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+The Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Moloch
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: January 22, 2007 [EBook #20413]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online Distributed Proofreading
+Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
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+ Der Moloch
+
+ Roman
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+ Dritte und vierte Auflage
+ neu bearbeitet
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+ 1908
+
+
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+
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+
+
+Frau Ansorge
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde
+zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das
+Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den
+weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den
+weißgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum
+Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die
+Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das
+überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot
+über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn
+unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein
+schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluß zwingt, ihm in
+weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter
+abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluß
+herangebaut, so daß die Hauptstraße des Dorfs nahezu die Gestalt eines
+#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu
+reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint.
+
+Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser,
+öder Erdstrich. Nur ein großer Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm
+strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus.
+
+Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an
+welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von
+der Ostrauer Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer
+Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der
+damalige Bürgermeister hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der
+seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde
+gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch
+unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu
+verändern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zäune
+aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der
+Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft
+und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach.
+
+Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen
+gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen.
+Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden
+geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred
+Ansorge war einer der großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers
+gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen großen
+Teil des Jahres in der traurigen, rußigen Stadt zuzubringen, aber desto
+schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf
+Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie,
+Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die
+Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei
+Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein
+falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien
+kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem
+entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum
+Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter
+eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt
+zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen
+zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verließ gelegen, das
+Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch was mit dem
+Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden
+und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr
+aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des
+Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der
+Eisdecke des Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form
+des Lebens zu.
+
+Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die
+Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den
+Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äußerlich
+ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschäften zu befassen und
+bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte
+Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle
+liegenden Gründe veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu
+übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr
+beeinflußt hatte.
+
+Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat
+keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie
+haßte alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf
+Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren
+Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern
+mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder
+den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Straße
+ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand
+oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen.
+
+In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines
+schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die
+beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine
+unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und
+unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner
+Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts
+von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige
+Geselligkeit entsteht.
+
+Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches
+Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen
+stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute
+auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht
+ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn für
+die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals und auch später nicht
+das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein durchaus
+unrechtmäßiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem
+Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen
+Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte,
+zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die
+er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den
+Plagegeist los und biß und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich
+mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine
+verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewußtsein der
+Körperkraft entsprang und gar possierlich wirkte.
+
+Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang.
+Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die
+Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie
+selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin
+unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und
+so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den
+niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu
+lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß
+er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte
+keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher
+Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt
+gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie.
+
+In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an
+ihm eine unruhige Überschwänglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur
+im Innersten fremd war. Da kam es vor, daß er während einer ganzen
+Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in
+die Erde hinein horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der
+Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst
+am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren,
+was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte
+er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen,
+dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Straße erschienen waren.
+
+Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein
+Gegenteil, so daß Arnold den Eindruck eines mürrischen und
+phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung,
+ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer und Winter und wieder Sommer und
+Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der
+Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der
+Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und
+schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen
+ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine
+geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land,
+nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der
+Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war
+nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr
+eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den
+kurzen Gesprächen mit ihr gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm
+nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum
+ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen
+geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, daß
+Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern auch die Frau in
+ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich
+untergeordnet glaubte.
+
+Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium
+für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch
+körperliche Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien gefunden.
+Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit
+ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem
+Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für
+dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergaß er doch niemals den
+herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes
+Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die
+schweißbedeckte dampfende Haut.
+
+Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches
+Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es,
+als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang
+zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen
+Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten.
+
+Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die
+neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie,
+frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hieß Salscha. Als
+Arnold sie gewahrte -- sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre
+Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes -- da besann er sich
+lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelände und blinzelte mit den
+Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel
+Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben
+wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus,
+als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmäßig
+vorenthalten war. Die Magd lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf
+Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und
+Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr
+nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter
+der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung
+zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm,
+verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm
+nichts mehr denn ein leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken
+müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde
+wieder ruhig.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
+und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände
+glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
+entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise
+sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem
+Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
+plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
+den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
+zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.
+
+An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den
+Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich
+langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen
+leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob
+sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
+flammenden Himmel.
+
+Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
+bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen.
+Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und
+verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute,
+kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
+die Richtung nach dem Dorf ein.
+
+Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
+Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
+wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig,
+»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des
+verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt.
+Hanka heißen sie.«
+
+Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
+Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter
+durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
+Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
+Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu
+Gesicht bekam.
+
+Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim
+Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt
+und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er
+lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker
+hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu
+beobachten fähig ist und sich dessen freut.
+
+Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist
+sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
+Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.
+
+»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?«
+Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu
+allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
+reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
+betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
+zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und
+zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.
+
+Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
+fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
+leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte
+sich galant und wünschte gute Nacht.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet
+war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er
+liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und
+-frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder
+wurden zur Tränke geführt, und sie blökten freundlich.
+
+Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer
+Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken.
+Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der
+Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch
+sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen.
+
+Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn und Glatze, die trotz
+des kühlen Morgens schon schweißbedeckt waren, mit einem blauen Tuch
+trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck
+eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing,
+mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte
+seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig und ging.
+
+Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh' jetzt ins Dorf.«
+
+Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt
+atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich
+gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege
+lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß,
+dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels
+wiedergab.
+
+Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig,
+entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den
+Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das
+Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar
+wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den
+jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen
+Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die
+Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und
+Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein
+bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn
+hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob
+beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche.
+
+»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd'
+ich Ihnen verklagen bei Gericht.«
+
+Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen
+Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen
+beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand.
+
+Elasser wurde erregt. »Ich fürcht' mich nicht vor Ihrem Hund,«
+antwortete er. »Ich fürcht' mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich
+mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach' hat
+sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen
+kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an
+Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz
+herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte
+Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn
+gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um
+seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und
+zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur
+Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte
+Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den
+Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf
+duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos
+zusammenschrumpfte.
+
+Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen
+haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem
+Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind
+da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden.
+
+Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold
+auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die
+blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als
+sei der Sonnenschein trüber geworden.
+
+Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus
+entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf
+Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut.
+Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine
+Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein
+wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein
+Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere
+Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er
+darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich
+zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold
+betraf.
+
+»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte
+er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?«
+
+Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft.
+
+»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?«
+meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?«
+
+»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!«
+
+»Waren Sie nie in der Stadt?«
+
+»Nein.«
+
+»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein
+Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei
+einem Städter. Sehr merkwürdig!«
+
+»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold.
+
+»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie
+die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor.
+Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich
+sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater,
+Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale
+Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht
+vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie
+mir.«
+
+Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er
+seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend
+und verständnislos anschaute.
+
+Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine
+Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und
+neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine
+Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den
+Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet
+hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und
+ging dem Lehrer entgegen.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der
+Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das
+Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht
+das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß
+kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den
+schlesischen Wäldern lag ein Wetter.
+
+Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn,
+was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel
+auf ihn.
+
+Arnold brummte etwas vor sich hin.
+
+Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde
+er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können.
+
+»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf.
+
+Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh
+und zu Ostern schlachten sie Christenkinder.
+
+»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun
+Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht
+bekommen.«
+
+»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte
+Salscha.
+
+Arnold zuckte die Achseln und schwieg.
+
+Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den
+Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit
+war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht.
+Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie
+nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr
+gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen.
+
+Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den
+Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er
+schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau
+Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie
+fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes.
+
+Aber die Wolken verzogen sich wieder.
+
+Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit
+allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt
+vorgeschwärmt habe.
+
+Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie;
+»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.«
+
+Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein
+Regenbogen stand.
+
+»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie.
+
+Arnold trat an ihre Seite.
+
+»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir.
+Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm
+übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe
+verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine
+Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel,
+sie sind leer wie gedroschenes Stroh.«
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von
+Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage
+bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate
+kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen
+Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen
+böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in
+Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und
+Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt.
+Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib,
+innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich,
+für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte.
+Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges
+leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese
+gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht,
+ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was
+sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn.
+
+Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen.
+Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain
+weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen
+Ankömmling.
+
+Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester
+beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden,
+setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus
+langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel,
+dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine
+anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen.
+
+Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu
+dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter
+ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine
+ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer
+miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt
+aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben,
+erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge
+begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten.
+
+»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend
+heraus.
+
+»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er
+zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht
+dumm.«
+
+»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht
+sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester
+begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und
+spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter
+Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig,
+aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen
+allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt.
+
+Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein
+Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß
+Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht
+gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka
+bei Beate nach dem Lehrer.
+
+Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter
+Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß
+vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht
+zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas
+Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald
+wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,«
+fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag' ich dir nur im Vertrauen, es
+soll Geheimnis bleiben.«
+
+Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den
+Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte
+die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines
+langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum
+erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm,
+besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über
+den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild,
+denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte
+er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere
+Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir
+haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht's
+dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich
+fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?«
+
+Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte
+Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,«
+log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich
+sehr viel.«
+
+»Hm--m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich
+sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem
+flinken Benehmen.
+
+Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe
+brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand.
+Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom
+Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob
+Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei
+Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette
+und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate.
+
+Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei
+entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen
+können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich
+in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine
+Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm
+leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es
+lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an.
+
+Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine
+ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die
+Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben
+am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie
+von den Tschechinnen gelernt hatte.
+
+ #Kudy, kudy, vede cesticka
+ Pro mého Jenicka ...#
+
+Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine
+Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu
+lieben.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am
+Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug
+das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch
+und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu
+machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm
+hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas
+Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und
+stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch
+schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen
+Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich
+einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß
+und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung
+gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu
+schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden
+Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und
+leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die
+Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand
+auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der
+Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für
+dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk' dir
+einen neuen Unterrock.«
+
+Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß
+das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen
+Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher
+kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte
+der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor
+Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er
+kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß
+es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit
+kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das
+Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt
+und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn
+Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die
+Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen
+Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas
+schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der
+Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt
+verhindert hatten.
+
+Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom
+Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern
+zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu
+unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die
+überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen
+und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die
+Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften
+wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten
+Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten
+Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im
+Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten
+sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend.
+Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen
+Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt,
+seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in
+Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied.
+Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu.
+Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die
+Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich
+blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt,
+das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden
+Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was
+er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit
+niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken
+schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer
+fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn
+Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie
+manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich
+genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als
+ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene
+Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im
+Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und
+Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate.
+Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe.
+Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall
+gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf
+die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und
+wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade
+hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt.
+Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit,
+aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und
+fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt
+starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie
+redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen,
+»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine
+unübersehbare Spanne Zeit.
+
+Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der
+heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald
+schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er
+stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen
+Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte
+Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate
+vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen,
+und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen
+auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn
+nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas
+durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate
+antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig,
+verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare
+klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot,
+das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten,
+verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich
+zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich
+vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und
+höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die
+Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von
+der Anstrengung des Nachlaufens.
+
+»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht
+gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch
+einen Spaziergang machen.«
+
+Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den
+Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der
+Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien
+vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend
+gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie
+einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und
+Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu
+schaffen hatte, irgendwohin.
+
+Arnold schwieg.
+
+»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer
+verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier?
+Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem
+man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.«
+
+Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte
+Arnold, was macht er solches Wesen davon.
+
+»Ich wundre mich nur, daß Sie's hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind
+doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine
+Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer
+heutzutage.«
+
+»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort.
+
+Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand
+entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft.
+Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf;
+über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz.
+
+»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener
+Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die
+Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des
+Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die
+etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen
+durchaus reifen Charakter.
+
+Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend
+und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er
+hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den
+Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor
+ihm floß ein Strom der Einsamkeit.
+
+Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte
+sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als
+Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das
+ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner
+Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf
+und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn
+auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem
+Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht
+erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern,
+als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold,
+den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts
+Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem
+Lehrer mit Interesse.
+
+Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu
+gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er
+hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er
+Beziehungen und wünschte Sympathien.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam
+Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden
+Elasser zu sich ins Kloster gebracht.
+
+»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte
+sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.«
+
+»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold.
+
+»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster
+gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.«
+
+»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch.
+
+Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und
+an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein
+Mädchen rauben,« sagte er verwundert.
+
+»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula.
+
+Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das
+Vorgefallene.
+
+»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu
+seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?«
+
+Frau Ansorge zuckte die Achseln.
+
+»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.«
+
+»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist,
+braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.«
+
+»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?«
+
+Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden
+Leute an,« entgegnete sie gleichgültig.
+
+Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem
+Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider
+Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern,
+Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen
+dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein
+alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen
+Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt
+sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht.
+Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch
+das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit
+einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte
+mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der
+Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen,
+alle Judenkinder zu taufen.
+
+Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach
+der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden.
+
+Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend,
+hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte
+Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen,
+Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern
+des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung
+abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls
+offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als
+trauriger Anblick bot.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust
+emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden
+Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune
+Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes
+Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem
+abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die
+kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb
+spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag
+eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel
+zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau
+stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den
+Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein
+deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne
+Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum
+Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften
+Teil des Raumes ein.
+
+Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat
+er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel
+zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den
+Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die
+gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten.
+Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte
+der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück
+aus dem Kloster?«
+
+Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden,
+ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß
+der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins
+Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge,
+obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in
+jeder Form zu erteilen vermag.
+
+Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das
+ist doch gegen das Recht.«
+
+»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den
+Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt's
+kein Recht, für arme Juden gibt's gar kein Recht. Und mit was kann ich
+dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?«
+
+»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer
+Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten
+konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern
+Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir
+haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta.
+Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der
+Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch
+einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch,
+'s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen,
+denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon
+bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der 's Fleisch bringt ins Kloster,
+kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute
+Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war
+Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein
+freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen
+die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen
+kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister
+sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir
+kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin
+ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu
+sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind.
+Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie
+sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt
+haben wird an die neue Umgebung.«
+
+Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich
+fortgegangen,« schloß er und atmete tief.
+
+»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt
+hatte.
+
+»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt,
+leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.«
+
+Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis
+die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges
+Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende
+Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit
+dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte
+sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte,
+während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in
+Schlaf schüttelte.
+
+Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und
+blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was
+soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall
+wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen,
+sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich
+mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir
+helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab.
+
+Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts.
+Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich.
+
+»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit,
+»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.«
+
+»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein
+Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und
+wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un
+dürsten muß.«
+
+»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit
+streng zusammengezogenen Brauen.
+
+»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von
+einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen
+das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.«
+
+Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum,
+wobei sie Gebete murmelten.
+
+Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm
+Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb
+aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und
+meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem
+Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht
+fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte
+er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten
+wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins
+Wirtshaus.«
+
+Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm
+schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor
+ihn hinstellte.
+
+Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben
+Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter.
+Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist
+es mir schlimm ergangen; heute hab' ich was Schlimmes erfahren. Hören
+Sie nur ... Vielleicht bereu' ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber
+der Teufel kann ewig schweigen.«
+
+Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des
+Lehrers.
+
+»Sie kennen doch Beate?«
+
+Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine
+Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich
+übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte
+Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten
+habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn
+mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt
+Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und
+das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe
+hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die
+Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum
+Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden
+Schnurrbart.
+
+Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte
+zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines
+Wortes wert. Er schämte sich für Specht.
+
+Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte
+die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig
+vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann
+wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?«
+
+»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen
+Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so
+fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts,
+persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?«
+fragte er ironisch.
+
+»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer
+völlig zu.
+
+»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?«
+Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im
+Bunde sei.
+
+Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es
+handelt sich um ein Unrecht.«
+
+Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies?
+Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter
+findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?«
+
+»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum
+Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und
+schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus
+dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold
+an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube
+verließ.
+
+Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich
+auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum
+Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann
+melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst
+versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff,
+mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein
+warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er
+Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier
+kommen?
+
+Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht!
+Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!«
+
+Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und
+schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate
+blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich,
+lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas
+Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der
+Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und
+deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört
+den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und
+sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben
+Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist --« ... mit
+einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten
+entzwei.
+
+»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu
+Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den
+Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren
+Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so
+schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen
+Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen.
+
+Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe.
+
+Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka
+»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu.
+
+Der Lehrer lächelte sarkastisch.
+
+»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich
+genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?«
+
+»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete
+Specht.
+
+Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie
+über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem
+Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen
+Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo
+sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin
+zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen
+und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem
+Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen
+Frau mit Vergnügen betrachtete.
+
+An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung.
+Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser.
+Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine
+Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und
+Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden.
+
+Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um
+sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen
+Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von
+mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster
+seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung
+erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind
+verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist,
+die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn
+Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche
+Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht
+kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder
+nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin
+dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und
+dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die
+Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit,
+sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.«
+
+Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur,
+sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn
+schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts
+Rechtes anzufangen.
+
+In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen
+Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde
+einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen
+aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und
+Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus
+der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide
+Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift
+trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig
+und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin.
+Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd
+erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem
+Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen,
+daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er
+aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor;
+dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige
+Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug
+etwas Unvergeßliches in sich.
+
+Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch
+halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein
+Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam.
+
+Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot
+glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig
+davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der
+Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete
+gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon.
+Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende
+ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte.
+Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte
+schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken
+befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen
+Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer
+langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein
+ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein
+dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter
+befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie
+starrten vor sich nieder.
+
+Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der
+Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen
+traten herein. Elasser reckte den Kopf auf -- Arnold gedachte seines
+Traumpferds, welches sprechen wollte -- und blickte nach der Tür, die
+sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre.
+Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme
+erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die
+erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren
+Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden
+Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und
+Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen
+einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich
+geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu
+leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen
+erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde
+ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ
+sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern,
+und mit einem Schlag war es wieder still.
+
+Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und
+seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen
+Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm
+mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter
+finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang
+hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die
+frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und
+befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem
+verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung
+der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht.
+Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben
+Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen
+oder wachten.
+
+Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat
+ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig.
+Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und
+richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht
+rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne
+Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem
+Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine
+Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.«
+
+Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und
+schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle
+Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu
+zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern,
+die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor
+ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz
+der Oberin zu rühren.
+
+»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit
+feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen
+zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer
+Spitze den Raum.
+
+Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte
+gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen
+schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen.
+Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung
+haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte
+und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen
+durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt --!«
+
+Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich
+verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach
+Arnold um und wartete, bis er herankam.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich
+zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so
+stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann
+wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab,
+ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte
+es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu
+grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm
+entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte
+auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von
+neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich
+Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese
+Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an,
+seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn.
+Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne,
+erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden
+sollte, weil eine Wolke darüber zog.
+
+Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen.
+Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande.
+Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen,
+denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im
+Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt.
+
+Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er
+berichtete und Arnold las:
+
+»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und
+getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner
+Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt,
+den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter
+Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde
+eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt
+deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen,
+entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der
+Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede
+Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus
+einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das
+Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt,
+verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach
+langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein
+Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster
+gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta
+Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen
+des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des
+Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu
+verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie
+ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid
+stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am
+festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm
+eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta
+Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte
+Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin
+den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu
+den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den
+klareren und wahreren Ausdruck: entführt --? Denn das Mädchen wurde
+inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.«
+
+Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die
+Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig
+war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.«
+
+Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und
+bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und
+geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann
+erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter
+seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen
+prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines
+raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht
+kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem
+seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften
+Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe
+verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes
+erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur
+Sorge.
+
+Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse
+und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu
+haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch
+auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu
+sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die
+rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht
+bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck.
+
+»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft.
+
+»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den
+Sofawinkel.
+
+»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der
+Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung.
+
+Die Frau schwieg.
+
+»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort.
+
+»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln.
+Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold
+los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte
+Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher
+Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und
+Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die
+Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei
+Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen.
+Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat
+erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten
+keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum
+Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum
+Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta
+verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach
+Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach
+Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und
+überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde
+verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von
+unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty
+hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern
+verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch
+mehr wissen?«
+
+Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr
+Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen.
+Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach
+Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen
+Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung,
+trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des
+Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in
+einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich;
+der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer
+langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur
+über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen.
+
+Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der
+hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine
+Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch
+vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar
+beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in
+Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber
+Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da
+drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald
+zu viel. Endlich werd' ich atmen können!«
+
+Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen,
+niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen
+können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher
+Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem
+Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst
+gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er
+schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte
+in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch
+Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem
+noch verborgenen Feuer.
+
+»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in
+Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu
+wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll
+man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab
+ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er,
+schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit
+in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift
+uns.«
+
+Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons
+Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert.
+
+»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen
+Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von
+diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme
+Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine
+unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!«
+
+Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage
+borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben.
+
+Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als
+Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein
+Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art
+früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar
+bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses
+zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er
+nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte,
+gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die
+Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den
+persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst
+alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten
+in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite,
+brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte
+nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief,
+als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der
+dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu
+wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die
+stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die
+Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er
+von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für
+die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend
+verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem
+Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden
+frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum
+Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die
+neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich
+suchend danach zurück.
+
+Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um
+jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn
+Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und
+Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber
+alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun.
+
+Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel
+draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen
+entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er
+hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein
+Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah
+er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit
+dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich
+darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der
+»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine
+telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim
+Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber,
+aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend
+seinen Weg fortsetzte.
+
+Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es
+Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß
+Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte.
+
+»Elasser ist beim Justizminister, -- wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie
+er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das
+erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst
+gewesen.«
+
+»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold.
+
+»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste
+belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener
+Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der
+Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf
+die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und
+hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind
+wird Ihnen zurückgegeben werden.«
+
+Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem
+Bericht des Lehrers begriff er nicht.
+
+»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort,
+»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim
+Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt
+ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem
+Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die
+Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.«
+
+»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er
+mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die
+Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen.
+
+Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie,
+lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und
+schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen
+können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht
+versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.«
+
+Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in
+diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde
+blickend, schüttelte er den Kopf.
+
+»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht
+mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg.
+»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß
+stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung
+des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum
+die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das
+ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner
+Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe
+mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat
+dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne
+mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten
+#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in
+dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei --«
+
+»Was heißt das?« unterbrach Arnold.
+
+»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten
+kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser
+etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ...
+anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache
+Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das
+Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder
+zusammen.
+
+»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben
+wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos
+schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß
+diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben
+sollten.
+
+»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer
+Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in
+Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung
+unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze
+Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter
+anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas
+nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie
+wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir
+beide werden es nicht erleben.«
+
+Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen
+Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme
+zu laufen, das aus der Nacht emporstieg.
+
+Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein
+paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein.
+
+»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte
+Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme
+hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu
+Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst
+dabei ist --? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders
+von mir.«
+
+Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang.
+
+»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die
+Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen
+Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen
+scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging.
+
+Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war
+die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den
+herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das
+Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den
+halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck.
+Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der
+Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht
+unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen
+Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß.
+
+Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er
+bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem
+niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte.
+
+
+
+
+Elasser
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines
+Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor
+der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem
+Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit
+verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal
+passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände,
+tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter,
+kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er
+von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter
+Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der
+Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher.
+
+Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus
+der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die
+Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in
+dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen,
+und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art:
+langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter
+Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine
+lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit
+Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer.
+
+Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort
+draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine
+Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er,
+ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum
+Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner
+während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder
+zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile,
+Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner
+Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig
+über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine
+Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte
+sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu
+zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie
+wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der
+großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles
+bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine
+Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose
+Natalie.
+
+Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der
+Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um
+zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen,
+stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den
+Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als
+sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den
+Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war
+betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren
+verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie
+sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie
+gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich
+umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung
+anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft.
+Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine
+Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er
+blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten
+Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche
+Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich
+hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie
+erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu
+verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch
+zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um
+diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit
+war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis
+gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein
+und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan
+nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune
+des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit
+dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne
+sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem
+Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie
+lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine
+flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch
+mehr als Liebe.
+
+Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm;
+eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst
+Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen,
+nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er
+gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater
+zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so
+vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu
+sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang,
+daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft
+schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen.
+
+Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch
+ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede
+Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das
+junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war
+Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht
+verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit
+hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich
+aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle
+Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener
+Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren
+gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als
+sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden,
+aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung
+und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte
+Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und
+fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr
+hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die
+düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht
+des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen,
+vergessen dürfe.
+
+Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes
+und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das
+Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der
+Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die
+sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige
+glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den
+Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er
+beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen.
+
+Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen.
+Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben
+nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene,
+als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt.
+
+Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken.
+Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage
+ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen
+machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam
+sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu
+entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war.
+
+Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im
+Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone
+Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat
+ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich
+überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der
+Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte
+schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und
+verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und
+warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen
+stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb
+gekommen?«
+
+Arnold bejahte.
+
+»Zu viel Umstände,« spottete Beate.
+
+»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete
+Arnold trocken.
+
+Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von
+Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes
+und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte
+den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte.
+Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim
+Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte
+sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war.
+
+Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie
+begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr
+Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das
+Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.«
+Damit schlug sie die Türe zu.
+
+Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig
+erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in
+einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ
+unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die
+drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte
+zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche
+Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte.
+
+Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem
+ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür
+öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im
+Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte
+seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form
+hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein
+so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka,
+nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in
+Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob
+sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse
+verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen
+handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von
+dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei.
+
+Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals
+auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem
+Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben,
+gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich
+zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der
+gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit
+zeigte.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka
+befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die
+merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und
+Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?«
+fragte er.
+
+»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.«
+
+»Gar nichts?«
+
+»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und
+klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden.
+
+»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt.
+
+Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei
+erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.«
+
+Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen
+konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und
+schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar
+für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht.
+»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach
+laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold
+fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf
+ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als
+sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit
+wohlwollendem Lächeln.
+
+Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch
+ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden
+öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit
+stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es
+heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er
+die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine
+Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung
+eines Schmerzes lag.
+
+Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes
+Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute
+kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es
+sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er
+halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit
+sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo,
+damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben
+hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die
+Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und
+der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr
+Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung.
+
+An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel
+hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und
+verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen.
+
+In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem
+Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er
+drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen
+Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein
+Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt
+war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte
+wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold
+fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den
+Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die
+Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der
+Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die
+Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim
+Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die
+Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und
+nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?«
+fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?«
+
+»Der Herr fragt --!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein
+gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.«
+
+Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er
+fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er
+hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel
+und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen.
+Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf
+den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat,
+erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von
+Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder
+hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der
+kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt.
+In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr
+Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und
+endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne.
+Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit
+ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer
+Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war
+weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne.
+Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische
+Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor
+ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer
+gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf
+steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines
+Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter
+der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich
+eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel
+fing wieder an, dunkler und gährender.
+
+Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem
+Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann
+seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer
+durchrann ihn die Vorahnung von Kampf.
+
+Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das
+Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte
+bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die
+Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen
+sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte.
+Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf,
+die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen
+zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der
+mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch
+ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche
+mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu
+begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit
+den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die
+Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt
+vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum
+Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden
+erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit
+gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert
+Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr
+früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die
+dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen
+sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen.
+
+Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und
+Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein.
+Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der
+Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem
+Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt
+mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in
+seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den
+hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner
+Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der
+förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege
+verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien.
+
+»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in
+seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall.
+
+Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem
+unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann.
+»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken.
+
+Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum
+die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du
+das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig.
+
+Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn
+so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und
+drückte das Kinn auf die Lehne.
+
+»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete
+Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem
+Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht
+klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging,
+und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des
+etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck,
+die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der
+Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick,
+als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht
+abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte.
+Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter
+gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten
+genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst
+werde er wiederkommen.
+
+Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor
+Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und
+nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich
+vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine
+Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun
+schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich
+selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit
+einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen
+Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl
+erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich.
+So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen
+und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin.
+
+Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das
+Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden
+waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte,
+war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen
+Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien
+sich nicht sonderlich dafür zu interessieren.
+
+Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins
+Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen,
+abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für
+das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht?
+
+Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin
+und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg
+und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und
+Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken,
+und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über
+die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige
+Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren
+riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran
+herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die
+Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als
+Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt.
+
+Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte
+der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes
+Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte
+sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße
+hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein
+Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und
+schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des
+Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines
+Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an.
+Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung,
+blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von
+selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu
+holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und
+lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er
+eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn
+sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor
+Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er
+warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der
+nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen
+würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und
+nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in
+seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den
+Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund,
+aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm
+erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt
+denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst
+du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie!
+überzeuge sie!
+
+Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte
+sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen
+Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem
+geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen
+Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte.
+
+Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm
+ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert
+kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter
+Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt.
+
+Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen
+und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein,
+wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf
+einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den
+Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor
+einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten.
+Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden
+gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und
+der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte,
+sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich.
+Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er
+war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend
+kleinen Kopf.
+
+Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem
+Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder
+greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah
+Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich
+zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen
+Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah
+deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob
+und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten
+sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn
+vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er
+konnte nicht vergessen.
+
+Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist
+das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute
+empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war
+indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf.
+
+Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem
+in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die
+andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der
+Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust
+zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich
+gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe
+begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute
+düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und
+Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds
+Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte
+sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den
+Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf
+die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der
+Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten
+Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu
+und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?«
+
+Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und
+immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem
+Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde
+verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.«
+
+Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner
+Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war.
+
+»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig.
+
+»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden
+Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen
+Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es
+gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine
+Hoffnung mehr.«
+
+»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das
+Unrecht sich ergießen lassen ganz.«
+
+»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man
+euch den Kopf abschlägt?«
+
+Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,«
+antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat
+lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch.
+Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und
+nicht für uns.«
+
+Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem
+Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt
+ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die
+niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen.
+Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist
+nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.«
+
+»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das
+Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein
+alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.«
+
+Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster
+Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.«
+
+Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der
+Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen
+geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug
+gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die
+Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem
+eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz
+über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon
+versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren
+ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht,
+obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser
+eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit
+auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her.
+Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und
+er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er
+mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor
+den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst,
+hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden,
+daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns
+anhören.«
+
+»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt.
+
+»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln,
+»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.«
+
+Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch
+beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte
+die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an
+die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser.
+Darauf wurde ihm wohl und kühl.
+
+
+
+
+Sechzehntes Kapitel
+
+
+Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des
+Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen,
+welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die
+Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller
+Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt
+sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe.
+
+Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch
+geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und
+richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm
+kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die
+Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat
+wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen.
+
+Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr,
+daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich
+telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben
+Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser
+ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz
+erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts.
+Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung,
+daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den
+Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten
+werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an
+welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser
+wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen,
+Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war
+bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von
+frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte
+die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog
+es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt,
+müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten
+Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter
+Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine
+letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte
+Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und
+sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht
+ein Ende.«
+
+Das war am 5. Februar.
+
+Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers
+nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit
+dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von
+ihm Besitz genommen.
+
+Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach
+körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand,
+ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu
+schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war
+rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor,
+als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt,
+von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer
+dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge.
+»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr
+Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort.
+
+Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte
+den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz,
+schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als
+Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider
+senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt
+der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren
+Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen?
+Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden.
+Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum
+bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe
+Frau?«
+
+Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg
+der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen
+Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den
+Knien liegenden gefalteten Hände.
+
+Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit
+ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht,
+Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.«
+
+Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf.
+
+Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war,
+als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um
+den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle.
+
+Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der
+Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener
+Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige
+Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte
+und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer.
+
+Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom
+Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als
+sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und
+nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann
+kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte,
+jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete
+sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das
+werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich
+Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein
+deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu
+werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der
+Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war
+weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold
+widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen
+ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen
+das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte
+seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht
+geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es
+licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag
+viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter,
+bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde
+erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe
+Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit
+zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst
+vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn
+selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort
+aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der
+Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige
+Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von
+einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält?
+
+Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein.
+
+
+
+
+Siebzehntes Kapitel
+
+
+Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo
+trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf
+vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie
+neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor
+Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden,
+müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges
+Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter,
+Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den
+leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen.
+Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend
+auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit
+einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein
+Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte:
+»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte
+seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und
+begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu
+machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte
+übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste
+durch die Spalten der geschlossenen Türe.
+
+Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die
+flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben
+müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So
+verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und
+ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an
+Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte
+gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine
+tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der
+Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb
+triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte,
+freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge,
+erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab
+ihr zu denken.
+
+Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig
+gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in
+seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an
+solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um
+sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und
+belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte.
+Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies
+sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft
+geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte,
+wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten
+und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei
+nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das
+beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten
+Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die
+Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen
+wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und
+mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka
+allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte.
+Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine
+schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten.
+
+»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er
+Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und
+strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese
+inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald
+wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?«
+
+Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte
+Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte
+den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den
+Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich
+langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes
+Wort zu finden.
+
+»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich
+langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den
+Nacken und schaute Hanka nachdenklich an.
+
+»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern
+Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie
+von ihm?«
+
+Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und
+Unwirkliches.
+
+»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr
+Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun
+aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht
+ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.«
+
+»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten
+Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog.
+
+»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd.
+»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich
+ist alles.«
+
+Arnold lächelte besserwissend und erhob sich.
+
+Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher
+so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder,
+als er gekommen war.
+
+Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die
+Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie
+jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und
+der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit
+unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm
+suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr,
+den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch
+er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem
+Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten
+sich.
+
+Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und
+der Assistenzarzt war abgereist.
+
+Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen
+Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg
+geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken
+und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei.
+
+Von Elasser hörte man nichts.
+
+Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte
+sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf
+gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute
+war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das
+Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit
+hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf
+ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus,
+und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen?
+Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit
+hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag?
+Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu
+schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um
+Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen?
+Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende
+Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir
+merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die
+Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag
+Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie
+tief.
+
+
+
+
+Achtzehntes Kapitel
+
+
+Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von
+Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt
+Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den
+Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen
+Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die
+Frau Mutter nichts?«
+
+»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen.
+
+Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster
+und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand.
+
+»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle
+übrigen zu ersetzen.
+
+Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat
+mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott
+lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des
+Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit
+Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden
+war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen
+zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+
+Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat
+neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die
+Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen
+Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des
+Klosters -- hat es ein Ende?«
+
+Elasser vermochte nichts zu erwidern.
+
+»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise
+fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz
+schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte.
+
+»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos.
+
+Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine
+Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller.
+Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen
+Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des
+unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos;
+Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete.
+Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im
+Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor
+Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein
+Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt.
+
+Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern.
+Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen
+ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig
+war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie
+Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten
+Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war
+weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein
+Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel
+auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er
+sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei
+den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht
+und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine
+Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber
+niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold,
+indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob
+sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann
+blieb er tückisch gebückt an seinem Platz.
+
+Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte
+nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren
+heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile!
+mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern
+vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen
+zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn
+ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um
+aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum
+selbständig hörenden Ohr geworden.
+
+Ist es eine Welt? dachte er; wo leb' ich denn? was geschieht denn? Ist
+es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die
+Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen
+würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und
+Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch
+an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es
+gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner
+würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden
+schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu
+leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh' hin und ruhe nicht, denn sie
+können sonst nicht leben.
+
+Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der
+Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die
+Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen,
+seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von
+sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie
+werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich
+eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu
+lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den
+ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend
+an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der
+Mutter stand unbeweglich der Pfarrer.
+
+Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch
+Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem
+Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn
+ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte
+der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm
+auf.
+
+Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor
+sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß
+mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer.
+Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner
+Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster
+waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich
+entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war
+schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam
+vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe
+die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei,
+während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin
+Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine
+Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon.
+Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben;
+Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede
+Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst.
+
+
+
+
+Neunzehntes Kapitel
+
+
+Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und
+hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch
+die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung.
+Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft,
+überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am
+Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust
+verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die
+Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie
+gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich
+anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit
+begann sie indes zu schlafen.
+
+Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als
+das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang
+empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich
+Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon
+vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der
+Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin.
+
+Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig
+das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über
+die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu
+Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des
+Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit
+nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte
+nicht zu rühren.
+
+Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann
+in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen
+das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen.
+Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch
+bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?«
+
+Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint
+sie dich, Arnold? Willst du denn fort?«
+
+Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will
+fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man
+muß einen Verwalter mieten.«
+
+»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt.
+
+Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und
+trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit
+erfaßt.
+
+»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«,
+begann Arnold.
+
+Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast
+ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,«
+entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die
+Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,«
+fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem
+vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen
+ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine
+Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.«
+
+Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was
+ich muß?« fragte er.
+
+Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt
+machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er
+gedehnt und widerwillig.
+
+»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine
+Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen.
+Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht
+kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas
+Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen
+wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der
+Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen
+tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht
+nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne
+Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab' hier
+keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich
+will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon
+Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der
+Teufel holen.«
+
+Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung
+erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen
+Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den
+gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens
+sträubten.
+
+Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu
+finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir
+es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus.
+
+Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur
+Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem
+Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur.
+
+Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen
+Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig
+für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den
+Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis
+bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch,
+kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände.
+
+Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn.
+Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu
+gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei
+zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer
+Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster
+glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und
+sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das
+Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die
+Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg
+fort.
+
+
+
+
+Zwanzigstes Kapitel
+
+
+Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise
+verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, die
+Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. Aber hätte ein Geist wie
+der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend
+und sie zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher so
+sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, diesen
+ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schüttelte er über sich
+selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit
+Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate hatte sich mit der
+neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen
+eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm nicht
+die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war
+sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt
+hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, gedroht,
+gerast. Das alles ging förmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den
+Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst
+aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich
+selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch
+schnitt und das Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer
+Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins
+Wohnzimmer, blaß und lächelnd, saß neben Hanka, spielte ein harmloses
+Kartenspiel mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei
+ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und
+launenloser als früher.
+
+Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka wenig. Außerhalb ihres
+Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat.
+Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu
+wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften
+spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie
+diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche
+Farbe ihre Augen hätten und so weiter. So geschwind wie möglich müsse
+sie das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem dann ihre
+geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden würde. Da er, Hanka, an der
+Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und
+aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht mehr
+lange mit der Rückreise zögern, da sie frische Ananas aus Hamburg
+erhalten habe.
+
+Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, ohne sich im
+geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten.
+
+Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit,
+und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von
+Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über die
+Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter
+Gedanke ist kurz und reicht für drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu
+quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend.
+Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein
+starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen
+von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhaßt und
+unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin,
+weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und
+Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. Seine
+nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild
+gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate,
+an nichts anderes als an Beate.
+
+Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich
+nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie.
+Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte
+mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für mich ganz angenehm.
+Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschäft machen, gehört nicht gerade
+zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher Geist wird sich
+in das natürlichste Verhältnis zu finden wissen, aber hab' ich darum mit
+vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu
+verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich zum Fenster
+hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schützen, allein was ist mit Geld
+gegen den bösen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das
+Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit,
+systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges Beisammensein und
+Langeweile zu zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im Sommer bei der
+Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es
+ist wie mit den Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je
+sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich hätte
+Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die
+Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein
+Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher Vater. Dem veralteten
+Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls
+versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt
+Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf
+dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich von
+solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch
+betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne
+ziehen.
+
+Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften Überlegungen. Aber das
+Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins
+Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum
+den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum
+wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die übrige
+Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu
+lassen, dazu war Hanka die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie
+ehrlich er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht.
+
+Am andern Morgen trat er mit einem militärisch ausholenden Schritt vor
+Agnes hin, als er sie allein sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne
+Umstände an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten würde?«
+
+In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte
+verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich spähend um, riß
+plötzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in
+hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht übermäßig vernünftig
+wäre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich
+habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: für
+mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja
+an sich ziemlich traurig, aber für das ganze Unternehmen von Vorteil
+ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.«
+
+Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas
+lehnte. »Nun?« fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als
+seine Hand zögerte.
+
+Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen.
+
+»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« sagte Agnes, indem auf
+einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und
+machte sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka nahm,
+unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmöglich, sich
+jemand zum Freund oder zur Gattin zu züchten, dachte er und spuckte
+verächtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete;
+aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will
+mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu
+sein.
+
+Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann
+wandte er sich plötzlich mit einer erzwungen pfiffigen und überlegenen
+Miene zu ihr. »Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben
+hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen
+Stimmlage, »was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag
+machen würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen auf seiner
+Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit
+langsamen Schritten das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken
+und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine
+Stunde später sein, als ihm das junge Mädchen am Hauseingang begegnete.
+Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lächeln: »Ja.«
+Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten.
+
+Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas
+gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch
+erklärt. Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin beschloß Hanka
+zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hügel. Trotz des klaren
+Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren
+noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde
+lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und
+Ungläubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit
+einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg
+hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in
+seiner formelhaften Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte sich.
+Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krähe, die über die
+Köpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch
+bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne
+Unwillen, ohne Vorwurf.
+
+Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es,
+die Zeit zu nutzen. Er hätte sich an diesem Abend eine leichtere
+Stimmung gewünscht. Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur
+Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof
+und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm
+den Zug erwartend. Hanka grüßte mit der ihm eigenen ernsten
+Verbindlichkeit, näherte sich aber nicht, sondern schritt in der
+holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft
+war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die
+Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzügen der
+Ebene.
+
+
+
+
+Natalie
+
+
+Einundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte
+erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über
+drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt.
+
+Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe
+erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge,
+dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg.
+Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen
+beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen.
+
+Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom
+Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und
+die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt.
+Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte,
+polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten,
+Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und
+knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten;
+andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren
+Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn
+stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen
+Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die
+lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und
+angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen
+Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier
+der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den
+Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise
+Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel
+und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum,
+Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche
+zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter
+prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier
+keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe.
+
+Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das
+in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein
+Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte
+Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen
+sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in
+früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein
+Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert
+habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den
+Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von
+geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen,
+um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag,
+waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der
+reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau
+war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas
+außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden
+Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden
+Wohlgeruch im Zimmer.
+
+»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo.
+»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte
+Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll
+Teilnahme, etwas spöttisch, -- alles zu gleicher Zeit mit einer
+unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat,
+so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die
+Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre
+Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo,
+ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold
+überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte
+schon mit Ungeduld auf Sie -- oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich
+war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im
+edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier
+laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh
+erfahren -- Kommen Sie, ... komm, Arnold.«
+
+All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des
+Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft
+gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein
+Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An
+einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten
+Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von
+Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit
+einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger,
+blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte
+Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet
+auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine
+schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die
+farblosen Lippen.
+
+»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo,
+indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer
+Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl.
+
+Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme,
+die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?«
+
+»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein.
+
+Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit
+einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von
+verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna
+Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab
+schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld.
+
+»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche
+Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte,
+wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte.
+
+»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an
+Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte
+Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen
+ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte
+sie das junge Mädchen.
+
+»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem
+nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie
+gesprochen wurde.
+
+»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der
+Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte
+ich eine Heldentat verrichten.«
+
+Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf
+Anna Borromeo.
+
+»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und
+tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid.
+
+»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen
+Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf
+das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den
+Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde,
+zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und
+fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei
+Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt
+war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich
+sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie
+die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten,
+erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei
+auf der silbernen Schale griff.
+
+Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und
+hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern
+schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch
+zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe
+vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.«
+Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht.
+
+Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo,
+darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften.
+Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen
+auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die
+Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna
+Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger.
+
+
+
+
+Zweiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung
+stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn.
+»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte
+und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und
+wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer
+Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren
+Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel
+und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und
+frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die
+Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre
+endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute
+empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden
+Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer.
+
+Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht
+lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und
+suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe,
+bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in
+dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und
+spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen
+Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er
+war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das
+Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille
+Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom
+geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den
+hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem
+Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern
+war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren,
+beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das
+Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen.
+Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch
+Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe
+Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte
+gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der
+Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht,
+Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu
+erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer
+redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und
+zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen.
+
+Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin.
+Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme
+machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer
+neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter
+verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen
+Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener
+Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte,
+wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte
+nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und
+sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm
+unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so
+enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke
+blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der
+Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den
+Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und
+glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder
+das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und
+sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die
+Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung
+seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin
+ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern,
+Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und
+glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die
+Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der
+Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu
+einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem
+unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore
+geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang.
+Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der
+Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und
+war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein
+Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und
+kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die
+Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den
+erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus
+den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten
+ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die
+betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite.
+Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an
+Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu
+sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und
+trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige
+begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte.
+
+Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn
+Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die
+Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den
+Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der
+prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und
+versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand,
+drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege;
+jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn
+etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler
+Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit
+Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien
+ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als
+es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein.
+
+»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast
+du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der
+äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die
+Schulter.
+
+Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden
+kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll
+ich's anfangen?«
+
+»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen
+Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der
+Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose
+zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser
+eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum
+wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du
+bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst
+du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine
+Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen
+abbringen, ganz im Gegenteil.«
+
+»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig
+dazwischen.
+
+»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern
+Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese
+Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen
+andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal
+Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den
+Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die
+ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im
+Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf
+sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den
+Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie
+die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von
+Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und
+Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern
+wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt.
+Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur
+um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast.
+Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen
+entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust,
+sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie
+Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst
+erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen
+Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es
+nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen
+Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes.
+Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in
+der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt
+dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber
+deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt
+du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es
+dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es
+unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege
+als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden.
+Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch
+sinnlos.«
+
+Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr
+ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte
+sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit
+hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben.
+
+»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr
+Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu
+unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite
+Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich
+dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines
+Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der
+unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten
+noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!«
+
+Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn
+er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den
+Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht
+schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein
+Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo
+und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die
+Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz.
+
+Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen
+glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«,
+sagte er. »Man kann beides tun.«
+
+»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine
+Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin
+dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht
+verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten.
+Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.«
+
+Sie gaben einander die Hand.
+
+
+
+
+Dreiundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im
+Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher
+besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den
+neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem
+Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da
+wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der
+Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange
+nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen
+zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit
+ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor
+Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau
+Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe,
+Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde
+Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach
+seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren
+Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er
+möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte.
+
+»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige
+Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend
+zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz
+hübsch.« Ein köstliches Aber.
+
+Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne
+weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag
+und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie
+das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit
+kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das
+drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu
+kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten
+könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken
+Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper
+vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr
+erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten
+Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das
+Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit
+Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab.
+
+Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die
+zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde
+waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war
+lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie
+manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem
+Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel,
+geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren
+Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich
+verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann
+leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen,
+gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer
+Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen
+Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute
+interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor
+Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines
+Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht
+Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen,
+als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre
+Kinder die wunderbarsten auf der Erde.
+
+Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige
+Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester
+zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend
+die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig
+an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter
+mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten.
+
+Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang
+ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit
+die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff,
+sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die
+Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und
+zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie
+betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte
+gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle
+Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte
+Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb.
+
+»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,«
+sagte Natalie.
+
+Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber
+nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane.
+Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh.
+Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder
+geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein,
+das ist das einzige.«
+
+»Idiot«, murmelte Natalie.
+
+Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit
+sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn
+fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte
+er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke
+und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe
+Million haben werde, oder --« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins
+Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie
+gelassen und erwartungsvoll anschaute.
+
+Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer
+Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.«
+
+»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise.
+
+Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du
+weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das
+Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte
+etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem
+Lächeln abseits.
+
+Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich,
+schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er
+sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe.
+Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin
+zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte
+anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen
+Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um
+jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf
+der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken.
+
+Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit
+Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar.
+
+»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt.
+
+»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging
+zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich
+vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den
+Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten.
+Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht
+war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt
+ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste
+Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft,
+gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse
+verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die
+Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist.
+
+»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie,
+die mit Ungeduld auf das Kleid wartete.
+
+»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra.
+
+»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder
+Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich
+zu Petra ... nicht wahr, Petra --?« ...
+
+»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich
+Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein,
+aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.«
+
+So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen
+einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im
+Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren
+können.
+
+
+
+
+Vierundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf
+Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer
+Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf
+welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies
+bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls
+auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete,
+dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da
+wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine
+grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter
+entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder
+freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen
+gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer,
+Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich.
+
+Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die
+Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine
+Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine
+alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen
+folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte
+Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt,
+ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach
+Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte
+ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr
+zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel
+saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.«
+
+Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine
+Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll
+anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte
+nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß,
+verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen
+vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren.
+Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn
+sie einen andern sich langweilen sehen.«
+
+Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten
+Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich
+im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an.
+
+Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen
+näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte
+er mit offenbarer Geringschätzung.
+
+»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit
+unschlüssiger Selbstironie.
+
+»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«,
+sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog
+verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra
+spielte mit ihrer Uhrkette.
+
+Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah
+rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was
+reden sie?
+
+Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von
+Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds
+Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte
+sie, mit den Augen zwinkernd.
+
+Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen.
+Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das
+Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der
+Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe
+vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe
+er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden
+der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich
+gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner
+Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener
+nichtigen Menschen.
+
+»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet.
+
+»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl
+frostig.
+
+»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber
+daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.«
+
+»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte.
+
+»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete
+Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte.
+
+»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm.
+
+»Kommen Sie«, sagte Natalie.
+
+Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges
+mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.«
+Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu:
+»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.«
+
+Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den
+Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es
+wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt
+davon.«
+
+Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen
+sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich
+blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen
+seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten
+im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich
+nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße
+bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend;
+es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der
+Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze
+Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick
+lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe.
+
+»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und
+wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die
+Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht.
+
+Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand
+plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider,
+vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte.
+
+»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den
+Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete
+eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er
+fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen,
+ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den
+Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die
+Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir
+oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie
+betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles
+Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur
+Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na,
+adieu, leben Sie wohl.«
+
+Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem
+Kutscher das Zeichen, zu fahren.
+
+Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß
+er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was
+dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er
+erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich
+nun Wahrheit holen.
+
+Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg
+von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die
+Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie
+durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem
+vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt.
+Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre
+Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit
+einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich
+verheiratet ...«
+
+Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als
+Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß
+gelogen haben, dachte er.
+
+
+
+
+Fünfundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
+zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll
+Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
+Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten
+sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
+Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu
+einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine
+Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und
+wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung
+dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher
+Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit
+zu verbergen wünscht.
+
+»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold
+zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und
+ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
+Landstrich in Amerika anzukaufen ...«
+
+Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen
+Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
+fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen,
+Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
+Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große
+Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
+daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies
+überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
+gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
+feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
+freundlich und leer.
+
+Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie
+nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
+gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen
+Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie
+doch, -- bitte!«
+
+Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor
+Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher
+den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.
+
+Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
+einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
+den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte
+ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie
+sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.«
+
+Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
+Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
+Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor
+Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne
+Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
+für sich aufgezogen.«
+
+»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus
+mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.«
+
+Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
+Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
+Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
+erhoben sich nun und gingen hinaus.
+
+»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie
+sogleich.
+
+Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl' ich Ihnen«, antwortete er
+grob.
+
+Natalie sah ihn entsetzt an.
+
+Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die
+ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
+hab' auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht
+reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?«
+
+Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen
+Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn
+ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?«
+
+Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch
+ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es
+nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig.
+
+Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und
+verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten
+Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
+zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit
+benutzen.
+
+»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und
+unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir
+würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.«
+
+Arnold verabschiedete sich und ging.
+
+Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
+Arnold?« fragte Anna Borromeo.
+
+Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die
+Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.«
+
+Frau Anna lachte.
+
+Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man
+sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
+lassen, bis sie zertreten sind.«
+
+Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen
+Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
+ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
+gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er
+das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
+eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er
+einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
+Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall
+wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.
+
+
+
+
+Sechsundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
+seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
+Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in
+der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
+vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen.
+Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka
+in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
+Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen
+Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie
+endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte
+sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als
+läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
+Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
+Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
+vergessen.
+
+Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
+der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den
+Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und
+nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu
+und sah die Zukunft klar.
+
+Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und
+um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr
+Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
+beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie
+sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
+ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
+ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
+für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität.
+Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering
+und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.
+
+Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten,
+suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte
+er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er
+sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
+zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.
+
+Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit
+erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
+springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die
+Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
+Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das
+eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
+Wo ist Ihre Frau?«
+
+»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka
+humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«
+
+Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
+wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen
+bestätigt fand.
+
+Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
+nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
+Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
+das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
+Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte
+Petra den erstaunten Hanka auf.
+
+Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf
+Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
+nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas
+heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
+diesem Menschen.
+
+»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich
+dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.«
+Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
+für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie
+gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu
+betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
+konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
+betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
+Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
+Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
+Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
+Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.
+
+Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie
+bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.
+
+»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie
+heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«
+
+Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun
+am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
+stille Mann fing an, ihm zu gefallen.
+
+»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.
+
+Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
+Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.
+
+Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch
+eine Donquichoterie.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
+Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens,
+ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der
+Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden
+sollte.
+
+Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
+war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten
+Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.
+
+Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
+und blickte regungslos an die Decke.
+
+»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.
+
+Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid
+strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«
+
+Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und
+hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den
+ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
+sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
+im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er
+umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang
+Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka
+mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
+sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner
+Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
+Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran,
+sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach
+Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
+formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
+Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
+selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke
+gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
+erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen
+aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im
+Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte
+ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
+sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von
+Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
+wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
+blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
+ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum
+Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
+sehen.
+
+Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
+möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand
+des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach
+Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine
+Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am
+schnellsten entdecken.
+
+In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
+Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
+stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
+ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken
+verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln
+Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war
+feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
+bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren
+verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter,
+um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
+hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
+preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,«
+flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst
+du?«
+
+Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
+gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«,
+sagte sie.
+
+Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
+entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
+aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
+Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als
+das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
+das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung
+von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft,
+das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.
+
+
+
+
+Siebenundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
+und Pottgießer bei Anna Borromeo.
+
+Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent
+war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer
+großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte
+und lud Arnold ein.
+
+Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
+heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen
+eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für
+dich, Arnold.«
+
+»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres
+Bezirks dazu veranlaßt.«
+
+Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.
+
+»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem
+sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da
+hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte
+selber austragen.«
+
+»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn
+von oben bis unten. »Gestern erst hat mir's jemand erzählt, zufällig.«
+
+Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
+Lippen.
+
+»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte
+innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte
+halb spöttisch, halb verlegen.
+
+Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
+der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher
+Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
+zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als
+diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte
+freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.
+
+Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des
+Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen,
+auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
+Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des
+Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
+Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
+Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
+Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des
+Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
+verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die
+Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
+das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also
+besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen.
+Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
+Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
+wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
+nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm,
+der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
+gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
+lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die
+Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht
+auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
+zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die
+eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er
+sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes
+Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
+und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges
+Wort gar nicht mehr herausdrang.
+
+Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte,
+und es wurde von etwas anderm gesprochen.
+
+Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust,
+hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja
+heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
+ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.
+
+Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge
+hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo
+plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
+gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!«
+rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
+waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in
+das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte
+unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über
+Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
+Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
+Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße
+dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.
+
+Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
+rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
+weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde
+fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen.
+Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
+dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«,
+begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen
+Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
+und sah ihn erwartungsvoll an.
+
+»Was ist es?« fragte Arnold.
+
+Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
+aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen
+Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das
+bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
+nicht Platz?«
+
+Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich
+wissen, was es ist«, sagte er kühl.
+
+»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm
+starr in die Augen.
+
+»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel
+hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«
+
+»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert.
+Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein
+Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir's zurückgeben.«
+
+»Ah so!« sagte Arnold.
+
+»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort.
+Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und
+ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße
+Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
+er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die
+Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.
+
+Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
+Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
+einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.
+
+
+
+
+Achtundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten
+die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und
+Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht
+und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis
+verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg
+fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse
+Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern
+Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im
+fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die
+Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das
+Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein
+unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,
+um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu
+vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in
+dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben
+scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so
+geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien
+leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er
+vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine
+fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.
+
+Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das
+Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch
+wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr
+ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen
+vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen
+abfragte.
+
+Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu
+pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun
+in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte
+abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung;
+oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine
+Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er
+wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur
+Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.
+Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel
+gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre
+natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich
+sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er
+überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,
+der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.
+
+Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei
+Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der
+Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.
+
+Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig
+rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald
+das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte
+er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang
+zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er
+nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit
+benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,
+weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen
+Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes
+empfunden hatte.
+
+»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen
+Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen
+Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch
+leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«
+
+Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch' das nicht,« erwiderte er
+abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les' ich nicht.
+In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«
+
+Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.
+
+»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.
+
+»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich
+sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,
+von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe
+träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«
+
+»Ja, das haben Sie immer behauptet.«
+
+»Und finden Sie das nicht?«
+
+»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«
+
+»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet
+aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,
+Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen
+Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum
+Minister bringen.«
+
+Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.
+
+Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;
+er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.
+
+Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten
+Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß
+es gut gehen.
+
+Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold
+am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend
+stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn
+ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.
+
+Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer
+seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna
+saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr
+das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.
+
+»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft.
+»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein
+und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.
+
+»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu
+Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.
+
+»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß
+zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,«
+fügte sie kalt hinzu.
+
+Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er
+stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.
+
+»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.
+
+Der Doktor bejahte.
+
+»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr
+sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas
+anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe
+nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen
+versteht.«
+
+Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann
+langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe
+keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich
+an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht
+mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen
+Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf
+etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«
+
+Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen,
+daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war
+anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist
+das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so
+erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere
+Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht
+den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und
+schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.
+Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er
+nichts, was mir imponiert?«
+
+Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der
+Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu
+leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.
+
+»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.
+
+»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna.
+»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«
+
+Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er
+sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde,
+worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von
+nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er
+würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose
+Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu
+erwarten, was die Natur in ihm erschafft --«
+
+Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit
+einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das
+Zimmer.
+
+Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie
+beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam
+auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.
+
+Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit.
+Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so
+hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen
+nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände,
+Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.
+
+Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem
+Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war
+bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und
+bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden,
+schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,
+jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau,
+sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für
+unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde
+der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten
+und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist
+beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm,
+geboren zu werden.
+
+Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.
+
+Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, -- ist es nicht
+unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster
+gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.
+Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige
+Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen
+Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt.
+»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und
+Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem
+Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen
+erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.
+
+Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie
+mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte.
+Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und
+Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich
+selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie
+genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht
+einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß
+sie nur die Lippen öffnen brauchte.
+
+Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr.
+Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz
+bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah
+Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß
+sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit,
+sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge
+biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine
+Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte
+Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so
+vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck
+gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,
+und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander
+gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen
+war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden
+mußte.
+
+
+
+
+Neunundzwanzigstes Kapitel
+
+
+Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen
+Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
+für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.
+
+»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück
+auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte
+sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.
+
+Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht.
+Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
+ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte
+sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren
+Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
+Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
+mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in
+verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut
+geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«
+
+Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
+umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
+unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
+die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich
+erwerben.«
+
+Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und
+antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer
+bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und
+da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
+»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder
+hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit
+mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn
+Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«
+
+Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein,
+dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar
+tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
+nicht wieder zu versetzen.
+
+»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich
+ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«
+
+Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
+wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,«
+sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
+aber ...«
+
+»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das
+vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun,
+und in der andern?«
+
+»Etwas Giftiges.«
+
+Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,
+Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«
+
+Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit
+langen, weißen Haaren.
+
+Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein
+Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
+phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der
+Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage
+zu reden.«
+
+Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der
+Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
+Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.
+
+»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato
+gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
+sagen. »Fabelhaft? was?«
+
+»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.
+
+»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
+sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«
+
+Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem
+Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
+wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu
+fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine
+Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller
+Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien,
+Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten
+eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher
+wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.
+
+Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
+Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
+sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete
+er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer
+mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging
+von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
+dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und
+Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
+eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
+eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den
+Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.
+
+Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann,
+verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten
+Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
+junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald
+in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
+die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
+stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer
+Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter
+Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der
+in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles
+Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
+Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des
+Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
+geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
+und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte
+Arnold, das gefällt mir.
+
+Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
+hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
+vor und drückte beide Hände an die Augen.
+
+»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer
+Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«
+
+»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid
+alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«
+
+Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
+forschend ins Gesicht.
+
+
+
+
+Dreißigstes Kapitel
+
+
+Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
+ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
+geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
+durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
+ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche
+größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er
+verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse
+und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
+den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
+Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde
+erbärmliches Dasein fortzuführen.
+
+Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
+und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
+Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
+jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
+bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
+gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
+hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und
+er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
+als Darlehen.
+
+Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus
+der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.
+
+Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.
+
+Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein
+Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.
+
+Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen
+will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
+erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und
+Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische
+Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
+Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und
+trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen
+einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen
+zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
+einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der
+Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was
+mit ihm vorgeht.
+
+Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
+Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
+erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen
+tiefen Eindruck gewonnen.
+
+Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon
+großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die
+zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann.
+»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte
+einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
+auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten
+Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas
+gönnerhaft.
+
+»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.
+
+»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.
+
+»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
+zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er
+durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
+wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«
+
+»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und
+nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
+ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele
+krank oder angefault ist.«
+
+»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen
+Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das
+zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«
+
+Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
+schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze
+zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die
+vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine
+Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
+Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
+welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
+Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende
+Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
+freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
+Wand, von Gesicht zu Gesicht.
+
+»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch
+gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
+und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.
+
+»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was,
+Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch
+einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
+essen ...«
+
+»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen
+kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.
+
+Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.
+
+Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden.
+Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die
+Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht
+aus wie eine Prinzessin.«
+
+Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht
+stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem
+Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.
+
+
+
+
+Einunddreißigstes Kapitel
+
+
+Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
+Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
+widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er
+nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
+Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
+Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor
+andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch
+edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
+schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
+anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
+sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.
+
+Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner
+gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
+Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
+standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und
+Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit
+Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
+allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
+Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand
+eine kleine, uralte Zimmerorgel.
+
+In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste
+ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen
+Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes
+und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
+vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner
+Gäste.
+
+Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
+Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
+spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.
+
+Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich
+möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
+russischen Studentin.«
+
+»Aus welchem Grund?«
+
+»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
+Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«
+
+»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.
+
+»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«
+
+»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn' ich ja. Lebt die nicht mit
+einem gewissen Tetzner?«
+
+»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«
+
+Specht lachte. »Hat sie's Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
+heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«
+
+»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
+Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd' ich Sie morgen mit dem Wagen
+abholen und wir fahren zu Verena.«
+
+Arnold nickte.
+
+»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
+machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er
+hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft
+haben als allein sein.«
+
+»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.
+
+Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war
+Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja
+nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
+genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
+in Gemütsruhe erledige.«
+
+»Was heißt das?«
+
+»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«
+
+Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
+trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
+tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
+einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu
+medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
+Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines
+Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
+Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
+und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen
+Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
+Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
+Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte
+dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
+Feder nach.
+
+Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte
+sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
+das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.
+
+
+
+
+Verena
+
+
+Zweiunddreißigstes Kapitel
+
+
+Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
+Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und
+Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
+gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
+beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.
+
+Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich
+abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für
+jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
+teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
+oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
+Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
+seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden
+der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er
+bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, --
+wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
+eines Freundes zu genießen.
+
+Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
+versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.
+
+Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann
+aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile,
+bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er
+das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.
+
+Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß
+ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien
+ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den
+Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem
+Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
+kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
+Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
+Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
+dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen
+schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie
+einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit
+kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
+etwas ausländischer Betonung.
+
+»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,«
+antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«
+
+Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
+belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
+setzte sich ebenfalls.
+
+»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen
+würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will
+einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt
+wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«
+
+Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das
+auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es
+wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
+geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade
+hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
+sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in
+mein Leben aufnehmen.«
+
+Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,«
+entgegnete er schnell.
+
+Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
+gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
+in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
+Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige
+Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
+Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.
+
+»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.
+
+»Medizin.«
+
+»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
+greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die
+Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und
+aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«
+
+Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von
+Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme.
+»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne
+innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich's.«
+
+Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde
+hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
+Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu
+öffnen.
+
+Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr
+Tetzner, Herr Ansorge.«
+
+Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
+außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
+Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
+schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung
+schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.
+
+Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
+und lachte gutmütig.
+
+Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
+und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie
+wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.
+
+
+
+
+Dreiunddreißigstes Kapitel
+
+
+Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren
+bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
+bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die
+Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch
+ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.
+
+Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.
+
+Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis
+zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
+erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der
+Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen
+Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
+hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds
+bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft
+wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere
+Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den
+Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
+keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien
+schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht
+hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.
+
+Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
+Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
+in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
+Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es
+treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und
+düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
+Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
+paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
+die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
+oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre
+Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein,
+und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
+verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises
+seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener.
+Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser
+dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor
+ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
+troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer
+Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als
+abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden,
+das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
+treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei
+der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben
+jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm
+ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«
+
+Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
+keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
+übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
+ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als
+etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
+zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit,
+die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.
+
+Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
+geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
+schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
+Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
+zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
+begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit
+den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.
+
+Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten
+Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
+Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede
+darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
+Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich
+Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
+Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für
+ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau
+wie Verenas Hals und Hände.
+
+Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte
+Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
+hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
+Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
+Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und
+sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß
+Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
+hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
+Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
+gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
+ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich -- Sie begreifen, Arnold, --
+meine Ehre --« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
+Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.
+
+Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.«
+
+Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen
+Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam
+sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch,
+liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn
+man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen
+durch die Finger zu blasen, ich aber --,« er wollte nach der Uhr sehen,
+zog aber die Hand zurück -- »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur
+noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen
+und fuhr damit um den Hals.
+
+»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete
+Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag,
+Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr
+verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine
+Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht
+Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich
+glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.«
+
+»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den
+Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine
+Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für
+das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen
+mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis
+meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte
+tragen.«
+
+Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese
+Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen,
+offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und
+nicht gar zu mürbe zu erscheinen.
+
+»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch
+nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf
+mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will
+Ihnen also das Geld geben.«
+
+Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein
+wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren
+Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug,
+uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein
+sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er
+hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas
+reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen
+sehen.«
+
+Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand
+in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine
+wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich
+frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine
+frischen Kräfte verfügen.
+
+Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war
+er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große
+Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein
+umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem
+der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der
+Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des
+Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem
+Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht
+Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher
+hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster.
+
+
+
+
+Vierunddreißigstes Kapitel
+
+
+Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs
+Herz.
+
+Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so
+vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden
+auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte
+stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und
+gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen.
+Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn
+mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn
+dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen
+Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts
+konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm
+seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu
+handeln.
+
+Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn
+bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen.
+
+Er ging hin.
+
+Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir
+ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender
+Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es
+ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu' mich riesig auf Wälder,
+Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber
+jedenfalls reisen, denk' ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg?
+Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die
+Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem
+Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich
+bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die
+Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.«
+
+Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen.
+
+Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so!
+richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit
+tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?«
+
+Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu
+schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er
+und runzelte die Stirn.
+
+»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand
+vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold.
+
+»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus.
+
+»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber
+sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein
+Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen
+morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus.
+Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie
+mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner
+Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich
+einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und
+sie schluchzte weiter.
+
+Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er
+war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm
+sinnlos und widerwärtig.
+
+»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt.
+»Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.«
+
+Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich
+nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie,
+daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte.
+
+Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold
+unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum
+glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit
+besteht?«
+
+Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände
+zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich.
+»Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas
+gesagt? Wann denn?«
+
+»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen
+war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben --«
+
+»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?«
+
+»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir
+so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil
+wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht
+weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es
+sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.«
+
+Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit
+niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich
+verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie
+doch.«
+
+»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen,
+mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu
+wissen --«
+
+»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor
+die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?«
+
+»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was
+wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.«
+
+»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und
+sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten,
+ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt
+ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins
+Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.«
+
+In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen
+Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und
+Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er
+sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie
+müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß,
+mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt,
+intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das
+heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus,
+schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung
+zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an.
+
+»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist.
+Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit
+großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns
+überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert
+sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch
+Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung,
+Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus.
+
+»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe.
+
+Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher
+war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid
+geworden.«
+
+Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft
+von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser
+Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und
+Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit.
+
+Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken
+versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von
+bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen
+Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen
+war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm
+notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann
+dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte
+die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit
+Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas
+eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht
+vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe
+suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich
+nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden,
+ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede
+und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück.
+Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor.
+
+Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende,
+staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem
+Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch
+übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn
+plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena
+Hoffmann aufzusuchen.
+
+Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als
+er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am
+Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick
+stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit
+schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand,
+deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran,
+warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch
+ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und
+beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter
+Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete:
+»Zweihundertfünfzig Fenster.«
+
+Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte
+er.
+
+Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei.
+
+»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold
+neugierig.
+
+»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das
+wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?«
+
+»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts
+erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.«
+
+»Kennen Sie das Mädchen näher?«
+
+»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches
+kleines Ding.«
+
+Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein
+tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter
+von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar.
+
+Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold
+staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und
+er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche.
+
+»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich.
+
+»Ja, er ist gekommen.«
+
+»Finden Sie ihn sympathisch?«
+
+»Sehr sympathisch.«
+
+»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es
+sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem
+korrumpierten Land eben bringen kann.«
+
+»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?«
+
+»Ja, ungefähr.«
+
+»So weit werd' ich's wohl nie bringen.«
+
+»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.«
+
+»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.«
+
+Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als
+zu hohen Ämtern.«
+
+»Ach, dann bin ich versöhnt.«
+
+»Ja, aber es gibt Gefahren.«
+
+»Gefahren?«
+
+»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine
+anspruchsvollen Freundschaften haben.«
+
+»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.«
+
+»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.«
+
+»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz
+nicht arm werden, soviel es auch gibt.«
+
+»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich
+nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt
+hat, dann wird es aufgebraucht.«
+
+»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine
+Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.«
+
+»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist
+er nichts wert.«
+
+Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu
+Tetzner.«
+
+»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch.
+
+Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht.
+
+Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners
+Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du,
+Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier
+gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich
+sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.«
+
+Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders
+für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir
+etwas auf.«
+
+»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen
+teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr
+gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging.
+
+
+
+
+Fünfunddreißigstes Kapitel
+
+
+In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier
+und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig
+großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte
+in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung
+war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
+einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
+Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und
+läßt auf sich warten.«
+
+Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
+schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden
+Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein
+Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens
+interessiert mich Ansorge viel mehr.«
+
+Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie.
+»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang
+ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
+du schläfst bei Tag und Nacht.«
+
+Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast
+du denn die Fahrkarten bestellt?«
+
+Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die
+Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
+war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
+seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend
+Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung
+einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für
+ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
+können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen.
+Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie
+hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre
+immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
+Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die
+Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
+ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er
+genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
+geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
+Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
+kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der
+Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
+ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.
+
+»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber
+gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
+wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas
+ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
+Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
+den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
+und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.
+
+»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte
+Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt
+gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau
+Beate, aber es hat seinen Grund.«
+
+Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.
+
+»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er
+freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es
+erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
+Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.
+
+Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
+bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor
+Angst.
+
+»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die
+auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«
+
+Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
+dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.
+
+Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu
+beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
+ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem
+hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht,
+ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.
+
+Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das
+Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
+Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
+interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und
+mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht
+aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und
+ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
+langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich
+aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
+anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
+verdächtig.
+
+Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat
+sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich
+habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je
+etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
+Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie
+nicht so geschwind wieder loslassen.«
+
+»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,«
+erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.
+
+»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns
+wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse
+auf den Teller.
+
+»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur
+darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«
+
+»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
+sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte
+nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber
+es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
+naiv dazu.«
+
+Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus
+Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
+in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.
+
+»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor
+dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer
+Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
+fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht,
+ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
+für mich eher angenehm als verstimmend.«
+
+Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
+fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die
+Teller.
+
+»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er
+gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er
+erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb
+auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
+sah.«
+
+Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?«
+fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang
+und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
+zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem
+unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich
+vielleicht.«
+
+»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des
+Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«
+
+Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte
+er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den
+Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen
+zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche
+Blässe hervor.
+
+»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
+war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
+auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka
+unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
+bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich's nicht
+wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach
+Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
+Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
+Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns
+jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie
+dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten
+vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So
+trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
+leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander
+halten. Das ist alles.«
+
+Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
+beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines
+Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein
+Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei
+es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
+Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen
+Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes,
+geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
+und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor.
+Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
+Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe,
+wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise --?«
+
+Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
+Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
+seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück,
+als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
+den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder
+daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
+wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an.
+Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold
+verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder
+Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«
+
+Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die
+Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah
+ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
+kalte Hand.
+
+
+
+
+Sechsunddreißigstes Kapitel
+
+
+Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
+weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
+zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold,
+den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
+gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
+Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen
+Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und
+schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie
+geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
+dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen
+Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
+noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
+sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er
+trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
+Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
+bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er
+selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll
+Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel
+berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
+Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer
+schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also
+blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
+Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte
+nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
+studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
+eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
+verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll
+ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den
+Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte
+er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden
+sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese
+Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm?
+murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von
+ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
+Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
+ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für
+mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
+nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
+zusammenleben.
+
+Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in
+welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren
+und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
+schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf
+ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn
+fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus,
+Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort.
+»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht
+antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
+ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie
+verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine
+Handtasche packen.«
+
+»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch
+reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.«
+
+Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie
+endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
+brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
+sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
+Haß.
+
+Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in
+gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in
+welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt,
+im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
+zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
+was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
+wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich
+alles weiß.«
+
+Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr
+Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen
+die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie
+gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
+Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich
+gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte
+mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine
+Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
+das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz
+zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu.
+
+Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und
+drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine
+Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie
+setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es
+liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie
+möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
+gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich
+lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
+entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell
+biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
+etwas zu sagen?«
+
+Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue
+Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus,
+»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich
+gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
+die Kissen.
+
+»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
+und so nach ihr hinschaute.
+
+Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
+Ausdruck.
+
+Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den
+Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären
+rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht
+einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«,
+bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
+verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen.
+
+Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
+ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
+und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern.
+Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten
+führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das
+Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am
+weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
+leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
+noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
+zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
+geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers
+klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
+tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das
+er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
+einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der
+Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er
+streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
+Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im
+Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen.
+
+
+
+
+Siebenunddreißigstes Kapitel
+
+
+Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
+unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
+kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser
+zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
+den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
+alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
+nieder.
+
+Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
+dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war
+als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes
+jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein
+Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und
+entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus
+getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
+hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
+eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
+Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
+War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche
+oder war es Arnolds Irrtum?
+
+Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf,
+nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
+Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
+mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
+obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten
+hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine
+Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu
+haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
+sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und
+sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
+Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig
+finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich
+doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie
+ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
+zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
+liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
+war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber
+wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein
+Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt
+es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?
+
+Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
+auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
+kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
+Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam,
+vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das
+wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der
+Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.
+
+Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen
+Rausch nach Hause.
+
+
+
+
+Achtunddreißigstes Kapitel
+
+
+Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte
+sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und
+bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von
+Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner
+konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
+dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald
+überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
+aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
+so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe
+erschien.
+
+Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit
+und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die
+Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
+aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte.
+
+Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
+der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit
+Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir
+nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es
+ist?«
+
+Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
+erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber
+ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
+Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.«
+
+Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme.
+Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und
+wie sehr er ihm vertraute.
+
+Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis
+erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung,
+allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen
+und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
+eigene ohne weiteres vervollkommnen könne.
+
+Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu
+jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
+Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit
+unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
+trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
+lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn,
+jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu
+übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
+gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit
+jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
+er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
+Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem
+dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
+rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den
+Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
+Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der
+Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an
+geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
+Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte,
+verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
+dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und
+aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.
+
+Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue
+Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie
+kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
+gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
+Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten.
+
+»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte
+der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
+aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre
+unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine
+Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
+erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.«
+
+Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«,
+erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
+Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
+selbst ausgeübt wird?«
+
+Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine
+Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
+selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder
+in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten
+Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht
+Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem
+rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit,
+als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.
+
+»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich
+will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
+wird alles anders.«
+
+»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen
+Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn
+auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität.
+Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.«
+
+Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig
+aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
+ich und Sie, glücklich werden?«
+
+Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
+einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
+wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
+oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen
+nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
+sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn
+überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme
+statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.«
+
+Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn
+zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
+Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
+ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur
+vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.
+
+Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
+vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen:
+Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
+Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
+Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht
+Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
+sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
+Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.
+
+Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
+ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
+beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie
+sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut
+setzte seine Ansicht über Askese auseinander.
+
+Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei
+Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie
+mit?«
+
+Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
+preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick
+auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich
+zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas
+knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden
+Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen
+Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.«
+
+Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
+Konzertsaal.
+
+Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule
+langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst
+sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren
+aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
+Herzens.
+
+Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht
+zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
+heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht.
+
+Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße
+nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir
+nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
+vornehmen Restaurants.
+
+Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte
+sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.«
+
+Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf
+einmal mit veränderter Stimme.
+
+Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
+der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte.
+
+»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann
+doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich
+zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!«
+
+»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das
+schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß
+ich lebe.«
+
+Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
+und ergebenen Blick in die Augen.
+
+Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll
+voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
+und dankbar fühlend.
+
+Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten
+schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
+von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.
+
+Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
+und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
+auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen
+Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen
+Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und
+verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke
+und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes,
+ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
+und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
+griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts,
+eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über
+der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar.
+Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
+zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit,
+daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.«
+
+Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
+Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber.
+
+»Was liest du?« fragte Verena.
+
+»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner.
+
+Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
+genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich
+plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war.
+
+»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
+fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts
+als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird
+verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um
+teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt
+das Bild der Welt.«
+
+Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige
+Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen,
+was ich empfinde und empfinden soll.«
+
+Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf
+Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er
+in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
+sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit
+veränderter, heiserer Stimme:
+
+ »Wenn er bei einer Hochzeit ist,
+ Da sollt ihr sehen, wie er frißt;
+ Was er nicht frißt, das steckt er ein,
+ Das arme Dorfschulmeisterlein.
+
+ Wenn er einmal gestorben ist,
+ Legt man ihn sicher auf den Mist.
+ Ach wer setzt einen Leichenstein
+ Dem armen Dorfschulmeisterlein.«
+
+Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
+entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man
+ihn die Außentüre zuschlagen.
+
+Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist
+finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
+sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging
+auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete
+jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als
+umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich
+war sie bemüht, sich ihm zu entwinden.
+
+»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im
+innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
+Selbstanerbietung.
+
+Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
+Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
+Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und
+geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich
+weich.
+
+Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
+über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
+stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
+seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
+nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.
+
+
+
+
+Neununddreißigstes Kapitel
+
+
+Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute
+hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben
+erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße,
+gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes
+Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
+bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
+einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in
+Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was
+er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
+Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
+günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
+Flut des Glückes.
+
+Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und
+gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen
+spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen
+Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
+Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
+gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung
+ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien.
+Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für
+ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
+fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
+Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
+entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu
+spüren. Sie sah sich verfallen.
+
+Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des
+Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
+und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und
+dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen
+brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
+stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
+die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
+Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als
+Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
+verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
+sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.«
+
+Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte.
+»Wovon wollen Sie leben?« fragte er.
+
+Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«,
+entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in
+ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben,
+Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich
+nicht ganz entblößt.«
+
+In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine
+Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst
+in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
+eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum
+gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
+zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb
+Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
+Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
+Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
+selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
+müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
+nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
+nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
+und alles gehört Ihnen.«
+
+Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem
+Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus
+stehen.
+
+Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
+Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
+Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
+fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn
+hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte.
+Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
+getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
+erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
+seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.
+
+Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht
+verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von
+Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena.
+Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich
+behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen
+wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
+füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten
+Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke,
+Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
+und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
+warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht,
+jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich
+Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
+nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
+Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
+Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
+Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
+aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
+Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
+verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk
+ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
+der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen
+der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum,
+-- aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
+Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
+daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
+hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn
+beschlich eine frevelhafte Sicherheit.
+
+Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden
+Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
+aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend,
+die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
+auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und
+Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so
+ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.
+
+Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie
+hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
+begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
+lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme.
+»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde
+Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu
+lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«
+
+»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein
+Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«
+
+Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
+kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.
+
+Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück
+begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art.
+Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
+besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
+Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das
+geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch
+besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.
+
+Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in
+Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es
+für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
+zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der
+Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von
+kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren
+Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre
+Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du
+solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
+es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein
+bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
+schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen.
+Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog
+schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.
+
+Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte
+Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
+König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
+eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß
+alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte
+Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
+spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
+beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
+kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
+sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu
+schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
+entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der
+würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt
+hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank
+danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen
+hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.
+
+Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer
+Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie
+nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit
+heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit
+auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.
+
+Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
+Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
+blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
+Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter
+aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre,
+zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.
+
+»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen
+Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«
+
+Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
+nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
+reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
+begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
+war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
+Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt,
+das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte
+irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
+war sehr stolz darauf.
+
+Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
+und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
+Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab' es erst vor einer
+Woche erfahren --, wissen Sie es?«
+
+»Was?« Arnold war verdutzt.
+
+»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich
+Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie
+Silbe für Silbe glauben wollen?«
+
+»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt
+aussah.
+
+Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das
+ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
+nichts? Seien Sie aufrichtig.«
+
+»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein,
+»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit
+verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen
+Kartenreihen.
+
+»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und
+sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
+dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
+»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit
+Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
+bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
+Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
+entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas --«
+
+Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
+Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
+mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn
+sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie
+glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich
+selbst.
+
+Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch
+dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte
+sie ärgerlich.
+
+Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß
+sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber
+hinweg.
+
+
+
+
+Vierzigstes Kapitel
+
+
+Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
+Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den
+Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
+ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß
+die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen,
+fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
+vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal
+frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
+Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der
+Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte.
+Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
+Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie
+sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem
+blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
+aufführten.
+
+Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
+Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
+die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den
+dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch
+anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst
+von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
+beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von
+oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen
+ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und
+schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines
+Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
+hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt
+gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in
+welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
+und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine
+Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks
+zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
+Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
+so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
+ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte
+ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei
+Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
+schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd.
+Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus -- nach nichts. Er
+folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre
+erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
+betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
+erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote
+Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
+endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht.
+Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
+Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
+geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu
+bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie
+die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für
+sie etwas Elementares hatte.
+
+Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
+erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
+Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie
+versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich
+zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt
+lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den
+gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich
+heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
+Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum
+Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der
+unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
+dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
+lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der
+beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
+Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei
+Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern
+zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
+Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
+aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas
+wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.
+
+Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie
+beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
+stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den
+anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
+Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
+Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts
+gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
+Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
+reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
+fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
+Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.
+
+Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
+als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte
+bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach
+Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
+zum Morgen.
+
+Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam
+und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
+einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines
+Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
+schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
+hast du geschlafen? Wie geht es dir?«
+
+»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem
+Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie
+wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
+sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu
+bemänteln.
+
+Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
+Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander
+gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den
+runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner
+Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns
+beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß
+doch auch wissen, wohin man geht.«
+
+»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
+Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was
+schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das
+Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
+und man geht immer nur im Kreis.«
+
+»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena,
+erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
+später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen
+wollte.
+
+»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik,
+vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.
+
+Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus.
+»Begreifst du es nun?«
+
+»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme.
+
+»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach,
+Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
+verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in
+blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der
+Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht
+Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
+ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
+Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
+unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
+Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab' ich gefragt,
+wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur
+schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
+lebe und rette dich.«
+
+Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
+umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er
+zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
+machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
+die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort.
+
+Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
+nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
+Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
+klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
+den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine
+wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden,
+fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
+Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
+seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des
+Gemüts kam über ihn.
+
+Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
+wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit
+böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein.
+Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht
+aufzuheulen.
+
+Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je
+verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
+Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
+wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu
+bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem
+Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
+schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild
+auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig,
+daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme
+Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde
+geöffnet.
+
+Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
+Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
+zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
+die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln
+auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in
+seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee
+trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena --? Wie --?« Mit
+geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.
+
+Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
+unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe,
+nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war,
+der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
+Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena
+verlegen und mitleidig.
+
+»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-,
+Herzmüdigkeit.«
+
+Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
+Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und
+da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und
+auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie
+fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden
+Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund,
+legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und
+blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der
+ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
+bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie
+rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die
+Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie
+nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender
+Begierde selbst zerstört.
+
+Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
+Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
+Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf
+die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.
+
+
+
+
+Einundvierzigstes Kapitel
+
+
+Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte
+dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
+ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
+entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich
+selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
+Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie.
+Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
+eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
+Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum
+Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.
+
+In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
+Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
+Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und
+er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein
+Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
+Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
+offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
+er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie
+durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
+überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
+veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
+Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
+größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor
+den Kopf zu stoßen.
+
+Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
+Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu
+überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
+Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie
+empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische
+Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
+Doch was mochte ihn bewegen?
+
+Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold
+machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr
+treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
+Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
+selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln,
+wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
+überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und
+faul zumute gewesen.
+
+Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb
+ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra
+ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste
+aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«
+
+»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.
+
+»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch
+gute Bücher verdorben.«
+
+»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
+dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei
+zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
+du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
+ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter
+Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß
+selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß
+die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne
+herunterziehen können.«
+
+»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte
+Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.
+
+Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
+Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld
+angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
+angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
+Hand fest.
+
+»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit
+dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
+Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen
+gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie
+mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen
+kannst.«
+
+Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du
+denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«
+
+»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete
+Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
+Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben
+aufhören, zu überlegen.«
+
+Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
+stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
+herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden
+Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
+arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
+ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
+Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
+daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da
+sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen
+von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
+Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold
+gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.
+
+Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
+herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun
+furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig
+zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
+Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
+so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
+die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
+selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn,
+unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann.
+Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
+selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es
+doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein
+Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für
+immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier
+Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
+fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.
+
+Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber
+schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
+und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem
+Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die
+Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß
+kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich
+mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete
+Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
+machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
+früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er
+sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig
+sein, heute wollen wir hinaus --« Er stockte, als er ihr unschlüssiges
+und müdes Gesicht sah, »-- hinaus aufs Land.«
+
+»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein
+wichtiges Examen steht bevor ...«
+
+Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
+Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
+anderes wollen als ich.«
+
+»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise,
+indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
+verzog.
+
+Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug
+dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen,
+was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das
+bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
+emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde
+gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.
+
+»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer
+seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du
+aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
+ist schlecht ...«
+
+»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und
+schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den
+Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.
+
+In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
+regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von
+herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
+Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick
+mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen
+wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand
+über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
+vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
+Mund fast sprengen wollte.
+
+Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit
+brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er,
+als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er
+wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
+selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein
+kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete
+sich aufmerksam und lächelte zerstreut.
+
+Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang
+nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen.
+Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu
+tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den
+landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
+Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
+Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
+helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.
+
+Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
+es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
+nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
+Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
+immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«
+
+Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was --?« fragte er, und die
+weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
+riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
+Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst.
+Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
+würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um
+nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«
+
+Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen
+Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
+zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
+besinnungslos.
+
+Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie's vollbracht. Er lief
+wieder herab, ging zwei Häuser weiter, -- auch Tetzner war auf und davon,
+und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten.
+Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
+Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer
+vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der
+eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.
+
+
+
+
+Alexander Hanka
+
+
+Zweiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
+Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An
+einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die
+festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
+hinaus in die Vorstadt.
+
+»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
+nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
+»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit
+Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«
+
+»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede
+Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
+kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«
+
+»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«
+
+»Das weiß ich nicht.«
+
+»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
+gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.
+
+Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im
+Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun,
+und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt
+stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
+er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte
+er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich
+stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.
+
+Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
+aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich
+war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und
+eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
+war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen
+Abwesenheit gerüstet habe.
+
+Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
+Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
+durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang
+beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
+vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber
+und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher
+Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
+Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war,
+wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich
+alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
+widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
+Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit
+beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
+Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide
+zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den
+Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten
+aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten
+und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
+zu haben.«
+
+Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
+Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst
+im Himmel.
+
+Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor,
+legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus,
+als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt
+nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich
+der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«
+
+Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen
+wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
+und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
+Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
+es dir recht ist.«
+
+»Gewiß.«
+
+Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim
+zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum
+fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
+Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«
+
+Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren
+Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
+scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser
+ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
+Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
+gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der
+Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
+wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.
+
+Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im
+dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im
+Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der
+Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die
+Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer
+angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes
+Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
+wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
+ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu
+tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula
+und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, -- nichts entging
+ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
+ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
+Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf
+nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
+in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
+Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.
+
+Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
+er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
+war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten,
+Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich
+hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
+Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber
+nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er
+schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.
+
+
+
+
+Dreiundvierzigstes Kapitel
+
+
+Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
+Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
+Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
+verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
+dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des
+schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen.
+Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
+Glucksen des Wassers in den Wiesen?
+
+Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
+überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
+lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen
+den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens,
+als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die
+Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
+freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu
+dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
+Kompliment.
+
+Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
+verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die
+Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
+eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
+Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
+einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken
+an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
+erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
+Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes
+überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht
+erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden
+würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
+Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen,
+kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen,
+stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt
+war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
+Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#
+
+Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
+Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis
+bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
+schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche
+Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
+allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
+sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner
+inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr
+verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
+und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
+zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die
+Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
+Selbstprüfung vor.
+
+Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
+und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst
+allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
+junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher
+Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft
+seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von
+achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden
+und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere
+versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
+dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie
+es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.
+
+Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich
+gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes
+Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
+zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.
+
+Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
+Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe
+eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
+verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
+wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
+Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
+das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
+selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich
+gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des
+Kubu?« fragte Arnold dagegen.
+
+Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus
+Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
+sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht
+übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß
+bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen
+Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
+fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
+sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
+erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
+entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
+sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit
+meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
+nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
+Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
+ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau
+warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
+Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
+verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
+alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
+würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
+sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
+Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm
+die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
+stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem
+Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
+gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.
+
+Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor
+fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
+Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte:
+»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei
+Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
+und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
+verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
+Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
+Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen
+sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
+geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu.
+Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
+er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand
+Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
+mitteilen konnte.
+
+Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen
+und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
+Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum
+und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren
+Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
+bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja,
+er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so
+deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er
+doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
+Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
+Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte.
+Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte
+sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener
+Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold
+empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.
+
+Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
+zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei
+solchem Wetter!«
+
+»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?«
+fragte die Alte.
+
+»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
+ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
+Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
+zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
+möchte, der muß tanzen und springen.«
+
+»Aber wenn es regnet, wird's dort auch naß. Das ist kein Unterschied«,
+sagte Ursula.
+
+Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte
+er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze
+haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«
+
+Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man
+erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«
+
+Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
+würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
+Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
+auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen,
+denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme
+Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls
+herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
+Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
+streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen,
+als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich
+mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
+jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«
+
+»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es
+Ihnen?«
+
+»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
+muß man's treiben.« Er lachte.
+
+Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern
+den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der
+von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
+Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
+Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und
+er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.
+
+Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem
+Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.
+
+
+
+
+Vierundvierzigstes Kapitel
+
+
+Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die
+Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das
+Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune
+besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden
+lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in
+einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus
+der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder
+liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit
+der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen
+ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die
+sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die
+schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme
+Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm
+auf.
+
+Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er
+nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen
+rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen.
+
+»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den
+Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und
+Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden,
+sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen
+Ausdruck vollkommenen Ernstes.
+
+Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von
+Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?«
+
+»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin
+ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.«
+
+»So? Was fehlt ihr denn?«
+
+Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«
+
+»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?«
+
+Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«,
+antwortete er.
+
+»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was
+mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.«
+
+Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden
+heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr
+klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«
+
+»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von
+Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit
+verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier
+sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier
+vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines
+unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das
+Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen
+zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals
+auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend,
+sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu
+meiden.
+
+»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die
+Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht
+hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war
+geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem
+Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug.
+Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht.
+Verzeihen Sie.«
+
+Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte
+er stehen bleibend und sich verabschiedend.
+
+Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,
+als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete
+die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.
+Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam
+unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet,
+die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte
+das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der
+Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes,
+dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der
+unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun
+mineralisch leer.
+
+Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie
+lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er
+unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie
+lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell
+vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und
+Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah
+ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.
+Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war
+es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber
+erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten.
+
+»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich
+aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden
+Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,
+nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie
+hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch
+erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem
+faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber
+hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen.
+
+Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,
+setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut
+hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge
+überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu
+leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er
+fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O
+stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann
+diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.
+
+Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er
+entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn
+quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,
+nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn
+nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von
+schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen
+und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte
+er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn
+im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten
+sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine
+parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige
+lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der
+Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der
+pflügende Bauer.
+
+Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger,
+natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte,
+daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die
+Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen
+verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in
+sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm
+zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht
+gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz
+kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,
+sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und
+das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß
+ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften
+nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig
+sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er
+keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand
+ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem
+Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen
+gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die
+Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen
+erziehen.«
+
+Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu
+träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur
+bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen
+bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner
+als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch
+geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der
+Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im
+scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen
+hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den
+ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,
+schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die
+Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre
+beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung
+teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er
+die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild
+dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den
+nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine
+Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte
+an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über
+sich erblickt.
+
+Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und
+Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine
+eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das
+Ding, welches ihm das Herz auffraß.
+
+Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold
+bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka
+schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er
+spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten
+spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die
+Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und
+erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person
+zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.
+
+Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief
+Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes
+Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus
+abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und
+Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.
+Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen
+du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der
+Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben
+könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna
+Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die
+Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem
+sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«
+
+Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch
+welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt
+wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen
+Vorsatz mit.
+
+
+
+
+Fünfundvierzigstes Kapitel
+
+
+Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt
+zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am
+letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht
+der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es
+vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn
+zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu
+übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker
+an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben
+wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den
+Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war.
+
+Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die
+Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange
+zu sehen war.
+
+»Ich bin froh, nun geht's wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb
+sind Sie so schlecht gelaunt?«
+
+Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem
+Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um
+zehn Perzent zurückgegangen.«
+
+»Was werden Sie tun?«
+
+»Ich muß verkaufen.«
+
+»Und dann?«
+
+»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, -- Arbeit.«
+
+Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.«
+
+Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am
+Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
+Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es
+nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
+nicht.
+
+In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck,
+und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude
+streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in
+ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur
+die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl
+sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
+Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
+Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im
+Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen
+begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
+Gewohnheiten entsteht.
+
+Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst
+nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
+er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
+Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die
+Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich
+bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
+zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.
+
+Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener,
+damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher
+Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
+legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
+Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
+klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen
+und setzte alles im Haus in Bewegung.
+
+Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
+ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
+hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den
+größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe.
+
+Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann
+Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
+in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie
+romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen
+wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so
+ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
+Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
+Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene
+Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
+neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt
+man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer
+mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments
+achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.
+
+Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der
+Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im
+Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
+Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
+vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der
+Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
+Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl
+erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es,
+wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit
+dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
+gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich
+selbst und findet Widerstand.
+
+Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle
+Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
+Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
+Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das
+vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr,
+welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
+das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für
+die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er
+hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
+verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
+Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
+Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.«
+
+Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war
+sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
+sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher,
+Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
+Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold
+herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.«
+
+»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas
+verdrießlich.
+
+»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
+Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles
+zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß
+atmen können.«
+
+»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten
+eine kleine Spazierfahrt unternehmen.«
+
+»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
+Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er
+und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln
+die Hand drückte.
+
+»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
+verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd.
+
+»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm
+hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
+Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
+ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
+etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
+herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte.
+
+»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen,
+der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie
+gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.«
+
+»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen
+blauen Himmel.
+
+»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?«
+
+»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl
+ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.«
+
+Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
+geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
+zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter
+tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im
+Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf
+den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
+schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in
+sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der
+Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu
+richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern
+wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.
+
+Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna
+Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in
+Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
+ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der
+Arbeit emporstieg.
+
+»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der
+Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
+Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
+selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.
+
+
+
+
+Sechsundvierzigstes Kapitel
+
+
+Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
+stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
+Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
+Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.
+
+»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte
+Anna Borromeo.
+
+»Beschlossen worden?«
+
+»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die
+Baronin.
+
+»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu.
+
+»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold
+verlegen.
+
+»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
+nur Figur machen.«
+
+»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken.
+
+Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und
+etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte.
+
+»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig
+fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas
+modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
+zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
+tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
+gesprochen.«
+
+»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend.
+
+Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete
+sich. Er wurde mit Kälte entlassen.
+
+»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als
+er fort war.
+
+Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.
+
+Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
+Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.
+
+Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
+soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast
+erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
+gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
+einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in
+die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen.
+Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, --
+es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
+seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste
+Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
+den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
+Straße betrat.
+
+Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
+überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im
+Laden eines Trödlers.
+
+»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und
+machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn
+durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und
+sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
+auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
+breitem Postament der marmorne Antinous.
+
+»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.
+
+»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«
+
+»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
+Eine wertvolle Sache.«
+
+»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern.
+
+»Ganz gut. Sehr schön, -- vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit
+verbinden.«
+
+»Was soll das heißen?«
+
+»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit
+seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die
+Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
+ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
+Ebenholzkugeln glichen.
+
+»Und wenn ichs täte --?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber
+wenn ichs täte --?«
+
+Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine
+nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen
+unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug,
+ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer
+eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten,
+»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen --, dort?«
+
+»Ich denke nein«, entgegnete Arnold.
+
+Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
+blickte auf die Statue.
+
+Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
+sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
+er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte
+gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und
+Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort
+war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds
+Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen,
+anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung,
+nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
+es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
+benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
+für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen,
+die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im
+Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
+schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn
+ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
+begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein
+reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter
+Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
+es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
+Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
+machten?
+
+Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage
+eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen;
+was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
+Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
+Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
+gegenüber. Beide waren blaß.
+
+»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
+einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo
+lächelte dünn und leer.
+
+»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken
+gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
+Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.
+
+Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
+halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
+und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn
+empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er
+stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und
+finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
+zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
+wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen,
+im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.
+
+»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas
+ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag.
+
+»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter
+scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze
+losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.«
+
+Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
+Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster
+betrachtete.
+
+»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.
+
+Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er
+leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
+verkaufen?«
+
+Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
+gegen die eisige Trauer dieses Mannes.
+
+»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.
+
+Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
+verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte.
+Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
+wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
+ob sein Bild auch wirklich darin sei.
+
+
+
+
+Siebenundvierzigstes Kapitel
+
+
+Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt,
+den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück.
+Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er
+konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
+Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle
+Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich
+mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie
+schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über
+der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
+viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
+Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit
+und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.
+
+Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte
+kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper
+lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
+bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn
+in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der
+vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß,
+gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
+Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines
+Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße
+Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in
+englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde,
+langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
+Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
+Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer
+Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine
+boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.
+
+»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
+überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.
+
+»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit
+einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
+höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
+Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
+erzählt man sich.«
+
+Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch
+sorgsam von den Gräten. Er lächelte.
+
+»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich
+in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz
+unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
+mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
+nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
+Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
+nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
+der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich
+höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das
+Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun
+eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
+Valescott und --«
+
+»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
+Tisch.
+
+Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt,
+Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später
+noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
+es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
+Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der
+mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso
+erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die
+Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht
+... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«
+
+Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte
+und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer,
+allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
+ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.
+
+Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
+welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
+jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine
+enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in
+Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde,
+war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete
+Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
+Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick
+zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn
+warten.
+
+Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
+Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in
+sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein
+wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die
+dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine
+Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die
+Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte
+den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier
+und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
+Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
+tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas
+Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
+Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
+einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid;
+die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen
+reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
+Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der
+Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.
+
+Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief
+davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
+zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
+eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
+Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen.
+In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
+Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
+den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
+entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von
+Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.
+
+Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht
+einmal Ihre Namen.«
+
+»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.
+
+Er riet, -- stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
+Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite
+und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.
+
+»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.
+
+»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora.
+»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf
+diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, -- sie lachte, -- »aber bei Ihnen
+wollen wir eine Ausnahme machen.«
+
+Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
+Mollakkord an.
+
+»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz
+nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«
+
+»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.
+
+»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.
+
+»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte
+Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
+ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das
+gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll
+ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
+über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß
+und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen
+sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer
+Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing
+über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein
+Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete
+mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
+Träume.«
+
+»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.
+
+»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
+Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich
+zurückdenke --! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
+Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie
+sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
+mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
+niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der
+Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
+angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz
+vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die
+bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei
+der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern
+die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
+beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden,
+als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte
+fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
+eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
+küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
+Menschen.«
+
+Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
+Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.
+
+»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.
+
+Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging
+hinaus.
+
+Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum
+spielen Sie nicht?«
+
+»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit
+prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten
+legte.
+
+Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten
+einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.
+
+
+
+
+Achtundvierzigstes Kapitel
+
+
+Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
+Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
+Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.
+
+Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
+sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
+Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die
+beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der
+Tisch zum Tee war gedeckt.
+
+Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
+mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
+Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
+Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
+freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
+an Arnold. »Herr Ansorge, -- wenn ich recht verstanden habe --?« sagte
+er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?«
+
+»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.
+
+Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
+in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«
+
+»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.
+
+»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
+Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts
+als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
+Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser --?
+Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
+starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«
+
+»Jawohl«, erwiderte Arnold.
+
+»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem
+Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
+nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«
+
+»Specht?«
+
+»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«
+
+Alle blickten auf Arnold.
+
+»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig
+verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub --?« Er
+heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.
+
+»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig,
+»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig
+gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht
+unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es
+im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
+aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
+doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben --«
+
+»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so
+sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
+erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
+gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können
+Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
+angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
+Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
+Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
+Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich
+konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
+unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es
+zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für
+eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine
+Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden
+von Komödie!«
+
+Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
+Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
+verschaffte.
+
+Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres
+Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
+Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
+unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den
+Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen
+gesprochen.«
+
+Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
+nahm ziemlich verstimmt Abschied.
+
+»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die
+Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
+Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen --?«
+
+Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis
+er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich,
+ihn zu begleiten.
+
+Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen.
+Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich
+gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich
+erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten
+Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft
+gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die
+Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem
+vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«
+
+Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er
+blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
+das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie
+ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
+her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
+Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
+hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung -- kleine
+Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
+nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
+Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht
+lächerlich werden, alles nur das nicht.
+
+Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack
+an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche
+Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
+lang niedersetzte, um nachzudenken.
+
+Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
+Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den
+Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende
+Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
+sein frechster Traum umspannt.
+
+Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen
+zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich,
+herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
+er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete
+er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte
+hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer
+lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
+zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
+Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie
+zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.
+
+Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
+Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
+Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung
+von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.
+
+Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
+Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
+zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
+düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen
+Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet
+standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
+Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien,
+während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke,
+seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da
+geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
+ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem
+Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt
+haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
+Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
+werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
+Arnold.
+
+»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo,
+nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
+Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
+habe mich erkundigt, -- man zuckt die Achseln.«
+
+Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
+reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er
+blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur
+ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige
+ist Sache des Glücks.«
+
+Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
+über Arnold.
+
+
+
+
+Neunundvierzigstes Kapitel
+
+
+Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen
+Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
+ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
+dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
+ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach
+Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für
+Zuckerwaren erhalten.
+
+Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir --!« Und
+sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den
+Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei
+der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu
+denken. Petra hatte Pflichtgefühl.
+
+Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden
+abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
+Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald
+unterhaltende, bald langweilige Spielerei.
+
+Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts
+anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön
+bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau
+ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze
+Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche.
+
+So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
+sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
+blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie
+Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die
+Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
+verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über
+der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt
+war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde
+dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den
+Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
+Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren.
+
+Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon,
+welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr
+sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht
+verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum
+Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
+Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
+Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
+ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und
+taktvoll.«
+
+»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd.
+
+Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß
+er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief
+ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann.
+
+»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere
+Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch
+in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich --« Er rieb sein
+Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue
+mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du --« Alle starrten ihn entsetzt
+an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin
+und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
+die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.
+
+Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder
+an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß
+sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
+Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder,
+wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur
+einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
+Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
+machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
+verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die
+Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in
+die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
+Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
+zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar
+tausend Jahre lang getrieben.
+
+Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
+zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses.
+Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
+grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten,
+nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
+neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für
+ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im
+Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
+zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
+nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
+die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.
+
+Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte,
+beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines
+jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
+anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
+dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine
+Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
+Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den
+Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel
+zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
+etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
+bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde.
+
+»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
+drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
+schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
+im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
+vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
+deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber
+und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie
+zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
+nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
+Schultern herab.
+
+Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen,
+Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu
+tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame
+vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte
+von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
+fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden
+Ehren empfängt.
+
+Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich
+auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie
+unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte,
+dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere,
+unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies
+Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem
+Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
+Peitschenschlag.
+
+Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er:
+»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...«
+
+Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind
+vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht
+von der Stelle.
+
+»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit
+neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen
+furchtbaren Anfall ...«
+
+»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
+»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.«
+
+Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
+festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
+hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen
+warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
+zürnte sie der Mutter.
+
+Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
+zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er.
+
+Natalie schluchzte wie ein Kind.
+
+Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die
+immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
+Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
+einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.
+
+»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend.
+
+»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora.
+
+Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
+zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
+der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
+Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf.
+Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
+sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
+»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber
+Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll
+Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo
+Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
+die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die
+Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach
+beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
+leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige
+Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte
+sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
+erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!«
+
+Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
+schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
+welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
+durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit
+törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
+blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd
+und ging vorüber, durch das schweigende Volk.
+
+Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
+Feuerwerk.
+
+Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
+Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
+den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.
+
+Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
+der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
+Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
+zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine
+Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.«
+
+Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte
+durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
+goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
+Lichtstrahlen.
+
+Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte
+er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
+hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn
+flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob
+seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel.
+
+
+
+
+Fünfzigstes Kapitel
+
+
+Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche,
+aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
+Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
+suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.
+
+Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und
+sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte
+sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder
+Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut.
+Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
+witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
+Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für
+eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
+schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
+Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten
+vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
+Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn
+auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig,
+unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer;
+er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung,
+Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß;
+offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien
+wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
+ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
+die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in
+einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
+diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den
+er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte
+er seinen Vorsatz aus.
+
+Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne,
+sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
+und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken
+Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
+Freund sei da.«
+
+Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein
+Teurer, was führt Sie zu mir?«
+
+»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete
+Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich
+unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«
+
+Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm.
+»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie
+gerade mich suchen«, sagte er.
+
+»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«
+
+Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht
+seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben
+Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen
+Lebensappetit?«
+
+Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?«
+
+Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher
+oder später wahnsinnig werden wird.«
+
+»Und deshalb hängt sein Bild hier?«
+
+»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen,
+der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.«
+
+Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend
+über beieinander und trennten sich erst in der Nacht.
+
+Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er
+bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem
+Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon
+geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares
+Rechenexempel.
+
+Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er
+das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß
+und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis
+entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in
+welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum
+Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod
+neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser
+schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein
+Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und
+verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches
+nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte.
+
+Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen
+profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die
+Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie
+morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und
+der Idee.
+
+Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu
+hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare
+Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm
+in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz
+anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige
+Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach
+Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete
+sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor
+der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines
+Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine
+Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen:
+»#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat
+die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente
+gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in
+ihrem hellsten Schein.«
+
+Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz?
+Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den
+Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen.
+
+Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch
+aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.«
+
+Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so
+daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn
+getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in
+mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke --? fliehst du
+vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer
+fremden Wohnung niederlassen?
+
+Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen?
+gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder
+an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch!
+Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich
+verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas
+laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie
+bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten
+keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir
+zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.«
+
+Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben
+erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch
+wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier
+hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er
+durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum
+Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener
+und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas
+passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging
+voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand.
+Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und
+der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde
+neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner
+Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren
+an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold
+sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor
+die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und
+untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß,
+es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte
+Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge
+so sehr?« fragte er etwas ungeduldig.
+
+
+
+
+Einundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß
+ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung
+seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch
+Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem
+stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er
+nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine
+Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes
+zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die
+leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert
+werden könne.
+
+Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend,
+erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn
+zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich:
+»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?«
+
+Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der
+Tat nach, sondern dem Gefühl nach.«
+
+»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit
+bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg.
+Er ist ein gutmütiger Mensch.«
+
+»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde
+mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben
+könnte.«
+
+Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht.
+
+»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich
+nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und
+einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.«
+
+Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam
+der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an.
+
+Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und
+setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!«
+sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen
+versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen
+zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten
+angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß
+hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka
+hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen
+Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen
+Kegeln emporblies.
+
+»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold
+und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er
+sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei
+zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben
+sieht.
+
+»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie
+immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen
+schädlich ist? Welche Widersprüche!«
+
+Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne.
+»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen
+und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun,
+was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er
+sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«,
+bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins
+Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka
+müßte man es erfinden.«
+
+Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere.
+Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen
+traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken
+und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen
+Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch
+eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?«
+
+»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden
+Blick und schob Hyrtl von sich weg.
+
+»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und
+ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land
+fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller
+Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so
+finster ...!«
+
+Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz
+und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit
+Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein
+Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere
+mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach,
+denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es
+waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren
+Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, -- ach!
+Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich
+von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben.
+Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben
+nicht, du Dummkopf.«
+
+»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig.
+
+»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie
+gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder
+anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.«
+
+Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von
+Hanka begleitet.
+
+Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig
+in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte:
+»Der gnädige Herr schläft noch.«
+
+Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er:
+»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!«
+
+Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der
+Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte
+sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er
+schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie.
+
+Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein
+Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum
+Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl.
+Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam
+der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor
+Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes.
+
+Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr
+Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang
+nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen
+und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold
+fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß
+Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und
+sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern
+erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen
+leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.«
+
+Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er
+betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich
+danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.«
+
+Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich
+in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte
+Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte
+er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig
+ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon
+von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander.
+Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte
+Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie
+geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies
+Arnold zu sagen.
+
+Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen.
+Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das
+Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds
+Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die
+angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit
+natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn
+küßte.
+
+Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«,
+sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war
+er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.«
+
+Hanka ging nach Hause.
+
+
+
+
+Borromeo
+
+
+Zweiundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den
+Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß
+Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des
+Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht
+etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf
+eine gleichgültige Zukunft.
+
+Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber
+nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie
+erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von
+einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem
+Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die
+Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie
+hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein
+Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler
+das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen.
+Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der
+wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen
+konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte,
+ein sicheres Auskommen.
+
+Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von
+dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen
+Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte
+sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, -- ohne es zu
+wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur.
+
+Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie
+ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer
+Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen
+Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam
+Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder
+von der Kanzlei komme.
+
+Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in
+aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr
+früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst.
+Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin
+gebraucht ...«
+
+Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen
+und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die
+Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte
+die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der
+flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert
+zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der
+geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem
+Lächeln. »Hast du etwas vor?«
+
+Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich
+habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte
+skandierend.
+
+Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch:
+»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.«
+
+Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast
+liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke
+begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du
+bist sonderbar.«
+
+Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu
+liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er
+meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?«
+
+»Ach, -- er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau
+Anna gleichgültig hin.
+
+»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein
+richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.«
+
+»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«,
+entgegnete Anna Borromeo ruhig.
+
+Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe
+träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?«
+fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen,
+wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas
+mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.«
+
+»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter
+dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn.
+
+»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu
+erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer
+wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah,
+war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer
+Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann
+ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß
+wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer
+immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen,
+sonst geht er zugrunde.«
+
+»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«,
+sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln,
+als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen
+Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den
+neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie
+sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an
+Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt
+dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir
+dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder
+einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es
+natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke.
+Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß.
+Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu
+spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und
+Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die
+daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und
+weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie
+weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte
+darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte
+und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich
+selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie
+trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken,
+zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle
+andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute
+nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort
+und mit Eilpost ab.
+
+Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich
+nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen
+italienischen Roman und las.
+
+Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen
+schwermütigen Ausdruck.
+
+Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die
+Achseln.
+
+»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?«
+
+»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns
+zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.«
+
+»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.«
+
+»Er war ein guter Freund.«
+
+»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?«
+
+»Schlecht.«
+
+»Du solltest Karriere machen.«
+
+»Wozu? Es lockt mich nicht.«
+
+»Du solltest reich sein.«
+
+»Ich habe genug.«
+
+»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du
+denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt
+alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen
+entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den
+Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.«
+
+»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.«
+
+»Weil ich nichts besitze.«
+
+»Weil du nichts halten kannst.«
+
+»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.«
+
+»Liebst du denn nicht deinen Mann?«
+
+Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte.
+
+War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit
+Smaragden wie sie einen trug, damals ...?
+
+Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an.
+
+»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton.
+
+Sie schwieg.
+
+»Sprich doch!«
+
+»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja
+lauter Krämer.«
+
+Sie brach in Schluchzen aus.
+
+Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen
+ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste,
+was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange
+und drückte sanft seine Lippen darauf.
+
+Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen
+Widerhall gefunden.
+
+Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach
+freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten
+Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener
+Waldstationen.
+
+Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte,
+gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen
+Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die
+Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem
+Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem
+unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche,
+Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit
+Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und
+Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im
+Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden
+Mantel des Abends, die Millionen.
+
+Reich sein, reich sein, dachte Arnold.
+
+
+
+
+Dreiundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich
+jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut.
+Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu
+und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast
+ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der
+Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold
+verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe
+seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde
+damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor.
+Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen.
+
+Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung
+geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil.
+
+»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er.
+
+»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold.
+
+»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie
+sich ausgelebt?«
+
+»Ein böses Wort, lieber Freund.«
+
+»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.«
+
+»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu
+schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe,
+Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.«
+
+»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings
+halte ich mich meistens an das Nützliche.«
+
+»Sie sind eine harmonische Natur.«
+
+»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen
+geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind
+nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu
+wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal,
+wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß
+aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick
+verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen
+sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen,
+denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne
+an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf
+nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät,
+und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir
+zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein
+Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.«
+
+Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über
+den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig
+entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,«
+sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge
+ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund
+fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während
+Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht
+länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre,
+Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen
+bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit.
+
+Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold
+zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die
+Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort
+in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit
+regungslos starrenden Augen auf der Armlehne.
+
+Arnold blieb schweigend stehen.
+
+»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren.
+
+»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden,
+hatte aber jede Unbefangenheit verloren.
+
+»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam
+auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.«
+
+Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und
+meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.«
+
+»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie.
+
+Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring,
+lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt
+Ohnmacht über mich«, sagte er.
+
+»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna
+leise.
+
+Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner
+Mutter verheiratet.«
+
+»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und
+habe kein Kind.«
+
+»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen
+gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott
+abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist
+blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine
+Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was
+ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.«
+
+Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten
+Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit
+erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder --« er trat zwei
+Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß
+ich es schon vorher wußte?«
+
+Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile
+sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.«
+
+Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn
+verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten
+nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem
+er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer
+unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des
+Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine
+unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich
+seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich
+sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein
+könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge.
+Das ist es.«
+
+Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck.
+»Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie.
+»Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?«
+
+Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen
+stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.«
+
+»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und
+du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit,
+die nennt man Moral.«
+
+Arnold schwieg.
+
+»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft
+hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg.
+Willst du mir Gesellschaft leisten?«
+
+»Morgen abend --?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere
+Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna
+reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem
+Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer.
+
+
+
+
+Vierundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem
+Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß
+es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
+sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam
+wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
+wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
+ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
+aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
+von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem
+Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem
+Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die
+Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der
+Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
+erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
+war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle,
+fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der
+Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
+ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen
+vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand
+von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war.
+Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
+gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
+Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
+einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
+und das war Arnold.
+
+Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus
+verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter,
+zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
+in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und
+der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den
+Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
+verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für
+die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
+zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
+ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
+Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm
+ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
+reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
+lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
+gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die
+Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen
+möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den
+Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
+welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
+setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große
+Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein
+konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
+umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
+dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der
+Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
+Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum
+Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück
+und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
+erwartet wurde.
+
+Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder
+in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
+ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
+denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter
+die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war,
+lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
+Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
+Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß,
+aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
+durch die verödenden Straßen.
+
+Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte
+er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch
+waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht
+nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die
+Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete
+endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
+Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche
+war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
+ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es
+finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein
+Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er
+die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise
+öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
+übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu
+öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der
+in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil
+des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
+Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los;
+er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört
+drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen
+stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
+der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
+einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen
+entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.
+
+
+
+
+Fünfundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend
+zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde
+nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
+leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
+Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht
+das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht
+gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
+und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
+in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte
+Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte
+sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
+erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du
+nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.
+
+Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider
+fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen
+Augen einer Wachsfigur.
+
+»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.
+
+»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es
+ist nichts, beruhige dich nur.«
+
+»Hast du denn nicht geschlafen?«
+
+Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen
+Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er
+schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
+besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
+schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
+wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er
+Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert;
+um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
+gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand
+ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«
+
+»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich
+selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
+Verfassung ...«
+
+Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche
+Katastrophe --, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich
+unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
+verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die
+nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«
+
+Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
+sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um
+zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
+verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
+halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
+den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
+das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält
+aus.
+
+»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er
+hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und
+liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.
+
+»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
+beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf
+ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas
+geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte
+Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an
+die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller
+Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
+machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
+während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam,
+sie stumm fragend anblickte.
+
+Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck
+auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei
+gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein
+gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner
+Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«
+
+Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers
+erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du
+glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.«
+Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
+Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich
+selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.
+
+»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen
+würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder
+Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
+Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
+und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
+was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
+hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie
+nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen
+darauf.
+
+Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
+glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
+hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn
+die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
+erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das
+unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.
+
+Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
+Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als
+verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers.
+»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin
+leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«
+
+Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen
+ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
+ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
+nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
+klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten
+zu können.
+
+»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
+Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr
+Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in
+einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß
+ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
+zugegen.«
+
+Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum
+soll er nicht wissen, daß ich da bin?«
+
+Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
+aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend
+gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte --«
+
+Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich
+die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
+Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht
+geantwortet.«
+
+»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in
+gesellschaftlichem Ton.
+
+Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der
+Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
+die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an
+ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
+trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold
+waren wieder allein. Sie schwiegen lange.
+
+»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit
+eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat
+ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es
+das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«
+
+Arnold antwortete nicht.
+
+»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«
+
+»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
+lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.
+
+Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie
+sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
+Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine
+Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
+und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna
+erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
+schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist
+finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete
+eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
+zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.
+
+Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
+hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
+nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun
+geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, --
+aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und
+Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem
+Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder
+Beziehung gut für dich sein.«
+
+Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann
+nicht auf dem Land leben,« sagte er.
+
+»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna
+liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«
+
+»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.
+
+»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich
+gehe?«
+
+»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
+kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige
+Art. Er zitterte am ganzen Körper.
+
+»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.
+
+Er schüttelte müde den Kopf.
+
+»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin
+gingest und dort --. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie
+verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte
+langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf
+die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.
+
+Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst
+macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«
+
+Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich
+abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
+dem Kopf. »Will --? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
+eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und
+deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
+Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.
+
+Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden
+die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle
+Färbung.
+
+»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in
+diesem Augenblick in dem Manne vorging.
+
+»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck.
+»Podolin, -- das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie
+du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die
+dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
+verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
+dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ...
+dann will ich nach Podolin.«
+
+Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das
+Zimmer.
+
+
+
+
+Sechsundfünfzigstes Kapitel
+
+
+»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,«
+sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so
+erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach
+Podolin zu gehen.«
+
+Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.
+
+»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
+gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das
+Sofa.
+
+Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn
+mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.
+
+Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe,
+sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er
+irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
+zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
+zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse
+hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
+war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
+empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
+einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe
+des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn
+selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb
+sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
+Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
+zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße
+ging.
+
+Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick
+Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes
+Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
+zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
+unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
+stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und
+vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in
+seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
+selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt.
+Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
+hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
+jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja
+nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
+abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
+gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna
+ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
+aber auch nicht ab; sie schwieg.
+
+So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
+hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der
+Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
+zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
+trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
+Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort
+einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja
+gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur
+Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
+deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das
+Gemüt.«
+
+Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen
+Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
+vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
+Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber
+das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus
+Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!
+
+Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut,
+ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«
+
+Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
+Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der
+Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
+verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
+Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
+Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
+träumen.
+
+Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
+ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte
+er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind
+vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
+Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
+beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was
+bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
+Leben knüpfte.
+
+Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im
+Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
+Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
+Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
+Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu
+können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge,
+forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
+der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
+Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts,
+nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna
+zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
+Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.
+
+Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern
+telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den
+dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
+Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl
+auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm
+angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu
+sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen
+Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders
+aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich
+Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie
+konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
+Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
+in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre
+Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
+und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
+hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
+wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.
+
+In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur
+Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen
+gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die
+auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die
+nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen,
+erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet
+wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
+waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
+Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
+sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit
+eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell
+werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor
+Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
+bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
+bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
+schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er
+achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
+sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung
+eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
+abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
+Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
+an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
+was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
+Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
+Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in
+Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende
+Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu
+schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs
+Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
+selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.
+
+Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
+hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
+Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
+verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
+treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht
+jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
+totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er
+glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der
+Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt
+auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
+erhalten.«
+
+Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
+gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz
+entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
+Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie
+Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen
+in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
+Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben
+und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich
+stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll
+aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
+blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
+Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite
+der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches
+Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die
+Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
+hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer,
+stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.
+
+
+
+
+Siebenundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße,
+viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er
+flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja
+ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem
+alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.«
+Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.
+
+Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
+war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
+wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
+wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
+gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens
+nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
+folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
+Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer.
+Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
+auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte
+den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste
+Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf
+einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
+Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
+sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
+vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den
+tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
+Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich
+aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
+erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig
+zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.
+
+Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf
+laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt
+er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
+er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
+aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
+Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!
+
+Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der
+Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
+Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
+Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in
+jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
+dünkelhaft und lügnerisch.
+
+Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich
+plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
+und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
+ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
+ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
+Zug.
+
+
+
+
+Achtundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
+Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde
+ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten,
+und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
+ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
+eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die
+Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
+erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge
+zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.
+
+Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
+seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und
+mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
+Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so
+rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
+gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
+Zeit ins Ewige hinaus.
+
+Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein
+Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
+auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
+worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
+Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still
+dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück,
+bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien
+ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie
+eine fabelhafte Bergkette.
+
+Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
+den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
+auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und
+schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
+drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
+Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
+Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
+Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines
+Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm
+doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
+zeigte.
+
+Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen
+Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht
+zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre
+eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem
+schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
+etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er
+antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
+betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian
+inne.
+
+Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine
+Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte.
+Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
+verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
+fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon
+begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der
+Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen,
+um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
+Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der
+Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr
+Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt
+nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch
+eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor
+dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«
+
+Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos
+Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
+ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
+Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
+Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre.
+Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und
+Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern
+öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.
+
+Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
+steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
+die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der
+ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
+hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und
+schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das
+Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als
+brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
+blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
+tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei
+Geifer in den Bart rann.
+
+Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst
+du mich nicht?« fragte er endlich.
+
+»Hä --?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
+Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
+Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man
+muß vo--orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«
+
+Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte,
+wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen
+und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den
+Raum.
+
+
+
+
+Neunundfünfzigstes Kapitel
+
+
+Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das
+Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte,
+warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.
+
+Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
+aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
+Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt.
+Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
+kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
+In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
+Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof,
+zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust
+zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.
+
+Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
+auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in
+das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort,
+bezahlen!«
+
+Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
+dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
+dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
+geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine
+geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
+und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
+schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
+sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
+wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben
+ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
+kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen
+konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
+Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser
+geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
+ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
+verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu
+wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
+dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, -- was muß ich
+also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?
+
+Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die
+Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn.
+Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust
+und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl,
+dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der
+Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
+wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht
+das Bessere wieder!
+
+Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
+wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper.
+Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
+Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
+müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann
+entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!
+
+Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
+gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
+in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
+Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar
+und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind
+niederreißenden Schicksalsmächte.
+
+Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und
+heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
+das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel
+mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine
+verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und
+dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
+Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.
+
+Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
+die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige
+Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen
+Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den
+geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan,
+kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun
+ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen
+und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
+winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand
+reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie,
+»da sind Sie also auch mein Freund.«
+
+Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
+auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich
+sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes
+lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es
+nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
+strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud
+sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte
+stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten
+war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.
+
+Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
+Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin,
+rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und
+dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
+Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka,
+denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
+preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte,
+erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.
+
+In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
+das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein
+Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien
+Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
+zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil
+wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
+Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat
+er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
+wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an
+einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit
+allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
+Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
+liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
+laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
+Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
+solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen
+oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
+Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
+niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«
+
+
+
+
+Sechzigstes Kapitel
+
+
+Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.
+
+Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten
+Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
+Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
+wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
+Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot
+flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
+oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
+ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.
+
+An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
+Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
+Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die
+glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft,
+durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das
+feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige,
+halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern
+kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen
+Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
+Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer
+Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen
+empor.
+
+Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
+Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte
+sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
+Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden
+des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
+einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie
+eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
+der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als
+bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an
+den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am
+höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
+Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog
+ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
+erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
+der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.
+
+ _Ende_
+
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
+Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
+Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
+Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
+Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:
+
+Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.
+
+
+
+Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:
+
+
+Die Juden von Zirndorf
+
+Roman. Neubearbeitete Ausgabe
+
+Geh. M. 4.--, geb. M. 5.--
+
+Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob
+Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von
+Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die
+Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman,
+diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen
+Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere
+und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die
+besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst
+verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst
+nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke,
+jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in
+dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem
+Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte
+Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende
+poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord
+zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«,
+in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum
+verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch
+einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl
+in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der
+Handlung die vollkommenste Objektivität.
+
+(Neue Zürcher Zeitung)
+
+Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch
+Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und
+nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist
+der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und
+steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört
+nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen
+Literatur der letzten Jahre.
+
+(Arbeiterzeitung, Wien)
+
+
+Die Geschichte der jungen Renate Fuchs
+
+Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50
+
+Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der
+Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die
+alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal,
+ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. --
+Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so
+interessanter und tiefsinniger Roman erschienen.
+
+(Die Zukunft)
+
+Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller
+Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller
+Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern
+dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein
+bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes
+Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster
+Erkenntnis der menschlichen Natur sei.
+
+(Berliner Tageblatt)
+
+Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt.
+Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman -- damit kann man das
+Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei
+Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange
+verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man
+nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine
+Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven
+ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine
+Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst
+aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den
+deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer
+Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Der niegeküßte Mund -- Hilperich
+
+Novellistische Studien. Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--
+
+In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als
+respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer
+so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen
+Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist
+ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in
+den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie
+fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten,
+Ausführung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrät einen in
+Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In
+dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß
+man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der
+Kenner, wird hier sein volles Genügen finden.
+
+(Die Zeit, Wien)
+
+
+Alexander in Babylon
+
+Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50
+
+Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders
+Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt,
+dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit
+ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr
+ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende
+Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch
+pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk,
+sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum
+genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten
+deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen
+zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und
+beseelt.
+
+(Neue Freie Presse, Wien)
+
+Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein
+Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen
+Romane alten Stiles.
+
+(Kreuzzeitung, Berlin)
+
+... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane
+von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken
+lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in
+Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur,
+wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen,
+um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in
+seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der
+Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat.
+
+(Berner Bund, Bern)
+
+»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der
+weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der
+nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen
+Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches,
+so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue
+Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert
+worden. Babylon -- das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene,
+unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es
+sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag
+dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich
+auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden
+Persönlichkeit. Und wie er's getan, das ist bewunderungswürdig.
+
+(Neue Hamburger Zeitung)
+
+... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen
+sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich
+götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und
+brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er
+liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel
+eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so
+muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende
+Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den
+mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander
+umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen
+erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die
+Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr
+und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar
+finsteren Verhängnisses.
+
+(Düna-Zeitung, Riga)
+
+
+Die Schwestern
+
+Drei Novellen. Dritte Auflage.
+
+Geh. M. 2.--, geb. M. 3.--
+
+In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns
+verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen
+Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses
+stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen,
+Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal
+seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener
+wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden
+und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu
+tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber
+fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines
+vermummten Bluffers.
+
+Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in
+Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich
+geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens,
+nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte
+und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und
+Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr
+eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller
+Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell
+mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet.
+Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und
+des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die
+»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die
+»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse
+der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna,
+Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht
+vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein
+wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie's nur ein Meister
+dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem
+neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher
+schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so
+deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt;
+daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren
+deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und
+gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem
+Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig
+wieder auftauchender Menschen festzuhalten.
+
+(Allgemeine Zeitung, München)
+
+Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen,
+unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht,
+ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem
+Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus
+dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen.
+Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem
+Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues
+Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen?
+Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist
+das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum,
+von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um
+es nicht mehr zu vergessen.
+
+(Hannoverscher Kurier)
+
+Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der
+Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen
+Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen
+Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen
+Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen
+Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen
+Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei
+phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller
+seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. -- Das historische
+Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei
+Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob
+Wassermanns.
+
+(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo)
+
+Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von
+einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in
+ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir
+ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem
+ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas
+Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich
+verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist
+nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über
+dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein
+künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein
+paar alte, goldtonige Gemälde vor uns.
+
+(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage
+erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
+S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
+S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen
+S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.«
+S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben.
+S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«,
+S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
+S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
+S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third
+and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below
+lists all corrections applied to the original text.
+
+p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen.,
+p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem
+p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit.
+p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen
+p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich
+p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine
+p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels
+p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.«
+p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem
+p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette
+p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben.
+p. 255: [added quote] daß du mich liebst«,
+p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen
+p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie
+p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm
+p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in
+p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?«
+p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH ***
+
+***** This file should be named 20413-8.txt or 20413-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
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+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
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+
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+electronic works
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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