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diff --git a/old/13661-0.txt b/old/13661-0.txt new file mode 100644 index 0000000..8bbdacd --- /dev/null +++ b/old/13661-0.txt @@ -0,0 +1,5813 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +Author: Florian Müller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Bankerott. + + +Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +von Florian Müller + + + + +Leipzig + +Theodor Thomas. + +1853. + + + + +Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und +keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig +und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr +für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm +überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner +Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus +in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe, +existiren können. + +Neujahr 1853. + +FLORIAN MÜLLER. + + + + + + Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie, + Réformer de son goùt l'antique barbarie, + Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés; + Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés, + Et, faisant refleurir l'esprit et le génie, + Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie? + + <i>Frédéric II.</i> (Epitre sur la liberté.) + + + + +Der Bankerott. + + + + +Personen + + + QUESTENBERG, großer Zeugfabrikant. + DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. + BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. + ADELGUNDE, seine Tochter. + V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. + JOHNSON, Capitalist. + ALBERT, } + KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. + VATER ZIEMENS, } + MUTTER ZIEMENS. + MARIE, deren Tochter. + Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste. + Bediente, Arbeiter, Volk. — + +Zeit der Handlung im Jahre 1850. + + + + +Erster Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, +Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau +links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt. + +Abend, Licht. + + + +Erste Scene. + +QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit +von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind +höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant — + +QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft! — Der +Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das +Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . . + +V. ZITTERWITZ. Eine Million! + +QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _à la chinois_. + +V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser +Zeit speculiren! + +QUESTENBERG. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie +herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. + +V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! + +QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der +Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine +brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den +eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns +Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wußten. + +V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer +Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, +Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, +auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich +in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser +und Papst. + +QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 +Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen. + +V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! + +QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _à la chinois_ statt +für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde +Kleid der „_l'état c'est nous_“ wird seiner Billigkeit wegen den Beifall +unserer Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische noch +sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet! + +V. ZITTERWITZ. Zu spät, zu spät! + +QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme. — + +V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören. + +QUESTENBERG. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle — früher +werden sie nicht fertig — die noch einmal so schnell als meine alten +arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen +Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester +Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren +sehenden Augen Versuche an. + +V. ZITTERWITZ. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, +die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukränkeln! — +Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern +aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß +unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern +wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade entgegen! Es sind ja nicht +mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen +Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln, +sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen +bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen! — +O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer Weltherrscher, du +findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines berühmten +Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon +des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und +Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle deines +feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke, +Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie +gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine Herrlichkeit +sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der +geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige und den König zum +gemeinen Manne zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an und +schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. Bewährt +sie sich, so — seien Sie verstchert . . . + +QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! + +V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten +und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu +huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . . + +QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. + +V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, +auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn +Procentlein verdienen? + +QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche — + +V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . + +QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche +Ihnen . . . + +V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen +schriftlich abgemacht. + +QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. + +V. ZITTERWITZ. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . +(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend +stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die +Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten +Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 +Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen +eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert +mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt? + +QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. + +V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe +unsrer Geldmänner. + +QUESTENBERG. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer +meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben +ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche +Speculationen gewisser Leute waren, die — + +V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? + +QUESTENBERG. Vorzüglich einen — er steht mir sehr nahe und spielt den +Scheinheiligen unübertrefflich. + +V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, +überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute +ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich +der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner +Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. + +QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen. + +V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine +heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . + +QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . + +V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste +juristische Examen. + +QUESTENBERG. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht +auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so +fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die +Ohnmacht meiner Lage — + +V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu +verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den +schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld +und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der +Banquier darf uns nicht widerstehen. + +QUESTENBERG. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand. + +V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über +Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn +Sohn, und . . . + +QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. + +V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt +mich . . . + +QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich +morgen von Ihnen borge. + +V. ZITTERWITZ. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe +dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, +Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. + +QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn — 's +ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens +Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf +Tausend Thaler — + +V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen +und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige +Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und +funfzig Musikanten — + +QUESTENBERG. Die sechzig Köche und Kellner — + +V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert +auf Borg die Meerkrebse — + +QUESTENBERG. Die Fasanen — + +V. ZITTERWITZ. Die Schildkröten — + +QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern — + +V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das +Porter Bier — + +QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den +Mokka-Caffee — + +V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten — + +QUESTENBERG. Wir großmächtigen Männer der Börse?! + +V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen? — + +QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den +Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen? + +V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, +zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller +kindlicher Gedichte? — — Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß +sie mir nicht einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich +gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische +Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse +seine Verlobung feierten! — Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf +den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck +ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, will's +Gott. + +QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. + + + +Zweite Scene. + + +QUESTENBERG (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten +und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder +Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, +und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir +Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer +Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten +verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder +zum Schreiben.) + + + +Dritte Scene. + +QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit +reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber +brodirten griechischen Mütze.) + + +DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe. + +QUESTENBERG. Was giebt's denn? + +DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. + +QUESTENBERG. Ich komme. + +DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? + +QUESTENBERG. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen. + +DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren +seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen — 's ist hart! — +Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu +können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in +Ihrem Hause fühlen. + +QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich — dem +Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß nach einem — für rafinirtes +Brennöhl 80 — nach einem Gesellschafter von Deiner Art. + +DER DOCTOR. Nicht fein! — Warum zwangen Sie mich denn London zu +verlassen? + +QUESTENBERG. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen — +Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? + +DER DOCTOR. Ich? + +QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter — + +DER DOCTOR. Lust? nein. + +QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt +umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen? + +DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier +unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und +Sittlichen zu spielen. + +QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der +Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen +müssen . . . + +DER DOCTOR. Müssen? + +QUESTENBERG. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht +37,500 . . . + +DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu +bezahlen. + +QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich +noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten! + +DER DOCTOR. Schön. + +QUESTENBERG. Nicht wahr? + +DER DOCTOR. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht +eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? + +QUESTENBERG. Fräulein Blashammer. + +DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . . + +QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung. + +DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). + +QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig +französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für +Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft — +dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, +steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, +wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . +(Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? + +DER DOCTOR. Darf ich eine äußern? + +QUESTENBERG. Ich bitte. + +DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. + +QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den +Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem +Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! + +DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, +sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein +Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche +schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst +Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, +Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, +Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück! + +QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus +Vernunft so verrückt. + +DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er +in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für +Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres +Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. +Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit +meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) + +QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte +seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) + + + + +Abtheilung II. + +Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund +steht ein Modell. + + +Vierte Scene. + +ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von +KLAUS. + + +KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit +einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet? + +ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der +Arbeit schenkt . . . + +KLAUS. Welche Gnade! + +ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des +gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt? + +KLAUS. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London +und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . . + +ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die +fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt +aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie +von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der +Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — +Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der +Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte +von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, +daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze. + +KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von +hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? + +ALBERT. Hier? + +KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem +Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen +Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben +und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden +wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße. + +ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte +mit Dir machen. + +KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das +Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt. + +ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran. + +KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . . + +ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe. + +KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger +der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen +eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit +erhalten. + +ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. + +KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran +so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf +und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst +merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung +von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der +in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen +täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen. + +ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. + +KLAUS. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken +wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von +Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir +ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu +entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst +sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen +Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen. + +ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf. + +KLAUS. Es fördert unsern Zweck! + +ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein, +so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen +gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . . + +KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen. + +ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu +sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich +erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und +meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . . + +KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst +lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die +falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor, +erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch +ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute +fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. — + +ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der +Meister meines Geschickes bleiben. + +KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen +Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um +geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und +Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das +Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem +Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter +Deinem Talente nicht verkriechen. + +ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging. + +KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. + +ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. + +KLAUS. Zunächst nichts weiter. + +ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million? + +KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue +Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus +der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? + +ALBERT. Nein. + +KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich +begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach +Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie +von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . . + +MARIE (singt draußen). + +KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im +Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet +werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus +der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist +geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer +Bedürfnisse“ . . . + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. MARIE. + + +ALBERT. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott! + +MARIE. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören. + +KLAUS. Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um höchst einfältige +Fragen. + +MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen? + +KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt. — + +ALBERT (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen. + +MARIE. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit +denkt. + +KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht +schaden. + +MARIE. Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein +ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann +meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! +Glück zu! + +KLAUS. Ihre Vorwürfe sind ungerecht. + +ALBERT. Was bringt Dich so auf?! + +MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack +findest — + +KLAUS. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack +finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm und Hagel! . . . + +MARIE. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! + +KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als +Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende +Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders +günstigen Lichte darstellt. + +MARIE. Das wäre abscheuliche Verläumdung. + +KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles +verkehrt. + +MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen? + +KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. + +MARIE. Ueberflüssig! — Heraus damit. + +KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen +bei Jemand einen Meineid kosten — + +MARIE. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich +die Thür, schütze mich! + +KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. + +ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul +bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . + +KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . + +ALBERT wendet ihm den Rücken. + +KLAUS. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn +Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im +Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß +der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden — + +MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. + +KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein +sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm +die Augen versehn! + +MARIE. Pfui. + +KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. + + + +Sechste Scene + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +MARIE (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als +ich in die Stube trat, wovon war die Rede? + +ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. + +MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem +Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es +steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich +Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich +nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's +ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen +Träumen zu opfern! + +ALBERT. Meinen Träumen!? + +MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte +ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für +Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl +kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme +Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen +ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt +und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates +untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath +treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual +— Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es +von ferne zu sehen. + +ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn +Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig — + +MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren +sollest — + +ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an +meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich +verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das +beschränkte Thier. + +MARIE. So schwärmt Klaus. + +ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. + +MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den +Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines +Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum +Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit +in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf +der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er +bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere +Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des +Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln? + +ALBERT. Höre auf davon. + +MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! — +Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die +Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das +Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die +Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein +Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das +Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der +Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne +Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen +beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel +und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der +Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte +schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem +Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige +verschweigend meine Pein?! + +ALBERT. Erbarmen! + +MARIE. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur +hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) + +ALBERT. Bleib' Marie. + +MARIE. Was wünschest Du noch? + +ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich +voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm +ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die +Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . + +MARIE. Versuch's. + +ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell +einen Rock an). + +MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter +Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! +Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, +male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle +Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! + +ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). + +MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). + + + + +Zweiter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vorzimmer zum großen Festsaal. + + + +Erste Scene. + +ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich +in einem Lehnstuhl. + + +QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst +von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. — + +ALBERT. Um Entschuldigung — + +QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch +sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, +ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern — + +ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen. + +QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das +große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es +Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und +beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die +klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt +es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern +aufschlägt.) + +ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese +Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir! + +QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. + +ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen. + +QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses +schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten +Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. + +ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das +Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde +ich's dann wagen können zu bitten — + +QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit +dasselbe Dein Eigen ward. + +ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! — +(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) + +QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er +Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. + +ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz! + +QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche +Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen +und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige +Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten +und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's +nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen +erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu +lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld +zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den +Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade +Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings +müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du? + +ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. + +QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in +der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das +entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch +zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den +täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese +Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich +kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes +stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der +erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein +blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen +Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder +vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses +und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du +giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo +das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir +verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden +sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und +auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage +kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. +Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die +Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen +Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der +elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ +„Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der +Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das +ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die +Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe +hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. + +ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende +Hoffnung überbringen!? + +QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll +helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich +kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne +fahren, versteht Er, Herr Pinsel? + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht? + +QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben Sie nur die +Güte näher zu treten. + +V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? + +QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht +seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden? + +QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? + +V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, +aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten +befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig +hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den +Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, +die Eigenthum für Diebstahl halten. + +QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten. + +V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund +verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von +seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich +entfesselt! + +QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. + +V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner entwickeln noch +zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit +der Wurzel auszureuten. + +QUESTENBERG. Was wird denn versäumt? + +V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's in +meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein +starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die +Demagogenhitze vertreiben. + +QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend +zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen. + +V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur deine +Launen sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine +höchsten Güter! — Was bemerkt doch Göthe darüber — ich glaub' 's ist der +alte Papa — oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean +Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein +paar Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . . + +QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte. + +V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung, +schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so — Sie waren ja mit ihm in +Unfrieden, 's ist unpassend . . . + +QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. + +V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . + +QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl? +(Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) + +V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus +Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer +Krippe geboren. — Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten +Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher +Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten +die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder +ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen +gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', +ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde +mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen +zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem +Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen +guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt +mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, +eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als +Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit +Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen wollte — +Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . . + +QUESTENBERG. Wird er kommen? + +V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe +Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. + +QUESTENBERG. Nun? + +V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen +vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar +brennen! + +QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim +durchreisenden Finanzminister galt. + +V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, +die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. + +QUESTENBERG. Unmöglich! + +V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich +verkriechen. + +QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . + +V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus. — Sein Gesicht verzog +sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . . +Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn +herzhaft in die Schmiede. — Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor +Mitternacht zu Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte +mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein +Päckchen Karten.) + +QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, +Verlobte. + +V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift? + +QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals +sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man +blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel +die Herren und Damen stehn.) + +V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! + +QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig +eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen. + + + +Dritte Scene. + +DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von +Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir +bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen. + +V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was macht die +traute Freundin Pipi? + +QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl +bettlägerig wurde — ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu +scharf! + +V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, +lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief). + +QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . +Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod. — Noch immer +lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der +Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut +mich! + + + +Vierte Scene. + +DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette. + + +DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel +unten lachen und rufen: bravo, bravo!) + +V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man +darunter? + +BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich +meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen Sie mir gefälligst +bei, ich bitte . . . + +V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in +Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du +quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . . +(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den +jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen +auch? + +DER DOCTOR. Freilich. + +V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von +staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? + +DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen. — + +V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? + +BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde +für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als +zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, +Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir +die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste +Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor? + +DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung. — Der +Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . + +BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu +bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin! + +V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . + +DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner +Feder, hi, hi, hi . . . . + +V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! + +BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr? + +DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. + +V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie +werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist +auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum +Anfang). + + DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung). + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In jedem Herzen wiedertönt, + Zur Einheit Jung und Alt versöhnt? + O halte ein! + Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + Den Schwachen schützt, den Starken wehrt, + Des Heilands Worte frömmig ehrt? + O halte ein! + Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In Land und Stadt der Leute Fleiß + Zum Ziel des Heils zu lenken weiß? + O halte ein! + Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Das Recht verklärt, den Geist erhebt, + Die Menschheit zu vergöttern strebt? + O halte ein! + Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Die Sitte lenkt, das Leben führt + Und jede Handlung edel ziert? + O halte ein! + Sie kann es schon gewiß nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + So nennt sie endlich mit Vergunst! + Es ist doch nicht die Niedertracht, + Wo feig der Schalk sich selbst belacht! + O halte ein! + Sie kann es nie von Herzen sein. + + Sie kann es nie von Herzen sein, + O Gott vom Himmel sieh' darein + Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft: + Es falle ihre Meisterschaft! + O stimmet ein, + So soll es und so wird es sein. + + + +Fünfte Scene. + +Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die +klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum +DOCTOR: + + +V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem +Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen +Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen +Galanterie? + +DER DOCTOR. In keinem. + +V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr „leben +und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei, +mit Permission gesagt — + +DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . . + +V. ZITTERWITZ. — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen +Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. + +DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum +Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER +erhebt sich mit einem Becher.) + +V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? + +BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat +gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und +Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die +Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn +in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben +wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E +geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die +innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere +ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! + +QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in +den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen. + +BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das +Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch +bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ +zusammen.) + +V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne +Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken. + +BLASHAMMER. Zum Schein. + +V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich +verloren? + +BLASHAMMER. Ja . . . + +V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). + +BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! + +V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich +that. + +BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen +Erfindung. + +V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . + +BLASHAMMER. Alles. + +V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle! + +BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten +Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine +zu gleicher Zeit Versuche an? . . . + +V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen — + +BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! + +V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein. + +BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der Erfinder +selbst brachte sie mir in's Haus . . . + +V. ZITTERWITZ. So! + +BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. +Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle +verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im +kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben +verbittert! + +V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger! + +BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist +wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein — + +V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch +eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! + +BLASHAMMER. Allerdings. + +V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein? — +Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . . + +BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. +(laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte? + +V. ZITTERWITZ. Warum nicht? — Schalk, Schalk, heraus mit der +Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu +Questenberg wohl nur erproben — + +BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist. + +V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? + +BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst +nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine +Tochter vermählt. + +V. ZITTERWITZ. Aha! + +BLASHAMMER. Verstehen Sie? + +V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder +der größte Schlaukopf, welcher lebt. + +BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann. + +V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt +zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen +scheint. + + + +Sechste Scene. + +BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. + +(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.) + + +V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel welche Absicht +ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! + +QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! + +V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich +überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. — + +BLASHAMMER. — Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich +alles rücksichtslos tadle, was . . . + +V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. + +BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein +Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! + +V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen — + +BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein +schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem +Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er +anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so +geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt +ihm dann für's Portefeuille eines Ministers? + +V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses +durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. + +BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich — gehen wir +ein bischen in's Freie. + +V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen +den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). + + + +Siebente Scene. + + +QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung +kam — anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu +entthronen, mich zu seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die +Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem +Heirathsproject Beifall schenken? + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Was giebt's Papa? + +QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. + +DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde +glücklich zu Wasser. + +QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine +Schmach. + +DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. + +QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? + +DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn +zu necken. + +QUESTENBERG. Wirklich! + +DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ + +QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld! + +DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel +lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie +sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch +glücklich zu werden, indessen — + +QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! + +DER DOCTOR. — Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der +Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein +Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen +Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern. + +QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's +in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen +Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich +bis über die Ohren im Actenstaube begraben! + +DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram! + +QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den +Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können! + +DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein +Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient +die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach +Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut! + +QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. + +DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit +stattfindet? + +QUESTENBERG. Noch nicht. + +DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? + +QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . + +DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich! + +QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den +wichtigen Punkt . . . + +DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! + +QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . . + +DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! + +QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. + +DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben — kann sich der Doctor nicht +verlieben. + +QUESTENBERG. Ironischer Narr! + +DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis! + +QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) + +DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will +fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) +Die Musik mahnt! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich! + +DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. + +QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . + +DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. + +QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören! + +DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären. + +QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde +und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will +geh'n.) + +DER DOCTOR. Papa . . . + +QUESTENBERG. Ich sprach genug. + +DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. + +QUESTENBERG. Nämlich? + +DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein +Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. + +QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. + +DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag. + +QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) + +DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel +und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern +genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl. + + + +Neunte Scene. + +FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). + + +MARIE. — In acht Tagen, liebe Mutter. + +FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist — ein +Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das +Vertrauen stiehlt. + +MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. + +FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr +anstellen! Was versteht er! + +MARIE. Geduld! + +FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit +des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der +Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich +vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles +was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich +in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so +hätten wir unsere Freude — Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, +der früher ein Auge auf Dich warf. + +MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon! + +FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten +Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? + +MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! + +FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund. + +MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) + +FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer — Er +macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) + + + +Zehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. MARIE. + + +VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein +Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine +schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, +hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, +nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, +ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch +aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit +neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber +zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der +Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll! — Ein +schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen +auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den +Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören. + + + +Eilfte Scene + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. + +VATER ZIEMENS. Mamachen! + +FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich +trug schon die Suppe auf — (Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, +Marie. (Marie ab.) + +VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute +früh ziemlich gute Mienen. + +FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . + +VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam — Das Uebel +heilt bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . + +MARIE kommt mit der Lampe. + +VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? + +FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen. + +VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn +fortzufahren.) + +FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das +Haus. + +VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? + +FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme Dich! — Gieb dem +Alten einen Kuß und das Versprechen. + +VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! + +MARIE giebt ihm einen Kuß. + +VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht +geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht +treffen, — Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) +Was gibt's denn da? + +FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß — Wohl +verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks. + +VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? + +FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? + +VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen. + +FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers +Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und +Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's +Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn +bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer +Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus +Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und +Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse +und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. +Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von +hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst +Du, he? + +VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen +lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm +Arm, welches er auf eine Bank wirft.) + + +MARIE. Weh! + +VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! + +MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! +(ab.) + +VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen! + +FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.) + + + +Dreizehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und +sieht dumpf vor sich hin.) + + +VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind +allein. + +ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner +Lage . . . + +VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so +kommt, 's ist meine Schuld! + +ALBERT. Inwiefern? + +VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann — +verzeih'! oh, oh! + +ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das +Bündel schnüren? + +VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . + +ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst +Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch +immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! + +VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen +muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln +zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der +erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen +soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der +Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte +ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen +morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man +unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, +des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch +das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. +Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren +Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen +Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der +Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und +sterbend gesenkt! . . + +ALBERT (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers +Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) + +VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, +edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen +Scheidestunde — hörst Du? + +ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter +Wille, daß ich geh'. + +VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab! + +ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke! + +VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb! + +ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! + +VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die +Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. + +ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n! + +VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger +Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich +ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in +die Grube werfen? Albert, Albert! + +ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n. + +VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! + +ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis +schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, +bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis +auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) + +VATER ZIEMENS. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er +selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne +Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen +nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in +Ewigkeit! + + + + +Dritter Akt + + + + +Abtheilung I. + +Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik +abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. + + + +Erste Scene. + +BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. + + +BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich +an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht +umsonst Psychologie . . . + +BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt. + +V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. + +BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei +vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . + +V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . + +BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre +Fragen? + +V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . . + +BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, +woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein +wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne +eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr +Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! +Fort, beschwingen Sie Ihre Füße! + +V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd +stehen.) + +BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund +zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt. + +V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! + +BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel +Vergnügen mein Fräulein. + +BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. + + +BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann +sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) + +ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? + +BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere +singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. + +ADELGUNDE. Woher kommt das? + +BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr +lange besitzen. . . + +ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen. + +BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze +Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, +Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging +ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich +keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und +Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse +vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine +Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt +schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir +schlaflose Nächte . . . + +ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten. + +BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren +Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, +wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in +Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir +einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' +Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist +keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist +von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen +andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern +hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. + +ADELGUNDE. Hier? + +BLASHAMMER. Ja. + +ADELGUNDE. Aber mein Vater. + +BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon +oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen +Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall. + +ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! + +BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die +Hand. + +ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, +wie schnell geht das! + +BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's +sein . . . + +ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. + +BLASHAMMER. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf +halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er +geht.) + +ADELGUNDE (nachrufend). — Papa? + +BLASHAMMER. Meine Tochter? + +ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? + +BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber! +sogleich siehst Du ihn. . . + +ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) + +BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was +ihn erzürnt. + +ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich +gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne +mich sie abzuschütteln. + +BLASHAMMER ab. + + + +Vierte Scene + +[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] + +ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen. +Lassen Sie mich denn allein. + +V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe. + +DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? +ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen +Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied +summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Sträußchen zu sammeln. + +ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? + +DER DOCTOR. _Au hasard_ + +ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. + +DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._ + +ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig. + +DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu +hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe? + +ADELGUNDE. _Avec plaisir._ + +DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher. + +ADELGUNDE. _Par exemple!_ + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns +nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. + +ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois +alors . . ._ + +DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. + +ADELGUNDE. — _comment d'après ce princip, arriveriez vous à une +inclination individuelle?_ + +DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur +individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich +verliebt — auf Befehl des Alten! + +ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez +une reponse à toutes les questions . . . ._ + +DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch. + +ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ + +DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . . + +ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_ + +DER DOCTOR. Wohl war ich's. + +ADELGUNDE. _Eh bien?_ + +DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave +Burschenseele. + +ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ + +DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus. + +ADELGUNDE _Et après?_ + +DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr +ernst. + +ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß. + +DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst +ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau. + +ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. + +DER DOCTOR. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine +gültigere giebt — + +ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit. + +DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . . + +ADELGUNDE. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die +Wahrheit wird euch erlösen.“ + +DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel. + +ADELGUNDE. Das ist mir neu. + +DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten +Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. + +ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie +glauben? + +DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß +im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte +vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen +Jenseits tausendfach vergolten — + +ADELGUNDE. So murren Sie nicht? + +DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa +sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen +Herrn Doctor. + +ADELGUNDE. Sie sind barock. + +DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste +von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen +Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten +Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. + +ADELGUNDE setzt sich und seufzt. + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte +ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, +nur in Thorheit. + +ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die +Maske eines Heuchlers verabscheuen. + +DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid. + +ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort. + +DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe. + +V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten +Herrschaften . . . + +BLASHAMMER. Nur näher getreten. + +V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es +ging ja ausgezeichnet gut. + +DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. + +V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier +allein — + +DER DOCTOR. — Was außerordentlich auffiel — + +V. ZITTERWITZ. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu +lauschen. + +DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . . + +V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät. + +QUESTENBERG. Was gab's? + +V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch. + +QUESTENBERG. Es handelte sich? + +V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . + +BLASHAMMER. Erstaune! + +V. ZITTERWITZ. — als von Liebe! + +DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. + +QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. + +BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt. + + +ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ + +DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . + +BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen +Blick zu der mehr besagte, als . . . + +ADELGUNDE. Papa! + +BLASHAMMER. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein! + +V. ZITTERWITZ. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute +zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören +Sie? + +QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? + +BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß +ich sie ineinanderlege. + +V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon — + +QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. + +V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! + +QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! + +V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die +Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, +Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren +sind offen und gewähren einen Blick in den Garten. + + + +Siebente Scene. + + +DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und +klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies +Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am +Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte +er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und +zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und +bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner — +Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte +Jemand? Herein! + + + +Achte Scene. + +DER DOCTOR. MARIE. + + +MARIE. Grüß' Gott! + +DER DOCTOR. Danke. + +MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn +Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? + +DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) +Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte +ergebenst . . . + +MARIE. Ich kann steh'n. + +DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein +Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den +ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.) + +MARIE. Ich will kurz sein. + +DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ? + +MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir +gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten +Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein +kann . . . + +DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . + +MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen +Vers von mir. + +DER DOCTOR. Sie heißen — ? + +MARIE. Marie Ziemens. + +DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! + +MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. + +DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil! + +MARIE. Kaum glaublich. + +DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. + +MARIE. Ach! + +DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich +Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte? + +MARIE. O sprechen Sie nicht so. + +DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen — +gleich! + +MARIE. Pfui. + +DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine +Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte! + +MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. + +DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. + +MARIE. Ich bin Braut. + +DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? + +MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer +Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her. + +DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? + +MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, +seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn +Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig. + +DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. + +MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn — + +DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. + +MARIE. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer +Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit +Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die +schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel +aufstrebender Geist gebannt! + +DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und — + +MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem +Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe +mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus +Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . + +DER DOCTOR. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er +macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! +Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch +geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei +von Eifersucht ist? + +MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte! + +DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden. + +MARIE. Nun? . . + +DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich — +darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß. + +MARIE. O weh, ein schlechter Handel. + +DER DOCTOR. Nicht für mich. + +MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen? + +DER DOCTOR. Mit Händeklatschen. + +MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die +Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. + +DER DOCTOR. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der +Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig +unterzeichnen. . . . + +MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. + +DER DOCTOR. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer? + +MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) +O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . . + +DER DOCTOR. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der +Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber +Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . +Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . + +MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien! + +DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll +unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, +Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende +Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und +erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit +gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der +blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in +warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen +unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen +schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische +Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. +(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, +sie lebe hoch! + +MARIE. Schonung, Herr Doctor! — + +DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, +Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst +erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, +was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, +Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein +Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner +Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die +Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie +folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt +ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie +schmeckt's? + +MARIE. Ziemlich gut. + +DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem +schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch +eins. + +MARIE. Danke. + +DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — — + +MARIE. Es war mein letzter Tropfen. + +DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . +Nur her das Glas. + +MARIE. Ich schlag's in Trümmer. + +DER DOCTOR. Das hieße mich verachten. + +MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und +will fort.) Sie sind abscheulich! + +DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? + +MARIE. Sie wissen's. + +DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! + +MARIE. Lassen Sie mich nur fort. + +DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.) + +MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit. + +DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! + +MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe +— darf sie nicht erzürnen. + +DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich +entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und +leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! +Es sind alles Goldstücke. + +MARIE. Herr Doctor . . . + +DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich +begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, +schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den +alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und +angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten +Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß +sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig +ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die +Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? +(Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann, +mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres +Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die +Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem +ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, +die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) +Hoch die Romantik! . . + +MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief. + +DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen +Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. + +MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. + +DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er +fällt in einen Stuhl.) + +MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) + + + +Neunte Scene. + + +DER DOCTOR. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das +Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und +Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik! + + + +Zehnte Scene. + +DER DOCTOR. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? + +DER DOCTOR. So so, la la! + +QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel +schon gänzlich gehoben sein. + +DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen. + +QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich. + +DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, +ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer +zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden +sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermaßen verschonen. + +QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, +scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. + +DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne +Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und +klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst +aus der Fabrik. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage. + +QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und — + +DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's! + +QUESTENBERG. Du weißt aber nicht — + +DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! + +QUESTENBERG. Welch' Wagestück! + +DER DOCTOR. Unsinn! + +QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu +mischen. + +DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine +Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? + +QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse — + +DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche +Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber +langath'mige Verhandlungen, da! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. + +DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um +eine Bagatelle?! + +QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt +schüchtern ein.) + +DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. + +QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) + + + +Eilfte Scene. + +DER DOCTOR. ALBERT. + + +DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die +Herablassung. + +ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid +entweihe . . . + +DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? + +ALBERT. Ein wenig. + +DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, +bedenke das und — + +ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches! + +DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut! + +ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Es lebe die Association! + +ALBERT (ernst). Sie lebe! + +DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! + +ALBERT. Fort mit den Privilegien! + +DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! + +ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle. + +DER DOCTOR (lacht ironisch). + +ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht? + +DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige +Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. + +ALBERT. Vielleicht! . . + +DER DOCTOR (lacht wieder). + +ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? + +DER DOCTOR. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste +heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. + +ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). + +DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein +Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die — + +ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. + +DER DOCTOR. Wirklich — ei, ich meine er that übel. + +ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, +fand, daß mein Verlangen unbillig war. + +DER DOCTOR. Albert! + +ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist +zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!? + +ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du +alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken. + +DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann? + +ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den +Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle +der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu +leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu +triumphiren . . . + +DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was +er Dir giebt. + +ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht +beurtheilen. + +DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, +die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum +und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch +vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, +gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast +den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach +Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden +und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen +Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, +Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, +einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein +vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . +(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen +und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal +begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln +vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom +Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, +Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen +Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade +Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem +Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei +gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich +Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.) + +ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . +freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen? + +DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem +Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters. + +ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie +zuzumessen! + +DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist +Jemandes Verdienst richtig zu schätzen! + +ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch +still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke +durchschauert mich . . . + +DER DOCTOR. Was hast Du Albert? + +ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr +Questenberg nicht selbst das Papier? + +DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch +droht schwierig zu werden. + +ALBERT. So hatte er doch Furcht — + +DER DOCTOR. Inwiefern? + +ALBERT. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der +Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich +ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der +Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen +Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, +blutärmsten Paria! + +DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches. + +ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir +entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und +Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit +auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . +Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . . + +DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand. + +ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde +werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles +schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe +lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich +bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, +denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem +Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste +Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines +Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab +dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. + +DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! + +ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! — +Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das +Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, +es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere +Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte +Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah' +und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten +es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre +männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was +nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist +davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen +Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende +der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es +die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft +deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche +zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein +Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz! + +DER DOCTOR (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren +Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß +von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er +schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in +den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im +Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) +Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand +empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte +Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — +wirst Du mir verzeih'n. + +ALBERT. Zur Sache. + +DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument, +Albert, Du empfängst das Dokument . . . + +ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. + +DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der +Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir +Marie nie gebeichtet von mir? + +ALBERT. Von Ihnen? + +DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war? + +ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. + +DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst +jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts +sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als +Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit +— + +ALBERT. Nun wohl. + +DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. + +ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? + +DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. + +ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte? + +DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt +verließ und zur Universität abging. + +ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? + +DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische +mir gestern erschien! + +ALBERT. Wo? + +DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich +beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend +wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, +ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren +Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die +keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein +zu nennen! . . + +ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen. + +ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen. + +DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie +ist nicht minder legitim als Deins! + +ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! + +DER DOCTOR. Du meinst! + +ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes +Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. + +DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! + +ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen +deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um +Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen. + +DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür! + +ALBERT (lacht). + +DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte +ich ihn ohne Umstände fordern . . . + +ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines +Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, +Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie +konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er +Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk, +sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, +verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den +Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt +Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu +spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, +seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie +eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte +toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, +tausendmal Verzeihung! + +DER DOCTOR. Du bist ein Gott! + +ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt +keine heiligere Reliquie mehr! + +DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. — +(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß +zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche +genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen +und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, +Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand +schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen +uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen? + +ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier +unterzeichnete? + +DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar +auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von +meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles +zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. + +ALBERT. Beim ewigen Heil! + +DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer +Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage. + +ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? + +DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören +soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen +Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit +der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn +Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer +drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn +Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber, +Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der +ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen +plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter +sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein +blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste +veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, +um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, +Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . + +ALBERT. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem +armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares +Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir +Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend +und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln +uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument +bezeugt's zweifellos. + +DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . + +ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . + +DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch. + +ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester +Geselle. Lebe denn wohl. + +ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach +verschiedenen Seiten ab.) + + +Neunte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus +dem Original übernommen.] + +BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet, +das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem +andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde. + + +BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der +Börse verloren . . . + +DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen. — + +BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich +in einen Sessel.) + +DER DOCTOR. — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein — indessen, +wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . + +BLASHAMMER. Das arme Herz! — Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer +erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . + +DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein. + +BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie. + +DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen. + +BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht +vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde? + +BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. + +QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche? + +BLASHAMMER. Lies, lies! + +QUESTENBERG (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser +Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo +kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an +die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was +die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das +Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher +bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst +kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million +beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition ist. — +Es klingt wie eine Verleumdung. + +BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten +in die Schuhe . . . + +QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun. + +BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit +den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und +Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?! + +QUESTENBERG. 's ist unglaublich! + +BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große +Blashammer Ehre und Existenz!? + +QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! + +BLASHAMMER. Niemand — wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, +Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist? + +DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! + +BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post. + +QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich +zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen +wieder abbestellt. + +BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig! — Es sind +die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . + +QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! + +BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. + +DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die +Arme. + +BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. + +DER DOCTOR. — Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern +strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. + +BLASHAMMER. Wodurch? + +DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. + +BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! + +DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da kann's Ihnen auf ein +oder zwei nicht ankommen. + +BLASHAMMER. Danke bestens. + +DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. + +BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber — öffne den +andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains. — Der +gute Mann mußte für mich sterben! . . + +QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn, +Leichtsinn! + +DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! + +BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel. + +DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?! + +BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . + +DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen +und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. + +BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. + +DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's +seine eigene Schuld. + +BLASHAMMER. Meinetwegen. + +DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! + +BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung! + +DER DOCTOR. Warum, sage ich?! + +BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können! + +DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben +weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen +gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm +anvertrauten. + +BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch +gleichgültiger. + +DER DOCTOR. Bravo! + +BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der +ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . . + +DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. + +BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel +bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von +Palermo ungehindert fortgelassen haben. + +DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List! + +BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem +unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da +sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . + +DER DOCTOR. — selbst bei Gefahr Ihres Lebens! + +BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie +glauben! + +DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb +Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . + +BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen! + +DER DOCTOR. Nicht wahr? + +BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater +morgen die Gläubiger vom Halse schaffen! + +DER DOCTOR. — — Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen? + +BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. + +DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn? + +BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr. + +DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen +Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!? + +BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül. — Ich bin +ein ruinirter Mann! + +DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. + +BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies +Sie zu fragen! + +DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? + +QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. + +DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! + +QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während +der Vorhang fällt). + + + + +Vierter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vor der Hütte des Vater Ziemens. + + + +Erste Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' in der Hütte. + +MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor. + +FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen? + +MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja — ich +hatte die ganze Schürze voll. + +FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind — — Entstiegst Du nicht eben dem +Federbett! — Komm' zurück, die Luft weht kalt. + +MARIE. Bin ich denn krank? + +FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem +Blut. + +MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als +die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die +thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten, +fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu +springen wie bei der Hochzeit. + +FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. + +MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert — Du schaltst +ihn einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er +mich an den Abgrund des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte +mich verletzt . . . + +FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. + +MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde — + +FRAU ZIEMENS. — strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein +ehrbares Mädchen hegt Gedanken — + +MARIE. Welcher Art? + +FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. + +MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich. + +FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf +Deiner Zunge — Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich +geschrieben — Wie wird Dir — Mein Kind! + +MARIE erblaßt und droht umzusinken. + +FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme). — Was hast Du auf Deinem Gewissen! + +MARIE. — 's ist überstanden; die schwache Natur hilft mir — — Du bist +auf alles vorbereitet — hier, lies den verhängnißvollen Brief. — — + +FRAU ZIEMENS. — Mir dunkelt's vor den Augen. + +MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um — um meiner +Ehre Preis! — — Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, +wodurch mein Verbrechen zu sühnen. + +FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. + +MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die +Liebe des Guten. + +FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon — + +MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich bedarf einer +Autorität! + +FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche. + +MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' +ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die +labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben +trieb und kannst allein — + +FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht? + +MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen +obersten Wohlthäter. + +FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! + +MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden — die Brille. + +FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott! — Nun erst begreif' ich, wie tief Du +sankst — — Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend +vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch +geweihter Priester erbaut sie mehr! + +MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des +Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — +Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen +Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte +abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich ungetheilt +erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe Aufrichtigkeit, erhebt +und fortreißt durch den Zauber seines Beispiels! — Ach, ich irrte in +eine Wüste der Finsterniß, und verschmacht' im dunklen Drang nach +Entscheidung! Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's im +Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, +lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich erscheint Albert, o +Mutter, willens in's Joch, das die Schwäche der Menschheit, unsere +Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen? + +FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin. + +MARIE. Muß ich — ? + +FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?! + +MARIE. . . . Der Tod. + +FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten wir das +um Dich! + +MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' mich nach +jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete — Ersehnte! +Er ist's! — Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden +Ports — doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts +stürmt ihn das unerbittliche Meer. + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. + + +ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren. + +MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken). + +FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung). + +ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau Mutter, dies +Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . . + +FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte). + +ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles — War +die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an +Mädchen, wie fass' ich — + +MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). + +ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der junge Herr ging +schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem +Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber wie fein! wie +herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar +sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts +vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis +jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, ei! . . . +Zu viel überschwemmendes Lob — zu viel, auf einen Elenden, der die +Jungfrau des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl +sagen konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.) + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. + + +VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. + +ALBERT. Wer ruft mich? — Mein Vater! + +VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' mir doch, wo er ist? + +FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind — Da, da hast Du ihn. + +VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote — Noch kommst Du zur rechten +Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch — — Du bebst zurück? Welche +finstere, verzweifelte Mine? + +ALBERT. Armer Vater! + +VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer — Bringst Du meinem Töchterchen +keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt — + +ALBERT. Vergrößert ihre Pein. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . +Lass' mal sehn — Ist sie im Garten? + +ALBERT. Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks Meduse. + +VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen — Kinder, Kinder, ihr werdet +nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. + +FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch. + +VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren +kaltes Herz? + +FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. + +VATER ZIEMENS. Erzähle — sei so gut. + +FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe +recht, bevor sie Albert kannte — + +VATER ZIEMENS. Ich versteh'. + +FRAU ZIEMENS. — ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward — + +VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. + +FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth. — + +VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! + +FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält). +Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich +Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie +in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein +blieb. + +VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen — dessen bin +ich gewiß. + +FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, +schmeichelhaften Sprache. + +VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit +schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht +Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch +fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich +zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der +Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid +Ihr verloren — Ihr seid — und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein +Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel +zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt +Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! + +FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern +Leidenskelch?! + +VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe? + +FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen! + +VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde? — Weib! + +FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit +Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in +schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend +unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten +Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von +Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf +meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits +verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, +er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über +Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten blieb der selige +Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges +Rächerantlitz warnend mir erschien — warst Du nicht umzustimmen! Taub +bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist +unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur beschämt — +er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl, +regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem +lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer +ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und +nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht +erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes +aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches +Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit +beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich +ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden +Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in +ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. + +VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie! — Welchem fürchterlichen +Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den +Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst +nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der +unsterblichen Himmelsflamme verglüht!? + +ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle +Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten +Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit +fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort +und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie +erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich +gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom +blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten +Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen +wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall zu vertrau'n und +dem Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft +wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern +wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit +und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als Mittel zur +Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu +Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders +stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht +beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern! + +FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! + +VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir +fallen, sie zu versöhnen. + +ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer +für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, +Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's +alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in +lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein +jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und +gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das +Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind“ — + +VATER ZIEMENS. Albert, Albert! + +FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! + +ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein +Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter +Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. + +VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen! + +ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid — unter dem +Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale +Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen +erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und +schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran! + +FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. + +VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. + +FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt +katholischen Kirche sich zu Füßen legen. + +ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies. + +FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. + +ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels +Frieden! + +VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte? + +ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern +Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich beschwöre Euch, weilt! + +MARIE. Fasse — halte — leite mich, Vater . . . + +ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?! — Die Bagatelle, Vater, +welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den +Lauschern fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, kannst Du +für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund +verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt! + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. ALBERT. + + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert. — Gewalt stürmt nicht die Schranken +ihres Herzens. + +ALBERT. Memme! Memme! + +FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund. + +ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder denkst Du, ich bin +ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von +Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk +den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?! + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.) + +ALBERT. Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr war's möglich — sie +konnte — Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?! — Das +endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.) +Teufel und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube wird zur +Hyäne . . . + +FRAU ZIEMENS. Wohin Albert? + +ALBERT. Ihr die Schande kürzen! + +FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind! + +ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses +geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm +Marie entgegen). Gott — + +MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz. + +ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st Du +meiner Brust! . . + +MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.) + +FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht +geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich +wieder.) + +ALBERT. — — Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen +Nebel, froh athme ich auf: — es war nur ein Traum, ein fürchterlich +geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum +sei er schnell, schnell vergessen! + +FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und +Mitteln, die Thorheit zu besiegen. + +ALBERT. Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus! + +FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher — schon winkt er uns. (Geschrei aus der +Ferne.) + +ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs +Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach +versagte — + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so +leben wir alle Tage, in — _Bon jour monsieur, madame_ — Wir nicht hatten +_depuis long-temps_ die Vergnüken — _Reçevez mes compliments_. + +ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack? — + +KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_ +endlich Justiz gehalten. + +ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher +ordentlich deutsch. + +KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen +_oublier notre belle langue allemande_ . . . + +ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten. + +KLAUS. _Patience, monsieur_. + +ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren. + +KLAUS. _Mille pardons_ — ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk +ßoll ßein verschw — w — wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent +la_ Kurkel — _j'étouffe_ . . . + +ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer! + +FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.) + +KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million reich! — +Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, großer +Mann — Nicht unser Muckerländchen — das freie göttliche Amerika erzeugte +ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser Stadt +_de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik der +Sprak _du monde_. + +FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million — + +KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein +rentables Fabrikchen eingetragen — + +FRAU ZIEMENS. Bei!? + +KLAUS. — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung. + +ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem Besuch — schleunigst +— erfreuen — Johnson — — Das ist ein Possenspiel. + +KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern. + +ALBERT. Vergebliche Mühe — zu spät! + +KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he? + +ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten +Namen. + +KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der +Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts +aussetzte. — Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, +großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines +Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf +die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die +Sünde für uns alle trägt! + +ALBERT. Ja, ich that Dir Leides — + +KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir +einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt +viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur +Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche +tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die +Kinnbacken — aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst +löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend +würde mich indeß so recht _tête-à -tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel +laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach der reichen +Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den +Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an der +Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor mir her. +Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und balancirte — +balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt +mich zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo schon so +mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner Heldenthaten +übermächt'gen Rausch verschlief! + +ALBERT. Ein frommer Wunsch. + +KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir. + +ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß, +daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich +vergesse. + +KLAUS. Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen +anhetzen, Steine nach mir zu werfen und „wilder Klaus“ zu schreien, he? +Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel +pfarrherrlicher Ehrbarkeit? + +FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes +würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen. + +KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:) + + Bei wem das Geld im Beutel klingt, + Die Seele aus dem Fegfeuer springt. + +ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht. + +KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige +verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu +ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ mir auf den Buckel zu kreiden. +Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler +Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich +kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben +mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß' +elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit +noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte. +— 's ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem der +Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr — fahr's nur ganz +nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit +wahrhaft schwärmt! — Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich +werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's +Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung! + +ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes +Versprechen zurück. + +KLAUS. Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung +gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der — der die Brust +schnürt und Gedanken mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine +verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden. + +ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl +in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und +erheben, Du, Du — wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder! + +KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte die Million _in spe_ für +Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer — für Geld +ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause +Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst +angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden wollte — +Wenn Nein die Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke +elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; möchte als +Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden Federhuts, +staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß +seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu nützt +Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu Jahr vermehrt? Bist +Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark der Menschheit +geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens +sichre Rente! + +ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath +entsprechen, doch in meiner Weise. + +KLAUS. Heil Brutus Dir! + +ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist jetzt die Zeit. Mich +drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau Mutter, ein Wörtlein in +Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.) + +KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er +singend hinter ihnen her). + + _Allons, enfants de la patrie — hi, hi, + Le jour de gloire est arrivé: — he, he. + Contre nous, de la tyrannie — hi, hi, + L'etendard sanglant est levé — he, he . ._ + +(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.) + + + + +Abtheilung II. + +Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt. + + + +Sechste Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.) + + +V. ZITTERWITZ. — Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der +_haute-finance_ nichts ausrichten läßt — Aber ich kenne Schneider, +Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in +ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in +die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, Sie schreiben +vornehm einige Zeilen blos und — + +BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und +wie er zu Credit kommt. + +V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität! + +BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen. — Ich — +ich nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem +mein Wort wenn ich ohne Sicherheit bin. + +V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre +Kühnheit und Sie zweifeln am Glück? + +BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers! — Treten wir unter die +Gläubiger. + +V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?! + +BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den +Loostopf. + +V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind! — Daß ich +Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält ihn fest.) + +BLASHAMMER. Herr Regierungsrath? + +V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer — + +BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an). + +V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und +ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall +einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung — + +BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der +Concurrenz zu weit überflügelt! + +V. ZITTERWITZ. Sie meinen — ? + +BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns ansteckt — +sagen wir gut für ihn. + +V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle. + +BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate heraus — +Ich prophezeite es Ihnen schon. + +V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen! + +BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte Ihren guten Glauben und +schweige. + +V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich +absichtslos. + +BLASHAMMER. Es tröste Sie. + +V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn! — Als Sie noch in den Windeln der +Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie +daran. + +BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber, — — (nachdem er +auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr Regierungsrath, +— die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! — +und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he? + +V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm und uns wäre +damit geholfen. + +BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf? + +V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag. + +BLASHAMMER. Lohnt's? + +V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste +Freundschaftsstück guter Christen. + +BLASHAMMER. Ueberlegen Sie. + +V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf +den Fluthen trägt! — Wir sind einig. + +BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß. + + + +Siebente Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm). + + +V. ZITTERWITZ. Fort! + +BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten. + +V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer +sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.) + +QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt — nichts, +was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch +schweigend auf — O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.) + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS. + + +ALBERT. Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es +zu melden. + +KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er +und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen. + +ALBERT. Geh, eile. + +KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's. + +ALBERT. Willst Du mich erzürnen. + +KLAUS. — Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen. + +ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens. + +ALBERT. Ihr treuer Diener. + +QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege. + +ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen Sie nur einige +Minuten. + +QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen — ich les' es in Deinem +Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve. + +ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so +viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune. — + +QUESTENBERG. Schlange! + +ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . . + +QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was +Dich herführt. + +ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen — + +QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist, +Albert. + +ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt. + +QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint? + +ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten — + +QUESTENBERG (ungläubig). Ah! + +ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die — Kühnheit hatte. + +QUESTENBERG. So! hm! — Und sie fanden seinen Beifall? + +ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem +Unglück hörte — + +QUESTENBERG. Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt oft Wunderdinge — +räthselhaft erscheint mir blos . . . + +ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines Mannes von bösem +Gewissen. + +QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht. + +ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen. + +QUESTENBERG. Willst es wissen? + +ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten. + +QUESTENBERG. Du wurdest betrogen, — + +ALBERT. Sie scherzen! + +QUESTENBERG. unterdrückt, — + +ALBERT. Pfui. + +QUESTENBERG. tyrannisirt! + +ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein Gebieter! + +QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich fort. + +ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie — man kommt — Ihr +Retter! — Glauben Sie mir nun? + +QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert. + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON. + + +JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits. — + +QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm +einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . . + +JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten +vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, +ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind — + +QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht). + +JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung. + +KLAUS (murrt). + +QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment. + +JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit +klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt. + +QUESTENBERG. Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was +ich sagen soll! — (laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung bieten +— (bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und +Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde Lügen +strafen! + +JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft +Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben! +(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt +zu mißcreditiren? + +QUESTENBERG. Ja — ja wohl! + +JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher +Exberimentesucht — + +QUESTENBERG. Man that's. + +JOHNSON. — was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte. + +QUESTENBERG. Natürlich. + +JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des +Fortschritt's! — + +QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf). + +JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, wenn's kefällt. + +QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.) + +JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit. — + +QUESTENBERG. So — ah! + +JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt, +mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten. + +QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir +solch' Vertrauen . . . + +JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie +wünschen. + +QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß +nicht . . . + +JOHNSON. Sehen Sie nur hierher. + +QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . . + +JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr. + +QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr. + +JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr. + +QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich +jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!? + +JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?! + +QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier nicht Mode. — + +ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den +Notar, der draußen wartet. + +JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen. + +QUESTENBERG. Um Verzeihung — sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver +Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der +Einfaltspinsel blieb unschuldig . . . + +KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst +ihn schamlos triumphiren lassen!? + +ALBERT. Behindre mich nicht. + +KLAUS. Keinen Schritt weiter. + +ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . . + +KLAUS. Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich! + +JOHNSON. Meine Herrn . . . + +QUESTENBERG. Was — giebts — Kinder. + +ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich +schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die +Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei. + +KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson. + +JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . . + +KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so +straf' mich der Teufel. + +JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise. + +KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; +dessenungeachtet . . . + +JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen — + +KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist +nicht Meister seiner Handlungen. + +ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt +Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter +erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.) + +JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er. + +KLAUS. Was! + +JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was! + +KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson. + +JOHNSON. Wer läugnet's, allein — + +KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben! + +JOHNSON. Schon kut, toch — + +KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht — + +JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus. + +KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit mir ist die heilige +Macht der Wahrheit. + +JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich. + +QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die +frische Luft und macht ihm Umschläge . . . + +KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich anzutasten! + +QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß? + +JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein unkezogener Pupe. + +QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht. + +KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt +ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das +gewußt — doch Gott befohlen! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter. + +JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat, — dragen Sie's ihm nicht nach. + +QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei +durchprügeln lassen. + +ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt. + +JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle +Ihnen schaden könnte — + +QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr — Ruf' den Notar, Albert. + +JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für heut' keine Zeit mehr und +porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht. + +QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen. + +JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach. + +QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe. + +JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche +Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten. + +QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch. + +JOHNSON. Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne JOHNSON. + + +QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir! — +nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst. + +ALBERT. Sie beschämen mich. + +QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre sie ganz! — Erweise +mir die Freundschaft! + +ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch +mache — + +QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich — glaub's mir, +Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten +Jahr? + +ALBERT. Wie kann ich so viel wollen! + +QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir +vergönnt, Dich glücklich zu machen! + +ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal. + +QUESTENBERG. Scherz bei Seite. + +ALBERT. 's ist zu spät! + +QUESTENBERG. Was hast Du? + +ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt. + +QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe? + +ALBERT. Sie ging mir verloren! . . + +QUESTENBERG. Deine Braut — zufolge? + +ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht +mehr, Gott hat gerichtet! + +QUESTENBERG. Nimm — diese Summe gehört Dir! + +ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat hassen — +nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper unserer +Menschheit ist — Ich verzeihe Ihnen. + +QUESTENBERG. Du! Du! + +ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich +eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich +ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen +treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner +Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens — +ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube krümmt! + +QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste mich dieses +Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle! + +ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen +Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich +sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt! + +QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen — mir fehlt die +Kraft. + +ALBERT. Auch das noch? — Traun, ich bin kein Pharisäer und +Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt! + +QUESTENBERG. Lass', lass' — ist's eine Strafe für mich, so muß ich's +thun. + +ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen. + +QUESTENBERG. Wohin gehst Du? + +ALBERT (zeigt nach Oben). + +QUESTENBERG. Oh! + +ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's +Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein +Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs +zu ruh'n. (Er will geh'n.) + +QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort — Hülfe! + +ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust +setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich. + +QUESTENBERG. O das ist entsetzlich! + +ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, +zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen +ihm freudig entgegen! (ab.) + +QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur! + + + +Dreizehnte Scene. + +Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel +die Gläubiger. + + +QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf +den Tisch.) + +ALLE. Geld . . . ah! ah! + +QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine +Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, +unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren — vertheilen Sie +unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe. + +ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme +verletzt. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns. + +ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . . + +QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig — Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen +nicht — doch ich baue auf Ihre Nachsicht — meinen unterthänigsten +Diener. + + + +Vierzehnte Scene. + +DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG. + + +ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen! + +ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen +dicken Zopf an. + +ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung +zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu +drängen! + +ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld +zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen +sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.) + + + +Funfzehnte Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. + + +V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . . +Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich — (kopfschüttelnd) +Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist +der Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als +Staatsmann bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die +Noth die Mutter aller Laster sei. + +BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat! + +V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine +andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; +wer nimmt's mir ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr +die neue! + +BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden. + +V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht +bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer. + +BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . . + +V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte. + +BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath. + +V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen. + +BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann! + +V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich seh's +Ihnen an. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Danke, danke. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter. + +BLASHAMMER. Zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Mäßigung. + +BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da +hab ich nun den Teufel auf dem Nacken. + +BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld +des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte! + +V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant +und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen +Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht +mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen! + +BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand. + +V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . . + +BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner. + +V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind. + +BLASHAMMER. Für einen Betrüger. + +V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den +Aufdringling los. + +BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener. + +V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute bl — +bl — blos für unsich — chere Menschen. + +BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen +ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg. + +BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah! + +V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie +sich gerichtlich verantworten . . . + +BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß). + +V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! wer mehr +Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.) + +BLASHAMMER. — — Von wo er nur das Geld hat! — Gescheitert in Neapel, +gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich! + + + + +Fünfter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Zimmer im Hause Blashammers. + + + +Erste Scene. + +ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf. + + +ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur +näher. + +DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß. + +ADELGUNDE. Setzen Sie sich. + +DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie. + +ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause? + +DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa +plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu +ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde +endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht. + +ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden. + +DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille! + +ADELGUNDE. Ich erstaune — was soll ich hören? + +DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich werde mich in +der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein? + +ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend — Seit dem Tage unserer Verlobung +hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit +sich selbst. + +DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten +muß! — Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand! + +ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken. + +DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten +brachen mit ihm — und Sie ahnen, was das heißt! — weil er das Feuer der +Revolution heimlich schüren half. + +ADELGUNDE. Weh! + +DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's. + +ADELGUNDE. O Grauen! + +DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern +auch die Freiheit. + +ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm! + +DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist +politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus +für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach! + +ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch Lust — +Nimmermehr! + +DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort. + +ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring +zurück. + +DER DOCTOR (drohend). Fräulein! + +ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer +genug fallen. + +DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir. + +ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen +Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher +Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die +dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das +Leben zur Plage macht. + +DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so +kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens bau' ich auf eine +heil'ge Sache! + +ADELGUNDE. Ihre Redekunst. + +DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die +Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick +angenehm versüßt. + +ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit. + +DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . +Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in +seinem Busen gährt und brennt — + +ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein. + +DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater — urtheile +er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das +rein menschliche . . . Doch horch! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab! + +DER DOCTOR. Verstehen Sie? — Still! + +BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für +alle Plage kein Brosämchen! + +DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen? + +BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich +mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt +versetzt! + +ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater! + +BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren. + +ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll ich? + +BLASHAMMER. Vergebne Müh' — sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . +Was macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich +gemüthlich auf. + +DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt. + +BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater +heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem +tief Gekränkten stammelnd, „hier, Alles was ich schulde bis zum letzten +Heller, vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von +achtmalhunderttausend Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus +der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll +Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . . + +DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall! + +BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da, +er hat mich nicht mehr nöthig. + +DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde schlagen — +Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich unwürdigen +Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen +einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für Fräulein +Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust gehegt, so +würde ich verzagt zurückweichen und — + +BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde an die +rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück. + +DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort +und Fräulein meinen Ring. + +BLASHAMMER. Wir sind quitt! — Was zauderst Du, Tochter. + +DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . . + +ADELGUNDE. Gnade! + +BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses — Sogleich will ich +ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente. + +ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . . + +BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen. + +ADELGUNDE. Du irrst. + +BLASHAMMER. Woher weißt Du's? + +ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz. + +BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt. + +ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich. + +BLASHAMMER. Er! + +ADELGUNDE. Ja. + +BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf. + +ADELGUNDE. Glaub's mir. + +BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur ich allein blieb +unverändert. + +ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern, +als das reinmenschliche? + +BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie +rächt sich die Lüge! + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn. + +DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt? + +QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger. + +DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin — rette ich nun +ihren Schein! + +QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; +das Gewissen trieb mich zu Dir. + +BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an. + +QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben. + +BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject. + +QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen +Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, +Sitte . . . . + +BLASHAMMER. Nicht weiter. + +QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug — + +BLASHAMMER. Ich begreife Alles. + +QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß — + +BLASHAMMER. Sei unbesorgt. + +QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird — + +BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können — Falls Du +Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei. + +QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott. + +BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen. + +QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der +Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger, +arglistiger Menschen erlös'te. + +BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender +anhören wird. + +QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater. + +BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe +auszutauschen. + +QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen. + +BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die +Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben. + +DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, +und verstumme. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein +Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin +entdeckte. + +QUESTENBERG. Steht es so! + +BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen +Herzen. + +QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das +junge Paar. + +BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir +in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer +Versöhnung sogleich laden lasse . . . + +QUESTENBERG. Nicht heute — ein andermal. + +BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich. + +QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich +die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß. + +DER DOCTOR. Bin dabei. + +QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich wünsche denn +beiderseits Lebewohl. + +BLASHAMMER. Glückliche Besserung. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß +für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die +beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße. + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da? +Schnell heraus, eine schreckliche Mähr! + +VATER ZIEMENS. Pst, leise — Marie schläft. + +FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben. — Sieh'st +Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde +Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns +an. + +VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke. — Wußte man des +Unglücklichen Namen? + +FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren +verzweifeln ließ. + +VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche. + +FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.) + +VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein Dienst! — +Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden Menschen jetzt +zur Last zu fallen! — Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die +Gartenpforte knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park? + + + +Fünfte Scene. + +VATER ZIEMENS. KLAUS. + + +KLAUS. Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter +Alter, die ihres gleichen sucht! + +VATER ZIEMENS. Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der +Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen? — + +KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel, +viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste +Banknoten, vollgültigste Papiere — + +VATER ZIEMENS. Aber — ? + +KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich? + +VATER ZIEMENS. Nein — wozu? + +KLAUS. Krambambuli zu kaufen. + +VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab? + +KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank +vorausbezahlt! + +VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft werden! +— Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren — + +KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer, +und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur +heraus! ich leere es im Bewußtsein — nicht zu den schwächsten Gliedern +unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.) + +VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam! — Wenn der Albert soviel Geld +erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut? + +KLAUS. Sie sollen's erfahren — erst Krambambuli herbei! + +VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich — ?! + +KLAUS. Versuchte ich das schon einmal. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr +Treiben! + +KLAUS. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?! + +VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden. + +KLAUS. Freund Albert! — Alterchen, einen Menschen, der sich vom +gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt, +erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen. + +VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus. + +KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, +behaupte ich heute erst recht! + +VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die +Leute thun, das thue ihnen auch nicht? + +KLAUS (keck). Ja wohl! + +VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage. + +KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem +Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben! — Nun denn, wir brachten's +zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute — eben — — ich komme vom +Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein! + +VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus. + +KLAUS. Ja, wirklich! + +VATER ZIEMENS. Albert entlarvte — ward wirklich betrogen!? + +KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen! + +VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles! + +KLAUS. Ah, und wie rächte sich dafür Albert! + +VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch. + +KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern +Patron wieder betrügen ließ. + +VATER ZIEMENS. Das heißt — + +KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n. + +VATER ZIEMENS. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon. + +KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron +den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage +800,000 Thaler für die Erfindung — + +VATER ZIEMENS. Unmöglich! + +KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! — Ich gerieth außer mir, +protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des +Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, +gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken +preis, duldete, daß man mir — + +VATER ZIEMENS. Genug! — Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm! + +KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloß. + +VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den +Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht +leugnen! + +KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst! + + + +Sechste Scene. + + +MARIE (sauber gekleidet, — wild erregt geht sie einige Male auf und +nieder). — Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm — seine Zukunft +retten und kränktest seine Hoffnungen — sein Glück und stießest ihn in's +Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten +willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, +versöhnender Geist! — O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, +thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt +schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was +bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch +Mütterchen dabei? + + + +Siebente Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen). + + +MARIE. Was geschah! — Wen bringest Du? + +FRAU ZIEMENS (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt +tausend Dank, wackre Männer! — Ach Tochter, Du wardst für eine schwere +Zeit geboren! — Doch erschrick nicht — bleib' standhaft — + +MARIE. Ist's der alte Vater? + +FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter — (das Tuch abhebend.) Albert — Dein Albert! +Still, halte Dich still — er lebt noch — wins'le, klage nicht — schone +ihn — er bedarf zärtlichster Pflege — schone, schone ihn! — Ha, bereits +regt er sich — + +MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster? — — + +ALBERT. Welche Stimme? + +MARIE. — Kennst Du sie nicht mehr — Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich +bin — bin Marie — die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, +unnatürlich — blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben — blos um Dich +zu zermalmen — ja, blos, blos deshalb, Albert — den braven Eltern sich +— als Verbrecherin sich — — — Albert, dem Doctor, — ich vergab ihm +nichts! — Seine Versuchungen — ich wies sie ab — wies sie ab, Albert, +wie es Deine — wie es meine Ehre gebot! + +FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter! + +MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich! + +ALBERT. Sei's jetzt nicht, Mädchen! + +MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar — Du bist der Edelste der +Edlen! + +ALBERT. Was — was versichert Dich dessen? — Sage nicht Dein Herz! das +richtete über mich! — Sage nicht Dein Herz! — Wer Jahre lang die +köstliche Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die +Hoffnungen zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte — +plötzlich das Bündel packte und ging — dann wiederkehrte — wieder — auf +Grund eines — o die Scham erstickt mir das Wort! — Wer so handelte, war +ein entnervter Sclave des Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und +mußte, mußte verdammt werden! — Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl +erkannte ich meine Schuld! + +MARIE. Eben, — sühntest Du sie nicht! + +ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park — + +MARIE. O Gott! + +ALBERT. Aber nicht zu sterben wußte — nicht zu sterben der Feige! +Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er — er verfehlte — verfehlte +sich! . . + +MARIE. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil! — O richte Dich +männlich auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die +Schmerzen, welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, +mißgünstigen Welt uns widerwillig, gezwungen bereiteten! + +ALBERT. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; +zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; +entfliehe meiner unheiligen Nähe! — — — O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich! — + +MARIE. Ha, das — das ist Rache! — + +FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut! + +MARIE. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen! — +Ach, er hat mich nie — nie geliebt! + +FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht weiter! +— O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, keine +Freudenthränen geweint! — + +MARIE. Laß ihn — der Stab ist gebrochen — frohlocke er nur! + +FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub! + +MARIE. Ich sage, laß ihn. — Erweise mir's zu Gefallen! — Ach, begreifst +Du denn noch nichts? + +FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen! + +MARIE. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte! + +FRAU ZIEMENS. Er? — O Tochter! + +MARIE. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! +(lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte! + +FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein +Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich — Aber nicht doch, Tochter, Du +schwärmst! + +MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine — das Blut da an seinem +Kleide ist falsches Blut! — Wollen wir wetten? — — O glaub' mir, ich +durchschaue alles, die ganze Comödie! — — Gefehlt! gefehlt! — Mit dieser +Kunst, armseliger Gaukler, bestichst — gewinnst Du mich nicht! — Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der +Finsterniß! — — (Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie +vorher wegwarf). Was ist das? — Wie kommt das — das hierher. . . Ha, +woran's mich erinnert! — Albert, Albert, ich rase! — Weh, hab' ich keine +Vernunft, kein Gedächtniß mehr! — Schütze, o Mutter, schütze mich vor +mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.) + +FRAU ZIEMENS. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie! — — — O +nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste! + + + +Achte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe +noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe — doch zuvor geleiten wir +die Jungfer in die Hütte — es wird für sie zu viel! + +MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! +Berichten Sie nur, Klaus! + +KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den +wundersamsten Erfolg — es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein +Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen — + +MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die +Geschichte? + +KLAUS. Frau Mutter weiß bereits davon. . . + +FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte +nicht glauben, Klaus, nicht glauben — + +KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und +wider Erwarten . . . + +FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!? + +KLAUS. Bis auf zwei Todte leider! + +FRAU ZIEMENS. Zwei To — wie? + +KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs. + +FRAU ZIEMENS. Wer? — O sagen Sie! + +MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie +sich mit dem Vater — + +KLAUS. Zu dienen. + +MARIE. Wo blieb er!? + +KLAUS. Beim Herrn im Schloß, zu seinem — unserm unseligsten Verhängniß! + +FRAU ZIEMENS. O mein Kind! + +KLAUS. Beten Sie für ihn! + +MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht! + +KLAUS. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter +das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne +Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich +im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub! — Doch schirmt mich +Geister! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS. + + +MARIE. Hörtest Du, Albert? + +KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?! + +MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht. + +KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst! + +ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr! + +KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der edle Greis, dasselbe +mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der +Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir im Arm. + +ALBERT. O schauder — schaudervoll! + +KLAUS. Höchst schaudervoll! + +MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn! — Ihre Hand, braver +Mann! — Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die +Vorsehung, welche nicht anders es fügte! + +KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen. + +MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht! + +ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen). + +MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher Gewinn, trotzten +wir ferner unerforschlichem Rathschluß! + +KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das +Geschehene! + +ALBERT. Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter als der Tod — bricht +meine Seele in tiefster — tiefster Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne — +dort ging sie unter! + +MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir +von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen +himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt! + +KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche +feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch +die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und +Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher +Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den +ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt +die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und +That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes +Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte — +He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht in +einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell +erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend +unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, +geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf +die Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut +von Dir! — Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und +ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n +Sie ihm den Arm nur, Jungfer. + +MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht. + +KLAUS. Nachher davon. + +ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät. + +KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet +keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir +Gewalt! + +ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus. + +KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für +die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's +bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke! + +ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern! + +KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen! + +MARIE. Welch ein Erkühnen! + +KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben! + +MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches +für ihn! + +KLAUS. Das darf nicht geschehn. + +MARIE. Sie sind ein Tyrann! + +KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich +schweigend, daß Jemand — und wär's mein Feind — schnödester +Spitzbüberei, wie der, zum Opfer fiele! + +MARIE. Ihre Verblendung ist groß! + +KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß! + +ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich +mit uns'rer Ansicht! + +KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin +ein Heide, unempfänglich für solchen Tand! + +ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits +verschlungen wurden von den Gläubigern! + +KLAUS. Bereits! + +ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn +brachten. . . Das weißt Du nicht?! + +KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's, +gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr +luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte +es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung persönlichen +Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes +Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken — ruchlos, +verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung aus Sünde und Elend! — +O hätte doch ein Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm +lehren können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein +Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter +wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die +Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich +dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du +von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht, +verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du +entkrochst! + +ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet! — +Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich +mein Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um +ein unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger +Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . . + +KLAUS. Kehre Dich um und sieh! + +ALBERT. Gott, Gott! — Wie findest Du das? + +KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . . + +ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich +rangst! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN. + + +QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch! — Ach liebster, bester Albert, ich +feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in +Krücken gehn. + +ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter. + +QUESTENBERG. Fast möchte ich's behaupten. + +ALBERT. Es reuete mich gleich — woher denn wohl zur Reue über diese +Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat! + +QUESTENBERG. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, +nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten! — Ich erwog es +reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, +hübsch, hübsch, hübsch! — Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem +Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt +und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind +wir Menschen immer hübsch gescheidt! + +ALBERT. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind! + +QUESTENBERG. Zu ew'ger Täuschung! — Weh, o weh! — Dieser alte würdige +Mann! — Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn! + +ALBERT. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar +ergreifen sie uns wenig! + +QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf +will jetzt bereits — ein Stündchen erst nach dem Ereigniß — in wilder +Fiebergluth aus allen Fugen gehn! + +ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch +übrig? + +QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch. + +ALBERT. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!? + +QUESTENBERG. Auf Ihnen! + +ALBERT. Ja oder nein — gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut +als Sie und alle wir geborne Heuchler sind. + +QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er +zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein +Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das +Geld zurück. + +ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen Herrenstolzes — +nichts — nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von keiner That! + +QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert). +Demüthigen Sie mich nicht tiefer! + +ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab. + +KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein! + +QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Sündenlast! + +KLAUS. Sei christlich! + +ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt). +Da! für Dich! + +KLAUS. Alles! + +ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es +bis in den Himmel! + +KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer +Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld +zählend). Lauter giltige Papiere — fünf — zehn — zwanzigtau — Kinder, +helft! führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den +Mammon ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu +Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und +nun, nun bin ich dieser Lumpen Gläubiger! — Wie abgegriffen und welch' +Inbegriff! — Gift für den Staat und Medicin für mich! — Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise +morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, +was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir +zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst! + +ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst. + +KLAUS. Dein Freund auf ewig! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDÄMMERUNG. + + +QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob +Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden. + +ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine +Freuden. + +QUESTENBERG. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth! + +ALBERT (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das! +ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, +streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und +That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche +unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe! + +QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein +bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm! — So! so! +so! Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! — + +ALBERT. Träumen Sie von Paradiesesengeln! + +QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . . +Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen +Webestuhls! — Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n! + +(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, +wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe +steht.) + +ALBERT. Mädchen! — Sieh, sieh her! — Der Stoff zum Kleide für die +Hochzeit und — zur Todtenfeier Deines Vaters! . . . + +(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: „Platz da, macht Platz!“ — +Aus weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an. — Die Leiche des Vater +Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's +Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.) + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661-0.txt or 13661-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +Author: Florian Müller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Bankerott. + + +Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +von Florian Müller + + + + +Leipzig + +Theodor Thomas. + +1853. + + + + +Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und +keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig +und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr +für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm +überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner +Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus +in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe, +existiren können. + +Neujahr 1853. + +FLORIAN MÜLLER. + + + + + + Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie, + Réformer de son goùt l'antique barbarie, + Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés; + Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés, + Et, faisant refleurir l'esprit et le génie, + Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie? + + _Frédéric II._ (Epitre sur la liberté.) + + + + +Der Bankerott. + + + + +Personen + + + QUESTENBERG, großer Zeugfabrikant. + DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. + BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. + ADELGUNDE, seine Tochter. + V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. + JOHNSON, Capitalist. + ALBERT, } + KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. + VATER ZIEMENS, } + MUTTER ZIEMENS. + MARIE, deren Tochter. + Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste. + Bediente, Arbeiter, Volk.-- + +Zeit der Handlung im Jahre 1850. + + + + +Erster Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, +Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau +links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt. + +Abend, Licht. + + + +Erste Scene. + +QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit +von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind +höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant-- + +QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der +Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das +Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . . + +V. ZITTERWITZ. Eine Million! + +QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _à la chinois_. + +V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser +Zeit speculiren! + +QUESTENBERG. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie +herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. + +V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! + +QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der +Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine +brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den +eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns +Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wußten. + +V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer +Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, +Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, +auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich +in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser +und Papst. + +QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 +Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen. + +V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! + +QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _à la chinois_ statt +für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde +Kleid der "_l'état c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall +unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja für sie weder politische noch +sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet! + +V. ZITTERWITZ. Zu spät, zu spät! + +QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.-- + +V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören. + +QUESTENBERG. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle--früher +werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten +arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß.--Mit diesen +Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester +Zeit zum Millionär!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren +sehenden Augen Versuche an. + +V. ZITTERWITZ. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, +die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf +anzukränkeln!--Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst +ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den +Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen +mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, +die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus +zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und +Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer +Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines +berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in +den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle +deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, +Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten +Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt +meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige +und den König zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehöre dem besonnenen +Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende +Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so--seien Sie verstchert . . . + +QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! + +V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten +und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu +huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . . + +QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. + +V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, +auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn +Procentlein verdienen? + +QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche-- + +V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . + +QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche +Ihnen . . . + +V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen +schriftlich abgemacht. + +QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. + +V. ZITTERWITZ. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . +(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend +stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die +Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten +Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 +Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen +eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert +mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt? + +QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. + +V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe +unsrer Geldmänner. + +QUESTENBERG. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer +meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben +ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche +Speculationen gewisser Leute waren, die-- + +V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? + +QUESTENBERG. Vorzüglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den +Scheinheiligen unübertrefflich. + +V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, +überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute +ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich +der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner +Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. + +QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen. + +V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine +heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . + +QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . + +V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste +juristische Examen. + +QUESTENBERG. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht +auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so +fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die +Ohnmacht meiner Lage-- + +V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu +verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den +schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld +und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der +Banquier darf uns nicht widerstehen. + +QUESTENBERG. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand. + +V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über +Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn +Sohn, und . . . + +QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. + +V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt +mich . . . + +QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich +morgen von Ihnen borge. + +V. ZITTERWITZ. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe +dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, +Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. + +QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn--'s +ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens +Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf +Tausend Thaler-- + +V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen +und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige +Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und +funfzig Musikanten-- + +QUESTENBERG. Die sechzig Köche und Kellner-- + +V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert +auf Borg die Meerkrebse-- + +QUESTENBERG. Die Fasanen-- + +V. ZITTERWITZ. Die Schildkröten-- + +QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern-- + +V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das +Porter Bier-- + +QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den +Mokka-Caffee-- + +V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten-- + +QUESTENBERG. Wir großmächtigen Männer der Börse?! + +V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?-- + +QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den +Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen? + +V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, +zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller +kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß +sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe +für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge +uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine +Verlobung feierten!--Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den +letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist +moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Nähere, will's Gott. + +QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. + + + +Zweite Scene. + + +QUESTENBERG (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten +und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder +Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, +und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir +Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer +Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten +verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder +zum Schreiben.) + + + +Dritte Scene. + +QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit +reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber +brodirten griechischen Mütze.) + + +DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe. + +QUESTENBERG. Was giebt's denn? + +DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. + +QUESTENBERG. Ich komme. + +DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? + +QUESTENBERG. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen. + +DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren +seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich +hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu +können--aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in +Ihrem Hause fühlen. + +QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem +Modelleur 5400--ich hege kein Bedürfniß nach einem--für rafinirtes +Brennöhl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art. + +DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu +verlassen? + +QUESTENBERG. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 +Theertonnen--Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? + +DER DOCTOR. Ich? + +QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter-- + +DER DOCTOR. Lust? nein. + +QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt +umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen? + +DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier +unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und +Sittlichen zu spielen. + +QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide +20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . . + +DER DOCTOR. Müssen? + +QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . . + +DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu +bezahlen. + +QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich +noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten! + +DER DOCTOR. Schön. + +QUESTENBERG. Nicht wahr? + +DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht +eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? + +QUESTENBERG. Fräulein Blashammer. + +DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . . + +QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung. + +DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). + +QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig +französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für +Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft--dichtet +Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit +bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich +nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht +auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? + +DER DOCTOR. Darf ich eine äußern? + +QUESTENBERG. Ich bitte. + +DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. + +QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen +etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage +zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! + +DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, +sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein +Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche +schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst +Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, +Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, +Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück! + +QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus +Vernunft so verrückt. + +DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er +in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für +Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres +Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. +Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit +meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) + +QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte +seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) + + + + +Abtheilung II. + +Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund +steht ein Modell. + + +Vierte Scene. + +ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von +KLAUS. + + +KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit +einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet? + +ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der +Arbeit schenkt . . . + +KLAUS. Welche Gnade! + +ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des +gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt? + +KLAUS. Hätte ich Deine Finger--ah, ich säß' längst in Paris oder London +und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . . + +ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die +fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt +aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie +von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der +Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der +Akademie--Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten +Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen +machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene +Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, +sobald ich ein Verdienst besitze. + +KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von +hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? + +ALBERT. Hier? + +KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem +Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen +Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben +und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden +wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße. + +ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte +mit Dir machen. + +KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das +Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt. + +ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran. + +KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . . + +ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe. + +KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger +der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen +eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit +erhalten. + +ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. + +KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell--ich helfe daran so +gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und +machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig +für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von +unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in +halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen +täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen. + +ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. + +KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's +nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von +Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir +ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu +entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst +sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen +Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen. + +ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf. + +KLAUS. Es fördert unsern Zweck! + +ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering.--Und gehörte sie mir allein, +so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen +gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . . + +KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen. + +ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu +sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich +erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und +meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . . + +KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst +lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die +falsche Bescheidenheit führt!--Elender Sclav', richte Dich empor, +erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch +ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute +fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.-- + +ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der +Meister meines Geschickes bleiben. + +KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmächtigen +Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um +geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und +Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das +Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem +Rath!--O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter +Deinem Talente nicht verkriechen. + +ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging. + +KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. + +ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. + +KLAUS. Zunächst nichts weiter. + +ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million? + +KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue +Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus +der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? + +ALBERT. Nein. + +KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich +begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach +Gebühr zog ich die Mütze,--indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie +von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . . + +MARIE (singt draußen). + +KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im +Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet +werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert--mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus +der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist +geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer +Bedürfnisse" . . . + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. MARIE. + + +ALBERT. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott! + +MARIE. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören. + +KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um höchst einfältige Fragen. + +MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen? + +KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.-- + +ALBERT (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen. + +MARIE. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit +denkt. + +KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht +schaden. + +MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein +ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann +meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! +Glück zu! + +KLAUS. Ihre Vorwürfe sind ungerecht. + +ALBERT. Was bringt Dich so auf?! + +MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack +findest-- + +KLAUS. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack +finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . . + +MARIE. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! + +KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als +Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende +Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders +günstigen Lichte darstellt. + +MARIE. Das wäre abscheuliche Verläumdung. + +KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles +verkehrt. + +MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen? + +KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. + +MARIE. Ueberflüssig!--Heraus damit. + +KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen +bei Jemand einen Meineid kosten-- + +MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die +Thür, schütze mich! + +KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. + +ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul +bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . + +KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . + +ALBERT wendet ihm den Rücken. + +KLAUS. Hi, hi, hi,--könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn +Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im +Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergaß +der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden-- + +MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. + +KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein +sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm +die Augen versehn! + +MARIE. Pfui. + +KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich +in die Stube trat, wovon war die Rede? + +ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. + +MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem +Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es +steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich +Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich +nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's +ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen +Träumen zu opfern! + +ALBERT. Meinen Träumen!? + +MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte +ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für +Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl +kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme +Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen +ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt +und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates +untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath +treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer +Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne +es von ferne zu sehen. + +ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn +Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig-- + +MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren +sollest-- + +ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an +meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich +verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das +beschränkte Thier. + +MARIE. So schwärmt Klaus. + +ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. + +MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den +Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines +Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum +Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in +die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der +untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits +Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit +begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen +Herr . . . Schwöre den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln? + +ALBERT. Höre auf davon. + +MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich +fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus +räumen; die Umstände gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! +Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange +und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab.--Schon morgen wird +ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das +Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der +Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne +Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen +beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel +und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der +Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte +schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem +Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige +verschweigend meine Pein?! + +ALBERT. Erbarmen! + +MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin, +verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) + +ALBERT. Bleib' Marie. + +MARIE. Was wünschest Du noch? + +ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich +voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm +ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die +Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . + +MARIE. Versuch's. + +ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell +einen Rock an). + +MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekränkter +Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! +Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, +male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle +Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! + +ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). + +MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). + + + + +Zweiter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vorzimmer zum großen Festsaal. + + + +Erste Scene. + +ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich +in einem Lehnstuhl. + + +QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst +von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last.-- + +ALBERT. Um Entschuldigung-- + +QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen.--Doch +sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, +ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern-- + +ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen. + +QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das +große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es +Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und +beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die +klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt +es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern +aufschlägt.) + +ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese +Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir! + +QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. + +ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen. + +QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses +schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten +Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. + +ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das +Buch durchübe--länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde +ich's dann wagen können zu bitten-- + +QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit +dasselbe Dein Eigen ward. + +ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu +schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) + +QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er +Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. + +ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz! + +QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche +Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen +und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige +Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten +und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's +nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen +erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu +lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht +jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, könnte man den +Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tüchtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade +Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings +müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du? + +ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. + +QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in +der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das +entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch +zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den +täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese +Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich +kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes +stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der +erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein +blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen +Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder +vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses +und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du +giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo +das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir +verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden +sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und +auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage +kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. +Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die +Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen +Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der +elende Kram des Hausrath's muß fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet." +"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der +Kälte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das +ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die +Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe +hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. + +ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende +Hoffnung überbringen!? + +QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll +helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich +kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne +fahren, versteht Er, Herr Pinsel? + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht? + +QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die +Güte näher zu treten. + +V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? + +QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht +seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden? + +QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? + +V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, +aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten +befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig +hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den +Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, +die Eigenthum für Diebstahl halten. + +QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten. + +V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund +verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von +seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich +entfesselt! + +QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. + +V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmänner entwickeln noch +zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit +der Wurzel auszureuten. + +QUESTENBERG. Was wird denn versäumt? + +V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten.--Stünd's in +meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein +starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die +Demagogenhitze vertreiben. + +QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend +zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen. + +V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen +sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine höchsten +Güter!--Was bemerkt doch Göthe darüber--ich glaub' 's ist der alte +Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean +Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein +paar Groschen bei mir--es drängt mich meine schiefe Meinung . . . + +QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte. + +V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung, +schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in +Unfrieden, 's ist unpassend . . . + +QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. + +V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . + +QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl? +(Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) + +V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus +Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer +Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten +Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher +Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten +die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder +ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen +gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', +ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde +mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen +zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem +Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen +guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt +mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, +eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als +Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit +Nackenschlägen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen +wollte--Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . . + +QUESTENBERG. Wird er kommen? + +V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe +Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. + +QUESTENBERG. Nun? + +V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen +vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar +brennen! + +QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim +durchreisenden Finanzminister galt. + +V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, +die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. + +QUESTENBERG. Unmöglich! + +V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich +verkriechen. + +QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . + +V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog +sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . . +Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn +herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor +Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher mußte +mir schon die schönsten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein +Päckchen Karten.) + +QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, +Verlobte. + +V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift? + +QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals +sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man +blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel +die Herren und Damen stehn.) + +V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! + +QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig +eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen. + + + +Dritte Scene. + +DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von +Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir +bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen. + +V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde.--Was macht die +traute Freundin Pipi? + +QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl +bettlägerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu +scharf! + +V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, +lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief). + +QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . +Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer +lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der +Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut +mich! + + + +Vierte Scene. + +DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette. + + +DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel +unten lachen und rufen: bravo, bravo!) + +V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man +darunter? + +BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich +meines Theils denke, es ist die Eßkunst.--Stimmen Sie mir gefälligst +bei, ich bitte . . . + +V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in +Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du +quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . . +(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den +jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen +auch? + +DER DOCTOR. Freilich. + +V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von +staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? + +DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen.-- + +V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? + +BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde +für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als +zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, +Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir +die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste +Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor? + +DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der +Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . + +BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu +bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin! + +V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . + +DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner +Feder, hi, hi, hi . . . . + +V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! + +BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr? + +DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. + +V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie +werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist +auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum +Anfang). + + DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung). + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In jedem Herzen wiedertönt, + Zur Einheit Jung und Alt versöhnt? + O halte ein! + Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + Den Schwachen schützt, den Starken wehrt, + Des Heilands Worte frömmig ehrt? + O halte ein! + Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In Land und Stadt der Leute Fleiß + Zum Ziel des Heils zu lenken weiß? + O halte ein! + Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Das Recht verklärt, den Geist erhebt, + Die Menschheit zu vergöttern strebt? + O halte ein! + Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Die Sitte lenkt, das Leben führt + Und jede Handlung edel ziert? + O halte ein! + Sie kann es schon gewiß nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + So nennt sie endlich mit Vergunst! + Es ist doch nicht die Niedertracht, + Wo feig der Schalk sich selbst belacht! + O halte ein! + Sie kann es nie von Herzen sein. + + Sie kann es nie von Herzen sein, + O Gott vom Himmel sieh' darein + Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft: + Es falle ihre Meisterschaft! + O stimmet ein, + So soll es und so wird es sein. + + + +Fünfte Scene. + +Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die +klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum +DOCTOR: + + +V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem +Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen +Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen +Galanterie? + +DER DOCTOR. In keinem. + +V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr "leben +und leben lassen", Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei, +mit Permission gesagt-- + +DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . . + +V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen +Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. + +DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum +Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER +erhebt sich mit einem Becher.) + +V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? + +BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat +gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und +Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die +Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn +in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben +wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E +geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die +innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere +ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! + +QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in +den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen. + +BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das +Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch +bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ +zusammen.) + +V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne +Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken. + +BLASHAMMER. Zum Schein. + +V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich +verloren? + +BLASHAMMER. Ja . . . + +V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). + +BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! + +V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich +that. + +BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen +Erfindung. + +V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . + +BLASHAMMER. Alles. + +V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle! + +BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten +Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine +zu gleicher Zeit Versuche an? . . . + +V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen-- + +BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! + +V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein. + +BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder +selbst brachte sie mir in's Haus . . . + +V. ZITTERWITZ. So! + +BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. +Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle +verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch--Einige Versuche im +kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben +verbittert! + +V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger! + +BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist +wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein-- + +V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch +eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! + +BLASHAMMER. Allerdings. + +V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah, +Sie machten mich nur zum Narren . . . + +BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. +(laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte? + +V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der +Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu +Questenberg wohl nur erproben-- + +BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist. + +V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? + +BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst +nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine +Tochter vermählt. + +V. ZITTERWITZ. Aha! + +BLASHAMMER. Verstehen Sie? + +V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder +der größte Schlaukopf, welcher lebt. + +BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann. + +V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt +zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen +scheint. + + + +Sechste Scene. + +BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. + +(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.) + + +V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn +beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! + +QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! + +V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich +überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen.-- + +BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich +alles rücksichtslos tadle, was . . . + +V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. + +BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein +Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! + +V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen-- + +BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein +schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem +Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er +anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so +geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt +ihm dann für's Portefeuille eines Ministers? + +V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses +durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. + +BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich--gehen wir ein +bischen in's Freie. + +V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen +den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). + + + +Siebente Scene. + + +QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung +kam--anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu +entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu würde er sonst die +Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem +Heirathsproject Beifall schenken? + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Was giebt's Papa? + +QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. + +DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde +glücklich zu Wasser. + +QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine +Schmach. + +DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. + +QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? + +DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn +zu necken. + +QUESTENBERG. Wirklich! + +DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ + +QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld! + +DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel +lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie +sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch +glücklich zu werden, indessen-- + +QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! + +DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der +Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein +Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen +Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern. + +QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's +in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen +Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich +bis über die Ohren im Actenstaube begraben! + +DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram! + +QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den +Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können! + +DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein +Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient +die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach +Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut! + +QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. + +DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit +stattfindet? + +QUESTENBERG. Noch nicht. + +DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? + +QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . + +DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich! + +QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den +wichtigen Punkt . . . + +DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! + +QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . . + +DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! + +QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. + +DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben--kann sich der Doctor nicht +verlieben. + +QUESTENBERG. Ironischer Narr! + +DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis! + +QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) + +DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will +fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) +Die Musik mahnt! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich! + +DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. + +QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . + +DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. + +QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören! + +DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären. + +QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde +und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will +geh'n.) + +DER DOCTOR. Papa . . . + +QUESTENBERG. Ich sprach genug. + +DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. + +QUESTENBERG. Nämlich? + +DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein +Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. + +QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. + +DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag. + +QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) + +DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel +und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern +genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl. + + + +Neunte Scene. + +FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). + + +MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter. + +FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein +Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das +Vertrauen stiehlt. + +MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. + +FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr +anstellen! Was versteht er! + +MARIE. Geduld! + +FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit +des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der +Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich +vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles +was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich +in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so +hätten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, +der früher ein Auge auf Dich warf. + +MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon! + +FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten +Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? + +MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! + +FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund. + +MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) + +FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer--Er +macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) + + + +Zehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. MARIE. + + +VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein +Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine +schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, +hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, +nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, +ha, tönet sie--'s ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch +aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit +neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber +zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der +Christgeborene--aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll!--Ein +schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen +auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den +Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören. + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. + +VATER ZIEMENS. Mamachen! + +FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich +trug schon die Suppe auf--(Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, +Marie. (Marie ab.) + +VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute +früh ziemlich gute Mienen. + +FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . + +VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt +bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . + +MARIE kommt mit der Lampe. + +VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? + +FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen. + +VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn +fortzufahren.) + +FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das +Haus. + +VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? + +FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende--schäme Dich!--Gieb dem +Alten einen Kuß und das Versprechen. + +VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! + +MARIE giebt ihm einen Kuß. + +VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht +geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht +treffen,--Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was +gibt's denn da? + +FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß--Wohl +verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks. + +VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? + +FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? + +VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen. + +FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers +Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und +Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's +Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn +bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer +Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus +Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und +Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse +und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. +Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von +hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst +Du, he? + +VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen +lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm +Arm, welches er auf eine Bank wirft.) + + +MARIE. Weh! + +VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! + +MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! +(ab.) + +VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen! + +FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.) + + + +Dreizehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und +sieht dumpf vor sich hin.) + + +VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind +allein. + +ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner +Lage . . . + +VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so +kommt, 's ist meine Schuld! + +ALBERT. Inwiefern? + +VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'! +oh, oh! + +ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Bündel +schnüren? + +VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . + +ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst +Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch +immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! + +VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen +muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln +zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der +erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen +soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der +Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte +ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen +morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man +unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, +des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch +das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. +Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren +Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen +Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der +Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und +sterbend gesenkt! . . + +ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erlösers +Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) + +VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, +edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen +Scheidestunde--hörst Du? + +ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter +Wille, daß ich geh'. + +VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab! + +ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke! + +VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb! + +ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! + +VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die +Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. + +ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n! + +VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger +Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich +ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in +die Grube werfen? Albert, Albert! + +ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n. + +VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! + +ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis +schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, +bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis +auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) + +VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er +selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne +Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen +nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in +Ewigkeit! + + + + +Dritter Akt + + + + +Abtheilung I. + +Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik +abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. + + + +Erste Scene. + +BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. + + +BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich +an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht +umsonst Psychologie . . . + +BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt. + +V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. + +BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei +vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . + +V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . + +BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre +Fragen? + +V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . . + +BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, +woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen--Nein +wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne +eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr +Regierungsrath, zurück zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen! +Fort, beschwingen Sie Ihre Füße! + +V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen.--(Er bleibt zaudernd +stehen.) + +BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund +zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt. + +V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! + +BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch!--Viel +Vergnügen mein Fräulein. + +BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. + + +BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann +sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) + +ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? + +BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere +singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. + +ADELGUNDE. Woher kommt das? + +BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr +lange besitzen. . . + +ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen. + +BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze +Seele gefangen!--fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, +Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weißt, ging +ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich +keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und +Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse +vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine +Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt +schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir +schlaflose Nächte . . . + +ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten. + +BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache +zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst +Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie +zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke +in Betreff--Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur +auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte +Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott +eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern +Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. + +ADELGUNDE. Hier? + +BLASHAMMER. Ja. + +ADELGUNDE. Aber mein Vater. + +BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon +oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen +Knöpfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall. + +ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! + +BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt.--Da, küss' mir die +Hand. + +ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, +wie schnell geht das! + +BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich höre Tritte.--Er wird's +sein . . . + +ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. + +BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf +halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er +geht.) + +ADELGUNDE (nachrufend).--Papa? + +BLASHAMMER. Meine Tochter? + +ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? + +BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt--Wozu aber! +sogleich siehst Du ihn. . . + +ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) + +BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was +ihn erzürnt. + +ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich +gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich--ich sehne +mich sie abzuschütteln. + +BLASHAMMER ab. + + + +Vierte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] + +ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Fräulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen. +Lassen Sie mich denn allein. + +V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe. + +DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? +ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen +Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied +summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Sträußchen zu sammeln. + +ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? + +DER DOCTOR. _Au hasard_ + +ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. + +DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._ + +ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig. + +DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu +hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe? + +ADELGUNDE. _Avec plaisir._ + +DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher. + +ADELGUNDE. _Par exemple!_ + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns +nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. + +ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois +alors . . ._ + +DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. + +ADELGUNDE.--_comment d'après ce princip, arriveriez vous à une +inclination individuelle?_ + +DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur +individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich +verliebt--auf Befehl des Alten! + +ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez +une reponse à toutes les questions . . . ._ + +DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch. + +ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ + +DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . . + +ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_ + +DER DOCTOR. Wohl war ich's. + +ADELGUNDE. _Eh bien?_ + +DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave +Burschenseele. + +ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ + +DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus. + +ADELGUNDE _Et après?_ + +DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr +ernst. + +ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß. + +DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst +ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau. + +ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. + +DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine +gültigere giebt-- + +ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit. + +DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . . + +ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: "strebet, die +Wahrheit wird euch erlösen." + +DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel. + +ADELGUNDE. Das ist mir neu. + +DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten +Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. + +ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie +glauben? + +DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß +im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte +vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen +Jenseits tausendfach vergolten-- + +ADELGUNDE. So murren Sie nicht? + +DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa +sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen +Herrn Doctor. + +ADELGUNDE. Sie sind barock. + +DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt,--allein ich denke das Beste +von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen +Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten +Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. + +ADELGUNDE setzt sich und seufzt. + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja +nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur +in Thorheit. + +ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die +Maske eines Heuchlers verabscheuen. + +DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid. + +ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort. + +DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe. + +V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefällt's den geehrten +Herrschaften . . . + +BLASHAMMER. Nur näher getreten. + +V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es +ging ja ausgezeichnet gut. + +DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. + +V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier +allein-- + +DER DOCTOR.--Was außerordentlich auffiel-- + +V. ZITTERWITZ.--und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu +lauschen. + +DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . . + +V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät. + +QUESTENBERG. Was gab's? + +V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch. + +QUESTENBERG. Es handelte sich? + +V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . + +BLASHAMMER. Erstaune! + +V. ZITTERWITZ.--als von Liebe! + +DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. + +QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. + +BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt. + + +ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ + +DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . + +BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen +Blick zu der mehr besagte, als . . . + +ADELGUNDE. Papa! + +BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein! + +V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute +zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern--hören Sie? + +QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? + +BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter!--Eure Hände, Kinder, daß +ich sie ineinanderlege. + +V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon-- + +QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. + +V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! + +QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! + +V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die +Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, +Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren +sind offen und gewähren einen Blick in den Garten. + + + +Siebente Scene. + + +DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und +klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies +Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am +Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte +er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern +und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und +Champagner--Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter +ab.) Klopfte Jemand? Herein! + + + +Achte Scene. + +DER DOCTOR. MARIE. + + +MARIE. Grüß' Gott! + +DER DOCTOR. Danke. + +MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn +Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? + +DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) +Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte +ergebenst . . . + +MARIE. Ich kann steh'n. + +DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein +Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den +ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.) + +MARIE. Ich will kurz sein. + +DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre--? + +MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir +gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten +Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein +kann . . . + +DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . + +MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen +Vers von mir. + +DER DOCTOR. Sie heißen--? + +MARIE. Marie Ziemens. + +DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! + +MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. + +DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil! + +MARIE. Kaum glaublich. + +DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. + +MARIE. Ach! + +DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich +Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte? + +MARIE. O sprechen Sie nicht so. + +DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein +Mündchen--gleich! + +MARIE. Pfui. + +DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine +Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte! + +MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. + +DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. + +MARIE. Ich bin Braut. + +DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? + +MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer +Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her. + +DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? + +MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, +seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn +Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig. + +DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. + +MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn-- + +DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. + +MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer +Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit +Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die +schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel +aufstrebender Geist gebannt! + +DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und-- + +MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem +Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen,--derselbe +mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus +Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . + +DER DOCTOR. Möglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er +macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! +Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch +geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei +von Eifersucht ist? + +MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte! + +DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden. + +MARIE. Nun? . . + +DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und +ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuß. + +MARIE. O weh, ein schlechter Handel. + +DER DOCTOR. Nicht für mich. + +MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen? + +DER DOCTOR. Mit Händeklatschen. + +MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die +Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. + +DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa +soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig +unterzeichnen. . . . + +MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. + +DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer? + +MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) +O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . . + +DER DOCTOR. Also er eignet sich--schön! . . . (Schreibt.) Der +Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber +Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . +Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . + +MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien! + +DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll +unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, +Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende +Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und +erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit +gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der +blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in +warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen +unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen +schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische +Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. +(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, +sie lebe hoch! + +MARIE. Schonung, Herr Doctor!-- + +DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, +Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst +erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was +sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, +Wahrheit preisen!--Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, +erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen +Sie das Frühstück mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und +wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und +verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's? + +MARIE. Ziemlich gut. + +DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem +schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch +eins. + +MARIE. Danke. + +DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben!--Vivat!---- + +MARIE. Es war mein letzter Tropfen. + +DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . +Nur her das Glas. + +MARIE. Ich schlag's in Trümmer. + +DER DOCTOR. Das hieße mich verachten. + +MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und +will fort.) Sie sind abscheulich! + +DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? + +MARIE. Sie wissen's. + +DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! + +MARIE. Lassen Sie mich nur fort. + +DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.) + +MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit. + +DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! + +MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt +grabe--darf sie nicht erzürnen. + +DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich +entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und +leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! +Es sind alles Goldstücke. + +MARIE. Herr Doctor . . . + +DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich +begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, +schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den +alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und +angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten +Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß +sogar Thränen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig +ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die +Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? +(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher +Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert +Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! +(Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem +ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, +die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) +Hoch die Romantik! . . + +MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief. + +DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen +Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. + +MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. + +DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er +fällt in einen Stuhl.) + +MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) + + + +Neunte Scene. + + +DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das +Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und +Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik! + + + +Zehnte Scene. + +DER DOCTOR. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? + +DER DOCTOR. So so, la la! + +QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel +schon gänzlich gehoben sein. + +DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen. + +QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich. + +DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, +ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer +zusammengestapelt!--In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, +wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermaßen verschonen. + +QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, +scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. + +DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne +Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und +klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst +aus der Fabrik. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage. + +QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und-- + +DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's! + +QUESTENBERG. Du weißt aber nicht-- + +DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! + +QUESTENBERG. Welch' Wagestück! + +DER DOCTOR. Unsinn! + +QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu +mischen. + +DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine +Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? + +QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse-- + +DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche +Würde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber +langath'mige Verhandlungen, da! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. + +DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um +eine Bagatelle?! + +QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt +schüchtern ein.) + +DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. + +QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) + + + +Eilfte Scene. + +DER DOCTOR. ALBERT. + + +DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die +Herablassung. + +ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid +entweihe . . . + +DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? + +ALBERT. Ein wenig. + +DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, +bedenke das und-- + +ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches! + +DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut! + +ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Es lebe die Association! + +ALBERT (ernst). Sie lebe! + +DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! + +ALBERT. Fort mit den Privilegien! + +DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! + +ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle. + +DER DOCTOR (lacht ironisch). + +ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht? + +DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige +Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. + +ALBERT. Vielleicht! . . + +DER DOCTOR (lacht wieder). + +ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? + +DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste +heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. + +ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). + +DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein +Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die-- + +ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. + +DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that übel. + +ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, +fand, daß mein Verlangen unbillig war. + +DER DOCTOR. Albert! + +ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist +zufrieden, genöthigt worden zu sein es--aufzugeben!? + +ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du +alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich--ich würde ihm danken. + +DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann? + +ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den +Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle +der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu +leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu +triumphiren . . . + +DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was +er Dir giebt. + +ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht +beurtheilen. + +DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, +die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum +und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch +vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, +gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast +den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach +Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden +und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen +Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, +Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, +einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein +vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . +(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen +und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal +begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln +vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom +Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, +Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen +Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade +Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem +Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei +gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich +Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.) + +ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . +freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen? + +DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem +Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters. + +ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie +zuzumessen! + +DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist +Jemandes Verdienst richtig zu schätzen! + +ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch +still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke +durchschauert mich . . . + +DER DOCTOR. Was hast Du Albert? + +ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr +Questenberg nicht selbst das Papier? + +DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch +droht schwierig zu werden. + +ALBERT. So hatte er doch Furcht-- + +DER DOCTOR. Inwiefern? + +ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der +Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich +ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der +Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen +Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, +blutärmsten Paria! + +DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches. + +ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir +entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und +Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit +auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . +Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . . + +DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand. + +ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde +werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles +schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe +lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria--gefehlt! ich +bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, +denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem +Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste +Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines +Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab +dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. + +DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! + +ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern +wüthet!--Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire +das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine +Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch +gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und +sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, +Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, +bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten +Steinwalle erlag!--Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! +Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle +aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, +blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem +Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich +selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, +gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir +möchten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht +ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele +nagt unheilbarer Schmerz! + +DER DOCTOR (bei Seite).--Er trägt die Erfindung zu unseren +Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muß seinen Haß von +meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlägt +sich--ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo +böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich +will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du +wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir +verzeih'n. + +ALBERT. Zur Sache. + +DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument, +Albert, Du empfängst das Dokument . . . + +ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. + +DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der +Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir +Marie nie gebeichtet von mir? + +ALBERT. Von Ihnen? + +DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war? + +ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. + +DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst +jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts +sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als +Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der +Unbesonnenheit-- + +ALBERT. Nun wohl. + +DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. + +ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? + +DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. + +ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte? + +DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt +verließ und zur Universität abging. + +ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? + +DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische +mir gestern erschien! + +ALBERT. Wo? + +DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich +beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend +wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, +ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren +Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die +keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein +zu nennen! . . + +ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen. + +ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen. + +DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie +ist nicht minder legitim als Deins! + +ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! + +DER DOCTOR. Du meinst! + +ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes +Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. + +DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! + +ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen +deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um +Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen. + +DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür! + +ALBERT (lacht). + +DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte +ich ihn ohne Umstände fordern . . . + +ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines +Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, +Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie +konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er +Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk, +sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, +verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den +Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt +Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu +spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, +seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie +eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte +toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, +tausendmal Verzeihung! + +DER DOCTOR. Du bist ein Gott! + +ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt +keine heiligere Reliquie mehr! + +DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell +ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich +muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche +genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und +versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch +eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.) +Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du +noch etwas zu fragen? + +ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier +unterzeichnete? + +DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar +auf,--er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von +meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu +sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. + +ALBERT. Beim ewigen Heil! + +DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer +Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage. + +ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? + +DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören +soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen +Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit +der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn +Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer +drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn +Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben!--er aber, +Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der +ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen +plötzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter +sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muß lachen, um sein +blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste +veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, +um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, +Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . + +ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniß bringt mich dem +armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares +Gesicht--ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen +sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich +übel berathen,--nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu +Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument +bezeugt's zweifellos. + +DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . + +ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . + +DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch. + +ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester +Geselle. Lebe denn wohl. + +ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach +verschiedenen Seiten ab.) + + +Neunte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus +dem Original übernommen.] + +BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet, +das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem +andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde. + + +BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der +Börse verloren . . . + +DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.-- + +BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich +in einen Sessel.) + +DER DOCTOR.--Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen, +wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . + +BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer +erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . + +DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein. + +BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie. + +DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen. + +BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht +vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde? + +BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. + +QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche? + +BLASHAMMER. Lies, lies! + +QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser +Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo +kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an +die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was +die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das +Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher +bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst +kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million +beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition +ist.--Es klingt wie eine Verleumdung. + +BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten +in die Schuhe . . . + +QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun. + +BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit +den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und +Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?! + +QUESTENBERG. 's ist unglaublich! + +BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große +Blashammer Ehre und Existenz!? + +QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! + +BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, +Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist? + +DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! + +BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post. + +QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich +zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen +wieder abbestellt. + +BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig!--Es sind +die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . + +QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! + +BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. + +DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die +Arme. + +BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. + +DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern +strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. + +BLASHAMMER. Wodurch? + +DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. + +BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! + +DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein +oder zwei nicht ankommen. + +BLASHAMMER. Danke bestens. + +DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. + +BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber--öffne den andern +Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann +mußte für mich sterben! . . + +QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn, +Leichtsinn! + +DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! + +BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel. + +DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?! + +BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . + +DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen +und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. + +BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. + +DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's +seine eigene Schuld. + +BLASHAMMER. Meinetwegen. + +DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! + +BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung! + +DER DOCTOR. Warum, sage ich?! + +BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können! + +DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben +weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen +gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm +anvertrauten. + +BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch +gleichgültiger. + +DER DOCTOR. Bravo! + +BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der +ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . . + +DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. + +BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel +bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von +Palermo ungehindert fortgelassen haben. + +DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List! + +BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem +unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da +sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . + +DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens! + +BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie +glauben! + +DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb +Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . + +BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen! + +DER DOCTOR. Nicht wahr? + +BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater +morgen die Gläubiger vom Halse schaffen! + +DER DOCTOR.----Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen? + +BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. + +DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn? + +BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr. + +DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen +Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!? + +BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül.--Ich bin +ein ruinirter Mann! + +DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. + +BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies +Sie zu fragen! + +DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? + +QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. + +DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! + +QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während +der Vorhang fällt). + + + + +Vierter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vor der Hütte des Vater Ziemens. + + + +Erste Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Hütte. + +MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor. + +FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen? + +MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja--ich +hatte die ganze Schürze voll. + +FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem +Federbett!--Komm' zurück, die Luft weht kalt. + +MARIE. Bin ich denn krank? + +FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem +Blut. + +MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als +die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die +thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten, +fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu +springen wie bei der Hochzeit. + +FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. + +MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert--Du schaltst ihn +einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er +mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fühlte +mich verletzt . . . + +FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. + +MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde-- + +FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein +ehrbares Mädchen hegt Gedanken-- + +MARIE. Welcher Art? + +FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. + +MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich. + +FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf +Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich +geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind! + +MARIE erblaßt und droht umzusinken. + +FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen! + +MARIE.--'s ist überstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf +alles vorbereitet--hier, lies den verhängnißvollen Brief.---- + +FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen. + +MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre +Preis!----Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein +Verbrechen zu sühnen. + +FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. + +MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die +Liebe des Guten. + +FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon-- + +MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer +Autorität! + +FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche. + +MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' +ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die +labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben +trieb und kannst allein-- + +FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht? + +MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen +obersten Wohlthäter. + +FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! + +MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille. + +FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du +sankst----Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend +vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch +geweihter Priester erbaut sie mehr! + +MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des +Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist +gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen +lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch +vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich +ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe +Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines +Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und +verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler +ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die +Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze +mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die +Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich +zu fügen--Muß ich ihm folgen? + +FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin. + +MARIE. Muß ich--? + +FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?! + +MARIE. . . . Der Tod. + +FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das +um Dich! + +MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Führ' mich nach +jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete--Ersehnte! +Er ist's!--Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden +Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt +ihn das unerbittliche Meer. + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. + + +ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren. + +MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken). + +FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung). + +ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies +Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . . + +FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte). + +ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles--War +die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an +Mädchen, wie fass' ich-- + +MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). + +ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging +schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem +Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie!----Aber wie fein! wie +herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar +sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts +vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trüben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis +jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu +viel überschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau +des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.) + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. + + +VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. + +ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater! + +VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist? + +FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn. + +VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten +Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurück? Welche +finstere, verzweifelte Mine? + +ALBERT. Armer Vater! + +VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Töchterchen +keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt-- + +ALBERT. Vergrößert ihre Pein. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . +Lass' mal sehn--Ist sie im Garten? + +ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse. + +VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet +nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. + +FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch. + +VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren +kaltes Herz? + +FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. + +VATER ZIEMENS. Erzähle--sei so gut. + +FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe +recht, bevor sie Albert kannte-- + +VATER ZIEMENS. Ich versteh'. + +FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward-- + +VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. + +FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth.-- + +VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! + +FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält). +Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich +Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie +in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein +blieb. + +VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin +ich gewiß. + +FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, +schmeichelhaften Sprache. + +VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit +schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht +Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch +fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich +zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der +Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid +Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein +Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel +zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt +Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! + +FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern +Leidenskelch?! + +VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe? + +FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen! + +VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde?--Weib! + +FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit +Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in +schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend +unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten +Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von +Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf +meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits +verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, +er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über +Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige +Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges +Rächerantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub +bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist +unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur +beschämt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen +Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem +lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer +ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und +nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht +erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes +aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches +Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit +beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich +ausgesöhnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden +Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in +ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. + +VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie!--Welchem fürchterlichen +Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den +Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst +nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der +unsterblichen Himmelsflamme verglüht!? + +ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle +Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten +Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit +fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort +und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie +erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich +gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom +blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten +Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen +wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem +Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft wo's +zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl +verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit und +Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd)--als Mittel zur +Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu +Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders +stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht +beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern! + +FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! + +VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir +fallen, sie zu versöhnen. + +ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer +für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, +Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's +alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in +lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein +jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und +gottgefälligen Sprüchen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das +Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind"-- + +VATER ZIEMENS. Albert, Albert! + +FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! + +ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein +Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter +Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. + +VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen! + +ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem +Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale +Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen +erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und +schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Säulen als Ihr Glaube an--an--ich weiß nicht woran! + +FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. + +VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. + +FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt +katholischen Kirche sich zu Füßen legen. + +ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies. + +FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. + +ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels +Frieden! + +VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte? + +ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern +Platz für sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwöre Euch, weilt! + +MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . . + +ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater, +welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den +Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du für +ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund +verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt! + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. ALBERT. + + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stürmt nicht die Schranken +ihres Herzens. + +ALBERT. Memme! Memme! + +FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund. + +ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß!----Oder denkst Du, ich bin +ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von +Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk +den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?! + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.) + +ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's möglich--sie +konnte--Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?!--Das +endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.) +Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmüthige Taube wird zur +Hyäne . . . + +FRAU ZIEMENS. Wohin Albert? + +ALBERT. Ihr die Schande kürzen! + +FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind! + +ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses +geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm +Marie entgegen). Gott-- + +MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz. + +ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du +meiner Brust! . . + +MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.) + +FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht +geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich +wieder.) + +ALBERT.----Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen +Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fürchterlich +geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten--drum sei +er schnell, schnell vergessen! + +FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und +Mitteln, die Thorheit zu besiegen. + +ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus! + +FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der +Ferne.) + +ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs +Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach +versagte-- + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so +leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten +_depuis long-temps_ die Vergnüken--_Reçevez mes compliments_. + +ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?-- + +KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_ +endlich Justiz gehalten. + +ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher +ordentlich deutsch. + +KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen +_oublier notre belle langue allemande_ . . . + +ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten. + +KLAUS. _Patience, monsieur_. + +ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren. + +KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk +ßoll ßein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_ +Kurkel--_j'étouffe_ . . . + +ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer! + +FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.) + +KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million +reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, +großer Mann--Nicht unser Muckerländchen--das freie göttliche Amerika +erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser +Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik +der Sprak _du monde_. + +FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million-- + +KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein +rentables Fabrikchen eingetragen-- + +FRAU ZIEMENS. Bei!? + +KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung. + +ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem +Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel. + +KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern. + +ALBERT. Vergebliche Mühe--zu spät! + +KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he? + +ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten +Namen. + +KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der +Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts +aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, +großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines +Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf +die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die +Sünde für uns alle trägt! + +ALBERT. Ja, ich that Dir Leides-- + +KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir +einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt +viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur +Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche +tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die +Kinnbacken--aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst +löschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend +würde mich indeß so recht _tête-à-tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel +laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen +Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den +Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an +der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor +mir her. Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und +balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich +beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbürger--bescheiden seiner Heldenthaten +übermächt'gen Rausch verschlief! + +ALBERT. Ein frommer Wunsch. + +KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir. + +ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß, +daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich +vergesse. + +KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen +anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he? +Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel +pfarrherrlicher Ehrbarkeit? + +FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes +würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen. + +KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:) + + Bei wem das Geld im Beutel klingt, + Die Seele aus dem Fegfeuer springt. + +ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht. + +KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige +verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu +ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden. +Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler +Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich +kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben +mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß' +elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit +noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert +hätte.--'s ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur +ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit +wahrhaft schwärmt!--Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich +werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's +Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung! + +ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes +Versprechen zurück. + +KLAUS. Albert--verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung +gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust +schnürt und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine +verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden. + +ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl +in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und +erheben, Du, Du--wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder! + +KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ für +Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer--für Geld +ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue!--und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause +Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst +angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden +wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der +Gedanke elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; +möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden +Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs +beweisen, daß seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack +beglücken? Wozu nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark +der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf +Deines Herzens sichre Rente! + +ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath +entsprechen, doch in meiner Weise. + +KLAUS. Heil Brutus Dir! + +ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich +drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Wörtlein in +Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.) + +KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er +singend hinter ihnen her). + + _Allons, enfants de la patrie--hi, hi, + Le jour de gloire est arrivé:--he, he. + Contre nous, de la tyrannie--hi, hi, + L'etendard sanglant est levé--he, he . ._ + +(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.) + + + + +Abtheilung II. + +Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt. + + + +Sechste Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.) + + +V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der +_haute-finance_ nichts ausrichten läßt--Aber ich kenne Schneider, +Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in +ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären.--Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in +die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben +vornehm einige Zeilen blos und-- + +BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und +wie er zu Credit kommt. + +V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität! + +BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen.--Ich--ich +nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein +Wort wenn ich ohne Sicherheit bin. + +V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre +Kühnheit und Sie zweifeln am Glück? + +BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers!--Treten wir unter die Gläubiger. + +V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?! + +BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den +Loostopf. + +V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Daß ich +Sie beschäme, Herr Blashammer--(hält ihn fest.) + +BLASHAMMER. Herr Regierungsrath? + +V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer-- + +BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an). + +V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und +ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall +einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung-- + +BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der +Concurrenz zu weit überflügelt! + +V. ZITTERWITZ. Sie meinen--? + +BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns +ansteckt--sagen wir gut für ihn. + +V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle. + +BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate +heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon. + +V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen! + +BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und +schweige. + +V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich +absichtslos. + +BLASHAMMER. Es tröste Sie. + +V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der +Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie +daran. + +BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er +auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr +Regierungsrath,--die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig +als möglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he? + +V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns wäre +damit geholfen. + +BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf? + +V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag. + +BLASHAMMER. Lohnt's? + +V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste +Freundschaftsstück guter Christen. + +BLASHAMMER. Ueberlegen Sie. + +V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf +den Fluthen trägt!--Wir sind einig. + +BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß. + + + +Siebente Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm). + + +V. ZITTERWITZ. Fort! + +BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten. + +V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer +sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.) + +QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts, +was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch +schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.) + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS. + + +ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es +zu melden. + +KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er +und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen. + +ALBERT. Geh, eile. + +KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's. + +ALBERT. Willst Du mich erzürnen. + +KLAUS.--Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen. + +ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens. + +ALBERT. Ihr treuer Diener. + +QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege. + +ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige +Minuten. + +QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen--ich les' es in Deinem +Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve. + +ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so +viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune.-- + +QUESTENBERG. Schlange! + +ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . . + +QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was +Dich herführt. + +ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist, +Albert. + +ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt. + +QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint? + +ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten-- + +QUESTENBERG (ungläubig). Ah! + +ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die--Kühnheit hatte. + +QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall? + +ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem +Unglück hörte-- + +QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fügt oft +Wunderdinge--räthselhaft erscheint mir blos . . . + +ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von bösem +Gewissen. + +QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht. + +ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen. + +QUESTENBERG. Willst es wissen? + +ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten. + +QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,-- + +ALBERT. Sie scherzen! + +QUESTENBERG. unterdrückt,-- + +ALBERT. Pfui. + +QUESTENBERG. tyrannisirt! + +ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter! + +QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort. + +ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr +Retter!--Glauben Sie mir nun? + +QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert. + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON. + + +JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.-- + +QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm +einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . . + +JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten +vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, +ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind-- + +QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht). + +JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung. + +KLAUS (murrt). + +QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment. + +JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit +klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt. + +QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was +ich sagen soll!--(laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung +bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) +Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Lügen strafen! + +JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft +Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben! +(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt +zu mißcreditiren? + +QUESTENBERG. Ja--ja wohl! + +JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher +Exberimentesucht-- + +QUESTENBERG. Man that's. + +JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte. + +QUESTENBERG. Natürlich. + +JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des +Fortschritt's!-- + +QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf). + +JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefällt. + +QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.) + +JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.-- + +QUESTENBERG. So--ah! + +JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt, +mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten. + +QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr--Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir +solch' Vertrauen . . . + +JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie +wünschen. + +QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß +nicht . . . + +JOHNSON. Sehen Sie nur hierher. + +QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . . + +JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr. + +QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr. + +JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr. + +QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich +jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!? + +JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?! + +QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.-- + +ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den +Notar, der draußen wartet. + +JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen. + +QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver +Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der +Einfaltspinsel blieb unschuldig . . . + +KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst +ihn schamlos triumphiren lassen!? + +ALBERT. Behindre mich nicht. + +KLAUS. Keinen Schritt weiter. + +ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . . + +KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich! + +JOHNSON. Meine Herrn . . . + +QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder. + +ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich +schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die +Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei. + +KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson. + +JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . . + +KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so +straf' mich der Teufel. + +JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise. + +KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; +dessenungeachtet . . . + +JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen-- + +KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist +nicht Meister seiner Handlungen. + +ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt +Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter +erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.) + +JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er. + +KLAUS. Was! + +JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was! + +KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson. + +JOHNSON. Wer läugnet's, allein-- + +KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben! + +JOHNSON. Schon kut, toch-- + +KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht-- + +JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus. + +KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige +Macht der Wahrheit. + +JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich. + +QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die +frische Luft und macht ihm Umschläge . . . + +KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten! + +QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß? + +JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe. + +QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht. + +KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt +ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das +gewußt--doch Gott befohlen! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter. + +JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach. + +QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei +durchprügeln lassen. + +ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt. + +JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle +Ihnen schaden könnte-- + +QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert. + +JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe für heut' keine Zeit mehr und +porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht. + +QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen. + +JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach. + +QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe. + +JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche +Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten. + +QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch. + +JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne JOHNSON. + + +QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht +unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst. + +ALBERT. Sie beschämen mich. + +QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir +die Freundschaft! + +ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch +mache-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir, +Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten +Jahr? + +ALBERT. Wie kann ich so viel wollen! + +QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir +vergönnt, Dich glücklich zu machen! + +ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal. + +QUESTENBERG. Scherz bei Seite. + +ALBERT. 's ist zu spät! + +QUESTENBERG. Was hast Du? + +ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt. + +QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe? + +ALBERT. Sie ging mir verloren! . . + +QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge? + +ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht +mehr, Gott hat gerichtet! + +QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehört Dir! + +ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat +hassen--nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper +unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen. + +QUESTENBERG. Du! Du! + +ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich +eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich +ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen +treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner +Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen +Herzens--ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube +krümmt! + +QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses +Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle! + +ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen +Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich +sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt! + +QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen--mir fehlt die +Kraft. + +ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisäer und +Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt! + +QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe für mich, so muß ich's +thun. + +ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen. + +QUESTENBERG. Wohin gehst Du? + +ALBERT (zeigt nach Oben). + +QUESTENBERG. Oh! + +ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's +Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein +Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs +zu ruh'n. (Er will geh'n.) + +QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Hülfe! + +ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust +setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich. + +QUESTENBERG. O das ist entsetzlich! + +ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, +zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen +ihm freudig entgegen! (ab.) + +QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur! + + + +Dreizehnte Scene. + +Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel +die Gläubiger. + + +QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf +den Tisch.) + +ALLE. Geld . . . ah! ah! + +QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine +Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, +unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie +unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe. + +ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme +verletzt. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns. + +ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . . + +QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen +nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthänigsten Diener. + + + +Vierzehnte Scene. + +DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG. + + +ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen! + +ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen +dicken Zopf an. + +ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung +zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu +drängen! + +ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld +zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen +sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.) + + + +Funfzehnte Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. + + +V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . . +Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich--(kopfschüttelnd) +Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch--Oh, was ist der +Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die Noth die +Mutter aller Laster sei. + +BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat! + +V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine +andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; +wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr +die neue! + +BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden. + +V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht +bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer. + +BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . . + +V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte. + +BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath. + +V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen. + +BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann! + +V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's +Ihnen an. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Danke, danke. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter. + +BLASHAMMER. Zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Mäßigung. + +BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da +hab ich nun den Teufel auf dem Nacken. + +BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld +des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte! + +V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant +und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen +Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht +mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen! + +BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand. + +V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . . + +BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner. + +V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind. + +BLASHAMMER. Für einen Betrüger. + +V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den +Aufdringling los. + +BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener. + +V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute +bl--bl--blos für unsich--chere Menschen. + +BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen +ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg. + +BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah! + +V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie +sich gerichtlich verantworten . . . + +BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß). + +V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr +Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.) + +BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel, +gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich! + + + + +Fünfter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Zimmer im Hause Blashammers. + + + +Erste Scene. + +ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf. + + +ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur +näher. + +DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß. + +ADELGUNDE. Setzen Sie sich. + +DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie. + +ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause? + +DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa +plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu +ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde +endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht. + +ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden. + +DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille! + +ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hören? + +DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig--Ich werde mich in +der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein? + +ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hört' +ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit sich +selbst. + +DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten +muß!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand! + +ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken. + +DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten +brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heißt!--weil er das Feuer der +Revolution heimlich schüren half. + +ADELGUNDE. Weh! + +DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's. + +ADELGUNDE. O Grauen! + +DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern +auch die Freiheit. + +ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm! + +DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist +politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus +für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach! + +ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch +Lust--Nimmermehr! + +DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort. + +ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring +zurück. + +DER DOCTOR (drohend). Fräulein! + +ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer +genug fallen. + +DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir. + +ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen +Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher +Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die +dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das +Leben zur Plage macht. + +DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so +kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine +heil'ge Sache! + +ADELGUNDE. Ihre Redekunst. + +DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die +Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick +angenehm versüßt. + +ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit. + +DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . +Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in +seinem Busen gährt und brennt-- + +ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein. + +DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile +er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das +rein menschliche . . . Doch horch! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab! + +DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still! + +BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für +alle Plage kein Brosämchen! + +DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen? + +BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich +mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt +versetzt! + +ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater! + +BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren. + +ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich? + +BLASHAMMER. Vergebne Müh'--sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . Was +macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich +gemüthlich auf. + +DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt. + +BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater +heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem +tief Gekränkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten +Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und +auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernüsse auf den Tisch +warf . . . + +DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall! + +BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da, +er hat mich nicht mehr nöthig. + +DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde +schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich +unwürdigen Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte +ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für +Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust +gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und-- + +BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die +rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück. + +DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort +und Fräulein meinen Ring. + +BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter. + +DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . . + +ADELGUNDE. Gnade! + +BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich +ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente. + +ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . . + +BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen. + +ADELGUNDE. Du irrst. + +BLASHAMMER. Woher weißt Du's? + +ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz. + +BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt. + +ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich. + +BLASHAMMER. Er! + +ADELGUNDE. Ja. + +BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf. + +ADELGUNDE. Glaub's mir. + +BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb +unverändert. + +ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern, +als das reinmenschliche? + +BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie +rächt sich die Lüge! + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn. + +DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt? + +QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger. + +DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun +ihren Schein! + +QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; +das Gewissen trieb mich zu Dir. + +BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an. + +QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben. + +BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject. + +QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen +Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, +Sitte . . . . + +BLASHAMMER. Nicht weiter. + +QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug-- + +BLASHAMMER. Ich begreife Alles. + +QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß-- + +BLASHAMMER. Sei unbesorgt. + +QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird-- + +BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können--Falls Du +Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei. + +QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott. + +BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen. + +QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der +Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger, +arglistiger Menschen erlös'te. + +BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender +anhören wird. + +QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater. + +BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe +auszutauschen. + +QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen. + +BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die +Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben. + +DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, +und verstumme. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein +Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin +entdeckte. + +QUESTENBERG. Steht es so! + +BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen +Herzen. + +QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das +junge Paar. + +BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir +in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer +Versöhnung sogleich laden lasse . . . + +QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal. + +BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich. + +QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich +die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß. + +DER DOCTOR. Bin dabei. + +QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wünsche denn +beiderseits Lebewohl. + +BLASHAMMER. Glückliche Besserung. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß +für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die +beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße. + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da? +Schnell heraus, eine schreckliche Mähr! + +VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schläft. + +FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st +Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde +Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns +an. + +VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke.--Wußte man des +Unglücklichen Namen? + +FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren +verzweifeln ließ. + +VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche. + +FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.) + +VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein +Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden +Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . +Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park? + + + +Fünfte Scene. + +VATER ZIEMENS. KLAUS. + + +KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter +Alter, die ihres gleichen sucht! + +VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der +Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen?-- + +KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel, +viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste +Banknoten, vollgültigste Papiere-- + +VATER ZIEMENS. Aber--? + +KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich? + +VATER ZIEMENS. Nein--wozu? + +KLAUS. Krambambuli zu kaufen. + +VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab? + +KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank +vorausbezahlt! + +VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft +werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren-- + +KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer, +und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur +heraus! ich leere es im Bewußtsein--nicht zu den schwächsten Gliedern +unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.) + +VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld +erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut? + +KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei! + +VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?! + +KLAUS. Versuchte ich das schon einmal. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr +Treiben! + +KLAUS. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?! + +VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden. + +KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom +gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt, +erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen. + +VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus. + +KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, +behaupte ich heute erst recht! + +VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die +Leute thun, das thue ihnen auch nicht? + +KLAUS (keck). Ja wohl! + +VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage. + +KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem +Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's +zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom +Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein! + +VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus. + +KLAUS. Ja, wirklich! + +VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!? + +KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen! + +VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles! + +KLAUS. Ah, und wie rächte sich dafür Albert! + +VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch. + +KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern +Patron wieder betrügen ließ. + +VATER ZIEMENS. Das heißt-- + +KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n. + +VATER ZIEMENS. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon. + +KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron +den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage +800,000 Thaler für die Erfindung-- + +VATER ZIEMENS. Unmöglich! + +KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth außer mir, +protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des +Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, +gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken +preis, duldete, daß man mir-- + +VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm! + +KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloß. + +VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den +Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht +leugnen! + +KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst! + + + +Sechste Scene. + + +MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und +nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten +und kränktest seine Hoffnungen--sein Glück und stießest ihn in's +Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten +willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, +versöhnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, +thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt +schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was +bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch +Mütterchen dabei? + + + +Siebente Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen). + + +MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du? + +FRAU ZIEMENS (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt +tausend Dank, wackre Männer!--Ach Tochter, Du wardst für eine schwere +Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft-- + +MARIE. Ist's der alte Vater? + +FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert! +Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone +ihn--er bedarf zärtlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits +regt er sich-- + +MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?---- + +ALBERT. Welche Stimme? + +MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich +bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, +unnatürlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu +zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als +Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm +nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie +es Deine--wie es meine Ehre gebot! + +FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter! + +MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich! + +ALBERT. Sei's jetzt nicht, Mädchen! + +MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der +Edlen! + +ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das +richtete über mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die köstliche +Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte--plötzlich das Bündel +packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham +erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte verdammt +werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld! + +MARIE. Eben,--sühntest Du sie nicht! + +ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park-- + +MARIE. O Gott! + +ALBERT. Aber nicht zu sterben wußte--nicht zu sterben der Feige! +Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte +sich! . . + +MARIE. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil!--O richte Dich männlich +auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen, +welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns +widerwillig, gezwungen bereiteten! + +ALBERT. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; +zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; +entfliehe meiner unheiligen Nähe!------O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich!-- + +MARIE. Ha, das--das ist Rache!-- + +FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut! + +MARIE. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach, +er hat mich nie--nie geliebt! + +FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht +weiter!--O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, +keine Freudenthränen geweint!-- + +MARIE. Laß ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur! + +FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub! + +MARIE. Ich sage, laß ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du +denn noch nichts? + +FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen! + +MARIE. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte! + +FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter! + +MARIE. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! +(lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte! + +FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein +Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich--Aber nicht doch, Tochter, Du +schwärmst! + +MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem +Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich +durchschaue alles, die ganze Comödie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser +Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der +Finsterniß!----(Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie +vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha, +woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine +Vernunft, kein Gedächtniß mehr!--Schütze, o Mutter, schütze mich vor +mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.) + +FRAU ZIEMENS. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie!------O +nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste! + + + +Achte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe +noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir +die Jungfer in die Hütte--es wird für sie zu viel! + +MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! +Berichten Sie nur, Klaus! + +KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den +wundersamsten Erfolg--es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein +Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen-- + +MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die +Geschichte? + +KLAUS. Frau Mutter weiß bereits davon. . . + +FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte +nicht glauben, Klaus, nicht glauben-- + +KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und +wider Erwarten . . . + +FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!? + +KLAUS. Bis auf zwei Todte leider! + +FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie? + +KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs. + +FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie! + +MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie +sich mit dem Vater-- + +KLAUS. Zu dienen. + +MARIE. Wo blieb er!? + +KLAUS. Beim Herrn im Schloß, zu seinem--unserm unseligsten Verhängniß! + +FRAU ZIEMENS. O mein Kind! + +KLAUS. Beten Sie für ihn! + +MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht! + +KLAUS. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter +das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne +Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich +im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich +Geister! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS. + + +MARIE. Hörtest Du, Albert? + +KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?! + +MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht. + +KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst! + +ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr! + +KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe +mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der +Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm. + +ALBERT. O schauder--schaudervoll! + +KLAUS. Höchst schaudervoll! + +MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver +Mann!--Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die +Vorsehung, welche nicht anders es fügte! + +KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen. + +MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht! + +ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen). + +MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten +wir ferner unerforschlichem Rathschluß! + +KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das +Geschehene! + +ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich härter als der Tod--bricht +meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere +Sonne--dort ging sie unter! + +MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir +von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen +himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt! + +KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche +feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch +die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und +Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher +Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den +ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt +die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und +That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes +Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen +könnte--He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell +erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend +unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, +geringschätzig belächelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die +Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von +Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und ihre +Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm +den Arm nur, Jungfer. + +MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht. + +KLAUS. Nachher davon. + +ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät. + +KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet +keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir +Gewalt! + +ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus. + +KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für +die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's +bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke! + +ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern! + +KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen! + +MARIE. Welch ein Erkühnen! + +KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben! + +MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches +für ihn! + +KLAUS. Das darf nicht geschehn. + +MARIE. Sie sind ein Tyrann! + +KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich +schweigend, daß Jemand--und wär's mein Feind--schnödester Spitzbüberei, +wie der, zum Opfer fiele! + +MARIE. Ihre Verblendung ist groß! + +KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß! + +ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich +mit uns'rer Ansicht! + +KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin +ein Heide, unempfänglich für solchen Tand! + +ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits +verschlungen wurden von den Gläubigern! + +KLAUS. Bereits! + +ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn +brachten. . . Das weißt Du nicht?! + +KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's, +gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr +luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte +es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmüthig unter Schurken--christlich! Entsagung persönlichen +Vortheils, irdischer Freude--gottgefällig! Selbstmord--höchstes +Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch! +das kalte Grab allein--Erlösung aus Sünde und Elend!--O hätte doch ein +Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren können, +wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der +menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter +wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die +Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich +dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du +von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht, +verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du +entkrochst! + +ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb +Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein +Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein +unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger Fantasie, +im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . . + +KLAUS. Kehre Dich um und sieh! + +ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das? + +KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . . + +ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich +rangst! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN. + + +QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich +feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in +Krücken gehn. + +ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter. + +QUESTENBERG. Fast möchte ich's behaupten. + +ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue über diese +Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat! + +QUESTENBERG. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, +nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten!--Ich erwog es +reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, +hübsch, hübsch, hübsch!--Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem +Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt +und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind +wir Menschen immer hübsch gescheidt! + +ALBERT. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind! + +QUESTENBERG. Zu ew'ger Täuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte würdige +Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn! + +ALBERT. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar +ergreifen sie uns wenig! + +QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf +will jetzt bereits--ein Stündchen erst nach dem Ereigniß--in wilder +Fiebergluth aus allen Fugen gehn! + +ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch +übrig? + +QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch. + +ALBERT. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!? + +QUESTENBERG. Auf Ihnen! + +ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut +als Sie und alle wir geborne Heuchler sind. + +QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er +zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein +Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das +Geld zurück. + +ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von +keiner That! + +QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert). +Demüthigen Sie mich nicht tiefer! + +ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab. + +KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein! + +QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Sündenlast! + +KLAUS. Sei christlich! + +ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt). +Da! für Dich! + +KLAUS. Alles! + +ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es +bis in den Himmel! + +KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer +Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld +zählend). Lauter giltige Papiere--fünf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft! +führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein! +Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun +bin ich dieser Lumpen Gläubiger!--Wie abgegriffen und welch' +Inbegriff!--Gift für den Staat und Medicin für mich!--Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise +morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, +was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir +zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst! + +ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst. + +KLAUS. Dein Freund auf ewig! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDÄMMERUNG. + + +QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob +Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden. + +ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine +Freuden. + +QUESTENBERG. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth! + +ALBERT (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das! +ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, +streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und +That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche +unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe! + +QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein +bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so! +Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!-- + +ALBERT. Träumen Sie von Paradiesesengeln! + +QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . . +Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen +Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n! + +(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, +wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe +steht.) + +ALBERT. Mädchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide für die Hochzeit +und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . . + +(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus +weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater +Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's +Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661-8.txt or 13661-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +Author: Florian Müller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + + +</pre> + + + + + +<h1>Der Bankerott.</h1> +<br /> + +<h2>Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten</h2> + +<h2>von Florian Müller</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<h5>Leipzig</h5> + +<h5>Theodor Thomas.</h5> + +<h5>1853.</h5> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<p>Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem +Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung +durch unsere Bühnen würdig und geschickt ist, überläßt +er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr für seine Rechtfertigung +oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm überflüssig. +Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und +in keiner Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, +Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verhältnissen, und +von derselben Charactertiefe, existiren können.</p> + +<p>Neujahr 1853.</p> + +<p><b>Florian Müller.</b></p> + + + + +<i>Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,<br /> +Réformer de son goùt l'antique barbarie,<br /> +Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;<br /> +Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,<br /> +Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,<br /> +Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?<br /> +<br /> +Frédéric II. (Epitre sur la liberté.)</i><br /> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<h2>Der Bankerott.</h2> + +<hr style='width: 65%;' /> +<h2>Inhalt</h2> + + <a href='#Personen'><b>Personen</b></a><br /> + <a href='#Erster_Akt'><b>Erster Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_1I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_1II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Zweiter_Akt'><b>Zweiter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_2I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_2II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Dritter_Akt'><b>Dritter Akt</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_3I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_3II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Vierter_Akt'><b>Vierter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_4I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_4II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Funfter_Akt'><b>Fünfter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_5I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_5II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Personen'></a><h2>Personen</h2> + + +<b>Questenberg,</b> großer Zeugfabrikant.<br /> +<b>Doctor Questenberg,</b> sein Sohn.<br /> +<b>Blashammer,</b> Banquier und Waffenfabrikant.<br /> +<b>Adelgunde,</b> seine Tochter.<br /> +<b>v. Zitterwitz,</b> Regierungsrath.<br /> +<b>Johnson,</b> Capitalist.<br /> +<b>Albert,</b> }<br /> +<b>Klaus,</b> } Arbeiter Questenberg's.<br /> +<b>Vater Ziemens,</b> }<br /> +<b>Mutter Ziemens.</b><br /> +<b>Marie,</b> deren Tochter.<br /> +Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.<br /> +Bediente, Arbeiter, Volk. — <br /> + +<p>Zeit der Handlung im Jahre <b>1850</b>.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Erster_Akt'></a><h2>Erster Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_1I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, +Akten, Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. +Ein Bureau links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.</p> + +<p>Abend, Licht.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg; v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (unruhig auf und ab gehend). Man sprach +von einem Deficit von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht +eine Nulle weg, es sind höchstens 50,000, Questenberg war +ein zu honnetter Fabrikant — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich vertraute zu sehr meiner eigenen +Kraft! — Der Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer +größere Hoffnungen an das Leben knüpft, je näher er dem +Tode rückt . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine Million!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (seufzend). In Damastroben <i>à la chinois</i>.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wie konnten Sie nur auf die Großen +und Reichen dieser Zeit speculiren!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution +sie herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder +verzwanzigfachen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Naiv, naiv!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, +wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung +der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schäumte +so manches Schweißtröpflein in den eifrigen Restaurationsküchen +über den Kessel, kam denjenigen von uns Geschäftsleuten +trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wußten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer's heut zu etwas bringen will, +muß ein geheimer Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, +die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genußsucht, Trägheit, den +Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion +und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste +Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der +Christenheit, wird Präsident, Kaiser und Papst.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Herr Regierungsrath, geben Sie mir +morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen über meine +Demagogie erstaunen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich den Kopf haltend). Um Gottes +Willen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich verfertige fortan die Damastrobe +<i>à la chinois</i> statt für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen +die Elle. Das schimmernde Kleid der <i>„l'état c'est +nous“</i> wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer +Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische +noch sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu spät, zu spät!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Das Genie der Mechanik greift mir +unter die Arme. — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit einer Erfindung? Ach! lassen +Sie mal hören.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe +ich Webestühle — früher werden sie nicht fertig — die noch +einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand +weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen Webestühlen +überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester +Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und +stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie hätten mir das vor einer Woche +anvertrauen sollen, die Börse würde verhindert worden sein, +Ihren guten Ruf anzukränkeln! — Das Bürgerthum mit +seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller +Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß +unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen +Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die +Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten +und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die +von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen +bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen! — O jeh, thu nur die Augen auf, großer +französischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche +und Decken deines berühmten Versailles heute beim +mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des +schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke +und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, +Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die +den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie gefehlt +haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine +Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen +Mann zum Könige und den König zum gemeinen Manne +zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an +und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. +Bewährt sie sich, so — seien Sie verstchert . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein Mann ein Wort!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Gott, was thut man nicht um +das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, +selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie +stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, +so zu sagen, auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, +könnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich geize nicht und verspreche — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, +ich verspreche Ihnen . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . +das wird morgen schriftlich abgemacht.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nach Ihrem Wunsch.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ist schon spät, man erwartet mich +zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. +An der Thüre bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Lärm an der +Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die Zweifel der Gläubiger +zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . +anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine +150,000 Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen +auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhält +es sich nicht so? Wie lange füttert mein Capitälchen Ihre +eisernen Riesen satt?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Etwa acht bis vierzehn Tage.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (ironisch). Ein großer Spielraum zur +Abkühlung der Köpfe unsrer Geldmänner.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sieht man morgen, übermorgen und +nachübermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, +so wird man sich in den Glauben ergeben, daß es nur brodneidische +Verläumdungen oder falsche Speculationen gewisser +Leute waren, die — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie kennen von der Art gewisse Leute?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vorzüglich einen — er steht mir sehr +nahe und spielt den Scheinheiligen unübertrefflich.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich halte Herrn Blashammer für einen +kalten, ruhigen, überlegenden, braven Banquier. Er war der +Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestürmte +ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge +aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in +unserm Bunde der dritte zu werden.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich meine es anders . . . Der Banquier +hat eine heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen +Sohn. . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der noch nichts ist. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber etwas werden kann! Bestand +er doch das beste juristische Examen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich hege längst ein Project der Art, +nur weiß ich's nicht auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier +jetzt einen Heirathsantrag, so fühlt er Absicht und weist +mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner +Lage — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen kostet's keine Ueberwindung +einen Mann zu verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, +gegen den Sie unfähig sind, den schwächsten Beweis zu liefern!!. +Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit +noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. +Der Banquier darf uns nicht widerstehen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich lege Glück und Unglück in Ihre +Hand.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Schicken Sie durch den Telegraphen +eine Depesche über Paris nach London, mit dem Befehl +schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er kam bereits gestern an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um so besser! Aber aus welcher Ursache? +es erstaunt mich . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich +fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die großen Städte sind das Verderben +unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind +zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, Wollüstling oder +hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Noch ein Wort . . . Mir fällt ein +Mittel in den Sinn — 's ist durchaus nicht zu kühn . . . +Wenn ich übermorgen oder spätestens Sonntag ein recht +großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf Tausend +Thaler — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger +sollen kommen und beschämt sich fragen, woher der Luxus, +die Verschwendung, das üppige Leben? Will er uns damit +antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die sechzig Köche und Kellner — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die sechs Tausend chinesischen Lampen? +Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Fasanen — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Schildkröten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Vogelnestern und Austern — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die zweihundert Flaschen Champagner, +Muskatweine, das Porter Bier — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, +den Mokka-Caffee — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da wir ihm den Credit versagten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wir großmächtigen Männer der Börse?!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer wagt das brillante Feuerwerk +abzubrennen? — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer engagirt das Pistolenschießen und +Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, +und alle köstlichen Decorationen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer leiht seine Stimme zum Singen +schwärmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, +zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? — — Meiner +Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß sie mir nicht +einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich +gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es +müßten höllische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht +Sonntag mit Fräulein Börse seine Verlobung feierten! — Man +soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den letzten Moment +wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck +ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, +will's Gott.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Empfehlen Sie mich Ihrer werthen +Familie.</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (allein). Der alte Sünder! Ich zählte +auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne +an mir! . . . Wäre doch jeder Gläubiger so geizig, liebte +die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, und ich hätte +keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel +zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß +kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich +den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . +(Er setzt sich nieder zum Schreiben.)</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Sein Sohn.</b> (Derselbe in gelbem +Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen +und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Mütze.)</p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verzeihung, Herr Papa, daß ich in +Ihr Heiligthum eindringe.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was giebt's denn?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nichts als Begehr Sie zu sehn.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich komme.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Bestimmtheit?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine +Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hießen +Sie mich willkommen — 's ist hart! — Ich hoffte Ihre +alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu +können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen +unnütz in Ihrem Hause fühlen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (schreibend). Wisse nicht was Du hier +sollst, ich — dem Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß +nach einem — für rafinirtes Brennöhl 80 — nach einem +Gesellschafter von Deiner Art.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht fein! — Warum zwangen Sie +mich denn London zu verlassen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Weil ich nicht länger zahlen kann . . . +9000 Theertonnen — Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du . . . 2 Schock Gerüstbretter — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Lust? nein.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du möchtest wohl immer ledig bleiben, +und in der Welt umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (mit Malice). Warum nicht! ich finde es +würdiger als hier unter vergitterten Thüren und Fenstern +den Judas von allem Schönen und Sittlichen zu spielen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle +11,000 — der Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, +Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Müssen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 11,000, — 20,000, — 5000, — und +1500 macht — macht 37,500 . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das heißt also, Sie wünschen nicht +mehr für mich zu bezahlen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest ja schon ein alter Kerl! +Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Bärenhaut +halten!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Schön.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nicht wahr?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — Ich werde mich denn vermählen . . . +Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag +zu bringen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fräulein Blashammer.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah gratulire! (für sich schaudernd) +Brrr . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (wiederholt sein Brrr).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sie spielt Beethoven und singt Schubert, +spricht fertig französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt +sich für Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für +Naturwissenschaft — dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, +verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren +in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar +Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht auf und +tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich eine äußern?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich bitte.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Vor einer gelehrten Frau flieh' ich +Meilen weit.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, +thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, +da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und +freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hätten keine Rücksicht auf meinen +Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke +wählen sollen, folglich ein Mädchen, welches Sinn für das +Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche schaltet, +Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst +Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, +Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . +Ich bin bescheiden, Herr Papa — auf jedem Dorf prangt +in herrlichster Bluthe mein Glück!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig +oder aus Vernunft so verrückt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein andermal die Fortsetzung. (Er +legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) +Dieses Buch brachte ich für Sie aus Paris mit. 's ist die +berühmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der +Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Möge die +Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie +seit meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Regierungsrath sagte mit Recht, +die großen Städte seien das Verderben unserer Jugend. +(ab nach einer andern Seite.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_1II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im +Hintergrund steht ein Modell.</p> +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Albert</b> tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt +von <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, +daß er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?</p> + +<p><b>Albert.</b> Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden +täglich von der Arbeit schenkt . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Welche Gnade!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den +strebenden Geist des gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst +in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, +ungezählt . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Es klingt, als giebt's in Paris oder London +keine Leute die fähiger und geschickter sind als ich . . . Man +muß Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie +in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? +Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? +Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — Machten +Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . +Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . +Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, +aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, sobald +ich ein Verdienst besitze.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich +Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen +verschaffe?</p> + +<p><b>Albert.</b> Hier?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nein hier nicht. Wir wandern aus. In +London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem großen +Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht +er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und +wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, +so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten +besten Straße.</p> + +<p><b>Albert.</b> Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich +würde gute Geschäfte mit Dir machen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> So viel las ich aus Zeitungen und Büchern +zusammen, daß das Talent in jenen freien Ländern schneller +zu etwas kommt.</p> + +<p><b>Albert.</b> Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich +für mich habe.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Weißt Du, weshalb der Questenberg den +Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle +verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersüchtigen Concurrenten +verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit erhalten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du denkst schlecht von unserm Herrn.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich +helfe daran so gut ich kann — miethen in der +Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit großer +Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig für +alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung +von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, +der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen +leistet. Zu sehen täglich und stündlich. Entrée +fünf Silbergroschen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell +ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung +ab. Dieselbe läßt es von Sachverständigen prüfen. Wird +die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann +darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschädigen. +An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! +Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern +herbeiströmen und den großen Fortschritt des neuen Jaquard +begrüßen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Es fördert unsern Zweck!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich schätze die Erfindung gering. — Und +gehörte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; +Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern +gebührt das größere Verdienst . . .</p> + +<p><b>Klaus</b> (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.</p> + +<p><b>Albert.</b> . . .Es gereicht mir zur Beruhigung, meine +Idee benutzt zu sehen; ich fühle mich von keinem falschen +Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung +gemäß; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach +Vervollkommnung löschen . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an +Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin +Dich die falsche Bescheidenheit führt! — Elender +Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und +zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe +zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen +macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, +aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife +den allmächtigen Sinn, welcher die alte Welt +im innersten Wesen erschüttert und um und um geworfen +hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände +und Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; +'s ist klar wie das Einmaleins! — Wetze Dein Schwert +und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! — O besäßest +Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf +ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer +Banquier verloren ging.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sage, ein zweiter Rothschild.</p> + +<p><b>Albert.</b> Geld und nur Geld ist Deine Losung.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Zunächst nichts weiter.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr +einer Million?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, +eine blaue Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll +als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, — Du +sahst ihn doch schon in diesem Anzug?</p> + +<p><b>Albert.</b> Nein.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich +geblendet. — Ich begegnete ihn mit seinem neufundländischen +Hunde in der Allee. Nach Gebühr zog ich die Mütze, — indeß +der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem +unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .</p> + +<p><b>Marie</b> (singt draußen).</p> + +<p><b>Klaus.</b> Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, +ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei +süß schmecken und die Wahrheit verläugnet werden. Pah, +ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch +aus der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der +Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der +Befriedigung unserer Bedürfnisse“ . . .</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß +Dich Gott!</p> + +<p><b>Marie.</b> Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um +höchst einfältige Fragen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wenn's Ihnen beliebt. — </p> + +<p><b>Albert</b> (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung +dienen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Traun, dann hört! Ich halte für besser, +daß Ihr an Eure Arbeit denkt.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns +doch so viel nicht schaden.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie +nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst +für einen guten Rock, dann meinetwegen für einen Ministerposten . . . +O, Sie wollen hoch hinaus! Glück zu!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ihre Vorwürfe sind ungerecht.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was bringt Dich so auf?!</p> + +<p><b>Marie.</b> 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an +Klaus Geschmack findest — </p> + +<p><b>Klaus.</b> He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er +nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm +und Hagel! . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister +nicht aufdecke!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich +Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der +Ihre liebreizende Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen +Albert, in keinem besonders günstigen Lichte darstellt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Das wäre abscheuliche Verläumdung.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein +Spiegel reflectirt alles verkehrt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?</p> + +<p><b>Klaus.</b> So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ueberflüssig! — Heraus damit.</p> + +<p><b>Klaus</b> (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es +möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten — </p> + +<p><b>Marie.</b> Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? +Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich gehe schon, Jungfer.</p> + +<p><b>Albert.</b> Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist +ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Leb' wohl Kamerad! . . .</p> + +<p><b>Albert</b> wendet ihm den Rücken.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone +dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' +ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, +zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer +eine gar wichtige Neuigkeit zu melden — </p> + +<p><b>Marie.</b> Packen Sie sich nur, Elender.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor +Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. +Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!</p> + +<p><b>Marie.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, hiermit Adieu.</p> +<br /> + +<p>Sechste Scene</p> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie</b> (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen +das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die +Rede?</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kennst seine Absichten, er sang mir das +alte Lied.</p> + +<p><b>Marie.</b> Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, +Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm +an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem +bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein +Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die +sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs +Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. +Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!</p> + +<p><b>Albert.</b> Meinen Träumen!?</p> + +<p><b>Marie.</b> Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente +Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes +aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. +In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl +kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der +König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche +Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten +Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener +Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . +Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, +ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde +Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte +Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu +sehen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, +noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich +aufrichtig — </p> + +<p><b>Marie.</b> Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel +Dich selber kuriren sollest — </p> + +<p><b>Albert.</b> Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst +den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige +Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir +sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte +Thier.</p> + +<p><b>Marie.</b> So schwärmt Klaus.</p> + +<p><b>Albert.</b> O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im +Busen brennt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten +leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die +Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung +Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, +unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die +Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer +auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum +helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem +Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? +Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . +Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?</p> + +<p><b>Albert.</b> Höre auf davon.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich will Dich weder mit List noch Gewalt +an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: +Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine +entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, +schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und +die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon +morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner +Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen +als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die +flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth +besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend +nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir +geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein +Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe +der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und +zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum +harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern +in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!</p> + +<p><b>Albert.</b> Erbarmen!</p> + +<p><b>Marie.</b> — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher +Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir +nach! (Sie will gehen.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Bleib' Marie.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was wünschest Du noch?</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. +Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter +Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der +Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer +Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Versuch's.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das +Wort. Er legt schnell einen Rock an).</p> + +<p><b>Marie.</b> Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre +hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis +dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit +der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser +Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, +nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, +Albert!</p> + +<p><b>Albert</b> (macht einen Wink nach oben und geht).</p> + +<p><b>Marie</b> (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Zweiter_Akt'></a><h2>Zweiter Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_2I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Vorzimmer zum großen Festsaal.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Albert. Questenberg</b> mit vielen Orden auf der Brust, sitzt +nachdenklich in einem Lehnstuhl.</p> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du +sprachst von Deiner Braut als wäre sie Dir eine +Last. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Um Entschuldigung — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du thatst Aeußerungen, die darauf +schließen lassen. — Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, +welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest +Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern — </p> + +<p><b>Albert.</b> Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus +dem Cabinet das große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. +(Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreißen +der Maschinen. 's ist das populärste und beste unseres +Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction +mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das +Buch und händigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert +ein, der's schüchtern aufschlägt.)</p> + +<p><b>Albert</b> (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf +alle diese Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist ein reicher Schatz.</p> + +<p><b>Albert.</b> O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nur mit Geduld erwirbt man sich das +lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du +wirst darüber die thörichten Heirathsgedanken in den Hintergrund +schieben.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, +drei Monate nur, das Buch durchübe — länger darf mir +sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde ich's dann wagen +können zu bitten — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir +untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.</p> + +<p><b>Albert.</b> So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen +bin ich zu schwach! — (Er macht eine Bewegung als wollte er's +wegwerfen.)</p> + +<p><b>Questenberg</b> (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). +Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine +Schuldigkeit ist.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein +unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne +giebt. Ein bischen Scherzen und Küssen, denkt er, kann +nicht viel auf sich haben, nütze die billige Gelegenheit. Das +geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und +er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, +wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an +ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde +zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nützliche Erfahrungen +zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen +das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den Schatz +nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade +Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe +des hoffnungsvollen Jünglings müssen vor dem Gestirn seiner +Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Sieben und zwanzig Jahr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, +man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne +Pflege, ohne Stütze und was das entmuthigendste, man quält +sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch zu etwas +bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den +täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ +Diese Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes +Herz gefangen. — O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf +der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche +Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschöpfenden +Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt +in ein blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, +in der unerbaulichen Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, +kommt Dir mürrisch oder vorwurfsvoll entgegen. +Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes +und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, +mehr, Du giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, +ich weiß wo das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich +einen Säufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. — Dieser +Zustand mag im Sommer noch golden sein, — aber +im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz +und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß +ringt dem kurzen Tage kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. +Die Zukunft muß verpfändet werden. Schulden über Schulden +häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thätigkeit stockt, +die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie +stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein +Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's +muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ „Was verschuldeten +doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh +in der Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte +Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. +Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus +bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe hilflos unter +verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' +nach Hause.</p> + +<p><b>Albert.</b> Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn +keine tröstende Hoffnung überbringen!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht +genug! — Ich soll helfen, daß Dein schönes Talent sich im +Keime zerstöre? Da müßt' ich kein Mann von Gewissen sein! +(Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne fahren, versteht Er, +Herr Pinsel?</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir stören doch nicht?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben +Sie nur die Güte näher zu treten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ging etwas laut her?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath +setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mußte eine moralische Lection ausgetheilt +werden?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Leider! (heimlich) Was halten Sie von +dem Menschen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hum, ich bin durchaus kein Kenner +des gemeinen Mannes, aber ich würde mich an Ihrer Stelle +mit dem Subjekte keine fünf Minuten befassen . . . (Er +betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll +vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den +Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen +Leute, die Eigenthum für Diebstahl halten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er gehört zu den Socialisten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die träumerischen Augen und der schlaue +Zug um den Mund verrathen's. Ha, könnte ich wie ich +wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe +uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich entfesselt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es kommt hoffentlich niemals dahin.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner +entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein +feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was wird denn versäumt?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's +in meiner Macht, so müßte der famose +Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderlaß oder +etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die Demagogenhitze +vertreiben.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist der Meister, auf den Sie Ihre +letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur +deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten +verschwendest du deine höchsten Güter! — Was bemerkt doch +Göthe darüber — ich glaub' 's ist der alte Papa — oder +ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul! . . . +(Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar +Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam +zur Ermunterung, schweigend in die Hand drücken? Ah +so, so, so — Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist +unpassend . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er hat's nicht verdient.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin +meinen Befehl? (Albert zögert als wollte er noch etwas sagen +und geht dann ab.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Jaquard war auch nichts mehr als ein +Arbeiter! Jesus Christus, der Verkünder unserer erhabenen +Religion, wurde in einer Krippe geboren. — Fangen wir +mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne +von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlthäter +entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie +brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der +Entwickelung, daß jeder ächt wissenschaftliche Anhänger der +Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem +Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', ich +rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, +würde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen +neuen Heiligen zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! +Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein hübsches Taschengeld, +eine bequeme Wohnung, täglich einen guten Braten, so +schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt mit +seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird +faul, eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt +er als Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre +Wohlthaten mit Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen +noch schnell mittheilen wollte — Ich sprach eben auf der +Börse mit Blashammer . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wird er kommen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zur angesagten Stunde. Er schenkt +Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nun?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er hat expreß den alten langen Rock +mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare +verschneiden und sogar brennen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's +einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und was ihm die Krone aufsetzt, er +wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Unmöglich!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wenn die Stummen anfangen, müssen +die Schreihälse sich verkriechen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Begannen Sie die Propaganda schon +in Bezug . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Einige Brocken streute ich aus. — Sein +Gesicht verzog sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln +zu wollen . . . Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner +ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede. — Meinen +Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu +Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte +mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! +(Er zeigt ihm ein Päckchen Karten.)</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor +Questenberg, Verlobte.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gefällt die feine Schrift?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche +ich jemals sah. (<b>Zwei Diener</b> ziehen die Vorhänge der breiten +Mittelthür fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer +langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Welche reiche Zahl!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden +nur, so innig eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Gäste. v. Zitterwitz. Blashammer. Questenberg. +Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (einigen der Reihe nach die Hand drückend). +Willkommen von Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch +noch zu dem Glück, daß Sie mir bereiten', so ist es der, +gefälligst fürlieb zu nehmen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was +macht die traute Freundin Pipi?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß +der Herr Gemahl bettlägerig wurde — ach! der arme Mann +nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie +meine Reverenz, lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister +verbeugt sich tief).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Und nun vergessen wir doch die warme +Suppe nicht . . . Willkommen, willkommen mein braver von +Gnadenbrod. — Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen +Kriege? . . . Was macht der Fuß des braunen +Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut +mich!</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Ein Sänger</b> in feiner Toilette.</p> +<br /> + +<p><b>Der Sänger.</b> Was ist des Deutschen beste Kunst? +(<b>Junge Leute</b> an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, +was versteht man darunter?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu +Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen +Sie mir gefälligst bei, ich bitte . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das sind ausländische Krebse? Ah ich +aß sie einst in Paris <i>en cabinet particulier</i> mit einer allerliebsten +<i>Etudiante du quartier latin</i> . . . Schein und Duft +wässern den Gaumen . . . . (Nachdem er sich bedient und den +Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da +unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Freilich.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und es enthält nichts Anstößiges, was +Männer von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen +kann?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich bürge Ihnen. — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir haben des Traurigen schon in +Hülle und Fülle. Ich würde für ein Lied stimmen, das die +Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als zum Beispiel: +(singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, Lämmerstraß' . . . +oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut' +nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste +Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hum, sie dient beiden Extremen unserer +Stimmung. — Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> So werden wir vielleicht das Glück +haben, neutral zu bleiben, denn ich weiß nicht in welcher +Stimmung ich bin!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meiner Seel', ich auch nicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied +fließt aus meiner Feder, hi, hi, hi . . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (lachend). Eia, popeia!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Was säuselte er Ihnen in's Ohr?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir müssen Partei ergreifen, Herr +Blashammer . . . Sie werden lachen, indessen ich Thränen +vergieße . . . Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi, +hi, hi . . . (Der <b>Doctor</b> giebt einen Wink zum Anfang).</p> + +<b>Der Sänger</b> (mit Orchesterbegleitung).<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +In jedem Herzen wiedertönt,<br /> +Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,<br /> +Des Heilands Worte frömmig ehrt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +In Land und Stadt der Leute Fleiß<br /> +Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br /> +Das Recht verklärt, den Geist erhebt,<br /> +Die Menschheit zu vergöttern strebt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br /> +Die Sitte lenkt, das Leben führt<br /> +Und jede Handlung edel ziert?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie kann es schon gewiß nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +So nennt sie endlich mit Vergunst!<br /> +Es ist doch nicht die Niedertracht,<br /> +Wo feig der Schalk sich selbst belacht!<br /> +O halte ein!<br /> +Sie kann es nie von Herzen sein.<br /> +<br /> +Sie kann es nie von Herzen sein,<br /> +O Gott vom Himmel sieh' darein<br /> +Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:<br /> +Es falle ihre Meisterschaft!<br /> +O stimmet ein,<br /> +So soll es und so wird es sein.<br /> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p>Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der +Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt +<b>v. Zitterwitz</b> zum <b>Doctor</b>:</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das schöne Lied scheint gewirkt zu +haben! In welchem Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster +Inhalt zu der werthen Persönlichkeit des jovialen, flotten, +koketten Ritters der modernen Galanterie?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> In keinem.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie nehmen mir die harmlose Frage +nicht übel. Ihr „leben und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit +und ästhetische Bummelei, mit Permission gesagt — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (lachend mit einer Verbeugung) Höchst +schmeichelhaft . . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen +einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Betrachten Sie alle großen Worthelden +unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet +dasselbe Problem. (<b>Blashammer</b> erhebt sich mit einem +Becher.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Soll's schon losgehen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> . . .Meine Herrschaften, wer uns so +splendid bewirthet, hat gewiß kein falsches Spiel im Sinne, +nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben +Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Gerüchte waren, +welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen +ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der +Lügenbrut! Heben wir uns im Vollgenuß des schönen Festes +über alle Gerüchte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen +dem edlen Verdächtigten durch die innigste Theilnahme +an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte +Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!</p> + +<p><b>Questenberg</b> setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und +Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es +bilden sich Gruppen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie entschuldigen meine Ungeübtheit +im Toastausbringen; das Schicksal begünstigte meine Zunge +zu wenig, um . . . (Das Geräusch bringt ihn zum Schweigen. +Im Vordergrunde trifft er mit <b>Zitterwitz</b> zusammen.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sehen Sie, welch' ein Urtheil man +Ihnen fällt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten +die Hand zu drücken.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Zum Schein.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen +wirklich verloren?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (erbleicht und klammert sich an ihn).</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Daß Sie ihm noch gestern in die +Falle liefen!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit bebender, schwacher Stimme). Ich +prüfte wohl, was ich that.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf +Grund der großen Erfindung.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen ist bekannt . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Alles.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Durch Spione und Bestechungen . . . +Tod und Hölle!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß +die glänzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl +auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche +an? . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da sah ich mit meinen beiden Augen — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Blendwerk, Taschenspiel!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie müssen falsch unterrichtet sein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der +Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> So!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, +ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des +Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project +als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im kleinen Maaßstabe, +wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir +das Leben verbittert!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er ein Betrüger!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der Mann weiß keinen andern Ausweg +mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern +als verachten, allein — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir können morgen in der nämlichen +Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der +kalten Welt erkaufen wollen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Allerdings.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie werden meinen Questenberg nicht +verlassen, nein? — Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu +etwas brauchen. (laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn +ich's gethan hätte?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Warum nicht? — Schalk, Schalk, +heraus mit der Sprache . . . (<b>Blashammer</b> lacht) Sie wollten +meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Und warnen, im Fall sie unächt ist.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Im nämlichen Sinne brachten Sie den +fatalen Toast aus?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß +man mir einst nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich +dem jungen Doctor meine Tochter vermählt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aha!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Verstehen Sie?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit +oder der größte Schlaukopf, welcher lebt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> will noch etwas sagen, doch unterbricht er +sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken +und zu folgen scheint.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>Blashammer. v. Zitterwitz. Questenberg.</b></p> + +<p>(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel +welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, +kommt in Schach!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist die letzte Partie!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hier, mein Herr Blashammer, unser +Freund. Er fühlt sich überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> — Du verstehst meinen Character, +Dir ist bekannt, daß ich alles rücksichtslos tadle, was . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Betrachten wir die Sache als beigelegt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; +verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch +schone meine Ehre!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um von der Heirath zu sprechen — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. +Der Doctor ist ein schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, +erfahren und wie ich aus dem Liede höre, auch wohl ein +politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen +versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit <i>comme il faut</i> zu +spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der +Hauptstadt . . . Was fehlt ihm dann für's Portefeuille eines +Ministers?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie hoffen mit Grund das Ansehn +und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen +Mann zu vollenden.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich mir am üppigen Diner +zu gütlich — gehen wir ein bischen in's Freie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) +Ich schicke Ihnen den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz +mit Blashammer Arm in Arm ab).</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> . . .Ich wette, daß Blashammer +hinter die neue Erfindung kam — anders wäre sein Betragen +räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu +seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die +Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden +und dem Heirathsproject Beifall schenken?</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was giebt's Papa?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Setze Dich zu mir.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, +die Heirath wurde glücklich zu Wasser.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich +ihn bestimme ist meine Schmach.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wird's lange dauern, der Ball beginnt +gleich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Welche Dame wirst Du engagiren?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine +schöne Gelegenheit ihn zu necken.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wirklich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Parole d'honneur!</i></p> + +<p><b>Questenberg.</b> Endlich räumst Du Deinem Vater das +Feld!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Fiat mundus, pereat justitia!</i> Ergebe +man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am +Ende behält er doch Recht! . . . Wie sehr wünschte ich nach +innerster Neigung zu handeln, um idealisch glücklich zu werden, +indessen — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wo giebt's etwas Vollkommenes auf +Erden!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Ehe man aus diesen reichen Hallen +des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes +hinabsteigt, ist's besser für ein Fräulein Blashammer zu +schwärmen, ist's besser einem großen tiefen Beutel voll Geld +als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen +Komödie wär's in der That, müßte ein Lebemann +Deines Schlages plötzlich den grämlichen Staatshämorrhoidarius +spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich bis +über die Ohren im Actenstaube begraben!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich stürbe aus Gram!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ach was geht darüber ein eigener +Meister zu sein, den Göttern der Fantasie und Laune stets +huldigen zu können!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Beati possedentes</i> sagt der practische +Römer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben +will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und +Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach Besitz und +Du strebst nach dem höchsten Gut!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten +Zeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Machten Sie mit dem Banquier bereits +ab, wann die Hochzeit stattfindet?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Noch nicht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Aber in Betreff der Mitgift wurden +Sie schon einig?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auch noch nicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (sich erstaunt stellend). Unmöglich!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit +über den wichtigen Punkt . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Eine fatale Geschichte das!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wir müssen es schon in guter Hoffnung +wagen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! +(laut) Herr Papa!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie ich Dir sage.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So lange das Ziel im Trüben — kann +sich der Doctor nicht verlieben.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ironischer Narr!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß +den süßen Preis!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Gott der Mensch wird wieder +toll! (Musik.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verlangen Sie von mir ein Stücklein +nach Gebühr. (Er will fort.) Was schwahnt? (<b>Questenberg</b> +hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah! denke Jedermann an sich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das sind mir unprophetische Karten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich kenne den Banquier; Gold nennt +er nicht Chimären.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende +Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben +ohne Schuld! (Er will geh'n.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Papa . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich sprach genug.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unter einer Bedingung versuchte ich +das Heil.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nämlich?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Sie die feste Versicherung gäben, +daß Fräulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auf die kommt's mir nicht an.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen +Handschlag.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast +Du's! (ab.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, +ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! +(ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_2II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen +Brettern genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Marie</b> (den Tisch zum Nachtessen servirend).</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> — In acht Tagen, liebe Mutter.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich sehe seit drei Jahren klar was +er ist — ein Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn +Questenberg nur das Vertrauen stiehlt.</p> + +<p><b>Marie.</b> In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden +sein.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu +soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er!</p> + +<p><b>Marie.</b> Geduld!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich will's für alle goldnen Herzworte, +für alle Seligkeit des Himmels nicht: er muß aus +dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich +satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns +wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles +was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, +das sich in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre +der Bube nicht da, so hätten wir unsere Freude — Ach, ich +kenne wohl manchen guten Gesellen, der früher ein Auge +auf Dich warf.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach noch diesmal das Gedeck, doch +wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's +ihm sagen?</p> + +<p><b>Marie</b> (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> He? öffne den Mund.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem +Tage schwerer — Er macht's nicht mehr lange und dann, +welche Zukunft! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). +Ich danke mein Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . +Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und +doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier! . . +Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, +nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst +die Abendglocke, ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum +jüngsten Gericht soll; ein Hauch aus höhern Sphären weht +mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben +und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen +aber zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, +der Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten +Kummers voll! — Ein schnöder Rang über dem blöden Thier! . . +(<b>Frau Ziemens</b> trägt Essen auf.) . . Wo hast Du doch das +schöne Buch, welches der Klaus für den Albert herbrachte; +ich möchte die Fortsetzung hören.</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Nach Tische ist dazu Zeit.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mamachen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du bemerktest wohl nicht, daß ich +hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf — (Sie +faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wie geht's, schonten die Krämpfe +Dich? Du hattest heute früh ziemlich gute Mienen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich kam leidlich fort . . .</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mich folterten wieder die Stiche +grausam — Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht +mehr! . . .</p> + +<p><b>Marie</b> kommt mit der Lampe.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Das Kind hat rothe Augen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sie wird Dir etwas Erfreuliches +erzählen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein +Schmerz hindert ihn fortzufahren.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Albert schnürt morgen seinen +Bündel und räumt das Haus.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Endlich dazu entschlossen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme +Dich! — Gieb dem Alten einen Kuß und das Versprechen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Komm', 's ist zu Deinem Wohl!</p> + +<p><b>Marie</b> giebt ihm einen Kuß.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Laß Dein junges Blut von uns +überwachen! Du wurdest nicht geboren für das Glück; nach +der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen, — Dein +Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was +gibt's denn da?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Es sind die Böller von dem herrschaftlichen +Schloß — Wohl verkündigen sie den Beginn des +Feuerwerks.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Unser Herr giebt heute ein Fest?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Zu Deinen Ohren drang noch nichts +davon?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Keine Sylbe, Mütterchen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich erfuhr's auch nur zufällig durch +des Kuchenbäckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle +Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein +Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt! +Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris +geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und +weißer Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen +theils aus Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, +theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten +Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse und +Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. +Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und +Schauspielsänger, von hier und den Nachbarstädten wurden +zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So ist's recht; wer viel hat, soll +viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und +da zu Gute.</p> + +<br /> + +<h4>Zwölfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Albert.</b> (Er kommt gesenkten Hauptes mit +dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Weh!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Meide seinen Anblick, meine Tochter, +fasse Dich!</p> + +<p><b>Marie.</b> Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, +nun hilf mir für ihn! (ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' ihr nach, Mütterchen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Es wird sie tödten! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Dreizehnte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Albert.</b> (Er setzt sich an den Tisch, faltet +die Hände und sieht dumpf vor sich hin.)</p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> . . .Von wo kommst Du, Albert? . . +Sprich nur, wir sind allein.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte +Verbesserung meiner Lage . . .</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Armer Albert! aber 's ist meine +Schuld, daß es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!</p> + +<p><b>Albert.</b> Inwiefern?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Verzeih' mir, ich bin ein alter +schwacher Mann — verzeih'! oh, oh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll +ich etwa gleich das Bündel schnüren?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sei nicht aufbrausend, mein lieber +Sohn . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile +zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? +Drei Jahre schon vertändelt, noch immer kein Meister? 's ist +ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das +Talent des Armen muß noch brache liegen, wie der Acker +einer wüsten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt +süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen +Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen +soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da +stand vor der Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn +meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein böses Wetter +zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuß. Ich, +ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, +was man unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete +des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein +Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen +sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. Gesprochen, +gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von +meinem höheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, +wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort +in unserer Kirche hängte, über der Altarnische am schwarzen +Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und sterbend gesenkt! . .</p> + +<p><b>Albert</b> (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des +Erlösers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen +wir Gott walten, edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem +alten Freunde bis zur künftigen Scheidestunde — hörst Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist +Euer wohlgeprüfter Wille, daß ich geh'.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein Herz widerruft was Schwäche +ihm eingab!</p> + +<p><b>Albert.</b> Die Vernunft war's, seine Stärke!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kränkten wir Deinen Stolz? O +vergieb!</p> + +<p><b>Albert.</b> Schwacher Alter, Sie erschweren mir den +Abschied!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen +Hütte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! +'s ist ein vergrabener Schatz.</p> + +<p><b>Albert.</b> Das Nothwend'ge muß gescheh'n!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O, daß ich nicht denke, Du warst +ein leichtsinniger Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn +ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten +Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? +Albert, Albert!</p> + +<p><b>Albert.</b> (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O Du hast ein steinern Herz!</p> + +<p><b>Albert.</b> Bürger dieser Erde dürfen kein anderes +haben! . . (Der Greis schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, +von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschlüssig +steh'n. Plötzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten +will, ermannt er sich und enteilt.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert bleib! — Fort ist er! 's +war sein Schatten, er selbst nicht, ich träumte nur! . . +(Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geräusch +eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen nicht mehr auferlegst +als sie tragen können, ich vertraue Dir in Ewigkeit!</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Dritter_Akt'></a><h2>Dritter Akt</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_3I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. +Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Blashammer</b> mit <b>Zitterwitz</b> am Arm, <b>Adelgunde</b> nachfolgend.</p> +<br /> + +<p><b>Blashammer.</b> Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. +(<b>Adelgunde</b> setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; +ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er wird sich noch bezwingen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist +die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne +auf. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sagen Sie's mir ganz rund heraus, +was antwortete er auf Ihre Fragen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Schüchterne Phrasen, würdig eines +Poeten. . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich muß der Sache auf den Grund +kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig +im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein +Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers +opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück +zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, +beschwingen Sie Ihre Füße!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will mir Flügel anlegen. — (Er +bleibt zaudernd stehen.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich lasse meine Tochter hier, ziehe +mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich +gegen sie aufführt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ah so! ah so!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Keine Zeit verloren.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel +Vergnügen mein Fräulein.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ihm nachrufend). Nur den Finger auf +dem Munde!</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). +Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! +(Er setzt sich zu ihr.)</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was fehlt Dir mein Vater?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . +Wo andere singen, springen und scherzen, bin +ich zum Weinen aufgelegt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Woher kommt das?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst +Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen +aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt +mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in +schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren +Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen +Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's +und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft +an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts +Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine +Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die +Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose +Nächte . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht +achten.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von +einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich +solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, +daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu +bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir +einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? +Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. +Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern +etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und +unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . +Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Hier?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Aber mein Vater.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein schmucker junger Mann. — Du +sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem +schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich +findet er Deinen Beifall.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was soll ich dazu sagen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, +küss' mir die Hand.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (die Hand küssend). Das Alter macht Dich +kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wundre Dich acht Tage! — Ich höre +Tritte. — Er wird's sein . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du jagst mir doch nur einen Schreck +ein, Papa.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — Man darf mich nicht bei Dir +finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre +Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (nachrufend). — Papa?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meine Tochter?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Wer ist denn der Herr Candidat?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er +heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)</p> + +<p><b>Blashammer</b> (mit drohender Miene). Du kennst Deinen +Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, +gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade +unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.</p> + +<p><b>Blashammer</b> ab.</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p>[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]</p> + +<p><b>Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein ist noch da! — also scheint's +der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich bleibe hier in der Nähe.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ach, wie schlägt das Herz, ob aus +Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er +tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der +Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein +hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Sträußchen zu sammeln.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie bestimmten es der ersten besten Dame?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Au hasard</i></p> + +<p><b>Adelgunde</b> (annehmend). Ich danke.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Toutes les dames meritent également +notre adoration.</i></p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr +gleichgültig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Point du tout, Mademoiselle . . .</i> +oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch +gründe?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Avec plaisir.</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Auf das Buch der Bücher.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Par exemple!</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fräulein, es steht im neuen +Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir +seien alle Gotteskinder.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . +Dites mois alors . . .</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich bin Ihr ergebenster Diener.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> — <i>comment d'après ce princip, arriveriez +vous à une inclination individuelle?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wie ich nach diesem Grundsatz zur +besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) +Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, +vous aurez une reponse à toutes les +questions . . . .</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Cela vous deplait?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich stehe beschämt . . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Mais vous n'êtes pas philosoph?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wohl war ich's.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Eh bien?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Allein auch mich veränderten die Zeiten +wie manche brave Burschenseele.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Depuis quand? s'il vous plait.</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Seit meiner Rückkehr in's väterliche +Haus.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> <i>Et après?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Und ich wurde orthodox . . . Lachen +Sie nicht, 's ist sehr ernst.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Glaube Alles, was man will das Du +glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne +Frau.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht zu leugnen — Da's aber in +unserm Jahrhundert keine gültigere giebt — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich hielt Sie für einen Anhänger der +Freiheit.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Mein Fräulein . . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> — und zwar im Sinne jenes schönen +Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Spruch wurde interpolirt und +paßt nicht in die Bibel.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Das ist mir neu.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, +besternten Würdenträger, intelligenten Leute <i>comme +il faut</i> leugnen ihn.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Und glauben demzufolge an alles, was +man will das sie glauben?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, +liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure +schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, +sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach +vergolten — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> So murren Sie nicht?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bei meiner Seele, nicht mehr als +Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete +Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie sind barock.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein +ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten +Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten +Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der +tiefsten Demuth besteht.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> setzt sich und seufzt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen +Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche +nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, +daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen +Mitleid.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie +auf . . . Ah, sieh' da!</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer.</b> Keine Störung, setzen Sie die Comödie +weiter fort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Traun, Sie kommen ein wahrer <i>Deus +ex machina</i> uns zu Hülfe.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meinen ergebensten Diener — gefällt's +den geehrten Herrschaften . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nur näher getreten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> (Blashammern die Hand schüttelnd; mit +leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir promenirten im Garten, sahen +Sie mit Fräulein hier allein — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Was außerordentlich auffiel — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — und uns verführte, der geistreichen +Unterhaltung zu lauschen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sehr schmeichelhaft.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Man ließ mich rufen . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Leider kommen Sie zu spät.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was gab's?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein äußerst interessantes Gespräch.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es handelte sich?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Von nichts geringerem als . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Erstaune!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — als von Liebe!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der alte Herr hatte ein feines Ohr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn legt mir Ehre ein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich wußte es schon gestern, daß er +für Adelgunde schwärmt.</p> +<br /> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>A la bonne heure!</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es wird erbaulich . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie begegnete ihn auf der Promenade +und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, +als . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — als in dieser Nacht das unaufhörliche +Tanzen mit ihr.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, +mein Fräulein!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — Sind Sie der Ansicht, daß die +jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen +Umstände, sondern — hören Sie?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist wohl gerathen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure +Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nur nicht hier im armseligen Pavillon — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Herr Regierungsrath hat Recht.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gehen wir in den Saal!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (Adelgunden und den Doctor unterfassend). +Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_3II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, +Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren +sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Der Doctor</b> (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem +Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu +Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; +es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. +Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich +schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. +Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und +Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich +sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Grüß' Gott!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Danke.</p> + +<p><b>Marie</b> (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) +Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt +es seine kostbare Zeit?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . +(Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen +Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich kann steh'n.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . +(Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte +mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich will kurz sein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zunächst mit wem wird mir die +Ehre — ?</p> + +<p><b>Marie.</b> Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens +vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die +Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde +und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich ahne schon . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden +Sie auch einen artigen Vers von mir.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie heißen — ?</p> + +<p><b>Marie.</b> Marie Ziemens.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich den Augen traun!</p> + +<p><b>Marie.</b> Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!</p> + +<p><b>Marie.</b> Kaum glaublich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie wurden ein wahres Madonnenbild.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ach!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, +dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf +die Lippen drückte?</p> + +<p><b>Marie.</b> O sprechen Sie nicht so.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir +gleich Dein Mündchen — gleich!</p> + +<p><b>Marie.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bei jener seligen Vergangenheit, wo +kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer +Gefühle trübte!</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie irren sich, wir waren nie so intim.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So lassen Sie uns werden; nichts +steht im Wege.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich bin Braut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?</p> + +<p><b>Marie.</b> Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein +armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bedarf er meiner Hilfe?</p> + +<p><b>Marie.</b> Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm +vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen +zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu +bevorworten, falls er dessen würdig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es soll gescheh'n.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich verlange keine blinde Gunst für ihn — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nur Lohn des Verdienst's.</p> + +<p><b>Marie.</b> Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren +arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller +Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider +aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten +Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen +und — </p> + +<p><b>Marie.</b> Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb +ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig +vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, +schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die +der Herr Doctor nimmer theilen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Möglich! — Ich befehle ihn auf der +Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch +weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner +angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch +gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch +ganz frei von Eifersucht ist?</p> + +<p><b>Marie.</b> Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht +wüßte!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So können wir schnell fertig werden.</p> + +<p><b>Marie.</b> Nun? . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Monsieur empfängt eine zufriedene +Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen +Kuß.</p> + +<p><b>Marie.</b> O weh, ein schlechter Handel.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht für mich.</p> + +<p><b>Marie.</b> Würde den Ihr Herr Vater billigen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Händeklatschen.</p> + +<p><b>Marie</b> (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie +reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte +meins.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Im Augenblick! — (Er setzt sich an den +Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes +Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Eignete sich wohl der Monsieur +zum Werkführer?</p> + +<p><b>Marie.</b> (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar +hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, +sicher! . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Also er eignet sich — schön! . . . +(Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . +dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen +sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . +vierhundert Thaler . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Potztausend, so viel träumte man nie vom +Lande Utopien!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das Leben, mein Schätzchen, ist ein +großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute +gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare +Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe +nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, +was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit +gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen +nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen +Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende +Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen +unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge +versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt +vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich +verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie +lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!</p> + +<p><b>Marie.</b> Schonung, Herr Doctor! — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die Romantik allein gewährt, was der +grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, +kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein +Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos +bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, +Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, +mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt +meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen +Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach +Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, +er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?</p> + +<p><b>Marie.</b> Ziemlich gut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Noch eins . . . Auf das was wir +hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! +Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.</p> + +<p><b>Marie.</b> Danke.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —</p> + +<p><b>Marie.</b> Es war mein letzter Tropfen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft +noch nicht . . . Nur her das Glas.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich schlag's in Trümmer.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das hieße mich verachten.</p> + +<p><b>Marie.</b> Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, +steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie wissen's.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Jungferlein, das ist ein schlechter +Einfall!</p> + +<p><b>Marie.</b> Lassen Sie mich nur fort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr +schlägt.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein unromantischer Einfall!</p> + +<p><b>Marie.</b> Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse +für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten +Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und +tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er +hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.</p> + +<p><b>Marie.</b> Herr Doctor . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Vater verdient in einem Jahre +nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes +Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben +der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, +der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich +und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die +rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie +ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch +die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in +mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie +lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über +das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher +König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann +ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, +wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die +Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) +Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's +zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen +Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich +tief.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das macht, ich führte Sie schon, wie +der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der +Romantik.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch +die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Leben Sie wohl. (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — — Der Versuch gelingt; ich +besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann +hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib +in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie befindest Du Dich, mein Sohn?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So so, la la!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, +muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich fange an der Vernunft die Herrschaft +wieder einzuräumen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr +löblich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein elendes Bauwerk ist die Welt, +eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath +und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In +ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er +ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermaßen verschonen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> So kalkuliren brave aufgeklärte Leute +und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach +Zeit und Umstand.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Apropos! Dann unterzeichnen Sie +mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm +das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) +Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> An die Unterschrift knüpf' ich die +Heirathsfrage.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Verückte der Erbärmliche Deine Sinne +und — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihm muß geholfen werden, er verdient's!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du weißt aber nicht — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich mag von nichts wissen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Welch' Wagestück!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unsinn!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist äußerst beleidigend in meine +Angelegenheiten Dich zu mischen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mischtest Du Dich nicht in mein Herz +und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem +Interesse — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das hört auf wohlmeinend zu sein, +wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder +in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, +da!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, es ruinirt uns.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das Fest kostete zehntausend Thaler +und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . +(Albert tritt schüchtern ein.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> . . .Verlassen Sie mich jetzt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vorsehung! Vorsehung! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel +hin.) Erweise mir die Herablassung.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich den schönen Bezug durch mein +unsauberes Kleid entweihe . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bist Du kein Politiker?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein wenig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Traun, es giebt viele Weber, die ihr +Brod gewinnen wollen, bedenke das und — </p> + +<p><b>Albert.</b> Das wäre eine Politik des Fluches!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich ein Wolf? o Herr Doctor!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es lebe die Association!</p> + +<p><b>Albert</b> (ernst). Sie lebe!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nieder mit den Rentnern!</p> + +<p><b>Albert.</b> Fort mit den Privilegien!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es falle das Herrenthum!</p> + +<p><b>Albert.</b> Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lacht ironisch).</p> + +<p><b>Albert.</b> Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der neue Arbeiterverein machte an +Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die +Beine helfen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht! . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lacht wieder).</p> + +<p><b>Albert.</b> Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf +und Spott zu erleiden?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Keineswegs — ich lache, weil's meine +Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . +Doch setze Dich endlich.</p> + +<p><b>Albert</b> (wirft sich zornig in den Sessel).</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu +erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte +ab, die — </p> + +<p><b>Albert.</b> Er that wohl, vollkommen wohl.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wirklich — ei, ich meine er that übel.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen +Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Albert!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich heuchle nicht, Herr Doctor!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du verdammtest demnach Dein Verhältniß +mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu +sein es — aufzugeben!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Falls Herr Questenberg mir heute sagte, +Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei +glücklich — ich würde ihm danken.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer +Mann?</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich +Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie +mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn +es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu +Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu +triumphiren . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, +Du verdientest was er Dir giebt.</p> + +<p><b>Albert.</b> So antwortete ich, Herr Questenberg das +können Sie nicht beurtheilen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Aha, mithin erklärtest Du ihn einer +Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem +individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, +wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge +seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch +entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein +Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem +Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem +Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just +Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, +Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, +Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, +Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den +Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal +seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) +Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der +Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und +Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu +entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen +überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! +Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung +und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft +geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk +der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! +Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, +Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere +die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt +als er! (Ihm ein Papier überreichend.)</p> + +<p><b>Albert</b> (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert +Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie +hängt das zusammen?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, +dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte +ich mir nie, nie zuzumessen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mache an Dir selbst die Erfahrung, +wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!</p> + +<p><b>Albert.</b> O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist +grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende +recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was hast Du Albert?</p> + +<p><b>Albert</b> (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum +überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für +sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.</p> + +<p><b>Albert.</b> So hatte er doch Furcht — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Inwiefern?</p> + +<p><b>Albert.</b> — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! +Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung +verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus +losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter +könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung +werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, +blutärmsten Paria!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du sprichst Unverständliches.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen +ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! +Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang +den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, +Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen +Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen +Verstand.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das +Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich +stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich +fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, +ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! +ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen +frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, +ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige +Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, +die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, +so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth +gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern +und am Kreuze zu sterben.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Was hab' ich gethan!</p> + +<p><b>Albert.</b> Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen +Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über +dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes +und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja +ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere +Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und +sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne +sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, +belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held +unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich +und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! +Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, +die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, +knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen +und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der +Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, +daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die +ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; +wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich +kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich +zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). — Er trägt die Erfindung +zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe +Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich +lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein +unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal +im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . +(laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du +dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir +zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst +Du mir verzeih'n.</p> + +<p><b>Albert.</b> Zur Sache.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das +Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Auf Grund? ich bin gespannt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, +auf Grund der Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit +und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von +mir?</p> + +<p><b>Albert.</b> Von Ihnen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hat nie bekannt, daß ich ihre +erste Liebe war?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte +es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres +Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche +Wesen, unzurechnungsfähiger als Kinder, jene +Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit — </p> + +<p><b>Albert.</b> Nun wohl.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> In jener Periode lernte ich Marie +kennen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bei welcher Gelegenheit?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.</p> + +<p><b>Albert.</b> Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis +dauerte?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bis einige Monate nach der Einsegnung, +wo ich die Stadt verließ und zur Universität abging.</p> + +<p><b>Albert.</b> Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie +nicht wieder?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es gereichte mir zum größesten Vorwurf +als die Himmlische mir gestern erschien!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Von Ungefähr traf ich sie im Park. +Schwer läßt sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der +frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fühlte +die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, ich fühlte mich +frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttäuschungen +des Lebens und wie von einer höheren Macht +getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, +sie mein, ewig mein zu nennen! . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich hörte genug, Herr Doctor.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Erkenne, was mich bewegte, Dir das +Papier zu überreichen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, +mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!</p> + +<p><b>Albert.</b> O, Sie haben nie geliebt!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du meinst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, +dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben +darzubringen geneigt war.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Lass' es nicht auf die Probe ankommen!</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich +glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie +verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande +zu verhüllen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' +mir Genugthuung dafür!</p> + +<p><b>Albert</b> (lacht).</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft +und Muth, jetzt könnte ich ihn ohne Umstände fordern . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit +mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der +Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte +war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem +Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß +er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute +Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit +erworben zu haben, verleitet das verzweifelte +Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den +Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf +erweckt Dämonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz +entflammt unchristliches Verlangen. Zu spät ist's vor ihm +zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, seine +schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen +sie eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . +Ich müßte toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. +Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du bist ein Gott!</p> + +<p><b>Albert</b> (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). +Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Besser als ich dachte! es +geht ohne Duell ab. — (laut.) Wir plauderten schon zu lange; +der Stallmeister wartet, ich muß zu Pferde. (Nachdem er den +Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) — — Eile jetzt +zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, +daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, +Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke +Hand schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr +zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?</p> + +<p><b>Albert.</b> Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen +das Papier unterzeichnete?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah, das vergaß ich! . . Es regte den +alten Papa furchtbar auf, — er hätte sich mir widersetzt, +wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge — (bei +Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu sagen! . . +(laut.) Gelobe mir zu schweigen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Beim ewigen Heil!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand +der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die ich durch eine mir mißliebige Heirath +beschwören soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und +frei durch die schwülen Gewölbe schreitenden Gebieter nicht +an, daß er noch angestrengter mit der Existenz kämpfte als +Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz +blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer +drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich +anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur für das +nackte Leben! — er aber, Oberhaupt eines großen kühnen +Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der ganzen Welt, +verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene +Spekulationen plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien +der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang +vor sich sehend, — muß lachen, um sein blutendes Herz zu +verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste veranstalten, +seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand +drücken, um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, +muß Ränke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um +ein Mann von Ehre zu bleiben! . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß +bringt mich dem armen Herren näher als je! . . Er +hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht — ah, es war unmöglich! +nein es giebt keine Teufel — wir Menschen sind +alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und +gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse +stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre +Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Personen im Nebensaal . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Theurer Albert, wir müssen abbrechen, +es giebt Besuch.</p> + +<p><b>Albert.</b> Zu Befehl, Herr Doctor.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Morgen sehen wir uns wieder. Du +bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja +die Hölle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)</p> +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p>[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original übernommen.]</p> + +<p><b>Blashammer</b> eine Zeitung haltend. <b>v. Zitterwitz</b>, beide +Hände gefaltet, das Haupt gesenkt. <b>Der Doctor</b> mit verwunderter +Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abständen. +Sie machen im Saal langsam die Runde.</p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (nach einer Pause). Das Schweißtuch +ging mir wohl in der Börse verloren . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bedienen Sie sich des meinen. — </p> + +<p><b>Blashammer</b> (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht +und wirft sich in einen Sessel.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen +sein — indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde +betrifft . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Das arme Herz! — Ich wünschte, +der Tod hätte sich Ihrer erbarmt! . . Welcher Zukunft geht +sie entgegen! oh, oh, oh! . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie flößen mir Angst ein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Das Schicksal stellt jetzt eine große +Frage an Sie.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, +sie zu lösen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir wollen's erproben!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> . .Ihr ließet mich auf eine erschütternde +Nachricht vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lies hier unsere Zeitung unter dem +Datum von Neapel.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lies, lies!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. +Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, König Ferdinand, +einen auf der Höhe von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen, +dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolutionäre +der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, +was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß +beweisen. Das Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr +Banquier B. zu N., welcher bisher des höchsten Vertrauens +der Königlichen Regierung genoß und erst kürzlich von ihr +mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million beehrt +wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition +ist. — Es klingt wie eine Verleumdung.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meine Gläubiger schieben den Artikel +neidischen Concurrenten in die Schuhe . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich möchte es auch thun.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Blashammer, summt's von Ohr zu +Ohr an der Börse, soll mit den Feinden der Ordnung im +geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber +von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist unglaublich!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für den Gewinn einiger rostigen +Heller verwagt der große Blashammer Ehre und Existenz!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer durfte es von ihm denken!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Niemand — wehe dem, der's that! +Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, daß es +wahr ist?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Mensch hat seine Mysterien!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Diese Briefe überbrachte mir die Post.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, +doch lese ich zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für +die anderthalb Millionen wieder abbestellt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der bereits ausgeführt und zur Absendung +fertig! — Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner +und Pistolen . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer von den Potentaten kauft sie Dir +jetzt ab!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Eo ipso</i>, Herr Schwiegerpapa, fallen +Sie dem Umsturz in die Arme.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, gleich Ihrem Vater.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Ich an Ihrer Stelle besönne mich +nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut +zu machen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wodurch?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah, durch eine zweite Expedition nach +Sicilien.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich soll noch ein Schiff verwetten!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da +kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Danke bestens.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein schlechter Spieler, den ein erster +Verlust entmuthigt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ach, bestünde er nur in einem Schiff! +aber — öffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das +Lebewohl des Capitains. — Der gute Mann mußte für mich +sterben! . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). +Leichtsinn, Leichtsinn!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sapperment, außerordentlich viel.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hat ein Capitain höheren Werth für +Sie als ein Schifflein?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ein Capitain ist doch ein Mensch . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, +Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber +auszumachen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich lass' es gelten.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien +den Tod, so ist's seine eigene Schuld.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meinetwegen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Warum gab er sich Ihnen als williges +Werkzeug hin?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Warum, sage ich?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er hätte es unterlassen können!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen +können, eben weil er sein eigener Herr und Meister +war, eben deshalb muß er Ihnen gleichgültiger sein als das +Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich mich recht besinne, so ist er +mir auch gleichgültiger.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bravo!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Da gab ich ihm doch ein Schreiben +mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr schützen +sollte . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Weniger ihn, als Ihr Schifflein und +die Waare.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Laut desselben würde man die Waffen +als die für Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als +verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen +haben.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie erschöpften den Born aller List!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Verlasse man sich auf fremde Menschen! +Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie +nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne +Talent, ohne Vorsicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich machte die Erfahrung schon oft, +wollte es jedoch nie glauben!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, +es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ah, der Teufel ließ mich das nicht +sagen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht wahr?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, ja, hätte ich das gesagt, so +könnten wir Ihrem Vater morgen die Gläubiger vom Halse +schaffen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — Für morgen können Sie die +Aussteuer nicht zahlen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich's schon kund.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht für übermorgen denn?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nicht für übermorgen über funfzig +Jahr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was? solche Wunden schlägt der Verlust +des winzigen Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten +Calcül. — Ich bin ein ruinirter Mann!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie verrechneten sich vielleicht.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich mich verrechnen?! ah, daß der +Himmel mir erspare dies Sie zu fragen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Papa, was denken Sie?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nichts mein Sohn.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wo suchen wir jetzt unser Heil!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (deutet schweigend nach unten, als nach +dem Grabe, während der Vorhang fällt).</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Vierter_Akt'></a><h2>Vierter Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_4I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Vor der Hütte des Vater Ziemens.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Marie. Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' +in der Hütte.</p> + +<p><b>Marie.</b> Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, +die ich verlor.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Welche schönen Blumen?</p> + +<p><b>Marie.</b> Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten +wir sie ja — ich hatte die ganze Schürze voll.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du träumst, Kind — — Entstiegst +Du nicht eben dem Federbett! — Komm' zurück, die Luft +weht kalt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Bin ich denn krank?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ein furchtbares Fieber ras't seit +Mitternacht in Deinem Blut.</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so +gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein +Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. +Ich wünschte Musikanten, fröhliche Gesellschaft, einen +vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der +Hochzeit.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du erinnerst Dich nicht Deines +Wehs vor einer Stunde.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wir gruben im Garten Gemüse und kamen +auf Albert — Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben, +der feige den Rücken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund +des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte +mich verletzt . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Das geschah gestern.</p> + +<p><b>Marie</b> (erstaunt). Vor einer Stunde — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — strittst Du mit der Hölle, nicht +mit mir. Ach, kein ehrbares Mädchen hegt Gedanken — </p> + +<p><b>Marie.</b> Welcher Art?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Schweigen wir davon.</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, Du erschrickst mich.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Name des jungen Questenberg +lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge — Viel sprachst +Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben — Wie +wird Dir — Mein Kind!</p> + +<p><b>Marie</b> erblaßt und droht umzusinken.</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (nimmt sie in die Arme). — Was hast +Du auf Deinem Gewissen!</p> + +<p><b>Marie.</b> — 's ist überstanden; die schwache Natur +hilft mir — — Du bist auf alles vorbereitet — hier, lies +den verhängnißvollen Brief. — —</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — Mir dunkelt's vor den Augen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters +um — um meiner Ehre Preis! — — Keinen Laut +trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen +zu sühnen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich lasse den Himmel walten.</p> + +<p><b>Marie.</b> Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel +hast, er ist die Liebe des Guten.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du richtetest Dich selber schon — </p> + +<p><b>Marie</b> (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich +bedarf einer Autorität!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die findest Du im Schooß der +Kirche.</p> + +<p><b>Marie</b> (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, +niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du +verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen Fäden meines +Schicksals, fühlst was mich in's Verderben trieb und kannst +allein — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du verlorst den Glauben an des +Priesters erlösende Macht?</p> + +<p><b>Marie</b> (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen +lernte als meinen obersten Wohlthäter.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten +Satzungen!</p> + +<p><b>Marie</b> (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem +Blinden — die Brille.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Herr mein Gott! — Nun erst begreif' +ich, wie tief Du sankst — — Um die letzte Stütze der +Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein +Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut +sie mehr!</p> + +<p><b>Marie.</b> Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, +Thaten, denen des Schöpfers Lob vernehmbar tönt: +Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — Gieb mir eine +Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen Priester, +der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom +Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde +mich ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner +Gründe Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber +seines Beispiels! — Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, +und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! +Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's +im Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo +seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich +erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, +das die Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, +sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Räthselhafte Kranke, unbegreifliche +Schwärmerin.</p> + +<p><b>Marie.</b> Muß ich — ?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Was wäre Dein Loos, wenn Du +nicht müßtest?!</p> + +<p><b>Marie.</b> . . .Der Tod.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten +wir das um Dich!</p> + +<p><b>Marie</b> (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' +mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht +der Gefürchtete — Ersehnte! Er ist's! — Ich gleiche dem +bedrängten Piloten in Sicht des winkenden Ports — doch +vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts +stürmt ihn das unerbittliche Meer.</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Grüß' euch Gott, meine Theuren.</p> + +<p><b>Marie</b> (kehrt ihm entsetzt den Rücken).</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner +Verbeugung).</p> + +<p><b>Albert</b> (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau +Mutter, dies Papier verkünde Ihnen, weshalb ich +komme . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (damit in die Hütte).</p> + +<p><b>Albert.</b> Stumm enteilend und betroffen, als wüßte +sie schon alles — War die Furcht prophetisch, welche mich +zögern ließ bis heute früh? Sag' an Mädchen, wie fass' +ich — </p> + +<p><b>Marie</b> (reicht ihm des Doctors Brief).</p> + +<p><b>Albert.</b> Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der +junge Herr ging schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig +gelesen, unwillig mit dem Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber +wie fein! wie herablassend im vornehmen +Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare +Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben +und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; +bis jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, +ei! . . . Zu viel überschwemmendes Lob — zu +viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels +eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.)</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Die alten Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein guter, guter Albert.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wer ruft mich? — Mein Vater!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' +mir doch, wo er ist?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Dich macht die Freude blind — Da, +da hast Du ihn.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> In meine Arme, Himmelsbote — Noch +kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei +uns, noch — — Du bebst zurück? Welche finstere, verzweifelte +Mine?</p> + +<p><b>Albert.</b> Armer Vater!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Melancholische Seufzer — Bringst +Du meinem Töchterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft +und besiegelt — </p> + +<p><b>Albert.</b> Vergrößert ihre Pein.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe +vergangene Nacht? . . . Lass' mal sehn — Ist sie im Garten?</p> + +<p><b>Albert.</b> Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks +Meduse.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Was, was! um Gotteswillen — Kinder, +Kinder, ihr werdet nichts Böses . . . Mütterchen, +Du scheinst alles schon zu wissen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Kinder sind närrisch.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Durch welche Mittel erweichten +sie so schnell des Herren kaltes Herz?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> 's ist einfach.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Erzähle — sei so gut.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Erinnerst Dich noch wohl, daß +Marie früher, verstehe recht, bevor sie Albert kannte — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich versteh'.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — ein wenig entzündet von dem +jungen Doctor ward — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Und der junge Doctor von ihr.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Dies nützte die Unglückliche in ihrer +Noth. — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Meine Ahnung!</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (ihm den Brief gebend, welchen Albert in +seiner Hand hält). Lies aber den Brief hier, den der vom +braven Albert schrecklich Enttäuschte nun reumüthigst an sie +richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie in seine thörichten Bedingungen +nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (sich weigernd den Brief zu nehmen). +Dessen — dessen bin ich gewiß.</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (zudringlich). Erbaue Dich an der +herablassenden, schmeichelhaften Sprache.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (nimmt; nachdem er gelesen und die +Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist +und Gefühl steht Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine +Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Glückseligkeit nichts! +und nun, was ist's, daß sich feindlich zwischen Euch stellt, +Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit +Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit +verwebt?! Weh, seid Ihr verloren — Ihr seid — und +keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein Ziel für Eure +Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung +starker Kiel zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, +treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Unseliger, trankst Du noch nicht +genug den bittern Leidenskelch?!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Was wünschest Du, daß ich den +Edelmüth'gen rathe?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sich den Verhältnissen zu fügen!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Der Schande und des Ekels? +Wider innere Würde? — Weib!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich +der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die +matten Glieder jetzt in schimmernden Palästen, säugte an +des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden +und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten Frühlingsblüthe +gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, +von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Verträgen um meine Freundschaft buhlten. +Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der, +vom protestant'schen Schwärmergeist bereits verdunkelt, mir +die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er +hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, +über Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten +blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und +quer des Geistes feur'ges Rächerantlitz warnend mir erschien — warst +Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner +Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist unser +Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur +beschämt — er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf +einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns +wohlbehagen . . . Daß diesem lügnerischen Streben der +Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer ihm gefallen! . . +Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben +und nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, +die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen +Körnlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen +wissen! . . Ich bin müde sein morsches Kreuz noch länger +fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, +eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem +Frommen, so bin ich ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, +die als Spielball schnöden Eigennutzes, lachend von +Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren +dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So hört' ich Dich noch nie! — Welchem +fürchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein +Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die +heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun +morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, +von der unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige +Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen, +vergebens, ihrer heißersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen +zu unterwerfen! Wie es gewesen seit fünftausend +Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, +aus edlem Eifer fort und fort sein ältres Werk dem jüngeren +zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er +zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb +auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom blassen Gram +des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten Inhalt +sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu +nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall +zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntniß und +an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im +Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl verriegelt, +das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit +und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als +Mittel zur Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher +der süße Genius sich zu Boden senkte . . . Ich hätt's schon +lange wissen sollen und anders stünd' es jetzt! Die Nemesis, +des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht beschworen, ihr +flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Beim Himmel, nein!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Erforscht' ich je Dein Herz, so +wird es schwer Dir fallen, sie zu versöhnen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, +die sich aus Eifer für das allgemeine Wohl in einen frommen +Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm +Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's alltäglich nach dem +Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger +Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein +jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen +und gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht +nicht; Jedem das Seine; ehrlich währt am längsten; selig +die reines Herzens sind“ — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert, Albert!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Lass' ihn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' +in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen +der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein +schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O wär' mein Name dann bereits +vergessen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, +Neid — unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt +versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen +Liebe, welche Hirten zu Königen erhebt und die Pforten +des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und schließt. +Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Aus der Seele mir gesprochen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer die Welt mit Deinen Augen +sieht, muß unsrer echt katholischen Kirche sich zu Füßen legen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie ist die einzige Brücke zum verlornen +Paradies.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Traun, ich halte Dich beim Wort.</p> + +<p><b>Albert</b> (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um +meines Engels Frieden!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Willst Du mit Deinem Vater in +die Hütte?</p> + +<p><b>Albert.</b> Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet +keinen stillern Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich +beschwöre Euch, weilt!</p> + +<p><b>Marie.</b> Fasse — halte — leite mich, Vater . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Geht Dir der Athem aus auf halbem +Wege?! — Die Bagatelle, Vater, welche Euch erzürnt, bleibt +in unserm und in Questenberg's Interesse den Lauschern +fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, +kannst Du für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, +den einz'gen Freund verachten, welchen die Natur, das +Schicksal Dir gesandt!</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich, Albert. — Gewalt +stürmt nicht die Schranken ihres Herzens.</p> + +<p><b>Albert.</b> Memme! Memme!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Geduld, mein theurer Freund.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder +denkst Du, ich bin ein Sclav' des Elends, nahm das +schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von Verdienst? Auf zu +Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk den +Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt +sich etwas.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr +war's möglich — sie konnte — Ich allein! grausam überliefert, +überlassen der Hölle?! — Das endet nimmer gut, +bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.) Teufel +und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube +wird zur Hyäne . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohin Albert?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr die Schande kürzen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!</p> + +<p><b>Albert</b> (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre +des Hauses geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande +tritt ihm Marie entgegen). Gott — </p> + +<p><b>Marie</b> (feierlich). Hier hast Du mein Herz.</p> + +<p><b>Albert</b> (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st +Du meiner Brust! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! +(verschwindet.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Besinne Dich, guter Sohn. (Sie +stützt ihn, und er steht geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. +Pause. Die Scene erhellt sich wieder.)</p> + +<p><b>Albert.</b> — — Mildwärmend durchbricht die himmlische +Sonne den nächtigen Nebel, froh athme ich auf: — es +war nur ein Traum, ein fürchterlich geheimnißvoller +Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum +sei er schnell, schnell vergessen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Vertrau' der Zeit, die uns mit +Klugheit rüsten wird und Mitteln, die Thorheit zu besiegen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er kommt hierher — schon winkt +er uns. (Geschrei aus der Ferne.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und +wenn's schon sechs Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte +Nacht ihm ein schützend Dach versagte — </p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus</b> (singend). So leben wir, so leben wir, so leben +wir alle Tage, so leben wir alle Tage, in — <i>Bon jour +monsieur, madame</i> — Wir nicht hatten <i>depuis long-temps</i> +die Vergnüken — <i>Reçevez mes compliments</i>.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was bringst Du, altes Wrack? — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird +über unser <i>passé</i> endlich Justiz gehalten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; +sprich daher ordentlich deutsch.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Le plaisir de vous voir</i> mir haben verrückt +die Kopf und lassen <i>oublier notre belle langue allemande</i> . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kommst mich zum Besten halten.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Patience, monsieur</i>.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Mille pardons</i> — ich werde sprecken ßo kut +ik gann. Nückst Euk ßoll ßein verschw — w — wiegen! <i>Mon +Dieu! ces maudits mots me coupent la</i> Kurkel — <i>j'étouffe</i> . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie groß des Schöpfers Güte an solchem +Ungeheuer!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Seine Fratzen sind unerträglich. +(Sie will gehen.)</p> + +<p><b>Klaus</b> (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine +Million reich! — Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung +bewundert ein großer, großer Mann — Nicht unser Muckerländchen — das +freie göttliche Amerika erzeugte ihn. Schlekt +nur er barlen duht <i>notre langue</i> und ik in dieser Stadt +<i>de la sagesse chretienne</i> der Einzike <i>à trouver</i> welcher +mächtik der Sprak <i>du monde</i>.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr sagt von einer Million — </p> + +<p><b>Klaus</b> (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek +auf ein rentables Fabrikchen eingetragen — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Bei!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung.</p> + +<p><b>Albert</b> (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem +Besuch — schleunigst — erfreuen — Johnson — — Das +ist ein Possenspiel.</p> + +<p><b>Klaus</b> (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen +zu erheitern.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vergebliche Mühe — zu spät!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?</p> + +<p><b>Albert.</b> Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt +Dich bei dem rechten Namen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht +weil ich an der Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen +Wirkungen ihres Lichts aussetzte. — Ziehe Dir das +zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, großherzig +strebender Freund und stürze Dich nicht eines Mißverständnisses +wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums +auf die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das +Lamm Gottes, das die Sünde für uns alle trägt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ja, ich that Dir Leides — </p> + +<p><b>Klaus</b> (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf +daß mir einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) +Ach, es steht jetzt viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! +Mein Verdienst Dich zur Unsterblichkeit gefördert zu haben, +belohnte sich wohl durch etliche tausend Thälerlein . . Zweitausend +fünf hundert stopften mir schon die Kinnbacken — aber +dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst +löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte +von dreitausend würde mich indeß so recht <i>tête-à-tête</i> bei +meinem Schöpfer zur Tafel laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach +der reichen Tellerzahl mein +roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den Zehen +an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen +Bairisch an der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit +graue Nebel vor mir her. Bespräche hochgespannt des +Staates Güt' und Mängel und balancirte — balancirte die +Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt mich +zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner +Heldenthaten übermächt'gen Rausch verschlief!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein frommer Wunsch.</p> + +<p><b>Klaus</b> (aufspringend). Erfüll' ihn mir.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter +Bote, so sei gewiß, daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit +mich eher selbst als Dich vergesse.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden +Sie noch die Jungen anhetzen, Steine nach mir zu werfen +und „wilder Klaus“ zu schreien, he? Oder passire ich jetzt +die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel pfarrherrlicher +Ehrbarkeit?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich finde Ihr Benehmen mit Albert +des besten Freundes würdig und gestehe, daß Sie mich +außerordentlich beschämen.</p> + +<p><b>Klaus</b> (tanzt, klopft die Tasche und singt:)</p> + +Bei wem das Geld im Beutel klingt,<br /> +Die Seele aus dem Fegfeuer springt.<br /> + +<p><b>Albert.</b> Halt, halt! noch klingt es nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend +in einige verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten +sie nichts eiliger zu ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ +mir auf den Buckel zu kreiden. Und so kam's, daß der böse +Feind moralisirender Heuchelei und eitler Schwäche dies bei +jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich kehrte, +bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und +Arbeit geben mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten +Klepper an der Landstraß' elend verschmachtet, wenn der +gute Genius des Rechts und der Billigkeit noch länger die +superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte. — 's +ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! +Brrr — fahr's nur ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer +sich ihm widmet und für Freiheit wahrhaft schwärmt! — Gut, +daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich werde den +Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen +und in's Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure +Hoffnung!</p> + +<p><b>Albert.</b> Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein +gegebenes Versprechen zurück.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, +welches in Erwägung gewisser Dinge überschäumt . . 's ist +ein Krampf, der — der die Brust schnürt und Gedanken +mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine verrathen; +die alte Frau könnte schamroth werden.</p> + +<p><b>Albert</b> (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein +guter, guter Kerl in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter +Bote, mich zu trösten und erheben, Du, Du — wer +hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte +die Million <i>in spe</i> für Mörser und Bomben; würde Rekruten, +rüstete ein standfest Heer — für Geld ist Alles feil, +Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit +dem Hause Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, +verläse die christlichst angefertigten Artikel und fragte, ob +man unsers Glaubens werden wollte — Wenn Nein die +Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke +elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie +zeigen; möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem +Kreuz, weißprangenden Federhuts, staatsretterlich gekniffenen +Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß seine Kunst +zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu +nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums +vom Mark der Menschheit geistlos zu schmarotzen? +Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens sichre Rente!</p> + +<p><b>Albert.</b> Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich +werde Deinem Rath entsprechen, doch in meiner Weise.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Heil Brutus Dir!</p> + +<p><b>Albert</b> (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist +jetzt die Zeit. Mich drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau +Mutter, ein Wörtlein in Begleitung. +(Mit ihr am Arm ab.)</p> + +<p><b>Klaus</b> (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, +persiflirt er singend hinter ihnen her).</p> + +<i>Allons, enfants de la patrie — hi, hi,<br /> +Le jour de gloire est arrivé: — he, he.<br /> +Contre nous, de la tyrannie — hi, hi,<br /> +L'etendard sanglant est levé — he, he . .</i><br /> + +<p>(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_4II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b> (Im Gespräch.)</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — Ich glaube selbst, daß sich für den +Augenblick bei der <i>haute-finance</i> nichts ausrichten läßt — Aber +ich kenne Schneider, Schuster, Schlächter, Käthner, die +<i>petit à petit</i> hübsche Sümmchen in ihrer Bettlade anhäuften +und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht +zumuthen, in die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, +Sie schreiben vornehm einige Zeilen blos und — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin nicht Questenberg, dem's +gleichgiltig ist, wo und wie er zu Credit kommt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit Ihrer Subtilität!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie werden mich in seine Fußstapfen +nicht drängen. — Ich — ich nehme von Niemandem Geld auf +blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein Wort wenn ich +ohne Sicherheit bin.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit feinem Lächeln). Der Schlag von +Neapel lähmte Ihre Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Am Glück des Lottospielers! — Treten +wir unter die Gläubiger.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie geben verloren den armen Mann?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die +Ehre in den Loostopf.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> O wie verschieden die menschlichen Herzen +sind! — Daß ich Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält +ihn fest.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Herr Regierungsrath?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich hol' Ihnen die Castanien aus +dem Feuer — </p> + +<p><b>Blashammer</b> (sieht ihn verwundert an).</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine alte Tante, die nicht mehr lange +zu leben hat und ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den +alleräußersten Nothfall einen Theil ihres bedeutenden Vermögens +zur Verfügung — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Questenberg steckt zu tief in Schulden, +wurde von der Concurrenz zu weit überflügelt!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie meinen — ?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er krankt an einem unheilbaren Krebs, +der uns ansteckt — sagen wir gut für ihn.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber die neuen Webestühle.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Versuche im Großen stellen zweifelhafte +Resultate heraus — Ich prophezeite es Ihnen schon.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Konnte mich Questenberg hinter's Licht +führen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte +Ihren guten Glauben und schweige.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Verzweiflung blendete ihn; er +täuschte mich absichtslos.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Es tröste Sie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bemitleiden wir ihn! — Als Sie +noch in den Windeln der Geschäfte steckten, erwies er Ihnen +manchen wichtigen Dienst, denken Sie daran.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Möchte ihm tausendfach vergelten, aber +aber, — — (nachdem er auf und nieder gegangen) Wenn wir +uns associirten, Herr Regierungsrath, — die Concursmasse +den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! — und +den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm +und uns wäre damit geholfen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie geben das Geld Ihrer alten +Tante und ich meinen Kopf?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Kein übler Anschlag.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lohnt's?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so +ist's das höchste Freundschaftsstück guter Christen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ueberlegen Sie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein Schiffbrüchiger klammert sich an +alles, was ihn auf den Fluthen trägt! — Wir sind einig.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sieh da, vor Thoresschluß.</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg</b> (ein großes Buch unter'm Arm).</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Fort!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nicht hier, sondern unter den Leuten, +wo seine Seufzer sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vieles könnte ich sagen, was mir +Mitleid erwirbt — nichts, was mich entschuldigt . . D'rum +ist's angemessener, ich schlage das Buch schweigend auf — O +Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Albert. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, +dem Amerikaner es zu melden.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert +bleibt er und lacht über Deine Großmuth nur +frohlockend sich in's Fäustchen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Geh, eile.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Du verkennst die Welt und spottest der Früchte +Deines Genie's.</p> + +<p><b>Albert.</b> Willst Du mich erzürnen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> — Der Schwärmergeist wird sich an Dir +rächen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Niemand entrinnt seinem Schicksale!</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer hemmt mich an der Pforte des +Verderbens.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr treuer Diener.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Kannst Du keinen Credit schaffen, so +geh' mir aus dem Wege.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen +Sie nur einige Minuten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du kommst mich verhöhnen — ich les' +es in Deinem Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur +ab die falsche Larve.</p> + +<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, +erwiesen mir so viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst +erstaune. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Schlange!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr Argwohn entsetzt mich . . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). +Verkünde, was Dich herführt.</p> + +<p><b>Albert.</b> Im Augenblick erscheint vor Ihnen — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß +Du mein Freund bist, Albert.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nun denn, im Augenblick erscheint?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein großer Fabrikant aus den vereinigten +Staaten — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (ungläubig). Ah!</p> + +<p><b>Albert.</b> Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen +die — Kühnheit hatte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> So! hm! — Und sie fanden seinen +Beifall?</p> + +<p><b>Albert.</b> In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, +als er von Ihrem Unglück hörte — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt +oft Wunderdinge — räthselhaft erscheint mir blos . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines +Mannes von bösem Gewissen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du täuschest Dich wohl nicht.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Willst es wissen?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben +zu behalten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest betrogen, — </p> + +<p><b>Albert.</b> Sie scherzen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> unterdrückt, — </p> + +<p><b>Albert.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> tyrannisirt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein +Gebieter!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich +fort.</p> + +<p><b>Albert.</b> Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben +Sie — man kommt — Ihr Retter! — Glauben Sie mir +nun?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du machst mich toll, Albert.</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus. Johnson.</b></p> +<br /> + +<p><b>Johnson.</b> Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren +Sie pereits. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich traute den Ohren nicht, mein +Herr . . . (Setzt ihm einen Stuhl vor). Haben Sie doch die +Güte . . .</p> + +<p><b>Johnson</b> (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' +kehören zu ten vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts +und erwerpen dem Erfinder, ter, wie Herr Albert mir versichern +daht, Sie allein sind — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich +Albert ansieht).</p> + +<p><b>Johnson.</b> ten erhapensten Zoll der Pewunterung.</p> + +<p><b>Klaus</b> (murrt).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern +der Menschheit klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) +Ich weiß nicht, was ich sagen soll! — (laut.) Muß ein +Fremder mir Trost und Hoffnung bieten — (bei Seite.) Mir +spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und Hoffnung +bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Lügen strafen!</p> + +<p><b>Johnson.</b> 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter +Freunden oft Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der +Erkenntniß trüben! (<b>Questenberg</b> seufzt.) Man sich wohl +beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt zu mißcreditiren?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ja — ja wohl!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, +verterblicher Exberimentesucht — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Man that's.</p> + +<p><b>Johnson.</b> — was Sie in den Ruf eines schlechten +Keschäftsmanns prachte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Natürlich.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen +Genien des Fortschritt's! — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (springt vom Stuhl auf).</p> + +<p><b>Johnson.</b> Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, +wenn's kefällt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich kann mir den Albert nicht erklären! +(setzt sich.)</p> + +<p><b>Johnson.</b> Auf die Erfintung pin ick eine Million zu +wagen pereit. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> So — ah!</p> + +<p><b>Johnson</b> (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) +Wenn tas kenügt, mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, +daß Sie mir solch' Vertrauen . . .</p> + +<p><b>Johnson</b> (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, +was Sie wünschen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (indem er den Albert verwundert ansieht). +Ich, ich weiß nicht . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Sehen Sie nur hierher.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ohne Umstände, mein Herr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sie bringen mich außer Fassung, mein +Herr.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Nehmen Sie, mein Herr.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . +(laut.) Wie? gleich jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche +Summe!?</p> + +<p><b>Johnson.</b> Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier +nicht Mode. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, +bestellte ich den Notar, der draußen wartet.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Um Verzeihung — sehr brav! sehr +brav! Ruf' ihn, braver Albert. (Sich freudig in die Hände +reibend; bei Seite.) Der Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .</p> + +<p><b>Klaus</b> (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, +Bruder . . . Du willst ihn schamlos triumphiren lassen!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Behindre mich nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Keinen Schritt weiter.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Meine Herrn . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was — giebts — Kinder.</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) +Ihnen theilte ich schon die Gründe mit, weshalb er den +Spleen nicht los wird, daß die Erfindung des Herrn Questenberg +mein Eigenthum sei.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr +Johnson.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Lieper Herr Klaus . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen +auseinandersetzte, so straf' mich der Teufel.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Können Sie sich stützen auf Peweise.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet +alles; dessenungeachtet . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Aber er muß wohl am pesten wissen — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in +Tollheit und er ist nicht Meister seiner Handlungen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. +(Er sagt Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe +klingelt. Ein Bedienter erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder +ab.)</p> + +<p><b>Johnson</b> (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie +pedürftiger als er.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Was!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . +Schämen Sie sich was!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Wer läugnet's, allein — </p> + +<p><b>Klaus</b> (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist +muß Recht bleiben!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Schon kut, toch — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's +Gesicht — </p> + +<p><b>Johnson.</b> Keine Injurien, Herr Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit +mir ist die heilige Macht der Wahrheit.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ihr Petragen wird kanz abscheulich.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den +Menschen in die frische Luft und macht ihm Umschläge . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich +anzutasten!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer +Erlaubniß?</p> + +<p><b>Johnson.</b> Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein +unkezogener Pupe.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme +nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. +(Man knebelt ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst +Du des Freundes Müh'! Hätte ich das gewußt — doch +Gott befohlen!</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein +gütiger Gebieter.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Er wußte nicht, was er dhat, — dragen +Sie's ihm nicht nach.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf +der Polizei durchprügeln lassen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker +verkommener Keselle Ihnen schaden könnte — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist gut, mein Herr — Ruf' den +Notar, Albert.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für +heut' keine Zeit mehr und porge Ihnen das Geld bis morgen +auf's planke Angesicht.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch +genug zu schätzen.</p> + +<p><b>Johnson</b> (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die +Summe kefälligst nach.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es wäre wohl überflüssige Mühe.</p> + +<p><b>Johnson</b> (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar +klückliche Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen +zusammen ernten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich habe keinen schönern Wunsch.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener.</p> + +<br /> + +<h4>Zwölfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Johnson.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein guter Albert, welchen Dienst +leistetest Du mir! — nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; +erbitte Dir eine Gunst.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie beschämen mich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre +sie ganz! — Erweise mir die Freundschaft!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen +keinen Gebrauch mache — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Frei von Verstellung bin +ich — glaub's mir, Albert . . . Willst Du den Reingewinn +der neuen Webestühle im ersten Jahr?</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie kann ich so viel wollen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Morgen empfängst Du's schriftlich . . . +Ach, wär's mir vergönnt, Dich glücklich zu machen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Scherz bei Seite.</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist zu spät!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was hast Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr +heilt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nahmst Du Schaden in der Liebe?</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie ging mir verloren! . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Deine Braut — zufolge?</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . +Erbleichen Sie nicht mehr, Gott hat gerichtet!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nimm — diese Summe gehört Dir!</p> + +<p><b>Albert.</b> . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die +Missethat hassen — nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes +Glied am Körper unserer Menschheit ist — Ich verzeihe +Ihnen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du! Du!</p> + +<p><b>Albert.</b> So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der +mit dem Apostel sich eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur +Erlösung aus der Sünde, ich ließ mich von Euch übervortheilen, +verleumden, entehren, mit Füßen treten, in Ketten +schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner Leidenschaft, +gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens — ein +verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube +krümmt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste +mich dieses Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: +Qualen der Hölle!</p> + +<p><b>Albert.</b> Denken Sie an die tausend nothleidenden +Familien, die ihnen Arbeit, Gesundheit und Leben zum +Opfer brachten und unverantwortlich sind für die Schuld, +in welche Ihr Fall sie stürzt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem +Namen — mir fehlt die Kraft.</p> + +<p><b>Albert.</b> Auch das noch? — Traun, ich bin kein +Pharisäer und Schriftgelehrter, der das Christenthum nur +mit der Zunge übt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Lass', lass' — ist's eine Strafe für +mich, so muß ich's thun.</p> + +<p><b>Albert.</b> Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wohin gehst Du?</p> + +<p><b>Albert</b> (zeigt nach Oben).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Oh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich vollendete und trage mein Kreuz auf +den Golgatha! . . War's Ihnen Ernst eine Gunst mir zu +erweisen, so sorgen Sie für mein Begräbniß; ich wünschte +an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs zu ruh'n. +(Er will geh'n.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht +fort — Hülfe!</p> + +<p><b>Albert</b> (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf +die Brust setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> O das ist entsetzlich!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der +Feigheit berauscht, zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn +und Rechtlichkeit eilen ihm freudig entgegen! (ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bring' ich den Gläubigern das Geld +und verfolge seine Spur!</p> + +<br /> + +<h4>Dreizehnte Scene.</h4> + +<p>Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer +langen Tafel die Gläubiger.</p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. +(Er wirft das Geld auf den Tisch.)</p> + +<p><b>Alle.</b> Geld . . . ah! ah!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, +all' meine Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . +Meinen herzlichsten, unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, +liebe Herren — vertheilen Sie unter sich die Summe und +gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Ihr edles Gemüth fühlt sich +durch unsre Maaßnahme verletzt.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Sie zürnen uns.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Hätten wir gewußt oder geahnt . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bleiben Sie ruhig — Was mein +Inneres bewegt gilt Ihnen nicht — doch ich baue auf Ihre +Nachsicht — meinen unterthänigsten Diener.</p> + +<br /> + +<h4>Vierzehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Ein kurioses Benehmen!</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Fein überlegt, fein studirt! +Er hängt uns einen dicken Zopf an.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Teufel, wir waren zu leichtgläubig.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Einen Mann von seinem Ruf, +von seiner Bedeutung zufolge einiger Börsengerüchte mir +nichts dir nichts zur Erklärung zu drängen!</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Den dummen Streich brockte uns +Blashammer ein.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Suchen wir eine schickliche Gelegenheit +ihm das Geld zurückzugeben, denn er wird es wohl +nöthig haben. (Einige bemächtigen sich der Summe und fangen +an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)</p> + +<br /> + +<h4>Funfzehnte Scene.</h4> + +<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Beten wir: Herr führe uns nicht mehr +in Versuchung! . . Mir schwimmt's schwarz und weiß vor +Augen, denke ich — (kopfschüttelnd) Der infernalische Plan +hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist der Mensch +in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, +daß die Noth die Mutter aller Laster sei.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Von wo er nur das Geld hat!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Frage regt mir das Herz nicht +auf, wohl aber eine andere! Was fange ich nun mit dem +Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; wer nimmt's mir +ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt +ihr die neue!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin bereit sie auf mich zu laden.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (erschrocken bei Seite). Daß ich meine +Zunge nicht bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr +Blashammer.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel Güte.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie wollen sich unnöthig belästigen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut +brauchen kann!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich +seh's Ihnen an.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zehn Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel für einen guten Christen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Danke, danke.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bemühen Sie sich nicht weiter.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Zwanzig Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mäßigung.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Fünf und zwanzig Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher +Stimme). Da hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne +Erröthen? Ist das Geld des Schwarzkünstlers besser als +meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, +kein Spekulant und Fabrikant mehr; lieber vergrab' +ich's, lieber werf' ich's in einen Brunnen! Ach, ehe man +sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht mehr Schmerz +als die drei Männer im feurigen Ofen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie beschimpfen meinen Stand.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zurückbebend). Durchaus nicht . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie halten mich für einen Gauner.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß +hier Leute sind.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für einen Betrüger.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie +werde ich den Aufdringling los.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Erklären Sie sich gemessener.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich +halte Kaufleute bl — bl — blos für unsich — chere Menschen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Eines einzigen Schurken wegen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es +giebt keinen ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! +ah!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung +sollten Sie sich gerichtlich verantworten . . .</p> + +<p><b>Blashammer</b> (stampft wüthend mit dem Fuß).</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! +wer mehr Schurke ist, ob er oder Sie, steht in +Frage! . . . (ab.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — — Von wo er nur das Geld +hat! — Gescheitert in Neapel, gescheitert hier! Meine +Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Funfter_Akt'></a><h2>Fünfter Akt.</h2> + +<br /> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_5I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Zimmer im Hause Blashammers.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Adelgunde</b> am Klavier; nach einer Pause tritt der <b>Doctor</b> auf.</p> +<br /> + +<p><b>Adelgunde</b> (im Spiel ungestört fortfahrend). <i>Bon jour</i>, +treten Sie nur näher.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Setzen Sie sich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Wie geht's bei Ihnen zu Hause?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger +meines Herrn Papa plötzlich so stark an, daß ich für +gut hielt, das Haasenpanier zu ergreifen, um in Ihrer freundlichen +Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde endet das Spiel.) +Unterbrechen Sie sich nicht.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater wird hoffentlich Alles zum +Besten wenden.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wäre seine Kraft noch so gesund als +sein guter Wille!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich erstaune — was soll ich hören?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich +werde mich in der Position halten! (laut.) Weihte +er Sie in seine Mysterien nicht ein?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich bin ganz unwissend — Seit dem +Tage unserer Verlobung hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich +war er und in hartem Kampf mit sich selbst.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, +daß ich's Ihnen berichten muß! — Auch sein Schifflein +Fortunens gerieth auf den Strand!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie erfüllen mich mit Schrecken.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich hab's aus seinem Munde . . . +Die hohen Potentaten brachen mit ihm — und Sie ahnen, +was das heißt! — weil er das Feuer der Revolution heimlich +schüren half.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Weh!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete +er die Banditen Europa's.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> O Grauen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos +das Vermögen, sondern auch die Freiheit.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater in den Thurm!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Vielleicht mit Ketten an Händen und +Füßen! Sein Versehen ist politischerseits unverzeihlich . . . +Und welche Zukunft erwächst daraus für uns! Wir treten +in eine harte Ehe . . . Ach!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Unter diesen traurigen Umständen haben +Sie noch Lust — Nimmermehr!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein Ehrenmann hält Wort.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich +gebe Ihnen den Ring zurück.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (drohend). Fräulein!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts +wird Ihnen schon sauer genug fallen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hegen eine geringe Meinung von +mir.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen +mit überflüssigen Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer +volksthümlicher Unternehmungen, einer sittlich entnervenden +Concurrenz verfallen, die dem an Anstrengungen von Jugend +auf Gewöhntesten, fast aller Orten das Leben zur Plage +macht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah, ward ich unter einem glücklichen +Sterne geboren, so kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens +bau' ich auf eine heil'ge Sache!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ihre Redekunst.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, +o Theure, auf die Liebe, von der man sagt, daß sie dem +Menschen das bitterste Geschick angenehm versüßt.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein echtes Kind unseres Volks scheint +selten was es ist! . . Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt +stellt es sich, wenn's in seinem Busen gährt und brennt — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie bilden mir Unsinn ein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zu welchem Zweck! Traun, da naht +Ihr armer Vater — urtheile er selbst, ob mich ein anderes +Interesse für Sie begeistert, als das rein menschliche . . . +Doch horch!</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's +Berg ab!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verstehen Sie? — Still!</p> + +<p><b>Blashammer</b> (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß +umsonst! Bleibt mir für alle Plage kein Brosämchen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Spiele ich noch falsch mit Ihnen?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (für sich). Der dumme Streich kostet +viel! Schon seh' ich mich aus dem hohen Rath verstoßen, +unter die Kleinkrämer der Vorstadt versetzt!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Tröste Dich, Vater!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> O Tochter, an mir ist Hopfen und +Malz verloren.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll +ich?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Vergebne Müh' — sie ersetzt mir +meine Schäden nicht . . . Was macht der hier? . . Ich +dachte, unsere Freundschaft lös'te sich gemüthlich auf.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Gott lenkt oft anders als der Mensch +denkt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meiner Seel', wir waren nicht wenig +erstaunt, als Ihr Vater heute in unsere Versammlung trat, +mit gebrochener Stimme, gleich einem tief Gekränkten stammelnd, +„hier, Alles was ich schulde bis zum letzten Heller, +vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus +der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll +Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, +wär's doch der Fall!</p> + +<p><b>Blashammer</b> (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm +vor). Sehen Sie da, er hat mich nicht mehr nöthig.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Mit List will er mich aus +dem Felde schlagen — Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal +versuchten Sie mich unwürdigen Mißtrauens voll, auf +entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen einen +minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für +Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen +Brust gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde +an die rechte Hand nehmend.) Ziehen wir +uns von dem Hanswurst zurück.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich +empfing Ihr Wort und Fräulein meinen Ring.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sind quitt! — Was zauderst +Du, Tochter.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein bleibt . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Gnade!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Noch gehört mir der Titel dieses +Hauses — Sogleich will ich ihm mein Recht beweisen . . . +He, Bediente.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche +Gerede . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er kam her, mich zu verhöhnen.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du irrst.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Woher weißt Du's?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mir sagt's das Herz.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ja.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Kind, das setzt meinen Ueberraschungen +die Krone auf.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Glaub's mir.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur +ich allein blieb unverändert.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Welches andere Interesse dürfte ihn noch +für mich begeistern, als das reinmenschliche?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! +(bei Seite.) O wie rächt sich die Lüge!</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Ah, ich suche Dich nicht hier, mein +Sohn.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verzeih', hast Du bezahlt?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Himmel wurde mein Gläubiger.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist +dahin — rette ich nun ihren Schein!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte +nicht Ruhe im Bett; das Gewissen trieb mich zu Dir.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nimm gütigst Platz; das Stehen +greift Dich an.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln +haben.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nur das, . . . Sieh' mein Freund, +bei dem plötzlichen Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's +die Vernunft, Religion, Sitte . . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nicht weiter.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du bist einsichtsvoll genug — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich begreife Alles.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es beleidigt Dich in keiner Weise, +daß — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sei unbesorgt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Unsere Freundschaft wird — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Du hättest deswegen ruhig im Bette +bleiben können — Falls Du Dich erkältetest, messe mir keine +Schuld bei.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (sich vom Sessel erhebend). Will's denn +Gott.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sind ganz im Reinen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein andermal erzähle ich Dir, auf +welche wunderbare Art der Allmächtige mich aus den Fallnetzen +neidischer, habsüchtiger, arglistiger Menschen erlös'te.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Unter der Sonne findest Du Keinen, +der Dich teilnehmender anhören wird.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken +Vater.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit +Adelgunden zuvor die Ringe auszutauschen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, +denn wie mich die Tochter versichert, soll sich bei ihm +Scherz in Ernst verwandelt haben.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). +Schau', Papa, und verstumme.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du zwangst mich zu dieser Wahl und +nun fügte es mein Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir +würdige Lebensgefährtin entdeckte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Steht es so!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der verschlagendste Speculant täuscht +sich in jugendlichen Herzen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Reichen wir uns denn brüderlich die +Hand und segnen das junge Paar.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich kenne das Leben nicht mehr! . . +(Zum Doctor). Treten wir in den Prunksaal, die Gäste zu +erwarten, welche ich zur Feier unserer Versöhnung sogleich +laden lasse . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nicht heute — ein andermal.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ist Deine Krankheit unerbittlich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich leide grenzenlos und habe noch +ein Geschäft, zu dem ich die Hülfe des Sohnes beanspruchen +muß.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bin dabei.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich +wünsche denn beiderseits Lebewohl.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Glückliche Besserung.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand küssend). Theures +Fräulein, einen Kuß für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges +Wiedersehen . . . Adieu! (Die beiden Partieen mit Complimenten +nach verschiedenen Seiten ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_5II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts +eine Straße.</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Vater Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (hastig von der Straße). Väterchen, +Väterchen! Bist Du da? Schnell heraus, eine schreckliche +Mähr!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Pst, leise — Marie schläft.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen +haben. — Sieh'st Du wie lebendig die Straße wird? +Alle Welt geräth in schaudernde Bewegung. Such' hurtig +Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns an.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' nur allein, ich hüte die +Kranke. — Wußte man des Unglücklichen Namen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohl ist's ein Familienvater, den +der Bankerott des Herren verzweifeln ließ.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sanft ruhe seine Asche.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wir allesammt könnten dem Beispiele +folgen. (ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Des Städtchens schwacher Gemeinde +wär's ein Dienst! — Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig +lange Jahre um fremden Menschen jetzt zur Last zu fallen! — Ach, +hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die Gartenpforte +knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park?</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, +eine Scene, guter Alter, die ihres gleichen sucht!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) +Wohl ging's mit der Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner +euch hart abfallen? — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel +Geld gab's, viel, viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, +baar auf der Hand, schönste Banknoten, vollgültigste Papiere — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Aber — ?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Haben Sie ein paar Heller bei sich?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Nein — wozu?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Krambambuli zu kaufen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock +ab?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen +Bittern verlangt's blank vorausbezahlt!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird +das in Zukunft werden! — Nun, ich will mal' die Haushaltung +revidiren — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die +Flasche, desto angenehmer, und wenn's ein Faß ist, wie das +Heidelberger, so rollen Sie's nur heraus! ich leere es im +Bewußtsein — nicht zu den schwächsten Gliedern unsers +starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Halt, nichts gewaltsam! — Wenn +der Albert soviel Geld erhielt, weshalb gab er Ihnen denn +keinen Deut?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sie sollen's erfahren — erst Krambambuli +herbei!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln +mich — ?!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Versuchte ich das schon einmal.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; +die Welt kennt Ihr Treiben!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden +das Ohr?!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So weit Freund Albert damit einverstanden.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Freund Albert! — Alterchen, einen Menschen, +der sich vom gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, +unterdrücken läßt, erkläre ich unzurechnungsfähig über +mich zu urtheilen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sie werden abscheulich, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Was ich nicht blos gestern, sondern schon +lange behauptet, behaupte ich heute erst recht!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kennen Sie den Spruch, was Du +nicht willst, daß Dir die Leute thun, das thue ihnen auch +nicht?</p> + +<p><b>Klaus</b> (keck). Ja wohl!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Traun, so rechtfertigen Sie die +schreiende Anklage.</p> + +<p><b>Klaus</b> (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, +mit erkünsteltem Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben! — Nun +denn, wir brachten's zu Tage, wir entlarvten den Elenden, +heute — eben — — ich komme vom Schloß! (bei Seite +mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wirklich, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ja, wirklich!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert entlarvte — ward wirklich +betrogen!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Betrogen, wirklich betrogen!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Jesus, was erlebt man alles!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, und wie rächte sich dafür Albert!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sagen Sie doch.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Er betrog den saubern Patron wieder, indem +er sich vom saubern Patron wieder betrügen ließ.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Das heißt — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Fürwahr, denn ich begreife noch +nichts davon.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte +zum saubern Patron den Amerikaner, ließ es sich gefallen, +daß derselbe 800,000 Thaler, sage 800,000 Thaler für die +Erfindung — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Unmöglich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! — Ich +gerieth außer mir, protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, +beschwor die Geister des Himmels und der Erde, umsonst! +Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, gab treulos mich +dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken preis, +duldete, daß man mir — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Genug! — Wo weilt Albert, führen +Sie mich zu ihm!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Noch ist er wohl auf dem Schloß.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kommen Sie, kommen Sie, unter +meinen Augen erfand er den Webestuhl, ich bezeug's vor +Gott und den Menschen, mir soll er's nicht leugnen!</p> + +<p><b>Klaus</b> (im Abgehen). Wahrheit du siegst!</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Marie</b> (sauber gekleidet, — wild erregt geht sie einige Male +auf und nieder). — Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm — seine +Zukunft retten und kränktest seine Hoffnungen — sein +Glück und stießest ihn in's Verderben! Was thatst Du, +Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten willst gehen! +Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein +himmlischer, versöhnender Geist! — O keinen Schritt, kehre +um, bleibe heim! Hinweg, thörichtes Buch! Als sorgloses +Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt schlägst die Wunde nur +tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was bedeutet das? +Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch +Mütterchen dabei?</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> + +<p><b>Marie. Frau Ziemens. Albert</b> (in einem Korbe getragen).</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Was geschah! — Wen bringest Du?</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde +nieder und habt tausend Dank, wackre Männer! — Ach +Tochter, Du wardst für eine schwere Zeit geboren! — Doch +erschrick nicht — bleib' standhaft — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ist's der alte Vater?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Nein, Tochter — (das Tuch abhebend.) +Albert — Dein Albert! Still, halte Dich still — er lebt +noch — wins'le, klage nicht — schone ihn — er bedarf +zärtlichster Pflege — schone, schone ihn! — Ha, bereits regt +er sich — </p> + +<p><b>Marie.</b> Wie geht's Dir, mein Theuerster? — —</p> + +<p><b>Albert.</b> Welche Stimme?</p> + +<p><b>Marie.</b> — Kennst Du sie nicht mehr — Traun, +schlag' Dein Auge auf! Ich bin — bin Marie — die +Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, unnatürlich — blos +um Dich zur Verzweiflung zu treiben — blos um Dich +zu zermalmen — ja, blos, blos deshalb, Albert — den +braven Eltern sich — als Verbrecherin sich — — — Albert, +dem Doctor, — ich vergab ihm nichts! — Seine Versuchungen — ich +wies sie ab — wies sie ab, Albert, wie es +Deine — wie es meine Ehre gebot!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Tochter, o Tochter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ach, wie blind, wie blind war ich!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sei's jetzt nicht, Mädchen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar — Du bist +der Edelste der Edlen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Was — was versichert Dich dessen? — Sage +nicht Dein Herz! das richtete über mich! — Sage nicht +Dein Herz! — Wer Jahre lang die köstliche Zeit müßigen +Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte — plötzlich +das Bündel packte und ging — dann wiederkehrte — wieder — auf +Grund eines — o die Scham erstickt mir das +Wort! — Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte +verdammt werden! — Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl +erkannte ich meine Schuld!</p> + +<p><b>Marie.</b> Eben, — sühntest Du sie nicht!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in +den Park — </p> + +<p><b>Marie.</b> O Gott!</p> + +<p><b>Albert.</b> Aber nicht zu sterben wußte — nicht zu +sterben der Feige! Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand +und er — er verfehlte — verfehlte sich! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil! — O +richte Dich männlich auf, komm' unverzagt an meine +Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen, welche wir unter der +Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns widerwillig, +gezwungen bereiteten!</p> + +<p><b>Albert.</b> Mädchen, was sprichst Du! Wanken die +Grundfesten Deiner Tugend; zehrt des Irrthums Schlange +Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; entfliehe meiner +unheiligen Nähe! — — — O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich! — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ha, das — das ist Rache! — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er besinnt sich, Tochter; es wird +noch alles gut!</p> + +<p><b>Marie.</b> Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte +sind tief erwogen! — Ach, er hat mich nie — nie geliebt!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Reich' ihr die Hand der Versöhnung, +treib's nicht weiter! — O thu's für die alten Freunde, die +in ihrem Leben noch keine, keine Freudenthränen geweint! — </p> + +<p><b>Marie.</b> Laß ihn — der Stab ist gebrochen — frohlocke +er nur!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Albert, bist Du taub!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich sage, laß ihn. — Erweise mir's zu Gefallen! — Ach, +begreifst Du denn noch nichts?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sein Geist erkrankte gleich dem +Deinen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich +verstellte!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er? — O Tochter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte +er sich wohl! (lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte!</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (sich vor die Stirne schlagend, als würde +ihr plötzlich ein Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich — Aber +nicht doch, Tochter, Du schwärmst!</p> + +<p><b>Marie.</b> Untersuche seine Wunde! Du findest keine — das +Blut da an seinem Kleide ist falsches Blut! — Wollen +wir wetten? — — O glaub' mir, ich durchschaue alles, die +ganze Comödie! — — Gefehlt! gefehlt! — Mit dieser Kunst, +armseliger Gaukler, bestichst — gewinnst Du mich nicht! — Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du +gehörst, ins Reich der Finsterniß! — — (Sie stößt mit dem +Fuße an das Gebetbuch, welches sie vorher wegwarf). Was ist +das? — Wie kommt das — das hierher. . . Ha, woran's +mich erinnert! — Albert, Albert, ich rase! — Weh, hab' +ich keine Vernunft, kein Gedächtniß mehr! — Schütze, o +Mutter, schütze mich vor mir selbst! . . . (Fällt der Mutter +betäubt in die Arme.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Himmlische Mächte, giebt's keinen +Frieden für sie! — — — O nur herbei, wackerer Klaus, +hier stieg die Noth auf's Höchste!</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie +von mir weder Hülfe noch Trost! Die Botschaft, welche ich +bringe — doch zuvor geleiten wir die Jungfer in die Hütte — es +wird für sie zu viel!</p> + +<p><b>Marie.</b> Was mich noch treffen kann, ist nicht das +Schlimmste mehr! Berichten Sie nur, Klaus!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner +hatte den wundersamsten Erfolg — es klänge uns, so wahr +ich Klaus heiße, ein Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein +Milliönchen — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? +welches die Geschichte?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Frau Mutter weiß bereits davon. . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, +denn ich konnte nicht glauben, Klaus, nicht glauben — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles +ging nach Wunsch und wider Erwarten . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Alles nach Wunsch!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bis auf zwei Todte leider!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Zwei To — wie?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Den einen haben Sie schon, der andere ist +unterwegs.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer? — O sagen Sie!</p> + +<p><b>Marie.</b> Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, +entfernten Sie sich mit dem Vater — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Zu dienen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wo blieb er!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Beim Herrn im Schloß, zu seinem — unserm +unseligsten Verhängniß!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> O mein Kind!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Beten Sie für ihn!</p> + +<p><b>Marie.</b> Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, +so athmete leichter das Herz! Er war ein frommer Dulder, +hatte stets große Gefühle, schöne Gedanken, krümmte sich +nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich im Pfuhle +der Verdammniß und hungerte nach Staub! — Doch schirmt +mich Geister!</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen ohne Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Hörtest Du, Albert?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Er! oder nur sein Gespenst?!</p> + +<p><b>Marie.</b> Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Und so starb der Alte denn umsonst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wirklich, ist's wirklich wahr!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der +edle Greis, dasselbe mir vor Questenberg bezeugend, +wie's meine Ehre fordert, wird von der Kunde Deines +Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir +im Arm.</p> + +<p><b>Albert.</b> O schauder — schaudervoll!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Höchst schaudervoll!</p> + +<p><b>Marie.</b> Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen +Zorn! — Ihre Hand, braver Mann! — Gönnen wir dem +Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die Vorsehung, +welche nicht anders es fügte!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!</p> + +<p><b>Albert</b> (wirft sich ihr zu Füßen).</p> + +<p><b>Marie.</b> Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher +Gewinn, trotzten wir ferner unerforschlichem Rathschluß!</p> + +<p><b>Klaus</b> (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst +nicht anders das Geschehene!</p> + +<p><b>Albert.</b> Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter +als der Tod — bricht meine Seele in tiefster — tiefster +Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne — dort ging +sie unter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr +feurig Antlitz Dir von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' +dem Schöpfer nur und seinen himmlischen Gesetzen, die +er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige +Wahrheit, welche feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter +Sommer, folgt nach Trauer auch die Freude wieder! Ewigem +Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und Erde, Thron und +Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher Lazarus, +nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, +bei den ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt +nur, Du spanntest jetzt die Segel straff, steuertest als echter +Römer, kühn von Entschluß und That, in Frau Fortuna's +Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes Versprechen, daß +ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte — He, +sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes +schnell erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, +aller Tugend unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose +Predigt, geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! +Wenn wir sogleich uns auf die Füße machten und retteten +was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von Dir! — Darf's +nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und +ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n +Sie ihm den Arm nur, Jungfer.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wohin? errieth ich Ihre Absicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nachher davon.</p> + +<p><b>Albert.</b> Klaus, Klaus, es ist zu spät.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, +daß alles möglich, achtet keine Stunde! Hurtig, Jungfer; +folgt er in Güte nicht, so üben wir Gewalt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie ich Dir sage, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! +Ohne Genugthuung für die mir zugefügte Schmach entrinnst +Du meinen Händen nicht! Ich schwör's bei einem Buckel +Schläge Dir! Ja, ja, das merke!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ließe sich Geschehenes noch ändern!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bube, ich handle nach Gewissen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Welch ein Erkühnen!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit +zu üben!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und +fordere ein Gleiches für ihn!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Das darf nicht geschehn.</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie sind ein Tyrann!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber +machen, erduldete ich schweigend, daß Jemand — und wär's +mein Feind — schnödester Spitzbüberei, wie der, zum +Opfer fiele!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ihre Verblendung ist groß!</p> + +<p><b>Klaus.</b> So klein Ihre Erkenntniß!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, +und vermittle Dich mit uns'rer Ansicht!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! +Habe Dank, ich bin ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!</p> + +<p><b>Albert.</b> Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend +bereits verschlungen wurden von den Gläubigern!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bereits!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie waren just versammelt, als wir das Geld +dem Herrn brachten. . . Das weißt Du nicht?!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, +verlor'ne Müh' wär's, gingen wir die Schenkung widerrufen! +Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr luftigen Schlösser brechet +zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte es aber +nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung +persönlichen Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes +Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam +wirken — ruchlos, verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung +aus Sünde und Elend! — O hätte doch ein Kind, +das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren +können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es +ein Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto +sinnbethörter wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis +in den Park; doch weil die Kugel Dich verfehlte, was weiter +nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich dem großen Märtyrer +hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du von +Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn +nicht, verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in +den Schlamm, dem Du entkrochst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, +das es leugnet! — Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von +Licht und Nacht, schlepp' ich mein Leben unter Schmerzenskrämpfen +weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein unerkanntes +Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger +Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Kehre Dich um und sieh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gott, Gott! — Wie findest Du das?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Erst wissen, was er bringt. . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam +Du vergeblich rangst!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens. Questenberg u. Sohn.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wo ist der brave Mensch! — Ach +liebster, bester Albert, ich feiere den hundertjährigen Geburtstag, +werde nun kahlköpfig und in Krücken gehn.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fast möchte ich's behaupten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Es reuete mich gleich — woher denn wohl +zur Reue über diese Reue, der böse Geist mir hindernd in +den Weg trat!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . +Nein, nein, der sanfte Albert konnte sich nicht +tödten! — Ich erwog es reiflich; säumte deshalb Lärm zu +schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, hübsch, hübsch, hübsch! — Ach +mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem Rasenden +durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend +umgeirrt und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, +ach, warum doch sind wir Menschen immer hübsch gescheidt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir +seien als wir sind!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Zu ew'ger Täuschung! — Weh, +o weh! — Dieser alte würdige Mann! — Woher die +Kraft mir kam, das zu bestehn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; +unmittelbar ergreifen sie uns wenig!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wenn das der Fall ist, zittre ich und +bebe! Mein armer Kopf will jetzt bereits — ein Stündchen +erst nach dem Ereigniß — in wilder Fiebergluth aus allen +Fugen gehn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache +bleibet mir noch übrig?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie das, mein Goldfisch.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ruht nicht auf mir die größte Schuld!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auf Ihnen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ja oder nein — gleichviel! ich messe sie mir +zu, da ich so gut als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Albert, Albert, ich ward ein Anderer! +Hier den Beweis! (Er zieht ein Portefeuille mit Geld aus der +Tasche und reicht's ihm). Ein Theil der Gläubiger, bereuend +ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das Geld zurück.</p> + +<p><b>Albert</b> (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes — nichts — nichts weiter! Ach, schaute ich +den Grund von keiner That!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen +zögert). Demüthigen Sie mich nicht tiefer!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich lehnte es schon einmal ab.</p> + +<p><b>Klaus</b> (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Entledigen Sie mich der Sündenlast!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sei christlich!</p> + +<p><b>Albert</b> (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken +zurückbebt). Da! für Dich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Alles!</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin +und häufe mehrend es bis in den Himmel!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . +(Mit tiefer Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . +(Umhüpfend und das Geld zählend). Lauter giltige Papiere — fünf — zehn — zwanzigtau — Kinder, +helft! führt zu den +Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele +zu Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich +an etwas glauben und nun, nun bin ich dieser Lumpen +Gläubiger! — Wie abgegriffen und welch' Inbegriff! — Gift +für den Staat und Medicin für mich! — Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist +günstig; ich reise morgen nach Paris und spekulire auf das +Kaiserreich! Kommt es zu Stande, was der Himmel fügen +möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir zurück +und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg +hier spielst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Leb' wohl und bleibe der Du warst.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Dein Freund auf ewig!</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen ohne Klaus. Abenddämmerung.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Ob Sie des Mitleids würdig oder +der Bewunderung, ob Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, +zag' ich zu entscheiden.</p> + +<p><b>Albert.</b> Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, +bestehen meine Freuden.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Gedächten Sie auch meiner dann in +Großmuth!</p> + +<p><b>Albert</b> (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, +ach, was wäre das! ein leerer Schall! Nein, dienen wir +fortan der Zeit als echte Menschen, streben ihrer kranken +Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und That +zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, +welche unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Amen! Amen! Sie braver, wackerer +Mann! Auf solch' ein bibelfestes Wort, komm her und reich' +auch Du die Hand ihm! — So! so! so! Und nun, senke +dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! — </p> + +<p><b>Albert.</b> Träumen Sie von Paradiesesengeln!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig +schwach zu Fuß . . . Doch still, etwas vergaß ich noch . . . +Hier, der Erstling unsres neuen Webestuhls! — Die Welt +wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n!</p> + +<p>(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm +entfaltet, wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in +des Doctors Nähe steht.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Mädchen! — Sieh, sieh her! — Der Stoff +zum Kleide für die Hochzeit und — zur Todtenfeier Deines +Vaters! . . .</p> + +<p>(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: „Platz da, +macht Platz!“ — Aus weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter +an. — Die Leiche des Vater Ziemens, auf einem goldenen Stuhle +sitzend, wird von Questenberg's Dienern unter Fackelschein hinten +über die Scene getragen.)</p> + + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661-h.htm or 13661-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> + diff --git a/old/13661.txt b/old/13661.txt new file mode 100644 index 0000000..35638f0 --- /dev/null +++ b/old/13661.txt @@ -0,0 +1,5808 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten + +Author: Florian Mueller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Bankerott. + + +Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten + +von Florian Mueller + + + + +Leipzig + +Theodor Thomas. + +1853. + + + + +Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und +keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Buehnen wuerdig +und geschickt ist, ueberlaesst er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr +fuer seine Rechtfertigung oder Erlaeuterung zu sagen, erscheint ihm +ueberfluessig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie aehnlich auffassen und in keiner +Weise zweifeln, dass nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus +in ganz analogen Verhaeltnissen, und von derselben Charactertiefe, +existiren koennen. + +Neujahr 1853. + +FLORIAN MUeLLER. + + + + + + Ah! quand verrai-je enfin ma sterile patrie, + Reformer de son gout l'antique barbarie, + Offrir un doux asile aux beaux-arts negliges; + Rechauffer leur ardeur, dans son sein proteges, + Et, faisant refleurir l'esprit et le genie, + Rendre la gloire aux arts, et les arts a la vie? + + _Frederic II._ (Epitre sur la liberte.) + + + + +Der Bankerott. + + + + +Personen + + + QUESTENBERG, grosser Zeugfabrikant. + DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. + BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. + ADELGUNDE, seine Tochter. + V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. + JOHNSON, Capitalist. + ALBERT, } + KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. + VATER ZIEMENS, } + MUTTER ZIEMENS. + MARIE, deren Tochter. + Ein Saenger, Herren und Damen als Gaeste. + Bediente, Arbeiter, Volk.-- + +Zeit der Handlung im Jahre 1850. + + + + +Erster Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schraenke mit Buechern, Akten, +Modellen. An den Waenden haengen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau +links, auf dem ein geoeffnetes Kontobuch liegt. + +Abend, Licht. + + + +Erste Scene. + +QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit +von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind +hoechstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant-- + +QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der +Unglueckliche gleicht einem Kranken, der immer groessere Hoffnungen an das +Leben knuepft, je naeher er dem Tode rueckt . . . + +V. ZITTERWITZ. Eine Million! + +QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _a la chinois_. + +V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Grossen und Reichen dieser +Zeit speculiren! + +QUESTENBERG. Ich hoffte, dass die siegende Contrerevolution sie +herausfordern wuerde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. + +V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! + +QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es wuerde wieder so gehen, wie nach der +Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine +brillante Epoche! Da schaeumte so manches Schweisstroepflein in den +eifrigen Restaurationskuechen ueber den Kessel, kam denjenigen von uns +Geschaeftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wussten. + +V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muss ein geheimer +Demagoge sein, muss auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, +Genusssucht, Traegheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, +auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Buergerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich +in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Praesident, Kaiser +und Papst. + +QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 +Thaler und Sie sollen ueber meine Demagogie erstaunen. + +V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! + +QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _a la chinois_ statt +fuer zwanzig Thaler, fuer zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde +Kleid der "_l'etat c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall +unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja fuer sie weder politische noch +sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet! + +V. ZITTERWITZ. Zu spaet, zu spaet! + +QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.-- + +V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hoeren. + +QUESTENBERG. Nach zwoelf bis funfzehn Tagen habe ich Webestuehle--frueher +werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten +arbeiten. . . . Niemand weiss davon, es bleibt Geheimniss.--Mit diesen +Webestuehlen ueberfluegele ich alle Concurrenten, mache mich in kuerzester +Zeit zum Millionaer!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren +sehenden Augen Versuche an. + +V. ZITTERWITZ. Sie haetten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, +die Boerse wuerde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf +anzukraenkeln!--Das Buergerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst +ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's fuer den +Aufloesungsprozess unsrer veralteten Formen! Wer von jenen +mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfaehige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, +die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus +zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und +Dampfmaschinen bedienten, im Koerper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, grosser franzoesischer +Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines +beruehmten Versailles heute beim mittelmaessigsten Werktagsmanne. Tritt in +den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stuehle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schraenke und Gestelle +deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, +Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capricioesesten +Maitressen nie gefehlt haben wuerden. Wohl rufst du betruebt: erhielt +meine Herrlichkeit sich nicht laenger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Koenige +und den Koenig zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehoere dem besonnenen +Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung desshalb die gebuehrende +Aufmerksamkeit. Bewaehrt sie sich, so--seien Sie verstchert . . . + +QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! + +V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten +und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu +huldigen! . . . Apropos, wie stuende es mit den Zinsen, im Falle . . . + +QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. + +V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine blosse Erfindung, so zu sagen, +auf eine Idee sein schoenes Geld verleiht, koennte auch wohl zehn +Procentlein verdienen? + +QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche-- + +V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . + +QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche +Ihnen . . . + +V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen +schriftlich abgemacht. + +QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. + +V. ZITTERWITZ. Es ist schon spaet, man erwartet mich zum Nachtessen . . . +(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thuere bleibt er sinnend +stehn.) Der fatale Laerm an der Boerse! . . . Wuesste ich ein Mittel die +Zweifel der Glaeubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten +Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 +Thaler sind fuer Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen +eines Verschmachtenden . . . Verhaelt es sich nicht so? Wie lange fuettert +mein Capitaelchen Ihre eisernen Riesen satt? + +QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. + +V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein grosser Spielraum zur Abkuehlung der Koepfe +unsrer Geldmaenner. + +QUESTENBERG. Sieht man morgen, uebermorgen und nachuebermorgen das Feuer +meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben +ergeben, dass es nur brodneidische Verlaeumdungen oder falsche +Speculationen gewisser Leute waren, die-- + +V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? + +QUESTENBERG. Vorzueglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den +Scheinheiligen unuebertrefflich. + +V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer fuer einen kalten, ruhigen, +ueberlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute +ganz still verhielt. Man bestuermte ihn um seine Meinung, allein er wich +der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner +Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. + +QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Buecher nicht aufschlagen. + +V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine +heirathsfaehige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . + +QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . + +V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste +juristische Examen. + +QUESTENBERG. Ich hege laengst ein Project der Art, nur weiss ich's nicht +auszufuehren. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so +fuehlt er Absicht und weist mich beleidigt zurueck; ich verrathe ihm die +Ohnmacht meiner Lage-- + +V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu +verdaechtigen der Ihr Wohlergehn wuenscht, gegen den Sie unfaehig sind, den +schwaechsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld +und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muss zu Stande kommen. Der +Banquier darf uns nicht widerstehen. + +QUESTENBERG. Ich lege Glueck und Unglueck in Ihre Hand. + +V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche ueber +Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rueckkehr an Ihren Herrn +Sohn, und . . . + +QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. + +V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt +mich . . . + +QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jaehrlich fast so viel als ich +morgen von Ihnen borge. + +V. ZITTERWITZ. Die grossen Staedte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe +dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Muessiggaenger, Fantasten, +Wolluestling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. + +QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir faellt ein Mittel in den Sinn--'s +ist durchaus nicht zu kuehn . . . Wenn ich uebermorgen oder spaetestens +Sonntag ein recht grossartiges Fest arrangirte! etwa fuer zehn bis zwoelf +Tausend Thaler-- + +V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Glaeubiger sollen kommen +und beschaemt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das ueppige +Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und +funfzig Musikanten-- + +QUESTENBERG. Die sechzig Koeche und Kellner-- + +V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert +auf Borg die Meerkrebse-- + +QUESTENBERG. Die Fasanen-- + +V. ZITTERWITZ. Die Schildkroeten-- + +QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern-- + +V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das +Porter Bier-- + +QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den +Mokka-Caffee-- + +V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten-- + +QUESTENBERG. Wir grossmaechtigen Maenner der Boerse?! + +V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?-- + +QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschiessen und Kegelschieben, den +Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle koestlichen Decorationen? + +V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwaermerischer Lieder, +zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller +kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Dass +sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe +fuer Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es muessten hoellische Dinge +uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fraeulein Boerse seine +Verlobung feierten!--Man soll dem Unglueck Trotz bieten bis auf den +letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist +moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Naehere, will's Gott. + +QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. + + + +Zweite Scene. + + +QUESTENBERG (allein). Der alte Suender! Ich zaehlte auf ihn am wenigsten +und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Waere doch jeder +Glaeubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Gueter wie er, +und ich haette keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir +Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, dass kein edlerer +Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten +verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder +zum Schreiben.) + + + +Dritte Scene. + +QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit +reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber +brodirten griechischen Muetze.) + + +DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, dass ich in Ihr Heiligthum eindringe. + +QUESTENBERG. Was giebt's denn? + +DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. + +QUESTENBERG. Ich komme. + +DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? + +QUESTENBERG. Es dauert hoechstens noch ein Viertelstuendchen. + +DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschaeftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren +seit Jahren getrennt, kaum hiessen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich +hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewaehren zu +koennen--aber wenn das so fortgeht, muss ich mich vollkommen unnuetz in +Ihrem Hause fuehlen. + +QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem +Modelleur 5400--ich hege kein Beduerfniss nach einem--fuer rafinirtes +Brennoehl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art. + +DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu +verlassen? + +QUESTENBERG. Weil ich nicht laenger zahlen kann . . . 9000 +Theertonnen--Fuehlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? + +DER DOCTOR. Ich? + +QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Geruestbretter-- + +DER DOCTOR. Lust? nein. + +QUESTENBERG. Du moechtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt +umherschwaermen als Hans von Ohnesorgen? + +DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es wuerdiger als hier +unter vergitterten Thueren und Fenstern den Judas von allem Schoenen und +Sittlichen zu spielen. + +QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide +20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermaehlen muessen . . . + +DER DOCTOR. Muessen? + +QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . . + +DER DOCTOR. Das heisst also, Sie wuenschen nicht mehr fuer mich zu +bezahlen. + +QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich +noch lange bei mir auf der Baerenhaut halten! + +DER DOCTOR. Schoen. + +QUESTENBERG. Nicht wahr? + +DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermaehlen . . . Sie haben vielleicht +eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? + +QUESTENBERG. Fraeulein Blashammer. + +DER DOCTOR. Ah gratulire! (fuer sich schaudernd) Brrr . . . + +QUESTENBERG. Ein Maedchen von vielseitigster Bildung. + +DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). + +QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig +franzoesisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich fuer +Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst fuer Naturwissenschaft--dichtet +Liebeslieder und Trinksprueche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit +bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich +nicht irre, sogar Kritiken fuer belletristische Journale . . . (Er steht +auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? + +DER DOCTOR. Darf ich eine aeussern? + +QUESTENBERG. Ich bitte. + +DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. + +QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen +etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage +zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! + +DER DOCTOR. Sie haetten keine Ruecksicht auf meinen Charakter nehmen, +sondern nach Ihrem innersten Geschmacke waehlen sollen, folglich ein +Maedchen, welches Sinn fuer das Haeusliche hat, mit den Maegden in der Kueche +schaltet, Struempfe stopft, Hemden naeht und ueber jeden Pfennig sorgsamst +Buch fuehrt, ein Maedchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, +Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, +Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glueck! + +QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verruecktheit so vernuenftig oder aus +Vernunft so verrueckt. + +DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er +in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich fuer +Sie aus Paris mit. 's ist die beruehmte Schutzzollrede Ihres +Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. +Moege die Lectuere Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit +meiner Ankunft gaenzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) + +QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die grossen Staedte +seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) + + + + +Abtheilung II. + +Eine aermliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund +steht ein Modell. + + +Vierte Scene. + +ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von +KLAUS. + + +KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, dass er Dich mit +einer Aussicht auf eine Anstellung vertroestet? + +ALBERT. Es sind drei Jahre, dass er mir drei Stunden taeglich von der +Arbeit schenkt . . . + +KLAUS. Welche Gnade! + +ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des +gemeinen Mannes grossmuethiger unterstuetzt? + +KLAUS. Haette ich Deine Finger--ah, ich saess' laengst in Paris oder London +und scharrte das Geld haufenweis, ungezaehlt . . . + +ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die +faehiger und geschickter sind als ich . . . Man muss Deine Einfalt +aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie +von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der +Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der +Akademie--Machten Sie Reisen nach den groessten Fabrikstaedten +Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant wuerde Augen +machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene +Gerechtigkeit, aber bin ueberzeugt, dass er mich besser stellen wird, +sobald ich ein Verdienst besitze. + +KLAUS. Giebst Du mir fuenfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von +hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? + +ALBERT. Hier? + +KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem +Modell zu irgend einem grossen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen +Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben +und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden +wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Strasse. + +ALBERT. Schade, dass Du kein reicher Mann bist, ich wuerde gute Geschaefte +mit Dir machen. + +KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Buechern zusammen, dass das +Talent in jenen freien Laendern schneller zu etwas kommt. + +ALBERT. Da Du davon ueberzeugt bist, geh' mir voran. + +KLAUS. Mit Dir laesst sich nichts Vernuenftiges reden . . . + +ALBERT. Goenne mir die wenigen Stunden, welche ich fuer mich habe. + +KLAUS. Weisst Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger +der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen +eifersuechtigen Concurrenten verbergen, in Abhaengigkeit und Dummheit +erhalten. + +ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. + +KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues grosses Modell--ich helfe daran so +gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und +machen mit grosser Schrift durch die Zeitungen bekannt: hoechst merkwuerdig +fuer alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von +unermesslicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in +halber Zeit das Doppelte des bisher gebraeuchlichen leistet. Zu sehen +taeglich und stuendlich. Entree fuenf Silbergroschen. + +ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. + +KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's +nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe laesst es von +Sachverstaendigen pruefen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir +ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu +entschaedigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst +sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeistroemen und den grossen +Fortschritt des neuen Jaquard begruessen. + +ALBERT. Du blaehst die Muecke zu einem Elephanten auf. + +KLAUS. Es foerdert unsern Zweck! + +ALBERT. Ich schaetze die Erfindung gering.--Und gehoerte sie mir allein, +so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen +gelehrten Technikern gebuehrt das groessere Verdienst . . . + +KLAUS (verzweifelt). Dafuer, dass sie sie Dir wegstehlen. + +ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu +sehen; ich fuehle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich +erstrebe ist meiner Begabung gemaess; mit Recht darf ich ausharren und +meinen Durst nach Vervollkommnung loeschen . . . + +KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst +lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die +falsche Bescheidenheit fuehrt!--Elender Sclav', richte Dich empor, +erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch +ich habe zu viel getrunken, ich weiss nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnuegen macht, gute +fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.-- + +ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der +Meister meines Geschickes bleiben. + +KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmaechtigen +Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschuettert und um und um +geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Haende und +Fuesse und dann an das Werk gesetzmaessiger Bildung; 's ist klar wie das +Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem +Rath!--O besaessest Du Courage! Wir koennten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter +Deinem Talente nicht verkriechen. + +ALBERT. Ich glaube selbst, dass in Dir ein grosser Banquier verloren ging. + +KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. + +ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. + +KLAUS. Zunaechst nichts weiter. + +ALBERT. Was fingest Du wohl an, wuerdest Du Herr einer Million? + +KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue +Muetze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus +der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? + +ALBERT. Nein. + +KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich +begegnete ihn mit seinem neufundlaendischen Hunde in der Allee. Nach +Gebuehr zog ich die Muetze,--indess der Dank wurde mir von dem Herrn wie +von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht uebel . . . + +MARIE (singt draussen). + +KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im +Pfeffer. Deshalb muss Sclaverei suess schmecken und die Wahrheit verlaeugnet +werden. Pah, ich verstehe Dich laengst, Albert--mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus +der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist +geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer +Beduerfnisse" . . . + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. MARIE. + + +ALBERT. Warum kommst Du nicht naeher? . . . Gruess Dich Gott! + +MARIE. Fuercht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stoeren. + +KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um hoechst einfaeltige Fragen. + +MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Woertchen mitzusprechen? + +KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.-- + +ALBERT (mit leisem Laecheln). Es wird uns zur Erbauung dienen. + +MARIE. Traun, dann hoert! Ich halte fuer besser, dass Ihr an Eure Arbeit +denkt. + +KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht +schaden. + +MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein +ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst fuer einen guten Rock, dann +meinetwegen fuer einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! +Glueck zu! + +KLAUS. Ihre Vorwuerfe sind ungerecht. + +ALBERT. Was bringt Dich so auf?! + +MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, dass Du an Klaus Geschmack +findest-- + +KLAUS. He, bin ich ein Missethaeter? Warum soll er nicht an mir Geschmack +finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . . + +MARIE. Dass ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! + +KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen als +Entgegnung einen Spiegel vorhalten koennte, der Ihre liebreizende +Jungfraeulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders +guenstigen Lichte darstellt. + +MARIE. Das waere abscheuliche Verlaeumdung. + +KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles +verkehrt. + +MARIE. Was liess ich mir denn zu Schulden kommen? + +KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. + +MARIE. Ueberfluessig!--Heraus damit. + +KLAUS (sarkastischen Laechelns auf Albert anspielend). Es moechte Ihnen +bei Jemand einen Meineid kosten-- + +MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die +Thuer, schuetze mich! + +KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. + +ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Laestermaul +bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . + +KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . + +ALBERT wendet ihm den Ruecken. + +KLAUS. Hi, hi, hi,--koennt ich mich aus einer Kanone dem Herrn +Questenberg in's Herz schiessen, so thaet' ich's. Fuer Dich bin ich im +Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergass +der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden-- + +MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. + +KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein +sehr schmucker Herr aus der Fremde zurueck. Die Jungfer wird sich an ihm +die Augen versehn! + +MARIE. Pfui. + +KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespraech ab als ich +in die Stube trat, wovon war die Rede? + +ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. + +MARIE. Und musste Dich tief erschuettern! . . . Ha, Du schenkst seinem +Rathe innerlich Beifall, Du haengst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es +steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Laengst ward mir klar, dass ich +Dir ein Hinderniss bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich +nicht vereinen lassen: es sind bereits fuenf oder sechs Jahr! Traun, 's +ist Zeit, Dich zum Ziele zu fuehren. Albert, ich bin bereit, mich Deinen +Traeumen zu opfern! + +ALBERT. Meinen Traeumen!? + +MARIE. Besaesse Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte +ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so haett' er schon fuer +Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gross. Wohl +kostete es ihm ein Woertlein nur und die Regierung oder der Koenig naehme +Dich in Schutz. Du wuerdest auf oeffentliche Kosten in den Akademieen +ausgebildet, nach allen beruehmten Werkstaetten der Industrie geschickt +und nach ueberstandener Pruefung in einem Etablissement des Staates +untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Huelfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath +treibt Dich ein hohler Duenkel durch eine oede Wueste unaussprechbarer +Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne +es von ferne zu sehen. + +ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn +Questenberg. Glaube mir, er unterstuetzt mich aufrichtig-- + +MARIE. Etwa in dem Sinne, dass Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren +sollest-- + +ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an +meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich +verbindet, welches mir sagt, dass ich ein hoeheres Wesen bin als das +beschraenkte Thier. + +MARIE. So schwaermt Klaus. + +ALBERT. O, Du fuehlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. + +MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den +Webestuhl, doch arbeite, statt fuer die Vervollkommnung seines +Mechanismus, fuer die Erhoehung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum +Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in +die Fabrik ein. Wie ueberfluegelte er Dich! Du stehst noch immer auf der +untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, waehrend er bereits +Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche gluecklichere Thaetigkeit +begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Grossen +Herr . . . Schwoere den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln? + +ALBERT. Hoere auf davon. + +MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich +fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloss: Du sollst unser Haus +raeumen; die Umstaende gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! +Schnuere das Buendel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange +und die Gewohnheit an mich schwaecht sich in Dir ab.--Schon morgen wird +ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das +Truggebilde der Freiheit begruessen als Erloeserin, und im Dunkel der +Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne +Schaam! Bereu' meine gekraenkte Jugend nicht, eben so wenig meinen +beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel +und mein Raecher! Warum verschloss ich meine Sinne jedem Rathe der +Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte +schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem +Monate, von einem Jahre zum andern in suendhafter Geduld, Dir feige +verschweigend meine Pein?! + +ALBERT. Erbarmen! + +MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin, +verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) + +ALBERT. Bleib' Marie. + +MARIE. Was wuenschest Du noch? + +ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein grosses Fest. Es laesst sich +voraussetzen, dass er aussergewoehnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm +ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die +Darstellung unserer Lage zur Grossmuth gestimmt werden? sollte das Gefuehl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . + +MARIE. Versuch's. + +ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell +einen Rock an). + +MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekraenkter +Stolz, verschmaehte Liebe vergiss! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! +Kuerze die schreckliche Zeit der Ungewissheit! Sprich mit feurigen Zungen, +male unser Elend, dass es Steine zu Thraenen ruehrt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle +Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! + +ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). + +MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). + + + + +Zweiter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vorzimmer zum grossen Festsaal. + + + +Erste Scene. + +ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich +in einem Lehnstuhl. + + +QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst +von Deiner Braut als waere sie Dir eine Last.-- + +ALBERT. Um Entschuldigung-- + +QUESTENBERG. Du thatst Aeusserungen, die darauf schliessen lassen.--Doch +sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, +ja! Und was bemerktest Du, dass ihr zu Liebe Dein Wille sein wuerde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schuechtern-- + +ALBERT. Ich saehe mich genoethigt meine Uebungen einzustellen. + +QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das +grosse Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es +Dir zur Vorschule im Aufreissen der Maschinen. 's ist das populaerste und +beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maassstabe nachmachen und ueber jedes Detail der Construction mir die +klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und haendigt +es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schuechtern +aufschlaegt.) + +ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese +Figuren. Eine neue Welt erschliesst sich mir! + +QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. + +ALBERT. O Gott, koennte ich alles auf einmal verschlingen. + +QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses +schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darueber die thoerichten +Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. + +ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das +Buch durchuebe--laenger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde +ich's dann wagen koennen zu bitten-- + +QUESTENBERG (laechelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit +dasselbe Dein Eigen ward. + +ALBERT. So fahre hin grosser Meister, Dir zu folgen bin ich zu +schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) + +QUESTENBERG (die Haende auf dem Ruecken, vor ihn tretend). Bedenk' Er +Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. + +ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreisst mir das Herz! + +QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche +Schlafstelle wo 's 'ne verfuehrerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen +und Kuessen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nuetze die billige +Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten +und er lacht sich schon schadenfroh in's Faeustchen. Aber sieh, wie's +nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen +erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu +lernen, nuetzliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht +jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, koennte man den +Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tuechtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade +Vernunft und Moral! Alle schoenen Entwuerfe des hoffnungsvollen Juenglings +muessen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du? + +ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. + +QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in +der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stuetze und was das +entmuthigendste, man quaelt sich und weiss nicht wofuer! Kannst Du's noch +zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glueckte! Entsage den +taeuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese +Gefuehle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich +kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes +stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der +erschoepfenden Arbeit spaet Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Huette! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein +blasses Weib, nachlaessig mit Lumpen behaengt, in der unerbaulichen +Haushaltung an Koerper und Geist verkuemmert, kommt Dir muerrisch oder +vorwurfsvoll entgegen. Sie haelt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses +und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du +giebst nicht genug; wir muessen verhungern. Abscheulicher, ich weiss wo +das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Saeufer und untersucht Dir +verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden +sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das noethige Holz und +auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiss ringt dem kurzen Tage +kaum die Haelfte der Beduerfnisse ab. Die Zukunft muss verpfaendet werden. +Schulden ueber Schulden haeufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die +Thaetigkeit stockt, die Loehne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Glaeubiger werden ungeduldig, sie stellen einen +Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der +elende Kram des Hausrath's muss fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet." +"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie koennen auf faulem Stroh in der +Kaelte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das +ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die +Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschoepfe +hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. + +ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Maedchen denn keine troestende +Hoffnung ueberbringen!? + +QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll +helfen, dass Dein schoenes Talent sich im Keime zerstoere? Da muesst' ich +kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Lass Er die Dirne +fahren, versteht Er, Herr Pinsel? + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ. Wir stoeren doch nicht? + +QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die +Guete naeher zu treten. + +V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? + +QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht +seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Musste eine moralische Lection ausgetheilt werden? + +QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? + +V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, +aber ich wuerde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fuenf Minuten +befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig +hoffnungsvoll vor . . . Fast moechte ich wetten, dass es zu den +Proudhonisten gehoert, naemlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, +die Eigenthum fuer Diebstahl halten. + +QUESTENBERG. Er gehoert zu den Socialisten. + +V. ZITTERWITZ. Die traeumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund +verrathen's. Ha, koennte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von +seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialitaet sich +entfesselt! + +QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. + +V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmaenner entwickeln noch +zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit +der Wurzel auszureuten. + +QUESTENBERG. Was wird denn versaeumt? + +V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung fuer mich behalten.--Stuend's in +meiner Macht, so muesste der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein +starker Aderlass oder etliche Schroepfkoepfe wuerden ihm schon die +Demagogenhitze vertreiben. + +QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend +zu stellen, das liebe Vertrauen besassen. + +V. ZITTERWITZ (unglaeubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen +sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine hoechsten +Gueter!--Was bemerkt doch Goethe darueber--ich glaub' 's ist der alte +Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean +Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein +paar Groschen bei mir--es draengt mich meine schiefe Meinung . . . + +QUESTENBERG. Bemuehen Sie sich nicht, ich bitte. + +V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thaelerchen, gleichsam zur Ermunterung, +schweigend in die Hand druecken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in +Unfrieden, 's ist unpassend . . . + +QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. + +V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . + +QUESTENBERG (zu Albert). Du ueberhoertest wohl vorhin meinen Befehl? +(Albert zoegert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) + +V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus +Christus, der Verkuender unserer erhabenen Religion, wurde in einer +Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten +Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher +Wohlthaeter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten +die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, dass jeder +aecht wissenschaftliche Anhaenger der Geschichte sich darob vor Erstaunen +gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fuehlt! Meiner Seel', +ich rueckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, wuerde +mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen +zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem +Buben ein huebsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, taeglich einen +guten Braten, so schlaegt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt +mit seinem Talente nuetzen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, +eitel, wolluestig, ueberspannt und politisch! Bald stolzirt er als +Haeuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit +Nackenschlaegen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen +wollte--Ich sprach eben auf der Boerse mit Blashammer . . . + +QUESTENBERG. Wird er kommen? + +V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe +Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. + +QUESTENBERG. Nun? + +V. ZITTERWITZ. Er hat express den alten langen Rock mit einem neuen +vertauscht, noch mehr, er liess sich die Haare verschneiden und sogar +brennen! + +QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim +durchreisenden Finanzminister galt. + +V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, +die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. + +QUESTENBERG. Unmoeglich! + +V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, muessen die Schreihaelse sich +verkriechen. + +QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . + +V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog +sich suess-saeuerlich und schien beistimmend laecheln zu wollen . . . +Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn +herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor +Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher musste +mir schon die schoensten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein +Paeckchen Karten.) + +QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, +Verlobte. + +V. ZITTERWITZ. Gefaellt die feine Schrift? + +QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals +sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhaenge der breiten Mittelthuer fort. Man +blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel +die Herren und Damen stehn.) + +V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! + +QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig +eins, geziemt's die lieben Gaeste zu begruessen. + + + +Dritte Scene. + +DIE GAeSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drueckend). Willkommen von +Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glueck, dass Sie mir +bereiten', so ist es der, gefaelligst fuerlieb zu nehmen. + +V. ZITTERWITZ. Willkommen schoenes Fraeulein Adelgunde.--Was macht die +traute Freundin Pipi? + +QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiraethin, dass der Herr Gemahl +bettlaegerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu +scharf! + +V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, +lieber Oberbuergermeister. (Der Oberbuergermeister verbeugt sich tief). + +QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . +Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer +lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der +Fuss des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut +mich! + + + +Vierte Scene. + +DIE VORIGEN. EIN SAeNGER in feiner Toilette. + + +DER SAeNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel +unten lachen und rufen: bravo, bravo!) + +V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man +darunter? + +BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich +meines Theils denke, es ist die Esskunst.--Stimmen Sie mir gefaelligst +bei, ich bitte . . . + +V. ZITTERWITZ. Das sind auslaendische Krebse? Ah ich ass sie einst in +Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du +quartier latin_ . . . Schein und Duft waessern den Gaumen . . . . +(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den +jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen +auch? + +DER DOCTOR. Freilich. + +V. ZITTERWITZ. Und es enthaelt nichts Anstoessiges, was Maenner von +staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? + +DER DOCTOR. Ich buerge Ihnen.-- + +V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? + +BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Huelle und Fuelle. Ich wuerde +fuer ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehoerig in Bewegung setzt, als +zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Laemmer, +Laemmerstrass' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir +die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste +Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor? + +DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der +Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . + +BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glueck haben, neutral zu +bleiben, denn ich weiss nicht in welcher Stimmung ich bin! + +V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . + +DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fliesst aus meiner +Feder, hi, hi, hi . . . . + +V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! + +BLASHAMMER. Was saeuselte er Ihnen in's Ohr? + +DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. + +V. ZITTERWITZ. Wir muessen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie +werden lachen, indessen ich Thraenen vergiesse . . . Der junge Doctor ist +auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum +Anfang). + + DER SAeNGER (mit Orchesterbegleitung). + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In jedem Herzen wiedertoent, + Zur Einheit Jung und Alt versoehnt? + O halte ein! + Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + Den Schwachen schuetzt, den Starken wehrt, + Des Heilands Worte froemmig ehrt? + O halte ein! + Sie koennt' es wohl und darf's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In Land und Stadt der Leute Fleiss + Zum Ziel des Heils zu lenken weiss? + O halte ein! + Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Das Recht verklaert, den Geist erhebt, + Die Menschheit zu vergoettern strebt? + O halte ein! + Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Die Sitte lenkt, das Leben fuehrt + Und jede Handlung edel ziert? + O halte ein! + Sie kann es schon gewiss nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + So nennt sie endlich mit Vergunst! + Es ist doch nicht die Niedertracht, + Wo feig der Schalk sich selbst belacht! + O halte ein! + Sie kann es nie von Herzen sein. + + Sie kann es nie von Herzen sein, + O Gott vom Himmel sieh' darein + Und staerk' uns bald mit heil'ger Kraft: + Es falle ihre Meisterschaft! + O stimmet ein, + So soll es und so wird es sein. + + + +Fuenfte Scene. + +Alles wie vorher, ohne den Saenger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geraeusch der Essenden, die +klappernden Heller, Messer und Gabeln hoert, beginnt V. ZITTERWITZ zum +DOCTOR: + + +V. ZITTERWITZ. Das schoene Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem +Verhaeltniss steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen +Persoenlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen +Galanterie? + +DER DOCTOR. In keinem. + +V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht uebel. Ihr "leben +und leben lassen", Ihre geniale Luederlichkeit und aesthetische Bummelei, +mit Permission gesagt-- + +DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Hoechst schmeichelhaft . . . . + +V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie haette ich in Ihnen einen +Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. + +DER DOCTOR. Betrachten Sie alle grossen Worthelden unserer Zeit, zum +Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER +erhebt sich mit einem Becher.) + +V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? + +BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat +gewiss kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und +Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die +Geruechte waren, welche neidische Verlaeumder seit einigen Tagen gegen ihn +in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Luegenbrut! Heben +wir uns im Vollgenuss des schoenen Festes ueber alle Geruechte mit dem U E +geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdaechtigten durch die +innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere +ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! + +QUESTENBERG setzte sich erblasst nieder. Trompeten- und Paukentusch, in +den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geraeusch. Es bilden sich Gruppen. + +BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeuebtheit im Toastausbringen; das +Schicksal beguenstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geraeusch +bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ +zusammen.) + +V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen faellt! Alle, ohne +Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu druecken. + +BLASHAMMER. Zum Schein. + +V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Ungluecklichen wirklich +verloren? + +BLASHAMMER. Ja . . . + +V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). + +BLASHAMMER. Dass Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! + +V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich pruefte wohl, was ich +that. + +BLASHAMMER (ironisch laechelnd). Zweifelsohne auf Grund der grossen +Erfindung. + +V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . + +BLASHAMMER. Alles. + +V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hoelle! + +BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiss die glaenzendsten +Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine +zu gleicher Zeit Versuche an? . . . + +V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen-- + +BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! + +V. ZITTERWITZ. Sie muessen falsch unterrichtet sein. + +BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder +selbst brachte sie mir in's Haus . . . + +V. ZITTERWITZ. So! + +BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewoehnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. +Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle +verwarfen das Project als gaenzlich unpraktisch--Einige Versuche im +kleinen Maassstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, moegen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben +verbittert! + +V. ZITTERWITZ. Er ein Betrueger! + +BLASHAMMER. Der Mann weiss keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist +wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein-- + +V. ZITTERWITZ. Wir koennen morgen in der naemlichen Lage sein und durch +eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! + +BLASHAMMER. Allerdings. + +V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah, +Sie machten mich nur zum Narren . . . + +BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. +(laut) Wuerden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan haette? + +V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der +Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu +Questenberg wohl nur erproben-- + +BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unaecht ist. + +V. ZITTERWITZ. Im naemlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? + +BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wuenschte nicht, dass man mir einst +nachsagte, ich half die Leute taeuschen, weil ich dem jungen Doctor meine +Tochter vermaehlt. + +V. ZITTERWITZ. Aha! + +BLASHAMMER. Verstehen Sie? + +V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder +der groesste Schlaukopf, welcher lebt. + +BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Buergersmann. + +V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt +zu Questenberg, der ihm unwillig Gehoer zu schenken und zu folgen +scheint. + + + +Sechste Scene. + +BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. + +(Zwei Diener ziehen die Vorhaenge zum Saal zu.) + + +V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn +beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! + +QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! + +V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fuehlt sich +uebergluecklich Ihren Entschluss zu vernehmen.-- + +BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, dass ich +alles ruecksichtslos tadle, was . . . + +V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. + +BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein +Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! + +V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen-- + +BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein +schoener junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem +Liede hoere, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er +anzuschlagen versteht, muessen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +grosse Mittel die Rolle eines wohlbegueterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so +geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt +ihm dann fuer's Portefeuille eines Ministers? + +V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses +durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. + +BLASHAMMER. Wohl that ich mir am ueppigen Diner zu guetlich--gehen wir ein +bischen in's Freie. + +V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwaerts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen +den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). + + + +Siebente Scene. + + +QUESTENBERG. . . . Ich wette, dass Blashammer hinter die neue Erfindung +kam--anders waere sein Betragen raethselhaft. Er strebt mich heimlich zu +entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu wuerde er sonst die +Boerse in Schrecken setzen, die Glaeubiger von mir abwenden und dem +Heirathsproject Beifall schenken? + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Was giebt's Papa? + +QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. + +DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde +gluecklich zu Wasser. + +QUESTENBERG. Hoere mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine +Schmach. + +DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. + +QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? + +DER DOCTOR. Fraeulein Blashammer. (bei Seite) Eine schoene Gelegenheit ihn +zu necken. + +QUESTENBERG. Wirklich! + +DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ + +QUESTENBERG. Endlich raeumst Du Deinem Vater das Feld! + +DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel +lieber heute als morgen, denn am Ende behaelt er doch Recht! . . . Wie +sehr wuenschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch +gluecklich zu werden, indessen-- + +QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! + +DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der +Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser fuer ein +Fraeulein Blashammer zu schwaermen, ist's besser einem grossen tiefen +Beutel voll Geld als einer grossen tiefen Liebe sich zu opfern. + +QUESTENBERG (lachend). Das Laecherlichste der menschlichen Komoedie waer's +in der That, muesste ein Lebemann Deines Schlages ploetzlich den graemlichen +Staatshaemorrhoidarius spielen und fuer das sauerste Stuecklein Brod sich +bis ueber die Ohren im Actenstaube begraben! + +DER DOCTOR. Ich stuerbe aus Gram! + +QUESTENBERG. Ach was geht darueber ein eigener Meister zu sein, den +Goettern der Fantasie und Laune stets huldigen zu koennen! + +DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Roemer; 's ist ein +Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient +die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwuerfig! Strebe nach +Besitz und Du strebst nach dem hoechsten Gut! + +QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. + +DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit +stattfindet? + +QUESTENBERG. Noch nicht. + +DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? + +QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . + +DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmoeglich! + +QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit ueber den +wichtigen Punkt . . . + +DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! + +QUESTENBERG. Wir muessen es schon in guter Hoffnung wagen . . . + +DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! + +QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. + +DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trueben--kann sich der Doctor nicht +verlieben. + +QUESTENBERG. Ironischer Narr! + +DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiss den suessen Preis! + +QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) + +DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stuecklein nach Gebuehr. (Er will +fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG haelt ihn mit flehender Gebehrde fest.) +Die Musik mahnt! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur fuer Dich! + +DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. + +QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . + +DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. + +QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o lass Dich beschwoeren! + +DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimaeren. + +QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde +und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will +geh'n.) + +DER DOCTOR. Papa . . . + +QUESTENBERG. Ich sprach genug. + +DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. + +QUESTENBERG. Naemlich? + +DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gaeben, dass Fraeulein +Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. + +QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. + +DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kraeftigen Handschlag. + +QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) + +DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel +und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Die Huette des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern +genagelte Schraenke. Ein Tisch, etliche Baenke u. dgl. + + + +Neunte Scene. + +FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). + + +MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter. + +FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein +Schlenderer, ein Traeumer, der uns und Herrn Questenberg nur das +Vertrauen stiehlt. + +MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. + +FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr +anstellen! Was versteht er! + +MARIE. Geduld! + +FRAU ZIEMENS. Ich will's fuer alle goldnen Herzworte, fuer alle Seligkeit +des Himmels nicht: er muss aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der +Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich +vor uns wie vor einer boesen Krankheit zurueck. . . Du erlerntest alles +was zur nuetzlichen Hausfrau gehoert und besitzest ein Gesicht, das sich +in der ganzen Vorstadt nicht schaemen darf; waere der Bube nicht da, so +haetten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, +der frueher ein Auge auf Dich warf. + +MARIE. Wiederhole mir nicht taeglich denselben Sermon! + +FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten +Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? + +MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! + +FRAU ZIEMENS. He? oeffne den Mund. + +MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) + +FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege faellt ihm mit jedem Tage schwerer--Er +macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) + + + +Zehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. MARIE. + + +VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein +Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine +schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, +hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Faeden rollen, +nichts anderes sieht und hoert man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, +ha, toenet sie--'s ist als wenn ich zum juengsten Gericht soll; ein Hauch +aus hoehern Sphaeren weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit +neuem Leben und halb traeumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber +zufriedener heim, sie kommen aus bluehenden Fluren; ich, der +Christgeborene--aus modrigem Grabgewoelbe, tiefsten Kummers voll!--Ein +schnoeder Rang ueber dem bloeden Thier! . . (FRAU ZIEMENS traegt Essen +auf.) . . Wo hast Du doch das schoene Buch, welches der Klaus fuer den +Albert herbrachte; ich moechte die Fortsetzung hoeren. + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. + +VATER ZIEMENS. Mamachen! + +FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, dass ich hier warte? Komm', ich +trug schon die Suppe auf--(Sie fasst ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, +Marie. (Marie ab.) + +VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Kraempfe Dich? Du hattest heute +frueh ziemlich gute Mienen. + +FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . + +VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt +bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . + +MARIE kommt mit der Lampe. + +VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? + +FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzaehlen. + +VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn +fortzufahren.) + +FRAU ZIEMENS. Der Albert schnuert morgen seinen Buendel und raeumt das +Haus. + +VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? + +FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thraenen ein Ende--schaeme Dich!--Gieb dem +Alten einen Kuss und das Versprechen. + +VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! + +MARIE giebt ihm einen Kuss. + +VATER ZIEMENS. Lass Dein junges Blut von uns ueberwachen! Du wurdest nicht +geboren fuer das Glueck; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht +treffen,--Dein Stand heisst Entsagung! (Einige Schuesse in der Ferne.) Was +gibt's denn da? + +FRAU ZIEMENS. Es sind die Boeller von dem herrschaftlichen Schloss--Wohl +verkuendigen sie den Beginn des Feuerwerks. + +VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? + +FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? + +VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Muetterchen. + +FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufaellig durch des Kuchenbaeckers +Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und +Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's +Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Kuechenmeister durch die Eisenbahn +bis von Paris geholt. Die Kellner muessen in schwarzem Frack und weisser +Atlasweste aufwarten. Saemmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus +Meissner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und +Golde. Die seltensten Weine, Voegel, Fische, Schildkroeten, Krebse, Gemuese +und Fruechte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhaendler. +Endlich, alle vorzueglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsaenger, von +hier und den Nachbarstaedten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst +Du, he? + +VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen +lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. + + + +Zwoelfte Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm +Arm, welches er auf eine Bank wirft.) + + +MARIE. Weh! + +VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! + +MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmaechtiger, nun hilf mir fuer ihn! +(ab.) + +VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Muetterchen! + +FRAU ZIEMENS. Es wird sie toedten! (ab.) + + + +Dreizehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Haende und +sieht dumpf vor sich hin.) + + +VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind +allein. + +ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner +Lage . . . + +VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, dass es jetzt so +kommt, 's ist meine Schuld! + +ALBERT. Inwiefern? + +VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'! +oh, oh! + +ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Buendel +schnueren? + +VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . + +ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst +Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertaendelt, noch +immer kein Meister? 's ist ein Traeumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! + +VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen +muss noch brache liegen, wie der Acker einer wuesten Insel und Disteln +zeugen, geiles Unkraut, statt suesser Frucht und edlen Saamen. Hier in der +erstorbenen Brust wird er geboren erst, der grosse Held, der es erloesen +soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der +Thuere draussen ein alter Lindenbaum, der Urgrossahn meines Vaters hatte +ihn gepflanzt. Ein boeses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen +morschen Fuss. Ich, ein Juengling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, dass sich erfuellte, was man +unter dir getraeumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, +des Lebens Trauer: ich will ein Bildniss fertigen aus deinem Holz, durch +das die Menschen sich erinnern moegen und mit gutem Vorsatz staerken. +Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem hoeheren +Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen +Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche haengte, ueber der +Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekroent und +sterbend gesenkt! . . + +ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erloesers +Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) + +VATER ZIEMENS (geruehrt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, +edler Juengling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur kuenftigen +Scheidestunde--hoerst Du? + +ALBERT. Ich darf nicht; Marie kuendigte mir; 's ist Euer wohlgepruefter +Wille, dass ich geh'. + +VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwaeche ihm eingab! + +ALBERT. Die Vernunft war's, seine Staerke! + +VATER ZIEMENS. Kraenkten wir Deinen Stolz? O vergieb! + +ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! + +VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser duerftigen Huette! In ihr ruht die +Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. + +ALBERT. Das Nothwend'ge muss gescheh'n! + +VATER ZIEMENS. O, dass ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger +Verfuehrer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich +ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in +die Grube werfen? Albert, Albert! + +ALBERT. (Sein Buendel auf dem Ruecken.) Auf Wiederseh'n. + +VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! + +ALBERT. Buerger dieser Erde duerfen kein anderes haben! . . (Der Greis +schuettelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, +bleibt eine kleine Pause unschluessig steh'n. Ploetzlich, wie der Greis +auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) + +VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er +selbst nicht, ich traeumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne +Jubelgeschrei und das Geraeusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Huelflosen +nicht mehr auferlegst als sie tragen koennen, ich vertraue Dir in +Ewigkeit! + + + + +Dritter Akt + + + + +Abtheilung I. + +Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewaehrt. Seitwaerts das Schloss Questenberg's. Musik +abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. + + + +Erste Scene. + +BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. + + +BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich +an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniss; ich studirte nicht +umsonst Psychologie . . . + +BLASHAMMER. Haette er nur einmal mit ihr getanzt. + +V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. + +BLASHAMMER. Es muesste bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei +vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . + +V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . + +BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre +Fragen? + +V. ZITTERWITZ. Schuechterne Phrasen, wuerdig eines Poeten. . . + +BLASHAMMER. Ich muss der Sache auf den Grund kommen, ich muss wissen, +woran ich bin, ich habe nicht noethig im Finstern zu tappen--Nein +wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne +eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr +Regierungsrath, zurueck zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen! +Fort, beschwingen Sie Ihre Fuesse! + +V. ZITTERWITZ. Ich will mir Fluegel anlegen.--(Er bleibt zaudernd +stehen.) + +BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund +zurueck und beobachte, wie er sich gegen sie auffuehrt. + +V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! + +BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. + +V. ZITTERWITZ (fuer sich). Die Sache wird hoechst kritisch!--Viel +Vergnuegen mein Fraeulein. + +BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. + + +BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann +sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) + +ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? + +BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere +singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. + +ADELGUNDE. Woher kommt das? + +BLASHAMMER. Gott weiss! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr +lange besitzen. . . + +ADELGUNDE. Einbildungen, Vaeterchen, nichts als Einbildungen. + +BLASHAMMER. Koennt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze +Seele gefangen!--fast alle Naechte traeumt mir von Hobelspaenen, +Kirchhoefen, Saergen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weisst, ging +ich in frueheren Jahren nur hoechst selten zur Kirche, jetzt darf ich +keinen Sonntag versaeumen und haeufig draengt's mich noch Dienstag's und +Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschaeft an der Boerse +vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine +Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt +schaedlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir +schlaflose Naechte . . . + +ADELGUNDE. Du musst auf solche Kleinigkeiten nicht achten. + +BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache +zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfuellt, wirst +Du's natuerlich finden, dass ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie +zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke +in Betreff--Erraethst wohl schon mein Taeubchen? Schlag' Deine Augen nur +auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte +Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewoehnliches, 's ist von Gott +eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern +Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hoerst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. + +ADELGUNDE. Hier? + +BLASHAMMER. Ja. + +ADELGUNDE. Aber mein Vater. + +BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon +oft auf der Promenade in dem schoenen blauen Frack mit den goldenen +Knoepfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall. + +ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! + +BLASHAMMER. Traun, schoenen Dank, wie's sich ziemt.--Da, kuess' mir die +Hand. + +ADELGUNDE (die Hand kuessend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, +wie schnell geht das! + +BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich hoere Tritte.--Er wird's +sein . . . + +ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. + +BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf +halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne kuessend.) Sei huebsch artig. . . (Er +geht.) + +ADELGUNDE (nachrufend).--Papa? + +BLASHAMMER. Meine Tochter? + +ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? + +BLASHAMMER (laechelnd). Er heisst, mein Pueppchen, er heisst--Wozu aber! +sogleich siehst Du ihn. . . + +ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) + +BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weisst, was +ihn erzuernt. + +ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich +gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unertraeglich--ich sehne +mich sie abzuschuetteln. + +BLASHAMMER ab. + + + +Vierte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] + +ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Fraeulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen. +Lassen Sie mich denn allein. + +V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Naehe. + +DER DOCTOR. Ach, wie schlaegt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? +ich weiss es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen grossen +Blumenstrauss nachlaessig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied +summend.) Ah, Fraeulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Straeusschen zu sammeln. + +ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? + +DER DOCTOR. _Au hasard_ + +ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. + +DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent egalement notre adoration._ + +ADELGUNDE. Das heisst, dieselben sind Ihnen sehr gleichgueltig. + +DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wuenschen Sie zu +hoeren, worauf ich meinen Ausspruch gruende? + +ADELGUNDE. _Avec plaisir._ + +DER DOCTOR. Auf das Buch der Buecher. + +ADELGUNDE. _Par exemple!_ + +DER DOCTOR. Mein Fraeulein, es steht im neuen Testament, dass wir uns +nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. + +ADELGUNDE. _Vous etes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois +alors . . ._ + +DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. + +ADELGUNDE.--_comment d'apres ce princip, arriveriez vous a une +inclination individuelle?_ + +DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur +individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich +verliebt--auf Befehl des Alten! + +ADELGUNDE. _Si, vous etes un vrai docteur esphilosophique, vous aurez +une reponse a toutes les questions . . . ._ + +DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Franzoesisch. + +ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ + +DER DOCTOR. Ich stehe beschaemt . . . . + +ADELGUNDE. _Mais vous n'etes pas philosoph?_ + +DER DOCTOR. Wohl war ich's. + +ADELGUNDE. _Eh bien?_ + +DER DOCTOR. Allein auch mich veraenderten die Zeiten wie manche brave +Burschenseele. + +ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ + +DER DOCTOR. Seit meiner Rueckkehr in's vaeterliche Haus. + +ADELGUNDE _Et apres?_ + +DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr +ernst. + +ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniss. + +DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst +ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau. + +ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. + +DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine +gueltigere giebt-- + +ADELGUNDE. Ich hielt Sie fuer einen Anhaenger der Freiheit. + +DER DOCTOR (laechelnd). Mein Fraeulein . . . . + +ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schoenen Spruches: "strebet, die +Wahrheit wird euch erloesen." + +DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und passt nicht in die Bibel. + +ADELGUNDE. Das ist mir neu. + +DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten +Wuerdentraeger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. + +ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie +glauben? + +DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fuerst, liebe Freunde, ich muss +im Interesse des Staates eure schoenen Einkuenfte um die Haelfte +vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen +Jenseits tausendfach vergolten-- + +ADELGUNDE. So murren Sie nicht? + +DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fraeulein, zu dem der Papa +sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen +Herrn Doctor. + +ADELGUNDE. Sie sind barock. + +DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefaellt,--allein ich denke das Beste +von den Menschen und habe den hoechsten Respect vor der christlichen +Tugend, die nach unsern beruehmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten +Unterwuerfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. + +ADELGUNDE setzt sich und seufzt. + +DER DOCTOR. Mein Fraeulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja +nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiss und wahrhaftig, nur +in Thorheit. + +ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, dass Sie die +Maske eines Heuchlers verabscheuen. + +DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Ungluecklichen Mitleid. + +ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER. Keine Stoerung, setzen Sie die Comoedie weiter fort. + +DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Huelfe. + +V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefaellt's den geehrten +Herrschaften . . . + +BLASHAMMER. Nur naeher getreten. + +V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schuettelnd; mit leiser Stimme.) Es +ging ja ausgezeichnet gut. + +DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. + +V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fraeulein hier +allein-- + +DER DOCTOR.--Was ausserordentlich auffiel-- + +V. ZITTERWITZ.--und uns verfuehrte, der geistreichen Unterhaltung zu +lauschen. + +DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Man liess mich rufen . . . + +V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spaet. + +QUESTENBERG. Was gab's? + +V. ZITTERWITZ. Ein aeusserst interessantes Gespraech. + +QUESTENBERG. Es handelte sich? + +V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . + +BLASHAMMER. Erstaune! + +V. ZITTERWITZ.--als von Liebe! + +DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. + +QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. + +BLASHAMMER. Ich wusste es schon gestern, dass er fuer Adelgunde schwaermt. + + +ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ + +DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . + +BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen +Blick zu der mehr besagte, als . . . + +ADELGUNDE. Papa! + +BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhoerliche Tanzen mit ihr. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Sie verzeihen, mein Fraeulein! + +V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, dass die jungen Leute +zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstaende, sondern--hoeren Sie? + +QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? + +BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Vaeter!--Eure Haende, Kinder, dass +ich sie ineinanderlege. + +V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon-- + +QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. + +V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! + +QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! + +V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die +Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Zimmer des Doctors; Schraenke mit Buechern, Antiquitaeten, +Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stuehle und dergl. Die Fluegelthueren +sind offen und gewaehren einen Blick in den Garten. + + + +Siebente Scene. + + +DER DOCTOR (tritt, eine Broschuere in der Hand, aus dem Seitenzimmer und +klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies +Tractaetlein. Ich lasse innigst danken; es haette meinen Zweifel am +Christenthum voellig besiegt. Wenn er noch ein aehnliches besaesse, sollte +er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern +und zu bekehren. Zugleich mache Fraeulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Fruehstueck mit Austern und +Champagner--Apropos! Dass alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter +ab.) Klopfte Jemand? Herein! + + + +Achte Scene. + +DER DOCTOR. MARIE. + + +MARIE. Gruess' Gott! + +DER DOCTOR. Danke. + +MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn +Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? + +DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefaelligst naeher . . . (Bei Seite.) +Das Maedchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte +ergebenst . . . + +MARIE. Ich kann steh'n. + +DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnuegen . . . (Bei Seite.) Ein +Stuendchen, ach, an ihrer Brust entschaedigte mich fuer allen Verdruss, den +ich habe! (Er setzt sich ihr gegenueber.) + +MARIE. Ich will kurz sein. + +DER DOCTOR. Zunaechst mit wem wird mir die Ehre--? + +MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir +gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten +Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein +kann . . . + +DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . + +MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen +Vers von mir. + +DER DOCTOR. Sie heissen--? + +MARIE. Marie Ziemens. + +DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! + +MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. + +DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum hoechsten Vortheil! + +MARIE. Kaum glaublich. + +DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. + +MARIE. Ach! + +DER DOCTOR. Besassen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich +Ihnen den letzten zaertlichen Kuss auf die Lippen drueckte? + +MARIE. O sprechen Sie nicht so. + +DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein +Muendchen--gleich! + +MARIE. Pfui. + +DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine +Standesruecksicht die Reinheit unserer Gefuehle truebte! + +MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. + +DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. + +MARIE. Ich bin Braut. + +DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? + +MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer +Ungluecklicher . . . Seinetwillen komme ich her. + +DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? + +MARIE. Haetten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, +seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn +Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen wuerdig. + +DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. + +MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst fuer ihn-- + +DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. + +MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer +Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkfuehrer, auch die Aufmerksamkeit +Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die +schlechtbesoldetsten unfaehigsten Handwerker blieb sein edel +aufstrebender Geist gebannt! + +DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und-- + +MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem +Herrn Vater seine verzweifelte Lage fussfaellig vorzustellen,--derselbe +mogte jedoch von nichts hoeren, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus +Gruenden, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . + +DER DOCTOR. Moeglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er +macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitlaeufigkeiten! +Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch +geurtheilt, falsch gewaehlt haben?! Der Mann ihrer Neigung muss ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei +von Eifersucht ist? + +MARIE. Warum? (Laechelnd.) Auf mich? Dass ich nicht wuesste! + +DER DOCTOR. So koennen wir schnell fertig werden. + +MARIE. Nun? . . + +DER DOCTOR. Der Monsieur empfaengt eine zufriedene Stellung und +ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuss. + +MARIE. O weh, ein schlechter Handel. + +DER DOCTOR. Nicht fuer mich. + +MARIE. Wuerde den Ihr Herr Vater billigen? + +DER DOCTOR. Mit Haendeklatschen. + +MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die +Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. + +DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa +soll binnen fuenf Minuten nachfolgendes Decret hoechst eigenhaendig +unterzeichnen. . . . + +MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. + +DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkfuehrer? + +MARIE. (Auflachend.) Werkfuehrer? Das laeuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) +O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . . + +DER DOCTOR. Also er eignet sich--schoen! . . . (Schreibt.) Der +Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber +Albert . . . Werkfuehrer . . . Bedingungen sind . . . Und erhaelt . . . +Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . + +MARIE. Potztausend, so viel traeumte man nie vom Lande Utopien! + +DER DOCTOR. Das Leben, mein Schaetzchen, ist ein grosses Maehrchen voll +unerklaerlicher Wunder. Jede Minute gebaert Millionen Ueberraschungen, +Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende +Thorheiten. Man uebe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es uebte und +erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Misskredit +gerathen, ist kein bloeder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der +bloedeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in +warme, farbenreiche, suess verschwimmende Nebel, so dass wir in ihnen +unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen +schlafendem Auge versoehnt mit Gott und uns selbst die irdische +Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheissen. +(Er steht auf; in schaekerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schaetzchen, +sie lebe hoch! + +MARIE. Schonung, Herr Doctor!-- + +DER DOCTOR. Die Romantik allein gewaehrt, was der graemliche Philosoph, +Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst +erstrebt! Sie lebe, mein Schaetzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was +sinnlos bethoerte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, +Wahrheit preisen!--Ein paar Glaeschen Champagner, mein Schaetzchen, +erschliessen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen +Sie das Fruehstueck mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und +wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und +verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stossen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's? + +MARIE. Ziemlich gut. + +DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem +schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch +eins. + +MARIE. Danke. + +DER DOCTOR. Der Herr Braeutigam soll leben!--Vivat!---- + +MARIE. Es war mein letzter Tropfen. + +DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . +Nur her das Glas. + +MARIE. Ich schlag's in Truemmer. + +DER DOCTOR. Das hiesse mich verachten. + +MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und +will fort.) Sie sind abscheulich! + +DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? + +MARIE. Sie wissen's. + +DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! + +MARIE. Lassen Sie mich nur fort. + +DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlaegt.) + +MARIE. Die Uhr schlaegt; ich habe nicht laenger Zeit. + +DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! + +MARIE. Meine Mutter denkt, dass ich im Garten Gemuese fuer den Markt +grabe--darf sie nicht erzuernen. + +DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich +entschaedige die Versaeumniss hundert und tausendfach, bleiben Sie und +leisten mir Gesellschaft. (Er haelt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! +Es sind alles Goldstuecke. + +MARIE. Herr Doctor . . . + +DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich +begegnete ihn kuerzlich. Sein ergrautes Haupt muede zur Erde neigend, +schlich er langsam den Gewoelben der Fabrik zu. Welch' Schicksal fuer den +alten Mann, der an Herzensguete und Characterwuerde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefaehrten, dem reich und +angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die ruehrendsten +Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoss +sogar Thraenen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig +ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein tuerkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie loes't die +Demokratie das Problem der sozialen Probleme ueber das Verdienst anders? +(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher Koenig waere ein Bettelmann, mancher +Bettelmann ein Koenig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert +Stelle, waere die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! +(Trinkt und drueckt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem +ehrwuerdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, +die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) +Hoch die Romantik! . . + +MARIE. Ihr eigenthuemliches Benehmen verwirrt mich tief. + +DER DOCTOR. Das macht, ich fuehrte Sie schon, wie der Teufel den armen +Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. + +MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. + +DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er +faellt in einen Stuhl.) + +MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) + + + +Neunte Scene. + + +DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das +Maedchen ist mein. Dann hab' ich Entschaedigung fuer die Zwangsehe und +Zeitvertreib in Huelle und Fuelle. Hoch die Romantik! + + + +Zehnte Scene. + +DER DOCTOR. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? + +DER DOCTOR. So so, la la! + +QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muss das Festuebel +schon gaenzlich gehoben sein. + +DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuraeumen. + +QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schuettelnd.) Sehr loeblich. + +DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wueste Troedelbude, +ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsuendfluthlichem Getruemmer +zusammengestapelt!--In ihr muss der Mensch schon kindlich zufrieden sein, +wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermassen verschonen. + +QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklaerte Leute und wickeln, +scheuern, buecken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. + +DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blaettchen ohne +Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und +klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst +aus der Fabrik. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. An die Unterschrift knuepf' ich die Heirathsfrage. + +QUESTENBERG. Verueckte der Erbaermliche Deine Sinne und-- + +DER DOCTOR. Ihm muss geholfen werden, er verdient's! + +QUESTENBERG. Du weisst aber nicht-- + +DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! + +QUESTENBERG. Welch' Wagestueck! + +DER DOCTOR. Unsinn! + +QUESTENBERG. Es ist aeusserst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu +mischen. + +DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine +Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? + +QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse-- + +DER DOCTOR. Das hoert auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche +Wuerde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber +langath'mige Verhandlungen, da! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. + +DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um +eine Bagatelle?! + +QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt +schuechtern ein.) + +DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. + +QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) + + + +Eilfte Scene. + +DER DOCTOR. ALBERT. + + +DER DOCTOR. Tritt naeher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die +Herablassung. + +ALBERT. Wenn ich den schoenen Bezug durch mein unsauberes Kleid +entweihe . . . + +DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? + +ALBERT. Ein wenig. + +DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, +bedenke das und-- + +ALBERT. Das waere eine Politik des Fluches! + +DER DOCTOR. So sprechen Woelfe in der Laemmerhaut! + +ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Es lebe die Association! + +ALBERT (ernst). Sie lebe! + +DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! + +ALBERT. Fort mit den Privilegien! + +DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! + +ALBERT. Die Fruechte des Fleisses Aller fuer Alle. + +DER DOCTOR (lacht ironisch). + +ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wuensche ungerecht? + +DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tuechtige +Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. + +ALBERT. Vielleicht! . . + +DER DOCTOR (lacht wieder). + +ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? + +DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste +heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. + +ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). + +DER DOCTOR. Ich weiss mir Deine Missstimmung zu erklaeren, Albert; mein +Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die-- + +ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. + +DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that uebel. + +ALBERT. Ich ging tief in mich, ich pruefte seine weisen Vorstellungen, +fand, dass mein Verlangen unbillig war. + +DER DOCTOR. Albert! + +ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhaeltniss mit Marie und bist +zufrieden, genoethigt worden zu sein es--aufzugeben!? + +ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du +alles was Du brauchst, heirathe, sei gluecklich--ich wuerde ihm danken. + +DER DOCTOR (laechelnd). Aus welchen Gruenden, stolzer Mann? + +ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen haette mich Ihre Gnade in den +Himmel erhoben, jetzt, jetzt stuerzt sie mich in die Hoelle, in die Hoelle +der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Wuerde von Almosen zu +leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit ueber meine Leidensbrueder zu +triumphiren . . . + +DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was +er Dir giebt. + +ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das koennen Sie nicht +beurtheilen. + +DER DOCTOR. Aha, mithin erklaertest Du ihn einer Vormundschaft beduerftig, +die seiner moralischen Guete, seinem individuellen Interesse stets Zaum +und Gebiss anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, dass mir dieser Mensch +vermoege seiner Intelligenz naeher steht und mehr nuetzt als jener, +gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag moeglich sein; allein Du hast +den Maassstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach +Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden +und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen +Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Kuenstler wie Raphael, Phidias, +Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallilaei, Neyton, Leibnitz, +einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein +vor das groesste Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . +(ironisch lachend.) Wuerde die Mehrheit sein Verdienst hoeher anschlagen +und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklaerteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal +beguenstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln +vermochte? Ah', lass Dich durch die Doctrinen ueberhitzter Koepfe nicht vom +Wege der Vernunft abfuehren! Wenn Verdienst soviel als Abschaetzung, +Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen +Gesellschaft geopferten That heisst, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das hoechste Geschenk der Gnade +Gottes, die ueberall gerechte, die innerliche Guete! Mangelt sie meinem +Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persoenlich frei +gleich ihm, verlass ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich +Jemand hoeher wuerdigt als er! (Ihm ein Papier ueberreichend.) + +ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . +freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie haengt das zusammen? + +DER DOCTOR (laechelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem +Interesse, der innerlichen Guete meines Vaters. + +ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie +zuzumessen! + +DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist +Jemandes Verdienst richtig zu schaetzen! + +ALBERT. O Schoepfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch +still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke +durchschauert mich . . . + +DER DOCTOR. Was hast Du Albert? + +ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kaelte). Warum ueberreichte mir Herr +Questenberg nicht selbst das Papier? + +DER DOCTOR (verlegen). Ich weiss nicht Albert. (fuer sich) Der Mensch +droht schwierig zu werden. + +ALBERT. So hatte er doch Furcht-- + +DER DOCTOR. Inwiefern? + +ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der +Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich +koedern, mich vom Sozialismus losreissen . . . Dort in dem Vereine der +Arbeiter koennte ich zu aufgeklaert ueber den Nutzen einer gewissen +Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungluecklichsten, +blutaermsten Paria! + +DER DOCTOR. Du sprichst Unverstaendliches. + +ALBERT. Ha, dass die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir +entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstoerung dem Sodom und +Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit +auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen naehren! . . +Nehmen Sie das schaendliche Dokument und bestellen . . . + +DER DOCTOR. Argwoehnischer, ich fuerchte fuer Deinen Verstand. + +ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde +werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles +schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe +lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutaermsten Paria--gefehlt! ich +bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, +denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fuehl's! . . Ja schenke dem +Armseligen das langjaehrige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste +Flamme der Begeisterung, die hoechste Liebe zum reinen Engel Deines +Glueck's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Grossmuth gab +dem Heiland Staerke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. + +DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! + +ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern +wuethet!--Steck' dem Elenden die Fabrik ueber dem Haupte an, unterminire +das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine +Gefaehrten, es sind ja ihrer ueber zweitausend und dem Leben noch +gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und +suehnen das gebeugte Recht! Eine moerderische Schlacht entspaenne sich, +Soldknechte aus Nah' und Fern' zoegen vor das Staedtchen, belagerten, +bestuermten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten +Steinwalle erlag!--Es waere maennlich und ruhmvoll, allein unvernuenftig! +Schweig' und dulde! Was nuetzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle +aus, die ganze Erde ist davon ueberwuchert! Lass' es gruenen, knospen, +bluehen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdraengen und sich an seinem +Uebel fortquaelen bis an's Ende der Welt! Lass' es so dicht und so sich +selbst zur Last werden, dass es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, +giess' die ungeschwaechte Kraft deines ewigen Feuers ueber uns aus; wir +moechten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht +ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele +nagt unheilbarer Schmerz! + +DER DOCTOR (bei Seite).--Er traegt die Erfindung zu unseren +Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muss seinen Hass von +meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlaegt +sich--ein unerhoertes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geuebt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo +boese Maechte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich +will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfaengst. Du +wirst mir zuernen, doch, da ich erkenne, dass Du der groesste Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir +verzeih'n. + +ALBERT. Zur Sache. + +DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument, +Albert, Du empfaengst das Dokument . . . + +ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. + +DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der +Gleichberechtigung, der Bruederlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir +Marie nie gebeichtet von mir? + +ALBERT. Von Ihnen? + +DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, dass ich ihre erste Liebe war? + +ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. + +DER DOCTOR. Denkbar, erklaerlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst +jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts +sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfaehiger als +Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der +Unbesonnenheit-- + +ALBERT. Nun wohl. + +DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. + +ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? + +DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. + +ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhaeltnis dauerte? + +DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt +verliess und zur Universitaet abging. + +ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? + +DER DOCTOR. Es gereichte mir zum groessesten Vorwurf als die Himmlische +mir gestern erschien! + +ALBERT. Wo? + +DER DOCTOR. Von Ungefaehr traf ich sie im Park. Schwer laesst sich +beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend +wehte mich an, ich fuehlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschuettelt, +ich fuehlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren +Enttaeuschungen des Lebens und wie von einer hoeheren Macht getrieben, die +keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschliessen, sie mein, ewig mein +zu nennen! . . + +ALBERT. Ich hoerte genug, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu ueberreichen. + +ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich wuerde es annehmen. + +DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie +ist nicht minder legitim als Deins! + +ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! + +DER DOCTOR. Du meinst! + +ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes +Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. + +DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! + +ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen +deswegen kein Wort; Sie uebertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um +Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhuellen. + +DER DOCTOR. Du haengst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafuer! + +ALBERT (lacht). + +DER DOCTOR (bei Seite). Warum verlaesst mich Kraft und Muth, jetzt koennte +ich ihn ohne Umstaende fordern . . . + +ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines +Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Hoehe Ihrer Geburt, +Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefaehrlich, zu ungebahnt; Sie +konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, dass er +Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk, +sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, +verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den +Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Fuessen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Huelferuf erweckt Daemonen statt +Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu +spaet ist's vor ihm zu fliehen; sein aeusserst liebenswuerdiges Betragen, +seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie +eine Unmoeglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich muesste +toll sein, machten Ihre Irrthuemer mir boeses Blut. Verzeihung Ihnen, +tausendmal Verzeihung! + +DER DOCTOR. Du bist ein Gott! + +ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drueckend). Es giebt +keine heiligere Reliquie mehr! + +DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell +ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich +muss zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche +genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und +versichre, dass ich aus ganzer Seele wuensche, es moege Gott gefallen, Euch +eine glueckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schuettelnd.) +Fortan giebt's keine Missverstaendnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du +noch etwas zu fragen? + +ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier +unterzeichnete? + +DER DOCTOR. Ah, das vergass ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar +auf,--er haette sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von +meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genoethigt ihm alles zu +sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. + +ALBERT. Beim ewigen Heil! + +DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer +Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage. + +ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? + +DER DOCTOR. Die ich durch eine mir missliebige Heirath beschwoeren +soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwuelen +Gewoelbe schreitenden Gebieter nicht an, dass er noch angestrengter mit +der Existenz kaempfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn +Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Ungluecks Last zu schwer +drueckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn +Du stand'st allein und stritt'st nur fuer das nackte Leben!--er aber, +Oberhaupt eines grossen kuehnen Unternehmens, gewuerdigt des Vertrauens der +ganzen Welt, verantwortlich fuer das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen +ploetzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter +sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muss lachen, um sein +blutendes Herz zu verbergen, muss von Glueck prahlen, glaenzende Feste +veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand druecken, +um nicht zu verrathen, dass Unglueck ihn heimsucht, muss Raenke spinnen, +Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . + +ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniss bringt mich dem +armen Herren naeher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares +Gesicht--ah, es war unmoeglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen +sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich +uebel berathen,--nicht wahr, nur die Verhaeltnisse stempeln uns zu +Verbrechern!? O ich weiss, wie gross ihre Macht ist! Dies Dokument +bezeugt's zweifellos. + +DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . + +ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . + +DER DOCTOR. Theurer Albert, wir muessen abbrechen, es giebt Besuch. + +ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester +Geselle. Lebe denn wohl. + +ALBERT. Ueberfluessiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hoelle. (Beide nach +verschiedenen Seiten ab.) + + +Neunte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Die merkwuerdige Scenennummerierung ist 1:1 aus +dem Original uebernommen.] + +BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Haende gefaltet, +das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem +andern in gewissen Abstaenden. Sie machen im Saal langsam die Runde. + + +BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweisstuch ging mir wohl in der +Boerse verloren . . . + +DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.-- + +BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich +in einen Sessel.) + +DER DOCTOR.--Es muss etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen, +wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . + +BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wuenschte, der Tod haette sich Ihrer +erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . + +DER DOCTOR. Sie floessen mir Angst ein. + +BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine grosse Frage an Sie. + +DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu loesen. + +BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. . . Ihr liesset mich auf eine erschuetternde Nachricht +vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde? + +BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. + +QUESTENBERG. Krieg? Handelsstoerungen? Schiffbrueche? + +BLASHAMMER. Lies, lies! + +QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser +Kriegsdampfer, Koenig Ferdinand, einen auf der Hoehe von Palermo +kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an +die Revolutionaere der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was +die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluss beweisen. Das +Ereigniss macht grosses Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher +bisher des hoechsten Vertrauens der Koeniglichen Regierung genoss und erst +kuerzlich von ihr mit einem Auftrage fuer ein und eine halbe Million +beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswuerdigen Expedition +ist.--Es klingt wie eine Verleumdung. + +BLASHAMMER. Meine Glaeubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten +in die Schuhe . . . + +QUESTENBERG. Ich moechte es auch thun. + +BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Boerse, soll mit +den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und +Rathgeber von Ministern und Fuersten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?! + +QUESTENBERG. 's ist unglaublich! + +BLASHAMMER. Fuer den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der grosse +Blashammer Ehre und Existenz!? + +QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! + +BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, +Questenberg, woher kommt's, dass es wahr ist? + +DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! + +BLASHAMMER. Diese Briefe ueberbrachte mir die Post. + +QUESTENBERG (den groessesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich +zwischen den Zeilen, dass man den Auftrag fuer die anderthalb Millionen +wieder abbestellt. + +BLASHAMMER. Der bereits ausgefuehrt und zur Absendung fertig!--Es sind +die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . + +QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! + +BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. + +DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die +Arme. + +BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. + +DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besoenne mich nicht lange, sondern +strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. + +BLASHAMMER. Wodurch? + +DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. + +BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! + +DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein +oder zwei nicht ankommen. + +BLASHAMMER. Danke bestens. + +DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. + +BLASHAMMER. Ach, bestuende er nur in einem Schiff! aber--oeffne den andern +Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann +musste fuer mich sterben! . . + +QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurueckgebend). Leichtsinn, +Leichtsinn! + +DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! + +BLASHAMMER. Sapperment, ausserordentlich viel. + +DER DOCTOR. Hat ein Capitain hoeheren Werth fuer Sie als ein Schifflein?! + +BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . + +DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen +und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. + +BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. + +DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's +seine eigene Schuld. + +BLASHAMMER. Meinetwegen. + +DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! + +BLASHAMMER. Ja, fuer solche wahnsinnige Unternehmung! + +DER DOCTOR. Warum, sage ich?! + +BLASHAMMER. Er haette es unterlassen koennen! + +DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's haette unterlassen koennen, eben +weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muss er Ihnen +gleichgueltiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm +anvertrauten. + +BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch +gleichgueltiger. + +DER DOCTOR. Bravo! + +BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der +ihn vor jeder Gefahr schuetzen sollte . . . + +DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. + +BLASHAMMER. Laut desselben wuerde man die Waffen als die fuer Neapel +bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von +Palermo ungehindert fortgelassen haben. + +DER DOCTOR. Sie erschoepften den Born aller List! + +BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem +unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da +sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . + +DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens! + +BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie +glauben! + +DER DOCTOR. Sie haetten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb +Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . + +BLASHAMMER. Ah, der Teufel liess mich das nicht sagen! + +DER DOCTOR. Nicht wahr? + +BLASHAMMER. Ja, ja, haette ich das gesagt, so koennten wir Ihrem Vater +morgen die Glaeubiger vom Halse schaffen! + +DER DOCTOR.----Fuer morgen koennen Sie die Aussteuer nicht zahlen? + +BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. + +DER DOCTOR. Nicht fuer uebermorgen denn? + +BLASHAMMER. Nicht fuer uebermorgen ueber funfzig Jahr. + +DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlaegt der Verlust des winzigen +Schiffleins Ihrem Vermoegen, Ihrem Credit!? + +BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcuel.--Ich bin +ein ruinirter Mann! + +DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. + +BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, dass der Himmel mir erspare dies +Sie zu fragen! + +DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? + +QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. + +DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! + +QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, waehrend +der Vorhang faellt). + + + + +Vierter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vor der Huette des Vater Ziemens. + + + +Erste Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Huette. + +MARIE. Lass' mich nur, ich suche die schoenen Blumen, die ich verlor. + +FRAU ZIEMENS. Welche schoenen Blumen? + +MARIE. Am neustaedter Garten auf der Wiese pflueckten wir sie ja--ich +hatte die ganze Schuerze voll. + +FRAU ZIEMENS. Du traeumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem +Federbett!--Komm' zurueck, die Luft weht kalt. + +MARIE. Bin ich denn krank? + +FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem +Blut. + +MARIE. Muetterchen, nie im Leben fuehlt' ich mich so gesund! Klarer als +die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die +thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wuenschte Musikanten, +froehliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu +springen wie bei der Hochzeit. + +FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. + +MARIE. Wir gruben im Garten Gemuese und kamen auf Albert--Du schaltst ihn +einen charakterlosen Buben, der feige den Ruecken kehrte, nach dem er +mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fuehlte +mich verletzt . . . + +FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. + +MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde-- + +FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hoelle, nicht mit mir. Ach, kein +ehrbares Maedchen hegt Gedanken-- + +MARIE. Welcher Art? + +FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. + +MARIE. Muetterchen, Du erschrickst mich. + +FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf +Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich +geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind! + +MARIE erblasst und droht umzusinken. + +FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen! + +MARIE.--'s ist ueberstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf +alles vorbereitet--hier, lies den verhaengnissvollen Brief.---- + +FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen. + +MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre +Preis!----Keinen Laut truebseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein +Verbrechen zu suehnen. + +FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. + +MARIE. Uebe Gerechtigkeit, dass Du Antheil am Himmel hast, er ist die +Liebe des Guten. + +FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon-- + +MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer +Autoritaet! + +FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooss der Kirche. + +MARIE (mit stuermischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' +ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die +labyrintischen Faeden meines Schicksals, fuehlst was mich in's Verderben +trieb und kannst allein-- + +FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erloesende Macht? + +MARIE (zaertlich). Weil ich Dich lieben und schaetzen lernte als meinen +obersten Wohlthaeter. + +FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! + +MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille. + +FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du +sankst----Um die letzte Stuetze der Noth brachte sie der Jugend +vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch +geweihter Priester erbaut sie mehr! + +MARIE. Nur Thaten versoehnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des +Schoepfers Lob vernehmbar toent: Friede sei mit Dir, Du bist +gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschluesse fassen +lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch +vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persoenliche Wuerde mich +ungetheilt erfuellt, der mich erschuettert durch seiner Gruende +Aufrichtigkeit, erhebt und fortreisst durch den Zauber seines +Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wueste der Finsterniss, und +verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler +aehnlich, der, gelaehmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die +Hoehe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Fuessen! Schuetze +mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die +Schwaeche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbuerdet, sclavisch sich +zu fuegen--Muss ich ihm folgen? + +FRAU ZIEMENS. Raethselhafte Kranke, unbegreifliche Schwaermerin. + +MARIE. Muss ich--? + +FRAU ZIEMENS. Was waere Dein Loos, wenn Du nicht muesstest?! + +MARIE. . . . Der Tod. + +FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das +um Dich! + +MARIE (stuerzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Fuehr' mich nach +jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefuerchtete--Ersehnte! +Er ist's!--Ich gleiche dem bedraengten Piloten in Sicht des winkenden +Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rueckwaerts stuermt +ihn das unerbittliche Meer. + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. + + +ALBERT. Gruess' euch Gott, meine Theuren. + +MARIE (kehrt ihm entsetzt den Ruecken). + +FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruss mit schuechterner Verbeugung). + +ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies +Papier verkuende Ihnen, weshalb ich komme . . . + +FRAU ZIEMENS (damit in die Huette). + +ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wuesste sie schon alles--War +die Furcht prophetisch, welche mich zoegern liess bis heute frueh? Sag' an +Maedchen, wie fass' ich-- + +MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). + +ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging +schneller als ich . . . (Nachdem er fluechtig gelesen, unwillig mit dem +Fuesse stampfend). Ueberfluessige Diplomatie!----Aber wie fein! wie +herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar +sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts +vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trueben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur grossen Taeuschung; bis +jetzt haette er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu +viel ueberschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau +des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.) + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. + + +VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. + +ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater! + +VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist? + +FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn. + +VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten +Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurueck? Welche +finstere, verzweifelte Mine? + +ALBERT. Armer Vater! + +VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Toechterchen +keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt-- + +ALBERT. Vergroessert ihre Pein. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . +Lass' mal sehn--Ist sie im Garten? + +ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse. + +VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet +nichts Boeses . . . Muetterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. + +FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind naerrisch. + +VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren +kaltes Herz? + +FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. + +VATER ZIEMENS. Erzaehle--sei so gut. + +FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, dass Marie frueher, verstehe +recht, bevor sie Albert kannte-- + +VATER ZIEMENS. Ich versteh'. + +FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzuendet von dem jungen Doctor ward-- + +VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. + +FRAU ZIEMENS. Dies nuetzte die Unglueckliche in ihrer Noth.-- + +VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! + +FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand haelt). +Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich +Enttaeuschte nun reumuethigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, dass Marie +in seine thoerichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein +blieb. + +VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin +ich gewiss. + +FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, +schmeichelhaften Sprache. + +VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit +schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbuertig an Geist und Gefuehl steht +Ihr Euch gegenueber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch +fehlt zur Glueckseligkeit nichts! und nun, was ist's, dass sich feindlich +zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der +Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klaegliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid +Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstaette sehe ich mehr, kein +Ziel fuer Eure Wuensche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel +zerschellt und trostlos an die naechste Planke festgeklammert, treibt +Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! + +FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern +Leidenskelch?! + +VATER ZIEMENS. Was wuenschest Du, dass ich den Edelmueth'gen rathe? + +FRAU ZIEMENS. Sich den Verhaeltnissen zu fuegen! + +VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Wuerde?--Weib! + +FRAU ZIEMENS. Haett' ich es einst gethan, haett' ich der Zeit +Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in +schimmernden Palaesten, saeugte an des Reichthums voller Brust der Jugend +unbefangene Freuden und hegte ein Toechterchen im Schooss, der ersten +Fruehlingsbluethe gleich, so frisch und schoen! Der grossen Blashammer, von +Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Vertraegen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf +meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwaermergeist bereits +verdunkelt, mir die Wege ungekraenkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, +er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, ueber +Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige +Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges +Raecherantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub +bliebst Du meiner Liebe zaertlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist +unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur +beschaemt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen +Pfuhl, regnete Himmelsmanna und laesst's uns wohlbehagen . . . Dass diesem +luegnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer +ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und +nicht der Muehe werth es zu erhalten! Gluecklich alle, die's leicht +erfassen, die schlau, verwegen, kuehn die wenigen Koernlein lautern Goldes +aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin muede sein morsches +Kreuz noch laenger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden hoere +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reisse, eine neue Zeit +beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich +ausgesoehnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnoeden +Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in +ihren dumpfen Woelbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. + +VATER ZIEMENS. So hoert' ich Dich noch nie!--Welchem fuerchterlichen +Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den +Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst +nun morsch zusammen, gleich dem Geruest des stolzesten Tempels, von der +unsterblichen Himmelsflamme verglueht!? + +ALBERT. Ehrwuerd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle +Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heissersehnten +Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit +fuenftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Boese kehrend, aus edlem Eifer fort +und fort sein aeltres Werk dem juengeren zum Opfer bringen und nie +erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich +gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehaermt vom +blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schoensten +Inhalt sich betrogen fuehlt und mir nun weise raeth, die Welt zu nehmen +wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem +Verstand, der reich an Kenntniss und an List, das Netz nur auswirft wo's +zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten laesst, die Herzenskammern wohl +verriegelt, das Christliche, die allgemeine Bruederschaft, Freiheit und +Gleichheit blos als Mittel conservirt, (laechelnd)--als Mittel zur +Umschuettelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der suesse Genius sich zu +Boden senkte . . . Ich haett's schon lange wissen sollen und anders +stuend' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Raecherin, waer' nicht +beschworen, ihr flammendes Geschoss auf uns zu schleudern! + +FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! + +VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir +fallen, sie zu versoehnen. + +ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Fuechsen nach, die sich aus Eifer +fuer das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz huellen, Gesangbuch, +Katechismus, Bibel unterm Arm, demuethigen bussfertigen Schritt's +alltaeglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in +lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Boersenraum, ein +jedes Woertlein ihres suessen Odems mit Priesterbalsam wuerzen und +gottgefaelligen Spruechen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das +Seine; ehrlich waehrt am laengsten; selig die reines Herzens sind"-- + +VATER ZIEMENS. Albert, Albert! + +FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! + +ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein +Mann zu sein, dem die Ehrwuerdigen der Stadt und alle Freunde guter alter +Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. + +VATER ZIEMENS. O waer' mein Name dann bereits vergessen! + +ALBERT. Menschenhass, Eigenduenkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem +Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale +Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Koenigen +erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkuehr oeffnet und +schliesst. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Saeulen als Ihr Glaube an--an--ich weiss nicht woran! + +FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. + +VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. + +FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muss unsrer echt +katholischen Kirche sich zu Fuessen legen. + +ALBERT. Sie ist die einzige Bruecke zum verlornen Paradies. + +FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. + +ALBERT (ihre Hand schuettelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels +Frieden! + +VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Huette? + +ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern +Platz fuer sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwoere Euch, weilt! + +MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . . + +ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater, +welche Euch erzuernt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den +Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du fuer +ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund +verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt! + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. ALBERT. + + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stuermt nicht die Schranken +ihres Herzens. + +ALBERT. Memme! Memme! + +FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund. + +ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniss!----Oder denkst Du, ich bin +ein Sclav' des Elends, nahm das schnoede Geschenk ohne Bewusstsein von +Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hoer', welch' christlich Werk +den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhoeht?! + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.) + +ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's moeglich--sie +konnte--Ich allein! grausam ueberliefert, ueberlassen der Hoelle?!--Das +endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.) +Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmuethige Taube wird zur +Hyaene . . . + +FRAU ZIEMENS. Wohin Albert? + +ALBERT. Ihr die Schande kuerzen! + +FRAU ZIEMENS. Huelfe! Huelfe! Weh, mein Kind! + +ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thuere des Hauses +geeilt, oeffnet sich dieselbe ploetzlich und in weissem Gewande tritt ihm +Marie entgegen). Gott-- + +MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz. + +ALBERT (laesst zurueckschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du +meiner Brust! . . + +MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.) + +FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stuetzt ihn, und er steht +geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich +wieder.) + +ALBERT.----Mildwaermend durchbricht die himmlische Sonne den naechtigen +Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fuerchterlich +geheimnissvoller Traum . . . Vergeblich saenn' ich ihn zu deuten--drum sei +er schnell, schnell vergessen! + +FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit ruesten wird und +Mitteln, die Thorheit zu besiegen. + +ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus! + +FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der +Ferne.) + +ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs +Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schuetzend Dach +versagte-- + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so +leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten +_depuis long-temps_ die Vergnueken--_Recevez mes compliments_. + +ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?-- + +KLAUS. Eine welterschuetternde Nachricht . . . Es wird ueber unser _passe_ +endlich Justiz gehalten. + +ALBERT. Wie Du weisst, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher +ordentlich deutsch. + +KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrueckt die Kopf und lassen +_oublier notre belle langue allemande_ . . . + +ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten. + +KLAUS. _Patience, monsieur_. + +ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren. + +KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken sso kut ik gann. Nueckst Euk +ssoll ssein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_ +Kurkel--_j'etouffe_ . . . + +ALBERT. Wie gross des Schoepfers Guete an solchem Ungeheuer! + +FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unertraeglich. (Sie will gehen.) + +KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million +reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein grosser, +grosser Mann--Nicht unser Muckerlaendchen--das freie goettliche Amerika +erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser +Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _a trouver_ welcher maechtik +der Sprak _du monde_. + +FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million-- + +KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein +rentables Fabrikchen eingetragen-- + +FRAU ZIEMENS. Bei!? + +KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung. + +ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem +Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel. + +KLAUS (hinzufuegend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern. + +ALBERT. Vergebliche Muehe--zu spaet! + +KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Misstrauen, he? + +ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten +Namen. + +KLAUS. Hum, sie heisst mich einen Aussaetzigen, nicht weil ich an der +Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts +aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemuethe, tiefdenkender, erhaben fuehlender, +grossherzig strebender Freund und stuerze Dich nicht eines +Missverstaendnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf +die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die +Suende fuer uns alle traegt! + +ALBERT. Ja, ich that Dir Leides-- + +KLAUS (die Hand schuettelnd, welche Albert ihm reichte). Auf dass mir +einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt +viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur +Unsterblichkeit gefoerdert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche +tausend Thaelerlein . . Zweitausend fuenf hundert stopften mir schon die +Kinnbacken--aber dreitausend huelfen noch meinen unersaettlichen Durst +loeschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend +wuerde mich indess so recht _tete-a-tete_ bei meinem Schoepfer zur Tafel +laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen +Tellerzahl mein roth-politisches Heisshungerchen . . . (Er geht auf den +Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Saesse dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Baeuchel tuechtig angemaest', ein Toennchen Bairisch an +der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor +mir her. Bespraeche hochgespannt des Staates Guet' und Maengel und +balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich +beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbuerger--bescheiden seiner Heldenthaten +uebermaecht'gen Rausch verschlief! + +ALBERT. Ein frommer Wunsch. + +KLAUS (aufspringend). Erfuell' ihn mir. + +ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiss, +dass ich im heiligsten Gefuehl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich +vergesse. + +KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen +anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he? +Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anstaendiges Schoeppschristel +pfarrherrlicher Ehrbarkeit? + +FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes +wuerdig und gestehe, dass Sie mich ausserordentlich beschaemen. + +KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:) + + Bei wem das Geld im Beutel klingt, + Die Seele aus dem Fegfeuer springt. + +ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht. + +KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige +verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu +ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden. +Und so kam's, dass der boese Feind moralisirender Heuchelei und eitler +Schwaeche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich +kehrte, bis ich so tief in Misskredit sank, dass das waermste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben +mochte. Ich waere gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstrass' +elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit +noch laenger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert +haette.--'s ist ein verkuemmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur +ganz nieder zur Hoelle! Thoericht, wer sich ihm widmet und fuer Freiheit +wahrhaft schwaermt!--Gut, dass ich aus dem Groebsten bin! . . Ich, ich +werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Waende malen und in's +Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung! + +ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes +Versprechen zurueck. + +KLAUS. Albert--verzeih', dass ich ein Herz besitze, welches in Erwaegung +gewisser Dinge ueberschaeumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust +schnuert und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine +verrathen; die alte Frau koennte schamroth werden. + +ALBERT (ihn an seine Brust drueckend). Steckt doch ein guter, guter Kerl +in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu troesten und +erheben, Du, Du--wer haett's gedacht! mein tief verstossner Bruder! + +KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ fuer +Moerser und Bomben; wuerde Rekruten, ruestete ein standfest Heer--fuer Geld +ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue!--und eroeffnete dann eines schoenen Morgens mit dem Hause +Questenberg den Krieg; zoege vor das Schloss, verlaese die christlichst +angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden +wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der +Gedanke elektrisirt mich, Albert. Moechte mich dabei in Glorie zeigen; +moechte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weissprangenden +Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs +beweisen, dass seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack +begluecken? Wozu nuetzt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewoehnt im Suendenpfuhl des Reichthums vom Mark +der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf +Deines Herzens sichre Rente! + +ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath +entsprechen, doch in meiner Weise. + +KLAUS. Heil Brutus Dir! + +ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich +draengt's dem fremden Goenner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Woertlein in +Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.) + +KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er +singend hinter ihnen her). + + _Allons, enfants de la patrie--hi, hi, + Le jour de gloire est arrive:--he, he. + Contre nous, de la tyrannie--hi, hi, + L'etendard sanglant est leve--he, he . ._ + +(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.) + + + + +Abtheilung II. + +Das Vorzimmer des grossen Festsaales aus dem zweiten Akt. + + + +Sechste Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespraech.) + + +V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, dass sich fuer den Augenblick bei der +_haute-finance_ nichts ausrichten laesst--Aber ich kenne Schneider, +Schuster, Schlaechter, Kaethner, die _petit a petit_ huebsche Suemmchen in +ihrer Bettlade anhaeuften und fuer gute Worte herumzubringen waeren.--Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in +die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben +vornehm einige Zeilen blos und-- + +BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und +wie er zu Credit kommt. + +V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilitaet! + +BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fussstapfen nicht draengen.--Ich--ich +nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfaende Keinem mein +Wort wenn ich ohne Sicherheit bin. + +V. ZITTERWITZ (mit feinem Laecheln). Der Schlag von Neapel laehmte Ihre +Kuehnheit und Sie zweifeln am Glueck? + +BLASHAMMER. Am Glueck des Lottospielers!--Treten wir unter die Glaeubiger. + +V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?! + +BLASHAMMER. Fuer keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den +Loostopf. + +V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Dass ich +Sie beschaeme, Herr Blashammer--(haelt ihn fest.) + +BLASHAMMER. Herr Regierungsrath? + +V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer-- + +BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an). + +V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und +ohne leibliche Erben ist, stellt mir fuer den alleraeussersten Nothfall +einen Theil ihres bedeutenden Vermoegens zur Verfuegung-- + +BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der +Concurrenz zu weit ueberfluegelt! + +V. ZITTERWITZ. Sie meinen--? + +BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns +ansteckt--sagen wir gut fuer ihn. + +V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestuehle. + +BLASHAMMER. Versuche im Grossen stellen zweifelhafte Resultate +heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon. + +V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht fuehren! + +BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und +schweige. + +V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er taeuschte mich +absichtslos. + +BLASHAMMER. Es troeste Sie. + +V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der +Geschaefte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie +daran. + +BLASHAMMER. Moechte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er +auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr +Regierungsrath,--die Concursmasse den Glaeubigern abhandelten, so billig +als moeglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren liessen, he? + +V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns waere +damit geholfen. + +BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf? + +V. ZITTERWITZ. Kein uebler Anschlag. + +BLASHAMMER. Lohnt's? + +V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das hoechste +Freundschaftsstueck guter Christen. + +BLASHAMMER. Ueberlegen Sie. + +V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbruechiger klammert sich an alles, was ihn auf +den Fluthen traegt!--Wir sind einig. + +BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluss. + + + +Siebente Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein grosses Buch unter'm Arm). + + +V. ZITTERWITZ. Fort! + +BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten. + +V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer +sich weniger Luft machen duerfen. (Beide ab.) + +QUESTENBERG. Vieles koennte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts, +was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch +schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.) + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS. + + +ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurueck, dem Amerikaner es +zu melden. + +KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungeruehrt, ungebessert bleibt er +und lacht ueber Deine Grossmuth nur frohlockend sich in's Faeustchen. + +ALBERT. Geh, eile. + +KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Fruechte Deines Genie's. + +ALBERT. Willst Du mich erzuernen. + +KLAUS.--Der Schwaermergeist wird sich an Dir raechen. + +ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens. + +ALBERT. Ihr treuer Diener. + +QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege. + +ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige +Minuten. + +QUESTENBERG. Du kommst mich verhoehnen--ich les' es in Deinem +Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve. + +ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so +viel Lieb' und Guete, dass ich hoechlichst erstaune.-- + +QUESTENBERG. Schlange! + +ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . . + +QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkuenstelter Ruhe). Verkuende, was +Dich herfuehrt. + +ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, dass Du mein Freund bist, +Albert. + +ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt. + +QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint? + +ALBERT. Ein grosser Fabrikant aus den vereinigten Staaten-- + +QUESTENBERG (unglaeubig). Ah! + +ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestuehle zu zeigen die--Kuehnheit hatte. + +QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall? + +ALBERT. In solchem Grade, dass er sich gleich erbot, als er von Ihrem +Unglueck hoerte-- + +QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fuegt oft +Wunderdinge--raethselhaft erscheint mir blos . . . + +ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von boesem +Gewissen. + +QUESTENBERG. Du taeuschest Dich wohl nicht. + +ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen. + +QUESTENBERG. Willst es wissen? + +ALBERT. Ich wuenschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten. + +QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,-- + +ALBERT. Sie scherzen! + +QUESTENBERG. unterdrueckt,-- + +ALBERT. Pfui. + +QUESTENBERG. tyrannisirt! + +ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter! + +QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort. + +ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr +Retter!--Glauben Sie mir nun? + +QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert. + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON. + + +JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.-- + +QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm +einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Guete . . . + +JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestuehl' kehoeren zu ten +vorzuegliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, +ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind-- + +QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er aengstlich Albert ansieht). + +JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung. + +KLAUS (murrt). + +QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment. + +JOHNSON. Ihr Name wird nepen den groessesten Wohldaehtern der Menschheit +klaenzen, so lang' es eine Keschichte kiebt. + +QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiss nicht, was +ich sagen soll!--(laut.) Muss ein Fremder mir Trost und Hoffnung +bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Maehrchen im Kopfe! (laut.) +Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Luegen strafen! + +JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, tass unter Freunden oft +Eifersucht, Misskunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniss trueben! +(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt +zu misscreditiren? + +QUESTENBERG. Ja--ja wohl! + +JOHNSON. Man Sie peschuldigte muessiger Spielereien, verterblicher +Exberimentesucht-- + +QUESTENBERG. Man that's. + +JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschaeftsmanns prachte. + +QUESTENBERG. Natuerlich. + +JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des +Fortschritt's!-- + +QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf). + +JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefaellt. + +QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklaeren! (setzt sich.) + +JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.-- + +QUESTENBERG. So--ah! + +JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenuegt, +mein Herr, sso steh' ick zu Tiensten. + +QUESTENBERG. Vollkommen genuegt's, mein Herr--Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, dass Sie mir +solch' Vertrauen . . . + +JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie +wuenschen. + +QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiss +nicht . . . + +JOHNSON. Sehen Sie nur hierher. + +QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . . + +JOHNSON. Ohne Umstaende, mein Herr. + +QUESTENBERG. Sie bringen mich ausser Fassung, mein Herr. + +JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr. + +QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich +jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!? + +JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?! + +QUESTENBERG. Nein, guetiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.-- + +ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den +Notar, der draussen wartet. + +JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen. + +QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver +Albert. (Sich freudig in die Haende reibend; bei Seite.) Der +Einfaltspinsel blieb unschuldig . . . + +KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst +ihn schamlos triumphiren lassen!? + +ALBERT. Behindre mich nicht. + +KLAUS. Keinen Schritt weiter. + +ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . . + +KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich! + +JOHNSON. Meine Herrn . . . + +QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder. + +ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich +schon die Gruende mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, dass die +Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei. + +KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson. + +JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . . + +KLAUS. Wenn's sich anders verhaelt, als ich Ihnen auseinandersetzte, so +straf' mich der Teufel. + +JOHNSON. Koennen Sie sich stuetzen auf Peweise. + +KLAUS. Es faellt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; +dessenungeachtet . . . + +JOHNSON. Aber er muss wohl am pesten wissen-- + +KLAUS. Herr Johnson, sein Gemueth verkehrte sich in Tollheit und er ist +nicht Meister seiner Handlungen. + +ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt +Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter +erscheint, empfaengt Befehle und eilt wieder ab.) + +JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie peduerftiger als er. + +KLAUS. Was! + +JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schaemen Sie sich was! + +KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson. + +JOHNSON. Wer laeugnet's, allein-- + +KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muss Recht bleiben! + +JOHNSON. Schon kut, toch-- + +KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht-- + +JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus. + +KLAUS. Pah, ich fuerchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige +Macht der Wahrheit. + +JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich. + +QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Fuehrt den Menschen in die +frische Luft und macht ihm Umschlaege . . . + +KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten! + +QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniss? + +JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe. + +QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht. + +KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt +ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Mueh'! Haette ich das +gewusst--doch Gott befohlen! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Suender, mein guetiger Gebieter. + +JOHNSON. Er wusste nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach. + +QUESTENBERG. Schuldigermaassen sollte ich ihn auf der Polizei +durchpruegeln lassen. + +ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekraenkt. + +JOHNSON. Was meinen Sie, tass solch' unansehnliker verkommener Keselle +Ihnen schaden koennte-- + +QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert. + +JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe fuer heut' keine Zeit mehr und +porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht. + +QUESTENBERG. Ich weiss Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schaetzen. + +JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zaehlen Sie die Summe kefaelligst nach. + +QUESTENBERG. Es waere wohl ueberfluessige Muehe. + +JOHNSON (den Hut nehmend). Moechten wir ein paar klueckliche +Keschaeftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten. + +QUESTENBERG. Ich habe keinen schoenern Wunsch. + +JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener. + + + +Zwoelfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne JOHNSON. + + +QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht +unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst. + +ALBERT. Sie beschaemen mich. + +QUESTENBERG. Fordre die Haelfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir +die Freundschaft! + +ALBERT. Sie wissen, dass ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch +mache-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir, +Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestuehle im ersten +Jahr? + +ALBERT. Wie kann ich so viel wollen! + +QUESTENBERG. Morgen empfaengst Du's schriftlich . . . Ach, waer's mir +vergoennt, Dich gluecklich zu machen! + +ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal. + +QUESTENBERG. Scherz bei Seite. + +ALBERT. 's ist zu spaet! + +QUESTENBERG. Was hast Du? + +ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt. + +QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe? + +ALBERT. Sie ging mir verloren! . . + +QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge? + +ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebuerdet! . . Erbleichen Sie nicht +mehr, Gott hat gerichtet! + +QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehoert Dir! + +ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat +hassen--nicht ihre botmaessige Hand, die ein blindes Glied am Koerper +unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen. + +QUESTENBERG. Du! Du! + +ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich +eitel ruehmt: seht, alles duldete ich zur Erloesung aus der Suende, ich +liess mich von Euch uebervortheilen, verleumden, entehren, mit Fuessen +treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetoedtet in meiner +Leidenschaft, gleichgiltig fuer irdische Freuden, gebrochenen +Herzens--ein verklaerter Geist, zu dessen Fuessen ihr Euch im Staube +kruemmt! + +QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses +Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesae't: Qualen der Hoelle! + +ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen +Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich +sind fuer die Schuld, in welche Ihr Fall sie stuerzt! + +QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Glaeubiger in meinem Namen--mir fehlt die +Kraft. + +ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisaeer und +Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge uebt! + +QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe fuer mich, so muss ich's +thun. + +ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen. + +QUESTENBERG. Wohin gehst Du? + +ALBERT (zeigt nach Oben). + +QUESTENBERG. Oh! + +ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's +Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie fuer mein +Begraebniss; ich wuenschte an keinem unanstaendigen Orte unseres Kirchhofs +zu ruh'n. (Er will geh'n.) + +QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Huelfe! + +ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust +setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich. + +QUESTENBERG. O das ist entsetzlich! + +ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, +zittern vor dem Tode; Maenner voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen +ihm freudig entgegen! (ab.) + +QUESTENBERG. Bring' ich den Glaeubigern das Geld und verfolge seine Spur! + + + +Dreizehnte Scene. + +Die Vorhaenge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel +die Glaeubiger. + + +QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf +den Tisch.) + +ALLE. Geld . . . ah! ah! + +QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine +Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, +unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie +unter sich die Summe und gestatten, dass ich mich wieder zurueckziehe. + +ERSTER GLAeUBIGER. Ihr edles Gemueth fuehlt sich durch unsre Maassnahme +verletzt. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Sie zuernen uns. + +ERSTER GLAeUBIGER. Haetten wir gewusst oder geahnt . . . + +QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen +nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthaenigsten Diener. + + + +Vierzehnte Scene. + +DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG. + + +ERSTER GLAeUBIGER. Ein kurioses Benehmen! + +ZWEITER GLAeUBIGER. Fein ueberlegt, fein studirt! Er haengt uns einen +dicken Zopf an. + +ERSTER GLAeUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtglaeubig. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung +zufolge einiger Boersengeruechte mir nichts dir nichts zur Erklaerung zu +draengen! + +ERSTER GLAeUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld +zurueckzugeben, denn er wird es wohl noethig haben. (Einige bemaechtigen +sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.) + + + +Funfzehnte Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. + + +V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr fuehre uns nicht mehr in Versuchung! . . +Mir schwimmt's schwarz und weiss vor Augen, denke ich--(kopfschuettelnd) +Der infernalische Plan haette mich doch, haette mich doch--Oh, was ist der +Mensch in einer ungluecklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, dass die Noth die +Mutter aller Laster sei. + +BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat! + +V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine +andere! Was fange ich nun mit dem Capitaelchen an? Wo bringe ich's unter; +wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr +die neue! + +BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden. + +V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Dass ich meine Zunge nicht +bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer. + +BLASHAMMER. Ich kann das Capitaelchen gut brauchen. . . + +V. ZITTERWITZ. Zu viel Guete. + +BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath. + +V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnoethig belaestigen. + +BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, dass ich's gut brauchen kann! + +V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's +Ihnen an. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Zu viel fuer einen guten Christen. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwoelf Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Danke, danke. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Bemuehen Sie sich nicht weiter. + +BLASHAMMER. Zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Maessigung. + +BLASHAMMER. Fuenf und zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da +hab ich nun den Teufel auf dem Nacken. + +BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erroethen? Ist das Geld +des Schwarzkuenstlers besser als meins? (fuer sich) Wem er's nur abjagte! + +V. ZITTERWITZ. Mein Kapitaelchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant +und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen +Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht +mehr Schmerz als die drei Maenner im feurigen Ofen! + +BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand. + +V. ZITTERWITZ (zurueckbebend). Durchaus nicht . . . + +BLASHAMMER. Sie halten mich fuer einen Gauner. + +V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, dass hier Leute sind. + +BLASHAMMER. Fuer einen Betrueger. + +V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den +Aufdringling los. + +BLASHAMMER. Erklaeren Sie sich gemessener. + +V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute +bl--bl--blos fuer unsich--chere Menschen. + +BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen. + +V. ZITTERWITZ (fuer sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen +ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg. + +BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah! + +V. ZITTERWITZ (die Faeuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie +sich gerichtlich verantworten . . . + +BLASHAMMER (stampft wuethend mit dem Fuss). + +V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr +Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.) + +BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel, +gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram toedtet mich! + + + + +Fuenfter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Zimmer im Hause Blashammers. + + + +Erste Scene. + +ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf. + + +ADELGUNDE (im Spiel ungestoert fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur +naeher. + +DER DOCTOR. Mit Ihrer guetigsten Erlaubniss. + +ADELGUNDE. Setzen Sie sich. + +DER DOCTOR. Fraeulein spielt eine himmlische Symphonie. + +ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause? + +DER DOCTOR. Da schwoll die Suendfluth der Glaeubiger meines Herrn Papa +ploetzlich so stark an, dass ich fuer gut hielt, das Haasenpanier zu +ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde +endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht. + +ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden. + +DER DOCTOR. Waere seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille! + +ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hoeren? + +DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir guenstig--Ich werde mich in +der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein? + +ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hoert' +ich kein Wort von ihm; verdriesslich war er und in hartem Kampf mit sich +selbst. + +DER DOCTOR. Wer kann's ihm uebel nehmen! Ach, dass ich's Ihnen berichten +muss!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand! + +ADELGUNDE. Sie erfuellen mich mit Schrecken. + +DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten +brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heisst!--weil er das Feuer der +Revolution heimlich schueren half. + +ADELGUNDE. Weh! + +DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's. + +ADELGUNDE. O Grauen! + +DER DOCTOR. Ich fuerchte, es kostet ihm nicht blos das Vermoegen, sondern +auch die Freiheit. + +ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm! + +DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Haenden und Fuessen! Sein Versehen ist +politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwaechst daraus +fuer uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach! + +ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umstaenden haben Sie noch +Lust--Nimmermehr! + +DER DOCTOR. Ein Ehrenmann haelt Wort. + +ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglueck nicht. Ich gebe Ihnen den Ring +zurueck. + +DER DOCTOR (drohend). Fraeulein! + +ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer +genug fallen. + +DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir. + +ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethaetigungen mit ueberfluessigen +Kraeften erfuellt und bei dem Mangel grosser volksthuemlicher +Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die +dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewoehntesten, fast aller Orten das +Leben zur Plage macht. + +DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem gluecklichen Sterne geboren, so +kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine +heil'ge Sache! + +ADELGUNDE. Ihre Redekunst. + +DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die +Liebe, von der man sagt, dass sie dem Menschen das bitterste Geschick +angenehm versuesst. + +ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit. + +DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . +Kalt, gleichgueltig, spoettisch, verschaemt stellt es sich, wenn's in +seinem Busen gaehrt und brennt-- + +ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein. + +DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile +er selbst, ob mich ein anderes Interesse fuer Sie begeistert, als das +rein menschliche . . . Doch horch! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab! + +DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still! + +BLASHAMMER (fuer sich). Vergoss ich meinen Schweiss umsonst! Bleibt mir fuer +alle Plage kein Brosaemchen! + +DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen? + +BLASHAMMER (fuer sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich +mich aus dem hohen Rath verstossen, unter die Kleinkraemer der Vorstadt +versetzt! + +ADELGUNDE. Troeste Dich, Vater! + +BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren. + +ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich? + +BLASHAMMER. Vergebne Mueh'--sie ersetzt mir meine Schaeden nicht . . . Was +macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft loes'te sich +gemuethlich auf. + +DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt. + +BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater +heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem +tief Gekraenkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten +Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und +auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernuesse auf den Tisch +warf . . . + +DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, waer's doch der Fall! + +BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und haelt's ihm vor). Sehen Sie da, +er hat mich nicht mehr noethig. + +DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde +schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich +unwuerdigen Misstrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schaetzte +ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und waere meine Leidenschaft fuer +Fraeulein Adelgunde nicht die heisseste, welche je eines Menschen Brust +gehegt, so wuerde ich verzagt zurueckweichen und-- + +BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die +rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurueck. + +DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort +und Fraeulein meinen Ring. + +BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter. + +DER DOCTOR. Fraeulein bleibt . . . + +ADELGUNDE. Gnade! + +BLASHAMMER. Noch gehoert mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich +ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente. + +ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's oeffentliche Gerede . . . + +BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhoehnen. + +ADELGUNDE. Du irrst. + +BLASHAMMER. Woher weisst Du's? + +ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz. + +BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt. + +ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich. + +BLASHAMMER. Er! + +ADELGUNDE. Ja. + +BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf. + +ADELGUNDE. Glaub's mir. + +BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb +unveraendert. + +ADELGUNDE. Welches andere Interesse duerfte ihn noch fuer mich begeistern, +als das reinmenschliche? + +BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie +raecht sich die Luege! + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn. + +DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt? + +QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Glaeubiger. + +DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun +ihren Schein! + +QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; +das Gewissen trieb mich zu Dir. + +BLASHAMMER. Nimm guetigst Platz; das Stehen greift Dich an. + +QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben. + +BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject. + +QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem ploetzlichen +Umschwunge der Verhaeltnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, +Sitte . . . . + +BLASHAMMER. Nicht weiter. + +QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug-- + +BLASHAMMER. Ich begreife Alles. + +QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, dass-- + +BLASHAMMER. Sei unbesorgt. + +QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird-- + +BLASHAMMER. Du haettest deswegen ruhig im Bette bleiben koennen--Falls Du +Dich erkaeltetest, messe mir keine Schuld bei. + +QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott. + +BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen. + +QUESTENBERG. Ein andermal erzaehle ich Dir, auf welche wunderbare Art der +Allmaechtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsuechtiger, +arglistiger Menschen erloes'te. + +BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender +anhoeren wird. + +QUESTENBERG. Soehnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater. + +BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe +auszutauschen. + +QUESTENBERG. Erfuelle des Freundes Bitte, Soehnchen. + +BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die +Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben. + +DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, +und verstumme. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fuegte es mein +Schicksal, dass ich in Fraeulein eine mir wuerdige Lebensgefaehrtin +entdeckte. + +QUESTENBERG. Steht es so! + +BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant taeuscht sich in jugendlichen +Herzen. + +QUESTENBERG. Reichen wir uns denn bruederlich die Hand und segnen das +junge Paar. + +BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir +in den Prunksaal, die Gaeste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer +Versoehnung sogleich laden lasse . . . + +QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal. + +BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich. + +QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschaeft, zu dem ich +die Huelfe des Sohnes beanspruchen muss. + +DER DOCTOR. Bin dabei. + +QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wuensche denn +beiderseits Lebewohl. + +BLASHAMMER. Glueckliche Besserung. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Theures Fraeulein, einen Kuss +fuer tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die +beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Aermlicher Garten an der Huette des Vater Ziemens. Seitwaerts eine Strasse. + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS (hastig von der Strasse). Vaeterchen, Vaeterchen! Bist Du da? +Schnell heraus, eine schreckliche Maehr! + +VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schlaeft. + +FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st +Du wie lebendig die Strasse wird? Alle Welt geraeth in schaudernde +Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schliessen den Leuten uns +an. + +VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich huete die Kranke.--Wusste man des +Ungluecklichen Namen? + +FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren +verzweifeln liess. + +VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche. + +FRAU ZIEMENS. Wir allesammt koennten dem Beispiele folgen. (ab.) + +VATER ZIEMENS. Des Staedtchens schwacher Gemeinde waer's ein +Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden +Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, haett' ich doch kein Kind! . . . +Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park? + + + +Fuenfte Scene. + +VATER ZIEMENS. KLAUS. + + +KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter +Alter, die ihres gleichen sucht! + +VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig laechelnd.) Wohl ging's mit der +Erfindung schlecht, wohl liess der Amerikaner euch hart abfallen?-- + +KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reuessirte, viel Geld gab's, viel, +viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schoenste +Banknoten, vollgueltigste Papiere-- + +VATER ZIEMENS. Aber--? + +KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich? + +VATER ZIEMENS. Nein--wozu? + +KLAUS. Krambambuli zu kaufen. + +VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab? + +KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Glaeschen Bittern verlangt's blank +vorausbezahlt! + +VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft +werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren-- + +KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je groesser die Flasche, desto angenehmer, +und wenn's ein Fass ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur +heraus! ich leere es im Bewusstsein--nicht zu den schwaechsten Gliedern +unsers starken Volkes zu gehoeren! (Will ihn in die Huette schieben.) + +VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld +erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut? + +KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei! + +VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?! + +KLAUS. Versuchte ich das schon einmal. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr +Treiben! + +KLAUS. Pfui, auch Sie oeffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?! + +VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden. + +KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom +gemeinsten Gauner gaengeln, aussaugen, betruegen, unterdruecken laesst, +erklaere ich unzurechnungsfaehig ueber mich zu urtheilen. + +VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus. + +KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, +behaupte ich heute erst recht! + +VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, dass Dir die +Leute thun, das thue ihnen auch nicht? + +KLAUS (keck). Ja wohl! + +VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage. + +KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewuehlt, mit erkuensteltem +Laecheln.) Dass Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's +zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom +Schloss! (bei Seite mit ironischem Laecheln.) Muss luegen, um wahr zu sein! + +VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus. + +KLAUS. Ja, wirklich! + +VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!? + +KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen! + +VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles! + +KLAUS. Ah, und wie raechte sich dafuer Albert! + +VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch. + +KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern +Patron wieder betruegen liess. + +VATER ZIEMENS. Das heisst-- + +KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stueckchen wie Sie seh'n. + +VATER ZIEMENS. Fuerwahr, denn ich begreife noch nichts davon. + +KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, fuehrte zum saubern Patron +den Amerikaner, liess es sich gefallen, dass derselbe 800,000 Thaler, sage +800,000 Thaler fuer die Erfindung-- + +VATER ZIEMENS. Unmoeglich! + +KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth ausser mir, +protestirte mit Loewengebruell, bat, drohte, beschwor die Geister des +Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Laechelns stand der Wahnwitzige da, +gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken +preis, duldete, dass man mir-- + +VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, fuehren Sie mich zu ihm! + +KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloss. + +VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den +Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht +leugnen! + +KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst! + + + +Sechste Scene. + + +MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und +nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten +und kraenktest seine Hoffnungen--sein Glueck und stiessest ihn in's +Verderben! Was thatst Du, Unglueckselige! Und noch zur Kirche, noch beten +willst gehen! Wer thront ueber deinem Haupte, wer lenket, fuehret dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, +versoehnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, +thoerichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt +schlaegst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetoese.) Was +bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks waelzt sich die Strasse herauf! Auch +Muetterchen dabei? + + + +Siebente Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen). + + +MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du? + +FRAU ZIEMENS (zu den Traegern). Setzt hier die Buerde nieder und habt +tausend Dank, wackre Maenner!--Ach Tochter, Du wardst fuer eine schwere +Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft-- + +MARIE. Ist's der alte Vater? + +FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert! +Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone +ihn--er bedarf zaertlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits +regt er sich-- + +MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?---- + +ALBERT. Welche Stimme? + +MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich +bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, +unnatuerlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu +zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als +Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm +nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie +es Deine--wie es meine Ehre gebot! + +FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter! + +MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich! + +ALBERT. Sei's jetzt nicht, Maedchen! + +MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der +Edlen! + +ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das +richtete ueber mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die koestliche +Zeit muessigen Spiels vertraeumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfuellen, die ein theures Maedchen in ihn setzte--ploetzlich das Buendel +packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham +erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnoeder Kuppler des Lasters und musste, musste verdammt +werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld! + +MARIE. Eben,--suehntest Du sie nicht! + +ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park-- + +MARIE. O Gott! + +ALBERT. Aber nicht zu sterben wusste--nicht zu sterben der Feige! +Haekeliche Zweifel laehmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte +sich! . . + +MARIE. Das fuegte der Allmaechtige zu unserm Heil!--O richte Dich maennlich +auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiss in Liebe die Schmerzen, +welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, missguenstigen Welt uns +widerwillig, gezwungen bereiteten! + +ALBERT. Maedchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; +zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schuettle sie ab; +entfliehe meiner unheiligen Naehe!------O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich!-- + +MARIE. Ha, das--das ist Rache!-- + +FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut! + +MARIE. Noch alles gut!? Muetterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach, +er hat mich nie--nie geliebt! + +FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versoehnung, treib's nicht +weiter!--O thu's fuer die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, +keine Freudenthraenen geweint!-- + +MARIE. Lass ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur! + +FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub! + +MARIE. Ich sage, lass ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du +denn noch nichts? + +FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen! + +MARIE. Muetterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte! + +FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter! + +MARIE. Welches haekelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! +(laechelnd) Darueber frage ihn aus, ich bitte! + +FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als wuerde ihr ploetzlich ein +Raethsel geloest). ... Sollte das moeglich--Aber nicht doch, Tochter, Du +schwaermst! + +MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem +Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich +durchschaue alles, die ganze Comoedie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser +Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehoerst, ins Reich der +Finsterniss!----(Sie stoesst mit dem Fusse an das Gebetbuch, welches sie +vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha, +woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine +Vernunft, kein Gedaechtniss mehr!--Schuetze, o Mutter, schuetze mich vor +mir selbst! . . . (Faellt der Mutter betaeubt in die Arme.) + +FRAU ZIEMENS. Himmlische Maechte, giebt's keinen Frieden fuer sie!------O +nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Hoechste! + + + +Achte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Huelfe +noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir +die Jungfer in die Huette--es wird fuer sie zu viel! + +MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! +Berichten Sie nur, Klaus! + +KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den +wundersamsten Erfolg--es klaenge uns, so wahr ich Klaus heisse, ein +Millioenchen in der Tasche, ja, ja, ein Millioenchen-- + +MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die +Geschichte? + +KLAUS. Frau Mutter weiss bereits davon. . . + +FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzaehlen hielt ich fuer Narrheit, denn ich konnte +nicht glauben, Klaus, nicht glauben-- + +KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und +wider Erwarten . . . + +FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!? + +KLAUS. Bis auf zwei Todte leider! + +FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie? + +KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs. + +FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie! + +MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie +sich mit dem Vater-- + +KLAUS. Zu dienen. + +MARIE. Wo blieb er!? + +KLAUS. Beim Herrn im Schloss, zu seinem--unserm unseligsten Verhaengniss! + +FRAU ZIEMENS. O mein Kind! + +KLAUS. Beten Sie fuer ihn! + +MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht! + +KLAUS. Wahrlich, koennte man gleich ihm sich ruehmen, so athmete leichter +das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets grosse Gefuehle, schoene +Gedanken, kruemmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich +im Pfuhle der Verdammniss und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich +Geister! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS. + + +MARIE. Hoertest Du, Albert? + +KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?! + +MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel toedtete ihn nicht. + +KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst! + +ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr! + +KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe +mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der +Kunde Deines Frevels ueberrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm. + +ALBERT. O schauder--schaudervoll! + +KLAUS. Hoechst schaudervoll! + +MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwuerfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver +Mann!--Goennen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die +Vorsehung, welche nicht anders es fuegte! + +KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen. + +MARIE. Was bleibt ihm uebrig in seiner Ohnmacht! + +ALBERT (wirft sich ihr zu Fuessen). + +MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten +wir ferner unerforschlichem Rathschluss! + +KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du suehnst nicht anders das +Geschehene! + +ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich haerter als der Tod--bricht +meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere +Sonne--dort ging sie unter! + +MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir +von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schoepfer nur und seinen +himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt! + +KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche +feststeht! Wie auf Kaelte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch +die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und +Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kuemmerlicher +Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit praechtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den +ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt +die Segel straff, steuertest als echter Roemer, kuehn von Entschluss und +That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes +Versprechen, dass ich am Lottospiel der Boerse mich betheiligen +koennte--He, sollte zum Ergoetzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell +erborgter Fuelle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend +unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, +geringschaetzig belaechelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die +Fuesse machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von +Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es fuer Marie und ihre +Mutter, der Du den sicheren Ernaehrer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm +den Arm nur, Jungfer. + +MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht. + +KLAUS. Nachher davon. + +ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spaet. + +KLAUS. Das Moegliche niemals! Und wer da weiss, dass alles moeglich, achtet +keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Guete nicht, so ueben wir +Gewalt! + +ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus. + +KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung fuer +die mir zugefuegte Schmach entrinnst Du meinen Haenden nicht! Ich schwoer's +bei einem Buckel Schlaege Dir! Ja, ja, das merke! + +ALBERT. Liesse sich Geschehenes noch aendern! + +KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen! + +MARIE. Welch ein Erkuehnen! + +KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu ueben! + +MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches +fuer ihn! + +KLAUS. Das darf nicht geschehn. + +MARIE. Sie sind ein Tyrann! + +KLAUS. Ich wuerde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich +schweigend, dass Jemand--und waer's mein Feind--schnoedester Spitzbueberei, +wie der, zum Opfer fiele! + +MARIE. Ihre Verblendung ist gross! + +KLAUS. So klein Ihre Erkenntniss! + +ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich +mit uns'rer Ansicht! + +KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin +ein Heide, unempfaenglich fuer solchen Tand! + +ALBERT. Traun, so erwaege, dass die Achtmalhunderttausend bereits +verschlungen wurden von den Glaeubigern! + +KLAUS. Bereits! + +ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn +brachten. . . Das weisst Du nicht?! + +KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Mueh' waer's, +gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr +luftigen Schloesser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte +es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmuethig unter Schurken--christlich! Entsagung persoenlichen +Vortheils, irdischer Freude--gottgefaellig! Selbstmord--hoechstes +Rechtthun! vernuenftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch! +das kalte Grab allein--Erloesung aus Suende und Elend!--O haette doch ein +Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren koennen, +wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der +menschlichen Natur, dass sie, je reifer, desto sinnbethoerter +wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die +Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich +dem grossen Maertyrer hinab zur Hoelle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du +von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsuehnen, so sprich! wenn nicht, +verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du +entkrochst! + +ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb +Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein +Leben unter Schmerzenskraempfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein +unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde fluecht'ger Fantasie, +im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . . + +KLAUS. Kehre Dich um und sieh! + +ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das? + +KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . . + +ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich +rangst! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN. + + +QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich +feiere den hundertjaehrigen Geburtstag, werde nun kahlkoepfig und in +Kruecken gehn. + +ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter. + +QUESTENBERG. Fast moechte ich's behaupten. + +ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue ueber diese +Reue, der boese Geist mir hindernd in den Weg trat! + +QUESTENBERG. Hoerst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, +nein, der sanfte Albert konnte sich nicht toedten!--Ich erwog es +reiflich; saeumte deshalb Laerm zu schlagen, hielt mich huebsch zu Hause, +huebsch, huebsch, huebsch!--Ach mein Jesus, waer' ich aber nur gleich einem +Rasenden durch Strassen, Feld und Wald nach ihm huebsch suchend umgeirrt +und ausgewichen huebsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind +wir Menschen immer huebsch gescheidt! + +ALBERT. Es leiht den Duenkel uns, dass mehr wir seien als wir sind! + +QUESTENBERG. Zu ew'ger Taeuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte wuerdige +Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn! + +ALBERT. Des Ungluecks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar +ergreifen sie uns wenig! + +QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf +will jetzt bereits--ein Stuendchen erst nach dem Ereigniss--in wilder +Fiebergluth aus allen Fugen gehn! + +ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch +uebrig? + +QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch. + +ALBERT. Ruht nicht auf mir die groesste Schuld!? + +QUESTENBERG. Auf Ihnen! + +ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut +als Sie und alle wir geborne Heuchler sind. + +QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er +zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein +Theil der Glaeubiger, bereuend ihres Misstrau'ns Ungestuem, gab mir das +Geld zurueck. + +ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von +keiner That! + +QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zoegert). +Demuethigen Sie mich nicht tiefer! + +ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab. + +KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein! + +QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Suendenlast! + +KLAUS. Sei christlich! + +ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurueckbebt). +Da! fuer Dich! + +KLAUS. Alles! + +ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und haeufe mehrend es +bis in den Himmel! + +KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer +Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhuepfend und das Geld +zaehlend). Lauter giltige Papiere--fuenf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft! +fuehrt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, dass ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein! +Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun +bin ich dieser Lumpen Glaeubiger!--Wie abgegriffen und welch' +Inbegriff!--Gift fuer den Staat und Medicin fuer mich!--Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu grossen Unternehmungen ist guenstig; ich reise +morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, +was der Himmel fuegen moege, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir +zurueck und trage Sorge, dass Du bald den Herrn Questenberg hier spielst! + +ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst. + +KLAUS. Dein Freund auf ewig! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDAeMMERUNG. + + +QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids wuerdig oder der Bewunderung, ob +Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden. + +ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine +Freuden. + +QUESTENBERG. Gedaechten Sie auch meiner dann in Grossmuth! + +ALBERT (ihm geruehrt die Hand schuettelnd). Verzeihung, ach, was waere das! +ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, +streben ihrer kranken Glieder grosse Noth durch gutes Beispiel, Rath und +That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche +unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe! + +QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein +bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so! +Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!-- + +ALBERT. Traeumen Sie von Paradiesesengeln! + +QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuss . . . +Doch still, etwas vergass ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen +Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzueckt im Spiegel schau'n! + +(Albert nimmt das Stueck Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, +wischt seine Thraenen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Naehe +steht.) + +ALBERT. Maedchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide fuer die Hochzeit +und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . . + +(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus +weiter Ferne kuendigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater +Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's +Dienern unter Fackelschein hinten ueber die Scene getragen.) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661.txt or 13661.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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