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Fischer, Verlag, Berlin + 1908 + + + +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. + + + + +Frau Ansorge + + +Erstes Kapitel + + +Zwischen Podolin und Lomnitz, wo sich die Ebene aus einer flachen Mulde +zu einem unscheinbaren Hügelchen erhebt, lag der Ansorge-Hof. Das +Wohngebäude lehnte mit der Rückseite gegen die wilden Hecken, die den +weitläufigen parkartigen Garten begrenzten. Das Haus, mit den +weißgekalkten Mauern tief in die Erde gebohrt, erschien durch eine zum +Tor führende Steintreppe und durch die zopfigen Verzierungen um die +Fenstervierecke als ein Mittelding zwischen Bauern- und Herrenhaus. Das +überhängende Ziegeldach leuchtete wie eine mächtige Kapuze brennend rot +über die Landschaft. Vom Dorf war nur der Kirchturm zu sehen, denn +unvermutet, durch eine Laune der Natur, erhebt sich bei Podolin ein +schroffer Erdhügel, der den träg einherziehenden Fluß zwingt, ihm in +weitem Knie auszuweichen. Podolin selbst liegt auf der sanfter +abfallenden Seite des Hügels, ist aber gegen Süden bis hart an den Fluß +herangebaut, so daß die Hauptstraße des Dorfs nahezu die Gestalt eines +#S# hat. Ringsumher dehnt sich wellig-ebenes Land, das nicht allzu +reichlich mit Baum und Busch bedeckt erscheint. + +Zwischen dem Dorf und dem Ansorge-Hof breitete sich ein häuserloser, +öder Erdstrich. Nur ein großer Zimmerplatz lag am Flußufer und von ihm +strömte Sommer und Winter der Geruch frisch behauener Baumstämme aus. + +Die meisten Leute in der Gegend erinnerten sich genau des Tages, an +welchem Frau Ansorge in einer altertümlichen vierschrötigen Kutsche von +der Ostrauer Straße her ins Dorf eingefahren war, begleitet von ihrer +Dienerin Ursula, die den fünfjährigen Arnold auf den Knien hielt. Der +damalige Bürgermeister hatte die Frau hinüber geführt auf den Hof, der +seit mehr als hundert Jahren einem ehemals reichen und nun zu grunde +gegangenen Bauerngeschlecht gehört hatte. Bald begann eine ruhige, doch +unablässige Geschäftigkeit das Aussehen des verwahrlosten Gutes zu +verändern. Stall und Scheune wurden in Stand gesetzt, Zäune +aufgerichtet, der versandete Brunnen wurde tiefer gegraben, der +Viehstand verbessert, neue Möbel, neue Pflüge, neues Gesinde beschafft +und das Wohnhaus erhielt ein neues Dach. + +Drei Monate früher hatten Frau Ansorges Wünsche noch andern Lebenszielen +gegolten, als in der mährischen Einsamkeit Ruhe vor der Welt zu suchen. +Sie hatte die Vergnügungen der Geselligkeit und alle jene Freuden +geliebt, welche ihr der Reichtum ihres Mannes verschaffen konnte. Alfred +Ansorge war einer der großen Kohlenwerksbesitzer des Ostrauer Reviers +gewesen. Allerdings hatten ihn seine Geschäfte gezwungen, einen großen +Teil des Jahres in der traurigen, rußigen Stadt zuzubringen, aber desto +schöner war dann der Gegensatz zu der in Wien, im Gebirge oder auf +Reisen verbrachten Zeit. Von einer solchen Reise kehrte die Familie, +Mann, Frau und Kind, anfangs Dezember nach Ostrau zurück. Die +Winternacht, der sie entgegenfuhren, besiegelte das Schicksal der drei +Menschen. Eine Viertelstunde vor dem Ziel lief der Eisenbahnzug auf ein +falsches Geleise und prallte in vollem Rasen gegen einen aus Schlesien +kommenden Personenzug. Dieselben zusammenprasselnden Wagenteile, die dem +entsetzt auffahrenden Mann den Kopf zermalmten, waren der Frau zum +Schutz geworden und hatten sie und den Knaben umgeben wie die Bretter +eines Sarges. Als man sie befreien konnte, lag das Kind unversehrt +zwischen ihren zu einem Bett erweiterten Schenkeln. Nur ihre Augen +zeigten, was in ihr vorgegangen war, als sie in dem Verließ gelegen, das +Brausen des Windes im Ohr, der Rettung ungewiß, ungewiß auch was mit dem +Knaben sei. Vierzehn Tage lang vermochte sie nicht zu gehen, zu reden +und zu hören. Ihre Seele schien erfroren, schien nichts mehr +aufzubewahren als die furchtbaren Laute dieser Stunde, die am Rande des +Lebens und am Anfang des Todes lag. Doch wie das Wasser unter der +Eisdecke des Stromes fließt, trieb ihr dunkler Wille einer neuen Form +des Lebens zu. + +Der Anwalt Borromeo aus Wien, ein Bruder Frau Ansorges, ordnete die +Hinterlassenschaft des Mannes, wohnte dem Begräbnis bei und nahm den +Knaben in seine Obhut. Bald wurde Frau Ansorge innerlich und äußerlich +ruhig; sie vermochte sich mit den laufenden Geschäften zu befassen und +bekundete sogar eine eindringlichere Teilnahme als der geschäftsgewohnte +Bruder. Sie sorgte für die beste Verzinsung des Kapitals, nachdem alle +liegenden Gründe veräußert waren, und kaufte, ohne ihren Vorteil zu +übersehen, das Gut bei Podolin, dessen Weltentlegenheit ihre Wahl sehr +beeinflußt hatte. + +Ihr Fuß wurde vorsichtig im Schreiten wie der eines Blinden. Sie tat +keinen unnotwendigen Schritt und vermied jede überflüssige Bewegung. Sie +haßte alles Fahrige, Eilige, alles Springen, Laufen und Tänzeln. Was auf +Rädern lief und nur entfernt einer Maschine ähnlich sah, erregte ihren +Abscheu. Im Hause durften keine Wanduhren ticken, vor den Fenstern +mußten Büsche gepflanzt werden, denn sonderbarerweise konnte sie weder +den Anblick der Horizontlinie, noch den der langhinlaufenden Straße +ertragen. Spiegel und Bilder liebte sie nicht; nichts was an der Wand +oder an der Decke hing. Ihr Bett lag flach und knapp über den Dielen. + +In solchem Kreis des Ruhens wuchs Arnold empor. Auf dem Grunde eines +schwarzen Unheils malte sich wie etwas Rosiges sein junges Leben. Die +beharrende Furcht der Mutter war eine Schranke um ihn, aber eine +unsichtbare. Nicht etwas Nennbares und Wechselndes, sondern ehern und +unablässig als Naturkraft wirkend, bildete sie die Quelle seiner +Gewohnheiten; sein Herz blieb rein von Unfrieden, auch hatte er nichts +von der Zuchtlosigkeit, die durch regellose und eifersüchtige +Geselligkeit entsteht. + +Er zeigte als Kind oft ein verstocktes, ja grämliches und mürrisches +Wesen. Mit zusammengezogenen Brauen und seltsam gespreizten Schrittchen +stapfte er herum wie ein kleiner Bär. Dies reizte natürlich die Leute +auf dem Hof zum Lachen; besonders Ursula äffte Arnolds Gebaren nicht +ohne Bosheit nach. Das empörte den Knaben zu unbändigem Zorn; denn für +die Neckereien der Erwachsenen besaß er damals und auch später nicht +das geringste Verständnis; sie erschienen ihm als ein durchaus +unrechtmäßiger Eingriff in seine persönliche Freiheit. Mit schiefem +Blick und zwischen die Schultern eingezogenem Kopf stand er bei solchen +Gelegenheiten da, und wenn der feindliche Spott kein Ende nehmen wollte, +zog er die Lippen auseinander, jappte jähzornig, machte zwei Fäuste, die +er gleich Puffern links und rechts an der Brust hielt, sprang auf den +Plagegeist los und biß und schlug. Doch solche Zornwütigkeit zeigte sich +mit den Jahren immer seltener, und statt ihrer stellte sich eine +verächtliche Blick- und Wortsparsamkeit ein, die dem Bewußtsein der +Körperkraft entsprang und gar possierlich wirkte. + +Die Verlorenheit des Aufenthaltes entzog Arnold jedem Bildungszwang. +Durch die weitgehenden Verbindungen Friedrich Borromeos bildete die +Militärpflicht Jahre voraus keine Sorge mehr für Frau Ansorge. Sie +selbst lehrte ihn lesen und schreiben. Um ihn auch weiterhin +unterrichten zu können, studierte sie Tag und Nacht mit wahrer Wut und +so wurde sie seine Lehrerin in Sprachen, Geschichte, Geographie und den +niederen Fächern der Mathematik. Ihn im Dunkel der Unwissenheit zu +lassen, darin sah sie keine Sicherheit. In seinem fünfzehnten Jahr besaß +er die Durchschnittsbildung der jungen Leute seines Alters. Er hatte +keinen Ehrgeiz in geistigen Dingen und fand Vergnügen an körperlicher +Arbeit. Die Mutter wünschte ihn mittelmäßig und so am meisten geschützt +gegen die Stürme des Schicksals. Der Anschein befriedigte sie. + +In der drängendsten Zeit der aufwachenden Mannbarkeit verriet sich an +ihm eine unruhige Überschwänglichkeit und Phantasterei, die seiner Natur +im Innersten fremd war. Da kam es vor, daß er während einer ganzen +Sommernacht sich in den Wäldern herumtrieb, nach den Sternen starrte, in +die Erde hinein horchte und mit eigentümlicher Angst den Aufgang der +Sonne erwartete. Ein andermal entfernte er sich in der Früh und kam erst +am zweiten Tag zurück. Vierzehn Stunden war er gegangen, um zu erfahren, +was hinter dem Wald, hinter den Hügeln der Ferne lag, und traurig hatte +er den Heimweg angetreten, als immer wieder dieselben Äcker und Wiesen, +dieselben unansehnlichen Häuschen an derselben Straße erschienen waren. + +Bald verging das aufgeregte Wesen wieder und kehrte sich fast in sein +Gegenteil, so daß Arnold den Eindruck eines mürrischen und +phlegmatischen Burschen machte. Ohne sichtbare Freude der Wahrnehmung, +ja sogar ohne Frohsinn, ließ er Sommer und Winter und wieder Sommer und +Winter vorbeiziehen, denn dieser Wechsel und nicht die Ereignisse der +Welt war für ihn das bedeutendste Schauspiel auf dem Zifferblatt der +Zeit, das er mit trockener Selbstgenügsamkeit verfolgte. Er war träg und +schwieg gern aus Trägheit, auch gegen die Mutter. Es bestand zwischen +ihnen kein gefühlvolles Streben nach Annäherung, auch keine +geheimnisvolle Abgeschlossenheit. Jeder schien in einem eigenen Land, +nach eigenen Gesetzen zu leben. Die Einfachheit der Tage und der +Beschäftigungen bestimmte den Charakter ihres Verhältnisses. Arnold war +nie trotzig oder aufgeblasen gegen die Mutter, aber sie war für ihn mehr +eine ältere Genossin als eine Achtungsperson. Später zeigte er in den +kurzen Gesprächen mit ihr gern eine spöttische Aufmerksamkeit, die ihm +nicht übel zu Gesichte stand und die Frau Ansorge vielleicht nur darum +ein wenig ängstigte, weil sie etwas an sich hatte, was wie ein Zeichen +geistiger Überlegenheit aussah. Aber die Sache war einfach die, daß +Arnold nicht mehr ausschließlich die Mutter, sondern auch die Frau in +ihr erblickte, die er, in komischem Männlichkeitswahn, sich +untergeordnet glaubte. + +Die Beziehung zwischen den Geschlechtern war nie ein schwüles Mysterium +für ihn gewesen. Seine früh erwachte Sinnlichkeit, abgelenkt durch +körperliche Arbeit, hatte keinen Anlaß zu dunklen Träumereien gefunden. +Als er mit sieben Jahren zum erstenmal das Belegen einer Stute mit +ansah, da begriff er das gewaltige Weben, welches scheinbar aus dem +Nichts eine neue Kreatur erschafft. Obwohl sich sein Blick langsam für +dergleichen Schauspiele abstumpfte, so vergaß er doch niemals den +herrlichen Anblick des sich bäumenden Hengstes, sein schaumtriefendes +Maul, die geblähten Nüstern, die feurig lohenden Augen, die +schweißbedeckte dampfende Haut. + +Nun war er zwanzig; es ging auf den Sommer zu und ein wunderliches +Drängen und Wühlen meldete sich bisweilen in seinem Innern. Oft war es, +als ob das Herz aufgeschwellt wäre durch einen schrecklichen Überschwang +zielloser Kräfte, die des Nachts, in einem Traum etwa, den eigenen +Körper, in dem sie wohnten, zu erschüttern und zu verwunden trachteten. + +Da heiratete die Kleinmagd auf einen fremden Bauernhof fort, und die +neuankommende war in ihrer Art eine Schönheit, braun wie eine Kastanie, +frisch und voll Rasse. Sie war aus dem Polnischen und hieß Salscha. Als +Arnold sie gewahrte -- sie stand am Brunnentrog und wusch, ihre +Bewegungen hatten etwas Rauhes und Herausforderndes -- da besann er sich +lange, schaute gegen das sonnebeschienene Gelände und blinzelte mit den +Augen. Aber er konnte nicht helfen, es zog ihn hin. Er machte nicht viel +Umstände; als er vor Salscha stand, fragte er einfach, ob sie ihn haben +wolle, und zwar hatte er dabei einen strengen Ton und sah finster aus, +als fordere er etwas, das ihm seit langem gehörte und unrechtmäßig +vorenthalten war. Die Magd lachte und ließ ihn stehen. Aber zwölf +Stunden darauf war sie die seine. Ohne zu schleichen, ohne Belauern und +Überlisten, das war seine Sache nicht, nahm sie Arnold und war bei ihr +nachts in der Kammer oder mittags im Heu, wenn alles auf dem Hof unter +der senkrechten Sonne schlief. Kurze Zeit glaubte Salscha guter Hoffnung +zu sein, doch damit war es nichts. Und als die Glut des Sommers abnahm, +verschwand plötzlich Arnolds hastiges Liebesfeuer und Salscha war ihm +nichts mehr denn ein leeres Gefäß, dessen Inhalt er hatte trinken +müssen, um den eigenen Körper vor Verderben zu bewahren. Sein Herz wurde +wieder ruhig. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn +und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände +glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam +entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise +sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem +Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und +plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen +den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit +zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen. + +An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den +Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich +langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen +leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob +sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den +flammenden Himmel. + +Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen +bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen. +Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und +verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute, +kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen +die Richtung nach dem Dorf ein. + +Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau +Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte +wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig, +»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des +verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt. +Hanka heißen sie.« + +Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch. +Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter +durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer +Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und +Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu +Gesicht bekam. + +Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim +Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt +und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er +lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker +hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu +beobachten fähig ist und sich dessen freut. + +Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist +sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die +Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er. + +»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?« +Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu +allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel +reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits +betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm +zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und +zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft. + +Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen +fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer +leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte +sich galant und wünschte gute Nacht. + + + + +Drittes Kapitel + + +Vor Aufgang der Sonne erwachte Arnold. Als er gewaschen und angekleidet +war und in den Stall hinüberging, leuchtete schon der frühe Tag. Er +liebte diese Stunde, besonders jetzt, in der Oktoberklarheit und +-frische. Die Waldränder am Horizont waren rosig bemalt. Die Rinder +wurden zur Tränke geführt, und sie blökten freundlich. + +Ehe Arnold nach Podolin ging, wo er mit dem Fleischer Uravar wegen einer +Kuh unterhandeln sollte, kehrte er ins Haus zurück, um zu frühstücken. +Er fand Elasser, einen Hausierer aus dem Dorf, bei Frau Ansorge. Der +Jude kam jeden Monat zwei- bis dreimal, um Stoffe und Wolle, auch +sonstige Gegenstände für den Haushalt zu verkaufen. + +Elasser begrüßte Arnold knixend, während er Stirn und Glatze, die trotz +des kühlen Morgens schon schweißbedeckt waren, mit einem blauen Tuch +trocknete. Sein langhängender brauner Bart verhüllte fast den Ausdruck +eines ziemlich gutmütigen Gesichts. Er steckte das Geld, das er empfing, +mit liebevoller Sorgfalt in einen schmutzigen alten Lederbeutel, huckte +seinen ansehnlichen Pack auf den Rücken, grüßte ehrerbietig und ging. + +Arnold trank seinen Topf Milch und sagte: »Ich geh' jetzt ins Dorf.« + +Der Weg wurde leicht in der windstillen und würzigen Luft. Die Welt +atmete Frieden. Indem Arnold rege vorwärts schritt, fühlte er sich +gelaunt, tagelang zu wandern. Er hob einen dicken Ast auf, der am Wege +lag, brach ihn entzwei wie ein Rohr und warf die Stücke in den Fluß, +dessen mühselig hinfließendes Wasser nichts von der Reinheit des Himmels +wiedergab. + +Podolin streckte sich lang hin. Die Häuser, arm und schmutzig, +entfernten sich nur an einer Stelle von der Straße und bildeten, den +Hügelrücken hinan, einen weiten Platz, an welchem die Kirche, das +Pfarrhaus, die Schule, die Post und das Gerichtsgebäude standen. Uravar +wohnte am Eck hoch oben. Als Arnold in den Laden trat, erblickte er den +jüdischen Hausierer, hektisch rot im Gesicht, mit leidenschaftlichen +Geberden auf den Metzger einsprechend. Uravar hockte nachlässig, die +Hände in den Taschen, auf der Kante des langen Tisches, der mit Blut und +Fleisch bedeckt war, knirschte mit den Zähnen und lachte. Sein +bartloses Gesicht war rot und glänzend wie das rohe Fleisch; am Kinn +hatte er eine Warze mit fünf langen Haaren, welche aussah, als ob +beständig eine Kreuzspinne auf seine Lippen zukröche. + +»Wenn Sie mir nicht geben wollen mein Geld,« sagte der Hausierer, »werd' +ich Ihnen verklagen bei Gericht.« + +Uravar schlug sich auf die Schenkel und zeigte die blendend weißen +Zähne. »Judd, geh furt, sonst holl ich Hund,« sagte er und warf einen +beifallhaschenden Blick auf Arnold, der still auf der Schwelle stand. + +Elasser wurde erregt. »Ich fürcht' mich nicht vor Ihrem Hund,« +antwortete er. »Ich fürcht' mich nicht einmal vor Ihnen, wie soll ich +mich vor Ihrem Hund fürchten. Geben Sie mir mein Geld und die Sach' hat +sich gehoben.« Sein Gesicht sah fahl aus, und die Augen fielen +kummervoll und ermüdet in ihre Höhlen. Rettungsuchend blickte er an +Arnold vorbei auf den öden Platz, als Uravar sich von seinem Sitz +herabschnellte und mit ausholenden Schritten auf ihn zuging. Er packte +Elasser mit beiden Armen um den Leib, hob ihn empor und schleppte ihn +gegen die Türe. Aber zwei Hände klammerten sich mit solcher Kraft um +seine dicken Schultern, daß die Schlüsselbeinknochen krachten und +zurückgedreht wurden. Mit einem Wutgebrumm ließ Uravar den Juden zur +Erde gleiten, drehte sich schwerfällig um, den Kopf geduckt und blickte +Arnold, der ihn nun losgelassen hatte, tückisch an. Arnold erwiderte den +Blick mit solcher Ruhe, daß der brutale Mensch fast demütig den Kopf +duckte und das Kinn herabzog, wodurch die Kreuzspinne mutlos +zusammenschrumpfte. + +Elasser huckte keuchend seinen Pack auf. »Der Herr wird dafür zu büßen +haben,« sagte er, auf Uravar deutend. »Einem Besoffenen und einem +Heuwagen muß man ausweichen, heißt es. Aber gegen Gewalttätigkeiten sind +da die Gerichte.« Er nickte Arnold zu und verließ den Laden. + +Angewidert und nicht imstande mit dem Fleischer zu reden, trat Arnold +auf den Platz hinaus und sah gedankenvoll hinunter, die Augen gegen die +blendende Sonne mit der Hand beschirmend. Trotzdem kam es ihm vor, als +sei der Sonnenschein trüber geworden. + +Hinter den Kindern, die jetzt dem gegenüberliegenden Schulhaus +entströmten, wurde Maxim Specht sichtbar. Er schritt ohne weiters auf +Arnold zu und sagte mit anerkennendem Ausdruck: »Sehr schön, sehr gut. +Ich habe vom Fenster aus zugesehen. Endlich einmal hat dieser Kerl eine +Lektion erhalten.« Er lachte meckernd, wobei seine Augen ganz klein +wurden und freundschaftlich glänzten. Dann lud er Arnold ein, ihn ein +Stück Wegs zu begleiten; oft schon hätte er sich eine nähere +Bekanntschaft gewünscht, sagte er. Obwohl sein Anzug ärmlich war, sah er +darin adrett aus; im Gespräch war er ungezwungen und zugleich +zurückhaltend. Er war sehr neugierig in bezug auf alles, was Arnold +betraf. + +»Wie können Sie denn das aushalten hier, das eintönige Leben?« fragte +er. »Was tun Sie denn den ganzen Tag über?« + +Arnold gab, so gut er konnte, Auskunft. + +»Sie sind also eine Art Verwalter auf dem Gut Ihrer Frau Mutter?« +meinte Specht. »Und wird Ihnen das nicht langweilig?« + +»Langweilig? Nein; langweilig ist es nicht!« + +»Waren Sie nie in der Stadt?« + +»Nein.« + +»Überhaupt noch nicht? Wie merkwürdig! Dem Äußern nach sind Sie doch ein +Städter. Ihre Sprache, Ihr Gesicht, Ihr Benehmen, alles ist wie bei +einem Städter. Sehr merkwürdig!« + +»Ist denn das so etwas Besonderes, ein Städter?« erkundigte sich Arnold. + +»Na, etwas Besonderes ... das will ich nicht gerade sagen. Aber wenn Sie +die Stadt noch nicht kennen, da steht Ihnen ein großer Genuß bevor. +Haben Sie noch nie Sehnsucht danach gehabt? Nein! Wie merkwürdig! Ich +sage Ihnen, es ist etwas Herrliches um so eine große Stadt. Theater, +Konzerte, reiche Leute, schöne Damen, Paläste, Kirchen, kolossale +Straßen und abends ein Lichtermeer! Das können Sie sich nicht +vorstellen. Es ist wie ein Traum. Hier versumpft man ja, glauben Sie +mir.« + +Verwundert schüttelte Arnold den Kopf. Da es ihm zu heiß wurde, zog er +seine Lodenjacke aus, wobei er stehen blieb und den Lehrer durchdringend +und verständnislos anschaute. + +Sie waren gegen die Nordseite vors Dorf gekommen. An der Straße lag eine +Art Meierhof: ein schmuckes Wohnhaus, Stall, Scheune, alles sauber und +neu umzäunt. Wie eine appetitliche Speise auf dem Teller lag das kleine +Gut in der Ebene. Unter dem Haus stand ein junges Mädchen, auf den +Lippen ein Kinderlächeln. Als Specht sich von Arnold verabschiedet +hatte, schlug sie den gelben Schal fester um Brust und Schultern und +ging dem Lehrer entgegen. + + + + +Viertes Kapitel + + +Es war Nachmittag; Arnold saß am Fluß und schaute ruhig nach der +Angelschnur, die sich in weitem Bogen zum Wasser senkte. Er hatte das +Hemd über der Brust geöffnet; es war ungewöhnlich schwül geworden. Nicht +das kleinste Fischlein wollte sich verbeißen; den schwarzen Fluß +kräuselte keine Welle. Der Himmel hatte sich umzogen; über den +schlesischen Wäldern lag ein Wetter. + +Salscha, vom Dorf herkommend, blieb neben Arnold stehen und fragte ihn, +was er mit dem Fleischer Uravar gehabt habe, der schimpfe wie ein Teufel +auf ihn. + +Arnold brummte etwas vor sich hin. + +Weshalb er sich da hineinmische, fuhr das Mädchen fort, dem Juden werde +er ja doch nicht zu seinem Recht verhelfen können. + +»So? warum denn nicht?« fuhr Arnold auf. + +Na, die Juden seien eben keine rechten Menschen, sie behexten das Vieh +und zu Ostern schlachten sie Christenkinder. + +»Dumme Gans,« murmelte Arnold verächtlich. »Der Jud ist arm, hat neun +Kinder zu Haus und wenn er zu Gericht geht, wird er auch sein Recht +bekommen.« + +»Natürlich, als ob das Recht bei den Gerichten so billig wäre!« höhnte +Salscha. + +Arnold zuckte die Achseln und schwieg. + +Salscha setzte sich auf einen Stein neben Arnold, die Knie unter den +Röcken weit voneinander, die Augen nicht von ihm wendend. Weit und breit +war kein Mensch zu sehen; eine Viertelstunde der Liebe schien erwünscht. +Aber endlich merkte sie die Kälte Arnolds. Mit bösem Blick schielte sie +nach der Angel, stand auf und ging. Lange noch hörte Arnold ihr +gleichmäßiges und erzürntes Trällern über die Wiesen klingen. + +Arnold schnellte die Angel aus dem Wasser und machte sich auf den +Heimweg, da der Regen nahte. Über Podolin wetterleuchtete es. Er +schulterte die Rute und schritt fest über den dürren Ackerboden. Frau +Ansorge saß bleich in der Mitte des Zimmers, als er eintrat, denn sie +fürchtete Gewitter, besonders die des Herbstes. + +Aber die Wolken verzogen sich wieder. + +Arnold erzählte, daß ihn der Lehrer in Podolin angesprochen und ihm mit +allerlei wunderlichen Ausdrücken von dem Leben in der Stadt +vorgeschwärmt habe. + +Frau Ansorge runzelte finster die Stirn. »Der Windbeutel«, sagte sie; +»er soll seine frischgebackene Weisheit für sich behalten.« + +Sie stellte sich ans Fenster und blickte gegen den Himmel, wo ein +Regenbogen stand. + +»Komm einmal her, Arnold,« sagte sie. + +Arnold trat an ihre Seite. + +»Siehst du den Regenbogen? Jetzt steht er schön und groß vor dir. +Kommst du zwischen Gassen und Häuser, so bleibt nicht mehr viel von ihm +übrig. Und so viel deine Augen davon verlieren, so viel Glück und Ruhe +verlierst du selber. Und die Stadt, das ist nichts andres als eine +Unmenge von Gassen und Häusern. Sie verwirren dich nur, die Windbeutel, +sie sind leer wie gedroschenes Stroh.« + + + + +Fünftes Kapitel + + +Hankas, die neuen Bewohner von Podolin, hatten Besuch. Der Bruder von +Agnes Hanka, Alexander, war aus Wien gekommen. Er wollte nur drei Tage +bleiben; Erbschaftsangelegenheiten waren zu besprechen. Auch wegen Beate +kam er, die seine Schutzbefohlene war. Agnes hatte sie einst auf seinen +Wunsch zu sich genommen. Vor Jahren hatte er die arme Waise den Händen +böswilliger Verwandten entrissen, der Familie seines Gutsinspektors in +Böhmen. Alexander Hanka, den alle Welt für die Vernunft und +Hausbackenheit selber hielt, hatte damals phantastische Pläne gefaßt. +Ein Ideal schwebte ihm vor: ein von der Gesellschaft losgelöstes Weib, +innerlich frei und kräftig, unverblendet und natürlich, das er für sich, +für ein von der Gesellschaft losgelöstes Leben auferziehen wollte. +Seitdem waren acht Jahre verflossen, und er sah auf sein ehemaliges +leichtgläubiges Ich etwas gelangweilt herab. Beate selbst fand diese +gleichmütige Gesinnung sehr bequem. Wer nicht dankbar zu sein braucht, +ist wenigstens ehrlich; sie schätzte den Beschützer, denn sie wußte, was +sie an ihm hatte, und war zutraulich gegen ihn. + +Als Doktor Hanka in Podolin ankam, stand die Sonne schon tief im Westen. +Harzgeruch würzte die Luft, Bauern gingen vorbei und grüßten. Am Rain +weideten Kühe und blickten mit Ruhe und Mißbilligung auf den städtischen +Ankömmling. + +Agnes und Beate waren nicht zu Hause. Hanka erfuhr, daß seine Schwester +beim Pfarrer, Beate man wisse nicht wo sei. Damit gab er sich zufrieden, +setzte sich auf die Bank vor dem Haus, rauchte, schlug die überaus +langen Beine übereinander und wartete. Die Stille und der große Himmel, +dessen Anblick in solchem Umfang ihm ungewöhnlich war, ließen ihn seine +anfängliche Verdrießlichkeit über den Landausflug vergessen. + +Während er noch in Nachdenken versunken war, es fing schon an zu +dämmern, klang ein überraschtes Ach an seine Ohren. Beate stand hinter +ihm und mit ihr war Maxim Specht gekommen. Beate, indem sie eine +ungeschickte Tanzstundenhöflichkeit annahm, machte die beiden Männer +miteinander bekannt. Der Lehrer und Beate sahen belustigt und aufgeräumt +aus. Mit offenbarem Vergnügen an seinem Talent, Erlebtes wiederzugeben, +erzählte Specht, daß sie auf der Lomnitzer Straße Arnold Ansorge +begegnet seien und sich sehr gut dabei unterhalten hätten. + +»Er fragte, ob ich schon einen Liebhaber hätte,« platzte Beate lachend +heraus. + +»Nicht was er sagt, ist so amüsant,« erklärte Specht, »sondern wie er +zuhört, wie er verwundert ist, wie er jedes Wort bedenkt. Er ist nicht +dumm.« + +»Wer ist Arnold Ansorge?« fragte Hanka kühl, dem die Art Spechts nicht +sympathisch war. Indes kam auch Agnes Hanka. Bruder und Schwester +begrüßten einander herzlich, Alexander mit der ihm eigenen Gravität und +spöttischen Zurückhaltung, Agnes mit einem Ausdruck unbegrenzter +Hochachtung vor dem Bruder. Da sie schwerhörig war, redete sie wenig, +aus Furcht, mißzuverstehen und aus noch größerer Furcht, denjenigen +allzusehr zu bemühen, mit dem sie sich unterhielt. + +Alle vier gingen ins Haus. Specht verabschiedete sich bald. Sein +Taktgefühl sagte ihm, daß er überflüssig, und seine Empfindlichkeit, daß +Hanka nicht zufrieden sei mit der Anwesenheit eines Fremden. Als Specht +gegangen und Agnes in der Küche beschäftigt war, erkundigte sich Hanka +bei Beate nach dem Lehrer. + +Beate blickte den umherstolzierenden Frager mit damenhafter +Nachlässigkeit an. Sie hatte die Hände über den Knien verschränkt, saß +vorgebeugt und trippelte leise mit den Fußspitzen. Sie begann von Specht +zu schwärmen, der arm sei, aber nach ihrer Überzeugung es zu etwas +Großem bringen würde. Nur die Not habe ihn hierher verschlagen, bald +wolle er die Schulmeisterei an den Nagel hängen. »Er ist ein Sozialist,« +fuhr sie flüsternd fort, »aber das sag' ich dir nur im Vertrauen, es +soll Geheimnis bleiben.« + +Hanka blieb mit gespreizten Beinen vor ihr stehen, wiegte sich in den +Hüften, schmunzelte gutmütig und um seinen vollen, weichen Mund zuckte +die Ironie wie in kleinen Schlänglein. Sogar in den Bewegungen seines +langen, hagern Körpers drückte sich Wohlwollen und Spott aus. Zum +erstenmal heute sah er Beate voll und deutlich an; sie gefiel ihm, +besonders behagten ihm die schmalen, schwarzen Linien der Brauen über +den perlmutterglänzenden Augen. Darauf erblickte er sein eigenes Bild, +denn hinter dem dunklen Kopf des Mädchens hing der Spiegel. Nie glaubte +er Häßlicheres gesehen zu haben; eine dicke, lange Nase, eine niedere +Stirn; ein blasses Mephistogesicht. Bestürzt wandte er sich ab. »Wir +haben uns ja schon zwei Jahre lang nicht gesehen,« sagte er. »Wie geht's +dir denn, Beate? Einmal schrieb mir Agnes, du hättest dich +fortgestohlen, um zu tanzen. Wie verhält sich das?« + +Seine vor Fülle vibrierende Stimme mit den tiefen O-Lauten erregte +Beates Lachlust. »Es macht mir jetzt gar keine Freude mehr zu tanzen,« +log sie und kettete gleich eine zweite Lüge bequem an: »ich lese nämlich +sehr viel.« + +»Hm--m, Herrn Spechts Einfluß,« sagte Hanka mit hölzerner Würde. Zugleich +sah er im Geist den jungen Lehrer mit dem gutrasierten Gesicht und dem +flinken Benehmen. + +Die Fenster waren offen, die kühle Herbstluft strich herein, die Lampe +brannte freundlich, und altvertraute Bilder schauten von der Wand. +Beate nahm fleißig tuend einen Strickstrumpf und Agnes steckte den vom +Herdfeuer erhitzten Kopf durch die Türspalte, um zu erfahren, ob +Alexander auch den richtigen Hunger habe. Hanka stellte allerlei +Betrachtungen über das Landleben an, rauchte schweigend seine Zigarette +und sandte bisweilen einen kurzen Blick nach Beate. + +Agnes trug zu essen auf, wie für eine Soldaten-Kompanie. Dabei +entschuldigte sie sich, daß sie dies oder jenes nicht habe bekommen +können. Beate reichte Hanka eine Schüssel um die andere, so daß er sich +in eine Art Betäubung hineinaß. Er schob die Lippen vor, machte eine +Schnauze, drehte den Hals wie eine Ente im Wasser und sagte, es tue ihm +leid, daß er morgen schon wieder abreisen müsse. Beate wiederholte es +lauter für Agnes und diese sah ihn vorwurfsvoll an. + +Das junge Mädchen ging bald schlafen, und die Geschwister hatten eine +ernsthafte Unterredung. Mitten darin verlor sich Hankas Geist in die +Breite und spielte mit den lichten Gestalten eines Traumzustandes. Oben +am Haus öffnete sich ein Fenster. Beates Stimme sang ein Lied, das sie +von den Tschechinnen gelernt hatte. + + #Kudy, kudy, vede cesticka + Pro mého Jenicka ...# + +Der Liebste ist zwar in die Ferne gegangen, bedeutet es, um sich eine +Reiche zu suchen, aber das kann nicht hindern, ihn noch weiter zu +lieben. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Da in der Nacht leichter Frost eingetreten war, umhüllte Arnold am +Morgen die Fruchtstöcke für den Winter mit Stroh. Salscha half ihm, trug +das Stroh aus der Scheune und legte es in lange Bündel. Sie war mürrisch +und traurig und suchte Arnold durch Gleichgültigkeit aufmerksam zu +machen. Er stand auf der Leiter, und während er den Arm +hinunterstreckte, um ein Bündel zu ergreifen, begegnete er Salschas +Blicken. Die Polin wurde blaß, zog die Lippen von den Zähnen zurück und +stieß einen leisen Pfiff aus. Eine Sekunde lang stand sie noch +schweigend, dann kehrte sie um, ging ins Haus, trat entschlossenen +Schrittes vor Frau Ansorge hin mit der Miene eines Menschen, der endlich +einmal viel zu sagen hat. Frau Ansorge legte die Stickerei auf den Schoß +und lächelte Salscha entgegen. Dadurch wurde das Mädchen um alle Fassung +gebracht, sie hielt den nackten Arm vor die Augen und fing an zu +schluchzen. Das Lächeln auf Frau Ansorges Lippen nahm nacheinander jeden +Ausdruck der Frauenhaftigkeit an: Mitleid, Spott, Ratlosigkeit und +leichte Geringschätzung; dahinter gleich einem feinen Schimmer die +Freude über den, der solche starke Kränkung zufügen konnte. Sie stand +auf, räumte ihre Arbeit beiseite, legte beide Hände auf die Schulter der +Magd und sagte: »Das vergeht schon, Salscha. Gott hat tausend andere für +dich erschaffen. Sei nur stille jetzt, heut ist Kirmes, ich schenk' dir +einen neuen Unterrock.« + +Arnold war von der Leiter gestiegen. Gleichmütig stieß er mit dem Fuß +das Stroh aus dem Weg und wandte sich zum Gartentor, da er dort einen +Mann stehen sah, der ein junges Mädchen an der Hand führte. Als er näher +kam, erkannte er Elasser, den Hausierer. Ängstlich und demütig entblößte +der Jude das kahle Haupt und fragte Arnold, ob er Zeugenschaft vor +Gericht ablegen wolle gegen Uravar. Trotz seiner Ehrerbietung war er +kurz, trotz der süßen Freundlichkeit war in seinen Mienen zu lesen, daß +es für den Gebetenen keinen Ausweg gab, als zuzusagen, wenn es so weit +kam. Arnold dachte nicht an anderes. Er blickte das Mädchen an, das +Elasser mit sich führte, und der Gegensatz, in dem die winzige Gestalt +und die frühreifen Züge standen, erschreckte ihn fast. »Sag dem Herrn +Dank, Jutta,« murmelte Elasser und schüttelte den Arm des Mädchens. Die +Kleine betrachtete Arnold mit einem prüfenden und furchtsamen +Seitenblick. Sie war dreizehn bis vierzehn Jahre alt und mit ihren etwas +schwärmerischen Augen schien sie wie ermüdet von den Lasten der +Generationen, die gleichsam das natürliche Wachstum ihrer Gestalt +verhindert hatten. + +Am Nachmittag ging Arnold ins Dorf. Gassen und Platz waren vom +Kirchweihdunst erfüllt. Aus der ganzen Umgegend waren die Bauern +zusammengeströmt. Geschrei und Musik waren nicht mehr voneinander zu +unterscheiden. Die Wirtsstuben konnten ihre Gäste nicht fassen, die +überall im Flur und auf der Gasse hockten, auf Fässern, Blöcken, Ballen +und Balken, schrien, spielten, handelten und Lieder johlten. Die +Drehorgeln quietschten, die Heringbrater schrien und Kinder schlüpften +wie Eidechsen um die Beine der Erwachsenen. Aus der geöffneten +Kirchentür strömte der Weihrauch in den Heringsgestank, und mit bunten +Fähnchen und schläfrigem Gesang kam eine Prozession heraus, die sich im +Gedränge kaum vorwärts schieben konnte. Einige in der Nähe bekreuzten +sich, knixten und stürzten wieder in den Trubel. Dabei wurde es Abend. +Die Menge staute sich immer mehr. Arnold wurde in den Flur des »goldenen +Stern« gedrückt, wo Tanzmusik erklang. Ein Mann schrie verzweifelt, +seine farbigen Ballons waren in die Luft geflogen. Fünf Mägde, Arm in +Arm wie Soldaten, schwenkten aus dem Tor und sangen lachend ein Lied. +Hinter ihnen stand plötzlich Maxim Specht und winkte Arnold lächelnd zu. +Er wollte folgen, aber ein Verkäufer von Zaubertränken versammelte die +Zecher um sich, und der Durchgang war versperrt. Als er neben sich +blickte, sah er auch den jüdischen Hausierer. Seine traurige Gestalt, +das unbewegt demütige Gesicht und die nüchtern und gefaßt prüfenden +Augen wirkten so befremdlich in dem Haufen, daß Arnold ihn fragte, was +er da suche. Elasser gab mechanisch Auskunft, als wenn er bisher mit +niemandem hätte über etwas sprechen können, was ihn sehr zu bedrücken +schien. Seine Tochter Jutta sei vom Hause weg, erzählte er mit einer +fast geschäftlichen Freundlichkeit. Seit er vom Hof des gnädigen Herrn +Ansorge zurückgekommen, sei sie verschwunden. Am Sonntag helfe sie +manchmal beim Wirt Gläser spülen, aber sie sei nicht da. Wunderlich +genug, daß Arnold auf einmal Sorge um das gesuchte Mädchen empfand, als +ob er sich hier an Menschliches klammern müsse, wo er nur betrunkene +Tiere sah. Er wurde nachdenklich und sah diese winzige Jutta irgendwo im +Wald verirrt. Er wollte fragen, aber Elasser war schon fortgedrängt und +Arnold befand sich neben der Saaltüre, dicht neben Specht und Beate. +Specht faßte ihn sofort unter und fragte vertraulich, wie es gehe. +Verlegen zuckte Arnold die Achseln, denn er fand keinen Tonfall +gegenüber dieser unerwarteten Liebenswürdigkeit. Neugierig sah er auf +die Füße der Tanzenden, denn die plumpen, gespreizten, lächerlichen und +wilden Bewegungen reizten immer seine Schaulust. Oben auf einer Estrade +hockten wie Kobolde die Musikanten, durch den Dunst halb verwischt. +Beate wandte sich erhitzt mit derselben unerklärlichen Vertraulichkeit, +aber mit einem geheimnisvoll tückischen Glanz in den Augen zu Arnold und +fragte, ob er denn nie beim Jahrmarkt gewesen sei, weil er so erstaunt +starre. Auch die Schnelligkeit und falsche Heiterkeit, mit der sie +redete, hatten etwas Unerklärliches. »O ja,« antwortete Arnold gelassen, +»aber ich habe es vergessen.« In der Tat, für ihn war ein Jahr eine +unübersehbare Spanne Zeit. + +Beate tanzte mit einem Bauernburschen von riesenhaftem Wuchs davon. Der +heiße Saal mit seinen trüben Lichtern glich einer kleinen Hölle. Bald +schien es Arnold, als drehten sich die Wände statt der Menschen. Er +stand am Schanktisch, konnte weder vor- noch rückwärts, blickte zwischen +Köpfen hinweg, über zuckende Schultern in den Dampf. Die Wirtin stellte +Bier vor ihn hin; er hatte Durst, zahlte und trank. Er sah Beate +vorbeifliegen, und ihre Röcke wehten. Der Bauer schien sie zu tragen, +und seine großen Stiefel polterten vernehmbar vor allen. Dann standen +auf einmal wieder sie und der Lehrer dicht vor ihm. Beide sahen ihn +nicht. Specht hatte das Mädchen am Oberarm gefaßt und knirschte etwas +durch die Zähne. Seine Unterlippe bewegte sich leidenschaftlich. Beate +antwortete ihm mit einem langen Blick, der zugleich nachlässig, +verliebt, unentschieden und von äußerster Wildheit war. Ihre Haare +klebten an der Stirn, ihre Halsader pochte, ihre Ohren waren purpurrot, +das Gesicht blaß. Zwei betrunkene Bauern, die tschechisch lallten, +verdeckten gleich darauf die beiden für Arnolds Blicke. Er drängte sich +zur Türe durch. Er war schon im Freien, als er eine Stimme hinter sich +vernahm. Es war Specht, der seinen Arm abermals in den Arnolds schob und +höflich bat, mitgehen zu dürfen. Arnold wußte nichts zu entgegnen. Die +Welt ist für jedermanns Füße, dachte er. Er hörte den Lehrer keuchen von +der Anstrengung des Nachlaufens. + +»Bleiben wir doch noch zusammen,« bat Specht wiederum. »Ich möchte nicht +gern allein sein. Es ist erst sieben Uhr und wir könnten ganz gut noch +einen Spaziergang machen.« + +Arnold nickte, halb neugierig, halb gleichgültig. Bald hatten sie den +Lärm hinter sich. Trotz der Dunkelheit war der Weg deutlich, denn der +Viertelsmond stand im Westen. Der Frieden der Felder schien +vertausendfacht durch das nun verklungene Marktgetöse. + + + + +Siebentes Kapitel + + +»Elende Bauern,« sagte Specht, nachdem sie eine Weile lang schweigend +gegangen waren. »An einem einzigen Sonntag werfen sie fort, was sie +einen ganzen Sommer lang zusammengescharrt haben.« Er redete in Wut und +Haß und warf irgend eine Anklage, die mit seinen Gefühlen gar nichts zu +schaffen hatte, irgendwohin. + +Arnold schwieg. + +»Und was ist das überhaupt für ein Leben!« fuhr Specht mit einer +verzweifelten Bewegung seines ganzen Körpers fort. »Wer bin ich hier? +Was soll ich hier? Lauter Bauern, lauter Dummköpfe! Kein Mensch, mit dem +man ein richtiges Gespräch führen kann. Pfui Teufel.« + +Er ärgert sich, weil sein Mädchen mit einem andern getanzt hat, dachte +Arnold, was macht er solches Wesen davon. + +»Ich wundre mich nur, daß Sie's hier aushalten,« sagte Specht, »Sie sind +doch auch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Das ist doch keine +Existenz für Sie. Sie müssen hinaus in die Welt. Man braucht Männer +heutzutage.« + +»Mir ist ganz wohl hier,« gab Arnold ruhig zur Antwort. + +Das Dorf war längst verschwunden, sie schritten schweigend am Waldrand +entlang. Die Wiesen glänzten silbern, Mondnebel erfüllten die Luft. +Dicht vor ihnen tauchten die Mauern des Felizianerinnen-Klosters auf; +über dem hohen Tor glänzte ein Kreuz. + +»Wir sind sehr weit,« sagte Specht bedenklich. Mit verborgener +Bewunderung heftete er den Blick auf Arnold, der ihm gegenüberstand, die +Füße in schreitender Stellung, das Gesicht mit einem Ausdruck des +Lauschens emporgewandt, das braune Haar aus der Stirn gestrichen. Die +etwas lange, gerade, aber breitrückige Nase verlieh dem Gesicht einen +durchaus reifen Charakter. + +Der Lehrer riß einen Zweig ab und zerbog ihn. Seine Haltung war sinnend +und schwermütig. Ihm war, als sei sein Gemüt gereinigt worden, und er +hörte mit ganz anderm Ohr das Rauschen, welches der Wind in den +Baumkronen verursachte. Seine Qualen rückten auf ein anderes Ufer, vor +ihm floß ein Strom der Einsamkeit. + +Sie gingen ein Stück weiter bis zum Fuße der Klostermauer. Dort setzte +sich Specht auf eine Steinbank und erzählte von seiner Tätigkeit als +Lehrer, von seinen Wünschen und Träumen, von seinem sozialen Ideal, das +ihn anderswo hinweise als in mährische Einöden. Er erzählte von seiner +Bibliothek, von seinen mit Studien verbrachten Nächten und deutete dumpf +und schamvoll sein kümmerliches Auskommen an. Sein Ton war einfach, wenn +auch durch die Nacht etwas gedrückt. Ihm war, als müsse er diesem +Menschen beichten, und er vergaß die jüngeren Jahre Arnolds. Leicht +erzeugt ohnedies eine solche Stunde festere Brücken zwischen Männern, +als etwa ein Beisammensitzen im Sonnenschein. Freilich nicht bei Arnold, +den keine innere Enge trieb, sich mitzuteilen. Aber da es für ihn nichts +Längstbekanntes gab, kein alltägliches Schicksal, lauschte er dem +Lehrer mit Interesse. + +Endlich erhob sich Specht und meinte, es sei doch Zeit, nach Hause zu +gehn. Während des Heimwanderns brachte er noch vielerlei vor, denn er +hatte einen regen, lebendigen Geist, und mit Unrast suchte er +Beziehungen und wünschte Sympathien. + + + + +Achtes Kapitel + + +Am andern Morgen, als Arnold und Frau Ansorge beim Frühstück waren, kam +Ursula und erzählte, die Felizianerinnen hätten die Tochter des Juden +Elasser zu sich ins Kloster gebracht. + +»Vierzehn Stunden haben die Leute nicht gewußt wo ihr Kind ist,« sagte +sie. »Erst heut Nacht haben sie es durch einen Zufall erfahren.« + +»Und was ist dann geschehen?« fragte Arnold. + +»Der Jud ist mit dem Gendarmerie-Wachtmeister Wittek ins Kloster +gegangen. Man hat sie aber nicht hineingelassen.« + +»Eine wunderbare Geschichte,« bemerkte Frau Ansorge spöttisch. + +Arnold erinnerte sich seiner gestrigen Begegnung mit dem Hausierer und +an dessen beklommenes Wesen. »Man kann doch nicht ohne weiteres ein +Mädchen rauben,« sagte er verwundert. + +»Wahrscheinlich soll das Judenkind getauft werden,« antwortete Ursula. + +Der Bäcker aus Podolin, der gleich darauf kam, bestätigte das +Vorgefallene. + +»Ich versteh das nicht,« sagte Arnold in wachsender Verwunderung zu +seiner Mutter. »Können die vom Kloster ein Kind einfach stehlen?« + +Frau Ansorge zuckte die Achseln. + +»Man kann es doch nicht taufen, wenn die Eltern nicht wollen.« + +»Vielleicht will das Mädchen selber. Wenn es vierzehn Jahre alt ist, +braucht man die Einwilligung der Eltern nicht.« + +»Wenn es aber nicht will? Dann müssen Sie es wieder entlassen, wie?« + +Frau Ansorge zuckte abermals die Achseln. »Was gehen uns die fremden +Leute an,« entgegnete sie gleichgültig. + +Gegen Mittag machte sich Arnold auf den Weg nach dem Dorf. Auf dem +Hauptplatz blieb er eine Weile unschlüssig stehen. Dann, fast wider +Willen trat er in den Ullmannschen Schnapsladen an der Ecke. Bauern, +Knechte, Tagelöhner, Unterstandslose, ja sogar ein paar Weiber saßen +dort und machten Lärm. Arnold ließ sich ein Glas Tschai geben. Ein +alter, dicker, gichtiger Bauer, der weithin nach Schnaps roch und dessen +Mund verzogen war, als hätte er Zitronensaft auf der Zunge, sagte, jetzt +sei die Zeit gekommen, und endlich werde dem Juden der Garaus gemacht. +Getauft oder verbrannt, schrie ein Bursche, dem die bloße Brust durch +das zerrissene Hemd schien. Der Ladenbesitzer, selber ein Jude, mit +einem Bart, der dünn und kranzartig um das ganze Gesicht lief, lachte +mit weit aufgerissenem Mund. Eine pockennarbige Bäuerin behauptete, der +Papst und der Erzbischof hätten den Felizianerinnen strenge befohlen, +alle Judenkinder zu taufen. + +Arnold fragte den geleckt und hungrig aussehenden Geschäftsgehilfen nach +der Wohnung Elassers und verließ dann den Laden. + +Podolin, aus einer langgestreckten Reihe niedriger Häuser bestehend, +hatte nur eine einzige Seitengasse und dort, dicht am Flußufer, wohnte +Elasser. Die abschüssige Gasse war fast ungangbar durch Misthaufen, +Kotpfützen, Schottergestein und umhergackerndes Geflügel. Von den Mauern +des Elasserschen Häuschens war der größte Teil der Mörtelbekleidung +abgefallen. Arnold ging durch die offene Haustüre in ein gleichfalls +offenes Zimmer zur Rechten, wo sich ihm ein ebenso wunderbarer als +trauriger Anblick bot. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Samuel Elasser hockte zusammengekauert, die Knie fast bis zur Brust +emporgezogen, im Winkel eines schmutzigen Kanapees. Er hatte mit beiden +Händen das Gesicht so vollständig bedeckt, daß darunter nur der braune +Bart hervorquoll. Auf dem Kopf trug er ein altes, hintübergeschobenes +Seidenkäppchen mit einer Quaste. Um ihn herum standen wie in einem +abgemessenen Halbkreis sechs Kinder und blickten regungslos auf die +kauernde Gestalt ihres Vaters. Eines von zwei Jahren kroch halb +spielend, halb winselnd über die Dielen und ein Neugeborenes lag +eingehüllt in bunte Lappen, die wiederum durch einen grünen Gürtel +zusammengehalten waren, auf einer breiten Bank neben dem Ofen. Die Frau +stand vor dem Fenstersims und bewegte betend die Lippen und den +Oberkörper. Außer dem Gelalle des kleinen Halbnackten war kaum ein +deutlicher Laut vernehmbar. Auf dem Tisch standen acht blecherne +Kaffeetassen, an einem Strick vom Ofen zur Wand hingen rote Windeln zum +Trocknen und der Türe gegenüber nahm ein uralter Schrank den fünften +Teil des Raumes ein. + +Nachdem Arnold einige Minuten ruhig auf der Schwelle geblieben war, trat +er ins Zimmer. Sogleich drängten sich die sechs Kinder in einen Knäuel +zusammen. Elasser ließ die Hände vom Gesicht fallen und blickte den +Fremdling mit glasigen Blicken an. Arnold war etwas verdutzt über die +gepreßte Trauer und düstere Niedergeschlagenheit, die hier herrschten. +Er forschte unter den Gesichtern der Kinder und als er das ihm bekannte +der kleinen Jutta nicht erblickte, fragte er: »Ist sie noch nicht zurück +aus dem Kloster?« + +Die Frau drehte sich um und heftete aus ihren hervorquellenden, +ermüdeten Augen einen ungewissen und furchtsamen Blick auf Arnold. »Weiß +der Herr nicht, daß unsere Jutta geschleppt worden ist mit Gewalt ins +Nonnenkloster?« rief sie mit einer überscharfen Stimme. Ihre Züge, +obwohl alt und häßlich, entbehrten nicht des Reizes, den das Leiden in +jeder Form zu erteilen vermag. + +Arnold blickte die Frau aufmerksam an. »Ja ja,« erwiderte er, »aber das +ist doch gegen das Recht.« + +»Sehn Sie nur an,« fuhr die magere Jüdin fort und hob sibyllenhaft den +Kopf, »wie es bestellt ist mit dem Recht. Für die armen Leute gibt's +kein Recht, für arme Juden gibt's gar kein Recht. Und mit was kann ich +dienen? Mit wem hab ich das Vergnügen?« + +»Es ist der gnädige Herr Ansorge,« klärte Elasser auf, mit einer +Geberde, die ebensowohl für ehrfürchtig als für kummervoll gelten +konnte. »Der Herr kommt nicht in schlechte Absichten, Mutter. Erinnern +Sie sich, gnädiger Herr, wie ich meine Jutta hab gesucht Sonntag? Wir +haben gewartet und gewartet und wer nicht gekommen is, war unsere Jutta. +Und der ganze Abend ist geflossen un endlich gegen elf is gekommen der +Gehilf vom Uravar und klopft da draußen und meint, wir sollen doch +einmal nachfragen im Kloster. Und ich denk mir noch und denk mir noch, +'s ist wahr, sie kann sein gegangen mit die Bänderchen zu den Nonnen, +denn sie ist allein hausieren gegangen, und solche Sachen sind schon +bereits vorgekommen, und der Gehilfe, der 's Fleisch bringt ins Kloster, +kann sie dort gesehn haben. Gnädiger Herr meine Tochter ist eine gute +Jüdin, warum soll sie bei den Nonnen geblieben sein? Und es war +Mitternacht, bin ich noch gegangen und der Herr Wachtmeister, ein +freundlicher Herr, ist mit mir gegangen ins Kloster. Und wir verlangen +die Oberin zu sprechen, aber die Schwester Pförtnerin sagt, wir sollen +kommen in der Früh und meine Jutta wäre da. Und der Herr Wachtmeister +sagt, warten wir bis in der Früh. Gut. Sie können sich denken, daß wir +kein Aug zugemacht haben die ganze Nacht, und in der Früh um sechs bin +ich abermals wieder gegangen mit dem Herrn Wachtmeister und verlang zu +sprechen die Oberin. Un sie kommt und ich verlang zu haben mein Kind. +Und gnädiger Herr, glauben Se mir, mein Herz is still gestanden, sie +sagt, ich soll kommen in fünf Tagen, bis sich das Mädchen besser gewöhnt +haben wird an die neue Umgebung.« + +Elasser wand sich, als ob ihn die Eingeweide brennten. »Un so bin ich +fortgegangen,« schloß er und atmete tief. + +»Und der Wachtmeister?« fragte Arnold, dessen Gesicht sich verfärbt +hatte. + +»Der Herr Wachtmeister is ein freundlicher Herr, aber er hat gesagt, +leider, es ist vorläufig nichts zu machen. Man muß warten. So wart ich.« + +Der Säugling auf der Ofenbank erwachte und begann ein dünnes Geheul, bis +die Mutter hinging und ihm ein in Honig getauchtes, kugelartiges +Leinwandstück in den Mund steckte. Auch das auf dem Boden kriechende +Kind fing an zu weinen. Die Frau blickte gleichgültig herab, gab ihm mit +dem Bein einen leichten Stoß, und als es platt auf der Erde lag, rollte +sie es mit dem Fuß gleich einem Fäßchen hin und her. Das Kind lachte, +während die Mutter leise summte und mit der Hand den Säugling wieder in +Schlaf schüttelte. + +Elasser erhob sich, nachdem er lange vor sich hingebrütet hatte und +blickte Arnold ohne jede Schüchternheit mit funkelnden Augen an. »Was +soll ich tun, lieber Herr,« sagte er dumpf und sein demütiger Tonfall +wirkte sonderbar im Gegensatz zu seinem Aussehen. »Kann ich mir helfen, +sagen Sie selber? Wenn sie sagt, ich soll kommen in einem Jahr, kann ich +mir helfen? Und wenn ich keine Nacht mehr schließ ein Auge, kann ich mir +helfen, lieber Herr?« Er ging auf und ab. + +Arnold verfolgte ihn mit den Blicken. Er begriff nicht, begriff nichts. +Diese Verzweiflung schien ihm unverständlich. + +»Papa,« rief jetzt der älteste Knabe mit finsterer Entschlossenheit, +»hör auf zu reden, bitt dich, vor dem Christen.« + +»Keine Ruh will ich haben, keine ruhige Stunde, bis sie mir nicht mein +Kind gegeben haben!« rief Elasser mit scheuer Leidenschaftlichkeit. »Und +wenn ich bis Wien zum Herrn Kaiser gehen muß, un wenn ich hungern un +dürsten muß.« + +»Und sollen Weib und Kinder gleichfalls hungern?« fragte die Frau mit +streng zusammengezogenen Brauen. + +»Schämen Sie sich doch,« sagte Arnold laut und blickte verdrießlich von +einem zum andern, »gibt es denn kein Gericht? Jeder Richter muß Ihnen +das Kind zurückgeben, sobald es das Gesetz verlangt.« + +Draußen wurden Schritte laut und drei jüdische Männer betraten den Raum, +wobei sie Gebete murmelten. + +Arnold ging. Er war kaum bis zur Ecke des Hauptplatzes gelangt, als ihm +Specht begegnete. Der Lehrer schien die größte Eile zu haben, blieb +aber doch bei Arnold stehen, fing von der Klostergeschichte an und +meinte, es sei sonderbar, daß sie beide gerade gestern Abend vor dem +Kloster geweilt hätten. »Und was sagen Sie zu alledem? Klingt es nicht +fabelhaft, daß dergleichen noch vorkommt?« Leise und geheimnisvoll fügte +er hinzu: »Ich berichte alles an eine Wiener Zeitung. Übrigens könnten +wir eine halbe Stunde miteinander plaudern; kommen Sie mit ins +Wirtshaus.« + +Arnold folgte zögernd, betrat das dumpfe und dunkle Gemach, nahm +schweigend neben Specht Platz und nickte, als der Wirt ein Glas Bier vor +ihn hinstellte. + +Niemand war hier außer den beiden. Ein kleiner Rattenpinscher lag neben +Specht auf der Bank, erhob den Kopf, knurrte und schlief bald weiter. +Specht schien lange innerlich zu kämpfen, endlich sagte er: »Heute ist +es mir schlimm ergangen; heute hab' ich was Schlimmes erfahren. Hören +Sie nur ... Vielleicht bereu' ich einmal, daß ich schwatzhaft war, aber +der Teufel kann ewig schweigen.« + +Arnold horchte hoch auf und schaute erwartungsvoll auf den Mund des +Lehrers. + +»Sie kennen doch Beate?« + +Arnold wandte den Kopf ab und nickte gleichgültig. Specht legte seine +Hand auf Arnolds Schulter und sagte beschwörend und schmerzlich: »Ich +übertreibe nicht, mein Lieber, aber wenn es eine verkörperte +Ruchlosigkeit gibt, ist es diese siebzehnjährige Hexe. Was ich gelitten +habe! Doch es ist vorbei; anderes liegt vor mir.« Er bedeckte die Stirn +mit der Hand; seine Lippen zitterten und in seinen Augen lag schon jetzt +Reue über seine Mitteilsamkeit. Seine Miene wurde plötzlich kalt, und +das Gesellschaftliche in seinem Wesen trat mit auffallender Schärfe +hervor, als er sagte: »Ich hoffe, Sie können schweigen. Wir dürfen die +Frauen nicht einmal ins Gerede bringen, während sie uns ungestraft zum +Wahnsinn treiben.« Er lächelte und zupfte an seinem schmalen, blonden +Schnurrbart. + +Arnold, der für solche Schmerzen keinerlei Verständnis besaß, hatte +zerstreut zugehört. Jenes unbedeutende Frauenzimmer erschien ihm keines +Wortes wert. Er schämte sich für Specht. + +Über eine Viertelstunde saßen sie schweigend beisammen. Der Wirt hatte +die Lampe angezündet. Endlich fragte Arnold, indem er den Kopf ein wenig +vorstreckte und das Kinn mit zwei Fingern der linken Hand drückte: »Wann +wird man denn befehlen, das Mädchen frei zu lassen?« + +»Welches Mädchen?« entgegnete Specht aufschreckend. »Die Elasser meinen +Sie? Ich weiß nicht.« Specht fühlte sich beleidigt, daß Arnold einer so +fernen Angelegenheit mehr entgegenbrachte als seiner, Maxim Spechts, +persönlich nahen. »Wer, glauben Sie denn, daß hier befehlen wird?« +fragte er ironisch. + +»Das Gericht, denk ich,« entgegnete Arnold und wandte sich dem Lehrer +völlig zu. + +»Sie ahnen offenbar nicht, um welche Mächte es sich hier handelt?« +Specht lächelte boshaft vor sich hin, als ob er mit diesen Mächten im +Bunde sei. + +Mit lachendem Mund und höchst erstauntem Ausdruck sagte Arnold: »Es +handelt sich um ein Unrecht.« + +Specht meckerte. »Unrecht hin oder her. Leben wir denn im Paradies? +Findet denn jedes Unrecht einen Richter? Und wenn es schon einen Richter +findet, findet es dann auch Gerechtigkeit?« + +»Das ist mir zu dumm, was Sie da schwätzen, Sie wollen mich wohl zum +Narren halten,« erwiderte Arnold, erhob sich mit blitzenden Augen und +schob den Tisch mit dem Oberschenkel von der Bank weg. Der Hund fuhr aus +dem Schlaf empor und bellte wütend. Bestürzt blickte der Lehrer Arnold +an, der schweigend sein Geld auf den Tisch legte und die Wirtsstube +verließ. + +Specht seufzte. Er schloß grübelnd die Augen. Bald machte auch er sich +auf den Weg, schlenderte die finstere Dorfstraße entlang und kam bis zum +Hankaschen Zaun. Er lehnte sich an das Gartentor und begann +melancholisch zu pfeifen, scheinbar ohne Absicht und nur in sich selbst +versinkend. Seltsame Menschen gibt es, dachte er, indem er weiterpfiff, +mit Beziehung auf Arnold. Was ficht ihn an? Für ihn ist das Leben ein +warmer Pfannkuchen; er braucht sich nur hinsetzen, um zu essen. Will er +Rechenschaft haben über die Unbescholtenheit der Henne, von der die Eier +kommen? + +Im Haus wurde ein Fenster geöffnet und eine helle Stimme rief: »Specht! +Herr Specht! Kommen Sie doch herein! Was stehen Sie denn und pfeifen!« + +Specht folgte der Einladung. Beate und Agnes saßen bei Tisch und +schienen soeben mit dem Abendessen fertig geworden zu sein. Beate +blickte Specht hochmütig und höhnisch an. Specht verbeugte sich, +lächelte flüchtig, nahm Platz und fragte höflich nach Agnes Hankas +Befinden. Freundlich und eilfertig bot ihm Agnes von den Überresten der +Mahlzeit und obwohl er hungrig war, schüttelte Specht den Kopf und +deutete scherzhaft auf seine Magengegend. Beate hatte nicht aufgehört +den Lehrer fest anzublicken. Sie spielte mit einem Zeitungsblatt und +sagte plötzlich vor sich hin, ohne Furcht, daß sie von der halbtauben +Agnes gehört werden könne: »Wenn du nicht vernünftig bist --« ... mit +einer kategorischen und deutungsvollen Bewegung riß sie das Blatt mitten +entzwei. + +»Erlauben Sie, ich nehme mir doch ein Stückchen Käse,« rief Specht, zu +Agnes gewandt, die ihm erfreut Butter, Brot, die Weinflasche und den +Wurstteller hinschob. Sie klagte dem Lehrer, daß sie Sorge um ihren +Bruder Alexander habe; sie fürchte für seine Gesundheit, er sehe so +schlecht aus. Übrigens habe er heute in einem Brief versprochen, gegen +Weihnachten längere Zeit in Podolin zuzubringen. + +Specht fragte, was Alexander Hanka eigentlich treibe. + +Agnes besann sich, ob es nicht doch vielleicht etwas gab, das Hanka +»trieb«. »Nichts,« erwiderte sie endlich scheu. + +Der Lehrer lächelte sarkastisch. + +»Er lebt von seinem Geld,« sagte Beate stirnrunzelnd. »Er ist reich +genug. Ist das vielleicht nicht erlaubt?« + +»Es ist leider nicht nur erlaubt, es wird gern gesehen,« antwortete +Specht. + +Agnes gab dem Lehrer ihres Bruders Brief zu lesen. Es war, als suche sie +über etwas Beunruhigendes in Hankas Leben Aufschluß und Trost, naiv dem +Fremdesten vertrauend. Specht betrachtete zerstreut die ungefügen +Schriftzeichen; unter dem Tisch suchte er Beates Hand zu ergreifen. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Frau Ansorge erhielt aus Wien die Nachricht, daß ihr Bruder Borromeo +sich wieder verheiratet habe. Die Photographie der neuen Schwägerin +zeigte eine üppige Gestalt mit regelmäßigen Zügen, die einen herrischen +und kalten Ausdruck hatten. »Friedrich tut nichts Gutes in seinem +Schwabenalter,« sagte Frau Ansorge zu Arnold, der das Bild der schönen +Frau mit Vergnügen betrachtete. + +An demselben Morgen schickte Maxim Specht einen Brief und eine Zeitung. +Die Zeitung enthielt Spechts Bericht über den Raub der Jutta Elasser. +Arnold las, und es wirkte erstaunlich auf ihn, nicht gerade wie eine +Lüge, sondern wie Schiefheit, wie Backenaufblasen. Aus dem Nahen und +Wahren war etwas Fernes, Gespreiztes und Lärmendes geworden. + +Der Brief lautete: »Wenn es Ihnen paßt, holen Sie mich morgen früh um +sieben Uhr ab. Der Polizeihauptmann hat mit der Elasserschen +Angelegenheit einen Kommissar beauftragt, der ein guter Bekannter von +mir ist. Er erlaubt mir und Ihnen dabei zu sein, wenn Elasser im Kloster +seine Tochter zu sehen bekommt. Davon darf man die Entscheidung +erwarten, denn es ist nicht einzusehen, wie sie ihm dann noch das Kind +verweigern wollen, was doch zweifellos geschehen wird. Der Zweck ist, +die Sache hinzuziehen, bis Jutta das religionsmündige Alter von vierzehn +Jahren erreicht haben wird. Dann wird dem Samuel Elasser die väterliche +Gewalt durch die Vormundschaftsbehörde abgesprochen und der Taufe steht +kein Hindernis im Wege; denn über das, was das Mädchen selbst will oder +nicht will, wird ja die Öffentlichkeit getäuscht. Also nicht ich bin +dumm oder boshaft, lieber Freund, sondern die Ereignisse sind es. Und +dumm bin ich vielleicht nur deshalb, weil ich mich darum kümmere und die +Welt, gemein wie sie ist, ändern möchte. Das ist nicht nur Dummheit, +sondern Irrsinn. Bleiben Sie gut Ihrem Specht.« + +Arnold hatte das Gefühl eines Hinterhaltes. Er las den Brief nicht nur, +sondern er studierte ihn, drehte ihn um und um und zerstampfte ihn +schließlich mit den Stiefeln. Den ganzen Tag über vermochte er nichts +Rechtes anzufangen. + +In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Er kam von einer langen +Landstraße an eine hohe Gartenmauer. Vor der Mauer standen zwei Pferde +einander gegenüber, ein kleines und ein großes Pferd. Beide Tiere sahen +aus, als ob sie mit Grünspan überzogen wären. An Hals, Kopf, Rücken und +Bauch trugen sie allerlei Zieraten, die, ebenfalls grünspanfarben, aus +der Haut hervorragten, als ob es nur künstliche Tiere wären. Aber beide +Pferde lebten. Nun stand an der Mauer eine Tafel, welche die Inschrift +trug: diese Pferde können sprechen. Nachdem er eine Weile unschlüssig +und doch höchst begierig gestanden war, warf er ein Geldstück hin. +Darauf ertönte ein langsames Glöckchen über der Mauer; das größere Pferd +erhob den Kopf und öffnete weit das Maul, um zu sprechen. In diesem +Augenblick wurde Arnold von einem so furchtbaren Schrecken ergriffen, +daß er in der größten Eile über die Landstraße Reißaus nahm. Als er +aufwachte und den Traum überlegte, kam er ihm überaus albern vor; +dennoch, die dünne Luft, die Mauer, die einsame Straße, die schwermütige +Miene des grünen Gauls, der sich anschickte zu sprechen, das alles trug +etwas Unvergeßliches in sich. + +Punkt sieben Uhr stellte sich Arnold bei Maxim Specht ein. Es war noch +halb dunkel, als sie sich auf den Weg machten. Arnold verzehrte sein +Frühstück unterwegs. Specht war schweigsam. + +Vor dem Klostertor warteten sie. Als die ersten Wolken vom Frührot +glühend wurden, traf der Kommissar mit einem Gendarmen ein. Ein wenig +davon entfernt gingen Elasser und der Rabbiner aus Lomnitz. Der +Kommissar zog die Glocke. Die Schwester Pförtnerin öffnete, deutete +gegen eine schmale Türe zur Linken und hinkte auf einer Krücke davon. +Als die Tür geöffnet war, wurde ein langer Gang sichtbar, an dessen Ende +ein Windlicht brannte, welches nur mühsam die Finsternis verringerte. +Darnach kam ein weiter, flurartiger Raum. Auf einem Schemel hockte +schlaftrunken eine Laienschwester und zeigte stumm auf die zur Linken +befindliche Glastür. Die Männer betraten ein saalartiges Gemach, dessen +Decke durch ein gekreuztes Tonnengewölbe gebildet wurde. Auf einer +langen Bank standen zwei dreiarmige silberne Leuchter, darüber hing ein +ehernes Kreuz mit dem Heiland. An der hinteren Wand öffnete sich ein +dunkles Loch, vor welchem sich ein aus weißen Stäben bestehendes Gitter +befand. Elasser und der Rabbiner standen schweigend abseits; sie +starrten vor sich nieder. + +Nach einigen langen Minuten, während welcher Arnold seine Uhr in der +Tasche ticken hörte, knarrte eine zweite Tür in der Ecke und vier Nonnen +traten herein. Elasser reckte den Kopf auf -- Arnold gedachte seines +Traumpferds, welches sprechen wollte -- und blickte nach der Tür, die +sich indes wieder schloß, ohne daß seine Tochter eingetreten wäre. +Plötzlich war das finstere, vergitterte Loch durch eine Kerzenflamme +erleuchtet. Eine Gestalt bewegte sich vorbei, eine andere folgte. Die +erste kehrte zurück, streckte die Arme aus, als wolle sie einen schweren +Gegenstand ans Licht ziehen. Darauf wurde das Öffnen einer knarrenden +Türe hörbar, und in demselben Augenblick begann ein Weinen und +Schluchzen, das um so schauerlicher wirkte, als es wie durch das Fallen +einer Wand mit einem Male hervorgebrochen schien. Die Arme regten sich +geschäftiger, noch ein paar Arme und ein Kopf schienen Beistand zu +leisten, aber das nicht zu beschwichtigende Weinen und Schluchzen +erfüllte nach wie vor anschwellend den Raum. Die Kerze wurde +ausgelöscht; das Gitter wurde wieder finster, die knarrende Türe ließ +sich von neuem hören; Füße scharrten wie auf sandbestreuten Brettern, +und mit einem Schlag war es wieder still. + +Elasser war einen Schritt vorwärts gegangen. Der ganze Mann zitterte und +seine Stirn glänzte von Schweiß. Ein gurgelndes Geräusch kam von seinen +Lippen. Er schwenkte die Arme hin und her; der Rabbiner und der Gendarm +mußten ihn bei den Schultern zurückhalten. Als es hinter dem Gitter +finster und ruhig wurde, war auch er wieder still. Einige Minuten lang +hörte man das leise Aufprasseln der Kerzenflammen auf der Bank. Die +frommen Schwestern zeigten eine durch Gewohnheit und Übung erlernte und +befestigte Gleichgültigkeit. Ihr inneres Leben schien sich zu einem +verheimlichten Lauschen gesammelt zu haben, wovon allein die Bewegung +der Augenlider Zeugnis ablegte. Specht stand mit bleichem Gesicht. +Arnold betrachtete auch ihn; sämtliche Gestalten erschienen im trüben +Zwielicht wie Phantome. Es war kaum zu unterscheiden, ob sie schliefen +oder wachten. + +Jetzt öffnete sich zum zweitenmal die seitliche Tür und die Oberin trat +ein. Specht, der Kommissar und der Gendarm verbeugten sich ehrerbietig. +Die Oberin streifte die Männer mit einem eisigen Seitenblick und +richtete die Augen befremdet und fragend auf Arnold, der sich nicht +rührte, nicht grüßte und mit verhängten Augen auf das eherne +Christuskreuz sah. Indessen wandte sich die Dame ab, trat mit festem +Schritt auf den Kommissar zu und sagte: »Herr Elasser kann leider seine +Tochter nicht sehen. Das Mädchen ist krank.« + +Elasser hob blitzschnell beide Hände, zog sie rasch gegen sein Herz und +schien reden zu wollen. Ja, er schien gewaltsam bemüht, die ränkevolle +Finsternis, die er um sich gewahren mußte, wenigstens durch Worte zu +zerstören; der Polizei-Kommissar nahm seine Partei, bemerkte schüchtern, +die Mutter des Kindes liege schwer darnieder und wünsche die Tochter vor +ihrem Tode noch einmal zu sehen. Durch diese List gedachte er das Herz +der Oberin zu rühren. + +»Sie wird sie im Himmel wiedersehen,« antwortete die Oberin mit +feierlich erhobener Hand und mit langsamer, zu peinvollem Lauschen +zwingender Stimme. Dann winkte sie den Nonnen zu und verließ an ihrer +Spitze den Raum. + +Arnold, als wären seine Sinne für andere Wahrnehmungen getrübt, starrte +gegen den Boden; das rasche, allseitige Getrappel auf den Steinfliesen +schien ihn zu fesseln. Auch er wandte sich schließlich, um fortzugehen. +Elasser stieß einen Seufzer aus, der Arnold noch lange in Erinnerung +haften blieb, ordnete den feiertäglichen Rock, der sich verschoben hatte +und sagte mit seinem kummervollen, diesmal aber von Entschlüssen +durchwühlten Gesicht nichts als: »So wahr ein Gott lebt --!« + +Der Kommissar und Maxim Specht gingen dem Dorfe zu. Plötzlich +verabschiedete sich Specht von seinem Begleiter, schaute sich nach +Arnold um und wartete, bis er herankam. + + + + +Elftes Kapitel + + +Arnold ergriff Spechts Arm und drückte ihn so fest, daß der Lehrer sich +zusammennehmen mußte, um seinen Schmerz zu verbeißen. »Nicht so +stürmisch,« sagte er mit schwachem Lächeln. Arnold atmete tief auf, dann +wandte er den Blick von Spechts unschlüssigem, aber ernstem Gesicht ab, +ließ ihn langsam über die Landschaft gleiten, und um seinen Mund zuckte +es. Er schüttelte heftig und kurz den Kopf, und ohne den Lehrer zu +grüßen, ging er mit raschen Schritten querfeldein. Der Wind sauste ihm +entgegen, bald schien die Sonne, bald verging sie wieder, dann strömte +auf einmal Regen, vom Sturm zu Wirbeln gepeitscht und gedreht, und von +neuem brach kalt und fahl die Sonne durch. Stumm und weit dehnten sich +Äcker und Wiesen. Arnold war unzufrieden mit sich selbst; diese +Empfindung beirrte ihn. Wozu dies Streunen? dachte er. Er fing an, +seiner Zweifel sich zu schämen, und langsam erhellte sich seine Stirn. +Denn daß Elasser um sein offenbares klares Recht gebracht werden könne, +erschien ihm so unmöglich, wie daß der Sonnenball für immer verschwinden +sollte, weil eine Wolke darüber zog. + +Die nächsten Tage verflossen ihm wie in einem unbewußten Horchen. +Natürlich machte der Raub des Judenmädchens viel Aufsehen im Lande. +Arnold wagte nicht, irgend jemand nach dem Verlauf der Dinge zu fragen, +denn er ahnte wohl, daß da mehr Feindseligkeit und Parteileidenschaft im +Spiel war, als es zuerst den Anschein gehabt. + +Da schickte ihm Specht zum zweitenmal die Zeitung zu, an welche er +berichtete und Arnold las: + +»Neuestes aus Podolin. Samuel Elasser, unterstützt durch die Hilfe und +getragen von der gemeinsamen Angst und Entrüstung seiner +Stammesgenossen, hat seiner Sache endlich einen Rechtsbeistand gewählt, +den Hof- und Gerichtsadvokaten #Dr.# Steinbacher in Krakau. Unter +Berufung auf den § 145 des allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuches wurde +eine Eingabe an die Polizeibehörde berichtet. Dieser Paragraph erklärt +deutlich, daß die Eltern berechtigt sind, vermißte Kinder aufzusuchen, +entwichene zurückzufordern und flüchtige durch Unterstützung der +Obrigkeit zurückzubringen. Der Polizeidirektor lehnte jedoch jede +Vermittlung mit folgenden Worten ab: »Was? ich soll ein Mädchen aus +einem Kloster herausnehmen?« In der tiefsten Besorgnis über das +Wohlbefinden seiner Tochter, da ihm die Oberin doch Angst eingeflößt, +verlangte Samuel Elasser die Untersuchung des Gesundheitszustandes. Nach +langen vergeblichen Bemühungen und langen Beratungen wurden ein +Gerichtsarzt und der Universitätsprofessor #Dr.# Woering in das Kloster +gesandt. Beide Ärzte stimmten darin überein und sagten aus, daß Jutta +Elasser vollkommen gesund sei. Nun erfolgten dringendere Vorstellungen +des Vaters. Ein Polizeibeamter wurde beauftragt, in aller Form des +Gesetzes vom Kloster wenigstens die Vorführung des Mädchens zu +verlangen. Die Oberin antwortete dem Beamten: »In sieben Tagen wird sie +ihr Vater sehen.« Der Beamte mußte sich damit begnügen, diesen Bescheid +stillschweigend zu Protokoll zu bringen. Samuel Elasser fand sich am +festgesetzten Tage bei der Polizeibehörde ein. Da überreichte man ihm +eine schriftliche Meldung der Schwester Wirtschafterin, wonach Jutta +Elasser zwei Tage vorher aus dem Kloster entflohen sei. Dies der nackte +Bericht. Man muß nur darüber erstaunen, daß die Schwester Wirtschafterin +den Ausdruck »entflohen« wählte. Entflohen? Wohin? Wohin, wenn nicht zu +den Eltern? Warum gebrauchte die Schwester Wirtschafterin nicht den +klareren und wahreren Ausdruck: entführt --? Denn das Mädchen wurde +inzwischen schon im Kloster Lagiewniki bei Podgorze gesehen.« + +Stumm reichte Arnold seiner Mutter das Blatt und bohrte die Zähne in die +Lippe, während sie las, Frau Ansorge schüttelte den Kopf, als sie fertig +war und sagte: »So ist eben die Welt; so sind die Menschen.« + +Arnold machte ihr Sorge. Sein Benehmen zeigte so viel Überlegenheit und +bewußten Eigenwillen, so viel Selbsterleben, so viel Hinaustasten und +geheimnisvolles Erzittern alles dessen, was eben nur in einem Mann +erzittern kann, daß sie nicht mehr aus noch ein wußte; sie litt unter +seinem veränderten Gang, seiner beherrschteren Miene, seinem nach innen +prüfenden Blick und erkannte plötzlich Kräfte seines Verstandes, seines +raschen Auges, seiner Entflammbarkeit, die sie früher mit ihrer Furcht +kaum berührt hatte. Wohl nahm sie bald wahr, daß er sich in einem +seltsamen Zustand der Erwartung befand, aber außer einigen blitzhaften +Einblicken blieb ihr alles ein Rätsel. Sie fand ihre Beobachtungsgabe +verschärft, verzehnfacht; sie überzeugte sich, daß ihn nichts Trübes +erfüllte, nichts Lebenfeindliches, im Gegenteil; doppelter Grund zur +Sorge. + +Eine Stunde später ging Arnold ins Dorf, bog in die bekannte Seitengasse +und betrat das Elassersche Haus. Dort schien sich nichts verändert zu +haben; der Säugling lag noch auf der Ofenbank, die Windeln hingen noch +auf Stricken. Von den übrigen Kindern und Elasser selbst war nichts zu +sehen. Die Frau lag auf dem alten Sofa und blickte ruhig gegen die +rauchschwarze Decke. Als Arnold eintrat, erhob sie sich, und ihr Gesicht +bekam einen verbissenen und boshaften Ausdruck. + +»Wo ist Herr Elasser?« fragte Arnold sanft. + +»Wo wird er sein!« erwiderte die Frau und lehnte sich mürrisch gegen den +Sofawinkel. + +»Was haben Sie für Nachrichten über Jutta?« fragte Arnold, der +Widerwillen empfand gegen die Jüdin und ihre unordentliche Behausung. + +Die Frau schwieg. + +»Ich habe gehört, daß sie in Podgorze ist,« fuhr Arnold ruhig fort. + +»Warum nicht?« erwiderte die Frau höhnisch und zuckte die Achseln. +Plötzlich sprang sie auf, schritt hastig quer durch die Stube auf Arnold +los und rief: »Wollen Sie mich zum Besten haben, mein Herr?« Sie blickte +Arnold an, als sehe sie in ihm eine Person von unergründlicher +Falschheit. »Wissen Sie was, gnädiger Herr? ich will einmal sagen und +Sie sind ehrlich. Was kommen Sie dann von mir zu erfahren, was die +Spatzen pfeifen auf allen Dächern? Ja! in Podgorze ist Jutta, zwei +Nonnen haben sie in der Nacht herausgebracht aus dem Kloster im Wagen. +Und Elasser ist gegangen nach Podgorze und die Gendarmerie dorten hat +erwiesen, daß Jutta war im Kloster. Aber sie haben gesagt, sie hätten +keinen Auftrag einzugreifen. Und Elasser ist gegangen zum +Bezirkshauptmann von Podgorze und der Bezirkshauptmann ist gegangen zum +Herrn Grafen Statthalter und wie er zurückgekommen ist, war unsere Jutta +verschwunden aus Podgorze. Und Elasser ist gegangen ins Kloster nach +Binczice und ins Kloster nach Morawice und ins Kloster nach +Wolajustowska und nach Wielowics und überall ist Jutta gewesen und +überall ist sie wieder fortgebracht worden und überall hat die Behörde +verweigert den schuldigen Beistand, und kaum war der neue Aufenthalt von +unserm Kind bekannt, so war sie auch schon wo anders. Und bloß in Kenty +hat der Herr Bürgermeister geleistet Beistand und ist vorgestern +verhaftet worden wegen Hausfriedensbruch. So, mein Herr! Wollen Sie noch +mehr wissen?« + +Mit funkelnden Augen sah ihn das Weib an und lachte, ohne daß sich ihr +Mund öffnete. Was antwortest du, Schuldiger? schien ihr Blick zu fragen. +Arnold senkte den Kopf und verließ langsam das Zimmer und das Haus. + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Die ganze Ebene lag im tiefen Schnee. Es war sogar mühselig, nach +Podolin zu kommen, aber da Maxim Specht Arnold durch einen kleinen +Burschen hatte zum Besuch bitten lassen, folgte er der Aufforderung, +trotzdem es schon weit im Nachmittag war. Als er in der Wohnung des +Lehrers ankam, war es schon dunkel. Specht saß lesend am Tisch, und in +einer Teekanne vor ihm summte das Wasser. Das Stübchen war gemütlich; +der Lehrer trug einen großväterischen Schlafrock und rauchte aus einer +langen Pfeife. Die Tabakswolken zogen langsam durch das Zimmerchen, nur +über der Lampe wurden sie in schnellen Wirbeln emporgerissen. + +Als Neuigkeit erzählte Specht, seine Schreiberei habe in der +hauptstädtischen Redaktion solchen Beifall gewonnen, daß man ihm eine +Stellung bei dem Blatt angetragen habe. Er werde auch nicht säumen; noch +vor Weihnachten gehe er nach Wien, obwohl sein neues Amt erst im Januar +beginne. Aber da sei viel zu ordnen und er könne es vor Ungeduld in +Podolin nicht mehr aushalten. »Ich freue mich ja wahnsinnig, lieber +Freund! Endlich! Wenn Sie wüßten, was in mir alles brodelt, was da +drinnen steckt! Nicht genug Hände hat man dort, und hier sind zwei bald +zu viel. Endlich werd' ich atmen können!« + +Arnold nickte. Niemals war ihm der Lehrer so sympathisch gewesen, +niemals auch hatte er so leicht das Wesen eines andern begriffen. Atmen +können! Er betrachtete das Gesicht des Lehrers, das in peinlicher +Sauberkeit gehaltene Stübchen, die Bücher an den Wänden und auf dem +Tisch. Maxim Specht, an das wortkarge Gehaben des Kumpans längst +gewöhnt, war der Gelegenheit froh, sich ausschwatzen zu können. Er +schenkte Tee ein; Arnold lehnte sich auf dem Sessel zurück und starrte +in die Luft. Auch in ihm meldete sich höheres Leben. Das durch +Gewohnheit nahe trat zurück, und der Horizont wurde beglüht von einem +noch verborgenen Feuer. + +»Sie müssen mir ein wenig auf Beate achten,« sagte Specht, in +Freudigkeit vor sich hinbrütend, und ohne seine Worte sonderlich zu +wägen. »Zwar ist alles aus zwischen uns, aber was man geliebt hat, soll +man bewahren. Vielleicht gehen Sie hie und da zu Hankas. Zu Ihnen hab +ich ein, ich möchte sagen übersinnliches Vertrauen. Jaja,« seufzte er, +schlürfte behaglich aus der Tasse und blickte nicht ohne Empfindsamkeit +in die Rauchwölkchen, »so geht die Liebe hin und das Leben ergreift +uns.« + +Arnold griff nach einem der Bücher im Regal. Es war ein Band von Gibbons +Geschichte, welche den Untergang des Römerreichs schildert. + +»Sie hat jetzt ein Verhältnis mit dem Bauernknecht auf dem Randomirschen +Gut,« fuhr Maxim Specht halb für sich fort, als vermöchte er sich von +diesem Gegenstand nicht zu trennen. »Traurig genug. Mir tut nur der arme +Hanka leid. Er hat sich ihrer angenommen und glaubt nun, eine +unverdorbene Blume zu besitzen, ein unschuldiges Kind. Zum Lachen!« + +Arnold bat, Specht möge ihm die Geschichtsbücher auf einige Tage +borgen. Vor der Abreise solle er sie wieder haben. + +Das plötzliche Interesse für die Historie war kaum mehr als +Selbsttäuschung; ein Versuch, sich von seinem Innern ab- und an ein +Äußeres, Weltliches zu wenden. Er hatte nach Schriften solcher Art +früher nie gefragt. Die Vergangenheit der Erde und ihrer Völker war zwar +bei ihm nicht Lernfutter gewesen, um abgelegene Höhlen des Gedächtnisses +zu stopfen, aber nie war auch Lebendiges daraus hervorgegangen. Wie er +nun zu Hause sich in diese Darstellung des Falls einer Nation vertiefte, +gewahrte sein frischer Geist mit einem unermeßlichen Erstaunen, wie die +Führung der menschlichen Angelegenheiten stets weit über den +persönlichen Willen hinausgerückt wird. Dadurch erschien ihm zunächst +alles als ein bodenloses Märchen. Zorn und Gleichgültigkeit wechselten +in seinem Innern. Voll edlen Sträubens las er trotzdem Seite für Seite, +brachte jedem Ereignis eine Fülle von Miterleben entgegen und lachte +nicht selten spöttisch und verächtlich, da manches ganz anders auslief, +als er es abgeschätzt hatte. Wie ebensoviele Käfer, die dumm in der +dunklen Rinne laufen, statt den glatten, sonnenbeschienenen Weg zu +wählen, kamen ihm die Handelnden vor und die Leidenden wie Mücken, die +stumpf und trunken ins kleine Netz sich verstricken, während rundum die +Luft voll Freiheit ist. Seltsam war seine Anteilnahme, seltsam, wie er +von dem längstentschwundenen Treiben längstvermoderter Geschlechter für +die Gegenwart Besitz ergriff, wie er über Schicksalsmächte rücklebend +verfügte, mit brennendem Kopf den Zusammenhang verlor und in wirrem +Trotz sich anmaßte, an Stelle eines jeden dieser Helden und Unhelden +frei über das Kommende bestimmen zu können. Indem das in Zeit und Raum +Entlegenste wie Nächste von seiner Phantasie verschmolz, stieß er die +neuen Bilder bald voll Haß von sich und kehrte bald leidenschaftlich +suchend danach zurück. + +Aber gleichwie in dünstevoller Atmosphäre sich ein vielfarbiger Ring um +jede Flamme bildet, so waren jene Bewegungen nicht das eigentlich ihn +Erfüllende, sondern nur Ausstrahlungen. Er las, geriet in Zwiespalt und +Betrachtung, raffte sich auf, bekämpfte, ordnete, überblickte, aber +alles das hatte mit seiner Lektüre gar nichts mehr zu tun. + +Um seiner Bedrängnis einigermaßen Herr zu werden, begann er wieder viel +draußen herumzuwandern. Dabei kam er eines Nachmittags zu einer kleinen +entlegenen Bauernschenke in der Nähe der sogenannten Polen-Mühle. Er +hielt Einkehr und ließ sich ein Glas Wein geben. Zufällig fiel sein +Blick in ein von einer Talgkerze erhelltes Seitenzimmerchen und dort sah +er Beate, dicht und zärtlich an den hünenhaften Knecht geschmiegt, mit +dem sie auf dem Jahrmarkt getanzt hatte. Arnold achtete nicht sonderlich +darauf. Er griff nach der Zeitung, die auf dem Tisch lag. Es war der +»Mährische Landbote«. Gleichgültig las er, bis sein Blick auf eine +telegraphische Meldung fiel, des Inhalts, daß der Jude Elasser beim +Justizminister zur Audienz vorgelassen sei. Mehr stand nicht darüber, +aber dies befriedigte Arnold so vollkommen, daß er munter pfeifend +seinen Weg fortsetzte. + +Vor dem Postamt auf dem Hauptplatz gewahrte er Specht. »Wie geht es +Ihnen?« fragte der Lehrer mit so übertrieben liebevollem Tonfall, daß +Arnold ihn befremdet und mißtrauisch anblickte. + +»Elasser ist beim Justizminister, -- wissen Sie schon?« sagte Arnold. Wie +er so dastand, ein wenig vorgebeugt, mit listig spähendem Blick, das +erregte Maxim Spechts Lachlust, und er erwiderte: »Spaß. Schon längst +gewesen.« + +»Nun, und ist Jutta schon frei?« fragte Arnold. + +»Frei? Meinen Sie wirklich frei?« Specht lachte, aufs äußerste +belustigt. Da er aber bemerkte, wie sich in Arnolds Gesicht wieder jener +Zorn sammelte, dessen Äußerung er fürchtete, sagte er schnell: »Der +Minister hat sich sehr gut benommen, o ja. Er hat dem armen Vater auf +die Schulter geklopft, das tut ein Minister in solchen Fällen stets, und +hat ihn mit den Worten entlassen: Fahren Sie ruhig nach Hause; das Kind +wird Ihnen zurückgegeben werden.« + +Arnold nickte, als habe er nichts anderes erwartet. Den Spott in dem +Bericht des Lehrers begriff er nicht. + +»Sie scheinen ganz einverstanden zu sein,« fuhr Specht munter fort, +»aber nun weiter. Der Minister beauftragt den Staatsanwalt, beim +Landgericht die Strafanzeige wegen Entführung zu erstatten. Er verlangt +ferner, daß ein gerichtlicher Auslieferungsbefehl geschrieben und dem +Kloster zugestellt wird. Und was, meinen Sie, geschieht darauf? Die +Ratskammer des Landgerichts lehnt diese Anträge einfach und rundweg ab.« + +»Das wissen Sie doch noch nicht,« versetzte Arnold unwillig. Er +mißverstand Spechts lebendige Wiedererzählung, durch welche die +Zeitwörter in der Gegenwartsform erschienen. + +Maxim Spechts Mienen wurden feierlich. »Was für ein Unglück für Sie, +lieber Freund, daß Sie so jung und unerfahren sind!« rief er aus und +schlug die Hände zusammen. »Allerdings hätte ich es vorher nicht wissen +können, denn so weit kann sich der frechste Pessimismus nicht +versteigen. Aber es ist geschehen, ist schon geschehen.« + +Arnold schwieg. Er schaute den Lehrer studierend an, als mangle ihm in +diesem Augenblick das Zutrauen in dessen Worte. Besinnend zur Erde +blickend, schüttelte er den Kopf. + +»Und noch etwas, lieber Freund, das ist noch nicht alles,« fuhr Specht +mit leiser Stimme fort und zog Arnold ein wenig von den Häusern weg. +»Der Advokat Elassers wollte die Akten sehen, in denen dieser Beschluß +stand. Das erlaubt das Gesetz. Man sieht aus den Akten die Begründung +des Urteils. Denn schließlich sollte doch jedermann wissen dürfen, warum +die Ratskammer das Verlangen des Justizministers abschlägt. Und auch das +ist nun verweigert worden, auch das.« Specht suchte erregt in seiner +Tasche, nahm einen Zettel heraus, entfaltete ihn und sagte: »Ich habe +mir von dem Dekret eine Abschrift genommen. Hören Sie.« Arnold trat +dicht neben Specht, so daß er beim dürftigen Schein einer Öllaterne +mitlesen konnte, was Specht murmelnd vorlas. »An den Landesadvokaten +#Dr.# Steinbacher. Ohne die Frage zu entscheiden, ob Samuel Elasser in +dieser Angelegenheit als Privatbeteiligter anzusehen sei --« + +»Was heißt das?« unterbrach Arnold. + +»Das? Das ist ein Schnörkel, den niemand auf Gottes Welt verantworten +kann. Es ist nämlich nicht entschieden, heißt das, ob es den Elasser +etwas angeht, wenn ihm sein Kind gestohlen wird. Also weiter ... +anzusehen sei, wird die Einsichtnahme in die Akten betreffs der Sache +Jutta Elasser verweigert, weil wichtige Gründe dem im Wege stehen. Das +Landesgericht in Strafsachen.« Specht faltete seinen Zettel wieder +zusammen. + +»Wichtige Gründe?« fragte Arnold, der immer noch nicht völlig glauben +wollte und keiner Lüge auf den Grund zu kommen fähig war. Fassungslos +schaute er dem Lehrer ins Gesicht und allmählich begriff er selbst, daß +diese wichtigen Gründe in den zwei Worten bestanden, die sie vorgeben +sollten. + +»Nun spüren Sie den Atem unserer Welt,« sagte Specht mit tiefer +Bitterkeit. »Heute war ein Herr von Gröden bei mir, Gerichtsadjunkt in +Lomnitz. Er sollte sich im Auftrag der Regierung über die Stimmung +unterrichten, die unter den Gutsbesitzern für oder gegen diese ganze +Geschichte herrscht. Ich habe ihm ein Licht aufgesteckt, ich habe unter +anderm auch von Ihnen gesprochen. Aber glauben Sie denn, daß das etwas +nützen wird? Nicht einen Pfifferling. Die großen Herren tun, was Sie +wollen und der kleine Jud mag sehen, wie er zu seinem Recht kommt. Wir +beide werden es nicht erleben.« + +Arnold hörte das alles nicht. Er stand und schien zu überlegen, welchen +Weg er zu nehmen habe, um nicht einem furchtbaren Gespenst in die Arme +zu laufen, das aus der Nacht emporstieg. + +Langsam und ohne Gruß entfernte er sich von Specht. Er hatte kaum ein +paar Schritte zurückgelegt, so holte ihn der Lehrer ein. + +»Ich sage Ihnen Adieu, ich reise morgen früh,« sagte Specht. »Ich möchte +Sie um einen großen Gefallen bitten,« fügte er mit unsicherer Stimme +hinzu, und zog ein braunes Kuvert aus der Manteltasche. »Wollen Sie zu +Hankas gehen und dies Beate geben? Nur ihr selbst und wenn niemand sonst +dabei ist --? Wollen Sie das? Und grüßen Sie Agnes Hanka noch besonders +von mir.« + +Arnold nickte und nahm das Ding in Empfang. + +»Und nun, Liebster, leben Sie wohl,« sagte Specht, indem er Arnold die +Hand gab. »Sollte Sie das Geschick einmal dorthin führen, dann wissen +Sie, wo Sie einen Freund haben. Leben Sie wohl, Arnold. Von Ihnen +scheide ich am schwersten.« Schnell wandte er sich ab und ging. + +Als Arnold nach Hause kam, entfiel dem offenen Kuvert der Inhalt. Es war +die Photographie Beates; auf dem Bilde stand: Zur Erinnerung an den +herrlichen 7. Oktober. Obwohl von ländlicher Unvollkommenheit, war das +Porträt doch ähnlich; das Gesicht über dem nackten Hals und den +halbentblößten Schultern hatte einen unschuldigen und süßen Ausdruck. +Wie Sterne unter dunklen Torbogen, traten die Augen unter den Linien der +Brauen hervor. Arnold konnte eine Empfindung der Geringschätzung nicht +unterdrücken, welche Maxim Specht galt, dem so rachsüchtig offenen +Kuvert und der Wichtigkeit, die der Lehrer all diesem beimaß. + +Seine angstvollen und heißen Gedanken waren ganz wo anders, und er +bemerkte gar nicht, daß die Mutter, schweigsam und bleich auf dem +niedrigen Sofa liegend, dumpf vor sich hinstöhnte. + + + + +Elasser + + +Dreizehntes Kapitel + + +Alexander Hanka hatte große Spielverluste erlitten. Als er eines +Sonntags mit Entschlossenheit an eine Berechnung ging, erschrak er vor +der Schmälerung, welche sein Vermögen erlitten hatte und vor dem +Zeugnis, das sich wider ihn selbst und die verbrachte Zeit erhob. Damit +verband sich die Galerie tausendmal gesehener Gesichter, tausendmal +passierter Gassen und Plätze, tausendmal berührter Gegenstände, +tausendmal gesprochener gleichgültiger Worte, tausendmal gedachter, +kraftloser Gedanken. Jede Nacht, wenn er sich entkleidete, träumte er +von einem zu fassenden Entschluß; irgend ein Geschehnis winkte in weiter +Ferne. Am andern Tag rollte er wieder auf den blanken Schienen der +Gewohnheit durch dieselben Stationen wie am Tag vorher. + +Unwillkürlich begannen seine Gedanken sich zu erheben und flatterten aus +der Stadt wie Schmetterlinge, die ihre Raupenhülle verlassen. Die +Einsamkeit einer Wüste dünkte ihm erträglich gegenüber der Einsamkeit in +dem Häusermeer. Im Geiste sah er sich wieder in dem mährischen Örtchen, +und sein Herz schuf sich Landschaften von eigenwilliger Art: +langgestreckte Hügel, mit Nadelwald bestanden; ein trauriger glatter +Fluß, der zu müde schien, um zu fließen; zwischen dunklen Wiesen eine +lange, schmale Landstraße wie ein gelbes Band; tiefe, stille Gräben, mit +Heckenrosen angefüllt; nüchterne, schattenlose, geräuschlose Dörfer. + +Er erinnerte sich freilich, daß es längst Winter war, auch dort +draußen. Dennoch behaupteten jene Bilder ihren Reiz, als hätte seine +Ahnung sie unter der Schneedecke zu verschönen vermocht. So reiste er, +ohne Agnes zu benachrichtigen, denn er liebte nicht Mienen, die zum +Empfang vorbereitet waren. Unzufriedenheit bemächtigte sich seiner +während der Fahrt. Ihm schien, eine innere Macht wolle ihn warnen oder +zurückhalten. Die fremden Gesichter um ihn her, welche Langeweile, +Neugierde und Sattgegessenheit verrieten, erbitterten ihn. Ein kleiner +Mensch mit einer seltsam zugestutzten Kakadufrisur sprach unablässig +über die Mehlbörse. Niemand hörte zu, niemand antwortete, so daß seine +Reden dem lästigen Gesummse einer Biene glich. Voller Verdruß suchte +sich Hanka durch die Betrachtung der schneeblauen Landschaft zu +zerstreuen, dann zog er schon gelesene Briefe aus der Tasche und las sie +wieder. Einer belustigte ihn, der in dem neckisch-empfindsamen Ton der +großen Welt gehalten war, eigentlich keinen Inhalt hatte, aber vieles +bestocherte wie mit einer Nadel. Hanka schmunzelte und sah seine +Freundin leibhaftig vor sich stehen, die zierliche, kleine, ruhelose +Natalie. + +Agnes wurde bleich, als die lange Gestalt ihres Bruders unter der +Küchentüre auftauchte. Mit zitterndem Arm griff sie nach der Lampe, um +zu sehen, ob er es denn wirklich sei. Hanka lachte, riß seine schwarzen, +stumpfblickigen Augen auf und starrte mit komischer Schwärmerei den +Apfelkuchen an, der neben dem Herde lag. Jetzt lachte auch Agnes, als +sie ihn so fand, wie sie wünschte und mit seiner Ankunft nicht den +Gedanken eines Unheils zu verbinden brauchte. Auch Beate kam; Hanka war +betroffen durch ihren Anblick. Sie war blaß; ihre Bewegungen waren +verhaltener, wenn sich auch in einem Achselzucken oder einem Lachen wie +sonst ein bäurischer Zug zeigte. Aber in wenigen Wochen schien sie +gereift und abgeschliffen. Ihr Lächeln war prüfend, ihre Art, sich +umzudrehen, den Kopf zu erheben, mit einem Ruck eine lauschende Stellung +anzunehmen, war, obwohl rasch und temperamentvoll, so doch frauenhaft. +Sie hatte etwas Besonderes angenommen, so kam es Hanka vor; eine +Prägung, die sie von allen andern auf den ersten Blick unterschied. Er +blieb den Abend über schweigsam, doch galt es schon nach der ersten +Stunde für ausgemacht, daß er einige Wochen bleiben würde. Er brauche +Ruhe, sagte er. Agnes freute sich auf ihre schüchterne Weise in sich +hinein; Hanka wurde aufmerksam durch Beates eigentümliches Benehmen. Sie +erhob sich oftmals vom Tisch und ging auf und ab, suchte ihr Gesicht zu +verbergen, sich den Anschein einer Gleichgültigen zu geben, doch +zitterte sie vor Unruhe und Ungeduld. Bisher war sie allabendlich um +diese Stunde entwischt. Agnes ging sonst früh zu Bett und die Mahlzeit +war kurz. Nun sollte sie warten; auf dem Herd wurde noch gekocht und bis +gegessen war, mochte es spät werden. Sie wollte nicht unvorsichtig sein +und ging umher, Wut und Haß im Innern, brennend vor Begierde, einen Plan +nach dem andern erwägend und im Geist durch Schnee und Kälte zur Scheune +des Randomirschen Gutes eilend. Klugheit und Rücksicht entschwanden mit +dem Vorschreiten der Stunde; langsam verließ sie das Zimmer, als könne +sie auch ebensogut bleiben und ein verwilderter Ausdruck trat in ihrem +Gesicht hervor, als sie draußen hastig Kapuze und Mantel umlegte. Sie +lief an den Ort der Zusammenkunft, um Aufschub zu erbitten, durch eine +flüchtige Liebkosung Sicherheit zu geben, denn Furcht bewegte sie noch +mehr als Liebe. + +Hanka war ihre Abwesenheit nicht unerwünscht. Argwohn lag weit von ihm; +eher vermutete er etwas für Beate Günstiges und für ihn selbst +Angenehmes. Im Grunde sah er das, was er aus ihr hatte machen wollen, +nicht das, was sie geworden war durch sein geringes Hinzutun. Er +gedachte sich ihr gegenüber wie ein Vater, wenn nicht wie ein Großvater +zu betragen, ihn täuschte die dörfliche Ruhe und trübte sein sonst so +vorsichtiges Urteil. Er hatte das Bedürfnis, mit Agnes von Beate zu +sprechen. So dehnte er sich behaglich auf dem Sofa aus, (er war so lang, +daß seine Beine von den Waden an außerhalb des Möbels in freier Luft +schwebten) und bat Agnes, sich neben ihn zu setzen. + +Agnes bekannte, sie wisse eigentlich nichts über Beate. So gütig auch +ihre Äußerungen waren, und so sehr sie in Ton und Wort jede +Richterlichkeit ablehnte, aus allem war doch deutlich, daß sie und das +junge Mädchen niemals aneinander warm geworden waren. Nichts Böses war +Agnes bekannt, aber auch nichts, was ihr weiches und mit Nachsicht +verschwenderisches Herz gefangen hätte. Mit froher Bereitwilligkeit +hatte sie damals Alexanders Willen getan, und das Mädchen bei sich +aufgenommen, selbst gefesselt und entzückt durch eine so zukunftsvolle +Handlung. In Frieden hatte sie mit Beate gelebt, doch nicht in jener +Freundschaft, die oft so glühend zwischen Frauen entsteht, deren +gemeinsame Wünsche sich in einem dritten Wesen vereinigen. Es war, als +sei das Kind aus einer fremden, stolzen Rasse, zur Sklavin geworden, +aber unbeugsam in der Seele und im Verborgenen auf einstige Befreiung +und Macht hoffend. Ihre Vergnügungslust sei nicht zu bändigen, sagte +Agnes, oft scheine sie still und ein wenig tückisch, oft ausgelassen und +fast roh; auch lüge sie gern. Aber bei alledem ließe sich gut mit ihr +hausen; sie füge sich schnell und wer weiß, vielleicht rumore nur die +düstere Kindheit noch in ihr. Zu spät vielleicht sei sie in das Licht +des Lebens getreten, als daß man die Dunkelheit, aus der sie gekommen, +vergessen dürfe. + +Alexander Hanka lauschte und freute sich einer Offenheit, die ihm Agnes +und, wunderlich, auch Beate näher brachte. Er war weniger für das +Tugendhafte, als für das, was Charakter gibt, und er konnte in der +Verletzung üblicher Moralsätze etwas Lebenförderndes sehen. Und wie die +sanfte Stimme seiner Schwester über alles hinweghuschte, das Eckige +glättend, das Übel begütigend, erschien ihm Beate geschmückt mit den +Zeichen der Persönlichkeit; ihr herbes Gebahren nahm er hin; er +beschloß, es an Verständnis nicht fehlen zu lassen. + +Als der Tisch gedeckt war, begann Agnes das junge Mädchen zu vermissen. +Sie fragte die Magd, aber da trat Beate schon ein, mit derselben +nachlässigen Langsamkeit, mit der sie gegangen war und mit einer Miene, +als hätte sie ein Taschentuch im Nebenzimmer geholt. + +Hanka verbrachte die Hälfte der Nacht mit unruhvollen Gedanken. +Zärtliche Regungen lagen ihm fern. Aber es war, als ob zukünftige Tage +ihn lockten, und so verkroch er sich in Betrachtungen. Früh am Morgen +machte er sich schon zu einem Spaziergang auf, denn er wollte einsam +sein; nicht um zu beschließen, sondern um Erwägungen und Entschlüssen zu +entgehen, die zu Hause blieben, wo Beate war. + +Agnes war auf den Wochenmarkt nach Podolin gegangen. Beate saß allein im +Zimmer und vertrieb sich die Zeit, indem sie mit einer Schablone +Stickmuster auf Linnen malte. Da klopfte es an der Türe und Arnold trat +ein. Er grüßte, nahm unbefangen ihr gegenüber Platz und als er sich +überzeugt hatte, daß sie allein sei, übergab er ihr das Kuvert mit der +Photographie, wie er es von Specht empfangen. Sie nahm es, starrte +schweigend auf das Bild, blickte Arnold an und verzog finster und +verächtlich Brauen und Mund. Dann stand sie auf, zerriß ihr Porträt und +warf die Stücke in den Ofen, vor den sie sich nun mit gespreizten Beinen +stellte und unverschämten Tones fragte: »Sind Sie vielleicht deshalb +gekommen?« + +Arnold bejahte. + +»Zu viel Umstände,« spottete Beate. + +»Ich finde auch, daß er zu viel Umstände mit Ihnen macht,« entgegnete +Arnold trocken. + +Beate trat zwei Schritte vor, erblaßte und ihr Blick irrte furchtsam von +Tür zu Tür. Sie bekam Angst vor der Ruhe und Sicherheit ihres Gastes +und wußte sich nicht zu erklären, warum er immer noch blieb. Sie legte +den Arm über die Augen und stellte sich, als ob sie weinen wollte. +Arnold sagte endlich: »Kommt Frau Hanka bald? Ich soll sie von Maxim +Specht grüßen. Er hat nicht Zeit gehabt zu einem Besuch.« Arnold faßte +sehr wörtlich auf, was ihm bestellt war. + +Aus diesen Worten und aus dem harmlosen, fragenden Blick, der sie +begleitete, sah Beate, wie überflüssig ihre Befürchtungen seien. Ihr +Selbstgefühl wuchs wieder; sie lachte spöttisch, wandte sich um, das +Zimmer zu verlassen und sagte unter der Schwelle: »Auf Wiedersehen.« +Damit schlug sie die Türe zu. + +Arnold wartete nicht gerade, weil ihm der Auftrag zum Gruß so wichtig +erschienen wäre; aber er vergaß nach wenigen Minuten, daß er sich in +einem fremden Haus befand. Das plötzliche Alleinsein ließ +unveränderliche Gedanken aufs neue emporstürmen. Außerdem begann die +drückende Stimmung des eigenen Zuhause von ihm zu weichen. Er hatte +zusammen mit dem Doktor das Haus verlassen, der allerlei bedenkliche +Redensarten über Frau Ansorges Krankheit gemacht hatte. + +Während er noch versunken war, trat Alexander Hanka mit seinem +ausholenden Schritt herein, nach seiner Gewohnheit spannweit die Tür +öffnend. Er machte große Augen, als er einen unbekannten Menschen im +Zimmer erblickte. Er verbeugte sich in seiner steifen Art und nannte +seinen Namen, bemerkte aber zugleich, daß diese gesellschaftliche Form +hier nicht angebracht war. Arnold sah verwundert zu ihm empor, denn ein +so langer und magerer Mensch war ihm noch nicht vorgekommen. Hanka, +nicht weniger verwundert, fing an zu lachen, geriet jedoch in +Verlegenheit, als er den Fremden ohne Verlegenheit sah. Arnold erhob +sich, und als er das fragende, fast zu einer fragenden Grimasse +verzogene Gesicht Hankas ansah, begriff er, daß es sich um seinen Namen +handelte, nannte ihn also und fügte hinzu, daß er eine Bestellung von +dem Lehrer Specht auszurichten habe, der gestern abgereist sei. + +Hanka erinnerte sich an Arnolds Namen wohl. So gleichgültig er damals +auf Beates und Spechts Erzählung gelauscht hatte, etwas war in seinem +Bewußtsein geblieben. Hanka hatte Vergnügen an diesem offenen, derben, +gebräunten Gesicht, an der kräftigen, trockenen Stirn, die unbeweglich +zwischen klar-grauen Augen und braunen glatten Haaren lag, an der +gutgebauten Gestalt, die nichts von Verfettung und Krankhaftigkeit +zeigte. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +Hanka fragte, und Arnold gab förmlich gehorsam Antworten. Hanka +befremdete ihn. Sein natürlicher Scharfblick erfaßte sofort die +merkwürdige Mischung von Gutmütigkeit und Trauer, von Ironie und +Langeweile in dessen Wesen. »Welche Beschäftigung haben Sie denn?« +fragte er. + +»Keine,« versetzte Hanka, »ich tue nichts.« + +»Gar nichts?« + +»Ich betrachte.« Hanka hatte seinen Stock in der Hand behalten und +klopfte damit, weit vorgebeugt sitzend, auf den Boden. + +»Haben Sie denn nichts gelernt?« fragte Arnold erstaunt. + +Hanka lachte laut. »O ja«, antwortete er. »Ich habe die Juristerei +erlernt, aber eben deshalb mach ich keinen Gebrauch davon.« + +Diese Antwort gab Arnold sehr zu denken. Aber ehe er etwas dagegensagen +konnte, kam Agnes ins Zimmer. Arnold richtete seinen Auftrag aus und +schickte sich an zu gehen. Agnes war erfreut, ihn zu sehen und dankbar +für den Gruß des Lehrers. »Ein reizender Mann,« sagte sie von Specht. +»Vielleicht kommen Sie, Herr Ansorge, nun recht oft zu uns.« Sie sprach +laut, schüttelte die Hand Arnolds und ihre Augen strahlten mild. Arnold +fühlte das beunruhigte Wesen von sich weichen und Sympathie strömte auf +ihn ein. Beate, die nach Agnes gekommen war, schnitt eine Fratze; als +sie aber Hankas Blick auf sich ruhen fühlte, betrachtete sie Arnold mit +wohlwollendem Lächeln. + +Arnold verabschiedete sich. Zuhause angekommen, fand er auf dem Tisch +ein katholisches Flugblatt über den Raub der Jüdin. Darin wurden +öffentliche Ideale und der Name Gottes angerufen, aber die Wahrheit +stand dabei und steckte die Hände in die Taschen. Arnold überlief es +heiß und kalt. Seine Zuversicht begann zu schwinden. Darüber vergaß er +die Mutter, wie er denn ihre Krankheit nicht ernst nahm, und keine +Furcht deswegen empfand, hauptsächlich, weil Frau Ansorge ohne Äußerung +eines Schmerzes lag. + +Doch in der Nacht erwachte Arnold durch ein fortgesetztes tiefes +Aufstöhnen. Mit Schrecken entdeckte er, von welchem Mund die Laute +kamen. Da war es mit der Ruhe aus. Er bat den Doktor um Aufschluß. Es +sei mit den Nieren nicht in Ordnung, erwiderte der Mann unsicher und er +halte es für gut, einen Spezialisten kommen zu lassen. Arnold ging mit +sich zu Rate, schrieb und telegraphierte zugleich dem Oheim Borromeo, +damit das Notwendige rasch geschehe. Als er die Depesche aufgegeben +hatte, schritt er langsam den Hauptplatz hinunter, bis dahin, wo die +Straße gegen die Elassersche Wohnung abbog. Zu jeder Zeit des Tages und +der Nacht, in jedem Augenblick des Besinnens sah er dort Menschen um ihr +Recht kämpfen, und sein ganzes Wesen lechzte nach Entscheidung. + +An der Ecke des Platzes stand Uravar. Trotz der Kälte waren seine Ärmel +hoch aufgestreift. Mit bedeutsamem Grinsen starrte er Arnold an und +verfolgte ihn mit den stets wie in Trunkenheit glänzenden Augen. + +In dem Häuschen des Juden herrschte vollkommene Stille. Die Tür nach dem +Wohnzimmer war geschlossen. Arnold pochte, aber niemand antwortete. Er +drückte auf die Klinke, öffnete, spähte durch den Spalt und sah einen +Knaben an dem runden Tisch sitzen, den Kopf zwischen den Händen, in ein +Buch vertieft. Er trat ein, der Knabe, (der etwa dreizehn Jahre alt +war, nach Jutta das älteste Kind) blickte erschrocken empor, erkannte +wohl Arnold von früher, getraute aber nicht, sich zu rühren. Arnold +fragte, ob niemand zu Hause sei und blieb an der Türe stehen, um den +Knaben nicht einzuschüchtern. Niemand, erwiderte der Bursche und die +Augen in dem blatternarbigen Gesicht zeigten Trotz. Der Vater sei in der +Stadt, fuhr er auf eine weitere Frage mit langsamem Tonfall fort, die +Mutter gehe in Geschäften über Land, die andern Kinder seien beim +Rabbiner in Lomnitz. »Wie heißt du?« fragte Arnold. Moses, war die +Antwort. Arnold näherte sich dem Tisch, blickte flüchtig in das Buch und +nahm dem Knaben gegenüber auf einem Holzschemel Platz. »Und Jutta?« +fragte er mit heiserer Stimme, »wird sie denn nicht wiederkommen?« + +»Der Herr fragt --!« erwiderte Moses ironisch und mit dem Bestreben, ein +gutes Deutsch zu sprechen. »Wiederkommen! Eher wird Wachs zu Eisen.« + +Arnold schaute den Knaben verblüfft an. Sonderbar war es ihm zumute, er +fühlte sich schuldig. Langsam stand er auf und trat zum Fenster. Er +hörte ein vielfältiges Gemurmel von draußen, öffnete den winzigen Flügel +und sah oben an der Ecke zwanzig bis dreißig Menschen beisammenstehen. +Gleichgültig schloß er das Fenster wieder und blickte nachdenklich auf +den Knaben, der böse vor sich hinstarrte. Als er aus dem Haus trat, +erblickte er am oberen Ausgang der Gasse noch immer die Ansammlung von +Menschen; es schienen mehr als vorher zu sein, auch Weiber und Kinder +hatten sich hinzugesellt und ein verworrener Lärm herrschte. In der +kurzen Gasse selber stand keiner, sondern diese war förmlich abgesperrt. +In breiter Reihe warteten die Leute. Je näher Arnold kam, je mehr +Gesichter wandten sich ihm durch gemeinsame Aufmerksamkeit zu und +endlich öffnete sich eine schmale Gasse, damit er hindurchgehen könne. +Aber das sah mehr einer feindlichen Handlung als einer Höflichkeit +ähnlich. Uravar stand in der Mitte eines Haufens gleich der Feder einer +Uhr, welche, kaum wahrnehmbar, dennoch die Bewegung regelt. Arnold war +weit entfernt, zu denken, daß diese Zusammenrottung ihm gelten könne. +Schweigen legte sich um die Masse. Blöde, neugierige, tückische +Gesichter stierten ihn an, und unwillkürlich blieb Arnold stehen. Vor +ihm öffnete sich eine Art Bucht, in deren Mitte er den neuen Pfarrer +gewahrte. Der geistliche Herr hatte die Arme verschränkt und den Kopf +steif emporgerichtet. Es war ein mächtiger Kopf, groß wie der eines +Ochsen, mit an der Seite abstehenden Haaren. Die grünen Pupillen hinter +der Brille flackerten komisch aufgeregt. In dem Augenblick erhob sich +eine dünne, scharfe Stimme gegen Arnold: »Judenknecht!« und das Gemurmel +fing wieder an, dunkler und gährender. + +Mit stummem Zorn blickte Arnold um sich, furchtlos forschte er nach dem +Rufer und in seiner Nähe kuschten die Murmler. Ruhig setzte er dann +seinen Weg fort, aber er fühlte sich stärker und als ein Schauer +durchrann ihn die Vorahnung von Kampf. + +Frau Ansorge verbrachte eine schlimme Nacht. Arnold, der um neun Uhr das +Lager aufgesucht hatte, fuhr um Mitternacht aus dem Schlaf und wachte +bis zum Morgen an Ursulas Seite. Die Kranke sprach nicht; wenn sie die +Augen aufschlug, lächelte sie gezwungen; dann kamen Stunden, in denen +sie unaufhörlich stöhnte und sich auf der niedrigen Matratze wälzte. +Ursula murmelte Gebete aus einem Buch, Arnold saß mit gesenktem Kopf, +die Augen bald gegen das Licht, bald gegen die Finsternis gewandt. Gegen +zehn Uhr morgens kam der Doktor, um den Arzt aus Wien zu erwarten, der +mit dem Frühschnellzug eintreffen mußte. Von der Station aus war noch +ein tüchtiges Stück Weg, aber schon kurz nach elf kam eine Landkutsche +mit zwei Insassen angefahren. Arnold trat in den Hof, die Herren zu +begrüßen. Den Bruder der Mutter erkannte er sofort, obwohl er ihn seit +den Kinderjahren nicht gesehen hatte. Borromeo reichte seinem Neffen die +Hand, betrachtete ihn mit einem kühl-kritischen Blick, stellte den Arzt +vor, einen eleganten, noch jungen Mann und alle drei gingen zum +Krankenbett. Frau Ansorge hatte kaum ihren Bruder und den Fremden +erblickt, so schien es, als schüttle sie Fieber und Fieberbilder mit +gewaltiger Anstrengung von sich ab. Ihre Erinnerung erhielt hundert +Brücken. Als sie Friedrich zum letztenmal gesehen hatte, war all ihr +früheres Leben und Fühlen ins Herz getroffen worden. Die +dazwischenliegenden Jahre stürzten zusammen, und die Schmerzen in denen +sie jetzt gefangen war, verbanden sich mit jenen halbvergessenen. + +Die Begrüßung war kurz und ohne Worte. Doktor Borromeo winkte Arnold und +Ursula, das Zimmer zu verlassen. Die beiden Ärzte blieben allein. +Arnold führte seinen Oheim in ein wenig benutztes Zimmer hinter der +Küche. Da standen uralte Möbel, auf welchen die Zeit gleich einem +Gespenst lag. Borromeo hüllte sich frierend in seinen Pelz und schritt +mit wiegendem, müdem Gang auf und ab. Dieselbe Müdigkeit drückte sich in +seinen Gebärden wie in seinem Mienenspiel aus, sie lag in den +hingeworfenen Worten, die er sprach, in seinem Lächeln, in seiner +Stimme. Kinn und Mund waren durch einen schwarzen Bart verdeckt, der +förmlich steifgebügelt aussah und eine ungemein sorgfältige Pflege +verriet. Die obere Hälfte des Gesichtes zeigte frauenhaft weiche Linien. + +»Was hast du eigentlich für deine Zukunft vor, Arnold?« fragte er, in +seiner Wanderung innehaltend, mit einem langsamen und sinnenden Tonfall. + +Arnold war überrascht und schaute zaudernd vor sich hin. Aus einem +unklaren Grund empfand er ein ebenso unklares Mitgefühl mit dem Mann. +»Ich weiß nicht. Ich will leben«, sagte er trocken. + +Borromeo fuhr mit der flachen Hand behutsam an seinem Bart herab, kaum +die Haare berührend, als fürchtete er sie zu zerzausen. »Und hältst du +das für so leicht?« erwiderte er sanft und traurig. + +Arnold lachte. »Ist es denn schwer?« fragte er verwundert. »Hast du denn +so schlechte Erfahrungen gemacht?« Er saß rittlings auf einem Stuhl und +drückte das Kinn auf die Lehne. + +»Ich glaube, es ist nicht möglich, andere zu machen«, antwortete +Borromeo mit einem Lächeln, welches ein vernichtendes Erbarmen mit dem +Frager zeigte. Arnold wurde aus diesem wunderlichen Wesen durchaus nicht +klug. Borromeo zeigte eine Einfachheit, die bis zur Hölzernheit ging, +und eine ängstliche Sucht, unauffällig zu sein. Die Gesichtszüge des +etwa Fünfundvierzigjährigen hatten einen greisenhaft stillen Ausdruck, +die Augen starrten, als könnten sie in der Luft beobachten, was in der +Seele selbst vorging. Trotzdem war bisweilen ein Aufleuchten im Blick, +als gäbe es über gewisse tröstliche Dinge keinen Zweifel. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Die Ärzte ließen wenig Hoffnung; die Dauer des Leidens war nicht +abzusehen. So reiste Borromeo wieder ab, denn ihn riefen Geschäfte. +Arnold gab das Versprechen, ihm sofort zu schreiben, wenn es schlechter +gehen sollte. Außerdem wurde der Landarzt von dem jungen Spezialisten +genau unterrichtet, wann eine Operation stattfinden könne; dann erst +werde er wiederkommen. + +Frau Ansorge ahnte, was ihr bevorstand. Ihre ganze Kraft nahm sie vor +Arnold zusammen. Nicht um ihn zu schonen, verbarg sie ihre Schmerzen und +nicht um als Heldin in seinen Augen zu gewinnen, sondern weil sie sich +vor seinem Urteil fürchtete. So völlig hatte das Verhältnis eine +Umkehrung erfahren, daß sie, die Unterwerferin und Lehrerin, nun +schülerhaft von dem Bilde abhing, das sie im Innern des Sohnes von sich +selbst geschaffen hatte, daß sie sein Mitleid mit Recht scheute und mit +einer ungeheuren Überwindung ihr Bewußtsein abzog von ihren körperlichen +Qualen. Nicht den träumerischen Weichling wollte sie, der im Mitgefühl +erst seine Neigung entdeckt. Das gesunde Herz ist hart, sagte sie sich. +So litt sie in sich hinein, um den Himmel seiner Zukunft rein zu wissen +und sich darin zu bewahren als eine Art von kühler Göttin. + +Mit Borromeo hatte sie wegen des Besitzstandes gesprochen. Da das +Kapital unberührt lag und die Zinsen stets wieder dazugeschlagen worden +waren, weil die kleine Ökonomie sich allmählich selbst erhalten hatte, +war Arnold Herr eines ganz beträchtlichen Vermögens. Man gab ihm einen +Überblick und sprach mit ihm über die Anlage des Geldes, aber er schien +sich nicht sonderlich dafür zu interessieren. + +Er wurde von Tag zu Tag schweigsamer und in sich gekehrter. Wenn er ins +Dorf kam, bemerkte er feindselige Gesichter, einen unentschlossenen, +abwartenden Haß. Was ist los? dachte er; wohin ich sehe, alle nehmen für +das Unrecht Partei. Warum? warum nicht für das Recht? + +Eines Nachmittags ging er aus und marschierte lange Zeit am Flußufer hin +und her. Das Wetter schien sich zu verändern. Regen wich der Kälte. Träg +und dick rollte das Wasser des Flusses hin, rotgelb von Sand und +Schlamm. Naßkalte Windstöße schlugen dem Wanderer in Gesicht und Nacken, +und als er sich endlich entschloß nach Podolin zu gehen, war er bis über +die Knie mit Kot bespritzt. Auf dem Platz des Dorfes standen einige +Leute in Gruppen und disputierten eifrig. An den Häuserecken waren +riesenhafte Plakate angeklebt; Weiber und Kinder buchstabierten daran +herum und schrien durcheinander. Es war von einer Wahlversammlung die +Rede. Das Glück des Volkes, das Ende der Armut wurde prophezeit, und als +Quelle alles Unheils wurden die Juden genannt. + +Aus der Kirche kam eine Prozession und füllte beim Schulhaus die Mitte +der Straße. Als Arnold zur Seite wich, entstand hinter ihm ein drohendes +Raunen, das sich vom schreienden Gebeteleiern jäh unterschied. Er drehte +sich um und erblickte Elasser, der von der Lomnitzer Straße +hereingekommen war, den schweren Hausierpack auf dem Rücken. Ein +Schlossergeselle namens Pavlicek eilte sofort auf den Juden los und +schleuderte mit einer kurzen Armbewegung den Schlapphut vom Kopfe des +Wehrlosen, und der Hut flog im weiten Bogen auf die Schwelle eines +Haustors. Das zornige Murmeln nahm einen beifälligen Charakter an. +Elasser blieb stehen, machte mit den Lippen eine fletschende Bewegung, +blickte scheu auf dem Boden umher, als erwarte er, daß der Hut von +selbst wieder zu ihm käme, da er doch keine Hand frei hatte, ihn zu +holen. Er schickte sich an, seinen Pack auf die Erde zu stellen und +lächelte dabei sklavisch, wie um den Umstehern zu zeigen, daß er +eigentlich nichts übelnehme, sondern daß es nur beschwerlich für ihn +sei. Arnolds Gesicht errötete und seine Augen verdunkelten sich vor +Verachtung. Das Maß der Unbill schien ihm über und über gefüllt. Er +warf den Kopf zurück, stieß einen gurgelnden Schrei aus, wie wenn in der +nächsten Sekunde alles in ihm zur Besinnungslosigkeit zusammenstürzen +würde und rieb die Zähne aneinander, indem er die Lippen nach oben und +nach unten entfernte. Der Schneider Wittek, ein Deutscher, stand in +seiner Nähe und glotzte. Arnold wollte auf ihn zu, um ihn mitten in den +Haufen der andern zu schleudern. Ein wenig Schaum trat vor seinen Mund, +aber plötzlich war es, als ob sich ein überirdischer Mittler vor ihm +erhöbe, dessen unsichtbarer Mund weise und stolz zum bessern rief. Liegt +denn das Recht in deiner Stärke? schien eine Stimme zu fragen. Triffst +du das wahre Unrecht mit den Schlägen deiner Faust? Sei anders als sie! +überzeuge sie! + +Überrascht und finster waren die Leute vor ihm zurückgewichen. Er wandte +sich ab, ging bis zum Haustor über die Straße, hob den davongeflogenen +Hut auf und setzte ihn dem Elasser auf den Kopf. Dabei begegnete er dem +geschlagenen Blick des Juden, der sich wieder mit demselben knechtischen +Lächeln an die Zuschauer wandte und sich dann langsam entfernte. + +Auch Arnold ging. Kaum war er ein paar Schritte weiter gelangt, als ihm +ein apfelgroßer Stein über die Schulter am Ohr vorbeiflog. Verwundert +kehrte er sich um, denn es wunderte ihn, daß einer dies wagte. Ein alter +Mann senkte die schon erhobene Hand, die einen zweiten Stein hielt. + +Die Dämmerung war eingebrochen und nahm rasch zu. Arnold blieb stehen +und dachte nach. Fast mechanisch schritt er dann in die Gasse hinein, +wo Elasser wohnte. Er trat an das Fenster des Erdgeschosses und warf +einen Blick in die niedrige Stube. Die Kinder hockten aufmerksam um den +Tisch. Frau Elasser und ein fremder kleiner Mann standen betend vor +einem andern, weißgedeckten Tischchen, auf welchem auch Kerzen brannten. +Der eben eintretende Elasser ließ seinen Pack sinken und die Betenden +gingen auf ihn zu. Auch die Kinder erhoben sich von ihren Plätzen, und +der Knabe, mit welchem Arnold schon Bekanntschaft geschlossen hatte, +sagte etwas mit lauter Stimme, aber die Worte blieben unverständlich. +Der Fremde, dessen Gesicht zutraulich und nachsichtig aussah, nickte. Er +war etwa siebzig Jahre alt, war bartlos und hatte einen fast belustigend +kleinen Kopf. + +Arnold legte die Hand vor die Augen. Er befand sich jetzt wie auf einem +Ruhepunkt über den Geschehnissen. Es war, als ob sich die Bilder +greifbar in die Finsternis zwischen Hand und Auge zwängten. Er sah +Jutta, widerrechtlich leidend und diese dort im Haus, widerrechtlich +zögernd, feig aller Vernunft zum Spott. Ging der Spruch auf so langsamen +Füßen? Wo war der, dessen Amt es war, Gerechtigkeit zu üben? Geschah +deshalb nicht, was hätte geschehen können, weil niemand die Hand erhob +und den Mund öffnete? Warum saßen sie dort in ihren Zimmern und duckten +sich, ließen Unrecht an sich herabrinnen wie Wasser? Hatten sie denn +vergessen? Ihm brannte jede Stunde ein tieferes Mahnzeichen ein, er +konnte nicht vergessen. + +Oder gibt es überhaupt keine Gerechtigkeit? dachte er schaudernd. Ist +das alles Unsinn oder Einbildung? Er lehnte den Kopf zurück und schaute +empor, um ein Stück des Himmels und seiner Sterne zu suchen. Denn es war +indessen Nacht geworden. Der Mond stieg zwischen den Häusern herauf. + +Dann blickte er, sich vorsichtig am Rand des Fensters haltend, von neuem +in das Zimmer. Elasser saß an dem kleinen, gedeckten Tisch, während die +andern an dem runden Tisch das Abendessen nahmen. Arnold sah, daß der +Fremde einige Male hinüberging, aber Elasser, den Bart in der Faust +zerknüllend, schüttelte stets den Kopf. Die Frau saß starr und in sich +gekehrt. Als die Kinder sich in die anstoßende Kammer zur Nachtruhe +begeben hatten, legte sie den Säugling an ihre magere Brust und schaute +düster sinnend ins Licht der Lampe. Zwischen dem fremden Mann und +Elasser entstand ein Wortwechsel, und murmelnde Laute drangen zu Arnolds +Ohr; aber der Fremde reichte bald darauf der Frau die Hand und wollte +sich auch von Elasser verabschieden, dieser schickte sich jedoch an, den +Gast zu begleiten. Die Haustüre kreischte und die zwei Männer traten auf +die Schwelle. Beide machten eine Gebärde des Schreckens, als sie an der +Mauer, wunderlich dunkel inmitten eines vom Mond gebildeten +Lichtdreiecks einen Menschen stehen sahen. Arnold ging auf die beiden zu +und fragte sogleich: »Was ist also geschehen? Kommt Jutta zurück?« + +Ein langes Schweigen entstand. Elasser blickte Arnold verwundert und +immer mehr verwundert ins Gesicht. Endlich sagte er zu seinem +Begleiter, dessen Züge die Gewohnheit des Wohlwollens und der Milde +verrieten: »Das ist der Herr von Ansorge, ders so gut meint mit uns.« + +Der Alte ließ sein Köpfchen hin und her pendeln, das trotz seiner +Kleinheit den Schultern eine zu schwere Last war. + +»Wie steht es also?« fragte Arnold ungeduldig. + +»Es steht schlecht,« sagte Elasser. »Keine Hand bewegt sich. Es werden +Erhebungen angestellt, heißts, und mich haben sie herumgehetzt wie einen +Hund, und ich soll warten. Nun, ich wart, wir warten lang genug, is es +gefällig? In vier Wochen wird Jutta vierzehn Jahr alt und dann ist keine +Hoffnung mehr.« + +»Es ist in der Schrift geschrieben,« mahnte der Fremde, »man soll das +Unrecht sich ergießen lassen ganz.« + +»Eine schöne Schrift!« rief Arnold empört. »Wartet ihr darauf, bis man +euch den Kopf abschlägt?« + +Elasser machte eine weitausholende Bewegung mit den Armen. »Herr,« +antwortete er, »Sie kommen mir wahrlich vor wie jener Jud, der nicht hat +lernen wollen Deutsch, weil er hat geglaubt, die ganze Welt ist jüdisch. +Die Welt ist nicht jüdisch, gnädiger Herr. Das Recht ist für Sie und +nicht für uns.« + +Langsam waren die drei gegen das Flußufer gegangen. Arnold stieß mit dem +Fuß einen Stein ins Wasser und heftig bewegt sagte er: »Aber wie könnt +ihr ruhig dastehen, Leute, und schwätzen, immer schwätzen! Es ist ja die +niederträchtigste Teufelei, wenn ihr euch nicht rührt um eure Sachen. +Mein Recht ist euer Recht, und euer Recht ist Kaisers Recht. Da ist +nicht daran zu tifteln. Die Gerechtigkeit ist für alle.« + +»Der Herr ist in einem großen Irrtum,« erwiderte Elasser finster. »Das +Recht ist da; auch die Richter sind da; gleichfalls die Bücher, worein +alles steht geschrieben. Aber die Gerechtigkeit? Die ist nicht da.« + +Verächtlich spuckte Arnold auf die Erde und entgegnete mit äußerster +Feindseligkeit: »Lügner und Faulenzer seid ihr.« + +Der fremde alte Mann stand mit gesenktem Kopf. Die Weltanschauung der +Geduld, die ihm Nieren und Hirn geformt hatte, geriet plötzlich in einen +geheimnisvollen Aufruhr. In seinen langen Lebensjahren hatte er genug +gesehen an Vergewaltigung des Rechts, an blutigen Wunden, welche die +Unschuld trug, an tyrannischem Übereinkommen der Mächtigen, um in einem +eingebildeten Rächer den letzten Trost zu finden. Nun ging ein Blitz +über ihm nieder und zündete in seiner Brust, deren Empfindungen schon +versteinert schienen. Nicht Arnolds Worte hatten das vermocht. Was waren +ihm Worte! Auch das Unglück des ihm blutsverwandten Elasser nicht, +obwohl dies böswillige Hinziehen, dies tückische Verbergen, dieser +eingestandene Raub, dies Schauspiel öffentlicher Schmach und Feigheit +auch Gleichgültige erregt hatte. Das Neue kam von Arnold her. +Berauschend strömte der wilde Idealismus auf ihn ein, befeuerte ihn, und +er gedachte seiner eigenen unerfüllten Jugend. »Ja, Samuel,« sagte er +mit veränderter Stimme, »du mußt deine Pflicht erfüllen. Wir wollen vor +den Kaiser hintreten. Gern will ich das Geld, was du brauchst, +hergeben, denn es ist zum guten Zweck. Es ist uns schon gesagt worden, +daß wir können eine Audienz bekommen und Seine Majestät wird uns +anhören.« + +»Er wird richten,« sagte Arnold befriedigt. + +»Ich will nicht sagen, er wird,« antwortete der Alte mit feinem Lächeln, +»aber es kann sein. Reisen wir also nach Wien, Samuel.« + +Elasser starrte bewegt vor sich hin. Während die beiden Alten sich noch +beredeten, kniete Arnold am Flußufer nieder, nahm die Mütze ab, legte +die Binde beiseite, die seinen Hals umschloß, stülpte die Ärmel bis an +die Ellenbogen auf und wusch sich das Gesicht mit dem eiskalten Wasser. +Darauf wurde ihm wohl und kühl. + + + + +Sechzehntes Kapitel + + +Die nachgesuchte, durch einflußreiche Personen unterstützte Audienz des +Juden Elasser beim Monarchen wurde genehmigt. Eine jener Zeitungen, +welche die öffentliche Meinung beherrschen, schrieb, daß die +Angelegenheit, welche solange das Staunen und die Beunruhigung aller +Redlichdenkenden verursacht habe, nun endlich vor eine Instanz gelangt +sei, bei der es kein Zaudern und keinen Umweg gebe. + +Von den Einzelheiten der Audienz wurde wenig bekannt. Der Monarch +geruhte, die ihm überreichte Bittschrift aufmerksam durchzulesen und +richtete dann an den unglücklichen Vater, der schluchzend vor ihm +kniete, die verheißungsvollen Worte: »Ich werde neue Weisungen an die +Behörden geben, damit sie ihre Pflicht und Schuldigkeit tun.« In der Tat +wurden schon zwei Stunden nach der Audienz Befehle solcher Art erlassen. + +Aber Tag auf Tag verging ohne Botschaft und Erfolg. Als Elasser erfuhr, +daß Jutta im Kloster bei Tarnobrzeg gesehen worden sei, wandte er sich +telegraphisch an den Bezirksrichter, doch dieser wies ihn an denselben +Staatsanwalt, der schon früher jeden Antrag abgelehnt hatte. Elasser +ging zum Ministerpräsidenten, welcher auf seine Bitte um Schutz +erwiderte: »Sie verdienen es, das gebührt Ihnen.« Es geschah nichts. +Elasser wandte sich an den Justizminister und erhielt die Versicherung, +daß von der Statthalterei alles aufgeboten werden würde, um den +Aufenthaltsort des Mädchens zu ermitteln. Es solle alles aufgeboten +werden, um dem Vater seine Tochter vor dem 10. Februar wiederzugeben, an +welchem Tag sie das religionsmündige Alter erreicht haben würde. Elasser +wartete. Das Leutebereden, In-Vorzimmern-Hocken, Bitten, Sichverbeugen, +Erklären nahm kein Ende. Man schüttelte den Kopf, gab Ratschläge, war +bedenklich, zerstreut, ergriffen, beschäftigt, ängstlich oder von +frecher Deutlichkeit. Die Zeit ging hin. Ein anderer Skandal erweckte +die Aufmerksamkeit der Menge. Elasser sagte sich, Jutta sei tot. Ihn zog +es nach Hause. Er hatte sich müdgegangen, müdgeredet, müdgebettelt, +müdgehofft. Am letzten Tage faßte er sich noch einmal zu einem letzten +Gang zusammen; es gelang ihm, den Minister für Galizien zu ungewohnter +Stunde zu sprechen. In drangvoll verhaltener Wildheit stellte er eine +letzte Frage, um dann für immer zu erschlaffen. Die würdige alte +Exzellenz, menschlich erschüttert, verlor den öffentlichen Tonfall und +sagte die denkwürdigen Worte »An den Mauern des Klosters hat unsre Macht +ein Ende.« + +Das war am 5. Februar. + +Mitte Januar gelangte die Kunde von dem gnädigen Versprechen des Kaisers +nach Podolin und zu Arnold. Er hatte etwas andres kaum erwartet. Seit +dem Gespräch mit Elasser hatte eine gleichmäßige Ruhe und Zuversicht von +ihm Besitz genommen. + +Als er die Nachricht vernommen hatte, kam ein ungestümer Drang nach +körperlicher Tätigkeit über Arnold. Er nahm Besen und Schaufel zur Hand, +ging in den Hof und begann, einen Weg in den fußhohen Schnee zu +schaufeln. Eine Stunde lang arbeitete er, ohne auszusetzen. Die Luft war +rein und es war sehr kalt. Arnold, in Schweiß gebadet, blickte empor, +als am Zaun eine herrische Baßstimme erschallte. Den Schirm aufgespannt, +von den hohen Stulpenstiefeln den Schnee stampfend, stand der Pfarrer +dort. Arnold trat näher. Der geistliche Herr fragte nach Frau Ansorge. +»Die Mutter ist krank,« erwiderte Arnold etwas verwundert. Desto mehr +Grund für den Seelsorger, sie zu besuchen, war die herrische Antwort. + +Arnold überlegte und schritt dann dem Pfarrer voran. Frau Ansorge wandte +den Eintretenden langsam das Gesicht zu. Der Geistliche nahm Platz, +schaute die Kranke fest an, erkundigte sich nach ihrem Befinden, und als +Frau Ansorge zur Erwiderung gleichgültig und unbestimmt die Lider +senkte, befeuchtete er die Lippen mit der Zunge und sagte: »Warum kommt +der junge Ansorge weder in die Kirche noch zur Beichte? Haben Sie Ihren +Sohn nicht in der Furcht und Anbetung des dreieinigen Gottes erzogen? +Ich warte schon lange auf ihn, aber er macht mein Harren zuschanden. +Böse Umtriebe stecken in ihm, mit den Gottlosen ist er im Bund. Darum +bin ich hier und frage: haben Sie Ihre Pflicht als Mutter erfüllt, liebe +Frau?« + +Nachdem er diese Worte in psalmodierendem Tonfall gesprochen, schwieg +der Pfarrer und beleckte wieder die Lippen. Er hielt jeden möglichen +Einwand für zermalmt, und mit Zufriedenheit betrachtete er seine auf den +Knien liegenden gefalteten Hände. + +Frau Ansorge hob den Kopf mit großer Mühe etwas empor und erwiderte mit +ihrer von Krankheit gebrochenen Stimme: »Bemühen Sie sich nicht, +Hochwürden. Wir brauchen keinen Vermittler zwischen uns und dem Himmel.« + +Erschrocken schnellte der Geistliche von seinem Stuhl auf. + +Frau Ansorge seufzte. Mit glanzlosen Augen blickte sie umher. Es war, +als gehorche der Mund nicht mehr. Sie erhob abwehrend den Arm, wie um +den Pfarrer zu verhindern, daß er sich bloßstelle. + +Der geistliche Herr empfand etwas wie Furcht. Jetzt klopfte es an der +Türe; der Doktor trat ein und begrüßte den Pfarrer mit jener +Höflichkeit und halben Kollegialität, die eine wohltätige +Gewöhnlichkeitsluft verbreitete. Der Geistliche murmelte ein paar Worte +und verließ unruhigen Gesichts das Zimmer. + +Ursula stellte sich neben den Doktor an das Bett. Arnold beobachtete vom +Fenster aus, daß die Kranke schneller und vernehmlicher atmete als +sonst. Der Doktor flüsterte Ursula etwas zu, worauf diese hinausging und +nach einigen Minuten einen mit Eis gefüllten Kübel zurückbrachte. Dann +kam der Doktor zu Arnold, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, +jetzt sei die Zeit zu einem operativen Eingriff gekommen. Arnold rüstete +sich, um auf das Telegraphenamt zu gehen, aber der Doktor meinte, das +werde er selbst übernehmen. Arnold schickte sich nun an, Friedrich +Borromeo zu benachrichtigen; es drängte ihn hinaus, schon allein +deshalb, um nach seiner Art im Vorwärtsschreiten Herr der Besorgnisse zu +werden. Als er über den Marktplatz des Dorfes ging, sah er Beate aus der +Kirche kommen; sie schaute unbeweglich vor sich hin und ihr Gesicht war +weiß unter der Pelzkappe, vielleicht vom Widerschein des Schnees. Arnold +widmete ihr nur flüchtige Aufmerksamkeit; eine Sekunde lang erschienen +ihm der Pfarrer, die Kirche und Beate zusammen im Bunde zu stehn gegen +das Leben der Mutter. Die grob voraussagende Miene des Doktors hatte +seine Verachtung erregt und ihn zugleich vorbereitet. Er war nicht +geschaffen, in der Dämmerung zu hoffen und zu fürchten; um ihn mußte es +licht, das Drohende mußte beleuchtet sein. Das Schicksal der Mutter lag +viel greifbarer vor ihm als das Schicksal Elassers und seiner Tochter, +bis zu dem Augenblick, wo er von dem Versprechen des Kaisers Kunde +erhalten hatte. Wie es auch mit der Mutter gehen mochte, dies nahe +Unglück war begrenzt; es konnte mit einem Worte bezeichnet werden, mit +zweien: Krankheit, Tod. So rücksichtslos trotz wachsender Angst +vermochte er seinem Gefühle Klarheit abzupressen über das, was ihn +selbst betraf, was sein eigenes und seines Eigentums Schicksal war. Dort +aber hatte er nichts gefunden als eine unaussprechliche Bedrängnis. Der +Grund war ihm verborgen. Ein gleichgültiger Jude, seine gleichgültige +Tochter, ein gleichgültiges Kloster, ein fremdes Leiden, umflutet von +einem Gewirr fremder Stimmen, was hatte ihn dabei gequält? + +Als er zu Hause ankam, war Frau Ansorge nicht mehr bei Bewußtsein. + + + + +Siebzehntes Kapitel + + +Der Wiener Professor (samt einem Assistenten) und Friedrich Borromeo +trafen auch diesmal zusammen ein. Die Operation wurde eine Stunde darauf +vorgenommen. Arnold und sein Oheim befanden sich in demselben Zimmer wie +neulich, jedoch in vollkommenem Schweigen. Wieder hatte sich Doktor +Borromeo in seinen Pelz gehüllt, wieder schritt er mit seinem wiegenden, +müden Gang auf und ab. Ein eigenes, morsches, bitteres, geduldiges +Lächeln verzog bisweilen seinen Mund. Draußen war das ärgste Wetter, +Sturm und Schneetreiben. Arnold konnte nicht anders, als beständig den +leise knarrenden, uhrenhaft regelmäßigen Tritten Borromeos zu lauschen. +Ohne daß er es recht wußte, wirkte die Gegenwart dieses Mannes lähmend +auf ihn. Nun erschien der Assistent unter der Türe. Er trocknete mit +einem Tuch die Hände; die weiße Schürze war mit Blut bespritzt. Sein +Gesicht zeigte die Helligkeit eines siegreichen Kämpfers, als er sagte: +»Alles steht gut.« Arnold ging dem jungen Mann entgegen und drückte +seine noch feuchte Hand. Auch der Professor kam zum Vorschein und +begnügte sich, mit emporgezogenen Brauen seine Befriedigung bemerkbar zu +machen. Ursula, deren Gesicht noch in Tränen gebadet war, hantierte +übereifrig umher. Knechte und Mägde standen im Flur und der Wind sauste +durch die Spalten der geschlossenen Türe. + +Arnold fühlte sich unheimlich. Auf einmal wußte er, als er die +flüsternden Stimmen der fremden Männer vernahm, daß die Mutter sterben +müsse. Er wollte in das Krankenzimmer, doch dies wurde ihm verwehrt. So +verließ er das Haus, trieb sich zwei Stunden lang im Sturm umher, und +ein nagender Schmerz ergriff ihn, während er an die Ärzte und an +Borromeo wie an Gespenster dachte. Er stieß einen Schrei aus und rannte +gegen den Hof zurück, bisweilen einknickend im Schnee, später seine +tiefen Fußstapfen von vorhin benutzend. Er stürzte in das Zimmer der +Kranken, trat ans Bett, umschlang sie mit den Armen und lachte halb +triumphierend, halb vorwurfsvoll, als er sie lebend, wachend erblickte, +freilich weiß wie die Leinwand, auf der sie ruhte. Frau Ansorge, +erstaunt und müde, legte beide Hände auf seinen Kopf. Sein Ungestüm gab +ihr zu denken. + +Der Abend rückte schon heran, und das Wetter hatte sich ein wenig +gebessert, da erschien Alexander Hanka. Er war förmlich versteckt in +seinem Winterpelz, aber trotzdem war es zu verwundern, daß Hanka an +solchem Tag eine Wanderung über die kaum gangbaren Straßen gewagt, um +sich nach Frau Ansorges Befinden zu erkundigen. Er war auch frischer und +belebter als sonst, schon in der Art, wie er Arnold die Hand reichte. +Doktor Borromeo trat zu ihnen in das abseits liegende Zimmer. Es erwies +sich, daß Hanka und Borromeo schon irgendwo einmal Bekanntschaft +geschlossen hatten, und es blieb nur zu ergründen, wo. Arnold erstaunte, +wie zwei anscheinend so ernste Männer sich spielerisch an ein Erraten +und Suchen begaben, oberflächliche Erinnerungen betasteten und dabei +nicht das mindeste von Belang zu sagen wußten. Am seltsamsten war das +beziehungs- und ortlose dieser in gleichmäßigem Ton geführten +Unterhaltung; vergessen war Frau Ansorge, vergessen das Haus und die +Schatten, die es bedeckten, vergessen schließlich der, zu dem gesprochen +wurde und jeder von beiden schien sich selber, sich allein dumpf und +mechanisch anzureden. Arnold war schließlich froh, daß er mit Hanka +allein blieb, da sein Oheim sich zur Wiederabreise vorbereiten mußte. +Auch der Professor reiste; der Assistent blieb noch einen Tag, um eine +schon gemietete Pflegerin aus Wien abzuwarten. + +»Wie geht es Ihnen also?« fragte Hanka mit seiner tiefen Stimme, als er +Arnold gegenübersaß. Er schlug ein Bein lässig über das andere und +strich mit der Hand über das Knie. In seinen Augen lag etwas, das diese +inhaltslose Frage vergessen machte. »Hoffentlich ist Frau Ansorge bald +wieder gesund. Es soll ja nun Aussicht sein, wie?« + +Arnold nickte. Was für ein Mensch, dachte er; ihn verwunderten die Worte +Hankas, aber dennoch zog ihn irgend etwas an. Hanka seinerseits streifte +den jungen Mann mit einem forschenden Blick und senkte dann rasch den +Kopf. »Wollen Sie nicht einmal zu mir herüberkommen, wenn Sie sich +langweilen?« fragte er mit offenbarer Anstrengung, ein überbrückendes +Wort zu finden. + +»Wenn ich mich langweile?« fragte Arnold. »Warum soll ich mich +langweilen?« Er saß vorgebeugt, warf aber mit einem Ruck den Kopf in den +Nacken und schaute Hanka nachdenklich an. + +»Beneidenswerter,« murmelte Hanka und suchte nach einem andern +Gesprächsstoff. »Was macht Herr Specht?« fragte er zögernd. »Hören Sie +von ihm?« + +Arnold schwieg. Für ihn war der Name Specht schon etwas Fernes und +Unwirkliches. + +»Er soll sich sehr mit diesem jüdischen Mädchenraub befaßt haben,« fuhr +Hanka fort, von Arnolds Schweigen sonderbar berührt. »Aber was ist nun +aus der Geschichte eigentlich geworden? Diese unglückliche Affäre macht +ihre Verteidiger und ihre Ankläger zuschanden.« + +»Der Kaiser hat entschieden«, antwortete Arnold mit einer leichten +Beunruhigung, die wie ein Hauch über seine Mienen zog. + +»Von einer Entscheidung weiß ich nichts«, bemerkte Hanka kopfschüttelnd. +»Was könnte der Kaiser auch hier entscheiden. Ich weiß ja nicht, möglich +ist alles.« + +Arnold lächelte besserwissend und erhob sich. + +Hankas Gesicht war ermüdet. Es war, als hätte Nüchternheit seinen vorher +so frischen Blick gebrochen. Er verabschiedete sich kälter und fremder, +als er gekommen war. + +Am Abend saß Arnold neben der Matratze der Mutter. Sie dachte an die +Liebkosung, die er ihr vor Stunden erwiesen hatte und beantwortete sie +jetzt im Geist. Während Ursula am Lagerende ihren Strumpf strickte und +der junge Assistent lesend bei der Lampe saß, schaute sie Arnold mit +unverwandten Blicken an. In ihren Adern fühlte sie den Tod, aber ihm +suchte sie, als wohne eine übermächtige Kraft der Beeinflussung in ihr, +den Glauben zu geben, daß neues Leben für sie anbreche. Und Arnold, auch +er kannte den Pfad, auf dem sie hoffnungslos schritt, und in seinem +Gesicht war die Lüge der Hoffnung. So saßen sie beisammen und täuschten +sich. + +Die fremde Pflegerin war gekommen, hatte ihre Anweisungen erhalten, und +der Assistenzarzt war abgereist. + +Arnold ging zu Elassers. Die Frau zeigte ihm einen mit kaum leserlichen +Buchstaben hingeschmierten Brief, den Jutta aus dem Kloster Tarnobrzeg +geschrieben. Es war ihr gelungen, das Papier einer Händlerin zuzustecken +und diese hatte ihn gebracht. Der Brief war ein Notschrei. + +Von Elasser hörte man nichts. + +Als Arnold nach Hause kam und sich ans Bett der Mutter begab, verlangte +sie, man solle das Fenster öffnen, und sie blickte nun schräg hinauf +gegen den von flockigen Wolkengebilden bedeckten Tauwetterhimmel. Heute +war es, als schlösse sie sich stärker als seit vielen Jahren an das +Leben an, als sei die Luft um sie her verdünnt und sie vermöchte weit +hinter sich in einem wunderbaren Kranz von Ursache und Wirkung den Lauf +ihrer Tage zu verfolgen. Deshalb strahlten ihre Züge plötzlich Güte aus, +und Arnold schien sich aufgefordert zu reden. Aber was sollte er sagen? +Ich nehme teil an einem fremden Schicksal? Irgend etwas hat mich mit +hundert Krallen ergriffen, wovon ich nicht Rechenschaft zu geben vermag? +Wie hätte er dies zu sagen vermocht? Wie hätte er seine Unruhe zu +schildern vermocht, seine Bangnis um irgendwelche Nachricht, um +Klarheit, sein immer wieder erstickter Zorn, sein grüblerisches Horchen? +Plötzlich ergriff die Mutter seine Hand, als habe sie seine wachsende +Drangsal verstanden. »Es gibt ein Wort in der Bibel, das mußt du dir +merken, Arnold,« sagte sie. Es heißt: »Wer reiner Hände ist, mehrt die +Kraft.« Die Kranke wandte sich ab. Auf ihren Augenwimpern lag +Todesschatten. Als die Pflegerin das Fenster leise schloß, seufzte sie +tief. + + + + +Achtzehntes Kapitel + + +Am nächsten Morgen, die Luft war voller Taudünste und der Wind wehte von +Süden, trat Arnold pfeifend auf den Hof. Da sah er am Zaun die Gestalt +Elassers. Arnold erschrak. Langsam ging er näher. Elasser berührte den +Schlapphut, machte einen halb widerwilligen, halb gewohnheitsmäßigen +Knix und indem er auf seinen Huckepack deutete, fragte er: »Braucht die +Frau Mutter nichts?« + +»Schon zurück, Elasser?« fragte Arnold mit stockendem Herzen dagegen. + +Der Jude nickte. »Heut in der Nacht«, sagte er. Sein Blick wurde finster +und er blies, um sie zu erwärmen, in die eine freie Hand. + +»Und Jutta?« fragte Arnold von neuem, als vermöchte dies eine Wort alle +übrigen zu ersetzen. + +Elasser zuckte die Achseln. »Sie haben mir gesagt, der Herr Minister hat +mir gesagt, wollen Sie wissen, was? Er hat mir gesagt, so wahr Gott +lebt, der mir mein Leben verbittert, er hat gesagt: An den Mauern des +Klosters hat unsere Macht ein Ende. Das hat er zu mir gesagt, Herr.« Mit +Besorgnis und Furcht sah Elasser auf Arnold, der leichenblaß geworden +war; der Mund war geöffnet, die Nase war ganz weiß, die Lippen +zitterten, in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. + +Der Jude duckte den Kopf und wollte sich zum Gehen wenden. Arnold trat +neben ihn hin, wodurch er ihn aufhielt. Er legte die Hand schwer auf die +Schulter des Hausierers und wiederholte nun mit einer unbeschreiblichen +Langsamkeit und einem entstellenden Gesichtsausdruck: »An den Mauern des +Klosters -- hat es ein Ende?« + +Elasser vermochte nichts zu erwidern. + +»Das ist gesagt worden?« fuhr Arnold in derselben versteinerten Weise +fort. Indessen fühlte er es in sich zittern und schaudern, sein Herz +schien brennend und sein Kopf kalt; auch vor den Augen lag Kälte. + +»Jaja,« nickte Elasser. Er war betrübt, aber auch kühl und willenlos. + +Ohne den Hausierer weiter zu beachten, wandte sich Arnold ab. Seine +Schritte wurden schneller, dann wieder langsamer, dann wieder schneller. +Ohne zu wissen wie, erreichte er den Wald, warf sich auf den nassen +Boden und legte Stirn und Augen auf die flache Hand. In der Fülle des +unerträglichen, schmerzlichen Zorns biß er die Zähne ins Moos; +Tannennadeln gerieten ihm an den Gaumen, und sein Zahnfleisch blutete. +Ihm war bitter auf der Zunge, im Gehirn, im Hals, in den Augen, im +Herzen. Ja sogar die Muskeln seiner Arme krampften sich zusammen vor +Bitterkeit. Er stand wieder auf und wanderte fast laufend weiter. Sein +Anzug, sein Gesicht waren mit Kot und Schnee bedeckt. + +Ist es möglich? dachte er und empfand wieder das schreckliche Zittern. +Er sah Gesichter vor sich, die er noch nie gesehen. Sie hatten einen +ernsten, grämlichen, harten und gleichgültigen Ausdruck. Gleichgültig +war ihnen das, was geschah und ihre trüben Augen sahen leblos aus wie +Muscheln. Ein Bach floß über den Weg. Auch im Wasser wimmelten +Gesichter, ja, Vorgänge voll Bosheit. Er kam zu einem Bauernhof, es war +weit weg von Podolin. Während er aus dem Gehölz trat, sah er, wie ein +Knecht eine weiße Katze beim Schwanz hielt und heftig mit einem Prügel +auf das Tier einhieb. Schon zeigte sich Blut. Arnold lachte atemlos; er +sprang hinüber (der Straßengraben lag dazwischen), packte den Knecht bei +den Hüften, warf ihn nieder, schlug mit der Faust in das bärtige Gesicht +und schüttelte den Mann voll Raserei, bis ein tiefes Aufatmen seine +Brust von einem schweren Druck frei machte. Der Knecht brüllte, aber +niemand eilte ihm zu Hilfe, der Hof lag verödet. »Still«, sagte Arnold, +indem er den Mann bei den Haaren ergriff. Er ließ ab. Der Knecht erhob +sich langsam auf ein Knie; er machte eine Bewegung der Wut, aber dann +blieb er tückisch gebückt an seinem Platz. + +Arnold entfernte sich, ohne daß der Gezüchtigte sich rührte. Er konnte +nicht verweilen. In seinen Füßen steckte Ungeduld; seine Schläfen waren +heiß wie von Weingenuß. Eile, eile, schienen die Steine zu rufen. Eile! +mahnten die Wolken. Eile! sauste der Wind. Frech kam ihm sein Zögern +vor, denn er erschien sich beleidigt, maßlos übervorteilt. Alle schienen +zu leiden, die unsichtbar ihm nahelegten, zu eilen. Ach welch ein Zorn +ergriff ihn immer wieder mit neuer Gewalt! Wenn er stillstand, um +aufzuatmen, war es schon ein Frevel, und jede Pore seiner Haut war zum +selbständig hörenden Ohr geworden. + +Ist es eine Welt? dachte er; wo leb' ich denn? was geschieht denn? Ist +es erlaubt? Und neuerdings riefen die Steine, das Wasser, die Luft, die +Wolken: eile! Er fürchtete zu spät zu kommen. Der Erste, dem er sagen +würde, was vorgefallen, mußte ja niederfallen, von Schande erdrückt und +Zähneknirschen mußte seinen Mund für jede Speise verschließen. Sieh doch +an, was geschehen ist, wollte er ihm erzählen. Aber dessen bedurfte es +gar nicht, wozu erzählen? Ein Hinweis, ein Satz und es war genug. Keiner +würde seine Stimme ruhen lassen, ein Geschrei würde kommen, alle würden +schreien: Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! sonst ist es nicht möglich zu +leben. Arnold, würde die Mutter sagen, geh' hin und ruhe nicht, denn sie +können sonst nicht leben. + +Alle hatten geschlafen wie er selbst; in ihren Gesichtern lag der +Schlummer: Hanka, der Pfarrer, Specht, Beate, Ursula, Borromeo, die +Knechte, die Podolinschen Leute. Er war froh, seinen Arm zu fühlen, +seine Kräfte zu spüren, seine Jugend und die Genugtuung, den Schlaf von +sich entfernt zu haben. Dann werden sie herankommen und lächeln und sie +werden sagen; weshalb hast du nicht früher, Arnold Ansorge, dich +eingefunden? Nun will ich wachsam sein, erwiderte er ihnen und begann zu +lächeln, indem sein Gesicht sich mit Röte bedeckte. Und er lächelte den +ganzen Weg nach Hause und als er ins Zimmer trat, sah er Ursula weinend +an der Türe stehen, auch die Pflegerin weinte, und oben am Lager der +Mutter stand unbeweglich der Pfarrer. + +Arnold ging langsam näher. Sie ist tot, dachte er; weder Schrecken, noch +Trauer ergriff ihn. Lächelnd faßte er die Hand der Gestorbenen mit einem +Ausdruck des Versprechens, einem Ausdruck der Ruhe. Als Ursula ihn +ansah, schrie sie laut auf und lief aus dem Zimmer. »Sie ist tot,« sagte +der geistliche Herr mit scharfer Stimme. Arnold nickte lächelnd zu ihm +auf. + +Der Pfarrer wich zurück, steckte sein Buch in die Tasche, murmelte vor +sich hin, sah sich murmelnd um und verließ das Zimmer. Die Pflegerin riß +mit eiligen Gebärden ihren Mantel von der Wand und folgte dem Pfarrer. +Als es still um Arnold war, begann wieder das formlose Wallen in seiner +Seele. Er wanderte in dem engen Zimmer auf und ab. Türe und Fenster +waren weit geöffnet, keine Menschenseele war nah, alle hatten sich +entfernt und geflüchtet wie vor einem bösen Geist. Die Dämmerung war +schon gekommen; der Himmel, reingefegt von Wolken, färbte sich langsam +vom aufsteigenden Mond. Die Lüfte und Winde ruhten. Eine Magd, dieselbe +die im Flur gestanden war und geweint hatte, schlich am Fenster vorbei, +während die Gärtnersfrau und Ursula von fern lauschten. Als die Spionin +Arnold mit sich selber sprechen hörte, glaubte sie, er führe eine +Unterhaltung mit der Toten und schwindelnd vor Schrecken lief sie davon. +Ursula hatte schon am Morgen dem Doktor Borromeo Nachricht gegeben; +Arnolds Ausbleiben hatte sie zu selbständiger Handlung getrieben, jede +Stunde erwartete sie Erlösung von ihrer Angst. + + + + +Neunzehntes Kapitel + + +Der Mond beschien den Leichnam, der schon seit dem Mittag gewaschen und +hergerichtet war. Ursula und die Pflegerin saßen im Gärtnerhaus; auch +die Pflegerin wartete auf die Ankunft Borromeos und auf ihre Entlohnung. +Spät abends nahm Ursula vier Kerzen, die sie im Dorf gekauft, +überschritt Garten und Hof, trat ins Sterbezimmer und sah Arnold am +Fenster sitzen, zwanglos angelehnt, die Arme leicht über die Brust +verschränkt. Ursula schaffte vier Leuchter herbei, und bald brannten die +Kerzen an den vier Enden des Lagers. Arnold sah ruhig zu und ließ sie +gewähren, auch dann, als sie, auf einem Schemel hockend, sich +anschickte, die Nacht bei der Herrin zu verbringen. Nach kurzer Zeit +begann sie indes zu schlafen. + +Viele Stunden waren vorbei, es mochte gegen vier Uhr morgens sein, als +das Rädergerassel eines Wagens laut wurde. Ursula erwachte, sprang +empor, ein Gebet flüsternd, und als sie fertig war, trat Friedrich +Borromeo ein. Zum drittenmal seit wenig Monaten; er war schon +vorbereitet auf den Anblick einer Toten. Trotzdem, als er am Bett der +Schwester stand, schluchzte er trocken vor sich hin. + +Arnold, den die Dunkelheit ohnedies verborgen hatte, verließ zartsinnig +das Zimmer. Der Mond stand tief und gelbrot am Himmel. Nebel zogen über +die Ebene. Nicht lange vermochte er draußen zu bleiben. Er ging zu +Ursula, die in der Küche Kaffee kochte und bat, ihm im Lauf des +Vormittags seine Wäsche und was sonst zur Reise und langen Abwesenheit +nötig, zu richten und einzupacken. Vor Erstaunen vermochte sich die Alte +nicht zu rühren. + +Borromeo folgte Arnold alsbald. Er reichte ihm die Hand und wandte dann +in geheimnisvoller Verlegenheit und Ablenkung die Augen wie Arnold gegen +das flackernde Herdfeuer. Das Schweigen wurde durch Ursula unterbrochen. +Auf Arnold zugehend, fragte sie heftig: »Zum Begräbnis wirst du doch +bleiben? Packen, was soll das heißen? Wo hinaus denn so geschwind?« + +Borromeo hörte betroffen zu. Nach einer Pause fragte er sanft: »Meint +sie dich, Arnold? Willst du denn fort?« + +Mit einer beredten und lebhaften Gebärde sagte Arnold: »Ja. Ich will +fort. Muß fort. Bald, sobald wie möglich. Gleich nach dem Begräbnis. Man +muß einen Verwalter mieten.« + +»Willst du mir das nicht erklären?« fragte Borromeo matt. + +Beide Männer gingen in die anstoßende Kammer. Borromeo schritt voran und +trug das Petroleumlämpchen. Wieder hatte ihn jene düstere Verlegenheit +erfaßt. + +»Zuerst will ich wissen, wie viel Geld ich besitze, dann das andere«, +begann Arnold. + +Borromeo senkte die Augen. Seine Stirn bedeckte sich mit Unmut. »Du hast +ungefähr siebenhundertsiebzigtausend Gulden in sehr guten Wertpapieren,« +entgegnete er kalt. »Die Verzinsung ist nicht übermäßig hoch, aber die +Anlage ist sicher. Ich darf dich vielleicht darauf aufmerksam machen,« +fuhr er mit bureaukratischer Gelassenheit fort, »daß ich bis zu deinem +vierundzwanzigsten Lebensjahr dein Vormund bin und nach unsern Gesetzen +ist es mir nicht nur gestattet, sondern ich bin auch verpflichtet, deine +Schritte zu überwachen und dein Vermögen zu verwalten.« + +Arnolds Gesicht wurde dunkelrot. »Kannst du mich abhalten zu tun, was +ich muß?« fragte er. + +Wie unerquicklich, dachte Borromeo. Er glaubte sich auf Kampf gefaßt +machen zu sollen. Das erbitterte ihn. »Was hast du vor?« fragte er +gedehnt und widerwillig. + +»Die Sache ist die,« begann Arnold. »Elasser, der Jude, bekommt seine +Tochter nicht. Sie haben sie ins Kloster gesteckt, das wirst du wissen. +Er hat alles mögliche schon versucht und kann nicht zu seinem Recht +kommen. Das ist doch schändlich. Ich hätte nie geglaubt, daß so etwas +Schändliches passieren kann. Wie geht das zu, ein unschuldiges Mädchen +wird den Eltern geraubt, Kloster hin oder her, Raub ist Raub, und der +Staat, das Land, der Kaiser, die Minister, keiner will etwas dagegen +tun! Der Kaiser selbst hat es ja versprochen, und doch, es geschieht +nichts. Kann man denn leben ohne Gerechtigkeit? Kannst _du_ leben ohne +Gerechtigkeit? Deswegen will ich also zunächst nach Wien. Ich hab' hier +keine Ruhe mehr. Hier weiß man ja nichts, hier erfährt man nichts. Ich +will einmal sehen, wie das zugeht bei euch. Ich werde den Kerlen schon +Beine machen. Der Jude soll sein Kind wieder haben oder mich soll der +Teufel holen.« + +Mit wachsendem Erstaunen hatte Borromeo zugehört. Eine Art Rührung +erfaßte ihn, die aber gleich wieder verdrängt wurde von einem dumpfen +Mißtrauen gegen diesen »Idealismus«, wie er es innerlich nannte, und den +gläubig hinzunehmen, sich gleichsam alle Erfahrungen seines Lebens +sträubten. + +Gründe gegen dieses kindliche Unterfangen waren natürlich leicht zu +finden. Aber Borromeo schämte sich plötzlich seiner Gründe. »Lassen wir +es heute,« sagte er, winkte mit der Hand ab und ging hinaus. + +Kaum war der Morgen angebrochen, als sich Arnold auf den Weg zur +Elasserschen Wohnung machte. Nicht mehr mit Bedrücktheit und einem +Gefühl leerer Erwartung wie früher trat er in den wohlbekannten Flur. + +Geschrei und Gekeife schallte ihm in die Ohren. Mitten im Zimmer standen +Elasser, die Frau und ein Bauer. Der älteste Knabe zog sich gleichmütig +für die Schule an, und Elasser und sein Weib zankten unermüdlich auf den +Bauer ein, der ein Stück Leinwand nicht mit dem verlangten Preis +bezahlen wollte. Der Bauer fluchte und lachte. Elasser war höhnisch, +kratzte sich in den Haaren, befühlte den Stoff und rang die Hände. + +Arnold stand im Schatten vor der Schwelle. Niemand achtete auf ihn. +Nachdem er eine Weile zugehört, wandte er sich nachdenklich ab, um zu +gehen. Eines der kleinen, halbangezogenen Mädchen huschte an ihm vorbei +zum Hauseingang und stieß dort einen Schrei aus, als ein grauer +Metzgerhund vom Ufer herauftrabte und mit hängender Zunge und düster +glotzenden Augen vor dem Kind stehen blieb, das zusammenschauderte und +sich nicht mehr rührte. In einer wunderbaren Regung hob Arnold das +Mädchen auf den Arm. Er legte ihm mit einem Ausdruck der Beteuerung die +Hand auf die Stirn. Dann verjagte er den Hund und setzte seinen Weg +fort. + + + + +Zwanzigstes Kapitel + + +Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche hatte Alexander Hanka seine Reise +verschoben. Er sagte sich mit Befriedigung, daß ihn das Landleben, die +Stille und Gleichmäßigkeit der Tage festhalte. Aber hätte ein Geist wie +der seine, ewig nach den leeren Aufregungen der Gesellschaft lechzend +und sie zugleich verachtend, dies früher ertragen? sich früher so +sorglos zwischen diesen nichtssagenden Beschäftigungen, diesen +ereignislosen Wintertagen eingebettet? Bisweilen schüttelte er über sich +selbst den Kopf, aber wie jemand, der ein sonst mißachtetes Gut nun mit +Leidenschaft umklammert. Agnes war glücklich. Beate hatte sich mit der +neuen Gesellschaft zurechtgefunden und wenn auch Hanka in ihren Augen +eine komische Figur war, versagte ihr eingeborener Spürsinn ihm nicht +die Titel eines gescheiten Menschen und aufrichtigen Freundes. Auch war +sie zahm gestimmt, seit der junge Bauer einer andern das Herz zugewandt +hatte. Fruchtlos war sie hinübergegangen, hatte geweint, gedroht, +gerast. Das alles ging förmlich im Dunkel vor sich, abgewandt vor den +Augen, die sie liebevoll verfolgten. Endlich schämte sie sich, zuerst +aus Verzweiflung und weil sie anders sich nicht helfen konnte, um sich +selbst noch zu achten; dann war es die wirkliche Scham, die ins Fleisch +schnitt und das Blut vergiftete. Sie wälzte sich auf dem Boden ihrer +Kammer und heulte in sich hinein. Dann kam sie wieder herab ins +Wohnzimmer, blaß und lächelnd, saß neben Hanka, spielte ein harmloses +Kartenspiel mit ihm, wärmte sich an seiner Nachsicht, schmiedete dabei +ihre schlauen Pläne, schien sanfter, ergebener, mitteilsamer und +launenloser als früher. + +Von seinen Freunden in der Stadt hörte Hanka wenig. Außerhalb ihres +Kreises lebend, war er gleich dem Spieler, der den Einsatz versäumt hat. +Nur Natalie Osterburg schrieb ihm. Neugierde verschlang sie, alles zu +wissen, was mit dem Fall Elasser zusammenhing. In den Gesellschaften +spreche man von nichts anderm, und er solle doch umgehend schreiben, wie +diese berühmte Jutta aussehe, wie sie sich benehme, sich kleide, welche +Farbe ihre Augen hätten und so weiter. So geschwind wie möglich müsse +sie das wissen, schon um den Neid zu genießen, mit dem dann ihre +geheimnisvolle Wissenschaft beehrt werden würde. Da er, Hanka, an der +Quelle der Ereignisse sitze, brauche er sich ja nur zu bücken und +aufzuheben, was ihr so kostbar sei. Im übrigen möchte er nicht mehr +lange mit der Rückreise zögern, da sie frische Ananas aus Hamburg +erhalten habe. + +Natalie, wie sie leibt und lebt, dachte Hanka amüsiert, ohne sich im +geringsten zu beeilen, seiner reizenden Freundin zu antworten. + +Mit Lesen, Spazierengehen, Essen und Schlafen verbrachte er die Zeit, +und all dies hatte in seinen Augen einen Anstrich von Stumpfsinn und von +Philosophie. Er trug sich mit der Absicht, eine Schrift über die +Einsamkeit zu verfassen, aber er verzichtete bald darauf. Ein guter +Gedanke ist kurz und reicht für drei Zeilen, sagte er sich; ihn breit zu +quetschen wie einen Kuchenteig, ist weder ehrenhaft noch unterhaltend. +Er empfand Widerwillen und Furcht vor der Arbeit. In ihm war ein +starker, klarer Strom von Erkenntnis, aber ein trübes, dünnes Flüßchen +von Tatkraft. Seine Gewohnheiten konnten ihm zugleich verhaßt und +unentbehrlich sein, und der halb unfreiwillige Aufenthalt in Podolin, +weit entfernt, ihm die Segnungen der Stille, Sammlung und +Abgeschiedenheit zu bringen, hatte etwas Zerstörendes für ihn. Seine +nach Ablenkung hungrigen Blicke sahen sich auf ein schwankendes Bild +gewiesen, auf dem sie mit jedem Tag fester ruhten. Er dachte an Beate, +an nichts anderes als an Beate. + +Drei Wege gibt es, sinnierte er; entweder ich gehe fort und lasse mich +nicht wieder sehen; oder sie wird meine Geliebte; oder ich heirate sie. +Das erste habe ich schon einmal erfolglos versucht; schon damals hatte +mich der Teufel beim Frack. Das zweite ist ja für mich ganz angenehm. +Doch mit der Ahnungslosigkeit ein Geschäft machen, gehört nicht gerade +zu den sympathischen Dingen. Allerdings, ein natürlicher Geist wird sich +in das natürlichste Verhältnis zu finden wissen, aber hab' ich darum mit +vierundzwanzig Jahren Vorsehung gespielt, um mich jetzt selbst zu +verlassen wie jemand, der ein erworbenes Vermögen plötzlich zum Fenster +hinauswirft? Ich kann sie gegen Armut schützen, allein was ist mit Geld +gegen den bösen Willen der Gesellschaft auszurichten? Bleibt also das +Schlimmste von allen, sie zu heiraten. Eine Promesse auf Sicherheit, +systematischer Freiheitsraub, gewohnheitsmäßiges Beisammensein und +Langeweile zu zweien. Das Gepäck des Lebens wächst wie im Sommer bei der +Eisenbahn; nach dem Jahr der Liebe kommen die Jahre der Pflichten. Es +ist wie mit den Schaumtörtchen in der Konditorei; je besser sie sind, je +sicherer verderben sie den Magen. Und gesetzt den Fall, ich hätte +Nachkommenschaft zu erwarten. Habe ich die Talente eines Erziehers, die +Geduld eines Lehrers, die Eigenschaften eines Vorbilds? Ich habe kein +Verständnis für Kinder und wäre ein erbärmlicher Vater. Dem veralteten +Institut der Ehe neue Glorie zu verschaffen, ist mir also jedenfalls +versagt. Wie ist es aber sonst beschaffen, mit der Liebe etwa? Liebt +Beate mich? Ein Gedanke von hervorragender Komik. Ich sie? Seit mich auf +dem Gymnasium meine Mietsfrau in Begeisterung versetzte, weiß ich von +solchen reflektorischen Nervenreizen nichts mehr. Summa: wie man es auch +betrachtet, nichts Haltbares bleibt; Spinnefäden, die durch die Sonne +ziehen. + +Damit beendigte Alexander Hanka seine ernsthaften Überlegungen. Aber das +Zimmer und das Haus waren ihm zu eng geworden und er begab sich ins +Freie, trotzdem schon finstere Nacht angebrochen war. Er vermochte kaum +den Weg zu erkennen, der ihn von den Feldern schied. Der Himmel, kaum +wahrnehmbar, glich einem tiefverdunkelten Milchglas, und die übrige +Welt lag schwarz wie Kohle. Um es in seinem Innern hell werden zu +lassen, dazu war Hanka die äußere Nacht sehr willkommen. Aber wie +ehrlich er sich auch bemühte, Klarheit fand sich nicht. + +Am andern Morgen trat er mit einem militärisch ausholenden Schritt vor +Agnes hin, als er sie allein sah. »Was würdest du sagen,« fing er ohne +Umstände an, den Mund ihrem Ohr nahe, »wenn ich Beate heiraten würde?« + +In großer Bestürzung riß Agnes die blauen Augen auf. Hanka saugte +verlegen und krampfhaft an seiner Zigarre, sah sich spähend um, riß +plötzlich ein leeres Blatt Papier aus seinem Notizbuch und schrieb in +hastigen Zügen: »Du mußt gestehen, daß es nicht übermäßig vernünftig +wäre. Heiraten ist in jedem Falle eine Dummheit, zugegeben, aber ich +habe mich wenigstens auf diese Dummheit gut vorbereitet. Ad zwei: für +mich ist die Ehe etwas wie eine Heilkur. Ich bin nicht verliebt, was ja +an sich ziemlich traurig, aber für das ganze Unternehmen von Vorteil +ist. Was mich besonders anzieht, kannst du dir denken.« + +Agnes las langsam mit, indem sie ihre Schulter an den linken Arm Hankas +lehnte. »Nun?« fragte sie, naiv und ergeben zu ihm emporblickend, als +seine Hand zögerte. + +Er zuckte die Achseln und knüllte das Blatt zusammen. + +»Du mußt es selber am besten wissen, Alexander,« sagte Agnes, indem auf +einmal ihre Augen feucht wurden. Sie senkte verwirrt die Lider und +machte sich nachdenklich an ihre häuslichen Arbeiten. Hanka nahm, +unzufrieden mit sich, ein Buch, um zu lesen. Es ist unmöglich, sich +jemand zum Freund oder zur Gattin zu züchten, dachte er und spuckte +verächtlich durchs Fenster in den Garten, den die Sonne durchflutete; +aber erst die Ereignisse charakterisieren eine Handlung, und ich will +mich nicht selbst verraten, weil es mir einmal geglückt war, Idealist zu +sein. + +Als Beate ins Zimmer trat, schritt er ein paarmal auf und ab, dann +wandte er sich plötzlich mit einer erzwungen pfiffigen und überlegenen +Miene zu ihr. »Was würdest du sagen, Beate,« begann er mit derselben +hölzernen Phrase, mit der er Agnes angeredet und in einer enorm tiefen +Stimmlage, »was würdest du sagen, wenn ich dir einen Heiratsantrag +machen würde?« Er sah verärgert aus und Runzeln erschienen auf seiner +Stirn. Und da Beate unbeweglich vor sich hinsah und endlich mit +langsamen Schritten das Zimmer verließ, sank er in ein tiefes Nachdenken +und pfiff leise, ohne die Blicke vom Boden zu erheben. Es mochte eine +Stunde später sein, als ihm das junge Mädchen am Hauseingang begegnete. +Sie erhob im Vorbeigehen den Kopf und sagte mit listigem Lächeln: »Ja.« +Hanka durcheilte klopfenden Herzens den Garten. + +Die Nachricht von Frau Ansorges Tod war schon am Morgen zu Hankas +gelangt. Alexander Hanka hatte sich gegen den üblichen Teilnahmsbesuch +erklärt. Am folgenden Tag war das Begräbnis und dorthin beschloß Hanka +zu gehen. Der Kirchhof lag hoch auf dem Hügel. Trotz des klaren +Nachmittag-Himmels herrschte ein sturmartiger Wind. Die Gräber waren +noch mit Schneeresten bestreut, die wie Blumen durch Zweig und Erde +lugten. Hanka hielt sich abseits. Mit einer Mischung von Staunen und +Ungläubigkeit beobachtete er Arnold, der neben dem Grab stand und mit +einer wunderlichen Ruhe in das viereckige Loch blickte, als der Sarg +hinabgelassen wurde. Alle sahen auf ihn, selbst der Pfarrer stotterte in +seiner formelhaften Rede, brach plötzlich erregt ab und entfernte sich. +Ursula weinte, aber lauter klang der Schrei einer Krähe, die über die +Köpfe flog. Borromeos bleiches Gesicht über dem dunklen Bart wurde noch +bleicher. Auch er hatte die Augen auf Arnold gerichtet, jedoch ohne +Unwillen, ohne Vorwurf. + +Zu Hause betrieb Hanka seine Vorbereitungen zur Reise, denn nun galt es, +die Zeit zu nutzen. Er hätte sich an diesem Abend eine leichtere +Stimmung gewünscht. Früh am Morgen fuhr der Wagen vor, der ihn zur +Station bringen sollte. Nach anderthalb Stunden stand er auf dem Bahnhof +und sah Doktor Borromeo und Arnold, beide reisefertig, beide gleich ihm +den Zug erwartend. Hanka grüßte mit der ihm eigenen ernsten +Verbindlichkeit, näherte sich aber nicht, sondern schritt in der +holzgedeckten Halle auf und ab. Es war ein wunderschöner Tag; die Luft +war still, die Erde hauchte feuchten Duft aus. Weithin schimmerten die +Gleise in der Sonne und verloren sich in den graublauen Waldzügen der +Ebene. + + + + +Natalie + + +Einundzwanzigstes Kapitel + + +Borromeo hatte Arnold in seinem Hause Wohnung angeboten, er hatte +erklärt, daß der obere Halbstock völlig leer stehe und daß Arnold über +drei Zimmer ungestört verfügen könne. Arnold hatte eingewilligt. + +Schweigend und unablässig beriet Borromeo mit sich selbst. Arnolds Nähe +erregte ihn und spannte ihn ab. Der Anblick dieser gesammelten Züge, +dieses festen und frischen Blicks machte ihn furchtsam und wortkarg. +Längst entherzigt, längst hohl gesogen, kämpfte Borromeo einen +beständigen stillen Kampf mit den Affekten anderer Menschen. + +Am Nachmittag kamen sie in Wien an und fuhren im offenen Wagen vom +Bahnhof weg. Als Arnold zum erstenmal die Straßen der Stadt gewahrte und +die Flut der Getöse in seine Ohren drang, wurde er ganz bestürzt. +Schreien, Johlen, Schimpfen, Befehlen erschallte. Es klopfte, knallte, +polterte, rasselte und dröhnte; Wagen fuhren, Karren knatterten, +Glöckchen klimperten; es zischte, stampfte, ächzte, heulte, hämmerte und +knisterte. Menschen liefen, die heftig mit den Armen schlenkerten; +andere, denen Schweiß auf der Haut glänzte; andere, deren +Gesichtsmuskeln krampfhaft verzerrt waren; andere, die wie im Wahnsinn +stierten und weder rechts noch links schauten; andere, die in vornehmen +Kutschen lehnten und deren Mienen förmlich gelähmt waren; andere, die +lachten und schwatzten, indem sie doch einen schmerzhaften und +angestrengten Zug behielten. Die Luft war dick von Staub. Die langen +Reihen gleichmäßiger Häuser zeigten zahllose Fenster; anders sah hier +der Himmel aus, anders die Wolken, anders schien die Sonne. An den +Mauern hingen buntfarbige Fetzen, worauf in der seltsamsten Weise +Seifen, Weine, Eßwaren, Zeitungen, Möbel, Konzerte, Kleider, Heilmittel +und Kunstwerke angepriesen wurden. Hunde liefen unruhvoll herum, +Soldaten marschierten stumpfsinnig, Bier-, Speisen- und Ladengerüche +zogen aus den Häusern, krüppelhafte Bäumchen erhoben sich hinter +prachtvollen Gittern, alles war in Bewegung, in Hast, als ob es hier +keinen Schlaf, keine Nacht, keine Ruhe, kein Besinnen gäbe. + +Bald war das Borromeosche Haus erreicht. Es war ein altes Gebäude, das +in einer engen, finstern, gewundenen Gasse der innern Stadt lag. Ein +Diener kam, um das Reisegepäck in Empfang zu nehmen. Borromeo führte +Arnold sogleich in das obere Stockwerk, das ihm zur Wohnung dienen +sollte. Die Zimmer waren hoch und still. Borromeo erklärte, daß in +früheren Jahren der Bruder seiner verstorbenen Frau hier gewohnt, ein +Mann, der sich in den Studentenjahren durch Trinken und Weiber ruiniert +habe. Inmitten seines knappen Berichts brach Borromeo ab und wandte den +Blick langsam zur Tür, durch welche seine Frau eintrat. Sie war von +geradezu fürstlicher Erscheinung. Ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen, +um die ein entgegenkommendes und gleichsam strahlendes Lächeln lag, +waren brennend rot. Fast von demselben Rot waren die Haare, die in der +reichsten Fülle zu einer Krone frisiert waren. Jeder Schritt der Frau +war mit einem Rauschen verbunden, welches für Arnold etwas +außerordentlich Rätselhaftes hatte. Mit einem neugierigen und staunenden +Gesicht wandte er sich der Dame zu und er verspürte einen beunruhigenden +Wohlgeruch im Zimmer. + +»Pardon, meine Herren, ich dachte nicht zu stören«, sagte Frau Borromeo. +»Das ist also der Neffe«, fuhr sie fort, trat rauschend näher, streckte +Arnold die Hand entgegen und lächelte: sorglos, mütterlich, voll +Teilnahme, etwas spöttisch, -- alles zu gleicher Zeit mit einer +unbeschreiblichen Mischung von Belebtheit und Ruhe. Indem sie eintrat, +so schien es, hatte sie alles zu ihrem Eigentum gemacht, die Wände, die +Möbel, das Licht, die Luft und die beiden Männer. Arnold vergaß, ihre +Hand zu ergreifen. Sie lachte, schüttelte den Kopf und fragte Borromeo, +ob er zum Tee komme. Als er verneinte, erwiderte sie, er möge ihr Arnold +überlassen, der doch von der Reise ausgehungert sein werde. »Ich warte +schon mit Ungeduld auf Sie -- oder auf dich«, sagte sie zu Arnold. »Ich +war auf eine Art von Waldmenschen gefaßt und bin es noch. Natürlich im +edelsten Sinn. Aber damit wollen wir jetzt keine Zeit verlieren. Hier +laß ich unterdes alles instand setzen; ich habe ja erst heute früh +erfahren -- Kommen Sie, ... komm, Arnold.« + +All das wurde mit vollendeter Betonung gesprochen, mit einem Wechsel des +Ausdrucks, dem sich jedes Wort anschmiegte wie dem Körper ein musterhaft +gefertigtes Kleid. Arnold folgte der Hausfrau in den Korridor, dann ein +Stockwerk tiefer und trat hinter ihr in ein großes, lichtes Zimmer. An +einem mit Tassen, Gläsern, Silbergeschirr, Blumen und Eßwaren bedeckten +Tisch saßen plaudernd drei Personen, ein junges Mädchen, welches von +Frau Borromeo als Petra König vorgestellt wurde, ein alter Herr mit +einem kropfartig verdickten Hals, Baron Drusius, und ein junger, +blonder, blasser Mann namens Hyrtl, der durch eine fast puppenhafte +Sorgfalt seines Anzugs auffiel. Dieser Mann blickte sofort wie geblendet +auf Arnolds graue Joppe, auf seinen altmodischen Kragen, auf seine +schweren, großen Stiefel und ein humoristisches Lächeln umzuckte die +farblosen Lippen. + +»Nun haben wir unsern Waldmenschen glücklich hier«, sagte Frau Borromeo, +indem sie spöttisch lächelte, als belustigte sie die Verwunderung ihrer +Gäste. »Ich erzählte Ihnen ja von ihm«, wandte sie sich zu Hyrtl. + +Baron Drusius knackte mit den Fingern und fragte mit einer Teilnahme, +die Arnold unerklärlich war: »Sie sind Landwirt?« + +»Bis jetzt war er Landwirt«, fiel Anna Borromeo ein. + +Hyrtl, der den Ankömmling für dumm und blöde hielt, starrte Arnold mit +einer Miene an, die immer humorvoller wurde. Seine Lippen zuckten von +verhaltenem Witz. Er bemühte sich vergeblich, zu ergründen, weshalb Anna +Borromeo den merkwürdigen Menschen in ihren Salon geführt und gab +schließlich ihrer Sucht nach Überraschungen die Schuld. + +»Sie sind wohl geschäftlich in der Stadt?« fragte der unermüdliche +Drusius wieder, der Frau Borromeo einen Gefallen zu erweisen glaubte, +wenn er sich mit dem stummen Gast beschäftigte. + +»Seine Mutter ist gestorben«, bemerkte Anna Borromeo abermals an +Arnolds Stelle. Es war, als fürchte sie Arnolds Antwort. Sie schenkte +Petra König Tee ein, und eine senkrechte Falte zeigte sich zwischen +ihren Brauen. »Wie geht es eigentlich Ihrer Schwester Natalie?« fragte +sie das junge Mädchen. + +»Gut«, entgegnete Fräulein Petra mit verdecktem Blick und mit jenem +nachsichtigen Spott, der nur in ihrem Gesicht lag, wenn von Natalie +gesprochen wurde. + +»Ein ganz köstliches Weibchen«, meinte Drusius und schnalzte mit der +Zunge. »Ein Rokoko-Figürchen, ein Sprühgeist. Für dieses Frauchen könnte +ich eine Heldentat verrichten.« + +Hyrtl sah gelangweilt aus. Seine Augen ruhten schwermütig-messend auf +Anna Borromeo. + +»Wie stehen die Montan-Papiere?« fragte ihn Frau Anna lächelnd und +tippte mit der Fingerspitze eine Brotkrume von ihrem Kleid. + +»Schlecht«, antwortete Hyrtl. »Wir können uns auf einen großen +Börsenkrach gefaßt machen.« Er legte den Knöchel des einen Beines auf +das Knie des andern, schob die Hose ein wenig hinauf, so daß über den +Lackstiefeln ein Stück des violett-seidenen Strumpfes sichtbar wurde, +zog mit leichter Gebärde eine goldene Zigarettendose aus der Tasche und +fragte mit Höflichkeit die Wirtin, ob er rauchen dürfe. Er blickte dabei +Frau Borromeo tief und traurig in die Augen, so daß Arnold sehr erstaunt +war, als er die Worte vernahm, die diesen Blick begleiteten. Zugleich +sah er, daß Petra Königs Blicke auf ihn selbst gerichtet waren, daß sie +die Augen, die einen wärmeren, ruhigeren Glanz angenommen hatten, +erschreckt wieder abwandte und mit leerem Lächeln nach einer Bäckerei +auf der silbernen Schale griff. + +Arnold musterte das Zimmer, die Tapeten, die Teppiche, die Bilder und +hörte mehr und mehr erstaunt der schnell von einem Gegenstand zum andern +schweifenden Unterhaltung zu. Als er den Tee, dem er sehr viel Milch +zugegossen, ausgetrunken hatte, erhob er sich, stellte seinen Stuhl nahe +vor den Tisch, dankte und fügte hinzu: »Jetzt will ich mich waschen.« +Damit verließ er den Salon mit unbefangenem Gesicht. + +Zuerst entstand ein peinliches Schweigen. Dann lächelte Anna Borromeo, +darauf lächelte auch Emerich Hyrtl und stemmte die Arme auf die Hüften. +Es lächelten auch Drusius und Petra König. Dann blies Hyrtl die Backen +auf und verfiel in einen wahren Lachkrampf, aus dem er schließlich die +Beteuerung hervorächzte, er habe sich nie so göttlich unterhalten. Anna +Borromeo drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. + + + + +Zweiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold suchte die ihm zugewiesenen Zimmer auf. Im Vorraum seiner Wohnung +stand der Diener und sagte, er erwarte die Befehle des jungen Herrn. +»Was für Befehle?« fragte Arnold und blieb stehen. Der Diener lächelte +und blickte Arnold aufmerksam an. »Gehn Sie nur«, sagte Arnold und +wartete, bis der Mann die Türe geschlossen hatte. Welch ein sonderbarer +Aufenthalt, dachte er, als er durch die Zimmer ging und die kostbaren +Tapeten besah, die schweren Vorhänge, die Bilder, Vasen, Teppiche, Möbel +und Bücher. Er riß das Fenster auf, und es wurde ein wenig heller und +frischer. Die Gasse war eng. Er schaute hinab und erstaunte über die +Höhe, erstaunte über die Nähe der gegenüberliegenden Häuser und ihre +endlosen Reihen von Fenstern, die alle geschlossen waren. Er schaute +empor und sah nur ein geringes Stück des abendlich verdämmernden +Himmels. Ein Flug Vögel zog mit Kreischen geschwind über die Dächer. + +Während dieser Beobachtungen spürte er großen Hunger. Er überlegte nicht +lange, nahm den Hut, verließ seine Wohnung, eilte auf die Straße und +suchte das nächste Wirtshaus. Bald fand er eine kleine Kutscherkneipe, +bestellte Wein, Wurst und Käse und aß mit Appetit. Viele Männer saßen in +dem raucherfüllten Raum, schimpften, politisierten, schrien, lachten und +spielten. Als Arnold satt war, bezahlte er und ging. Er beschloß, einen +Spaziergang durch die Straßen zu unternehmen, aber vorsichtig, wie er +war, kehrte er zuerst zurück und prägte genau die Gasse und das +Borromeosche Haus seinem Gedächtnis ein. Kaum hatte er dies stille +Seitental verlassen, als er im Nu in einen eilenden Menschenstrom +geriet. Die Abend-Dunkelheit wurde durch das blendende Licht aus den +hohen, weißen Lampen gänzlich zerstreut. Aus allen Läden, aus jedem +Fenster der schönen Paläste drang Licht, und die Nacht über den Dächern +war wie eine feste Decke. Als Arnold sich inmitten der unabsehbaren, +beständig sich erneuernden Menge befand, glaubte er zuerst, das +Geräusch, das zu ihm floß, sei ein gleichmäßiges, ängstliches Raunen. +Denn es war nicht laut und nicht leise; es war weder Reden noch +Schreien. Oft klang es wie minutenlang hintereinander ausgehauchte tiefe +Seufzer, oft wie fernes Gelächter; nichts hielt Stand, alles rauschte +gleich einem schwerflüssigen Wasser dahin. Arnold ging dicht an der +Seite der Häuser und kam nur langsam vorwärts. Er ermüdete nicht, +Gesichter zu betrachten; er wurde nicht satt, den Ausdruck der Augen zu +erhaschen. Einer blickte vorsichtig und spähend vor sich hin, einer +redete gereizt, einer ging müde. Jeder schien eine Maske zu tragen und +zwischen unsichtbaren Wänden zu gehen. + +Verwirrt, ratlos, wie in einem Rausch, blickte Arnold vor sich hin. +Seine Stimme erschien ihm klein, seine Schritte zu kurz, seine Arme +machtlos, seine Verstellungen kindlich. Er sah Menschen, Menschen, immer +neue Menschen. Doch kein Gesicht war festzuhalten, alle Gesichter +verschwammen im Nebel. Ungewöhnlich erregt verließ er die taghellen +Straßen und kam in spärlicher beleuchtete, in welchen sein eigener +Schatten matt mit dem Dunkel zusammenfloß, und immer wieder auftauchte, +wenn er unter der gelben Flamme einer Gaslampe vorüberging. Er dachte +nicht mehr an Zweck und Ursache des Weges; mit umfangenen Augen und +sonderbar gelähmten Gedanken ging er dahin. Was er sah, schien ihm +unglaubhaft, unbegründet und widersinnig. Warum stand Haus an Haus so +enggepreßt, daß jedem einzelnen der Atem zu fehlen schien? An der Ecke +blieb Arnold stehen und blickte erstaunt die unbewegliche Reihe der +Laternen entlang. Ihn lockte es, das Ende kennen zu lernen, und ohne den +Gedanken an Rückkehr folgte er der Flucht jeder Gasse und Straße und +glaubte bei jedem neuen Anfang, nun müsse sich bald der Wald öffnen oder +das Wiesenland dehnen. Aber jedesmal wurde diese Erwartung zerstört und +sein Erstaunen wurde größer und dumpfer, insbesondere durch die +Wahrnehmung, daß die endlosen Häusermassen ihn nicht nur in der Richtung +seines Weges begleiteten, sondern auch nach allen Seiten hin +ausströmten. Er betrachtete die Aushängeschilder von Krämern, +Wirtshäusern und den zahllosen Geschäften, in denen er zufriedene und +glückliche Menschen vermutete, getäuscht durch den Lichterglanz und die +Buntheit der Auslagen. Er blieb vor den erleuchteten Fenstern der +Kaffeehäuser stehen und blickte ratlos hinein, da ihm ihr Inneres wie zu +einem Feste geschmückt vorkam. Er sah mächtige Gebäude, die einem +unbekannten feierlichen Zweck dienen mußten, Kirchen, deren eherne Tore +geschlossen waren, und von deren Türmen dennoch Glockengeläute erklang. +Überall hatte er den Eindruck der Ruhe, der Ordnung und der +Gerechtigkeit und hundertmal schüttelte er über sich selbst den Kopf und +war unzufrieden, ohne zu wissen warum. Noch nie hatte er solch ein +Gefühl lustloser Ermüdung gespürt. Doch er setzte seinen Weg fort und +kam in eine öde Vorstadt mit ausgestorbenen Gassen. Hier wurden die +Häuser niedriger und der Himmel schien infolgedessen näher. In den +erdgeschössigen Wohnungen sah er Familien beim Abendessen sitzen, aus +den Kneipen drang Lärm und Geschrei, Dirnen gingen vorüber und lächelten +ihm zu; jeder einzelne Laut und jedes Bild erzeugte in Arnold die +betäubende Empfindung der Vielfältigkeit und der unübersehbaren Weite. +Mit Bitterkeit, ja fast mit Angst fühlte er seinen gänzlichen Mangel an +Erfahrung. Er glaubte sich verachten zu müssen. Herrgott, sagte er zu +sich selbst, das kann übel enden, und plötzlich drehte er sich um und +trat mit stürmischem Wesen die Rückkehr an, auf welcher er einige +begegnende Personen höflich und zaghaft nach dem Weg befragte. + +Nach stundenlangem Gehen fand er sich endlich zurecht und kam gegen zehn +Uhr nach Haus. Der Diener begleitete ihn in sein Zimmer, zündete die +Lampen an und fragte, ob nichts zu besorgen sei. Arnold schüttelte den +Kopf. Er sah seinen Reisekoffer vor sich stehen und ohne einen der +prächtigen Stühle rings zu benutzen, setzte er sich rittlings darauf und +versuchte nachzudenken. Es war ihm, als hielte er sein Herz in der Hand, +drehe es hin und her, aber es war stumm. Plötzlich sah er viele Wege; +jeder führte dorthin, wo man mühelos Gerechtigkeit erlangte. War es denn +etwas so Großes, diese Gerechtigkeit? so vielen Zorns, so vieler +Gedanken wert? Arnold schämte sich und kam sich vor wie jemand, der mit +Pferd und Wagen kommt, um eine Maus aufzuladen. Sein Vorhaben erschien +ihm leicht und selbstverständlich. Er begann vor sich hinzupfeifen, als +es an der Tür pochte; Friedrich Borromeo trat ein. + +»Guten Abend, Arnold,« sagte er in seiner gemessenen Sprechweise, »hast +du dich schon ein wenig zurechtgefunden?« Vorsichtig hob er mit der +äußeren Seite der Hand seinen Bart empor und legte den Kopf gegen die +Schulter. + +Arnold trat vor ihn hin. »Zurechtgefunden? Nein, Onkel. Zurechtfinden +kann ich mich hier nicht. Also sage mir, was soll ich tun? Wie soll +ich's anfangen?« + +»Ei, ei, so ungestüm,« erwiderte Borromeo. Er gab es endlich auf, seinen +Bart zu bestreichen, schritt zum Tisch, setzte sich auf einen der +Polstersessel und nahm ein elfenbeinernes Papiermesser, das er lose +zwischen den Mittelfingern beider Hände behielt. »Du willst also dieser +eingesperrten Jüdin zur Freiheit verhelfen,« sagte er mit einem kaum +wahrnehmbaren Lächeln. »Ich verstehe deine Beweggründe. Du bist jung. Du +bist begeistert. Du kannst dich noch entrüsten. Schön. Aber was willst +du allein ausrichten? Ein Feldherr, der keine Truppen hat, kann keine +Schlacht gewinnen. Ich will dich ja nicht von deinem idealen Unternehmen +abbringen, ganz im Gegenteil.« + +»Würde dir auch nichts nützen,« warf Arnold trocken und etwas ungeduldig +dazwischen. + +»Schön. Aber betrachten wir die Sache einmal von einem andern +Standpunkt, von einem praktischen sozusagen. Zufällig war es diese +Klostergeschichte, die dich in Aufruhr gebracht hat. Es hätten Millionen +andere sein können. Nehmen wir nur unser Land, ja nehmen wir nur einmal +Galizien. Die Regierung dort ist verrottet. Alle Gewerbe liegen auf den +Tod. Die Mitglieder der Geburts- und Geld-Aristokratie verüben die +ungeheuerlichsten Diebstähle. Der Wucher blüht wie anderswo im +Mittelalter. Die Länderbank ist verkracht, weil ein Fürst und ein Graf +sie durch Betrügereien ins Verderben gestürzt haben. Hast du von den +Cziriskawer Gruben gehört? Die hungernden Arbeiter mußten zusehen, wie +die Aktionäre einander und der Direktor die Aktionäre um Tausende von +Gulden bestahlen. Eine Million Notstandsgelder für die in Krankheit und +Hunger vegetierenden Bauern werden zurückgehalten; auf den großen Gütern +wird der Arbeitslohn in Pappendeckelstücken statt in Geld ausgezahlt. +Was ist dagegen deine Klostergefangene? Urteile selbst. Schau dich nur +um. Es gibt viel zu tun. Lerne, damit du siehst, wo du anzufangen hast. +Du darfst dich nicht verwirren. Ich werde niemals deinem Willen +entgegentreten. Ich werde nie fragen, ob das auch gut ist, was du tust, +sondern immer annehmen, daß es das beste ist. Ich lasse dir freie +Verfügung über dein Vermögen, deine Zeit, deine Person. Aber lerne erst +erkennen, wo du Hand anzulegen hast. Wir brauchen Menschen, wir brauchen +Männer; aber in dieser Zeit, in diesem heruntergekommenen Land bedarf es +nicht nur eines ganzen Menschen, einer großen Leidenschaft, einer reinen +Seele, sondern auch eines aufs höchste gebildeten, praktischen Geistes. +Erfahrungen braucht es und Kultur. Das ist eben die Probe, Arnold, in +der du dich bewähren mußt. Äußerlich mußt du sein wie alle andern, mußt +dich kleiden wie sie, mußt ihre Formen und Gebräuche annehmen; aber +deine Hand muß sauber bleiben, deine Seele rein. Und trotz alledem mußt +du dich durchkämpfen, hinaufkämpfen. Das ist das Problem. Dann wird es +dir ein Leichtes sein, eine Jutta Elasser zu befreien. Heute ist es +unmöglich für dich wie für jeden andern. Du hättest keine andern Wege +als jene Leute selbst, du würdest nirgends eine werktätige Hilfe finden. +Und deine Kräfte ins Phantastische hinein verschwenden, das wäre doch +sinnlos.« + +Arnold saß weitvorgebeugt auf seinem Koffer und ein kühler Schauder fuhr +ihm über die Haut. Er fühlte Zorn und Rührung. Er begriff und wollte +sich dennoch verschließen. Er sah ein, daß das alles seine Richtigkeit +hatte und wünschte doch, es nicht gehört zu haben. + +»Wenn ich mir erlauben darf, dir ein Programm aufzustellen,« fuhr +Borromeo fort, »so wäre es dies: fange an, dich über alles mögliche zu +unterrichten. Belehre dich. Halte dich an die Bücher und an gescheite +Menschen. Bereite dich für ein Amt vor. Eine Regelmäßigkeit wird sich +dir bald von selbst ergeben, vielleicht auch der Beistand eines +Freundes. Du hast alle Gaben, um zu einem schönen Ziel zu gelangen. Der +unerschütterliche Wille besiegt jedes Hindernis. Und um mit zwei Worten +noch einmal alles zu sagen: Bleib und werde!« + +Es war deutlich zu sehen, wie schwer es Borromeo ums Reden wurde, denn +er schwieg jetzt mit einem erleichterten und müden Gesicht und ließ den +Blick langsam von dem Elfenbeinmesser aufwärts gegen das Licht +schweifen. Arnold hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und sein +Gesicht verborgen. Was in ihm kämpfte und brauste, das ahnte Borromeo +und das liebte er an ihm. Er stand auf, ging hin und legte Arnold die +Hand auf die Schulter. »Nun?« fragte er leicht und kurz. + +Arnold erhob den Blick und schnellte von seinem Sitz empor. Seine Wangen +glühten. »Man kann das eine tun und braucht das andre nicht zu lassen«, +sagte er. »Man kann beides tun.« + +»O gewiß, man kann beides tun«, antwortete Borromeo. »Insofern keine +Gefahr ist, daß man sich verzettelt. Gewiß. Die Erfahrung wird darin +dein bester Lehrmeister sein. Wenigstens sehe ich, daß du nicht +verstockt bist. Von den Idealisten ohne Kopf hab ich nie etwas gehalten. +Sie schaden mehr als sie nützen. Gute Nacht, Arnold.« + +Sie gaben einander die Hand. + + + + +Dreiundzwanzigstes Kapitel + + +Arnold war zu Borromeos Schneider gegangen. Zwei Tage später war er im +Besitz von vier modischen Anzügen; das Zubehör an Wäsche war vorher +besorgt worden. Zaudernd und umständlich bekleidete sich Arnold mit den +neuen Dingen. Verlegen stand er vor dem Spiegel und blickte an seinem +Bild herab wie an einem fremden Mann. Aha, redete er sich selbst an, da +wärst du also, lieber Bruder, siehst immerhin merkwürdig aus, wie der +Gevatter beim Hochzeitsfest. Er verzog das Gesicht und konnte sich lange +nicht entschließen, das Zimmer zu verlassen, obwohl er noch am Morgen +zur öffentlichen Bibliothek wollte. Als es überwunden war und er mit +ungewohnter Langsamkeit die Treppen hinunter schritt, sah er im Korridor +Anna Borromeo mit einer andern Dame plaudernd beisammen stehen. Frau +Anna winkte ihm und sagte zugleich zu der Fremden: »Dies ist mein Neffe, +Herr Ansorge.« Arnold blieb stehen, Anna Borromeo wies auf die fremde +Dame und sagte: »Frau Natalie Osterburg.« Arnold reichte sofort nach +seiner Gewohnheit die Hand und verspürte eine andere Hand, deren +Winzigkeit ihn verblüffte. Die Frau lachte und schrie vor Schmerz, er +möge sie loslassen; Anna Borromeo lächelte. + +»Also _das_ sind Sie!« sagte Natalie Osterburg, und das neugierige +Kindergesichtchen hinter dem schwarzen Schleier blieb Arnold fragend +zugewandt. »Petra hat mir von ihm erzählt, aber ich finde, er ist ganz +hübsch.« Ein köstliches Aber. + +Arnold fühlte sich zu der neuen Bekannten hingezogen, weshalb er ohne +weiteres sein Kommen versprach, als sie ihn um seinen Besuch bat und Tag +und Stunde bezeichnete. Sie sagte noch einiges zu Anna Borromeo, was wie +das Geplätscher eines Springbrunnens klang, lachte, fragte mit +kindlichem Ernst nach gleichgültigen Dingen, war unglücklich über das +drohende Regenwetter, sagte, sie habe die größte Eile nach Hause zu +kommen, vergaß es jedoch sogleich und fragte Arnold, ob er reiten +könne. »Ich habe Sie mir als eine Art wilden Jäger vorgestellt, denken +Sie nur, wie komisch«, meinte sie und lachend beugte sie den Oberkörper +vor. Darauf verabschiedete sie sich und Frau Borromeo schien sehr +erleichtert, als sie ging; Arnold beobachtete es an dem versteckten +Spiel der Augen und ihn verdroß das liebenswürdige Lächeln, das +Hinabbeugen über die Treppenbrüstung, das Winken mit der Hand, womit +Anna Borromeo ihrem Gast das Geleit gab. + +Natalie Osterburg war trotz ihrer zweiunddreißig Jahre noch die +zierlichste Frau. Sie hatte eine Puppenfigur. Begeisterung und Neugierde +waren die zwei Gefühle, von denen sie völlig beherrscht wurde. Sie war +lustig, oft auch da, wo niemand es erwartete, und damit brachte sie +manches vernünftige Gespräch und manchen ernsthaften Mann aus dem +Gleise. Sie war stolz auf ihre kleinen Füße und Hände; sie war eitel, +geschwätzig, naschhaft, vergnügungssüchtig, aber sie gewann ihren +Tadlern einen Vorsprung ab, indem sie Geständnisse ablegte und sich +verspottete. Wenn sie sprach oder ging oder saß oder lachte, dann +leuchtete es vor Freude in ihren Augen, daß es möglich war, so sprechen, +gehen, sitzen und lachen zu können wie sie. Für die Ausbrüche ihrer +Bewunderung, ihrer Überraschung gab es kein zu kostbares Wort und keinen +Gesichtsausdruck, der schwärmerisch genug war; in derselben Minute +interessiert sie sich »rasend« für einen Klatsch und zappelt vor +Ungeduld darüber, daß sie einen Traum, einen Namen, den Titel eines +Buches vergessen hat. Sie hat zwei Kinder, Mädchen von zehn und acht +Jahren, und sie liebt es mit einem lauten Staunen von ihnen zu erzählen, +als sei das Dasein von Kindern etwas sehr Seltenes und als seien ihre +Kinder die wunderbarsten auf der Erde. + +Als Natalie nach Hause kam, fragte sie das Dienstmädchen, wo der gnädige +Herr sei. Im Salon, wurde ihr geantwortet. Petra kam auf die Schwester +zu und flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr. Natalie schloß erblassend +die Augen und legte den Kopf gegen den Nacken. Petra sah sie mitleidig +an und wandte sich zu den Kindern, die ihr gefolgt waren und die Mutter +mit zärtlich verdrehten Ausdrücken begrüßten. + +Herr Osterburg war nicht im Salon. Aus dem Schlafgemach nebenan drang +ein ungewöhnlicher Lärm. Natalie öffnete mit theatralischer Langsamkeit +die Tür und sah ihren Gatten bis zum Nabel nackt. Er war im Begriff, +sich zu waschen und rieb den Körper mit einer Heftigkeit, als sei die +Haut mit Teer beschmiert; dabei prustete, plätscherte, stöhnte und +zischte er wie eine Maschine, die im Wasser versandet ist. Natalie +betrachtete ihn mit einem maßlosen Erstaunen und einer zur Hälfte +gespielten Verachtung. Herr Osterburg legte verdrießliche und eifervolle +Falten in sein Gesicht, während er mit einem Flanelltuch die behaarte +Brust trocknete und ächzend den Rücken rieb. + +»Also so weit sind wir wieder, so fallen deine sichern Geschäfte aus,« +sagte Natalie. + +Osterburg versah eines seiner neuen Frackhemden mit Knöpfen, zog es aber +nicht an, sondern legte sich mit nacktem Oberkörper auf die Ottomane. +Er hob das Bein ein wenig in die Höhe und betrachtete seinen Lackschuh. +Dann tat er einen tiefen Seufzer, warf sich empor, wie von einer Feder +geschnellt und sagte düster und verlegen: »Ja, reich sein, reich sein, +das ist das einzige.« + +»Idiot«, murmelte Natalie. + +Osterburg verfiel in ein starrkrampfähnliches Besinnen und betastete mit +sorgenvoller Stirn die fette Gegend seines Magens. Erst als ihn +fröstelte, dachte er daran sich anzukleiden. »Ich bin ruiniert«, sagte +er dumpf. Dann machte er wilde Augen, streckte die Faust gegen die Decke +und schrie. »Meinen heiligsten Schwur, daß ich in drei Wochen eine halbe +Million haben werde, oder --« Er deutete mit prophetischem Ausdruck ins +Unbestimmte und schwieg wie ein gescholtener Hund, als ihn Natalie +gelassen und erwartungsvoll anschaute. + +Natalie stand auf und eilte mit schnellen Schritten in das Zimmer ihrer +Kinder. »Liebste Petra!« rief sie, »komm, ich will zur Mutter.« + +»Nun?« fragte Petra in ihrer überlegenen Weise. + +Natalie blickte sie unsicher an und erwiderte zerstreut: »Jaja. Aber du +weißt, ich habe die Schneiderin zur Mutter bestellt, damit mein Mann das +Kleid nicht sieht. Rasch, sonst wird es zu spät zum Probieren.« Sie küßte +etwas summarisch ihre Kinder. Petra stand mit sarkastisch-ergebenem +Lächeln abseits. + +Kaum hatte Osterburg bemerkt, daß er allein sei, so erhob er sich, +schüttelte unwillig den Kopf und fletschte die Lippen. Dann verfügte er +sich in die Küche und fragte die Köchin, was sie zu essen habe. +Schwermütig stand er am Herd und stierte in die Pfanne. Die Köchin +zählte ihren Speisezettel an den Fingern ab, und Osterburg schlurfte +anscheinend betrübt wieder hinaus. Sein Kopf war nur von einer einzigen +Idee erfüllt: Geldquellen zu entdecken, Gold in Strömen aufzufangen um +jeden Preis, durch jedes Mittel. Ihm schien, das Geld müsse für ihn auf +der Straße liegen und er brauche nur hingehen und sich bücken. + +Als Natalie und Petra bei ihrer Mutter eintraten, fragte diese, was mit +Osterburg vorgegangen sei, er benehme sich so sonderbar. + +»Er ist der größte Narr, den es gibt, Mama«, versetzte Natalie kalt. + +»Du hast ihn doch geheiratet, mein Kind«, meinte die alte Dame und ging +zu ihrem Stuhl zurück. Eigentlich ging sie nicht, sondern schob sich +vorwärts. Der Oberkörper, weit zurückgeneigt, schien nur lose mit den +Beinen verbunden, wodurch ihre Bewegungen etwas Automatisches erhielten. +Bei jedem Schritt nickte sie mit dem Kopf wie eine Taube. Ihr Gesicht +war farblos und hatte etwas von einem Sandstein, der vom Wasser zernagt +ist. Sie hatte die Miene einer abgesetzten Königin. Für die plumpeste +Schmeichelei empfänglich, war sie zugleich harmlos und boshaft, +gebrechlich und zähe, zänkisch und liebevoll. Diese Frau hatte die Rasse +verdorben. Sie hatte die schlechte Mischung erzeugt, durch welche die +Klarheit und Regelmäßigkeit der Kristalle unmöglich ist. + +»Glaubst du, Mama, daß hellgrün mich zu blaß macht?« fragte Natalie, +die mit Ungeduld auf das Kleid wartete. + +»Mama, du sollst nicht so viel herumgehen«, mahnte Petra. + +»Zu meiner Zeit gab es andere Ehen«, sagte Frau König mit rasselnder +Stimme. »Da war nichts als Einigkeit, Frieden, Gefälligkeit. Oft sag ich +zu Petra ... nicht wahr, Petra --?« ... + +»Pottgießer hat eine römische Statue aus Spalato angekauft«, wandte sich +Natalie an Petra. »Einen Antinous. Es soll ein herrlicher Marmor sein, +aus der besten Zeit, sagt die Borromeo.« + +So redete jede der drei Frauen von etwas anderem, und sie schienen +einander trotzdem zu verstehen. Sie waren beweglich wie die Ringe im +Wasser, die, um denselben Mittelpunkt entstanden, sich nie berühren +können. + + + + +Vierundzwanzigstes Kapitel + + +Am Sonntag, dem Empfangstag bei Osterburgs, füllten sich schon von fünf +Uhr ab die Zimmer mit Besuchern. Herr Martin Osterburg stand bei einer +Gruppe junger Leute und prahlte mit dem Sieg eines Rennpferdes, auf +welches niemand gewettet hatte, ausgenommen er selbst. Als jemand dies +bezweifelte, konnte Martin nur noch zwei Leute zugeben, die ebenfalls +auf dieses Pferd gesetzt hätten. Als aber ein anderer Herr behauptete, +dieser Sieg sei lange vorher ein öffentliches Geheimnis gewesen, da +wurde Osterburg vor Verachtung um fünf Zentimeter länger, und seine +grauen, bürstenartig emporstehenden Haare erschienen wie lauter +entrüstete Ausrufungszeichen. Gleich darauf aber war er wieder +freundlich, begrüßte Emerich Hyrtl und Armin Pottgießer, den von allen +gefürchteten Pottgießer. Pottgießer war Börsenmann, Zeitungsbesitzer, +Volksfreund, Regierungsfreund und vor allem war er unermeßlich reich. + +Mit erstauntem Gesicht trat jetzt Arnold Ansorge ein. Dies war die +Stunde, die ihm Natalie bestimmt hatte und anstatt Natalies sah er eine +Menge unbekannter Menschen. Hinter ihm blieb die Türe geöffnet und eine +alte wie ein Fabeltier aufgeputzte Dame, welcher zwei junge Mädchen +folgten, schob Arnold beiseite und trat rauschend ein. Natalie gewahrte +Arnold. Sehr verlegen ging sie ihm entgegen; sie hatte nicht geglaubt, +ihn heute schon bei sich zu sehen. Sie bereute ihre Einladung, denn nach +Hyrtls Bericht fürchtete sie eine Art Ungeheuer in Arnold. Sie reichte +ihm die Hand und war schüchtern vor lauter Neugierde. Sie bat ihn, ihr +zu folgen und führte ihn zu Petra und Hyrtl, die allein in einem Winkel +saßen. »Verzeiht,« sagte sie, »hier ist ein Ausnahmsgast.« + +Arnold setzte sich schweigend nieder. Die Luft war heiß. »Ist hier eine +Versammlung, Fräulein?« fragte er, indem er Petra erwartungsvoll +anschaute. Das junge Mädchen errötete, lachte, war verwundert und wußte +nichts zu antworten. Hyrtl, der wie ein Ballon von Vornehmheit dasaß, +verlor den gleichgültig-grämlichen Ausdruck, der in seinen Zügen +vorherrschte und sagte liebenswürdig: »Lassen Sie sich nicht beirren. +Die Leute sind nur da, weil sie ihre eigene Langeweile vergessen, wenn +sie einen andern sich langweilen sehen.« + +Petra, die durch Arnolds höfliche Aufmerksamkeit, mit der er den Worten +Hyrtls lauschte, gerührt wurde, lächelte und ihre Augen nahmen plötzlich +im Lampenlicht ein schönes, tiefes Blau an. + +Ein junger Mann mit gelber Gesichtsfarbe und schwarzen, frechen Augen +näherte sich. »Freund Hyrtl sieht heute sehr bedeutungsvoll aus«, sagte +er mit offenbarer Geringschätzung. + +»Bei mir hat jedes Härchen seine Bedeutung«, entgegnete Hyrtl mit +unschlüssiger Selbstironie. + +»Dann müssen Sie aber mit den Jahren viel an Bedeutung eingebüßt haben«, +sagte der junge Mann. Hyrtl lachte gutmütig-widerwillig und verzog +verächtlich das Gesicht. Beide verachteten einander aufs äußerste. Petra +spielte mit ihrer Uhrkette. + +Was reden sie? dachte Arnold bestürzt. Er blickte Petra an, sah +rückwärts in das Zimmer, dann gegen das Fenster und dachte abermals: was +reden sie? + +Natalie kam heran. Sie war rot, belebt, bewegt von Reden, von Hören, von +Lächeln. Mit leichter Vertraulichkeit legte sie die Hand auf Arnolds +Schulter; er blickte überrascht empor. »Nun was treiben Sie?« fragte +sie, mit den Augen zwinkernd. + +Auf einmal, er wußte nicht, wie es kam, begann er zu erzählen. +Vielleicht war es der Trieb, sich aufzuschließen oder fühlte er das +Verlangen, seine Anwesenheit zu rechtfertigen. Er berichtete von der +Gewalttat, deren Opfer der Jude Elasser geworden und wie alle Mühe +vergebens gewesen war, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Deswegen habe +er sein Gut verlassen und sei in die Stadt gekommen. Er blickte jeden +der drei Zuhörer leuchtend an, als ob er überzeugt sei, daß sie sich +gleich ihm selbst für diese Sache entflammen würden. Er war in seiner +Weise beredt, und diese Beredsamkeit verschaffte ihm den Respekt jener +nichtigen Menschen. + +»Das ist ja riesig interessant«, rief Natalie aus, als er geendet. + +»Allerdings eine alte Geschichte, das mit dem Juden«, bemerkte Hyrtl +frostig. + +»An der Geschichte ist freilich nichts Neues,« erwiderte Natalie; »aber +daß er sich so dafür ins Zeug legt, ist doch interessant.« + +»Man müßte etwas dafür tun«, sagte Petra, die sich schämte. + +»Ich werde mit meinem Freund, dem Minister Schrott sprechen«, entgegnete +Hyrtl, indem er auf die Uhr blickte. + +»Dafür würde ich Ihnen sehr dankbar sein«, sagte Arnold warm. + +»Kommen Sie«, sagte Natalie. + +Er stand auf und folgte ihr. Er glaubte, sie wollte ihm etwas Wichtiges +mitteilen, indessen führte sie ihn zu ihrem Mann und sagte: »Da ist er.« +Und als Martin ein dummes Gesicht machte, fügte sie feierlich hinzu: +»Herr Ansorge, der Neffe von Borromeo.« + +Martin schnalzte mit der Zunge, legte seinen Arm sogleich in den +Arnolds, steckte ein Kaviarbrot in den Mund und sagte kauend: »Ist es +wahr, daß Sie bis jetzt in einer Höhle gelebt haben? Alle Welt erzählt +davon.« + +Arnold sah den Mann überrascht an und wußte nicht, was er aus ihm machen +sollte. Er bückte sich, um eine Nadel aufzuheben, die im Teppich +blitzte, dann ging er zur Türe, verließ den Raum und suchte draußen +seinen Mantel. Im Treppenhaus atmete er tief die kühle Luft ein. Unten +im Flur überholte er Emerich Hyrtl, der vor ihm gegangen war und sich +nun mit einem gedrehten, mühsam elastischen Schritt gegen die Straße +bewegte, wo sein Wagen wartete. Die Figur dieses Mannes war auffallend; +es schien, als säße auf künstlichen Beinen ein hölzerner Rumpf. Auch der +Kopf schien mit Kunst in die Schultern eingedreht, und der allzukurze +Hals verschwand im Pelz des Mantels. In allen Bewegungen, in jedem Blick +lag drückende Langeweile und trostlose Ruhe. + +»Kann ich Sie irgendwohin fahren, Herr Ansorge?« fragte er höflich und +wohlwollend. Er schritt zu den Pferden, patschte den Tieren auf die +Lenden, und die Eitelkeit eines Knaben zeigte sich auf seinem Gesicht. + +Arnold verfolgte das Gebaren Hyrtls mit großen Augen. Er empfand +plötzlich Neugier, den Mann von innen zu sehen, oder doch ohne Kleider, +vielleicht schlafend, jedenfalls aber wenn er sich allein glaubte. + +»Wie kommen Sie eigentlich zu Osterburgs?« fragte Hyrtl. Er hatte den +Wagenschlag geöffnet, stellte einen Fuß auf das Trittbrett und zündete +eine Zigarette an. »Es ist eine ganz interessante Familie«, fuhr er +fort, ohne sich an Arnolds Schweigen zu kehren. »Das was Sie oben sehen, +ist alles Maskerade. Die Leute sind verschuldet vom Boden bis in den +Keller. Hinter den Möbeln und Bildern hängen die Pfändungssiegel. Die +Stühle, worauf sie sitzen, gehören ihnen nicht. Jede Tasse Tee, die wir +oben trinken, ist sozusagen von andrer Leute Geld gekocht. Natalie +betrügt ihren Mann und Osterburg betrügt seine Frau. Es ist alles +Schwindel, was Sie da sehen, eine Lotterwirtschaft ohnegleichen. Nur +Petra, das ist eine famose Person, ein ganz besondres Mädchen. Na, +adieu, leben Sie wohl.« + +Er reichte Arnold die Hand, stieg ein und gab mit eleganter Bewegung dem +Kutscher das Zeichen, zu fahren. + +Arnold war wie vor den Kopf geschlagen. Nach kurzem Überlegen beschloß +er, von neuem hinaufzugehen und zu sehen. Seltsam! Er wollte sehen, was +dort an den Mauern klebte, womit die Gesichter getüncht waren; er +erschien sich in wichtiger Angelegenheit hintergangen und wollte sich +nun Wahrheit holen. + +Er eilte die Stufen empor, läutete, warf seinen Mantel auf einen Berg +von andern Mänteln und trat mit suchendem Gesicht in die +Gesellschaftsräume. Zwischen Köpfen und Schultern sah er Natalie wie +durch eine Mauerspalte. Sie gewahrte ihn und lächelte ihm zu wie einem +vertrauten Freund. Sein Gehen und Wiederkommen hatte sie nicht bemerkt. +Arnold suchte näher zu ihr zu gelangen, und plötzlich vernahm er ihre +Stimme hinter sich. »Denken Sie nur, was ich soeben höre,« sagte sie mit +einem vor Erstaunen jauchzenden Lachen zu einer Dame; »Hanka hat sich +verheiratet ...« + +Arnold drehte sich um. Er konnte in ihrem Gesicht nichts gewahren als +Jubel, Liebenswürdigkeit und Vergnügen. Nein, der Mensch da drunten muß +gelogen haben, dachte er. + + + + +Fünfundzwanzigstes Kapitel + + +Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier +zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll +Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen. +Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten +sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron +Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu +einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine +Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und +wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung +dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher +Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit +zu verbergen wünscht. + +»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold +zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und +ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen +Landstrich in Amerika anzukaufen ...« + +Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen +Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit +fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen, +Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das? +Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große +Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne +daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies +überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand +gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es +feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen +freundlich und leer. + +Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie +nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen +gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen +Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie +doch, -- bitte!« + +Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor +Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher +den Einfall gehabt, Arnold zu fragen. + +Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er +einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise +den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte +ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie +sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.« + +Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den +Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch! +Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor +Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne +Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit +für sich aufgezogen.« + +»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus +mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.« + +Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie +Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach. +Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie +erhoben sich nun und gingen hinaus. + +»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie +sogleich. + +Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl' ich Ihnen«, antwortete er +grob. + +Natalie sah ihn entsetzt an. + +Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die +ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich +hab' auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht +reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?« + +Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen +Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn +ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?« + +Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch +ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es +nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig. + +Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und +verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten +Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst +zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit +benutzen. + +»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und +unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir +würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.« + +Arnold verabschiedete sich und ging. + +Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben, +Arnold?« fragte Anna Borromeo. + +Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die +Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.« + +Frau Anna lachte. + +Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man +sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht +lassen, bis sie zertreten sind.« + +Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen +Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an, +ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch +gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er +das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch +eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er +einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem +Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall +wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden. + + + + +Sechsundzwanzigstes Kapitel + + +Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit +seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach +Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in +der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin +vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen. +Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka +in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen +Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen +Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie +endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte +sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als +läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den +Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein +Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt +vergessen. + +Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in +der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den +Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und +nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu +und sah die Zukunft klar. + +Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und +um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr +Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter +beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie +sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde +ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz +ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb +für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität. +Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering +und die Art seines Geistes war ihr unbekannt. + +Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten, +suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte +er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er +sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber +zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken. + +Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit +erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu +springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die +Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht. +Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das +eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen? +Wo ist Ihre Frau?« + +»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka +humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.« + +Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist, +wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen +bestätigt fand. + +Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie +nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas +Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und +das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas +Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte +Petra den erstaunten Hanka auf. + +Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf +Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm +nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas +heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor +diesem Menschen. + +»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich +dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.« +Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit +für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie +gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu +betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide +konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch +betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht. +Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller +Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den +Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und +Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold. + +Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie +bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf. + +»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie +heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.« + +Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun +am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der +stille Mann fing an, ihm zu gefallen. + +»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße. + +Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie, +Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander. + +Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch +eine Donquichoterie.« + +»Was heißt das?« + +»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen +Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens, +ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der +Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden +sollte. + +Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt +war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten +Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk. + +Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl +und blickte regungslos an die Decke. + +»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich. + +Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid +strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.« + +Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und +hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den +ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete +sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite +im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er +umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang +Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka +mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig, +sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner +Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische +Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran, +sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach +Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war +formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer +Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht +selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke +gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen, +erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen +aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im +Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte +ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte +sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von +Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie +wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos +blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag +ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum +Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich +sehen. + +Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht +möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand +des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach +Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine +Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am +schnellsten entdecken. + +In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische +Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann +stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien +ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken +verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln +Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war +feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen +bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren +verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter, +um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und +hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn +preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,« +flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst +du?« + +Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier +gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«, +sagte sie. + +Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit +entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen, +aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte +Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als +das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind, +das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung +von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft, +das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals. + + + + +Siebenundzwanzigstes Kapitel + + +Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl +und Pottgießer bei Anna Borromeo. + +Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent +war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer +großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte +und lud Arnold ein. + +Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit +heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen +eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für +dich, Arnold.« + +»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres +Bezirks dazu veranlaßt.« + +Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an. + +»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem +sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da +hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte +selber austragen.« + +»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn +von oben bis unten. »Gestern erst hat mir's jemand erzählt, zufällig.« + +Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die +Lippen. + +»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte +innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte +halb spöttisch, halb verlegen. + +Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in +der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher +Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde +zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als +diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte +freundschaftlich. Er versprach, zu kommen. + +Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des +Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen, +auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der +Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des +Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den +Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese +Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des +Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des +Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses +verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die +Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes, +das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also +besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen. +Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der +Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam +wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald +nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm, +der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich, +gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu +lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die +Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht +auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer +zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die +eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er +sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes +Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern +und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges +Wort gar nicht mehr herausdrang. + +Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte, +und es wurde von etwas anderm gesprochen. + +Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust, +hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja +heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem +ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte. + +Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge +hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo +plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit +gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!« +rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne +waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in +das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte +unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über +Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll +Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein +Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße +dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung. + +Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo +rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein +weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde +fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen. +Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit +dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«, +begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen +Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor +und sah ihn erwartungsvoll an. + +»Was ist es?« fragte Arnold. + +Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich +aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen +Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das +bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du +nicht Platz?« + +Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich +wissen, was es ist«, sagte er kühl. + +»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm +starr in die Augen. + +»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel +hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.« + +»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert. +Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein +Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir's zurückgeben.« + +»Ah so!« sagte Arnold. + +»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort. +Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und +ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße +Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob +er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die +Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb. + +Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem +Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf +einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft. + + + + +Achtundzwanzigstes Kapitel + + +Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten +die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und +Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht +und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis +verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg +fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse +Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern +Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im +fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die +Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das +Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein +unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab, +um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu +vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in +dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben +scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so +geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien +leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er +vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine +fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte. + +Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das +Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch +wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr +ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen +vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen +abfragte. + +Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu +pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun +in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte +abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung; +oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine +Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er +wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur +Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden. +Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel +gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre +natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich +sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er +überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen, +der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet. + +Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei +Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der +Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts. + +Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig +rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald +das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte +er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang +zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er +nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit +benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst, +weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen +Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes +empfunden hatte. + +»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen +Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen +Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch +leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.« + +Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch' das nicht,« erwiderte er +abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les' ich nicht. +In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.« + +Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er. + +»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold. + +»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich +sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt, +von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe +träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.« + +»Ja, das haben Sie immer behauptet.« + +»Und finden Sie das nicht?« + +»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.« + +»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet +aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier, +Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen +Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum +Minister bringen.« + +Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold. + +Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen; +er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu. + +Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten +Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß +es gut gehen. + +Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold +am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend +stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn +ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben. + +Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer +seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna +saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr +das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen. + +»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft. +»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein +und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. + +»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu +Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor. + +»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß +zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,« +fügte sie kalt hinzu. + +Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er +stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe. + +»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd. + +Der Doktor bejahte. + +»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr +sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas +anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe +nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen +versteht.« + +Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann +langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe +keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich +an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht +mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen +Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf +etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.« + +Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen, +daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war +anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist +das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so +erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere +Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht +den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und +schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen. +Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er +nichts, was mir imponiert?« + +Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der +Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu +leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete. + +»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab. + +»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna. +»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.« + +Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er +sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde, +worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von +nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er +würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose +Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu +erwarten, was die Natur in ihm erschafft --« + +Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit +einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das +Zimmer. + +Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie +beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam +auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten. + +Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit. +Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so +hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen +nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände, +Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle. + +Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem +Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war +bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und +bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden, +schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie, +jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau, +sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für +unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde +der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten +und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist +beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm, +geboren zu werden. + +Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung. + +Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, -- ist es nicht +unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster +gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden. +Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige +Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen +Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt. +»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und +Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem +Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen +erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie. + +Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie +mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte. +Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und +Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich +selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie +genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht +einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß +sie nur die Lippen öffnen brauchte. + +Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr. +Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz +bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah +Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß +sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit, +sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge +biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine +Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte +Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so +vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck +gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn, +und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander +gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen +war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden +mußte. + + + + +Neunundzwanzigstes Kapitel + + +Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen +Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen +für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik. + +»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück +auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte +sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten. + +Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht. +Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in +ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte +sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren +Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen +Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht +mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in +verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut +geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.« + +Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches +umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte +unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit, +die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich +erwerben.« + +Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und +antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer +bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und +da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort: +»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder +hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit +mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn +Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.« + +Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein, +dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar +tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck +nicht wieder zu versetzen. + +»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich +ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.« + +Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als +wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,« +sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern +aber ...« + +»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das +vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun, +und in der andern?« + +»Etwas Giftiges.« + +Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft, +Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.« + +Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit +langen, weißen Haaren. + +Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein +Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein +phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der +Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage +zu reden.« + +Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der +Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor. +Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz. + +»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato +gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann +sagen. »Fabelhaft? was?« + +»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite. + +»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat +sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.« + +Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem +Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies +wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu +fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine +Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller +Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien, +Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten +eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher +wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung. + +Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt. +Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte +sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete +er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer +mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging +von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele +dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und +Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen +eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag +eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den +Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz. + +Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann, +verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten +Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein +junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald +in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde +die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen +stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer +Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter +Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der +in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles +Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken +Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des +Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde +geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten +und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte +Arnold, das gefällt mir. + +Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte, +hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich +vor und drückte beide Hände an die Augen. + +»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer +Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.« + +»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid +alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.« + +Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit +forschend ins Gesicht. + + + + +Dreißigstes Kapitel + + +Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen +ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes +geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente +durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte +ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche +größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er +verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse +und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er +den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm. +Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde +erbärmliches Dasein fortzuführen. + +Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit +und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses +Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein +jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit +bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen +gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam, +hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und +er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden +als Darlehen. + +Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus +der Karaffe, ohne jedoch zu trinken. + +Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht. + +Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein +Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd. + +Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen +will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es +erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und +Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische +Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus +Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und +trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen +einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen +zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an +einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der +Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was +mit ihm vorgeht. + +Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der +Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum +erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen +tiefen Eindruck gewonnen. + +Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon +großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die +zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann. +»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte +einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold +auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten +Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas +gönnerhaft. + +»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold. + +»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt. + +»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch +zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er +durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht +wahr, ist lauter verlogenes Zeug.« + +»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und +nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine +ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele +krank oder angefault ist.« + +»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen +Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das +zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?« + +Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm, +schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze +zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die +vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine +Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen +Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid, +welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern, +Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende +Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu +freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu +Wand, von Gesicht zu Gesicht. + +»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch +gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen +und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater. + +»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was, +Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch +einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns +essen ...« + +»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen +kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt. + +Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka. + +Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden. +Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die +Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht +aus wie eine Prinzessin.« + +Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht +stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem +Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten. + + + + +Einunddreißigstes Kapitel + + +Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der +Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch +widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er +nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das +Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher +Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor +andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch +edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl +schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie +anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will +sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten. + +Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner +gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle +Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen +standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und +Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit +Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus +allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und +Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand +eine kleine, uralte Zimmerorgel. + +In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste +ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen +Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes +und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde +vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner +Gäste. + +Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen +Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er +spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden. + +Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich +möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer +russischen Studentin.« + +»Aus welchem Grund?« + +»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal +Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.« + +»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht. + +»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.« + +»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn' ich ja. Lebt die nicht mit +einem gewissen Tetzner?« + +»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.« + +Specht lachte. »Hat sie's Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was +heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.« + +»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist. +Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd' ich Sie morgen mit dem Wagen +abholen und wir fahren zu Verena.« + +Arnold nickte. + +»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt +machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er +hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft +haben als allein sein.« + +»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart. + +Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war +Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja +nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir +genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe, +in Gemütsruhe erledige.« + +»Was heißt das?« + +»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.« + +Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen +trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben +tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den +einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu +medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen +Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines +Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine +Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete +und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen +Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von +Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen +Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte +dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen +Feder nach. + +Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte +sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als +das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf. + + + + +Verena + + +Zweiunddreißigstes Kapitel + + +Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena +Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und +Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl +gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und +beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder. + +Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich +abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für +jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr +teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst +oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des +Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die +seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden +der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er +bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, -- +wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung +eines Freundes zu genießen. + +Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu +versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte. + +Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann +aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile, +bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er +das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben. + +Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß +ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien +ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den +Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem +Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein +kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine +Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte, +Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all +dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen +schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie +einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit +kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und +etwas ausländischer Betonung. + +»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,« +antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.« + +Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu +belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und +setzte sich ebenfalls. + +»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen +würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will +einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt +wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.« + +Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das +auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es +wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch +geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade +hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit, +sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in +mein Leben aufnehmen.« + +Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,« +entgegnete er schnell. + +Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde +gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich +in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem +Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige +Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den +Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen. + +»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold. + +»Medizin.« + +»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man +greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die +Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und +aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.« + +Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von +Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme. +»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne +innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich's.« + +Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde +hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit +Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu +öffnen. + +Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr +Tetzner, Herr Ansorge.« + +Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und +außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken +Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen +schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung +schier eine kanariengelbe Farbe zeigte. + +Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an +und lachte gutmütig. + +Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand +und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie +wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches. + + + + +Dreiunddreißigstes Kapitel + + +Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren +bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft +bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die +Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch +ausnutzbaren Ziel zuzusteuern. + +Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien. + +Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis +zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu +erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der +Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen +Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er +hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds +bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft +wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere +Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den +Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache +keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien +schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht +hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich. + +Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und +Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln +in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine +Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es +treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und +düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur +Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds +paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war +die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn +oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre +Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein, +und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern +verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises +seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener. +Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser +dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor +ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder +troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer +Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als +abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden, +das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu +treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei +der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben +jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm +ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.« + +Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der +keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die +übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein +ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als +etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr +zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit, +die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat. + +Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine +geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die +schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in +Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein +zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er +begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit +den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten. + +Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten +Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn +Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede +darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine +Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich +Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es +Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für +ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau +wie Verenas Hals und Hände. + +Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte +Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da +hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat. +Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die +Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und +sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß +Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen +hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an +Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao +gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es +ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich -- Sie begreifen, Arnold, -- +meine Ehre --« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes +Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen. + +Arnold schüttelte den Kopf. »Nein, lieber Specht,« sagte er, »nein.« + +Maxim Specht nahm langsam den Hut vom Kopf, griff nach seinem seidenen +Taschentuch und wischte die feuchte, runde Stirn. »Sie wollen grausam +sein, Liebster,« flüsterte er mit gezwungenem Lächeln und einem Versuch, +liebenswürdig-beredt zu erscheinen, »aber man straft sich selbst, wenn +man seine Freunde verläßt. Sie sind reich genug, um dieses Sümmchen +durch die Finger zu blasen, ich aber --,« er wollte nach der Uhr sehen, +zog aber die Hand zurück -- »wenn ich bis Abend nicht zahle, kann mir nur +noch eine Pistole kaufen.« Er schob den Zeigefinger hinter den Kragen +und fuhr damit um den Hals. + +»Das sind nichtswürdige Dinge, die Sie da vorbringen,« antwortete +Arnold. »Es ist so wenig Verstand darin, daß ich gar nicht anfangen mag, +Ihnen Widerspruch zu halten. Wenn man spielt, kann man doch nicht mehr +verspielen, als man hat. Das wäre nicht ehrenhaft und könnte keine +Ehrenschuld sein. Ich, lieber Specht, das sage ich Ihnen, will nicht +Geld an Ihre Stiefelsohlen hängen, damit es auf der Straße liegt. Ich +glaube nämlich, mit Geld muß man Edles beginnen, damit es edel wird.« + +»Ach Liebster, machen Sie doch nicht in meiner kleinen Misere den +Reformator,« klagte Specht mit einer müden Kopfbewegung, während seine +Augen halb gehässig, halb verzweifelt blitzten. »Ich muß nun doch für +das Geschehene einstehen. Theorien sind gut für das Kommende. Sie sollen +mir nichts schenken. Ich lasse mir nichts schenken. Warten Sie nur, bis +meine Zeit anbricht; ich habe Wurzel gefaßt, ich werde auch Früchte +tragen.« + +Arnold schämte sich für Specht, denn sein praktischer Sinn nahm diese +Reden mit Verachtung auf. Ein spöttisches Lächeln lag um Spechts Lippen, +offenbar nur durch den Wunsch erzeugt, nicht allzu klein zu werden und +nicht gar zu mürbe zu erscheinen. + +»Gut,« sagte Arnold endlich mit einer freundlichen, jedoch +nachdenklichen Miene, »ich darf Sie nicht belehren, und wenn Sie auf +mich rechnen, muß ich vielleicht die Rechnung anerkennen. Gut, ich will +Ihnen also das Geld geben.« + +Spechts Gesicht wurde erst glühend rot, dann blaß. »Sind Sie nicht ein +wenig ungerecht gegen mich?« fragte er mit einem fast sichtbaren +Aufatmen der Erleichterung. »Hätten wir nicht Grund und Fähigkeit genug, +uns gegenseitig anzuschließen, statt uns abzuwetzen? Wo Süßigkeit sein +sollte, ist immer Schärfe.« Aufstehend und sich verabschiedend, fügte er +hinzu: »Wir beide sind übermorgen abend bei Hankas eingeladen. Hankas +reisen noch in dieser Woche ab. Ich hoffe, wir werden uns draußen +sehen.« + +Arnold machte sich wieder an die Arbeit. Er ging bald zu Bett und stand +in der frühesten Frühe auf. Auch dieser Tag ging mit Arbeit hin. Eine +wunderbare Unermüdlichkeit war in ihm entstanden, denn wer täglich +frische Klarheit über das Notwendige erwirbt, muß täglich über seine +frischen Kräfte verfügen. + +Am Abend trieb ihn die Begierde nach guter Luft aus dem Haus. Kaum war +er um die nächste Straßenecke gebogen, so sah er vor sich eine große +Ansammlung von Wagen, die sich gestaut hatten, da der Weg durch ein +umgestürztes Frachtfuhrwerk gesperrt war. Plötzlich gewahrte er in einem +der eleganten Fiaker Beate Hanka. Ihr lachendes Gesicht war von der +Abendröte beschienen, und ihre mutwillige Hand hatte den Vorhang des +Wagens zurückgeschoben. Mit aufgeregter Neugier spähte sie nach dem +Hindernis, und Arnold war sehr überrascht, als er an ihrer Seite nicht +Hanka, sondern Maxim Specht gewahrte. Er hatte nicht Zeit, näher +hinzuschauen, denn schnell fiel der Vorhang wieder über das Fenster. + + + + +Vierunddreißigstes Kapitel + + +Indem Arnold weiterging, fiel ihm dieses Zusammentreffen schwer aufs +Herz. + +Ihm wäre es durchaus nicht auffallend erschienen, Specht und Beate so +vertraut beisammen zu sehen, hätte er nicht gewußt, wie die beiden +auseinandergegangen waren. Es beschlich ihn etwas Dunkles, und er mußte +stehen bleiben, um seine Überlegungen zu sammeln. Hankas trockene und +gerade Art wurde ihm gegenwärtig, ebenso wie Beates schlüpfriges Wesen. +Er fand sich aufs wunderlichste für eine Sache verantwortlich, die ihn +mit Ahnungen von Trug und Geheimnis beschäftigte; mit schmerzlichem Zorn +dachte er an Hanka, wenn er in ihm einen Mann sehen sollte, in dessen +Leben keine Wahrheit floß. Wie er sich auch stellen mochte, nichts +konnte ihn seiner Unruhe entreißen. Die Furcht des Irrtums ließ ihm +seinen Zweifel ungeheuerlich erscheinen, und er beschloß irgendwie zu +handeln. + +Als er nach Hause kam, fand er einen Brief von Natalie, worin sie ihn +bat, er möge gleich zu ihr kommen, sie wünsche ihn dringend zu sprechen. + +Er ging hin. + +Natalie war aufs eifrigste mit dem Packen von Koffern beschäftigt. »Wir +ziehen morgen aufs Land,« sagte sie und sah sich mit lachender +Verzweiflung nach einem Stuhl um; überall lagen Kleider und Wäsche. »Es +ist schon ein wenig spät im Jahr, aber ich freu' mich riesig auf Wälder, +Wiesen und Luft. Petra ist heut bei Mama. Mama ist krank, wird aber +jedenfalls reisen, denk' ich. Werden Sie uns nicht besuchen im Gebirg? +Das wäre märchenhaft. Hier, setzen Sie sich auf den Hutkoffer. Die +Kinder sind schon zu Bett. Denken Sie nur, was Helenchen heute zu ihrem +Vater sagte. Papa, sagte sie, ich kann gar nicht begreifen, daß du dich +bei Mama langweilst. Wie finden Sie das? Herrlich, nicht? Nun, wenn die +Väter so klug wären wie ihre Kinder, würden sie keine haben.« + +Arnold nahm Platz und fragte Natalie, weshalb sie ihn gerufen. + +Natalie erblaßte, griff sich an die Stirn und murmelte: »Ach so! +richtig!« Dann legte sie ihre Hand auf seine Schulter und fragte mit +tragischer Betonung: »Sind Sie ein Freund? Sind Sie ein wahrer Freund?« + +Arnold blickte sie mißtrauisch an und schwieg. Auf einmal begann sie zu +schluchzen. Arnold rührte sich nicht. Eine schöne Geschichte, dachte er +und runzelte die Stirn. + +»Nein, ich kann nicht, ich kann nicht,« stöhnte Natalie, schlug die Hand +vor das Gesicht und schielte durch die gespreizten Finger nach Arnold. + +»Also was ist denn los?« fuhr Arnold ärgerlich heraus. + +»Ich kann nicht,« wiederholte Natalie mit herzbrechendem Ton, fuhr aber +sogleich fort: »Es handelt sich um eine Bürgschaft, lieber Freund. Mein +Mann hat wieder einmal eine kolossale Dummheit gemacht. Wir sollen +morgen dreitausend Gulden bezahlen und haben nicht hundert im Haus. +Nächste Woche erwartet Osterburg große Summen aus Amerika. Helfen Sie +mir. Ich will es Ihnen ewig danken. Ich schwöre Ihnen beim Leben meiner +Kinder, daß Sie alles zurückerhalten sollen. Zeigen Sie mir, daß ich +einen Menschen in Ihnen gefunden habe. Ich bin ja so unglücklich!« Und +sie schluchzte weiter. + +Herrgott, dachte Arnold, für die Leute ist man ja der reine Geldsack. Er +war nicht im mindesten ergriffen, im Gegenteil, alles das erschien ihm +sinnlos und widerwärtig. + +»Ich werde Ihnen morgen früh eine Anweisung schicken,« sagte er kalt. +»Aber schwören Sie nicht solche dumme Schwüre.« + +Es fehlte nicht viel, und Natalie hätte ihn umarmt. Sie hatte eigentlich +nicht daran geglaubt und vergoß nun echte Tränen. Dennoch bereute sie, +daß sie nicht um tausend Gulden mehr verlangt hatte. + +Ihre verworrenen und überschwenglichen Danksagungen waren Arnold +unbequem. »Hören Sie einmal zu, Frau Natalie,« unterbrach er sie, »warum +glauben Sie eigentlich, daß zwischen Hanka und Beate keine Ehrlichkeit +besteht?« + +Natalie starrte ihm erstaunt ins Gesicht, dann schlug sie die Hände +zusammen und setzte sich ihm gegenüber auf einen aufgerollten Teppich. +»Ich?« erwiderte sie halb bestürzt, halb belustigt, »ich hätte so etwas +gesagt? Wann denn?« + +»Sie haben es gesagt,« beharrte Arnold. »Wie ich das erstemal bei Ihnen +war und wir von der Verheiratung Hankas gesprochen haben --« + +»Ach so! Das meinen Sie! Warum? was ist denn geschehen?« + +»Ich möchte nicht mehr darüber sagen,« antwortete Arnold. »Aber weil wir +so darüber sprechen und denken, gerade so und nicht anders und weil +wahrscheinlich auch andere Menschen glauben, daß der Doktor Hanka nicht +weiß, wie es die Beate seinerzeit in Podolin getrieben hat, so fragt es +sich, ob man dem Mann nicht reinen Wein einschenken muß.« + +Natalies Stirn legte sich in bedächtige Falten und mit +niedergeschlagenen Augen drehte sie ihren Ring am Finger rundum. »Ich +verstehe nicht,« sagte sie aufgeregt. »Was wissen Sie denn? Erzählen Sie +doch.« + +»Erzählt wird nichts. Ich frage nur: soll man dem Doktor Hanka sagen, +mit deiner Frau steht es so und so, du scheinst nichts davon zu +wissen --« + +»Was für verdrehte Ideen!« rief Natalie aus. »Und wenn er Sie dann vor +die Tür setzt? Was dann? Wer sagt Ihnen denn, daß er nichts weiß?« + +»Das ist klar. Weil die Beate nicht so wäre wie sie ist, wenn er was +wüßte. Und weil sie überhaupt ein Lügenbeutel ist.« + +»Aber das alles ist mir ja riesig interessant,« flüsterte Natalie und +sah Arnold mit naivem Entsetzen an. »Machen Sie nur keine Dummheiten, +ich bitte Sie. Glauben Sie denn, daß die Welt auf Wahrheit gestellt +ist? Das ist ja Unsinn. Wenn das wäre, müßten wir ja allesamt ins +Gefängnis oder Gott weiß wohin wandern.« + +In diesem Augenblick kam Osterburg, erhitzt und wichtig, wie von großen +Erlebnissen strahlend. Mit einer Mischung von Vertraulichkeit und +Leutseligkeit schüttelte er Arnolds Hand und sagte sofort, als ob er +sich seit Wochen mit diesem Plan beschäftigt hätte: »Herr Ansorge, Sie +müssen heiraten. Ich habe ein wunderbares Mädchen für Sie, ohne Spaß, +mein Ehrenwort. Nicht reich, nicht arm, aber was man so sagt, +intelligent. Unter uns, eine famose Person. Grundsätze, Ideale, wie das +heute so üblich ist.« Breitbeinig stand er da, sah verständnisinnig aus, +schmatzte mit den Lippen und fächelte sich mit dem Taschentuch Kühlung +zu. Natalie sah ihn voll Schrecken und Staunen an. + +»Das einzige Hindernis wäre,« fuhr er fort, »daß sie eine Jüdin ist. +Aber Sie sind ja sozusagen ein aufgeklärter Geist.« Er ging mit +großartigen Schritten herum und fuchtelte mit den Armen. »Was geht uns +überhaupt diese Geschichte an, die da vor zweitausend Jahren passiert +sein soll? Wir sind alle Menschen, alle sind wir Brüder. Wenn wir auch +Christen sind, Gott ist der Herr. Mein Ehrenwort, das ist meine Meinung, +Herr Ansorge.« Diese letzten Worte schrie er beinahe zum Fenster hinaus. + +»Bist du betrunken?« fragte Natalie mit eisiger Ruhe. + +Osterburg wurde plötzlich kleinlaut. »Ach, ach,« seufzte er, »früher +war ich so geistreich; erst seit zwei Jahren bin ich so stupid +geworden.« + +Arnold verabschiedete sich. In diesem Hause umfing ihn stets eine Luft +von seltsamer Wesenlosigkeit, ein Gewebe abenteuerlicher und zweckloser +Reden, ein grundloses Auf und Ab von Lachen und Trauer, von Eifer und +Leerheit, von Wichtigkeit und Bodenlosigkeit. + +Am nächsten Tag fand sich der junge Mann ein, den Verena zu schicken +versprochen hatte. Er hieß Wolmut und war ein zarter Mensch von +bürschchenhaftem Ansehen, mit rosigem Kindergesicht und ernsten, klugen +Augen. Seine Redeweise hatte etwas Nüchtern-Belehrendes, sein Betragen +war gewandt und kühl, aber Arnold spürte sofort, daß dies der ihm +notwendige Helfer sei. Was er vor allem aus dem kleinen blonden Mann +dunkel herausfand, war eine gewisse Ehrlichkeit und Zartheit; er fühlte +die Gegenwart einer tüchtigen und klaren Natur. So sah er sich mit +Vergnügen am Eingang einer arbeitsreichen Epoche, und als von Hankas +eine schriftliche Ermahnung kam, er möge den heutigen Abend nicht +vergessen, da war für ihn beschlossen, nicht hinzugehen. Wozu das Trübe +suchen? dachte er; im schlammigen Wasser steckt kein Fisch. Als er sich +nachmittags hinsetzte, um durch eine Karte sein Nichtkommen zu melden, +ward es jedoch anders. Mit seinen groben Federzügen schrieb er Anrede +und Anfangsworte und legte langsam den Halter auf den Tisch zurück. +Ernst und fragend tauchte Alexander Hankas Gesicht vor ihm empor. + +Es war ein heißer Tag, Arnold wurde gelähmt durch die brütende, +staubige Stadthitze. Die Sonne leuchtete nicht, sondern glomm in einem +Dunstnest. Nach Tisch ging Arnold aus, aber auf der Straße war es noch +übler als im Zimmer, und er wollte schon umkehren, da zog es ihn +plötzlich nach einer ganz andern Richtung, und er beschloß, Verena +Hoffmann aufzusuchen. + +Er läutete einige Male an der Tür und niemand rührte sich drinnen. Als +er sich enttäuscht zur Treppe wandte, kam Verena von unten herauf. Am +Fuß der letzten Stiege gewahrte sie ihn schon, blieb einen Augenblick +stehen und lächelte empor. Sie trug ein weißes Leinwandkleid mit +schwarzem Band um den Hals und um die Taille. Sie reichte ihm die Hand, +deren festen Druck er fest erwiderte, dann schloß sie auf, ging voran, +warf ohne sonderliche Verlegenheit eine Wolldecke über das noch +ungemachte Bett, brachte Streuzucker und eine Art Sodawasser bei und +beide nahmen an einem Tisch beim Fenster Platz. Von hier war ein weiter +Blick in die Nachbarhöfe und Verena sagte, indem sie hinausdeutete: +»Zweihundertfünfzig Fenster.« + +Arnold nickte. »Auf wie viele Menschen kommt da ein Fenster?« erwiderte +er. + +Verena sagte, sie freue sich, daß er gekommen sei. + +»Was hat Ihnen denn Hyrtl eigentlich von mir erzählt?« fragte Arnold +neugierig. + +»Es ist die Geschichte mit dem Judenmädchen. Ist es wahr, war das +wirklich der Anlaß für Sie, Ihre Heimat zu verlassen?« + +»Ja, das ist wahr,« murmelte er. »Aber ich habe bis jetzt nichts +erreicht, gar nichts. Es ist schändlich.« + +»Kennen Sie das Mädchen näher?« + +»Die Jutta Elasser? Ich habe sie einmal im Leben gesehen. Ein häßliches +kleines Ding.« + +Verena sah ihn aufmerksam an. Es schien als ob diese Antwort erst ein +tieferes Interesse für ihn erweckt hätte. Doch sprach sie nicht weiter +von der Sache und dafür war Arnold ihr dankbar. + +Sie saßen nun mindestens eine Viertelstunde schweigend beisammen. Arnold +staunte vor sich hin. Eine wunderbare Bewegung war in seiner Brust, und +er hatte das Gefühl, als überströmten ihn Wohlgerüche. + +»Ist Wolmut zu Ihnen gekommen?« fragte Verena endlich. + +»Ja, er ist gekommen.« + +»Finden Sie ihn sympathisch?« + +»Sehr sympathisch.« + +»Er ist einer der nützlichsten Menschen, die ich kenne; er wird es +sicher noch sehr weit bringen, das heißt, soweit man es in diesem +korrumpierten Land eben bringen kann.« + +»Weit bringen, das heißt, ein großes Amt bekommen?« + +»Ja, ungefähr.« + +»So weit werd' ich's wohl nie bringen.« + +»Kaum. Idealisten bringen es nicht zu hohen Ämtern.« + +»Idealisten? Das ist ein dummes Wort. Ich bin doch kein Schiller.« + +Verena lachte. »Aber die Idealisten können es noch weiter bringen als +zu hohen Ämtern.« + +»Ach, dann bin ich versöhnt.« + +»Ja, aber es gibt Gefahren.« + +»Gefahren?« + +»Die Idealisten dürfen sich nicht verpflichten. Sie dürfen keine +anspruchsvollen Freundschaften haben.« + +»Wieso? Sie meinen, daß man sparsam mit seinem Herzen sein muß.« + +»Vielleicht. Oder doch, daß man das Herz nicht verschwenden soll.« + +»Das scheint mir aber unmoralisch. Meiner Ansicht nach kann das Herz +nicht arm werden, soviel es auch gibt.« + +»Glauben Sie? Da sind Sie aber sehr auf dem Holzweg. Das Herz kann sich +nämlich auch irren und sogar verirren. Und wenn es sich einmal verirrt +hat, dann wird es aufgebraucht.« + +»Na na, und wenn? Dazu sind wir ja da. Man kann doch nicht eine +Rechenmaschine in die Brust hineinstellen.« + +»Aber wenn einer ein Ziel hat, dann muß er sein Herz bewahren, sonst ist +er nichts wert.« + +Plötzlich erhob sich Verena und sagte: »Ich muß gehen. Ich muß zu +Tetzner.« + +»Wie stehen Sie eigentlich zu Herrn Tetzner?« fragte Arnold rasch. + +Sie stutzte, runzelte die Stirn, antwortete aber nicht. + +Kaum hatten sie auf der Straße ein paar Schritte gemacht, als Tetzners +Kopf an einem ebenerdigen Fenster sichtbar wurde. »Wo steckst du, +Verena?« rief er; »nimm doch den Herrn mit herein. Junger Freund, hier +gibt es die seltensten Schnäpse der Welt und vieles andere, was sich +sonst nur auf der Tafel des Großkhans der Bucharei findet. Kommen Sie.« + +Arnold blickte hinauf und machte eine Grimasse. »Man hat schon wo anders +für mich gesorgt,« entgegnete er lachend, »aber vielleicht heben Sie mir +etwas auf.« + +»Bravo,« rief Tetzner und klatschte in die Hände. Verena warf einen +teilnehmenden, tiefen Blick auf Arnold, dessen Heiterkeit ihr sehr +gefiel. Fast ungestüm streckte sie ihm die Hand hin, als er ging. + + + + +Fünfunddreißigstes Kapitel + + +In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier +und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig +großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte +in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung +war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und +einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit +Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und +läßt auf sich warten.« + +Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr, +schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden +Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein +Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens +interessiert mich Ansorge viel mehr.« + +Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie. +»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang +ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du, +du schläfst bei Tag und Nacht.« + +Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast +du denn die Fahrkarten bestellt?« + +Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die +Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen +war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft +seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend +Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung +einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für +ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu +können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen. +Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie +hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre +immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm. +Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die +Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich +ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er +genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich +geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer +Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz +kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der +Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit +ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte. + +»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber +gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und +wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas +ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch. +Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch +den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf +und fragte Arnold, weshalb er so spät komme. + +»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte +Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt +gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau +Beate, aber es hat seinen Grund.« + +Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig. + +»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er +freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es +erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten. +Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er. + +Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber +bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor +Angst. + +»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die +auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.« + +Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach +dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin. + +Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu +beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in +ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem +hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht, +ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer. + +Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das +Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten +Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem +interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und +mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht +aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und +ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat +langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich +aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates, +anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu +verdächtig. + +Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat +sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich +habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je +etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber +Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie +nicht so geschwind wieder loslassen.« + +»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,« +erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch. + +»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns +wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse +auf den Teller. + +»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur +darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.« + +»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da +sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte +nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber +es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu +naiv dazu.« + +Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus +Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte +in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib. + +»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor +dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer +Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und +fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht, +ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist +für mich eher angenehm als verstimmend.« + +Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom +fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die +Teller. + +»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er +gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er +erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb +auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen +sah.« + +Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?« +fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang +und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin +zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem +unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich +vielleicht.« + +»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des +Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.« + +Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte +er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den +Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen +zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche +Blässe hervor. + +»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau +war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen +auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka +unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und +bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich's nicht +wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach +Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen +Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der +Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns +jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie +dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten +vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So +trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen +leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander +halten. Das ist alles.« + +Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht +beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines +Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein +Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei +es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen. +Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen +Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes, +geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg, +und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor. +Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein +Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe, +wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise --?« + +Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen +Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in +seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück, +als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf +den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder +daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und +wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an. +Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold +verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder +Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.« + +Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die +Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah +ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte +kalte Hand. + + + + +Sechsunddreißigstes Kapitel + + +Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun +weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken +zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold, +den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm +gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des +Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen +Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und +schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie +geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind, +dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen +Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte +noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch, +sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er +trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr. +Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen +bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er +selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll +Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel +berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert +Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer +schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also +blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter +Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte +nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu +studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder +eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand +verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll +ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den +Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte +er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden +sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese +Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm? +murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von +ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die +Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das +ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für +mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man +nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht +zusammenleben. + +Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in +welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren +und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und +schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf +ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn +fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus, +Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort. +»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht +antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit +ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie +verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine +Handtasche packen.« + +»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch +reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.« + +Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie +endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor, +brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes +sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und +Haß. + +Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in +gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in +welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt, +im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was +zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht, +was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur +wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich +alles weiß.« + +Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr +Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen +die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie +gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre +Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich +gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte +mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine +Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch, +das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz +zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu. + +Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und +drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine +Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie +setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es +liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie +möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und +gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich +lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen +entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell +biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch +etwas zu sagen?« + +Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue +Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus, +»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich +gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in +die Kissen. + +»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand +und so nach ihr hinschaute. + +Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender +Ausdruck. + +Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den +Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären +rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht +einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«, +bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon +verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen. + +Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend +ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm +und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern. +Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten +führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das +Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am +weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter +leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze +noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen +zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die +geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers +klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte +tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das +er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu +einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der +Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er +streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles +Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im +Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen. + + + + +Siebenunddreißigstes Kapitel + + +Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile +unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang, +kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser +zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als +den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines +alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich +nieder. + +Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus +dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war +als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes +jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein +Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und +entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus +getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung, +hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt, +eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten. +Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen? +War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche +oder war es Arnolds Irrtum? + +Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf, +nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die +Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei +mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg, +obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten +hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine +Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu +haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist +sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und +sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden +Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig +finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich +doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie +ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat, +zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie +liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht +war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber +wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein +Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt +es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt? + +Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja +auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen +kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen. +Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam, +vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das +wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der +Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf. + +Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen +Rausch nach Hause. + + + + +Achtunddreißigstes Kapitel + + +Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte +sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und +bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von +Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner +konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und +dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald +überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte +aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem +so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe +erschien. + +Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit +und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die +Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er +aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte. + +Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm +der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit +Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir +nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es +ist?« + +Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten +erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber +ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die +Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.« + +Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme. +Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und +wie sehr er ihm vertraute. + +Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis +erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung, +allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen +und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine +eigene ohne weiteres vervollkommnen könne. + +Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu +jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das +Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit +unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut +trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu +lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn, +jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu +übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut +gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit +jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte +er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der +Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem +dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und +rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den +Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den +Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der +Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an +geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen +Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte, +verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke +dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und +aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung. + +Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue +Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie +kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er +gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so +Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten. + +»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte +der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt, +aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre +unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine +Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht +erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.« + +Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«, +erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen. +Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen +selbst ausgeübt wird?« + +Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine +Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich +selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder +in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten +Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht +Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem +rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit, +als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen. + +»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich +will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke, +wird alles anders.« + +»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen +Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn +auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität. +Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.« + +Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig +aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir, +ich und Sie, glücklich werden?« + +Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch +einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird +wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie +oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen +nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute +sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn +überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme +statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.« + +Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn +zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten +Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und +ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur +vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit. + +Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm +vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen: +Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem +Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen +Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht +Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung, +sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der +Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe. + +Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in +ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen +beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie +sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut +setzte seine Ansicht über Askese auseinander. + +Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei +Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie +mit?« + +Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann +preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick +auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich +zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas +knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden +Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen +Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.« + +Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum +Konzertsaal. + +Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule +langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst +sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren +aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten +Herzens. + +Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht +zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und +heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht. + +Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße +nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir +nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines +vornehmen Restaurants. + +Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte +sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.« + +Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf +einmal mit veränderter Stimme. + +Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von +der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte. + +»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann +doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich +zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!« + +»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das +schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß +ich lebe.« + +Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden +und ergebenen Blick in die Augen. + +Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll +voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft +und dankbar fühlend. + +Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten +schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der +von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus. + +Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch +und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch +auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen +Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen +Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und +verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke +und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes, +ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog +und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine +griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts, +eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über +der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar. +Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur +zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit, +daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.« + +Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt. +Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber. + +»Was liest du?« fragte Verena. + +»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner. + +Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort +genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich +plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war. + +»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd +fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts +als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird +verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um +teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt +das Bild der Welt.« + +Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige +Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen, +was ich empfinde und empfinden soll.« + +Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf +Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er +in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er +sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit +veränderter, heiserer Stimme: + + »Wenn er bei einer Hochzeit ist, + Da sollt ihr sehen, wie er frißt; + Was er nicht frißt, das steckt er ein, + Das arme Dorfschulmeisterlein. + + Wenn er einmal gestorben ist, + Legt man ihn sicher auf den Mist. + Ach wer setzt einen Leichenstein + Dem armen Dorfschulmeisterlein.« + +Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und +entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man +ihn die Außentüre zuschlagen. + +Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist +finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie +sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging +auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete +jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als +umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich +war sie bemüht, sich ihm zu entwinden. + +»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im +innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und +Selbstanerbietung. + +Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre +Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die +Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und +geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich +weich. + +Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit +über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal +stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in +seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine +nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren. + + + + +Neununddreißigstes Kapitel + + +Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute +hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben +erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße, +gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes +Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen +bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an +einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in +Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was +er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und +Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht +günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die +Flut des Glückes. + +Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und +gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen +spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen +Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die +Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der +gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung +ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien. +Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für +ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie +fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen +Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu +entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu +spüren. Sie sah sich verfallen. + +Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des +Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde, +und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und +dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen +brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr +stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen, +die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr; +Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als +Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon +verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte +sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.« + +Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte. +»Wovon wollen Sie leben?« fragte er. + +Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«, +entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in +ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben, +Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich +nicht ganz entblößt.« + +In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine +Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst +in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber +eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum +gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht +zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb +Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den +Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen +Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie +selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht +müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich +nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur +nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten +und alles gehört Ihnen.« + +Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem +Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus +stehen. + +Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der +Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim. +Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem +fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn +hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte. +Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm; +getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und +erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein +seiner Gefühle auf festem Grunde hielt. + +Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht +verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von +Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena. +Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich +behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen +wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald +füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten +Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke, +Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute +und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle +warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht, +jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich +Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern +nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum +Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und +Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es +Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und +aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von +Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod +verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk +ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und +der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen +der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum, +-- aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber +Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte, +daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben +hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn +beschlich eine frevelhafte Sicherheit. + +Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden +Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe +aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend, +die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich +auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und +Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so +ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde. + +Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie +hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm +begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten +lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme. +»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde +Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu +lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.« + +»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein +Versorgungsstübchen in Podolin betteln.« + +Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit +kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte. + +Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück +begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art. +Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu +besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert +Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das +geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch +besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei. + +Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in +Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es +für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis +zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der +Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von +kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren +Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre +Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du +solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du +es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein +bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein +schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen. +Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog +schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach. + +Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte +Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau +König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold +eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß +alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte +Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra +spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder +beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte +kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag, +sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu +schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf +entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der +würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt +hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank +danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen +hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken. + +Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer +Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie +nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit +heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit +auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite. + +Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem +Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen +blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines +Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter +aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre, +zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere. + +»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen +Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.« + +Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch +nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten +reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er +begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei +war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen +Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt, +das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte +irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und +war sehr stolz darauf. + +Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke +und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser +Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab' es erst vor einer +Woche erfahren --, wissen Sie es?« + +»Was?« Arnold war verdutzt. + +»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich +Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie +Silbe für Silbe glauben wollen?« + +»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt +aussah. + +Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das +ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch +nichts? Seien Sie aufrichtig.« + +»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein, +»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit +verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen +Kartenreihen. + +»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und +sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit +dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort: +»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit +Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander +bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die +Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht +entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas --« + +Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die +Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit +mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn +sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie +glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich +selbst. + +Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch +dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte +sie ärgerlich. + +Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß +sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber +hinweg. + + + + +Vierzigstes Kapitel + + +Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der +Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den +Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu +ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß +die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen, +fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie +vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal +frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr +Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der +Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte. +Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die +Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie +sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem +blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz +aufführten. + +Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das +Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in +die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den +dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch +anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst +von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied, +beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von +oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen +ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und +schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines +Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er +hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt +gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in +welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand +und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine +Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks +zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte +Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena +so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er +ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte +ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei +Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte +schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd. +Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus -- nach nichts. Er +folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre +erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines +betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen +erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote +Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um +endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht. +Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit +Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig +geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu +bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie +die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für +sie etwas Elementares hatte. + +Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben, +erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas +Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie +versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich +zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt +lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den +gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich +heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr +Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum +Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der +unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine +dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend, +lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der +beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne +Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei +Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern +zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von +Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm +aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas +wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick. + +Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie +beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd +stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den +anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann. +Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben. +Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts +gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas +Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und +reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und +fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des +Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam. + +Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht, +als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte +bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach +Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis +zum Morgen. + +Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam +und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von +einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines +Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten, +schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie +hast du geschlafen? Wie geht es dir?« + +»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem +Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie +wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine +sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu +bemänteln. + +Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu +Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander +gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den +runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner +Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns +beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß +doch auch wissen, wohin man geht.« + +»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit +Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was +schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das +Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund +und man geht immer nur im Kreis.« + +»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena, +erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde +später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen +wollte. + +»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik, +vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend. + +Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus. +»Begreifst du es nun?« + +»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme. + +»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach, +Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich +verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in +blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der +Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht +Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es +ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum +Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens, +unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch +Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab' ich gefragt, +wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur +schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also +lebe und rette dich.« + +Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und +umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er +zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies +machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in +die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort. + +Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und +nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die +Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es +klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor +den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine +wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden, +fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein +Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder, +seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des +Gemüts kam über ihn. + +Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn +wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit +böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein. +Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht +aufzuheulen. + +Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je +verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im +Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er +wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu +bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem +Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es +schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild +auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig, +daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme +Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde +geöffnet. + +Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes +Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold +zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich +die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln +auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in +seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee +trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena --? Wie --?« Mit +geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand. + +Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und +unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe, +nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war, +der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide +Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena +verlegen und mitleidig. + +»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-, +Herzmüdigkeit.« + +Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der +Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und +da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und +auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie +fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden +Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund, +legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und +blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der +ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine +bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie +rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die +Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie +nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender +Begierde selbst zerstört. + +Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich +Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den +Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf +die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet. + + + + +Einundvierzigstes Kapitel + + +Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte +dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte +ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es +entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich +selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem +Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie. +Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg +eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr +Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum +Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren. + +In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem +Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm +Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und +er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein +Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand +Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold +offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und +er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie +durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen +überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball +veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die +Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel +größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor +den Kopf zu stoßen. + +Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine +Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu +überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die +Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie +empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische +Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen. +Doch was mochte ihn bewegen? + +Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold +machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr +treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen. +Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und +selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln, +wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war +überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und +faul zumute gewesen. + +Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb +ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra +ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste +aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.« + +»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht. + +»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch +gute Bücher verdorben.« + +»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit +dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei +zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst +du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur +ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter +Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß +selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß +die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne +herunterziehen können.« + +»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte +Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr. + +Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein +Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld +angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor +angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre +Hand fest. + +»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit +dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die +Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen +gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie +mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen +kannst.« + +Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du +denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?« + +»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete +Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes +Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben +aufhören, zu überlegen.« + +Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er +stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach +herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden +Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer +arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch +ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des +Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend, +daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da +sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen +von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der +Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold +gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging. + +Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer +herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun +furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig +zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und +Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals +so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in +die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich +selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn, +unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann. +Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich +selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es +doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein +Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für +immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier +Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht +fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter. + +Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber +schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden +und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem +Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die +Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß +kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich +mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete +Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit +machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so +früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er +sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig +sein, heute wollen wir hinaus --« Er stockte, als er ihr unschlüssiges +und müdes Gesicht sah, »-- hinaus aufs Land.« + +»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein +wichtiges Examen steht bevor ...« + +Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte +Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas +anderes wollen als ich.« + +»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise, +indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel +verzog. + +Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug +dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen, +was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das +bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam +emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde +gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn. + +»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer +seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du +aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das +ist schlecht ...« + +»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und +schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den +Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden. + +In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch +regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von +herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den +Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick +mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen +wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand +über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr +vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren +Mund fast sprengen wollte. + +Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit +brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er, +als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er +wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm +selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein +kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete +sich aufmerksam und lächelte zerstreut. + +Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang +nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen. +Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu +tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den +landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des +Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune +Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel, +helle Herden und weitgestreckte Ackergründe. + +Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde +es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen +nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte +Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie +immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.« + +Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was --?« fragte er, und die +weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig +riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl. +Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst. +Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann +würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um +nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.« + +Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen +Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse +zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast +besinnungslos. + +Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie's vollbracht. Er lief +wieder herab, ging zwei Häuser weiter, -- auch Tetzner war auf und davon, +und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten. +Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle. +Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer +vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der +eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält. + + + + +Alexander Hanka + + +Zweiundvierzigstes Kapitel + + +Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein +Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An +einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die +festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit +hinaus in die Vorstadt. + +»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den +nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal. +»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit +Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.« + +»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede +Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir +kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.« + +»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?« + +»Das weiß ich nicht.« + +»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen +gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich. + +Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im +Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun, +und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt +stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als +er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte +er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich +stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde. + +Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel, +aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich +war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und +eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig +war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen +Abwesenheit gerüstet habe. + +Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei +Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er +durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang +beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott +vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber +und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher +Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das +Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war, +wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich +alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit +widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte +Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit +beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene +Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide +zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den +Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten +aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten +und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien +zu haben.« + +Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete +Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst +im Himmel. + +Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor, +legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus, +als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt +nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich +der, wenn ich nachts das Licht auslösche.« + +Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen +wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte +und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle. +Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn +es dir recht ist.« + +»Gewiß.« + +Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim +zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum +fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten +Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.« + +Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren +Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues, +scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser +ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb +Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal +gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der +Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo +wartete, bis die Bahnhofshalle leer war. + +Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im +dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im +Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der +Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die +Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer +angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes +Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula +wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters +ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu +tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula +und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, -- nichts entging +ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der +ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder +Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf +nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn +in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von +Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte. + +Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm +er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube +war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten, +Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich +hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den +Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber +nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er +schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab. + + + + +Dreiundvierzigstes Kapitel + + +Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen +Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das +Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen +verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem +dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des +schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen. +Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise +Glucksen des Wassers in den Wiesen? + +Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war +überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte +lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen +den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens, +als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die +Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte +freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu +dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges +Kompliment. + +Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief, +verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die +Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie +eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem +Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein +einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken +an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten +erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes +Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes +überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht +erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden +würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem +Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen, +kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen, +stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt +war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus +Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.# + +Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein? +Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis +bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte: +schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche +Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche +allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er +sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner +inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr +verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr +und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm +zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die +Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige +Selbstprüfung vor. + +Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu +und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst +allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die +junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher +Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft +seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von +achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden +und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere +versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um +dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie +es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle. + +Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich +gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes +Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem, +zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus. + +Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um +Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe +eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung +verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold +wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener +Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob +das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er +selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich +gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des +Kubu?« fragte Arnold dagegen. + +Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus +Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu +sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht +übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß +bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen +Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und +fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach, +sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit +erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor +entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe +sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit +meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und +nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere +Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um +ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau +warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den +Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so +verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich +alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie +würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten +sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die +Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm +die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn +stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem +Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die +gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben. + +Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor +fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem +Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte: +»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei +Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut +und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern +verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn. +Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu. +Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen +sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm +geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu. +Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber +er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand +Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht +mitteilen konnte. + +Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen +und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen +Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum +und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren +Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte +bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja, +er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so +deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er +doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen +Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen +Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte. +Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte +sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener +Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold +empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit. + +Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich +zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei +solchem Wetter!« + +»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?« +fragte die Alte. + +»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist +ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues. +Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort, +zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen +möchte, der muß tanzen und springen.« + +»Aber wenn es regnet, wird's dort auch naß. Das ist kein Unterschied«, +sagte Ursula. + +Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte +er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze +haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.« + +Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man +erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.« + +Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und +würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer. +Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis +auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen, +denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme +Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls +herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse +Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude +streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen, +als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich +mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier +jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?« + +»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es +Ihnen?« + +»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche +muß man's treiben.« Er lachte. + +Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern +den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der +von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der +Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein +Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und +er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt. + +Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem +Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück. + + + + +Vierundvierzigstes Kapitel + + +Der folgende Tag war ein strahlender Frühlingstag. Der Himmel hatte die +Erde noch einer gründlichen Waschung unterzogen, bevor er ihr das +Frühlingskleid über die noch frierenden Schultern zog. Arnolds Laune +besserte sich; seine Wanderlust erwachte, und er schritt viele Stunden +lang auf bekannten und neuen Wegen. Wenn er irgendwo rastete oder in +einem Dorf bei Milch und Käse seinen Hunger stillte, zog er ein Buch aus +der Tasche, denn er konnte nicht lange Zeit hindurch müßig sitzen oder +liegen. Manchmal bemächtigte sich Ungeduld seiner Sinne. Die Einsamkeit +der Felder wurde ihm dann drückend und nichtssagend. Lästig erschienen +ihm die Bilder der Landschaft, die sanften, schattenvollen Täler, die +sich nicht tiefer senkten, als ein Teller unter seinen Rand, die +schmutzigen Bauernhöfe, das dürftige Gras der Wiesen, der unbequeme +Ostwind, die neugierigen Kinder in den Dörfern. Unruhe flammte in ihm +auf. + +Am Palmsonntag kehrte er durch Podolin nach Hause zurück. Noch hatte er +nicht den Hauptplatz erreicht, als jemand mit tiefer Stimme seinen Namen +rief. Er drehte sich um und sah Alexander Hanka auf sich zukommen. + +»Ich habe erst gestern gehört, daß Sie hier sind, und zwar durch den +Briefträger«, sagte Hanka und drückte Arnolds Hand mit Herzlichkeit und +Freude. Er schien größer, denn seine Gestalt war noch hagerer geworden, +sein Gesicht länger und farbloser; die schwarzen Augen hatten einen +Ausdruck vollkommenen Ernstes. + +Arnolds Freude, Hanka wiederzusehen, war nicht ganz frei von +Befangenheit. »Wo kommen Sie her?« fragte er. »Wo waren Sie solange?« + +»Ich war in Rom, Sizilien und Tunis«, berichtete Hanka, »und jetzt bin +ich hier, weil meine Schwester erkrankt ist.« + +»So? Was fehlt ihr denn?« + +Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.« + +»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?« + +Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«, +antwortete er. + +»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was +mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.« + +Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden +heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr +klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!« + +»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von +Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit +verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier +sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier +vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines +unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das +Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen +zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals +auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend, +sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu +meiden. + +»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die +Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht +hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war +geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem +Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug. +Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht. +Verzeihen Sie.« + +Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte +er stehen bleibend und sich verabschiedend. + +Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka, +als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete +die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen. +Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam +unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet, +die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte +das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der +Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes, +dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der +unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun +mineralisch leer. + +Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie +lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er +unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie +lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell +vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und +Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah +ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war. +Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war +es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber +erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten. + +»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich +aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden +Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle, +nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie +hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch +erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem +faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber +hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen. + +Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte, +setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut +hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge +überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu +leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er +fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O +stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann +diejenigen, deren Pfeile noch fliegen. + +Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er +entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn +quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen, +nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn +nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von +schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen +und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte +er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn +im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten +sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine +parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige +lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der +Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der +pflügende Bauer. + +Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger, +natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte, +daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die +Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen +verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in +sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm +zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht +gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz +kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur, +sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und +das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß +ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften +nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig +sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er +keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand +ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem +Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen +gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die +Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen +erziehen.« + +Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu +träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur +bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen +bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner +als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch +geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der +Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im +scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen +hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den +ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen, +schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die +Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre +beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung +teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er +die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild +dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den +nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine +Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte +an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über +sich erblickt. + +Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und +Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine +eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das +Ding, welches ihm das Herz auffraß. + +Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold +bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka +schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er +spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten +spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die +Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und +erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person +zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln. + +Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief +Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes +Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus +abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und +Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns. +Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen +du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der +Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben +könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna +Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die +Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem +sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.« + +Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch +welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt +wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen +Vorsatz mit. + + + + +Fünfundvierzigstes Kapitel + + +Da es mit Agnes besser ging, wollte Hanka ebenfalls in die Stadt +zurückkehren und Arnold war es angenehm, Gesellschaft zu haben. Am +letzten Abend raffte er sich auf und unternahm endlich eine Durchsicht +der Rechnungen und Berichte, welche ihm der Verwalter vorlegte. Es +vergingen Stunden damit. Der Inspektor schien es darauf anzulegen, ihn +zu verwirren, aber Arnold zeigte ihm, daß es nicht leicht war, ihn zu +übertölpeln. Er sollte sich darüber entscheiden, ob er ein Stück Acker +an die Gemeinde verkaufen wollte, die es zum Bau einer Lokalbahn haben +wollte, jedoch einen Spottpreis anschlug. Ungeduldig verschob Arnold den +Bescheid, wodurch freilich nichts gewonnen war. + +Der Wagen mit Hanka kam; winkend und nickend fuhr Arnold gegen die +Straße hinaus. Ursula ließ ein weißes Handtuch flattern, das noch lange +zu sehen war. + +»Ich bin froh, nun geht's wieder an die Arbeit«, sagte Arnold. »Weshalb +sind Sie so schlecht gelaunt?« + +Hanka streckte die Beine aus und sein Kopf wackelte verdrießlich auf dem +Hals. »Es geht mir schief«, antwortete er. »Die Montanpapiere sind um +zehn Perzent zurückgegangen.« + +»Was werden Sie tun?« + +»Ich muß verkaufen.« + +»Und dann?« + +»Dann steht mir ein großes Unglück bevor, -- Arbeit.« + +Arnold lachte. »Schade«, meinte er, »Sie sind zum Müßiggang geboren.« + +Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am +Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka. +Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es +nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder +nicht. + +In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck, +und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude +streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in +ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur +die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl +sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es +Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung. +Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im +Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen +begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen +Gewohnheiten entsteht. + +Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst +nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden +er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein +Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die +Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich +bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr +zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen. + +Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener, +damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher +Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien +legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen +Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche +klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen +und setzte alles im Haus in Bewegung. + +Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde +ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er +hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den +größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe. + +Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann +Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar +in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie +romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen +wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so +ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte. +Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den +Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene +Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von +neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt +man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer +mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments +achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab. + +Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der +Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im +Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt. +Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste +vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der +Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein +Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl +erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es, +wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit +dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist +gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich +selbst und findet Widerstand. + +Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle +Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch. +Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden +Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das +vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr, +welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal, +das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für +die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er +hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen +verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der +Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen +Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.« + +Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war +sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat, +sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher, +Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer +Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold +herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.« + +»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas +verdrießlich. + +»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den +Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles +zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß +atmen können.« + +»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten +eine kleine Spazierfahrt unternehmen.« + +»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen +Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er +und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln +die Hand drückte. + +»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier +verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd. + +»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm +hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im +Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das +ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und +etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen +herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte. + +»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen, +der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie +gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.« + +»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen +blauen Himmel. + +»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?« + +»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl +ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.« + +Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste +geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen +zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter +tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im +Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf +den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen +schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in +sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der +Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu +richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern +wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen. + +Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna +Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in +Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg +ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der +Arbeit emporstieg. + +»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der +Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen +Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde +selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht. + + + + +Sechsundvierzigstes Kapitel + + +Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten +stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der +Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden +Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken. + +»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte +Anna Borromeo. + +»Beschlossen worden?« + +»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die +Baronin. + +»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu. + +»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold +verlegen. + +»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen +nur Figur machen.« + +»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken. + +Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und +etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte. + +»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig +fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas +modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage +zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu +tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler +gesprochen.« + +»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend. + +Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete +sich. Er wurde mit Kälte entlassen. + +»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als +er fort war. + +Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte. + +Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom +Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig. + +Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der +soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast +erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es +gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr +einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in +die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen. +Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, -- +es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte +seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste +Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an +den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die +Straße betrat. + +Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren +überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im +Laden eines Trödlers. + +»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und +machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn +durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und +sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen +auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf +breitem Postament der marmorne Antinous. + +»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen. + +»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.« + +»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft? +Eine wertvolle Sache.« + +»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern. + +»Ganz gut. Sehr schön, -- vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit +verbinden.« + +»Was soll das heißen?« + +»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit +seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die +Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung, +ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei +Ebenholzkugeln glichen. + +»Und wenn ichs täte --?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber +wenn ichs täte --?« + +Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine +nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen +unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug, +ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer +eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten, +»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen --, dort?« + +»Ich denke nein«, entgegnete Arnold. + +Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und +blickte auf die Statue. + +Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn +sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte +er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte +gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und +Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort +war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds +Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen, +anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung, +nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war +es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es +benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen, +für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen, +die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im +Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben, +schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn +ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals +begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein +reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter +Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam +es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine +Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos +machten? + +Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage +eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen; +was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den +Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung. +Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander +gegenüber. Beide waren blaß. + +»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit +einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo +lächelte dünn und leer. + +»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken +gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der +Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand. + +Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit +halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf +und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn +empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er +stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und +finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur +zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren +wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen, +im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold. + +»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas +ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag. + +»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter +scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze +losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.« + +Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen. +Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster +betrachtete. + +»Was denkst du dazu?« fragte Arnold. + +Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er +leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat +verkaufen?« + +Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm +gegen die eisige Trauer dieses Mannes. + +»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo. + +Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den +verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte. +Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute +wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen +ob sein Bild auch wirklich darin sei. + + + + +Siebenundvierzigstes Kapitel + + +Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt, +den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück. +Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er +konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las. +Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle +Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich +mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie +schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über +der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend, +viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am +Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit +und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes. + +Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte +kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper +lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust +bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn +in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der +vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß, +gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und +Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines +Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße +Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in +englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde, +langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten +Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht. +Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer +Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine +boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen. + +»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede +überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen. + +»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit +einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich +höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine +Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert, +erzählt man sich.« + +Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch +sorgsam von den Gräten. Er lächelte. + +»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich +in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz +unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte +mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten +nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes +Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner +nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin, +der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich +höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das +Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun +eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron +Valescott und --« + +»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den +Tisch. + +Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt, +Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später +noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier, +es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim +Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der +mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso +erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die +Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht +... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.« + +Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte +und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer, +allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich +ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle. + +Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus, +welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer +jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine +enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in +Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde, +war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete +Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der +Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick +zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn +warten. + +Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame +Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in +sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein +wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die +dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine +Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die +Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte +den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier +und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des +Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing +tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas +Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges +Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten +einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid; +die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen +reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe. +Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der +Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen. + +Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief +davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der +zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal +eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die +Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen. +In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn. +Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte +den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander +entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von +Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend. + +Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht +einmal Ihre Namen.« + +»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng. + +Er riet, -- stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die +Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite +und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia. + +»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold. + +»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora. +»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf +diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, -- sie lachte, -- »aber bei Ihnen +wollen wir eine Ausnahme machen.« + +Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen +Mollakkord an. + +»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz +nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.« + +»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold. + +»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte. + +»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte +Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar +ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das +gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll +ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz +über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß +und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen +sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer +Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing +über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein +Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete +mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich +Träume.« + +»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora. + +»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine +Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich +zurückdenke --! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes. +Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie +sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht +mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei, +niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der +Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr +angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz +vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die +bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei +der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern +die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen, +beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden, +als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte +fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt +eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern +küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen +Menschen.« + +Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter +Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden. + +»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur. + +Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging +hinaus. + +Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum +spielen Sie nicht?« + +»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit +prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten +legte. + +Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten +einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin. + + + + +Achtundvierzigstes Kapitel + + +Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog +Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe. +Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand. + +Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin +sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung +Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die +beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der +Tisch zum Tee war gedeckt. + +Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer +mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen +Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von +Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und +freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend +an Arnold. »Herr Ansorge, -- wenn ich recht verstanden habe --?« sagte +er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?« + +»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold. + +Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt +in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.« + +»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold. + +»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem +Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts +als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr +Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser --? +Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so +starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?« + +»Jawohl«, erwiderte Arnold. + +»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem +Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich +nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...« + +»Specht?« + +»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.« + +Alle blickten auf Arnold. + +»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig +verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub --?« Er +heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann. + +»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig, +»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig +gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht +unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es +im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie +aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war +doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben --« + +»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so +sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum +erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das +gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können +Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf +angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach. +Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre +Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure +Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich +konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie +unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es +zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für +eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine +Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden +von Komödie!« + +Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem +Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch +verschaffte. + +Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres +Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der +Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die +unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den +Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen +gesprochen.« + +Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und +nahm ziemlich verstimmt Abschied. + +»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die +Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht +Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen --?« + +Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis +er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich, +ihn zu begleiten. + +Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen. +Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich +gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich +erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten +Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft +gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die +Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem +vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.« + +Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er +blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an +das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie +ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug +her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte +Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und +hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung -- kleine +Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte +nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den +Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht +lächerlich werden, alles nur das nicht. + +Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack +an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche +Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten +lang niedersetzte, um nachzudenken. + +Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine +Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den +Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende +Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer +sein frechster Traum umspannt. + +Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen +zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich, +herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die +er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete +er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte +hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer +lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich +zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine +Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie +zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt. + +Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die +Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in +Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung +von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte. + +Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden +Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es +zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen +düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen +Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet +standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel, +Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien, +während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke, +seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da +geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet, +ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem +Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt +haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem +Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen +werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte +Arnold. + +»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo, +nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des +Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich +habe mich erkundigt, -- man zuckt die Achseln.« + +Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich +reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er +blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur +ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige +ist Sache des Glücks.« + +Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr +über Arnold. + + + + +Neunundvierzigstes Kapitel + + +Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen +Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung +ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu +dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden, +ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach +Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für +Zuckerwaren erhalten. + +Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir --!« Und +sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den +Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei +der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu +denken. Petra hatte Pflichtgefühl. + +Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden +abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre +Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald +unterhaltende, bald langweilige Spielerei. + +Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts +anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön +bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau +ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze +Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche. + +So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und +sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus +blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie +Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die +Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar +verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über +der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt +war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde +dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den +Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und +Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren. + +Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon, +welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr +sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht +verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum +Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen +Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein +Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist +ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und +taktvoll.« + +»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd. + +Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß +er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief +ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann. + +»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere +Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch +in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich --« Er rieb sein +Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue +mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du --« Alle starrten ihn entsetzt +an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin +und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors# +die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen. + +Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder +an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß +sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem +Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder, +wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur +einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt. +Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod +machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es +verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die +Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in +die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der +Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen, +zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar +tausend Jahre lang getrieben. + +Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch +zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses. +Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das +grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten, +nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die +neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für +ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im +Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was +zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und +nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in +die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt. + +Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte, +beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines +jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts +anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote +dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine +Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein +Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den +Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel +zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt +etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter +bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde. + +»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht +drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der +schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold +im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne +vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen, +deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber +und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie +zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch +nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den +Schultern herab. + +Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen, +Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu +tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame +vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte +von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine +fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden +Ehren empfängt. + +Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich +auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie +unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte, +dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere, +unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies +Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem +Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein +Peitschenschlag. + +Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er: +»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...« + +Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind +vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht +von der Stelle. + +»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit +neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen +furchtbaren Anfall ...« + +»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll. +»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.« + +Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem +festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn +hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen +warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen +zürnte sie der Mutter. + +Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller +zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er. + +Natalie schluchzte wie ein Kind. + +Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die +immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen +Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein +einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme. + +»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend. + +»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora. + +Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum +zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein +der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen +Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf. +Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren +sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen. +»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber +Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll +Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo +Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war; +die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die +Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach +beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den +leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige +Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte +sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen +erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!« + +Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten +schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch +welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold +durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit +törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen +blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd +und ging vorüber, durch das schweigende Volk. + +Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war +Feuerwerk. + +Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im +Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter +den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens. + +Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus +der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der +Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold +zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine +Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.« + +Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte +durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem +goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter +Lichtstrahlen. + +Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte +er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst +hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn +flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob +seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel. + + + + +Fünfzigstes Kapitel + + +Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche, +aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er +Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden +suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen. + +Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und +sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte +sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder +Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut. +Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die +witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das +Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für +eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge +schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere +Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten +vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle. +Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn +auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig, +unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer; +er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung, +Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß; +offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien +wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag, +ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch +die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in +einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in +diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den +er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte +er seinen Vorsatz aus. + +Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne, +sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen +und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken +Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein +Freund sei da.« + +Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein +Teurer, was führt Sie zu mir?« + +»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete +Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich +unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?« + +Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm. +»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie +gerade mich suchen«, sagte er. + +»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.« + +Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht +seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben +Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen +Lebensappetit?« + +Arnold deutete auf ein Ölbildnis an der Wand und fragte: »Wer ist das?« + +Hanka wusch sich und entgegnete prustend: »Das ist ein Mann, der früher +oder später wahnsinnig werden wird.« + +»Und deshalb hängt sein Bild hier?« + +»Jawohl. Für den Einbeinigen ist es eine Erquickung, jemand zu sehen, +der gar keine Beine hat. Darauf beruht alle wahre Zufriedenheit.« + +Sie gingen zusammen zum Essen, saßen im Kaffeehaus, blieben den Abend +über beieinander und trennten sich erst in der Nacht. + +Hanka sah wohl, daß Arnold gleichsam als Bittsteller zu ihm komme. Er +bittet mich um meine Zeit, dachte Hanka, und wirklich, mit diesem +Gegenstand kann ich verschwenderisch sein, aber je mehr ich ihm davon +geben kann, je ärmer wird er daran werden; ein sonderbares +Rechenexempel. + +Hanka wollte allein gehen. In jeder Beziehung zwischen Menschen sah er +das Ende voraus und fürchtete es. Er sah das liebevollste Gesicht zu Haß +und Würdelosigkeit verzerrt, und die Schönheit atmete ihm schon Fäulnis +entgegen. Ihm hätte es gedient, in einer wandellosen Welt zu leben, in +welcher das Wasser nicht die Erde höhlt und nicht der Freund einst zum +Verleumder werden wird. Er lebte in allem was verdarb, was sich zum Tod +neigte und an den Gesetzen der Veränderung teilnahm. Er sah das Wasser +schon als Wolke, die Wolke als Regen. Keine Bewegung, kein Lächeln, kein +Entschluß, der nicht den Lauf der Schicksale unterbrechen und +verwandeln, keine Speise, kein Trunk, kein Härchen des Körpers, welches +nicht auf seine besondere Weise das Ende bringen konnte. + +Seine Logik war grausam, sein Scharfblick unbestechlich und sein Wissen +profund. Dem grenzenlosen Schweifen unreifer Empirie setzte er die +Formel entgegen, und zu anderer Zeit stieß er alles Lehrwerk wie +morsche Hölzer beiseite und trat in den lichten Raum der Anschauung und +der Idee. + +Arnold kämpfte hier vergebens um Freundschaft. Er begann Hanka dunkel zu +hassen. Er verlegte sich auf den leeren Widerspruch, auf eine scheinbare +Verachtung von Hankas enger Sachlichkeit, und wie furchtbar war es ihm +in manchem Augenblick zumut, wenn er ahnen mußte, daß er um etwas ganz +anderes stritt, als was er vorgab. Er beneidete Hanka um die ruhige +Überlegenheit, und mit formloser und zaghafter Begierde suchte er nach +Mitteln des Sieges, irgendwelchen Sieges, um jeden Preis; er fürchtete +sich vor der stummen Kritik in Hanka, wie er sich vor sich selbst, vor +der Welt, vor der Vergangenheit und vor der Zukunft fürchtet. Eines +Tages sah er bei Hanka in der Ecke des Schreibtisches eine kleine +Pappendeckel-Tafel, auf welcher in Hankas Schrift die Worte standen: +»#Precaria salus:# ich durchschritt die Pforten des Todes, ich betrat +die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente +gefahren, kehrte ich zurück. In der Mitte der Nacht sah ich die Sonne in +ihrem hellsten Schein.« + +Arnold las es und fragte ironisch: »Was ist das für ein Geschwätz? +Schämen Sie sich nicht, solche Dunkelmeierei zu treiben?« Er nahm den +Pappendeckel und ließ ihn geringschätzig fallen. + +Hanka erwiderte ebenso bedächtig wie nachsichtig: »Das ist ein Spruch +aus den Isis-Mysterien, mein Teurer.« + +Nicht die Antwort oder der Ton bewirkte eine Veränderung in Arnold, so +daß er schweigend zum Fenster trat. Nur Hankas Blick hatte ihn +getroffen, groß, fragend, sehr erstaunt: was kann dich berechtigen, in +mein Leben einzugreifen? nicht zu billigen, was ich denke --? fliehst du +vielleicht aus dir, wunderlicher Mensch, und willst dich in einer +fremden Wohnung niederlassen? + +Als Arnold nach Hause kam, fand er einen Brief von Hyrtl. »Vergessen? +gänzlich vergessen?« schrieb Hyrtl. »Vor einigen Tagen dachte ich wieder +an Sie, und nun kann ich Sie nicht wieder loswerden. Kommen Sie doch! +Ich darf nicht ausgehen. Kommen Sie heute Abend. Ich bin gänzlich +verlassen, sitze zu Hause und bin übel dran. Das beste Backwerk Europas +laß ich für Sie herrichten, und wenn Sie nicht reden wollen, können Sie +bei mir auch schweigen. Nur kommen sollen Sie. Ich habe seit Monaten +keinen wirklichen Menschen gesehen und bin allein. Bald wird es mit mir +zu Ende gehen. Ihr Hyrtl.« + +Gleichgültig warf Arnold das Schreiben beiseite. Dies weibliche Werben +erregte seinen Abscheu. Er versuchte zu lesen, warf aber bald das Buch +wieder weg, nahm Hut und Stock und ging ins Kaffeehaus. Doch auch hier +hielt es ihn nicht lange. Die Straße lockte ihn. Langsam schlenderte er +durch die Dämmerung, kehrte aber bald nach Hause zurück, denn zum +Abendessen erwartete er Hanka. Oben auf der Treppe stand der eine Diener +und murmelte mit zerknirschtem Gesicht: »Gnädiger Herr, es ist etwas +passiert.« Arnold sah ihn von oben bis unten an; der junge Mensch ging +voraus und öffnete die Türe zu dem Raum, worin der Antinous sich befand. +Die Statue lag auf der Erde; der Kopf war gegen das Fenster gerollt und +der linke Arm, ebenfalls abgebrochen, lag mit seiner schönen Geberde +neben dem Leib. Es erwies sich, daß die beiden Diener während seiner +Abwesenheit sich in jenem Zimmer mit Raufen vergnügt hatten. Sie waren +an die Statue gestoßen und mitsamt der Figur zu Falle gekommen. Arnold +sagte den zwei Leuten den Dienst auf und setzte sich dann traurig vor +die Trümmer. Als Hanka kam, hoben sie zusammen den Rumpf empor und +untersuchten die Bruchstellen. Hanka sagte, das Unglück sei nicht groß, +es lasse sich mit geringen Kosten wieder gutmachen, aber ihn belustigte +Arnolds Niedergeschlagenheit. »Seit wann lieben Sie denn die toten Dinge +so sehr?« fragte er etwas ungeduldig. + + + + +Einundfünfzigstes Kapitel + + +Sie gingen in das Speisezimmer. Während des Essens erzählte Hanka, daß +ihm der Verkauf seines Hauses, seiner Wertgegenstände, die Vereinfachung +seiner Lebensweise nicht viel genützt habe. Er habe noch +Schuldverpflichtungen im Betrag von fünfzehntausend Gulden. Außerdem +stehe noch die Zahlung an seine frühere Gattin aus, und da dürfe er +nicht lange zögern, schaltete er bitter ein, wo die Moralität eine +Geldfrage sei. Er schrecke davor zurück, sich an seine Schwester Agnes +zu wenden, die sich auf dem Wege der Genesung befinde und durch die +leiseste Andeutung seines Ruins in ihrer schwachen Natur erschüttert +werden könne. + +Arnold hörte mit halbem Ohr zu. Nach einem neuen Gesprächsstoff suchend, +erinnerte er sich an Hyrtls Brief und gab ihn Hanka. Der las ihn +zweimal, betrachtete das Papier von allen Seiten und fragte endlich: +»Weshalb sind Sie nicht zu ihm gegangen?« + +Arnold zuckte die Achseln. »Der Mann lügt«, sagte er kalt. »Nicht der +Tat nach, sondern dem Gefühl nach.« + +»So lügt man nicht«, antwortete Hanka kopfschüttelnd. »In früherer Zeit +bin ich oft mit Hyrtl beisammen gewesen, meist durch Natalie Osterburg. +Er ist ein gutmütiger Mensch.« + +»Hyrtl freut sich seiner Wehleidigkeit«, sagte Arnold lebhaft, »er würde +mit Vergnügen sterben, wenn er den Eindruck seines Todes erleben +könnte.« + +Hanka schmunzelte, schaute aber Arnold ziemlich überrascht ins Gesicht. + +»Sie sind ja ein Psycholog«, erwiderte er. »Aber das ist eigentlich +nicht die rechte Art. Ich meine, diese Art, ein Urteil zu bilden und +einen Menschen für alle Zeiten abzufertigen. Nein, das ist nicht gut.« + +Arnold wollte etwas entgegnen, doch es läutete draußen, und darnach kam +der Diener und meldete Herrn Hyrtl. Arnold und Hanka sahen einander an. + +Mit steifen Schrittchen trat Hyrtl ein. Er reichte beiden die Hand und +setzte sich. »Kinder, wenn ihr wüßtet, was es heißt, allein zu sein!« +sagte er mit einem Seufzer, welchem er etwas Scherzhaftes beizumischen +versuchte. »Man sieht Gesichter in der Luft, die Wände schrumpfen +zusammen, das Zimmer wird bodenlos.« Hyrtls Augen lagen tief und irrten +angstvoll in den Höhlen, und auf der Stirne brach beständig Schweiß +hervor, den er mit dem Taschentuch von Zeit zu Zeit abwischte. Hanka +hörte nicht auf, ihn zu betrachten; bisweilen warf er einen hastigen +Seitenblick auf Arnold, der schweigend den Rauch einer Zigarre in dünnen +Kegeln emporblies. + +»Und wie geht es Ihnen also, mein Liebster?« wandte sich Hyrtl an Arnold +und in seinem Blick glühte ehrliche Freundschaft, rührende Hingebung. Er +sah in Arnold das Leben, die Gesundheit, die Kraft, und es war ihm dabei +zumut wie dem Sklaven, der einen Adler in der blauen Luft schweben +sieht. + +»Gut, sehr gut«, antwortete Arnold trocken. »Und Sie, Sie sind krank wie +immer. Raffen Sie sich doch auf! Warum rauchen Sie, wenn es Ihnen +schädlich ist? Welche Widersprüche!« + +Hyrtl wiegte den Kopf, als ob ihm kein Ratschlag mehr nützen könne. +»Jetzt ist mir wieder wohl«, sagte er. »Ich habe meinen Arzt betrogen +und bin ausgegangen. Wenn ich liebe Menschen sehe, gehts mir gut. Nun, +was wollen Sie, ich bin ein Schwächling. Und Sie, Doktor«, wandte er +sich an Hanka, »was treiben Sie? Hanka ist ein ehrenhafter Mensch«, +bemerkte er nach seiner Gewohnheit, einen Anwesenden rücksichtslos ins +Gesicht zu loben. »Wenn das Wort ehrenhaft nicht da wäre, für Hanka +müßte man es erfinden.« + +Errötend, wirklich errötend, legte Hanka ein Bein über das andere. +Hyrtl und Arnold lachten, und Hyrtl so sehr, daß ihm Tränen in die Augen +traten. Dann erhob er sich, legte einen Arm zärtlich um Arnolds Nacken +und tätschelte dessen Wange. »Erinnern Sie sich an unsere hübschen +Abende?« fragte er. »Erinnern Sie sich an den Hausball? Verena! Welch +eine Schönheit! Wo ist sie? wo ist Verena?« + +»Sie sind wieder einmal kindisch«, sagte Arnold mit einem fast drohenden +Blick und schob Hyrtl von sich weg. + +»Ich sehne mich nach einem Stück Wald«, sagte Hyrtl umhergehend, »und +ich möchte für mein Leben gern mit euch beiden morgen Mittag über Land +fahren. Mein Wagen steht zur Verfügung, wir essen draußen in aller +Gemütlichkeit, wollen Sie? Sagen Sie doch ja, Arnold, seien Sie nicht so +finster ...!« + +Arnold schüttelte den Kopf und Hyrtl wurde traurig. Er nahm wieder Platz +und plauderte in melancholischer Selbstvergessenheit. »Ich wäre gern mit +Ihnen nach Dornbach gefahren, Arnold. Da draußen ist noch ein +Spielplatz, auf dem ich als Kind fast täglich herumtrieb. Ich erinnere +mich, ich hatte ein weißes Lamm, dem ich einmal die Augen herausbrach, +denn es interessierte mich riesig, was hinter den Augen steckte. Aber es +waren natürlich nur Sägespäne da, wie bei manchem unserer wackeren +Mitbürger.« Er lachte. »Und meine erste Liebe hab ich da erlebt, -- ach! +Sie war ein Bäckertöchterlein, vier Jahre alt. Einst glaubte ich mich +von ihr vernachlässigt und sagte zu ihr: Sophie, heut muß ich sterben. +Darauf lachte sie verächtlich und gab mir zur Antwort: Menschen sterben +nicht, du Dummkopf.« + +»Na, fahren wir doch mit ihm hinaus«, sagte Hanka gutmütig. + +»Ja, tun Sie es!« rief Hyrtl. »Tun Sies, Arnold! Wenn Sie wüßten wie +gern ich Sie habe! Sie sind so eine Art Ideal für mich. Wenn ich wieder +anfangen dürfte zu leben, möcht ich so sein wie Sie.« + +Endlich ließ sich Arnold bewegen und Hyrtl ging zufrieden fort, von +Hanka begleitet. + +Gegen elf Uhr am andern Morgen kamen Arnold und Hanka fast gleichzeitig +in Hyrtls Wohnung. Der Diener trat ihnen im Flur entgegen und flüsterte: +»Der gnädige Herr schläft noch.« + +Arnold war entrüstet. Die Tür des Schlafzimmers weit öffnend, rief er: +»Auf! auf! Langschläfer! der schönste Tag!« + +Hyrtl lag mit friedlichem Lächeln im Bett und rührte sich nicht. Der +Diener stand mißbilligend unter der Türe, näherte sich langsam, beugte +sich über das Bett und ergriff die Hand des Schläfers. Plötzlich rief er +schluchzend: »Der gnädige Herr!« und fiel neben dem Bett auf die Knie. + +Hanka hielt sich an den Messingknöpfen der beiden Bettpfosten fest. Sein +Gesicht war grünlich bleich geworden. Arnold schrie: »Laufen Sie zum +Arzt!« Der weinende Mensch erhob sich schnell und folgte dem Befehl. +Schweigend setzte sich Hanka in eine Ecke. Nach einer Viertelstunde kam +der Arzt. Das Ergebnis seiner Untersuchung war, daß der Tod schon vor +Stunden eingetreten sein müsse, ein Herzschlag während des Schlafes. + +Fremde Leute traten ein, die einen Ausdruck komischer Finsternis in ihr +Gesicht gelegt hatten, als ob sie versprochen hätten, eine Stunde lang +nicht zu lachen. Arnold und Hanka verständigten sich durch ein Zeichen +und gingen. Keiner von ihnen vermochte den andern anzureden. Arnold +fürchtete Hankas Gesicht, Hankas Gedanken; er fürchtete ebenso sehr, daß +Hanka ihn jetzt allein lassen könnte. Plötzlich blieb er stehen und +sagte: »Hören Sie Hanka, ich habe mir das überlegt, was Sie mir gestern +erzählt haben. Sie sind in einer mißlichen Lage und ich kann Ihnen +leicht die fünfzehntausend Gulden leihen, die Sie brauchen.« + +Hanka blieb ebenfalls stehen und starrte gerade aus. Aha, dachte er +betrübt, bestechen willst du mich, mein Urteil willst du bestechen. »Ich +danke Ihnen«, sagte er kalt, »ich brauche es nicht.« + +Noch gestern und er hätte das Geld angenommen. Sein Herz wünschte sich +in dieser Sekunde weit weg. Ihm war, als hätte ihn eine gespensterhafte +Hand ins Gesicht geschlagen. Mit traurigen, verächtlichen Augen blickte +er vor sich hin und stieß sein leer gewordenes Schifflein gleichgültig +ins Meer. Er mochte nicht so von Arnold gehen, wie er innerlich schon +von ihm gegangen, darum blieben sie noch ein paar Stunden beieinander. +Es kommt gar nicht darauf an, eine schlechte oder eine lobenswerte +Handlung zu begehen, dachte Hanka, nur muß der Sinn, aus dem sie +geflossen, unwandelbar sein. Er hatte nicht Willenskraft genug, dies +Arnold zu sagen. + +Gegen Abend gingen sie noch einmal hin, um den toten Hyrtl aufzusuchen. +Die Außentüre stand offen. Kränze lagen im Flur. Sie wollten in das +Sterbezimmer treten, als Hanka stehen blieb und seine Hand auf Arnolds +Schulter legte, um ihn gleichfalls aufmerksam zu machen. Durch die +angelehnte Tür sahen sie, wie der Diener, allein mit dem Toten, sich mit +natürlicher Verehrung über die Leiche beugte und die Hand des Herrn +küßte. + +Leise kehrte Hanka um, und Arnold folgte ihm mechanisch. »Gute Nacht«, +sagte Hanka, als sie draußen waren. »Sehen Sie, nicht einmal so viel war +er uns wie der Kreatur, die er bezahlt hat.« + +Hanka ging nach Hause. + + + + +Borromeo + + +Zweiundfünfzigstes Kapitel + + +Beide Ellbogen auf die Knie gestemmt, das Gesicht derart zwischen den +Armen vergraben, daß die Hände sich über dem Kopf verschränkten, saß +Anna Borromeo in ihrem Schlafzimmer, noch mitten in der Unordnung des +Morgens. Heute war sie dreißig Jahre alt, und ihre Trauer galt nicht +etwa einer unnütz hingebrachten Vergangenheit, sondern der Aussicht auf +eine gleichgültige Zukunft. + +Ihre Vergangenheit! Es schien ihr nicht der Mühe wert, darüber +nachzudenken. Es war nichts Außerordentliches in ihrem Leben. Sie +erinnerte sich, daß sie als Kind sich nie gleich andern Kindern von +einem Tag auf den folgenden hatte freuen können. Auch wenn sie an einem +Ereignis mit Erwartung hing, so wußte sie doch genau, wie weit die +Wirklichkeit hinter dem Bild ihrer Phantasie zurückbleiben würde. Sie +hatte Borromeo geheiratet an einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem kein +Traum mehr in ihr war. Ihr war alles so wohlbekannt wie dem Schauspieler +das Ende des Stücks. Sie trat ihrem Gatten nicht mit Sympathie entgegen. +Sie sah es ihm an, am ersten Tage durchschaute sie diesen Mann der +wenigen Worte, daß sie ihm nichts zu geben hatte, was er brauchen +konnte. Und er, er konnte ihr nur eines geben, was sie brauchen konnte, +ein sicheres Auskommen. + +Sie holte den Handspiegel und betrachtete düster ihr Gesicht. Nur von +dem größeren oder geringeren Glanz ihrer Augen, der frischen +Feuchtigkeit der Lippen und dem goldenen Glanz der Wangenhärchen machte +sie ihre Teilnahme an den Dingen des Lebens abhängig, -- ohne es zu +wissen, denn sie hielt sich für eine faustisch-unzufriedene Natur. + +Schließlich raffte sie sich auf und ging in die Küche. Kaum hatte sie +ihr Zimmer verlassen, als ihr Gesicht sich veränderte wie das einer +Amtsperson, welche in eine Versammlung tritt. Sie gab die nötigen +Anweisungen für den Tag und als sie über den Korridor zurückging, kam +Borromeo nach Hause. Sie folgte ihm und fragte, ob er vom Gericht oder +von der Kanzlei komme. + +Borromeo schüttelte den Kopf. Anna sagte mit liebloser Kälte: »Wo in +aller Welt bist du zu finden, wenn man nach dir schickt? Um sechs Uhr +früh hast du schon das Haus verlassen und niemand weiß, wohin du gehst. +Ich hätte notwendig hundertfünfzig Gulden für die Schneiderin +gebraucht ...« + +Borromeo lachte; das heißt, dies Lachen bestand darin, daß er die Lippen +und die Mundwinkel auseinanderzog und die Zungenspitze zwischen die +Zähne legte. Er entnahm seiner Brieftasche den verlangten Betrag, legte +die Noten eine nach der andern auf den Tisch und strich sie mit der +flachen Hand glatt. Anna Borromeo sah dieser Beschäftigung verwundert +zu. Dann senkte sie den Kopf. »Seit Tagen verschwindest du in der +geheimnisvollsten Weise, Friedrich«, sagte sie und zwang sich zu einem +Lächeln. »Hast du etwas vor?« + +Borromeo blickte in die Luft und seine Brauen zogen sich zusammen. »Ich +habe etwas vor«, antwortete er, mit dem Zeigefinger seine Worte +skandierend. + +Frau Anna stutzte. Sie sah ihrem Mann ins Gesicht und sagte rasch: +»Valescotts lassen dich grüßen. Ich war gestern nachmittag dort.« + +Mit einem Lächeln näherte sich Borromeo der Frau, legte die Hand fast +liebevoll auf ihre Haare und bog den Kopf sachte zurück. Ihre Blicke +begegneten einander. Anna erhob sich und sagte rauh und erschreckt: »Du +bist sonderbar.« + +Borromeo zuckte die Achseln und begann den Bart mit beiden Händen zu +liebkosen. »Was ist eigentlich mit Arnold?« fragte er umhergehend. »Er +meidet uns. Findest du nicht, daß er uns meidet?« + +»Ach, -- er macht es wie tausend andere, er lebt sich aus«, warf Frau +Anna gleichgültig hin. + +»Es ist nicht nötig, für ihn besorgt zu sein«, sagte Borromeo. »Was ein +richtiges Waldtier ist, findet immer wieder zur Tränke.« + +»Du hast eine halsstarrige Manier, dich über Arnold zu täuschen«, +entgegnete Anna Borromeo ruhig. + +Borromeo legte die eine Hand auf die Brust und lächelte beinahe +träumerisch vor sich hin. »Du hast heute Geburtstag, nicht wahr, Anna?« +fragte er endlich. »Ich glaube, man darf einander ruhig beglückwünschen, +wenn man wieder ein Jahr hinter sich hat. Zugleich möchte ich dir etwas +mitteilen. Ich gehe mit dem Plan um, meine Praxis aufzugeben.« + +»Dann tust du etwas der Form nach, was du in der Tat schon lange hinter +dir hast,« antwortete die Frau mit ersticktem Zorn. + +»Ja. Ich bin es müde, die Klopffechtereien einer sogenannten Justiz zu +erdulden. Ich bin es müde. Es ist noch nicht lange her, daß ich zu einer +wirklichen Einsicht gelangt bin, aber an demselben Tag, wo es geschah, +war ich auch fertig. Und mir graut jetzt vor allem, was ich in früherer +Zeit ohne diese Einsicht unternommen und ausgeführt habe. Deshalb kann +ich nicht länger mittun. Denn unser Leben läuft immer darauf hinaus, daß +wir unsere Handlungen von Anfang an mit Konsequenz festhalten, und wer +immer schlecht gehandelt hat, darf nicht auf einmal das Gute wollen, +sonst geht er zugrunde.« + +»Ich glaube, Friedrich, du solltest einmal mit einem Arzt sprechen«, +sagte Anna Borromeo ernst und geringschätzig. Sie zuckte die Achseln, +als Borromeo schwieg und verließ das Zimmer. Drüben in ihrem eigenen +Gemach wartete die Friseurin und Anna unterhielt sich mit ihr von den +neuen Ereignissen in der Gesellschaft. Als dies beendet war, machte sie +sich daran, Einladungskarten für den Samstagabend zu schreiben. Auch an +Arnold richtete sie eine Karte, zerriß sie aber wieder, nahm statt +dessen ein Briefblatt zur Hand und schrieb: »Mein Lieber, dürfen wir +dich für den dreizehnten abends erwarten? Borromeo kränkt sich wieder +einmal über dein Fernbleiben, ich aber finde es natürlich. Ich finde es +natürlich, das hindert aber nicht, daß ich oft mit Scham an dich denke. +Hättest du nicht vergessen, so würde ich dich beschwören: vergiß. +Offenbar gehst du darauf aus, alles was du bist und vorstellst, zu +spielen, sonst hättest du mich am selben Abend erdolcht. Ernst und +Wahrheit spielt man leider nicht, ohne daß es sich an denen rächt, die +daran glauben.« Sie stand auf, warf sich in die Ecke des Sofas und +weinte, indem sie das Taschentuch fest vor das Gesicht drückte. Sie +weinte aus Wut, aus innerer Leere, aus Entschlußlosigkeit, weinte +darüber, daß ihre Hand solche Worte schrieb, an die sie nicht glaubte +und vor denen sie bestürzt und feige stand, wenn sie gleich +selbständigen Wesen ihr auf dem Briefpapier ins Gesicht lachten. Sie +trocknete die Augen und ohne ihr Schreiben noch einmal zu überblicken, +zerriß sie es in hundert Fetzen und schrieb eine Karte wie an alle +andern Eingeladenen. Nur schrieb sie die Worte dazu: ich bin heute +nachmittag allein zu Hause und langweile mich. Dies schickte sie sofort +und mit Eilpost ab. + +Mittags blieb sie in ihrem Zimmer unter dem Vorgeben, sie fühle sich +nicht wohl. Dann versuchte sie zu schlafen, nahm aber einen +italienischen Roman und las. + +Arnold kam. Sein Gesicht war schmal geworden. Die Augen hatten einen +schwermütigen Ausdruck. + +Anna fragte, warum er so lange nicht gekommen sei. Er zuckte die +Achseln. + +»Verkehrst du noch mit deinem schweigsamen Philosophen?« + +»Mit Hanka? Nein. Der lebt auf einem Dorf in Steiermark. Wir haben uns +zuletzt bei Hyrtls Begräbnis gesehen.« + +»Ach ja, Hyrtl, das arme Kerlchen. Man glaubte ihm seine Krankheit nie.« + +»Er war ein guter Freund.« + +»Ein guter Freund, ja, aber kein Freund. Wie lebst du, Arnold?« + +»Schlecht.« + +»Du solltest Karriere machen.« + +»Wozu? Es lockt mich nicht.« + +»Du solltest reich sein.« + +»Ich habe genug.« + +»Genug? Für dich vielleicht. Reichtum ist etwas anderes. Wieviel hast du +denn? Ein paarmal hunderttausend Gulden. Lappalie. Reich sein heißt +alles Häßliche, Armselige, Störende im Umkreis von zehn Meilen +entfernen. Reich sein heißt, der Phantasie so viel zu geben, daß sie den +Tod vergißt. Ich sehne mich nach Reichtum.« + +»Mir scheint, du sehnst dich nach vielem.« + +»Weil ich nichts besitze.« + +»Weil du nichts halten kannst.« + +»Ich habe zu viel Sorgen und zu wenig Freuden.« + +»Liebst du denn nicht deinen Mann?« + +Anna Borromeo hatte diese Frage nicht erwartet. Sie erbleichte. + +War sie es? dachte Arnold schaudernd; gibt es mehrere solche Gürtel mit +Smaragden wie sie einen trug, damals ...? + +Sie erriet vielleicht Arnolds Gedanken, denn sie sah ihn flehentlich an. + +»Hast du schon wieder Schulden?« fragte er plötzlich in strengem Ton. + +Sie schwieg. + +»Sprich doch!« + +»Glaubst du, ich rechne auf dich?« versetzte sie kalt. »Ihr seid ja +lauter Krämer.« + +Sie brach in Schluchzen aus. + +Arnold hatte Mitleid. Er blickte sie bewegt an. Auf einmal erschienen +ihm ihre vor das Gesicht geschlagenen Hände als das Schönste, Zarteste, +was er je gesehen. Er ergriff ihre eine Hand, zog sie weg von der Wange +und drückte sanft seine Lippen darauf. + +Anna erhob sich. Endlich hatte ihr unbefriedigtes Herz irgendwo einen +Widerhall gefunden. + +Ein wenig später verließ Arnold das Haus. In dem dunklen Bedürfnis nach +freier Luft, nach Baum und Wiese, begab er sich zur nächsten +Stadtbahnstation und nahm eine Karte nach einer der Wiener +Waldstationen. + +Die Bahn, die auf einem langen Viadukte über Gumpendorf emporführte, +gelangte zu einer Biegung und weit hingedehnt, im graublauen +Dämmerlicht, lag die Stadt vor Arnold. Rauch und Staub verwischten die +Horizontlinie und manche fahle Lampe in einem Haus glich täuschend einem +Stern. Unzählbare Schlöte ragten empor, bleich leuchtend von einem +unsichtbaren Licht. Häusermauern über Häusermauern, angegraut von Asche, +Zeit und Elend, so dicht mit Fenstern besetzt wie ein Wespennest mit +Löchern, Höfe, in denen schwarze Menschen krabbelnd sich bewegten und +Dach neben Dach bis in den Himmel hinein. Hier wohnten sie, einer im +Atem des andern, unter dem graublauen, nach Kohle und Schweiß riechenden +Mantel des Abends, die Millionen. + +Reich sein, reich sein, dachte Arnold. + + + + +Dreiundfünfzigstes Kapitel + + +Zwei Tage später, als Arnold über den Graben ging, winkte ihm plötzlich +jemand mit Lebhaftigkeit zu und rief seinen Namen. Es war Wolmut. +Schlank, fein, freundlich, rotbäckig wie immer, eilte er auf Arnold zu +und hätte ihn beinahe umarmt. Arnold freute sich, und war fast +ungehalten, als Wolmut ihm mitteilte, er bleibe nur wenige Tage in der +Stadt. Er wolle aber gern den Mittag und den Nachmittag mit Arnold +verbringen. Mit ihm habe sich inzwischen mancherlei ereignet. Er habe +seine national-ökonomische Broschüre herausgegeben und sich Freunde +damit gemacht. Auch stehe seine Beförderung auf der Statthalterei bevor. +Wolmuts weiße Stirn leuchtete von Hoffnungen. + +Nicht wenig überrascht war Wolmut, als er in Arnolds prächtige Wohnung +geführt wurde. Aber er ließ nichts verlauten. Er dachte sich sein Teil. + +»Was haben Sie gearbeitet? was haben Sie fertig gebracht?« fragte er. + +»Ich habe wenig gearbeitet, ich habe nur gelebt«, antwortete Arnold. + +»Auch nicht das Schlechteste. Man nennt das Sichausleben, wie? Haben Sie +sich ausgelebt?« + +»Ein böses Wort, lieber Freund.« + +»Es klingt ein bißchen verdächtig, Sie haben recht.« + +»Wie bringen Sie es eigentlich fertig, Wolmut, alles beiseite zu +schieben, was Ihnen nicht dienlich ist? Sie haben offenbar die Gabe, +Hindernisse schon von weitem zu erkennen und ihnen auszuweichen.« + +»Ausweichen? Nein. Ich gehe auf alles schnurstracks zu. Allerdings +halte ich mich meistens an das Nützliche.« + +»Sie sind eine harmonische Natur.« + +»Damit wollen Sie sich trösten, mein Lieber, indem Sie mir zu verstehen +geben, daß Sie zu viel Phantasie haben, um harmonisch zu sein. Das sind +nur Worte. Jeder Mensch hat seine inneren Kapitalien. Wer nicht damit zu +wirtschaften versteht, muß Bankerott machen. Jeder Mensch kann einmal, +wie soll ich sagen, das große Los seiner Existenz ziehen. Aber man muß +aufmerken, man muß der Geisterstimme lauschen können. Diesen Augenblick +verschlafen aber die meisten, sie vergessen ihr Stichwort und das nennen +sie dann vom Schicksal verfolgt sein. Es gibt keine Abhilfe von außen, +denn nichts kann das Verbrechen ungeschehen machen, das jeder einzelne +an sich selbst begeht. Man muß Ehrfurcht vor sich selber haben. Man darf +nicht mit dem eigenen Körper umspringen wie mit einem gekauften Gerät, +und mit der eigenen Seele auch nicht. Um die Kraft, die ich in mir +zugrunde richte, wird die Menschheit ärmer. Außer mir ist kein +Schicksal, nur ich selbst kann mich vernichten.« + +Der Diener trat ein und flüsterte Arnold etwas zu. Er ging hinaus, über +den Korridor in das Empfangszimmer, wo Anna Borromeo saß und ihm ruhig +entgegenlächelte. »Ich wollte doch einmal sehen, wo du residierst,« +sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig heiser. Arnold bat, sie möge +ihn noch eine kurze Weile entschuldigen, er müsse einen Freund +fortschicken. Sie nickte und schlug ein Landschaftenalbum auf, während +Arnold zu Wolmut zurückging und ihm freimütig erklärte, daß sie nicht +länger beisammenbleiben könnten. Auch wenn hier Anlaß gewesen wäre, +Wolmut gehörte nicht zu den Verletzlichen. Sein Verkehr mit Menschen +bestand ja in einer geradezu programmmäßigen Ehrlichkeit. + +Als die beiden Freunde sich voneinander verabschiedet hatten und Arnold +zurückkam, fand er Anna nicht mehr in dem großen Raum. Sie hatte die +Türe zu dem anschließenden Bibliothekszimmerchen geöffnet und saß dort +in der Ecke eines Divans, den Oberleib zurückgebeugt, den Kopf mit +regungslos starrenden Augen auf der Armlehne. + +Arnold blieb schweigend stehen. + +»Wieviel Uhr ist es?« fragte Anna, ohne sich zu rühren. + +»Dreiviertelfünf«, antwortete Arnold. Sein Gesicht war ernst geworden, +hatte aber jede Unbefangenheit verloren. + +»Dann bleibt mir noch eine Stunde«, sagte Anna und richtete sich langsam +auf. »Komm einmal, Arnold, sieh dir diesen Ring an.« + +Arnold nahm den Ring aus ihrer Hand. Er drehte ihn hin und her und +meinte endlich: »Was ist daran zu sehen? Ein gewöhnlicher Ring.« + +»Wenn du ihn trägst, wirst du Macht über mich haben«, entgegnete sie. + +Arnold warf ihr einen hastigen Blick zu, betrachtete wieder den Ring, +lächelte mechanisch und gab ihr den Ring zurück. »Macht über dich heißt +Ohnmacht über mich«, sagte er. + +»Manchmal ist mir, als wären wir für einander geboren«, sagte Anna +leise. + +Mit stockender Stimme entgegnete Arnold: »Du bist mit dem Bruder meiner +Mutter verheiratet.« + +»Das ist wahr«, sagte Anna ruhig »aber ich bin dreißig Jahre alt und +habe kein Kind.« + +»Ich will dir nur gestehen«, fuhr sie fort, und ihre Stimme nahm einen +gleichgültigen Klang an, »daß ich mich eine Zeitlang mit Valescott +abgegeben habe, ohne daß es zu etwas Ernstem hätte kommen können. Er ist +blind und stumm und weiß nur von Abenteuern. Eines Tages vergaß er seine +Rolle und ich jagte ihn davon. Es war gefährlich. Aber für alles, was +ich tue, stehe ich ein mit allem was ich bin.« + +Arnold schritt auf und ab, die Hände mit festaneinander geklammerten +Fingern auf dem Rücken. Plötzlich blieb er stehen und sagte mit +erloschenem Blick: »Wozu muß ich das wissen? Oder --« er trat zwei +Schritte vor Anna hin und erhob den Kopf, »oder ist es dir bekannt, daß +ich es schon vorher wußte?« + +Anna war erstaunt. Sie stützte den Kopf in die Hand und nach einer Weile +sagte sie: »Das war unappetitlich, also reden wir von etwas anderm.« + +Arnold hörte es nicht. Der Klang ihrer Stimme berückte ihn. Ihn +verlangte nach grund- und bodenloser Leidenschaft wie den Eingesperrten +nach Freiheit. Er suchte sich in einer seltsamen Weise zu prüfen; indem +er vor Anna auf und abging, verglich er die Empfindung, die er in ihrer +unmittelbaren Nähe hatte, mit derjenigen am entgegengesetzten Teil des +Zimmers. Furcht und Begehrlichkeit ergriffen Arnold. Eine +unergründliche Falschheit und der Hochmut der Schwäche bemächtigten sich +seiner und indem er stehen blieb, sagte er: »Ich kann nicht glücklich +sein in der Lüge. Ja, Anna, ich sehe wohl, daß wir uns etwas andres sein +könnten, als wir uns jetzt sind. Aber ich kann nicht leben in der Lüge. +Das ist es.« + +Anna lächelte mit einem halb verträumten, halb mitfühlenden Ausdruck. +»Nehmen wir also an, es geschieht nach deinem Wunsch?« fragte sie. +»Nehmen wir an, es geschieht mit Wahrheit?« + +Zwischen Trauer und Gewissenslast wie zwischen zwei hohen Felsen +stehend, erwiderte Arnold ohne Festigkeit: »Das .... wäre undenkbar.« + +»Undenkbar?« fragte sie mit rätselhafter Miene. »Ich kann es denken. Und +du, du kannst es fühlen. Es ist lauter Feigheit. Die sublimste Feigheit, +die nennt man Moral.« + +Arnold schwieg. + +»Ich muß fort«, sagte sie aufstehend. »Höre, Arnold«, fügte sie lebhaft +hinzu, »ich bin morgen abend ganz allein. Friedrich fährt nach Preßburg. +Willst du mir Gesellschaft leisten?« + +»Morgen abend --?« Arnold zögerte, als besinne er sich, ob nicht andere +Verabredungen ihn verpflichteten. Dann versprach er zu kommen. Anna +reichte ihm die Hand und ging. Arnold wanderte beunruhigt, ja, in seinem +Tiefsten beständig zitternd, durch die Zimmer. + + + + +Vierundfünfzigstes Kapitel + + +Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem +Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß +es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er +sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam +wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch +wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor +ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett +aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art +von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem +Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem +Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die +Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der +Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen +erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es +war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle, +fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der +Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des +ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen +vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand +von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war. +Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen +gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine +Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen +einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing, +und das war Arnold. + +Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus +verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter, +zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort; +in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und +der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den +Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit +verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für +die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr +zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner +ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in +Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm +ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht +reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht +lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene +gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die +Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen +möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den +Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald, +welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange +setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große +Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein +konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder +umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir? +dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der +Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke +Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum +Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück +und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich +erwartet wurde. + +Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder +in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten +ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich +denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter +die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war, +lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf +Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot. +Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß, +aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt +durch die verödenden Straßen. + +Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte +er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch +waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht +nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die +Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete +endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn +Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche +war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und +ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es +finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein +Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er +die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise +öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so +übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu +öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der +in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil +des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein +Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los; +er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört +drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen +stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an +der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit +einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen +entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst. + + + + +Fünfundfünfzigstes Kapitel + + +Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend +zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde +nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich +leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach +Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht +das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht +gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen +und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat +in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte +Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte +sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie +erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du +nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge. + +Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider +fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen +Augen einer Wachsfigur. + +»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst. + +»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es +ist nichts, beruhige dich nur.« + +»Hast du denn nicht geschlafen?« + +Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen +Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er +schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und +besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und +schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna +wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er +Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert; +um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht +gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand +ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.« + +»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich +selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten +Verfassung ...« + +Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche +Katastrophe --, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich +unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht +verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die +nächsten vierundzwanzig Stunden ab.« + +Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte +sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um +zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde +verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine +halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel, +den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun +das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält +aus. + +»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er +hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und +liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände. + +»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn +beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf +ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas +geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte +Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an +die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller +Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu +machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich +während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam, +sie stumm fragend anblickte. + +Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck +auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei +gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein +gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner +Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.« + +Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers +erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du +glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.« +Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen +Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich +selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel. + +»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen +würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder +Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines +Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold, +und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und +was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt +hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie +nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen +darauf. + +Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht +glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis +hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn +die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu +erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das +unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe. + +Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das +Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als +verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers. +»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin +leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.« + +Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen +ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen +ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu +nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran +klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten +zu können. + +»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das +Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr +Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in +einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß +ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst +zugegen.« + +Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum +soll er nicht wissen, daß ich da bin?« + +Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie +aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend +gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte --« + +Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich +die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das +Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht +geantwortet.« + +»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in +gesellschaftlichem Ton. + +Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der +Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht +die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an +ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann +trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold +waren wieder allein. Sie schwiegen lange. + +»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit +eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat +ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es +das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.« + +Arnold antwortete nicht. + +»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.« + +»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener +lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte. + +Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie +sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu +Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine +Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos +und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna +erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich +schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist +finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete +eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam +zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus. + +Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und +hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch +nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun +geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, -- +aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und +Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem +Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder +Beziehung gut für dich sein.« + +Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann +nicht auf dem Land leben,« sagte er. + +»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna +liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?« + +»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo. + +»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich +gehe?« + +»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich +kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige +Art. Er zitterte am ganzen Körper. + +»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll. + +Er schüttelte müde den Kopf. + +»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin +gingest und dort --. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie +verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte +langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf +die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin. + +Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst +macht dir das Anerbieten und hält es für gut.« + +Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich +abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit +dem Kopf. »Will --? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist +eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und +deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die +Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt. + +Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden +die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle +Färbung. + +»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in +diesem Augenblick in dem Manne vorging. + +»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck. +»Podolin, -- das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie +du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die +dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu +verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt: +dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ... +dann will ich nach Podolin.« + +Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das +Zimmer. + + + + +Sechsundfünfzigstes Kapitel + + +»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,« +sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so +erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach +Podolin zu gehen.« + +Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er. + +»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich +gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das +Sofa. + +Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn +mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst. + +Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe, +sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er +irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich +zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm +zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse +hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen +war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche +empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem +einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe +des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn +selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb +sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt +Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er +zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße +ging. + +Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick +Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes +Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus +zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide +unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu +stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und +vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in +seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er +selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt. +Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er +hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an +jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja +nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst +abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob +gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna +ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet +aber auch nicht ab; sie schwieg. + +So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging +hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der +Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang +zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau +trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten +Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort +einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja +gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur +Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von +deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das +Gemüt.« + +Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen +Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht +vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche +Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber +das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus +Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter! + +Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut, +ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.« + +Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans +Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der +Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde +verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis +Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den +Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu +träumen. + +Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer +ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte +er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind +vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus +Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu +beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was +bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das +Leben knüpfte. + +Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im +Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte +Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum +Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein +Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu +können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge, +forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo, +der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den +Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts, +nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna +zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte +Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche. + +Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern +telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den +dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die +Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl +auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm +angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu +sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen +Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders +aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich +Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie +konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und +Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank +in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre +Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein +und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch +hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu +wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben. + +In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur +Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen +gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die +auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die +nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen, +erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet +wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen, +waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und +Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit +sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit +eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell +werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor +Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn +bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber +bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab, +schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er +achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er +sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung +eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm +abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne +Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn +an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen, +was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte +Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden +Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in +Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende +Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu +schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs +Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert, +selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält. + +Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst +hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte +Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu +verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des +treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht +jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn +totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er +glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der +Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt +auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu +erhalten.« + +Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie +gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz +entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans +Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie +Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen +in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der +Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben +und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich +stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll +aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu +blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein +Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite +der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches +Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die +Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete +hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer, +stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele. + + + + +Siebenundfünfzigstes Kapitel + + +Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße, +viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er +flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja +ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem +alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.« +Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte. + +Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen +war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt, +wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten +wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine +gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens +nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu +folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen +Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer. +Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild +auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte +den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste +Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf +einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach +Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold +sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war +vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den +tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte +Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich +aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da +erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig +zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half. + +Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf +laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt +er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand +er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich +aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es +Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege! + +Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der +Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den +Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem +Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in +jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer, +dünkelhaft und lügnerisch. + +Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich +plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan +und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte +ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so, +ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den +Zug. + + + + +Achtundfünfzigstes Kapitel + + +Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der +Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde +ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten, +und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und +ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam +eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die +Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres +erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge +zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust. + +Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in +seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und +mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte +Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so +rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander +gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der +Zeit ins Ewige hinaus. + +Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein +Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn +auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen, +worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines +Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still +dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück, +bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien +ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie +eine fabelhafte Bergkette. + +Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts +den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof; +auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und +schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus +drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm +Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein +Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache +Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines +Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm +doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme +zeigte. + +Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen +Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht +zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre +eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem +schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und +etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er +antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie +betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian +inne. + +Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine +Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte. +Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst +verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht +fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon +begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der +Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen, +um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser +Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der +Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr +Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt +nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch +eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor +dem guten Herrn wie vor dem Teufel.« + +Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos +Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten, +ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom +Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer. +Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre. +Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und +Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern +öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims. + +Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine +steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen +die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der +ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn +hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und +schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das +Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als +brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er +blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur +tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei +Geifer in den Bart rann. + +Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst +du mich nicht?« fragte er endlich. + +»Hä --?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer +Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide +Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man +muß vo--orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...« + +Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte, +wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen +und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den +Raum. + + + + +Neunundfünfzigstes Kapitel + + +Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das +Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte, +warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein. + +Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand +aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den +Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt. +Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die +kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen. +In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige +Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof, +zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust +zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken. + +Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er +auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in +das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort, +bezahlen!« + +Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter +dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien +dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das +geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine +geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte +und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu +schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es +sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht +wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben +ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen +kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen +konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen. +Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser +geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe +ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig +verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu +wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit +dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, -- was muß ich +also tun, damit Gerechtigkeit entsteht? + +Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die +Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn. +Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust +und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl, +dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der +Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist, +wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht +das Bessere wieder! + +Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn +wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper. +Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde? +Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich +müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann +entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen! + +Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor, +gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er +in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen +Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar +und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind +niederreißenden Schicksalsmächte. + +Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und +heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt +das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel +mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine +verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und +dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im +Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf. + +Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete +die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige +Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen +Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den +geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan, +kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun +ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen +und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig +winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand +reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie, +»da sind Sie also auch mein Freund.« + +Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka +auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich +sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes +lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es +nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen +strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud +sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte +stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten +war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens. + +Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes +Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin, +rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und +dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen +Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka, +denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht +preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte, +erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging. + +In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er +das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein +Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien +Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte +zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil +wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes +Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat +er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade, +wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an +einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit +allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula +Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank +liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden +laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem +Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine +solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen +oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem +Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies +niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.« + + + + +Sechzigstes Kapitel + + +Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ. + +Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten +Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze. +Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er +wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein +Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot +flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel +oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien +ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin. + +An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum +Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine +Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die +glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft, +durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das +feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige, +halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern +kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen +Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des +Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer +Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen +empor. + +Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft. +Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte +sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine +Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden +des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf +einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie +eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald +der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als +bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an +den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am +höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im +Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog +ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen +erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus +der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust. + + _Ende_ + + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen: + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage. +Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. +Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien. +Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage. +Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart: + +Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl. + + + +Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen: + + +Die Juden von Zirndorf + +Roman. Neubearbeitete Ausgabe + +Geh. M. 4.--, geb. M. 5.-- + +Der Verfasser der »Geschichte der jungen Renate Fuchs«, Jakob +Wassermann, hat seinen vor zehn Jahren erschienenen Roman »Die Juden von +Zirndorf« in einer neubearbeiteten Ausgabe herausgegeben, der die +Kürzungen trefflich zustatten gekommen sind. Ein merkwürdiger Roman, +diese »Juden von Zirndorf«. Kaum je hat ein jüdischer Poet seinen +Glaubensgenossen und über das Judentum der Gegenwart überhaupt schärfere +und zutreffendere Dinge gesagt, als Wassermann in diesem Buche. Die +besten Eigenschaften des jüdischen Volkes erscheinen in ihm selbst +verkörpert, vor allem der kritisch-skeptische Sinn, der auch sich selbst +nicht schont. Mit diesem verbindet sich auch bei Wassermann eine starke, +jedoch mehr mystisch als sinnlich glühende Phantasie, der namentlich in +dem phantastischen »Vorspiel« des Romans, welches eine mit dem +Erscheinen des merkwürdigen Messias Sabbatai Zewi verknüpfte +Judenverfolgung im siebzehnten Jahrhundert behandelt, eine glänzende +poetische Leistung gelungen ist. Dieses Vorspiel bildet den Grundakkord +zu der in unseren Tagen spielenden Geschichte der »Juden von Zirndorf«, +in denen ein begabter Jüngling Agathon, in dem das edelste Judentum +verkörpert ist, die von einem brutalen Christen erduldete Schmach durch +einen Mord an seinem Peiniger rächt. Dennoch beweist der Dichter sowohl +in der reichen Fülle feingezeichneter Charaktere als im Gange der +Handlung die vollkommenste Objektivität. + +(Neue Zürcher Zeitung) + +Dieser Roman ist das vielleicht noch immer bedeutendste Buch +Wassermanns. Schon sein Gegenstand, die Judenfrage, in einer tiefen und +nachspürenden Weise dargestellt, reizt das aktuelle Interesse. Dabei ist +der Verfasser, selbst ein Jude, voll klarer Einsicht in die Dinge und +steht, soweit das überhaupt möglich ist, über ihnen. Das Buch gehört +nach Form und Inhalt zu den bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen +Literatur der letzten Jahre. + +(Arbeiterzeitung, Wien) + + +Die Geschichte der jungen Renate Fuchs + +Roman. Neunte Auflage. Geh. M. 6.--, geb. M. 7.50 + +Jedes große, befreiende Buch muß ein Buch der Erlösung und der +Wiedergeburt sein. Dies ist ein Buch von der Erlösung der Frauen, »die +alten sinnlichen Vorurteilen zu mißtrauen beginnen, die ihr Schicksal, +ihr Frauenschicksal erleben und nicht länger leibeigen sein wollen«. -- +Seit dem »Grünen Heinrich« Kellers ist in deutscher Sprache kein so +interessanter und tiefsinniger Roman erschienen. + +(Die Zukunft) + +Ernsthafte Kritiker werden nach sorgfältiger Registrierung aller +Stimmungen und aller Gedankentiefen, nach angestrengtem Studium aller +Formfeinheiten und aller Seelenanalysen auf Eid und Gewissen versichern +dürfen, daß es sich bei dem Buch Jakob Wassermanns wirklich um ein +bedeutendes dichterisches Werk handle, um ein Werk, von dem jedes +Kapitel ein vollgültiger Beweis intimster Empfindung und feinster +Erkenntnis der menschlichen Natur sei. + +(Berliner Tageblatt) + +Ein subjektives Entzücken ist es eigentlich, das an dieses Buch fesselt. +Ein subjektiver, männlich empfundener Frauenroman -- damit kann man das +Buch literarisch kennzeichnen. Ich halte es für ein Ereignis. Bei +Wassermanns Darstellungskunst im einzelnen kann ich nicht lange +verweilen. Seiner Art von psychologischer Dialektik widersteht man +nicht: sie rührt ans Feinste und oft an kaum mehr Sagbares. Seine +Erfindung im kleinen, im Zusammenhänge-Schaffen und Verweben von Motiven +ist für den mitstrebenden Arbeitsgenossen bewundernswert. Und seine +Sprache, das eigentlich Schönste und Phantasievollste an ihm, wächst +aus schlichtesten Einzelheiten zu wundervollen Wirkungen. Durch den +deutschen Naturalismus und andere Errungenschaften ist im Lande unserer +Kunst nun jahrelang gesät worden, Wassermanns Roman ist reiche Ernte. + +(Die Zeit, Wien) + + +Der niegeküßte Mund -- Hilperich + +Novellistische Studien. Geh. M. 2.--, geb. M. 3.-- + +In diesen Novellen hat die Wassermannsche Erzählungskunst eine mehr als +respektable Höhe erreicht. Es sind belletristische Kunstwerke von einer +so feinen und sicheren Arbeit, wie wir ihrer in der heutigen deutschen +Literatur nicht viele besitzen. Was sie vornehmlich auszeichnet, ist +ihre gute Haltung im Sinne der epischen Kleinkunst. Wie hier alles in +den Verhältnissen abgewogen ist, wie anmutig und doch streng die Linie +fließt, wie der Zierat sich verteilt, Licht und Schatten sich verhalten, +Ausführung und Andeutung zueinander stehen -- alles das verrät einen in +Deutschland sehr seltenen Kunstverstand und ungemein viel Talent. In +dieser Hinsicht wären nur wenig Aussetzungen zu machen, so wenige, daß +man sie verschweigen darf und erklären: der künstlerisch Genießende, der +Kenner, wird hier sein volles Genügen finden. + +(Die Zeit, Wien) + + +Alexander in Babylon + +Roman. Dritte Auflage. Geh. M. 3.50, geb. M. 4.50 + +Nichts als der reale Gang der geschichtlichen Ereignisse von Alexanders +Rückkehr aus Indien bis zu seinem vorzeitigen Tode wird uns erzählt, +dies freilich in farbigreicher kulturhistorischer Ausmalung und mit +ebenso kühner als intensiver Psychologie. So ist dieses Buch weit mehr +ein Prosaepos als ein Roman, und es bietet weit mehr eine faszinierende +Ausdeutung der Geschichte als etwa eine Spannungserzeugung durch +pragmatische Verwicklungen. Auf jeden Fall aber ist es ein Kunstwerk, +sowohl durch die Geschlossenheit seiner Komposition wie durch seine kaum +genug zu preisende sprachliche Behandlung. Es gehört zu unsern schönsten +deutschen Prosabüchern. Manche Kapitel verdienten in den Schulen gelesen +zu werden. Auf solche Weise wird Geschichte lebendig gemacht und +beseelt. + +(Neue Freie Presse, Wien) + +Wassermann hat mit dieser Krankheitsgeschichte eines Riesengeistes ein +Kunstwerk geschaffen, das weit hinausragt über die meisten historischen +Romane alten Stiles. + +(Kreuzzeitung, Berlin) + +... Daß man sich ja nicht durch die Erinnerung an die ägyptischen Romane +von Ebers oder an die Völkerwanderungsromane von Felix Dahn abschrecken +lasse, diesen »Alexander in Babylon« zu lesen. Hier gibt es keine in +Griechen oder Perser verkleidete deutsche Leutnants; man braucht nur, +wenn man es nicht ohnehin spürt, in Plutarchs »Alexander« nachzulesen, +um alsobald zu begreifen, daß Wassermann die antike Welt gleichsam in +seine Seele hineingeglüht hat, etwa so, wie es in neuerer Zeit der +Dichter Hugo von Hofmannsthal in seinem Drama »Elektra« tat. + +(Berner Bund, Bern) + +»Nach Babylon!« Der bloße Name versetzte die Söldner in Entzücken. Der +weiß nichts von irdischer Glückseligkeit, hieß es unter ihnen, der +nichts von Babylon weiß. Und auch uns versetzt der Name dieser großen +Stadt in Entzücken, erinnern wir uns ihrer nach dem Lesen dieses Buches, +so intensiv, so herrlich, so betörend ist uns Babel, für das das Neue +Testament nicht genug verächtliche Ausdrücke finden konnte, geschildert +worden. Babylon -- das ist das Leitmotiv dieses Buches, die goldene, +unermeßlich große, an Freuden nie auszuschöpfende. Und oft scheint es +sogar, als ob auch Alexander nur ihretwegen geschaffen sei. Aber es lag +dazu doch eine zwingendere Notwendigkeit vor. Wassermann wollte sich +auseinandersetzen mit einer solchen herrlichen, die Zeiten überdauernden +Persönlichkeit. Und wie er's getan, das ist bewunderungswürdig. + +(Neue Hamburger Zeitung) + +... So muß Alexander der Große, der Bezwinger des Orients, gewesen +sein, so muß er, als der Traum der Weltherrschaft ihn packte und er sich +götterhoch über die Mitmenschen erhoben dünkte, Menschenverachtung und +brütende Einsamkeit umfangen, und ihm auch die geraubt haben, die er +liebte und denen er vertrauen wollte. So, wie Wassermann mit dem Pinsel +eines echten Künstlers malt, muß die Glut des Orients gebrannt haben; so +muß die Farbenpracht Indiens und die Größe Babylons, die berückende +Schönheit der Frauen Persiens und Indiens, die Idee, die Welt den +mazedonischen Waffen zu Füßen zu legen, auf die Männer, die Alexander +umgaben und mit ihm zogen, eingewirkt haben ... Manche Schilderungen +erheben sich zu erschütternder Kraft, man hört die Herzen gegen die +Rippen pochen, die Leidenschaften wüten und emporzüngeln und steht starr +und von Grauen überwältigt vor dem unerbittlichen Walten eines scheinbar +finsteren Verhängnisses. + +(Düna-Zeitung, Riga) + + +Die Schwestern + +Drei Novellen. Dritte Auflage. + +Geh. M. 2.--, geb. M. 3.-- + +In den zehn Jahren, die nunmehr seit dem ersten Auftreten Jakob Wassermanns +verflossen sind, ist keinerlei Wandlung in der Art seines künstlerischen +Schaffens, seiner künstlerischen Anschauungen vor sich gegangen. Dieses +stete Sichgleichbleiben in der Auffassung von Menschen und Dingen, +Belebtem und Unbelebtem verrät, daß die melancholisch-düstere, manchmal +seltsame und bizarre Art, in der dieser Dichter das Leben vergangener +wie heutiger Zeit geistig sieht und wiedergibt, echt, nicht anempfunden +und verlogen ist. Pseudokünstler lieben es aus gutem Grunde, Masken zu +tragen, die ihr wahres Antlitz verbergen sollen; unwillkürlich aber +fällt zuweilen die Larve und offenbart die uninteressanten Züge eines +vermummten Bluffers. + +Wer aber wie Jakob Wassermann in so mannigfachen Schöpfungen, in +Wesentlichem wie Unwesentlichem, Großem wie Kleinem stets sich gleich +geblieben ist, gibt wohl das wahre Abbild seines Denkens und Dichtens, +nicht ein geputztes und geschminktes. So stammt also das Verschleierte +und Nebulose, das Rätselhafte und Versteckte, das Überreizte und +Nervöse, das vielen Figuren seines künstlerischen Schaffens so sehr +eignet, aus Wassermanns tiefinnerer Natur selbst, und steht in voller +Harmonie mit jener seltsamen Art und Weise, in der er sich individuell +mit Menschen und Menschenwerk alter und neuer Zeit psychisch abfindet. +Alter Zeit, der die exotischen Naturen seiner Novellen »Schwestern« und +des Vorspiels der »Juden von Zirndorf« angehören, neuer Zeit, in der die +»Juden von Zirndorf« selbst und die Fortsetzung dieses Romanes, die +»Geschichte der jungen Renate Fuchs« spielen. Die sonderbaren Erlebnisse +der »Schwestern« zu erzählen, die fremdartig anmutenden Frauen Johanna, +Sara und Clarissa kritisch zu analysieren, sei ängstlich und mit Absicht +vermieden: solch Unterfangen hieße mit plumper Hand eingreifen in ein +wundersames Spiel von Phantasie und Wirklichkeit, wie's nur ein Meister +dunkler Künste zu dichten vermag. Aber angemerkt sei, daß auch in diesem +neuen Werke die seelische Eigenart Wassermanns, die zehn Jahre vorher +schon im Erstlingswerke des Jugendlichen, den »Juden von Zirndorf«, so +deutlich fühlbar ward, in unverminderter Stärke in Erscheinung tritt; +daß nach wie vor unerschöpft geblieben ist die Gabe, in unserer schweren +deutschen Sprache auch die geheimsten Regungen der schwermütigen und +gepeinigten Seele wiederzugeben, und die Gabe, mit feinem, mit feinstem +Striche die phantastische Silhouette flüchtig vorüberhuschender, eilig +wieder auftauchender Menschen festzuhalten. + +(Allgemeine Zeitung, München) + +Die Heldinnen dieser Novellen gehören zu jenen glücklichen, +unglücklichen Geschöpfen, die ein Traum, ein Aberglaube, eine Sehnsucht, +ein Wahn den Dingen dieser Welt entfremdet und zu neuem, wunderlichem +Dasein gerufen hat. Arme Kranke sind es, aber Wassermann sucht aus +dieser Krankheit die tiefsten Geheimnisse des Lebens herauszulesen. +Glänzen uns hier nicht Schönheiten entgegen, die wir sonst an unserem +Lebenswege vergeblich suchen? Öffnet sich hier nicht dem Blick ein neues +Leben, viel wahrhaftiger, viel lebenswerter als das, an dem wir tragen? +Was ist nun Wirklichkeit, was ist nun Traum? Eine holde Schwärmerei ist +das Buch, in den Tönen lieblicher Inbrunst gegeben, ein holder Traum, +von siegesstarken Sehnsüchten und Ahnungen durchzuckt. Man liest es, um +es nicht mehr zu vergessen. + +(Hannoverscher Kurier) + +Der Vortrag dieser Geschichten ist stilistisch meisterhaft, in der +Schilderung des Tatsächlichen von der Einfachheit der altitalienischen +Novellen, dabei hin und wieder blitzend von seltsam geschliffenen +Wortprägungen spezifisch Wassermannscher Art. Nur einem kabbalistischen +Grübelsinn, einer so heißen Phantasie wie der dieses deutschen +Orientalen konnte es gelingen, die Verrücktheiten der kastilischen +Isabella so tief poetisch märchenhaft zu durchleuchten und aus den zwei +phantastisch konstruierten Kriminalfällen das Rauschen geheimnisvoller +seelischer Unterströmungen so hervortönen zu lassen. -- Das historische +Vorspiel der »Juden von Zirndorf«, »Alexander in Babylon« und diese drei +Novellen bezeichnen für mich bisher die Höhepunkte im Schaffen Jakob +Wassermanns. + +(Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo) + +Diese Geschichten, die etwas Legendäres an sich haben, sind erfüllt von +einem unheimlichen unterirdischen Klingen, etwas Grauenhaftes webt in +ihnen, das uns bannt, und wir spüren Fäden aus fernen Welten, die wir +ahnen, aber nicht kennen. Die Novellen sind vorgetragen in einem +ruhigen, kühlen, klaren, ganz und gar sachlichen Stil, der dabei etwas +Preziöses an sich hat und der das leidenschaftliche Brausen absichtlich +verbirgt. Es sind absichtlich stilisierte Novellen, aber das Leben ist +nicht etwa erstarrt in ihnen, es ist nur gebändigt; der Autor steht über +dem, was er berichtet; nicht so sehr sein Herz spricht als vielmehr sein +künstlerisches Bewußtsein. Diese drei Frauengestalten stehen wie ein +paar alte, goldtonige Gemälde vor uns. + +(Rheinisch-Westfälische Zeitung, Essen) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der dritten und vierten, vom Autor neubearbeiteten Auflage +erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 082: [Komma entfernt] als fürchtete er sie zu zerzausen., +S. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem +S. 102: [evtl.: »Mundwinkeln«] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +S. 125: [Anführungszeichen ergänzt] »Wir können uns auf einen großen +S. 126: [vereinheitlicht] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +S. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +S. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +S. 148: [Anführungszeichen ergänzt] ist dem Teufel zu schlecht.« +S. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +S. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +S. 237: [Punk ergänzt] und darauf sitzenbleiben. +S. 255: [Anführungszeichen ergänzt] daß du mich liebst«, +S. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +S. 295: [Anführungszeichen] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie +S. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +S. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +S. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?« +S. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a third +and fourth edition copy, newly revised by the author. The table below +lists all corrections applied to the original text. + +p. 082: [removed extra comma] als fürchtete er sie zu zerzausen., +p. 090: tyranischem Übereinkommen -> tyrannischem +p. 102: [possibly: "Mundwinkeln"] in den Mundwickeln war Feuchtigkeit. +p. 125: [added quote] »Wir können uns auf einen großen +p. 126: [normalized] darauf lächelte auch Emmerich Hyrtl -> Emerich +p. 131: kann kein Schlacht gewinnen -> keine +p. 144: Hals verschwand im Pelz der Mantels -> des Mantels +p. 148: [added quote] ist dem Teufel zu schlecht.« +p. 215: einen Salon, in welchen die Sessel -> welchem +p. 226: zwei Billete zum Konzert -> Billette +p. 237: [added period] und darauf sitzenbleiben. +p. 255: [added quote] daß du mich liebst«, +p. 286: die Augen vor Erstauen herausfallen -> Erstaunen +p. 295: [fixed quote] eine Schulter.« Sie haben -> Schulter. »Sie +p. 323: es war ihn dabei zumut -> ihm +p. 324: plauderte im melancholischer Selbstvergessenheit -> in +p. 337: »Glaubst du, ich rechne auf dich«? -> dich?« +p. 339: Ich wolle doch einmal sehen -> wollte + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Moloch, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MOLOCH *** + +***** This file should be named 20413-8.txt or 20413-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/0/4/1/20413/ + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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