern und zu verwunden trachteten. + +Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die +neuankommende war in ihrer Art eine Schnheit, braun wie eine Kastanie, +frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hie Salscha. Als +Arnold sie gewahrte -- sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre +Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes -- da besann er sich +lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelnde und blinzelte mit den +Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel +Umstnde; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben +wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus, +als fordere er etwas, das ihm seit langem gehrte und unrechtmig +vorenthalten war. Die Magd lachte und lie ihn stehen. Aber zwlf +Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und +berlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr +nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter +der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung +zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm, +verschwand pltzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm +nichts mehr denn ein leeres Gef, dessen Inhalt er hatte trinken +mssen, um den eigenen Krper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde +wieder ruhig. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn +und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstnde +glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam +entgegenging. Aus der Ebene ertnte buerlicher Gesang, vom leise +sausenden Oktoberwind bald verweht, bald berdeutlich gemacht. An einem +Tmpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und +pltscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen +den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit +zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen. + +An der Zauntre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lssig an den +Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hhner, die sich +langsam nach ihrer Schlafsttte in der Scheune aufmachten und bisweilen +leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wnschten. Drauen schob +sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den +flammenden Himmel. + +Kleiderrauschen veranlate Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen +bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorbergingen. +Die eine der beiden, ein junges Mdchen, lchelte verlegen und +verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Whrend er ihnen nachschaute, +kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen +die Richtung nach dem Dorf ein. + +Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau +Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte +wie ein Baumblatt Adern. Sie machen Besuche, erwiderte sie vorsichtig, +Nachbarsvisite; sie glauben, das mu so sein. Sie haben das Haus des +verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin bersiedelt. +Hanka heien sie. + +Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch. +Seine Wibegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, da die Mutter +durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer +Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und +Gerichtsbeamten waren auer den Bauern die einzigen, die man hier zu +Gesicht bekam. + +Kaum war die Lampe angezndet, als es an die Tr klopfte und Maxim +Specht eintrat. Ich bitte vielmals um Entschuldigung, sagte er gewandt +und liebenswrdig, das Frulein hat einen Schal hier vergessen. Er +lchelte, wobei das Liebenswrdige, Gesellschaftliche noch strker +hervortrat und daneben etwas berlegenes wie bei jemand, der zu +beobachten fhig ist und sich dessen freut. + +Das Tuch hing ber einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. Es ist +sehr gelb, das Ding, meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die +Nase in den gestrickten Stoff. Pfui! rief er. + +Es ist parfmiert, sagte Specht verwundert. Finden Sie das schlecht? +Er sah Arnold an wie einen jungen Bren, dessen Kraft und Dressur zu +allerlei geschftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel +reden hren von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits +betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm +zugewandt war, mit spttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mitrauen und +zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft. + +Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen +fhlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer +leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch ber die Schulter, verbeugte +sich galant und wnschte gute Nacht. + + + + +Drittes Kapitel + + +Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet +war und in den Stall hinberging, leuchtete schon der frhe Tag. Er +liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und +-frische. Die Waldrnder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder +wurden zur Trnke gefhrt, und sie blkten freundlich. + +Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer +Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurck, um zu frhstcken. +Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der +Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch +sonstige Gegenstnde fr den Haushalt zu verkaufen. + +Elasser begrte Arnold knixend, whrend er Stirn und Glatze, die trotz +des khlen Morgens schon schweibedeckt waren, mit einem blauen Tuch +trocknete. Sein langhngender brauner Bart verhllte fast den Ausdruck +eines ziemlich gutmtigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing, +mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte +seinen ansehnlichen Pack auf den Rcken, grte ehrerbietig und ging. + +Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: Ich geh' jetzt ins Dorf. + +Der Weg wurde leicht in der windstillen und wrzigen Luft. Die Welt +atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwrts schritt, fhlte er sich +gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege +lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stcke in den Flu, +dessen mhselig hinflieendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels +wiedergab. + +Podolin streckte sich lang hin. Die Huser, arm und schmutzig, +entfernten sich nur an einer Stelle von der Strae und bildeten, den +Hgelrcken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das +Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebude standen. Uravar +wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den +jdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen +Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlssig, die +Hnde in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und +Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zhnen und lachte. Sein +bartloses Gesicht war rot und glnzend wie das rohe Fleisch; am Kinn +hatte er eine Warze mit fnf langen Haaren, welche aussah, als ob +bestndig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukrche. + +Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld, sagte der Hausierer, werd' +ich Ihnen verklagen bei Gericht. + +Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weien +Zhne. Judd, geh furt, sonst holl ich Hund, sagte er und warf einen +beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand. + +Elasser wurde erregt. Ich frcht' mich nicht vor Ihrem Hund, +antwortete er. Ich frcht' mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich +mich vor Ihrem Hund frchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach' hat +sich gehoben. Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen +kummervoll und ermdet in ihre Hhlen. Rettungsuchend blickte er an +Arnold vorbei auf den den Platz, als Uravar sich von seinem Sitz +herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte +Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn +gegen die Tre. Aber zwei Hnde klammerten sich mit solcher Kraft um +seine dicken Schultern, da die Schlsselbeinknochen krachten und +zurckgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm lie Uravar den Juden zur +Erde gleiten, drehte sich schwerfllig um, den Kopf geduckt und blickte +Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tckisch an. Arnold erwiderte den +Blick mit solcher Ruhe, da der brutale Mensch fast demtig den Kopf +duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos +zusammenschrumpfte. + +Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. Der Herr wird dafr zu ben +haben, sagte er, auf Uravar deutend. Einem Besoffenen und einem +Heuwagen mu man ausweichen, heit es. Aber gegen Gewaltttigkeiten sind +da die Gerichte. Er nickte Arnold zu und verlie den Laden. + +Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold +auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die +blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als +sei der Sonnenschein trber geworden. + +Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenberliegenden Schulhaus +entstrmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf +Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: Sehr schn, sehr gut. +Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine +Lektion erhalten. Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein +wurden und freundschaftlich glnzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein +Stck Wegs zu begleiten; oft schon htte er sich eine nhere +Bekanntschaft gewnscht, sagte er. Obwohl sein Anzug rmlich war, sah er +darin adrett aus; im Gesprch war er ungezwungen und zugleich +zurckhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold +betraf. + +Wie knnen Sie denn das aushalten hier, das eintnige Leben? fragte +er. Was tun Sie denn den ganzen Tag ber? + +Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft. + +Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter? +meinte Specht. Und wird Ihnen das nicht langweilig? + +Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht! + +Waren Sie nie in der Stadt? + +Nein. + +berhaupt noch nicht? Wie merkwrdig! Dem uern nach sind Sie doch ein +Stdter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei +einem Stdter. Sehr merkwrdig! + +Ist denn das so etwas Besonderes, ein Stdter? erkundigte sich Arnold. + +Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie +die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein groer Genu bevor. +Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwrdig! Ich +sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine groe Stadt. Theater, +Konzerte, reiche Leute, schne Damen, Palste, Kirchen, kolossale +Straen und abends ein Lichtermeer! Das knnen Sie sich nicht +vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie +mir. + +Verwundert schttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu hei wurde, zog er +seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend +und verstndnislos anschaute. + +Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Strae lag eine +Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und +neu umzunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine +Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mdchen, auf den +Lippen ein Kinderlcheln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet +hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und +ging dem Lehrer entgegen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Es war Nachmittag; Arnold sa am Flu und schaute ruhig nach der +Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das +Hemd ber der Brust geffnet; es war ungewhnlich schwl geworden. Nicht +das kleinste Fischlein wollte sich verbeien; den schwarzen Flu +kruselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; ber den +schlesischen Wldern lag ein Wetter. + +Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn, +was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel +auf ihn. + +Arnold brummte etwas vor sich hin. + +Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mdchen fort, dem Juden werde +er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen knnen. + +So? warum denn nicht? fuhr Arnold auf. + +Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh +und zu Ostern schlachten sie Christenkinder. + +Dumme Gans, murmelte Arnold verchtlich. Der Jud ist arm, hat neun +Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht +bekommen. + +Natrlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wre! hhnte +Salscha. + +Arnold zuckte die Achseln und schwieg. + +Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den +Rcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit +war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwnscht. +Aber endlich merkte sie die Klte Arnolds. Mit bsem Blick schielte sie +nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hrte Arnold ihr +gleichmiges und erzrntes Trllern ber die Wiesen klingen. + +Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den +Heimweg, da der Regen nahte. ber Podolin wetterleuchtete es. Er +schulterte die Rute und schritt fest ber den drren Ackerboden. Frau +Ansorge sa bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie +frchtete Gewitter, besonders die des Herbstes. + +Aber die Wolken verzogen sich wieder. + +Arnold erzhlte, da ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit +allerlei wunderlichen Ausdrcken von dem Leben in der Stadt +vorgeschwrmt habe. + +Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. Der Windbeutel, sagte sie; +er soll seine frischgebackene Weisheit fr sich behalten. + +Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein +Regenbogen stand. + +Komm einmal her, Arnold, sagte sie. + +Arnold trat an ihre Seite. + +Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schn und gro vor dir. +Kommst du zwischen Gassen und Huser, so bleibt nicht mehr viel von ihm +brig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glck und Ruhe +verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine +Unmenge von Gassen und Husern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel, +sie sind leer wie gedroschenes Stroh. + + + + +Fnftes Kapitel + + +Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von +Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage +bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate +kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen +Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Hnden +bswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in +Bhmen. Alexander Hanka, den alle Welt fr die Vernunft und +Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Plne gefat. +Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelstes Weib, +innerlich frei und krftig, unverblendet und natrlich, das er fr sich, +fr ein von der Gesellschaft losgelstes Leben auferziehen wollte. +Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges +leichtglubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese +gleichmtige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, +ist wenigstens ehrlich; sie schtzte den Beschtzer, denn sie wute, was +sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn. + +Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen. +Harzgeruch wrzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grten. Am Rain +weideten Khe und blickten mit Ruhe und Mibilligung auf den stdtischen +Ankmmling. + +Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, da seine Schwester +beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, +setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die beraus +langen Beine bereinander und wartete. Die Stille und der groe Himmel, +dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewhnlich war, lieen ihn seine +anfngliche Verdrielichkeit ber den Landausflug vergessen. + +Whrend er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu +dmmern, klang ein berraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter +ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine +ungeschickte Tanzstundenhflichkeit annahm, machte die beiden Mnner +miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgerumt +aus. Mit offenbarem Vergngen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, +erzhlte Specht, da sie auf der Lomnitzer Strae Arnold Ansorge +begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten htten. + +Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber htte, platzte Beate lachend +heraus. + +Nicht was er sagt, ist so amsant, erklrte Specht, sondern wie er +zuhrt, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht +dumm. + +Wer ist Arnold Ansorge? fragte Hanka khl, dem die Art Spechts nicht +sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester +begrten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravitt und +spttischen Zurckhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter +Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhrig war, redete sie wenig, +aus Furcht, mizuverstehen und aus noch grerer Furcht, denjenigen +allzusehr zu bemhen, mit dem sie sich unterhielt. + +Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein +Taktgefhl sagte ihm, da er berflssig, und seine Empfindlichkeit, da +Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht +gegangen und Agnes in der Kche beschftigt war, erkundigte sich Hanka +bei Beate nach dem Lehrer. + +Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter +Nachlssigkeit an. Sie hatte die Hnde ber den Knien verschrnkt, sa +vorgebeugt und trippelte leise mit den Fuspitzen. Sie begann von Specht +zu schwrmen, der arm sei, aber nach ihrer berzeugung es zu etwas +Groem bringen wrde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald +wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hngen. Er ist ein Sozialist, +fuhr sie flsternd fort, aber das sag' ich dir nur im Vertrauen, es +soll Geheimnis bleiben. + +Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den +Hften, schmunzelte gutmtig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte +die Ironie wie in kleinen Schlnglein. Sogar in den Bewegungen seines +langen, hagern Krpers drckte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum +erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, +besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen ber +den perlmutterglnzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild, +denn hinter dem dunklen Kopf des Mdchens hing der Spiegel. Nie glaubte +er Hlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere +Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestrzt wandte er sich ab. Wir +haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen, sagte er. Wie geht's +dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du httest dich +fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhlt sich das? + +Seine vor Flle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte +Beates Lachlust. Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen, +log sie und kettete gleich eine zweite Lge bequem an: ich lese nmlich +sehr viel. + +Hm--m, Herrn Spechts Einflu, sagte Hanka mit hlzerner Wrde. Zugleich +sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem +flinken Benehmen. + +Die Fenster waren offen, die khle Herbstluft strich herein, die Lampe +brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand. +Beate nahm fleiig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom +Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Trspalte, um zu erfahren, ob +Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei +Betrachtungen ber das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette +und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate. + +Agnes trug zu essen auf, wie fr eine Soldaten-Kompanie. Dabei +entschuldigte sie sich, da sie dies oder jenes nicht habe bekommen +knnen. Beate reichte Hanka eine Schssel um die andere, so da er sich +in eine Art Betubung hineina. Er schob die Lippen vor, machte eine +Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm +leid, da er morgen schon wieder abreisen msse. Beate wiederholte es +lauter fr Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an. + +Das junge Mdchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine +ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die +Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben +am Haus ffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie +von den Tschechinnen gelernt hatte. + + #Kudy, kudy, vede cesticka + Pro mho Jenicka ...# + +Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine +Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu +lieben. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhllte Arnold am +Morgen die Fruchtstcke fr den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug +das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bndel. Sie war mrrisch +und traurig und suchte Arnold durch Gleichgltigkeit aufmerksam zu +machen. Er stand auf der Leiter, und whrend er den Arm +hinunterstreckte, um ein Bndel zu ergreifen, begegnete er Salschas +Blicken. Die Polin wurde bla, zog die Lippen von den Zhnen zurck und +stie einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch +schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen +Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich +einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Scho +und lchelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mdchen um alle Fassung +gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu +schluchzen. Das Lcheln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden +Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und +leichte Geringschtzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die +Freude ber den, der solche starke Krnkung zufgen konnte. Sie stand +auf, rumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hnde auf die Schulter der +Magd und sagte: Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere fr +dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk' dir +einen neuen Unterrock. + +Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmtig stie er mit dem Fu +das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen +Mann stehen sah, der ein junges Mdchen an der Hand fhrte. Als er nher +kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. ngstlich und demtig entblte +der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor +Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er +kurz, trotz der sen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, da +es fr den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit +kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mdchen an, das +Elasser mit sich fhrte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt +und die frhreifen Zge standen, erschreckte ihn fast. Sag dem Herrn +Dank, Jutta, murmelte Elasser und schttelte den Arm des Mdchens. Die +Kleine betrachtete Arnold mit einem prfenden und furchtsamen +Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas +schwrmerischen Augen schien sie wie ermdet von den Lasten der +Generationen, die gleichsam das natrliche Wachstum ihrer Gestalt +verhindert hatten. + +Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom +Kirchweihdunst erfllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern +zusammengestrmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu +unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gste nicht fassen, die +berall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fssern, Blcken, Ballen +und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die +Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlpften +wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geffneten +Kirchentr strmte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten +Fhnchen und schlfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im +Gedrnge kaum vorwrts schieben konnte. Einige in der Nhe bekreuzten +sich, knixten und strzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend. +Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des goldenen +Stern gedrckt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt, +seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fnf Mgde, Arm in +Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied. +Hinter ihnen stand pltzlich Maxim Specht und winkte Arnold lchelnd zu. +Er wollte folgen, aber ein Verkufer von Zaubertrnken versammelte die +Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich +blickte, sah er auch den jdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt, +das unbewegt demtige Gesicht und die nchtern und gefat prfenden +Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, da Arnold ihn fragte, was +er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit +niemandem htte ber etwas sprechen knnen, was ihn sehr zu bedrcken +schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzhlte er mit einer +fast geschftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gndigen Herrn +Ansorge zurckgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie +manchmal beim Wirt Glser splen, aber sie sei nicht da. Wunderlich +genug, da Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mdchen empfand, als +ob er sich hier an Menschliches klammern msse, wo er nur betrunkene +Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im +Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrngt und +Arnold befand sich neben der Saaltre, dicht neben Specht und Beate. +Specht fate ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe. +Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall +gegenber dieser unerwarteten Liebenswrdigkeit. Neugierig sah er auf +die Fe der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lcherlichen und +wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade +hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. +Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklrlichen Vertraulichkeit, +aber mit einem geheimnisvoll tckischen Glanz in den Augen zu Arnold und +fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt +starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie +redete, hatten etwas Unerklrliches. O ja, antwortete Arnold gelassen, +aber ich habe es vergessen. In der Tat, fr ihn war ein Jahr eine +unbersehbare Spanne Zeit. + +Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der +heie Saal mit seinen trben Lichtern glich einer kleinen Hlle. Bald +schien es Arnold, als drehten sich die Wnde statt der Menschen. Er +stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rckwrts, blickte zwischen +Kpfen hinweg, ber zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte +Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate +vorbeifliegen, und ihre Rcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen, +und seine groen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen +auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn +nicht. Specht hatte das Mdchen am Oberarm gefat und knirschte etwas +durch die Zhne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate +antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlssig, +verliebt, unentschieden und von uerster Wildheit war. Ihre Haare +klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot, +das Gesicht bla. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten, +verdeckten gleich darauf die beiden fr Arnolds Blicke. Er drngte sich +zur Tre durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich +vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und +hflich bat, mitgehen zu drfen. Arnold wute nichts zu entgegnen. Die +Welt ist fr jedermanns Fe, dachte er. Er hrte den Lehrer keuchen von +der Anstrengung des Nachlaufens. + +Bleiben wir doch noch zusammen, bat Specht wiederum. Ich mchte nicht +gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir knnten ganz gut noch +einen Spaziergang machen. + +Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgltig. Bald hatten sie den +Lrm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der +Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien +vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetse. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Elende Bauern, sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend +gegangen waren. An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie +einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben. Er redete in Wut und +Ha und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefhlen gar nichts zu +schaffen hatte, irgendwohin. + +Arnold schwieg. + +Und was ist das berhaupt fr ein Leben! fuhr Specht mit einer +verzweifelten Bewegung seines ganzen Krpers fort. Wer bin ich hier? +Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummkpfe! Kein Mensch, mit dem +man ein richtiges Gesprch fhren kann. Pfui Teufel. + +Er rgert sich, weil sein Mdchen mit einem andern getanzt hat, dachte +Arnold, was macht er solches Wesen davon. + +Ich wundre mich nur, da Sie's hier aushalten, sagte Specht, Sie sind +doch auch schlielich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine +Existenz fr Sie. Sie mssen hinaus in die Welt. Man braucht Mnner +heutzutage. + +Mir ist ganz wohl hier, gab Arnold ruhig zur Antwort. + +Das Dorf war lngst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand +entlang. Die Wiesen glnzten silbern, Mondnebel erfllten die Luft. +Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf; +ber dem hohen Tor glnzte ein Kreuz. + +Wir sind sehr weit, sagte Specht bedenklich. Mit verborgener +Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenberstand, die +Fe in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des +Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die +etwas lange, gerade, aber breitrckige Nase verlieh dem Gesicht einen +durchaus reifen Charakter. + +Der Lehrer ri einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend +und schwermtig. Ihm war, als sei sein Gemt gereinigt worden, und er +hrte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den +Baumkronen verursachte. Seine Qualen rckten auf ein anderes Ufer, vor +ihm flo ein Strom der Einsamkeit. + +Sie gingen ein Stck weiter bis zum Fue der Klostermauer. Dort setzte +sich Specht auf eine Steinbank und erzhlte von seiner Ttigkeit als +Lehrer, von seinen Wnschen und Trumen, von seinem sozialen Ideal, das +ihn anderswo hinweise als in mhrische Einden. Er erzhlte von seiner +Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nchten und deutete dumpf +und schamvoll sein kmmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn +auch durch die Nacht etwas gedrckt. Ihm war, als msse er diesem +Menschen beichten, und er verga die jngeren Jahre Arnolds. Leicht +erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brcken zwischen Mnnern, +als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold, +den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es fr ihn nichts +Lngstbekanntes gab, kein alltgliches Schicksal, lauschte er dem +Lehrer mit Interesse. + +Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu +gehn. Whrend des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er +hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er +Beziehungen und wnschte Sympathien. + + + + +Achtes Kapitel + + +Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frhstck waren, kam +Ursula und erzhlte, die Felizianerinnen htten die Tochter des Juden +Elasser zu sich ins Kloster gebracht. + +Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewut wo ihr Kind ist, sagte +sie. Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren. + +Und was ist dann geschehen? fragte Arnold. + +Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster +gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen. + +Eine wunderbare Geschichte, bemerkte Frau Ansorge spttisch. + +Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und +an dessen beklommenes Wesen. Man kann doch nicht ohne weiteres ein +Mdchen rauben, sagte er verwundert. + +Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden, antwortete Ursula. + +Der Bcker aus Podolin, der gleich darauf kam, besttigte das +Vorgefallene. + +Ich versteh das nicht, sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu +seiner Mutter. Knnen die vom Kloster ein Kind einfach stehlen? + +Frau Ansorge zuckte die Achseln. + +Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen. + +Vielleicht will das Mdchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist, +braucht man die Einwilligung der Eltern nicht. + +Wenn es aber nicht will? Dann mssen Sie es wieder entlassen, wie? + +Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. Was gehen uns die fremden +Leute an, entgegnete sie gleichgltig. + +Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem +Hauptplatz blieb er eine Weile unschlssig stehen. Dann, fast wider +Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern, +Knechte, Tagelhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saen +dort und machten Lrm. Arnold lie sich ein Glas Tschai geben. Ein +alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen +Mund verzogen war, als htte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt +sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht. +Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloe Brust durch +das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit +einem Bart, der dnn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte +mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Buerin behauptete, der +Papst und der Erzbischof htten den Felizianerinnen strenge befohlen, +alle Judenkinder zu taufen. + +Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschftsgehilfen nach +der Wohnung Elassers und verlie dann den Laden. + +Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Huser bestehend, +hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Fluufer, wohnte +Elasser. Die abschssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen, +Kotpftzen, Schottergestein und umhergackerndes Geflgel. Von den Mauern +des Elasserschen Huschens war der grte Teil der Mrtelbekleidung +abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustre in ein gleichfalls +offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als +trauriger Anblick bot. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust +emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden +Hnden das Gesicht so vollstndig bedeckt, da darunter nur der braune +Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintbergeschobenes +Seidenkppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem +abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die +kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb +spielend, halb winselnd ber die Dielen und ein Neugeborenes lag +eingehllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grnen Grtel +zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau +stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den +Oberkrper. Auer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein +deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne +Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum +Trocknen und der Tre gegenber nahm ein uralter Schrank den fnften +Teil des Raumes ein. + +Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat +er ins Zimmer. Sogleich drngten sich die sechs Kinder in einen Knuel +zusammen. Elasser lie die Hnde vom Gesicht fallen und blickte den +Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt ber die +geprete Trauer und dstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten. +Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte +der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: Ist sie noch nicht zurck +aus dem Kloster? + +Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden, +ermdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. Wei +der Herr nicht, da unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins +Nonnenkloster? rief sie mit einer berscharfen Stimme. Ihre Zge, +obwohl alt und hlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in +jeder Form zu erteilen vermag. + +Arnold blickte die Frau aufmerksam an. Ja ja, erwiderte er, aber das +ist doch gegen das Recht. + +Sehn Sie nur an, fuhr die magere Jdin fort und hob sibyllenhaft den +Kopf, wie es bestellt ist mit dem Recht. Fr die armen Leute gibt's +kein Recht, fr arme Juden gibt's gar kein Recht. Und mit was kann ich +dienen? Mit wem hab ich das Vergngen? + +Es ist der gndige Herr Ansorge, klrte Elasser auf, mit einer +Geberde, die ebensowohl fr ehrfrchtig als fr kummervoll gelten +konnte. Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern +Sie sich, gndiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir +haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. +Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der +Gehilf vom Uravar und klopft da drauen und meint, wir sollen doch +einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch, +'s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bnderchen zu den Nonnen, +denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon +bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der 's Fleisch bringt ins Kloster, +kann sie dort gesehn haben. Gndiger Herr meine Tochter ist eine gute +Jdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war +Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein +freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen +die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pfrtnerin sagt, wir sollen +kommen in der Frh und meine Jutta wre da. Und der Herr Wachtmeister +sagt, warten wir bis in der Frh. Gut. Sie knnen sich denken, da wir +kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Frh um sechs bin +ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu +sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind. +Und gndiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie +sagt, ich soll kommen in fnf Tagen, bis sich das Mdchen besser gewhnt +haben wird an die neue Umgebung. + +Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. Un so bin ich +fortgegangen, schlo er und atmete tief. + +Und der Wachtmeister? fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfrbt +hatte. + +Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt, +leider, es ist vorlufig nichts zu machen. Man mu warten. So wart ich. + +Der Sugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dnnes Geheul, bis +die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges +Leinwandstck in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende +Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgltig herab, gab ihm mit +dem Bein einen leichten Sto, und als es platt auf der Erde lag, rollte +sie es mit dem Fu gleich einem Fchen hin und her. Das Kind lachte, +whrend die Mutter leise summte und mit der Hand den Sugling wieder in +Schlaf schttelte. + +Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrtet hatte und +blickte Arnold ohne jede Schchternheit mit funkelnden Augen an. Was +soll ich tun, lieber Herr, sagte er dumpf und sein demtiger Tonfall +wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. Kann ich mir helfen, +sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich +mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schlie ein Auge, kann ich mir +helfen, lieber Herr? Er ging auf und ab. + +Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts. +Diese Verzweiflung schien ihm unverstndlich. + +Papa, rief jetzt der lteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit, +hr auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen. + +Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein +Kind gegeben haben! rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. Und +wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen mu, un wenn ich hungern un +drsten mu. + +Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern? fragte die Frau mit +streng zusammengezogenen Brauen. + +Schmen Sie sich doch, sagte Arnold laut und blickte verdrielich von +einem zum andern, gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter mu Ihnen +das Kind zurckgeben, sobald es das Gesetz verlangt. + +Drauen wurden Schritte laut und drei jdische Mnner betraten den Raum, +wobei sie Gebete murmelten. + +Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm +Specht begegnete. Der Lehrer schien die grte Eile zu haben, blieb +aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und +meinte, es sei sonderbar, da sie beide gerade gestern Abend vor dem +Kloster geweilt htten. Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht +fabelhaft, da dergleichen noch vorkommt? Leise und geheimnisvoll fgte +er hinzu: Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. brigens knnten +wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins +Wirtshaus. + +Arnold folgte zgernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm +schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor +ihn hinstellte. + +Niemand war hier auer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben +Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. +Specht schien lange innerlich zu kmpfen, endlich sagte er: Heute ist +es mir schlimm ergangen; heute hab' ich was Schlimmes erfahren. Hren +Sie nur ... Vielleicht bereu' ich einmal, da ich schwatzhaft war, aber +der Teufel kann ewig schweigen. + +Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des +Lehrers. + +Sie kennen doch Beate? + +Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgltig. Specht legte seine +Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwrend und schmerzlich: Ich +bertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkrperte +Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjhrige Hexe. Was ich gelitten +habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir. Er bedeckte die Stirn +mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt +Reue ber seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde pltzlich kalt, und +das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schrfe +hervor, als er sagte: Ich hoffe, Sie knnen schweigen. Wir drfen die +Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, whrend sie uns ungestraft zum +Wahnsinn treiben. Er lchelte und zupfte an seinem schmalen, blonden +Schnurrbart. + +Arnold, der fr solche Schmerzen keinerlei Verstndnis besa, hatte +zerstreut zugehrt. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines +Wortes wert. Er schmte sich fr Specht. + +ber eine Viertelstunde saen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte +die Lampe angezndet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig +vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drckte: Wann +wird man denn befehlen, das Mdchen frei zu lassen? + +Welches Mdchen? entgegnete Specht aufschreckend. Die Elasser meinen +Sie? Ich wei nicht. Specht fhlte sich beleidigt, da Arnold einer so +fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts, +persnlich nahen. Wer, glauben Sie denn, da hier befehlen wird? +fragte er ironisch. + +Das Gericht, denk ich, entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer +vllig zu. + +Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mchte es sich hier handelt? +Specht lchelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mchten im +Bunde sei. + +Mit lachendem Mund und hchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: Es +handelt sich um ein Unrecht. + +Specht meckerte. Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies? +Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter +findet, findet es dann auch Gerechtigkeit? + +Das ist mir zu dumm, was Sie da schwtzen, Sie wollen mich wohl zum +Narren halten, erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und +schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus +dem Schlaf empor und bellte wtend. Bestrzt blickte der Lehrer Arnold +an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube +verlie. + +Specht seufzte. Er schlo grbelnd die Augen. Bald machte auch er sich +auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstrae entlang und kam bis zum +Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann +melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst +versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff, +mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Fr ihn ist das Leben ein +warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er +Rechenschaft haben ber die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier +kommen? + +Im Haus wurde ein Fenster geffnet und eine helle Stimme rief: Specht! +Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen! + +Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saen bei Tisch und +schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate +blickte Specht hochmtig und hhnisch an. Specht verbeugte sich, +lchelte flchtig, nahm Platz und fragte hflich nach Agnes Hankas +Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den berresten der +Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schttelte Specht den Kopf und +deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehrt +den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und +sagte pltzlich vor sich hin, ohne Furcht, da sie von der halbtauben +Agnes gehrt werden knne: Wenn du nicht vernnftig bist -- ... mit +einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung ri sie das Blatt mitten +entzwei. + +Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stckchen Kse, rief Specht, zu +Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den +Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, da sie Sorge um ihren +Bruder Alexander habe; sie frchte fr seine Gesundheit, er sehe so +schlecht aus. brigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen +Weihnachten lngere Zeit in Podolin zuzubringen. + +Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe. + +Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka +trieb. Nichts, erwiderte sie endlich scheu. + +Der Lehrer lchelte sarkastisch. + +Er lebt von seinem Geld, sagte Beate stirnrunzelnd. Er ist reich +genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt? + +Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen, antwortete +Specht. + +Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie +ber etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschlu und Trost, naiv dem +Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefgen +Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, da ihr Bruder Borromeo +sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwgerin +zeigte eine ppige Gestalt mit regelmigen Zgen, die einen herrischen +und kalten Ausdruck hatten. Friedrich tut nichts Gutes in seinem +Schwabenalter, sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schnen +Frau mit Vergngen betrachtete. + +An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung. +Die Zeitung enthielt Spechts Bericht ber den Raub der Jutta Elasser. +Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine +Lge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und +Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lrmendes geworden. + +Der Brief lautete: Wenn es Ihnen pat, holen Sie mich morgen frh um +sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen +Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von +mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster +seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung +erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind +verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, +die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmndige Alter von vierzehn +Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die vterliche +Gewalt durch die Vormundschaftsbehrde abgesprochen und der Taufe steht +kein Hindernis im Wege; denn ber das, was das Mdchen selbst will oder +nicht will, wird ja die ffentlichkeit getuscht. Also nicht ich bin +dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und +dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kmmere und die +Welt, gemein wie sie ist, ndern mchte. Das ist nicht nur Dummheit, +sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht. + +Arnold hatte das Gefhl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur, +sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn +schlielich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag ber vermochte er nichts +Rechtes anzufangen. + +In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen +Landstrae an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde +einander gegenber, ein kleines und ein groes Pferd. Beide Tiere sahen +aus, als ob sie mit Grnspan berzogen wren. An Hals, Kopf, Rcken und +Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grnspanfarben, aus +der Haut hervorragten, als ob es nur knstliche Tiere wren. Aber beide +Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift +trug: diese Pferde knnen sprechen. Nachdem er eine Weile unschlssig +und doch hchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstck hin. +Darauf ertnte ein langsames Glckchen ber der Mauer; das grere Pferd +erhob den Kopf und ffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem +Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen, +da er in der grten Eile ber die Landstrae Reiaus nahm. Als er +aufwachte und den Traum berlegte, kam er ihm beraus albern vor; +dennoch, die dnne Luft, die Mauer, die einsame Strae, die schwermtige +Miene des grnen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug +etwas Unvergeliches in sich. + +Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch +halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein +Frhstck unterwegs. Specht war schweigsam. + +Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frhrot +glhend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig +davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der +Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pfrtnerin ffnete, deutete +gegen eine schmale Tre zur Linken und hinkte auf einer Krcke davon. +Als die Tr geffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende +ein Windlicht brannte, welches nur mhsam die Finsternis verringerte. +Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte +schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken +befindliche Glastr. Die Mnner betraten ein saalartiges Gemach, dessen +Decke durch ein gekreuztes Tonnengewlbe gebildet wurde. Auf einer +langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darber hing ein +ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand ffnete sich ein +dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weien Stben bestehendes Gitter +befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie +starrten vor sich nieder. + +Nach einigen langen Minuten, whrend welcher Arnold seine Uhr in der +Tasche ticken hrte, knarrte eine zweite Tr in der Ecke und vier Nonnen +traten herein. Elasser reckte den Kopf auf -- Arnold gedachte seines +Traumpferds, welches sprechen wollte -- und blickte nach der Tr, die +sich indes wieder schlo, ohne da seine Tochter eingetreten wre. +Pltzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme +erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die +erste kehrte zurck, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren +Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das ffnen einer knarrenden +Tre hrbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und +Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen +einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich +geschftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu +leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen +erfllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde +ausgelscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Tre lie +sich von neuem hren; Fe scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, +und mit einem Schlag war es wieder still. + +Elasser war einen Schritt vorwrts gegangen. Der ganze Mann zitterte und +seine Stirn glnzte von Schwei. Ein gurgelndes Gerusch kam von seinen +Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm +muten ihn bei den Schultern zurckhalten. Als es hinter dem Gitter +finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang +hrte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die +frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und bung erlernte und +befestigte Gleichgltigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem +verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung +der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht. +Arnold betrachtete auch ihn; smtliche Gestalten erschienen im trben +Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen +oder wachten. + +Jetzt ffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tr und die Oberin trat +ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. +Die Oberin streifte die Mnner mit einem eisigen Seitenblick und +richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht +rhrte, nicht grte und mit verhngten Augen auf das eherne +Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem +Schritt auf den Kommissar zu und sagte: Herr Elasser kann leider seine +Tochter nicht sehen. Das Mdchen ist krank. + +Elasser hob blitzschnell beide Hnde, zog sie rasch gegen sein Herz und +schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemht, die rnkevolle +Finsternis, die er um sich gewahren mute, wenigstens durch Worte zu +zerstren; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schchtern, +die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wnsche die Tochter vor +ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz +der Oberin zu rhren. + +Sie wird sie im Himmel wiedersehen, antwortete die Oberin mit +feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen +zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verlie an ihrer +Spitze den Raum. + +Arnold, als wren seine Sinne fr andere Wahrnehmungen getrbt, starrte +gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen +schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schlielich, um fortzugehen. +Elasser stie einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung +haften blieb, ordnete den feiertglichen Rock, der sich verschoben hatte +und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlssen +durchwhlten Gesicht nichts als: So wahr ein Gott lebt --! + +Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Pltzlich +verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach +Arnold um und wartete, bis er herankam. + + + + +Elftes Kapitel + + +Arnold ergriff Spechts Arm und drckte ihn so fest, da der Lehrer sich +zusammennehmen mute, um seinen Schmerz zu verbeien. Nicht so +strmisch, sagte er mit schwachem Lcheln. Arnold atmete tief auf, dann +wandte er den Blick von Spechts unschlssigem, aber ernstem Gesicht ab, +lie ihn langsam ber die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte +es. Er schttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu +gren, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm +entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strmte +auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von +neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich +cker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese +Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, +seiner Zweifel sich zu schmen, und langsam erhellte sich seine Stirn. +Denn da Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden knne, +erschien ihm so unmglich, wie da der Sonnenball fr immer verschwinden +sollte, weil eine Wolke darber zog. + +Die nchsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewuten Horchen. +Natrlich machte der Raub des Judenmdchens viel Aufsehen im Lande. +Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen, +denn er ahnte wohl, da da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im +Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt. + +Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er +berichtete und Arnold las: + +Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, untersttzt durch die Hilfe und +getragen von der gemeinsamen Angst und Entrstung seiner +Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewhlt, +den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter +Berufung auf den 145 des allgemeinen Brgerlichen Gesetzbuches wurde +eine Eingabe an die Polizeibehrde berichtet. Dieser Paragraph erklrt +deutlich, da die Eltern berechtigt sind, vermite Kinder aufzusuchen, +entwichene zurckzufordern und flchtige durch Untersttzung der +Obrigkeit zurckzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede +Vermittlung mit folgenden Worten ab: Was? ich soll ein Mdchen aus +einem Kloster herausnehmen? In der tiefsten Besorgnis ber das +Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflt, +verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach +langen vergeblichen Bemhungen und langen Beratungen wurden ein +Gerichtsarzt und der Universittsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster +gesandt. Beide rzte stimmten darin berein und sagten aus, da Jutta +Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen +des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des +Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorfhrung des Mdchens zu +verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: In sieben Tagen wird sie +ihr Vater sehen. Der Beamte mute sich damit begngen, diesen Bescheid +stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am +festgesetzten Tage bei der Polizeibehrde ein. Da berreichte man ihm +eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta +Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte +Bericht. Man mu nur darber erstaunen, da die Schwester Wirtschafterin +den Ausdruck entflohen whlte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu +den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den +klareren und wahreren Ausdruck: entfhrt --? Denn das Mdchen wurde +inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen. + +Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zhne in die +Lippe, whrend sie las, Frau Ansorge schttelte den Kopf, als sie fertig +war und sagte: So ist eben die Welt; so sind die Menschen. + +Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel berlegenheit und +bewuten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und +geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann +erzittern kann, da sie nicht mehr aus noch ein wute; sie litt unter +seinem vernderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen +prfenden Blick und erkannte pltzlich Krfte seines Verstandes, seines +raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie frher mit ihrer Furcht +kaum berhrt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, da er sich in einem +seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber auer einigen blitzhaften +Einblicken blieb ihr alles ein Rtsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe +verschrft, verzehnfacht; sie berzeugte sich, da ihn nichts Trbes +erfllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur +Sorge. + +Eine Stunde spter ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse +und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verndert zu +haben; der Sugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch +auf Stricken. Von den brigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu +sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die +rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht +bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck. + +Wo ist Herr Elasser? fragte Arnold sanft. + +Wo wird er sein! erwiderte die Frau und lehnte sich mrrisch gegen den +Sofawinkel. + +Was haben Sie fr Nachrichten ber Jutta? fragte Arnold, der +Widerwillen empfand gegen die Jdin und ihre unordentliche Behausung. + +Die Frau schwieg. + +Ich habe gehrt, da sie in Podgorze ist, fuhr Arnold ruhig fort. + +Warum nicht? erwiderte die Frau hhnisch und zuckte die Achseln. +Pltzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold +los und rief: Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr? Sie blickte +Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergrndlicher +Falschheit. Wissen Sie was, gndiger Herr? ich will einmal sagen und +Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die +Spatzen pfeifen auf allen Dchern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei +Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. +Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat +erwiesen, da Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie htten +keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum +Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum +Herrn Grafen Statthalter und wie er zurckgekommen ist, war unsere Jutta +verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach +Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach +Wolajustowska und nach Wielowics und berall ist Jutta gewesen und +berall ist sie wieder fortgebracht worden und berall hat die Behrde +verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von +unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und blo in Kenty +hat der Herr Brgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern +verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch +mehr wissen? + +Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne da sich ihr +Mund ffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. +Arnold senkte den Kopf und verlie langsam das Zimmer und das Haus. + + + + +Zwlftes Kapitel + + +Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mhselig, nach +Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen +Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung, +trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des +Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht sa lesend am Tisch, und in +einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stbchen war gemtlich; +der Lehrer trug einen grovterischen Schlafrock und rauchte aus einer +langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur +ber der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen. + +Als Neuigkeit erzhlte Specht, seine Schreiberei habe in der +hauptstdtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, da man ihm eine +Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht sumen; noch +vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar +beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er knne es vor Ungeduld in +Podolin nicht mehr aushalten. Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber +Freund! Endlich! Wenn Sie wten, was in mir alles brodelt, was da +drinnen steckt! Nicht genug Hnde hat man dort, und hier sind zwei bald +zu viel. Endlich werd' ich atmen knnen! + +Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen, +niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen +knnen! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher +Sauberkeit gehaltene Stbchen, die Bcher an den Wnden und auf dem +Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans lngst +gewhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu knnen. Er +schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurck und starrte +in die Luft. Auch in ihm meldete sich hheres Leben. Das durch +Gewohnheit nahe trat zurck, und der Horizont wurde beglht von einem +noch verborgenen Feuer. + +Sie mssen mir ein wenig auf Beate achten, sagte Specht, in +Freudigkeit vor sich hinbrtend, und ohne seine Worte sonderlich zu +wgen. Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll +man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab +ich ein, ich mchte sagen bersinnliches Vertrauen. Jaja, seufzte er, +schlrfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit +in die Rauchwlkchen, so geht die Liebe hin und das Leben ergreift +uns. + +Arnold griff nach einem der Bcher im Regal. Es war ein Band von Gibbons +Geschichte, welche den Untergang des Rmerreichs schildert. + +Sie hat jetzt ein Verhltnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen +Gut, fuhr Maxim Specht halb fr sich fort, als vermchte er sich von +diesem Gegenstand nicht zu trennen. Traurig genug. Mir tut nur der arme +Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine +unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen! + +Arnold bat, Specht mge ihm die Geschichtsbcher auf einige Tage +borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben. + +Das pltzliche Interesse fr die Historie war kaum mehr als +Selbsttuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein +ueres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art +frher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Vlker war zwar +bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Hhlen des Gedchtnisses +zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er +nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte, +gewahrte sein frischer Geist mit einem unermelichen Erstaunen, wie die +Fhrung der menschlichen Angelegenheiten stets weit ber den +persnlichen Willen hinausgerckt wird. Dadurch erschien ihm zunchst +alles als ein bodenloses Mrchen. Zorn und Gleichgltigkeit wechselten +in seinem Innern. Voll edlen Strubens las er trotzdem Seite fr Seite, +brachte jedem Ereignis eine Flle von Miterleben entgegen und lachte +nicht selten spttisch und verchtlich, da manches ganz anders auslief, +als er es abgeschtzt hatte. Wie ebensoviele Kfer, die dumm in der +dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu +whlen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mcken, die +stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, whrend rundum die +Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er +von dem lngstentschwundenen Treiben lngstvermoderter Geschlechter fr +die Gegenwart Besitz ergriff, wie er ber Schicksalsmchte rcklebend +verfgte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem +Trotz sich anmate, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden +frei ber das Kommende bestimmen zu knnen. Indem das in Zeit und Raum +Entlegenste wie Nchste von seiner Phantasie verschmolz, stie er die +neuen Bilder bald voll Ha von sich und kehrte bald leidenschaftlich +suchend danach zurck. + +Aber gleichwie in dnstevoller Atmosphre sich ein vielfarbiger Ring um +jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn +Erfllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und +Betrachtung, raffte sich auf, bekmpfte, ordnete, berblickte, aber +alles das hatte mit seiner Lektre gar nichts mehr zu tun. + +Um seiner Bedrngnis einigermaen Herr zu werden, begann er wieder viel +drauen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen +entlegenen Bauernschenke in der Nhe der sogenannten Polen-Mhle. Er +hielt Einkehr und lie sich ein Glas Wein geben. Zufllig fiel sein +Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah +er Beate, dicht und zrtlich an den hnenhaften Knecht geschmiegt, mit +dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich +darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der +Mhrische Landbote. Gleichgltig las er, bis sein Blick auf eine +telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, da der Jude Elasser beim +Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darber, +aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, da er munter pfeifend +seinen Weg fortsetzte. + +Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. Wie geht es +Ihnen? fragte der Lehrer mit so bertrieben liebevollem Tonfall, da +Arnold ihn befremdet und mitrauisch anblickte. + +Elasser ist beim Justizminister, -- wissen Sie schon? sagte Arnold. Wie +er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig sphendem Blick, das +erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: Spa. Schon lngst +gewesen. + +Nun, und ist Jutta schon frei? fragte Arnold. + +Frei? Meinen Sie wirklich frei? Specht lachte, aufs uerste +belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener +Zorn sammelte, dessen uerung er frchtete, sagte er schnell: Der +Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf +die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fllen stets, und +hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind +wird Ihnen zurckgegeben werden. + +Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem +Bericht des Lehrers begriff er nicht. + +Sie scheinen ganz einverstanden zu sein, fuhr Specht munter fort, +aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim +Landgericht die Strafanzeige wegen Entfhrung zu erstatten. Er verlangt +ferner, da ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem +Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die +Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Antrge einfach und rundweg ab. + +Das wissen Sie doch noch nicht, versetzte Arnold unwillig. Er +miverstand Spechts lebendige Wiedererzhlung, durch welche die +Zeitwrter in der Gegenwartsform erschienen. + +Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. Was fr ein Unglck fr Sie, +lieber Freund, da Sie so jung und unerfahren sind! rief er aus und +schlug die Hnde zusammen. Allerdings htte ich es vorher nicht wissen +knnen, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht +versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen. + +Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in +diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde +blickend, schttelte er den Kopf. + +Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles, fuhr Specht +mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Husern weg. +Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschlu +stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begrndung +des Urteils. Denn schlielich sollte doch jedermann wissen drfen, warum +die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlgt. Und auch das +ist nun verweigert worden, auch das. Specht suchte erregt in seiner +Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: Ich habe +mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hren Sie. Arnold trat +dicht neben Specht, so da er beim drftigen Schein einer llaterne +mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. An den Landesadvokaten +#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in +dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei -- + +Was heit das? unterbrach Arnold. + +Das? Das ist ein Schnrkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten +kann. Es ist nmlich nicht entschieden, heit das, ob es den Elasser +etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ... +anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache +Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Grnde dem im Wege stehen. Das +Landesgericht in Strafsachen. Specht faltete seinen Zettel wieder +zusammen. + +Wichtige Grnde? fragte Arnold, der immer noch nicht vllig glauben +wollte und keiner Lge auf den Grund zu kommen fhig war. Fassungslos +schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmhlich begriff er selbst, da +diese wichtigen Grnde in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben +sollten. + +Nun spren Sie den Atem unserer Welt, sagte Specht mit tiefer +Bitterkeit. Heute war ein Herr von Grden bei mir, Gerichtsadjunkt in +Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung ber die Stimmung +unterrichten, die unter den Gutsbesitzern fr oder gegen diese ganze +Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter +anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, da das etwas +ntzen wird? Nicht einen Pfifferling. Die groen Herren tun, was Sie +wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir +beide werden es nicht erleben. + +Arnold hrte das alles nicht. Er stand und schien zu berlegen, welchen +Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme +zu laufen, das aus der Nacht emporstieg. + +Langsam und ohne Gru entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein +paar Schritte zurckgelegt, so holte ihn der Lehrer ein. + +Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen frh, sagte Specht. Ich mchte +Sie um einen groen Gefallen bitten, fgte er mit unsicherer Stimme +hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. Wollen Sie zu +Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst +dabei ist --? Wollen Sie das? Und gren Sie Agnes Hanka noch besonders +von mir. + +Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang. + +Und nun, Liebster, leben Sie wohl, sagte Specht, indem er Arnold die +Hand gab. Sollte Sie das Geschick einmal dorthin fhren, dann wissen +Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen +scheide ich am schwersten. Schnell wandte er sich ab und ging. + +Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war +die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den +herrlichen 7. Oktober. Obwohl von lndlicher Unvollkommenheit, war das +Portrt doch hnlich; das Gesicht ber dem nackten Hals und den +halbentblten Schultern hatte einen unschuldigen und sen Ausdruck. +Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der +Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschtzung nicht +unterdrcken, welche Maxim Specht galt, dem so rachschtig offenen +Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beima. + +Seine angstvollen und heien Gedanken waren ganz wo anders, und er +bemerkte gar nicht, da die Mutter, schweigsam und bleich auf dem +niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinsthnte. + + + + +Elasser + + +Dreizehntes Kapitel + + +Alexander Hanka hatte groe Spielverluste erlitten. Als er eines +Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor +der Schmlerung, welche sein Vermgen erlitten hatte und vor dem +Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit +verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal +passierter Gassen und Pltze, tausendmal berhrter Gegenstnde, +tausendmal gesprochener gleichgltiger Worte, tausendmal gedachter, +kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, trumte er +von einem zu fassenden Entschlu; irgend ein Geschehnis winkte in weiter +Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der +Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher. + +Unwillkrlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus +der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhlle verlassen. Die +Einsamkeit einer Wste dnkte ihm ertrglich gegenber der Einsamkeit in +dem Husermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mhrischen rtchen, +und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: +langgestreckte Hgel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter +Flu, der zu mde schien, um zu flieen; zwischen dunklen Wiesen eine +lange, schmale Landstrae wie ein gelbes Band; tiefe, stille Grben, mit +Heckenrosen angefllt; nchterne, schattenlose, geruschlose Drfer. + +Er erinnerte sich freilich, da es lngst Winter war, auch dort +drauen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als htte seine +Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschnen vermocht. So reiste er, +ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum +Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemchtigte sich seiner +whrend der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder +zurckhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile, +Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner +Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablssig +ber die Mehlbrse. Niemand hrte zu, niemand antwortete, so da seine +Reden dem lstigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdru suchte +sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu +zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie +wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der +groen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles +bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine +Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose +Natalie. + +Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der +Kchentre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um +zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, ri seine schwarzen, +stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwrmerei den +Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als +sie ihn so fand, wie sie wnschte und mit seiner Ankunft nicht den +Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war +betroffen durch ihren Anblick. Sie war bla; ihre Bewegungen waren +verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie +sonst ein burischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie +gereift und abgeschliffen. Ihr Lcheln war prfend, ihre Art, sich +umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung +anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. +Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine +Prgung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er +blieb den Abend ber schweigsam, doch galt es schon nach der ersten +Stunde fr ausgemacht, da er einige Wochen bleiben wrde. Er brauche +Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schchterne Weise in sich +hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentmliches Benehmen. Sie +erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu +verbergen, sich den Anschein einer Gleichgltigen zu geben, doch +zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um +diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst frh zu Bett und die Mahlzeit +war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis +gegessen war, mochte es spt werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein +und ging umher, Wut und Ha im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan +nach dem andern erwgend und im Geist durch Schnee und Klte zur Scheune +des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rcksicht entschwanden mit +dem Vorschreiten der Stunde; langsam verlie sie das Zimmer, als knne +sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem +Gesicht hervor, als sie drauen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie +lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine +flchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch +mehr als Liebe. + +Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwnscht. Argwohn lag weit von ihm; +eher vermutete er etwas fr Beate Gnstiges und fr ihn selbst +Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen, +nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er +gedachte sich ihr gegenber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Grovater +zu betragen, ihn tuschte die drfliche Ruhe und trbte sein sonst so +vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedrfnis, mit Agnes von Beate zu +sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang, +da seine Beine von den Waden an auerhalb des Mbels in freier Luft +schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen. + +Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts ber Beate. So gtig auch +ihre uerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede +Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, da sie und das +junge Mdchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Bses war +Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht +verschwenderisches Herz gefangen htte. Mit froher Bereitwilligkeit +hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mdchen bei sich +aufgenommen, selbst gefesselt und entzckt durch eine so zukunftsvolle +Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener +Freundschaft, die oft so glhend zwischen Frauen entsteht, deren +gemeinsame Wnsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als +sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden, +aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung +und Macht hoffend. Ihre Vergngungslust sei nicht zu bndigen, sagte +Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tckisch, oft ausgelassen und +fast roh; auch lge sie gern. Aber bei alledem liee sich gut mit ihr +hausen; sie fge sich schnell und wer wei, vielleicht rumore nur die +dstere Kindheit noch in ihr. Zu spt vielleicht sei sie in das Licht +des Lebens getreten, als da man die Dunkelheit, aus der sie gekommen, +vergessen drfe. + +Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes +und, wunderlich, auch Beate nher brachte. Er war weniger fr das +Tugendhafte, als fr das, was Charakter gibt, und er konnte in der +Verletzung blicher Moralstze etwas Lebenfrderndes sehen. Und wie die +sanfte Stimme seiner Schwester ber alles hinweghuschte, das Eckige +glttend, das bel begtigend, erschien ihm Beate geschmckt mit den +Zeichen der Persnlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er +beschlo, es an Verstndnis nicht fehlen zu lassen. + +Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mdchen zu vermissen. +Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben +nachlssigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene, +als htte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt. + +Hanka verbrachte die Hlfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken. +Zrtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zuknftige Tage +ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Frh am Morgen +machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam +sein; nicht um zu beschlieen, sondern um Erwgungen und Entschlssen zu +entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war. + +Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate sa allein im +Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone +Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Tre und Arnold trat +ein. Er grte, nahm unbefangen ihr gegenber Platz und als er sich +berzeugt hatte, da sie allein sei, bergab er ihr das Kuvert mit der +Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte +schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und +verchtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerri ihr Portrt und +warf die Stcke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen +stellte und unverschmten Tones fragte: Sind Sie vielleicht deshalb +gekommen? + +Arnold bejahte. + +Zu viel Umstnde, spottete Beate. + +Ich finde auch, da er zu viel Umstnde mit Ihnen macht, entgegnete +Arnold trocken. + +Beate trat zwei Schritte vor, erblate und ihr Blick irrte furchtsam von +Tr zu Tr. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes +und wute sich nicht zu erklren, warum er immer noch blieb. Sie legte +den Arm ber die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte. +Arnold sagte endlich: Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim +Specht gren. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch. Arnold fate +sehr wrtlich auf, was ihm bestellt war. + +Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie +begleitete, sah Beate, wie berflssig ihre Befrchtungen seien. Ihr +Selbstgefhl wuchs wieder; sie lachte spttisch, wandte sich um, das +Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: Auf Wiedersehen. +Damit schlug sie die Tre zu. + +Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gru so wichtig +erschienen wre; aber er verga nach wenigen Minuten, da er sich in +einem fremden Haus befand. Das pltzliche Alleinsein lie +unvernderliche Gedanken aufs neue emporstrmen. Auerdem begann die +drckende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte +zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche +Redensarten ber Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte. + +Whrend er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem +ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tr +ffnend. Er machte groe Augen, als er einen unbekannten Menschen im +Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte +seinen Namen, bemerkte aber zugleich, da diese gesellschaftliche Form +hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein +so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka, +nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in +Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob +sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse +verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, da es sich um seinen Namen +handelte, nannte ihn also und fgte hinzu, da er eine Bestellung von +dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei. + +Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgltig er damals +auf Beates und Spechts Erzhlung gelauscht hatte, etwas war in seinem +Bewutsein geblieben. Hanka hatte Vergngen an diesem offenen, derben, +gebrunten Gesicht, an der krftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich +zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der +gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit +zeigte. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Hanka fragte, und Arnold gab frmlich gehorsam Antworten. Hanka +befremdete ihn. Sein natrlicher Scharfblick erfate sofort die +merkwrdige Mischung von Gutmtigkeit und Trauer, von Ironie und +Langeweile in dessen Wesen. Welche Beschftigung haben Sie denn? +fragte er. + +Keine, versetzte Hanka, ich tue nichts. + +Gar nichts? + +Ich betrachte. Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und +klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden. + +Haben Sie denn nichts gelernt? fragte Arnold erstaunt. + +Hanka lachte laut. O ja, antwortete er. Ich habe die Juristerei +erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon. + +Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen +konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und +schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar +fr den Gru des Lehrers. Ein reizender Mann, sagte sie von Specht. +Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns. Sie sprach +laut, schttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold +fhlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strmte auf +ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als +sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fhlte, betrachtete sie Arnold mit +wohlwollendem Lcheln. + +Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch +ein katholisches Flugblatt ber den Raub der Jdin. Darin wurden +ffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit +stand dabei und steckte die Hnde in die Taschen. Arnold berlief es +hei und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darber verga er +die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine +Furcht deswegen empfand, hauptschlich, weil Frau Ansorge ohne uerung +eines Schmerzes lag. + +Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes +Aufsthnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute +kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschlu. Es +sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er +halte es fr gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit +sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo, +damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben +hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die +Strae gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und +der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr +Recht kmpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung. + +An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Klte waren seine rmel +hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und +verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glnzenden Augen. + +In dem Huschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tr nach dem +Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er +drckte auf die Klinke, ffnete, sphte durch den Spalt und sah einen +Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Hnden, in ein +Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt +war, nach Jutta das lteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte +wohl Arnold von frher, getraute aber nicht, sich zu rhren. Arnold +fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Tre stehen, um den +Knaben nicht einzuschchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die +Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der +Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die +Mutter gehe in Geschften ber Land, die andern Kinder seien beim +Rabbiner in Lomnitz. Wie heit du? fragte Arnold. Moses, war die +Antwort. Arnold nherte sich dem Tisch, blickte flchtig in das Buch und +nahm dem Knaben gegenber auf einem Holzschemel Platz. Und Jutta? +fragte er mit heiserer Stimme, wird sie denn nicht wiederkommen? + +Der Herr fragt --! erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein +gutes Deutsch zu sprechen. Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen. + +Arnold schaute den Knaben verblfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er +fhlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er +hrte ein vielfltiges Gemurmel von drauen, ffnete den winzigen Flgel +und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreiig Menschen beisammenstehen. +Gleichgltig schlo er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf +den Knaben, der bse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat, +erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von +Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder +hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lrm herrschte. In der +kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war frmlich abgesperrt. +In breiter Reihe warteten die Leute. Je nher Arnold kam, je mehr +Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und +endlich ffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen knne. +Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Hflichkeit +hnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer +Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war +weit entfernt, zu denken, da diese Zusammenrottung ihm gelten knne. +Schweigen legte sich um die Masse. Blde, neugierige, tckische +Gesichter stierten ihn an, und unwillkrlich blieb Arnold stehen. Vor +ihm ffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer +gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschrnkt und den Kopf +steif emporgerichtet. Es war ein mchtiger Kopf, gro wie der eines +Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grnen Pupillen hinter +der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich +eine dnne, scharfe Stimme gegen Arnold: Judenknecht! und das Gemurmel +fing wieder an, dunkler und ghrender. + +Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem +Rufer und in seiner Nhe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann +seinen Weg fort, aber er fhlte sich strker und als ein Schauer +durchrann ihn die Vorahnung von Kampf. + +Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das +Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte +bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die +Augen aufschlug, lchelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen +sie unaufhrlich sthnte und sich auf der niedrigen Matratze wlzte. +Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold sa mit gesenktem Kopf, +die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen +zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der +mit dem Frhschnellzug eintreffen mute. Von der Station aus war noch +ein tchtiges Stck Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche +mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu +begren. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit +den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die +Hand, betrachtete ihn mit einem khl-kritischen Blick, stellte den Arzt +vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum +Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden +erblickt, so schien es, als schttle sie Fieber und Fieberbilder mit +gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert +Brcken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr +frheres Leben und Fhlen ins Herz getroffen worden. Die +dazwischenliegenden Jahre strzten zusammen, und die Schmerzen in denen +sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen. + +Die Begrung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und +Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden rzte blieben allein. +Arnold fhrte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der +Kche. Da standen uralte Mbel, auf welchen die Zeit gleich einem +Gespenst lag. Borromeo hllte sich frierend in seinen Pelz und schritt +mit wiegendem, mdem Gang auf und ab. Dieselbe Mdigkeit drckte sich in +seinen Gebrden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den +hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lcheln, in seiner +Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der +frmlich steifgebgelt aussah und eine ungemein sorgfltige Pflege +verriet. Die obere Hlfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien. + +Was hast du eigentlich fr deine Zukunft vor, Arnold? fragte er, in +seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall. + +Arnold war berrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem +unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefhl mit dem Mann. +Ich wei nicht. Ich will leben, sagte er trocken. + +Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum +die Haare berhrend, als frchtete er sie zu zerzausen. Und hltst du +das fr so leicht? erwiderte er sanft und traurig. + +Arnold lachte. Ist es denn schwer? fragte er verwundert. Hast du denn +so schlechte Erfahrungen gemacht? Er sa rittlings auf einem Stuhl und +drckte das Kinn auf die Lehne. + +Ich glaube, es ist nicht mglich, andere zu machen, antwortete +Borromeo mit einem Lcheln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem +Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht +klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hlzernheit ging, +und eine ngstliche Sucht, unauffllig zu sein. Die Gesichtszge des +etwa Fnfundvierzigjhrigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck, +die Augen starrten, als knnten sie in der Luft beobachten, was in der +Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick, +als gbe es ber gewisse trstliche Dinge keinen Zweifel. + + + + +Fnfzehntes Kapitel + + +Die rzte lieen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht +abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschfte. +Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter +gehen sollte. Auerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten +genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden knne; dann erst +werde er wiederkommen. + +Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor +Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und +nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich +vor seinem Urteil frchtete. So vllig hatte das Verhltnis eine +Umkehrung erfahren, da sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun +schlerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich +selbst geschaffen hatte, da sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit +einer ungeheuren berwindung ihr Bewutsein abzog von ihren krperlichen +Qualen. Nicht den trumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefhl +erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. +So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen +und sich darin zu bewahren als eine Art von khler Gttin. + +Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das +Kapital unberhrt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden +waren, weil die kleine konomie sich allmhlich selbst erhalten hatte, +war Arnold Herr eines ganz betrchtlichen Vermgens. Man gab ihm einen +berblick und sprach mit ihm ber die Anlage des Geldes, aber er schien +sich nicht sonderlich dafr zu interessieren. + +Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins +Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, +abwartenden Ha. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen fr +das Unrecht Partei. Warum? warum nicht fr das Recht? + +Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Fluufer hin +und her. Das Wetter schien sich zu verndern. Regen wich der Klte. Trg +und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und +Schlamm. Nakalte Windste schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken, +und als er sich endlich entschlo nach Podolin zu gehen, war er bis ber +die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige +Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Huserecken waren +riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran +herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die +Rede. Das Glck des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als +Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt. + +Aus der Kirche kam eine Prozession und fllte beim Schulhaus die Mitte +der Strae. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes +Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jh unterschied. Er drehte +sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Strae +hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rcken. Ein +Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und +schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des +Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines +Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beiflligen Charakter an. +Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung, +blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, da der Hut von +selbst wieder zu ihm kme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu +holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und +lchelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, da er +eigentlich nichts belnehme, sondern da es nur beschwerlich fr ihn +sei. Arnolds Gesicht errtete und seine Augen verdunkelten sich vor +Verachtung. Das Ma der Unbill schien ihm ber und ber gefllt. Er +warf den Kopf zurck, stie einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der +nchsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstrzen +wrde und rieb die Zhne aneinander, indem er die Lippen nach oben und +nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in +seiner Nhe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den +Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund, +aber pltzlich war es, als ob sich ein berirdischer Mittler vor ihm +erhbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt +denn das Recht in deiner Strke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst +du das wahre Unrecht mit den Schlgen deiner Faust? Sei anders als sie! +berzeuge sie! + +berrascht und finster waren die Leute vor ihm zurckgewichen. Er wandte +sich ab, ging bis zum Haustor ber die Strae, hob den davongeflogenen +Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem +geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen +Lcheln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte. + +Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm +ein apfelgroer Stein ber die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert +kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, da einer dies wagte. Ein alter +Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt. + +Die Dmmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen +und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein, +wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf +einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den +Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor +einem andern, weigedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten. +Der eben eintretende Elasser lie seinen Pack sinken und die Betenden +gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Pltzen, und +der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, +sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverstndlich. +Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er +war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend +kleinen Kopf. + +Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem +Ruhepunkt ber den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder +greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwngten. Er sah +Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich +zgernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen +Fen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu ben? Geschah +deshalb nicht, was htte geschehen knnen, weil niemand die Hand erhob +und den Mund ffnete? Warum saen sie dort in ihren Zimmern und duckten +sich, lieen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn +vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er +konnte nicht vergessen. + +Oder gibt es berhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist +das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurck und schaute +empor, um ein Stck des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war +indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Husern herauf. + +Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem +in das Zimmer. Elasser sa an dem kleinen, gedeckten Tisch, whrend die +andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, da der +Fremde einige Male hinberging, aber Elasser, den Bart in der Faust +zerknllend, schttelte stets den Kopf. Die Frau sa starr und in sich +gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoende Kammer zur Nachtruhe +begeben hatten, legte sie den Sugling an ihre magere Brust und schaute +dster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und +Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds +Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte +sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den +Gast zu begleiten. Die Haustre kreischte und die zwei Mnner traten auf +die Schwelle. Beide machten eine Gebrde des Schreckens, als sie an der +Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten +Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu +und fragte sogleich: Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurck? + +Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und +immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem +Begleiter, dessen Zge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde +verrieten: Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns. + +Der Alte lie sein Kpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner +Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war. + +Wie steht es also? fragte Arnold ungeduldig. + +Es steht schlecht, sagte Elasser. Keine Hand bewegt sich. Es werden +Erhebungen angestellt, heits, und mich haben sie herumgehetzt wie einen +Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es +gefllig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine +Hoffnung mehr. + +Es ist in der Schrift geschrieben, mahnte der Fremde, man soll das +Unrecht sich ergieen lassen ganz. + +Eine schne Schrift! rief Arnold emprt. Wartet ihr darauf, bis man +euch den Kopf abschlgt? + +Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. Herr, +antwortete er, Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat +lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jdisch. +Die Welt ist nicht jdisch, gndiger Herr. Das Recht ist fr Sie und +nicht fr uns. + +Langsam waren die drei gegen das Fluufer gegangen. Arnold stie mit dem +Fu einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: Aber wie knnt +ihr ruhig dastehen, Leute, und schwtzen, immer schwtzen! Es ist ja die +niedertrchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rhrt um eure Sachen. +Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist +nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist fr alle. + +Der Herr ist in einem groen Irrtum, erwiderte Elasser finster. Das +Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bcher, worein +alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da. + +Verchtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit uerster +Feindseligkeit: Lgner und Faulenzer seid ihr. + +Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der +Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet pltzlich in einen +geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug +gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die +Unschuld trug, an tyrannischem bereinkommen der Mchtigen, um in einem +eingebildeten Rcher den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz +ber ihm nieder und zndete in seiner Brust, deren Empfindungen schon +versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren +ihm Worte! Auch das Unglck des ihm blutsverwandten Elasser nicht, +obwohl dies bswillige Hinziehen, dies tckische Verbergen, dieser +eingestandene Raub, dies Schauspiel ffentlicher Schmach und Feigheit +auch Gleichgltige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her. +Berauschend strmte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und +er gedachte seiner eigenen unerfllten Jugend. Ja, Samuel, sagte er +mit vernderter Stimme, du mut deine Pflicht erfllen. Wir wollen vor +den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst, +hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden, +da wir knnen eine Audienz bekommen und Seine Majestt wird uns +anhren. + +Er wird richten, sagte Arnold befriedigt. + +Ich will nicht sagen, er wird, antwortete der Alte mit feinem Lcheln, +aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel. + +Elasser starrte bewegt vor sich hin. Whrend die beiden Alten sich noch +beredeten, kniete Arnold am Fluufer nieder, nahm die Mtze ab, legte +die Binde beiseite, die seinen Hals umschlo, stlpte die rmel bis an +die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser. +Darauf wurde ihm wohl und khl. + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Die nachgesuchte, durch einflureiche Personen untersttzte Audienz des +Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen, +welche die ffentliche Meinung beherrschen, schrieb, da die +Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller +Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt +sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe. + +Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch +geruhte, die ihm berreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und +richtete dann an den unglcklichen Vater, der schluchzend vor ihm +kniete, die verheiungsvollen Worte: Ich werde neue Weisungen an die +Behrden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun. In der Tat +wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen. + +Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr, +da Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich +telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben +Staatsanwalt, der schon frher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser +ging zum Ministerprsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz +erwiderte: Sie verdienen es, das gebhrt Ihnen. Es geschah nichts. +Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung, +da von der Statthalterei alles aufgeboten werden wrde, um den +Aufenthaltsort des Mdchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten +werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an +welchem Tag sie das religionsmndige Alter erreicht haben wrde. Elasser +wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen, +Erklren nahm kein Ende. Man schttelte den Kopf, gab Ratschlge, war +bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschftigt, ngstlich oder von +frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte +die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog +es nach Hause. Er hatte sich mdgegangen, mdgeredet, mdgebettelt, +mdgehofft. Am letzten Tage fate er sich noch einmal zu einem letzten +Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister fr Galizien zu ungewohnter +Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine +letzte Frage, um dann fr immer zu erschlaffen. Die wrdige alte +Exzellenz, menschlich erschttert, verlor den ffentlichen Tonfall und +sagte die denkwrdigen Worte An den Mauern des Klosters hat unsre Macht +ein Ende. + +Das war am 5. Februar. + +Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gndigen Versprechen des Kaisers +nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit +dem Gesprch mit Elasser hatte eine gleichmige Ruhe und Zuversicht von +ihm Besitz genommen. + +Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestmer Drang nach +krperlicher Ttigkeit ber Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand, +ging in den Hof und begann, einen Weg in den fuhohen Schnee zu +schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war +rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schwei gebadet, blickte empor, +als am Zaun eine herrische Bastimme erschallte. Den Schirm aufgespannt, +von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer +dort. Arnold trat nher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge. +Die Mutter ist krank, erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr +Grund fr den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort. + +Arnold berlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte +den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, +schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als +Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgltig und unbestimmt die Lider +senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: Warum kommt +der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren +Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen? +Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden. +Bse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum +bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfllt, liebe +Frau? + +Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg +der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden mglichen +Einwand fr zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den +Knien liegenden gefalteten Hnde. + +Frau Ansorge hob den Kopf mit groer Mhe etwas empor und erwiderte mit +ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: Bemhen Sie sich nicht, +Hochwrden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel. + +Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf. + +Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war, +als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um +den Pfarrer zu verhindern, da er sich blostelle. + +Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der +Tre; der Doktor trat ein und begrte den Pfarrer mit jener +Hflichkeit und halben Kollegialitt, die eine wohlttige +Gewhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte +und verlie unruhigen Gesichts das Zimmer. + +Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom +Fenster aus, da die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als +sonst. Der Doktor flsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und +nach einigen Minuten einen mit Eis gefllten Kbel zurckbrachte. Dann +kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, +jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rstete +sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das +werde er selbst bernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich +Borromeo zu benachrichtigen; es drngte ihn hinaus, schon allein +deshalb, um nach seiner Art im Vorwrtsschreiten Herr der Besorgnisse zu +werden. Als er ber den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der +Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war +wei unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold +widmete ihr nur flchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen +ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen +das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte +seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht +geschaffen, in der Dmmerung zu hoffen und zu frchten; um ihn mute es +licht, das Drohende mute beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag +viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, +bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde +erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe +Unglck war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit +zweien: Krankheit, Tod. So rcksichtslos trotz wachsender Angst +vermochte er seinem Gefhle Klarheit abzupressen ber das, was ihn +selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort +aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrngnis. Der +Grund war ihm verborgen. Ein gleichgltiger Jude, seine gleichgltige +Tochter, ein gleichgltiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von +einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei geqult? + +Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewutsein. + + + + +Siebzehntes Kapitel + + +Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo +trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf +vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie +neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor +Borromeo in seinen Pelz gehllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden, +mden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges +Lcheln verzog bisweilen seinen Mund. Drauen war das rgste Wetter, +Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als bestndig den +leise knarrenden, uhrenhaft regelmigen Tritten Borromeos zu lauschen. +Ohne da er es recht wute, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lhmend +auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Tre. Er trocknete mit +einem Tuch die Hnde; die weie Schrze war mit Blut bespritzt. Sein +Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kmpfers, als er sagte: +Alles steht gut. Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drckte +seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und +begngte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu +machen. Ursula, deren Gesicht noch in Trnen gebadet war, hantierte +bereifrig umher. Knechte und Mgde standen im Flur und der Wind sauste +durch die Spalten der geschlossenen Tre. + +Arnold fhlte sich unheimlich. Auf einmal wute er, als er die +flsternden Stimmen der fremden Mnner vernahm, da die Mutter sterben +msse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So +verlie er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und +ein nagender Schmerz ergriff ihn, whrend er an die rzte und an +Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stie einen Schrei aus und rannte +gegen den Hof zurck, bisweilen einknickend im Schnee, spter seine +tiefen Fustapfen von vorhin benutzend. Er strzte in das Zimmer der +Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb +triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte, +freilich wei wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge, +erstaunt und mde, legte beide Hnde auf seinen Kopf. Sein Ungestm gab +ihr zu denken. + +Der Abend rckte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig +gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war frmlich versteckt in +seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, da Hanka an +solchem Tag eine Wanderung ber die kaum gangbaren Straen gewagt, um +sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und +belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte. +Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies +sich, da Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft +geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergrnden, wo. Arnold erstaunte, +wie zwei anscheinend so ernste Mnner sich spielerisch an ein Erraten +und Suchen begaben, oberflchliche Erinnerungen betasteten und dabei +nicht das mindeste von Belang zu sagen wuten. Am seltsamsten war das +beziehungs- und ortlose dieser in gleichmigem Ton gefhrten +Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die +Schatten, die es bedeckten, vergessen schlielich der, zu dem gesprochen +wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und +mechanisch anzureden. Arnold war schlielich froh, da er mit Hanka +allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mute. +Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine +schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten. + +Wie geht es Ihnen also? fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er +Arnold gegenbersa. Er schlug ein Bein lssig ber das andere und +strich mit der Hand ber das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese +inhaltslose Frage vergessen machte. Hoffentlich ist Frau Ansorge bald +wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie? + +Arnold nickte. Was fr ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte +Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte +den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den +Kopf. Wollen Sie nicht einmal zu mir herberkommen, wenn Sie sich +langweilen? fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein berbrckendes +Wort zu finden. + +Wenn ich mich langweile? fragte Arnold. Warum soll ich mich +langweilen? Er sa vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den +Nacken und schaute Hanka nachdenklich an. + +Beneidenswerter, murmelte Hanka und suchte nach einem andern +Gesprchsstoff. Was macht Herr Specht? fragte er zgernd. Hren Sie +von ihm? + +Arnold schwieg. Fr ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und +Unwirkliches. + +Er soll sich sehr mit diesem jdischen Mdchenraub befat haben, fuhr +Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berhrt. Aber was ist nun +aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglckliche Affre macht +ihre Verteidiger und ihre Anklger zuschanden. + +Der Kaiser hat entschieden, antwortete Arnold mit einer leichten +Beunruhigung, die wie ein Hauch ber seine Mienen zog. + +Von einer Entscheidung wei ich nichts, bemerkte Hanka kopfschttelnd. +Was knnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich wei ja nicht, mglich +ist alles. + +Arnold lchelte besserwissend und erhob sich. + +Hankas Gesicht war ermdet. Es war, als htte Nchternheit seinen vorher +so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich klter und fremder, +als er gekommen war. + +Am Abend sa Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die +Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie +jetzt im Geist. Whrend Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und +der junge Assistent lesend bei der Lampe sa, schaute sie Arnold mit +unverwandten Blicken an. In ihren Adern fhlte sie den Tod, aber ihm +suchte sie, als wohne eine bermchtige Kraft der Beeinflussung in ihr, +den Glauben zu geben, da neues Leben fr sie anbreche. Und Arnold, auch +er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem +Gesicht war die Lge der Hoffnung. So saen sie beisammen und tuschten +sich. + +Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und +der Assistenzarzt war abgereist. + +Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen +Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg +geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Hndlerin zuzustecken +und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei. + +Von Elasser hrte man nichts. + +Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte +sie, man solle das Fenster ffnen, und sie blickte nun schrg hinauf +gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute +war es, als schlsse sie sich strker als seit vielen Jahren an das +Leben an, als sei die Luft um sie her verdnnt und sie vermchte weit +hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf +ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Zge pltzlich Gte aus, +und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen? +Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit +hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag? +Wie htte er dies zu sagen vermocht? Wie htte er seine Unruhe zu +schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um +Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grblerisches Horchen? +Pltzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende +Drangsal verstanden. Es gibt ein Wort in der Bibel, das mut du dir +merken, Arnold, sagte sie. Es heit: Wer reiner Hnde ist, mehrt die +Kraft. Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag +Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schlo, seufzte sie +tief. + + + + +Achtzehntes Kapitel + + +Am nchsten Morgen, die Luft war voller Taudnste und der Wind wehte von +Sden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt +Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er nher. Elasser berhrte den +Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmigen +Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: Braucht die +Frau Mutter nichts? + +Schon zurck, Elasser? fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen. + +Der Jude nickte. Heut in der Nacht, sagte er. Sein Blick wurde finster +und er blies, um sie zu erwrmen, in die eine freie Hand. + +Und Jutta? fragte Arnold von neuem, als vermchte dies eine Wort alle +brigen zu ersetzen. + +Elasser zuckte die Achseln. Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat +mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott +lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des +Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr. Mit +Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenbla geworden +war; der Mund war geffnet, die Nase war ganz wei, die Lippen +zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. + +Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat +neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die +Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen +Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: An den Mauern des +Klosters -- hat es ein Ende? + +Elasser vermochte nichts zu erwidern. + +Das ist gesagt worden? fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise +fort. Indessen fhlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz +schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Klte. + +Jaja, nickte Elasser. Er war betrbt, aber auch khl und willenlos. + +Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine +Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller. +Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen +Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Flle des +unertrglichen, schmerzlichen Zorns bi er die Zhne ins Moos; +Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete. +Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im +Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor +Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein +Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt. + +Ist es mglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern. +Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen +ernsten, grmlichen, harten und gleichgltigen Ausdruck. Gleichgltig +war ihnen das, was geschah und ihre trben Augen sahen leblos aus wie +Muscheln. Ein Bach flo ber den Weg. Auch im Wasser wimmelten +Gesichter, ja, Vorgnge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war +weit weg von Podolin. Whrend er aus dem Gehlz trat, sah er, wie ein +Knecht eine weie Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prgel +auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er +sprang hinber (der Straengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei +den Hften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das brtige Gesicht +und schttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine +Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brllte, aber +niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verdet. Still, sagte Arnold, +indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er lie ab. Der Knecht erhob +sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann +blieb er tckisch gebckt an seinem Platz. + +Arnold entfernte sich, ohne da der Gezchtigte sich rhrte. Er konnte +nicht verweilen. In seinen Fen steckte Ungeduld; seine Schlfen waren +hei wie von Weingenu. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile! +mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zgern +vor, denn er erschien sich beleidigt, malos bervorteilt. Alle schienen +zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn +ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um +aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum +selbstndig hrenden Ohr geworden. + +Ist es eine Welt? dachte er; wo leb' ich denn? was geschieht denn? Ist +es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die +Wolken: eile! Er frchtete zu spt zu kommen. Der Erste, dem er sagen +wrde, was vorgefallen, mute ja niederfallen, von Schande erdrckt und +Zhneknirschen mute seinen Mund fr jede Speise verschlieen. Sieh doch +an, was geschehen ist, wollte er ihm erzhlen. Aber dessen bedurfte es +gar nicht, wozu erzhlen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner +wrde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei wrde kommen, alle wrden +schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht mglich zu +leben. Arnold, wrde die Mutter sagen, geh' hin und ruhe nicht, denn sie +knnen sonst nicht leben. + +Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der +Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die +Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fhlen, +seine Krfte zu spren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von +sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lcheln und sie +werden sagen; weshalb hast du nicht frher, Arnold Ansorge, dich +eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu +lcheln, indem sein Gesicht sich mit Rte bedeckte. Und er lchelte den +ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend +an der Tre stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der +Mutter stand unbeweglich der Pfarrer. + +Arnold ging langsam nher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch +Trauer ergriff ihn. Lchelnd fate er die Hand der Gestorbenen mit einem +Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn +ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. Sie ist tot, sagte +der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lchelnd zu ihm +auf. + +Der Pfarrer wich zurck, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor +sich hin, sah sich murmelnd um und verlie das Zimmer. Die Pflegerin ri +mit eiligen Gebrden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer. +Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner +Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Tre und Fenster +waren weit geffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich +entfernt und geflchtet wie vor einem bsen Geist. Die Dmmerung war +schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, frbte sich langsam +vom aufsteigenden Mond. Die Lfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe +die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei, +whrend die Grtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin +Arnold mit sich selber sprechen hrte, glaubte sie, er fhre eine +Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. +Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben; +Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbstndiger Handlung getrieben, jede +Stunde erwartete sie Erlsung von ihrer Angst. + + + + +Neunzehntes Kapitel + + +Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und +hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saen im Grtnerhaus; auch +die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung. +Spt abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft, +berschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am +Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht ber die Brust +verschrnkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die +Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und lie sie +gewhren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich +anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit +begann sie indes zu schlafen. + +Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als +das Rdergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang +empor, ein Gebet flsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich +Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon +vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der +Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin. + +Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verlie zartsinnig +das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen ber +die Ebene. Nicht lange vermochte er drauen zu bleiben. Er ging zu +Ursula, die in der Kche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des +Vormittags seine Wsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit +ntig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte +nicht zu rhren. + +Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann +in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen +das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen. +Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: Zum Begrbnis wirst du doch +bleiben? Packen, was soll das heien? Wo hinaus denn so geschwind? + +Borromeo hrte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: Meint +sie dich, Arnold? Willst du denn fort? + +Mit einer beredten und lebhaften Gebrde sagte Arnold: Ja. Ich will +fort. Mu fort. Bald, sobald wie mglich. Gleich nach dem Begrbnis. Man +mu einen Verwalter mieten. + +Willst du mir das nicht erklren? fragte Borromeo matt. + +Beide Mnner gingen in die anstoende Kammer. Borromeo schritt voran und +trug das Petroleumlmpchen. Wieder hatte ihn jene dstere Verlegenheit +erfat. + +Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere, +begann Arnold. + +Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. Du hast +ungefhr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren, +entgegnete er kalt. Die Verzinsung ist nicht bermig hoch, aber die +Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen, +fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, da ich bis zu deinem +vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen +ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine +Schritte zu berwachen und dein Vermgen zu verwalten. + +Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. Kannst du mich abhalten zu tun, was +ich mu? fragte er. + +Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefat +machen zu sollen. Das erbitterte ihn. Was hast du vor? fragte er +gedehnt und widerwillig. + +Die Sache ist die, begann Arnold. Elasser, der Jude, bekommt seine +Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen. +Er hat alles mgliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht +kommen. Das ist doch schndlich. Ich htte nie geglaubt, da so etwas +Schndliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mdchen +wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der +Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen +tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht +nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne +Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunchst nach Wien. Ich hab' hier +keine Ruhe mehr. Hier wei man ja nichts, hier erfhrt man nichts. Ich +will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon +Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der +Teufel holen. + +Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehrt. Eine Art Rhrung +erfate ihn, die aber gleich wieder verdrngt wurde von einem dumpfen +Mitrauen gegen diesen Idealismus, wie er es innerlich nannte, und den +glubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens +strubten. + +Grnde gegen dieses kindliche Unterfangen waren natrlich leicht zu +finden. Aber Borromeo schmte sich pltzlich seiner Grnde. Lassen wir +es heute, sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus. + +Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur +Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrcktheit und einem +Gefhl leerer Erwartung wie frher trat er in den wohlbekannten Flur. + +Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen +Elasser, die Frau und ein Bauer. Der lteste Knabe zog sich gleichmtig +fr die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermdlich auf den +Bauer ein, der ein Stck Leinwand nicht mit dem verlangten Preis +bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war hhnisch, +kratzte sich in den Haaren, befhlte den Stoff und rang die Hnde. + +Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn. +Nachdem er eine Weile zugehrt, wandte er sich nachdenklich ab, um zu +gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mdchen huschte an ihm vorbei +zum Hauseingang und stie dort einen Schrei aus, als ein grauer +Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hngender Zunge und dster +glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und +sich nicht mehr rhrte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das +Mdchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die +Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg +fort. + + + + +Zwanzigstes Kapitel + + +Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise +verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, da ihn das Landleben, die +Stille und Gleichmigkeit der Tage festhalte. Aber htte ein Geist wie +der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend +und sie zugleich verachtend, dies frher ertragen? sich frher so +sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschftigungen, diesen +ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schttelte er ber sich +selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst miachtetes Gut nun mit +Leidenschaft umklammert. Agnes war glcklich. Beate hatte sich mit der +neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen +eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Sprsinn ihm nicht +die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war +sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt +hatte. Fruchtlos war sie hinbergegangen, hatte geweint, gedroht, +gerast. Das alles ging frmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den +Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schmte sie sich, zuerst +aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich +selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch +schnitt und das Blut vergiftete. Sie wlzte sich auf dem Boden ihrer +Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins +Wohnzimmer, bla und lchelnd, sa neben Hanka, spielte ein harmloses +Kartenspiel mit ihm, wrmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei +ihre schlauen Plne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und +launenloser als frher. + +Von seinen Freunden in der Stadt hrte Hanka wenig. Auerhalb ihres +Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versumt hat. +Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu +wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften +spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie +diese berhmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche +Farbe ihre Augen htten und so weiter. So geschwind wie mglich msse +sie das wissen, schon um den Neid zu genieen, mit dem dann ihre +geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden wrde. Da er, Hanka, an der +Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bcken und +aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im brigen mchte er nicht mehr +lange mit der Rckreise zgern, da sie frische Ananas aus Hamburg +erhalten habe. + +Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amsiert, ohne sich im +geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten. + +Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit, +und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von +Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift ber die +Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter +Gedanke ist kurz und reicht fr drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu +quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend. +Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein +starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trbes, dnnes Flchen +von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhat und +unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin, +weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und +Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstrendes fr ihn. Seine +nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild +gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate, +an nichts anderes als an Beate. + +Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich +nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie. +Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte +mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja fr mich ganz angenehm. +Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschft machen, gehrt nicht gerade +zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natrlicher Geist wird sich +in das natrlichste Verhltnis zu finden wissen, aber hab' ich darum mit +vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu +verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermgen pltzlich zum Fenster +hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schtzen, allein was ist mit Geld +gegen den bsen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das +Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit, +systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmiges Beisammensein und +Langeweile zu zweien. Das Gepck des Lebens wchst wie im Sommer bei der +Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es +ist wie mit den Schaumtrtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je +sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich htte +Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die +Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein +Verstndnis fr Kinder und wre ein erbrmlicher Vater. Dem veralteten +Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls +versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt +Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf +dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, wei ich von +solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch +betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefden, die durch die Sonne +ziehen. + +Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften berlegungen. Aber das +Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins +Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum +den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum +wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die brige +Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu +lassen, dazu war Hanka die uere Nacht sehr willkommen. Aber wie +ehrlich er sich auch bemhte, Klarheit fand sich nicht. + +Am andern Morgen trat er mit einem militrisch ausholenden Schritt vor +Agnes hin, als er sie allein sah. Was wrdest du sagen, fing er ohne +Umstnde an, den Mund ihrem Ohr nahe, wenn ich Beate heiraten wrde? + +In groer Bestrzung ri Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte +verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich sphend um, ri +pltzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in +hastigen Zgen: Du mut gestehen, da es nicht bermig vernnftig +wre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich +habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: fr +mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja +an sich ziemlich traurig, aber fr das ganze Unternehmen von Vorteil +ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken. + +Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas +lehnte. Nun? fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als +seine Hand zgerte. + +Er zuckte die Achseln und knllte das Blatt zusammen. + +Du mut es selber am besten wissen, Alexander, sagte Agnes, indem auf +einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und +machte sich nachdenklich an ihre huslichen Arbeiten. Hanka nahm, +unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmglich, sich +jemand zum Freund oder zur Gattin zu zchten, dachte er und spuckte +verchtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete; +aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will +mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglckt war, Idealist zu +sein. + +Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann +wandte er sich pltzlich mit einer erzwungen pfiffigen und berlegenen +Miene zu ihr. Was wrdest du sagen, Beate, begann er mit derselben +hlzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen +Stimmlage, was wrdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag +machen wrde? Er sah verrgert aus und Runzeln erschienen auf seiner +Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit +langsamen Schritten das Zimmer verlie, sank er in ein tiefes Nachdenken +und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine +Stunde spter sein, als ihm das junge Mdchen am Hauseingang begegnete. +Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lcheln: Ja. +Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten. + +Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas +gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den blichen Teilnahmsbesuch +erklrt. Am folgenden Tag war das Begrbnis und dorthin beschlo Hanka +zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hgel. Trotz des klaren +Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Grber waren +noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde +lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und +Unglubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit +einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg +hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in +seiner formelhaften Rede, brach pltzlich erregt ab und entfernte sich. +Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krhe, die ber die +Kpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht ber dem dunklen Bart wurde noch +bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne +Unwillen, ohne Vorwurf. + +Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es, +die Zeit zu nutzen. Er htte sich an diesem Abend eine leichtere +Stimmung gewnscht. Frh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur +Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof +und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm +den Zug erwartend. Hanka grte mit der ihm eigenen ernsten +Verbindlichkeit, nherte sich aber nicht, sondern schritt in der +holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschner Tag; die Luft +war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die +Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzgen der +Ebene. + + + + +Natalie + + +Einundzwanzigstes Kapitel + + +Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte +erklrt, da der obere Halbstock vllig leer stehe und da Arnold ber +drei Zimmer ungestrt verfgen knne. Arnold hatte eingewilligt. + +Schweigend und unablssig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nhe +erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Zge, +dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg. +Lngst entherzigt, lngst hohl gesogen, kmpfte Borromeo einen +bestndigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen. + +Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom +Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straen der Stadt gewahrte und +die Flut der Getse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestrzt. +Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte, +polterte, rasselte und drhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten, +Glckchen klimperten; es zischte, stampfte, chzte, heulte, hmmerte und +knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten; +andere, denen Schwei auf der Haut glnzte; andere, deren +Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn +stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen +Kutschen lehnten und deren Mienen frmlich gelhmt waren; andere, die +lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und +angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen +Reihen gleichmiger Huser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier +der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den +Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise +Seifen, Weine, Ewaren, Zeitungen, Mbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel +und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum, +Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerche +zogen aus den Husern, krppelhafte Bumchen erhoben sich hinter +prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier +keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gbe. + +Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebude, das +in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein +Diener kam, um das Reisegepck in Empfang zu nehmen. Borromeo fhrte +Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen +sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklrte, da in +frheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein +Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert +habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den +Blick langsam zur Tr, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von +geradezu frstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen, +um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lcheln lag, +waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der +reichsten Flle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau +war mit einem Rauschen verbunden, welches fr Arnold etwas +auerordentlich Rtselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden +Gesicht wandte er sich der Dame zu und er versprte einen beunruhigenden +Wohlgeruch im Zimmer. + +Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stren, sagte Frau Borromeo. +Das ist also der Neffe, fuhr sie fort, trat rauschend nher, streckte +Arnold die Hand entgegen und lchelte: sorglos, mtterlich, voll +Teilnahme, etwas spttisch, -- alles zu gleicher Zeit mit einer +unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat, +so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wnde, die +Mbel, das Licht, die Luft und die beiden Mnner. Arnold verga, ihre +Hand zu ergreifen. Sie lachte, schttelte den Kopf und fragte Borromeo, +ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er mge ihr Arnold +berlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. Ich warte +schon mit Ungeduld auf Sie -- oder auf dich, sagte sie zu Arnold. Ich +war auf eine Art von Waldmenschen gefat und bin es noch. Natrlich im +edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier +la ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute frh +erfahren -- Kommen Sie, ... komm, Arnold. + +All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des +Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Krper ein musterhaft +gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein +Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein groes, lichtes Zimmer. An +einem mit Tassen, Glsern, Silbergeschirr, Blumen und Ewaren bedeckten +Tisch saen plaudernd drei Personen, ein junges Mdchen, welches von +Frau Borromeo als Petra Knig vorgestellt wurde, ein alter Herr mit +einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger, +blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte +Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet +auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine +schweren, groen Stiefel und ein humoristisches Lcheln umzuckte die +farblosen Lippen. + +Nun haben wir unsern Waldmenschen glcklich hier, sagte Frau Borromeo, +indem sie spttisch lchelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer +Gste. Ich erzhlte Ihnen ja von ihm, wandte sie sich zu Hyrtl. + +Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme, +die Arnold unerklrlich war: Sie sind Landwirt? + +Bis jetzt war er Landwirt, fiel Anna Borromeo ein. + +Hyrtl, der den Ankmmling fr dumm und blde hielt, starrte Arnold mit +einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von +verhaltenem Witz. Er bemhte sich vergeblich, zu ergrnden, weshalb Anna +Borromeo den merkwrdigen Menschen in ihren Salon gefhrt und gab +schlielich ihrer Sucht nach berraschungen die Schuld. + +Sie sind wohl geschftlich in der Stadt? fragte der unermdliche +Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte, +wenn er sich mit dem stummen Gast beschftigte. + +Seine Mutter ist gestorben, bemerkte Anna Borromeo abermals an +Arnolds Stelle. Es war, als frchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte +Petra Knig Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen +ihren Brauen. Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie? fragte +sie das junge Mdchen. + +Gut, entgegnete Frulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem +nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie +gesprochen wurde. + +Ein ganz kstliches Weibchen, meinte Drusius und schnalzte mit der +Zunge. Ein Rokoko-Figrchen, ein Sprhgeist. Fr dieses Frauchen knnte +ich eine Heldentat verrichten. + +Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermtig-messend auf +Anna Borromeo. + +Wie stehen die Montan-Papiere? fragte ihn Frau Anna lchelnd und +tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid. + +Schlecht, antwortete Hyrtl. Wir knnen uns auf einen groen +Brsenkrach gefat machen. Er legte den Knchel des einen Beines auf +das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so da ber den +Lackstiefeln ein Stck des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde, +zog mit leichter Gebrde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und +fragte mit Hflichkeit die Wirtin, ob er rauchen drfe. Er blickte dabei +Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so da Arnold sehr erstaunt +war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich +sah er, da Petra Knigs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, da sie +die Augen, die einen wrmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten, +erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lcheln nach einer Bckerei +auf der silbernen Schale griff. + +Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und +hrte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern +schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch +zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe +vor den Tisch, dankte und fgte hinzu: Jetzt will ich mich waschen. +Damit verlie er den Salon mit unbefangenem Gesicht. + +Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lchelte Anna Borromeo, +darauf lchelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hften. +Es lchelten auch Drusius und Petra Knig. Dann blies Hyrtl die Backen +auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schlielich die +Beteuerung hervorchzte, er habe sich nie so gttlich unterhalten. Anna +Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung +stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn. +Was fr Befehle? fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lchelte +und blickte Arnold aufmerksam an. Gehn Sie nur, sagte Arnold und +wartete, bis der Mann die Tre geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer +Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren +Tapeten besah, die schweren Vorhnge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Mbel +und Bcher. Er ri das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und +frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte ber die +Hhe, erstaunte ber die Nhe der gegenberliegenden Huser und ihre +endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute +empor und sah nur ein geringes Stck des abendlich verdmmernden +Himmels. Ein Flug Vgel zog mit Kreischen geschwind ber die Dcher. + +Whrend dieser Beobachtungen sprte er groen Hunger. Er berlegte nicht +lange, nahm den Hut, verlie seine Wohnung, eilte auf die Strae und +suchte das nchste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe, +bestellte Wein, Wurst und Kse und a mit Appetit. Viele Mnner saen in +dem raucherfllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und +spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschlo, einen +Spaziergang durch die Straen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er +war, kehrte er zuerst zurck und prgte genau die Gasse und das +Borromeosche Haus seinem Gedchtnis ein. Kaum hatte er dies stille +Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom +geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den +hohen, weien Lampen gnzlich zerstreut. Aus allen Lden, aus jedem +Fenster der schnen Palste drang Licht, und die Nacht ber den Dchern +war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren, +bestndig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das +Gerusch, das zu ihm flo, sei ein gleichmiges, ngstliches Raunen. +Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch +Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe +Seufzer, oft wie fernes Gelchter; nichts hielt Stand, alles rauschte +gleich einem schwerflssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der +Seite der Huser und kam nur langsam vorwrts. Er ermdete nicht, +Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu +erhaschen. Einer blickte vorsichtig und sphend vor sich hin, einer +redete gereizt, einer ging mde. Jeder schien eine Maske zu tragen und +zwischen unsichtbaren Wnden zu gehen. + +Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin. +Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme +machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer +neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter +verschwammen im Nebel. Ungewhnlich erregt verlie er die taghellen +Straen und kam in sprlicher beleuchtete, in welchen sein eigener +Schatten matt mit dem Dunkel zusammenflo, und immer wieder auftauchte, +wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorberging. Er dachte +nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und +sonderbar gelhmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm +unglaubhaft, unbegrndet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so +enggepret, da jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke +blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der +Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den +Gedanken an Rckkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Strae und +glaubte bei jedem neuen Anfang, nun msse sich bald der Wald ffnen oder +das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstrt und +sein Erstaunen wurde grer und dumpfer, insbesondere durch die +Wahrnehmung, da die endlosen Husermassen ihn nicht nur in der Richtung +seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin +ausstrmten. Er betrachtete die Aushngeschilder von Krmern, +Wirtshusern und den zahllosen Geschften, in denen er zufriedene und +glckliche Menschen vermutete, getuscht durch den Lichterglanz und die +Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der +Kaffeehuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu +einem Feste geschmckt vorkam. Er sah mchtige Gebude, die einem +unbekannten feierlichen Zweck dienen muten, Kirchen, deren eherne Tore +geschlossen waren, und von deren Trmen dennoch Glockengelute erklang. +berall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der +Gerechtigkeit und hundertmal schttelte er ber sich selbst den Kopf und +war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein +Gefhl lustloser Ermdung gesprt. Doch er setzte seinen Weg fort und +kam in eine de Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die +Huser niedriger und der Himmel schien infolgedessen nher. In den +erdgeschssigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus +den Kneipen drang Lrm und Geschrei, Dirnen gingen vorber und lchelten +ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die +betubende Empfindung der Vielfltigkeit und der unbersehbaren Weite. +Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fhlte er seinen gnzlichen Mangel an +Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu mssen. Herrgott, sagte er zu +sich selbst, das kann bel enden, und pltzlich drehte er sich um und +trat mit strmischem Wesen die Rckkehr an, auf welcher er einige +begegnende Personen hflich und zaghaft nach dem Weg befragte. + +Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn +Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zndete die +Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schttelte den +Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der +prchtigen Sthle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und +versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand, +drehe es hin und her, aber es war stumm. Pltzlich sah er viele Wege; +jeder fhrte dorthin, wo man mhelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn +etwas so Groes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler +Gedanken wert? Arnold schmte sich und kam sich vor wie jemand, der mit +Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien +ihm leicht und selbstverstndlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als +es an der Tr pochte; Friedrich Borromeo trat ein. + +Guten Abend, Arnold, sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, hast +du dich schon ein wenig zurechtgefunden? Vorsichtig hob er mit der +ueren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die +Schulter. + +Arnold trat vor ihn hin. Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden +kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll +ich's anfangen? + +Ei, ei, so ungestm, erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen +Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der +Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose +zwischen den Mittelfingern beider Hnde behielt. Du willst also dieser +eingesperrten Jdin zur Freiheit verhelfen, sagte er mit einem kaum +wahrnehmbaren Lcheln. Ich verstehe deine Beweggrnde. Du bist jung. Du +bist begeistert. Du kannst dich noch entrsten. Schn. Aber was willst +du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine +Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen +abbringen, ganz im Gegenteil. + +Wrde dir auch nichts ntzen, warf Arnold trocken und etwas ungeduldig +dazwischen. + +Schn. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern +Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufllig war es diese +Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es htten Millionen +andere sein knnen. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal +Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den +Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verben die +ungeheuerlichsten Diebsthle. Der Wucher blht wie anderswo im +Mittelalter. Die Lnderbank ist verkracht, weil ein Frst und ein Graf +sie durch Betrgereien ins Verderben gestrzt haben. Hast du von den +Cziriskawer Gruben gehrt? Die hungernden Arbeiter muten zusehen, wie +die Aktionre einander und der Direktor die Aktionre um Tausende von +Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder fr die in Krankheit und +Hunger vegetierenden Bauern werden zurckgehalten; auf den groen Gtern +wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstcken statt in Geld ausgezahlt. +Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur +um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast. +Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen +entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust, +sondern immer annehmen, da es das beste ist. Ich lasse dir freie +Verfgung ber dein Vermgen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst +erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen +Mnner; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es +nicht nur eines ganzen Menschen, einer groen Leidenschaft, einer reinen +Seele, sondern auch eines aufs hchste gebildeten, praktischen Geistes. +Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in +der du dich bewhren mut. uerlich mut du sein wie alle andern, mut +dich kleiden wie sie, mut ihre Formen und Gebruche annehmen; aber +deine Hand mu sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mut +du dich durchkmpfen, hinaufkmpfen. Das ist das Problem. Dann wird es +dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es +unmglich fr dich wie fr jeden andern. Du httest keine andern Wege +als jene Leute selbst, du wrdest nirgends eine werkttige Hilfe finden. +Und deine Krfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wre doch +sinnlos. + +Arnold sa weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein khler Schauder fuhr +ihm ber die Haut. Er fhlte Zorn und Rhrung. Er begriff und wollte +sich dennoch verschlieen. Er sah ein, da das alles seine Richtigkeit +hatte und wnschte doch, es nicht gehrt zu haben. + +Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen, fuhr +Borromeo fort, so wre es dies: fange an, dich ber alles mgliche zu +unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bcher und an gescheite +Menschen. Bereite dich fr ein Amt vor. Eine Regelmigkeit wird sich +dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines +Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schnen Ziel zu gelangen. Der +unerschtterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten +noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde! + +Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn +er schwieg jetzt mit einem erleichterten und mden Gesicht und lie den +Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwrts gegen das Licht +schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hnde gesttzt und sein +Gesicht verborgen. Was in ihm kmpfte und brauste, das ahnte Borromeo +und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die +Hand auf die Schulter. Nun? fragte er leicht und kurz. + +Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen +glhten. Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen, +sagte er. Man kann beides tun. + +O gewi, man kann beides tun, antwortete Borromeo. Insofern keine +Gefahr ist, da man sich verzettelt. Gewi. Die Erfahrung wird darin +dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, da du nicht +verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten. +Sie schaden mehr als sie ntzen. Gute Nacht, Arnold. + +Sie gaben einander die Hand. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage spter war er im +Besitz von vier modischen Anzgen; das Zubehr an Wsche war vorher +besorgt worden. Zaudernd und umstndlich bekleidete sich Arnold mit den +neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem +Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da +wrst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwrdig aus, wie der +Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange +nicht entschlieen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen +zur ffentlichen Bibliothek wollte. Als es berwunden war und er mit +ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor +Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau +Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: Dies ist mein Neffe, +Herr Ansorge. Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde +Dame und sagte: Frau Natalie Osterburg. Arnold reichte sofort nach +seiner Gewohnheit die Hand und versprte eine andere Hand, deren +Winzigkeit ihn verblffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er +mge sie loslassen; Anna Borromeo lchelte. + +Also _das_ sind Sie! sagte Natalie Osterburg, und das neugierige +Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend +zugewandt. Petra hat mir von ihm erzhlt, aber ich finde, er ist ganz +hbsch. Ein kstliches Aber. + +Arnold fhlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne +weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag +und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie +das Gepltscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit +kindlichem Ernst nach gleichgltigen Dingen, war unglcklich ber das +drohende Regenwetter, sagte, sie habe die grte Eile nach Hause zu +kommen, verga es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten +knne. Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jger vorgestellt, denken +Sie nur, wie komisch, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkrper +vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr +erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten +Spiel der Augen und ihn verdro das liebenswrdige Lcheln, das +Hinabbeugen ber die Treppenbrstung, das Winken mit der Hand, womit +Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab. + +Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreiig Jahre noch die +zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde +waren die zwei Gefhle, von denen sie vllig beherrscht wurde. Sie war +lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie +manches vernnftige Gesprch und manchen ernsthaften Mann aus dem +Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Fe und Hnde; sie war eitel, +geschwtzig, naschhaft, vergngungsschtig, aber sie gewann ihren +Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Gestndnisse ablegte und sich +verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder sa oder lachte, dann +leuchtete es vor Freude in ihren Augen, da es mglich war, so sprechen, +gehen, sitzen und lachen zu knnen wie sie. Fr die Ausbrche ihrer +Bewunderung, ihrer berraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen +Gesichtsausdruck, der schwrmerisch genug war; in derselben Minute +interessiert sie sich rasend fr einen Klatsch und zappelt vor +Ungeduld darber, da sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines +Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mdchen von zehn und acht +Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzhlen, +als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre +Kinder die wunderbarsten auf der Erde. + +Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmdchen, wo der gndige +Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester +zu und flsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schlo erblassend +die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig +an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter +mit zrtlich verdrehten Ausdrcken begrten. + +Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang +ein ungewhnlicher Lrm. Natalie ffnete mit theatralischer Langsamkeit +die Tr und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff, +sich zu waschen und rieb den Krper mit einer Heftigkeit, als sei die +Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, pltscherte, sthnte und +zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie +betrachtete ihn mit einem malosen Erstaunen und einer zur Hlfte +gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrieliche und eifervolle +Falten in sein Gesicht, whrend er mit einem Flanelltuch die behaarte +Brust trocknete und chzend den Rcken rieb. + +Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschfte aus, +sagte Natalie. + +Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knpfen, zog es aber +nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkrper auf die Ottomane. +Er hob das Bein ein wenig in die Hhe und betrachtete seinen Lackschuh. +Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder +geschnellt und sagte dster und verlegen: Ja, reich sein, reich sein, +das ist das einzige. + +Idiot, murmelte Natalie. + +Osterburg verfiel in ein starrkrampfhnliches Besinnen und betastete mit +sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn +frstelte, dachte er daran sich anzukleiden. Ich bin ruiniert, sagte +er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke +und schrie. Meinen heiligsten Schwur, da ich in drei Wochen eine halbe +Million haben werde, oder -- Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins +Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie +gelassen und erwartungsvoll anschaute. + +Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer +Kinder. Liebste Petra! rief sie, komm, ich will zur Mutter. + +Nun? fragte Petra in ihrer berlegenen Weise. + +Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: Jaja. Aber du +weit, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das +Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spt zum Probieren. Sie kte +etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem +Lcheln abseits. + +Kaum hatte Osterburg bemerkt, da er allein sei, so erhob er sich, +schttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfgte er +sich in die Kche und fragte die Kchin, was sie zu essen habe. +Schwermtig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Kchin +zhlte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte +anscheinend betrbt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen +Idee erfllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strmen aufzufangen um +jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld msse fr ihn auf +der Strae liegen und er brauche nur hingehen und sich bcken. + +Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit +Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar. + +Er ist der grte Narr, den es gibt, Mama, versetzte Natalie kalt. + +Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind, meinte die alte Dame und ging +zu ihrem Stuhl zurck. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich +vorwrts. Der Oberkrper, weit zurckgeneigt, schien nur lose mit den +Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten. +Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht +war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt +ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Knigin. Fr die plumpeste +Schmeichelei empfnglich, war sie zugleich harmlos und boshaft, +gebrechlich und zhe, znkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse +verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die +Klarheit und Regelmigkeit der Kristalle unmglich ist. + +Glaubst du, Mama, da hellgrn mich zu bla macht? fragte Natalie, +die mit Ungeduld auf das Kleid wartete. + +Mama, du sollst nicht so viel herumgehen, mahnte Petra. + +Zu meiner Zeit gab es andere Ehen, sagte Frau Knig mit rasselnder +Stimme. Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Geflligkeit. Oft sag ich +zu Petra ... nicht wahr, Petra --? ... + +Pottgieer hat eine rmische Statue aus Spalato angekauft, wandte sich +Natalie an Petra. Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, +aus der besten Zeit, sagt die Borromeo. + +So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen +einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im +Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berhren +knnen. + + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel + + +Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, fllten sich schon von fnf +Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer +Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf +welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies +bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls +auf dieses Pferd gesetzt htten. Als aber ein anderer Herr behauptete, +dieser Sieg sei lange vorher ein ffentliches Geheimnis gewesen, da +wurde Osterburg vor Verachtung um fnf Zentimeter lnger, und seine +grauen, brstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter +entrstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder +freundlich, begrte Emerich Hyrtl und Armin Pottgieer, den von allen +gefrchteten Pottgieer. Pottgieer war Brsenmann, Zeitungsbesitzer, +Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermelich reich. + +Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die +Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine +Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Tre geffnet und eine +alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mdchen +folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte +Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt, +ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach +Hyrtls Bericht frchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte +ihm die Hand und war schchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr +zu folgen und fhrte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel +saen. Verzeiht, sagte sie, hier ist ein Ausnahmsgast. + +Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war hei. Ist hier eine +Versammlung, Frulein? fragte er, indem er Petra erwartungsvoll +anschaute. Das junge Mdchen errtete, lachte, war verwundert und wute +nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasa, +verlor den gleichgltig-grmlichen Ausdruck, der in seinen Zgen +vorherrschte und sagte liebenswrdig: Lassen Sie sich nicht beirren. +Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn +sie einen andern sich langweilen sehen. + +Petra, die durch Arnolds hfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten +Hyrtls lauschte, gerhrt wurde, lchelte und ihre Augen nahmen pltzlich +im Lampenlicht ein schnes, tiefes Blau an. + +Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen +nherte sich. Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus, sagte +er mit offenbarer Geringschtzung. + +Bei mir hat jedes Hrchen seine Bedeutung, entgegnete Hyrtl mit +unschlssiger Selbstironie. + +Dann mssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebt haben, +sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmtig-widerwillig und verzog +verchtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs uerste. Petra +spielte mit ihrer Uhrkette. + +Was reden sie? dachte Arnold bestrzt. Er blickte Petra an, sah +rckwrts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was +reden sie? + +Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hren, von +Lcheln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds +Schulter; er blickte berrascht empor. Nun was treiben Sie? fragte +sie, mit den Augen zwinkernd. + +Auf einmal, er wute nicht, wie es kam, begann er zu erzhlen. +Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschlieen oder fhlte er das +Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der +Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mhe +vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe +er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden +der drei Zuhrer leuchtend an, als ob er berzeugt sei, da sie sich +gleich ihm selbst fr diese Sache entflammen wrden. Er war in seiner +Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener +nichtigen Menschen. + +Das ist ja riesig interessant, rief Natalie aus, als er geendet. + +Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden, bemerkte Hyrtl +frostig. + +An der Geschichte ist freilich nichts Neues, erwiderte Natalie; aber +da er sich so dafr ins Zeug legt, ist doch interessant. + +Man mte etwas dafr tun, sagte Petra, die sich schmte. + +Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen, entgegnete +Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte. + +Dafr wrde ich Ihnen sehr dankbar sein, sagte Arnold warm. + +Kommen Sie, sagte Natalie. + +Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges +mitteilen, indessen fhrte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: Da ist er. +Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fgte sie feierlich hinzu: +Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo. + +Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den +Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: Ist es +wahr, da Sie bis jetzt in einer Hhle gelebt haben? Alle Welt erzhlt +davon. + +Arnold sah den Mann berrascht an und wute nicht, was er aus ihm machen +sollte. Er bckte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich +blitzte, dann ging er zur Tre, verlie den Raum und suchte drauen +seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die khle Luft ein. Unten +im Flur berholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich +nun mit einem gedrehten, mhsam elastischen Schritt gegen die Strae +bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend; +es schien, als se auf knstlichen Beinen ein hlzerner Rumpf. Auch der +Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze +Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick +lag drckende Langeweile und trostlose Ruhe. + +Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge? fragte er hflich und +wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die +Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht. + +Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit groen Augen. Er empfand +pltzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider, +vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte. + +Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs? fragte Hyrtl. Er hatte den +Wagenschlag geffnet, stellte einen Fu auf das Trittbrett und zndete +eine Zigarette an. Es ist eine ganz interessante Familie, fuhr er +fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. Das was Sie oben sehen, +ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den +Keller. Hinter den Mbeln und Bildern hngen die Pfndungssiegel. Die +Sthle, worauf sie sitzen, gehren ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir +oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie +betrgt ihren Mann und Osterburg betrgt seine Frau. Es ist alles +Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur +Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mdchen. Na, +adieu, leben Sie wohl. + +Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem +Kutscher das Zeichen, zu fahren. + +Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem berlegen beschlo +er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was +dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getncht waren; er +erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich +nun Wahrheit holen. + +Er eilte die Stufen empor, lutete, warf seinen Mantel auf einen Berg +von andern Mnteln und trat mit suchendem Gesicht in die +Gesellschaftsrume. Zwischen Kpfen und Schultern sah er Natalie wie +durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lchelte ihm zu wie einem +vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt. +Arnold suchte nher zu ihr zu gelangen, und pltzlich vernahm er ihre +Stimme hinter sich. Denken Sie nur, was ich soeben hre, sagte sie mit +einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; Hanka hat sich +verheiratet ... + +Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als +Jubel, Liebenswrdigkeit und Vergngen. Nein, der Mensch da drunten mu +gelogen haben, dachte er. + + + + +Fnfundzwanzigstes Kapitel + + +Er wnschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier +zusammengefunden hatten. Mitteilsam glnzten die Augen, voll +Geschftigkeit ffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen. +Viele Mnner waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als htten +sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron +Drusius, der seine Freude ausdrckte, ihn zu sehen. Er fhrte ihn zu +einem jungen Mdchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. Meine +Schwester, sagte der Alte. Sie grte flchtig, lchelte flchtig und +wandte sich zu einem Herrn, der in majesttisch-nachlssiger Haltung +dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewutsein unendlicher +Geistesberlegenheit erfllt ist, dies aber in anmaender Bescheidenheit +zu verbergen wnscht. + +Das ist der berhmte Bernay, eine Kapazitt, flsterte Drusius Arnold +zu. Er will einen Staat von freien Menschen grnden, ohne Steuern und +ohne Stdte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen +Landstrich in Amerika anzukaufen ... + +Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verstndigen +Gesicht einen altjngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit +fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklrliche Namennennen, +Verbeugen, Hndedrcken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das? +Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man groe +Hoffnungen setzt. Arnold grbelte, weshalb sie freundlich seien, ohne +da sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, pltzlich dies +berflieende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand +gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es +feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen +freundlich und leer. + +Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: Sind Sie +nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen +gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kmen aus Podolin. Sie kennen +Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzhlen Sie +doch, -- bitte! + +Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz auer sich vor +Neugierde und bi sich auf die Lippen vor Verdru, da sie nicht frher +den Einfall gehabt, Arnold zu fragen. + +Arnold fhlte sich abgestoen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er +einige Sekunden berlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise +den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: Herr Hanka htte +ein besseres Frauenzimmer finden knnen, glaube ich. Die Beate oder wie +sie heit, ist dem Teufel zu schlecht. + +Natalie erblate, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den +Mund und erwiderte betreten: Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch! +Das drfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, da Doktor +Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst knnen Sie sich schne +Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit +fr sich aufgezogen. + +Es ist aber doch so, wie ich sage, beharrte Arnold kalt. Von mir aus +mag sie treiben, was sie will, aber ich wei, was ich wei. + +Natalies Neugier war aufs uerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie +Arnolds Arm und fhrte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach. +Zwei alte Herren saen am Fenster und unterhielten sich leise; sie +erhoben sich nun und gingen hinaus. + +Also was wissen Sie? Erzhlen Sie! Erzhlen Sie! begann Natalie +sogleich. + +Arnold runzelte die Stirn. Gar nichts erzhl' ich Ihnen, antwortete er +grob. + +Natalie sah ihn entsetzt an. + +Er aber fuhr fort: Ist es wahr, da Sie gar kein Geld haben, um die +ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich +hab' auch noch ganz andre Dinge gehrt, davon will ich aber jetzt nicht +reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so? + +Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte ber den ganzen +Krper, trat einen Schritt zurck und flsterte: Was fllt Ihnen denn +ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur? + +Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrielich. Als er jedoch +ihre hbschen Kinderaugen voll Trnen sah, wurde er gerhrt. Wenn es +nicht wahr wre, wrden Sie nicht weinen, bemerkte er treuherzig. + +Natalie htte pltzlich lachen mgen. Sie zog das Taschentuch und +verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrckten +Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst +zurckverhalf. Er ist reich, dachte sie, man knnte seine Dummheit +benutzen. + +Sie sind ein sonderbarer Mensch, sagte sie, das Gesicht erhebend und +unter Trnen lchelnd. Wir mssen ausfhrlich miteinander reden, wir +wrden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin. + +Arnold verabschiedete sich und ging. + +Er a bei Borromeos zu Abend. Wie hast du dir die Zeit vertrieben, +Arnold? fragte Anna Borromeo. + +Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: Ich will nicht die +Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten. + +Frau Anna lachte. + +Borromeo liebkoste seinen Bart. Er hat ganz recht, sagte er. Man +sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht +lassen, bis sie zertreten sind. + +Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem sprlichen +Gesprch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an, +ohne da in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch +gestern htte Arnold das nicht gesprt. Einen Augenblick lang wollte er +das rtselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch +eine ehrliche Frage ergrnden. Da er dies nicht vermochte, da er +einsah, das drfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem +Nachdenken. Wo er stand, wo er sa, wohin sein Herz sich wandte, berall +wuchs ein Anderssein-Mssen aus dem Boden. + + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel + + +Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit +seiner jungen Frau vorlufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach +Paris. Beate trumte von Italien wie die kleinen Brgermdchen, die in +der berlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin +vergngen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glck spazieren zu fhren. +Einstweilen gab sie sich in der schnen Wohnung zufrieden, welche Hanka +in einer Villa in Dbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen +Augenblicken gestand sie sich, da sie das Leben im abseits gelegenen +Huschen eigentlich kenne, da sie der Einsamkeit mde sei und da sie +endlich Menschen, Straen, Blle und Theater haben wolle. Sie stellte +sich trotzdem, als sei Hankas Glck auch das ihre. Sie stellte sich, als +lse sie in den Bchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den +Bsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein +Verstndnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt +vergessen. + +Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in +der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehrte zu den +Leuten, die sich im Glck possierlich finden. Er betrieb historische und +nationalkonomische Studien, gedachte seines frheren Lebens mit Abscheu +und sah die Zukunft klar. + +Beates Zge wurden krftiger und energischer. Ihr Kinn rndete sich und +um den bogenfrmigen Mund legte sich das Lcheln der Gewiheit. Ihr +Krper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter +beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schme sie +sich ihrer Fe, ihrer Hnde, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde +ihr Lcheln auf der Strae. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz +ein hartnckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb +fr sie ein groes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravitt. +Sie glaubte sich ihm berlegen, denn seine Bildung schtzte sie gering +und die Art seines Geistes war ihr unbekannt. + +Unter allen Bekannten, die fr Hanka in einem feindlichen Land hausten, +suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Fr sie bewahrte +er die Zuneigung eines Grovaters, nach ihrem bunten Geschwtz konnte er +sich zuweilen wnschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber +zuerst wollte er allein gehen, die lstigen Fragen allein schlucken. + +Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrte ihn mit +erknstelter Entrstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu +springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurck, schlug schmunzelnd die +Beine bereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht. +Natalie konnte nicht lnger an sich halten. Doktor! rief sie, ist das +eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? +Wo ist Ihre Frau? + +Erst mu ich auskundschaften, meine Teure, erwiderte Hanka +humoristisch. brigens freue ich mich, Sie wiederzusehen. + +Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist, +wenn sie ihre stillen Vorstellungen ber das Benehmen eines Menschen +besttigt fand. + +Das Zimmermdchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie +nickte berrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas +Verwunderung war auerordentlich. Er blickte von einem zum andern und +das ergtzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas +Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Whrend sie ihn begrte, klrte +Petra den erstaunten Hanka auf. + +Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur sprlich auf +Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm +nun, als ob sie berhaupt nie allein sei. Natalie sprte auch so etwas +heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor +diesem Menschen. + +Sie haben sich rasch zurechtgefunden, sagte Hanka zu Arnold. Ich +dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden. +Trotzdem er nun wute, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit +fr ihn immer noch etwas Unerklrliches. Er war gewohnt, sich Natalie +gegenber in einer unvernderlich trockenen und spahaften Weise zu +betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide +konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch +betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht. +Schlielich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller +Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den +Mund hlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und +Verlegenheit gerade hinaus. Das rgerte Arnold. + +Hanka erhob sich und Arnold entschlo sich, mit ihm zu gehen. Natalie +bat ihn, noch zu bleiben, aber er schttelte den Kopf. + +Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen, sagte sie; wenn Sie +heute keine Zeit haben, kommen Sie nchsten Donnerstag um fnf Uhr. + +Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wre nun +am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der +stille Mann fing an, ihm zu gefallen. + +Was machen Sie eigentlich in Wien? fragte Hanka auf der Strae. + +Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie, +Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander. + +Hanka machte groe Augen. Um Himmelswillen, sagte er, das ist doch +eine Donquichoterie. + +Was heit das? + +Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen +Windmhlen zu kmpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. brigens, +ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Er sah Arnold verstohlen von der +Seite an und wute nicht, ob er ihn nrrisch oder bewundernswert finden +sollte. + +Arnold verdro jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt +war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nchsten +Straenecke verabschiedete er sich daher kurz und brsk. + +Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl +und blickte regungslos an die Decke. + +Schlfst du, Beate? fragte Hanka vterlich. + +Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Fen unter dem Kleid +strampelnd: Ich langweile mich, ich langweile mich. + +Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte ghnend die Arme und +hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlssigen Umarmung. Auf den +ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete +sie sich um und sa bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite +im Wagen. Er sollte ihr erzhlen, und berichtete von Natalie. Whrend er +umstndlich und etwas grbelnd seine Gedanken ausdrckte, verschlang +Beate mit den Blicken die Leute der Strae und bemerkte nicht, da Hanka +mit spttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig, +sagte er sich, legte ein Bein ber das andere und blies den Rauch seiner +Zigarre mit der Vershnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische +Frhlingsluft. Beate schmiegte sich nher an ihn, als lge ihr daran, +sich dankbar zu erweisen und sann in unergrndlicher Schlauheit nach +Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war +formlos, denn sie hatte mehr Wnsche als Gedanken. Alle Wege ihrer +Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht +selbst im Schlaf berzogen. Um Beschftigung zu haben, spann sie Rnke +gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen, +erzhlte sie erfundene Trume, streute sie Verleumdungen ber Personen +aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, da sie im +Gartenhuschen eine Katze an den Beinen aufgehngt hatte. Hanka machte +ihr Vorwrfe. Whrend er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte +sie ihn und bi ihn ins Ohr. Hanka ri die Augen auf, ertappte ihren von +Ungeduld, ja von Ha glhenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie +wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos +bltterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag +ihr fern. Ihr war alles in solcher Nhe, da ihr Geist nicht zum +Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich +sehen. + +Hanka freilich fhlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht +mglich. Glcklich sein hie fr ihn, unabhngig sein und jeden Zustand +des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu knnen. Da er so nach +Sicherheit im Innern strebte, gab er nach auen Verllichkeit, eine +Eigenschaft, worauf die Unverllichsten am meisten bauen und die sie am +schnellsten entdecken. + +In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische +Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann +sttzte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien +ihm so fremd in seinem Schlaf, da er einen leichten Schrecken +versprte. Die krampfhaft verschlossenen Lider lieen die dunkeln +Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewlbte Stirn war +feucht, die weien Schlfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen +bewegten sich in unhrbaren Worten, welche vielleicht den Zgen ihren +verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berhrte ihre Schulter, +um sie von dem qulenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und +hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn +prete und ihren Krper fest an ihn schmiegte. Ach Alexander, +flsterte sie mit gebrochener Stimme, du mut mir etwas kaufen. Willst +du? + +Sie wnschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier +gesehen. Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst, +sagte sie. + +Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit +entstand in ihm. Grnde der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, +aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte +Prfung ihrer harrte. Dennoch schlo er Beate in alle Betrachtungen als +das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, +das sich ihm aufbewahrt. Da er selbst es gewesen, der in einer Handlung +von dunkler Kraft schon so frhe ihre Zukunft mit der seinen verknpft, +das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals. + + + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel + + +Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl +und Pottgieer bei Anna Borromeo. + +Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Brsen-Agent +war drauen, der sie zu sprechen wnschte. Pottgieer sprach von einer +groen Gesellschaft, die demnchst in seinem Hause stattfinden sollte +und lud Arnold ein. + +Anna Borromeo kam zurck. Sie war sehr bleich, sagte aber mit +heuchlerischer Lebhaftigkeit: Ich hre eben, da es im Parlament morgen +eine Interpellation ber den Fall Elasser gibt. Das ist doch was fr +dich, Arnold. + +Ich wei es, erwiderte Arnold. Ich habe den Abgeordneten unseres +Bezirks dazu veranlat. + +Hyrtl und Pottgieer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an. + +Da knnen Sie einen netten Skandal erleben, bemerkte Pottgieer, indem +sich sein Gesicht verfinsterte. Wozu mischen Sie sich eigentlich da +hinein? wandte er sich an Arnold. Die Juden sollen ihre Geschfte +selber austragen. + +Sie sind doch auch ein Jude, entgegnete Arnold verwundert und ma ihn +von oben bis unten. Gestern erst hat mir's jemand erzhlt, zufllig. + +Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die +Lippen. + +Ich _war_ ein Jude, versetzte Pottgieer scharf, und ich hatte +innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das. Er lachte +halb spttisch, halb verlegen. + +Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in +der Nhe der Tre stand, drckte ihm Hyrtl mit befremdlicher +Herzlichkeit die Hand und sagte: Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde +zu mir. Ich langweile mich so. Nichts konnte ehrlicher klingen als +diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn gro an und lchelte +freundschaftlich. Er versprach, zu kommen. + +Er erwartete mit Ungeduld den nchsten Morgen. Als er im Zuhrerraum des +Parlaments sa, war es unten noch leer. Langsam fllten sich die Reihen, +auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der +Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schnheit des +Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den +Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese +Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des +Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geisteserttung, des +belwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses +verzerrt. Indessen begngte sich Arnold mit dem Bewutsein, da sich die +Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, +das seine Richter und Vter kennen zu lernen wnschte; es sei also +besser zu hren, als zu sehen und ntzlicher zu warten als zu urteilen. +Erst mu man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der +Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam +wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald +nmlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betubender Lrm, +der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, +gestikulierten und brllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu +lachen und zu brllen, stiegen auf die Bnke und schmhten gegen die +Juden und dergleichen. Die Parteignger gaben ihre Sache natrlich nicht +auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer +zu Wort; er redete aber schlecht, stie mit der Zunge an und ging um die +eigentliche Sache feig herum. Niemand kmmerte sich um das, was er +sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewsch erhob sich johlendes +Gelchter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern +und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so da ein richtiges +Wort gar nicht mehr herausdrang. + +Pltzlich lutete der Prsident, verkndigte den Schlu der Debatte, +und es wurde von etwas anderm gesprochen. + +Arnold schaute sich um, als ob er trume. Er hatte Lust, +hinunterzuschreien und erhob unwillkrlich die Faust. Das ist ja +heillos, was die da treiben, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem +ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn hhnisch anstarrte. + +Er sprang auf, verlie die Tribne, lief durch Treppen und Gnge +hinunter, kam in eine prchtige, mit Sulen geschmckte Halle, wo +pltzlich ein junger, gewhlt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit +gestreckten Hnden und dem Ausdruck hchster berraschung Arnold! +rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne +waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, da er leer nachdenkend in +das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Klte +unangenehm berhrt, lie sich aber nichts merken, stellte Fragen ber +Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll +Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein +Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Strae +dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung. + +Er sa zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo +rufen lie. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein +weies, loses Gewand, welches ber die Fe hinweg seitlich zur Erde +fiel. Den Kopf hatte sie hintbergesenkt und die Augen geschlossen. +Langsam ffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit +dem Arm, nher zu kommen. Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold, +begann sie mit ruhiger Stimme. Willst du mir aus einer groen +Verlegenheit helfen? Sie sttzte sich auf den Ellbogen, hob sich empor +und sah ihn erwartungsvoll an. + +Was ist es? fragte Arnold. + +Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich +aufrecht mit untergeschlagenen Armen. Ich brauche nicht allein einen +Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer, sagte sie. Nun das +bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du +nicht Platz? + +Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. Erst mu ich +wissen, was es ist, sagte er khl. + +Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch, sagte die Frau und sah ihm +starr in die Augen. + +Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel, rief er aus. So viel +hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht. + +Ich habe eine drckende Brsenschuld. Ich habe unglcklich spekuliert. +Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natrlich kein +Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir's zurckgeben. + +Ah so! sagte Arnold. + +In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand, fuhr Anna fort. +Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschrnkten Armen, auf und +ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weie +Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob +er sich, trat zum Tisch, ri ein Blatt aus dem Anweisungsbuch fr die +Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb. + +Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem +Zimmer angelangt, ffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf +einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft. + + + + +Achtundzwanzigstes Kapitel + + +Von den Bchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschftigte, machten +die juristischen einen groen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und +Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht +und von einer glatten Strae sah er sich bisweilen in eine Wildnis +verschlagen. Er erkannte dann stets, da es gefhrlich sei, den Weg +fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse +Ermdung verknpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern +Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im +fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmhlich wurde es ihm schwer, die +Ordnung zu bewahren, nach auen und nach innen. Er wute nicht, ob das +Leere wirklich leer sei und das Unverstndliche nur ihm allein +unverstndlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, +um mit Geringschtzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu +vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in +dunklen Nchten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben +scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so +geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien +leicht, das Leichte unberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schlo er +vorlufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, da keine +fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte. + +Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das +Farbig-Tuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mitrauen, auch +wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr +ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu wrdigen +vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen +abfragte. + +Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu +pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun +in kalter Nhe und Trockenheit. Was Geschwtz und Schiefheit war, mute +abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lge, Hader und Tuschung; +oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Gterverteilung. Eine +Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er +wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur +Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden. +Pforten, denen Licht entstrahlte, ffneten sich, durch eine Formel +gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre +natrliche Lage zurckkehrt, so erschlaffte weder, noch berspannte sich +sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er berschtzte das Licht; er +berschtzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, +der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach auen verwendet. + +Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei +Pottgieer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der +Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts. + +Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfltig +rasiert und frisiert, lchelnd und liebenswrdig. Er schilderte alsbald +das Leben, das er jetzt fhrte, und mit innerer Unsicherheit versuchte +er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang +zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trgt, kann er +nicht gut verbergen, da seine Hand von der berquellenden Flssigkeit +benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst, +weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen +Schullehrer geworden sei, der so groen Jammer mit dem Elend des Volkes +empfunden hatte. + +Sie scheinen viel zu lesen, bemerkte Specht, auf die zahlreichen +Bcher blickend, die auf dem Tisch lagen. brigens kann ich Ihnen einen +Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch +leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft. + +Arnold schttelte den Kopf. Ich brauch' das nicht, erwiderte er +abwehrend. Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les' ich nicht. +In den Romanen erbleichen die Leute zu oft. + +Specht meckerte. Kstlich, sagte er. + +Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung? fragte Arnold. + +O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich +sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, +von denen ich mir frher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe +trumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Grostadt. + +Ja, das haben Sie immer behauptet. + +Und finden Sie das nicht? + +Es ist mir zu viel, vorlufig. Ich mu mich erst hineinleben. + +Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergngen ins andere. Kostet +aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, +Arnold! Er schnalzte mit der Zunge. Ich brauchte nur einen reichen +Verwandten oder Freund, fuhr er fort, und ich wrde es bis zum +Minister bringen. + +Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold. + +Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; +er habe was auf dem Herzen, fgte er hastig hinzu. + +Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Strae in einen eleganten +Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem mu +es gut gehen. + +Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold +am Pottgieerschen Abend teilnehmen wrde. Arnold bejahte. Dieser Abend +stellte sich ihm nicht als Vergngen dar, sondern er betrachtete ihn +ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben. + +Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer +seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fuspitzen. Anna +sa lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Frulein kmmte ihr +das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen. + +Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich? fragte Frau Borromeo sanft. +Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh, wandte sie sich an das Frulein +und klopfte ungeduldig mit dem Fu auf den Boden. + +Ich wollte dich nur verstndigen, Anna, da es mir unmglich ist, zu +Pottgieer zu gehen, sagte der Doktor. + +Berufspflichten? spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdru +zu zeigen. Dann wird mir nichts brig bleiben als ohne dich zu gehen, +fgte sie kalt hinzu. + +Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er +stand wie ein untertniger Auftragnehmer an der Tre. + +Dein Neffe wird mich fhren, denke ich, sagte Anna stirnrunzelnd. + +Der Doktor bejahte. + +Er zeigt berhaupt glnzende Talente zum Gesellschaftsmenschen, fuhr +sie fort. Ich mu gestehen, da ich nach deiner Schilderung etwas +anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstrmer erwartet und sehe +nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen +versteht. + +Das Frisierfrulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann +langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. Ich habe +keinerlei Verantwortung dafr bernommen, bis zu welchem Grade du dich +an Arnold amsieren kannst, sagte er endlich. Wenn du an ihm nicht +mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen +Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbrmlicher, als wenn wir auf +etwas herunterzublicken glauben, was hoch ber uns steht. + +Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verstndig genug, um einzusehen, +da sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war +anteilvoller, als sie rasch erwiderte: Ganz gut; nehmen wir an, er ist +das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so +erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere +Kreise versetzt wird, mte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht +den Eindruck, als ob ihn alles kalt liee. Er lchelt und schaut und +schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen. +Warum hre ich nichts von ihm, was mir Aufschlu gibt? Warum tut er +nichts, was mir imponiert? + +Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren bla, der +Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu +leugnen. Sie hate, weil sie zu lieben sich frchtete. + +Lassen wir es, sagte Borromeo verdrielich und wehrte mit der Hand ab. + +Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenber angenommen, sagte Anna. +Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem ber den Kopf wchst. + +Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. Du hast recht, begann er +sachlich, aber wrde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen wrde, +worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von +nicht so hoher Bedeutung wrde das tun, was du von Arnold erwartest. Er +wrde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose +Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu +erwarten, was die Natur in ihm erschafft -- + +Er hielt inne, als er das unglubige Lcheln Annas bemerkte, schob mit +einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verlie das +Zimmer. + +Anna Borromeo lutete dem Zimmermdchen, welches ber eine Stunde um sie +beschftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam +auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten. + +Das Haus, welches Pottgieer bewohnte, war eine Sehenswrdigkeit. +Marmorbelegte Fluren fhrten zu den Empfangsrumen. Die Sle waren so +hochgebaut und luftvoll, da auch die gedrngteste Versammlung ihnen +nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstnde, +Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Flle. + +Arnold gewahrte Natalie und begrte sie. Sie war in hellgrnem +Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war +bezaubernd, sie lcheln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und +bewundere. Whrend sie an Arnolds Seite ging, grte sie die Grenden, +schelmisch beschmt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, +jedermanns Erlebnisse wute sie zu erzhlen. Da war eine junge Frau, +sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es fr +unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde +der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten +und im vierten auch nicht. Groer Familienrat; aber der Storch ist +beleidigt und der Sprling hlt es jetzt nicht mehr fr vornehm, +geboren zu werden. + +Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzhlung. + +Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, -- ist es nicht +unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster +gestrzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden. +Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbrtige und vollbackige +Herr hat groe Unterschlagungen verbt und nur seine herzlichen +Beziehungen zur Grfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschtzt. +Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu, flsterte Natalie, und +Vergngen und Wohlwollen frbte ihr Gesicht. Sie naschen von jedem +Tisch und sind berall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen +erzhlen. Es ist sehr hbsch hier, nicht wahr? So plauderte Natalie. + +Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie +mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, da sie sich gttlich unterhalte. +Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und +Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich +selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoen; sie +geno mit, wo sie sich schwchlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht +einmal entbehren zu knnen, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so da +sie nur die Lippen ffnen brauchte. + +Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, sa auch bei Tisch neben ihr. +Eine merkwrdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz +bestand, die Dinge von der gnstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah +Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, da +sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schnheit, +sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge +biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fhlte sich ber seine +Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte +Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefhl, mit so +vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck +gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, +und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander +gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreien +war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern bertnt werden +mute. + + + + +Neunundzwanzigstes Kapitel + + +Natalies halb entblte Brust, ihre entblten Schultern zogen seinen +Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen +fr eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik. + +Petra ist kopfhngerisch, sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstck +auf ihrem Teller. Soll ich Ihnen etwas anvertrauen? Doch sofort wandte +sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten. + +Arnold sah zwischen zwei Blumenbschen ein sehr schnes Frauengesicht. +Er schaute unbeweglich lchelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in +ihm. Was wollen Sie mir anvertrauen? fragte er Natalie. Natalie drehte +sich wieder zu ihm. Richtig, sagte sie leise und mit einer heiteren +Wendung des Kopfes. Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen +Sie darber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht +mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube? sagte sie dann in +verndertem Ton. Ich glaube, da nicht leicht zwei Menschen so gut +geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide. + +Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches +umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte +unbekmmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, +die ihm sonst keineswegs eigen war: Freundschaft mu man sich +erwerben. + +Natalie zuckte unter seiner Berhrung zusammen. Dann lachte sie und +antwortete: Es gehrt auch Talent zur Freundschaft. Man mu Opfer +bringen knnen. Welches Opfer knnten Sie mir zum Beispiel bringen? Und +da er etwas verblfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: +Wrden Sie mir die Hlfte Ihres Vermgens schenken? Nein? Oder +hunderttausend Gulden? Nein? Oder fnftausend? Sie sehen, ich lasse mit +mir handeln. Ach, schlo sie wehleidig, was hngt alles am Gelde! Wenn +Sie ahnten, was ich fr Kummer habe, lieber Freund. + +Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man mu deutlicher mit ihm sein, +dachte sie; er ist einfltig wie eine Kchin. Wahrhaftig, mit ein paar +tausend Gulden wre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck +nicht wieder zu versetzen. + +Ach, ich bin so froh gelaunt heute, rief Natalie laut, indem sie sich +ein wenig dehnte, ich knnte die ganze Welt kssen. + +Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als +wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprgen. Sie sind wie ein Kind, +sagte er. In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern +aber ... + +Was? Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil ber sie selbst, auch das +vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. Nun, +und in der andern? + +Etwas Giftiges. + +Man hrte die Stimme des Doktor Bernay: Gebt uns reinen Boden, Luft, +Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen. + +Alle erhoben sich. Der alte Rousseau-Schwindel, sagte ein Herr mit +langen, weien Haaren. + +Bernay trat vor den wrdigen Herrn; Rousseau! Was fr ein +Miverstndnis! rief er. Wir wollen die Rasse erneuern. Kein +phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Mnner. Immer hrt man von der +Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Mnnerfrage +zu reden. + +Ein verdrieliches Schweigen entstand. Gleichgltig wandte Arnold der +Gruppe den Rcken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. +Von allen Seiten hrte er nichts weiter als Geschwtz. + +Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgieer in Spalato +gekauft hat? hrte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann +sagen. Fabelhaft? was? + +Halten Sie sie fr echt? antwortete der zweite. + +Pottgieer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat +sechzehntausend Gulden gekostet, der Spa. + +Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehrt, wie Hyrtl von diesem +Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies +wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis auf den Zahn zu +fhlen, wie er sich ausdrckte, denn was sich nicht unter seine +Begriffe von Welt und Leben bringen lie, das beklffte er in aller +Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus ber Aktien, +Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzhlte schlielich Geschichten +eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhrte, je abenteuerlicher +wurden die Vorflle und je hher stieg er in Osterburgs Achtung. + +Pottgieer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. +Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte +sich neben den Flgel, als die ersten Takte ertnten. Zuerst beobachtete +er nur die Finger der Spielerin, dann lie er einen prfenden, immer +mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dmmeriges, Verblasenes ging +von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele +dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschfte und +Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen +eines eiferschtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag +eine sliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lcheln, in den +Augen schwle Trumerei und ein ungesunder Glanz. + +Whrend die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stck begann, +verlie Arnold das Musikzimmer. Er berschritt einen gepflasterten +Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein +junges Mdchen in friedlichem Gesprch. Er ging weiter und kam alsbald +in ein kleines, rondellfrmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde +die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen +stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschpf aus einer +Mrchenwelt vor sich zu sehen, mrchenhaft belebt, in mrchenhafter +Nacktheit. Aber als er sich berzeugt hatte, da es ein Stein war, der +in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein khles +Befremden. Unwillkrlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken +Arm der Statue nach, die gttlich-kalte und ungerhrte Neigung des +Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde +geklrt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten +und erst das Werk zum Wirkenden werden lieen. Das ist schn, dachte +Arnold, das gefllt mir. + +Er kehrte zur Gesellschaft zurck. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, +hatte ihn gesucht. Schweigend sa er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich +vor und drckte beide Hnde an die Augen. + +Hte dich vor dieser Natalie, sagte sie pltzlich. Es ist kein wahrer +Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen. + +Sie ist nicht schlechter als andere, gab Arnold khl zurck. Ihr seid +alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen. + +Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit +forschend ins Gesicht. + + + + +Dreiigstes Kapitel + + +Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen +ersten Wirkungskreis erffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes +geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente +durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte +ungefhr fnfhundert. Dabei wurden seine Bedrfnisse mit jeder Woche +grer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreien, in welchem er +verstrickt war, tglich geringer. Er geriet in schwierige Verhltnisse +und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er +den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. +Abenteuerlichkeiten aller Art muten vorhalten, um ein im Grunde +erbrmliches Dasein fortzufhren. + +Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit +und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses +Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein +jetziges Leben fr alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit +bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen +gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, +hatten ihn die berlegungen der dazwischen liegenden Tage gestrkt, und +er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden +als Darlehen. + +Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er go ein Glas Wasser aus +der Karaffe, ohne jedoch zu trinken. + +Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht. + +Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. Es ist ein +Freundschaftsdienst, sagte er lchelnd. + +Arnold nickte. Ich habe nicht so viel zu Hause, erwiderte er. Morgen +will ich es Ihnen schicken. Er betrachtete das Gesicht Spechts und es +erschien ihm neu und fremd, vllig verndert gegen frher. Wangen und +Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behbiger, trotzdem die modische +Kleidung ungnstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus +Podolin mit dem geschmeidigen, wnschevollen, verstrten, khlen und +trunkenen Mann verglich, der vor ihm sa, suchte er nach den Ursachen +einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Krfte schienen +zerstrt in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an +einem Tanz teilnimmt, teilnehmen mu, und der mit allen Zeichen der +Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht wei, was +mit ihm vorgeht. + +Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der +Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum +erstenmal bei einem Shakespeareschen Stck gewesen und hatte einen +tiefen Eindruck gewonnen. + +Es wurde ein neues Stck aufgefhrt, welches in andern Stdten schon +groen Beifall erlangt hatte. Specht sa als berlegener Mann da. Die +zwei ersten Akte waren vorber, und brausendes Hndeklatschen begann. +Ein glnzendes Stck, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grte +einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold +auf, ihn zu begleiten, und sie schritten drauen im teppichbelegten +Wandelgang auf und ab. Wie gefllt es Ihnen? fragte Specht etwas +gnnerhaft. + +Ich finde es vollkommen sinnlos, erwiderte Arnold. + +Sind Sie toll? rief Maxim Specht verdutzt. + +Mu er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch +zugrunde geht? fuhr Arnold unbeirrt fort. Oder vielmehr, warum geht er +durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht +wahr, ist lauter verlogenes Zeug. + +Aber begreifen Sie denn nicht, entgegnete Specht ironisch und +nachsichtig, der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine +ideale Liebe zugrunde gehen mu, wenn einmal das Innere seiner Seele +krank oder angefault ist. + +Gewi versteh ich das, sagte Arnold ruhig. Aber an einem solchen +Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heit denn das +zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert? + +Spechts Gesicht wurde immer lnger. Der Mann ist gar nicht so dumm, +schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Pltze +zurckzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentre traten und die +vier, einander betrachtend, sich gegenberstanden. Beate verlor nur eine +Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen +Mnnern die Hand. Specht lie kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid, +welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern, +Arme und die Wlbung der Brste freilie. Gelangweilt vorbeischleichende +Mnner hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu +freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu +Wand, von Gesicht zu Gesicht. + +Mich langweilt dieses schlechte Stck, sagte Hanka humoristisch +gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen +und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater. + +Wir mssen uns sputen, es fngt an, drngte Beate. Weit du was, +Alexander, rief sie pltzlich, wir wollen vor unserer Abreise noch +einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns +essen ... + +Sehr gut; aber Sie knnen auch sonst einmal zu einem Plauderstndchen +kommen, sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt. + +Arnold nickte. Er fhlte auf einmal eine groe Zuneigung zu Hanka. + +Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Hhle verschwunden. +Specht blickte auf die Tr, durch die Beate gegangen war. Haben Sie die +Schultern gesehen? murmelte er Arnold zu; und das Gesicht? Sie sieht +aus wie eine Prinzessin. + +Noch ein letzter Gast kam aus einem der Auenrume, Hyrtl. Specht +stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, da alle drei nach dem +Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten. + + + + +Einunddreiigstes Kapitel + + +Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der +Stadt kannte und ihm die Erzhlung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch +widerwillig, so doch ohne Entstellung, besttigt worden war, hatte er +nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das +Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher +Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anla, Arnold vor +andern zu erheben, und was er wute, andern mitzuteilen, verschnt durch +edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl +schmckte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie +anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will +sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten. + +Als der Diener die Tr von Hyrtls Wohnung ffnete, sprang ein kleiner +gelber Hund zur Begrung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle +Arten und Gren von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen +standen in roten, grnen, blauen und gelben Flschchen Essenzen und +Wohlgerche, auf dem Schreibtisch lagen in gewhlter Ordentlichkeit +Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhngsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus +allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und +Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bcherkasten gegenber stand +eine kleine, uralte Zimmerorgel. + +In Hyrtls blassen Zgen zitterte schon jetzt die Angst, da die Gste +ihn zu frh verlassen knnten, denn wie sehr frchtete er die einsamen +Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berckendes +und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde +vorrckte. Hilfsbedrftig klammerte er sich an jedes Lcheln seiner +Gste. + +Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen +Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er +spielte eine choralhnliche Folge von Akkorden. + +Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: Ich +mchte Sie nchstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer +russischen Studentin. + +Aus welchem Grund? + +Ihr beide wrdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal +Freude, Menschen zueinander zu fhren, Schicksale zu erzeugen. + +Die reine Alchimisterei, spottete Specht. + +Nein wirklich, beharrte Hyrtl, Verena Hoffmann wrde Ihnen gefallen. + +Verena Hoffmann? rief Specht. Die kenn' ich ja. Lebt die nicht mit +einem gewissen Tetzner? + +Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhltnis. + +Specht lachte. Hat sie's Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was +heit denn das? Soll brigens sehr reich sein, dieser Tetzner. + +Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist. +Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd' ich Sie morgen mit dem Wagen +abholen und wir fahren zu Verena. + +Arnold nickte. + +Gehen Sie schon? fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt +machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fgte er +hinzu: Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmrder zur Gesellschaft +haben als allein sein. + +Warum arbeiten Sie nicht? fragte Arnold hart. + +Hyrtl zuckte die Achseln. Ich kann nichts, antwortete er. Ich war +Kaufmann, aber ich htte ebensogut Strmpfe stopfen knnen. Ich wrde ja +nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir +genug hinterlassen, da ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, +in Gemtsruhe erledige. + +Was heit das? + +Das heit, da ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput. + +Als seine Gste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen +trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben +tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den +einen Ruf zusammenklang: wir knnen dir nicht helfen. Er griff zu +medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen +Lexika, zu alten Zeitungen; schlielich ffnete er ein Fach seines +Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine +Art Tagebuch, das die oberflchlichen Dienste eines Spiegels verrichtete +und einen Widerklang der eitlen, leeren, rmlichen und empfindsamen +Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von +Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen +Freunden und hielt es geheim. Das Schlo, hinter dem es lag, zeigte +dreifachen Verschlu und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen +Feder nach. + +Hyrtls Gesicht war md und welk geworden. Er kleidete sich aus, wlzte +sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als +das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf. + + + + +Verena + + +Zweiunddreiigstes Kapitel + + +Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena +Hoffmanns gefahren. Das Frulein hatte sie ziemlich khl empfangen und +Arnold merkte gleich, da es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl +gerhmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und +beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder. + +Durch einen scheinbar unerklrlichen Ansto begann Arnold sich pltzlich +abzuschlieen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugnglich fr +jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr +teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst +oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des +Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die +seinen Geist in unaufhrliche Beschftigung versetzten und den Stunden +der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mhe? dachte er +bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vgel am Horizont flogen, -- +wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung +eines Freundes zu genieen. + +Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu +versprechen schien und deren Widerhall nicht erlschen wollte. + +Eines Nachmittags entschlo er sich pltzlich, Verena Hoffmann +aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstr stand, zgerte er eine Weile, +bevor er auf den elektrischen Knopf drckte. Als es lutete, hatte er +das Gefhl, ber seine Zukunft entschieden zu haben. + +Verena selbst ffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hie +ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich groes Zimmer; es schien +ihm, als she er es zum erstenmal. berall lagen Bcher umher, an den +Wnden, auf dem Tisch, auf Bett und Sthlen und auf dem Boden. In einem +Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein +kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine +Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte, +Flaschen, zwei Krautkpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all +dieses mit Verwunderung und mute schlielich lcheln. Das junge Mdchen +schaute halb gespannt, halb verdrielich in sein Gesicht, das auf sie +einen Eindruck von Vierschrtigkeit und Hausbackenheit machte. Womit +kann ich dienen? fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und +etwas auslndischer Betonung. + +Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen, +antwortete Arnold unbefangen. Ich heie Ansorge, Arnold Ansorge. + +Verena machte groe Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu +belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und +setzte sich ebenfalls. + +Ich dachte mir gleich, begann Arnold zutraulich, da Sie fragen +wrden, warum ich kme und da ich nicht antworten knnte. Ich will +einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, da wir schon lange bekannt +wren und da Sie mich heute erwartet htten. + +Das junge Mdchen wendete mechanisch die Bltter eines Buches um, das +auf dem Tisch lag. Wenn ich Ihnen jetzt antworten wrde, wie Sie es +wnschen, sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch +geneigt war, dann wrde ich Sie belgen. Ich wei nicht, was Sie gerade +hierher treibt; vielleicht ein Straeninteresse. Ich habe wenig Zeit, +sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir ntzt, kann ich in +mein Leben aufnehmen. + +Arnolds Gesicht rtete sich. Da fhren Sie aber ein trauriges Leben, +entgegnete er schnell. + +Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde +gegen die berall verstreuten Bcher. Sie schien nicht aufgelegt, sich +in Errterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem +Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berhrte zerstreut einige +Gegenstnde mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den +Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen. + +Was studieren Sie eigentlich? fragte Arnold. + +Medizin. + +Medizin, wiederholte er. Ja, das ist etwas Festes, danach kann man +greifen. Er machte eine Bewegung, als nhme er die ganze Medizin in die +Hand. Da gibt es Arbeit, fuhr er fort, man wei, wo man anfangen und +aufhren soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck. + +Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, nderte sich der Ausdruck von +Verenas Gesicht. Das allein gengt nicht, antwortete sie mit Wrme. +Die Arbeit gengt nicht und das Ziel gengt nicht. Was ist Arbeit ohne +innere Freude und Ziel ohne Persnlichkeit! Darum handelt sich's. + +Das Gerusch eines auf den Steinflieen der Treppe Schlrfenden wurde +hrbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit +Seufzen und Schnauben, dann klopfte es drauen und Verena ging, um zu +ffnen. + +Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: Herr +Tetzner, Herr Ansorge. + +Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und +auerordentlich groe Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken +Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen +schwollen frmlich aus dem Bart heraus, der in der Dmmerbeleuchtung +schier eine kanariengelbe Farbe zeigte. + +Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an +und lachte gutmtig. + +Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand +und sagte mit freundlich-ernstem Lcheln: Ich hoffe, Sie +wiederzusehen. In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches. + + + + +Dreiunddreiigstes Kapitel + + +Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Ttigkeit, deren +bloe Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft +bemht gewesen war. Er begriff endlich, da die Flle ihn verwirrt, die +Vielfltigkeit zerstreut hatte, und er beschlo, dem nchsten, praktisch +ausnutzbaren Ziel zuzusteuern. + +Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien. + +Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fcher, deren Kenntnis +zur Abiturialprfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu +erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen muten. In der +Universitt wies man ihn da- und dorthin. Schlielich nahm er einen +Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er +hatte nennen hren. Der Mann war mrrisch und kalt. Doch Arnolds +bestimmtes Auftreten und Fragen schchterten ihn ein; er gab Auskunft +wie ein aus dem Schlaf geweckter Schler. Arnold notierte; seine heitere +Liebenswrdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn fr den +Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache +keinen fett, der Andrang sei gro und die Brste der Alma mater seien +schlaff geworden. Arnold verstand den Schmlenden nicht. Ich bin nicht +hungrig, sagte er kurz, dankte und entfernte sich. + +Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und +Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln +in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine +Adresse beim Pedell der Universitt. Am nchsten Morgen schon ging es +treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Mnner mit leidenden und +dstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur +Schau, eine Unterwrfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds +pate. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war +die groe Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn +oder fnfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mhe, ihre +Eifersucht und Vordringlichkeit zu zhmen. Jeder wollte der erste sein, +und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern +verdrngen zu knnen, sondern durch die grere Niedrigkeit des Preises +seiner Dienste. Von Einem zum Nchsten wurde Arnold unentschlossener. +Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stie ihn wieder ein gewisser +dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Zge vor +ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder +troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumstnden, ihrer +Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschft als +abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getuscht wurden, +das ihm frivol erschien. Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu +treiben, meinte einer hhnisch, dafr bleibt mir Zeit, wenn andere bei +der Tafel sitzen. Arnold schwieg, berlegte, dann sagte er, da er eben +jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstnde, und das mu ihm +ebenso natrlich sein, wie mir, zu fragen. + +Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der +keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die +brigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein +ungesundes Mitleid einzubohren und betrbende Verhltnisse entweder als +etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr +zu verwirren. Ihm war es klar geworden, da eine geregelte Ttigkeit, +die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrhte Tat. + +Er beschlo sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine +geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die +schnste Mue; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in +Prozeangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein +zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er +begngte sich mit dem kleinen Himmelsstck zwischen den Dchern und mit +den kurzen Vogelschreien, die ber die Strae hallten. + +Verena Hoffmann antwortete ihm unverzglich, sie wisse einen geeigneten +Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn +Hyrtl zusammen gewesen, fgte sie hinzu; er erzhlte mir, da die Rede +darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine +Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch mchte ich +Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es +Geschwtz sein, so htte ich den Mann unterschtzt, der so etwas fr +ein kurzes Gesprch erfindet. Die Schrift war fein und rundlich, genau +wie Verenas Hals und Hnde. + +Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was knnte +Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da +hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. +Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die +Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstckchen und +sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufri: Gott sei Dank, da +Sie zu Hause sind. Ich wre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen +htte. Sie mssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an +Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao +gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es +ging ziemlich hoch. Bis heute abend mu ich -- Sie begreifen, Arnold, -- +meine Ehre -- Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes +Gesicht lie ihn nicht das Beste hoffen. + +Arnold schttelte den Kopf. Nein, lieber Specht, sagte er, nein. + +Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen +Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. Sie wollen grausam +sein, Liebster, flsterte er mit gezwungenem Lcheln und einem Versuch, +liebenswrdig-beredt zu erscheinen, aber man straft sich selbst, wenn +man seine Freunde verlt. Sie sind reich genug, um dieses Smmchen +durch die Finger zu blasen, ich aber --, er wollte nach der Uhr sehen, +zog aber die Hand zurck -- wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur +noch eine Pistole kaufen. Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen +und fuhr damit um den Hals. + +Das sind nichtswrdige Dinge, die Sie da vorbringen, antwortete +Arnold. Es ist so wenig Verstand darin, da ich gar nicht anfangen mag, +Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr +verspielen, als man hat. Das wre nicht ehrenhaft und knnte keine +Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht +Geld an Ihre Stiefelsohlen hngen, damit es auf der Strae liegt. Ich +glaube nmlich, mit Geld mu man Edles beginnen, damit es edel wird. + +Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den +Reformator, klagte Specht mit einer mden Kopfbewegung, whrend seine +Augen halb gehssig, halb verzweifelt blitzten. Ich mu nun doch fr +das Geschehene einstehen. Theorien sind gut fr das Kommende. Sie sollen +mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis +meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefat, ich werde auch Frchte +tragen. + +Arnold schmte sich fr Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese +Reden mit Verachtung auf. Ein spttisches Lcheln lag um Spechts Lippen, +offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und +nicht gar zu mrbe zu erscheinen. + +Gut, sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch +nachdenklichen Miene, ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf +mich rechnen, mu ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will +Ihnen also das Geld geben. + +Spechts Gesicht wurde erst glhend rot, dann bla. Sind Sie nicht ein +wenig ungerecht gegen mich? fragte er mit einem fast sichtbaren +Aufatmen der Erleichterung. Htten wir nicht Grund und Fhigkeit genug, +uns gegenseitig anzuschlieen, statt uns abzuwetzen? Wo Sigkeit sein +sollte, ist immer Schrfe. Aufstehend und sich verabschiedend, fgte er +hinzu: Wir beide sind bermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas +reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns drauen +sehen. + +Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand +in der frhesten Frhe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine +wunderbare Unermdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer tglich +frische Klarheit ber das Notwendige erwirbt, mu tglich ber seine +frischen Krfte verfgen. + +Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war +er um die nchste Straenecke gebogen, so sah er vor sich eine groe +Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein +umgestrztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Pltzlich gewahrte er in einem +der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der +Abendrte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des +Wagens zurckgeschoben. Mit aufgeregter Neugier sphte sie nach dem +Hindernis, und Arnold war sehr berrascht, als er an ihrer Seite nicht +Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, nher +hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder ber das Fenster. + + + + +Vierunddreiigstes Kapitel + + +Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs +Herz. + +Ihm wre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so +vertraut beisammen zu sehen, htte er nicht gewut, wie die beiden +auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mute +stehen bleiben, um seine berlegungen zu sammeln. Hankas trockene und +gerade Art wurde ihm gegenwrtig, ebenso wie Beates schlpfriges Wesen. +Er fand sich aufs wunderlichste fr eine Sache verantwortlich, die ihn +mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschftigte; mit schmerzlichem Zorn +dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen +Leben keine Wahrheit flo. Wie er sich auch stellen mochte, nichts +konnte ihn seiner Unruhe entreien. Die Furcht des Irrtums lie ihm +seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschlo irgendwie zu +handeln. + +Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn +bat, er mge gleich zu ihr kommen, sie wnsche ihn dringend zu sprechen. + +Er ging hin. + +Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschftigt. Wir +ziehen morgen aufs Land, sagte sie und sah sich mit lachender +Verzweiflung nach einem Stuhl um; berall lagen Kleider und Wsche. Es +ist schon ein wenig spt im Jahr, aber ich freu' mich riesig auf Wlder, +Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber +jedenfalls reisen, denk' ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? +Das wre mrchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die +Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem +Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, da du dich +bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die +Vter so klug wren wie ihre Kinder, wrden sie keine haben. + +Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen. + +Natalie erblate, griff sich an die Stirn und murmelte: Ach so! +richtig! Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit +tragischer Betonung: Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund? + +Arnold blickte sie mitrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu +schluchzen. Arnold rhrte sich nicht. Eine schne Geschichte, dachte er +und runzelte die Stirn. + +Nein, ich kann nicht, ich kann nicht, sthnte Natalie, schlug die Hand +vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold. + +Also was ist denn los? fuhr Arnold rgerlich heraus. + +Ich kann nicht, wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber +sogleich fort: Es handelt sich um eine Brgschaft, lieber Freund. Mein +Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen +morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. +Nchste Woche erwartet Osterburg groe Summen aus Amerika. Helfen Sie +mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwre Ihnen beim Leben meiner +Kinder, da Sie alles zurckerhalten sollen. Zeigen Sie mir, da ich +einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglcklich! Und +sie schluchzte weiter. + +Herrgott, dachte Arnold, fr die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er +war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm +sinnlos und widerwrtig. + +Ich werde Ihnen morgen frh eine Anweisung schicken, sagte er kalt. +Aber schwren Sie nicht solche dumme Schwre. + +Es fehlte nicht viel, und Natalie htte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich +nicht daran geglaubt und vergo nun echte Trnen. Dennoch bereute sie, +da sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte. + +Ihre verworrenen und berschwenglichen Danksagungen waren Arnold +unbequem. Hren Sie einmal zu, Frau Natalie, unterbrach er sie, warum +glauben Sie eigentlich, da zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit +besteht? + +Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hnde +zusammen und setzte sich ihm gegenber auf einen aufgerollten Teppich. +Ich? erwiderte sie halb bestrzt, halb belustigt, ich htte so etwas +gesagt? Wann denn? + +Sie haben es gesagt, beharrte Arnold. Wie ich das erstemal bei Ihnen +war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben -- + +Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen? + +Ich mchte nicht mehr darber sagen, antwortete Arnold. Aber weil wir +so darber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil +wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, da der Doktor Hanka nicht +wei, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es +sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken mu. + +Natalies Stirn legte sich in bedchtige Falten und mit +niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. Ich +verstehe nicht, sagte sie aufgeregt. Was wissen Sie denn? Erzhlen Sie +doch. + +Erzhlt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, +mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu +wissen -- + +Was fr verdrehte Ideen! rief Natalie aus. Und wenn er Sie dann vor +die Tr setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, da er nichts wei? + +Das ist klar. Weil die Beate nicht so wre wie sie ist, wenn er was +wte. Und weil sie berhaupt ein Lgenbeutel ist. + +Aber das alles ist mir ja riesig interessant, flsterte Natalie und +sah Arnold mit naivem Entsetzen an. Machen Sie nur keine Dummheiten, +ich bitte Sie. Glauben Sie denn, da die Welt auf Wahrheit gestellt +ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wre, mten wir ja allesamt ins +Gefngnis oder Gott wei wohin wandern. + +In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von groen +Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und +Leutseligkeit schttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er +sich seit Wochen mit diesem Plan beschftigt htte: Herr Ansorge, Sie +mssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mdchen fr Sie, ohne Spa, +mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt, +intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundstze, Ideale, wie das +heute so blich ist. Breitbeinig stand er da, sah verstndnisinnig aus, +schmatzte mit den Lippen und fchelte sich mit dem Taschentuch Khlung +zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an. + +Das einzige Hindernis wre, fuhr er fort, da sie eine Jdin ist. +Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklrter Geist. Er ging mit +groartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. Was geht uns +berhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert +sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brder. Wenn wir auch +Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung, +Herr Ansorge. Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus. + +Bist du betrunken? fragte Natalie mit eisiger Ruhe. + +Osterburg wurde pltzlich kleinlaut. Ach, ach, seufzte er, frher +war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid +geworden. + +Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft +von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser +Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und +Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit. + +Am nchsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken +versprochen hatte. Er hie Wolmut und war ein zarter Mensch von +brschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen +Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nchtern-Belehrendes, sein Betragen +war gewandt und khl, aber Arnold sprte sofort, da dies der ihm +notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann +dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fhlte +die Gegenwart einer tchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit +Vergngen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas +eine schriftliche Ermahnung kam, er mge den heutigen Abend nicht +vergessen, da war fr ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trbe +suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich +nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden, +ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzgen schrieb er Anrede +und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurck. +Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor. + +Es war ein heier Tag, Arnold wurde gelhmt durch die brtende, +staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem +Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Strae war es noch +bler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn +pltzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschlo, Verena +Hoffmann aufzusuchen. + +Er lutete einige Male an der Tr und niemand rhrte sich drinnen. Als +er sich enttuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am +Fu der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick +stehen und lchelte empor. Sie trug ein weies Leinwandkleid mit +schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, +deren festen Druck er fest erwiderte, dann schlo sie auf, ging voran, +warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke ber das noch +ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und +beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter +Blick in die Nachbarhfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete: +Zweihundertfnfzig Fenster. + +Arnold nickte. Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster? erwiderte +er. + +Verena sagte, sie freue sich, da er gekommen sei. + +Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzhlt? fragte Arnold +neugierig. + +Es ist die Geschichte mit dem Judenmdchen. Ist es wahr, war das +wirklich der Anla fr Sie, Ihre Heimat zu verlassen? + +Ja, das ist wahr, murmelte er. Aber ich habe bis jetzt nichts +erreicht, gar nichts. Es ist schndlich. + +Kennen Sie das Mdchen nher? + +Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein hliches +kleines Ding. + +Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein +tieferes Interesse fr ihn erweckt htte. Doch sprach sie nicht weiter +von der Sache und dafr war Arnold ihr dankbar. + +Sie saen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold +staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und +er hatte das Gefhl, als berstrmten ihn Wohlgerche. + +Ist Wolmut zu Ihnen gekommen? fragte Verena endlich. + +Ja, er ist gekommen. + +Finden Sie ihn sympathisch? + +Sehr sympathisch. + +Er ist einer der ntzlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es +sicher noch sehr weit bringen, das heit, soweit man es in diesem +korrumpierten Land eben bringen kann. + +Weit bringen, das heit, ein groes Amt bekommen? + +Ja, ungefhr. + +So weit werd' ich's wohl nie bringen. + +Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen mtern. + +Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller. + +Verena lachte. Aber die Idealisten knnen es noch weiter bringen als +zu hohen mtern. + +Ach, dann bin ich vershnt. + +Ja, aber es gibt Gefahren. + +Gefahren? + +Die Idealisten drfen sich nicht verpflichten. Sie drfen keine +anspruchsvollen Freundschaften haben. + +Wieso? Sie meinen, da man sparsam mit seinem Herzen sein mu. + +Vielleicht. Oder doch, da man das Herz nicht verschwenden soll. + +Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz +nicht arm werden, soviel es auch gibt. + +Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich +nmlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt +hat, dann wird es aufgebraucht. + +Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine +Rechenmaschine in die Brust hineinstellen. + +Aber wenn einer ein Ziel hat, dann mu er sein Herz bewahren, sonst ist +er nichts wert. + +Pltzlich erhob sich Verena und sagte: Ich mu gehen. Ich mu zu +Tetzner. + +Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner? fragte Arnold rasch. + +Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht. + +Kaum hatten sie auf der Strae ein paar Schritte gemacht, als Tetzners +Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. Wo steckst du, +Verena? rief er; nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier +gibt es die seltensten Schnpse der Welt und vieles andere, was sich +sonst nur auf der Tafel des Grokhans der Bucharei findet. Kommen Sie. + +Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. Man hat schon wo anders +fr mich gesorgt, entgegnete er lachend, aber vielleicht heben Sie mir +etwas auf. + +Bravo, rief Tetzner und klatschte in die Hnde. Verena warf einen +teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr +gefiel. Fast ungestm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging. + + + + +Fnfunddreiigstes Kapitel + + +In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, sa Hanka am Klavier +und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate sa in der Ecke des mig +groen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, bltterte +in einem Photographiealbum und ghnte von Zeit zu Zeit. Diese Einladung +war ganz unntig, sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und +einem Allegro, besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit +Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhflich und +lt auf sich warten. + +Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr, +schmatzte mit den Lippen und erwiderte: Wir wollten doch die beiden +Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Da dein +Freund Specht absagen wrde, konnte man ja nicht vermuten. brigens +interessiert mich Ansorge viel mehr. + +Beate pendelte ungeduldig mit den Fen. Mich langweilt er, sagte sie. +Ich langweile mich berhaupt. Wenn wir nur schon fort wren. Wie lang +ist es noch bis morgen frh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du, +du schlfst bei Tag und Nacht. + +Und zwischen einem Lcheln und einem Zhneknirschen fuhr sie fort: Hast +du denn die Fahrkarten bestellt? + +Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka ber die +Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen +war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft +seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch ersphte er fortwhrend +Auflehnung in ihrem Innern. Fr eine Person wie Hanka ist die uerung +einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; fr +ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu +knnen. Wer dies, ihn verstehend, ermglichte, konnte ihn ganz besitzen. +Es war ihm unwidersprechlich geworden, da Beate nicht sah, was sie +htte sehen, nicht fhlte, was sie htte fhlen mssen, da ihre +immerwhrende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm. +Verdru machte oft die Ruhe seines Nachdenkens dster. Die +Anziehungskraft wchst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich +ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Grndlichkeit wnschte er +genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich +geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer +Zrtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz +kannte, erblickte er immer wieder das krftige und kaprizise Kind der +Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit +ebenbrtiger Laune unterwerfen mute. + +Trabst schon wieder herum wie ein Br, sagte Beate, sprang aber +gleichzeitig auf, da es gelutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und +wurde von Hanka mit herzlichem Hndedruck, von Beate mit etwas +ungeschickter Klte begrt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch. +Drauen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch +den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf +und fragte Arnold, weshalb er so spt komme. + +Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen, sagte +Beate rgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. Ich habe bis zuletzt +gezgert, ob ich kommen soll, sagte er. Das ist nicht hflich, Frau +Beate, aber es hat seinen Grund. + +Beate stutzte. Er hat immer Grnde, erwiderte sie bissig. + +Als alte Bekannte seid ihr zu spitz, bemerkte Hanka gutmtig. Er +freute sich eigentlich, da Arnold Ansorge ihm nun gegenber sa, es +erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten. +Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er. + +Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber +bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht vernderte sich zusehends vor +Angst. + +Ja, mit den Gewittern, meinte Hanka stirnrunzelnd. Fr eine Frau, die +auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschmend. + +Ein auerordentlicher Blitz lie die Lichter des Zimmers erblassen. Nach +dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstrt vor sich hin. + +Auch Hanka stand auf. Er fate Beate bei den Hnden und suchte sie zu +beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in +ihrem Krper. Voll Heftigkeit stie sie Hanka von sich; mit einem +hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: Ich will nicht, +ich will euch nicht, und lief aus dem Zimmer. + +Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurck, rief das +Stubenmdchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten +Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem +interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorber und +mischte sich so wenig mit seinem Geist wie l mit dem Wasser. Vielleicht +aber war das Spiel der Elemente drauen fr ihn anziehender und +ergreifender als die selbstschtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat +langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fhlte er sich +aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates, +anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu +verdchtig. + +Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurck. Sie hat +sich in Betttcher eingehllt und die Ohren verstopft, sagte er. Ich +habe ihr versprechen mssen, da Sie bald gehen werden. Haben Sie je +etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber +Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, da Sie da sind und werde Sie +nicht so geschwind wieder loslassen. + +Frau Beate frchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen, +erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch. + +Warum? Warum frchten? Sie wollte ja selbst, da Sie einmal bei uns +wren. Vergngt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemse +auf den Teller. + +Das kann ich mir erklren, sagte Arnold. Vielleicht wollte sie es nur +darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten mu. + +Ei, was Sie fr ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da +sagen, hat etwas fr sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhate +nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schtzen. Aber +es ist lcherlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu +naiv dazu. + +Arnold schwieg. Unschlssigkeit berkam ihn. Und er sprte nun aus +Hankas Worten deutlich eine vollstndige Ahnungslosigkeit. Dies erregte +in ihm einen stummen Zorn gegen das lgnerische Weib. + +Es berhrt uns doch, ich mchte sagen sthetisch, wenn Frauen sich vor +dem Gewitter frchten, fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. In einer +Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und +fast mchte man glauben, da die Natur sich einen Spa daraus macht, +ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist +fr mich eher angenehm als verstimmend. + +Ein blulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom +fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wnde und rasselten die +Teller. + +Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen? fragte Arnold, indem er +gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. Er +erzhlte mir zuerst, da er hier sein wrde. Es fllt mir nur deshalb +auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen +sah. + +Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. So? +fragte er kurz. Er erinnerte sich pltzlich, da ihm die Stunden lang +und ungewhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin +zugebracht haben wollte. Er schttelte den Kopf und sagte mit einem +unsichern und wohlwollenden Lcheln: Darin tuschen Sie sich +vielleicht. + +Ich tusche mich nicht, erwiderte Arnold, obwohl die Vorhnge des +Wagens nur einen Augenblick zurckgeschoben wurden. + +Hanka hrte auf zu essen. Warum erzhlte sie mir davon nichts? dachte +er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrgen. Er lehnte sich in den +Stuhl zurck, ffnete den Mund, schlo ihn aber wieder, ohne gesprochen +zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflgel trat eine seltsame gelbliche +Blsse hervor. + +Ich dachte mir, Sie wten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau +war, fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen +auf den Tisch und den Kopf in die Hand gesttzt und schaute Hanka +unverrckt an. Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und +bei Nacht. Das wei ich und wrde es Ihnen nicht sagen, wenn ich's nicht +wte. Darum hren Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht qule. Nach +Specht hatte sie ein Verhltnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen +Gut, das heit, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der +Knecht sie durch Schlge gehorsam machte. Davon wuten die Mgde bei uns +jeden Tag zu erzhlen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, da Sie +dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, htten +vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden htte. So +trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen +leben von Lge, die andern von Wahrheit, die beiden mu man voneinander +halten. Das ist alles. + +Whrend dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht +bestndig zugenommen. Auch er sah unverrckt in das Gesicht seines +Gegenbers; und allmhlich verlor er das Bewutsein davon, da da ein +Mensch sitze; er gewahrte nur einen weilichen Kreis; ihm war, als sei +es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen. +Jedoch er hrte, hrte. Er versprte einen ungeheuren, verschlungenen +Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dnnes, +geistloses Lcheln ber seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg, +und so saen sie lange schweigend, whrend das Gewitter sich verlor. +Endlich rckte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein +Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schrfe, +wobei er die schwarzen Augen weit aufri: Beweise --? + +Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen +Hankas. Es war ein berlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in +seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurck, +als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf +den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurck und verschwand wieder +daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und +wie zum Zeichen seiner Fassung zndete er langsam eine Zigarre an. +Darauf ging er schweigend mit groen Schritten auf und ab. Auch Arnold +verlie seinen Platz. Adieu, Doktor Hanka, sagte er; Freund oder +Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen. + +Hanka kehrte ihm den Rcken, verschrnkte die Arme und blickte gegen die +Fenster. Doch als Arnold sich zur Tr wandte, schritt er ihm nach, sah +ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte +kalte Hand. + + + + +Sechsunddreiigstes Kapitel + + +Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun +weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken +zunchst auf die Person Arnolds. Er vergegenwrtigte sich den Arnold, +den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm +gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des +Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mute einen +Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit ber alles liebte. Und +schlielich mute er sich gestehen, da dieser Mensch von Sympathie +gefhrt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind, +dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haartiges Gefhl von Klte gegen +Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte +noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch, +sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was fhrt ihn her? dachte er +trb und trotzig. Mitleid? Dann wre selbst seine Wahrheit nicht wahr. +Wie konnte er annehmen, da zwischen uns kein gegenseitiges Wissen +bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bumen. Vielleicht wurde er +selbst verschmht und spielt den Verrter, grbelte er voll +Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm ber die Haut, als ob ihn Ekel +berhrt htte. Hundert Erwgungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert +Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklgers zu entstellen, immer +schttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurck: war ich also +blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter +Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, lie all ihre Worte +nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu +studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder +eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand +verhllt, Verlogenheit unter tausendfach tuschendem Lcheln. Was soll +ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als msse er sich auf den +Boden legen, um Jahre lang nur darber nachzudenken. Erst jetzt dachte +er daran, da er ja zu Beate gehen knne und da dann alles entschieden +sein msse. Mit grausamer Logik berzeugte er sich, da er diese +Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schlielich so schlimm? +murmelte er. Ein Weib weniger fr mich, gut. Das Vergehen ist gering von +ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die +Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das +ist schlielich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Fr +mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man +nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht +zusammenleben. + +Er zndete eine Kerze an, verlie das Zimmer, ging durch einen Salon, in +welchem die Sessel schon mit staubschtzenden berzgen versehen waren +und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und +schlief. Er zgerte, stellte dann die Kerze vorstzlich geruschvoll auf +ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. Hast du ihn +fortgeschickt? fragte sie schlaftrunken. Lsch doch die Kerze aus, +Alexander, sonst verbrennt der Vorhang, fuhr sie munter werdend fort. +Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht? Da er nicht +antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit +ungeduldigen Blicken. Du knntest jetzt zu Bett gehen, sagte sie +verdrielich. Wir mssen ausschlafen, ich mu morgen frh noch meine +Handtasche packen. + +Die magst du wohl packen, entgegnete Hanka mit Ruhe. Du kannst auch +reisen, wenn es dir gefllt, aber es wird ohne mich sein. + +Beate ri erstaunt die Augen auf. Ja, bist du denn toll? schrie sie +endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor, +brachte die Fe auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes +sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und +Ha. + +Es schien, als ob Hanka von alledem nichts she. Er begann in +gleichmtigem Tonfall wieder zu sprechen. Ich frage dich nicht, in +welchem Verhltnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlat, +im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was +zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht, +was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur +wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, da ich +alles wei. + +Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rcken krmmte sich, und ihr +Kopf sank ein wenig herab. Langsam ffneten sich die Lippen und lieen +die fest zusammengepreten Zhne sehen. Es schien, als ob sie +gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre +Zehen rhrten sich in den dnnen Strmpfen, ihre Knie drckten sich +gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jhlings auf und sagte +mit grenzenloser Verachtung: Der Hund also! der Schwtzer! der gemeine +Denunziant! Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch, +das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strmpfen stolz +zur Tr und schlug sie knallend hinter sich zu. + +Ein verblasenes Lcheln glitt ber Hankas Mund. Er blieb stehen und +drckte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, bergenug. Doch keine +Minute war verflossen, als Beate wieder zurckkam. Sie weinte; sie +setzte sich auf einen Stuhl und drckte die Hnde vor die Augen. Es +liegt nun an dir, sagte Hanka, dein Leben in Zukunft so gut wie +mglich einzurichten. Ein ffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und +gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verlt. Ich +lasse dir Zeit, ich will fr einige Wochen weg, damit kein Aufsehen +entsteht. Was ich dir zu einer anstndigen Lebensfhrung materiell +biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch +etwas zu sagen? + +Als Beate merkte, da es so bitterer Ernst war, ging eine neue +Vernderung mit ihr vor. Ich bin unschuldig, Alexander! rief sie aus, +sie haben mich verfhrt, bei Gott. Sie haben mich unglcklich +gemacht. Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in +die Kissen. + +Das mag wahr sein, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand +und so nach ihr hinschaute. + +Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender +Ausdruck. + +Hanka lchelte schmerzlich. Er begriff, da seine Sprache nicht zu den +Ohren dieser Frau dringen konnte, da seine Welt in andern Sphren +rollte, da sein Blut anders beschaffen war und da Beate dies nicht +einmal zu ahnen vermochte. Richte dich nach dem, was ich gesagt habe, +bemerkte er khl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon +verlassen hatte, hrte er Beates aufschreiendes Lachen. + +Er kehrte in das Ezimmer zurck, setzte sich ans Klavier, schlug irgend +ein Notenheft auf und prludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm +und dem Instrument eine Wand befinde; die Tne blieben dumpf und fern. +Er stand auf, ffnete die Fenster und die Glastr, die in den Garten +fhrte. Er ging hinaus. Von Bumen und Struchern tropfte das +Regenwasser, und ber den Beeten lag schwrzestes Dunkel. Am +weilichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter +leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze +noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen +zwei Windsten hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die +geschlungenen Gartenwege, und das unvernderliche Tropfen des Wassers +klang ihm wie die Hmmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte +tnen wollen. Es war spt, als er wieder in das Zimmer zurckkehrte, das +er nach allen Seiten abschlo. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu +einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefhl der +Mdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nchte durchzecht htte. Er +streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles +Denken, welches in einen hohlen Schlummer berging, als die Bltter im +Garten von der Morgenrte zu erglhen anfingen. + + + + +Siebenunddreiigstes Kapitel + + +Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile +unschlssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, +kehrte aber wieder zurck. Schweigend standen die Villen und Landhuser +zu beiden Seiten der Strae, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als +den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines +alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich +nieder. + +Der letzte Blick und Hndedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus +dem Kopf. Arnold fhlte wohl, da darin mehr und anderes enthalten war +als die dankbare Quittung fr einen wohlgemeinten Dienst, anderes +jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, da ein +Mann, der behbig im Finstern gesessen, sich berrascht, ttig und +entschlossen dem Licht zuwenden wrde, das ihm ein Freund ins Haus +getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung, +hatte er einen Gedemtigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt, +eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten. +Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen? +War dies nun die Schwche Hankas oder war es die menschliche Schwche +oder war es Arnolds Irrtum? + +Ist es Hankas Schwche, dachte Arnold, dann beruht sein Glck darauf, +nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die +Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei +mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg, +obwohl ich sehe, da jedes Ding, gutes Ding und bses Ding zwei Seiten +hat. War es eine menschliche Schwche, dann kann es ja auch meine +Schwche sein, und es wird fr mich um so vielmal schwerer, Recht zu +haben, als es auer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist +sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka kme zu mir und +sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden +Schwei und fremde Not zusammengehuft. Ich mte es prfen und richtig +finden und mte von mir werfen, was ich durch Lge besitze, weil ich +doch behauptet habe, da jeder seine Lge von sich werfen soll. Aber wie +ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat, +zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie +liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht +war hier die Lge das Bessere. Lge, das ist doch nur ein Wort. Aber +wie? wenn er es auf rohe und niedertrchtige Art erfahren htte? ist ein +Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefhr? und gilt +es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt? + +Und wenn Lge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja +auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen +kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen. +Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, da die Jdin ins Kloster kam, +vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur wei ichs nicht. Aber das +wre ja eine verzweifelte, eine hchst verzweifelte Geschichte, wenn der +Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf. + +Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trbseligen +Rausch nach Hause. + + + + +Achtunddreiigstes Kapitel + + +Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurck. Sie machte +sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte fr Konzerte und Theater und +bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Ste von +Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschft und keiner +konnte sie lnger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und +dorthin, klagte ber Schlaflosigkeit, schien bald entkrftet, bald +berreizt, bald geschwtzig und bald allzu still. Arnold verfolgte +aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem +so engen und ewigen Verhltnis zu denken, als welches ihm die Ehe +erschien. + +Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Mdigkeit +und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel fhrte, die +Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er +a oder ein Gesprch zu einem vorlufigen Endpunkt schleppte. + +Es verdro und krnkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm +der Wunsch, sich um Menschen zu bemhen. Als er an einem Morgen mit +Borromeo allein beim Frhstck sa, begann er offen: Knntest du mir +nicht sagen, was dich so niederdrckt? Mu denn alles so sein, wie es +ist? + +Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten +erlschend in die Winkel. Du fragst wie ein Jngling, sagte er, aber +ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die +Sterbenden haben ein #nil nisi bene#. + +Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Hndedruck voll Wrme. +Nichts konnte deutlicher ausdrcken, wie zufrieden er mit ihm war und +wie sehr er ihm vertraute. + +Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verstndnis +erreicht. Er erkannte sofort dessen glckliche und gesunde Veranlagung, +allen Krften seines Wesens gleichmig zur Entwicklung zu verhelfen +und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine +eigene ohne weiteres vervollkommnen knne. + +Vllig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehrte Wolmut zu +jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das +Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschfte verrichtete er mit +unermdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut +trug er mit selbstverstndlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu +lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befhigte ihn, +jede schadhafte Stelle in der Lebensfhrung des Andern sofort zu +bersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut +gegenber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen htte. Seit +jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte +er nicht aufgehrt, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der +Welt zu hadern. Allmhlich war sein leidenschaftliches Wollen einem +dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und +rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstrkungen gegen den +Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den +Atem. Dann wird seine Stirne khler. Er beginnt Gefallen an der +Landschaft zu finden, lt allmhlich das Pferd im Tritt gehen und an +geschtzter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen +Mittag. Der drngende Ruf, der seine Schritte beflgelt hatte, +verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke +dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrcken unter dem Horizont, und +aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung. + +Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemht gewesen, eine ihm neue +Weichheit der Stimmung abzuschtteln von der er kaum wute, woher sie +kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er +gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so +Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden htten. + +Soviel ich wei, steht die Geschichte auf dem alten Fleck, erwiderte +der Student. Ich hrte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt, +aber dadurch wird nichts gendert werden. Wenn die Justiz ihre +unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist fr den Einzelnen keine +Mglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht +erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache. + +Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. Das hrt sich gut an, +erwiderte er schroff, so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen. +Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen +selbst ausgebt wird? + +Wolmut lchelte. Das mte man auch. Es handelt sich nur um eine +Ausschaltung unzweckmiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich +selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die mglichst viel Rder +in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der grten +Arbeitsleistung den kleinsten Krfteverbrauch erzielen, ist das nicht +Teilnahme genug? Der kleine, schmale, hbsche Mensch mit dem +rosenroten Gesicht sprach ruhig und berlegen, mit einer Verhaltenheit, +als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen. + +Das ist wahr, weil es wahr sein kann, gab Arnold gereizt zurck. Ich +will nicht sagen, da ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke, +wird alles anders. + +Gefhl zerstrt, behauptete Wolmut mit seiner unerschtterlichen +Lehrsamkeit. Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fuspitze, ihn +auch nur um einen Millimeter zu berschreiten. Glck ist Positivitt. +Die Welt ndern wollen heit, sich selbst vernichten. + +Arnolds Gesicht rtete sich. Das ist Streberweisheit, rief er zornig +aus. Das Judenmdchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir, +ich und Sie, glcklich werden? + +Wolmut zuckte die Achseln. Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch +einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird +wie ein Schatten, je hher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie +oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch mu unbedingt seine Handlungen +nach dem Ma seiner Hilfskrfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute +sich darber klar sein mu, da nichts in seinem eigenen Charakter ihn +berraschen und da kein Vorfall der Welt ihn verfhren kann, die Arme +statt des Kopfes oder das Herz statt der Fe zu gebrauchen. + +Arnold hatte das Gefhl, als ob ein schdlicher Doppelgnger auf ihn +zugetreten wre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten +Klte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und +ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu berzeugen, verdunkelte ihn nur +vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit. + +Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm +vorenthalten htten, wozu andere so mhelos und planvoll kmen: +Sichbescheiden. Darber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem +Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen +Stimmung und Verstimmung zurck, aus deren Wolken sich das Gesicht +Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung, +sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der +Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe. + +Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in +ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen +beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurckhaltend wie +sonst, doch heiterer. Tetzner sa schweigsam beim Fenster, und Wolmut +setzte seine Ansicht ber Askese auseinander. + +Verena stand auf und trat zu Arnold. Ich habe fr morgen Abend zwei +Billette zum Konzert, sagte sie freundlich. Vielleicht kommen Sie +mit? + +Arnold lchelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann +prete sie die Lippen zusammen, erblate und warf einen flchtigen Blick +auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt sa. Hierauf sahen sie sich +zum erstenmal von solcher Nhe in die Augen, Arnold mit groem, etwas +knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bsen und flehenden +Ausdruck. Kommen Sie nur, wiederholte sie schlielich mit der vorigen +Freundlichkeit, man spielt Beethoven. + +Am nchsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum +Konzertsaal. + +Wunderbare Klnge hrte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Sule +langsam und zart bis in den hchsten Himmel wachsen, und oben erst +sprhten die erdgeborenen Blitze. Es war, als wrden ihm zwei neue Ohren +aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten +Herzens. + +Aus einer hastigen uerung entnahm Verena, da er ganz und gar nicht +zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und +heiteres Wesen erfllte sie mit seltsamer Furcht. + +Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Strae +nebeneinander. Ich habe Hunger, sagte Arnold endlich. Wollen wir +nicht in das Gasthaus da? Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines +vornehmen Restaurants. + +Verena schttelte lchelnd den Kopf. Ich bin keine Millionrin, sagte +sie. berdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen. + +Sie gingen weiter. Ich lebe nmlich von Tetzners Geld, sagte sie auf +einmal mit vernderter Stimme. + +Arnold hatte Mhe, einer rtselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von +der Stirn bis zu den Sohlen einhllte. + +Aber ich will nicht sprechen, fuhr Verena fort. Wozu auch. Man kann +doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fhig, mich +zu verstndigen. Ach, das Leben, das elende Leben! + +Das elende Leben? Nein, das schne Leben, versetzte Arnold. Das +schne, herrliche, gute glckliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, da +ich lebe. + +Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden +und ergebenen Blick in die Augen. + +Sie waren im Haus. Verena zndete eine Kerze an und ging gedankenvoll +voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft +und dankbar fhlend. + +Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Tre und sah mit dem breiten +schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der +von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus. + +Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch +und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch +auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete ber den blauen stillen +Augen wie ein weies Blatt. Whrend sie a, nahm sie ein Stckchen +Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lchelnd und +verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich ber die Ecke +und erkannte verwundert sein bertriebenes Profil: ein rundes, +ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog +und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine +griechisch kurze Oberlippe, das Stck eines kmmerlichen Schnurrbarts, +eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und ber +der ungewlbten Stirn anstndig und gleichmig gestrichenes Haar. +Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur +zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stck verging aber so geraume Zeit, +da Verena belustigt ausrief: Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent. + +Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt. +Mit groen, weit offenen Augen blickte er herber. + +Was liest du? fragte Verena. + +Ein Buch ber die Liebe, antwortete Tetzner. + +Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort +gengt, um die Seele zu entflammen. Sein bercktes Herz sammelte sich +pltzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fhig war. + +Wenn ich so das Leben berblicke, fuhr Tetzner versonnen plaudernd +fort, und sein Blick richtete sich dster gegen die Wand, so ist nichts +als Irrtum. Was man hat und rechtmig in sich trgt, wird +verschleudert, und das Schlechte, das trgerisch glnzt, kauft man um +teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trbt +das Bild der Welt. + +Gegen den Ofen gelehnt, flsterte Verena nervs: Was soll das ewige +Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin berdrssig, alles zu wissen, +was ich empfinde und empfinden soll. + +Tetzner ging auf und ab und seufzte. So lange es Tee und Schinken auf +Erden gibt, soll man nicht ber Liebe reden, das ist richtig, sagte er +in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er +sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trllerte mit +vernderter, heiserer Stimme: + + Wenn er bei einer Hochzeit ist, + Da sollt ihr sehen, wie er frit; + Was er nicht frit, das steckt er ein, + Das arme Dorfschulmeisterlein. + + Wenn er einmal gestorben ist, + Legt man ihn sicher auf den Mist. + Ach wer setzt einen Leichenstein + Dem armen Dorfschulmeisterlein. + +Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und +entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hrte man +ihn die Auentre zuschlagen. + +Die Stirn an die Scheibe gedrckt, stand Verena am Fenster. Es ist +finster drauen, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie +sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfrbte sich ihr Gesicht. Er ging +auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hnde. Sie schwieg, atmete +jedoch wie eine Gehetzte. Er drckte ihre Hnde nur um so fester, als +umschlsse er alles, was er im Leben an sich reien wollen. Vergeblich +war sie bemht, sich ihm zu entwinden. + +Sind Sie denn glcklich, Verena? fragte Arnold endlich flsternd, im +innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und +Selbstanerbietung. + +Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre +Hnde frei. Whrend sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die +Hand sttzte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwhlt, gekrnkt und +gengstigt. Sie mssen jetzt gehen, Arnold, sagte Verena pltzlich +weich. + +Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit +ber das Gelnder gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal +stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in +seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine +nchtige Ferne, einander grend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren. + + + + +Neununddreiigstes Kapitel + + +Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden fr Arnold, andere Laute +hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurckliegendes Leben +erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine se, +gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu knnen; sein eigenes +Spiegelbild kam ihm nher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen +bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an +einem verlorenen Punkt seiner Trume finden. Nichts lste sich in +Weichheit auf, keine Ader seines Krpers wurde schlaff, aber alles, was +er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und +Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht +gnstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die +Flut des Glckes. + +Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander tglich und +gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straen +spazieren. Sonst saen sie im Zimmer oder in einem kleinen +Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die +Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der +gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berhrung +ihres Blickes weicher, wrmer, empfindlicher zu werden schien. +Allmhlich erschtterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie frchtete fr +ihn, denn je schrfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie +frchtete auch fr sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen +Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu +entweichen, um immer strker und glhender den Hauch seiner Nhe zu +spren. Sie sah sich verfallen. + +Ihre Gesprche bedeckten gleichmig Tiefen und Untiefen des +Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde, +und da es wenig genug war, so konnte sie sich gromtig erweisen und +dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu bertreffen +brauchte. Ihre eingeschrnkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr +stutzig; es betrbte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen, +die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr; +Tetzner stand mit gekrmmtem Rcken und gebeugtem Kopf nahe der Tr. Als +Arnold Verena begrt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon +verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte +sie: Nun ist es entschieden. Ich bin frei. + +Erst nach sorgenvoller berlegung verstand Arnold, was sie meinte. +Wovon wollen Sie leben? fragte er. + +Sie zuckte die Achseln. Man verhungert nur an seinem Unvermgen, +entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lchelnd und breitete in +ihrer sinnlich-mden Weise die Arme aus. Ich werde Stunden geben, +Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. brigens bin ich +nicht ganz entblt. + +In ungreifbarer Betrbnis verbrachte Arnold die nchsten Tage. Eine +Verachtung alles Glnzenden, Reichen, Geputzten erfate ihn; er selbst +in seiner Unbekmmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber +eines Morgens erwachte er, frmlich erhitzt von einem wie im Traum +gefaten Entschlu. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht +zu Hause; auf der Strae auf und ab gehend, wartete er anderthalb +Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den +Widerglanz ihrer Ttigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen +Gesichtszgen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie +selten. Sogleich begann Arnold. Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht +mssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich +nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur +nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten +und alles gehrt Ihnen. + +Kalt und stolz sah ihn Verena an. Das hiee einen Strick mit einem +Messer vertauschen, antwortete sie schroff und lie ihn vor dem Haus +stehen. + +Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der +Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim. +Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem +fast widerwilligen Anschmiegen lie sie dunkle Leiden vor ihn +hinstrmen, malte Schatten, deren Krper er nicht zu sehen vermochte. +Zum erstenmal tnte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm; +getrstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und +erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein +seiner Gefhle auf festem Grunde hielt. + +Aber die wunderliche Scham ber seinen Besitz wollte ihn nicht +verlassen. Er fate pltzlich den Plan zu einer Art von +Wohlttigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer fr Verena. +Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schlielich +behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmiges getan wissen +wollte. Das Gercht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald +fllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung tglich mit den buntesten +Figuren: Frauen und Greise, Jnglinge, Familienvter, Kinder; Kranke, +Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute +und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle +warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttuscht, +jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, da sich +Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern +nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum +Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und +Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es +Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und +aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von +Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod +verwundeten Tier sich lst, so da das in Krmpfen zuckende Muskelwerk +ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und +der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkr, gelassenes Hinnehmen +der Rechtlosigkeit, grausamstes Rnkespiel und hartnckiges Strebertum, +-- aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber +Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte, +da er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben +htte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstrzen, aber ihn +beschlich eine frevelhafte Sicherheit. + +Wolmut, wie ein uneigenntziger und gewandter Minister, behandelte jeden +Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe +aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die grere Rolle einstudierend, +die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich +auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschrnken, alles Gebauschte und +berflssige zu vermeiden. Auch uerlich lebte er so einfach und mit so +ngstlicher Sparsamkeit, da er zum Spott seiner nheren Umgebung wurde. + +Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdru und Entrstung. Sie +hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm +begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten +lebhaft ber das Gesindel, welches nun tglich Flur und Treppen strme. +Gut, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, ich werde +Arnold ersuchen, vor dem Haustor Frcke und seidene Kleider austeilen zu +lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen. + +Du hast recht, gab Anna zurck; und wir beide werden bei ihm um ein +Versorgungsstbchen in Podolin betteln. + +Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit +kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehrte. + +Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. Willst du mich ein Stck +begleiten? fragte er in seiner zurckhaltenden und bescheidenen Art. +Arnold erklrte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu +besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert +Entschuldigungen, er mge nicht bse sein, sie werde auf Ehrenwort das +geliehene Geld am ersten Januar zurckerstatten, er solle sie doch +besuchen und damit zeigen, da er ihr noch freundlich gesinnt sei. + +Sie gingen ein Stck Wegs, ohne da Borromeo, was ihn beschftigte, in +Worte zu fassen vermochte. Er war redensmde; immer schwerer wurde es +fr ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis +zu stellen, da all und jedes Ding fr ihn in ein unermeliches Meer der +Nutzlosigkeit flo. Trotzdem sagte er schlielich mit einem Anflug von +krnklicher Ironie: Du ziehst das lebhafte Mifallen der besseren +Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, da man ihre +Privilegien, die sie ja freilich nicht ausben, zu wrtlich nimmt. Du +solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du +es nicht, so werden die besseren Kreise dafr sorgen, da dein +bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein +schner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise fhren. +Stecknadelschlacht ist es. Er reichte Arnold die Hand und zog +schwermtig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach. + +Bei Osterburgs wurde er in das groe Wohnzimmer gefhrt. Im Ofen brannte +Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau +Knig, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold +eintrat, herrschte die grte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, da +alle Sieben in der gleichen Weise beschftigt waren. Frau Knig legte +Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkrtchen, dasselbe tat Natalie; Petra +spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder +beschftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte +kleine Patience. So saen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag, +sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau Knig an zu +schmlen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf +entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslrm und der +wrdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der gengt +htte, um eine Schar von Landsknechten einzuschchtern. Auch er versank +danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flchtig das Wasser verlassen +hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken. + +Natalie begrte Arnold etwas verlegen. Alle hrten auf zu spielen auer +Frau Knig, die dem jungen Mann so vertraulich zulchelte, als ob sie +nichts Lieberes als ihn kenne. Gleich bin ich fertig, sagte sie mit +heiserer Stimme und deutete mit einer bertriebenen Rokokohflichkeit +auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite. + +Osterburg ghnte, befhlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem +Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen +blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines +Fremden, brachen wechselsweise in ein vllig unbegrndetes Gelchter +aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wre, +zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere. + +Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr, klagte Natalie. Seit vielen +Nchten kann ich kein Auge mehr schlieen. + +Osterburg bewegte sich. Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch +nie geschlafen, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten +reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er +begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei +war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen +Grnden sein Todfeind. Wissen Sie, da ich krank bin? sagte er jetzt, +das Haupt matt nach Arnold drehend. Ich habe Psorias. Er hatte +irgendwo den Fachausdruck fr einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und +war sehr stolz darauf. + +Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke +und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser +Erregung sagte sie: Wissen Sie denn schon? Ich hab' es erst vor einer +Woche erfahren --, wissen Sie es? + +Was? Arnold war verdutzt. + +Ich mchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge, lie sich +Osterburg wieder vernehmen, aber geben Sie mir das Ehrenwort, da Sie +Silbe fr Silbe glauben wollen? + +Er braucht einen Maulkorb, murmelte Hyrtl, der mde und verstimmt +aussah. + +Natalie klatschte in die Hnde. Petra! rief sie triumphierend ber das +ganze Zimmer, er wei noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch +nichts? Seien Sie aufrichtig. + +Wenn du so schreist, liebes Kind, fiel die alte Dame mahnend ein, +kann ich unmglich nachdenken. Ich habe kein A mehr, ... Mit +verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmigen +Kartenreihen. + +Hanka hat seine Frau weggejagt, begann Natalie mit Feierlichkeit und +sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit +dieser Zge sie enttuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort: +Hanka ist verreist und niemand wei wohin. Beate hat ein Verhltnis mit +Pottgieer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander +bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die +Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht +entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas -- + +Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die +Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit +mit einem Buch zurck und ihre Zge zeigten ein ehernes Lcheln. Wenn +sie ein Wort sprach, war es von der gewhltesten Natrlichkeit, denn sie +glaubte sich von andern ebenso unaufhrlich beobachtet wie von sich +selbst. + +Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder berrascht, noch +dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. Sie sind ein Stock, sagte +sie rgerlich. + +Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, da +sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Khl hrte Arnold darber +hinweg. + + + + +Vierzigstes Kapitel + + +Durch Schneegestber und hochliegenden Schnee ging Verena von der +Universitt nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich fr den +Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu +ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und verga +die schneeweie Frhlichkeit der Straen. Oben wollte sie Tee kochen, +fand aber, da kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie +vor den Ofen hin und legte Spne hinein, um aus der Glut noch einmal +frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr +Blick schweifte ernsthaft ber die zahllosen schneeberahmten Fenster der +Hfe, hinter denen bisweilen ein umriloses fremdes Gesicht auftauchte. +Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die +Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefhl, als nhere sie +sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Strae einem +blendend weien Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz +auffhrten. + +Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das +Knochengerst, sttzte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in +die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schrg auf den +drren Schdel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gesprch +anzuknpfen, unterdrckte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelst +von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied, +beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zrtlichkeit erschtterte sie von +oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kmpfen +ermdet sei, hatte sie Schlafbedrfnis. Sie legte sich auf das Bett und +schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Gerusch eines +Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er +hereingekommen sei. Seine Erklrung, da die Auentre nur angelehnt +gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und sen Lcheln auf, in +welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand +und strich die braunen Haare aus der Stirn. ber Arnold legte sich eine +Erstarrung. Er glaubte glcklich zu sein oder doch die Nhe des Glcks +zu ahnen. Das Bild eines mrchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte +Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena +so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er +ergriff ihre Hnde, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er prete +ihre Hand an die Lippen und drckte die Zhne in die Haut, so da zwei +Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte +schmerzlich und drngte von ihm weg; er flsterte, ungewi lchelnd. +Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus -- nach nichts. Er +folgte ihr nun, umschlo sie bei den Schultern und kte sie. Ihre +erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines +betubten Tieres. Der beschwrende Ausdruck und Glanz ihrer Augen +erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hnde lagen zuerst wie zwei tote +Krper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um +endlich schlaff mit den Armen vllig zu sinken. Arnold lie sie nicht. +Ihr trnennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit +Freude gewhre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig +geworden war, unfhig, einen vergangenen oder zuknftigen Augenblick zu +bedenken, als alle gesprochenen Worte pltzlich leichter schienen wie +die Luft, erfllte Verena ein Verlangen, dessen ruberische Wildheit fr +sie etwas Elementares hatte. + +Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben, +erschien ihr auf einmal unmglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas +Furchtsames. Sie war beraus schweigsam; ihre Lippen waren wie +versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr krperlich +zurckgeblieben, war ein alle Glieder umgrtender Schmerz; und im Gemt +lag Nchternheit, Selbstha und Erschpfung. Noch gestern ber den +gewhnlichen Dingen und Menschen der Strae schreitend, kam sie sich +heute mit ihnen vermhlt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr +Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschften der zum +Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lrm und die Unrast der +unzhligen enggedrngten Huser strmte auf sie ein. Die Stadt, wie eine +dampfende Maschine mit glhendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend, +lebendige Leiber in ihren Fusten zerquetschend, erhob sich aus der +beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne +Festigkeit und sprte zwischen ihren Fen und ihrem Leibe keinerlei +Zusammenhang. Sie wute kein Mittel, sich vor ihrem aufstrmenden Innern +zu verschlieen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von +Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm +aufblickend glaubte sie ihn viel grer als sonst, und sie sprte etwas +wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick. + +Arnold begleitete Verena wieder zurck. Die kalte, stille Luft hatte sie +beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd +stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Geflligkeit gegen den +anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann. +Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben. +Ihr Gesicht war gertet; einmal legte sie den Kopf auf die rckwrts +gekreuzten Hnde, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas +Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und +reichte ihm den Mund zum Ku. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und +fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des +Herzens in seinen Bewegungen ausdrckte. Ihr war es einsam. + +Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht, +als wre ihm der Befehl ber eine Armee bertragen worden, lchelte +bisweilen verschmitzt und gemtlich in sich hinein, und als er nach +Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis +zum Morgen. + +Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frhstck sa. Der Diener kam +und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von +einer eigentmlich strahlenden Blsse. Sie nahm mit den Bewegungen eines +Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten, +schaute sie umher und sagte: Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie +hast du geschlafen? Wie geht es dir? + +Gut, sehr gut, Verena, antwortete Arnold glcklich und mit erwachendem +Stolz darber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, da sie +wieder gedacht hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine +sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimtigkeit zu +bemnteln. + +Verena legte den Kopf zurck und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu +Boden und Arnold bckte sich danach. Dann standen sie einander +gegenber. Du sollst wissen, Arnold, begann Verena und whlte mit den +runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, da ich mich keiner +Tuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um ber uns +beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen gengt nicht, man mu +doch auch wissen, wohin man geht. + +Warum, Verena, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit +Furcht vor dem, was sie sagen wrde, warum immer das zerpflcken, was +schn ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, ber das +Schlechte zu grbeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund +und man geht immer nur im Kreis. + +Das ist doch eine etwas oberflchliche Wahrheit, entgegnete Verena, +erstaunt ber das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde +spter, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, da er ihr entweichen +wollte. + +Du bist zu schwermtig, Verena, sagte er mit begtigender Kritik, +vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend. + +Verena erhob schnell den Kopf. Darin hast du recht! rief sie aus. +Begreifst du es nun? + +Ich begreife nichts, entgegnete er mit stockender Stimme. + +Ich wei zu viel von mir. Leider, sagte Verena. Denke doch nach, +Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich +verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, whrend du noch in +blhenden Geschlechtern stehst. Und hauptschlich wenn man so in der +Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermtig. Nicht +Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es +ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum +Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens, +unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch +Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab' ich gefragt, +wohin es gehen soll, denn du mtest mich auf deinem Weg nicht nur +schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also +lebe und rette dich. + +Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und +umfat von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrngnis. Aber er +zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies +machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in +die Arme und kte sie. Dann gingen sie zusammen fort. + +Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und +nach aufgehrt, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die +Hnde in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es +klar, da seine Aufgerumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor +den Kopf, als frchte er, seine Stirn knne zusammenbrechen. Seine +wulstigen Lippen lagen wie zwei Fuste aufeinander und mit dem runden, +fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein +Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder, +seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dmpfend. Verdunkelung des +Gemts kam ber ihn. + +Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn +wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor ffnete, sagte mit +bswillig-wissendem Lcheln, der junge Herr sei oben bei dem Frulein. +Whrend Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mhe, nicht +aufzuheulen. + +Er klopfte an der Tre in der Weise, wie er es mit Verena seit je +verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im +Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er +wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anla zu +bsem Grinsen zu geben. Aber er hrte nun trippelnde Schritte in dem +Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es +schien, als ob eine schuldige Person an die Tre schliche. Dieses Bild +auf Verena angewandt, erschien ihm pltzlich so toll und widerwrtig, +da er laut auflachte. Tetzner, sind Sie es? ertnte die Stimme +Verenas hinter der Tre. Ich, erwiderte Tetzner, und es wurde +geffnet. + +Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes +Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold +zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich +die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lcheln +auseinander. Etwas Angstvolles, Zrtliches und Geistreiches tauchte in +seinem Gesicht auf, als er sagte: Wollen wir nicht frhlich sein, Tee +trinken, ber die Zukunft plaudern? Na, Verena --? Wie --? Mit +geschlossenen Augen lchelte er und hing seinen Mantel an die Wand. + +Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und +unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte groe Mhe, +nicht merken zu lassen, wie verdrielich ihm Tetzners Anwesenheit war, +der nun in dem groen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide +Hnde auf den Kopf legte. Sind Sie mde, Tetzner? fragte Verena +verlegen und mitleidig. + +Ja, mein Seelchen, antwortete er. Nicht Fumdigkeit, sondern Herz-, +Herzmdigkeit. + +Arnold brtete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der +Wahrnehmung, wnschte er nichts anderes, als da Tetzner fortgehe, und +da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrckte und +auch sie begann dasselbe zu wnschen. Sie sah, da Tetzner litt, sie +fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstrt durch die hmmernden +Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemhte sich um den Freund, +legte ihm ein nasses Tuch ber die Schlfen, zhlte die Pulsschlge und +blickte grbelnd zu Arnold hinber, der keine Teilnahme zeigte, der +ungeregt und unberhrt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine +bittere Betrbtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! htte sie +rufen mgen. Verschlie dich nicht, vergi dich nicht! umfange die +Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sndhaft vor, denn das wollte sie +nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungengender +Begierde selbst zerstrt. + +Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich +Arnold nicht lnger bezhmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den +Schultern und kte die sich ehrlich Strubende ungestm und lachend auf +die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet. + + + + +Einundvierzigstes Kapitel + + +Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewut alle seine Krfte +dahin, sie willfhrig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte +ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es +entstand keine Glckesgewiheit fr sie. Sie suchte den Mangel in sich +selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem +Innern. Oftmals legte sich Ernchterung wie ein grauer Mantel um sie. +Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg +eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr +Urteil still, und sie wute, da es htte sein mssen, so wie im Traum +Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren. + +In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem +Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm +Vergngen, als Auenstehender das rhythmische Gewhl zu beobachten, und +er freute sich, Verena zu fhren. Die Beziehung zwischen beiden war kein +Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand +Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold +offen, da sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und +er gab ihr recht. Gerade die Gutmtigsten und Nachsichtigsten hatten sie +durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen +berredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball +veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die +Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel +greren Spa bereitete es ihm, seine brgerlich gesinnte Umgebung vor +den Kopf zu stoen. + +Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine +Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besnftigen, vergeblich zu +berzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die +Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schlo sie in die Arme, hob sie +empor, erdrckte sie beinahe, jauchzte, kte sie, gab ihr kindische +Kosenamen, prete ihre Hnde. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. +Doch was mochte ihn bewegen? + +Unter den brigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra Knig, und Arnold +machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb bestndig um Verena. Ihr +treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen. +Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und +selbstndiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lcheln, +wie unbekannt die Prderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war +berlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so de und +faul zumute gewesen. + +Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fu, machte Verena halb bittere, halb +ironische Andeutungen ber Petras anschmiegende Jngferlichkeit. Petra +ist so, antwortete Arnold bedchtig. Immer sucht sie sich das Beste +aus, was man reden und tun mu, aber es bleibt ihr fremd. + +Du weit sehr gut zu urteilen, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht. + +Petra ist nicht bel, fuhr Arnold fort. Sie ist vielleicht nur durch +gute Bcher verdorben. + +Gewi߫, besttigte Verena. Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit +dem, was sie vermag. Dadurch wird sie geknstelt. Aber was hab ich dabei +zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst +du mich hinberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur +ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch, sagte sie mit vernderter +Stimme, zu einer Vorstellung berspringend, die sie betrbte, da +selbst die freiesten Mdchen sich die Ehe wnschen. Es ist traurig, da +die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schne +herunterziehen knnen. + +Wre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena? fragte +Arnold und beugte sich lchelnd zu ihr. + +Verena bi sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein +Gesicht. Sie mute an jenen Tag zurckdenken, an dem er ihr sein Geld +angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor +angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre +Hand fest. + +Heute la mich allein, Arnold, bat sie. Ihre Augen waren von Mdigkeit +dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die +Stirn und seufzte; ihre geffneten und in die Hhe gerichteten Augen +gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. Mein Liebster, sagte sie +mit wunderbarer Sanftmut, prfe dich genau, ob du nicht widerstehen +kannst. + +Arnold lachte. Immer betrachten und zerpflcken! rief er. Kannst du +denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden? + +Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar, entgegnete +Verena leise. Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes +Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst mte ich eben +aufhren, zu berlegen. + +Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er +stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach +herab. Die Strae entlang pltscherte und sickerte es vom tauenden +Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer +arktischen Klte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch +ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des +Armes drckte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend, +da Arnold nun doch mit hinaufgehen wrde. Sie selbst wnschte es, da +sie nicht eine ganze Nacht lang durch Miverstndnis und bses Sinnen +von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der +Hausmeister drinnen den Schlssel ins Schlo steckte, wnschte Arnold +gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging. + +Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer +herum. Was vorher still und fern in ihr gewhlt, durchbrach nun +furchtbar die Hllen und entlockte ihr Frage ber Frage, vor denen feig +zurckzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und +Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals +so werden knnen. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in +die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich +selbst vergessen hatte. Sie wnschte vorher von ihm zu gehn, +unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer fr ihn die Erinnerung begann. +Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich +selbst zurckgeben und mich zugleich fr ihn bewahren. Einmal wrde es +doch kommen, da er mich vom Weg stiee und dann s ich da wie ein +Bettelweib, whrend ich jetzt noch ein Stck von ihm mitnehmen kann, fr +immer. Ich wei, was ich wei; das Wort Ende besteht aus vier +Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht +fnf daraus. Nach dem letzten Ku kommt kein allerletzter. + +Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmhlich ein. Aber +schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden +und war doch mde, unfhig zu berlegen, welche Arbeit sie an diesem +Tage erwarte, der nach ersten Frhnebeln einen blauen Himmel ber die +Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, go +kaltes Wasser ber sich herab, da ihre Haare troffen, dann zog sie sich +mit so schwermtiger Langsamkeit an, als knne sie das gefrchtete +Vorrcken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit +machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so +frh bei Verena. Ich war niedertrchtig gestern, verzeih, sagte er +sofort und nahm ihre Hand. Und heute, Verena, darfst du nicht fleiig +sein, heute wollen wir hinaus -- Er stockte, als er ihr unschlssiges +und mdes Gesicht sah, -- hinaus aufs Land. + +Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren, antwortete Verena; ein +wichtiges Examen steht bevor ... + +Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte +Arnold: Ich will aber, da du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas +anderes wollen als ich. + +Ich habe schon gesagt, da ich nicht gehe, entgegnete Verena leise, +indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel +verzog. + +Arnolds Gesicht wurde rot. Du mut! rief er mit Heftigkeit und schlug +dabei in die Hnde. Aber der Anblick Verenas lie ihn sofort bereuen, +was er getan. Ihr pltzliches, unwillkrliches Hndefalten, das +bestrzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam +emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schrg zur Erde +gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn. + +Ich lebe nicht nur in der Liebe, sagte endlich Verena mit einer +seufzend sich hebenden Stimme, und das ist vielleicht meine Schuld. Du +aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das +ist schlecht ... + +Ich wei nicht, da du mich liebst, erwiderte Arnold trotzig und +schchtern zugleich, ich habe keine Beweise. Er setzte sich auf den +Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Hnden, starrte er zu Boden. + +In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch +regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Zge strahlten pltzlich von +herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den +Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mute, seinen Blick +mit ihrem zu vereinen. Nun geh, flsterte sie endlich. Heute wollen +wir uns nicht mehr sehen. Sie kte ihn, erhob sich, deckte die Hand +ber die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr +vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren +Mund fast sprengen wollte. + +Auch Arnold stand auf. Gut, auf morgen also, Verena, sagte er mit +brennendem Schamgefhl. Hier ist irgend ein Miverstndnis, dachte er, +als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn pltzlich, und er +wute nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm +selbst, das er verloren geben mute. Im untern Stockwerk hing ein +kleiner Spiegel neben einer Tre. Er blieb davor stehen, betrachtete +sich aufmerksam und lchelte zerstreut. + +Zu Hause machte er sich ber seine Bcher und Hefte her, aber es gelang +nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergnger unterwegs liegen. +Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verstndnis zu +tun pflegte, eine Gemlde-Galerie. Meist blieb er vor den +landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des +Frhlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune +Bume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel, +helle Herden und weitgestreckte Ackergrnde. + +Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde +es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen +nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte +Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie +immer: Ich soll Sie vielmals gren. Verena Hoffmann ist abgereist. + +Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. Was --? fragte er, und die +weien Bltter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig +ri er den Brief auf und las: Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl. +Mhe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wre umsonst. +Wenn du das Warum sprst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann +wrde uns dies doch allzubald auseinander reien. Ich werfe weg, um +nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich. + +Arnold nahm Mantel und Hut, strzte fort, warf sich unten in einen +Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse +zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast +besinnungslos. + +Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie's vollbracht. Er lief +wieder herab, ging zwei Huser weiter, -- auch Tetzner war auf und davon, +und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn berzeugt hatten. +Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle. +Welch ein Miverstndnis ist dies? fragte er sich verstrt. Noch immer +vermochte er nichts zu sehen als ein Miverstndnis, wie jemand, der +eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hlt. + + + + +Alexander Hanka + + +Zweiundvierzigstes Kapitel + + +Mitte Mrz legte Arnold die Prfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein +Spiel. Er entschied sich fr das juristische und philosophische Fach. An +einem strmischen Frhlingstag entrichtete er an der Universitt die +festgesetzten Gebhren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit +hinaus in die Vorstadt. + +Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den +nchsten Jahren nehmen wollen? fragte Wolmut zum wiederholten Mal. +Vergessen Sie nicht, da Sie viel lter sind, als die Burschen, die mit +Ihnen uerlich jetzt auf demselben Punkt stehen. + +Ich mache kein Programm, erwiderte Arnold lebhaft. Damit geht jede +Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir +kommt. Spter kann ich dann mein Gebiet begrenzen. + +Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen? + +Das wei ich nicht. + +Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen +gewissen Gedanken verbohrt, bemerkte Wolmut freundschaftlich. + +Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bume bogen sich im +Wind. Der Sturm entfhrte Arnold den Hut, wirbelte ihn ber den Zaun, +und Arnold mute am Tor des Gartens luten und ziemlich lange barhaupt +stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als +er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Strae schritt, hatte +er die Empfindung einer schnen, jedoch dunklen Erinnerung. Pltzlich +stand es in ihm fest, da er nach Podolin gehn werde. + +Zu Hause angekommen, zog er den lndlichen Holzkoffer aus dem Winkel, +aber es zeigte sich, da dieses ehrwrdige Stck zu klein und zu hlich +war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen groen Lederkoffer und +eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig +war, bemerkte er mit Verwunderung, da er sich wie zu einer langen +Abwesenheit gerstet habe. + +Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei +Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er +durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Trvorhang +beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott +vor sich. Die Beiden saen an einem schmalen Teetisch einander gegenber +und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrielicher +Abwehr nach ihm zurck. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das +Gemach und sagte, weshalb er kme. Da sein Benehmen unbefangen war, +wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien gergert. Er erhob sich +alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit +widerwilliger Hflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte +Anna Borromeo: Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur. Mit +beiden Hnden und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene +Haarkrone zurecht, lchelte Arnold mtterlich zu, stemmte dann beide +zur Faust geballten Hnde tief in ihren Scho, und starrte auf den +Boden. Was tust du jetzt in Podolin? fragte sie, aus ihrem Brten +aufschreckend. Es ist noch kalt drauen. Hast du aufgehrt zu arbeiten +und machst dir Ferien? Ich mchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien +zu haben. + +Unangenehm berhrt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete +Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begnnen wahrscheinlich erst +im Himmel. + +Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmtig. Sie beugte sich vor, +legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrn aus, +als sie erwiderte: Kannst du mit meinem Herzen fhlen? Nein. Es gibt +nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich tglich freue, nmlich +der, wenn ich nachts das Licht auslsche. + +Arnold zuckte die Achseln und sagte, er msse eilen. Als er gehen +wollte, kam Borromeo. Anna erzhlte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte +und schttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle. +Jetzt, in einer Stunde. Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn +es dir recht ist. + +Gewi. + +Arnold bergab sein Gepck einem Wagen, whrend er selbst mit dem Oheim +zu Fu ging. Wie lange willst du bleiben? fragte Borromeo. Und warum +fhrst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten +Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit. + +Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes lie alle Anzeichen ueren +Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues, +scheinbar ganz bewutloses Anschmiegen an die Person Arnolds, da dieser +ganz verwundert darber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb +Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal +gesprchig und gab Ratschlge und Meinungen in betreff der +Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo +wartete, bis die Bahnhofshalle leer war. + +Das strmische Wetter war unverndert geblieben, als Arnold im +dmmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen chzte im +Straenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wst und der +Nebel verhllte die Wlder. Ursula war nicht wenig verblfft ber die +Ankunft des jungen Herrn. Der bhmische Verwalter, der seit dem Sommer +angestellt war, stand mit entbltem Kopf am Gartentor. Sein rotes +Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula +wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters +ergnzen, aber Arnold bedeutete ihr, da er vorlufig damit nichts zu +tun haben wolle. Sie sind grer und schner geworden, meinte Ursula +und bewunderte seine Kleidung, seinen vernderten Gang, -- nichts entging +ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der +ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder +Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, da er darauf +nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn +in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von +Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mrrisch verhllte. + +Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm +er das Frhstck ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube +war eng, kahl und dster. Die Fenster waren winzig wie Schiescharten, +Mbel und Gerte von unbequemer Drftigkeit. Arnold lchelte in sich +hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den +Vorgarten schritt, um hinber nach Podolin zu gehen, dachte er darber +nach, wie er es nehmen wrde, wenn er hierzubleiben gezwungen wre. Er +schttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab. + + + + +Dreiundvierzigstes Kapitel + + +Dennoch zitterte beim Gehen ber die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen +Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das +Lftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen +verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem +dnnen Blau zu weichen begannen, er blieb trumend am Ufer des +schwrzlichen Flusses stehen und ergtzte sich am Kreischen der Krhen. +Gibt es angenehmere Tne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise +Glucksen des Wassers in den Wiesen? + +Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war +berrascht, jedes Huschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte +lchelnd von Torweg zu Torweg und schritt ber den Platz hinauf gegen +den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tr seines Ladens, +als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerhrt htte. Die +Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte +freundlich; es war ihm, als htte er stets freundliche Beziehungen zu +dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges +Kompliment. + +Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief, +verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick ber die +Ebene, die erst in groer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie +eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem +Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein +einfacher Stein schmckte den Hgel. Arnold lehnte sich mit dem Rcken +an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten +erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes +Schweifen ergriff den Sinn und trbe nur, kaum den Rand des Grabes +berschreitend, wurde ein edler Umri sichtbar. Arnold hatte das nicht +erwartet; er hatte nicht geglaubt, da er sich so allein hier finden +wrde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem +Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrckt, einen regenverwaschenen, +kleinen Grabstein, in dem die verblate Photographie eines schnen, +stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stck Glas verdeckt +war. Auf der Flche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus +Mailand. #Mal fa chi tanta f obblia.# + +Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein? +Nie frher hatte er den alten Stein mit dem slich-hbschen Bildnis +bemerkt. Mhsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte: +schlecht fr den, der so viel Treue vergit. Eine wunderliche +Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche +allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er +sich gegen einen Selbstvorwurf schtzen wolle, rief er mit seiner +inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rckweg begleitete ihn ihr +verschntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr +und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm +zweifellos, da er sie in der Stadt wieder sehen wrde, und die +Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige +Selbstprfung vor. + +Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu +und ihren Lippen entquoll eine unverstndliche Flut von Worten. Erst +allmhlich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die +junge Person war das Weib des Huslers Kubu, der frher +Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fnf Jahren die Wirtschaft +seines Vaters bernommen hatte. Wegen eines Steuerrckstandes von +achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfndet worden +und heute hatte er die Mitteilung erhalten, da die beiden Tiere +versteigert werden mten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um +dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, da sie +es zur Ernte richtig zurckzahlen wolle. + +Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschftigt, zwar weich +gestimmt, doch nur fr sich selbst, wies das Weib ab, dessen lrmendes +Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, +zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus. + +Als er am nchsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um +Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhfe +eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung +verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold +wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener +Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob +das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er +selbst sei der Bahn-Expeditor und habe frher den Kubu unter sich +gehabt, der ein ordentlicher Mensch wre. Ist dies das Anwesen des +Kubu? fragte Arnold dagegen. + +Der Expeditor erzhlte, da um zwlf Uhr der Steuer-Exekutor aus +Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu +sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, da er die Ochsen nicht +bergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgem +bezahlt, gegenwrtig sei er aber infolge der Miernte des vorigen +Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und +fgte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, +sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit +erhobenen Hnden um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor +entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe +sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als da ich spter mit +meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und +nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere +Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um +ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Sbel. Die Frau +warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den +Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so +verletzt, da ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich +alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie +wrden schieen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten +sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die +Ochsen knnen nur ber meine Leiche gefhrt werden. Die Frau entri ihm +die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn +strmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Mnnern, die Frau von dem +Husler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die +gepfndeten Ochsen los und lie sie mit vier Gendarmen forttreiben. + +Whrend Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, da der Expeditor +fragte, ob er sich krank fhle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem +Rock, zhlte siebzig Gulden ab, berreichte sie dem Expeditor und sagte: +Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es fr den Husler. Zwei +Gulden bekomm ich zurck. Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut +und drckte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern +verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn. +Mehrere drngten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu. +Arnold mute an einen andern Tag zurckdenken; damals hatte er ihnen +sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm +geschleudert; heute jauchzten sie ihm fr versptete siebzig Gulden zu. +Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber +er betrog sich mit diesem Gefhl. Sein trger gewordenes Herz empfand +Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht +mitteilen konnte. + +Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinberfhrte, blieb Arnold stehen +und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen +Erleuchtung: sollte es mglich sein? Er stellte sich vor einen Baum +und blickte starr auf die Rinde. Denn pltzlich begann er den wahren +Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte +bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefllten Baumstamm. Ja, +er begriff. Nicht lnger erschien ihm als ein Miverstndnis, was so +deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmhlich suchte er +doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen +Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen +Platz und die Waldeinsamkeit rhrte ihn, weil ihn sein Kummer rhrte. +Kein Laut unterbrach die Stille. Wei, breit, sanft ansteigend, krmmte +sich die Landstrae hgelwrts hinan und bohrte sich wie aus eigener +Kraft durch das Dickicht der Stmme und des niederen Buschwerks. Arnold +empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit. + +Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich +zu Ursula in die Kche und sagte ghnend: Was soll man anfangen bei +solchem Wetter! + +Erzhlen Sie mir doch. Wie gefllt Ihnen das Leben in der Stadt? +fragte die Alte. + +Ja, das ist etwas fr sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist +ein Hllenkreisel. Da heit es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. +Hier wei man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort, +zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen +mchte, der mu tanzen und springen. + +Aber wenn es regnet, wird's dort auch na. Das ist kein Unterschied, +sagte Ursula. + +Arnold machte ein listiges Gesicht. Wenn es regnet oder schneit, sagte +er, merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straen und Pltze +haben Glasdcher und fen. Es ist immer warm und trocken. + +Ursula erwiderte verdrielich und unsicher: Einem alten Weib kann man +erzhlen, da der Leineweber die Kartoffeln macht. + +Arnold trat unter die Haustr. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und +wrzte diese einfrmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer. +Er entschlo sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis +auf den Hauptplatz gekommen war, mute er in einem Flur Schutz suchen, +denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmglich. Eine krumme +Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rcken, flchtete gleichfalls +herein, sttzte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse +Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude +streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergngen, +als er ihn erkannt hatte. Ei gndiger Herr! sagte er. Gleich hab ich +mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier +jetzt? Un wo waren Sie die Zeit ber? + +Ja, ich bin hier, antwortete Arnold lau und verlegen. Wie geht es +Ihnen? + +No, es lat sich leben. Man mu sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche +mu man's treiben. Er lachte. + +Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er htte gern +den geschtzten Platz verlassen, denn ihn strte der muffige Geruch, der +von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der +Zunge, aber es war ihm nicht mglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein +Glubiger vor ihm, der es aus Zartgefhl unterlie, ihn zu mahnen, und +er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, frher als er denkt. + +Endlich verdnnte sich das Strmen des Wassers. Arnold nickte dem +Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurck. + + + + +Vierundvierzigstes Kapitel + + +Der folgende Tag war ein strahlender Frhlingstag. Der Himmel hatte die +Erde noch einer grndlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das +Frhlingskleid ber die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune +besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden +lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in +einem Dorf bei Milch und Kse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus +der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch mig sitzen oder +liegen. Manchmal bemchtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit +der Felder wurde ihm dann drckend und nichtssagend. Lstig erschienen +ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Tler, die +sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die +schmutzigen Bauernhfe, das drftige Gras der Wiesen, der unbequeme +Ostwind, die neugierigen Kinder in den Drfern. Unruhe flammte in ihm +auf. + +Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurck. Noch hatte er +nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen +rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen. + +Ich habe erst gestern gehrt, da Sie hier sind, und zwar durch den +Brieftrger, sagte Hanka und drckte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und +Freude. Er schien grer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden, +sein Gesicht lnger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen +Ausdruck vollkommenen Ernstes. + +Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von +Befangenheit. Wo kommen Sie her? fragte er. Wo waren Sie solange? + +Ich war in Rom, Sizilien und Tunis, berichtete Hanka, und jetzt bin +ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist. + +So? Was fehlt ihr denn? + +Hanka zuckte die Achseln. Die Nerven, das Blut. + +Bleiben Sie lange hier? fragte er. Ist es Ihnen nicht langweilig? + +Arnold schttelte lchelnd den Kopf. Ich langweile mich nie, +antwortete er. + +Das ist ein groes Wort, meinte Hanka und nickte nachdenklich. Was +mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Mae. + +Die breite Behbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden +heraufbrummte, machte Arnold lachen. Jetzt darf man doch nicht mehr +klagen, sagte er. Schauen Sie sich doch um: Frhling! + +Seit drei Monaten habe ich Frhling und bin den blhenden Mandeln von +Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt. Mit +verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier +sah er quellend und in Blte, was in ihm selber eine Wste war. Hier +vermutete er naiven berschwang der Krfte und die Fruchtbarkeit eines +unbefangenen Geistes. Whrend seines langen Alleinseins hatte sich das +Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen +zugewandt als der Verkrperung alles dessen, was seiner Natur niemals +auch nur aus der Ferne hatte winken drfen. Ihm jetzt gegenberstehend, +sah er in sich selbst eine Gefahr fr Arnold und er beschlo, ihn zu +meiden. + +Wollen wir nicht abends fter zusammenkommen? fragte Arnold. Die +Abende sind sehr lang. Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht +hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war +geschehen. Errtend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem +Tadel auf dessen Zigarette blickend: Nie sieht man Sie ohne das Zeug. +Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefllt mir nicht. +Verzeihen Sie. + +Hanka lchelte gelassen. Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen, sagte +er stehen bleibend und sich verabschiedend. + +Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka, +als er allein war und sich dem Zaun des Vorgrtchens nherte. Er ffnete +die Gattertre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen. +Betroffen bckte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam +unter dem erkaltenden Federkleid, die Flgel waren schlaff ausgebreitet, +die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte +das kranke Wesen in die Kche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der +Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfu des Herdes, +dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der +unbegreiflichen Bewegung erfllt, welche Leben heit, glnzten nun +mineralisch leer. + +Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie +lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er +unterhielt sich mit ihr, erzhlte Reisegeschichten und machte sie +lachen. Agnes wute das Notwendigste ber ihres Bruder schnell +vergangene Ehe. Es waren darber nicht drei Stze gewechselt worden, und +Agnes war nicht so berrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah +ihn verndert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war. +Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefhlvoll. Hanka war +es im Grunde gleichgltig, wofr man ihn nahm. Der Sturm kann darber +erhaben sein, da ihn taube Ohren fr das Summen einer Fliege halten. + +Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag, sagte Agnes, sich +aufsttzend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden +Zweige der Bume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle, +nickte sie beglckt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie +hatte nie etwas anderes gelesen. Frher hatte Hanka die ihm altmodisch +erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem +faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber +hatte er eine bessere Ansicht darber gewonnen. + +Er entnahm der Bndereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte, +setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut +hren knne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge +berblickt hatte. Er schwieg und las fr sich: Sobald wir anfangen zu +leben, drckt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er +fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hren wir auf. O +strben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann +diejenigen, deren Pfeile noch fliegen. + +Mit erschrecktem Stirnrunzeln lie Hanka das Buch sinken. Er +entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn +qulte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, +nach ihrem Geschwtz und nach Spiel. Der weite Himmel drckte auf ihn +nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von +schwarzen Ameisen ber einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen +und in geteilten Haufen die roten Stcke fortzerrten. Voll Ekel wandte +er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn +im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten +sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine +parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte drre Zweige +lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Bltter leuchtete in der +Sonne. Die Spatzen lrmten und auf den Feldern schritt schon der +pflgende Bauer. + +Das Beisammensein der beiden Mnner trug den Ausdruck gegenseitiger, +natrlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwhnte, +da er sich die Zeit her um nichts gekmmert habe; er finde nicht die +Ruhe, es treibe ihn zu groen Geschften, die ein Wagnis und Einsetzen +verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Krftevermgen in +sich selber verzehre, kme man bald zur Schwche. Darum sei es ihm +zweifellos, da das Leben auf dem Lande fr junge Menschen, wenn nicht +gefhrlich, doch sehr einschrnkend sei. Arnold redete mit einer ganz +kleinen berspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur, +sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und +das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, da +ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschften +nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwrtig +sein ganzes Vermgen in Brsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er +keine Ttigkeit, sondern fhle sich faul und gleichmtig. Es entstand +ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne bergang die Geschichte mit dem +Husler Kubu berichtete. Hanka sagte: Solange es nur gute Menschen +gibt, die mit den Unglcklichen fhlen, ist nichts gewonnen fr die +Welt. Mit den Glcklichen zu fhlen, dazu mte man die Menschen +erziehen. + +Sie verabredeten fr den nchsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu +trg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur +bestimmten Stunde kam das Gefhrt zur Stelle, mit zwei dicken Gulen +bespannt. Langsam ging es ber die Heerstrae; der Tag war noch schner +als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch +geschlte Baumstmme lagen quer ber dem Graben und glnzten in der +Sonne wie Goldbarren. Die Strae war schmal. Hinter ihnen fuhr im +scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen +hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den +ganzen Wald mit Getse erfllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen, +schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam nher, auch die +Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brllten; ihre +beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nhmen sie an der Erregung +teil. Arnold ri dem Kutscher die Zgel aus der Hand; lachend trieb er +die dicken Gule vorwrts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild +dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den +nachstrmenden Pferden in die rtlich lohenden Augen. Seine +Gleichmtigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte +an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hngt, Tod unter und Tod ber +sich erblickt. + +Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und +Hanka kehrten auf einem nheren Weg gegen Podolin zurck. Eine +eigentmliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das +Ding, welches ihm das Herz auffra. + +Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold +bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflut, was Hanka +schweigend in sich verschlo. Er trieb wieder mathematische Studien. Er +spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten +spielt. ber all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die +Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und +erfllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rtsel ihrer Person +zu ergrnden und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln. + +Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief +Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, da sie fr sein langes +Ausbleiben keine andere Ursache vermuten knne, als da ihn ihr Haus +abgestoen und ihre Person verscheucht habe. Aber lieber Neffe und +Freund, wir knnen dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns. +Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschften ermdeten Kopf, indessen +du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte qult sich mit der +Befrchtung, da du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben +knnest, und auch mich drngt es, dir eine bessere Idee von Anna +Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Fr die +Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschlieen sollte, dem +sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B. + +Arnold war Anna Borromeo fast dankbar fr dieses Schreiben, durch +welches sein Schwanken beendigt und der Entschlu der Abreise bewirkt +wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen +Vorsatz mit. + + + + +Fnfundvierzigstes Kapitel + + +Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt +zurckkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am +letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht +der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es +vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn +zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, da es nicht leicht war, ihn zu +bertlpeln. Er sollte sich darber entscheiden, ob er ein Stck Acker +an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben +wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den +Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war. + +Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die +Strae hinaus. Ursula lie ein weies Handtuch flattern, das noch lange +zu sehen war. + +Ich bin froh, nun geht's wieder an die Arbeit, sagte Arnold. Weshalb +sind Sie so schlecht gelaunt? + +Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrielich auf dem +Hals. Es geht mir schief, antwortete er. Die Montanpapiere sind um +zehn Perzent zurckgegangen. + +Was werden Sie tun? + +Ich mu verkaufen. + +Und dann? + +Dann steht mir ein groes Unglck bevor, -- Arbeit. + +Arnold lachte. Schade, meinte er, Sie sind zum Miggang geboren. + +Wohlttig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lrm berhrt, als sie am +Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka. +Die Wrme des Lebens strmte ihm aus den Straen entgegen. Hier war es +nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder +nicht. + +In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepck, +und whrend dem trat Anna Borromeo unter die Tre. Mit groer Freude +streckte sie ihm beide Hnde entgegen und Arnold war sehr berrascht, in +ihr eine so schne Frau zu sehen, denn fr sein Auge war sie bisher nur +die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzhlte ihm Neuigkeiten, und obwohl +sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es +Arnold doch natrlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. +Anna war erstaunt darber, da er auch ihre halbgesprochenen Stze im +Stillen zu ergnzen wute, und da er jenes andeutungsreiche Wesen +begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen +Gewohnheiten entsteht. + +Spter las Arnold die Briefe, die fr ihn eingetroffen waren. Zuerst +nahm er Stck um Stck in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden +er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein +Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, da er in die +Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und da ihm wahrscheinlich +bald eine weitere Befrderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr +zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen. + +Geschftig rumte Arnold alle Bcher aus den Regalen, rief den Diener, +damit die Bnde abgestaubt wrden, und ordnete alles mit peinlicher +Sorgfalt nach Gre, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien +legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen +Drhte. Er lie die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche +klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flhen +und setzte alles im Haus in Bewegung. + +Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde +ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er +hin und fand ihn in trbseliger Laune. Hanka gestand ihm, da er den +grten Teil seines Vermgens an der Brse verloren habe. + +Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Pltzlich begann +Arnold von Verena zu erzhlen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar +in seinem Mund; gefrbt durch selbstschtiges Leiden, wirkten sie +romantisch und verzwickt. Schon die Befrchtung, ein Liebesabenteuerchen +wie hundert andere zu erzhlen, verwischte den natrlichen und so +ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte. +Er uerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den +Verlust seines Vermgens betrauerte er pltzlich Arnolds bertriebene +Beredsamkeit. Arnold fhlte es. In ziemlicher Erregung begann er von +neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets berhebt +man sich, wenn man loben mu, was man liebt, und Hanka wurde immer +mitrauischer und betrbter. So sehr er uerungen des Temperaments +achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab. + +Aber er begab sich des Nachdenkens darber und begngte sich mit der +Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorber wie man im +Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt. +Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste +vorbereiteter Geist von Schrecken erfllt war durch die Erwartung der +Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein +Handeln eigentlich durch ein alles umgrtendes Verantwortlichkeitsgefhl +erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schndlich ist es, +wenn deine Seele ermdet, ohne da dein Leib mde ist; und grbelte mit +dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist +gebietet dem Krper, und der Krper gehorcht; der Geist gebietet sich +selbst und findet Widerstand. + +Hankas einzige Zuflucht bildete das Glcksspiel. Er verbrauchte alle +Krfte seines Gemts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch. +Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden +Geist mit finsterm Beharren erfllte, das Ungefhr, das +vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefhr, +welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal, +das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und groen Gerichtshof fr +die Lebendigen bildet. Aber betrbte Spieler knnen nicht gewinnen. Er +hatte das Gefhl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen +verlor er gegen fnftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der +Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen +Kaltbltigkeit und sagte: Genug, ich werde keine Karte mehr berhren. + +Als ob er nun die Mauer zerstrt htte, die ihn von Arnold trennte, war +sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat, +sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bcher, +Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer +Leiter, der Diener war mit Packen beschftigt. Hollah! rief Arnold +herab, Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen. + +Ich sehe wenigstens, da Sie beschftigt sind, erwiderte Hanka etwas +verdrielich. + +Ich ziehe nmlich aus, erklrte Arnold, sprang mit einem Satz auf den +Boden und rollte eifrig einen Strick ber die Hand. Hier ist mir alles +zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man mu +atmen knnen. + +Da bin ich also berflssig, meinte Hanka; ich dachte, wir knnten +eine kleine Spazierfahrt unternehmen. + +Sehr gut! rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen +Wagen zu besorgen. Ich habe schon zu viel Staub geschluckt, sagte er +und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lcheln +die Hand drckte. + +Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier +verlassen, sagte Hanka kopfschttelnd. + +Es ist mir eben zu still, erwiderte Arnold. Alles ist alt und krumm +hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im +Boden. Es wird zu frh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das +ist nichts fr mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und +etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen +herausfallen. Er lachte, auch Hanka lchelte. + +Man kommt nicht zur Besinnung, sagte Arnold, als sie im Wagen saen, +der die Richtung gegen den Prater nahm. Und wie schn es heute ist, wie +gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung. + +So? erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedchtig in den vollkommen +blauen Himmel. + +Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch ber schlechtes Wetter? + +Ich schnurre, gab Hanka zurck, obwohl es mir dabei nicht so wohl +ist, wie es die Beschftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte. + +Der Kutscher lie die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste +geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen +zurckkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschne Frauengesichter +tauchten auf und Arnolds Mund ffnete sich begehrlich. Unersttlich im +Wunsch, lie er die Augen ber die Massen hingleiten, welche sich auf +den Fuwegen drngten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen +schneller schlagen lassen knnte. Keiner wei vom andern, jeder birgt in +sich die grte Flle der Bitterkeit, des Lebensberdrusses und der +Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fhigkeit auf ein Ziel zu +richten, ttig nach auen werden zu lassen, was zerstrend im Innern +wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen. + +Sie fuhren zurck gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. Anna +Borromeo hat mich lngst gebeten, Sie zu ihr zu fhren. Sie vermutet in +Ihnen einen Philosophen. Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg +ihren Lenden, gleichwie auch von den Straen der schwle Dampf der +Arbeit emporstieg. + +Ah, Besuche und noch dazu Damen, sagte Arnold im Vorzimmer der +Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen +Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde +selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht. + + + + +Sechsundvierzigstes Kapitel + + +Es wurde ber ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten +stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der +Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden +Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken. + +Es ist auch beschlossen worden, da du dem Komitee beitrittst, sagte +Anna Borromeo. + +Beschlossen worden? + +Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen, sagte die +Baronin. + +Aber hauptschlich sollen Sie mitspielen, fgte Valescott hinzu. + +Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht, erwiderte Arnold +verlegen. + +Das ist berflssig. Es gengt, da Sie gut gewachsen sind. Sie sollen +nur Figur machen. + +Also ungefhr das Beschwerlichste, was es gibt, meinte Hanka trocken. + +Alle lachten, ausgenommen die ltere der Baronessen, deren kluges und +etwas verdrossenes Gesicht sich blo fr einen Augenblick erhellte. + +Ich glaube sogar, Sie mten den Narzi geben, fuhr Valescott eifrig +fort. Das Spiel behandelt nmlich die Sache vom Narzi in etwas +modernisierter Form, ins Barock bersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage +zu mir, wir wollen darber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu +tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler +gesprochen. + +Was sagen Sie dazu, Hanka? fragte Arnold lachend. + +Hanka zuckte die Achseln. Pltzlich stand er auf und verabschiedete +sich. Er wurde mit Klte entlassen. + +So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden, sagte Anna Borromeo, als +er fort war. + +Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte. + +Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom +Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig. + +Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der +soeben an ihm vorbergegangen war; einen langen Bart und trbe, fast +erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es +gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr +einholen. Er blickte in die Hausgnge, schaute durch die Glastren in +die Lden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewhl stehen. +Und pltzlich sah er die Erscheinung, zurckkehrend, zum zweitenmal, -- +es war nicht Elasser; eine hnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte +seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nchste +Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an +den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die +Strae betrat. + +Am nchsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren +berall noch Leute beschftigt. Kostbare Gegenstnde lagen umher wie im +Laden eines Trdlers. + +Sie treffen Anstalten, das Geschft zu vergrern, meinte Hanka und +machte einen Riesenschritt ber eine flache Kiste. Arnold fhrte ihn +durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollstndig finstern Raum und +sagte: Passen Sie auf. Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen +auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf +breitem Postament der marmorne Antinous. + +Wo haben Sie das Ding her? fragte Hanka nach einigem Stillschweigen. + +Es hat dem reichen Pottgieer gehrt. + +Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft? +Eine wertvolle Sache. + +Wie gefllt es Ihnen, Hanka? fragte Arnold fast schchtern. + +Ganz gut. Sehr schn, -- vorausgesetzt, da Sie keine Tendenz damit +verbinden. + +Was soll das heien? + +Ich meine, etwa Griechentum, Schnheit und so weiter. Hanka ging mit +seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hnde fest auf die +Hftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung, +ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei +Ebenholzkugeln glichen. + +Und wenn ichs tte --? erwiderte Arnold. Ich wei nichts davon, aber +wenn ichs tte --? + +Hanka blieb stehen. Es wre nicht weiter schlimm, sagte er. Ich meine +nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir mssen +unsere Ideale viel niedriger hngen. Es ist fr uns schon Ideal genug, +ein anstndiger Mensch zu sein. brigens, fgte er hinzu, mit einer +eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt htten, +wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen --, dort? + +Ich denke nein, entgegnete Arnold. + +Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und +blickte auf die Statue. + +Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn +sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte +er jetzt nichts anderes als den gemeielten Stein darin. Er lauschte +gegen die Straen. Ein leises, unvernderliches Kochen, Surren und +Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die tuschende Stille. Dort +war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersttlicher Hunger erfllte Arnolds +Brust. Ohne Zgern htte er all das Unbekannte an sich reien mgen, +anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glck, nicht Befriedigung, +nicht Ausfllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war +es, wonach dies Unersttliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es +benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen, +fr den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verchtlicher Bissen, +die Umarmung der Psyche kaum ein Trpfchen Erquickung bedeutet htte. Im +Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben, +schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausflle. Was ihn +ehedem hatte erglhen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals +begehrt, bettelhaft. Zahllose Wnsche waren beschftigt, ihm ein +reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzckter +Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam +es, da aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine +Spinne, deren feine Fden das Herz umspannen und es kalt und lustlos +machten? + +Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der vernderten Anlage +eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu khnen Unternehmungen; +was er anpackte, ging den glcklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den +Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung. +Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander +gegenber. Beide waren bla. + +Verzeiht, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit +einem durchbohrenden Blick ihrer glhendblauen Augen an, Borromeo +lchelte dnn und leer. + +Habt ihr zu sprechen? fragte Anna Borromeo. Mit einem trgen Nicken +gegen Arnold verlie sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der +Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand. + +Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit +halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf +und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrcken den Bart unter dem Kinn +empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zhne. Dann blieb er +stehen, lauschte, ffnete die Tre, durch welche Anna gegangen war, und +finster lag der groe Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur +zweiten Tre, die er gleichfalls ffnete, aber nach kurzem Hinausstarren +wieder schlo. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hngenden Armen, +im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold. + +Du hast mir noch nichts von Podolin erzhlt, sagte er. Er hatte etwas +ganz anderes unterdrckt, das ihm zu sagen nher lag. + +Es hat sich nichts verndert, antwortete Arnold. Der Verwalter +scheint mir nicht zuverlssig, Ursula wird alt. Ich mchte das Ganze +losschlagen. Es ist ein Stein am Hals. + +Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen. +Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen Knig heraus, den er dster +betrachtete. + +Was denkst du dazu? fragte Arnold. + +Borromeo schttelte sanft den Kopf. Ich kann nicht raten, sagte er +leise. Ich bedrfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat +verkaufen? + +Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm +gegen die eisige Trauer dieses Mannes. + +Ich bedrfte selbst des Rates, wiederholte Borromeo. + +Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den +verehrenden, klaren, glubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fhlte. +Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute +wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen +ob sein Bild auch wirklich darin sei. + + + + +Siebenundvierzigstes Kapitel + + +Arnold trumte, er stehe auf einem glsernen Feld und bei jedem Schritt, +den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurck. +ber diesen Bemhungen erwachte er und versprte Kopfschmerzen. Er +konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las. +Whrend des Lesens fate er den Plan, in der neuen Wohnung alle +Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschftigte sich +mit der Zusammenstellung kstlicher Speisen und seine Phantasie +schmckte im voraus die Rume. Antinous sollte eine Rosenguirlande ber +der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, +viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am +Morgen zur Universitt, um eine Vorlesung zu hren, schrieb fleiig mit +und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes. + +Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort fr sich hatte +kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nhe der Oper +lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust +bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen fr ihn +in der Luft. Es machte ihm Vergngen, einen Kellner zu beobachten, der +vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch sa, +gewahrte er gegenber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und +Beate. Specht grte mit einem nachlssigen kalten Neigen seines +Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroe +Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrnes Tuchkleid in +englischer Machart. Ihr Gesicht war auerordentlich bleich, mde, +langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten +Anstndigkeit. Als Arnold grte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht. +Specht schien innerlich zu kmpfen; er flsterte mit Beate, nach einer +Weile kam er herber und drckte Arnold die Hand. Er zeigte eine +boshafte Frmlichkeit in seinem Benehmen. + +Es scheint Ihnen gut zu gehen? sagte Arnold. Seine Miene suchte jede +berflssige Annherung im voraus abzuweisen. + +Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes, erzhlte Specht und nahm mit +einer leichten Verbeugung Platz. Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich +hre, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine +Schulter. Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert, +erzhlt man sich. + +Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weie Fleisch +sorgsam von den Grten. Er lchelte. + +brigens mu ich Ihnen etwas mitteilen, sagte Maxim Specht pltzlich +in heiterer Belebtheit, und es ist gut, da ich Sie treffe. Eine ganz +unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte +mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten +nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes +Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner +nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin, +der Kellner, der mich sehr gut kennt, lt mich vorbeigehen, und ich +hre schon von weitem unsere Gesellschaft lrmen. Da passiert mir das +Unglck, ich mu die Nummer des Zimmers vergessen haben, da ich nun +eine falsche Tre ffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron +Valescott und -- + +Nicht weiter Specht! rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den +Tisch. + +Specht senkte die hochgewlbten Lider und sagte: Namen sind verpnt, +Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah spter +noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier, +es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim +Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht ber den dummen Irrtum, der +mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie knnten hier ebenso +erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenber. Die +Wahrheit ist eine sehr schne Sache, besonders wenn man fr sie einsteht +... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn. + +Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Elust eingebt, zahlte +und ging. Zorn gegen Specht erfllte ihn, Unschlssigkeit, Trauer, +allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich +ein wohlttiger Schleier ber das unharmonische Wogen der Gefhle. + +Es war vier Uhr und er entschlo sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus, +welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer +jener alten verwitterten Palste, deren ursprngliche Majestt, in eine +enge, finstere, wurmartig gekrmmte Gasse verdrngt, sich ganz in +Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold gefhrt wurde, +war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wnde und eine stuckverkleidete +Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der +Diener kam zurck und sagte, der Herr Baron msse jeden Augenblick +zurckkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge mge bestimmt auf ihn +warten. + +Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame +Gasse hinab. Whrend er bemht war, einem bestimmten Gedanken Einla in +sein Gehirn zu verwehren, ertnte ein Klavier im Nebenraum und ein +wiegender Gesang, sehr gedmpft durch die geschlossene Tre und die +dicke Portiere. Arnold ging zur Tr und lauschte. Es war eine +Mdchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lchelnd schob er die +Portiere beiseite, drckte auf die Klinke, ffnete behutsam und steckte +den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ltere Valescott sa am Klavier +und spielte mit einer mden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des +Krpers. Das brnette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing +tief ber den Nacken und gab der Gestalt von rckwrts etwas +Nachlssig-Vertrumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges +Mdchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten +einander zag bei den Hnden. Die ltere der beiden war im Straenkleid; +die jngste trug ein Kostm, kurzes lila Rckchen, zu den Knieen +reichend, violette Strmpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe. +Das braune Haar war mit violetten Stiefmtterchen bekrnzt, und in der +Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefllt mit denselben Blumen. + +Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Tre. Sie schrie und lief +davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der +zweiten Schwester im Verein. Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal +eingebrochen sind, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die +lteste blieb still mit rckwrts verschrnkten Armen am Flgel stehen. +In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn. +Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte +den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander +entgegenwirkenden Krfte gestrt wurde. Ein seltsames Gemisch von +Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend. + +Arnold drckte beiden die Hand und sagte: Nun wei ich noch nicht +einmal Ihre Namen. + +Raten Sie, sagte die lteste fast streng. + +Er riet, -- stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die +Mdchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hie die lteste, Dora die zweite +und die jngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia. + +Sind Sie denn allein zu Hause? fragte Arnold. + +Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen, antwortete Dora. +Jedenfalls mssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht blich, auf +diese Art Herrenbesuche zu empfangen, -- sie lachte, -- aber bei Ihnen +wollen wir eine Ausnahme machen. + +Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen +Mollakkord an. + +Sind Sie eigentlich schon lange in Wien? fragte Dora, indem sie Platz +nahm. Erzhlen Sie uns doch etwas. Wir hren gern Geschichten. + +Geschichten wei ich nicht, erwiderte Arnold. + +Dann erzhlen Sie Wahrheiten oder Lgen oder Trume. Dora lachte. + +Es ist sehr schwer, nicht zu lgen, wenn man Trume erzhlt, sagte +Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar +ein wenig schwrmerisches Lcheln wich nicht von seinen Lippen. Das +gerade schien die Mdchen wunderbar zu berhren. Dora blickte voll +ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz +ber die Schulter zurckgeschaut, nun legte sie die Hnde in den Scho +und lauschte. Ich erinnere mich, begann Arnold, einst hatte ich einen +sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grne Pferde. Auf einer +Mauer stand geschrieben: diese Pferde knnen sprechen. Eine Glocke hing +ber der Mauer und sobald die Glocke tnte, machte das eine Pferd sein +Maul auf und sagte: wer reiner Hnde ist, mehrt die Kraft. Ich frchtete +mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich +Trume. + +Wo waren Sie denn da? fragte Dora. + +In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine +Ebene, Wald, ein Hgel, ein schmutziger Flu. Aber wenn ich +zurckdenke --! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes. +Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nhe der wilden Kapelle, wie +sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht +mich aber nicht und grbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei, +niemals dacht ich ber etwas nach. Ein paar Tage spter heit es, der +Waldhofbuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr +angezeigt, da bei der wilden Kapelle ein wunderttiger Rosenkranz +vergraben ist. Am Sonntag strmen Tausende aus allen Drfern hinaus, die +bucklige alte Buerin voraus. Ein schreckliches Gedrnge entsteht bei +der Kapelle, die Alte betet, dann grbt sie und grbt mit bloen Fingern +die Erde, die tausend Mnner, Weiber und Kinder knieen hin, weinen, +beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Hnden in den Boden, +als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hlt. Hunderte +fallen ber sie her, reien ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt +eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern +kssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen +Menschen. + +Die Mdchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter +Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden. + +Mademoiselle Dora! rief eine krhende Stimme vom Flur. + +Dora erhob sich. Die Franzsin, sagte sie geringschtzig und ging +hinaus. + +Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: Warum +spielen Sie nicht? + +Was lieben Sie? entgegnete das junge Mdchen, indem es ihn mit +prfenden Augen ansah und die linke Hand rckwrts auf den Haarknoten +legte. + +Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie kten +einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trb vor sich hin. + + + + +Achtundvierzigstes Kapitel + + +Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog +Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe. +Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drckte er ihm die Hand. + +Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin +sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung +Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrte sie die +beiden Besucher, einen Herrn von Grden und den alten Baron Drusius. Der +Tisch zum Tee war gedeckt. + +Die beiden jungen Mdchen saen nebeneinander. Drusius knackte wie immer +mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen +Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von +Grden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und +freundliche, hflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend +an Arnold. Herr Ansorge, -- wenn ich recht verstanden habe --? sagte +er. Haben Sie Verwandte dort oben in Mhren in ... Podolin? + +Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause, erwiderte Arnold. + +Herr von Grden rusperte sich. Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt +in der Nhe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen. + +Ja, es ist ein altes Dorf, erwiderte Arnold. + +Gott verzeih mir, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem +Aufschlagen seiner Augen fort, es war eine schreckliche Zeit. Nichts +als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr +Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affre mit dem Juden Elasser --? +Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so +starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst? + +Jawohl, erwiderte Arnold. + +Das ist mir ein Rtsel, fuhr Herr von Grden mit aufrichtigem +Erstaunen fort. Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich +nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ... + +Specht? + +Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzhlt. + +Alle blickten auf Arnold. + +Warum ist Ihnen das ein Rtsel? entgegnete Arnold, der sich ein wenig +verfrbt hatte. Es handelte sich doch um ffentlichen Raub --? Er +heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann. + +Ja, ja, ja! ganz gewi, natrlich, sagte Herr von Grden bereitwillig, +aber immerhin, das verrottete jdische Gesindel mu ein wenig +gepeitscht werden. Sie mssen mir doch zugeben, da diese Leute nicht +unserer differenzierten Empfindung zugnglich sind. Das Mdchen wird es +im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie +aufgewachsen ist. Der ganze Lrm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war +doch nur eine verabredete Komdie. Sie mssen doch zugeben -- + +Ich gebe nichts zu, unterbrach ihn Arnold. Wie knnen Sie so +sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum +erstenmal davon hrte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das +gewi nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie knnen +Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf +angewiesen ist, da man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. +Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre +Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure +Versndigung brig, da kein Gedanke sich daran gewhnen kann. Ich +konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie +unter einem furchtbaren Futritt. Man raubt ein Kind, man will es +zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was fr +eine Religion, das ist doch gleichgltig, und nichts geschieht, keine +Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird bswillig erstickt. Und Sie reden +von Komdie! + +Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem +Gefhl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch +verschaffte. + +Drusius klopfte ihm auf die Schulter. Wacker, sagte er, ein wackeres +Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der +Teufel! Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die +unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand ber den +Tisch und sagte mit verbindlichem Lcheln: Sie haben mir aus dem Herzen +gesprochen. + +Herr von Grden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und +nahm ziemlich verstimmt Abschied. + +Wir haben nicht viel Zeit, sagte die Baronin zu ihren Tchtern, die +Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht +Vergngen, mit in unsere Loge zu kommen --? + +Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es wrde zu spt werden, bis +er sich umgekleidet htte. Aber der Leutnant drngte ihn und erbot sich, +ihn zu begleiten. + +Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straen von allem mglichen. +Er war uerlich von sehr angenehmer Wirkung, hbsch, auerordentlich +gepflegt und besa eine angeborene Liebenswrdigkeit. Schlielich +erzhlte er Weibergeschichten. Am liebsten hab ich mit verheirateten +Frauen zu tun, sagte er khl und wissenschaftlich, es ist oft +gefhrlich, gewi, aber in den meisten Fllen bequem. Sie werden ja die +Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefhl steht in einem +vollkommen richtigen Verhltnis zu dem, was an Gefhl verlangt wird. + +Arnold berhrte die Schamlosigkeit dieses Gestndnisses erstaunlich. Er +blieb pltzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an +das heutige Gesprch mit Specht und den Rcken hinab rieselte etwas wie +ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug +her, da er eine entrstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte +Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und +hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrstung, Zorn, Emprung -- kleine +Aderlsse fr das berstrmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte +nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den +Moralisten machen. Man wre lcherlich erschienen, und nur nicht +lcherlich werden, alles nur das nicht. + +Aber Arnold war aufrichtig betrbt. Er zog mit groer Eile seinen Frack +an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrbt, da er falsche +Knpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten +lang niedersetzte, um nachzudenken. + +Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine +Blicke ber die Reihe der geschmckten Damen schweifen lie, die an den +Brstungen der Logen saen, empfand er wieder jenes berauschende +Machtgefhl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer +sein frechster Traum umspannt. + +Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin whrend der Pausen +zu besuchen. Er bemerkte wohl, da er Eindruck machte. Er mhte sich, +herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die +er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehrte, beobachtete +er sich und hielt sich fest im Zaum. Da er sich gegen Felicia hatte +hinreien lassen, bereute er, denn er fand es unwrdig, mit einer +lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich +zurck und das rgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine +Heiterkeit und eine gewisse liebenswrdige Vertieftheit, die sie nie +zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt. + +Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die +Nchte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in +Bestrzung, wenn er berlegte, wie wenig auch bei der gnstigsten Fgung +von diesem Reichtum fr ihn abfallen konnte. + +Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden +Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es +zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen +dstern Flur kam er in ein groes, gewlbeartiges Zimmer mit plumpen +Mbeln und hohen Regalen, in denen die Bcherreihen pedantisch geordnet +standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel, +Borromeo gegenber, dessen Bart heute besonders steifgebgelt schien, +whrend die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fhlte seine Strke, +seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewlbe doppelt. Da +geschah das Grausige, da nach den ersten Worten, die Arnold geredet, +ein heftiger Donnerschlag ertnte. Arnold hatte nichts von einem +Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mute sich das Wetter geballt +haben. Er hrte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem +Innern: Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen +werden ... Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte +Arnold. + +Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung, sagte Borromeo, +nachdem er flchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des +Donners nachgelauscht hatte, aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich +habe mich erkundigt, -- man zuckt die Achseln. + +Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich +reden? dachte er und wute doch schon, da er nicht reden wrde. Er +blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: Die Konjunktur +ist aber gnstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das brige +ist Sache des Glcks. + +Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr +ber Arnold. + + + + +Neunundvierzigstes Kapitel + + +Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des groen +Blumenfestes gehrt, als sie, von einer schwindelnden Aufregung +ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu +drfen. Es gelang ihr, der Frstin-Protektorin vorgestellt zu werden, +ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglckt eilte sie nach +Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt fr +Zuckerwaren erhalten. + +Noch die Tre in der Hand, rief sie atemlos: Petra, denk dir --! Und +sie erzhlte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerhrt von den +Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, da es unrecht sei, bei +der tglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergngungen zu +denken. Petra hatte Pflichtgefhl. + +Natalie hatte kein Pflichtgefhl. Sie war von allen Wrmegraden +abhngig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre +Kinder, ihr Haushalt, alles war fr sie eine niedliche, bald +unterhaltende, bald langweilige Spielerei. + +Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Fr nichts +anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schn +bleiben werde, und jeden, bis zum Bckerjungen und zur Milchfrau +ersuchte sie um ausfhrliche Meinung darber. Sie bezog das ganze +Weltall auf das Gelingen ihrer Wnsche. + +So rckte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und +sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus +blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es flo wie +Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwlf Uhr kam die +Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar +verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher ber +der Brust ein rundes Medaillon mit einem schnen Edelstein befestigt +war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknpfen eine Viertelstunde +dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strmpfe an den +Fen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und +Petra mit Kartenspielen beschftigt waren. + +Frau Knig lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem groen Ballon, +welchen die Wrterin hielt. Sie lie beim Eintritt Natalies das Saugrohr +sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zrtliches Lcheln nicht +verschnt, sondern entstellt. Natalie, mein Kind, du gehst zum +Vergngen. Recht hast du, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen +Krchzen. Auch ich war vergngt in deinem Alter. Und du, Petra, mein +Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist +ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer berlegt und +taktvoll. + +Sprich nicht so viel, Mama, sagte Petra stirnrunzelnd. + +Natalie stand beschmt und rgerlich da wie ein Snger, der bemerkt, da +er vor tauben Ohren singt. Glaubst du, da das Kleid zu tief +ausgeschnitten ist? fragte sie ihren Mann. + +Meine liebe Natalie, erwiderte Osterburg rauflustig, ich habe andere +Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich wei nicht, ob irgend ein Mensch +in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich -- Er rieb sein +Knie. Du bist eine leichtsinnige Frau, fuhr er wtend fort, ich traue +mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du -- Alle starrten ihn entsetzt +an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wrterin +und begann pltzlich franzsisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors# +die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen. + +Frau Knig verfolgte mit stillem Ha dies Gesprch. Sie glaubte weder +an ihre Krankheit noch glaubte sie, da sie je wrde sterben mssen. Da +sie so liegen mute und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem +Zusammenwirken boshafter Umstnde zu, und sie hate die eigenen Kinder, +wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heit, mitzuleben. Es gab nur +einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt. +Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod +machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es +verstand: da man in der Frhe gemtlich Kaffee trank, dann die +Klatschereien hrte, mit Behagen beim Mittagstisch sa, nachmittags in +die Geschfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der +Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen, +zwei Glser mit Wasser auf dem Nachttisch. So htte sie es gern ein paar +tausend Jahre lang getrieben. + +Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch +zu frher Stunde in den festlich geschmckten Park des Belvedere-Schlosses. +Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das +grne Laub, nicht die Blumenkrnze, die sich von Baum zu Baum spannten, +nicht die Wasserknste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die +neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel fr +ihre eigene geschmckte Person, und sie lchelte, lchelte wie im +Schlaf, wute kaum, da sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was +zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und +nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in +die Welt. So htte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt. + +Sie trank braunen, eisgekhlten, sen Kaffee und weischaumige Torte, +beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lcheln die Fragen eines +jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts +anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote +dafr. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begren. Sie hatte eine +Glckslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein +Kleid, wei wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, ber den +Hften durch einen kostbaren mit fnf Smaragden besteckten Grtel +zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt +etwas Knigliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter +blulichen Blutgefen vibrierenden Hals verstrkt wurde. + +Wo ist Herr Ansorge? fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht +drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der +schneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold +im Gesprch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne +vor Natalie. Geqult musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen, +deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfllte. Arnold kam herber +und sagte: Sie sind schn, Frau Natalie, und diese Worte gengten, sie +zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch +nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den +Schultern herab. + +Bald war ihr rosenbekrnztes Verkaufszelt dicht umdrngt. Grfinnen, +Frstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gru zu +tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und lie sich die anmutige Dame +vorstellen, junge Kavaliere nherten sich dienstbeflissen. Sie sprhte +von Geist; die Triumphe betubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine +fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebhrenden +Ehren empfngt. + +Drei Musikkapellen spielten, auf drei Pltze des Gartens verteilt. Sich +auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzckt einem Walzer, als sie +unter dem Menschenstrom, der sich heranwlzte, ihren Mann bemerkte, +dessen Augen hastig unter den Zeltdchern umherblickten. Dieser dstere, +unheilvolle Blick ihres Gatten berhrte wie ein eisiger Anhauch Natalies +Stirn und Wangen. Sie hatte vollstndig vergessen, da sie mit diesem +Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein +Peitschenschlag. + +Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrngt hatte, sagte er: +Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ... + +Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als wrde sie pltzlich blind +vor Schrecken. Ihre Augen fllten sich mit Trnen; sie rhrte sich nicht +von der Stelle. + +Du mut kommen, drngte Osterburg, whrend er zu gleicher Zeit +neugierig und begehrlich um sich blickte. Die Mutter hat einen +furchtbaren Anfall ... + +Es ist sicher nicht rger als sonst, erwiderte Natalie vorwurfsvoll. +Nur noch bis der Kaiser kommt, la mich hier. + +Osterburg htte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem +festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn +hergefhrt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Hnden +warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen +zrnte sie der Mutter. + +Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller +zum Ausgang fhrten. Wohin? wohin? rief er. + +Natalie schluchzte wie ein Kind. + +Arnold schaute Natalie bestrzt nach. Dann bahnte er sich durch die +immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen +Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein +einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme. + +Was zahlt man fr ein Los? fragte Arnold, vor das Zelt tretend. + +Das steht bei Ihnen, erwiderte Dora. + +Er warf fnf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum +zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein +der Brieftasche und whlte dafr zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen +Neugierige und stellten sich hastig drngend in engem Halbkreis auf. +Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren +sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen. +Ich habe kein Geld mehr, sagte Arnold und blickte sich um. Aber +Kredit, so viel Sie wollen! rief Dora. Er nahm lachend zwei Hnde voll +Lose und schrieb einen Schuldzettel ber fnfhundert Gulden. Bravo +Narzi! rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war; +die Damen klatschten in die Hnde, und einige waren ihm behlflich, die +Rllchen zu ffnen. Die Leute drngten sich nher. Arnold griff nach +beiden noch gefllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den +leicht fliegenden Inhalt ber die Kpfe der Leute hinweg. Unzhlige +Hnde streckten sich aus, und in bengstigender Kreiselbewegung drehte +sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen +erschallte der Ruf: Der Kaiser! Der Kaiser! + +Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten +schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch +welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold +durch den Krper. Wie in einem frheren Dasein sah er sich selbst, mit +trichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen +blickend. Nun stand der Frst kaum fnf Schritte weit, nickte lchelnd +und ging vorber, durch das schweigende Volk. + +Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war +Feuerwerk. + +Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im +Schlo, um die Tnze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter +den Bumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens. + +Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus +der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der +Menschen, des Volkes, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold +zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rckwrts umfat, und eine +Stimme flsterte: Schon lange, schon lange lieb ich dich. + +Als er sich umwandte, lieen ihn die Arme los, ein weies Kleid rauschte +durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem +goldenen Grtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter +Lichtstrahlen. + +Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lchelnd stehen. Wohl ahnte +er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst +htte er niederstrzen mssen ins Gras, um Gott zu bitten, da er ihn +flchten lasse oder die Seele in einen strkeren Krper presse. Er hob +seine Augen eine Sekunde lang demtig zum Himmel. + + + + +Fnfzigstes Kapitel + + +Die Tage schlichen gleichmig vorber. Arnold machte viele Besuche, +aber selten vermochte ihn ein Gesprch zu fesseln. Ein paarmal suchte er +Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden +suchte, aber der krnkliche Mann erregte seinen Widerwillen. + +Er nahm an den Zusammenknften einer Anzahl von Schauspielern und +sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nchtelang umher und machte +sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er bte wie jeder +Kritik an jedem und urteilte schlecht ber den, dem er soeben vertraut. +Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die +witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das +Gewhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde fr +eine ursprngliche Natur erklrt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge +schttelte er diese Anhnger von sich ab und kehrte auf die reinlichere +Schwelle der guten Gesellschaft zurck. Er wollte unterbrochene Arbeiten +vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle. +Wnsche traten an die Stelle der Plne. Leere Verabredungen trieben ihn +auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprchig, +unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde grer; +er machte Reiseplne und verwarf sie wieder in der Befrchtung, +Wichtiges zu versumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schlo; +offenen Auges stie sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Znkereien +wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag, +ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch +die der Selbstbeherrschung, denn sie ntigte zur Heuchelei. Mitten in +einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in +diesen Rumen widerwrtig zu finden. Er beschlo Hanka aufzusuchen, den +er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so fhrte +er seinen Vorsatz aus. + +Im Hotel erhielt er die Auskunft, da Hanka nicht mehr dort wohne, +sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen +und fuhr hin. Die Kchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. Wecken +Sie ihn nur auf, erwiderte Arnold, es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein +Freund sei da. + +Hanka rkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: Nun, mein +Teurer, was fhrt Sie zu mir? + +Ich wollte mich nur berzeugen, ob Sie noch am Leben sind, antwortete +Arnold und nahm neben dem Bett Platz. Weshalb machen Sie sich +unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen? + +Hanka richtete sich ein wenig empor und sttzte den Kopf auf den Arm. +Es ist kein gutes Zeichen fr Ihr geistiges Wohlbefinden, da Sie +gerade mich suchen, sagte er. + +Unsinn, versetzte Arnold. Stehen Sie auf und reden wir vernnftig. + +Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit klglichem Gesicht +seine dnnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. Was treiben +Sie? orgelte seine tiefe Stimme. Haben Sie noch immer so groen +Lebensappetit? + +Arnold deutete auf ein lbildnis an der Wand und fragte: Wer ist das? + +Hanka wusch sich und entgegnete prustend: Das ist ein Mann, der frher +oder spter wahnsinnig werden wird. + +Und deshalb hngt sein Bild hier? + +Jawohl. Fr den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen, +der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit. + +Sie gingen zusammen zum Essen, saen im Kaffeehaus, blieben den Abend +ber beieinander und trennten sich erst in der Nacht. + +Hanka sah wohl, da Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er +bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem +Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon +geben kann, je rmer wird er daran werden; ein sonderbares +Rechenexempel. + +Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er +das Ende voraus und frchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Ha +und Wrdelosigkeit verzerrt, und die Schnheit atmete ihm schon Fulnis +entgegen. Ihm htte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in +welcher das Wasser nicht die Erde hhlt und nicht der Freund einst zum +Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod +neigte und an den Gesetzen der Vernderung teilnahm. Er sah das Wasser +schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lcheln, kein +Entschlu, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und +verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Hrchen des Krpers, welches +nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte. + +Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen +profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die +Formel entgegen, und zu anderer Zeit stie er alles Lehrwerk wie +morsche Hlzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und +der Idee. + +Arnold kmpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu +hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare +Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm +in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mute, da er um etwas ganz +anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige +berlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach +Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er frchtete +sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor +der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft frchtet. Eines +Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine +Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen: +#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat +die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente +gefahren, kehrte ich zurck. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in +ihrem hellsten Schein. + +Arnold las es und fragte ironisch: Was ist das fr ein Geschwtz? +Schmen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben? Er nahm den +Pappendeckel und lie ihn geringschtzig fallen. + +Hanka erwiderte ebenso bedchtig wie nachsichtig: Das ist ein Spruch +aus den Isis-Mysterien, mein Teurer. + +Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Vernderung in Arnold, so +da er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn +getroffen, gro, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in +mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke --? fliehst du +vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer +fremden Wohnung niederlassen? + +Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. Vergessen? +gnzlich vergessen? schrieb Hyrtl. Vor einigen Tagen dachte ich wieder +an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch! +Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gnzlich +verlassen, sitze zu Hause und bin bel dran. Das beste Backwerk Europas +la ich fr Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, knnen Sie +bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten +keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir +zu Ende gehen. Ihr Hyrtl. + +Gleichgltig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben +erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch +wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier +hielt es ihn nicht lange. Die Strae lockte ihn. Langsam schlenderte er +durch die Dmmerung, kehrte aber bald nach Hause zurck, denn zum +Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener +und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: Gndiger Herr, es ist etwas +passiert. Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging +voraus und ffnete die Tre zu dem Raum, worin der Antinous sich befand. +Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und +der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schnen Geberde +neben dem Leib. Es erwies sich, da die beiden Diener whrend seiner +Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergngt hatten. Sie waren +an die Statue gestoen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold +sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor +die Trmmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und +untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglck sei nicht gro, +es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte +Arnolds Niedergeschlagenheit. Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge +so sehr? fragte er etwas ungeduldig. + + + + +Einundfnfzigstes Kapitel + + +Sie gingen in das Speisezimmer. Whrend des Essens erzhlte Hanka, da +ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstnde, die Vereinfachung +seiner Lebensweise nicht viel gentzt habe. Er habe noch +Schuldverpflichtungen im Betrag von fnfzehntausend Gulden. Auerdem +stehe noch die Zahlung an seine frhere Gattin aus, und da drfe er +nicht lange zgern, schaltete er bitter ein, wo die Moralitt eine +Geldfrage sei. Er schrecke davor zurck, sich an seine Schwester Agnes +zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die +leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschttert +werden knne. + +Arnold hrte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprchsstoff suchend, +erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn +zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: +Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen? + +Arnold zuckte die Achseln. Der Mann lgt, sagte er kalt. Nicht der +Tat nach, sondern dem Gefhl nach. + +So lgt man nicht, antwortete Hanka kopfschttelnd. In frherer Zeit +bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. +Er ist ein gutmtiger Mensch. + +Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit, sagte Arnold lebhaft, er wrde +mit Vergngen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben +knnte. + +Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich berrascht ins Gesicht. + +Sie sind ja ein Psycholog, erwiderte er. Aber das ist eigentlich +nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und +einen Menschen fr alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut. + +Arnold wollte etwas entgegnen, doch es lutete drauen, und darnach kam +der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an. + +Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und +setzte sich. Kinder, wenn ihr wtet, was es heit, allein zu sein! +sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen +versuchte. Man sieht Gesichter in der Luft, die Wnde schrumpfen +zusammen, das Zimmer wird bodenlos. Hyrtls Augen lagen tief und irrten +angstvoll in den Hhlen, und auf der Stirne brach bestndig Schwei +hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka +hrte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen +Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dnnen +Kegeln emporblies. + +Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster? wandte sich Hyrtl an Arnold +und in seinem Blick glhte ehrliche Freundschaft, rhrende Hingebung. Er +sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei +zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben +sieht. + +Gut, sehr gut, antwortete Arnold trocken. Und Sie, Sie sind krank wie +immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen +schdlich ist? Welche Widersprche! + +Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr ntzen knne. +Jetzt ist mir wieder wohl, sagte er. Ich habe meinen Arzt betrogen +und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun, +was wollen Sie, ich bin ein Schwchling. Und Sie, Doktor, wandte er +sich an Hanka, was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch, +bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rcksichtslos ins +Gesicht zu loben. Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wre, fr Hanka +mte man es erfinden. + +Errtend, wirklich errtend, legte Hanka ein Bein ber das andere. +Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, da ihm Trnen in die Augen +traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zrtlich um Arnolds Nacken +und ttschelte dessen Wange. Erinnern Sie sich an unsere hbschen +Abende? fragte er. Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch +eine Schnheit! Wo ist sie? wo ist Verena? + +Sie sind wieder einmal kindisch, sagte Arnold mit einem fast drohenden +Blick und schob Hyrtl von sich weg. + +Ich sehne mich nach einem Stck Wald, sagte Hyrtl umhergehend, und +ich mchte fr mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag ber Land +fahren. Mein Wagen steht zur Verfgung, wir essen drauen in aller +Gemtlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so +finster ...! + +Arnold schttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz +und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. Ich wre gern mit +Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da drauen ist noch ein +Spielplatz, auf dem ich als Kind fast tglich herumtrieb. Ich erinnere +mich, ich hatte ein weies Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, +denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es +waren natrlich nur Sgespne da, wie bei manchem unserer wackeren +Mitbrger. Er lachte. Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, -- ach! +Sie war ein Bckertchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich +von ihr vernachlssigt und sagte zu ihr: Sophie, heut mu ich sterben. +Darauf lachte sie verchtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben +nicht, du Dummkopf. + +Na, fahren wir doch mit ihm hinaus, sagte Hanka gutmtig. + +Ja, tun Sie es! rief Hyrtl. Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wten wie +gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal fr mich. Wenn ich wieder +anfangen drfte zu leben, mcht ich so sein wie Sie. + +Endlich lie sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von +Hanka begleitet. + +Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig +in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flsterte: +Der gndige Herr schlft noch. + +Arnold war entrstet. Die Tr des Schlafzimmers weit ffnend, rief er: +Auf! auf! Langschlfer! der schnste Tag! + +Hyrtl lag mit friedlichem Lcheln im Bett und rhrte sich nicht. Der +Diener stand mibilligend unter der Tre, nherte sich langsam, beugte +sich ber das Bett und ergriff die Hand des Schlfers. Pltzlich rief er +schluchzend: Der gndige Herr! und fiel neben dem Bett auf die Knie. + +Hanka hielt sich an den Messingknpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein +Gesicht war grnlich bleich geworden. Arnold schrie: Laufen Sie zum +Arzt! Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl. +Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam +der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, da der Tod schon vor +Stunden eingetreten sein msse, ein Herzschlag whrend des Schlafes. + +Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr +Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen htten, eine Stunde lang +nicht zu lachen. Arnold und Hanka verstndigten sich durch ein Zeichen +und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold +frchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er frchtete ebenso sehr, da +Hanka ihn jetzt allein lassen knnte. Pltzlich blieb er stehen und +sagte: Hren Sie Hanka, ich habe mir das berlegt, was Sie mir gestern +erzhlt haben. Sie sind in einer milichen Lage und ich kann Ihnen +leicht die fnfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen. + +Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er +betrbt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. Ich +danke Ihnen, sagte er kalt, ich brauche es nicht. + +Noch gestern und er htte das Geld angenommen. Sein Herz wnschte sich +in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als htte ihn eine gespensterhafte +Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verchtlichen Augen blickte +er vor sich hin und stie sein leer gewordenes Schifflein gleichgltig +ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon +von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander. +Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte +Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur mu der Sinn, aus dem sie +geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies +Arnold zu sagen. + +Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen. +Die Auentre stand offen. Krnze lagen im Flur. Sie wollten in das +Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds +Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die +angelehnte Tr sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit +natrlicher Verehrung ber die Leiche beugte und die Hand des Herrn +kte. + +Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. Gute Nacht, +sagte Hanka, als sie drauen waren. Sehen Sie, nicht einmal so viel war +er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat. + +Hanka ging nach Hause. + + + + +Borromeo + + +Zweiundfnfzigstes Kapitel + + +Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den +Armen vergraben, da die Hnde sich ber dem Kopf verschrnkten, sa +Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des +Morgens. Heute war sie dreiig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht +etwa einer unntz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf +eine gleichgltige Zukunft. + +Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mhe wert, darber +nachzudenken. Es war nichts Auerordentliches in ihrem Leben. Sie +erinnerte sich, da sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von +einem Tag auf den folgenden hatte freuen knnen. Auch wenn sie an einem +Ereignis mit Erwartung hing, so wute sie doch genau, wie weit die +Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurckbleiben wrde. Sie +hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein +Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler +das Ende des Stcks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen. +Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der +wenigen Worte, da sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen +konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, +ein sicheres Auskommen. + +Sie holte den Handspiegel und betrachtete dster ihr Gesicht. Nur von +dem greren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen +Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhrchen machte +sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhngig, -- ohne es zu +wissen, denn sie hielt sich fr eine faustisch-unzufriedene Natur. + +Schlielich raffte sie sich auf und ging in die Kche. Kaum hatte sie +ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich vernderte wie das einer +Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die ntigen +Anweisungen fr den Tag und als sie ber den Korridor zurckging, kam +Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder +von der Kanzlei komme. + +Borromeo schttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Klte: Wo in +aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr +frh hast du schon das Haus verlassen und niemand wei, wohin du gehst. +Ich htte notwendig hundertfnfzig Gulden fr die Schneiderin +gebraucht ... + +Borromeo lachte; das heit, dies Lachen bestand darin, da er die Lippen +und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die +Zhne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte +die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der +flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschftigung verwundert +zu. Dann senkte sie den Kopf. Seit Tagen verschwindest du in der +geheimnisvollsten Weise, Friedrich, sagte sie und zwang sich zu einem +Lcheln. Hast du etwas vor? + +Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. Ich +habe etwas vor, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte +skandierend. + +Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch: +Valescotts lassen dich gren. Ich war gestern nachmittag dort. + +Mit einem Lcheln nherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast +liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurck. Ihre Blicke +begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: Du +bist sonderbar. + +Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Hnden zu +liebkosen. Was ist eigentlich mit Arnold? fragte er umhergehend. Er +meidet uns. Findest du nicht, da er uns meidet? + +Ach, -- er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus, warf Frau +Anna gleichgltig hin. + +Es ist nicht ntig, fr ihn besorgt zu sein, sagte Borromeo. Was ein +richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Trnke. + +Du hast eine halsstarrige Manier, dich ber Arnold zu tuschen, +entgegnete Anna Borromeo ruhig. + +Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lchelte beinahe +trumerisch vor sich hin. Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna? +fragte er endlich. Ich glaube, man darf einander ruhig beglckwnschen, +wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich mchte ich dir etwas +mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben. + +Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter +dir hast, antwortete die Frau mit ersticktem Zorn. + +Ja. Ich bin es mde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu +erdulden. Ich bin es mde. Es ist noch nicht lange her, da ich zu einer +wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, +war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in frherer +Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgefhrt habe. Deshalb kann +ich nicht lnger mittun. Denn unser Leben luft immer darauf hinaus, da +wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer +immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, +sonst geht er zugrunde. + +Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen, +sagte Anna Borromeo ernst und geringschtzig. Sie zuckte die Achseln, +als Borromeo schwieg und verlie das Zimmer. Drben in ihrem eigenen +Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den +neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie +sich daran, Einladungskarten fr den Samstagabend zu schreiben. Auch an +Arnold richtete sie eine Karte, zerri sie aber wieder, nahm statt +dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: Mein Lieber, drfen wir +dich fr den dreizehnten abends erwarten? Borromeo krnkt sich wieder +einmal ber dein Fernbleiben, ich aber finde es natrlich. Ich finde es +natrlich, das hindert aber nicht, da ich oft mit Scham an dich denke. +Httest du nicht vergessen, so wrde ich dich beschwren: vergi. +Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu +spielen, sonst httest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und +Wahrheit spielt man leider nicht, ohne da es sich an denen rcht, die +daran glauben. Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und +weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drckte. Sie +weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlulosigkeit, weinte +darber, da ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte +und vor denen sie bestrzt und feige stand, wenn sie gleich +selbstndigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie +trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu berblicken, +zerri sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle +andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute +nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort +und mit Eilpost ab. + +Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fhle sich +nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen +italienischen Roman und las. + +Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen +schwermtigen Ausdruck. + +Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die +Achseln. + +Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen? + +Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns +zuletzt bei Hyrtls Begrbnis gesehen. + +Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie. + +Er war ein guter Freund. + +Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold? + +Schlecht. + +Du solltest Karriere machen. + +Wozu? Es lockt mich nicht. + +Du solltest reich sein. + +Ich habe genug. + +Genug? Fr dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du +denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heit +alles Hliche, Armselige, Strende im Umkreis von zehn Meilen +entfernen. Reich sein heit, der Phantasie so viel zu geben, da sie den +Tod vergit. Ich sehne mich nach Reichtum. + +Mir scheint, du sehnst dich nach vielem. + +Weil ich nichts besitze. + +Weil du nichts halten kannst. + +Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden. + +Liebst du denn nicht deinen Mann? + +Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte. + +War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Grtel mit +Smaragden wie sie einen trug, damals ...? + +Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an. + +Hast du schon wieder Schulden? fragte er pltzlich in strengem Ton. + +Sie schwieg. + +Sprich doch! + +Glaubst du, ich rechne auf dich? versetzte sie kalt. Ihr seid ja +lauter Krmer. + +Sie brach in Schluchzen aus. + +Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen +ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hnde als das Schnste, Zarteste, +was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange +und drckte sanft seine Lippen darauf. + +Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen +Widerhall gefunden. + +Ein wenig spter verlie Arnold das Haus. In dem dunklen Bedrfnis nach +freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nchsten +Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener +Waldstationen. + +Die Bahn, die auf einem langen Viadukte ber Gumpendorf emporfhrte, +gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen +Dmmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die +Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich tuschend einem +Stern. Unzhlbare Schlte ragten empor, bleich leuchtend von einem +unsichtbaren Licht. Husermauern ber Husermauern, angegraut von Asche, +Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit +Lchern, Hfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und +Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im +Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schwei riechenden +Mantel des Abends, die Millionen. + +Reich sein, reich sein, dachte Arnold. + + + + +Dreiundfnfzigstes Kapitel + + +Zwei Tage spter, als Arnold ber den Graben ging, winkte ihm pltzlich +jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. +Schlank, fein, freundlich, rotbckig wie immer, eilte er auf Arnold zu +und htte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast +ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der +Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold +verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe +seine national-konomische Broschre herausgegeben und sich Freunde +damit gemacht. Auch stehe seine Befrderung auf der Statthalterei bevor. +Wolmuts weie Stirn leuchtete von Hoffnungen. + +Nicht wenig berrascht war Wolmut, als er in Arnolds prchtige Wohnung +gefhrt wurde. Aber er lie nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil. + +Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht? fragte er. + +Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt, antwortete Arnold. + +Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie +sich ausgelebt? + +Ein bses Wort, lieber Freund. + +Es klingt ein bichen verdchtig, Sie haben recht. + +Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu +schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, +Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen. + +Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings +halte ich mich meistens an das Ntzliche. + +Sie sind eine harmonische Natur. + +Damit wollen Sie sich trsten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen +geben, da Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind +nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu +wirtschaften versteht, mu Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, +wie soll ich sagen, das groe Los seiner Existenz ziehen. Aber man mu +aufmerken, man mu der Geisterstimme lauschen knnen. Diesen Augenblick +verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen +sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von auen, +denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne +an sich selbst begeht. Man mu Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf +nicht mit dem eigenen Krper umspringen wie mit einem gekauften Gert, +und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir +zugrunde richte, wird die Menschheit rmer. Auer mir ist kein +Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten. + +Der Diener trat ein und flsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, ber +den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo sa und ihm ruhig +entgegenlchelte. Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst, +sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie mge +ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er msse einen Freund +fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, whrend +Arnold zu Wolmut zurckging und ihm freimtig erklrte, da sie nicht +lnger beisammenbleiben knnten. Auch wenn hier Anla gewesen wre, +Wolmut gehrte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen +bestand ja in einer geradezu programmmigen Ehrlichkeit. + +Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold +zurckkam, fand er Anna nicht mehr in dem groen Raum. Sie hatte die +Tre zu dem anschlieenden Bibliothekszimmerchen geffnet und sa dort +in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurckgebeugt, den Kopf mit +regungslos starrenden Augen auf der Armlehne. + +Arnold blieb schweigend stehen. + +Wieviel Uhr ist es? fragte Anna, ohne sich zu rhren. + +Dreiviertelfnf, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden, +hatte aber jede Unbefangenheit verloren. + +Dann bleibt mir noch eine Stunde, sagte Anna und richtete sich langsam +auf. Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an. + +Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und +meinte endlich: Was ist daran zu sehen? Ein gewhnlicher Ring. + +Wenn du ihn trgst, wirst du Macht ber mich haben, entgegnete sie. + +Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring, +lchelte mechanisch und gab ihr den Ring zurck. Macht ber dich heit +Ohnmacht ber mich, sagte er. + +Manchmal ist mir, als wren wir fr einander geboren, sagte Anna +leise. + +Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: Du bist mit dem Bruder meiner +Mutter verheiratet. + +Das ist wahr, sagte Anna ruhig aber ich bin dreiig Jahre alt und +habe kein Kind. + +Ich will dir nur gestehen, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen +gleichgltigen Klang an, da ich mich eine Zeitlang mit Valescott +abgegeben habe, ohne da es zu etwas Ernstem htte kommen knnen. Er ist +blind und stumm und wei nur von Abenteuern. Eines Tages verga er seine +Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefhrlich. Aber fr alles, was +ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin. + +Arnold schritt auf und ab, die Hnde mit festaneinander geklammerten +Fingern auf dem Rcken. Pltzlich blieb er stehen und sagte mit +erloschenem Blick: Wozu mu ich das wissen? Oder -- er trat zwei +Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, oder ist es dir bekannt, da +ich es schon vorher wute? + +Anna war erstaunt. Sie sttzte den Kopf in die Hand und nach einer Weile +sagte sie: Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm. + +Arnold hrte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berckte ihn. Ihn +verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten +nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prfen; indem +er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer +unmittelbaren Nhe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des +Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine +unergrndliche Falschheit und der Hochmut der Schwche bemchtigten sich +seiner und indem er stehen blieb, sagte er: Ich kann nicht glcklich +sein in der Lge. Ja, Anna, ich sehe wohl, da wir uns etwas andres sein +knnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lge. +Das ist es. + +Anna lchelte mit einem halb vertrumten, halb mitfhlenden Ausdruck. +Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch? fragte sie. +Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit? + +Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen +stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: Das .... wre undenkbar. + +Undenkbar? fragte sie mit rtselhafter Miene. Ich kann es denken. Und +du, du kannst es fhlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, +die nennt man Moral. + +Arnold schwieg. + +Ich mu fort, sagte sie aufstehend. Hre, Arnold, fgte sie lebhaft +hinzu, ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fhrt nach Preburg. +Willst du mir Gesellschaft leisten? + +Morgen abend --? Arnold zgerte, als besinne er sich, ob nicht andere +Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna +reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem +Tiefsten bestndig zitternd, durch die Zimmer. + + + + +Vierundfnfzigstes Kapitel + + +Um fnf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistndigem +Schlaf. Er griff nach den Streichhlzern und machte Licht. Er wute, da +es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er +sich, als die ersten Morgenlaute von der Strae heraufdrangen. Langsam +wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch +wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor +ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett +aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art +von Zweikampf heraus, und am Abend bemchtigte sich seiner von all dem +Indieluft-Kmpfen eine so grenzenlose Erschpfung, da er sich vor dem +Wiederaufwachen nach sprlichem Schlaf frchtete. Er frchtete die +Gerusche, durch die sich der Tag ankndigt, und das Licht, das der +Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen +erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es +war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspren wolle, +fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefhlen der +Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des +ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er htte selbst nicht zu sagen +vermocht, durch welche Einwirkungen allmhlich dieser sonderbare Zustand +von Fulnis in seinem Krper und Gemt entstanden und angewachsen war. +Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen +gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine +Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen +einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, +und das war Arnold. + +Die Straen lagen schon in goldner Frhsonne, als Borromeo das Haus +verlie. Er ging in ein Kaffeehaus, frhstckte, las die Morgenbltter, +zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort; +in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschftigt, und +der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrcke durch den +Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit +verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er fr +die Verhandlung in Preburg ntig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr +zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner +ein Geldstck, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in +Bewegung, und Borromeo schlo die Augen. Pltzlich aber erwachte in ihm +ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht +reden, nicht hren, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht +lcheln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene +gleichgltigen, altbackenen, gefrorenen, mhseligen Redensarten ber die +Zunge wlzen, durch die allein eine Verstndigung zwischen den Menschen +mglich ist. Als die nchste Haltestation erreicht war, verlie er den +Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald, +welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange +setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flten ihm so groe +Furcht ein, da die Haut ber seiner Brust sich spannte und in ein +konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder +umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? +dachte er, mir graut vor dem Getmmel der Straen und mir graut vor der +Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke +Rinde von dem Stamm, auf dem er sa bis das gelbe feuchte Fleisch zum +Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurck +und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich +erwartet wurde. + +Mit dem nchsten Zug, der erst am spten Nachmittag kam, fuhr er wieder +in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten +ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich +denn wieder in ein Kaffeelokal, nur da er jetzt statt der Morgenbltter +die Abendbltter las. Und als er dieser Beschftigung berdrssig war, +lehnte er sich zurck und starrte in die Luft. Viertelstunde auf +Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot. +Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschlo, +aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt +durch die verdenden Straen. + +Ohne da ihn jemand hrte, weil er niemand zu stren wnschte, erreichte +er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hnde und das Gesicht waschen, doch +waren die Krge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn fr diese Nacht +nicht zurckerwartet. Er drckte auf den Knopf der Glocke, welche in die +Kche fhrte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zndete +endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn +Uhr war, muten die Mdchen oder der Diener noch wach sein. In der Kche +war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und +ist sie selber fort? Er ffnete die Tre des Salons, auch hier war es +finster, aber durch die Spalten der nchsten Tr drang ein +Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging ber den Teppich, und als er +die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flstern. Leise +ffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so +bertrieben, da er kaum die Tren weit genug fr seinen Krper zu +ffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stck der dunklen Portiere, mit der +in jenem Zimmer die Tre verhngt war, dann erst konnte er einen Teil +des Zimmers selbst berblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein +Mund im grten Entsetzen weit auseinanderzog. Er lie die Klinke los; +er wagte die Tre nicht wieder zu schlieen, sie hatten nichts gehrt +drinnen und konnten nicht sehen, da die Tre hinter der Portiere offen +stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an +der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit +einem dnnen, wimmernden Gerusch, das sich fortwhrend seinen Lippen +entprete, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst. + + + + +Fnfundfnfzigstes Kapitel + + +Als Anna am Morgen erfuhr, da ihr Mann schon den vorherigen Abend +zurckgekehrt sei, ging sie hinber und klopfte an seine Tre. Es wurde +nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich +leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach +Hause und das Stubenmdchen sagte ihr, der gndige Herr habe noch nicht +das Zimmer verlassen und gehe bestndig auf und ab; sie habe nicht +gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen +und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat +in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberhrte +Bett. Borromeo stand, ihr den Rcken zuwendend, am Fenster und drehte +sich, als er ihre Schritte hrte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie +erschrak so vor seinem Aussehen, da sie einen Schrei ausstie. Bist du +nicht wohl, Friedrich? fragte sie mit schwerer Zunge. + +Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorber und seine Lider +fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den knstlichen +Augen einer Wachsfigur. + +Friedrich! rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst. + +Es ist nichts, Anna, sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; es +ist nichts, beruhige dich nur. + +Hast du denn nicht geschlafen? + +Er zuckte die Achseln und packte pltzlich den Bart mit beiden vollen +Hnden. Anna wich mechanisch zurck, als er auf sie zukam. Aber er +schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und +besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und +schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna +wartete auf seinen Bescheid. Gndige Frau, sagte der Arzt, als er +Borromeos Zimmer verlassen hatte, unser Freund scheint sehr verndert; +um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht +gebraucht. Die Sache ist die, da er mich nicht einmal seine Hand +ergreifen lie. Er hat mich weggeschickt. + +Ich danke Ihnen, Doktor, erwiderte Anna Borromeo freundlich. Ich +selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten +Verfassung ... + +Der Arzt zuckte die Achseln. Vielleicht eine geschftliche +Katastrophe --, obwohl er fr solche Dinge doch immer ziemlich +unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht +verteufelt einer Gemtsstrung hnlich. Warten wir jedenfalls noch die +nchsten vierundzwanzig Stunden ab. + +Das Gesprch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte +sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verlie bald darauf das Haus, um +zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde +verflo. Sie lutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine +halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, +den Hut im schlaff herabhngenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun +das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah geqult +aus. + +Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier? fragte er +hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gtiger und +liebenswrdiger Bewegung ihre beiden Hnde. + +La nur, Arnold, antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn +beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lchelte, wobei er auf +ihren Hals sah. Da fllt mir etwas ein, sagte er ich will dir etwas +geben. Er eilte aus dem Zimmer. Whrend ihres kurzen Alleinseins hatte +Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hnde an +die Stirn und dachte nach. Ungewiheit war ihr das verhateste aller +Gefhle, deshalb beschlo sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu +machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich +whrend der kleinen Weile so viel begeben, da Arnold, als er zurckkam, +sie stumm fragend anblickte. + +Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertmlicher Schmuck +auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumenstruchen; die Stengel, frei +gebunden, bestanden aus Gold, die Bltenkelche wurden durch fein +gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. Dies ist noch von meiner +Mutter, sagte Arnold, und du sollst es haben. + +Anna betrachtete es, ohne da sie sich eines wunderlichen Schauers +erwehren konnte, der langsam ihren Rcken hinabrieselte. Und du +glaubst, ich soll es tragen? fragte sie. Das geht auf keinen Fall. +Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen +Stirn sich verfinsterte. Was sollen wir also tun, sagte er wie zu sich +selbst und warf einen schchternen Blick zum Himmel. + +O, ich knnte es ausdenken, Arnold, da du ihm die ganze Wahrheit sagen +wrdest. So tief drfen wir doch nicht sinken, da uns Mitleid oder +Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines +Vergngen auerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold, +und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und +was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt +hast, ich nicht ruhig diese hbsche Brosche werde tragen knnen. Sie +nahm das Schmuckstck zwischen die Fingerspitzen und drckte die Lippen +darauf. + +Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht +glaubte sie daran, da Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis +hintreten wrde, aber sie wollte sehen, was daraus werden wrde, wenn +die Stunde gekommen war. Fr jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu +erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wute und ob das +unberhrte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe. + +Arnold schmte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das +Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefhl, als +verbreitete sich Blsse ber Zunge und Gaumen ins Innere des Krpers. +Ich denke daran, sagte er umhergehend, ob Borromeo nicht in Podolin +leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben. + +Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straen +ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen +ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu +nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran +klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhrten +zu knnen. + +Ist der Herr zu Hause? fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das +Mdchen geffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. Gut, fuhr +Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, wir wollen in +einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, da +ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst +zugegen. + +Sie traten in das Speisezimmer. Was heit das? fragte Arnold. Warum +soll er nicht wissen, da ich da bin? + +Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie +aufmerksam die Ngel ihrer Hand betrachtete: Er ist gestern abend +gekommen, ohne da wir ihn gehrt haben, und ich frchte -- + +Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Krper. Dann schlug er pltzlich +die Hnde zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das +Mdchen trat ein und berichtete: Der gndige Herr hat mir nicht +geantwortet. + +Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold, sagte Anna in +gesellschaftlichem Ton. + +Kaum saen sie, so ffnete sich die Tre und Borromeo erschien auf der +Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht +die weie Farbe verlor und sich rtete. Niemand hatte das je zuvor an +ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann +trat er wieder zurck, schlo geruschlos die Tre und Anna und Arnold +waren wieder allein. Sie schwiegen lange. + +Deine Idee mit Podolin ist sehr gut, sagte endlich Anna Borromeo mit +eigentmlichem Lcheln, so knnte es doch nicht weitergehen. Er hat +ohnehin schon lange aufgehrt unter Menschen zu leben. Fr ihn ist es +das beste und fr uns ist es das ruhigste und einfachste. + +Arnold antwortete nicht. + +Ich will nicht damit zgern, ich werde sogleich mit ihm sprechen. + +Ja, tu es nur, sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener +lgnerischen Entschlossenheit, die ihn berfallen hatte. + +Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hrte sie +sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu +Borromeos Zimmer zu gelangen, mute sie, schon im Halbdunkel, um eine +Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos +und murmelte vor sich hin. Friedrich! Friedrich! rief Anna +erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich +schlielich die hrbaren Worte rangen: Ich kann nicht weiter, es ist +finster. Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurck, zndete +eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam +zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus. + +Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und +hllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch +nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. Es ist nun +geschehen, Friedrich, sagte sie dann. Es hat auch geschehen mssen, -- +aus vielen Grnden. Doch du mut dir selbst und uns das berflssige und +Qulende ersparen. Ich schlage dir vor, die nchsten Jahre still auf dem +Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstrt, und so wird es in jeder +Beziehung gut fr dich sein. + +Borromeo stand, an die Tr gelehnt, frstelnd, regungslos. Ich kann +nicht auf dem Land leben, sagte er. + +Und in der Stadt fhlst du dich keineswegs wohl, sagte Anna +liebenswrdig tadelnd. Also wo willst du denn leben? Im Nichts? + +Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts, flsterte Borromeo. + +Willst du den Skandal? fuhr die Frau ernster fort. Willst du, da ich +gehe? + +Ich will nicht einsam drauen leben in der Natur, Anna. Das macht mich +kaput, sagte Borromeo auf einmal erregt, vllig gegen seine sonstige +Art. Er zitterte am ganzen Krper. + +Also willst du reisen, Friedrich? fragte Anna liebevoll. + +Er schttelte mde den Kopf. + +Hre mich, begann Anna wieder. Wie wre es, wenn du nach Podolin +gingest und dort --. Man wrde dir die beste Pflege verschaffen ... Sie +verstummte. Borromeo schaute seine Frau gro und kalt an und erwiderte +langsam: Podolin? Ich? Er trat zum Tisch und sttzte beide Arme auf +die Platte. Eher gleich verdorren, murmelte er vor sich hin. + +Anna Borromeo war verwundert. Arnold will es, sagte sie, er selbst +macht dir das Anerbieten und hlt es fr gut. + +Da fingen Borromeos Augen zu glhen an und sein Gesicht berzog sich +abermals mit Rte. Arnold? fragte er und nickte dazu krampfhaft mit +dem Kopf. Will --? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist +eine Lge ... eine Lge ist es. Er hatte den Arm ausgestreckt und +deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die +Lge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt. + +ngstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schlo einige Sekunden +die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frhere fahle +Frbung. + +Es ist nicht Lge, sagte Anna fast schchtern. Sie ahnte nicht, was in +diesem Augenblick in dem Manne vorging. + +Nun gut, sagte Borromeo mit grblerischem und traurigem Ausdruck. +Podolin, -- das ist schlimm, schlimm fr mich. Aus vielen Grnden, wie +du dich ausgedrckt hast. Aber, er erhob nun wieder seine Stimme, die +dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu +verhalten schien, aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: +dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich fr gut, nun, dann ... +dann will ich nach Podolin. + +Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verlie stumm das +Zimmer. + + + + +Sechsundfnfzigstes Kapitel + + +Er will es nicht, Arnold. Er strubt sich dagegen wie gegen Feuer, +sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurckkam. Er war so +erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wre schlecht fr ihn, nach +Podolin zu gehen. + +Arnold war verwundert. Es mu ja nicht sein, antwortete er. + +Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich +gehn, sagt er. Das sind seine Worte. Anna legte sich ermdet auf das +Sofa. + +Arnold verstummte. Die Vorstellung, da Borromeo wissen knnte, was ihn +mit Anna verband, versetzte ihn pltzlich in die grte Angst. + +Am nchsten Tag erzhlte Anna, da Borromeo dem Diener befohlen habe, +sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stie. Er +irrte durch die Rume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich +zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm +zu frchten. Bei Nacht ffnete er das Fenster und sphte die Gasse +hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen +war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche +empfing, stellte sich pltzlich auch Borromeo ein, blickte jedem +einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nhe +des Ofens und schien aufmerksam den Gesprchen zu folgen. Wenn ihn +selber jemand ansprach, nickte er oder schttelte den Kopf. Er blieb +sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt +Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er +zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Strae +ging. + +Annas Gemt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklrlichen Blick +Borromeos. Seine Nhe lie sie erstarren, sein nicht zu brechendes +Schweigen erfllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus +zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide +unwillkrlich in den Flsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu +stehen und auf das Ungefhre zu warten, folterte seinen Stolz und +vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelst auf Gelst siedete in +seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er +selbst sie vorher zurckgehalten hatte. Aber sie schien wie gelhmt. +Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er +htte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an +jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schlu, da es ja +nur auf ihn selbst ankam, da Borromeo die Entscheidung von ihm selbst +abhngig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob +gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erflle, teilte er Anna +ruhig mit, was er fr das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet +aber auch nicht ab; sie schwieg. + +So kam der Abend. Borromeo, hie es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging +hinber, pochte an die Tre und trat ein. Borromeo sa am Tisch vor der +Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang +zurckgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau +trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten +Gegenstnde zu sammeln. Dann begann er. Es ist besser fr dich, dort +einsam zu sein, als hier, sagte er unter anderm. Podolin ist ja +gewissermaen ein Familiensitz fr uns geworden. Nichts wird dir zur +Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von +deinem unerklrlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund fr das +Gemt. + +Arnold konnte nicht anders, er mute seinen Blick in denjenigen +Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht +verga er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche +Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, da Borromeo alles wute. Aber +das lie ihn fast gleichgltig gegenber dem einen Wort, das aus +Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zustrmte: Ungerechter! + +Borromeo stand etwas schwerfllig auf und sagte kurzangebunden: Gut, +ich gehe. Verla das Zimmer, Arnold. + +Als Arnold drauen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans +Fenster und weinte. Aber er schmte sich seiner Trnen selbst vor der +Nacht und htte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde +verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis +Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den +Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu +trumen. + +Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer +ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darber erwachte +er, aber das Entsetzen blieb. Er frchtete sich vor Podolin wie ein Kind +vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus +Unterordnung oder Einsicht fgte sich Borromeo, sondern um Arnold zu +beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fhlte, was +bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das +Leben knpfte. + +Der Diener Christian, ein anhnglicher Mensch, der schon elf Jahre im +Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte +Wsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum +Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein +Blick schien sich nicht vom nchsten Umkreis seines Krpers entfernen zu +knnen. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Auftrge, +forderte von ihm tglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo, +der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den +Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwrts, +nicht seitwrts, sondern nur einwrts wie ein fast Erblindeter. Anna +zitterte ber die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte +Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlssel in ihre Tasche. + +Eine halbe Stunde spter kam Arnold. Er hatte noch gestern +telegraphische Anweisung fr die Aufnahme in Podolin getroffen und den +dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die +Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es khl +auf. Schweigend sa er bei ihr, bis sich ein trber Zorn in ihm +angesammelt hatte. Er packte mit beiden Hnden ihren Kopf, bog ihn zu +sich heran und fragte durch die Zhne, indem er seine aufgerissenen +Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: Sieht denn die Erfllung anders +aus als der Wunsch? Und Anna entgegnete flsternd: Ja. Da erhob sich +Arnold, lachte und ging. Gern htte ihn Anna zurckgerufen, aber sie +konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und +Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank +in eine de Trauer. Sie trauerte darber, da sie sich von Arnold ihre +Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein +und hlich, was vor der Erfllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch +hatte sich alles erfllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu +wenig, denn von ihm selbst besa sie nichts. Sie verwnschte ihr Leben. + +In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzhlt, Borromeo sei zur +Erholung fr einige Wochen nach dem mhrischen Landgut seines Neffen +gereist. Aber auch andere Gerchte tauchten auf und zngelten umher, die +auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie sprte es, denn Leute wie sie, die +nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben fhren, +erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbrtig geachtet +wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen, +waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und +Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit +sich selbst beschftigt, da alles auerhalb Liegende seine Wichtigkeit +eingebt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es htte hell +werden knnen, so blieb er stehen und begann zu trumen. Er verlor +Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn +bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber +bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab, +schauderte er zurck. Er hatte kein Ma fr den Lauf der Tage, er +achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er +sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er sprte die Erschtterung +eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm +abgelstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne +Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn +an und stie ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen, +was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte +Wnsche, wnschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden +Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatrlich sich in +Unheil und Migeschick gebohrt hatte. Bestndig glaubte er, glhende +Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfllte ihn, zu denken und zu +schauen. Oft sa er allein und starrte, wie ein Schiffbrchiger aufs +Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert, +selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hlt. + +Eines Abends gegen die Dmmerstunde, es ging schon tief in den Herbst +hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte +Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu +verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des +treuen Dieners lautete wie folgt: Gndige Frau, der gndige Herr sieht +jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn +totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gndige Herr, weil er +glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hrt Stimmen, und der +Doktor von Podolin sagt, der gndige Herr verliert den Verstand. Er sagt +auch, der gndige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu +erhalten. + +Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie +gegen die Knie gedrckt, so fest, da die Lehne pltzlich am Sitz +entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans +Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich blulich-wei wie +Milch an die Scheiben drckte. Dann murmelte er einen Gru, warf drauen +in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der +Hals, die Brust und die Fe. Er lief durch die Straen, als ob Leben +und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhnge, um pltzlich +stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Hnden und verzweiflungsvoll +aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu +blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein +Gebilde seiner Phantasie wre. Da sah er gegenber auf der andern Seite +der Strae die geffneten Tren einer Kirche. Ein feierliches rtliches +Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinber, betrat die +Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete +hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, strmischer, +strmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele. + + + + +Siebenundfnfzigstes Kapitel + + +Er kam auf die Strae und sah nichts; er sah nicht einmal die Strae, +viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als da er ging; er +flsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. Ja +ja, rief er stehen bleibend und den Arm in die Hhe streckend, einem +alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, ja ja. +Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte. + +Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen +war ihm nicht genug, er zndete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, +wie wenn er aus der Ofenwrme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten +wre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine +gerechte und furchtbare Macht rollte pltzlich den Faden seines Lebens +nach rckwrts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu +folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen +Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhrlich durch die Flucht der Zimmer. +Vllig erschpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild +auf Bild, qulend wie die Trume an der Grenze des Erwachens. Er legte +den Kopf zwischen die Hnde und schlief ein, gerade als der erste +Tagesstrahl die Finsternis drauen durchbohrte. Er trumte, er se auf +einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach +Podolin fuhr. Ein frchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold +sah, da er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war +vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefhrt durch den +tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte +Arnold die angespannte Nackenhaut und den mde gesenkten Kopf. Pltzlich +aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da +erwachte Arnold von der Berhrung des Dieners, der seinem Herrn gefllig +zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half. + +Er ging ins Badezimmer, lie einen kalten Wasserstrahl ber den Kopf +laufen, trocknete und kmmte sich und verlie das Haus. Langsam schritt +er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand +er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich +aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es +Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege! + +Valescott begegnete ihm. Wie sehen Sie aus, lieber Freund! rief der +Leutnant. Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den +Arzt benachrichtigen? Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem +Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flte ihm Furcht ein, denn in +jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer, +dnkelhaft und lgnerisch. + +Ohne da ein Vorsatz seine Schritte gelenkt htte, befand er sich +pltzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan +und sah, da er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte +ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so, +ohne Reisegepck, in wster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den +Zug. + + + + +Achtundfnfzigstes Kapitel + + +Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der +Rder zu dmpfen. Schwarze Bume streckten mit verzweifelter Gebrde +ihre ste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mute der Zug halten, +und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und +ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam +eines Pferdes hingestreckt lag. Geschftig, aber unttig standen die +Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres +erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung lieen seine Zge +zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust. + +Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in +seine Ecke, Minute auf Minute rollte hrbar an seinem Ohr vorbei und +mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte +Arnold diejenige herausklauben zu knnen, whrend welcher er auf so +rtselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander +gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der +Zeit ins Ewige hinaus. + +Die Station kam, in der Arnold den Zug verlie. Weit und breit war kein +Wagen zu haben. Er mute zu Fu nach Podolin. Der Boden war hart, wenn +auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen, +worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines +Trichters blickte ein Stck hellblauen Himmels herab. Leer und still +dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurck, +bis er sich allmhlich gegen den Horizont drngte. Die Sonne beschien +ihn brunlich golden und nur den Flu entlang trmte er sich noch wie +eine fabelhafte Bergkette. + +Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts +den Hgel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; +auf dem hlzernen Steg, der ber den Flu fhrte, blieb er stehen und +schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus +drben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm +Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein +Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache +Holzgelnder des Stegs, als frchte er, selbst das dunkle Abbild seines +Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurckgab und welches ihm +doch wenigstens seine eigenen Zge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme +zeigte. + +Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweien +Hnden aus der Kche kam. Freude schien die Alte ber sein Kommen nicht +zu empfinden. Die Luft im Hause war verndert. Ursula, die hier ihre +eigentliche Heimat gefunden hatte, fhlte sich nun unbehaglich. In dem +schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und +etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepck habe, doch er +antwortete nicht. Er knne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie +betrbt fort, die drei andern Zimmer htten der Herr Onkel und Christian +inne. + +Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Kchentre und lehnte die eine +Schlfe gegen den Pfosten, whrend Ursula hantierte und dabei erzhlte. +Sie buk einen Obstkuchen fr Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst +verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht +fange er oft an zu phantasieren, aber niemand knne etwas davon +begreifen. Es drfe nie finster sein, er frchte sich vor der +Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Tren, +um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser +Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian msse dann mit der +Kerze in alle Winkel leuchten. Der hiesige Doktor behauptet, fuhr +Ursula fort, da die Einsamkeit an allem schuld ist und da jetzt +nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche luft uns auch +eins vom Gesinde davon. Sie sind aberglubisch und ngstigen sich vor +dem guten Herrn wie vor dem Teufel. + +Arnold ging wieder in den Flur zurck. Er trat an die Tre von Borromeos +Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, +ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom +Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. +Pltzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Fhre. +Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschlu. Seine Stirn und +Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurckging. Ohne weiteres Zaudern +ffnete er die Tr zum Zimmer des Oheims. + +Borromeo sa einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine +steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen +die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollstndig grau geworden. Der +ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn +hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hnde waren gelb und +schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Tre. Das +Gerusch des Eintretenden war lngst verklungen, aber es schien, als +brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er +blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur +tasten zu knnen. Er fletschte die Lippen und lchelte endlich, wobei +Geifer in den Bart rann. + +Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. Onkel Borromeo, kennst +du mich nicht? fragte er endlich. + +H --? machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer +Bewegung des Mitrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide +Hnde zur Hhe des Halses erhob: Zurckgesetzt ... sie lauern ... man +mu vo--orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ... + +Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten htte, +wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ngstlich die Augen +und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verlie den +Raum. + + + + +Neunundfnfzigstes Kapitel + + +Drauen berfiel ihn eine betubende Schlafsucht. Er taumelte in das +Zimmer, das Ursula inzwischen notdrftig fr ihn hergerichtet hatte, +warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein. + +Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand +aber weder Streichhlzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den +Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustre versperrt. +Er berlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die +kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. +In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige +Minuten, und er kehrte zurck und stieg durch das Fenster in den Hof, +zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest ber der Brust +zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rcken. + +Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er +auf dem Boden etwas, das ihm gehrte. Mit feuchten Augen blickte er in +das Dunkel und rief pltzlich aus: Bezahlen! das ist das groe Wort, +bezahlen! + +Auf einer hgeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter +dem fernsten Waldrand glhte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien +dort zu wten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das +geffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold sprte, wie eine +geistergleiche Hand Trbes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte +und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu +schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es +sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht +wiederkommt. Nicht darf man sich betrgen und glauben, ein neues Leben +ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen +kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Groe vergessen +konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. +Leicht ist es, sich selber zu betrgen und zu glauben, du bist besser +geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe +ich nicht erfllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig +verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmig, glcklich werden zu +wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit +dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, -- was mu ich +also tun, damit Gerechtigkeit entsteht? + +Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als knne ihn die +Erde nicht lnger tragen. Schauer auf Schauer berflutete ihn. +Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wlbung seiner Brust +und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefhl, +dann zusammenrauschend und -strzend, erhob sich eine Stimme wie der +Flgelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist, +wird auch dein bel nicht mehr sein; erst aus der shnenden Tat erwacht +das Bessere wieder! + +Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn +wurden von einem Strauch geritzt, Krmpfe durchzuckten seinen Krper. +Wann hat es begonnen? grbelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde? +Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich +mde und faul zu machen. Eingeschlfert hat es mein Herz und dann +entzwei gerissen. Bezahlen mut du, Arnold, bezahlen! + +Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor, +gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er +in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen +Teil seiner Sinne gelebt htte, _fhlte_ er sich jetzt, fhlte er klar +und leicht den menschlichen Sieg ber die ungefhren, blind +niederreienden Schicksalsmchte. + +Der stliche Himmel kam ins Glhen. Mit einem seltsam khlen und +heiteren Lcheln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt +das Auseinanderflieen der flammenden Cirruswlkchen und wie der Himmel +mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als htte ihn eine +verborgene Quelle mit Blue bergossen. Die Luft war frisch und +dnstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im +Vormittag, aber die Huser sahen aus, als lgen sie noch im Schlaf. + +Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete +die ausgehngten Flinten und Hirschfnger. Die Werkstatt lag einige +Treppen tiefer als die Strae. Arnold ging hinunter und verlangte einen +Revolver. Er whlte eine billige und gewhnliche Waffe, bezahlte den +geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hgel hinan, +kam wieder in die freie Landschaft und sah pltzlich hinter dem Zaun +ihres Grtchens Agnes Hanka. Sie schttelte Zwetschgen von den Bumen +und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig +winkend zum Pfrtchen schritt und ihm schchtern lchelnd die Hand +reichte. Ich wei, da Sie mit Alexander befreundet sind, sagte sie, +da sind Sie also auch mein Freund. + +Arnold errtete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka +auseinandergerissen hatte. Kopfschttelnd antwortete er: Hanka und ich +sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld. Agnes +lchelte, wie Frauen ber Mnnerumtriebe zu lcheln pflegen. Sie nahm es +nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen +strahlendes Gesicht blickte, welches keine bernchtigkeit zeigte, lud +sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wnschte +stets zu geben; da dies fr sie am leichtesten und unverfnglichsten +war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens. + +Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes +Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Frchte vor ihn hin, +rckte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerhrt und +dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen +Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzhlte mit Vorsicht von Hanka, +denn er erinnerte sich, da er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht +preisgeben drfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzhlt hatte, +erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging. + +In ziemlich weitem Bogen fhrte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er +das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, da um sieben Uhr morgens ein +Arzt und ein Wrter angekommen seien und schon zwei Stunden spter seien +Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte +zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich lngstvergessenes Unheil +wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes +Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit ber im Hof auf und ab. Dann trat +er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade, +wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umstndlichkeit an +einen Tisch und schrieb: Der Ansorge-Hof fllt nach meinem Tode mit +allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula +Kmmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank +liegendes Barvermgen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden +laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem +Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine +solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprchen +oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem +Bewutsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies +niedergeschrieben zu Podolin in Mhren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge. + + + + +Sechzigstes Kapitel + + +Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verlie. + +Er ging ein Stck am Flu entlang, bis er zu einem verwahrlosten +Httchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze. +Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er +wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein +Guldenstck und stieg ein. Stehend, mit der Stange stie er das Boot +fluabwrts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel +oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien +ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin. + +An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum +Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine +Blicke fielen auf das hellgrne Moos, den Bltterteppich, die +glitzernden Grserspitzen, das Mckengewimmel in der weilichen Luft, +durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schieend. Er horchte auf das +feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfltige, schlfrige, +halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Bltterrascheln, das Flattern +kleiner Vgel. Die meisten Strucher waren schon kahl; auf einem kleinen +Wiesenstck standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des +Forstes ertnte Hundegeklff, dann ebenso fern das Knallen einer +Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stmmen +empor. + +Die Sonne war am Sinken. Rtlich zitterten die Tannennadeln in der Luft. +Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen lie, vernderte +sein sattes Tiefblau ins Grnlich-Violette. Arnold legte sich auf eine +Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fden +des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf +einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fhlte sich klein wie +eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald +der Grser von unten und innen. Seine Zge wurden noch ruhiger als +bisher, aber auch ernster. Er rckte ein wenig hinauf, um sich bequem an +den dicken Stamm der Fhre lehnen zu knnen, die von allen ringsum am +hchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im +Osten zugleich den Mond begrte. Arnold pflckte einen Grashalm und zog +ihn lchelnd durch den Mund, so da die tauige Feuchtigkeit seine Lippen +erfrischte. Dann ffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus +der Tasche und drckte die Laufmndung fest gegen die linke Brust. + + _Ende_ + + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen: + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. +Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. +Der niegekte Mund. Hilperich. Novellistische Studien. +Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage. +Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart: + +Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens. Roman. 6. Aufl. + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen: + + +Die Juden von Zirndorf + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe + +Geh. M. 4.--, geb. M. 5.-- + +Der Verfasser der Geschichte der jungen Renate Fuchs, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman Die Juden von +Zirndorf in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die +Krzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwrdiger Roman, +diese Juden von Zirndorf. Kaum je hat ein jdischer Poet seinen +Glaubensgenossen und ber das Judentum der Gegenwart berhaupt schrfere +und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die +besten Eigenschaften des jdischen Volkes erscheinen in ihm selbst +verkrpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst +nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, +jedoch mehr mystisch als sinnlich glhende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen Vorspiel des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwrdigen Messias Sabbatai Zewi verknpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glnzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord +zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der Juden von Zirndorf, +in denen ein begabter Jngling Agathon, in dem das edelste Judentum +verkrpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch +einen Mord an seinem Peiniger rcht. Dennoch beweist der Dichter sowohl +in der reichen Flle feingezeichneter Charaktere als im Gange der +Handlung die vollkommenste Objektivitt. + +(Neue Zrcher Zeitung) + +Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch +Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und +nachsprenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist +der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und +steht, soweit das berhaupt mglich ist, ber ihnen. Das Buch gehrt +nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen +Literatur der letzten Jahre. + +(Arbeiterzeitung, Wien) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50 + +Jedes groe, befreiende Buch mu ein Buch der Erlsung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlsung der Frauen, die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mitrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal erleben und nicht lnger leibeigen sein wollen. -- +Seit dem Grnen Heinrich Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + +(Die Zukunft) + +Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfltiger Registrierung aller +Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller +Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern +drfen, da es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein +bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes +Kapitel ein vollgltiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei. + +(Berliner Tageblatt) + +Ein subjektives Entzcken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt. +Ein subjektiver, mnnlich empfundener Frauenroman -- damit kann man das +Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es fr ein Ereignis. Bei +Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange +verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man +nicht: sie rhrt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine +Erfindung im kleinen, im Zusammenhnge-Schaffen und Verweben von Motiven +ist fr den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine +Sprache, das eigentlich Schnste und Phantasievollste an ihm, wchst +aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den +deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer +Kunst nun jahrelang gest worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte. + +(Die Zeit, Wien) + + +Der niegekte Mund -- Hilperich + +Novellistische Studien. Geh. M. 2.--, geb. M. 3.-- + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzhlungskunst eine mehr als +respektable Hhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhltnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie +fliet, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausfhrung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrt einen in +Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In +dieser Hinsicht wren nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, da +man sie verschweigen darf und erklren: der knstlerisch Genieende, der +Kenner, wird hier sein volles Gengen finden. + +(Die Zeit, Wien) + + +Alexander in Babylon + +Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rckkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzhlt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso khner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum +genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehrt zu unsern schnsten +deutschen Prosabchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen +zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und +beseelt. + +(Neue Freie Presse, Wien) + +Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein +Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt ber die meisten historischen +Romane alten Stiles. + +(Kreuzzeitung, Berlin) + +... Da man sich ja nicht durch die Erinnerung an die gyptischen Romane +von Ebers oder an die Vlkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken +lasse, diesen Alexander in Babylon zu lesen. Hier gibt es keine in +Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, +wenn man es nicht ohnehin sprt, in Plutarchs Alexander nachzulesen, +um alsobald zu begreifen, da Wassermann die antike Welt gleichsam in +seine Seele hineingeglht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der +Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama Elektra tat. + +(Berner Bund, Bern) + +Nach Babylon! Der bloe Name versetzte die Sldner in Entzcken. Der +wei nichts von irdischer Glckseligkeit, hie es unter ihnen, der +nichts von Babylon wei. Und auch uns versetzt der Name dieser groen +Stadt in Entzcken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, +so intensiv, so herrlich, so betrend ist uns Babel, fr das das Neue +Testament nicht genug verchtliche Ausdrcke finden konnte, geschildert +worden. Babylon -- das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene, +unermelich groe, an Freuden nie auszuschpfende. Und oft scheint es +sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag +dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich +auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten berdauernden +Persnlichkeit. Und wie er's getan, das ist bewunderungswrdig. + +(Neue Hamburger Zeitung) + +... So mu Alexander der Groe, der Bezwinger des Orients, gewesen +sein, so mu er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich +gtterhoch ber die Mitmenschen erhoben dnkte, Menschenverachtung und +brtende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er +liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel +eines echten Knstlers malt, mu die Glut des Orients gebrannt haben; so +mu die Farbenpracht Indiens und die Gre Babylons, die berckende +Schnheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den +mazedonischen Waffen zu Fen zu legen, auf die Mnner, die Alexander +umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen +erheben sich zu erschtternder Kraft, man hrt die Herzen gegen die +Rippen pochen, die Leidenschaften wten und emporzngeln und steht starr +und von Grauen berwltigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar +finsteren Verhngnisses. + +(Dna-Zeitung, Riga) + + +Die Schwestern + +Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Geh. M. 2.--, geb. M. 3.-- + +In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns +verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines knstlerischen +Schaffens, seiner knstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses +stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen, +Belebtem und Unbelebtem verrt, da die melancholisch-dstere, manchmal +seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener +wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden +und verlogen ist. Pseudoknstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu +tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkrlich aber +fllt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Zge eines +vermummten Bluffers. + +Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schpfungen, in +Wesentlichem wie Unwesentlichem, Groem wie Kleinem stets sich gleich +geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, +nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte +und Nebulose, das Rtselhafte und Versteckte, das berreizte und +Nervse, das vielen Figuren seines knstlerischen Schaffens so sehr +eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller +Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell +mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet. +Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen Schwestern und +des Vorspiels der Juden von Zirndorf angehren, neuer Zeit, in der die +Juden von Zirndorf selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die +Geschichte der jungen Renate Fuchs spielen. Die sonderbaren Erlebnisse +der Schwestern zu erzhlen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna, +Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ngstlich und mit Absicht +vermieden: solch Unterfangen hiee mit plumper Hand eingreifen in ein +wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie's nur ein Meister +dunkler Knste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, da auch in diesem +neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher +schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den Juden von Zirndorf, so +deutlich fhlbar ward, in unverminderter Strke in Erscheinung tritt; +da nach wie vor unerschpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren +deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermtigen und +gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem +Striche die phantastische Silhouette flchtig vorberhuschender, eilig +wieder auftauchender Menschen festzuhalten. + +(Allgemeine Zeitung, Mnchen) + +Die Heldinnen dieser Novellen gehren zu jenen glcklichen, +unglcklichen Geschpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem +Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus +dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. +Glnzen uns hier nicht Schnheiten entgegen, die wir sonst an unserem +Lebenswege vergeblich suchen? ffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwrmerei ist +das Buch, in den Tnen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, +von siegesstarken Sehnschten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um +es nicht mehr zu vergessen. + +(Hannoverscher Kurier) + +Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatschlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen +Wortprgungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen +Grbelsinn, einer so heien Phantasie wie der dieses deutschen +Orientalen konnte es gelingen, die Verrcktheiten der kastilischen +Isabella so tief poetisch mrchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei +phantastisch konstruierten Kriminalfllen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterstrmungen so hervortnen zu lassen. -- Das historische +Vorspiel der Juden von Zirndorf, Alexander in Babylon und diese drei +Novellen bezeichnen fr mich bisher die Hhepunkte im Schaffen Jakob +Wassermanns. + +(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo) + +Diese Geschichten, die etwas Legendres an sich haben, sind erfllt von +einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in +ihnen, das uns bannt, und wir spren Fden aus fernen Welten, die wir +ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem +ruhigen, khlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas +Prezises an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich +verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist +nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebndigt; der Autor steht ber +dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein +knstlerisches Bewutsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein +paar alte, goldtonige Gemlde vor uns. + +(Rheinisch-Westflische Zeitung, Essen) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller +gegenber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 082: [Komma entfernt] als frchtete er sie zu zerzausen., +S. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem +S. 102: [evtl.: Mundwinkeln] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +S. 125: [Anfhrungszeichen ergnzt] Wir knnen uns auf einen groen +S. 126: [vereinheitlicht] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +S. 148: [Anfhrungszeichen ergnzt] ist dem Teufel zu schlecht. +S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +S. 237: [Punk ergnzt] und darauf sitzenbleiben. +S. 255: [Anfhrungszeichen ergnzt] da du mich liebst, +S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +S. 295: [Anfhrungszeichen] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie +S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +S. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich? +S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third +and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below +lists all corrections applied to the original text. + +p. 082: [removed extra comma] als frchtete er sie zu zerzausen., +p. 090: tyranischem bereinkommen -> tyrannischem +p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +p. 125: [added quote] Wir knnen uns auf einen groen +p. 126: [normalized] darauf lchelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht. +p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben. +p. 255: [added quote] da du mich liebst, +p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +p. 295: [fixed quote] eine Schulter. Sie haben -> Schulter. Sie +p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +p. 337: Glaubst du, ich rechne auf dich? -> dich? +p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + +***** This file should be named 20413-8.txt or 20413-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/ + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/20413-8.zip b/20413-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6f6d1c3 --- /dev/null +++ b/20413-8.zip diff --git a/20413-h.zip b/20413-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dddf30f --- /dev/null +++ b/20413-h.zip diff --git a/20413-h/20413-h.htm b/20413-h/20413-h.htm new file mode 100644 index 0000000..462cf5b --- /dev/null +++ b/20413-h/20413-h.htm @@ -0,0 +1,13404 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + p { margin-top: .75em; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Moloch + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading +Team at http://www.pgdp.net + + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + + + + + + + + + + +</pre> + + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1"></a>[1]</span>[Blank Page]</p> --> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2"></a>[2]</span>[moved to ads]</p> --> + +<div class="titlepage"> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3"></a>[3]</span></p> +<h1>Der Moloch</h1> + +<h3>Roman</h3> + +<h4>von</h4> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + +<h6>Dritte und vierte Auflage<br /> +neu bearbeitet</h6> + +<h5>S. Fischer, Verlag, Berlin<br /> +1908</h5> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4"></a>[4]</span></p> +<p class="copyright">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.</p> +</div> + + +<div class="textbody"> +<p><span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5"></a>[5]</span></p> +<h2><a name="Frau_Ansorge" id="Frau_Ansorge"></a>Frau Ansorge</h2> +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6"></a>[6]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7"></a>[7]</span></p> +<h3><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene +aus einer flachen Mulde zu einem unscheinbaren +Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das Wohngebäude +lehnte mit der Rückseite gegen die wilden +Hecken, die den weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. +Das Haus, mit den weißgekalkten Mauern +tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum Tor +führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen +um die Fenstervierecke als ein Mittelding +zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das überhängende +Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige +Kapuze brennend rot über die Landschaft. Vom +Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn unvermutet, +durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei +Podolin ein schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden +Fluß zwingt, ihm in weitem Knie auszuweichen. +Podolin selbst liegt auf der sanfter abfallenden +Seite des Hügels, ist aber gegen Süden +bis hart an den Fluß herangebaut, so daß die Hauptstraße +des Dorfs nahezu die Gestalt eines <em class="antiqua">S</em> hat. +Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht +allzu reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.</p> + +<p>Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete +sich ein häuserloser, öder Erdstrich. Nur ein großer +Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm strömte +Sommer und Winter der Geruch frisch behauener +Baumstämme aus.</p> + +<p>Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich +genau des Tages, an welchem Frau Ansorge in einer +<span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8"></a>[8]</span>altertümlichen vierschrötigen Kutsche von der Ostrauer +Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von +ihrer Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold +auf den Knien hielt. Der damalige Bürgermeister +hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der seit +mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und +nun zu grunde gegangenen Bauerngeschlecht gehört +hatte. Bald begann eine ruhige, doch unablässige +Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes +zu verändern. Stall und Scheune wurden in Stand +gesetzt, Zäune aufgerichtet, der versandete Brunnen +wurde tiefer gegraben, der Viehstand verbessert, neue +Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft und +das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.</p> + +<p>Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche +noch andern Lebenszielen gegolten, als in der mährischen +Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. Sie +hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene +Freuden geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes +verschaffen konnte. Alfred Ansorge war einer der +großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers gewesen. +Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, +einen großen Teil des Jahres in der traurigen, +rußigen Stadt zuzubringen, aber desto schöner +war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge +oder auf Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen +Reise kehrte die Familie, Mann, Frau und Kind, +anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die Winternacht, +der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal +der drei Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel +lief der Eisenbahnzug auf ein falsches Geleise und +<span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9"></a>[9]</span>prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien +kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden +Wagenteile, die dem entsetzt auffahrenden +Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau +zum Schutz geworden und hatten sie und den Knaben +umgeben wie die Bretter eines Sarges. Als man +sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt zwischen +ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur +ihre Augen zeigten, was in ihr vorgegangen war, +als sie in dem Verließ gelegen, das Brausen des +Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch +was mit dem Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte +sie nicht zu gehen, zu reden und zu hören. +Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr aufzubewahren +als die furchtbaren Laute dieser Stunde, +die am Rande des Lebens und am Anfang des Todes +lag. Doch wie das Wasser unter der Eisdecke des +Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen +Form des Lebens zu.</p> + +<p>Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder +Frau Ansorges, ordnete die Hinterlassenschaft des +Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den +Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge +innerlich und äußerlich ruhig; sie vermochte sich mit +den laufenden Geschäften zu befassen und bekundete +sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte +Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung +des Kapitals, nachdem alle liegenden Gründe +veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu +übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit +ihre Wahl sehr beeinflußt hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10"></a>[10]</span>Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der +eines Blinden. Sie tat keinen unnotwendigen Schritt +und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie haßte +alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und +Tänzeln. Was auf Rädern lief und nur entfernt +einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren Abscheu. Im +Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern +mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise +konnte sie weder den Anblick der Horizontlinie, +noch den der langhinlaufenden Straße ertragen. +Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an +der Wand oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach +und knapp über den Dielen.</p> + +<p>In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. +Auf dem Grunde eines schwarzen Unheils malte +sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die beharrende +Furcht der Mutter war eine Schranke um +ihn, aber eine unsichtbare. Nicht etwas Nennbares +und Wechselndes, sondern ehern und unablässig als +Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner Gewohnheiten; +sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch +hatte er nichts von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose +und eifersüchtige Geselligkeit entsteht.</p> + +<p>Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches +und mürrisches Wesen. Mit zusammengezogenen +Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen stapfte +er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich +die Leute auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula +äffte Arnolds Gebaren nicht ohne Bosheit nach. Das +empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn +für die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals +<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11"></a>[11]</span>und auch später nicht das geringste Verständnis; sie +erschienen ihm als ein durchaus unrechtmäßiger Eingriff +in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem Blick +und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand +er bei solchen Gelegenheiten da, und wenn der feindliche +Spott kein Ende nehmen wollte, zog er die +Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei +Fäuste, die er gleich Puffern links und rechts an der +Brust hielt, sprang auf den Plagegeist los und biß +und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich mit +den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich +eine verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die +dem Bewußtsein der Körperkraft entsprang und gar +possierlich wirkte.</p> + +<p>Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold +jedem Bildungszwang. Durch die weitgehenden Verbindungen +Friedrich Borromeos bildete die Militärpflicht +Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. +Sie selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um +ihn auch weiterhin unterrichten zu können, studierte +sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und so wurde +sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie +und den niederen Fächern der Mathematik. Ihn im +Dunkel der Unwissenheit zu lassen, darin sah sie keine +Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß er die +Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. +Er hatte keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand +Vergnügen an körperlicher Arbeit. Die Mutter +wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt +gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte +sie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12"></a>[12]</span>In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit +verriet sich an ihm eine unruhige Überschwänglichkeit +und Phantasterei, die seiner Natur im Innersten +fremd war. Da kam es vor, daß er während einer +ganzen Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, +nach den Sternen starrte, in die Erde hinein +horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang +der Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich +in der Früh und kam erst am zweiten Tag zurück. +Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren, +was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne +lag, und traurig hatte er den Heimweg angetreten, +als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen, dieselben +unansehnlichen Häuschen an derselben Straße +erschienen waren.</p> + +<p>Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und +kehrte sich fast in sein Gegenteil, so daß Arnold den +Eindruck eines mürrischen und phlegmatischen Burschen +machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung, +ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer +und Winter und wieder Sommer und Winter +vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse +der Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel +auf dem Zifferblatt der Zeit, das er mit trockener +Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und +schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. +Es bestand zwischen ihnen kein gefühlvolles Streben +nach Annäherung, auch keine geheimnisvolle Abgeschlossenheit. +Jeder schien in einem eigenen Land, +nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der +Tage und der Beschäftigungen bestimmte den Charakter +<span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13"></a>[13]</span>ihres Verhältnisses. Arnold war nie trotzig +oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für +ihn mehr eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. +Später zeigte er in den kurzen Gesprächen mit ihr +gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm nicht +übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht +nur darum ein wenig ängstigte, weil sie etwas +an sich hatte, was wie ein Zeichen geistiger Überlegenheit +aussah. Aber die Sache war einfach die, +daß Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern +auch die Frau in ihr erblickte, die er, in komischem +Männlichkeitswahn, sich untergeordnet glaubte.</p> + +<p>Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie +ein schwüles Mysterium für ihn gewesen. Seine früh +erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch körperliche +Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien +gefunden. Als er mit sieben Jahren zum erstenmal +das Belegen einer Stute mit ansah, da begriff er +das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem +Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein +Blick langsam für dergleichen Schauspiele abstumpfte, +so vergaß er doch niemals den herrlichen Anblick des +sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes Maul, +die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, +die schweißbedeckte dampfende Haut.</p> + +<p>Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer +zu und ein wunderliches Drängen und Wühlen +meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war +es, als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen +schrecklichen Überschwang zielloser Kräfte, die des +Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen Körper, +<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14"></a>[14]</span>in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden +trachteten.</p> + +<p>Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden +Bauernhof fort, und die neuankommende war in +ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie, +frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen +und hieß Salscha. Als Arnold sie gewahrte – sie +stand am Brunnentrog und wusch, ihre Bewegungen +hatten etwas Rauhes und Herausforderndes – da +besann er sich lange, schaute gegen das sonnebeschienene +Gelände und blinzelte mit den Augen. Aber +er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte +nicht viel Umstände; als er vor Salscha stand, fragte +er einfach, ob sie ihn haben wolle, und zwar hatte +er dabei einen strengen Ton und sah finster aus, +als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte +und unrechtmäßig vorenthalten war. Die Magd +lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf Stunden +darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne +Belauern und Überlisten, das war seine Sache nicht, +nahm sie Arnold und war bei ihr nachts in der Kammer +oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof +unter der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit +glaubte Salscha guter Hoffnung zu sein, doch damit +war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm, +verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer +und Salscha war ihm nichts mehr denn ein +leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken müssen, +um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. +Sein Herz wurde wieder ruhig.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15"></a>[15]</span></p> +<h3><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. +Gelb, violett, purpurn und zinnoberrot wogte +es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände +glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, +der Arnold langsam entgegenging. Aus der Ebene +ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise sausenden +Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. +An einem Tümpel in den Wiesen stand +Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und plätscherte +mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte +er gegen den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand +erwarte. Er war erst seit zwei Monaten in Podolin; +Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.</p> + +<p>An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich +Arnold lässig an den Pfosten und betrachtete die ruhig +vorbeitrippelnden Hühner, die sich langsam nach ihrer +Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen +leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht +wünschten. Draußen schob sich Maxim Spechts Gestalt +schwarz und scharf zwischen die Ebene und den +flammenden Himmel.</p> + +<p>Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. +Zu seinem Erstaunen bemerkte er zwei Frauen, die +aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen. Die +eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen +und verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. +Während er ihnen nachschaute, kam der Lehrer voll +Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen +die Richtung nach dem Dorf ein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16"></a>[16]</span>Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen +sei. Frau Ansorge wandte ihm langsam +das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte wie ein +Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte +sie vorsichtig, »Nachbarsvisite; sie glauben, das muß +so sein. Sie haben das Haus des verstorbenen Michael +Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt. Hanka +heißen sie.«</p> + +<p>Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte +sich hungrig zu Tisch. Seine Wißbegierde war befriedigt. +Er bemerkte nicht, daß die Mutter durch +die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn +ein neuer Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der +Pfarrer, der Doktor, die Post- und Gerichtsbeamten +waren außer den Bauern die einzigen, die man hier +zu Gesicht bekam.</p> + +<p>Kaum war die Lampe angezündet, als es an die +Tür klopfte und Maxim Specht eintrat. »Ich bitte +vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt und +liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier +vergessen.« Er lächelte, wobei das Liebenswürdige, +Gesellschaftliche noch stärker hervortrat und daneben +etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu beobachten +fähig ist und sich dessen freut.</p> + +<p>Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab +es dem Lehrer. »Es ist sehr gelb, das Ding,« meinte +er lachend. Er schnupperte und steckte die Nase in +den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.</p> + +<p>»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. +»Finden Sie das schlecht?« Er sah Arnold an wie +einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu +<span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17"></a>[17]</span>allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er +hatte in Podolin viel reden hören von dem Leben +auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits betrachtete +das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht +ihm zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. +Er empfand Mißtrauen und zugleich eine unklare +Regung der Kameradschaft.</p> + +<p>Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges +auf sich ruhen fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, +sich zu entfernen. Mit einer leichten +Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, +verbeugte sich galant und wünschte gute Nacht.</p> + + + + +<h3><a name="Drittes_Kapitel" id="Drittes_Kapitel"></a>Drittes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als +er gewaschen und angekleidet war und in den +Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er +liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit +und -frische. Die Waldränder am Horizont +waren rosig bemalt. Die Rinder wurden zur Tränke +geführt, und sie blökten freundlich.</p> + +<p>Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem +Fleischer Uravar wegen einer Kuh unterhandeln +sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken. +Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei +Frau Ansorge. Der Jude kam jeden Monat zwei- +bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch sonstige +Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18"></a>[18]</span>Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn +und Glatze, die trotz des kühlen Morgens schon schweißbedeckt +waren, mit einem blauen Tuch trocknete. Sein +langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck +eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte +das Geld, das er empfing, mit liebevoller Sorgfalt +in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte seinen +ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig +und ging.</p> + +<p>Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich +geh’ jetzt ins Dorf.«</p> + +<p>Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen +Luft. Die Welt atmete Frieden. Indem +Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich gelaunt, +tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, +der am Wege lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr +und warf die Stücke in den Fluß, dessen mühselig +hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des +Himmels wiedergab.</p> + +<p>Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm +und schmutzig, entfernten sich nur an einer Stelle +von der Straße und bildeten, den Hügelrücken hinan, +einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das Pfarrhaus, +die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude +standen. Uravar wohnte am Eck hoch oben. Als +Arnold in den Laden trat, erblickte er den jüdischen +Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen +Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar +hockte nachlässig, die Hände in den Taschen, auf der +Kante des langen Tisches, der mit Blut und Fleisch +bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. +<span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19"></a>[19]</span>Sein bartloses Gesicht war rot und glänzend wie +das rohe Fleisch; am Kinn hatte er eine Warze mit +fünf langen Haaren, welche aussah, als ob beständig +eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.</p> + +<p>»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« +sagte der Hausierer, »werd’ ich Ihnen verklagen bei +Gericht.«</p> + +<p>Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die +blendend weißen Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl +ich Hund,« sagte er und warf einen beifallhaschenden +Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle +stand.</p> + +<p>Elasser wurde erregt. »Ich fürcht’ mich nicht vor +Ihrem Hund,« antwortete er. »Ich fürcht’ mich nicht +einmal vor Ihnen, wie soll ich mich vor Ihrem Hund +fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach’ +hat sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und +die Augen fielen kummervoll und ermüdet in ihre +Höhlen. Rettungsuchend blickte er an Arnold vorbei +auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz +herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn +zuging. Er packte Elasser mit beiden Armen um den +Leib, hob ihn empor und schleppte ihn gegen die Türe. +Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft +um seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen +krachten und zurückgedreht wurden. Mit +einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur Erde +gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt +und blickte Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, +tückisch an. Arnold erwiderte den Blick mit solcher +Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf +<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20"></a>[20]</span>duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne +mutlos zusammenschrumpfte.</p> + +<p>Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der +Herr wird dafür zu büßen haben,« sagte er, auf +Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem +Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber +gegen Gewalttätigkeiten sind da die Gerichte.« Er +nickte Arnold zu und verließ den Laden.</p> + +<p>Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer +zu reden, trat Arnold auf den Platz hinaus und sah +gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die blendende +Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam +es ihm vor, als sei der Sonnenschein trüber geworden.</p> + +<p>Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden +Schulhaus entströmten, wurde Maxim Specht +sichtbar. Er schritt ohne weiters auf Arnold zu und +sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, +sehr gut. Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich +einmal hat dieser Kerl eine Lektion erhalten.« +Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein +wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er +Arnold ein, ihn ein Stück Wegs zu begleiten; oft +schon hätte er sich eine nähere Bekanntschaft gewünscht, +sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er +darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen +und zugleich zurückhaltend. Er war sehr neugierig +in bezug auf alles, was Arnold betraf.</p> + +<p>»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige +Leben?« fragte er. »Was tun Sie denn den +ganzen Tag über?«</p> + +<p>Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21"></a>[21]</span>»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut +Ihrer Frau Mutter?« meinte Specht. »Und wird +Ihnen das nicht langweilig?«</p> + +<p>»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!«</p> + +<p>»Waren Sie nie in der Stadt?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem +Äußern nach sind Sie doch ein Städter. Ihre Sprache, +Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei einem +Städter. Sehr merkwürdig!«</p> + +<p>»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« +erkundigte sich Arnold.</p> + +<p>»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade +sagen. Aber wenn Sie die Stadt noch nicht +kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor. +Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! +Wie merkwürdig! Ich sage Ihnen, es ist etwas Herrliches +um so eine große Stadt. Theater, Konzerte, +reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale +Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können +Sie sich nicht vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier +versumpft man ja, glauben Sie mir.«</p> + +<p>Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es +ihm zu heiß wurde, zog er seine Lodenjacke aus, wobei +er stehen blieb und den Lehrer durchdringend und +verständnislos anschaute.</p> + +<p>Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. +An der Straße lag eine Art Meierhof: ein schmuckes +Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und neu +umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem +Teller lag das kleine Gut in der Ebene. Unter dem +<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22"></a>[22]</span>Haus stand ein junges Mädchen, auf den Lippen +ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet +hatte, schlug sie den gelben Schal fester +um Brust und Schultern und ging dem Lehrer entgegen.</p> + + + + +<h3><a name="Viertes_Kapitel" id="Viertes_Kapitel"></a>Viertes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und +schaute ruhig nach der Angelschnur, die sich in +weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das +Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich +schwül geworden. Nicht das kleinste Fischlein +wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß kräuselte +keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über +den schlesischen Wäldern lag ein Wetter.</p> + +<p>Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold +stehen und fragte ihn, was er mit dem Fleischer Uravar +gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel auf ihn.</p> + +<p>Arnold brummte etwas vor sich hin.</p> + +<p>Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen +fort, dem Juden werde er ja doch nicht zu seinem +Recht verhelfen können.</p> + +<p>»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf.</p> + +<p>Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, +sie behexten das Vieh und zu Ostern schlachten sie +Christenkinder.</p> + +<p>»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der +Jud ist arm, hat neun Kinder zu Haus und wenn +er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht bekommen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23"></a>[23]</span>»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so +billig wäre!« höhnte Salscha.</p> + +<p>Arnold zuckte die Achseln und schwieg.</p> + +<p>Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, +die Knie unter den Röcken weit voneinander, die Augen +nicht von ihm wendend. Weit und breit war kein +Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien +erwünscht. Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. +Mit bösem Blick schielte sie nach der Angel, stand +auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr gleichmäßiges +und erzürntes Trällern über die Wiesen +klingen.</p> + +<p>Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und +machte sich auf den Heimweg, da der Regen nahte. +Über Podolin wetterleuchtete es. Er schulterte die +Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. +Frau Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, +als er eintrat, denn sie fürchtete Gewitter, besonders +die des Herbstes.</p> + +<p>Aber die Wolken verzogen sich wieder.</p> + +<p>Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin +angesprochen und ihm mit allerlei wunderlichen Ausdrücken +von dem Leben in der Stadt vorgeschwärmt +habe.</p> + +<p>Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der +Windbeutel«, sagte sie; »er soll seine frischgebackene +Weisheit für sich behalten.«</p> + +<p>Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den +Himmel, wo ein Regenbogen stand.</p> + +<p>»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie.</p> + +<p>Arnold trat an ihre Seite.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24"></a>[24]</span>»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön +und groß vor dir. Kommst du zwischen Gassen und +Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm übrig. Und +so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück +und Ruhe verlierst du selber. Und die Stadt, das ist +nichts andres als eine Unmenge von Gassen und +Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel, +sie sind leer wie gedroschenes Stroh.«</p> + + + + +<h3><a name="Fuenftes_Kapitel" id="Fuenftes_Kapitel"></a>Fünftes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, +hatten Besuch. Der Bruder von Agnes Hanka, +Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte +nur drei Tage bleiben; Erbschaftsangelegenheiten +waren zu besprechen. Auch wegen Beate kam +er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie +einst auf seinen Wunsch zu sich genommen. Vor +Jahren hatte er die arme Waise den Händen böswilliger +Verwandten entrissen, der Familie seines +Gutsinspektors in Böhmen. Alexander Hanka, den +alle Welt für die Vernunft und Hausbackenheit selber +hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt. Ein +Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes +Weib, innerlich frei und kräftig, unverblendet +und natürlich, das er für sich, für ein von der Gesellschaft +losgelöstes Leben auferziehen wollte. Seitdem +waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges +leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. +<span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25"></a>[25]</span>Beate selbst fand diese gleichmütige Gesinnung sehr +bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, ist +wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn +sie wußte, was sie an ihm hatte, und war zutraulich +gegen ihn.</p> + +<p>Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die +Sonne schon tief im Westen. Harzgeruch würzte die +Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain +weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung +auf den städtischen Ankömmling.</p> + +<p>Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka +erfuhr, daß seine Schwester beim Pfarrer, Beate man +wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, setzte +sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die +überaus langen Beine übereinander und wartete. +Die Stille und der große Himmel, dessen Anblick in +solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn +seine anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug +vergessen.</p> + +<p>Während er noch in Nachdenken versunken war, +es fing schon an zu dämmern, klang ein überraschtes +Ach an seine Ohren. Beate stand hinter ihm und +mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem +sie eine ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, +machte die beiden Männer miteinander bekannt. +Der Lehrer und Beate sahen belustigt und +aufgeräumt aus. Mit offenbarem Vergnügen an +seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, erzählte +Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold +Ansorge begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten +hätten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26"></a>[26]</span>»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« +platzte Beate lachend heraus.</p> + +<p>»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, +»sondern wie er zuhört, wie er verwundert ist, wie +er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht dumm.«</p> + +<p>»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem +die Art Spechts nicht sympathisch war. Indes kam +auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester begrüßten +einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen +Gravität und spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit +einem Ausdruck unbegrenzter Hochachtung vor dem +Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig, +aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer +Furcht, denjenigen allzusehr zu bemühen, mit dem +sie sich unterhielt.</p> + +<p>Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete +sich bald. Sein Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, +und seine Empfindlichkeit, daß Hanka nicht +zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. +Als Specht gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt +war, erkundigte sich Hanka bei Beate nach +dem Lehrer.</p> + +<p>Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit +damenhafter Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände +über den Knien verschränkt, saß vorgebeugt und +trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von +Specht zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer +Überzeugung es zu etwas Großem bringen würde. +Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald wolle +er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist +ein Sozialist,« fuhr sie flüsternd fort, »aber das +<span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27"></a>[27]</span>sag’ ich dir nur im Vertrauen, es soll Geheimnis +bleiben.«</p> + +<p>Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, +wiegte sich in den Hüften, schmunzelte gutmütig und +um seinen vollen, weichen Mund zuckte die Ironie +wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen +seines langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen +und Spott aus. Zum erstenmal heute sah er +Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, besonders +behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der +Brauen über den perlmutterglänzenden Augen. Darauf +erblickte er sein eigenes Bild, denn hinter dem +dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie +glaubte er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, +lange Nase, eine niedere Stirn; ein blasses Mephistogesicht. +Bestürzt wandte er sich ab. »Wir haben uns +ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. +»Wie geht’s dir denn, Beate? Einmal schrieb mir +Agnes, du hättest dich fortgestohlen, um zu tanzen. +Wie verhält sich das?«</p> + +<p>Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den +tiefen O-Lauten erregte Beates Lachlust. »Es macht +mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,« log sie +und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich +lese nämlich sehr viel.«</p> + +<p>»Hm–m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka +mit hölzerner Würde. Zugleich sah er im Geist den +jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem +flinken Benehmen.</p> + +<p>Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich +herein, die Lampe brannte freundlich, und altvertraute +<span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28"></a>[28]</span>Bilder schauten von der Wand. Beate nahm +fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte +den vom Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, +um zu erfahren, ob Alexander auch den richtigen +Hunger habe. Hanka stellte allerlei Betrachtungen +über das Landleben an, rauchte schweigend +seine Zigarette und sandte bisweilen einen kurzen +Blick nach Beate.</p> + +<p>Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. +Dabei entschuldigte sie sich, daß sie dies +oder jenes nicht habe bekommen können. Beate reichte +Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich +in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen +vor, machte eine Schnauze, drehte den Hals wie eine +Ente im Wasser und sagte, es tue ihm leid, daß er +morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte +es lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll +an.</p> + +<p>Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die +Geschwister hatten eine ernsthafte Unterredung. Mitten +darin verlor sich Hankas Geist in die Breite und spielte +mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben +am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme +sang ein Lied, das sie von den Tschechinnen gelernt +hatte.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"><em class="antiqua"> +<span class="i0">Kudy, kudy, vede cestička<br /></span> +<span class="i0">Pro mého Jenička ...<br /></span></em> +</div></div> + +<p>Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet +es, um sich eine Reiche zu suchen, aber das +kann nicht hindern, ihn noch weiter zu lieben.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29"></a>[29]</span></p> +<h3><a name="Sechstes_Kapitel" id="Sechstes_Kapitel"></a>Sechstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Da in der Nacht leichter Frost eingetreten +war, umhüllte Arnold am Morgen die Fruchtstöcke +für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, +trug das Stroh aus der Scheune und legte es in +lange Bündel. Sie war mürrisch und traurig und +suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu +machen. Er stand auf der Leiter, und während er +den Arm hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, +begegnete er Salschas Blicken. Die Polin +wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück +und stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang +stand sie noch schweigend, dann kehrte sie um, ging +ins Haus, trat entschlossenen Schrittes vor Frau Ansorge +hin mit der Miene eines Menschen, der endlich +einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte +die Stickerei auf den Schoß und lächelte Salscha entgegen. +Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung +gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen +und fing an zu schluchzen. Das Lächeln auf Frau +Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden Ausdruck +der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit +und leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem +feinen Schimmer die Freude über den, der solche +starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand auf, +räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf +die Schulter der Magd und sagte: »Das vergeht +schon, Salscha. Gott hat tausend andere für dich +erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich +schenk’ dir einen neuen Unterrock.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30"></a>[30]</span>Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig +stieß er mit dem Fuß das Stroh aus dem Weg und +wandte sich zum Gartentor, da er dort einen Mann +stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand +führte. Als er näher kam, erkannte er Elasser, den +Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte der Jude +das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft +vor Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz +seiner Ehrerbietung war er kurz, trotz der süßen +Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß +es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, +wenn es so weit kam. Arnold dachte nicht +an anderes. Er blickte das Mädchen an, das Elasser +mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige +Gestalt und die frühreifen Züge standen, erschreckte +ihn fast. »Sag dem Herrn Dank, Jutta,« murmelte +Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die +Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und +furchtsamen Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn +Jahre alt und mit ihren etwas schwärmerischen +Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der +Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum +ihrer Gestalt verhindert hatten.</p> + +<p>Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen +und Platz waren vom Kirchweihdunst erfüllt. Aus +der ganzen Umgegend waren die Bauern zusammengeströmt. +Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander +zu unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten +ihre Gäste nicht fassen, die überall im Flur und auf +der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen und +Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder +<span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31"></a>[31]</span>johlten. Die Drehorgeln quietschten, die Heringbrater +schrien und Kinder schlüpften wie Eidechsen +um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten +Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, +und mit bunten Fähnchen und schläfrigem +Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im Gedränge +kaum vorwärts schieben konnte. Einige in +der Nähe bekreuzten sich, knixten und stürzten wieder +in den Trubel. Dabei wurde es Abend. Die Menge +staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur +des »goldenen Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. +Ein Mann schrie verzweifelt, seine farbigen +Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, +Arm in Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor +und sangen lachend ein Lied. Hinter ihnen stand +plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd +zu. Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken +versammelte die Zecher um sich, und der +Durchgang war versperrt. Als er neben sich blickte, +sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige +Gestalt, das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern +und gefaßt prüfenden Augen wirkten so befremdlich +in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, +was er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, +als wenn er bisher mit niemandem hätte über etwas +sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken schien. +Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte +er mit einer fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit +er vom Hof des gnädigen Herrn Ansorge zurückgekommen, +sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe +sie manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei +<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32"></a>[32]</span>nicht da. Wunderlich genug, daß Arnold auf einmal +Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als ob +er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er +nur betrunkene Tiere sah. Er wurde nachdenklich +und sah diese winzige Jutta irgendwo im Wald verirrt. +Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt +und Arnold befand sich neben der Saaltüre, +dicht neben Specht und Beate. Specht faßte +ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe. +Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand +keinen Tonfall gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. +Neugierig sah er auf die Füße der Tanzenden, +denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und +wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. +Oben auf einer Estrade hockten wie Kobolde die +Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. Beate +wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit, +aber mit einem geheimnisvoll tückischen +Glanz in den Augen zu Arnold und fragte, ob er +denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so +erstaunt starre. Auch die Schnelligkeit und falsche +Heiterkeit, mit der sie redete, hatten etwas Unerklärliches. +»O ja,« antwortete Arnold gelassen, »aber +ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war +ein Jahr eine unübersehbare Spanne Zeit.</p> + +<p>Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem +Wuchs davon. Der heiße Saal mit seinen +trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald schien +es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. +Er stand am Schanktisch, konnte weder vor- +noch rückwärts, blickte zwischen Köpfen hinweg, über +<span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33"></a>[33]</span>zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte +Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. +Er sah Beate vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. +Der Bauer schien sie zu tragen, und seine großen +Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen +auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. +Beide sahen ihn nicht. Specht hatte das Mädchen +am Oberarm gefaßt und knirschte etwas durch die +Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. +Beate antwortete ihm mit einem langen Blick, +der zugleich nachlässig, verliebt, unentschieden und +von äußerster Wildheit war. Ihre Haare klebten an +der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren +purpurrot, das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, +die tschechisch lallten, verdeckten gleich darauf die beiden +für Arnolds Blicke. Er drängte sich zur Türe durch. +Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter +sich vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals +in den Arnolds schob und höflich bat, mitgehen +zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die +Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den +Lehrer keuchen von der Anstrengung des Nachlaufens.</p> + +<p>»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht +wiederum. »Ich möchte nicht gern allein sein. Es +ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch +einen Spaziergang machen.«</p> + +<p>Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. +Bald hatten sie den Lärm hinter sich. Trotz der +Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der Viertelsmond +stand im Westen. Der Frieden der Felder schien +vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34"></a>[34]</span></p> +<h3><a name="Siebentes_Kapitel" id="Siebentes_Kapitel"></a>Siebentes Kapitel</h3> + + +<p class="newquotesection"><span class="bigletter">»E</span>lende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine +Weile lang schweigend gegangen waren. »An +einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie +einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt +haben.« Er redete in Wut und Haß und warf irgend +eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts +zu schaffen hatte, irgendwohin.</p> + +<p>Arnold schwieg.</p> + +<p>»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr +Specht mit einer verzweifelten Bewegung seines +ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier? Was soll +ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein +Mensch, mit dem man ein richtiges Gespräch führen +kann. Pfui Teufel.«</p> + +<p>Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern +getanzt hat, dachte Arnold, was macht er solches Wesen +davon.</p> + +<p>»Ich wundre mich nur, daß Sie’s hier aushalten,« +sagte Specht, »Sie sind doch auch schließlich nicht auf +den Kopf gefallen. Das ist doch keine Existenz für +Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht +Männer heutzutage.«</p> + +<p>»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur +Antwort.</p> + +<p>Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten +schweigend am Waldrand entlang. Die Wiesen +glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft. Dicht +vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters +auf; über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35"></a>[35]</span>»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit +verborgener Bewunderung heftete er den Blick auf +Arnold, der ihm gegenüberstand, die Füße in schreitender +Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des +Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der +Stirn gestrichen. Die etwas lange, gerade, aber breitrückige +Nase verlieh dem Gesicht einen durchaus reifen +Charakter.</p> + +<p>Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. +Seine Haltung war sinnend und schwermütig. Ihm +war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er +hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches +der Wind in den Baumkronen verursachte. Seine +Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor ihm floß +ein Strom der Einsamkeit.</p> + +<p>Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der +Klostermauer. Dort setzte sich Specht auf eine Steinbank +und erzählte von seiner Tätigkeit als Lehrer, +von seinen Wünschen und Träumen, von seinem +sozialen Ideal, das ihn anderswo hinweise als in +mährische Einöden. Er erzählte von seiner Bibliothek, +von seinen mit Studien verbrachten Nächten +und deutete dumpf und schamvoll sein kümmerliches +Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn auch +durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse +er diesem Menschen beichten, und er vergaß die +jüngeren Jahre Arnolds. Leicht erzeugt ohnedies +eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern, +als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich +nicht bei Arnold, den keine innere Enge trieb, +sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts Längstbekanntes +<span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36"></a>[36]</span>gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er +dem Lehrer mit Interesse.</p> + +<p>Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch +Zeit, nach Hause zu gehn. Während des Heimwanderns +brachte er noch vielerlei vor, denn er hatte +einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte +er Beziehungen und wünschte Sympathien.</p> + + + + +<h3><a name="Achtes_Kapitel" id="Achtes_Kapitel"></a>Achtes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge +beim Frühstück waren, kam Ursula und erzählte, +die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden +Elasser zu sich ins Kloster gebracht.</p> + +<p>»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt +wo ihr Kind ist,« sagte sie. »Erst heut Nacht haben +sie es durch einen Zufall erfahren.«</p> + +<p>»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.</p> + +<p>»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister +Wittek ins Kloster gegangen. Man hat sie aber nicht +hineingelassen.«</p> + +<p>»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge +spöttisch.</p> + +<p>Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung +mit dem Hausierer und an dessen beklommenes Wesen. +»Man kann doch nicht ohne weiteres ein Mädchen +rauben,« sagte er verwundert.</p> + +<p>»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« +antwortete Ursula.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37"></a>[37]</span>Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, +bestätigte das Vorgefallene.</p> + +<p>»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender +Verwunderung zu seiner Mutter. »Können die vom +Kloster ein Kind einfach stehlen?«</p> + +<p>Frau Ansorge zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern +nicht wollen.«</p> + +<p>»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn +Jahre alt ist, braucht man die Einwilligung der +Eltern nicht.«</p> + +<p>»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es +wieder entlassen, wie?«</p> + +<p>Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was +gehen uns die fremden Leute an,« entgegnete sie +gleichgültig.</p> + +<p>Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg +nach dem Dorf. Auf dem Hauptplatz blieb er eine +Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider Willen +trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der +Ecke. Bauern, Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, +ja sogar ein paar Weiber saßen dort und machten +Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein +alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps +roch und dessen Mund verzogen war, als hätte er +Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt sei die Zeit +gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus +gemacht. Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, +dem die bloße Brust durch das zerrissene Hemd schien. +Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit einem Bart, +der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, +<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38"></a>[38]</span>lachte mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige +Bäuerin behauptete, der Papst und der Erzbischof +hätten den Felizianerinnen strenge befohlen, +alle Judenkinder zu taufen.</p> + +<p>Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden +Geschäftsgehilfen nach der Wohnung Elassers und verließ +dann den Laden.</p> + +<p>Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger +Häuser bestehend, hatte nur eine einzige Seitengasse +und dort, dicht am Flußufer, wohnte Elasser. Die +abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen, +Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes +Geflügel. Von den Mauern des Elasserschen +Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung +abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre +in ein gleichfalls offenes Zimmer zur Rechten, wo +sich ihm ein ebenso wunderbarer als trauriger Anblick +bot.</p> + + + + +<h3><a name="Neuntes_Kapitel" id="Neuntes_Kapitel"></a>Neuntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die +Knie fast bis zur Brust emporgezogen, im +Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit +beiden Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, +daß darunter nur der braune Bart hervorquoll. Auf +dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes +Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum +standen wie in einem abgemessenen Halbkreis sechs +Kinder und blickten regungslos auf die kauernde Gestalt +<span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39"></a>[39]</span>ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch +halb spielend, halb winselnd über die Dielen und +ein Neugeborenes lag eingehüllt in bunte Lappen, +die wiederum durch einen grünen Gürtel zusammengehalten +waren, auf einer breiten Bank neben dem +Ofen. Die Frau stand vor dem Fenstersims und bewegte +betend die Lippen und den Oberkörper. Außer +dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein +deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen +acht blecherne Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen +zur Wand hingen rote Windeln zum Trocknen und +der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den +fünften Teil des Raumes ein.</p> + +<p>Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der +Schwelle geblieben war, trat er ins Zimmer. Sogleich +drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel +zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen +und blickte den Fremdling mit glasigen Blicken an. +Arnold war etwas verdutzt über die gepreßte Trauer +und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten. +Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als +er das ihm bekannte der kleinen Jutta nicht erblickte, +fragte er: »Ist sie noch nicht zurück aus dem Kloster?«</p> + +<p>Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren +hervorquellenden, ermüdeten Augen einen ungewissen +und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß der Herr +nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt +ins Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen +Stimme. Ihre Züge, obwohl alt und häßlich, +entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in +jeder Form zu erteilen vermag.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40"></a>[40]</span>Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« +erwiderte er, »aber das ist doch gegen das Recht.«</p> + +<p>»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort +und hob sibyllenhaft den Kopf, »wie es bestellt ist +mit dem Recht. Für die armen Leute gibt’s kein +Recht, für arme Juden gibt’s gar kein Recht. Und +mit was kann ich dienen? Mit wem hab ich das +Vergnügen?«</p> + +<p>»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser +auf, mit einer Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig +als für kummervoll gelten konnte. »Der Herr kommt +nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern Sie +sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht +Sonntag? Wir haben gewartet und gewartet und +wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. Und der +ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen +der Gehilf vom Uravar und klopft da draußen +und meint, wir sollen doch einmal nachfragen im +Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch, +’s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen +zu den Nonnen, denn sie ist allein hausieren gegangen, +und solche Sachen sind schon bereits vorgekommen, +und der Gehilfe, der ’s Fleisch bringt ins +Kloster, kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr +meine Tochter ist eine gute Jüdin, warum soll sie +bei den Nonnen geblieben sein? Und es war Mitternacht, +bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, +ein freundlicher Herr, ist mit mir gegangen +ins Kloster. Und wir verlangen die Oberin zu sprechen, +aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen kommen +in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der +<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41"></a>[41]</span>Herr Wachtmeister sagt, warten wir bis in der Früh. +Gut. Sie können sich denken, daß wir kein Aug +zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh +um sechs bin ich abermals wieder gegangen mit dem +Herrn Wachtmeister und verlang zu sprechen die +Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben +mein Kind. Und gnädiger Herr, glauben Se mir, +mein Herz is still gestanden, sie sagt, ich soll kommen +in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt +haben wird an die neue Umgebung.«</p> + +<p>Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide +brennten. »Un so bin ich fortgegangen,« schloß er +und atmete tief.</p> + +<p>»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht +sich verfärbt hatte.</p> + +<p>»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, +aber er hat gesagt, leider, es ist vorläufig nichts zu +machen. Man muß warten. So wart ich.«</p> + +<p>Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann +ein dünnes Geheul, bis die Mutter hinging +und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges Leinwandstück +in den Mund steckte. Auch das auf dem +Boden kriechende Kind fing an zu weinen. Die Frau +blickte gleichgültig herab, gab ihm mit dem Bein +einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde +lag, rollte sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen +hin und her. Das Kind lachte, während die Mutter +leise summte und mit der Hand den Säugling wieder +in Schlaf schüttelte.</p> + +<p>Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet +hatte und blickte Arnold ohne jede Schüchternheit +<span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42"></a>[42]</span>mit funkelnden Augen an. »Was soll ich tun, +lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall +wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. +»Kann ich mir helfen, sagen Sie selber? Wenn +sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich +mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ +ein Auge, kann ich mir helfen, lieber Herr?« Er +ging auf und ab.</p> + +<p>Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff +nicht, begriff nichts. Diese Verzweiflung schien ihm +unverständlich.</p> + +<p>»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer +Entschlossenheit, »hör auf zu reden, bitt dich, vor dem +Christen.«</p> + +<p>»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, +bis sie mir nicht mein Kind gegeben haben!« rief +Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und wenn +ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn +ich hungern un dürsten muß.«</p> + +<p>»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« +fragte die Frau mit streng zusammengezogenen +Brauen.</p> + +<p>»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und +blickte verdrießlich von einem zum andern, »gibt es +denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen das +Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.«</p> + +<p>Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische +Männer betraten den Raum, wobei sie Gebete murmelten.</p> + +<p>Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes +gelangt, als ihm Specht begegnete. Der +<span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43"></a>[43]</span>Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb aber +doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte +an und meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade +gestern Abend vor dem Kloster geweilt hätten. »Und +was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht fabelhaft, +daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll +fügte er hinzu: »Ich berichte alles an eine +Wiener Zeitung. Übrigens könnten wir eine halbe +Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins +Wirtshaus.«</p> + +<p>Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und +dunkle Gemach, nahm schweigend neben Specht Platz +und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor ihn hinstellte.</p> + +<p>Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner +Rattenpinscher lag neben Specht auf der Bank, erhob +den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. Specht +schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: +»Heute ist es mir schlimm ergangen; heute hab’ ich +was Schlimmes erfahren. Hören Sie nur ... Vielleicht +bereu’ ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber +der Teufel kann ewig schweigen.«</p> + +<p>Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll +auf den Mund des Lehrers.</p> + +<p>»Sie kennen doch Beate?«</p> + +<p>Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. +Specht legte seine Hand auf Arnolds Schulter und +sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich übertreibe +nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte +Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. +Was ich gelitten habe! Doch es ist vorbei; anderes +<span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44"></a>[44]</span>liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn mit der Hand; +seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon +jetzt Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene +wurde plötzlich kalt, und das Gesellschaftliche in seinem +Wesen trat mit auffallender Schärfe hervor, als er +sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen +die Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während +sie uns ungestraft zum Wahnsinn treiben.« Er lächelte +und zupfte an seinem schmalen, blonden Schnurrbart.</p> + +<p>Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis +besaß, hatte zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende +Frauenzimmer erschien ihm keines Wortes +wert. Er schämte sich für Specht.</p> + +<p>Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. +Der Wirt hatte die Lampe angezündet. +Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig +vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken +Hand drückte: »Wann wird man denn befehlen, das +Mädchen frei zu lassen?«</p> + +<p>»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. +»Die Elasser meinen Sie? Ich weiß +nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer +so fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als +seiner, Maxim Spechts, persönlich nahen. »Wer, +glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?« fragte +er ironisch.</p> + +<p>»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und +wandte sich dem Lehrer völlig zu.</p> + +<p>»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es +sich hier handelt?« Specht lächelte boshaft vor sich +hin, als ob er mit diesen Mächten im Bunde sei.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45"></a>[45]</span>Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck +sagte Arnold: »Es handelt sich um ein Unrecht.«</p> + +<p>Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben +wir denn im Paradies? Findet denn jedes Unrecht +einen Richter? Und wenn es schon einen Richter +findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?«</p> + +<p>»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie +wollen mich wohl zum Narren halten,« erwiderte +Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und schob +den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. +Der Hund fuhr aus dem Schlaf empor und bellte +wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold an, der +schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die +Wirtsstube verließ.</p> + +<p>Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. +Bald machte auch er sich auf den Weg, schlenderte +die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum +Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor +und begann melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne +Absicht und nur in sich selbst versinkend. Seltsame +Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff, +mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für +ihn ist das Leben ein warmer Pfannkuchen; er braucht +sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er Rechenschaft +haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der +die Eier kommen?</p> + +<p>Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine +helle Stimme rief: »Specht! Herr Specht! Kommen +Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!«</p> + +<p>Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes +saßen bei Tisch und schienen soeben mit dem Abendessen +<span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46"></a>[46]</span>fertig geworden zu sein. Beate blickte Specht +hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich, +lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach +Agnes Hankas Befinden. Freundlich und eilfertig +bot ihm Agnes von den Überresten der Mahlzeit und +obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf +und deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate +hatte nicht aufgehört den Lehrer fest anzublicken. Sie +spielte mit einem Zeitungsblatt und sagte plötzlich +vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben +Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig +bist –« ... mit einer kategorischen und deutungsvollen +Bewegung riß sie das Blatt mitten entzwei.</p> + +<p>»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen +Käse,« rief Specht, zu Agnes gewandt, die ihm erfreut +Butter, Brot, die Weinflasche und den Wurstteller +hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge +um ihren Bruder Alexander habe; sie fürchte für +seine Gesundheit, er sehe so schlecht aus. Übrigens +habe er heute in einem Brief versprochen, gegen +Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.</p> + +<p>Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich +treibe.</p> + +<p>Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas +gab, das Hanka »trieb«. »Nichts,« erwiderte sie +endlich scheu.</p> + +<p>Der Lehrer lächelte sarkastisch.</p> + +<p>»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. +»Er ist reich genug. Ist das vielleicht nicht +erlaubt?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47"></a>[47]</span>»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« +antwortete Specht.</p> + +<p>Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu +lesen. Es war, als suche sie über etwas Beunruhigendes +in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem +Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut +die ungefügen Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte +er Beates Hand zu ergreifen.</p> + + + + +<h3><a name="Zehntes_Kapitel" id="Zehntes_Kapitel"></a>Zehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß +ihr Bruder Borromeo sich wieder verheiratet habe. +Die Photographie der neuen Schwägerin zeigte eine +üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen +herrischen und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut +nichts Gutes in seinem Schwabenalter,« sagte Frau +Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen Frau +mit Vergnügen betrachtete.</p> + +<p>An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen +Brief und eine Zeitung. Die Zeitung enthielt Spechts +Bericht über den Raub der Jutta Elasser. Arnold +las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade +wie eine Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. +Aus dem Nahen und Wahren war etwas +Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden.</p> + +<p>Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen +Sie mich morgen früh um sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann +hat mit der Elasserschen Angelegenheit +<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48"></a>[48]</span>einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter +von mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu +sein, wenn Elasser im Kloster seine Tochter zu sehen +bekommt. Davon darf man die Entscheidung erwarten, +denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm +dann noch das Kind verweigern wollen, was doch +zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, die Sache +hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter +von vierzehn Jahren erreicht haben wird. Dann wird +dem Samuel Elasser die väterliche Gewalt durch die +Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe +steht kein Hindernis im Wege; denn über das, was +das Mädchen selbst will oder nicht will, wird ja die +Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin dumm oder +boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind +es. Und dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil +ich mich darum kümmere und die Welt, gemein wie +sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit, +sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.«</p> + +<p>Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er +las den Brief nicht nur, sondern er studierte ihn, +drehte ihn um und um und zerstampfte ihn schließlich +mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte +er nichts Rechtes anzufangen.</p> + +<p>In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. +Er kam von einer langen Landstraße an eine hohe +Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde +einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. +Beide Tiere sahen aus, als ob sie mit Grünspan überzogen +wären. An Hals, Kopf, Rücken und Bauch +trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, +<span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49"></a>[49]</span>aus der Haut hervorragten, als ob es nur +künstliche Tiere wären. Aber beide Pferde lebten. +Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift +trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem +er eine Weile unschlüssig und doch höchst begierig +gestanden war, warf er ein Geldstück hin. Darauf +ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; +das größere Pferd erhob den Kopf und öffnete weit +das Maul, um zu sprechen. In diesem Augenblick +wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken +ergriffen, daß er in der größten Eile über die Landstraße +Reißaus nahm. Als er aufwachte und den +Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor; +dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame +Straße, die schwermütige Miene des grünen Gauls, +der sich anschickte zu sprechen, das alles trug etwas +Unvergeßliches in sich.</p> + +<p>Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim +Specht ein. Es war noch halb dunkel, als sie sich +auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein Frühstück +unterwegs. Specht war schweigsam.</p> + +<p>Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten +Wolken vom Frührot glühend wurden, traf der Kommissar +mit einem Gendarmen ein. Ein wenig davon +entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. +Der Kommissar zog die Glocke. Die Schwester +Pförtnerin öffnete, deutete gegen eine schmale Türe +zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon. Als +die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, +an dessen Ende ein Windlicht brannte, welches +nur mühsam die Finsternis verringerte. Darnach +<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50"></a>[50]</span>kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel +hockte schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte +stumm auf die zur Linken befindliche Glastür. Die +Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen Decke +durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. +Auf einer langen Bank standen zwei dreiarmige silberne +Leuchter, darüber hing ein ehernes Kreuz mit +dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich +ein dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen +Stäben bestehendes Gitter befand. Elasser und der +Rabbiner standen schweigend abseits; sie starrten vor +sich nieder.</p> + +<p>Nach einigen langen Minuten, während welcher +Arnold seine Uhr in der Tasche ticken hörte, knarrte +eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen traten +herein. Elasser reckte den Kopf auf – Arnold gedachte +seines Traumpferds, welches sprechen wollte – +und blickte nach der Tür, die sich indes wieder schloß, +ohne daß seine Tochter eingetreten wäre. Plötzlich +war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme +erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, +eine andere folgte. Die erste kehrte zurück, streckte +die Arme aus, als wolle sie einen schweren Gegenstand +ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen +einer knarrenden Türe hörbar, und in demselben +Augenblick begann ein Weinen und Schluchzen, das +um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen +einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. +Die Arme regten sich geschäftiger, noch ein paar Arme +und ein Kopf schienen Beistand zu leisten, aber das +nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen erfüllte +<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51"></a>[51]</span>nach wie vor anschwellend den Raum. Die +Kerze wurde ausgelöscht; das Gitter wurde wieder +finster, die knarrende Türe ließ sich von neuem hören; +Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, und +mit einem Schlag war es wieder still.</p> + +<p>Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der +ganze Mann zitterte und seine Stirn glänzte von +Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen +Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der +Rabbiner und der Gendarm mußten ihn bei den +Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter +finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. +Einige Minuten lang hörte man das leise Aufprasseln +der Kerzenflammen auf der Bank. Die frommen +Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und +Übung erlernte und befestigte Gleichgültigkeit. Ihr +inneres Leben schien sich zu einem verheimlichten +Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung +der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht +stand mit bleichem Gesicht. Arnold betrachtete auch +ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben Zwielicht +wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, +ob sie schliefen oder wachten.</p> + +<p>Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür +und die Oberin trat ein. Specht, der Kommissar +und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. Die +Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick +und richtete die Augen befremdet und fragend +auf Arnold, der sich nicht rührte, nicht grüßte und +mit verhängten Augen auf das eherne Christuskreuz +sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit +<span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52"></a>[52]</span>festem Schritt auf den Kommissar zu und sagte: +»Herr Elasser kann leider seine Tochter nicht sehen. +Das Mädchen ist krank.«</p> + +<p>Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch +gegen sein Herz und schien reden zu wollen. Ja, +er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle Finsternis, +die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch +Worte zu zerstören; der Polizei-Kommissar nahm +seine Partei, bemerkte schüchtern, die Mutter des +Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter +vor ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese +List gedachte er das Herz der Oberin zu rühren.</p> + +<p>»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete +die Oberin mit feierlich erhobener Hand und mit +langsamer, zu peinvollem Lauschen zwingender +Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ +an ihrer Spitze den Raum.</p> + +<p>Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen +getrübt, starrte gegen den Boden; das +rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen schien +ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um +fortzugehen. Elasser stieß einen Seufzer aus, der +Arnold noch lange in Erinnerung haften blieb, ordnete +den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte und +sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von +Entschlüssen durchwühlten Gesicht nichts als: »So +wahr ein Gott lebt –!«</p> + +<p>Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem +Dorfe zu. Plötzlich verabschiedete sich Specht von +seinem Begleiter, schaute sich nach Arnold um und +wartete, bis er herankam.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53"></a>[53]</span></p> +<h3><a name="Elftes_Kapitel" id="Elftes_Kapitel"></a>Elftes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn +so fest, daß der Lehrer sich zusammennehmen +mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht +so stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold +atmete tief auf, dann wandte er den Blick +von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab, +ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und +um seinen Mund zuckte es. Er schüttelte heftig und +kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu grüßen, ging +er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste +ihm entgegen, bald schien die Sonne, bald verging +sie wieder, dann strömte auf einmal Regen, vom +Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von +neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm +und weit dehnten sich Äcker und Wiesen. Arnold war +unzufrieden mit sich selbst; diese Empfindung beirrte +ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, +seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte +sich seine Stirn. Denn daß Elasser um sein offenbares +klares Recht gebracht werden könne, erschien +ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer +verschwinden sollte, weil eine Wolke darüber zog.</p> + +<p>Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem +unbewußten Horchen. Natürlich machte der Raub +des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande. Arnold +wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der +Dinge zu fragen, denn er ahnte wohl, daß da mehr +Feindseligkeit und Parteileidenschaft im Spiel war, +als es zuerst den Anschein gehabt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54"></a>[54]</span>Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung +zu, an welche er berichtete und Arnold las:</p> + +<p>»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt +durch die Hilfe und getragen von der gemeinsamen +Angst und Entrüstung seiner Stammesgenossen, +hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt, +den Hof- und Gerichtsadvokaten <em class="antiqua">Dr.</em> Steinbacher in +Krakau. Unter Berufung auf den § 145 des allgemeinen +Bürgerlichen Gesetzbuches wurde eine Eingabe +an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph +erklärt deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte +Kinder aufzusuchen, entwichene zurückzufordern +und flüchtige durch Unterstützung der Obrigkeit zurückzubringen. +Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede Vermittlung +mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll +ein Mädchen aus einem Kloster herausnehmen?« In +der tiefsten Besorgnis über das Wohlbefinden seiner +Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt, +verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. +Nach langen vergeblichen Bemühungen +und langen Beratungen wurden ein Gerichtsarzt +und der Universitätsprofessor <em class="antiqua">Dr.</em> Woering +in das Kloster gesandt. Beide Ärzte stimmten darin +überein und sagten aus, daß Jutta Elasser vollkommen +gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen +des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, +in aller Form des Gesetzes vom Kloster wenigstens die +Vorführung des Mädchens zu verlangen. Die Oberin +antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird +sie ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit +begnügen, diesen Bescheid stillschweigend zu Protokoll +<span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55"></a>[55]</span>zu bringen. Samuel Elasser fand sich am festgesetzten +Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte +man ihm eine schriftliche Meldung der Schwester +Wirtschafterin, wonach Jutta Elasser zwei Tage vorher +aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte +Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die +Schwester Wirtschafterin den Ausdruck »entflohen« +wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu +den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin +nicht den klareren und wahreren Ausdruck: +entführt –? Denn das Mädchen wurde inzwischen +schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«</p> + +<p>Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt +und bohrte die Zähne in die Lippe, während sie las, +Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig war +und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«</p> + +<p>Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte +so viel Überlegenheit und bewußten Eigenwillen, so +viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und geheimnisvolles +Erzittern alles dessen, was eben nur in einem +Mann erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch +ein wußte; sie litt unter seinem veränderten Gang, +seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen prüfenden +Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, +seines raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, +die sie früher mit ihrer Furcht kaum berührt +hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in +einem seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber +außer einigen blitzhaften Einblicken blieb ihr alles ein +Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe verschärft, +<span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56"></a>[56]</span>verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes +erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter +Grund zur Sorge.</p> + +<p>Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in +die bekannte Seitengasse und betrat das Elassersche +Haus. Dort schien sich nichts verändert zu haben; +der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln +hingen noch auf Stricken. Von den übrigen Kindern +und Elasser selbst war nichts zu sehen. Die Frau lag +auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die rauchschwarze +Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, +und ihr Gesicht bekam einen verbissenen und boshaften +Ausdruck.</p> + +<p>»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.</p> + +<p>»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte +sich mürrisch gegen den Sofawinkel.</p> + +<p>»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« +fragte Arnold, der Widerwillen empfand gegen die +Jüdin und ihre unordentliche Behausung.</p> + +<p>Die Frau schwieg.</p> + +<p>»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr +Arnold ruhig fort.</p> + +<p>»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und +zuckte die Achseln. Plötzlich sprang sie auf, schritt +hastig quer durch die Stube auf Arnold los und rief: +»Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« +Sie blickte Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person +von unergründlicher Falschheit. »Wissen Sie was, +gnädiger Herr? ich will einmal sagen und Sie sind +ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, +was die Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in +<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57"></a>[57]</span>Podgorze ist Jutta, zwei Nonnen haben sie in der +Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. +Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie +dorten hat erwiesen, daß Jutta war im +Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten keinen +Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum +Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann +ist gegangen zum Herrn Grafen Statthalter +und wie er zurückgekommen ist, war unsere +Jutta verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist +gegangen ins Kloster nach Binczice und ins Kloster +nach Morawice und ins Kloster nach Wolajustowska +und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen +und überall ist sie wieder fortgebracht worden und +überall hat die Behörde verweigert den schuldigen +Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von +unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. +Und bloß in Kenty hat der Herr Bürgermeister geleistet +Beistand und ist vorgestern verhaftet worden +wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen +Sie noch mehr wissen?«</p> + +<p>Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und +lachte, ohne daß sich ihr Mund öffnete. Was antwortest +du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. +Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer +und das Haus.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58"></a>[58]</span></p> +<h3><a name="Zwoelftes_Kapitel" id="Zwoelftes_Kapitel"></a>Zwölftes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war +sogar mühselig, nach Podolin zu kommen, aber +da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen +Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte +er der Aufforderung, trotzdem es schon weit im +Nachmittag war. Als er in der Wohnung des +Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß +lesend am Tisch, und in einer Teekanne vor ihm +summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich; +der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und +rauchte aus einer langen Pfeife. Die Tabakswolken +zogen langsam durch das Zimmerchen, nur über der +Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.</p> + +<p>Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei +habe in der hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall +gewonnen, daß man ihm eine Stellung bei dem +Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; +noch vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein +neues Amt erst im Januar beginne. Aber da sei +viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in +Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja +wahnsinnig, lieber Freund! Endlich! Wenn Sie +wüßten, was in mir alles brodelt, was da drinnen +steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier +sind zwei bald zu viel. Endlich werd’ ich atmen können!«</p> + +<p>Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so +sympathisch gewesen, niemals auch hatte er so leicht +das Wesen eines andern begriffen. Atmen können! +<span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59"></a>[59]</span>Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher +Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an +den Wänden und auf dem Tisch. Maxim Specht, +an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst gewöhnt, +war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen +zu können. Er schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich +auf dem Sessel zurück und starrte in die Luft. Auch +in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch Gewohnheit +nahe trat zurück, und der Horizont wurde +beglüht von einem noch verborgenen Feuer.</p> + +<p>»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« +sagte Specht, in Freudigkeit vor sich hinbrütend, und +ohne seine Worte sonderlich zu wägen. »Zwar ist +alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, +soll man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da +zu Hankas. Zu Ihnen hab ich ein, ich möchte sagen +übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er, schlürfte +behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit +in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe +hin und das Leben ergreift uns.«</p> + +<p>Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es +war ein Band von Gibbons Geschichte, welche den +Untergang des Römerreichs schildert.</p> + +<p>»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht +auf dem Randomirschen Gut,« fuhr Maxim +Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von +diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. +Mir tut nur der arme Hanka leid. Er hat sich ihrer +angenommen und glaubt nun, eine unverdorbene +Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum +Lachen!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60"></a>[60]</span>Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher +auf einige Tage borgen. Vor der Abreise solle er +sie wieder haben.</p> + +<p>Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum +mehr als Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem +Innern ab- und an ein Äußeres, Weltliches zu wenden. +Er hatte nach Schriften solcher Art früher nie gefragt. +Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war +zwar bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene +Höhlen des Gedächtnisses zu stopfen, aber nie war +auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er +nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls +einer Nation vertiefte, gewahrte sein frischer Geist +mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die Führung +der menschlichen Angelegenheiten stets weit über +den persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch +erschien ihm zunächst alles als ein bodenloses +Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten in +seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem +Seite für Seite, brachte jedem Ereignis eine +Fülle von Miterleben entgegen und lachte nicht selten +spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief, +als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele +Käfer, die dumm in der dunklen Rinne laufen, statt +den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu wählen, +kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden +wie Mücken, die stumpf und trunken ins kleine Netz +sich verstricken, während rundum die Luft voll Freiheit +ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, +wie er von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter +Geschlechter für die Gegenwart Besitz +<span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61"></a>[61]</span>ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend verfügte, +mit brennendem Kopf den Zusammenhang +verlor und in wirrem Trotz sich anmaßte, an Stelle +eines jeden dieser Helden und Unhelden frei über +das Kommende bestimmen zu können. Indem das +in Zeit und Raum Entlegenste wie Nächste von seiner +Phantasie verschmolz, stieß er die neuen Bilder bald +voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich +suchend danach zurück.</p> + +<p>Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein +vielfarbiger Ring um jede Flamme bildet, so waren +jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn Erfüllende, +sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt +und Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, +ordnete, überblickte, aber alles das hatte mit seiner +Lektüre gar nichts mehr zu tun.</p> + +<p>Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, +begann er wieder viel draußen herumzuwandern. +Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen +entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten +Polen-Mühle. Er hielt Einkehr und ließ +sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein Blick +in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen +und dort sah er Beate, dicht und zärtlich an den +hünenhaften Knecht geschmiegt, mit dem sie auf dem +Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich +darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem +Tisch lag. Es war der »Mährische Landbote«. Gleichgültig +las er, bis sein Blick auf eine telegraphische +Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim +Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr +<span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62"></a>[62]</span>stand nicht darüber, aber dies befriedigte Arnold so +vollkommen, daß er munter pfeifend seinen Weg fortsetzte.</p> + +<p>Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte +er Specht. »Wie geht es Ihnen?« fragte der Lehrer +mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß Arnold +ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.</p> + +<p>»Elasser ist beim Justizminister, – wissen Sie +schon?« sagte Arnold. Wie er so dastand, ein wenig +vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das erregte +Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. +Schon längst gewesen.«</p> + +<p>»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.</p> + +<p>»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, +aufs äußerste belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich +in Arnolds Gesicht wieder jener Zorn sammelte, dessen +Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der Minister +hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen +Vater auf die Schulter geklopft, das tut ein Minister +in solchen Fällen stets, und hat ihn mit den Worten +entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind +wird Ihnen zurückgegeben werden.«</p> + +<p>Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. +Den Spott in dem Bericht des Lehrers begriff er +nicht.</p> + +<p>»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr +Specht munter fort, »aber nun weiter. Der Minister +beauftragt den Staatsanwalt, beim Landgericht die +Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er +verlangt ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl +geschrieben und dem Kloster zugestellt wird. +<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63"></a>[63]</span>Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die Ratskammer +des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach +und rundweg ab.«</p> + +<p>»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold +unwillig. Er mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, +durch welche die Zeitwörter in der Gegenwartsform +erschienen.</p> + +<p>Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was +für ein Unglück für Sie, lieber Freund, daß Sie so +jung und unerfahren sind!« rief er aus und schlug +die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher +nicht wissen können, denn so weit kann sich der frechste +Pessimismus nicht versteigen. Aber es ist geschehen, +ist schon geschehen.«</p> + +<p>Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend +an, als mangle ihm in diesem Augenblick das Zutrauen +in dessen Worte. Besinnend zur Erde blickend, +schüttelte er den Kopf.</p> + +<p>»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht +alles,« fuhr Specht mit leiser Stimme fort und zog +Arnold ein wenig von den Häusern weg. »Der Advokat +Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser +Beschluß stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht +aus den Akten die Begründung des Urteils. Denn +schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum +die Ratskammer das Verlangen des Justizministers +abschlägt. Und auch das ist nun verweigert worden, +auch das.« Specht suchte erregt in seiner Tasche, +nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: +»Ich habe mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. +Hören Sie.« Arnold trat dicht neben +<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64"></a>[64]</span>Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne +mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. +»An den Landesadvokaten <em class="antiqua">Dr.</em> Steinbacher. +Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser +in dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen +sei –«</p> + +<p>»Was heißt das?« unterbrach Arnold.</p> + +<p>»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf +Gottes Welt verantworten kann. Es ist nämlich nicht +entschieden, heißt das, ob es den Elasser etwas angeht, +wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also +weiter ... anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in +die Akten betreffs der Sache Jutta Elasser verweigert, +weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das +Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen +Zettel wieder zusammen.</p> + +<p>»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch +nicht völlig glauben wollte und keiner Lüge auf +den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos schaute +er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er +selbst, daß diese wichtigen Gründe in den zwei Worten +bestanden, die sie vorgeben sollten.</p> + +<p>»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte +Specht mit tiefer Bitterkeit. »Heute war ein Herr +von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in Lomnitz. Er +sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung +unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für +oder gegen diese ganze Geschichte herrscht. Ich habe +ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter anderm auch +von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß +das etwas nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die +<span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65"></a>[65]</span>großen Herren tun, was Sie wollen und der kleine +Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir +beide werden es nicht erleben.«</p> + +<p>Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien +zu überlegen, welchen Weg er zu nehmen habe, um +nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme zu +laufen, das aus der Nacht emporstieg.</p> + +<p>Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von +Specht. Er hatte kaum ein paar Schritte zurückgelegt, +so holte ihn der Lehrer ein.</p> + +<p>»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« +sagte Specht. »Ich möchte Sie um einen großen +Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme +hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. +»Wollen Sie zu Hankas gehen und dies Beate +geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst dabei +ist –? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes +Hanka noch besonders von mir.«</p> + +<p>Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.</p> + +<p>»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, +indem er Arnold die Hand gab. »Sollte Sie das +Geschick einmal dorthin führen, dann wissen Sie, wo +Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. +Von Ihnen scheide ich am schwersten.« Schnell +wandte er sich ab und ging.</p> + +<p>Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen +Kuvert der Inhalt. Es war die Photographie Beates; +auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den herrlichen +7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, +war das Porträt doch ähnlich; das Gesicht +über dem nackten Hals und den halbentblößten +<span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66"></a>[66]</span>Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck. +Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten +die Augen unter den Linien der Brauen hervor. +Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung +nicht unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem +so rachsüchtig offenen Kuvert und der Wichtigkeit, die +der Lehrer all diesem beimaß.</p> + +<p>Seine angstvollen und heißen Gedanken waren +ganz wo anders, und er bemerkte gar nicht, daß die +Mutter, schweigsam und bleich auf dem niedrigen +Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67"></a>[67]</span></p> +<h2><a name="Elasser" id="Elasser"></a>Elasser</h2> + + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68"></a>[68]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69"></a>[69]</span></p> +<h3><a name="Dreizehntes_Kapitel" id="Dreizehntes_Kapitel"></a>Dreizehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. +Als er eines Sonntags mit Entschlossenheit +an eine Berechnung ging, erschrak er +vor der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten +hatte und vor dem Zeugnis, das sich wider +ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit +verband sich die Galerie tausendmal gesehener +Gesichter, tausendmal passierter Gassen und Plätze, +tausendmal berührter Gegenstände, tausendmal gesprochener +gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter, +kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, +träumte er von einem zu fassenden Entschluß; +irgend ein Geschehnis winkte in weiter Ferne. Am +andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen +der Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am +Tag vorher.</p> + +<p>Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben +und flatterten aus der Stadt wie Schmetterlinge, +die ihre Raupenhülle verlassen. Die Einsamkeit +einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der +Einsamkeit in dem Häusermeer. Im Geiste sah er +sich wieder in dem mährischen Örtchen, und sein Herz +schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: langgestreckte +Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger +glatter Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; +zwischen dunklen Wiesen eine lange, schmale Landstraße +wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit +Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose +Dörfer.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70"></a>[70]</span>Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, +auch dort draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder +ihren Reiz, als hätte seine Ahnung sie unter der +Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er, +ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht +Mienen, die zum Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit +bemächtigte sich seiner während der +Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn +warnen oder zurückhalten. Die fremden Gesichter +um ihn her, welche Langeweile, Neugierde und Sattgegessenheit +verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner +Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur +sprach unablässig über die Mehlbörse. Niemand hörte +zu, niemand antwortete, so daß seine Reden dem +lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß +suchte sich Hanka durch die Betrachtung der +schneeblauen Landschaft zu zerstreuen, dann zog er +schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie +wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen +Ton der großen Welt gehalten war, +eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles bestocherte +wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah +seine Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, +kleine, ruhelose Natalie.</p> + +<p>Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres +Bruders unter der Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem +Arm griff sie nach der Lampe, um zu sehen, +ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine +schwarzen, stumpfblickigen Augen auf und starrte mit +komischer Schwärmerei den Apfelkuchen an, der neben +dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als sie ihn +<span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71"></a>[71]</span>so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht +den Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. +Auch Beate kam; Hanka war betroffen durch ihren +Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren verhaltener, +wenn sich auch in einem Achselzucken oder +einem Lachen wie sonst ein bäurischer Zug zeigte. +Aber in wenigen Wochen schien sie gereift und abgeschliffen. +Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich +umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck +eine lauschende Stellung anzunehmen, war, obwohl +rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. Sie +hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es +Hanka vor; eine Prägung, die sie von allen andern +auf den ersten Blick unterschied. Er blieb den Abend +über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten +Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben +würde. Er brauche Ruhe, sagte er. Agnes freute sich +auf ihre schüchterne Weise in sich hinein; Hanka wurde +aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. +Sie erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und +ab, suchte ihr Gesicht zu verbergen, sich den Anschein +einer Gleichgültigen zu geben, doch zitterte sie vor +Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich +um diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh +zu Bett und die Mahlzeit war kurz. Nun sollte sie +warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis +gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte +nicht unvorsichtig sein und ging umher, Wut und Haß +im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan nach +dem andern erwägend und im Geist durch Schnee +und Kälte zur Scheune des Randomirschen Gutes +<span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72"></a>[72]</span>eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit dem +Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, +als könne sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter +Ausdruck trat in ihrem Gesicht hervor, als +sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie +lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu +erbitten, durch eine flüchtige Liebkosung Sicherheit zu +geben, denn Furcht bewegte sie noch mehr als Liebe.</p> + +<p>Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. +Argwohn lag weit von ihm; eher vermutete er etwas +für Beate Günstiges und für ihn selbst Angenehmes. +Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen +wollen, nicht das, was sie geworden war durch sein +geringes Hinzutun. Er gedachte sich ihr gegenüber +wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater zu betragen, +ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte +sein sonst so vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, +mit Agnes von Beate zu sprechen. So +dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war +so lang, daß seine Beine von den Waden an außerhalb +des Möbels in freier Luft schwebten) und bat +Agnes, sich neben ihn zu setzen.</p> + +<p>Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über +Beate. So gütig auch ihre Äußerungen waren, und +so sehr sie in Ton und Wort jede Richterlichkeit ablehnte, +aus allem war doch deutlich, daß sie und das +junge Mädchen niemals aneinander warm geworden +waren. Nichts Böses war Agnes bekannt, aber auch +nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht verschwenderisches +Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit +hatte sie damals Alexanders Willen getan, +<span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73"></a>[73]</span>und das Mädchen bei sich aufgenommen, selbst gefesselt +und entzückt durch eine so zukunftsvolle Handlung. +In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch +nicht in jener Freundschaft, die oft so glühend zwischen +Frauen entsteht, deren gemeinsame Wünsche sich in +einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als sei das +Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin +geworden, aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen +auf einstige Befreiung und Macht hoffend. +Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte +Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft +ausgelassen und fast roh; auch lüge sie gern. Aber +bei alledem ließe sich gut mit ihr hausen; sie füge +sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die +düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei +sie in das Licht des Lebens getreten, als daß man +die Dunkelheit, aus der sie gekommen, vergessen dürfe.</p> + +<p>Alexander Hanka lauschte und freute sich einer +Offenheit, die ihm Agnes und, wunderlich, auch Beate +näher brachte. Er war weniger für das Tugendhafte, +als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der +Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes +sehen. Und wie die sanfte Stimme seiner Schwester +über alles hinweghuschte, das Eckige glättend, das Übel +begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den +Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm +er hin; er beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu +lassen.</p> + +<p>Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge +Mädchen zu vermissen. Sie fragte die Magd, aber +da trat Beate schon ein, mit derselben nachlässigen +<span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74"></a>[74]</span>Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer +Miene, als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer +geholt.</p> + +<p>Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen +Gedanken. Zärtliche Regungen lagen ihm fern. +Aber es war, als ob zukünftige Tage ihn lockten, und +so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen +machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn +er wollte einsam sein; nicht um zu beschließen, sondern +um Erwägungen und Entschlüssen zu entgehen, +die zu Hause blieben, wo Beate war.</p> + +<p>Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. +Beate saß allein im Zimmer und vertrieb +sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone Stickmuster +auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe +und Arnold trat ein. Er grüßte, nahm unbefangen +ihr gegenüber Platz und als er sich überzeugt hatte, +daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der +Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie +nahm es, starrte schweigend auf das Bild, blickte Arnold +an und verzog finster und verächtlich Brauen und +Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und +warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit +gespreizten Beinen stellte und unverschämten Tones +fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb gekommen?«</p> + +<p>Arnold bejahte.</p> + +<p>»Zu viel Umstände,« spottete Beate.</p> + +<p>»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit +Ihnen macht,« entgegnete Arnold trocken.</p> + +<p>Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick +irrte furchtsam von Tür zu Tür. Sie bekam Angst +<span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75"></a>[75]</span>vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes und wußte +sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. +Sie legte den Arm über die Augen und stellte sich, +als ob sie weinen wollte. Arnold sagte endlich: »Kommt +Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim Specht +grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« +Arnold faßte sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.</p> + +<p>Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden +Blick, der sie begleitete, sah Beate, wie überflüssig +ihre Befürchtungen seien. Ihr Selbstgefühl wuchs +wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das Zimmer +zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf +Wiedersehen.« Damit schlug sie die Türe zu.</p> + +<p>Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag +zum Gruß so wichtig erschienen wäre; aber er +vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in einem +fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ +unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. +Außerdem begann die drückende Stimmung des eigenen +Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte zusammen +mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche +Redensarten über Frau Ansorges Krankheit +gemacht hatte.</p> + +<p>Während er noch versunken war, trat Alexander +Hanka mit seinem ausholenden Schritt herein, nach +seiner Gewohnheit spannweit die Tür öffnend. Er +machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen +im Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner +steifen Art und nannte seinen Namen, bemerkte aber +zugleich, daß diese gesellschaftliche Form hier nicht angebracht +war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, +<span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76"></a>[76]</span>denn ein so langer und magerer Mensch war ihm +noch nicht vorgekommen. Hanka, nicht weniger verwundert, +fing an zu lachen, geriet jedoch in Verlegenheit, +als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. +Arnold erhob sich, und als er das fragende, fast zu +einer fragenden Grimasse verzogene Gesicht Hankas +ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen handelte, +nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine +Bestellung von dem Lehrer Specht auszurichten habe, +der gestern abgereist sei.</p> + +<p>Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So +gleichgültig er damals auf Beates und Spechts Erzählung +gelauscht hatte, etwas war in seinem Bewußtsein +geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem +offenen, derben, gebräunten Gesicht, an der kräftigen, +trockenen Stirn, die unbeweglich zwischen klar-grauen +Augen und braunen glatten Haaren lag, an der gutgebauten +Gestalt, die nichts von Verfettung und +Krankhaftigkeit zeigte.</p> + + + + +<h3><a name="Vierzehntes_Kapitel" id="Vierzehntes_Kapitel"></a>Vierzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam +Antworten. Hanka befremdete ihn. Sein natürlicher +Scharfblick erfaßte sofort die merkwürdige +Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie +und Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung +haben Sie denn?« fragte er.</p> + +<p>»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77"></a>[77]</span>»Gar nichts?«</p> + +<p>»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der +Hand behalten und klopfte damit, weit vorgebeugt +sitzend, auf den Boden.</p> + +<p>»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold +erstaunt.</p> + +<p>Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich +habe die Juristerei erlernt, aber eben deshalb mach +ich keinen Gebrauch davon.«</p> + +<p>Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber +ehe er etwas dagegensagen konnte, kam Agnes ins +Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und +schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu +sehen und dankbar für den Gruß des Lehrers. »Ein +reizender Mann,« sagte sie von Specht. »Vielleicht +kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« +Sie sprach laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre +Augen strahlten mild. Arnold fühlte das beunruhigte +Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf +ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, +schnitt eine Fratze; als sie aber Hankas Blick auf sich +ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit wohlwollendem +Lächeln.</p> + +<p>Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, +fand er auf dem Tisch ein katholisches Flugblatt über +den Raub der Jüdin. Darin wurden öffentliche +Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die +Wahrheit stand dabei und steckte die Hände in die +Taschen. Arnold überlief es heiß und kalt. Seine +Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er +die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst +<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78"></a>[78]</span>nahm, und keine Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, +weil Frau Ansorge ohne Äußerung eines +Schmerzes lag.</p> + +<p>Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes +tiefes Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte +er, von welchem Mund die Laute kamen. Da war +es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. +Es sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte +der Mann unsicher und er halte es für gut, +einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging +mit sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich +dem Oheim Borromeo, damit das Notwendige rasch +geschehe. Als er die Depesche aufgegeben hatte, schritt +er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo +die Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. +Zu jeder Zeit des Tages und der Nacht, in jedem +Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um +ihr Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte +nach Entscheidung.</p> + +<p>An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der +Kälte waren seine Ärmel hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem +Grinsen starrte er Arnold an und verfolgte +ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden +Augen.</p> + +<p>In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene +Stille. Die Tür nach dem Wohnzimmer war geschlossen. +Arnold pochte, aber niemand antwortete. +Er drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den +Spalt und sah einen Knaben an dem runden Tisch +sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein Buch +vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn +<span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79"></a>[79]</span>Jahre alt war, nach Jutta das älteste Kind) blickte +erschrocken empor, erkannte wohl Arnold von früher, +getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold fragte, +ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe +stehen, um den Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, +erwiderte der Bursche und die Augen in dem +blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei +in der Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit +langsamem Tonfall fort, die Mutter gehe in Geschäften +über Land, die andern Kinder seien beim +Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. +Moses, war die Antwort. Arnold näherte sich +dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und nahm dem +Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und +Jutta?« fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn +nicht wiederkommen?«</p> + +<p>»Der Herr fragt –!« erwiderte Moses ironisch und +mit dem Bestreben, ein gutes Deutsch zu sprechen. +»Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.«</p> + +<p>Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar +war es ihm zumute, er fühlte sich schuldig. Langsam +stand er auf und trat zum Fenster. Er hörte ein +vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen +Flügel und sah oben an der Ecke zwanzig bis +dreißig Menschen beisammenstehen. Gleichgültig schloß +er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf den +Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem +Haus trat, erblickte er am oberen Ausgang der Gasse +noch immer die Ansammlung von Menschen; es +schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und +Kinder hatten sich hinzugesellt und ein verworrener +<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80"></a>[80]</span>Lärm herrschte. In der kurzen Gasse selber stand +keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt. In +breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold +kam, je mehr Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame +Aufmerksamkeit zu und endlich öffnete sich +eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne. +Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als +einer Höflichkeit ähnlich. Uravar stand in der Mitte +eines Haufens gleich der Feder einer Uhr, welche, +kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. +Arnold war weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung +ihm gelten könne. Schweigen legte +sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische Gesichter +stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold +stehen. Vor ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren +Mitte er den neuen Pfarrer gewahrte. Der geistliche +Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf steif +emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß +wie der eines Ochsen, mit an der Seite abstehenden +Haaren. Die grünen Pupillen hinter der Brille +flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob +sich eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: +»Judenknecht!« und das Gemurmel fing wieder an, +dunkler und gährender.</p> + +<p>Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos +forschte er nach dem Rufer und in seiner Nähe +kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann seinen +Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein +Schauer durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.</p> + +<p>Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, +der um neun Uhr das Lager aufgesucht hatte, +<span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81"></a>[81]</span>fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte bis +zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach +nicht; wenn sie die Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; +dann kamen Stunden, in denen sie unaufhörlich +stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze +wälzte. Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, +Arnold saß mit gesenktem Kopf, die Augen bald +gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. +Gegen zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den +Arzt aus Wien zu erwarten, der mit dem Frühschnellzug +eintreffen mußte. Von der Station aus +war noch ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz +nach elf kam eine Landkutsche mit zwei Insassen angefahren. +Arnold trat in den Hof, die Herren zu +begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, +obwohl er ihn seit den Kinderjahren nicht +gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen +die Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen +Blick, stellte den Arzt vor, einen eleganten, noch +jungen Mann und alle drei gingen zum Krankenbett. +Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und +den Fremden erblickt, so schien es, als schüttle sie +Fieber und Fieberbilder mit gewaltiger Anstrengung +von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert Brücken. +Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war +all ihr früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen +worden. Die dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, +und die Schmerzen in denen sie jetzt gefangen +war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.</p> + +<p>Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor +Borromeo winkte Arnold und Ursula, das Zimmer +<span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82"></a>[82]</span>zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein. Arnold +führte seinen Oheim in ein wenig benutztes +Zimmer hinter der Küche. Da standen uralte Möbel, +auf welchen die Zeit gleich einem Gespenst lag. Borromeo +hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt mit +wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe +Müdigkeit drückte sich in seinen Gebärden wie in +seinem Mienenspiel aus, sie lag in den hingeworfenen +Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in +seiner Stimme. Kinn und Mund waren durch einen +schwarzen Bart verdeckt, der förmlich steifgebügelt +aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege verriet. +Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche +Linien.</p> + +<p>»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, +Arnold?« fragte er, in seiner Wanderung innehaltend, +mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.</p> + +<p>Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor +sich hin. Aus einem unklaren Grund empfand er +ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann. »Ich +weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken.</p> + +<p>Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam +an seinem Bart herab, kaum die Haare berührend, +als fürchtete er sie zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: removed extra comma: 'zerzausen.,'">zerzausen.</ins> »Und hältst du +das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig.</p> + +<p>Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er +verwundert. »Hast du denn so schlechte Erfahrungen +gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und +drückte das Kinn auf die Lehne.</p> + +<p>»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, +antwortete Borromeo mit einem Lächeln, welches ein +<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83"></a>[83]</span>vernichtendes Erbarmen mit dem Frager zeigte. Arnold +wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus +nicht klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis +zur Hölzernheit ging, und eine ängstliche Sucht, unauffällig +zu sein. Die Gesichtszüge des etwa Fünfundvierzigjährigen +hatten einen greisenhaft stillen +Ausdruck, die Augen starrten, als könnten sie in der +Luft beobachten, was in der Seele selbst vorging. +Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick, +als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen +Zweifel.</p> + + + + +<h3><a name="Fuenfzehntes_Kapitel" id="Fuenfzehntes_Kapitel"></a>Fünfzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des +Leidens war nicht abzusehen. So reiste Borromeo +wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte. Arnold +gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn +es schlechter gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt +von dem jungen Spezialisten genau unterrichtet, +wann eine Operation stattfinden könne; dann erst +werde er wiederkommen.</p> + +<p>Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre +ganze Kraft nahm sie vor Arnold zusammen. Nicht +um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und +nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, +sondern weil sie sich vor seinem Urteil fürchtete. So +völlig hatte das Verhältnis eine Umkehrung erfahren, +daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun schülerhaft +von dem Bilde abhing, das sie im Innern des +<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84"></a>[84]</span>Sohnes von sich selbst geschaffen hatte, daß sie sein +Mitleid mit Recht scheute und mit einer ungeheuren +Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen +Qualen. Nicht den träumerischen Weichling +wollte sie, der im Mitgefühl erst seine Neigung entdeckt. +Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. So +litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft +rein zu wissen und sich darin zu bewahren als eine +Art von kühler Göttin.</p> + +<p>Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes +gesprochen. Da das Kapital unberührt lag und die +Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden waren, +weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten +hatte, war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen +Vermögens. Man gab ihm einen Überblick +und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber +er schien sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.</p> + +<p>Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in +sich gekehrter. Wenn er ins Dorf kam, bemerkte er +feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, abwartenden +Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, +alle nehmen für das Unrecht Partei. Warum? warum +nicht für das Recht?</p> + +<p>Eines Nachmittags ging er aus und marschierte +lange Zeit am Flußufer hin und her. Das Wetter +schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg +und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb +von Sand und Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen +dem Wanderer in Gesicht und Nacken, und als er sich +endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis +über die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des +<span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85"></a>[85]</span>Dorfes standen einige Leute in Gruppen und disputierten +eifrig. An den Häuserecken waren riesenhafte +Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten +daran herum und schrien durcheinander. +Es war von einer Wahlversammlung die Rede. Das +Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, +und als Quelle alles Unheils wurden die Juden +genannt.</p> + +<p>Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte +beim Schulhaus die Mitte der Straße. Als Arnold +zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes +Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh +unterschied. Er drehte sich um und erblickte Elasser, +der von der Lomnitzer Straße hereingekommen war, +den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein +Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den +Juden los und schleuderte mit einer kurzen Armbewegung +den Schlapphut vom Kopfe des Wehrlosen, +und der Hut flog im weiten Bogen auf die +Schwelle eines Haustors. Das zornige Murmeln +nahm einen beifälligen Charakter an. Elasser blieb +stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung, +blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte +er, daß der Hut von selbst wieder zu ihm käme, +da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu holen. Er +schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen +und lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern +zu zeigen, daß er eigentlich nichts übelnehme, sondern +daß es nur beschwerlich für ihn sei. Arnolds Gesicht +errötete und seine Augen verdunkelten sich vor Verachtung. +Das Maß der Unbill schien ihm über und +<span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86"></a>[86]</span>über gefüllt. Er warf den Kopf zurück, stieß einen +gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der nächsten +Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen +würde und rieb die Zähne aneinander, +indem er die Lippen nach oben und nach +unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, +stand in seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte +auf ihn zu, um ihn mitten in den Haufen der andern +zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen +Mund, aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer +Mittler vor ihm erhöbe, dessen unsichtbarer +Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt denn +das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu +fragen. Triffst du das wahre Unrecht mit den Schlägen +deiner Faust? Sei anders als sie! überzeuge sie!</p> + +<p>Überrascht und finster waren die Leute vor ihm +zurückgewichen. Er wandte sich ab, ging bis zum +Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen +Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. +Dabei begegnete er dem geschlagenen Blick des Juden, +der sich wieder mit demselben knechtischen Lächeln an +die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.</p> + +<p>Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte +weiter gelangt, als ihm ein apfelgroßer Stein über +die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert kehrte +er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies +wagte. Ein alter Mann senkte die schon erhobene +Hand, die einen zweiten Stein hielt.</p> + +<p>Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch +zu. Arnold blieb stehen und dachte nach. Fast mechanisch +<span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87"></a>[87]</span>schritt er dann in die Gasse hinein, wo Elasser +wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses +und warf einen Blick in die niedrige Stube. Die +Kinder hockten aufmerksam um den Tisch. Frau +Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend +vor einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem +auch Kerzen brannten. Der eben eintretende +Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden +gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich +von ihren Plätzen, und der Knabe, mit welchem +Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, sagte +etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben +unverständlich. Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich +und nachsichtig aussah, nickte. Er war etwa siebzig +Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend +kleinen Kopf.</p> + +<p>Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand +sich jetzt wie auf einem Ruhepunkt über den Geschehnissen. +Es war, als ob sich die Bilder greifbar in die +Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er +sah Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im +Haus, widerrechtlich zögernd, feig aller Vernunft zum +Spott. Ging der Spruch auf so langsamen Füßen? +Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu +üben? Geschah deshalb nicht, was hätte geschehen +können, weil niemand die Hand erhob und den Mund +öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern +und duckten sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen +wie Wasser? Hatten sie denn vergessen? Ihm +brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, +er konnte nicht vergessen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88"></a>[88]</span>Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte +er schaudernd. Ist das alles Unsinn oder Einbildung? +Er lehnte den Kopf zurück und schaute empor, um +ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. +Denn es war indessen Nacht geworden. Der Mond +stieg zwischen den Häusern herauf.</p> + +<p>Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters +haltend, von neuem in das Zimmer. Elasser saß an +dem kleinen, gedeckten Tisch, während die andern an +dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold +sah, daß der Fremde einige Male hinüberging, aber +Elasser, den Bart in der Faust zerknüllend, schüttelte +stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich gekehrt. +Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer +zur Nachtruhe begeben hatten, legte sie den Säugling +an ihre magere Brust und schaute düster sinnend +ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann +und Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde +Laute drangen zu Arnolds Ohr; aber der Fremde +reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte +sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich +jedoch an, den Gast zu begleiten. Die Haustüre +kreischte und die zwei Männer traten auf die Schwelle. +Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie +an der Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom +Mond gebildeten Lichtdreiecks einen Menschen stehen +sahen. Arnold ging auf die beiden zu und fragte +sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta +zurück?«</p> + +<p>Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte +Arnold verwundert und immer mehr verwundert ins +<span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89"></a>[89]</span>Gesicht. Endlich sagte er zu seinem Begleiter, dessen +Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde +verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so +gut meint mit uns.«</p> + +<p>Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, +das trotz seiner Kleinheit den Schultern eine zu +schwere Last war.</p> + +<p>»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.</p> + +<p>»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand +bewegt sich. Es werden Erhebungen angestellt, heißts, +und mich haben sie herumgehetzt wie einen Hund, und +ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, +is es gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn +Jahr alt und dann ist keine Hoffnung mehr.«</p> + +<p>»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der +Fremde, »man soll das Unrecht sich ergießen lassen +ganz.«</p> + +<p>»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet +ihr darauf, bis man euch den Kopf abschlägt?«</p> + +<p>Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit +den Armen. »Herr,« antwortete er, »Sie kommen +mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat lernen +wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt +ist jüdisch. Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. +Das Recht ist für Sie und nicht für uns.«</p> + +<p>Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. +Arnold stieß mit dem Fuß einen Stein ins +Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt +ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer +schwätzen! Es ist ja die niederträchtigste Teufelei, +wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen. Mein +<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90"></a>[90]</span>Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. +Da ist nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist +für alle.«</p> + +<p>»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte +Elasser finster. »Das Recht ist da; auch die Richter +sind da; gleichfalls die Bücher, worein alles steht geschrieben. +Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«</p> + +<p>Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete +mit äußerster Feindseligkeit: »Lügner und +Faulenzer seid ihr.«</p> + +<p>Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. +Die Weltanschauung der Geduld, die ihm Nieren und +Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen geheimnisvollen +Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte +er genug gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an +blutigen Wunden, welche die Unschuld trug, an <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'tyranischem'">tyrannischem</ins> +Übereinkommen der Mächtigen, um in einem +eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun +ging ein Blitz über ihm nieder und zündete in seiner +Brust, deren Empfindungen schon versteinert schienen. +Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was +waren ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten +Elasser nicht, obwohl dies böswillige Hinziehen, +dies tückische Verbergen, dieser eingestandene +Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit +auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam +von Arnold her. Berauschend strömte der wilde +Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und er gedachte +seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, +Samuel,« sagte er mit veränderter Stimme, »du +mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor den +<span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91"></a>[91]</span>Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du +brauchst, hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es +ist uns schon gesagt worden, daß wir können eine +Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns +anhören.«</p> + +<p>»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.</p> + +<p>»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der +Alte mit feinem Lächeln, »aber es kann sein. Reisen +wir also nach Wien, Samuel.«</p> + +<p>Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die +beiden Alten sich noch beredeten, kniete Arnold am +Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte die Binde +beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel +bis an die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht +mit dem eiskalten Wasser. Darauf wurde ihm wohl +und kühl.</p> + + + + +<h3><a name="Sechzehntes_Kapitel" id="Sechzehntes_Kapitel"></a>Sechzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen +unterstützte Audienz des Juden Elasser beim +Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen, +welche die öffentliche Meinung beherrschen, +schrieb, daß die Angelegenheit, welche solange +das Staunen und die Beunruhigung aller Redlichdenkenden +verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz +gelangt sei, bei der es kein Zaudern und keinen +Umweg gebe.</p> + +<p>Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig +bekannt. Der Monarch geruhte, die ihm überreichte +<span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92"></a>[92]</span>Bittschrift aufmerksam durchzulesen und richtete dann +an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm +kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde +neue Weisungen an die Behörden geben, damit sie +ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat wurden +schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle +solcher Art erlassen.</p> + +<p>Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und +Erfolg. Als Elasser erfuhr, daß Jutta im Kloster +bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich +telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies +ihn an denselben Staatsanwalt, der schon früher jeden +Antrag abgelehnt hatte. Elasser ging zum Ministerpräsidenten, +welcher auf seine Bitte um Schutz erwiderte: +»Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« +Es geschah nichts. Elasser wandte sich an den Justizminister +und erhielt die Versicherung, daß von der +Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den +Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle +alles aufgeboten werden, um dem Vater seine Tochter +vor dem 10. Februar wiederzugeben, an welchem +Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben +würde. Elasser wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, +Bitten, Sichverbeugen, Erklären +nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, +war bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, +ängstlich oder von frecher Deutlichkeit. Die Zeit +ging hin. Ein anderer Skandal erweckte die Aufmerksamkeit +der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei +tot. Ihn zog es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, +müdgeredet, müdgebettelt, müdgehofft. Am +<span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93"></a>[93]</span>letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten +Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für +Galizien zu ungewohnter Stunde zu sprechen. In +drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine letzte +Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige +alte Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den +öffentlichen Tonfall und sagte die denkwürdigen Worte +»An den Mauern des Klosters hat unsre Macht ein Ende.«</p> + +<p>Das war am 5. Februar.</p> + +<p>Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen +Versprechen des Kaisers nach Podolin und zu +Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit +dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige +Ruhe und Zuversicht von ihm Besitz genommen.</p> + +<p>Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein +ungestümer Drang nach körperlicher Tätigkeit über +Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand, +ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen +Schnee zu schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete +er, ohne auszusetzen. Die Luft war rein und +es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte +empor, als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. +Den Schirm aufgespannt, von den hohen +Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der +Pfarrer dort. Arnold trat näher. Der geistliche +Herr fragte nach Frau Ansorge. »Die Mutter ist +krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto +mehr Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war +die herrische Antwort.</p> + +<p>Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer +voran. Frau Ansorge wandte den Eintretenden langsam +<span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94"></a>[94]</span>das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, schaute +die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, +und als Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig +und unbestimmt die Lider senkte, befeuchtete +er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum +kommt der junge Ansorge weder in die Kirche noch +zur Beichte? Haben Sie Ihren Sohn nicht in der +Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen? +Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht +mein Harren zuschanden. Böse Umtriebe stecken in +ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum bin +ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter +erfüllt, liebe Frau?«</p> + +<p>Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall +gesprochen, schwieg der Pfarrer und beleckte wieder +die Lippen. Er hielt jeden möglichen Einwand für +zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine +auf den Knien liegenden gefalteten Hände.</p> + +<p>Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe +etwas empor und erwiderte mit ihrer von Krankheit +gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht, +Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen +uns und dem Himmel.«</p> + +<p>Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl +auf.</p> + +<p>Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte +sie umher. Es war, als gehorche der Mund nicht +mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um den +Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.</p> + +<p>Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. +Jetzt klopfte es an der Türe; der Doktor trat ein +<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95"></a>[95]</span>und begrüßte den Pfarrer mit jener Höflichkeit und +halben Kollegialität, die eine wohltätige Gewöhnlichkeitsluft +verbreitete. Der Geistliche murmelte ein +paar Worte und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.</p> + +<p>Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. +Arnold beobachtete vom Fenster aus, daß die Kranke +schneller und vernehmlicher atmete als sonst. Der +Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging +und nach einigen Minuten einen mit Eis +gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann kam der Doktor +zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und +sagte, jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff +gekommen. Arnold rüstete sich, um auf das Telegraphenamt +zu gehen, aber der Doktor meinte, das +werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun +an, Friedrich Borromeo zu benachrichtigen; es drängte +ihn hinaus, schon allein deshalb, um nach seiner Art +im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu werden. +Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er +Beate aus der Kirche kommen; sie schaute unbeweglich +vor sich hin und ihr Gesicht war weiß unter der +Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. +Arnold widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; +eine Sekunde lang erschienen ihm der Pfarrer, die +Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen +das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene +des Doktors hatte seine Verachtung erregt und ihn +zugleich vorbereitet. Er war nicht geschaffen, in der +Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn +mußte es licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. +<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96"></a>[96]</span>Das Schicksal der Mutter lag viel greifbarer vor ihm +als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, bis zu +dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers +Kunde erhalten hatte. Wie es auch mit der +Mutter gehen mochte, dies nahe Unglück war begrenzt; +es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, +mit zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos +trotz wachsender Angst vermochte er seinem Gefühle +Klarheit abzupressen über das, was ihn selbst betraf, +was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. +Dort aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche +Bedrängnis. Der Grund war ihm verborgen. +Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige +Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, +umflutet von einem Gewirr fremder Stimmen, +was hatte ihn dabei gequält?</p> + +<p>Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht +mehr bei Bewußtsein.</p> + + + + +<h3><a name="Siebzehntes_Kapitel" id="Siebzehntes_Kapitel"></a>Siebzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) +und Friedrich Borromeo trafen auch diesmal +zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde +darauf vorgenommen. Arnold und sein Oheim +befanden sich in demselben Zimmer wie neulich, jedoch +in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte +sich Doktor Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder +schritt er mit seinem wiegenden, müden Gang +<span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97"></a>[97]</span>auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges +Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen +war das ärgste Wetter, Sturm und Schneetreiben. +Arnold konnte nicht anders, als beständig den leise +knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos +zu lauschen. Ohne daß er es recht wußte, +wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend auf +ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er +trocknete mit einem Tuch die Hände; die weiße Schürze +war mit Blut bespritzt. Sein Gesicht zeigte die Helligkeit +eines siegreichen Kämpfers, als er sagte: »Alles +steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen +und drückte seine noch feuchte Hand. Auch der Professor +kam zum Vorschein und begnügte sich, mit +emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar +zu machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen +gebadet war, hantierte übereifrig umher. Knechte +und Mägde standen im Flur und der Wind sauste +durch die Spalten der geschlossenen Türe.</p> + +<p>Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte +er, als er die flüsternden Stimmen der fremden +Männer vernahm, daß die Mutter sterben müsse. +Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde +ihm verwehrt. So verließ er das Haus, trieb sich +zwei Stunden lang im Sturm umher, und ein nagender +Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte +und an Borromeo wie an Gespenster dachte. Er +stieß einen Schrei aus und rannte gegen den Hof +zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine +tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte +in das Zimmer der Kranken, trat ans Bett, umschlang +<span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98"></a>[98]</span>sie mit den Armen und lachte halb triumphierend, +halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte, +freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. +Frau Ansorge, erstaunt und müde, legte beide Hände +auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab ihr zu denken.</p> + +<p>Der Abend rückte schon heran, und das Wetter +hatte sich ein wenig gebessert, da erschien Alexander +Hanka. Er war förmlich versteckt in seinem Winterpelz, +aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka +an solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren +Straßen gewagt, um sich nach Frau Ansorges +Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und +belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold +die Hand reichte. Doktor Borromeo trat zu ihnen +in das abseits liegende Zimmer. Es erwies sich, daß +Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft +geschlossen hatten, und es blieb nur zu +ergründen, wo. Arnold erstaunte, wie zwei anscheinend +so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten +und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten +und dabei nicht das mindeste von Belang zu +sagen wußten. Am seltsamsten war das beziehungs- +und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten +Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen +das Haus und die Schatten, die es bedeckten, vergessen +schließlich der, zu dem gesprochen wurde und +jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf +und mechanisch anzureden. Arnold war schließlich +froh, daß er mit Hanka allein blieb, da sein Oheim +sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte. Auch der +Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, +<span class="pagenum"><a name="Page_99" id="Page_99"></a>[99]</span>um eine schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.</p> + +<p>»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner +tiefen Stimme, als er Arnold gegenübersaß. Er +schlug ein Bein lässig über das andere und strich mit +der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, +das diese inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich +ist Frau Ansorge bald wieder gesund. Es soll ja +nun Aussicht sein, wie?«</p> + +<p>Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn +verwunderten die Worte Hankas, aber dennoch zog +ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte den +jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte +dann rasch den Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu +mir herüberkommen, wenn Sie sich langweilen?« +fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes +Wort zu finden.</p> + +<p>»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum +soll ich mich langweilen?« Er saß vorgebeugt, +warf aber mit einem Ruck den Kopf in den Nacken +und schaute Hanka nachdenklich an.</p> + +<p>»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte +nach einem andern Gesprächsstoff. »Was macht +Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie von +ihm?«</p> + +<p>Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht +schon etwas Fernes und Unwirkliches.</p> + +<p>»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub +befaßt haben,« fuhr Hanka fort, von Arnolds +Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun +aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche +<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100"></a>[100]</span>Affäre macht ihre Verteidiger und ihre Ankläger +zuschanden.«</p> + +<p>»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold +mit einer leichten Beunruhigung, die wie ein Hauch +über seine Mienen zog.</p> + +<p>»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte +Hanka kopfschüttelnd. »Was könnte der Kaiser auch +hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich ist alles.«</p> + +<p>Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.</p> + +<p>Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte +Nüchternheit seinen vorher so frischen Blick gebrochen. +Er verabschiedete sich kälter und fremder, als er gekommen +war.</p> + +<p>Am Abend saß Arnold neben der Matratze der +Mutter. Sie dachte an die Liebkosung, die er ihr +vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie +jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren +Strumpf strickte und der junge Assistent lesend bei +der Lampe saß, schaute sie Arnold mit unverwandten +Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber +ihm suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft +der Beeinflussung in ihr, den Glauben zu geben, daß +neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch er +kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, +und in seinem Gesicht war die Lüge der Hoffnung. +So saßen sie beisammen und täuschten sich.</p> + +<p>Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre +Anweisungen erhalten, und der Assistenzarzt war abgereist.</p> + +<p>Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm +einen mit kaum leserlichen Buchstaben hingeschmierten +<span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101"></a>[101]</span>Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg geschrieben. +Es war ihr gelungen, das Papier einer +Händlerin zuzustecken und diese hatte ihn gebracht. +Der Brief war ein Notschrei.</p> + +<p>Von Elasser hörte man nichts.</p> + +<p>Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der +Mutter begab, verlangte sie, man solle das Fenster +öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf gegen den +von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. +Heute war es, als schlösse sie sich stärker +als seit vielen Jahren an das Leben an, als sei die +Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit +hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache +und Wirkung den Lauf ihrer Tage zu verfolgen. +Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus, und +Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was +sollte er sagen? Ich nehme teil an einem fremden +Schicksal? Irgend etwas hat mich mit hundert +Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu +geben vermag? Wie hätte er dies zu sagen vermocht? +Wie hätte er seine Unruhe zu schildern vermocht, +seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, +um Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein +grüblerisches Horchen? Plötzlich ergriff die Mutter +seine Hand, als habe sie seine wachsende Drangsal +verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das +mußt du dir merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: +»Wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft.« Die Kranke +wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag Todesschatten. +Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, +seufzte sie tief.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102"></a>[102]</span></p> +<h3><a name="Achtzehntes_Kapitel" id="Achtzehntes_Kapitel"></a>Achtzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste +und der Wind wehte von Süden, trat +Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun +die Gestalt Elassers. Arnold erschrak. Langsam +ging er näher. Elasser berührte den Schlapphut, +machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen +Knix und indem er auf seinen Huckepack +deutete, fragte er: »Braucht die Frau Mutter nichts?«</p> + +<p>»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem +Herzen dagegen.</p> + +<p>Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. +Sein Blick wurde finster und er blies, um sie zu erwärmen, +in die eine freie Hand.</p> + +<p>»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte +dies eine Wort alle übrigen zu ersetzen.</p> + +<p>Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, +der Herr Minister hat mir gesagt, wollen Sie wissen, +was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott lebt, der +mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den +Mauern des Klosters hat unsere Macht ein Ende. +Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit Besorgnis +und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß +geworden war; der Mund war geöffnet, die Nase +war ganz weiß, die Lippen zitterten, in den <ins class="correction" title="Transcriber's note: possibly 'Mundwinkeln'">Mundwickeln</ins> +war Feuchtigkeit.</p> + +<p>Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum +Gehen wenden. Arnold trat neben ihn hin, wodurch +er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die +Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit +<span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103"></a>[103]</span>einer unbeschreiblichen Langsamkeit und einem entstellenden +Gesichtsausdruck: »An den Mauern des +Klosters – hat es ein Ende?«</p> + +<p>Elasser vermochte nichts zu erwidern.</p> + +<p>»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben +versteinerten Weise fort. Indessen fühlte er es in +sich zittern und schaudern, sein Herz schien brennend +und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.</p> + +<p>»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch +kühl und willenlos.</p> + +<p>Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte +sich Arnold ab. Seine Schritte wurden schneller, +dann wieder langsamer, dann wieder schneller. Ohne +zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf +den nassen Boden und legte Stirn und Augen auf +die flache Hand. In der Fülle des unerträglichen, +schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos; +Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und +sein Zahnfleisch blutete. Ihm war bitter auf der +Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im +Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften +sich zusammen vor Bitterkeit. Er stand wieder +auf und wanderte fast laufend weiter. Sein Anzug, +sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.</p> + +<p>Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das +schreckliche Zittern. Er sah Gesichter vor sich, die er +noch nie gesehen. Sie hatten einen ernsten, grämlichen, +harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig +war ihnen das, was geschah und ihre trüben +Augen sahen leblos aus wie Muscheln. Ein Bach +floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten +<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104"></a>[104]</span>Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu +einem Bauernhof, es war weit weg von Podolin. +Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein +Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und +heftig mit einem Prügel auf das Tier einhieb. Schon +zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er sprang +hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte +den Knecht bei den Hüften, warf ihn nieder, schlug +mit der Faust in das bärtige Gesicht und schüttelte +den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine +Brust von einem schweren Druck frei machte. Der +Knecht brüllte, aber niemand eilte ihm zu Hilfe, der +Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold, indem er +den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der +Knecht erhob sich langsam auf ein Knie; er machte +eine Bewegung der Wut, aber dann blieb er tückisch +gebückt an seinem Platz.</p> + +<p>Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich +rührte. Er konnte nicht verweilen. In seinen Füßen +steckte Ungeduld; seine Schläfen waren heiß wie von +Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. +Eile! mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. +Frech kam ihm sein Zögern vor, denn er erschien sich +beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen zu leiden, +die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach +welch ein Zorn ergriff ihn immer wieder mit neuer +Gewalt! Wenn er stillstand, um aufzuatmen, war es +schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum +selbständig hörenden Ohr geworden.</p> + +<p>Ist es eine Welt? dachte er; wo leb’ ich denn? was +geschieht denn? Ist es erlaubt? Und neuerdings +<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105"></a>[105]</span>riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die Wolken: +eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, +dem er sagen würde, was vorgefallen, mußte ja +niederfallen, von Schande erdrückt und Zähneknirschen +mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. +Sieh doch an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. +Aber dessen bedurfte es gar nicht, wozu erzählen? +Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. +Keiner würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei +würde kommen, alle würden schreien: Gerechtigkeit! +Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu leben. Arnold, +würde die Mutter sagen, geh’ hin und ruhe nicht, +denn sie können sonst nicht leben.</p> + +<p>Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern +lag der Schlummer: Hanka, der Pfarrer, +Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die Knechte, die +Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu +fühlen, seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die +Genugtuung, den Schlaf von sich entfernt zu haben. +Dann werden sie herankommen und lächeln und sie +werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold +Ansorge, dich eingefunden? Nun will ich wachsam +sein, erwiderte er ihnen und begann zu lächeln, indem +sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte +den ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer +trat, sah er Ursula weinend an der Türe stehen, auch +die Pflegerin weinte, und oben am Lager der Mutter +stand unbeweglich der Pfarrer.</p> + +<p>Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; +weder Schrecken, noch Trauer ergriff ihn. Lächelnd +faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem Ausdruck +<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106"></a>[106]</span>des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. +Als Ursula ihn ansah, schrie sie laut auf und lief aus +dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte der geistliche Herr +mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm +auf.</p> + +<p>Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die +Tasche, murmelte vor sich hin, sah sich murmelnd um +und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß mit +eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und +folgte dem Pfarrer. Als es still um Arnold war, +begann wieder das formlose Wallen in seiner Seele. +Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. +Türe und Fenster waren weit geöffnet, keine Menschenseele +war nah, alle hatten sich entfernt und geflüchtet +wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung +war schon gekommen; der Himmel, reingefegt +von Wolken, färbte sich langsam vom aufsteigenden +Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, +dieselbe die im Flur gestanden war und geweint +hatte, schlich am Fenster vorbei, während die Gärtnersfrau +und Ursula von fern lauschten. Als die +Spionin Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte +sie, er führe eine Unterhaltung mit der Toten und +schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. Ursula hatte +schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht +gegeben; Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger +Handlung getrieben, jede Stunde erwartete sie +Erlösung von ihrer Angst.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107"></a>[107]</span></p> +<h3><a name="Neunzehntes_Kapitel" id="Neunzehntes_Kapitel"></a>Neunzehntes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Der Mond beschien den Leichnam, der schon +seit dem Mittag gewaschen und hergerichtet +war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; +auch die Pflegerin wartete auf die Ankunft +Borromeos und auf ihre Entlohnung. Spät +abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf +gekauft, überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer +und sah Arnold am Fenster sitzen, zwanglos +angelehnt, die Arme leicht über die Brust verschränkt. +Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten +die Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold +sah ruhig zu und ließ sie gewähren, auch dann, +als sie, auf einem Schemel hockend, sich anschickte, die +Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit +begann sie indes zu schlafen.</p> + +<p>Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier +Uhr morgens sein, als das Rädergerassel eines Wagens +laut wurde. Ursula erwachte, sprang empor, ein Gebet +flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich Borromeo +ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er +war schon vorbereitet auf den Anblick einer Toten. +Trotzdem, als er am Bett der Schwester stand, schluchzte +er trocken vor sich hin.</p> + +<p>Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen +hatte, verließ zartsinnig das Zimmer. Der Mond +stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen +über die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen +zu bleiben. Er ging zu Ursula, die in der Küche +Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des Vormittags +<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108"></a>[108]</span>seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen +Abwesenheit nötig, zu richten und einzupacken. Vor +Erstaunen vermochte sich die Alte nicht zu rühren.</p> + +<p>Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm +die Hand und wandte dann in geheimnisvoller Verlegenheit +und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen +das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde +durch Ursula unterbrochen. Auf Arnold zugehend, +fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch +bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus +denn so geschwind?«</p> + +<p>Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause +fragte er sanft: »Meint sie dich, Arnold? Willst du +denn fort?«</p> + +<p>Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte +Arnold: »Ja. Ich will fort. Muß fort. Bald, sobald +wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man +muß einen Verwalter mieten.«</p> + +<p>»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo +matt.</p> + +<p>Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. +Borromeo schritt voran und trug das Petroleumlämpchen. +Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit +erfaßt.</p> + +<p>»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, +dann das andere«, begann Arnold.</p> + +<p>Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte +sich mit Unmut. »Du hast ungefähr siebenhundertsiebzigtausend +Gulden in sehr guten Wertpapieren,« +entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig +hoch, aber die Anlage ist sicher. Ich darf dich +<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109"></a>[109]</span>vielleicht darauf aufmerksam machen,« fuhr er mit +bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu +deinem vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund +bin und nach unsern Gesetzen ist es mir nicht +nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine +Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«</p> + +<p>Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich +abhalten zu tun, was ich muß?« fragte er.</p> + +<p>Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte +sich auf Kampf gefaßt machen zu sollen. Das erbitterte +ihn. »Was hast du vor?« fragte er gedehnt +und widerwillig.</p> + +<p>»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der +Jude, bekommt seine Tochter nicht. Sie haben sie +ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen. Er hat alles +mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht +kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, +daß so etwas Schändliches passieren kann. Wie +geht das zu, ein unschuldiges Mädchen wird den Eltern +geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der +Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will +etwas dagegen tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, +und doch, es geschieht nichts. Kann man +denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst <em class="gesperrt">du</em> leben ohne +Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach +Wien. Ich hab’ hier keine Ruhe mehr. Hier weiß +man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich will einmal +sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den +Kerlen schon Beine machen. Der Jude soll sein Kind +wieder haben oder mich soll der Teufel holen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110"></a>[110]</span>Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. +Eine Art Rührung erfaßte ihn, die aber gleich +wieder verdrängt wurde von einem dumpfen Mißtrauen +gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich +nannte, und den gläubig hinzunehmen, sich gleichsam +alle Erfahrungen seines Lebens sträubten.</p> + +<p>Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren +natürlich leicht zu finden. Aber Borromeo schämte +sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir es heute,« +sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.</p> + +<p>Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold +auf den Weg zur Elasserschen Wohnung machte. Nicht +mehr mit Bedrücktheit und einem Gefühl leerer Erwartung +wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.</p> + +<p>Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. +Mitten im Zimmer standen Elasser, die Frau und +ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig +für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten +unermüdlich auf den Bauer ein, der ein Stück Leinwand +nicht mit dem verlangten Preis bezahlen wollte. +Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch, +kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und +rang die Hände.</p> + +<p>Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand +achtete auf ihn. Nachdem er eine Weile zugehört, +wandte er sich nachdenklich ab, um zu gehen. +Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte +an ihm vorbei zum Hauseingang und stieß dort einen +Schrei aus, als ein grauer Metzgerhund vom Ufer +herauftrabte und mit hängender Zunge und düster +glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte +<span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111"></a>[111]</span>und sich nicht mehr rührte. In +einer wunderbaren Regung hob Arnold das Mädchen +auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der +Beteuerung die Hand auf die Stirn. Dann verjagte +er den Hund und setzte seinen Weg fort.</p> + + + + +<h3><a name="Zwanzigstes_Kapitel" id="Zwanzigstes_Kapitel"></a>Zwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte +Alexander Hanka seine Reise verschoben. Er +sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, +die Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. +Aber hätte ein Geist wie der seine, ewig nach den +leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend und sie +zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher +so sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, +diesen ereignislosen Wintertagen eingebettet? +Bisweilen schüttelte er über sich selbst den Kopf, aber +wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit +Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate +hatte sich mit der neuen Gesellschaft zurechtgefunden +und wenn auch Hanka in ihren Augen eine komische +Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm +nicht die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen +Freundes. Auch war sie zahm gestimmt, seit +der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt +hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, +gedroht, gerast. Das alles ging förmlich im +Dunkel vor sich, abgewandt vor den Augen, die sie +<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112"></a>[112]</span>liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst +aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen +konnte, um sich selbst noch zu achten; dann war es +die wirkliche Scham, die ins Fleisch schnitt und das +Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer +Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie +wieder herab ins Wohnzimmer, blaß und lächelnd, +saß neben Hanka, spielte ein harmloses Kartenspiel +mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete +dabei ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, +mitteilsamer und launenloser als früher.</p> + +<p>Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka +wenig. Außerhalb ihres Kreises lebend, war er gleich +dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat. Nur +Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang +sie, alles zu wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. +In den Gesellschaften spreche man von +nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, +wie diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, +sich kleide, welche Farbe ihre Augen hätten +und so weiter. So geschwind wie möglich müsse sie +das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem +dann ihre geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden +würde. Da er, Hanka, an der Quelle der Ereignisse +sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und aufzuheben, +was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht +mehr lange mit der Rückreise zögern, da sie frische +Ananas aus Hamburg erhalten habe.</p> + +<p>Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, +ohne sich im geringsten zu beeilen, seiner reizenden +Freundin zu antworten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113"></a>[113]</span>Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen +verbrachte er die Zeit, und all dies hatte in seinen +Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von Philosophie. +Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über +die Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald +darauf. Ein guter Gedanke ist kurz und reicht für +drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu quetschen wie +einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend. +Er empfand Widerwillen und Furcht vor der +Arbeit. In ihm war ein starker, klarer Strom von +Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen von +Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich +verhaßt und unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige +Aufenthalt in Podolin, weit entfernt, ihm die +Segnungen der Stille, Sammlung und Abgeschiedenheit +zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. +Seine nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf +ein schwankendes Bild gewiesen, auf dem sie mit jedem +Tag fester ruhten. Er dachte an Beate, an nichts +anderes als an Beate.</p> + +<p>Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe +fort und lasse mich nicht wieder sehen; oder sie wird +meine Geliebte; oder ich heirate sie. Das erste habe +ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte +mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für +mich ganz angenehm. Doch mit der Ahnungslosigkeit +ein Geschäft machen, gehört nicht gerade zu den +sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher +Geist wird sich in das natürlichste Verhältnis zu finden +wissen, aber hab’ ich darum mit vierundzwanzig Jahren +Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu verlassen +<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114"></a>[114]</span>wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich +zum Fenster hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut +schützen, allein was ist mit Geld gegen den bösen +Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das +Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse +auf Sicherheit, systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges +Beisammensein und Langeweile zu +zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im +Sommer bei der Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe +kommen die Jahre der Pflichten. Es ist wie mit den +Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, +je sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den +Fall, ich hätte Nachkommenschaft zu erwarten. Habe +ich die Talente eines Erziehers, die Geduld eines +Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe +kein Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher +Vater. Dem veralteten Institut der Ehe neue +Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls versagt. +Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? +Liebt Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender +Komik. Ich sie? Seit mich auf dem Gymnasium +meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich +von solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. +Summa: wie man es auch betrachtet, nichts Haltbares +bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne ziehen.</p> + +<p>Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften +Überlegungen. Aber das Zimmer und das Haus +waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins +Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. +Er vermochte kaum den Weg zu erkennen, der ihn +von den Feldern schied. Der Himmel, kaum wahrnehmbar, +<span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115"></a>[115]</span>glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und +die übrige Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in +seinem Innern hell werden zu lassen, dazu war Hanka +die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie ehrlich +er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht.</p> + +<p>Am andern Morgen trat er mit einem militärisch +ausholenden Schritt vor Agnes hin, als er sie allein +sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne Umstände +an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten +würde?«</p> + +<p>In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen +auf. Hanka saugte verlegen und krampfhaft an seiner +Zigarre, sah sich spähend um, riß plötzlich ein leeres +Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in +hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht +übermäßig vernünftig wäre. Heiraten ist in jedem +Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich habe mich +wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad +zwei: für mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. +Ich bin nicht verliebt, was ja an sich ziemlich traurig, +aber für das ganze Unternehmen von Vorteil ist. Was +mich besonders anzieht, kannst du dir denken.«</p> + +<p>Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an +den linken Arm Hankas lehnte. »Nun?« fragte sie, +naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als seine +Hand zögerte.</p> + +<p>Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen.</p> + +<p>»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« +sagte Agnes, indem auf einmal ihre Augen feucht +wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und machte +<span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116"></a>[116]</span>sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka +nahm, unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. +Es ist unmöglich, sich jemand zum Freund oder zur +Gattin zu züchten, dachte er und spuckte verächtlich +durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete; +aber erst die Ereignisse charakterisieren eine +Handlung, und ich will mich nicht selbst verraten, +weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu sein.</p> + +<p>Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal +auf und ab, dann wandte er sich plötzlich mit einer +erzwungen pfiffigen und überlegenen Miene zu ihr. +»Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben +hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet +und in einer enorm tiefen Stimmlage, »was würdest +du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag machen +würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen +auf seiner Stirn. Und da Beate unbeweglich +vor sich hinsah und endlich mit langsamen Schritten +das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken +und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. +Es mochte eine Stunde später sein, als ihm +das junge Mädchen am Hauseingang begegnete. Sie +erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem +Lächeln: »Ja.« Hanka durcheilte klopfenden Herzens +den Garten.</p> + +<p>Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon +am Morgen zu Hankas gelangt. Alexander Hanka +hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch erklärt. +Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin +beschloß Hanka zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf +dem Hügel. Trotz des klaren Nachmittag-Himmels +<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117"></a>[117]</span>herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren +noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch +Zweig und Erde lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit +einer Mischung von Staunen und Ungläubigkeit beobachtete +er Arnold, der neben dem Grab stand und +mit einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch +blickte, als der Sarg hinabgelassen wurde. Alle sahen +auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in seiner formelhaften +Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte +sich. Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer +Krähe, die über die Köpfe flog. Borromeos bleiches +Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch bleicher. +Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch +ohne Unwillen, ohne Vorwurf.</p> + +<p>Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur +Reise, denn nun galt es, die Zeit zu nutzen. Er hätte +sich an diesem Abend eine leichtere Stimmung gewünscht. +Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, +der ihn zur Station bringen sollte. Nach anderthalb +Stunden stand er auf dem Bahnhof und sah +Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide +gleich ihm den Zug erwartend. Hanka grüßte mit +der ihm eigenen ernsten Verbindlichkeit, näherte sich +aber nicht, sondern schritt in der holzgedeckten Halle +auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft +war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin +schimmerten die Gleise in der Sonne und verloren +sich in den graublauen Waldzügen der Ebene.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118"></a>[118]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119"></a>[119]</span></p> +<h2><a name="Natalie" id="Natalie"></a>Natalie</h2> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120"></a>[120]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121"></a>[121]</span></p> +<h3><a name="Einundzwanzigstes_Kapitel" id="Einundzwanzigstes_Kapitel"></a>Einundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung +angeboten, er hatte erklärt, daß der +obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über +drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold +hatte eingewilligt.</p> + +<p>Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit +sich selbst. Arnolds Nähe erregte ihn und spannte ihn +ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge, dieses festen +und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg. +Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte +Borromeo einen beständigen stillen Kampf mit den +Affekten anderer Menschen.</p> + +<p>Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren +im offenen Wagen vom Bahnhof weg. Als Arnold +zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und +die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er +ganz bestürzt. Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen +erschallte. Es klopfte, knallte, polterte, rasselte +und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten, Glöckchen +klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, +hämmerte und knisterte. Menschen liefen, die heftig +mit den Armen schlenkerten; andere, denen Schweiß +auf der Haut glänzte; andere, deren Gesichtsmuskeln +krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn +stierten und weder rechts noch links schauten; +andere, die in vornehmen Kutschen lehnten und deren +Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die lachten +und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften +und angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick +<span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122"></a>[122]</span>von Staub. Die langen Reihen gleichmäßiger Häuser +zeigten zahllose Fenster; anders sah hier der Himmel +aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. +An den Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf +in der seltsamsten Weise Seifen, Weine, Eßwaren, +Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel und +Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll +herum, Soldaten marschierten stumpfsinnig, +Bier-, Speisen- und Ladengerüche zogen aus den +Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter +prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, +als ob es hier keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, +kein Besinnen gäbe.</p> + +<p>Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es +war ein altes Gebäude, das in einer engen, finstern, +gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein Diener +kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. +Borromeo führte Arnold sogleich in das obere Stockwerk, +das ihm zur Wohnung dienen sollte. Die Zimmer +waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in +früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau +hier gewohnt, ein Mann, der sich in den Studentenjahren +durch Trinken und Weiber ruiniert habe. Inmitten +seines knappen Berichts brach Borromeo ab +und wandte den Blick langsam zur Tür, durch welche +seine Frau eintrat. Sie war von geradezu fürstlicher +Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen, um +die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes +Lächeln lag, waren brennend rot. Fast von demselben +Rot waren die Haare, die in der reichsten Fülle +zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau +<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123"></a>[123]</span>war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold +etwas außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit +einem neugierigen und staunenden Gesicht wandte er +sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden +Wohlgeruch im Zimmer.</p> + +<p>»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, +sagte Frau Borromeo. »Das ist also der Neffe«, fuhr +sie fort, trat rauschend näher, streckte Arnold die Hand +entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll Teilnahme, +etwas spöttisch, – alles zu gleicher Zeit mit +einer unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und +Ruhe. Indem sie eintrat, so schien es, hatte sie alles +zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die Möbel, +das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold +vergaß, ihre Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte +den Kopf und fragte Borromeo, ob er zum Tee komme. +Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold +überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein +werde. »Ich warte schon mit Ungeduld auf Sie – +oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich war auf +eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. +Natürlich im edelsten Sinn. Aber damit wollen wir +jetzt keine Zeit verlieren. Hier laß ich unterdes alles +instand setzen; ich habe ja erst heute früh erfahren – +Kommen Sie, ... komm, Arnold.«</p> + +<p>All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, +mit einem Wechsel des Ausdrucks, dem sich jedes Wort +anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft gefertigtes +Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, +dann ein Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein +großes, lichtes Zimmer. An einem mit Tassen, +<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124"></a>[124]</span>Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten +Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein +junges Mädchen, welches von Frau Borromeo als +Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit +einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und +ein junger, blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der +durch eine fast puppenhafte Sorgfalt seines Anzugs +auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet auf +Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, +auf seine schweren, großen Stiefel und ein humoristisches +Lächeln umzuckte die farblosen Lippen.</p> + +<p>»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich +hier«, sagte Frau Borromeo, indem sie spöttisch lächelte, +als belustigte sie die Verwunderung ihrer Gäste. »Ich +erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.</p> + +<p>Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte +mit einer Teilnahme, die Arnold unerklärlich war: +»Sie sind Landwirt?«</p> + +<p>»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo +ein.</p> + +<p>Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde +hielt, starrte Arnold mit einer Miene an, die immer +humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von verhaltenem +Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, +weshalb Anna Borromeo den merkwürdigen +Menschen in ihren Salon geführt und gab schließlich +ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.</p> + +<p>»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte +der unermüdliche Drusius wieder, der Frau Borromeo +einen Gefallen zu erweisen glaubte, wenn er sich mit +dem stummen Gast beschäftigte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125"></a>[125]</span>»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo +abermals an Arnolds Stelle. Es war, als +fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte Petra +König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich +zwischen ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich +Ihrer Schwester Natalie?« fragte sie das junge Mädchen.</p> + +<p>»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem +Blick und mit jenem nachsichtigen Spott, der nur in +ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie gesprochen +wurde.</p> + +<p>»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius +und schnalzte mit der Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, +ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte ich +eine Heldentat verrichten.«</p> + +<p>Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten +schwermütig-messend auf Anna Borromeo.</p> + +<p>»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau +Anna lächelnd und tippte mit der Fingerspitze eine +Brotkrume von ihrem Kleid.</p> + +<p>»Schlecht«, antwortete Hyrtl. <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">»Wir können</ins> uns +auf einen großen Börsenkrach gefaßt machen.« Er +legte den Knöchel des einen Beines auf das Knie +des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß +über den Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen +Strumpfes sichtbar wurde, zog mit leichter Gebärde +eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und fragte +mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er +blickte dabei Frau Borromeo tief und traurig in die +Augen, so daß Arnold sehr erstaunt war, als er die +Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich +<span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126"></a>[126]</span>sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst +gerichtet waren, daß sie die Augen, die einen wärmeren, +ruhigeren Glanz angenommen hatten, erschreckt +wieder abwandte und mit leerem Lächeln +nach einer Bäckerei auf der silbernen Schale griff.</p> + +<p>Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die +Teppiche, die Bilder und hörte mehr und mehr erstaunt +der schnell von einem Gegenstand zum andern +schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem +er sehr viel Milch zugegossen, ausgetrunken hatte, +erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe vor den Tisch, +dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.« +Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.</p> + +<p>Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann +lächelte Anna Borromeo, darauf lächelte auch <ins class="correction" title="Transcriber's note: normalized from 'Emmerich'">Emerich</ins> +Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften. +Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann +blies Hyrtl die Backen auf und verfiel in einen wahren +Lachkrampf, aus dem er schließlich die Beteuerung +hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. +Anna Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.</p> + + + + +<h3><a name="Zweiundzwanzigstes_Kapitel" id="Zweiundzwanzigstes_Kapitel"></a>Zweiundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer +auf. Im Vorraum seiner Wohnung stand +der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des +jungen Herrn. »Was für Befehle?« fragte Arnold +<span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127"></a>[127]</span>und blieb stehen. Der Diener lächelte und blickte +Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte +Arnold und wartete, bis der Mann die Türe geschlossen +hatte. Welch ein sonderbarer Aufenthalt, +dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren +Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die +Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel und Bücher. Er riß +das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und +frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und +erstaunte über die Höhe, erstaunte über die Nähe der +gegenüberliegenden Häuser und ihre endlosen Reihen +von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute +empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich +verdämmernden Himmels. Ein Flug Vögel zog mit +Kreischen geschwind über die Dächer.</p> + +<p>Während dieser Beobachtungen spürte er großen +Hunger. Er überlegte nicht lange, nahm den Hut, +verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und +suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine +kleine Kutscherkneipe, bestellte Wein, Wurst und Käse +und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in dem +raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, +lachten und spielten. Als Arnold satt war, bezahlte +er und ging. Er beschloß, einen Spaziergang durch +die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie +er war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die +Gasse und das Borromeosche Haus seinem Gedächtnis +ein. Kaum hatte er dies stille Seitental verlassen, +als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom geriet. +Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende +Licht aus den hohen, weißen Lampen gänzlich +<span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128"></a>[128]</span>zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem Fenster der +schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den +Dächern war wie eine feste Decke. Als Arnold sich +inmitten der unabsehbaren, beständig sich erneuernden +Menge befand, glaubte er zuerst, das Geräusch, das +zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen. +Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder +Reden noch Schreien. Oft klang es wie minutenlang +hintereinander ausgehauchte tiefe Seufzer, oft wie +fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte +gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold +ging dicht an der Seite der Häuser und kam nur +langsam vorwärts. Er ermüdete nicht, Gesichter zu +betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der +Augen zu erhaschen. Einer blickte vorsichtig und +spähend vor sich hin, einer redete gereizt, einer ging +müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und zwischen +unsichtbaren Wänden zu gehen.</p> + +<p>Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold +vor sich hin. Seine Stimme erschien ihm klein, seine +Schritte zu kurz, seine Arme machtlos, seine Verstellungen +kindlich. Er sah Menschen, Menschen, +immer neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, +alle Gesichter verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich +erregt verließ er die taghellen Straßen +und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein +eigener Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, +und immer wieder auftauchte, wenn er unter +der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er +dachte nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; +mit umfangenen Augen und sonderbar gelähmten +<span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129"></a>[129]</span>Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm +unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum +stand Haus an Haus so enggepreßt, daß jedem einzelnen +der Atem zu fehlen schien? An der Ecke blieb +Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche +Reihe der Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende +kennen zu lernen, und ohne den Gedanken an Rückkehr +folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße +und glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse +sich bald der Wald öffnen oder das Wiesenland dehnen. +Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und +sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere +durch die Wahrnehmung, daß die endlosen +Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung seines +Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten +hin ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder +von Krämern, Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, +in denen er zufriedene und glückliche Menschen +vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und +die Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten +Fenstern der Kaffeehäuser stehen und blickte +ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu einem Feste +geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die +einem unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, +Kirchen, deren eherne Tore geschlossen waren, und +von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang. +Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung +und der Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er +über sich selbst den Kopf und war unzufrieden, ohne +zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein Gefühl +lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen +<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130"></a>[130]</span>Weg fort und kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen +Gassen. Hier wurden die Häuser niedriger +und der Himmel schien infolgedessen näher. In den +erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim +Abendessen sitzen, aus den Kneipen drang Lärm und +Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten ihm +zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in +Arnold die betäubende Empfindung der Vielfältigkeit +und der unübersehbaren Weite. Mit Bitterkeit, +ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel +an Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. +Herrgott, sagte er zu sich selbst, das kann übel enden, +und plötzlich drehte er sich um und trat mit stürmischem +Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige +begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem +Weg befragte.</p> + +<p>Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich +zurecht und kam gegen zehn Uhr nach Haus. Der +Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die +Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. +Arnold schüttelte den Kopf. Er sah seinen Reisekoffer +vor sich stehen und ohne einen der prächtigen +Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf +und versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte +er sein Herz in der Hand, drehe es hin und her, aber +es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege; jeder +führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. +War es denn etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? +so vielen Zorns, so vieler Gedanken wert? +Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, +der mit Pferd und Wagen kommt, um eine Maus +<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131"></a>[131]</span>aufzuladen. Sein Vorhaben erschien ihm leicht und +selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, +als es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.</p> + +<p>»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen +Sprechweise, »hast du dich schon ein wenig +zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der äußeren +Seite der Hand seinen Bart empor und legte den +Kopf gegen die Schulter.</p> + +<p>Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, +Onkel. Zurechtfinden kann ich mich hier nicht. Also +sage mir, was soll ich tun? Wie soll ich’s anfangen?«</p> + +<p>»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er +gab es endlich auf, seinen Bart zu bestreichen, schritt +zum Tisch, setzte sich auf einen der Polstersessel und +nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose +zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du +willst also dieser eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« +sagte er mit einem kaum wahrnehmbaren +Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du +bist jung. Du bist begeistert. Du kannst dich noch +entrüsten. Schön. Aber was willst du allein ausrichten? +Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann +<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'kein'">keine</ins> Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von +deinem idealen Unternehmen abbringen, ganz im +Gegenteil.«</p> + +<p>»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold +trocken und etwas ungeduldig dazwischen.</p> + +<p>»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal +von einem andern Standpunkt, von einem praktischen +sozusagen. Zufällig war es diese Klostergeschichte, die +dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen +<span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132"></a>[132]</span>andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, +ja nehmen wir nur einmal Galizien. Die Regierung +dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den Tod. +Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie +verüben die ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher +blüht wie anderswo im Mittelalter. Die Länderbank +ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf sie durch +Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast +du von den Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden +Arbeiter mußten zusehen, wie die Aktionäre einander +und der Direktor die Aktionäre um Tausende +von Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder +für die in Krankheit und Hunger vegetierenden Bauern +werden zurückgehalten; auf den großen Gütern wird +der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld +ausgezahlt. Was ist dagegen deine Klostergefangene? +Urteile selbst. Schau dich nur um. Es gibt viel zu +tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast. +Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals +deinem Willen entgegentreten. Ich werde nie fragen, +ob das auch gut ist, was du tust, sondern immer annehmen, +daß es das beste ist. Ich lasse dir freie Verfügung +über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. +Aber lerne erst erkennen, wo du Hand anzulegen +hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen +Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen +Land bedarf es nicht nur eines ganzen Menschen, +einer großen Leidenschaft, einer reinen Seele, +sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen +Geistes. Erfahrungen braucht es und Kultur. Das +ist eben die Probe, Arnold, in der du dich bewähren +<span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133"></a>[133]</span>mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt +dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche +annehmen; aber deine Hand muß sauber bleiben, +deine Seele rein. Und trotz alledem mußt du dich +durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. +Dann wird es dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser +zu befreien. Heute ist es unmöglich für dich wie für +jeden andern. Du hättest keine andern Wege als +jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige +Hilfe finden. Und deine Kräfte ins Phantastische +hinein verschwenden, das wäre doch sinnlos.«</p> + +<p>Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und +ein kühler Schauder fuhr ihm über die Haut. Er +fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte +sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles +seine Richtigkeit hatte und wünschte doch, es nicht gehört +zu haben.</p> + +<p>»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm +aufzustellen,« fuhr Borromeo fort, »so wäre es dies: +fange an, dich über alles mögliche zu unterrichten. +Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite +Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine +Regelmäßigkeit wird sich dir bald von selbst ergeben, +vielleicht auch der Beistand eines Freundes. Du hast +alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. +Der unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. +Und um mit zwei Worten noch einmal alles zu sagen: +Bleib und werde!«</p> + +<p>Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo +ums Reden wurde, denn er schwieg jetzt mit einem +erleichterten und müden Gesicht und ließ den Blick +<span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134"></a>[134]</span>langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen +das Licht schweifen. Arnold hatte den Kopf auf +beide Hände gestützt und sein Gesicht verborgen. Was +in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo +und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin +und legte Arnold die Hand auf die Schulter. »Nun?« +fragte er leicht und kurz.</p> + +<p>Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem +Sitz empor. Seine Wangen glühten. »Man kann +das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«, +sagte er. »Man kann beides tun.«</p> + +<p>»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete +Borromeo. »Insofern keine Gefahr ist, daß man +sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin +dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, +daß du nicht verstockt bist. Von den Idealisten ohne +Kopf hab ich nie etwas gehalten. Sie schaden mehr +als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«</p> + +<p>Sie gaben einander die Hand.</p> + + + + +<h3><a name="Dreiundzwanzigstes_Kapitel" id="Dreiundzwanzigstes_Kapitel"></a>Dreiundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. +Zwei Tage später war er im Besitz von vier +modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war +vorher besorgt worden. Zaudernd und umständlich +bekleidete sich Arnold mit den neuen Dingen. +Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte +an seinem Bild herab wie an einem fremden +<span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135"></a>[135]</span>Mann. Aha, redete er sich selbst an, da wärst du +also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, +wie der Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das +Gesicht und konnte sich lange nicht entschließen, das +Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen +zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden +war und er mit ungewohnter Langsamkeit die Treppen +hinunter schritt, sah er im Korridor Anna Borromeo +mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. +Frau Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der +Fremden: »Dies ist mein Neffe, Herr Ansorge.« +Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die +fremde Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« +Arnold reichte sofort nach seiner Gewohnheit die Hand +und verspürte eine andere Hand, deren Winzigkeit ihn +verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, +er möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.</p> + +<p>»Also <em class="gesperrt">das</em> sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und +das neugierige Kindergesichtchen hinter dem schwarzen +Schleier blieb Arnold fragend zugewandt. »Petra +hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz +hübsch.« Ein köstliches Aber.</p> + +<p>Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, +weshalb er ohne weiteres sein Kommen versprach, +als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag +und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu +Anna Borromeo, was wie das Geplätscher eines +Springbrunnens klang, lachte, fragte mit kindlichem +Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über +das drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte +Eile nach Hause zu kommen, vergaß es jedoch sogleich +<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136"></a>[136]</span>und fragte Arnold, ob er reiten könne. »Ich habe +Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken +Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte +sie den Oberkörper vor. Darauf verabschiedete sie +sich und Frau Borromeo schien sehr erleichtert, als +sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten +Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige +Lächeln, das Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, +das Winken mit der Hand, womit Anna Borromeo +ihrem Gast das Geleit gab.</p> + +<p>Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig +Jahre noch die zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. +Begeisterung und Neugierde waren die zwei +Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie +war lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, +und damit brachte sie manches vernünftige Gespräch +und manchen ernsthaften Mann aus dem Gleise. +Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie +war eitel, geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, +aber sie gewann ihren Tadlern einen Vorsprung ab, +indem sie Geständnisse ablegte und sich verspottete. +Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann +leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich +war, so sprechen, gehen, sitzen und lachen zu +können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer Bewunderung, +ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares +Wort und keinen Gesichtsausdruck, der schwärmerisch +genug war; in derselben Minute interessiert sie sich +»rasend« für einen Klatsch und zappelt vor Ungeduld +darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den +Titel eines Buches vergessen hat. Sie hat zwei +<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137"></a>[137]</span>Kinder, Mädchen von zehn und acht Jahren, und +sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu +erzählen, als sei das Dasein von Kindern etwas sehr +Seltenes und als seien ihre Kinder die wunderbarsten +auf der Erde.</p> + +<p>Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, +wo der gnädige Herr sei. Im Salon, wurde +ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester zu +und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie +schloß erblassend die Augen und legte den Kopf gegen +den Nacken. Petra sah sie mitleidig an und wandte +sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die +Mutter mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.</p> + +<p>Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem +Schlafgemach nebenan drang ein ungewöhnlicher +Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit +die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. +Er war im Begriff, sich zu waschen und rieb den +Körper mit einer Heftigkeit, als sei die Haut mit +Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte +und zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet +ist. Natalie betrachtete ihn mit einem maßlosen +Erstaunen und einer zur Hälfte gespielten Verachtung. +Herr Osterburg legte verdrießliche und +eifervolle Falten in sein Gesicht, während er mit +einem Flanelltuch die behaarte Brust trocknete und +ächzend den Rücken rieb.</p> + +<p>»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine +sichern Geschäfte aus,« sagte Natalie.</p> + +<p>Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden +mit Knöpfen, zog es aber nicht an, sondern legte +<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138"></a>[138]</span>sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane. Er +hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete +seinen Lackschuh. Dann tat er einen tiefen Seufzer, +warf sich empor, wie von einer Feder geschnellt und +sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein, +das ist das einzige.«</p> + +<p>»Idiot«, murmelte Natalie.</p> + +<p>Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen +und betastete mit sorgenvoller Stirn die fette +Gegend seines Magens. Erst als ihn fröstelte, dachte +er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte +er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte +die Faust gegen die Decke und schrie. »Meinen +heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe +Million haben werde, oder –« Er deutete mit +prophetischem Ausdruck ins Unbestimmte und schwieg +wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie gelassen +und erwartungsvoll anschaute.</p> + +<p>Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten +in das Zimmer ihrer Kinder. »Liebste Petra!« rief +sie, »komm, ich will zur Mutter.«</p> + +<p>»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.</p> + +<p>Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: +»Jaja. Aber du weißt, ich habe die Schneiderin +zur Mutter bestellt, damit mein Mann das Kleid nicht +sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« +Sie küßte etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand +mit sarkastisch-ergebenem Lächeln abseits.</p> + +<p>Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, +so erhob er sich, schüttelte unwillig den Kopf und +fletschte die Lippen. Dann verfügte er sich in die +<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139"></a>[139]</span>Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe. +Schwermütig stand er am Herd und stierte in die +Pfanne. Die Köchin zählte ihren Speisezettel an den +Fingern ab, und Osterburg schlurfte anscheinend betrübt +wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer +einzigen Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold +in Strömen aufzufangen um jeden Preis, durch jedes +Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf der +Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich +bücken.</p> + +<p>Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, +fragte diese, was mit Osterburg vorgegangen sei, er +benehme sich so sonderbar.</p> + +<p>»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte +Natalie kalt.</p> + +<p>»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte +die alte Dame und ging zu ihrem Stuhl zurück. +Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich vorwärts. +Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose +mit den Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen +etwas Automatisches erhielten. Bei jedem Schritt +nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht +war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, +der vom Wasser zernagt ist. Sie hatte die Miene +einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste Schmeichelei +empfänglich, war sie zugleich harmlos und +boshaft, gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. +Diese Frau hatte die Rasse verdorben. Sie +hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche +die Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich +ist.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140"></a>[140]</span>»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß +macht?« fragte Natalie, die mit Ungeduld auf das +Kleid wartete.</p> + +<p>»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte +Petra.</p> + +<p>»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau +König mit rasselnder Stimme. »Da war nichts als +Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich zu Petra +... nicht wahr, Petra –?« ...</p> + +<p>»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato +angekauft«, wandte sich Natalie an Petra. »Einen +Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, aus +der besten Zeit, sagt die Borromeo.«</p> + +<p>So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, +und sie schienen einander trotzdem zu verstehen. Sie +waren beweglich wie die Ringe im Wasser, die, um +denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren +können.</p> + + + + +<h3><a name="Vierundzwanzigstes_Kapitel" id="Vierundzwanzigstes_Kapitel"></a>Vierundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, +füllten sich schon von fünf Uhr ab die +Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg +stand bei einer Gruppe junger Leute und prahlte +mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf welches niemand +gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als +jemand dies bezweifelte, konnte Martin nur noch +zwei Leute zugeben, die ebenfalls auf dieses Pferd +gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete, +<span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141"></a>[141]</span>dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis +gewesen, da wurde Osterburg vor Verachtung um +fünf Zentimeter länger, und seine grauen, bürstenartig +emporstehenden Haare erschienen wie lauter +entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber +war er wieder freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl +und Armin Pottgießer, den von allen gefürchteten +Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer, +Volksfreund, Regierungsfreund und vor +allem war er unermeßlich reich.</p> + +<p>Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge +ein. Dies war die Stunde, die ihm Natalie bestimmt +hatte und anstatt Natalies sah er eine Menge unbekannter +Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet +und eine alte wie ein Fabeltier aufgeputzte +Dame, welcher zwei junge Mädchen folgten, schob +Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte +Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; +sie hatte nicht geglaubt, ihn heute schon bei sich zu +sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach Hyrtls +Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. +Sie reichte ihm die Hand und war schüchtern vor +lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr zu folgen und +führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem +Winkel saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein +Ausnahmsgast.«</p> + +<p>Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war +heiß. »Ist hier eine Versammlung, Fräulein?« fragte +er, indem er Petra erwartungsvoll anschaute. Das +junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und +wußte nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon +<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142"></a>[142]</span>von Vornehmheit dasaß, verlor den gleichgültig-grämlichen +Ausdruck, der in seinen Zügen vorherrschte und +sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren. +Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile +vergessen, wenn sie einen andern sich langweilen +sehen.«</p> + +<p>Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, +mit der er den Worten Hyrtls lauschte, gerührt wurde, +lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich im Lampenlicht +ein schönes, tiefes Blau an.</p> + +<p>Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und +schwarzen, frechen Augen näherte sich. »Freund +Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte er +mit offenbarer Geringschätzung.</p> + +<p>»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete +Hyrtl mit unschlüssiger Selbstironie.</p> + +<p>»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an +Bedeutung eingebüßt haben«, sagte der junge Mann. +Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog verächtlich +das Gesicht. Beide verachteten einander aufs +äußerste. Petra spielte mit ihrer Uhrkette.</p> + +<p>Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte +Petra an, sah rückwärts in das Zimmer, dann gegen +das Fenster und dachte abermals: was reden sie?</p> + +<p>Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt +von Reden, von Hören, von Lächeln. Mit leichter +Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds Schulter; +er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« +fragte sie, mit den Augen zwinkernd.</p> + +<p>Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann +er zu erzählen. Vielleicht war es der Trieb, sich +<span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143"></a>[143]</span>aufzuschließen oder fühlte er das Verlangen, seine +Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der +Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden +und wie alle Mühe vergebens gewesen war, ihm zu +seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe er sein +Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er +blickte jeden der drei Zuhörer leuchtend an, als ob +er überzeugt sei, daß sie sich gleich ihm selbst für +diese Sache entflammen würden. Er war in seiner +Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm +den Respekt jener nichtigen Menschen.</p> + +<p>»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als +er geendet.</p> + +<p>»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem +Juden«, bemerkte Hyrtl frostig.</p> + +<p>»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte +Natalie; »aber daß er sich so dafür ins Zeug +legt, ist doch interessant.«</p> + +<p>»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die +sich schämte.</p> + +<p>»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister +Schrott sprechen«, entgegnete Hyrtl, indem er auf +die Uhr blickte.</p> + +<p>»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte +Arnold warm.</p> + +<p>»Kommen Sie«, sagte Natalie.</p> + +<p>Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte +ihm etwas Wichtiges mitteilen, indessen führte sie +ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.« Und als +Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich +hinzu: »Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144"></a>[144]</span>Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm +sogleich in den Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den +Mund und sagte kauend: »Ist es wahr, daß Sie bis +jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt +davon.«</p> + +<p>Arnold sah den Mann überrascht an und wußte +nicht, was er aus ihm machen sollte. Er bückte sich, +um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich blitzte, +dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte +draußen seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete +er tief die kühle Luft ein. Unten im Flur überholte +er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und +sich nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen +Schritt gegen die Straße bewegte, wo sein Wagen +wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend; +es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner +Rumpf. Auch der Kopf schien mit Kunst in die +Schultern eingedreht, und der allzukurze Hals verschwand +im Pelz <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'der'">des Mantels.</ins> In allen Bewegungen, +in jedem Blick lag drückende Langeweile und trostlose +Ruhe.</p> + +<p>»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« +fragte er höflich und wohlwollend. Er schritt zu den +Pferden, patschte den Tieren auf die Lenden, und die +Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.</p> + +<p>Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen +Augen. Er empfand plötzlich Neugier, den Mann von +innen zu sehen, oder doch ohne Kleider, vielleicht +schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.</p> + +<p>»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte +Hyrtl. Er hatte den Wagenschlag geöffnet, stellte +<span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145"></a>[145]</span>einen Fuß auf das Trittbrett und zündete eine +Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, +fuhr er fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu +kehren. »Das was Sie oben sehen, ist alles Maskerade. +Die Leute sind verschuldet vom Boden bis +in den Keller. Hinter den Möbeln und Bildern +hängen die Pfändungssiegel. Die Stühle, worauf +sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die +wir oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld +gekocht. Natalie betrügt ihren Mann und Osterburg +betrügt seine Frau. Es ist alles Schwindel, was Sie +da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur +Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres +Mädchen. Na, adieu, leben Sie wohl.«</p> + +<p>Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit +eleganter Bewegung dem Kutscher das Zeichen, zu +fahren.</p> + +<p>Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach +kurzem Überlegen beschloß er, von neuem hinaufzugehen +und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, +was dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter +getüncht waren; er erschien sich in wichtiger Angelegenheit +hintergangen und wollte sich nun Wahrheit holen.</p> + +<p>Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen +Mantel auf einen Berg von andern Mänteln und +trat mit suchendem Gesicht in die Gesellschaftsräume. +Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie +durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und +lächelte ihm zu wie einem vertrauten Freund. Sein +Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt. +Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich +<span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146"></a>[146]</span>vernahm er ihre Stimme hinter sich. »Denken Sie +nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit einem vor +Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka +hat sich verheiratet ...«</p> + +<p>Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht +nichts gewahren als Jubel, Liebenswürdigkeit +und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß +gelogen haben, dachte er.</p> + + + + +<h3><a name="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel" id="Fuenfundzwanzigstes_Kapitel"></a>Fünfundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute +sprachen, die sich hier zusammengefunden hatten. +Mitteilsam glänzten die Augen, voll Geschäftigkeit +öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen +und zu lachen. Viele Männer waren feist und ansehnlich; +andere sahen aus, als hätten sie schreckliche +Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es +war Baron Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn +zu sehen. Er führte ihn zu einem jungen Mädchen, +das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine +Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, +lächelte flüchtig und wandte sich zu einem Herrn, der +in majestätisch-nachlässiger Haltung dastand und einem +Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher +Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in +anmaßender Bescheidenheit zu verbergen wünscht.</p> + +<p>»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, +flüsterte Drusius Arnold zu. »Er will einen Staat +<span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147"></a>[147]</span>von freien Menschen gründen, ohne Steuern und +ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, +um einen Landstrich in Amerika anzukaufen ...«</p> + +<p>Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe +gab dem verständigen Gesicht einen altjüngferlichen +Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit +fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche +Namennennen, Verbeugen, Händedrücken. +Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das? +Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf +den man große Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, +weshalb sie freundlich seien, ohne daß sie ihn kannten; +weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies überfließende +Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die +Hand gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu +wissen und oft strahlte es feindselig und angstvoll +aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen freundlich +und leer.</p> + +<p>Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn +zu und sagte: »Sind Sie nicht aus Podolin, Herr +Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen +gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus +Podolin. Sie kennen Hanka? Und kennen Sie auch +seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie doch, – +bitte!«</p> + +<p>Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz +außer sich vor Neugierde und biß sich auf die Lippen +vor Verdruß, daß sie nicht früher den Einfall gehabt, +Arnold zu fragen.</p> + +<p>Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche +Wesen. Nachdem er einige Sekunden überlegend +<span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148"></a>[148]</span>geschwiegen, hob er in jener heitern Weise den Kopf, +die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr +Hanka hätte ein besseres Frauenzimmer finden können, +glaube ich. Die Beate oder wie sie heißt, ist dem +Teufel zu <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">schlecht.«</ins></p> + +<p>Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen +Finger auf den Mund und erwiderte betreten: »Was +machen Sie denn, Sie komischer Mensch! Das dürfen +Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, +daß Doktor Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, +sonst können Sie sich schöne Unannehmlichkeiten zuziehen. +Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit +für sich aufgezogen.«</p> + +<p>»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold +kalt. »Von mir aus mag sie treiben, was sie will, +aber ich weiß, was ich weiß.«</p> + +<p>Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. +Ungeduldig nahm sie Arnolds Arm und führte +ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach. +Zwei alte Herren saßen am Fenster und +unterhielten sich leise; sie erhoben sich nun und +gingen hinaus.</p> + +<p>»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen +Sie!« begann Natalie sogleich.</p> + +<p>Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich +Ihnen«, antwortete er grob.</p> + +<p>Natalie sah ihn entsetzt an.</p> + +<p>Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein +Geld haben, um die ganze Herrlichkeit zu bezahlen, +die Sie da den Leuten vormachen? Ich hab’ auch +noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber +<span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149"></a>[149]</span>jetzt nicht reden. Was treiben Sie denn eigentlich? +Warum ist denn das so?«</p> + +<p>Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte +über den ganzen Körper, trat einen Schritt zurück +und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn ein? Sind +Sie toll geworden, Monsieur?«</p> + +<p>Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. +Als er jedoch ihre hübschen Kinderaugen +voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es nicht +wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er +treuherzig.</p> + +<p>Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das +Taschentuch und verbarg das Gesicht. Sie erstickte +beinahe an dem unterdrückten Lachanfall. Dann kam +ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst zurückverhalf. +Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit +benutzen.</p> + +<p>»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das +Gesicht erhebend und unter Tränen lächelnd. »Wir +müssen ausführlich miteinander reden, wir würden +uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn +ich allein bin.«</p> + +<p>Arnold verabschiedete sich und ging.</p> + +<p>Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir +die Zeit vertrieben, Arnold?« fragte Anna Borromeo.</p> + +<p>Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: +»Ich will nicht die Zeit vertreiben. Ich will die Zeit +halten.«</p> + +<p>Frau Anna lachte.</p> + +<p>Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz +recht«, sagte er. »Man sollte diese Redensarten immer +<span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150"></a>[150]</span>beim Schwanz packen und sie nicht lassen, bis sie zertreten +sind.«</p> + +<p>Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und +lauschte ihrem spärlichen Gespräch. Sie sprachen wie +durch eine Wand. Sie sahen einander nie an, ohne +daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit +lag. Noch gestern hätte Arnold das nicht gespürt. +Einen Augenblick lang wollte er das rätselhafte Dunkel, +das zwischen den zwei Personen herrschte, durch eine +ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, +daß er einsah, das dürfe nicht geschehen, war +die Ursache zu tieferem Nachdenken. Wo er stand, +wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall wuchs +ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.</p> + + + + +<h3><a name="Sechsundzwanzigstes_Kapitel" id="Sechsundzwanzigstes_Kapitel"></a>Sechsundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. +Er blieb mit seiner jungen Frau vorläufig +in der Stadt und im Herbst wollten sie nach +Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen +Bürgermädchen, die in der Überlieferung der Hochzeitsreise +aufgewachsen sind und sich darin vergnügen, +ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen. +Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, +welche Hanka in einer Villa in Döbling eingerichtet +hatte. Aber in heimlichen Augenblicken gestand +sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen +Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit +<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151"></a>[151]</span>müde sei und daß sie endlich Menschen, Straßen, +Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte sich trotzdem, +als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte +sich, als läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, +als freue sie sich mit den Büsten, Stichen und Kunstdingen, +mit denen sein Geschmack und sein Verständnis +sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die +Welt vergessen.</p> + +<p>Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen +wie ein Pudel vor, der in der Sonne liegt und nach +Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den Leuten, +die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische +und nationalökonomische Studien, gedachte +seines früheren Lebens mit Abscheu und sah die Zukunft +klar.</p> + +<p>Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr +Kinn ründete sich und um den bogenförmigen Mund +legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr Körper +zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die +unter beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft +war es, als schäme sie sich ihrer Füße, ihrer Hände, +ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde ihr Lächeln +auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren +Schutz ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu +schlummern schien. Hanka blieb für sie ein großes, +ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität. Sie +glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung +schätzte sie gering und die Art seines Geistes war ihr +unbekannt.</p> + +<p>Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem +feindlichen Land hausten, suchte er sich doch Natalie +<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152"></a>[152]</span>als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte er die +Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz +konnte er sich zuweilen wünschen. Er hatte +Beate diesen Besuch versprochen, aber zuerst wollte +er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.</p> + +<p>Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie +begrüßte ihn mit erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen +schien von tausend Fragen zu springen. Hanka lehnte +sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die Beine +übereinander und machte ein heiteres und geduldiges +Gesicht. Natalie konnte nicht länger an sich halten. +»Doktor!« rief sie, »ist das eine Art, sich zu verheiraten? +Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? +Wo ist Ihre Frau?«</p> + +<p>»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte +Hanka humoristisch. »Übrigens freue ich mich, +Sie wiederzusehen.«</p> + +<p>Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen +war. Es geschah meist, wenn sie ihre stillen Vorstellungen +über das Benehmen eines Menschen bestätigt +fand.</p> + +<p>Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr +Ansorge sei da. Natalie nickte überrascht und verlegen +und gleich darauf kam Arnold. Hankas Verwunderung +war außerordentlich. Er blickte von einem +zum andern und das ergötzte Natalie. Sie kam sich +wichtig vor und sah nun selbst etwas Geheimnisvolles +in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte +Petra den erstaunten Hanka auf.</p> + +<p>Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete +nur spärlich auf Fragen. Er hatte geglaubt, +<span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153"></a>[153]</span>Natalie allein zu finden und es schien ihm nun, +als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie +spürte auch so etwas heraus, denn sie war ziemlich +kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor diesem +Menschen.</p> + +<p>»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka +zu Arnold. »Ich dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt +der Gesellschaft zu finden.« Trotzdem er nun +wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit +für ihn immer noch etwas Unerklärliches. +Er war gewohnt, sich Natalie gegenüber in einer unveränderlich +trockenen und spaßhaften Weise zu betragen; +Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt +und beide konnten stets hinter den Worten, womit +sie einander spielerisch betrogen, etwas anderes suchen. +Dies reizte heute Hanka nicht. Schließlich schwiegen +sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller Verzweiflung +studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase +zu klein, den Mund häßlich, das Haar zu glatt und +lachte endlich vor Zorn und Verlegenheit gerade hinaus. +Das ärgerte Arnold.</p> + +<p>Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit +ihm zu gehen. Natalie bat ihn, noch zu bleiben, +aber er schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« +sagte sie; »wenn Sie heute keine Zeit haben, kommen +Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«</p> + +<p>Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn +immerhin, und er wäre nun am liebsten gleich dageblieben, +doch wollte er mit Hanka reden, denn der +stille Mann fing an, ihm zu gefallen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154"></a>[154]</span>»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte +Hanka auf der Straße.</p> + +<p>Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er +neulich gegen Natalie, Petra und Hyrtl gebraucht, +setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.</p> + +<p>Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« +sagte er, »das ist doch eine Donquichoterie.«</p> + +<p>»Was heißt das?«</p> + +<p>»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der +zog aus, um gegen Windmühlen zu kämpfen. Lesen +Sie doch die famose Geschichte. Übrigens, ich will +Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen +von der Seite an und wußte nicht, ob er ihn +närrisch oder bewundernswert finden sollte.</p> + +<p>Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm +nun schon wohlbekannt war, und die ihm etwas +Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten +Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und +brüsk.</p> + +<p>Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate +lag auf einem Langstuhl und blickte regungslos an +die Decke.</p> + +<p>»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.</p> + +<p>Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den +Füßen unter dem Kleid strampelnd: »Ich langweile +mich, ich langweile mich.«</p> + +<p>Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte +gähnend die Arme und hielt sie dann vor sich, wie +zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den ruhigen +Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu +machen, kleidete sie sich um und saß bald darauf mit +<span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155"></a>[155]</span>festlichem Gesicht an seiner Seite im Wagen. Er +sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während +er umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken +ausdrückte, verschlang Beate mit den Blicken +die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka +mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, +lebendig und hungrig, sagte er sich, legte ein Bein +über das andere und blies den Rauch seiner Zigarre +mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in +die frische Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher +an ihn, als läge ihr daran, sich dankbar zu erweisen +und sann in unergründlicher Schlauheit nach Mitteln, +um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, +war formlos, denn sie hatte mehr Wünsche +als Gedanken. Alle Wege ihrer Phantasie waren +mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht +selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu +haben, spann sie Ränke gegen die Dienstboten, schrieb +sie Briefe an eingebildete Personen, erzählte sie erfundene +Träume, streute sie Verleumdungen über +Personen aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. +Es kam heraus, daß sie im Gartenhäuschen eine +Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte +ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und +zu lesen begann, umarmte sie ihn und biß ihn ins +Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von +Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte +sie sprachlos an. Sie wurde finster und nahm eine +Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos blätterte. Sich +ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie +lebte, lag ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, +<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156"></a>[156]</span>daß ihr Geist nicht zum Schauen, sondern nur zum Betasten +kam. Sie wollte Leidenschaften um sich sehen.</p> + +<p>Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders +zu leben war ihm nicht möglich. Glücklich sein hieß +für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand des Behagens +mit freiem Urteil abmessen zu können. Da +er so nach Sicherheit im Innern strebte, gab er nach +außen Verläßlichkeit, eine Eigenschaft, worauf die +Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am +schnellsten entdecken.</p> + +<p>In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er +drehte die elektrische Lampe auf und versuchte zu +lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann stützte +er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. +Es erschien ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er +einen leichten Schrecken verspürte. Die krampfhaft +verschlossenen Lider ließen die dunkeln Streifen der +Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte +Stirn war feucht, die weißen Schläfen bebten unter +dem Lauf des Blutes. Die Lippen bewegten sich in +unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren +verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte +ihre Schulter, um sie von dem quälenden +Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und hatte +ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre +Arme um ihn preßte und ihren Körper fest an ihn +schmiegte. »Ach Alexander,« flüsterte sie mit gebrochener +Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst du?«</p> + +<p>Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei +einem Juwelier gesehen. »Nie wieder will ich etwas, +wenn du mir den Schmuck kaufst«, sagte sie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157"></a>[157]</span>Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. +Unzufriedenheit entstand in ihm. Gründe +der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, aber +sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte +Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate +in alle Betrachtungen als das wertvollste Besitztum +seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, das sich +ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in +einer Handlung von dunkler Kraft schon so frühe ihre +Zukunft mit der seinen verknüpft, das erschien ihm +als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.</p> + + + + +<h3><a name="Siebenundzwanzigstes_Kapitel" id="Siebenundzwanzigstes_Kapitel"></a>Siebenundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Als Arnold am folgenden Nachmittag in das +Speisezimmer trat, waren Hyrtl und Pottgießer +bei Anna Borromeo.</p> + +<p>Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer +gerufen. Ein Börsen-Agent war draußen, der +sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer +großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause +stattfinden sollte und lud Arnold ein.</p> + +<p>Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, +sagte aber mit heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre +eben, daß es im Parlament morgen eine Interpellation +über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was +für dich, Arnold.«</p> + +<p>»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den +Abgeordneten unseres Bezirks dazu veranlaßt.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158"></a>[158]</span>Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren +Blicken an.</p> + +<p>»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, +bemerkte Pottgießer, indem sich sein Gesicht verfinsterte. +»Wozu mischen Sie sich eigentlich da hinein?« +wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen +ihre Geschäfte selber austragen.«</p> + +<p>»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold +verwundert und maß ihn von oben bis unten. »Gestern +erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«</p> + +<p>Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl +spitzte moquant die Lippen.</p> + +<p>»Ich <em class="gesperrt">war</em> ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, +»und ich hatte innerlich nie etwas mit Juden gemein. +Aber lassen wir das.« Er lachte halb spöttisch, halb +verlegen.</p> + +<p>Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls +erhoben hatte und in der Nähe der Türe stand, drückte +ihm Hyrtl mit befremdlicher Herzlichkeit die Hand +und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine +Stunde zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts +konnte ehrlicher klingen als diese wenigen Worte. +Arnold schaute ihn groß an und lächelte freundschaftlich. +Er versprach, zu kommen.</p> + +<p>Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. +Als er im Zuhörerraum des Parlaments saß, war +es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, +auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies +anfangs den Schein der Feierlichkeit besessen hatte, +sehr verursacht durch die Schönheit des Raums, war +es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von +<span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159"></a>[159]</span>den Gestalten hier oben und dort unten besonders +darboten. Denn diese Gesichter waren wie von einem +Folterinstrument zu dem Ausdruck des Hohns, der +Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des +Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und +des fanatischen Hasses verzerrt. Indessen begnügte +sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die Gesetzgeber +des Landes hier versammelten und ein Teilchen +des Volkes, das seine Richter und Väter kennen +zu lernen wünschte; es sei also besser zu hören, als +zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen. +Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem +er dem Beginn der Verhandlungen lauschte und auf +ein erschreckendes Geschrei aufmerksam wurde, wie +unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. +Sobald nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob +sich ein betäubender Lärm, der in Schimpf- und +Hohnreden bestand; viele erhoben sich, gestikulierten +und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an +zu lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und +schmähten gegen die Juden und dergleichen. Die +Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht auf; +auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. +Dann kam einer zu Wort; er redete aber schlecht, +stieß mit der Zunge an und ging um die eigentliche +Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, +was er sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch +erhob sich johlendes Gelächter, viele begannen wiederum +zu schreien, zu pfeifen, zu zetern und das dauerte +mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges +Wort gar nicht mehr herausdrang.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160"></a>[160]</span>Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den +Schluß der Debatte, und es wurde von etwas anderm +gesprochen.</p> + +<p>Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er +hatte Lust, hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich +die Faust. »Das ist ja heillos, was die da treiben«, +sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem ungeheuerlichen +Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.</p> + +<p>Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch +Treppen und Gänge hinunter, kam in eine prächtige, +mit Säulen geschmückte Halle, wo plötzlich ein junger, +gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit +gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung +»Arnold!« rief. Arnold blickte empor und +erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne waren +so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er +leer nachdenkend in das Gesicht des ehemaligen +Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte unangenehm +berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte +Fragen über Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, +Neugier, aber auch voll Behagen, Lebenslust +und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein Verlangen +mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. +Auf der Straße dachte Arnold nicht mehr an die +Begegnung.</p> + +<p>Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, +als ihn Anna Borromeo rufen ließ. Er ging +hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug +ein weißes, loses Gewand, welches über die Füße +hinweg seitlich zur Erde fiel. Den Kopf hatte sie +hintübergesenkt und die Augen geschlossen. Langsam +<span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161"></a>[161]</span>öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte +ihm mit dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst +mich in Angst und Sorge, Arnold«, begann sie mit +ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen +Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, +hob sich empor und sah ihn erwartungsvoll an.</p> + +<p>»Was ist es?« fragte Arnold.</p> + +<p>Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich +heran und setzte sich aufrecht mit untergeschlagenen +Armen. »Ich brauche nicht allein einen Helfer, sondern +auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. +»Nun das bist du, verschwiegen bist du, du bist ja +ein Mann. Warum nimmst du nicht Platz?«</p> + +<p>Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. +»Erst muß ich wissen, was es ist«, sagte er +kühl.</p> + +<p>»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, +sagte die Frau und sah ihm starr in die Augen.</p> + +<p>»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, +rief er aus. »So viel hab ich in meinem ganzen Leben +nicht gebraucht.«</p> + +<p>»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe +unglücklich spekuliert. Dein Onkel darf nichts davon +erfahren. Ich verlange natürlich kein Geschenk von +dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«</p> + +<p>»Ah so!« sagte Arnold.</p> + +<p>»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der +Hand«, fuhr Anna fort. Sie erhob sich und schritt, +immer noch mit verschränkten Armen, auf und ab. +Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor +<span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162"></a>[162]</span>und sah das weiße Kinn, den roten Mund und einen +feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob er sich, +trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch +für die Bank, das er in der Tasche trug, nahm +die Feder und schrieb.</p> + +<p>Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte +und er ging. In seinem Zimmer angelangt, öffnete +er die Fenster, setzte sich rittlings auf einen Stuhl +und schaute nachdenklich in die Luft.</p> + + + + +<h3><a name="Achtundzwanzigstes_Kapitel" id="Achtundzwanzigstes_Kapitel"></a>Achtundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings +beschäftigte, machten die juristischen einen +großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und +Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, +war nicht leicht und von einer glatten +Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis verschlagen. +Er erkannte dann stets, daß es gefährlich +sei, den Weg fortzusetzen und fing wieder am Anfang +an. Damit war eine gewisse Ermüdung verknüpft, +und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern +Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem +unberaten im fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich +wurde es ihm schwer, die Ordnung zu bewahren, +nach außen und nach innen. Er wußte nicht, +ob das Leere wirklich leer sei und das Unverständliche +nur ihm allein unverständlich. Nicht selten +tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, um mit Geringschätzung +<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163"></a>[163]</span>wahrzunehmen, wie leicht der Schein +von Tiefe zu vernichten sei. Aber vergebens suchte +er Grenzen zu ziehen. Wie in dunklen Nächten +manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben +scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, +so geschah es hier. Er griff dahin und +dorthin; Schwieriges erschien leicht, das Leichte unüberwindlich. +Jeden Gedanken an Beistand schloß +er vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war +der Meinung, daß keine fremde Weisung ihm die +Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.</p> + +<p>Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. +Aber das Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte +erregte sein Mißtrauen, auch wo ein Meister schuf. +Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr +ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht +zu würdigen vermochte und er den Werken des Geistes +naiv ihren unmittelbaren Nutzen abfragte.</p> + +<p>Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das +Wirkliche an sich zu pressen. Torheit, Verbrechen, +Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun in kalter +Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit +war, mußte abgestreift werden. Vom Politischen +blieb nur Lüge, Hader und Täuschung; oder Namen: +Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. +Eine Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie +ein Gefangener umher. Er wollte das Festeste ergreifen, +das ihm erreichbar war, und so kam er zur +Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien +es heller zu werden. Pforten, denen Licht entstrahlte, +öffneten sich, durch eine Formel gesprengt. Wie die +<span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164"></a>[164]</span>Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre +natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch +überspannte sich sein Geist bei solcher Arbeit. Aber +er überschätzte das Licht; er überschätzte die Klarheit, +in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, der seine +innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.</p> + +<p>Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die +Gesellschaft bei Pottgießer sein, zu der Arnold geladen +war. Gegen vier Uhr brachte der Diener eine +Karte mit dem Namen Maxim Spechts.</p> + +<p>Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, +sorgfältig rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. +Er schilderte alsbald das Leben, das er jetzt +führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte er es, +die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen +geistigen Einklang zu bringen. Aber wenn jemand +einen allzu vollen Becher trägt, kann er nicht gut verbergen, +daß seine Hand von der überquellenden +Flüssigkeit benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. +Er fragte sich umsonst, weshalb Specht gekommen +sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen +Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit +dem Elend des Volkes empfunden hatte.</p> + +<p>»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf +die zahlreichen Bücher blickend, die auf dem Tisch +lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen Roman +empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen +das Buch leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf +unsre heutige Gesellschaft.«</p> + +<p>Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das +nicht,« erwiderte er abwehrend. »Das Geistreiche +<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165"></a>[165]</span>schmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht. In den +Romanen erbleichen die Leute zu oft.«</p> + +<p>Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.</p> + +<p>»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte +Arnold.</p> + +<p>»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene +Stellung gemacht. Ich sage Ihnen, Arnold, ich +habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, +von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit +nichts habe träumen lassen. Es ist doch +was Herrliches um so eine Großstadt.«</p> + +<p>»Ja, das haben Sie immer behauptet.«</p> + +<p>»Und finden Sie das nicht?«</p> + +<p>»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich +erst hineinleben.«</p> + +<p>»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen +ins andere. Kostet aber auch teuflisches Geld; +besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, Arnold!« +Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen +reichen Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und +ich würde es bis zum Minister bringen.«</p> + +<p>Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.</p> + +<p>Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, +bald wieder zu kommen; er habe was auf dem Herzen, +fügte er hastig hinzu.</p> + +<p>Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße +in einen eleganten Wagen steigen, der vor dem Haus +gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß es gut gehen.</p> + +<p>Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor +Borromeo herauf, ob Arnold am Pottgießerschen +Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser +<span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166"></a>[166]</span>Abend stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern +er betrachtete ihn ernsthaft als einen Teil seiner +Aufgaben.</p> + +<p>Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, +ging er in das Zimmer seiner Frau. Leise trat er +ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna saß lesend +am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein +kämmte ihr das Haar. Der Doktor stutzte und wollte +sich wieder entfernen.</p> + +<p>»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte +Frau Borromeo sanft. »Geben Sie acht, Lina, +Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein +und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den +Boden.</p> + +<p>»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es +mir unmöglich ist, zu Pottgießer zu gehen,« sagte der +Doktor.</p> + +<p>»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne +den geringsten Verdruß zu zeigen. »Dann wird mir +nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,« fügte +sie kalt hinzu.</p> + +<p>Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden +Biene nach. Er stand wie ein untertäniger +Auftragnehmer an der Türe.</p> + +<p>»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte +Anna stirnrunzelnd.</p> + +<p>Der Doktor bejahte.</p> + +<p>»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« +fuhr sie fort. »Ich muß gestehen, +daß ich nach deiner Schilderung etwas anderes +erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet +<span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167"></a>[167]</span>und sehe nichts als einen stillen, jungen Mann, +der sich ganz artig anzupassen versteht.«</p> + +<p>Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. +Doktor Borromeo begann langsam auf und ab zu +gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe +keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu +welchem Grade du dich an Arnold amüsieren kannst,« +sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht mehr findest, +als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen +Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, +als wenn wir auf etwas herunterzublicken glauben, +was hoch über uns steht.«</p> + +<p>Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig +genug, um einzusehen, daß sie einen falschen +Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war anteilvoller, +als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, +er ist das, was <em class="gesperrt">du</em> in ihm siehst. Warum scheint +er dann so dumpf, so erstaunt, so simpel? Wenn so +ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere Kreise versetzt +wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber +es macht den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. +Er lächelt und schaut und schweigt. Er hat sogar gelernt, +sich in unserer Manier zu verbeugen. Warum +höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? +Warum tut er nichts, was mir imponiert?«</p> + +<p>Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre +Wangen waren blaß, der Ausdruck ihrer Augen +leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu +leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.</p> + +<p>»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und +wehrte mit der Hand ab.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168"></a>[168]</span>»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber +angenommen,« sagte Anna. »Es ist leicht, ein Thema +abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«</p> + +<p>Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du +hast recht,« begann er sachlich, »aber würde es dich +denn bekehren, wenn ich dir sagen würde, worin du +irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein +Charakter von nicht so hoher Bedeutung würde das +tun, was du von Arnold erwartest. Er würde um +sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose +Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat +die Ruhe, das zu erwarten, was die Natur in ihm +erschafft –«</p> + +<p>Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas +bemerkte, schob mit einem wunderlichen Ausdruck +seinen Kragen zurecht und verließ das Zimmer.</p> + +<p>Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, +welches über eine Stunde um sie beschäftigt war. +Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, +kam auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete +unten.</p> + +<p>Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine +Sehenswürdigkeit. Marmorbelegte Fluren führten +zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so hochgebaut +und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung +ihnen nichts von ihrer Weite zu rauben +schien. Kostbare Kunstgegenstände, Bilder, Statuen, +Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in +Fülle.</p> + +<p>Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie +war in hellgrünem Moireekleid, trug Perlen um den +<span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169"></a>[169]</span>Hals und Diamanten im Haar. Es war bezaubernd, +sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und +bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, +grüßte sie die Grüßenden, schelmisch beschämt oder +mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, jedermanns +Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war +eine junge Frau, sechs Jahre verheiratet und noch +kinderlos. Und warum? Weil sie es für unvornehm +gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, +wurde der Storch abbestellt. Aber im +zweiten Jahr kam auch keines, im dritten und im +vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber +der Storch ist beleidigt und der Sprößling hält +es jetzt nicht mehr für vornehm, geboren zu +werden.</p> + +<p>Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.</p> + +<p>Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere +Person, – ist es nicht unappetitlich, so mager zu +sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster gestürzt, +weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich +gefunden. Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser +rotbärtige und vollbackige Herr hat große Unterschlagungen +verübt und nur seine herzlichen Beziehungen +zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem +Kerker geschützt. »Keine von diesen Frauen ist ihrem +Manne treu,« flüsterte Natalie, und Vergnügen und +Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von +jedem Tisch und sind überall gleich satt. Tausend +Geschichten kann ich Ihnen erzählen. Es ist sehr +hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170"></a>[170]</span>Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal +versicherte Natalie mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, +daß sie sich göttlich unterhalte. Petra senkte +in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold +und Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr +Wesen irrte in sich selbst. Sie fand sich nur abgesondert, +sie konnte nicht abstoßen; sie genoß mit, wo +sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht +einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu +ihr herabwuchs, so daß sie nur die Lippen öffnen +brauchte.</p> + +<p>Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch +bei Tisch neben ihr. Eine merkwürdige Heiterkeit +umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz bestand, die +Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. +Er sah Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und +machte die Beobachtung, daß sie vor allen Frauen +sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit, sondern +auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem +Auge biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, +fühlte sich über seine Nachdenklichkeit erhoben, strengte +sich an, im Harmlosen die versteckte Andeutung zu +finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, +mit so vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, +lediglich zum Zweck gemeinschaftlichen Essens. Die +endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, und er besah +sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander +gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung +zu durchreißen war und deren helles +Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden +mußte.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171"></a>[171]</span></p> +<h3><a name="Neunundzwanzigstes_Kapitel" id="Neunundzwanzigstes_Kapitel"></a>Neunundzwanzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern +zogen seinen Blick von ihrem listigen Gesichtchen +ab. Oft schlossen sich ihre Augen für eine +Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte +der Musik.</p> + +<p>»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte +dabei das Fasanstück auf ihrem Teller. »Soll ich +Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte sie +sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu +antworten.</p> + +<p>Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr +schönes Frauengesicht. Er schaute unbeweglich lächelnd +hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in ihm. »Was +wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. +Natalie drehte sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte +sie leise und mit einer heiteren Wendung des Kopfes. +»Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen +Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra +ist jedenfalls nicht mit dem Herzen dabei. Wissen +Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in verändertem +Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen +so gut geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir +beide.«</p> + +<p>Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem +Eis, welches umhergereicht wurde. Dann erst blickte +er Natalie an und legte unbekümmert seine Hand +auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, die +ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß +man sich erwerben.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172"></a>[172]</span>Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. +Dann lachte sie und antwortete: »Es gehört auch +Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer bringen +können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel +bringen?« Und da er etwas verblüfft schwieg, +fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: »Würden Sie +mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? +Oder hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? +Sie sehen, ich lasse mit mir handeln. Ach,« +schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! +Wenn Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber +Freund.«</p> + +<p>Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man +muß deutlicher mit ihm sein, dachte sie; er ist +einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein +paar tausend Gulden wäre mir gedient und ich +brauchte morgen meinen Schmuck nicht wieder zu +versetzen.</p> + +<p>»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie +laut, indem sie sich ein wenig dehnte, »ich könnte +die ganze Welt küssen.«</p> + +<p>Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute +Arnold sie an, als wolle er sich jede ihrer Bewegungen +einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« sagte er. »In +der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern +aber ...«</p> + +<p>»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil +über sie selbst, auch das vernichtendste, setzte sie in +einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, und in +der andern?«</p> + +<p>»Etwas Giftiges.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173"></a>[173]</span>Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt +uns reinen Boden, Luft, Wald, Acker und wir werden +edle Menschen hervorbringen.«</p> + +<p>Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« +sagte ein Herr mit langen, weißen Haaren.</p> + +<p>Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! +Was für ein Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen +die Rasse erneuern. Kein phantastisches Zukunftsideal. +Wir wollen Männer. Immer hört man von +der Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal +Zeit, von der Männerfrage zu reden.«</p> + +<p>Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig +wandte Arnold der Gruppe den Rücken. Seine +Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. +Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.</p> + +<p>»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer +in Spalato gekauft hat?« hörte er einen jungen +Mann zu einem andern jungen Mann sagen. »Fabelhaft? +was?«</p> + +<p>»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.</p> + +<p>»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen +sein. Hat sechzehntausend Gulden gekostet, der +Spaß.«</p> + +<p>Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, +wie Hyrtl von diesem Herrn Ansorge als von einem +Elementarereignis gesprochen hatte. Dies wurmte +ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis +»auf den Zahn zu fühlen«, wie er sich ausdrückte, +denn was sich nicht unter seine Begriffe von Welt +und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller +Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über +<span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174"></a>[174]</span>Aktien, Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte +schließlich Geschichten eigenen Fabrikats. Je geduldiger +Arnold zuhörte, je abenteuerlicher wurden +die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs +Achtung.</p> + +<p>Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen +Kartenspielen verteilt. Im Musikzimmer wurde eine +Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte sich +neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst +beobachtete er nur die Finger der Spielerin, dann +ließ er einen prüfenden, immer mehr erstaunten Blick +umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes +ging von der Musik wie von der Spielenden aus. +Die ganze willenlose Seele dieser Menschen war es, +die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und Geldgedanken +schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen +Aufregungen eines eifersüchtigen Beisammenseins. +In den Gesichtern der Frauen lag eine süßliche Verlorenheit, +um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den +Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.</p> + +<p>Während die Spielerin nach langem Beifall ein +neues Stück begann, verließ Arnold das Musikzimmer. +Er überschritt einen gepflasterten Vorraum; in einem +Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein +junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging +weiter und kam alsbald in ein kleines, rondellförmiges +Gemach. Hier stand als einzige Zierde die +Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur +blieb er ergriffen stehen. Im ersten Augenblick +glaubte er, ein Geschöpf aus einer Märchenwelt +vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter +<span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175"></a>[175]</span>Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, +daß es ein Stein war, der in feierlicher Unbeweglichkeit +vor ihm aufragte, wich sein kühles Befremden. +Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung +im linken Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und +ungerührte Neigung des Hauptes. Der Ausdruck der +dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde geklärt +durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild +beschauten und erst das Werk zum Wirkenden werden +ließen. Das ist schön, dachte Arnold, das gefällt mir.</p> + +<p>Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, +die nach Hause wollte, hatte ihn gesucht. Schweigend +saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich vor +und drückte beide Hände an die Augen.</p> + +<p>»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. +»Es ist kein wahrer Blutstropfen in der Person. Sie +spielt mit sich und mit den Menschen.«</p> + +<p>»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold +kühl zurück. »Ihr seid alle so. Ihr spielt nur mit +den Menschen.«</p> + +<p>Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch +die Dunkelheit forschend ins Gesicht.</p> + + + + +<h3><a name="Dreissigstes_Kapitel" id="Dreissigstes_Kapitel"></a>Dreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung +verlassen, die ihm seinen ersten Wirkungskreis +eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes +geworden, welches von der Regierung unterhalten +<span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176"></a>[176]</span>wurde. Er verdiente durch seine Arbeit etwa zweihundert +Gulden im Monat. Er verbrauchte ungefähr +fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit +jeder Woche größer und die Hoffnung, das Schuldennetz +zu zerreißen, in welchem er verstrickt war, täglich +geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse und +war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, +in deren Mitte er den Herrn zu spielen dachte. Der +Boden schwankte unter ihm. Abenteuerlichkeiten aller +Art mußten vorhalten, um ein im Grunde erbärmliches +Dasein fortzuführen.</p> + +<p>Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen +wollte er der Harmlosigkeit und der Menschlichkeit +Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses +Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas +sah, das sein jetziges Leben für alle Ereignisse +und Gestalten der Vergangenheit bildete. Sein erster +Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen gelten, +auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum +zweitenmal kam, hatten ihn die Überlegungen der +dazwischen liegenden Tage gestärkt, und er forderte +von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert +Gulden als Darlehen.</p> + +<p>Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß +ein Glas Wasser aus der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.</p> + +<p>Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.</p> + +<p>Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden +Augen. »Es ist ein Freundschaftsdienst,« sagte er +lächelnd.</p> + +<p>Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« +erwiderte er. »Morgen will ich es Ihnen schicken.« +<span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177"></a>[177]</span>Er betrachtete das Gesicht Spechts und es erschien +ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. +Wangen und Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, +behäbiger, trotzdem die modische Kleidung ungünstige +Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus +Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, +kühlen und trunkenen Mann verglich, der vor +ihm saß, suchte er nach den Ursachen einer so unheilvollen +Verwandlung. Irgend welche Kräfte +schienen zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, +der wider seine Absicht an einem Tanz teilnimmt, +teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der Hitze, +der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht +weiß, was mit ihm vorgeht.</p> + +<p>Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu +gehen, er habe zwei Sitze von der Zeitung; +Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor +einem Monat zum erstenmal bei einem Shakespeareschen +Stück gewesen und hatte einen tiefen Eindruck +gewonnen.</p> + +<p>Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in +andern Städten schon großen Beifall erlangt hatte. +Specht saß als überlegener Mann da. Die zwei +ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen +begann. »Ein glänzendes Stück«, sagte +Specht befriedigt, erhob sich und grüßte einige Personen +mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte +er Arnold auf, ihn zu begleiten, und sie schritten +draußen im teppichbelegten Wandelgang auf und ab. +»Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas gönnerhaft.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178"></a>[178]</span>»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte +Arnold.</p> + +<p>»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.</p> + +<p>»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er +sich, wenn er dadurch zugrunde geht?« fuhr Arnold +unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er durch +Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, +das ist nicht wahr, ist lauter verlogenes +Zeug.«</p> + +<p>»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht +ironisch und nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, +wie ein Mann gerade durch eine ideale Liebe zugrunde +gehen muß, wenn einmal das Innere seiner +Seele krank oder angefault ist.«</p> + +<p>»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber +an einem solchen Schwachkopf war doch nichts mehr +zu verderben. Und heißt denn das zugrunde gehen, +wenn man sein Geld verliert?«</p> + +<p>Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann +ist gar nicht so dumm, schien er sagen zu wollen. +Beide schickten sich an, auf ihre Plätze zurückzukehren, +als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten +und die vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. +Beate verlor nur eine Sekunde lang die +Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen +Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. +Sie trug ein Kleid, welches wie von tausend Schuppen +fischhaft schillerte und das Schultern, Arme und die +Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende +Männer hefteten den frech-studierenden +Blick auf sie, die sich dessen zu freuen schien, denn +<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179"></a>[179]</span>ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu +Wand, von Gesicht zu Gesicht.</p> + +<p>»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka +humoristisch gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch +den Schnurrbart rasieren lassen und sah nun aus halb +wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.</p> + +<p>»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte +Beate. »Weißt du was, Alexander,« rief sie plötzlich, +»wir wollen vor unserer Abreise noch einen Podoliner +Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei +uns essen ...«</p> + +<p>»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu +einem Plauderstündchen kommen,« sagte Hanka zu +Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.</p> + +<p>Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große +Zuneigung zu Hanka.</p> + +<p>Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer +Höhle verschwunden. Specht blickte auf die Tür, +durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die +Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und +das Gesicht? Sie sieht aus wie eine Prinzessin.«</p> + +<p>Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, +Hyrtl. Specht stellte sich vor, und es wurde +ausgemacht, daß alle drei nach dem Theater bei Hyrtl +zu Abend essen sollten.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180"></a>[180]</span></p> +<h3><a name="Einunddreissigstes_Kapitel" id="Einunddreissigstes_Kapitel"></a>Einunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund +von Arnolds Aufenthalt in der Stadt kannte +und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo +wenn auch widerwillig, so doch ohne Entstellung, +bestätigt worden war, hatte er nicht nur +Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und +bewunderte das Vortreffliche wie ein Leser von +Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher Schlachten +gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, +Arnold vor andern zu erheben, und was er wußte, +andern mitzuteilen, verschönt durch edle Einzelheiten, +welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl +schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner +Freunde, indem er sie anerkannte, und er liebte seine +Freunde leidenschaftlich, das will sagen, alle Menschen, +die ihm Gesellschaft leisteten.</p> + +<p>Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung +öffnete, sprang ein kleiner gelber Hund zur Begrüßung +heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte +alle Arten und Größen von Sofas und gepolsterten +Sesseln. Auf Glastischen standen in roten, grünen, +blauen und gelben Fläschchen Essenzen und Wohlgerüche, +auf dem Schreibtisch lagen in gewählter +Ordentlichkeit Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, +Ringe, Dosen, Ketten und aus allen Ecken und von +jeder Wand starrten Photographien von Herren und +Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten +gegenüber stand eine kleine, uralte Zimmerorgel.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181"></a>[181]</span>In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, +daß die Gäste ihn zu früh verlassen könnten, denn +wie sehr fürchtete er die einsamen Stunden der Nacht! +Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes +und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, +je mehr die Stunde vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte +er sich an jedes Lächeln seiner Gäste.</p> + +<p>Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. +Aus seinen Schulmeistertagen war er noch mit +einigen Griffen vertraut, und er spielte eine choralähnliche +Folge von Akkorden.</p> + +<p>Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu +Arnold und sagte: »Ich möchte Sie nächstens mit +einer Freundin von mir bekannt machen, einer russischen +Studentin.«</p> + +<p>»Aus welchem Grund?«</p> + +<p>»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. +Es macht mir manchmal Freude, Menschen zueinander +zu führen, Schicksale zu erzeugen.«</p> + +<p>»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.</p> + +<p>»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann +würde Ihnen gefallen.«</p> + +<p>»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich +ja. Lebt die nicht mit einem gewissen Tetzner?«</p> + +<p>»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«</p> + +<p>Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? +Einwandfrei! Was heißt denn das? Soll übrigens +sehr reich sein, dieser Tetzner.«</p> + +<p>»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist +geworden ist. Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, +<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182"></a>[182]</span>werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen abholen und +wir fahren zu Verena.«</p> + +<p>Arnold nickte.</p> + +<p>»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die +jungen Leute Anstalt machten, aufzubrechen, und indem +er Arnold die Hand reichte, fügte er hinzu: +»Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur +Gesellschaft haben als allein sein.«</p> + +<p>»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.</p> + +<p>Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete +er. »Ich war Kaufmann, aber ich hätte +ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja +nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, +wozu? Mein Vater hat mir genug hinterlassen, daß +ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, in +Gemütsruhe erledige.«</p> + +<p>»Was heißt das?«</p> + +<p>»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz +ist kaput.«</p> + +<p>Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl +eine Zeitlang seinen trostlosen Betrachtungen hin. +Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben tanzten. +Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter +in den einen Ruf zusammenklang: wir können dir +nicht helfen. Er griff zu medizinischen Werken, zu +philosophischen Schriften, zu alphabetischen Lexika, +zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach +seines Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus +und schrieb. Es war eine Art Tagebuch, das die +oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete und +einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und +<span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183"></a>[183]</span>empfindsamen Dinge bildete, die sich im Kopf dieses +Menschen wie eine Schar von Insekten herumtrieben. +Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen Freunden +und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem +es lag, zeigte dreifachen Verschluß und gab zuletzt +erst dem Druck einer verborgenen Feder nach.</p> + +<p>Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er +kleidete sich aus, wälzte sich noch lange unter der +himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als das +Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184"></a>[184]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185"></a>[185]</span></p> +<h2><a name="Verena" id="Verena"></a>Verena</h2> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186"></a>[186]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187"></a>[187]</span></p> +<h3><a name="Zweiunddreissigstes_Kapitel" id="Zweiunddreissigstes_Kapitel"></a>Zweiunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich +in die Wohnung Verena Hoffmanns gefahren. +Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen +und Arnold merkte gleich, daß es mit der +Freundschaft, deren sich Hyrtl gerühmt, nicht so recht +stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und +beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie +wieder.</p> + +<p>Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann +Arnold sich plötzlich abzuschließen. Er folgte keiner +Einladung mehr und war unzugänglich für jeden +Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei +Borromeos nicht mehr teil, sondern versorgte sich +entweder zu Hause mit Schinken und Wurst oder +suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. +Trotz des Alleinseins wimmelte es um ihn her von +Bildern und Gesichtern, die seinen Geist in unaufhörliche +Beschäftigung versetzten und den Stunden +der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all +der Mühe? dachte er bisweilen in Zweifeln, die wie +schwarze Vögel am Horizont flogen, – wohin? zu +welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die +Anerkennung eines Freundes zu genießen.</p> + +<p>Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese +Anerkennung zu versprechen schien und deren Widerhall +nicht erlöschen wollte.</p> + +<p>Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena +Hoffmann aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür +stand, zögerte er eine Weile, bevor er auf den elektrischen +<span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188"></a>[188]</span>Knopf drückte. Als es läutete, hatte er das +Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.</p> + +<p>Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, +ihn zu sehen, hieß ihn jedoch eintreten. Er kam in +ein ziemlich großes Zimmer; es schien ihm, als sähe +er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, +an den Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen +und auf dem Boden. In einem Winkel stand ein +menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein +kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben +befand sich eine Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel +stand, ein Mikroskop, eine Retorte, Flaschen, +zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete +all dieses mit Verwunderung und mußte +schließlich lächeln. Das junge Mädchen schaute halb +gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf +sie einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit +machte. »Womit kann ich dienen?« fragte +sie mit einer hellen deutlichen Stimme und etwas +ausländischer Betonung.</p> + +<p>»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn +Hyrtl neulich bei Ihnen,« antwortete Arnold unbefangen. +»Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«</p> + +<p>Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher +fing an, sie zu belustigen. Sie forderte ihn +durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und setzte +sich ebenfalls.</p> + +<p>»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, +»daß Sie fragen würden, warum ich käme und daß +ich nicht antworten könnte. Ich will einen Vorschlag +machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange +<span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189"></a>[189]</span>bekannt wären und daß Sie mich heute erwartet +hätten.«</p> + +<p>Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter +eines Buches um, das auf dem Tisch lag. »Wenn +ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es wünschen,« +sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu +dem offenen Buch geneigt war, »dann würde ich +Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade hierher +treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe +wenig Zeit, sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. +Nur was mir nützt, kann ich in mein Leben aufnehmen.«</p> + +<p>Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber +ein trauriges Leben,« entgegnete er schnell.</p> + +<p>Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte +eine unbestimmte Geberde gegen die überall verstreuten +Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich in +Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, +gedankenvollem Schritt ging sie hinter dem Tisch auf +und ab, berührte zerstreut einige Gegenstände mit +der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf +den Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.</p> + +<p>»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.</p> + +<p>»Medizin.«</p> + +<p>»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas +Festes, danach kann man greifen.« Er machte eine +Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die +Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man +weiß, wo man anfangen und aufhören soll. Es hat +einen Sinn und einen Zweck.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190"></a>[190]</span>Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte +sich der Ausdruck von Verenas Gesicht. »Das allein +genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. »Die +Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was +ist Arbeit ohne innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! +Darum handelt sich’s.«</p> + +<p>Das Geräusch eines auf den Steinfließen der +Treppe Schlürfenden wurde hörbar, erst entfernt, +dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit +Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen +und Verena ging, um zu öffnen.</p> + +<p>Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena +stellte vor: »Herr Tetzner, Herr Ansorge.«</p> + +<p>Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, +einen Wettermantel und außerordentlich große Stiefel. +Unter dem Arm hatte er einen dicken Folianten. Sein +Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen +schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der +Dämmerbeleuchtung schier eine kanariengelbe Farbe +zeigte.</p> + +<p>Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner +blickte Arnold an und lachte gutmütig.</p> + +<p>Fragend schaute Arnold von einem zum andern. +Verena reichte ihm die Hand und sagte mit freundlich-ernstem +Lächeln: »Ich hoffe, Sie wiederzusehen.« +In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191"></a>[191]</span></p> +<h3><a name="Dreiunddreissigstes_Kapitel" id="Dreiunddreissigstes_Kapitel"></a>Dreiunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn +an eine Tätigkeit, deren bloße Grenzen zu bestimmen +er bisher mit bedenklicher Leidenschaft bemüht +gewesen war. Er begriff endlich, daß die +Fülle ihn verwirrt, die Vielfältigkeit zerstreut hatte, +und er beschloß, dem nächsten, praktisch ausnutzbaren +Ziel zuzusteuern.</p> + +<p>Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen +seien.</p> + +<p>Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der +Fächer, deren Kenntnis zur Abiturialprüfung erfordert +wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu erfahren, +bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen +mußten. In der Universität wies man ihn da- und +dorthin. Schließlich nahm er einen Wagen und fuhr +in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, +den er hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch +und kalt. Doch Arnolds bestimmtes Auftreten und +Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft wie ein +aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; +seine heitere Liebenswürdigkeit verwunderte endlich +den Gelehrten und nahm ihn für den Besucher ein. +Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot +mache keinen fett, der Andrang sei groß und die +Brüste der Alma mater seien schlaff geworden. Arnold +verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht +hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.</p> + +<p>Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe +er Lateinisch und Griechisch treiben konnte; von beiden +<span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192"></a>[192]</span>Sprachen waren nur Anfangsregeln in seinem Kopf. +Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte +seine Adresse beim Pedell der Universität. Am +nächsten Morgen schon ging es treppauf, treppab im +Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden +und düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine +angenommene Demut zur Schau, eine Unterwürfigkeit, +die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds paßte. +Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn +wirkte, war die große Menge dieser nahrungslosen +Studenten. Im Korridor, wo oft zehn oder fünfzehn +auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, +ihre Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder +wollte der erste sein, und nicht durch seine Person +oder sein Wesen glaubte er den andern verdrängen +zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des +Preises seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten +wurde Arnold unentschlossener. Manches Gesicht war +ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser +dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos +tauchten ihre Züge vor ihm auf, redeten nicht, sondern +lispelten und verschwanden wieder troglodytisch-fahl. +Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, +ihrer Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete +sein Geschäft als abgetan, sobald seine Erwartungen +durch ein Interesse getäuscht wurden, das ihm frivol +erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu +treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir +Zeit, wenn andere bei der Tafel sitzen.« Arnold +schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben jemand +suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und +<span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193"></a>[193]</span>das muß ihm ebenso natürlich sein, wie mir, zu +fragen.«</p> + +<p>Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, +und Arnold, der keinen mit leeren Versprechungen +hingehalten, wollte nun auch die übrigen +nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich +in ein ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende +Verhältnisse entweder als etwas Unabwendbares hinzunehmen +oder durch unreife Handlungen noch mehr +zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß +eine geregelte Tätigkeit, die auf Taten zielt, mehr +ist als eine verfrühte Tat.</p> + +<p>Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche +ihm vielleicht eine geeignete Person empfehlen konnte. +Zu seiner Arbeit hatte er nun die schönste Muße; +Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in +Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der +Sommer und Sonnenschein zog Arnold nicht ab. Tag +und Nacht waren seine Fenster offen, und er begnügte +sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den +Dächern und mit den kurzen Vogelschreien, die über +die Straße hallten.</p> + +<p>Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie +wisse einen geeigneten Menschen und werde ihn bald +schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn Hyrtl +zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, +da die Rede darauf kam, Interessantes von Ihnen. +Er scheint in bezug auf seine Freunde ein sehr ruhmrednerischer +Mann zu sein, aber dennoch möchte ich +Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt +mir zu denken. Sollte es Geschwätz sein, so hätte +<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194"></a>[194]</span>ich den Mann unterschätzt, der so etwas für ein kurzes +Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, +genau wie Verenas Hals und Hände.</p> + +<p>Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie +wissen? und was könnte Hyrtl von mir wissen? Er +hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da hinter dem +meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins +Zimmer trat. Ohne seinen Hut abzunehmen, warf +er sich in einen Sessel, spannte die Knie zwischen +seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen +und sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen +aufriß: »Gott sei Dank, daß Sie zu Hause sind. Ich +wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen +hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich +habe gestern abend an Hyrtl vierhundert Gulden auf +Ehrenwort verloren. Wir haben Macao gespielt, ich, +Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. +Es ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – +Sie begreifen, Arnold, – meine Ehre –« Er stotterte, +denn Arnolds verwundertes und verletztes Gesicht ließ +ihn nicht das Beste hoffen.</p> + +<p>Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« +sagte er, »nein.«</p> + +<p>Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, +griff nach seinem seidenen Taschentuch und wischte +die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam sein, +Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und +einem Versuch, liebenswürdig-beredt zu erscheinen, +»aber man straft sich selbst, wenn man seine Freunde +verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen +durch die Finger zu blasen, ich aber –,« er wollte +<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195"></a>[195]</span>nach der Uhr sehen, zog aber die Hand zurück – +»wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur noch +eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter +den Kragen und fuhr damit um den Hals.</p> + +<p>»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« +antwortete Arnold. »Es ist so wenig Verstand +darin, daß ich gar nicht anfangen mag, Ihnen +Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man +doch nicht mehr verspielen, als man hat. Das wäre +nicht ehrenhaft und könnte keine Ehrenschuld sein. +Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht +Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf +der Straße liegt. Ich glaube nämlich, mit Geld muß +man Edles beginnen, damit es edel wird.«</p> + +<p>»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner +kleinen Misere den Reformator,« klagte Specht mit +einer müden Kopfbewegung, während seine Augen +halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß +nun doch für das Geschehene einstehen. Theorien +sind gut für das Kommende. Sie sollen mir nichts +schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie +nur, bis meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, +ich werde auch Früchte tragen.«</p> + +<p>Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer +Sinn nahm diese Reden mit Verachtung auf. +Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, +offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu +klein zu werden und nicht gar zu mürbe zu erscheinen.</p> + +<p>»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, +jedoch nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, +und wenn Sie auf mich rechnen, muß ich +<span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196"></a>[196]</span>vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will +Ihnen also das Geld geben.«</p> + +<p>Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. +»Sind Sie nicht ein wenig ungerecht gegen mich?« +fragte er mit einem fast sichtbaren Aufatmen der +Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit +genug, uns gegenseitig anzuschließen, statt uns +abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein sollte, ist immer +Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte +er hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei +Hankas eingeladen. Hankas reisen noch in dieser +Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen +sehen.«</p> + +<p>Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging +bald zu Bett und stand in der frühesten Frühe auf. +Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine wunderbare +Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn +wer täglich frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, +muß täglich über seine frischen Kräfte verfügen.</p> + +<p>Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft +aus dem Haus. Kaum war er um die nächste Straßenecke +gebogen, so sah er vor sich eine große Ansammlung +von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg +durch ein umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. +Plötzlich gewahrte er in einem der eleganten Fiaker +Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der +Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte +den Vorhang des Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter +Neugier spähte sie nach dem Hindernis, und +Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite +<span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197"></a>[197]</span>nicht Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er +hatte nicht Zeit, näher hinzuschauen, denn schnell fiel +der Vorhang wieder über das Fenster.</p> + + + + +<h3><a name="Vierunddreissigstes_Kapitel" id="Vierunddreissigstes_Kapitel"></a>Vierunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen +schwer aufs Herz.</p> + +<p>Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, +Specht und Beate so vertraut beisammen +zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden auseinandergegangen +waren. Es beschlich ihn etwas +Dunkles, und er mußte stehen bleiben, um seine +Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und +gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie +Beates schlüpfriges Wesen. Er fand sich aufs wunderlichste +für eine Sache verantwortlich, die ihn mit +Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; +mit schmerzlichem Zorn dachte er an Hanka, wenn +er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen Leben +keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, +nichts konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die +Furcht des Irrtums ließ ihm seinen Zweifel ungeheuerlich +erscheinen, und er beschloß irgendwie zu +handeln.</p> + +<p>Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von +Natalie, worin sie ihn bat, er möge gleich zu ihr +kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.</p> + +<p>Er ging hin.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198"></a>[198]</span>Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von +Koffern beschäftigt. »Wir ziehen morgen aufs Land,« +sagte sie und sah sich mit lachender Verzweiflung +nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und +Wäsche. »Es ist schon ein wenig spät im Jahr, aber +ich freu’ mich riesig auf Wälder, Wiesen und Luft. +Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird +aber jedenfalls reisen, denk’ ich. Werden Sie uns +nicht besuchen im Gebirg? Das wäre märchenhaft. +Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die Kinder +sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen +heute zu ihrem Vater sagte. Papa, sagte sie, ich +kann gar nicht begreifen, daß du dich bei Mama langweilst. +Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, +wenn die Väter so klug wären wie ihre Kinder, +würden sie keine haben.«</p> + +<p>Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb +sie ihn gerufen.</p> + +<p>Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: +»Ach so! richtig!« Dann legte sie ihre Hand +auf seine Schulter und fragte mit tragischer Betonung: +»Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein +wahrer Freund?«</p> + +<p>Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf +einmal begann sie zu schluchzen. Arnold rührte sich +nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er und runzelte +die Stirn.</p> + +<p>»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, +schlug die Hand vor das Gesicht und schielte +durch die gespreizten Finger nach Arnold.</p> + +<p>»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199"></a>[199]</span>»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem +Ton, fuhr aber sogleich fort: »Es handelt +sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein Mann +hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. +Wir sollen morgen dreitausend Gulden bezahlen und +haben nicht hundert im Haus. Nächste Woche erwartet +Osterburg große Summen aus Amerika. +Helfen Sie mir. Ich will es Ihnen ewig danken. +Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner Kinder, daß +Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß +ich einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich +bin ja so unglücklich!« Und sie schluchzte weiter.</p> + +<p>Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja +der reine Geldsack. Er war nicht im mindesten ergriffen, +im Gegenteil, alles das erschien ihm sinnlos +und widerwärtig.</p> + +<p>»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung +schicken,« sagte er kalt. »Aber schwören Sie nicht +solche dumme Schwüre.«</p> + +<p>Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. +Sie hatte eigentlich nicht daran geglaubt und vergoß +nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, daß sie nicht +um tausend Gulden mehr verlangt hatte.</p> + +<p>Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen +waren Arnold unbequem. »Hören Sie einmal +zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum +glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate +keine Ehrlichkeit besteht?«</p> + +<p>Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug +sie die Hände zusammen und setzte sich ihm gegenüber +auf einen aufgerollten Teppich. »Ich?« erwiderte +<span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200"></a>[200]</span>sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so +etwas gesagt? Wann denn?«</p> + +<p>»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie +ich das erstemal bei Ihnen war und wir von der +Verheiratung Hankas gesprochen haben –«</p> + +<p>»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn +geschehen?«</p> + +<p>»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete +Arnold. »Aber weil wir so darüber sprechen und +denken, gerade so und nicht anders und weil wahrscheinlich +auch andere Menschen glauben, daß der +Doktor Hanka nicht weiß, wie es die Beate seinerzeit +in Podolin getrieben hat, so fragt es sich, ob +man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«</p> + +<p>Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und +mit niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring +am Finger rundum. »Ich verstehe nicht,« sagte sie +aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie +doch.«</p> + +<p>»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man +dem Doktor Hanka sagen, mit deiner Frau steht es +so und so, du scheinst nichts davon zu wissen –«</p> + +<p>»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und +wenn er Sie dann vor die Tür setzt? Was dann? +Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«</p> + +<p>»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie +sie ist, wenn er was wüßte. Und weil sie überhaupt +ein Lügenbeutel ist.«</p> + +<p>»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte +Natalie und sah Arnold mit naivem Entsetzen an. +»Machen Sie nur keine Dummheiten, ich bitte Sie. +<span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201"></a>[201]</span>Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt +ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten +wir ja allesamt ins Gefängnis oder Gott weiß wohin +wandern.«</p> + +<p>In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und +wichtig, wie von großen Erlebnissen strahlend. Mit +einer Mischung von Vertraulichkeit und Leutseligkeit +schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob +er sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: +»Herr Ansorge, Sie müssen heiraten. Ich habe ein +wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß, mein +Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man +so sagt, intelligent. Unter uns, eine famose Person. +Grundsätze, Ideale, wie das heute so üblich ist.« +Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus, +schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem +Taschentuch Kühlung zu. Natalie sah ihn voll Schrecken +und Staunen an.</p> + +<p>»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß +sie eine Jüdin ist. Aber Sie sind ja sozusagen ein +aufgeklärter Geist.« Er ging mit großartigen Schritten +herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht +uns überhaupt diese Geschichte an, die da vor +zweitausend Jahren passiert sein soll? Wir sind +alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir +auch Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, +das ist meine Meinung, Herr Ansorge.« +Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster +hinaus.</p> + +<p>»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger +Ruhe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202"></a>[202]</span>Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« +seufzte er, »früher war ich so geistreich; erst seit zwei +Jahren bin ich so stupid geworden.«</p> + +<p>Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing +ihn stets eine Luft von seltsamer Wesenlosigkeit, +ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser Reden, ein +grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von +Eifer und Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.</p> + +<p>Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, +den Verena zu schicken versprochen hatte. Er hieß +Wolmut und war ein zarter Mensch von bürschchenhaftem +Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und +ernsten, klugen Augen. Seine Redeweise hatte etwas +Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen war gewandt +und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der +ihm notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus +dem kleinen blonden Mann dunkel herausfand, war +eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte die +Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So +sah er sich mit Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen +Epoche, und als von Hankas eine schriftliche +Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht +vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. +Wozu das Trübe suchen? dachte er; im +schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich +nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen +zu melden, ward es jedoch anders. Mit +seinen groben Federzügen schrieb er Anrede und Anfangsworte +und legte langsam den Halter auf den +Tisch zurück. Ernst und fragend tauchte Alexander +Hankas Gesicht vor ihm empor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203"></a>[203]</span>Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt +durch die brütende, staubige Stadthitze. Die Sonne +leuchtete nicht, sondern glomm in einem Dunstnest. +Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße +war es noch übler als im Zimmer, und er wollte +schon umkehren, da zog es ihn plötzlich nach einer +ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena Hoffmann +aufzusuchen.</p> + +<p>Er läutete einige Male an der Tür und niemand +rührte sich drinnen. Als er sich enttäuscht zur Treppe +wandte, kam Verena von unten herauf. Am Fuß +der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen +Augenblick stehen und lächelte empor. Sie trug ein +weißes Leinwandkleid mit schwarzem Band um den +Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, +deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie +auf, ging voran, warf ohne sonderliche Verlegenheit +eine Wolldecke über das noch ungemachte Bett, brachte +Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und beide +nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von +hier war ein weiter Blick in die Nachbarhöfe und +Verena sagte, indem sie hinausdeutete: »Zweihundertfünfzig +Fenster.«</p> + +<p>Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da +ein Fenster?« erwiderte er.</p> + +<p>Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.</p> + +<p>»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir +erzählt?« fragte Arnold neugierig.</p> + +<p>»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist +es wahr, war das wirklich der Anlaß für Sie, Ihre +Heimat zu verlassen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204"></a>[204]</span>»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe +bis jetzt nichts erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«</p> + +<p>»Kennen Sie das Mädchen näher?«</p> + +<p>»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben +gesehen. Ein häßliches kleines Ding.«</p> + +<p>Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob +diese Antwort erst ein tieferes Interesse für ihn erweckt +hätte. Doch sprach sie nicht weiter von der +Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.</p> + +<p>Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde +schweigend beisammen. Arnold staunte vor sich hin. +Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, +und er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.</p> + +<p>»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena +endlich.</p> + +<p>»Ja, er ist gekommen.«</p> + +<p>»Finden Sie ihn sympathisch?«</p> + +<p>»Sehr sympathisch.«</p> + +<p>»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; +er wird es sicher noch sehr weit bringen, das heißt, +soweit man es in diesem korrumpierten Land eben +bringen kann.«</p> + +<p>»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«</p> + +<p>»Ja, ungefähr.«</p> + +<p>»So weit werd’ ich’s wohl nie bringen.«</p> + +<p>»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen +Ämtern.«</p> + +<p>»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin +doch kein Schiller.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205"></a>[205]</span>Verena lachte. »Aber die Idealisten können es +noch weiter bringen als zu hohen Ämtern.«</p> + +<p>»Ach, dann bin ich versöhnt.«</p> + +<p>»Ja, aber es gibt Gefahren.«</p> + +<p>»Gefahren?«</p> + +<p>»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie +dürfen keine anspruchsvollen Freundschaften haben.«</p> + +<p>»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem +Herzen sein muß.«</p> + +<p>»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht +verschwenden soll.«</p> + +<p>»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht +nach kann das Herz nicht arm werden, soviel +es auch gibt.«</p> + +<p>»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem +Holzweg. Das Herz kann sich nämlich auch irren +und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt +hat, dann wird es aufgebraucht.«</p> + +<p>»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man +kann doch nicht eine Rechenmaschine in die Brust +hineinstellen.«</p> + +<p>»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein +Herz bewahren, sonst ist er nichts wert.«</p> + +<p>Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß +gehen. Ich muß zu Tetzner.«</p> + +<p>»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« +fragte Arnold rasch.</p> + +<p>Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber +nicht.</p> + +<p>Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte +gemacht, als Tetzners Kopf an einem ebenerdigen +<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206"></a>[206]</span>Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du, Verena?« +rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger +Freund, hier gibt es die seltensten Schnäpse der +Welt und vieles andere, was sich sonst nur auf der +Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen +Sie.«</p> + +<p>Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. +»Man hat schon wo anders für mich gesorgt,« entgegnete +er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir +etwas auf.«</p> + +<p>»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. +Verena warf einen teilnehmenden, tiefen Blick auf +Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr gefiel. Fast ungestüm +streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.</p> + + + + +<h3><a name="Fuenfunddreissigstes_Kapitel" id="Fuenfunddreissigstes_Kapitel"></a>Fünfunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">In dem Zimmer, welches gegen den Garten +hinausging, saß Hanka am Klavier und spielte +eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke +des mäßig großen, noch von der untergehenden +Sonne beleuchteten Raumes, blätterte in einem +Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. +»Diese Einladung war ganz unnötig,« sagte sie in +der Pause zwischen einem Andante und einem Allegro, +»besonders da Specht nicht kommt. Was tun +wir denn mit Ansorge allein und was geht er uns +an? Dazu ist er noch unhöflich und läßt auf sich +warten.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207"></a>[207]</span>Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. +Er blickte auf die Uhr, schmatzte mit den Lippen und +erwiderte: »Wir wollten doch die beiden Podoliner +einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. +Daß dein Freund Specht absagen würde, konnte man +ja nicht vermuten. Übrigens interessiert mich Ansorge +viel mehr.«</p> + +<p>Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich +langweilt er,« sagte sie. »Ich langweile mich überhaupt. +Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang +ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag +wo anders sein, und du, du schläfst bei Tag und +Nacht.«</p> + +<p>Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen +fuhr sie fort: »Hast du denn die Fahrkarten +bestellt?«</p> + +<p>Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte +Hanka über die Breitseite des Zimmers. Er antwortete +nichts. Seit einer Reihe von Tagen war +er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen +bewegt. Mit der Kraft seines ganzen Wesens hing +er an Beate, doch erspähte er fortwährend Auflehnung +in ihrem Innern. Für eine Person wie +Hanka ist die Äußerung einer Empfindung nicht das +Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für ihn war +es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit +einschlagen zu können. Wer dies, ihn verstehend, +ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen. Es war ihm +unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was +sie hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen +müssen, daß ihre immerwährende Beweglichkeit nichts +<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208"></a>[208]</span>anderes war als eine Flucht vor ihm. Verdruß machte +oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die Anziehungskraft +wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, +pflegte er sich ironisch zu sagen, und mit +seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er genau +zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate +so unentbehrlich geworden. Doch hier machten seine +Gedanken Halt, und in einer Zärtlichkeit, wie sie nur +sein von allen Seiten verschlossenes Herz kannte, erblickte +er immer wieder das kräftige und kapriziöse +Kind der Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener +Wille sich mit ebenbürtiger Laune unterwerfen +mußte.</p> + +<p>»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte +Beate, sprang aber gleichzeitig auf, da es geläutet +hatte. Bald darauf trat Arnold ein und wurde von +Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit +etwas ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten +sich sogleich zu Tisch. Draußen hatte sich der Himmel +verfinstert, und Gewitterwind wehte durch den Garten. +Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen +auf und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.</p> + +<p>»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen +bekommen,« sagte Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte +sich nicht. »Ich habe bis zuletzt gezögert, ob +ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, +Frau Beate, aber es hat seinen Grund.«</p> + +<p>Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte +sie bissig.</p> + +<p>»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte +Hanka gutmütig. Er freute sich eigentlich, daß Arnold +<span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209"></a>[209]</span>Ansorge ihm nun gegenüber saß, es erschien ihm fast +wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten. +Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.</p> + +<p>Unter dem heranrollenden Donner begannen sie +zu essen. Beate legte aber bald Messer und Gabel +hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor +Angst.</p> + +<p>»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. +»Für eine Frau, die auf dem Land aufgewachsen +ist, ist das beschämend.«</p> + +<p>Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des +Zimmers erblassen. Nach dem langen Donner erhob +sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.</p> + +<p>Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den +Händen und suchte sie zu beruhigen. Ein zweiter +Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in ihrem +Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit +einem hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner +hinein: »Ich will nicht, ich will euch nicht,« und lief +aus dem Zimmer.</p> + +<p>Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam +er zurück, rief das Stubenmädchen, und Arnold fand +sich abermals allein an dem gedeckten Tisch. Er nahm +weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem +interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt +ihm vorüber und mischte sich so wenig mit seinem +Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht aber war +das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender +und ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer +kleinen Seele. Er trat langsam an das Gartenfenster, +und beim Schein der Blitze fühlte er sich aufgefordert, +<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210"></a>[210]</span>Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen +Beates, anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm +ihre ganze Person geradezu verdächtig.</p> + +<p>Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam +Hanka zurück. »Sie hat sich in Betttücher eingehüllt +und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich habe ihr +versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. +Haben Sie je etwas mit ihr gehabt? Es ist mir +unbegreiflich. Kommen Sie, lieber Freund, essen +wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und +werde Sie nicht so geschwind wieder loslassen.«</p> + +<p>»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen +allein zu lassen,« erwiderte Arnold ruhig und folgte +Hanka zum Tisch.</p> + +<p>»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, +daß Sie einmal bei uns wären.« Vergnügt und +voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse +auf den Teller.</p> + +<p>»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht +wollte sie es nur darum, um zu sehen, wie +sie sich gegen mich verhalten muß.«</p> + +<p>»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! +Allerdings, was Sie da sagen, hat etwas für sich. +Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte nahe +haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu +schützen. Aber es ist lächerlich, wenn Sie das bei +Beate annehmen. Beate ist viel zu naiv dazu.«</p> + +<p>Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und +er spürte nun aus Hankas Worten deutlich eine vollständige +Ahnungslosigkeit. Dies erregte in ihm einen +stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211"></a>[211]</span>»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, +wenn Frauen sich vor dem Gewitter fürchten,« fuhr +Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer Frau +liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen +Wolke, und fast möchte man glauben, daß +die Natur sich einen Spaß daraus macht, ihre latenten +Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen +ist für mich eher angenehm als verstimmend.«</p> + +<p>Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt +Hankas Rede ab und vom fast gleichzeitigen Donnerkrach +zitterten die Wände und rasselten die Teller.</p> + +<p>»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« +fragte Arnold, indem er gegen das Fenster sah, an +welches der Regen gepeitscht wurde. »Er erzählte +mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir +nur deshalb auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate +in einem verschlossenen Wagen sah.«</p> + +<p>Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes +Gesicht. »So?« fragte er kurz. Er erinnerte +sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang und ungewöhnlich +erschienen waren, die Beate gestern bei der +Schneiderin zugebracht haben wollte. Er schüttelte +den Kopf und sagte mit einem unsichern und wohlwollenden +Lächeln: »Darin täuschen Sie sich vielleicht.«</p> + +<p>»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl +die Vorhänge des Wagens nur einen Augenblick +zurückgeschoben wurden.«</p> + +<p>Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie +mir davon nichts? dachte er, wie um sich noch einmal +gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den Stuhl +<span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212"></a>[212]</span>zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, +ohne gesprochen zu haben. Zu beiden Seiten der +Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche Blässe hervor.</p> + +<p>»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen +Specht und Ihrer Frau war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem +Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen auf +den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und +schaute Hanka unverrückt an. »Beide waren in Podolin +wie Mann und Frau, bei Tag und bei Nacht. Das +weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s +nicht wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, +damit ich Sie nicht quäle. Nach Specht hatte sie +ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen +Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den +einen mit dem andern, bis der Knecht sie durch +Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde +bei uns jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher +eine Stimme gesagt, daß Sie dabei im Finstern sind, +denn Sie sahen eine andere Beate, hätten vielleicht +nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden +hätte. So trieb es mich also her, wie schwer es auch +ist; ich denke mir, die einen leben von Lüge, die +andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander +halten. Das ist alles.«</p> + +<p>Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke +auf Hankas Gesicht beständig zugenommen. Auch +er sah unverrückt in das Gesicht seines Gegenübers; +und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß +da ein Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen +Kreis; ihm war, als sei es der Mond, der +vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen. +<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213"></a>[213]</span>Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, +verschlungenen Schmerz im Kopf, und als +Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes, geistloses +Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und +Hanka schwieg, und so saßen sie lange schweigend, +während das Gewitter sich verlor. Endlich rückte +Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er +ein Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und +richterlicher Schärfe, wobei er die schwarzen Augen +weit aufriß: »Beweise –?«</p> + +<p>Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine +Blicke in diejenigen Hankas. Es war ein überlegener, +strenger und vornehmer Ausdruck in seinen Augen +wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder +zurück, als ob er sein Wort vergessen haben wolle. +Er legte eine Hand glatt auf den Kopf, Farbe kehrte +in seine Wangen zurück und verschwand wieder +daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut +von sich, stand auf und wie zum Zeichen seiner +Fassung zündete er langsam eine Zigarre an. Darauf +ging er schweigend mit großen Schritten auf und +ab. Auch Arnold verließ seinen Platz. »Adieu, +Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder Feind; wie +Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«</p> + +<p>Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die +Arme und blickte gegen die Fenster. Doch als Arnold +sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah ihn mit +einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die +feuchte kalte Hand.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214"></a>[214]</span></p> +<h3><a name="Sechsunddreissigstes_Kapitel" id="Sechsunddreissigstes_Kapitel"></a>Sechsunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer +fort. Er dachte nun weder an sich selbst, noch +an Beate, sondern er richtete seine Gedanken zunächst +auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte +sich den Arnold, den er in Podolin kennen gelernt +und hielt den dawider, der heute zu ihm gesprochen. +Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um +die Tiefe des Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. +Das Lot sank weit. Er mußte einen Verstand +anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles +liebte. Und schließlich mußte er sich gestehen, daß +dieser Mensch von Sympathie geführt wurde, um +ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind, +dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges +Gefühl von Kälte gegen Arnold von sich abzuwehren. +Wie er sich auch stellen mochte, er konnte noch nicht +glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang +phantastisch, sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. +Was führt ihn her? dachte er trüb und trotzig. Mitleid? +Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr. +Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein +gegenseitiges Wissen bestand? Hankas Eigenliebe begann +sich zu bäumen. Vielleicht wurde er selbst verschmäht +und spielt den Verräter, grübelte er voll +Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die +Haut, als ob ihn Ekel berührt hätte. Hundert Erwägungen +verbrannten sein Gehirn, durch hundert +Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu +entstellen, immer schüttelte er den Kopf und kehrte +<span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215"></a>[215]</span>zu sich selbst zurück: war ich also blind! Und abermals +ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter +Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, +ließ all ihre Worte nachklingen, die ihm erinnerlich +waren, begann an ihrem Schweigen zu studieren, +und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser +Bilder eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, +in kindisches Gewand verhüllt, Verlogenheit +unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll +ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als +müsse er sich auf den Boden legen, um Jahre lang +nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte er daran, +daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles +entschieden sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte +er sich, daß er diese Entscheidung nur verschieben +wolle. Ist es denn schließlich so schlimm? +murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das +Vergehen ist gering von ihrer Seite, da sie doch nicht +die ist, die ich glaubte. Man darf die Einfachheit +der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, +das ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks +und der Reinlichkeit. Für mich handelt es sich um +mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man nicht +gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht +zusammenleben.</p> + +<p>Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, +ging durch einen Salon, in <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'welchen'">welchem</ins> die Sessel schon +mit staubschützenden Überzügen versehen waren und +betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock +auf dem Bett und schlief. Er zögerte, stellte dann +die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf ein Marmortischchen +<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216"></a>[216]</span>und Beate schreckte empor. »Hast du ihn +fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch +die Kerze aus, Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, +fuhr sie munter werdend fort. »Es ist ja Licht +genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht antwortete, +sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte +sie ihn mit ungeduldigen Blicken. »Du könntest +jetzt zu Bett gehen«, sagte sie verdrießlich. »Wir +müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine +Handtasche packen.«</p> + +<p>»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka +mit Ruhe. »Du kannst auch reisen, wenn es dir gefällt, +aber es wird ohne mich sein.«</p> + +<p>Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du +denn toll?« schrie sie endlich, starrte wieder und lachte +darauf laut. Sie hob sich empor, brachte die Füße +auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes +sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von +Angst, Sorge und Haß.</p> + +<p>Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. +Er begann in gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. +»Ich frage dich nicht, in welchem Verhältnis +du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt, +im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die +Stadt zu fahren, noch was zwischen euch schon in +Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht, was +es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich +hatte. Ich will nur wissen, was du mir jetzt zu sagen +hast, da dir bekannt ist, daß ich alles weiß.«</p> + +<p>Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken +krümmte sich, und ihr Kopf sank ein wenig herab. +<span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217"></a>[217]</span>Langsam öffneten sich die Lippen und ließen die fest +zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob +sie gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger +bewegten sich, ihre Zehen rührten sich in den dünnen +Strümpfen, ihre Knie drückten sich gegeneinander, +ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und +sagte mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! +der Schwätzer! der gemeine Denunziant!« Mit einer +blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch, das +auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf +Strümpfen stolz zur Tür und schlug sie knallend hinter +sich zu.</p> + +<p>Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. +Er blieb stehen und drückte die Augen zu, als wollte +er sagen: Genug, übergenug. Doch keine Minute +war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie +weinte; sie setzte sich auf einen Stuhl und drückte +die Hände vor die Augen. »Es liegt nun an dir«, +sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie +möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt +mir ganz und gar. Es ist also gut, wenn du +in aller Stille die Stadt verläßt. Ich lasse dir Zeit, +ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen +entsteht. Was ich dir zu einer anständigen +Lebensführung materiell biete, werde ich morgen +schriftlich feststellen lassen. Hast du noch etwas zu +sagen?«</p> + +<p>Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, +ging eine neue Veränderung mit ihr vor. »Ich bin +unschuldig, Alexander!« rief sie aus, »sie haben mich +verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich gemacht.« +<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218"></a>[218]</span>Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und +legte ihr Gesicht in die Kissen.</p> + +<p>»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der +vor dem Spiegel stand und so nach ihr hinschaute.</p> + +<p>Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht +war ein naiv hoffender Ausdruck.</p> + +<p>Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine +Sprache nicht zu den Ohren dieser Frau dringen +konnte, daß seine Welt in andern Sphären rollte, +daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate +dies nicht einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich +nach dem, was ich gesagt habe«, bemerkte er kühl +und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum +schon verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes +Lachen.</p> + +<p>Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans +Klavier, schlug irgend ein Notenheft auf und präludierte. +Aber es war, als ob sich zwischen ihm und +dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben +dumpf und fern. Er stand auf, öffnete die Fenster +und die Glastür, die in den Garten führte. Er ging +hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das +Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes +Dunkel. Am weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken +hin, und das Gewitter leuchtete noch in der Ferne. +Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze noch auf +der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; +zwischen zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. +Er verfolgte die geschlungenen Gartenwege, +und das unveränderliche Tropfen des Wassers klang +ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem +<span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219"></a>[219]</span>Abend nicht hatte tönen wollen. Es war spät, als +er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das er nach +allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz +und griff zu einem Buch, zu einem zweiten und +dritten. Hanka hatte ein Gefühl der Müdigkeit und +Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. +Er streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe +begann ein hohles Denken, welches in einen hohlen +Schlummer überging, als die Blätter im Garten von +der Morgenröte zu erglühen anfingen.</p> + + + + +<h3><a name="Siebenunddreissigstes_Kapitel" id="Siebenunddreissigstes_Kapitel"></a>Siebenunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, +stand er eine Weile unschlüssig vor dem Tor. +Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, kehrte +aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen +und Landhäuser zu beiden Seiten der Straße, und +sein Ohr vernahm keinen andern Laut als den des +Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem +Schutze eines alten Kastanienbaumes leidlich trocken +geblieben war und setzte sich nieder.</p> + +<p>Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas +wollten ihm nicht aus dem Kopf. Arnold fühlte +wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war +als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten +Dienst, anderes jedenfalls, als was Arnold erwartet +hatte. Er hatte erwartet, daß ein Mann, der behäbig +im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und +<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220"></a>[220]</span>entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein +Freund ins Haus getragen. Statt dessen, das verrieten +ihm Empfindung und Beobachtung, hatte er +einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte +geglaubt, eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er +hatte ein Gericht abgehalten. Hankas Blick war deutlich: +du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen? +War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die +menschliche Schwäche oder war es Arnolds Irrtum?</p> + +<p>Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht +sein Glück darauf, nicht zu sehen, wie das meine, +sehen zu wollen. Und so wenig ich die Macht habe, +ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig +steht bei mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. +Hier ist kein Ausweg, obwohl ich sehe, daß +jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten +hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann +es ja auch meine Schwäche sein, und es wird für +mich um so vielmal schwerer, Recht zu haben, als es +außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, +das ist sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich +nehme an, Hanka käme zu mir und sagte: deines +Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden +Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich +müßte es prüfen und richtig finden und müßte von +mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich doch +behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen +soll. Aber wie ist es mit Beate? Vielleicht war es +der beste Weg, den sie erkannt hat, zu schweigen? +Vielleicht war es ihre Kraft, <em class="gesperrt">nicht</em> zu bekennen, und +sie liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen +<span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221"></a>[221]</span>liebte? Vielleicht war hier die Lüge das Bessere. +Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber wie? wenn +er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? +ist ein Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut +wie das Ungefähr? und gilt es darum nicht als Wahrheit, +weil ich es gewollt?</p> + +<p>Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald +so zu nehmen, dann ist ja auch Ungerechtigkeit nur +ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen +kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit +nicht schaffen. Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, +daß die Jüdin ins Kloster kam, vielleicht hat das +irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das +wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte +Geschichte, wenn der Mensch nicht mehr imstande ist, +zu wissen, was er soll und darf.</p> + +<p>Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie +in einem trübseligen Rausch nach Hause.</p> + + + + +<h3><a name="Achtunddreissigstes_Kapitel" id="Achtunddreissigstes_Kapitel"></a>Achtunddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt +zurück. Sie machte sofort Besuche, +empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und +Theater und bereitete sich auf das gewohnte Herbst- +und Winterleben vor. Stöße von Romanen kamen +von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und +keiner konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. +Sie jagte hierhin und dorthin, klagte über +<span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222"></a>[222]</span>Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald überreizt, +bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte +aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte +es, sie und den Oheim in einem so engen und ewigen +Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe erschien.</p> + +<p>Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts +kam der Müdigkeit und Gelassenheit gleich, mit welcher +er Messer und Gabel führte, die Speisen auf +seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit +der er aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen +Endpunkt schleppte.</p> + +<p>Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. +Noch brannte in ihm der Wunsch, sich um Menschen +zu bemühen. Als er an einem Morgen mit Borromeo +allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest +du mir nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß +denn alles so sein, wie es ist?«</p> + +<p>Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine +beiden Augensterne rollten erlöschend in die Winkel. +»Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber ich +kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen +wir das. Auch die Sterbenden haben ein <em class="antiqua">nil nisi +bene</em>.«</p> + +<p>Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos +Händedruck voll Wärme. Nichts konnte deutlicher +ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und wie +sehr er ihm vertraute.</p> + +<p>Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold +ein gutes Verständnis erreicht. Er erkannte sofort +dessen glückliche und gesunde Veranlagung, allen +<span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223"></a>[223]</span>Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung +zu verhelfen und beobachtete ihn so scharf, als ob er +durch die fremde Natur seine eigene ohne weiteres +vervollkommnen könne.</p> + +<p>Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, +gehörte Wolmut zu jenen Menschen, welche sich eine +Weltanschauung aufbauen, um damit das Leben zu +kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete +er mit unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, +und seine Armut trug er mit selbstverständlichem +Stolz. Er liebte um jeden Preis zu +lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil +befähigte ihn, jede schadhafte Stelle in der Lebensführung +des Andern sofort zu übersehen. Die neugierige +Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut +gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters +benommen hätte. Seit jener Nacht, die unter dem +Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte er +nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit +sich und der Welt zu hadern. Allmählich war sein +leidenschaftliches Wollen einem dumpfen Zwiespalt +gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und +rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen +gegen den Feind zu holen; er eilt anfangs +und seine Botschaft benimmt ihm noch den Atem. +Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen +an der Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd +im Tritt gehen und an geschützter Stelle grasen; aus +der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen Mittag. +Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte, +verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre +<span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224"></a>[224]</span>flehenden Blicke dem Abgesandten in die Seele bohrten, +entrücken unter dem Horizont, und aus dem Geschehenen +wird sozusagen eine Vorstellung.</p> + +<p>Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht +gewesen, eine ihm neue Weichheit der Stimmung +abzuschütteln von der er kaum wußte, woher +sie kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die +harmlos schien. Er gedachte zu ersehen, welches Echo +die Podoliner Ereignisse in einem so Fern-, doch +wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten.</p> + +<p>»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten +Fleck«, erwiderte der Student. »Ich hörte, die Regierung +habe jemand zum Papst gesandt, aber dadurch +wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz +ihre unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für +den Einzelnen keine Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. +Der Rechtsbegriff wird nicht erzwungen und +gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.«</p> + +<p>Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das +hört sich gut an«, erwiderte er schroff, »so lange, bis +Sie selber dabei den Hieb bekommen. Wollen Sie +verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht +an Ihnen selbst ausgeübt wird?«</p> + +<p>Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es +handelt sich nur um eine Ausschaltung unzweckmäßiger +Triebe. Was soll platonische Teilnahme? +Sich selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die +möglichst viel Räder in Bewegung setzt, mit der +Feuerung haushalten und bei der größten Arbeitsleistung +den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das +nicht Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche +<span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225"></a>[225]</span>Mensch mit dem rosenroten Gesicht sprach ruhig und +überlegen, mit einer Verhaltenheit, als wolle er Meinung +und Gebahren sogleich in Einklang bringen.</p> + +<p>»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold +gereizt zurück. »Ich will nicht sagen, daß ich +anders denke, aber wenn ich gar nicht denke, wird +alles anders.«</p> + +<p>»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner +unerschütterlichen Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren +Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn auch nur +um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität. +Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.«</p> + +<p>Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, +rief er zornig aus. »Das Judenmädchen ist +also nur deshalb nicht zu retten, damit wir, ich und +Sie, glücklich werden?«</p> + +<p>Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? +Jede Kultur schleppt noch einen Rest von Finsternis +hinter sich her, der von selbst kleiner wird wie ein +Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige +nicht Apathie oder banalen Egoismus. Aber jeder +Mensch muß unbedingt seine Handlungen nach dem +Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu +jeder Minute sich darüber klar sein muß, daß nichts +in seinem eigenen Charakter ihn überraschen und daß +kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme +statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.«</p> + +<p>Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher +Doppelgänger auf ihn zugetreten wäre, um die Gedanken +<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226"></a>[226]</span>der Entschuldigung und entfremdeten Kälte, +die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste +und ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, +verdunkelte ihn nur vor sich selbst und vermehrte seine +Unsicherheit.</p> + +<p>Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung +an, die ihm vorenthalten hätten, wozu andere +so mühelos und planvoll kämen: Sichbescheiden. +Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit +einem Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er +wieder zu jener weichen Stimmung und Verstimmung +zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht Verenas +erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der +Erscheinung, sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als +ob sich neuerdings eine Sache der Gewalt und der +unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.</p> + +<p>Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena +zu besuchen. Er fand in ihrem Zimmer eine kleine +Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen beim +Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war +zurückhaltend wie sonst, doch heiterer. Tetzner saß +schweigsam beim Fenster, und Wolmut setzte seine +Ansicht über Askese auseinander.</p> + +<p>Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe +für morgen Abend zwei <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Billete'">Billette</ins> zum Konzert«, sagte +sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie mit?«</p> + +<p>Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war +etwas verwundert; dann preßte sie die Lippen zusammen, +erblaßte und warf einen flüchtigen Blick auf +Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf +sahen sie sich zum erstenmal von solcher Nähe in die +<span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227"></a>[227]</span>Augen, Arnold mit großem, etwas knabenhaftem +Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden +Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie +schließlich mit der vorigen Freundlichkeit, »man spielt +Beethoven.«</p> + +<p>Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr +ab, und sie fuhren zum Konzertsaal.</p> + +<p>Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. +Er sah eine Säule langsam und zart bis in den +höchsten Himmel wachsen, und oben erst sprühten die +erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei +neue Ohren aufgerissen, und er lauschte mit einem +Zustimmen seines tiefsten Herzens.</p> + +<p>Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, +daß er ganz und gar nicht zerflossen war. Das hatte +sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und heiteres +Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht.</p> + +<p>Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf +der Straße nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte +Arnold endlich. »Wollen wir nicht in das Gasthaus +da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines +vornehmen Restaurants.</p> + +<p>Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin +keine Millionärin«, sagte sie. »Überdies habe ich +Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.«</p> + +<p>Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners +Geld«, sagte sie auf einmal mit veränderter +Stimme.</p> + +<p>Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr +zu werden, die ihn von der Stirn bis zu den Sohlen +einhüllte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228"></a>[228]</span>»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. +»Wozu auch. Man kann doch nichts aus sich herausbringen. +Ich bin auch kaum mehr fähig, mich zu verständigen. +Ach, das Leben, das elende Leben!«</p> + +<p>»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, +versetzte Arnold. »Das schöne, herrliche, gute glückliche +Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß ich lebe.«</p> + +<p>Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena +mit einem forschenden und ergebenen Blick in die +Augen.</p> + +<p>Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze +an und ging gedankenvoll voraus, den Arm mit der +Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft +und dankbar fühlend.</p> + +<p>Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe +und sah mit dem breiten schwarzen Hut, dem langen +glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der von +dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin +aus.</p> + +<p>Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig +war, nahm er sein Buch und setzte sich abseits. Verena +legte Brot, Butter und kaltes Fleisch auf einige Teller. +Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen +Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm +sie ein Stückchen Kreide und zeichnete auf der Tischplatte +herum, dabei lächelnd und verstohlen einigemal +nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke +und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: +ein rundes, ausladendes Kinn, dessen Linie gegen +den Mund abenteuerlich weit einbog und so mit dem +vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, +<span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229"></a>[229]</span>eine griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines +kümmerlichen Schnurrbarts, eine lange, gerade und +unbescheiden in die Luft stechende Nase und über der +ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes +Haar. Arnold nahm nun seinerseits die +Kreide und begann damit, Verenas Frisur zu zeichnen. +Mit diesem schwierigen Stück verging aber so +geraume Zeit, daß Verena belustigt ausrief: »Sehen +Sie, auch dazu braucht es Talent.«</p> + +<p>Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf +das offene Buch gelegt. Mit großen, weit offenen +Augen blickte er herüber.</p> + +<p>»Was liest du?« fragte Verena.</p> + +<p>»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner.</p> + +<p>Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo +ein einziges Wort genügt, um die Seele zu entflammen. +Sein berücktes Herz sammelte sich plötzlich zu +aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war.</p> + +<p>»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner +versonnen plaudernd fort, und sein Blick richtete sich +düster gegen die Wand, »so ist nichts als Irrtum. +Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird verschleudert, +und das Schlechte, das trügerisch glänzt, +kauft man um teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich +ein Irrtum, und sie trübt das Bild der Welt.«</p> + +<p>Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: +»Was soll das ewige Reden! Ich bin satt von Worten. +Ich bin überdrüssig, alles zu wissen, was ich empfinde +und empfinden soll.«</p> + +<p>Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange +es Tee und Schinken auf Erden gibt, soll man nicht +<span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230"></a>[230]</span>über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er in seiner +wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig +stellte er sich vor den Tisch, starrte ins Licht der +Lampe und trällerte mit veränderter, heiserer Stimme:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wenn er bei einer Hochzeit ist,<br /></span> +<span class="i0">Da sollt ihr sehen, wie er frißt;<br /></span> +<span class="i0">Was er nicht frißt, das steckt er ein,<br /></span> +<span class="i0">Das arme Dorfschulmeisterlein.<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wenn er einmal gestorben ist,<br /></span> +<span class="i0">Legt man ihn sicher auf den Mist.<br /></span> +<span class="i0">Ach wer setzt einen Leichenstein<br /></span> +<span class="i0">Dem armen Dorfschulmeisterlein.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Dann warf er den Wettermantel um, nahm den +Schlapphut und sein Buch und entfernte sich, ohne +irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte +man ihn die Außentüre zuschlagen.</p> + +<p>Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena +am Fenster. »Es ist finster draußen«, murmelte sie +mit erzwungener Gelassenheit. Als sie sich umdrehte +und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er +ging auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. +Sie schwieg, atmete jedoch wie eine Gehetzte. Er +drückte ihre Hände nur um so fester, als umschlösse +er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. +Vergeblich war sie bemüht, sich ihm zu entwinden.</p> + +<p>»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold +endlich flüsternd, im innigsten Ton, mit einem Ausdruck +von Treuherzigkeit und Selbstanerbietung.</p> + +<p>Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, +und er gab ihre Hände frei. Während sie sich an den +<span class="pagenum"><a name="Page_231" id="Page_231"></a>[231]</span>Tisch setzte und den Kopf in die Hand stützte, stand +Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und +geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte +Verena plötzlich weich.</p> + +<p>Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen +Flur und wartete, weit über das Geländer gebeugt, +bis er unten war. Dort blieb er noch einmal stehen +und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er +es sonst in seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten +sich ihre Augen durch eine nächtige Ferne, +einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.</p> + + + + +<h3><a name="Neununddreissigstes_Kapitel" id="Neununddreissigstes_Kapitel"></a>Neununddreißigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für +Arnold, andere Laute hatte der Tag, andere +Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben +erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in +eine süße, gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, +sehen zu können; sein eigenes Spiegelbild kam ihm +näher und wesensvoller vor. Er war mit allen +Sinnen bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte +er sich mit ganzer Seele an einem verlorenen Punkt +seiner Träume finden. Nichts löste sich in Weichheit +auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, +aber alles, was er unternahm, hatte einen bestrickenden +Reiz von allgemeiner Liebe und Erkenntnis des +Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht +<span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232"></a>[232]</span>günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten +schon von ferne in die Flut des Glückes.</p> + +<p>Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen +einander täglich und gingen, wenn das Wetter es erlaubte, +stundenlang in den Straßen spazieren. Sonst +saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen Vorstadtkaffeehaus. +Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, +die Zeit begrenzte. Sie war es, welche die +Schranken zog, und Arnold, der gehorsam davor stehen +blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung +ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden +schien. Allmählich erschütterte es sie sogar, dies +zu sehen. Sie fürchtete für ihn, denn je schärfer der +Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie fürchtete +auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen +Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach +allen Seiten suchte sie zu entweichen, um immer +stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu +spüren. Sie sah sich verfallen.</p> + +<p>Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und +Untiefen des Beisammenseins. Verena wartete stets +ab, was von ihr gefordert wurde, und da es wenig +genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und +dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen +zu übertreffen brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise +machte Arnold mehr und mehr stutzig; es betrübte +und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen, +die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal +kam er zu ihr; Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken +und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als Arnold +Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, +<span class="pagenum"><a name="Page_233" id="Page_233"></a>[233]</span>war er schon verschwunden. Verena blieb einsilbig +und abgekehrt. Erst am Abend sagte sie: »Nun ist +es entschieden. Ich bin frei.«</p> + +<p>Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, +was sie meinte. »Wovon wollen Sie leben?« +fragte er.</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an +seinem Unvermögen«, entgegnete sie. Sie wandte +sich ab, seufzte lächelnd und breitete in ihrer sinnlich-müden +Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden +geben, Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich +bietet. Übrigens bin ich nicht ganz entblößt.«</p> + +<p>In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die +nächsten Tage. Eine Verachtung alles Glänzenden, +Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst in seiner +Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. +Aber eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt +von einem wie im Traum gefaßten Entschluß. +Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war +nicht zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, +wartete er anderthalb Stunden. Sie kam. Morgendlich +hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den Widerglanz +ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den +weichen Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, +reif und anziehend wie selten. Sogleich begann +Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht +müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack +voll Geld und wenn ich nur ein Loch hineinschneide, +rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur nehmen, +Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur +darauf zu treten und alles gehört Ihnen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234"></a>[234]</span>Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße +einen Strick mit einem Messer vertauschen«, antwortete +sie schroff und ließ ihn vor dem Haus stehen.</p> + +<p>Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen +auf der Schwelle. Mit schleichenden Schritten +ging er endlich langsam heim. Gegen Abend empfing +er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem +fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden +vor ihn hinströmen, malte Schatten, deren Körper er +nicht zu sehen vermochte. Zum erstenmal tönte ihr +Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm; getröstet und +aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund +und erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende +Schifflein seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.</p> + +<p>Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz +wollte ihn nicht verlassen. Er faßte plötzlich den +Plan zu einer Art von Wohltätigkeitsinstitut. Dies +erschien ihm wie ein Opfer für Verena. Wolmut, +der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich +behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges +getan wissen wollte. Das Gerücht trug den Namen +des Helfers rasch genug herum. Bald füllte sich das +Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den +buntesten Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, +Familienväter, Kinder; Kranke, Vorsteher von Vereinen, +Unternehmer von Sammlungen, verarmte +Kaufleute und Handwerker, mittellose Schauspieler, +Beamte, Adlige, Arbeiter, alle warteten auf ihre +Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht, +jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es +kam so weit, daß sich Leute einfanden, welche durchaus +<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235"></a>[235]</span>nicht nach Geld trachteten, sondern nur in einer +schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, +zum Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, +in Heirats- und Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar +in Fragen ihres Berufs. Oft gab es Stoff zum +Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der +Leute, und aus mancher geheimnisvollen Not sprach +das Leiden und der Irrtum von Geschlechtern. Und +wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod verwundeten +Tier sich löst, so daß das in Krämpfen +zuckende Muskelwerk ans Licht tritt, so konnte Arnold +in das kranke Fleisch des Landes und der Gesellschaft +blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen +der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges +Strebertum, – aus ebensovielen Wunden +rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber Arnold +litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen +wollte, daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein +Gitter um ihn gewoben hätte. Wohl sah er Pfeile +fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn beschlich +eine frevelhafte Sicherheit.</p> + +<p>Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter +Minister, behandelte jeden Fall mit trockener Sachlichkeit +und stand in dem kleinen Tatengewebe aufmerksam +da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle +einstudierend, die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. +Arnold lernte von ihm, sich auf das Einfache +und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte +und Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte +er so einfach und mit so ängstlicher Sparsamkeit, daß +er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236"></a>[236]</span>Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß +und Entrüstung. Sie hatte jetzt selten Gelegenheit, +ihn zu sehen, aber wenn sie ihm begegnete, erbleichte +sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten +lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur +und Treppen stürme. »Gut«, erwiderte der Doktor +mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde Arnold ersuchen, +vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider +austeilen zu lassen. Dann kannst du die Herrschaften +getrost auch bei dir empfangen.«</p> + +<p>»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide +werden bei ihm um ein Versorgungsstübchen in Podolin +betteln.«</p> + +<p>Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen +jungen Leutnant, der seit kurzem zu Anna Borromeos +eifrigen Verehrern gehörte.</p> + +<p>Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. +»Willst du mich ein Stück begleiten?« fragte er in +seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art. Arnold +erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie +Osterburg zu besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, +einen langen Brief mit hundert Entschuldigungen, er +möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das +geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er +solle sie doch besuchen und damit zeigen, daß er ihr +noch freundlich gesinnt sei.</p> + +<p>Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, +was ihn beschäftigte, in Worte zu fassen vermochte. +Er war redensmüde; immer schwerer wurde es für +ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor +ein Geschehnis zu stellen, da all und jedes Ding für +<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237"></a>[237]</span>ihn in ein unermeßliches Meer der Nutzlosigkeit floß. +Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von +kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen +der besseren Kreise auf dich. Die besseren Kreise +wollen nicht, daß man ihre Privilegien, die sie ja +freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du solltest +dir ein Sammetpolster kaufen und darauf <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing period">sitzenbleiben.</ins> +Tust du es nicht, so werden die besseren Kreise dafür +sorgen, daß dein bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert +wird. Du siehst, es ist kein schöner Kampf, man kann +ihn nicht auf ehrliche Weise führen. Stecknadelschlacht +ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog schwermütig +die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend +nach.</p> + +<p>Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer +geführt. Im Ofen brannte Feuer. Es war eine +ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau +König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und +Hyrtl. Als Arnold eintrat, herrschte die größte Stille, +und er gewahrte mit Erstaunen, daß alle Sieben in +der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König +legte Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe +tat Natalie; Petra spielte mit Herrn Osterburg +Beziques. Selbst die beiden Kinder beschäftigten sich +mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte +kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur +an diesem Tag, sondern jeden Tag, den Gott gab. +Bisweilen fing Frau König an zu schmälen, dann +sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf +entspann sich unter den Kindern ein bedeutender +Kriegslärm und der würdige Vater brachte sie durch +<span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238"></a>[238]</span>einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt hätte, um +eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch +er versank danach wieder im Spiel wie ein Frosch, +der flüchtig das Wasser verlassen hat, nur um ein +Donnerwetter am Himmel zu bequaken.</p> + +<p>Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle +hörten auf zu spielen außer Frau König, die dem +jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie +nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, +sagte sie mit heiserer Stimme und deutete mit einer +übertriebenen Rokokohöflichkeit auf einen leeren Stuhl +an ihrer Seite.</p> + +<p>Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf +sich mit gelangweiltem Gesicht auf eine Ottomane, +wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen blieb. +Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit +eines Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig +unbegründetes Gelächter aus, als ob es an sich verdienstvoll +und der Aufmerksamkeit wert wäre, zu +lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins +Leere.</p> + +<p>»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte +Natalie. »Seit vielen Nächten kann ich kein Auge +mehr schließen.«</p> + +<p>Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine +Liebe, hast du noch nie geschlafen«, rief er verdrossen +und gereizt. Zu gewissen Zeiten reizte ihn der harmloseste +Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst +und er begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. +Besonders auf neuere Malerei war er schlecht zu +sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen +<span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239"></a>[239]</span>Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich +krank bin?« sagte er jetzt, das Haupt matt nach Arnold +drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte irgendwo +den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag +gefunden und war sehr stolz darauf.</p> + +<p>Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen +hatte, in eine Ecke und nahm auf einem niedrigen +Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser Erregung +sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst +vor einer Woche erfahren –, wissen Sie es?«</p> + +<p>»Was?« Arnold war verdutzt.</p> + +<p>»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr +Ansorge«, ließ sich Osterburg wieder vernehmen, »aber +geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie Silbe für +Silbe glauben wollen?«</p> + +<p>»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der +müde und verstimmt aussah.</p> + +<p>Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie +triumphierend über das ganze Zimmer, »er weiß noch +nichts. Also Sie wissen wirklich noch nichts? Seien +Sie aufrichtig.«</p> + +<p>»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte +Dame mahnend ein, »kann ich unmöglich nachdenken. +Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit verglasten Augen +starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen Kartenreihen.</p> + +<p>»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie +mit Feierlichkeit und sah, die Wirkung erwartend, Arnold +gespannt an. Da die Unbeweglichkeit dieser Züge +sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung +fort: »Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. +Beate hat ein Verhältnis mit Pottgießer, Ihr Freund, +<span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240"></a>[240]</span>Maxim Specht, hat die beiden miteinander bekannt +gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl +die Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen +Sie dazu? Ist das nicht entsetzlich? Aber so reden +Sie doch etwas –«</p> + +<p>Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und +verzweifelt gegen die Decke des Zimmers und ging +schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit mit +einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes +Lächeln. Wenn sie ein Wort sprach, war es von der +gewähltesten Natürlichkeit, denn sie glaubte sich von +andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich +selbst.</p> + +<p>Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder +überrascht, noch dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. +»Sie sind ein Stock«, sagte sie ärgerlich.</p> + +<p>Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, +er glaube im Ernst, daß sein Herz nicht mehr lange +gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber hinweg.</p> + + + + +<h3><a name="Vierzigstes_Kapitel" id="Vierzigstes_Kapitel"></a>Vierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee +ging Verena von der Universität nach Hause. +In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den Mittag +mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich +die Treppen zu ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen +wurde ihr Herz schwerer und vergaß die schneeweiße +Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee +<span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241"></a>[241]</span>kochen, fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In +Hut und Mantel kauerte sie vor den Ofen hin und +legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal +frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans +Fenster und ihr Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen +schneeberahmten Fenster der Höfe, hinter denen +bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte. +Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm +sie die Flasche, und, die Treppen hinuntergehend, +hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie sich +einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die +Straße einem blendend weißen Saal, in welchem die +Flocken einen schwerelosen Tanz aufführten.</p> + +<p>Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, +vor das Knochengerüst, stützte den Arm auf +die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in die Hand und +blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den +dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit +diesem Ding ein Gespräch anzuknüpfen, unterdrückte +sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst von Fleisch, +Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied, +beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit +erschütterte sie von oben bis unten und bald +darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen ermüdet +sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich +auf das Bett und schlief ein, um nach einer Viertelstunde +von dem Geräusch eines Eintretenden zu erwachen. +Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie +er hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die +Außentüre nur angelehnt gewesen sei, nahm sie mit +einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in welchem +<span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242"></a>[242]</span>noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, +reichte ihm die Hand und strich die braunen Haare +aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine Erstarrung. +Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des +Glücks zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften +Sommers stieg vor ihm auf; nackte Menschen wanderten +zwischen Blumen und buntem Laub. Nie +hatte er Verena so gesehen, still und von gleichsam +animalischer Zutraulichkeit. Er ergriff ihre Hände, +um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte +ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in +die Haut, so daß zwei Halbkreise von blutunterlaufenen +Strichen entstanden. Sie seufzte schmerzlich und +drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd. +Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme +aus – nach nichts. Er folgte ihr nun, umschloß sie +bei den Schultern und küßte sie. Ihre erstickten Bewegungen, +sich zu befreien, glichen den Zuckungen +eines betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck +und Glanz ihrer Augen erlosch langsam. Ihre beiden +offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote Körper auf +seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, +um endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. +Arnold ließ sie nicht. Ihr tränennasses Gesicht sah +er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit Freude +gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig +geworden war, unfähig, einen vergangenen +oder zukünftigen Augenblick zu bedenken, als alle gesprochenen +Worte plötzlich leichter schienen wie die +Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische +Wildheit für sie etwas Elementares hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243"></a>[243]</span>Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im +Zimmer zu bleiben, erschien ihr auf einmal unmöglich. +Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas Furchtsames. +Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen +waren wie versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. +Was ihr körperlich zurückgeblieben, war ein alle Glieder +umgürtender Schmerz; und im Gemüt lag Nüchternheit, +Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern +über den gewöhnlichen Dingen und Menschen der +Straße schreitend, kam sie sich heute mit ihnen vermählt +vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr Eigenleben +zu verlassen und an den tausend endlosen +Geschäften der zum Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. +Der Lärm und die Unrast der unzähligen +enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, +wie eine dampfende Maschine mit glühendem Bauch, +Dampf und Feuer ausspeiend, lebendige Leiber in +ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der beunruhigten +Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade +bat. Sie ging ohne Festigkeit und spürte zwischen +ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei Zusammenhang. +Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden +Innern zu verschließen, als den Schlaf, +aber sie mochte sich noch nicht von Arnold trennen. +Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm aufblickend +glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie +spürte etwas wie bange Erwartung vor seinem Urteil +und seinem heiteren Blick.</p> + +<p>Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, +stille Luft hatte sie beide erfrischt. Vor dem Tor +blieben sie noch eine Weile plaudernd stehen; aber +<span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244"></a>[244]</span>es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den +anderen rede, da das Reden der inneren Stimme +vorlaut zu werden begann. Verena suchte den Abschied +von einer Minute zur andern zu verschieben. +Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf +auf die rückwärts gekreuzten Hände, wodurch die atmende +Bewegung der Brust etwas Friedliches und +Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und +reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm +nach, wie er sicher und fest dahinschritt und wie sich +frohe Laune und frohe Leichtigkeit des Herzens in +seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.</p> + +<p>Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. +Er ging so aufrecht, als wäre ihm der Befehl +über eine Armee übertragen worden, lächelte bisweilen +verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und +als er nach Hause gekommen war, legte er sich sogleich +ins Bett und schlief fest bis zum Morgen.</p> + +<p>Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück +saß. Der Diener kam und meldete eine Dame. +Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von +einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit +den Bewegungen eines Gastes Platz. Mit weiten +Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten, +schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur +sehen, Arnold. Wie hast du geschlafen? Wie geht es +dir?«</p> + +<p>»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich +und mit erwachendem Stolz darüber, sie zu besitzen. +Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie wieder +»gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte +<span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245"></a>[245]</span>seine sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische +Freimütigkeit zu bemänteln.</p> + +<p>Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre +Handschuhe fielen zu Boden und Arnold bückte sich +danach. Dann standen sie einander gegenüber. »Du +sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit +den runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, +»daß ich mich keiner Täuschung hingebe. Ich habe +die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns beide +klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt +nicht, man muß doch auch wissen, wohin man +geht.«</p> + +<p>»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit +leisem Unwillen und mit Furcht vor dem, was sie +sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was +schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist +genug, über das Schlechte zu grübeln, und warum +brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund und man +geht immer nur im Kreis.«</p> + +<p>»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, +entgegnete Verena, erstaunt über das Bestimmte und +Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde später, und +sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen +wollte.</p> + +<p>»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit +begütigender Kritik, vergeblich nach dem Grund ihres +ahnungsvollen Schweigens suchend.</p> + +<p>Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du +recht!« rief sie aus. »Begreifst du es nun?«</p> + +<p>»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender +Stimme.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246"></a>[246]</span>»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. +»Denke doch nach, Arnold, du fliegst umher in der +Luft. Ich bin ein im Erdreich verfallenes Etwas. +Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch +in blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich +wenn man so in der Tiefe lebt, ist alles dunkel oder +wie du sagst, schwermütig. Nicht Einzelschwermut, +weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es ist +mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig +Zeit zum Spazierengehen habe, sondern die Schwermut +unseres ganzen Lebens, unseres Siechtums, +unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch +Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb +hab’ ich gefragt, wohin es gehen soll, denn du müßtest +mich auf deinem Weg nicht nur schleppen, sondern +sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also +lebe und rette dich.«</p> + +<p>Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes +Innere wurde bewegt und umfaßt von diesem zauberhaften +Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er zweifelte, +ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies +machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen +nahm er sie in die Arme und küßte sie. Dann gingen +sie zusammen fort.</p> + +<p>Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. +Tetzner hatte nach und nach aufgehört, ihre Gesellschaft +zu suchen. Einmal trat er ein, die Hände in +den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald +wurde es klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine +Larve war. Er legte die Hand vor den Kopf, als +fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine +<span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247"></a>[247]</span>wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander +und mit dem runden, fahlen Bart und dem blinden +Ausdruck der Augen sah er aus wie ein Bildnis des +alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich +wieder, seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam +dämpfend. Verdunkelung des Gemüts kam über ihn.</p> + +<p>Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, +trieb es ihn wieder zu Verena hinauf. +Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit böswillig-wissendem +Lächeln, der junge Herr sei oben bei +dem Fräulein. Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, +hatte er Mühe, nicht aufzuheulen.</p> + +<p>Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit +Verena seit je verabredet hatte, aber alles blieb still. +Traurig lehnte er sich im Finstern an die Mauer. Er +wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er wollte +auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder +Anlaß zu bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun +trippelnde Schritte in dem Flur drinnen; er glaubte +sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es +schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. +Dieses Bild auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich +so toll und widerwärtig, daß er laut auflachte. +»Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme Verenas +hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es +wurde geöffnet.</p> + +<p>Es war warm und hell im Zimmer. Vor der +Lampe lag ein aufgeschlagenes Buch. Tetzner schob +die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold +zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut +an, dann zogen sich die Muskeln des Gesichts zu +<span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248"></a>[248]</span>einem nachtwandlerischen Lächeln auseinander. Etwas +Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in +seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht +fröhlich sein, Tee trinken, über die Zukunft plaudern? +Na, Verena –? Wie –?« Mit geschlossenen Augen +lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.</p> + +<p>Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold +war unruhig und unwillig. Er begehrte mit +Verena allein zu sein und hatte große Mühe, nicht +merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit +war, der nun in dem großen Sessel Platz +nahm, die Beine ausstreckte und beide Hände auf den +Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena +verlegen und mitleidig.</p> + +<p>»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, +sondern Herz-, Herzmüdigkeit.«</p> + +<p>Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, +ohne Milde der Wahrnehmung, wünschte er nichts +anderes, als daß Tetzner fortgehe, und da er sich +nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte +und auch sie begann dasselbe zu wünschen. +Sie sah, daß Tetzner litt, sie fragte ihn und er gab +Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden +Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte +sich um den Freund, legte ihm ein nasses Tuch +über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und blickte +grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme +zeigte, der ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen +Sehnsucht nachhing. Eine bittere Betrübtheit +umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte +sie rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich +<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249"></a>[249]</span>nicht! umfange die Welt! Sie kam sich selbst auf +einmal sündhaft vor, denn das wollte sie nicht: von +einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender +Begierde selbst zerstört.</p> + +<p>Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, +konnte sich Arnold nicht länger bezähmen. +Er stand auf, ergriff Verena bei den Schultern und +küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend +auf die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.</p> + + + + +<h3><a name="Einundvierzigstes_Kapitel" id="Einundvierzigstes_Kapitel"></a>Einundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich +unbewußt alle seine Kräfte dahin, sie willfährig +zu machen. Worin sie sich unterordnete, das +lockte ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament +zu erliegen, doch es entstand keine Glückesgewißheit +für sie. Sie suchte den Mangel in sich +selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? +klagte sie in ihrem Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung +wie ein grauer Mantel um sie. Dies +Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg +zu Kreuzweg eilen, ratlos warten und fragen. +Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr Urteil still, und +sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum +Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.</p> + +<p>In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds +Begleitung zu einem Ball der Studentinnen. Arnold +tanzte nicht, aber es machte ihm Vergnügen, +<span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250"></a>[250]</span>als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, +und er freute sich, Verena zu führen. Die +Beziehung zwischen beiden war kein Geheimnis, sollte +es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand +Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch +gestand sie Arnold offen, daß sie nicht sobald +wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und er gab +ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten +hatten sie durch Neugierde und Zudringlichkeit +verletzt. Aber nach wenigen Tagen überredete +Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball +veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. +Hyrtl ergriff gern die Gelegenheit, eine moderne Gesinnung +an den Tag zu legen, und noch viel größeren +Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung +vor den Kopf zu stoßen.</p> + +<p>Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt +setzte sich Arnold in eine Ecke. Sie suchte ihn vergeblich +zu besänftigen, vergeblich zu überzeugen. Als +er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die +Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in +die Arme, hob sie empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, +küßte sie, gab ihr kindische Kosenamen, preßte ihre +Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. Doch +was mochte ihn bewegen?</p> + +<p>Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch +Petra König, und Arnold machte sie mit Verena bekannt. +Sie blieb beständig um Verena. Ihr treuherziger +Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken +zu erhaschen. Aber sie suchte auch hervortreten zu +lassen, wie viel freier und selbständiger sie dachte, als +<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251"></a>[251]</span>die andern und betonte mit jedem Lächeln, wie unbekannt +die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen +sei. Verena war überlegen genug, es humoristisch +zu nehmen, aber nie war ihr so öde und faul zumute +gewesen.</p> + +<p>Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte +Verena halb bittere, halb ironische Andeutungen über +Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra ist so«, +antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich +das Beste aus, was man reden und tun muß, aber +es bleibt ihr fremd.«</p> + +<p>»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena +mit abgewandtem Gesicht.</p> + +<p>»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist +vielleicht nur durch gute Bücher verdorben.«</p> + +<p>»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, +was sie bewundert, mit dem, was sie vermag. Dadurch +wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei zu +schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? +Warum willst du mich hinüberziehn auf den +Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur ein +kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit +veränderter Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, +die sie betrübte, »daß selbst die freiesten Mädchen +sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß die +Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der +sie das Schöne herunterziehen können.«</p> + +<p>»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, +Verena?« fragte Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.</p> + +<p>Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem +Seitenblick streifte sie sein Gesicht. Sie mußte an +<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252"></a>[252]</span>jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld +angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. +Als sie am Haustor angelangt waren, wollte sich +Verena verabschieden, doch er hielt ihre Hand fest.</p> + +<p>»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre +Augen waren von Müdigkeit dunkler. Trotzig wich +Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die +Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe +gerichteten Augen gaben dem Gesicht einen bitteren +Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie mit wunderbarer +Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen +kannst.«</p> + +<p>Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« +rief er. »Kannst du denn noch zwischen Freude und +Nichtfreude unterscheiden?«</p> + +<p>»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, +entgegnete Verena leise. »Das andere sind +Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes Leiden +als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst +müßte ich eben aufhören, zu überlegen.«</p> + +<p>Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine +ungeduldige Bewegung. Er stand und pfiff leise. +Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach herab. +Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom +tauenden Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz +und ihre Adern in einer arktischen Kälte zusammenschrumpften. +Lautlos brachen die noch ungesprochenen +Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung +des Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, +im Stillen erwartend, daß Arnold nun doch +mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da +<span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253"></a>[253]</span>sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis +und böses Sinnen von ihm getrennt bleiben wollte. +Aber der Teufel war in ihm. Als der Hausmeister +drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte +Arnold gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung +und ging.</p> + +<p>Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden +wanderte sie in ihrem Zimmer herum. Was vorher +still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun +furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über +Frage, vor denen feig zurückzuprallen nicht in ihrem +Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und Arnold nicht +so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch +niemals so werden können. Die Natur selbst rief +dann ihr vorbestimmtes Nein in die zukunftlosen +Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich +selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm +zu gehn, unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer +für ihn die Erinnerung begann. Nur so kann ich ihn +erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich +selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. +Einmal würde es doch kommen, daß er mich vom +Weg stieße und dann säß ich da wie ein Bettelweib, +während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen +kann, für immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort +Ende besteht aus vier Buchstaben, und wenn man es +auch zehnmal schreibt, werden doch nicht fünf daraus. +Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.</p> + +<p>Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich +ein. Aber schon um sechs Uhr wachte sie auf, +konnte keinen Schlummer mehr finden und war doch +<span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254"></a>[254]</span>müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an +diesem Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln +einen blauen Himmel über die Stadt spannte. Die +Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß +kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, +dann zog sie sich mit so schwermütiger Langsamkeit +an, als könne sie das gefürchtete Vorrücken der Stunden +dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit +machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum +erstenmal war er so früh bei Verena. »Ich war niederträchtig +gestern, verzeih«, sagte er sofort und nahm +ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig +sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er +ihr unschlüssiges und müdes Gesicht sah, »– hinaus +aufs Land.«</p> + +<p>»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete +Verena; »ein wichtiges Examen steht bevor ...«</p> + +<p>Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch +ihre Weigerung, sagte Arnold: »Ich will aber, daß +du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas anderes +wollen als ich.«</p> + +<p>»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete +Verena leise, indem sie nach ihrer Weise die +Brauen erhob und den einen Mundwinkel verzog.</p> + +<p>Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er +mit Heftigkeit und schlug dabei in die Hände. Aber +der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen, was er +getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, +das bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts +und die gewaltsam emporsteigende Entschlossenheit, +<span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255"></a>[255]</span>die sich in ihrem schräg zur Erde gerichteten Blick +kundgab, erschreckten ihn.</p> + +<p>»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich +Verena mit einer seufzend sich hebenden Stimme, +»und das ist vielleicht meine Schuld. Du aber, Arnold, +bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, +und das ist schlecht ...«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, daß du mich <ins class="correction" title="Transcriber's note: added missing quotes">liebst«</ins>, erwiderte Arnold +trotzig und schüchtern zugleich, »ich habe keine +Beweise.« Er setzte sich auf den Kohlenkasten und, +den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.</p> + +<p>In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange +Minute hindurch regungslos. Dann zuckte ihr Mund, +und ihre Züge strahlten plötzlich von herrlichem inneren +Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um +den Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen +mußte, seinen Blick mit ihrem zu vereinen. »Nun +geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen wir uns +nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte +die Hand über die Augen und wandte sich ab. Sie +weinte, doch gelang es ihr vollkommen, dies zu verbergen, +wenn auch das innerliche Schluchzen ihren +Mund fast sprengen wollte.</p> + +<p>Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, +Verena«, sagte er mit brennendem Schamgefühl. +Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er, als er +die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, +und er wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach +Verena, oder nach etwas in ihm selbst, das er verloren +geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein +kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor +<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256"></a>[256]</span>stehen, betrachtete sich aufmerksam und lächelte zerstreut.</p> + +<p>Zu Hause machte er sich über seine Bücher und +Hefte her, aber es gelang nichts. Die Gedanken +blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen. +Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem +Verständnis zu tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. +Meist blieb er vor den landschaftlichen Darstellungen +stehen. Heute, da die ersten Boten des Frühlings +durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern +braune Bäume mit machtvollen Kronen, stille +Teiche, verglimmende Abendhimmel, helle Herden +und weitgestreckte Ackergründe.</p> + +<p>Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben +wolle. Endlich wurde es Abend, endlich Nacht. Arnold +begriff seine Ungeduld und sein Bangen nicht. +Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten +Stunde. Er reichte Arnold einen verschlossenen Brief +und sagte, ruhig und sachlich wie immer: »Ich soll +Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«</p> + +<p>Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« +fragte er, und die weißen Blätter auf dem Tisch +schienen auf einmal rot zu werden. Hastig riß er +den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir +Lebewohl. Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir +zu folgen, es wäre umsonst. Wenn du das Warum +spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann +würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. +Ich werfe weg, um nicht zu verlieren. Lebe wohl! +Tetzner begleitet mich.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257"></a>[257]</span>Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf +sich unten in einen Wagen, nachdem er mit heiserer +Stimme dem Kutscher Verenas Adresse zugerufen +hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn +fast besinnungslos.</p> + +<p>Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte +sie’s vollbracht. Er lief wieder herab, ging zwei Häuser +weiter, – auch Tetzner war auf und davon, und jetzt +erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt +hatten. Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, +wohin er sich wenden solle. Welch ein Mißverständnis +ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer vermochte +er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, +der eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor +die Augen hält.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258"></a>[258]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259"></a>[259]</span></p> +<h2><a name="Alexander_Hanka" id="Alexander_Hanka"></a>Alexander Hanka</h2> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260"></a>[260]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261"></a>[261]</span></p> +<h3><a name="Zweiundvierzigstes_Kapitel" id="Zweiundvierzigstes_Kapitel"></a>Zweiundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg +ab. Es war ihm nur ein Spiel. Er entschied +sich für das juristische und philosophische Fach. +An einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an +der Universität die festgesetzten Gebühren und begleitete +dann Wolmut vom Ring bis weit hinaus +in die Vorstadt.</p> + +<p>»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, +die Sie in den nächsten Jahren nehmen wollen?« +fragte Wolmut zum wiederholten Mal. »Vergessen +Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, +die mit Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt +stehen.«</p> + +<p>»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. +»Damit geht jede Unbefangenheit verloren. Ich +will zugreifen und alles packen, was zu mir kommt. +Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«</p> + +<p>»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten +anfangen?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht.«</p> + +<p>»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht +auch zu sehr in einen gewissen Gedanken verbohrt«, +bemerkte Wolmut freundschaftlich.</p> + +<p>Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen +der Bäume bogen sich im Wind. Der Sturm entführte +Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun, +und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und +ziemlich lange barhaupt stehen, ehe er wieder in den +Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als er durch +<span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262"></a>[262]</span>die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, +hatte er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen +Erinnerung. Plötzlich stand es in ihm fest, daß er nach +Podolin gehn werde.</p> + +<p>Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer +aus dem Winkel, aber es zeigte sich, daß dieses +ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich war. Er +ging daher von neuem aus und kaufte einen großen +Lederkoffer und eine Handtasche. Er packte bis zum +Nachmittag, und erst als er fertig war, bemerkte er +mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen +Abwesenheit gerüstet habe.</p> + +<p>Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, +wollte er bei Borromeos Abschied nehmen. Man +sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er durchschritt +die Reihe der Zimmer und als er einen roten +Türvorhang beiseite schob, sah er unvermutet Frau +Anna und den Leutnant Valescott vor sich. Die +Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander +gegenüber und drehten das Gesicht gespannt mit einem +Ausdruck verdrießlicher Abwehr nach ihm zurück. Arnold +entschuldigte sich, trat vollends in das Gemach +und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen +unbefangen war, wurde Anna Borromeo freundlich. +Valescott schien geärgert. Er erhob sich alsbald, +reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold +mit widerwilliger Höflichkeit und verschwand. +Nach einer langen Pause sagte Anna Borromeo: +»Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« +Mit beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie +die kupferfarbene Haarkrone zurecht, lächelte Arnold +<span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263"></a>[263]</span>mütterlich zu, stemmte dann beide zur Faust geballten +Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den Boden. +»Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem +Brüten aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast +du aufgehört zu arbeiten und machst dir Ferien? Ich +möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien zu +haben.«</p> + +<p>Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, +was sie sagte, entgegnete Arnold, die Ferientage einer +vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst im +Himmel.</p> + +<p>Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. +Sie beugte sich vor, legte eine Hand auf die Arnolds, +und ihre Augen sahen smaragdgrün aus, als sie erwiderte: +»Kannst du mit meinem Herzen fühlen? +Nein. Es gibt nur einen einzigen Augenblick, auf +den ich mich täglich freue, nämlich der, wenn ich +nachts das Licht auslösche.«</p> + +<p>Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. +Als er gehen wollte, kam Borromeo. Anna erzählte +ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte und schüttelte +den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen +wolle. Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich +zum Bahnhof begleiten, wenn es dir recht ist.«</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während +er selbst mit dem Oheim zu Fuß ging. »Wie lange +willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum +fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du +einen bestimmten Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264"></a>[264]</span>Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ +alle Anzeichen äußeren Mitlebens vermissen. Doch +lag in seinem Gehaben ein so scheues, scheinbar ganz +bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß +dieser ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor +der Abfahrt des Zuges blieb Borromeo ziemlich +schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf +einmal gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen +in betreff der Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug +setzte sich in Bewegung und Borromeo wartete, bis +die Bahnhofshalle leer war.</p> + +<p>Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, +als Arnold im dämmernden Morgen von der Station +nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im Straßenkot +und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst +und der Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht +wenig verblüfft über die Ankunft des jungen Herrn. +Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer angestellt +war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. +Sein rotes Gesicht war zum Ausdruck sklavischer +Ehrerbietung erstarrt. Ursula wollte Rechnungen vorlegen +und die brieflichen Berichte des Verwalters ergänzen, +aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig +damit nichts zu tun haben wolle. »Sie sind größer +und schöner geworden«, meinte Ursula und bewunderte +seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – +nichts entging ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr +Benehmen aber verwandelte sich nach der ersten +Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder +Befehlshaberei wieder anzunehmen, +aber sie merkte bald, daß er darauf nicht einging. Mit +<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265"></a>[265]</span>diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn +in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit +einer Wolke von Respekt, welche alle lebendige Erinnerung +mürrisch verhüllte.</p> + +<p>Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus +wohlbekannter Tasse nahm er das Frühstück ein; alles +mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube war +eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie +Schießscharten, Möbel und Geräte von unbequemer +Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich hinein wie ein +alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch +den Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu +gehen, dachte er darüber nach, wie er es nehmen +würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er +schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.</p> + + + + +<h3><a name="Dreiundvierzigstes_Kapitel" id="Dreiundvierzigstes_Kapitel"></a>Dreiundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen +ein Hauch jener gewaltigen Bewegung nach, +die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie +das Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan +in stillere Regionen verirrt hat. Er freute sich des +weiten Himmels, dessen Wolken einem dünnen Blau +zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des +schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen +der Krähen. Gibt es angenehmere Töne, dachte +er beim Weiterwandern, als das leise Glucksen des +Wassers in den Wiesen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266"></a>[266]</span>Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine +Heiterkeit. Er war überrascht, jedes Häuschen noch +auf seinem Fleck zu finden, blickte lächelnd von Torweg +zu Torweg und schritt über den Platz hinauf +gegen den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter +der Tür seines Ladens, als ob er sich all die Zeit hindurch +nicht von dort gerührt hätte. Die Kreuzspinne +lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen +und nickte freundlich; es war ihm, als hätte er stets +freundliche Beziehungen zu dem Mann unterhalten. +Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges Kompliment.</p> + +<p>Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von +Wind und Wetter schief, verdorrt und zerbrochen. Von +hier aus war der weiteste Ausblick über die Ebene, +die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und +sich glatt wie eine ungeheure Bucht hindehnte. Das +Grab der Frau Ansorge lag auf einem Vorsprung +des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. +Ein einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold +lehnte sich mit dem Rücken an die niedere Mauer-Einfassung +und suchte die Gestalt der Toten erstehen +zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; +buntes Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, +kaum den Rand des Grabes überschreitend, wurde +ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht erwartet; +er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein +hier finden würde. Als er sich gegen den Ausgang +wandte, gewahrte er, ganz in einem Winkel zwischen +Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen, +kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie +<span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267"></a>[267]</span>eines schönen, stolzblickenden Mannes eingelassen und +durch ein Stück Glas verdeckt war. Auf der Fläche +des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus Mailand. +<em class="antiqua">Mal fa chi tanta fè obblia.</em></p> + +<p>Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli +nach Podolin geraten sein? Nie früher hatte er den +alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis bemerkt. +Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen +Worte: schlecht für den, der so viel Treue vergißt. +Eine wunderliche Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies +schien wirklich das Wesentliche allen Lebens und den +Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er +sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er +mit seiner inneren Stimme den Namen Verenas. Auf +dem Rückweg begleitete ihn ihr verschöntes Bild und +als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr +und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es +erschien ihm zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder +sehen würde, und die Einsamkeit, in die er sich versetzt +hatte, kam ihm wie eine freiwillige Selbstprüfung +vor.</p> + +<p>Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich +eilte sie auf Arnold zu und ihren Lippen entquoll eine +unverständliche Flut von Worten. Erst allmählich vermochte +Arnold herauszubringen, worum es sich handle. +Die junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, +der früher Eisenbahnbediensteter gewesen war und +seit fünf Jahren die Wirtschaft seines Vaters übernommen +hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von +achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger +Ochsen gepfändet worden und heute hatte er die Mitteilung +<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268"></a>[268]</span>erhalten, daß die beiden Tiere versteigert werden +müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. +Um dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei +der Mutter Gottes, daß sie es zur Ernte richtig zurückzahlen +wolle.</p> + +<p>Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, +zwar weich gestimmt, doch nur für sich selbst, +wies das Weib ab, dessen lärmendes Getue ihm nicht +angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, +zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging +ins Haus.</p> + +<p>Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang +nach Podolin machte, um Briefe auf die Post zu +tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe eine +Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche +Aufregung verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes +standen sechs Gendarmen. Arnold wollte einen der +Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener +Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr +Ansorge sei und ob das Weib des Kubu gestern bei +ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er selbst sei +der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter +sich gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist +dies das Anwesen des Kubu?« fragte Arnold dagegen.</p> + +<p>Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der +Steuer-Exekutor aus Sobielska beim Kubu in Begleitung +zweier Gendarmen erschienen war. Kubu +sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß +er die Ochsen nicht übergeben werde. Er habe acht +Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß bezahlt, gegenwärtig +sei er aber infolge der Mißernte des vorigen +<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269"></a>[269]</span>Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und +Hof als Pfand an und fügte hinzu: ohne das Vieh +bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, sie +werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide +baten mit erhobenen Händen um Fristung. Es war +jedoch vergeblich. Der Exekutor entschied: entweder +bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe +sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß +ich später mit meiner Familie zugrund gehe. Das +ganze Dorf war zusammengelaufen und nahm eine +drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska +um weitere Gendarmen und wartete, bis diese kamen. +Sie wendeten sich gegen Kubu, um ihn zu fesseln. +Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. +Die Frau warf sich ihm entgegen und flehte: nicht +auf den Kopf! Sie fing den Schlag auf, der dem +Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so verletzt, +daß ein Finger nur noch an der Haut hing. +Dann stellten sich alle Gendarmen zwei Meter von +Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie würden +schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine +Frau bluten sah, sprang er in den Stall, ergriff eine +Heugabel und schrie: die Ochsen können nur über +meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm +die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen +die auf ihn stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es +den Männern, die Frau von dem Häusler wegzuziehen +und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die gepfändeten +Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.</p> + +<p>Während Arnold alles das vernahm, wurde er so +bleich, daß der Expeditor fragte, ob er sich krank fühle. +<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270"></a>[270]</span>Arnold zog seine Brieftasche aus dem Rock, zählte +siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und +sagte: »Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle +es für den Häusler. Zwei Gulden bekomm ich zurück.« +Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut und drückte +Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern +verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des +jungen Gutsherrn. Mehrere drängten sich an ihn und +riefen ihm anerkennende Worte zu. Arnold mußte an +einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen +sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine +nach ihm geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete +siebzig Gulden zu. Er fing an, diese begriff- +und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber er betrog +sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes +Herz empfand Schmerzen der Scham, die es dem +Verstand nicht mitteilte und nicht mitteilen konnte.</p> + +<p>Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, +blieb Arnold stehen und murmelte mit einem +Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen Erleuchtung: +»sollte es möglich sein?« Er stellte sich +vor einen Baum und blickte starr auf die Rinde. +Denn plötzlich begann er den wahren Grund von +Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein +paar Schritte bis an den Waldrand und setzte sich +auf einen gefällten Baumstamm. Ja, er begriff. +Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, +was so deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. +Aber allmählich suchte er doch, sich zu verteidigen. +Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen Augenblick +furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen +<span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271"></a>[271]</span>Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil +ihn sein Kummer rührte. Kein Laut unterbrach die +Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte sich +die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie +aus eigener Kraft durch das Dickicht der Stämme und +des niederen Buschwerks. Arnold empfand ein Verlangen +nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.</p> + +<p>Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten +Tag. Arnold stellte sich zu Ursula in die Küche und +sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei solchem +Wetter!«</p> + +<p>»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das +Leben in der Stadt?« fragte die Alte.</p> + +<p>»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird +man nie fertig. Es ist ein Höllenkreisel. Da heißt +es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. Hier +weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend +ist. Aber dort, zwischen Suppe und Mehlspeise wird +die Welt anders, und wer stillsitzen möchte, der muß +tanzen und springen.«</p> + +<p>»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das +ist kein Unterschied«, sagte Ursula.</p> + +<p>Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet +oder schneit«, sagte er, »merkt man es gar nicht in der +Stadt, denn alle Straßen und Plätze haben Glasdächer +und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«</p> + +<p>Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem +alten Weib kann man erzählen, daß der Leineweber +die Kartoffeln macht.«</p> + +<p>Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes +Wetter, dachte er und würzte diese einförmige Betrachtung +<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272"></a>[272]</span>mit einem humoristischen Seufzer. Er entschloß +sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. +Als er bis auf den Hauptplatz gekommen war, mußte +er in einem Flur Schutz suchen, denn ein wahrer +Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine +krumme Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem +Rücken, flüchtete gleichfalls herein, stützte das Paket +auf den Mauerabsatz und wischte das nasse Gesicht +und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. +Der Jude streckte ihm die Hand entgegen, und sein +Gesicht strahlte vor Vergnügen, als er ihn erkannt +hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab +ich mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. +Sind Sie wieder hier jetzt? Un wo waren Sie die +Zeit über?«</p> + +<p>»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. +»Wie geht es Ihnen?«</p> + +<p>»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. +Mit der Peitsche muß man’s treiben.« Er lachte.</p> + +<p>Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken +Regen. Er hätte gern den geschützten Platz verlassen, +denn ihn störte der muffige Geruch, der von +dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine +Frage lag Arnold auf der Zunge, aber es war ihm +nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein +Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, +ihn zu mahnen, und er sagte sich: ich werde ihn bald +bezahlen, früher als er denkt.</p> + +<p>Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. +Arnold nickte dem Hausierer zu und kehrte eilig nach +Hause zurück.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273"></a>[273]</span></p> +<h3><a name="Vierundvierzigstes_Kapitel" id="Vierundvierzigstes_Kapitel"></a>Vierundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. +Der Himmel hatte die Erde noch +einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er +ihr das Frühlingskleid über die noch frierenden +Schultern zog. Arnolds Laune besserte sich; seine +Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden +lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er +irgendwo rastete oder in einem Dorf bei Milch und +Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus der +Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch +müßig sitzen oder liegen. Manchmal bemächtigte sich +Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit der Felder +wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig +erschienen ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, +schattenvollen Täler, die sich nicht tiefer senkten, als +ein Teller unter seinen Rand, die schmutzigen Bauernhöfe, +das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme +Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. +Unruhe flammte in ihm auf.</p> + +<p>Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach +Hause zurück. Noch hatte er nicht den Hauptplatz +erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen +rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka +auf sich zukommen.</p> + +<p>»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, +und zwar durch den Briefträger«, sagte Hanka und +drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und Freude. +Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer +geworden, sein Gesicht länger und farbloser; die +<span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274"></a>[274]</span>schwarzen Augen hatten einen Ausdruck vollkommenen +Ernstes.</p> + +<p>Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht +ganz frei von Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« +fragte er. »Wo waren Sie solange?«</p> + +<p>»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete +Hanka, »und jetzt bin ich hier, weil meine Schwester +erkrankt ist.«</p> + +<p>»So? Was fehlt ihr denn?«</p> + +<p>Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«</p> + +<p>»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es +Ihnen nicht langweilig?«</p> + +<p>Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile +mich nie«, antwortete er.</p> + +<p>»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte +nachdenklich. »Was mich betrifft, ich langweile mich +in hervorragendem Maße.«</p> + +<p>Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus +den Eingeweiden heraufbrummte, machte Arnold +lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr klagen«, +sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«</p> + +<p>»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin +den blühenden Mandeln von Syrakus bis Florenz +nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit verschwiegener +und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka +Arnold an. Hier sah er quellend und in Blüte, was +in ihm selber eine Wüste war. Hier vermutete er +naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit +eines unbefangenen Geistes. Während seines +langen Alleinseins hatte sich das Bild Arnolds in +seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im +<span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275"></a>[275]</span>Stillen zugewandt als der Verkörperung alles dessen, +was seiner Natur niemals auch nur aus der Ferne +hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend, +sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er +beschloß, ihn zu meiden.</p> + +<p>»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« +fragte Arnold. »Die Abende sind sehr lang.« Er zuckte +zusammen, da er gerade dieses nicht hatte sagen +wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen +es war geschehen. Errötend wandte er sich +an Hanka und sagte, mit freundlichem Tadel auf +dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne +das Zeug. Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr +Blut. Das gefällt mir nicht. Verzeihen Sie.«</p> + +<p>Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht +morgen zu Ihnen«, sagte er stehen bleibend und sich +verabschiedend.</p> + +<p>Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das +Bett angenehm, dachte Hanka, als er allein war +und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er +öffnete die Gattertüre und sah neben dem Weg +einen sterbenden Vogel liegen. Betroffen bückte +er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug +langsam unter dem erkaltenden Federkleid, die +Flügel waren schlaff ausgebreitet, die gelben Beinchen +waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und +legte das kranke Wesen in die Küche dicht neben +den Ofen. Der gelbe, mit der Erde beschmutzte +Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des +Herdes, dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen +Perl-Augen, soeben noch von der unbegreiflichen +<span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276"></a>[276]</span>Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun +mineralisch leer.</p> + +<p>Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt +und hilflos wie sie lag, erinnerte sie ihn an den +Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er unterhielt +sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie +lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres +Bruder schnell vergangene Ehe. Es waren darüber +nicht drei Sätze gewechselt worden, und Agnes war +nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. +Sie sah ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit +Worten zu bezeichnen war. Dies ist Beates Werk, +glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war es +im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der +Sturm kann darüber erhaben sein, daß ihn taube +Ohren für das Summen einer Fliege halten.</p> + +<p>»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte +Agnes, sich aufstützend. In dem milden, mattblauen +Himmel sah sie die knospenden Zweige der Bäume +schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen +solle, nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war +Jean Paul; sie hatte nie etwas anderes gelesen. +Früher hatte Hanka die ihm altmodisch erscheinende +Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem +faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu +finden. Jetzt aber hatte er eine bessere Ansicht darüber +gewonnen.</p> + +<p>Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die +Kranke bezeichnet hatte, setzte sich hin und las mit +sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut hören +könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes +<span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277"></a>[277]</span>Auge überblickt hatte. Er schwieg und +las für sich: Sobald wir anfangen zu leben, drückt +das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes +ab. Er fliegt so lange, als wir atmen und wenn er +ankommt, hören wir auf. O stürben wir doch auch +so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann +diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.</p> + +<p>Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch +sinken. Er entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und +ging in den Garten. Ihn quälte die Einsamkeit. Er +sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, nach +ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel +drückte auf ihn nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete +er jetzt, wie viele Tausende von schwarzen +Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, +ihn zerbissen und in geteilten Haufen die roten Stücke +fortzerrten. Voll Ekel wandte er sich ab. Er nahm +Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und +fand ihn im Garten auf und ab gehend, wie er +selbst vorhin getan. Sie setzten sich auf eine Bank +und plauderten. Der Garten und besonders seine +parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte +dürre Zweige lagen umher und ein Teppich feuchter, +brauner Blätter leuchtete in der Sonne. Die Spatzen +lärmten und auf den Feldern schritt schon der pflügende +Bauer.</p> + +<p>Das Beisammensein der beiden Männer trug den +Ausdruck gegenseitiger, natürlicher Achtung. Arnold +sprach von der Landwirtschaft und erwähnte, daß er +sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde +nicht die Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, +<span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278"></a>[278]</span>die ein Wagnis und Einsetzen verlangten, denn wenn +man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in +sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. +Darum sei es ihm zweifellos, daß das Leben auf dem +Lande für junge Menschen, wenn nicht gefährlich, +doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer +ganz kleinen Überspannung des Temperaments; dies +entging Hanka nicht nur, sondern er hatte auch seine +Freude daran. Er trat aus sich heraus, und das +Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. +Arnold meinte, daß ein solches Wagen und Opfern, +wie er es auffasse, mit Geldgeschäften nichts zu tun +habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig +sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen +stehen habe, empfinde er keine Tätigkeit, +sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand +ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die +Geschichte mit dem Häusler Kubu berichtete. Hanka +sagte: »Solange es nur gute Menschen gibt, die mit +den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die +Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte +man die Menschen erziehen.«</p> + +<p>Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen +Ausflug, aber da Hanka zu träg war, um zu gehen, +wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur bestimmten +Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit +zwei dicken Gäulen bespannt. Langsam ging es über +die Heerstraße; der Tag war noch schöner als der +gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. +Frisch geschälte Baumstämme lagen quer über dem +Graben und glänzten in der Sonne wie Goldbarren. +<span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279"></a>[279]</span>Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im scharfen +Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende +Burschen hockten auf den Leitern; einer +schwang die Peitsche, deren Knallen den ganzen Wald +mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden +Kappen, schrien drohend und lachend drauflos. Das +Fuhrwerk kam näher, auch die Kutsche rollte schneller. +Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre beiden +Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an +der Erregung teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel +aus der Hand; lachend trieb er die dicken Gäule vorwärts, +und sie jagten nun auch ihrerseits wild dahin. +Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte +den nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden +Augen. Seine Gleichmütigkeit schwand unter einer +grausigen Vorstellung, und er dachte an den Mann +jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter +und Tod über sich erblickt.</p> + +<p>Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre +still. Arnold und Hanka kehrten auf einem +näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine eigentümliche +Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er +verachtete das Ding, welches ihm das Herz auffraß.</p> + +<p>Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. +Das erfuhr Arnold bald. Seine Lebensstimmung +wurde durch das beeinflußt, was Hanka +schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische +Studien. Er spielte und es ist im Grund, +dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten spielt. +Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist +die Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich +<span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280"></a>[280]</span>nieder wie Regen und erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. +Er suchte das Rätsel ihrer Person zu ergründen +und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.</p> + +<p>Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit +kam ein Brief Anna Borromeos. Sie schrieb +an Arnold, daß sie für sein langes Ausbleiben keine +andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus +abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber +lieber Neffe und Freund, wir können dich, so scheint +es, weniger entbehren als du uns. Wir zerbrechen +uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, +indessen du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. +Mein Gatte quält sich mit der Befürchtung, daß du +unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben +könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere +Idee von Anna Borromeo zu geben, als du jetzt in +deine Heimat getragen. Für die Schlechtesten gibt +man sich aus und dem, den man umschließen sollte, +dem sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«</p> + +<p>Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses +Schreiben, durch welches sein Schwanken beendigt +und der Entschluß der Abreise bewirkt wurde. Er +freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka +seinen Vorsatz mit.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281"></a>[281]</span></p> +<h3><a name="Fuenfundvierzigstes_Kapitel" id="Fuenfundvierzigstes_Kapitel"></a>Fünfundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka +ebenfalls in die Stadt zurückkehren und Arnold +war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am +letzten Abend raffte er sich auf und unternahm +endlich eine Durchsicht der Rechnungen und Berichte, +welche ihm der Verwalter vorlegte. Es vergingen +Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, +ihn zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, +daß es nicht leicht war, ihn zu übertölpeln. Er sollte +sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker an die +Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer +Lokalbahn haben wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. +Ungeduldig verschob Arnold den Bescheid, +wodurch freilich nichts gewonnen war.</p> + +<p>Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend +fuhr Arnold gegen die Straße hinaus. Ursula ließ +ein weißes Handtuch flattern, das noch lange zu sehen +war.</p> + +<p>»Ich bin froh, nun geht’s wieder an die Arbeit«, +sagte Arnold. »Weshalb sind Sie so schlecht gelaunt?«</p> + +<p>Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte +verdrießlich auf dem Hals. »Es geht mir schief«, antwortete +er. »Die Montanpapiere sind um zehn Perzent +zurückgegangen.«</p> + +<p>»Was werden Sie tun?«</p> + +<p>»Ich muß verkaufen.«</p> + +<p>»Und dann?«</p> + +<p>»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, – +Arbeit.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282"></a>[282]</span>Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind +zum Müßiggang geboren.«</p> + +<p>Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und +dem Lärm berührt, als sie am Nachmittag in der +Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von +Hanka. Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den +Straßen entgegen. Hier war es nicht von Belang, ob +die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder nicht.</p> + +<p>In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold +die Leute mit dem Gepäck, und während dem trat +Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude +streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war +sehr überrascht, in ihr eine so schöne Frau zu sehen, +denn für sein Auge war sie bisher nur die Gattin +Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, +und obwohl sie beide nie in so vertraulicher Weise +geplaudert hatten, schien es Arnold doch natürlich zu +sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. Anna +war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen +Sätze im Stillen zu ergänzen wußte, und daß +er jenes andeutungsreiche Wesen begriff, welches +zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen +Gewohnheiten entsteht.</p> + +<p>Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen +waren. Zuerst nahm er Stück um Stück in +die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden er gehofft +hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. +Ein Schreiben Wolmuts war dabei, der +ihn benachrichtigte, daß er in die Statthalterei nach +Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich +bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold +<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283"></a>[283]</span>war nicht sehr zufrieden damit; ihm war, als +habe ein guter Geist das Haus verlassen.</p> + +<p>Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den +Regalen, rief den Diener, damit die Bände abgestaubt +würden, und ordnete alles mit peinlicher Sorgfalt +nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. +Die Schreibereien legte er Blatt auf Blatt zusammen +und spannte das Gleichartige zwischen Drähte. Er +ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche +klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, +Spinneweben, Flöhen und setzte alles im Haus in Bewegung.</p> + +<p>Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka +auf. In der Villa wurde ihm gesagt, Hanka wohne +in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er +hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand +ihm, daß er den größten Teil seines Vermögens +an der Börse verloren habe.</p> + +<p>Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. +Plötzlich begann Arnold von Verena zu erzählen. +Die Ereignisse verschoben sich sonderbar in seinem +Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten +sie romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, +ein Liebesabenteuerchen wie hundert andere zu erzählen, +verwischte den natürlichen und so ruhigen +Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus +der Geschichte. Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen +Verena, und mehr als den Verlust seines +Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene +Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher +Erregung begann er von neuem, Verenas seltene +<span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284"></a>[284]</span>Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt man +sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka +wurde immer mißtrauischer und betrübter. So sehr +er Äußerungen des Temperaments achtete, so sehr +schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.</p> + +<p>Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und +begnügte sich mit der Feststellung der Tatsache. Er +ging an den Ereignissen vorüber wie man im Flur +eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen +man nicht wohnt. Aber da sein alles voraussehender +und stets auf das Schlimmste vorbereiteter Geist von +Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der Millionen +Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde +all sein Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes +Verantwortlichkeitsgefühl erdrosselt. Hanka dachte +an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es, wenn +deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; +und grübelte mit dem heiligen Augustinus: Woher +diese Unnatur? und warum? Der Geist gebietet dem +Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet +sich selbst und findet Widerstand.</p> + +<p>Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er +verbrauchte alle Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden +Erregungen am Kartentisch. Hier sah er +alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden +Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, +das vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im +Weltraum lauernde Ungefähr, welches als Zufall, +mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal, +das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und +großen Gerichtshof für die Lebendigen bildet. Aber +<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285"></a>[285]</span>betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er hatte +das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In +wenigen Wochen verlor er gegen fünftausend Gulden. +Als die Summe voll war und sich der Weg deutlich +zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm +eigenen Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde +keine Karte mehr berühren.«</p> + +<p>Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn +von Arnold trennte, war sein erster Gedanke, den +Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat, +sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, +Koffer, Bücher, Betten lagen durcheinander; Arnold +hantierte mit rotem Kopf auf einer Leiter, der Diener +war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold +herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es +Arbeit, wie Sie sehen.«</p> + +<p>»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte +Hanka etwas verdrießlich.</p> + +<p>»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang +mit einem Satz auf den Boden und rollte eifrig einen +Strick über die Hand. »Hier ist mir alles zu klein. +Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen +Zimmern. Man muß atmen können.«</p> + +<p>»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich +dachte, wir könnten eine kleine Spazierfahrt unternehmen.«</p> + +<p>»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener +und gebot ihm, einen Wagen zu besorgen. »Ich habe +schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er und bahnte +sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem +Lächeln die Hand drückte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286"></a>[286]</span>»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie +das stille Haus hier verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles +ist alt und krumm hier im Haus. Wenn man ordentlich +auftritt, krachen die Bretter im Boden. Es wird +zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. +Das ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, +der reinste Palast. Und etwas hab ich gekauft, Hanka! +Da werden Ihnen die Augen vor <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Erstauen'">Erstaunen</ins> herausfallen.« +Er lachte, auch Hanka lächelte.</p> + +<p>»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, +als sie im Wagen saßen, der die Richtung gegen den +Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie gut +die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.«</p> + +<p>»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig +in den vollkommen blauen Himmel.</p> + +<p>»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch +über schlechtes Wetter?«</p> + +<p>»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir +dabei nicht so wohl ist, wie es die Beschäftigung des +Schnurrens mit sich bringen sollte.«</p> + +<p>Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte +Fuhrwerk sauste geschwind die breite Allee hinab und +mit gleicher Geschwindigkeit flogen zurückkommende +Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter +tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich +begehrlich. Unersättlich im Wunsch, ließ er die Augen +über die Massen hingleiten, welche sich auf den Fußwegen +drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre +<span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287"></a>[287]</span>Herzen schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß +vom andern, jeder birgt in sich die größte Fülle der +Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der Armut, und +Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel +zu richten, tätig nach außen werden zu lassen, was +zerstörend im Innern wirkte, aber er rast an ihnen +vorbei zu andern Sternen.</p> + +<p>Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud +Hanka zum Tee ein. »Anna Borromeo hat mich +längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet +in Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im +Schritt, Dampf entstieg ihren Lenden, gleichwie auch +von den Straßen der schwüle Dampf der Arbeit +emporstieg.</p> + +<p>»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold +im Vorzimmer der Borromeoschen Wohnung. +Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen +Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte +Hanka vor und wurde selbst mit den fremden Damen +bekannt gemacht.</p> + + + + +<h3><a name="Sechsundvierzigstes_Kapitel" id="Sechsundvierzigstes_Kapitel"></a>Sechsundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im +Belvederegarten stattfinden und wozu der Kaiser +und der ganze Hof kommen sollte. Der Leutnant Valescott +hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden +Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei +mitzuwirken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288"></a>[288]</span>»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee +beitrittst«, sagte Anna Borromeo.</p> + +<p>»Beschlossen worden?«</p> + +<p>»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen +machen«, sagte die Baronin.</p> + +<p>»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte +Valescott hinzu.</p> + +<p>»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, +erwiderte Arnold verlegen.</p> + +<p>»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen +sind. Sie sollen nur Figur machen.«</p> + +<p>»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, +meinte Hanka trocken.</p> + +<p>Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, +deren kluges und etwas verdrossenes Gesicht +sich bloß für einen Augenblick erhellte.</p> + +<p>»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, +fuhr Valescott eifrig fort. »Das Spiel behandelt +nämlich die Sache vom Narziß in etwas modernisierter +Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch +dieser Tage zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie +haben wirklich nichts weiter zu tun als eine Pose anzunehmen. +Die Verse werden von einem Schauspieler +gesprochen.«</p> + +<p>»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold +lachend.</p> + +<p>Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf +und verabschiedete sich. Er wurde mit Kälte entlassen.</p> + +<p>»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte +Anna Borromeo, als er fort war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289"></a>[289]</span>Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem +er kommen wollte.</p> + +<p>Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. +Das Pflaster war rot vom Sonnenuntergang, auch +der Staub in der Luft schimmerte farbig.</p> + +<p>Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken +einem Manne nach, der soeben an ihm vorübergegangen +war; einen langen Bart und trübe, fast erloschene +Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, +Elasser sei es gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, +konnte ihn aber nicht mehr einholen. Er blickte in +die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in die +Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl +stehen. Und plötzlich sah er die Erscheinung, +zurückkehrend, zum zweitenmal, – es war nicht +Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er +setzte seinen Weg fort und erwog im Stillen einen +Plan. Er suchte das nächste Postamt auf, schrieb +eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie +an den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, +als er wieder die Straße betrat.</p> + +<p>Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In +den saalartigen Zimmern waren überall noch Leute +beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie +im Laden eines Trödlers.</p> + +<p>»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, +meinte Hanka und machte einen Riesenschritt über +eine flache Kiste. Arnold führte ihn durch ein halbdunkles +Zimmer in einen vollständig finstern Raum +und sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf +dreier elektrischer Lampen auf und es entstand blendende +<span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290"></a>[290]</span>Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf +breitem Postament der marmorne Antinous.</p> + +<p>»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach +einigem Stillschweigen.</p> + +<p>»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«</p> + +<p>»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie +haben es gekauft? Eine wertvolle Sache.«</p> + +<p>»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold +fast schüchtern.</p> + +<p>»Ganz gut. Sehr schön, – vorausgesetzt, daß Sie +keine Tendenz damit verbinden.«</p> + +<p>»Was soll das heißen?«</p> + +<p>»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so +weiter.« Hanka ging mit seinem sonderbar stampfenden +Schritt umher, hatte die Hände fest auf die Hüftknochen +gestemmt und so schien alles an ihm in einer +Art Bewegung, ausgenommen die Augen, die in eine +eingebildete Tiefe starrten und zwei Ebenholzkugeln +glichen.</p> + +<p>»Und wenn ichs täte –?« erwiderte Arnold. »Ich +weiß nichts davon, aber wenn ichs täte –?«</p> + +<p>Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, +sagte er. »Ich meine nur, damit haben wir nichts +zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen unsere +Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns +schon Ideal genug, ein anständiger Mensch zu sein. +Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer eklen Mundbewegung, +als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt +hätten, »wollen Sie wirklich ein lebendes Bild +machen –, dort?«</p> + +<p>»Ich denke nein«, entgegnete Arnold.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291"></a>[291]</span>Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold +stand am Fenster, und blickte auf die Statue.</p> + +<p>Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen +Figur, aber wenn sie ihm gleich in Hankas +Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte er jetzt +nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er +lauschte gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches +Kochen, Surren und Zittern drang zu seinem +Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort war +Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger +erfüllte Arnolds Brust. Ohne Zögern hätte er all das +Unbekannte an sich reißen mögen, anstatt hier zu sitzen +und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung, nicht +Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht +Wissenschaft war es, wonach dies Unersättliche Verlangen +trug. Kein Wort konnte es benennen, kein +Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten +Rachen, für den die Millionen eines Goldbergwerks +nur ein verächtlicher Bissen, die Umarmung der Psyche +kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im +Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der +Ahnung umhergetrieben, schien es ihm, als ob sein +blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn ehedem +hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was +er ehemals begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche +waren beschäftigt, ihm ein reizendes Wandelpanorama +der Welt zu malen, dessen entzückter Betrachtung er +sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher +kam es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer +kroch, wie eine Spinne, deren feine Fäden +das Herz umspannen und es kalt und lustlos machten?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292"></a>[292]</span>Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen +der veränderten Anlage eines Kapitalsteiles zu reden. +Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen; was er +anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei +traf er den Oheim nicht. So wartete er bis zum +Abend und ging dann in die Wohnung. Als er angepocht +hatte und eintrat, standen Borromeo und +Anna einander gegenüber. Beide waren blaß.</p> + +<p>»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. +Frau Anna sah ihn mit einem durchbohrenden Blick +ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo lächelte +dünn und leer.</p> + +<p>»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. +Mit einem trägen Nicken gegen Arnold verließ sie +das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der +Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in +Brand.</p> + +<p>Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht +seinen Segen geben. Mit halbgeschlossenen Augen +und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf +und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den +Bart unter dem Kinn empor und zog die fahlen +Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er stehen, +lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen +war, und finster lag der große Raum des +Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur +zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach +kurzem Hinausstarren wieder schloß. Die Augen +emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen, +im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293"></a>[293]</span>»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, +sagte er. Er hatte etwas ganz anderes unterdrückt, +das ihm zu sagen näher lag.</p> + +<p>»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. +»Der Verwalter scheint mir nicht zuverlässig, Ursula +wird alt. Ich möchte das Ganze losschlagen. Es ist +ein Stein am Hals.«</p> + +<p>Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten +verstreut lagen. Er nahm einen Pack in die +Hand und zog einen König heraus, den er düster betrachtete.</p> + +<p>»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.</p> + +<p>Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann +nicht raten«, sagte er leise. »Ich bedürfte selbst des +Rates. Warum willst du deine Heimat verkaufen?«</p> + +<p>Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer +Unwille erhob sich in ihm gegen die eisige Trauer +dieses Mannes.</p> + +<p>»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.</p> + +<p>Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, +als er den verehrenden, klaren, gläubigen +Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte. Er vermochte +nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde +lang zumute wie damals, als er in Verenas Hause +in den Spiegel geschaut, um zu sehen ob sein Bild +auch wirklich darin sei.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294"></a>[294]</span></p> +<h3><a name="Siebenundvierzigstes_Kapitel" id="Siebenundvierzigstes_Kapitel"></a>Siebenundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen +Feld und bei jedem Schritt, den er zu machen +versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück. +Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte +Kopfschmerzen. Er konnte nicht mehr einschlafen, +machte Licht, nahm ein Buch und las. Während +des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung +alle Bekannten und Freunde an einem Abend +zu versammeln. Er beschäftigte sich mit der Zusammenstellung +köstlicher Speisen und seine Phantasie +schmückte im voraus die Räume. Antinous +sollte eine Rosenguirlande über der Schulter tragen. +Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, viel +zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat +ging er am Morgen zur Universität, um eine Vorlesung +zu hören, schrieb fleißig mit und zwang seine +widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.</p> + +<p>Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl +er dort für sich hatte kochen lassen, sondern in ein +Restaurant, welches in der Nähe der Oper lag. Es +war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold +hatte Lust bekommen, gute und seltene Dinge +zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn in der Luft. +Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, +der vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. +Als er am Tisch saß, gewahrte er gegenüber an +der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und Beate. +Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen +<span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295"></a>[295]</span>seines Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner +Hand, und eine erbsengroße Perle steckte in seiner +Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in +englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich +bleich, müde, langgezogen und hatte den Ausdruck +einer maskenhaften, kalten Anständigkeit. Als Arnold +grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht. Specht +schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, +nach einer Weile kam er herüber und drückte Arnold +die Hand. Er zeigte eine boshafte Förmlichkeit in +seinem Benehmen.</p> + +<p>»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. +Seine Miene suchte jede überflüssige Annäherung im +voraus abzuweisen.</p> + +<p>»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte +Specht und nahm mit einer leichten Verbeugung +Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich höre«, +fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen +die eine <ins class="correction" title="Transcriber's note: fixed closing to opening quotes">Schulter. »Sie</ins> haben vorteilhaft in bulgarischer +Rente spekuliert, erzählt man sich.«</p> + +<p>Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte +das weiße Fleisch sorgsam von den Gräten. Er lächelte.</p> + +<p>»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte +Maxim Specht plötzlich in heiterer Belebtheit, »und +es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz unheimliche +Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich +hatte mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft +verabredet. Wir wollten nach dem Theater im +Stephanskeller essen und hatten ein separiertes Zimmerchen +bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, +und der Oberkellner nennt mir die Nummer des Zimmers. +<span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296"></a>[296]</span>Das Theater ist aus, ich gehe hin, der Kellner, +der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und +ich höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. +Da passiert mir das Unglück, ich muß die Nummer +des Zimmers vergessen haben, daß ich nun eine falsche +Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen +Baron Valescott und –«</p> + +<p>»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und +legte die Gabel auf den Tisch.</p> + +<p>Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: +»Namen sind verpönt, Sie haben Recht. Aber Sie +verstehen mich hoffentlich. Ich sah später noch dieselbe +Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen +Schleier, es war Mitternacht, als sie gingen. +Baron Valescott hatte sich beim Kellner erkundigt +und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, +der mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten +hier ebenso erfolgreich den Wahrheitsmann machen +wie damals Hanka gegenüber. Die Wahrheit ist eine +sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht +... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, +auf Wiedersehn.«</p> + +<p>Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die +Eßlust eingebüßt, zahlte und ging. Zorn gegen Specht +erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer, allgemeine Tatensehnsucht, +aber es dauerte nicht lange, so senkte sich +ein wohltätiger Schleier über das unharmonische +Wogen der Gefühle.</p> + +<p>Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott +zu gehen. Das Haus, welches die Familie bewohnte, +lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer +<span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297"></a>[297]</span>jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche +Majestät, in eine enge, finstere, wurmartig gekrümmte +Gasse verdrängt, sich ganz in Melancholie verwandelt +hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde, +war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine +stuckverkleidete Decke, von der ein altmodischer, kostbarer +Kronleuchter herabhing. Der Diener kam zurück +und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick +zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge +möge bestimmt auf ihn warten.</p> + +<p>Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte +ruhig auf die einsame Gasse hinab. Während er bemüht +war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in +sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im +Nebenraum und ein wiegender Gesang, sehr gedämpft +durch die geschlossene Türe und die dicke Portiere. +Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine +Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. +Lächelnd schob er die Portiere beiseite, drückte auf +die Klinke, öffnete behutsam und steckte den Kopf +vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß +am Klavier und spielte mit einer müden, doch rhythmisch +schaukelnden Bewegung des Körpers. Das +brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, +hing tief über den Nacken und gab der Gestalt von +rückwärts etwas Nachlässig-Verträumtes. Die andere +Schwester und noch ein sehr junges Mädchen tanzten +auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie +hielten einander zag bei den Händen. Die ältere der +beiden war im Straßenkleid; die jüngste trug ein +Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen reichend, +<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298"></a>[298]</span>violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen +Farbe. Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen +bekränzt, und in der Hand trug sie einen +Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.</p> + +<p>Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. +Sie schrie und lief davon. Die Spielerin erhob sich +erschreckt, aber bald lachte sie mit der zweiten Schwester +im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch +einmal eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche +die gewandteste war. Die Älteste blieb still mit rückwärts +verschränkten Armen am Flügel stehen. In +ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber +ohne Frohsinn. Sie schien weder leichtsinnig noch +ernst. Ihre schlanke Gestalt machte den Eindruck der +Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander entgegenwirkenden +Kräfte gestört wurde. Ein seltsames +Gemisch von Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn +war an ihr auffallend.</p> + +<p>Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun +weiß ich noch nicht einmal Ihre Namen.«</p> + +<p>»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.</p> + +<p>Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und +verzweifelt, bis die Mädchen ihm zu Hilfe kamen. +Felicia hieß die älteste, Dora die zweite und die +jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.</p> + +<p>»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.</p> + +<p>»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, +antwortete Dora. »Jedenfalls müssen Sie +auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf diese +Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – +»aber bei Ihnen wollen wir eine Ausnahme machen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299"></a>[299]</span>Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, +schlug leise einen Mollakkord an.</p> + +<p>»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte +Dora, indem sie Platz nahm. »Erzählen Sie uns +doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«</p> + +<p>»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.</p> + +<p>»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder +Träume.« Dora lachte.</p> + +<p>»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man +Träume erzählt«, sagte Arnold. Er stockte, schwieg +und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar ein +wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen +Lippen. Das gerade schien die Mädchen wunderbar +zu berühren. Dora blickte voll ernster Aufmerksamkeit +in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz +über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die +Hände in den Schoß und lauschte. »Ich erinnere +mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen sonderbaren +Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne +Pferde. Auf einer Mauer stand geschrieben: diese +Pferde können sprechen. Eine Glocke hing über der +Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine +Pferd sein Maul auf und sagte: wer reiner Hände +ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete mich, mir grauste +und ich lief davon. Aber damals verachtete ich +Träume.«</p> + +<p>»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.</p> + +<p>»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein +schmuckloses Land, eine Ebene, Wald, ein Hügel, ein +schmutziger Fluß. Aber wenn ich zurückdenke –! +Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes. +<span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300"></a>[300]</span>Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der +Nähe der wilden Kapelle, wie sie genannt wird. Ein +ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht mich +aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke +nichts dabei, niemals dacht ich über etwas nach. Ein +paar Tage später heißt es, der Waldhofbäuerin ist +die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr +angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger +Rosenkranz vergraben ist. Am Sonntag strömen +Tausende aus allen Dörfern hinaus, die bucklige alte +Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht +bei der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und +gräbt mit bloßen Fingern die Erde, die tausend +Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen, +beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den +Händen in den Boden, als meine Alte ihren gefundenen +Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte fallen +über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn +sie ist jetzt eine Heilige, und jedes will seine Reliquie +haben. Die rohesten Bauern küssen sie, heulen und +sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen +Menschen.«</p> + +<p>Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, +in vorgebeugter Haltung blickte sie anscheinend +ruhig zu Boden.</p> + +<p>»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme +vom Flur.</p> + +<p>Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig +und ging hinaus.</p> + +<p>Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und +fragte: »Warum spielen Sie nicht?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301"></a>[301]</span>»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, +indem es ihn mit prüfenden Augen ansah und die +linke Hand rückwärts auf den Haarknoten legte.</p> + +<p>Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, +und sie küßten einander hastig wie Verbrecher. Arnold +blickte trüb vor sich hin.</p> + + + + +<h3><a name="Achtundvierzigstes_Kapitel" id="Achtundvierzigstes_Kapitel"></a>Achtundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Valescott und die Baronin traten mit Dora ins +Zimmer. Der Leutnant zog Arnold sogleich beiseite +und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe. +Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte +er ihm die Hand.</p> + +<p>Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. +Die Baronin sagte, sie lasse bitten. Dann forderte +sie mit anmutiger Handbewegung Arnold auf, +ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte +sie die beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und +den alten Baron Drusius. Der Tisch zum Tee war +gedeckt.</p> + +<p>Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. +Drusius knackte wie immer mit seinen Fingern. Dora +starrte wie verzaubert auf seinen riesigen Kehlkopfapfel, +der sich beim Sprechen auf und abbewegte. +Herr von Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, +rundes Gesicht und freundliche, höflich-aufmerksame +Augen hatte, wandte sich zuvorkommend an Arnold. +»Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« +<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302"></a>[302]</span>sagte er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren +in ... Podolin?«</p> + +<p>»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte +Arnold.</p> + +<p>Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei +Jahre lang Gerichtsadjunkt in der Nähe, in Lomnitz, +Sie werden das Nest kennen.«</p> + +<p>»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.</p> + +<p>»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche +Mann mit einem Aufschlagen seiner Augen fort, »es +war eine schreckliche Zeit. Nichts als Bauern und +Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, +Herr Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre +mit dem Juden Elasser –? Sind Sie es vielleicht +selbst, der damals, wie soll ich sagen, so starken Anteil +daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«</p> + +<p>»Jawohl«, erwiderte Arnold.</p> + +<p>»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden +mit aufrichtigem Erstaunen fort. »Es ist ja schon +ziemlich lange her, ich erinnere mich nicht mehr genau, +ein Lehrer dort namens ... namens ...«</p> + +<p>»Specht?«</p> + +<p>»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir +von Ihnen erzählt.«</p> + +<p>Alle blickten auf Arnold.</p> + +<p>»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, +der sich ein wenig verfärbt hatte. »Es handelte +sich doch um öffentlichen Raub –?« Er heftete den +Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.</p> + +<p>»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr +von Gröden bereitwillig, »aber immerhin, das verrottete +<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303"></a>[303]</span>jüdische Gesindel muß ein wenig gepeitscht +werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese +Leute nicht unserer differenzierten Empfindung zugänglich +sind. Das Mädchen wird es im Kloster +tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem +sie aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man +deshalb aufgeschlagen hat, war doch nur eine verabredete +Komödie. Sie müssen doch zugeben –«</p> + +<p>»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie +können Sie so sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener +der Regierung? Als ich zum erstenmal davon hörte, +ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das +gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. +Aber wie können Sie es entschuldigen? Kein Mensch +darf das wagen, der selbst darauf angewiesen ist, daß +man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. +Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, +oder Ihre Bequemlichkeit zu urteilen, so +bleibt doch eine so ungeheure Versündigung übrig, +daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich +konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt +brach zusammen wie unter einem furchtbaren Fußtritt. +Man raubt ein Kind, man will es zwingen, +die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, +was für eine Religion, das ist doch gleichgültig, und +nichts geschieht, keine Gerechtigkeit gibt es, das +Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden von +Komödie!«</p> + +<p>Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst +seiner Worte war mit dem Gefühl der Erleichterung +verbunden, welche ihm dieser Ausbruch verschaffte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304"></a>[304]</span>Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, +sagte er, »ein wackeres Wort. Ich hab es immer +gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der +Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend +auf die unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie +reichte Arnold die Hand über den Tisch und sagte +mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus +dem Herzen gesprochen.«</p> + +<p>Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit +erhob er sich und nahm ziemlich verstimmt Abschied.</p> + +<p>»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu +ihren Töchtern, »die Oper beginnt um halb sieben. +Herrn Ansorge macht es vielleicht Vergnügen, mit in +unsere Loge zu kommen –?«</p> + +<p>Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde +zu spät werden, bis er sich umgekleidet hätte. Aber +der Leutnant drängte ihn und erbot sich, ihn zu begleiten.</p> + +<p>Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen +von allem möglichen. Er war äußerlich von sehr angenehmer +Wirkung, hübsch, außerordentlich gepflegt +und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich +erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab +ich mit verheirateten Frauen zu tun«, sagte er kühl +und wissenschaftlich, »es ist oft gefährlich, gewiß, aber +in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die +Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an +Gefühl steht in einem vollkommen richtigen Verhältnis +zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«</p> + +<p>Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses +erstaunlich. Er blieb plötzlich stehen, als ob er +<span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305"></a>[305]</span>etwas erwidern wollte. Er dachte an das heutige +Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte +etwas wie ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. +Es war noch nicht lang genug her, daß er eine entrüstete +Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte +Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die +Schulter geklopft und hatte gesagt: ein wackeres Wort. +Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine Aderlässe für +das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. +Man konnte nicht schon wieder, man konnte nicht +zweimal hintereinander den Moralisten machen. Man +wäre lächerlich erschienen, und nur nicht lächerlich +werden, alles nur das nicht.</p> + +<p>Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit +großer Eile seinen Frack an, um keine Zeit zu verlieren, +aber er war so betrübt, daß er falsche Knöpfe +in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch +zwei Minuten lang niedersetzte, um nachzudenken.</p> + +<p>Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die +Oper. Als Arnold seine Blicke über die Reihe der +geschmückten Damen schweifen ließ, die an den +Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder +jenes berauschende Machtgefühl eines Menschen, der +zu besitzen erhoffen kann, was immer sein frechster +Traum umspannt.</p> + +<p>Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die +Baronin während der Pausen zu besuchen. Er bemerkte +wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich, +herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich +seien, durch die er eroberte. Um nicht zu verlieren, +was ihm einmal gehörte, beobachtete er sich +<span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306"></a>[306]</span>und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia +hatte hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es +unwürdig, mit einer lebendigen Seele zu spielen. +Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich zurück und das +ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine +Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, +die sie nie zuvor an irgend einem Mann bemerkt. +Aber ihr Herz war ohne Halt.</p> + +<p>Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen +sich als zu kurz, die Nächte ebenfalls. Wie +reich erschien ihm das Leben! Er geriet in Bestürzung, +wenn er überlegte, wie wenig auch bei der +günstigsten Fügung von diesem Reichtum für ihn abfallen +konnte.</p> + +<p>Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo +wegen der schwebenden Kapitalsangelegenheit. Er +bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es zwei +Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr +hin. Durch einen düstern Flur kam er in ein großes, +gewölbeartiges Zimmer mit plumpen Möbeln und +hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch +geordnet standen. Unbefangen setzte sich Arnold in +einen lederbezogenen Sessel, Borromeo gegenüber, +dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien, während +die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte +seine Stärke, seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem +finsteren Gewölbe doppelt. Da geschah das Grausige, +daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet, ein +heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts +von einem Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden +mußte sich das Wetter geballt haben. Er hörte Spechts +<span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307"></a>[307]</span>Worte wie ein Echo des Donners in seinem Innern: +»Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald +sehen werden ...« Auch damals war ein Gewitter, +als ich zu Hanka kam, dachte Arnold.</p> + +<p>»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, +sagte Borromeo, nachdem er flüchtig gegen das Fenster +geschaut und dem Verrollen des Donners nachgelauscht +hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. +Ich habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.«</p> + +<p>Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie +selten zuvor. Soll ich reden? dachte er und wußte +doch schon, daß er nicht reden würde. Er blickte auf +den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die +Konjunktur ist aber günstig. Das Unternehmen hat +jetzt gute Aussichten. Das übrige ist Sache des Glücks.«</p> + +<p>Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente +hatten keine Macht mehr über Arnold.</p> + + + + +<h3><a name="Neunundvierzigstes_Kapitel" id="Neunundvierzigstes_Kapitel"></a>Neunundvierzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung +des großen Blumenfestes gehört, als sie, +von einer schwindelnden Aufregung ergriffen, alles +Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen +zu dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin +vorgestellt zu werden, ein paar leutselige Worte zu +erwischen und beglückt eilte sie nach Hause. Sie sollte +zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt +für Zuckerwaren erhalten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308"></a>[308]</span>Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: +»Petra, denk dir –!« Und sie erzählte. Aber Petra +zeigte sich nicht besonders gerührt von den Erfolgen +der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht +sei, bei der täglich schlimmer werdenden Krankheit +der Mutter an Vergnügungen zu denken. Petra +hatte Pflichtgefühl.</p> + +<p>Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von +allen Wärmegraden abhängig, welche die Luft der +Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre Kinder, ihr +Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald unterhaltende, +bald langweilige Spielerei.</p> + +<p>Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest +gerichtet. Für nichts anderes hatte sie Teilnahme. +Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön bleiben +werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur +Milchfrau ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. +Sie bezog das ganze Weltall auf das Gelingen +ihrer Wünsche.</p> + +<p>So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam +um elf Uhr morgens und sofort begann Natalie sich +anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus blauer +Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie +Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um +zwölf Uhr kam die Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte +Veilchen wurden in das dunkle Haar verwoben. +Um den Hals legte Natalie eine goldene +Kette, an welcher über der Brust ein rundes Medaillon +mit einem schönen Edelstein befestigt war. +Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine +Viertelstunde dauerte, und so, blauseidene Schuhe +<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309"></a>[309]</span>und blauseidene Strümpfe an den Füßen, trat Natalie +in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und +Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren.</p> + +<p>Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff +aus einem großen Ballon, welchen die Wärterin hielt. +Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr sinken +und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln +nicht verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, +du gehst zum Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und +ihre Stimme glich einem rauhen Krächzen. »Auch ich +war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein +Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? +Recht so. Sie ist ein philosophisches Kind, meine +Petra. Sie war immer überlegt und taktvoll.«</p> + +<p>»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd.</p> + +<p>Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein +Sänger, der bemerkt, daß er vor tauben Ohren singt. +»Glaubst du, daß das Kleid zu tief ausgeschnitten ist?« +fragte sie ihren Mann.</p> + +<p>»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, +»ich habe andere Sorgen, das kannst du mir +glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch in +der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich –« +Er rieb sein Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, +fuhr er wütend fort, »ich traue mich nicht eine Zigarre +zu kaufen und du –« Alle starrten ihn entsetzt an. +Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick +die Wärterin und begann plötzlich französisch zu reden, +wobei jedoch das Wort <em class="antiqua">alors</em> die Hauptrolle spielte; +mehr war kaum zu verstehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310"></a>[310]</span>Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. +Sie glaubte weder an ihre Krankheit noch +glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß +sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie +einem Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und +sie haßte die eigenen Kinder, wenn sie ihr allzudeutlich +zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur +einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, +das war der Arzt. Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, +so glaubte sie den Tod machtlos. Krampfhaft +klammerte sie sich an das Leben wie sie es verstand: +daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann +die Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch +saß, nachmittags in die Geschäfte oder in den +Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der Familie +sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und +tief zu schlafen, zwei Gläser mit Wasser auf dem +Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar tausend +Jahre lang getrieben.</p> + +<p>Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den +Wagen und gelangte noch zu früher Stunde in den +festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses. +Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den +blauen Himmel, nicht das grüne Laub, nicht die +Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten, +nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der +Verkaufszelte, die neugierigen Menschen; ihr war +alles ein unbefriedigender Spiegel für ihre eigene +geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im +Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was +sie sprach und was zu ihr gesprochen wurde. Ihr +<span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311"></a>[311]</span>kleines Herz war leicht und lustig, und nicht mehr +sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster +in die Welt. So hätte es auch Natalie gern +tausend Jahre lang gehabt.</p> + +<p>Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und +weißschaumige Torte, beantwortete mit demselben +inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines jungen +Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich +auch nichts anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit +und erhielt eine Banknote dafür. Anna Borromeo +kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine Glückslotterie +zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie +trug ein Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen +Falten, über den Hüften durch einen kostbaren +mit fünf Smaragden besteckten Gürtel zusammengehalten. +Das rotgoldne, kronengleiche Haar +gab der Gestalt etwas Königliches, das durch das +bleiche Gesicht und den bleichen, unter bläulichen +Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde.</p> + +<p>»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr +neugieriges Kindergesicht drehte sich mit einem Ausdruck +der Verzagtheit und des Neides der schöneren +Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, +wo Arnold im Gespräch mit den Valescotts +stand. Er verbeugte sich aus der Ferne vor Natalie. +Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen +Damen, deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis +erfüllte. Arnold kam herüber und sagte: »Sie +sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, +sie zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu +stimmen. Sie versuchte auch nicht, etwas dagegen +<span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312"></a>[312]</span>einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den Schultern +herab.</p> + +<p>Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht +umdrängt. Gräfinnen, Fürstinnen kamen, mit Natalie +ein freundliches Wort, einen Gruß zu tauschen, ein +Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige +Dame vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. +Sie sprühte von Geist; die Triumphe betäubten +ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine fremde +Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden +Ehren empfängt.</p> + +<p>Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des +Gartens verteilt. Sich auf den Zehen wiegend, +lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie unter +dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann +bemerkte, dessen Augen hastig unter den Zeltdächern +umherblickten. Dieser düstere, unheilvolle Blick ihres +Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies +Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, +daß sie mit diesem Menschen verheiratet war, und ihn +gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein Peitschenschlag.</p> + +<p>Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt +hatte, sagte er: »Natalie, komm nach Hause, +deine Mutter ...«</p> + +<p>Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als +würde sie plötzlich blind vor Schrecken. Ihre Augen +füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht von der +Stelle.</p> + +<p>»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während +er zu gleicher Zeit neugierig und begehrlich um sich +blickte. »Die Mutter hat einen furchtbaren Anfall ...«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313"></a>[313]</span>»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie +vorwurfsvoll. »Nur noch bis der Kaiser kommt, laß +mich hier.«</p> + +<p>Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing +an, mit dem festlichen Treiben sich zu befreunden und +zu vergessen, was ihn hergeführt. Aber Natalies erwachtes +Gewissen rief. Mit zitternden Händen warf +sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten +Herzen zürnte sie der Mutter.</p> + +<p>Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der +Wiesenwege, die schneller zum Ausgang führten. +»Wohin? wohin?« rief er.</p> + +<p>Natalie schluchzte wie ein Kind.</p> + +<p>Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte +er sich durch die immer dichter werdende Volksmenge +einen Weg zum Zelt der Valescottschen Damen, welche +Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein +einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.</p> + +<p>»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor +das Zelt tretend.</p> + +<p>»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora.</p> + +<p>Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. +Es war nichts. Zum zweiten und dritten Mal, ohne +Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein der +Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von +allen Seiten kamen Neugierige und stellten sich hastig +drängend in engem Halbkreis auf. Hinter den Zelten +wurden die Damen des Festes und mehrere Herren +sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung +Arnolds aus den Augen. »Ich habe kein Geld mehr«, +sagte Arnold und blickte sich um. »Aber Kredit, so +<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314"></a>[314]</span>viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei +Hände voll Lose und schrieb einen Schuldzettel über +fünfhundert Gulden. »Bravo Narziß!« rief Valescott, +der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war; die +Damen klatschten in die Hände, und einige waren +ihm behülflich, die Röllchen zu öffnen. Die Leute +drängten sich näher. Arnold griff nach beiden noch +gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und +warf den leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der +Leute hinweg. Unzählige Hände streckten sich aus, +und in beängstigender Kreiselbewegung drehte sich +die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das +tolle Wesen erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der +Kaiser!«</p> + +<p>Die Musikkapellen traten zusammen und spielten +die Hymne, Soldaten schoben die Menge auseinander, +und es bildete sich eine Gasse, durch welche von fern +der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr +Arnold durch den Körper. Wie in einem früheren +Dasein sah er sich selbst, mit törichten Erwartungen +auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen +blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte +weit, nickte lächelnd und ging vorüber, durch das +schweigende Volk.</p> + +<p>Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen +Ende des Gartens war Feuerwerk.</p> + +<p>Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme +Welt versammelte sich im Schloß, um die Tänze und +lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter den +Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des +Gartens.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315"></a>[315]</span>Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu +sich selbst kommen. Aus der Ferne kam das alberne +Klappern der Musik und das Geschrei der Menschen, +des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. +Arnold zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von +rückwärts umfaßt, und eine Stimme flüsterte: »Schon +lange, schon lange lieb ich dich.«</p> + +<p>Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, +ein weißes Kleid rauschte durch das Laub, die Gestalt +wandte sich noch einmal um und an einem goldenen +Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger +verirrter Lichtstrahlen.</p> + +<p>Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos +lächelnd stehen. Wohl ahnte er, wer ihn umfangen +hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst +hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu +bitten, daß er ihn flüchten lasse oder die Seele in +einen stärkeren Körper presse. Er hob seine Augen +eine Sekunde lang demütig zum Himmel.</p> + + + + +<h3><a name="Fuenfzigstes_Kapitel" id="Fuenfzigstes_Kapitel"></a>Fünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold +machte viele Besuche, aber selten vermochte ihn ein +Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er Hyrtl auf, der +ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden suchte, +aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.</p> + +<p>Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl +von Schauspielern und sonstigen Theaterleuten teil, +<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316"></a>[316]</span>trieb sich nächtelang umher und machte sich die unwahre +Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte +wie jeder Kritik an jedem und urteilte schlecht über +den, dem er soeben vertraut. Seine tieferen menschlichen +Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die witzige +und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das +Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen +und er wurde für eine ursprüngliche Natur +erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge schüttelte +er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere +Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er +wollte unterbrochene Arbeiten vollenden, aber sein +Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle. +Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere +Verabredungen trieben ihn auf, er folgte ihnen gehorsam, +ging hin, war gesprächig, unternehmungslustig, +teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde +größer; er machte Reisepläne und verwarf sie wieder +in der Befürchtung, Wichtiges zu versäumen. Die +Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß; offenen +Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden +Zänkereien wie unter den Parteien eines Hauses. +Ungesammelt begann der Tag, ungesammelt endigte +er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch +die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur +Heuchelei. Mitten in einer Nacht erhob sich Arnold +aus dem Bett und begann den Aufenthalt in diesen +Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka +aufzusuchen, den er seit Wochen nicht gesehen hatte. +Kaum war es Tag geworden, so führte er seinen +Vorsatz aus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317"></a>[317]</span>Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht +mehr dort wohne, sondern ein Logis im dritten Bezirk +bezogen habe. Er nahm einen Wagen und fuhr +hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. +»Wecken Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist +elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein Freund sei da.«</p> + +<p>Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, +und fragte: »Nun, mein Teurer, was führt Sie +zu mir?«</p> + +<p>»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch +am Leben sind«, antwortete Arnold und nahm +neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie +sich unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«</p> + +<p>Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den +Kopf auf den Arm. »Es ist kein gutes Zeichen für +Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie gerade mich +suchen«, sagte er.</p> + +<p>»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und +reden wir vernünftig.«</p> + +<p>Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit +kläglichem Gesicht seine dünnen Beine und fuhr schlotternd +in die Unterhosen. »Was treiben Sie?« orgelte +seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so +großen Lebensappetit?«</p> + +<p>Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und +fragte: »Wer ist das?«</p> + +<p>Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das +ist ein Mann, der früher oder später wahnsinnig +werden wird.«</p> + +<p>»Und deshalb hängt sein Bild hier?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318"></a>[318]</span>»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, +jemand zu sehen, der gar keine Beine hat. +Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.«</p> + +<p>Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, +blieben den Abend über beieinander und trennten +sich erst in der Nacht.</p> + +<p>Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller +zu ihm komme. Er bittet mich um meine +Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem Gegenstand +kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich +ihm davon geben kann, je ärmer wird er daran werden; +ein sonderbares Rechenexempel.</p> + +<p>Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung +zwischen Menschen sah er das Ende voraus und fürchtete +es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß und +Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm +schon Fäulnis entgegen. Ihm hätte es gedient, in +einer wandellosen Welt zu leben, in welcher das +Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund +einst zum Verleumder werden wird. Er lebte in +allem was verdarb, was sich zum Tod neigte und +an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah +das Wasser schon als Wolke, die Wolke als Regen. +Keine Bewegung, kein Lächeln, kein Entschluß, der +nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und verwandeln, +keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des +Körpers, welches nicht auf seine besondere Weise das +Ende bringen konnte.</p> + +<p>Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich +und sein Wissen profund. Dem grenzenlosen +Schweifen unreifer Empirie setzte er die Formel +<span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319"></a>[319]</span>entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles +Lehrwerk wie morsche Hölzer beiseite und trat in den +lichten Raum der Anschauung und der Idee.</p> + +<p>Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. +Er begann Hanka dunkel zu hassen. Er verlegte sich +auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare Verachtung +von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar +war es ihm in manchem Augenblick zumut, wenn +er ahnen mußte, daß er um etwas ganz anderes stritt, +als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige +Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde +suchte er nach Mitteln des Sieges, irgendwelchen +Sieges, um jeden Preis; er fürchtete sich +vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor +sich selbst, vor der Welt, vor der Vergangenheit und +vor der Zukunft fürchtet. Eines Tages sah er bei +Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine +Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift +die Worte standen: »<em class="antiqua">Precaria salus:</em> ich durchschritt +die Pforten des Todes, ich betrat die +Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch +alle Elemente gefahren, kehrte ich zurück. In der +Mitte der Nacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten +Schein.«</p> + +<p>Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das +für ein Geschwätz? Schämen Sie sich nicht, solche +Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den Pappendeckel +und ließ ihn geringschätzig fallen.</p> + +<p>Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: +»Das ist ein Spruch aus den Isis-Mysterien, mein +Teurer.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320"></a>[320]</span>Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung +in Arnold, so daß er schweigend zum Fenster +trat. Nur Hankas Blick hatte ihn getroffen, groß, +fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in +mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich +denke –? fliehst du vielleicht aus dir, wunderlicher +Mensch, und willst dich in einer fremden Wohnung +niederlassen?</p> + +<p>Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief +von Hyrtl. »Vergessen? gänzlich vergessen?« schrieb +Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder an Sie, +und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen +Sie doch! Ich darf nicht ausgehen. Kommen +Sie heute Abend. Ich bin gänzlich verlassen, sitze +zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk +Europas laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie +nicht reden wollen, können Sie bei mir auch schweigen. +Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten +keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. +Bald wird es mit mir zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.«</p> + +<p>Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. +Dies weibliche Werben erregte seinen Abscheu. Er +versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch wieder +weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. +Doch auch hier hielt es ihn nicht lange. Die Straße +lockte ihn. Langsam schlenderte er durch die Dämmerung, +kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum +Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe +stand der eine Diener und murmelte mit zerknirschtem +Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas passiert.« Arnold +sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch +<span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321"></a>[321]</span>ging voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, +worin der Antinous sich befand. Die Statue lag auf +der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt +und der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit +seiner schönen Geberde neben dem Leib. Es erwies +sich, daß die beiden Diener während seiner Abwesenheit +sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt +hatten. Sie waren an die Statue gestoßen und mitsamt +der Figur zu Falle gekommen. Arnold sagte +den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann +traurig vor die Trümmer. Als Hanka kam, hoben +sie zusammen den Rumpf empor und untersuchten +die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht +groß, es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, +aber ihn belustigte Arnolds Niedergeschlagenheit. +»Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge +so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.</p> + + + + +<h3><a name="Einundfuenfzigstes_Kapitel" id="Einundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Einundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Sie gingen in das Speisezimmer. Während des +Essens erzählte Hanka, daß ihm der Verkauf +seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung +seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. +Er habe noch Schuldverpflichtungen im Betrag von +fünfzehntausend Gulden. Außerdem stehe noch die +Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe +er nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die +Moralität eine Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, +<span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322"></a>[322]</span>sich an seine Schwester Agnes zu wenden, die sich auf +dem Wege der Genesung befinde und durch die leiseste +Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert +werden könne.</p> + +<p>Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem +neuen Gesprächsstoff suchend, erinnerte er sich an +Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn zweimal, +betrachtete das Papier von allen Seiten und +fragte endlich: »Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«</p> + +<p>Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, +sagte er kalt. »Nicht der Tat nach, sondern dem +Gefühl nach.«</p> + +<p>»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. +»In früherer Zeit bin ich oft mit Hyrtl +beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. +Er ist ein gutmütiger Mensch.«</p> + +<p>»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold +lebhaft, »er würde mit Vergnügen sterben, wenn +er den Eindruck seines Todes erleben könnte.«</p> + +<p>Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich +überrascht ins Gesicht.</p> + +<p>»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber +das ist eigentlich nicht die rechte Art. Ich meine, +diese Art, ein Urteil zu bilden und einen Menschen +für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«</p> + +<p>Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete +draußen, und darnach kam der Diener und meldete +Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.</p> + +<p>Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte +beiden die Hand und setzte sich. »Kinder, wenn ihr +<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323"></a>[323]</span>wüßtet, was es heißt, allein zu sein!« sagte er mit +einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen +versuchte. »Man sieht Gesichter in der +Luft, die Wände schrumpfen zusammen, das Zimmer +wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und +irrten angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne +brach beständig Schweiß hervor, den er mit dem +Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka hörte +nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen +hastigen Seitenblick auf Arnold, der schweigend den +Rauch einer Zigarre in dünnen Kegeln emporblies.</p> + +<p>»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« +wandte sich Hyrtl an Arnold und in seinem Blick +glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. +Er sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die +Kraft, und es war <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'ihn'">ihm</ins> dabei zumut wie dem Sklaven, +der einen Adler in der blauen Luft schweben sieht.</p> + +<p>»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und +Sie, Sie sind krank wie immer. Raffen Sie sich doch +auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen schädlich +ist? Welche Widersprüche!«</p> + +<p>Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag +mehr nützen könne. »Jetzt ist mir wieder wohl«, +sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen und bin +ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts +mir gut. Nun, was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. +Und Sie, Doktor«, wandte er sich an Hanka, +»was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«, +bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden +rücksichtslos ins Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft +nicht da wäre, für Hanka müßte man es erfinden.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324"></a>[324]</span>Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein +über das andere. Hyrtl und Arnold lachten, und +Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen traten. +Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um +Arnolds Nacken und tätschelte dessen Wange. »Erinnern +Sie sich an unsere hübschen Abende?« fragte +er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! +Welch eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«</p> + +<p>»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold +mit einem fast drohenden Blick und schob Hyrtl von +sich weg.</p> + +<p>»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte +Hyrtl umhergehend, »und ich möchte für mein Leben +gern mit euch beiden morgen Mittag über Land +fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen +draußen in aller Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen +Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so finster ...!«</p> + +<p>Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. +Er nahm wieder Platz und plauderte <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'im'">in melancholischer</ins> +Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit Ihnen +nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist +noch ein Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich +herumtrieb. Ich erinnere mich, ich hatte ein weißes +Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, denn +es interessierte mich riesig, was hinter den Augen +steckte. Aber es waren natürlich nur Sägespäne da, +wie bei manchem unserer wackeren Mitbürger.« Er +lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, – +ach! Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. +Einst glaubte ich mich von ihr vernachlässigt und sagte +zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben. Darauf lachte +<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325"></a>[325]</span>sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen +sterben nicht, du Dummkopf.«</p> + +<p>»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka +gutmütig.</p> + +<p>»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! +Wenn Sie wüßten wie gern ich Sie habe! +Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich +wieder anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein +wie Sie.«</p> + +<p>Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging +zufrieden fort, von Hanka begleitet.</p> + +<p>Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold +und Hanka fast gleichzeitig in Hyrtls Wohnung. Der +Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte: +»Der gnädige Herr schläft noch.«</p> + +<p>Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers +weit öffnend, rief er: »Auf! auf! Langschläfer! der +schönste Tag!«</p> + +<p>Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und +rührte sich nicht. Der Diener stand mißbilligend +unter der Türe, näherte sich langsam, beugte sich +über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. +Plötzlich rief er schluchzend: »Der gnädige Herr!« +und fiel neben dem Bett auf die Knie.</p> + +<p>Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden +Bettpfosten fest. Sein Gesicht war grünlich bleich +geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum Arzt!« +Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte +dem Befehl. Schweigend setzte sich Hanka in eine +Ecke. Nach einer Viertelstunde kam der Arzt. Das +Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon +<span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326"></a>[326]</span>vor Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag +während des Schlafes.</p> + +<p>Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck +komischer Finsternis in ihr Gesicht gelegt hatten, als +ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang nicht zu +lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch +ein Zeichen und gingen. Keiner von ihnen vermochte +den andern anzureden. Arnold fürchtete Hankas Gesicht, +Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß +Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er +stehen und sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir +das überlegt, was Sie mir gestern erzählt haben. Sie +sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen leicht +die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«</p> + +<p>Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. +Aha, dachte er betrübt, bestechen willst du mich, mein +Urteil willst du bestechen. »Ich danke Ihnen«, sagte +er kalt, »ich brauche es nicht.«</p> + +<p>Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. +Sein Herz wünschte sich in dieser Sekunde weit weg. +Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte Hand +ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen +Augen blickte er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes +Schifflein gleichgültig ins Meer. Er mochte +nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon +von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar +Stunden beieinander. Es kommt gar nicht darauf +an, eine schlechte oder eine lobenswerte Handlung +zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus +dem sie geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht +Willenskraft genug, dies Arnold zu sagen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327"></a>[327]</span>Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den +toten Hyrtl aufzusuchen. Die Außentüre stand offen. +Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das Sterbezimmer +treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand +auf Arnolds Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam +zu machen. Durch die angelehnte Tür +sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, +sich mit natürlicher Verehrung über die Leiche beugte +und die Hand des Herrn küßte.</p> + +<p>Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm +mechanisch. »Gute Nacht«, sagte Hanka, als sie +draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel +war er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«</p> + +<p>Hanka ging nach Hause.</p> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328"></a>[328]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329"></a>[329]</span></p> +<h2><a name="Borromeo" id="Borromeo"></a>Borromeo</h2> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330"></a>[330]</span>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331"></a>[331]</span></p> +<h3><a name="Zweiundfuenfzigstes_Kapitel" id="Zweiundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Zweiundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht +derart zwischen den Armen vergraben, daß +die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß Anna +Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in +der Unordnung des Morgens. Heute war sie dreißig +Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht etwa einer unnütz +hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht +auf eine gleichgültige Zukunft.</p> + +<p>Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe +wert, darüber nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches +in ihrem Leben. Sie erinnerte sich, daß +sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von +einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. +Auch wenn sie an einem Ereignis mit Erwartung +hing, so wußte sie doch genau, wie weit die Wirklichkeit +hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben +würde. Sie hatte Borromeo geheiratet an einem +Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein Traum mehr +in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem +Schauspieler das Ende des Stücks. Sie trat ihrem +Gatten nicht mit Sympathie entgegen. Sie sah es +ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann +der wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben +hatte, was er brauchen konnte. Und er, er konnte +ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, ein +sicheres Auskommen.</p> + +<p>Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster +ihr Gesicht. Nur von dem größeren oder geringeren +Glanz ihrer Augen, der frischen Feuchtigkeit der +<span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332"></a>[332]</span>Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen +machte sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens +abhängig, – ohne es zu wissen, denn sie hielt sich +für eine faustisch-unzufriedene Natur.</p> + +<p>Schließlich raffte sie sich auf und ging in die +Küche. Kaum hatte sie ihr Zimmer verlassen, als ihr +Gesicht sich veränderte wie das einer Amtsperson, +welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die +nötigen Anweisungen für den Tag und als sie über +den Korridor zurückging, kam Borromeo nach Hause. +Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder +von der Kanzlei komme.</p> + +<p>Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit +liebloser Kälte: »Wo in aller Welt bist du zu finden, +wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr früh hast +du schon das Haus verlassen und niemand weiß, +wohin du gehst. Ich hätte notwendig hundertfünfzig +Gulden für die Schneiderin gebraucht ...«</p> + +<p>Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand +darin, daß er die Lippen und die Mundwinkel auseinanderzog +und die Zungenspitze zwischen die Zähne +legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten +Betrag, legte die Noten eine nach der andern auf +den Tisch und strich sie mit der flachen Hand glatt. +Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert +zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest +du in der geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, +sagte sie und zwang sich zu einem Lächeln. +»Hast du etwas vor?«</p> + +<p>Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen +zogen sich zusammen. »Ich habe etwas vor«, antwortete +<span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333"></a>[333]</span>er, mit dem Zeigefinger seine Worte skandierend.</p> + +<p>Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht +und sagte rasch: »Valescotts lassen dich grüßen. +Ich war gestern nachmittag dort.«</p> + +<p>Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, +legte die Hand fast liebevoll auf ihre Haare und bog +den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke begegneten einander. +Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: +»Du bist sonderbar.«</p> + +<p>Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart +mit beiden Händen zu liebkosen. »Was ist eigentlich +mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er meidet +uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«</p> + +<p>»Ach, – er macht es wie tausend andere, er lebt +sich aus«, warf Frau Anna gleichgültig hin.</p> + +<p>»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte +Borromeo. »Was ein richtiges Waldtier ist, findet +immer wieder zur Tränke.«</p> + +<p>»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold +zu täuschen«, entgegnete Anna Borromeo ruhig.</p> + +<p>Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und +lächelte beinahe träumerisch vor sich hin. »Du hast +heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?« fragte er endlich. +»Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen, +wenn man wieder ein Jahr hinter sich +hat. Zugleich möchte ich dir etwas mitteilen. Ich +gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«</p> + +<p>»Dann tust du etwas der Form nach, was du in +der Tat schon lange hinter dir hast,« antwortete die +Frau mit ersticktem Zorn.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334"></a>[334]</span>»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer +sogenannten Justiz zu erdulden. Ich bin es müde. +Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer wirklichen +Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, +wo es geschah, war ich auch fertig. Und mir graut +jetzt vor allem, was ich in früherer Zeit ohne diese +Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb +kann ich nicht länger mittun. Denn unser Leben +läuft immer darauf hinaus, daß wir unsere Handlungen +von Anfang an mit Konsequenz festhalten, +und wer immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf +einmal das Gute wollen, sonst geht er zugrunde.«</p> + +<p>»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit +einem Arzt sprechen«, sagte Anna Borromeo ernst +und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, als Borromeo +schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in +ihrem eigenen Gemach wartete die Friseurin und +Anna unterhielt sich mit ihr von den neuen Ereignissen +in der Gesellschaft. Als dies beendet war, +machte sie sich daran, Einladungskarten für den +Samstagabend zu schreiben. Auch an Arnold richtete +sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt +dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein +Lieber, dürfen wir dich für den dreizehnten abends +erwarten? Borromeo kränkt sich wieder einmal über +dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich +finde es natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft +mit Scham an dich denke. Hättest du nicht vergessen, +so würde ich dich beschwören: vergiß. Offenbar gehst +du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu +spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. +<span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335"></a>[335]</span>Ernst und Wahrheit spielt man leider nicht, +ohne daß es sich an denen rächt, die daran glauben.« +Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und +weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht +drückte. Sie weinte aus Wut, aus innerer +Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte darüber, daß +ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte +und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie +gleich selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier +ins Gesicht lachten. Sie trocknete die Augen und +ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, zerriß +sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie +an alle andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die +Worte dazu: ich bin heute nachmittag allein zu Hause +und langweile mich. Dies schickte sie sofort und mit +Eilpost ab.</p> + +<p>Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, +sie fühle sich nicht wohl. Dann versuchte sie +zu schlafen, nahm aber einen italienischen Roman +und las.</p> + +<p>Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. +Die Augen hatten einen schwermütigen Ausdruck.</p> + +<p>Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen +sei. Er zuckte die Achseln.</p> + +<p>»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«</p> + +<p>»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in +Steiermark. Wir haben uns zuletzt bei Hyrtls Begräbnis +gesehen.«</p> + +<p>»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte +ihm seine Krankheit nie.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336"></a>[336]</span>»Er war ein guter Freund.«</p> + +<p>»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie +lebst du, Arnold?«</p> + +<p>»Schlecht.«</p> + +<p>»Du solltest Karriere machen.«</p> + +<p>»Wozu? Es lockt mich nicht.«</p> + +<p>»Du solltest reich sein.«</p> + +<p>»Ich habe genug.«</p> + +<p>»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas +anderes. Wieviel hast du denn? Ein paarmal hunderttausend +Gulden. Lappalie. Reich sein heißt +alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von +zehn Meilen entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie +so viel zu geben, daß sie den Tod vergißt. Ich +sehne mich nach Reichtum.«</p> + +<p>»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«</p> + +<p>»Weil ich nichts besitze.«</p> + +<p>»Weil du nichts halten kannst.«</p> + +<p>»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«</p> + +<p>»Liebst du denn nicht deinen Mann?«</p> + +<p>Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. +Sie erbleichte.</p> + +<p>War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es +mehrere solche Gürtel mit Smaragden wie sie einen +trug, damals ...?</p> + +<p>Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie +sah ihn flehentlich an.</p> + +<p>»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich +in strengem Ton.</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>»Sprich doch!«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337"></a>[337]</span>»Glaubst du, ich rechne auf <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'dich«?'">dich?«</ins> versetzte sie kalt. +»Ihr seid ja lauter Krämer.«</p> + +<p>Sie brach in Schluchzen aus.</p> + +<p>Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. +Auf einmal erschienen ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen +Hände als das Schönste, Zarteste, was er +je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg +von der Wange und drückte sanft seine Lippen darauf.</p> + +<p>Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes +Herz irgendwo einen Widerhall gefunden.</p> + +<p>Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In +dem dunklen Bedürfnis nach freier Luft, nach Baum +und Wiese, begab er sich zur nächsten Stadtbahnstation +und nahm eine Karte nach einer der Wiener +Waldstationen.</p> + +<p>Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über +Gumpendorf emporführte, gelangte zu einer Biegung +und weit hingedehnt, im graublauen Dämmerlicht, +lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten +die Horizontlinie und manche fahle Lampe +in einem Haus glich täuschend einem Stern. Unzählbare +Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von +einem unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, +angegraut von Asche, Zeit und Elend, so +dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit +Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd +sich bewegten und Dach neben Dach bis in den Himmel +hinein. Hier wohnten sie, einer im Atem des andern, +unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß +riechenden Mantel des Abends, die Millionen.</p> + +<p>Reich sein, reich sein, dachte Arnold.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338"></a>[338]</span></p> +<h3><a name="Dreiundfuenfzigstes_Kapitel" id="Dreiundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Dreiundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Zwei Tage später, als Arnold über den Graben +ging, winkte ihm plötzlich jemand mit Lebhaftigkeit +zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. +Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, +eilte er auf Arnold zu und hätte ihn beinahe +umarmt. Arnold freute sich, und war fast ungehalten, +als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur +wenige Tage in der Stadt. Er wolle aber gern den +Mittag und den Nachmittag mit Arnold verbringen. +Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er +habe seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben +und sich Freunde damit gemacht. Auch stehe +seine Beförderung auf der Statthalterei bevor. Wolmuts +weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.</p> + +<p>Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in +Arnolds prächtige Wohnung geführt wurde. Aber +er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.</p> + +<p>»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig +gebracht?« fragte er.</p> + +<p>»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, +antwortete Arnold.</p> + +<p>»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das +Sichausleben, wie? Haben Sie sich ausgelebt?«</p> + +<p>»Ein böses Wort, lieber Freund.«</p> + +<p>»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«</p> + +<p>»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, +alles beiseite zu schieben, was Ihnen nicht dienlich +ist? Sie haben offenbar die Gabe, Hindernisse schon +von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339"></a>[339]</span>»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks +zu. Allerdings halte ich mich meistens an das +Nützliche.«</p> + +<p>»Sie sind eine harmonische Natur.«</p> + +<p>»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem +Sie mir zu verstehen geben, daß Sie zu viel +Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind +nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. +Wer nicht damit zu wirtschaften versteht, +muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, +wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. +Aber man muß aufmerken, man muß der Geisterstimme +lauschen können. Diesen Augenblick verschlafen aber +die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das +nennen sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt +keine Abhilfe von außen, denn nichts kann das Verbrechen +ungeschehen machen, das jeder einzelne an sich +selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber +haben. Man darf nicht mit dem eigenen Körper +umspringen wie mit einem gekauften Gerät, und mit +der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die +ich in mir zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. +Außer mir ist kein Schicksal, nur ich selbst kann mich +vernichten.«</p> + +<p>Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas +zu. Er ging hinaus, über den Korridor in das Empfangszimmer, +wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig +entgegenlächelte. »Ich <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'wolle'">wollte</ins> doch einmal sehen, wo +du residierst,« sagte sie, und ihre Stimme klang ein +wenig heiser. Arnold bat, sie möge ihn noch eine +kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund +<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340"></a>[340]</span>fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum +auf, während Arnold zu Wolmut zurückging +und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht länger beisammenbleiben +könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen +wäre, Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. +Sein Verkehr mit Menschen bestand ja in +einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.</p> + +<p>Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet +hatten und Arnold zurückkam, fand er Anna +nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die +Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen +geöffnet und saß dort in der Ecke eines Divans, den +Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit regungslos +starrenden Augen auf der Armlehne.</p> + +<p>Arnold blieb schweigend stehen.</p> + +<p>»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.</p> + +<p>»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht +war ernst geworden, hatte aber jede Unbefangenheit +verloren.</p> + +<p>»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna +und richtete sich langsam auf. »Komm einmal, +Arnold, sieh dir diesen Ring an.«</p> + +<p>Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte +ihn hin und her und meinte endlich: »Was ist daran +zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«</p> + +<p>»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich +haben«, entgegnete sie.</p> + +<p>Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete +wieder den Ring, lächelte mechanisch und gab ihr +den Ring zurück. »Macht über dich heißt Ohnmacht +über mich«, sagte er.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341"></a>[341]</span>»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, +sagte Anna leise.</p> + +<p>Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du +bist mit dem Bruder meiner Mutter verheiratet.«</p> + +<p>»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin +dreißig Jahre alt und habe kein Kind.«</p> + +<p>»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre +Stimme nahm einen gleichgültigen Klang an, »daß +ich mich eine Zeitlang mit Valescott abgegeben habe, +ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. +Er ist blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. +Eines Tages vergaß er seine Rolle und ich +jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, +was ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.«</p> + +<p>Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander +geklammerten Fingern auf dem Rücken. +Plötzlich blieb er stehen und sagte mit erloschenem +Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder –« er +trat zwei Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, +»oder ist es dir bekannt, daß ich es schon vorher +wußte?«</p> + +<p>Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die +Hand und nach einer Weile sagte sie: »Das war unappetitlich, +also reden wir von etwas anderm.«</p> + +<p>Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme +berückte ihn. Ihn verlangte nach grund- und bodenloser +Leidenschaft wie den Eingesperrten nach Freiheit. +Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; +indem er vor Anna auf und abging, verglich er die +Empfindung, die er in ihrer unmittelbaren Nähe +hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des +<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342"></a>[342]</span>Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. +Eine unergründliche Falschheit und der Hochmut der +Schwäche bemächtigten sich seiner und indem er stehen +blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich sein in der +Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas +andres sein könnten, als wir uns jetzt sind. Aber +ich kann nicht leben in der Lüge. Das ist es.«</p> + +<p>Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb +mitfühlenden Ausdruck. »Nehmen wir also an, es +geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie. »Nehmen +wir an, es geschieht mit Wahrheit?«</p> + +<p>Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen +zwei hohen Felsen stehend, erwiderte Arnold ohne +Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.«</p> + +<p>»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. +»Ich kann es denken. Und du, du kannst es fühlen. +Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, die +nennt man Moral.«</p> + +<p>Arnold schwieg.</p> + +<p>»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, +fügte sie lebhaft hinzu, »ich bin morgen abend +ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg. Willst +du mir Gesellschaft leisten?«</p> + +<p>»Morgen abend –?« Arnold zögerte, als besinne +er sich, ob nicht andere Verabredungen ihn verpflichteten. +Dann versprach er zu kommen. Anna reichte +ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, +ja, in seinem Tiefsten beständig zitternd, durch +die Zimmer.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343"></a>[343]</span></p> +<h3><a name="Vierundfuenfzigstes_Kapitel" id="Vierundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Vierundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo +nach kaum zweistündigem Schlaf. Er griff +nach den Streichhölzern und machte Licht. Er +wußte, daß es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen +zu warten, darum erhob er sich, als +die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. +Langsam wusch er sich und kleidete sich +an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch wohin +mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig +Stunden lagen vor ihm, bis er sich wieder auskleiden +konnte, um wieder das Bett aufzusuchen wie gestern. +Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art von +Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich +seiner von all dem Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose +Erschöpfung, daß er sich vor dem Wiederaufwachen +nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete +die Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und +das Licht, das der Sonne vorauseilt scheute er ebenso, +wie ihm die Finsternis Grauen erregte. Er liebte +weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern +es war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den +beiden ausspüren wolle, fern von Gedanken, Erinnerungen, +Erwartungen und Gefühlen der Verantwortlichkeit, +gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des +ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst +nicht zu sagen vermocht, durch welche Einwirkungen +allmählich dieser sonderbare Zustand von Fäulnis in +seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen +war. Lustlosigkeit war es, die das Wesen +<span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344"></a>[344]</span>seiner Worte und seiner Handlungen gebildet hatte +von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und +keine Freude an den Menschen und keine Freude an +sich selbst. Nur einen einzigen Menschen gab es, an +dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, und das +war Arnold.</p> + +<p>Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, +als Borromeo das Haus verließ. Er ging in ein +Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter, zahlte +und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war +der erste dort; in seinem Arbeitsraum war der Diener +noch mit Kehren beschäftigt, und der Staub lief in +den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch +den Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die +Schreiber kamen mit verschlafenen Gesichtern; einer +brachte ihm den Gerichtsakt, den er für die Verhandlung +in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und +Mantel und fuhr zum Bahnhof. Er setzte sich in ein +leeres Abteil und gab dem Schaffner ein Geldstück, +damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in Bewegung, +und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich +aber erwachte in ihm ein tiefer Widerwille gegen +das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht reden, nicht +hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht +lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte +nicht jene gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, +mühseligen Redensarten über die Zunge wälzen, +durch die allein eine Verständigung zwischen den +Menschen möglich ist. Als die nächste Haltestation +erreicht war, verließ er den Wagen, nahm seine Aktenmappe +unter den Arm und spazierte in den Wald, +<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345"></a>[345]</span>welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. +Aber nicht lange setzte er den Weg fort. Die +Einsamkeit und Stille flößten ihm so große Furcht +ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und +in ein konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch +nicht, sogleich wieder umzukehren, sondern setzte sich +auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? dachte +er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und +mir graut vor der Ruhe des Waldes. Er nahm sein +Messer und schabte geduldig die dicke Rinde von dem +Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch +zum Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, +wanderte zur Station zurück und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm +dorthin, wo er vergeblich +erwartet wurde.</p> + +<p>Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag +kam, fuhr er wieder in die Stadt. Er wollte +nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten ihn +vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So +setzte er sich denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß +er jetzt statt der Morgenblätter die Abendblätter las. +Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war, +lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde +auf Viertelstunde verging. Er empfand Hunger +und bestellte ein Butterbrot. Der Raum wurde leer; +es war schon halb zehn, als er sich entschloß, aufzubrechen. +Wieder nahm er seine Aktentasche unter den +Arm und schritt durch die verödenden Straßen.</p> + +<p>Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu +stören wünschte, erreichte er sein Schlafzimmer. Er +wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch +<span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346"></a>[346]</span>waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte +ihn für diese Nacht nicht zurückerwartet. Er drückte +auf den Knopf der Glocke, welche in die Küche führte, +aber niemand kam. Er wartete und lauschte und +zündete endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, +denn da es noch nicht zehn Uhr war, mußten die +Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der +Küche war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus +geschickt? dachte er, und ist sie selber fort? Er öffnete +die Türe des Salons, auch hier war es finster, aber +durch die Spalten der nächsten Tür drang ein Lichtschimmer. +Er hielt die Kerze vor, ging über den +Teppich, und als er die Hand auf die Klinke legte, +vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise öffnete er, +denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so +übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für +seinen Körper zu öffnen wagte. Er sah zuerst nur +ein Stück der dunklen Portiere, mit der in jenem +Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er +einen Teil des Zimmers selbst überblicken. Kaum +war dies geschehen, als sich sein Mund im größten +Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke +los; er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie +hatten nichts gehört drinnen und konnten nicht sehen, +daß die Türe hinter der Portiere offen stand. Im +Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete +sich an der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo +die Gaslampe brannte. Mit einem dünnen, wimmernden +Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen +entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit +dem Bauch zu unterst.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347"></a>[347]</span></p> +<h3><a name="Fuenfundfuenfzigstes_Kapitel" id="Fuenfundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Fünfundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann +schon den vorherigen Abend zurückgekehrt sei, +ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es +wurde nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe +noch, entfernte sie sich leise, vollendete ihren Anzug +und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach Hause +und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr +habe noch nicht das Zimmer verlassen und gehe beständig +auf und ab; sie habe nicht gewagt, das Zimmer +in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang +abzunehmen und ohne etwas zu erwidern, +schritt Anna den Korridor entlang und trat in das +Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen +das unberührte Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken +zuwendend, am Fenster und drehte sich, als er ihre +Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie +erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei +ausstieß. »Bist du nicht wohl, Friedrich?« fragte +sie mit schwerer Zunge.</p> + +<p>Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr +vorüber und seine Lider fielen ein paarmal zu und +hoben sich wieder wie bei den künstlichen Augen einer +Wachsfigur.</p> + +<p>»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in +Angst.</p> + +<p>»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, +schleppender Stimme; »es ist nichts, beruhige dich +nur.«</p> + +<p>»Hast du denn nicht geschlafen?«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348"></a>[348]</span>Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart +mit beiden vollen Händen. Anna wich mechanisch +zurück, als er auf sie zukam. Aber er schritt an ihr +vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. +Scheu und besinnend blickte Anna zu Boden, dann +eilte sie hinaus, klingelte und schickte zum Hausarzt, +der schon nach einer halben Stunde kam. Anna +wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte +der Arzt, als er Borromeos Zimmer verlassen hatte, +»unser Freund scheint sehr verändert; um das zu +konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht +gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal +seine Hand ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo +freundlich. »Ich selbst begreife nichts davon. +Noch gestern war er in der besten Verfassung ...«</p> + +<p>Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche +Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge +doch immer ziemlich unempfindlich war. Sein Aussehen +macht mich bedenklich. Es sieht verteufelt einer +Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch +die nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«</p> + +<p>Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein +wenig beruhigt. Sie setzte sich zu Tisch, nahm einige +Bissen und verließ bald darauf das Haus, um zu +Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. +Eine Stunde verfloß. Sie läutete dem Diener und +bat um ein Glas Wasser. Noch eine halbe Stunde +schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im +Mantel, den Hut im schlaff herabhängenden Arm +<span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349"></a>[349]</span>haltend. Sein Gesicht, das nun das vollkommene +Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält +aus.</p> + +<p>»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du +schon hier?« fragte er hastig. Er setzte sich neben +sie und ergriff mit gütiger und liebenswürdiger Bewegung +ihre beiden Hände.</p> + +<p>»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die +eine Hand, packte ihn beim Kinn und hob den Kopf +ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf ihren +Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich +will dir etwas geben.« Er eilte aus dem Zimmer. +Während ihres kurzen Alleinseins hatte Anna Borromeo +einen erschreckenden Gedanken. Sie legte +beide Hände an die Stirn und dachte nach. Ungewißheit +war ihr das verhaßteste aller Gefühle, deshalb +beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende +zu machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen +Gesicht hatte sich während der kleinen Weile so viel +begeben, daß Arnold, als er zurückkam, sie stumm +fragend anblickte.</p> + +<p>Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein +altertümlicher Schmuck auf schwarzem Sammet lag. +Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei gebunden, +bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden +durch fein gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. +»Dies ist noch von meiner Mutter«, sagte Arnold, +»und du sollst es haben.«</p> + +<p>Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen +Schauers erwehren konnte, der langsam +ihren Rücken hinabrieselte. »Und du glaubst, ich soll +<span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350"></a>[350]</span>es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« +Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft +auf Arnold, dessen Stirn sich verfinsterte. »Was +sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich selbst und +warf einen schüchternen Blick zum Himmel.</p> + +<p>»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm +die ganze Wahrheit sagen würdest. So tief dürfen +wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder Angst +oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns +nur ein kleines Vergnügen außerhalb des Erlaubten +verschafft? Besinne dich nur, Arnold, und versuche, +etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte +und was du dir schuldig bist. Und ob nach +dem ersten Satz, den du ihm gesagt hast, ich nicht +ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« +Sie nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen +und drückte die Lippen darauf.</p> + +<p>Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu +probieren, das war es. Nicht glaubte sie daran, daß +Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis hintreten +würde, aber sie wollte sehen, was daraus +werden würde, wenn die Stunde gekommen war. +Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu erfahren, +ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und +ob das unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies +Wissen Bezug habe.</p> + +<p>Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er +erbleichte, wenn er das Bevorstehende im Bild zu +sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als verbreitete +sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des +Körpers. »Ich denke daran,« sagte er umhergehend, +<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351"></a>[351]</span>»ob Borromeo nicht in Podolin leben will. Ihn +wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«</p> + +<p>Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an +Annas Seite durch die Straßen ging, schnitt er sich +mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen +ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, +den Augenblick zu nutzen, und was feindlich dagegen +aufstand zu vernichten. Daran klammerte er sich, +um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten +zu können.</p> + +<p>»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo +sogleich, als ihnen das Mädchen geöffnet hatte, und +die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr Anna +fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, +»wir wollen in einer Viertelstunde zu Abend essen. +Benachrichtigen Sie den Herrn, daß ich auf ihn warte, +ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst zugegen.«</p> + +<p>Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt +das?« fragte Arnold. »Warum soll er nicht wissen, +daß ich da bin?«</p> + +<p>Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und +erwiderte, indem sie aufmerksam die Nägel ihrer Hand +betrachtete: »Er ist gestern abend gekommen, ohne +daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«</p> + +<p>Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. +Dann schlug er plötzlich die Hände zusammen und +wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das +Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr +hat mir nicht geantwortet.«</p> + +<p>»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte +Anna in gesellschaftlichem Ton.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352"></a>[352]</span>Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo +erschien auf der Schwelle. Und kaum hatte +er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht die weiße +Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je +zuvor an ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem +Blick sah er Arnold an, dann trat er wieder zurück, +schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold +waren wieder allein. Sie schwiegen lange.</p> + +<p>»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich +Anna Borromeo mit eigentümlichem Lächeln, »so +könnte es doch nicht weitergehen. Er hat ohnehin +schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für +ihn ist es das beste und für uns ist es das ruhigste +und einfachste.«</p> + +<p>Arnold antwortete nicht.</p> + +<p>»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich +mit ihm sprechen.«</p> + +<p>»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine +Augen loderten in jener lügnerischen Entschlossenheit, +die ihn überfallen hatte.</p> + +<p>Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor +trat, hörte sie sonderbare Laute. Der vordere +Teil des Flurs war erleuchtet; um zu Borromeos +Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, +um eine Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal +Borromeo. Er stand regungslos und murmelte vor +sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna erschrocken. +Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem +sich schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann +nicht weiter, es ist finster.« Anna schluckte ihren +Schrecken hinab, ging zurück, zündete eine Kerze an, +<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353"></a>[353]</span>wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam +zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann +voraus.</p> + +<p>Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm +einen rotkarrierten Schal und hüllte ihn um seine +Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch nieder +und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es +ist nun geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es +hat auch geschehen müssen, – aus vielen Gründen. +Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige +und Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die +nächsten Jahre still auf dem Land zu verbringen. +Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder +Beziehung gut für dich sein.«</p> + +<p>Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, +regungslos. »Ich kann nicht auf dem Land leben,« +sagte er.</p> + +<p>»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« +sagte Anna liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst +du denn leben? Im Nichts?«</p> + +<p>»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte +Borromeo.</p> + +<p>»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster +fort. »Willst du, daß ich gehe?«</p> + +<p>»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, +Anna. Das macht mich kaput,« sagte Borromeo auf +einmal erregt, völlig gegen seine sonstige Art. Er +zitterte am ganzen Körper.</p> + +<p>»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna +liebevoll.</p> + +<p>Er schüttelte müde den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354"></a>[354]</span>»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre +es, wenn du nach Podolin gingest und dort –. Man +würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie +verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und +kalt an und erwiderte langsam: »Podolin? Ich?« +Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf die +Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor +sich hin.</p> + +<p>Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will +es,« sagte sie, »er selbst macht dir das Anerbieten +und hält es für gut.«</p> + +<p>Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und +sein Gesicht überzog sich abermals mit Röte. »Arnold?« +fragte er und nickte dazu krampfhaft mit dem +Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will +Arnold nicht! Das ist eine Lüge ... eine Lüge ist +es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und deutete mit +dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob +er die Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen +war unheimlich verwandelt.</p> + +<p>Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo +schloß einige Sekunden die Augen, atmete tief +und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle +Färbung.</p> + +<p>»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. +Sie ahnte nicht, was in diesem Augenblick in dem +Manne vorging.</p> + +<p>»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und +traurigem Ausdruck. »Podolin, – das ist schlimm, +schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie du dich +ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine +<span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355"></a>[355]</span>Stimme, die dann nicht laut klang, aber unendlichen +Zorn und Kummer in sich zu verhalten schien, »aber +wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: dies, +Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, +nun, dann ... dann will ich nach Podolin.«</p> + +<p>Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach +und verließ stumm das Zimmer.</p> + + + + +<h3><a name="Sechsundfuenfzigstes_Kapitel" id="Sechsundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Sechsundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newquotesection"><span class="bigletter">»E</span>r will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen +wie gegen Feuer,« sagte Anna Borromeo, als +sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so erregt, +wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre +schlecht für ihn, nach Podolin zu gehen.«</p> + +<p>Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« +antwortete er.</p> + +<p>»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will +es, gut dann will ich gehn, sagt er. Das sind seine +Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das Sofa.</p> + +<p>Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo +wissen könnte, was ihn mit Anna verband, versetzte +ihn plötzlich in die größte Angst.</p> + +<p>Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo +dem Diener befohlen habe, sein Bett in dem Zimmer +aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er irrte +durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, +stellte sich zu den Dienstboten, ohne etwas zu +reden. Die Leute begannen sich vor ihm zu fürchten. +<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356"></a>[356]</span>Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die +Gasse hinauf und hinunter. So ging es bis zum +Ende der Woche. Sein Benehmen war stets sanft +und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon +Besuche empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo +ein, blickte jedem einzelnen mit besinnendem Ausdruck +ins Gesicht, setzte sich in die Nähe des Ofens +und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. +Wenn ihn selber jemand ansprach, nickte er oder +schüttelte den Kopf. Er blieb sitzen, bis der letzte +gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt +Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im +Flur auf und ab, bis er zusammenschreckte, sich umsah, +Hut und Mantel nahm und auf die Straße ging.</p> + +<p>Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem +ihr unerklärlichen Blick Borromeos. Seine Nähe ließ +sie erstarren, sein nicht zu brechendes Schweigen erfüllte +sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, +das Haus zu verlassen, und wenn sie mit Arnold +allein war, gerieten beide unwillkürlich in den Flüsterton. +Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu stehen +und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen +Stolz und vernichtete seine sanfteren Empfindungen. +Gelüst auf Gelüst siedete in seinem Herzen empor, +und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er +selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien +wie gelähmt. Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. +Er wollte nicht erkennen, was er hätte tun sollen, +und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er +wieder an jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er +gelangte zu dem Schluß, daß es ja nur auf ihn +<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357"></a>[357]</span>selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von +ihm selbst abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur +zu reden. Als ob gemeinschaftliche Qual sie beide +in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna ruhig mit, +was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht +zu, riet aber auch nicht ab; sie schwieg.</p> + +<p>So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben +heimgekehrt. Arnold ging hinüber, pochte an +die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch +vor der Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, +als ob eine lang zurückgehaltene, gewaltige Angst in +seinem Gesicht nun offen zur Schau trete. Arnold +suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten +Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. +»Es ist besser für dich, dort einsam zu sein, als hier,« +sagte er unter anderm. »Podolin ist ja gewissermaßen +ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir +zur Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange +dauern, bis du dich von deinem unerklärlichen Leiden +erholt hast. Podolin ist gesund für das Gemüt.«</p> + +<p>Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick +in denjenigen Borromeos tauchen; er versuchte nicht +einmal, ihn abzuwenden. Und nicht vergaß er diesen +Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine +gleiche Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß +Borromeo alles wußte. Aber das ließ ihn fast gleichgültig +gegenüber dem einen Wort, das aus Borromeos +Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!</p> + +<p>Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte +kurzangebunden: »Gut, ich gehe. Verlaß das Zimmer, +Arnold.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358"></a>[358]</span>Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo +aufrechter Haltung ans Fenster und weinte. Aber +er schämte sich seiner Tränen selbst vor der Nacht und +hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine +Stunde verging. Der Diener brachte das Essen. +Borromeo gewahrte es nicht. Bis Mitternacht stand +er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den +Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald +begann er zu träumen.</p> + +<p>Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen +allein; das Meer ringsum bewegte sich nicht, +sondern war still wie Blei. Darüber erwachte er, +aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin +wie ein Kind vor dem Gang in die Finsternis. Aber +Arnold wollte es, und nicht aus Unterordnung oder +Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu +beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo +fühlte, was bevorstand. Damit hatte er auch +abgeschlossen mit allem, was ihn an das Leben +knüpfte.</p> + +<p>Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, +der schon elf Jahre im Hause war, sollte Borromeo +begleiten und bei ihm bleiben. Er packte Wäsche +und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr +sollten sie zum Bahnhof fahren. Borromeo lag auf +dem Bett und stierte in die Luft. Sein Blick schien +sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen +zu können. Oft seufzte er tief und lang. +Anna kam, gab dem Diener Aufträge, forderte von +ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor +Borromeo, der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. +<span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359"></a>[359]</span>Der Diener nahm den Koffer, Borromeo +folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts, +nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast +Erblindeter. Anna zitterte über die ganze Haut, als +sie ihm nachblickte. Sie sperrte Borromeos Zimmer +zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.</p> + +<p>Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte +noch gestern telegraphische Anweisung für die Aufnahme +in Podolin getroffen und den dortigen jungen +Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf +die Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo +mit, aber sie nahm es kühl auf. Schweigend saß er +bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm angesammelt +hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog +ihn zu sich heran und fragte durch die Zähne, indem +er seine aufgerissenen Augen vor ihre halbgeschlossenen +hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders aus als der +Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« +Da erhob sich Arnold, lachte und ging. Gern hätte +ihn Anna zurückgerufen, aber sie konnte nicht. Ihre +Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit +und Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten +ersehnte. Sie versank in eine öde Trauer. Sie +trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre Schulden +hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch +gemein und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich +gewesen war. Zu rasch hatte sich alles erfüllt, zu +viel hatte er gegeben; zu viel und zu wenig, denn von +ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.</p> + +<p>In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde +erzählt, Borromeo sei zur Erholung für einige Wochen +<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360"></a>[360]</span>nach dem mährischen Landgut seines Neffen gereist. +Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten +umher, die auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie +spürte es, denn Leute wie sie, die nur durch die +Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben +führen, erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht +mehr ebenbürtig geachtet wissen. Seltsam, von der +Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen, +waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. +Ruhelosigkeit und Zerfahrenheit herrschten +in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit sich +selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine +Wichtigkeit eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu +dem Punkte kam, wo es hätte hell werden können, +so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor +Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den +Menschen, die ihn bewundert und geliebt hatten. Er +verlangte Rechenschaft von sich, aber bei der ersten +Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab, +schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf +der Tage, er achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen +und verstrickt erschien er sich, verschlungen von +etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung +eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern +ein von ihm abgelöstes Wesen, das im leeren +Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne Ruder +und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, +alles zog ihn an und stieß ihn, kaum genossen, wieder +ab. Er konnte nicht begreifen, was denn eigentlich +mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte +Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen +<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361"></a>[361]</span>andern schweifenden Stern, um dort von neuem zu +beginnen, was hier so widernatürlich sich in Unheil +und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte +er, glühende Luft zu atmen und eine wunderliche +Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu schauen. Oft +saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs +Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht +und sich weigert, selbst den Balken weiterzutreiben, +an den er sich hält.</p> + +<p>Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging +schon tief in den Herbst hinein, suchte er Anna Borromeo +auf. Sie zeigte ihm die Berichte Christians und +des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander +zu verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das +letzte Schreiben des treuen Dieners lautete wie folgt: +»Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht jetzt immer +Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn +totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der +gnädige Herr, weil er glaubt, jemand will ihn vergiften. +Er sagt, er hört Stimmen, und der Doktor +von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. +Er sagt auch, der gnädige Herr, er will ans +Gericht gehen, um sein Recht zu erhalten.«</p> + +<p>Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne +eines Stuhles gepackt, sie gegen die Knie gedrückt, +so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz entzweibrach. +Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans +Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich +bläulich-weiß wie Milch an die Scheiben drückte. +Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen in +aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte +<span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362"></a>[362]</span>das Gesicht, der Hals, die Brust und die Füße. Er +lief durch die Straßen, als ob Leben und Tod von +der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich +stehen zu bleiben und mit zusammengeballten +Händen und verzweiflungsvoll aufgerissenen Augen +wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu +blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel +tastend, als ob er ein Gebilde seiner Phantasie wäre. +Da sah er gegenüber auf der andern Seite der Straße +die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches +rötliches Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. +Er ging hinüber, betrat die Kirche, sank in einer +finstern Ecke auf die Knie und betete, betete hastig, +aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer, +stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.</p> + + + + +<h3><a name="Siebenundfuenfzigstes_Kapitel" id="Siebenundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Siebenundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Er kam auf die Straße und sah nichts; er +sah nicht einmal die Straße, viel weniger die +Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er +flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene +Bewegungen. »Ja ja,« rief er stehen bleibend und +den Arm in die Höhe streckend, einem alten Mann +nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, +»ja ja.« Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.</p> + +<p>Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An +den elektrischen Flammen war ihm nicht genug, er +zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, wie +<span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363"></a>[363]</span>wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf +ein Eisfeld getreten wäre. Kein Gegenstand vermochte +den Blick seiner Augen zu fesseln; eine gerechte +und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden +seines Lebens nach rückwärts ab und zwang Arnold, +sich umzuwenden und der Gewalt zu folgen. Die +ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen +Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich +durch die Flucht der Zimmer. Völlig erschöpft +warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte +Bild auf Bild, quälend wie die Träume an der +Grenze des Erwachens. Er legte den Kopf zwischen +die Hände und schlief ein, gerade als der erste Tagesstrahl +die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, +er säße auf einem armseligen Leiterwagen, welcher +durch Schnee und Regen nach Podolin fuhr. Ein +fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold +sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. +Denn kein Pferd war vorgespannt, sondern Borromeo +zog das knirschende Gefährt durch den tiefen Schlamm +und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte +Arnold die angespannte Nackenhaut und den +müde gesenkten Kopf. Plötzlich aber wandte sich +Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, +da erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, +der seinem Herrn gefällig zu sein glaubte, wenn er +ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.</p> + +<p>Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl +über den Kopf laufen, trocknete und kämmte +sich und verließ das Haus. Langsam schritt er durch +den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben +<span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364"></a>[364]</span>Stunde stand er vor dem Haus, wo einst Verena +gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich aus der +Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. +War es Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. +Wie dunkel lagen die Wege!</p> + +<p>Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, +lieber Freund!« rief der Leutnant. »Ihnen ist nicht +wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den +Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold +entzog sich dem Besorgten. Jedes menschliche Gesicht +flößte ihm Furcht ein, denn in jedem sah er +verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, +leer, dünkelhaft und lügnerisch.</p> + +<p>Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, +befand er sich plötzlich vor dem Nordbahnhof. In +der Halle studierte er den Zugsplan und sah, daß +er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er +kaufte ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen +dunkeln Winkel, und so, ohne Reisegepäck, in wüster, +geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den Zug.</p> + + + + +<h3><a name="Achtundfuenfzigstes_Kapitel" id="Achtundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Achtundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung +und das Klappern der Räder zu dämpfen. +Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde +ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke +mußte der Zug halten, und die Bediensteten liefen +rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und ging +<span class="pagenum"><a name="Page_365" id="Page_365"></a>[365]</span>langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher +der Leichnam eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, +aber untätig standen die Leute beisammen. Arnold +wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres erinnerte +ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen +seine Züge zusammenschrumpfen wie den Schwamm +eine Faust.</p> + +<p>Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. +Arnold setzte sich wieder in seine Ecke, Minute auf +Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und +mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. +Leicht glaubte Arnold diejenige herausklauben zu +können, während welcher er auf so rätselhafte Weise +sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander +gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem +glatten Strom der Zeit ins Ewige hinaus.</p> + +<p>Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. +Weit und breit war kein Wagen zu haben. Er mußte +zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn +auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen +die Erde zu blasen, worauf das Nebelwerk widerwillig +verflog. Wie in die Tiefe eines Trichters blickte +ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still +dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten +wich der Nebel zurück, bis er sich allmählich gegen +den Horizont drängte. Die Sonne beschien ihn bräunlich +golden und nur den Fluß entlang türmte er sich +noch wie eine fabelhafte Bergkette.</p> + +<p>Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine +Biegung des Wegs rechts den Hügel von Podolin +gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; +<span class="pagenum"><a name="Page_366" id="Page_366"></a>[366]</span>auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, +blieb er stehen und schaute ins Wasser. Jetzt erst +dachte er daran, wen das heimatliche Haus drüben +beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von +ihm Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten +erschien ihm sein Inneres, und er lehnte sich mit +einer Inbrunst an das schwache Holzgeländer des +Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines +Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab +und welches ihm doch wenigstens seine eigenen +Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme zeigte.</p> + +<p>Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade +mit mehlweißen Händen aus der Küche kam. +Freude schien die Alte über sein Kommen nicht zu +empfinden. Die Luft im Hause war verändert. +Ursula, die hier ihre eigentliche Heimat gefunden +hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem schmalen +Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete +ihn traurig und etwas erstaunt. Sie fragte, wo er +sein Reisegepäck habe, doch er antwortete nicht. Er +könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie betrübt +fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr +Onkel und Christian inne.</p> + +<p>Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre +und lehnte die eine Schläfe gegen den Pfosten, +während Ursula hantierte und dabei erzählte. Sie +buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse +er bisweilen, sonst verweigere er fast alle Nahrung. +Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht fange er oft an +zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon +begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich +<span class="pagenum"><a name="Page_367" id="Page_367"></a>[367]</span>vor der Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche +er zehnmal zu den Türen, um zu sehen, ob sie fest +verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser Gedanke auch +im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit +der Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige +Doktor behauptet,« fuhr Ursula fort, »daß die Einsamkeit +an allem schuld ist und daß jetzt nichts mehr +zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft +uns auch eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch +und ängstigen sich vor dem guten Herrn +wie vor dem Teufel.«</p> + +<p>Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat +an die Türe von Borromeos Zimmer und legte die +Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, +ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf +den Hof und sah vom Zaun aus gegen die Fenster. +Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. Plötzlich +aber stand er still und klammerte den einen +Arm um eine Föhre. Mit aller Gewalt sammelte +er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und Blicke +waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne +weiteres Zaudern öffnete er die Tür zum Zimmer des +Oheims.</p> + +<p>Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt +und schaute, eine steinerne Unbeweglichkeit in allen +Gliedern und selbst im Gesicht, gegen die Landschaft +hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. +Der ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit +der niedrigen Stirn hatte etwas von einem aufgesetzten +Wachsmodell. Die Hände waren gelb und +schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf +<span class="pagenum"><a name="Page_368" id="Page_368"></a>[368]</span>gegen die Türe. Das Geräusch des Eintretenden +war längst verklungen, aber es schien, als brauchten +die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. +Er blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick +schien nicht sehen, sondern nur tasten zu können. Er +fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei Geifer +in den Bart rann.</p> + +<p>Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel +Borromeo, kennst du mich nicht?« fragte er endlich.</p> + +<p>»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser +Laut, von einer Bewegung des Mißtrauens +begleitet. Auf einmal sagte er, indem er +beide Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt +... sie lauern ... man muß vo–orsichtig +sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«</p> + +<p>Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf +erhalten hätte, wankte und streckte den Arm aus. +Borromeo verdrehte ängstlich die Augen und wollte +sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und +verließ den Raum.</p> + + + + +<h3><a name="Neunundfuenfzigstes_Kapitel" id="Neunundfuenfzigstes_Kapitel"></a>Neunundfünfzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. +Er taumelte in das Zimmer, das Ursula inzwischen +notdürftig für ihn hergerichtet hatte, warf +sich auf die nackte Matratze und schlief ein.</p> + +<p>Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte +Licht zu machen, fand aber weder Streichhölzer, noch +<span class="pagenum"><a name="Page_369" id="Page_369"></a>[369]</span>Kerze. Er tastete sich, nachdem er den Mantel umgeworfen +hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre +versperrt. Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; +er lehnte die Stirn an die kalte Mauer, und feurige +Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. In +seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. +Wenige Minuten, und er kehrte zurück und +stieg durch das Fenster in den Hof, zog vor dem +frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über +der Brust zusammen, und bald hatte er das Haus +weit im Rücken.</p> + +<p>Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so +ging, schien es, als suche er auf dem Boden etwas, +das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in +das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das +ist das große Wort, bezahlen!«</p> + +<p>Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb +er stehen. Fern, hinter dem fernsten Waldrand +glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien +dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck +sah mehr wie das geöffnete Tor zu einer unbekannten +Welt aus. Arnold spürte, wie eine geistergleiche +Hand Trübes und Ungleiches aus seinem +Innern entfernte und wie das ungeduldig pochende +Herz sich ausdehnte und freier zu schlagen begann. +Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt +es sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, +ob das Schlechte nicht wiederkommt. Nicht darf man +sich betrügen und glauben, ein neues Leben ist da, +wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie +sehr ich vergessen kann, das hat sich gezeigt. Wenn +<span class="pagenum"><a name="Page_370" id="Page_370"></a>[370]</span>ich das Gute und Große vergessen konnte, um wie +viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. +Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu +glauben, du bist besser geworden, nur weil du gesehen +hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe ich +nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist +auf ewig verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, +glücklich werden zu wollen, wenn man +schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit +dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich +werfen, – was muß ich also tun, damit Gerechtigkeit +entsteht?</p> + +<p>Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war +ihm, als könne ihn die Erde nicht länger tragen. +Schauer auf Schauer überflutete ihn. Undeutlich +und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung +seiner Brust und seiner Stirne sich furchtbar spannten, +erst Gedanke, dann Gefühl, dann zusammenrauschend +und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der Flügelschlag +eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du +nicht mehr bist, wird auch dein Übel nicht mehr sein; +erst aus der sühnenden Tat erwacht das Bessere wieder!</p> + +<p>Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in +den Sand, Wange und Kinn wurden von einem +Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper. +Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem +Tag, zu welcher Stunde? Langsam hat mich ein +Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, +mich müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat +es mein Herz und dann entzwei gerissen. Bezahlen +mußt du, Arnold, bezahlen!</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_371" id="Page_371"></a>[371]</span>Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein +ganzes Wesen empor, gesammelt, friedlich und fest. +Er war sich selber dankbar, und als ob er in einer +dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit +einem kleinen Teil seiner Sinne gelebt hätte, <em class="gesperrt">fühlte</em> +er sich jetzt, fühlte er klar und leicht den menschlichen +Sieg über die ungefähren, blind niederreißenden +Schicksalsmächte.</p> + +<p>Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem +seltsam kühlen und heiteren Lächeln setzte Arnold +seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt das Auseinanderfließen +der flammenden Cirruswölkchen und +wie der Himmel mit jeder Minute klarer und strahlender +wurde, als hätte ihn eine verborgene Quelle mit +Bläue übergossen. Die Luft war frisch und dünstelos. +Als Arnold nach Podolin kam, war es schon +ziemlich weit im Vormittag, aber die Häuser sahen +aus, als lägen sie noch im Schlaf.</p> + +<p>Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold +stehen und betrachtete die ausgehängten Flinten und +Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige Treppen +tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und +verlangte einen Revolver. Er wählte eine billige +und gewöhnliche Waffe, bezahlte den geringen Preis +und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel +hinan, kam wieder in die freie Landschaft und sah +plötzlich hinter dem Zaun ihres Gärtchens Agnes +Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen +und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, +als sie freudig winkend zum Pförtchen schritt und +ihm schüchtern lächelnd die Hand reichte. »Ich weiß, +<span class="pagenum"><a name="Page_372" id="Page_372"></a>[372]</span>daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie, +»da sind Sie also auch mein Freund.«</p> + +<p>Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, +was ihn und Hanka auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd +antwortete er: »Hanka und ich sind Freunde +gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« +Agnes lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu +lächeln pflegen. Sie nahm es nicht recht ernst. Indem +sie offen in Arnolds frisches und von innen +strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit +zeigte, lud sie ihn zu einem Butterbrot und einem +Glas Wein ins Haus. Sie wünschte stets zu geben; +da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten +war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer +ihres Herzens.</p> + +<p>Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. +Alsbald setzte Agnes Brot, Schinken, Butter, Honig +und eingemachte Früchte vor ihn hin, rückte einen +Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt +und dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie +hatte seit langer Zeit keinen Gast mehr in ihrem +Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von +Hanka, denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse +vor Agnes nicht preisgeben dürfe. Als er +genug gegessen, getrunken und erzählt hatte, erhob +er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.</p> + +<p>In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen +den Ansorge-Hof. Als er das Haus betrat, erfuhr +er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein Arzt +und ein Wärter angekommen seien und schon zwei +Stunden später seien Borromeo und Christian mit +<span class="pagenum"><a name="Page_373" id="Page_373"></a>[373]</span>jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte zusammen, +als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes +Unheil wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber +dies war nur ein letztes Gedenken. Ruhig wanderte +er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat +er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen +Papiers aus der Lade, wo dergleichen verwahrt +wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an einen +Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach +meinem Tode mit allem beweglichen und unbeweglichen +Gut an unsere alte Dienerin Ursula Kämmerer. +Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank +liegendes Barvermögen im Betrage von +achtmalhundertvierzigtausend Gulden laut Kontokorrent +vom 1. Juli <em class="antiqua">a. c.</em> vermache ich meinem +Freunde, dem Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, +zurzeit in Graz. Er soll es auf eine solche +Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen +Gesprächen oft aufgestellten Ideal angemessen +ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem Bewußtsein meiner +selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies +niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. +Arnold Ansorge.«</p> + + + + +<h3><a name="Sechzigstes_Kapitel" id="Sechzigstes_Kapitel"></a>Sechzigstes Kapitel</h3> + + +<p class="newsection">Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das +Haus verließ.</p> + +<p>Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu +einem verwahrlosten Hüttchen kam. Am Ufer hockten +<span class="pagenum"><a name="Page_374" id="Page_374"></a>[374]</span>ein Mann und ein Weib und flickten Netze. Im +Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute +um das Fahrzeug; er wolle nur bis zum Wald hinunter +rudern. Zugleich gab er dem Mann ein Guldenstück +und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß +er das Boot flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen +machte, um den strahlenden Himmel oder +sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. +Es schien ihm, als gleite er zwischen zwei +Himmeln dahin.</p> + +<p>An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald +an beiden Ufern dicht zum Wasser trat, legte Arnold +an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine +Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, +die glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel +in der weißlichen Luft, durch gelbe und +goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf +das feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, +auf vielfältige, schläfrige, halberstorbene Laute, +Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern kleiner +Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; +auf einem kleinen Wiesenstück standen Hunderte +violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des Forstes +ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen +einer Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel +zwischen den Stämmen empor.</p> + +<p>Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die +Tannennadeln in der Luft. Der Himmelsausschnitt, +den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte sein +sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte +sich auf eine Schicht von braunem Nadelwerk. Mit +<span class="pagenum"><a name="Page_375" id="Page_375"></a>[375]</span>der Hand haschte er nach den Fäden des Altweibersommers, +die ihn umschwebten. Vertieft blickte er +dann auf einen Ameisenzug neben seiner Schulter, +und er fühlte sich klein wie eine Grille und betrachtete +liebend diese Welt der Ameisen und den Wald der +Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden +noch ruhiger als bisher, aber auch ernster. Er rückte +ein wenig hinauf, um sich bequem an den dicken +Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen +ringsum am höchsten ragte, als erste das Abendrot +an ihrer Spitze auffing und im Osten zugleich den +Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm +und zog ihn lächelnd durch den Mund, so daß die +tauige Feuchtigkeit seine Lippen erfrischte. Dann +öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver +aus der Tasche und drückte die Laufmündung fest +gegen die linke Brust.</p> + +<p class="ende"><em class="gesperrt">Ende</em></p> +</div> + +<!-- <p><span class="pagenum"><a name="Page_376" id="Page_376"></a>[376]</span>[Blank Page]</p> --> + +<div class="advertisements"> + + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_377" id="Page_377"></a>[377]</span></p> +<p class="noindent">Von <em class="gesperrt">Jakob Wassermann</em> ist im gleichen Verlag erschienen:</p> + +<ul> +<li>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. <span class="smaller">Roman. 9. Auflage.</span></li> +<li>Die Juden von Zirndorf. <span class="smaller">Roman. Neubearbeitete Ausgabe.</span></li> +<li>Der niegeküßte Mund. Hilperich. <span class="smaller">Novellistische Studien.</span></li> +<li>Alexander in Babylon. <span class="smaller">Roman. Dritte Auflage.</span></li> +<li>Die Schwestern. <span class="smaller">Drei Novellen. Dritte Auflage.</span></li> +</ul> + +<p class="noindent">Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:</p> + +<ul> +<li>Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. <span class="smaller">Roman. 6. Aufl.</span></li> +</ul> + +<h2>Die Juden von Zirndorf</h2> + +<h3>Roman. Neubearbeitete Ausgabe +Geh. M. 4.–, geb. M. 5.–</h3> + + +<p>Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, +Jakob Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen +Roman »Die Juden von Zirndorf« in einer neubearbeiteten +Ausgabe herausgegeben, der die Kürzungen trefflich zustatten +gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, diese »Juden von +Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen Glaubensgenossen +und über das Judentum der Gegenwart überhaupt +schärfere und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in +diesem Buche. Die besten Eigenschaften des jüdischen Volkes +erscheinen in ihm selbst verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische +Sinn, der auch sich selbst nicht schont. Mit diesem verbindet +sich auch bei Wassermann eine starke, jedoch mehr mystisch als +sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in dem phantastischen +»Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem Erscheinen des +merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte Judenverfolgung +im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den +Grundakkord zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte +der »Juden von Zirndorf«, in denen ein begabter Jüngling +Agathon, in dem das edelste Judentum verkörpert ist, die +von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch einen +Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter +sowohl in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als +im Gange der Handlung die vollkommenste Objektivität.</p> + +<p class="right">(Neue Zürcher Zeitung)</p> + +<p>Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste +Buch Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, +in einer tiefen und nachspürenden Weise dargestellt, reizt das +aktuelle Interesse. Dabei ist der Verfasser, selbst ein Jude, +<span class="pagenum"><a name="Page_378" id="Page_378"></a>[378]</span>voll klarer Einsicht in die Dinge und steht, soweit das überhaupt +möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört nach Form +und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der +deutschen Literatur der letzten Jahre.</p> + +<p class="right">(Arbeiterzeitung, Wien)</p> + + +<h2>Die Geschichte der jungen Renate Fuchs</h2> + +<h3>Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.–, geb. M. 7.50</h3> + +<p>Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung +und der Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung +der Frauen, »die alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen +beginnen, die ihr Schicksal, ihr Frauenschicksal erleben +und nicht länger leibeigen sein wollen«. – Seit dem »Grünen +Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so interessanter +und tiefsinniger Roman erschienen.</p> + +<p class="right">(Die Zukunft)</p> + +<p>Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung +aller Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem +Studium aller Formfeinheiten und aller Seelenanalysen +auf Eid und Gewissen versichern dürfen, daß es sich +bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein bedeutendes +dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem +jedes Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung +und feinster Erkenntnis der menschlichen Natur sei.</p> + +<p class="right">(Berliner Tageblatt)</p> + +<p>Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses +Buch fesselt. Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman +– damit kann man das Buch literarisch kennzeichnen. +Ich halte es für ein Ereignis. Bei Wassermanns Darstellungskunst +im einzelnen kann ich nicht lange verweilen. Seiner Art +von psychologischer Dialektik widersteht man nicht: sie rührt +ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine Erfindung +im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben +von Motiven ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen +bewundernswert. Und seine Sprache, das eigentlich Schönste +<span class="pagenum"><a name="Page_379" id="Page_379"></a>[379]</span>und Phantasievollste an ihm, wächst aus schlichtesten Einzelheiten +zu wundervollen Wirkungen. Durch den deutschen +Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande +unserer Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns +Roman ist reiche Ernte.</p> + +<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p> + + +<h2>Der niegeküßte Mund – Hilperich</h2> + +<h3>Novellistische Studien. Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–</h3> + +<p>In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst +eine mehr als respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische +Kunstwerke von einer so feinen und sicheren Arbeit, +wie wir ihrer in der heutigen deutschen Literatur nicht viele +besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist ihre gute +Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng +die Linie fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten +sich verhalten, Ausführung und Andeutung zueinander stehen +– alles das verrät einen in Deutschland sehr seltenen Kunstverstand +und ungemein viel Talent. In dieser Hinsicht wären +nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß man sie +verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, +der Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.</p> + +<p class="right">(Die Zeit, Wien)</p> + + +<h2>Alexander in Babylon</h2> + +<h3>Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50</h3> + +<p>Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von +Alexanders Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode +wird uns erzählt, dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer +Ausmalung und mit ebenso kühner als intensiver Psychologie. +So ist dieses Buch weit mehr ein Prosaepos als ein Roman, +und es bietet weit mehr eine faszinierende Ausdeutung der +Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch pragmatische +Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +<span class="pagenum"><a name="Page_380" id="Page_380"></a>[380]</span>sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie +durch seine kaum genug zu preisende sprachliche Behandlung. +Es gehört zu unsern schönsten deutschen Prosabüchern. Manche +Kapitel verdienten in den Schulen gelesen zu werden. Auf +solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und beseelt.</p> + +<p class="right">(Neue Freie Presse, Wien)</p> + +<p>Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes +ein Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die +meisten historischen Romane alten Stiles.</p> + +<p class="right">(Kreuzzeitung, Berlin)</p> + +<p>... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die +ägyptischen Romane von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane +von Felix Dahn abschrecken lasse, diesen »Alexander +in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in Griechen oder +Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, wenn +man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, +um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike +Welt gleichsam in seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie +es in neuerer Zeit der Dichter Hugo von Hofmannsthal in +seinem Drama »Elektra« tat.</p> + +<p class="right">(Berner Bund, Bern)</p> + +<p>»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner +in Entzücken. Der weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß +es unter ihnen, der nichts von Babylon weiß. Und auch uns +versetzt der Name dieser großen Stadt in Entzücken, erinnern +wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, so intensiv, so +herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue Testament +nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert +worden. Babylon – das ist das Leitmotiv dieses +Buches, die goldene, unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. +Und oft scheint es sogar, als ob auch Alexander +nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag dazu doch eine +zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich auseinandersetzen +mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden +Persönlichkeit. Und wie er’s getan, das ist bewunderungswürdig.</p> + +<p class="right">(Neue Hamburger Zeitung)</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_381" id="Page_381"></a>[381]</span>... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des +Orients, gewesen sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft +ihn packte und er sich götterhoch über die Mitmenschen +erhoben dünkte, Menschenverachtung und brütende Einsamkeit +umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er liebte und +denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem +Pinsel eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients +gebrannt haben; so muß die Farbenpracht Indiens und die +Größe Babylons, die berückende Schönheit der Frauen Persiens +und Indiens, die Idee, die Welt den mazedonischen Waffen +zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander umgaben +und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen +erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die +Herzen gegen die Rippen pochen, die Leidenschaften wüten +und emporzüngeln und steht starr und von Grauen überwältigt +vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar finsteren +Verhängnisses.</p> + +<p class="right">(Düna-Zeitung, Riga)</p> + + +<h2>Die Schwestern</h2> + +<h3>Drei Novellen. Dritte Auflage. +Geh. M. 2.–, geb. M. 3.–</h3> + +<p>In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten +Jakob Wassermanns verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in +der Art seines künstlerischen Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen +vor sich gegangen. Dieses stete Sichgleichbleiben in +der Auffassung von Menschen und Dingen, Belebtem und Unbelebtem +verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal seltsame +und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener +wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, +nicht anempfunden und verlogen ist. Pseudokünstler lieben +es aus gutem Grunde, Masken zu tragen, die ihr wahres +Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber fällt zuweilen die +Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines vermummten +Bluffers.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_382" id="Page_382"></a>[382]</span>Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen +Schöpfungen, in Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem +wie Kleinem stets sich gleich geblieben ist, gibt wohl das +wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, nicht ein geputztes +und geschminktes. So stammt also das Verschleierte und +Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und +Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so +sehr eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht +in voller Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in +der er sich individuell mit Menschen und Menschenwerk alter +und neuer Zeit psychisch abfindet. Alter Zeit, der die exotischen +Naturen seiner Novellen »Schwestern« und des Vorspiels +der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der +die »Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses +Romanes, die »Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. +Die sonderbaren Erlebnisse der »Schwestern« zu erzählen, die +fremdartig anmutenden Frauen Johanna, Sara und Clarissa +kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht vermieden: +solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein +wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie’s nur +ein Meister dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt +sei, daß auch in diesem neuen Werke die seelische Eigenart +Wassermanns, die zehn Jahre vorher schon im Erstlingswerke +des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so deutlich +fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt; +daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer +schweren deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der +schwermütigen und gepeinigten Seele wiederzugeben, und die +Gabe, mit feinem, mit feinstem Striche die phantastische Silhouette +flüchtig vorüberhuschender, eilig wieder auftauchender +Menschen festzuhalten.</p> + +<p class="right">(Allgemeine Zeitung, München)</p> + +<p>Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine +Sehnsucht, ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu +neuem, wunderlichem Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, +aber Wassermann sucht aus dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse +des Lebens herauszulesen. Glänzen uns hier nicht Schönheiten +<span class="pagenum"><a name="Page_383" id="Page_383"></a>[383]</span>entgegen, die wir sonst an unserem Lebenswege vergeblich +suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues Leben, +viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde +Schwärmerei ist das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst +gegeben, ein holder Traum, von siegesstarken Sehnsüchten +und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um es nicht mehr zu +vergessen.</p> + +<p class="right">(Hannoverscher Kurier)</p> + +<p>Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam +geschliffenen Wortprägungen spezifisch Wassermannscher +Art. Nur einem kabbalistischen Grübelsinn, einer so heißen +Phantasie wie der dieses deutschen Orientalen konnte es gelingen, +die Verrücktheiten der kastilischen Isabella so tief +poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei phantastisch +konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. – +Das historische Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander +in Babylon« und diese drei Novellen bezeichnen für mich +bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob Wassermanns.</p> + +<p class="right">(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)</p> + +<p>Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind +erfüllt von einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas +Grauenhaftes webt in ihnen, das uns bannt, und wir spüren +Fäden aus fernen Welten, die wir ahnen, aber nicht kennen. +Die Novellen sind vorgetragen in einem ruhigen, kühlen, klaren, +ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas Preziöses an +sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich verbirgt. +Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben +ist nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor +steht über dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz +spricht als vielmehr sein künstlerisches Bewußtsein. Diese drei +Frauengestalten stehen wie ein paar alte, goldtonige Gemälde +vor uns.</p> + +<p class="right">(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)</p> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_82">S. 082</a>: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen.,</li> +<li><a href="#Page_90">S. 090</a>: tyranischem Übereinkommen → tyrannischem</li> +<li><a href="#Page_102">S. 102</a>: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.</li> +<li><a href="#Page_125">S. 125</a>: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen</li> +<li><a href="#Page_126">S. 126</a>: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl → Emerich</li> +<li><a href="#Page_131">S. 131</a>: kann kein Schlacht gewinnen → keine</li> +<li><a href="#Page_144">S. 144</a>: Hals verschwand im Pelz der Mantels → des Mantels</li> +<li><a href="#Page_148">S. 148</a>: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.«</li> +<li><a href="#Page_215">S. 215</a>: einen Salon, in welchen die Sessel → welchem</li> +<li><a href="#Page_226">S. 226</a>: zwei Billete zum Konzert → Billette</li> +<li><a href="#Page_237">S. 237</a>: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben.</li> +<li><a href="#Page_255">S. 255</a>: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«,</li> +<li><a href="#Page_286">S. 286</a>: die Augen vor Erstauen herausfallen → Erstaunen</li> +<li><a href="#Page_295">S. 295</a>: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben → Schulter. »Sie</li> +<li><a href="#Page_323">S. 323</a>: es war ihn dabei zumut → ihm</li> +<li><a href="#Page_324">S. 324</a>: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit → in</li> +<li><a href="#Page_337">S. 337</a>: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? → dich?«</li> +<li><a href="#Page_339">S. 339</a>: Ich wolle doch einmal sehen → wollte</li> +</ul> +</div> + + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Note:</strong> This ebook has been prepared from scans of a third +and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below +lists all corrections applied to the original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_82">p. 082</a>: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen.,</li> +<li><a href="#Page_90">p. 090</a>: tyranischem Übereinkommen → tyrannischem</li> +<li><a href="#Page_102">p. 102</a>: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.</li> +<li><a href="#Page_125">p. 125</a>: [added quote] »Wir können uns auf einen großen</li> +<li><a href="#Page_126">p. 126</a>: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl → Emerich</li> +<li><a href="#Page_131">p. 131</a>: kann kein Schlacht gewinnen → keine</li> +<li><a href="#Page_144">p. 144</a>: Hals verschwand im Pelz der Mantels → des Mantels</li> +<li><a href="#Page_148">p. 148</a>: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.«</li> +<li><a href="#Page_215">p. 215</a>: einen Salon, in welchen die Sessel → welchem</li> +<li><a href="#Page_226">p. 226</a>: zwei Billete zum Konzert → Billette</li> +<li><a href="#Page_237">p. 237</a>: [added period] und darauf sitzenbleiben.</li> +<li><a href="#Page_255">p. 255</a>: [added quote] daß du mich liebst«,</li> +<li><a href="#Page_286">p. 286</a>: die Augen vor Erstauen herausfallen → Erstaunen</li> +<li><a href="#Page_295">p. 295</a>: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben → Schulter. »Sie</li> +<li><a href="#Page_323">p. 323</a>: es war ihn dabei zumut → ihm</li> +<li><a href="#Page_324">p. 324</a>: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit → in</li> +<li><a href="#Page_337">p. 337</a>: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? → dich?«</li> +<li><a href="#Page_339">p. 339</a>: Ich wolle doch einmal sehen → wollte</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + +***** This file should be named 20413-h.htm or 20413-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/ + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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