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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:42:39 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Bankerott
+ Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
+
+Author: Florian Müller
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
+
+von Florian Müller
+
+
+
+
+Leipzig
+
+Theodor Thomas.
+
+1853.
+
+
+
+
+Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und
+keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig
+und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr
+für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm
+überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen
+und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner
+Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus
+in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe,
+existiren können.
+
+Neujahr 1853.
+
+FLORIAN MÜLLER.
+
+
+
+
+
+ Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,
+ Réformer de son goùt l'antique barbarie,
+ Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;
+ Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,
+ Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,
+ Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?
+
+ <i>Frédéric II.</i> (Epitre sur la liberté.)
+
+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+
+
+Personen
+
+
+ QUESTENBERG, großer Zeugfabrikant.
+ DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn.
+ BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant.
+ ADELGUNDE, seine Tochter.
+ V. ZITTERWITZ, Regierungsrath.
+ JOHNSON, Capitalist.
+ ALBERT, }
+ KLAUS, } Arbeiter Questenberg's.
+ VATER ZIEMENS, }
+ MUTTER ZIEMENS.
+ MARIE, deren Tochter.
+ Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.
+ Bediente, Arbeiter, Volk. —
+
+Zeit der Handlung im Jahre 1850.
+
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten,
+Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau
+links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.
+
+Abend, Licht.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit
+von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind
+höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant —
+
+QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft! — Der
+Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das
+Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Eine Million!
+
+QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _à la chinois_.
+
+V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser
+Zeit speculiren!
+
+QUESTENBERG. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie
+herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
+
+V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv!
+
+QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der
+Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine
+brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den
+eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns
+Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk
+ihrer Industrie danach zu haschen wußten.
+
+V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer
+Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit,
+Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort,
+auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes
+und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich
+in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser
+und Papst.
+
+QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000
+Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen.
+
+V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
+
+QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _à la chinois_ statt
+für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde
+Kleid der „_l'état c'est nous_“ wird seiner Billigkeit wegen den Beifall
+unserer Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische noch
+sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!
+
+V. ZITTERWITZ. Zu spät, zu spät!
+
+QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme. —
+
+V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören.
+
+QUESTENBERG. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle — früher
+werden sie nicht fertig — die noch einmal so schnell als meine alten
+arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen
+Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester
+Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren
+sehenden Augen Versuche an.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen,
+die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf anzukränkeln! —
+Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern
+aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß
+unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen Nebelrittern
+wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade entgegen! Es sind ja nicht
+mehr die Principien, die Weltanschauungen, die philosophischen
+Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus zu verwandeln,
+sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen
+bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen Interessen! —
+O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer Weltherrscher, du
+findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines berühmten
+Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon
+des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische und
+Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle deines
+feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, Schnitzwerke,
+Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie
+gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine Herrlichkeit
+sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier Jahrhunderte der
+geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige und den König zum
+gemeinen Manne zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an und
+schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. Bewährt
+sie sich, so — seien Sie verstchert . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten
+und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu
+huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .
+
+QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
+
+V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen,
+auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn
+Procentlein verdienen?
+
+QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche —
+
+V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
+
+QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche
+Ihnen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen
+schriftlich abgemacht.
+
+QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . .
+(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend
+stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die
+Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten
+Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000
+Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen
+eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert
+mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt?
+
+QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage.
+
+V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe
+unsrer Geldmänner.
+
+QUESTENBERG. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer
+meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben
+ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche
+Speculationen gewisser Leute waren, die —
+
+V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
+
+QUESTENBERG. Vorzüglich einen — er steht mir sehr nahe und spielt den
+Scheinheiligen unübertrefflich.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen,
+überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute
+ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich
+der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner
+Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
+
+QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine
+heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
+
+QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste
+juristische Examen.
+
+QUESTENBERG. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht
+auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so
+fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die
+Ohnmacht meiner Lage —
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu
+verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den
+schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld
+und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der
+Banquier darf uns nicht widerstehen.
+
+QUESTENBERG. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand.
+
+V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über
+Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn
+Sohn, und . . .
+
+QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an.
+
+V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt
+mich . . .
+
+QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich
+morgen von Ihnen borge.
+
+V. ZITTERWITZ. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe
+dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten,
+Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
+
+QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn — 's
+ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens
+Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf
+Tausend Thaler —
+
+V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen
+und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige
+Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und
+funfzig Musikanten —
+
+QUESTENBERG. Die sechzig Köche und Kellner —
+
+V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert
+auf Borg die Meerkrebse —
+
+QUESTENBERG. Die Fasanen —
+
+V. ZITTERWITZ. Die Schildkröten —
+
+QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern —
+
+V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das
+Porter Bier —
+
+QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den
+Mokka-Caffee —
+
+V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten —
+
+QUESTENBERG. Wir großmächtigen Männer der Börse?!
+
+V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen? —
+
+QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den
+Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen?
+
+V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder,
+zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller
+kindlicher Gedichte? — — Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß
+sie mir nicht einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich
+gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische
+Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse
+seine Verlobung feierten! — Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf
+den letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck
+ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, will's
+Gott.
+
+QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+
+QUESTENBERG (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten
+und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder
+Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er,
+und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir
+Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer
+Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten
+verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder
+zum Schreiben.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit
+reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber
+brodirten griechischen Mütze.)
+
+
+DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe.
+
+QUESTENBERG. Was giebt's denn?
+
+DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
+
+QUESTENBERG. Ich komme.
+
+DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit?
+
+QUESTENBERG. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.
+
+DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren
+seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen — 's ist hart! —
+Ich hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu
+können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in
+Ihrem Hause fühlen.
+
+QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich — dem
+Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß nach einem — für rafinirtes
+Brennöhl 80 — nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
+
+DER DOCTOR. Nicht fein! — Warum zwangen Sie mich denn London zu
+verlassen?
+
+QUESTENBERG. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 Theertonnen —
+Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
+
+DER DOCTOR. Ich?
+
+QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter —
+
+DER DOCTOR. Lust? nein.
+
+QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt
+umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?
+
+DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier
+unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und
+Sittlichen zu spielen.
+
+QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000 — der
+Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen
+müssen . . .
+
+DER DOCTOR. Müssen?
+
+QUESTENBERG. 11,000, — 20,000, — 5000, — und 1500 macht — macht
+37,500 . . .
+
+DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu
+bezahlen.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich
+noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!
+
+DER DOCTOR. Schön.
+
+QUESTENBERG. Nicht wahr?
+
+DER DOCTOR. — — Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht
+eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
+
+QUESTENBERG. Fräulein Blashammer.
+
+DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.
+
+DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr).
+
+QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig
+französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für
+Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft —
+dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette,
+steht mit bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt,
+wenn ich nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . .
+(Er steht auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
+
+DER DOCTOR. Darf ich eine äußern?
+
+QUESTENBERG. Ich bitte.
+
+DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
+
+QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, thu' man den
+Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem
+Schlage zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
+
+DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen,
+sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein
+Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche
+schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst
+Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld,
+Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden,
+Herr Papa — auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!
+
+QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus
+Vernunft so verrückt.
+
+DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er
+in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für
+Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres
+Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben.
+Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit
+meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
+
+QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte
+seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund
+steht ein Modell.
+
+
+Vierte Scene.
+
+ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von
+KLAUS.
+
+
+KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit
+einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?
+
+ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der
+Arbeit schenkt . . .
+
+KLAUS. Welche Gnade!
+
+ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des
+gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?
+
+KLAUS. Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst in Paris oder London
+und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .
+
+ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die
+fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt
+aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie
+von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der
+Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie —
+Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . Der
+Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . Ich erwarte
+von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, aber bin überzeugt,
+daß er mich besser stellen wird, sobald ich ein Verdienst besitze.
+
+KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von
+hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
+
+ALBERT. Hier?
+
+KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem
+Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen
+Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben
+und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden
+wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.
+
+ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte
+mit Dir machen.
+
+KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das
+Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.
+
+ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.
+
+KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .
+
+ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.
+
+KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger
+der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen
+eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit
+erhalten.
+
+ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
+
+KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich helfe daran
+so gut ich kann — miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf
+und machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst
+merkwürdig für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung
+von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der
+in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen
+täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.
+
+ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
+
+KLAUS. Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell ausstellen, schicken
+wir's nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von
+Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir
+ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu
+entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
+die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst
+sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen
+Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.
+
+ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.
+
+KLAUS. Es fördert unsern Zweck!
+
+ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering. — Und gehörte sie mir allein,
+so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen
+gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .
+
+KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.
+
+ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu
+sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich
+erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und
+meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .
+
+KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst
+lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin Dich die
+falsche Bescheidenheit führt! — Elender Sclav', richte Dich empor,
+erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch
+ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein
+Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute
+fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. —
+
+ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der
+Meister meines Geschickes bleiben.
+
+KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife den allmächtigen
+Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um
+geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und
+Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das
+Einmaleins! — Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem
+Rath! — O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der
+Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter
+Deinem Talente nicht verkriechen.
+
+ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.
+
+KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild.
+
+ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
+
+KLAUS. Zunächst nichts weiter.
+
+ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?
+
+KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue
+Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus
+der Fremde mitgebracht hat, — Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
+
+ALBERT. Nein.
+
+KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet. — Ich
+begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach
+Gebühr zog ich die Mütze, — indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie
+von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .
+
+MARIE (singt draußen).
+
+KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im
+Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet
+werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber
+genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus
+der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist
+geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer
+Bedürfnisse“ . . .
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. MARIE.
+
+
+ALBERT. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott!
+
+MARIE. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.
+
+KLAUS. Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um höchst einfältige
+Fragen.
+
+MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?
+
+KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt. —
+
+ALBERT (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
+
+MARIE. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit
+denkt.
+
+KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht
+schaden.
+
+MARIE. Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein
+ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann
+meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus!
+Glück zu!
+
+KLAUS. Ihre Vorwürfe sind ungerecht.
+
+ALBERT. Was bringt Dich so auf?!
+
+MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack
+findest —
+
+KLAUS. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack
+finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm und Hagel! . . .
+
+MARIE. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
+
+KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als
+Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende
+Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders
+günstigen Lichte darstellt.
+
+MARIE. Das wäre abscheuliche Verläumdung.
+
+KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein Spiegel reflectirt alles
+verkehrt.
+
+MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?
+
+KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
+
+MARIE. Ueberflüssig! — Heraus damit.
+
+KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen
+bei Jemand einen Meineid kosten —
+
+MARIE. Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich
+die Thür, schütze mich!
+
+KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer.
+
+ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul
+bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
+
+KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . .
+
+ALBERT wendet ihm den Rücken.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn
+Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im
+Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß
+der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden —
+
+MARIE. Packen Sie sich nur, Elender.
+
+KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein
+sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm
+die Augen versehn!
+
+MARIE. Pfui.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
+
+
+
+Sechste Scene
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+MARIE (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als
+ich in die Stube trat, wovon war die Rede?
+
+ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
+
+MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem
+Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre! — Es
+steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich
+Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich
+nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's
+ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen
+Träumen zu opfern!
+
+ALBERT. Meinen Träumen!?
+
+MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte
+ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für
+Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl
+kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme
+Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen
+ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt
+und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates
+untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf
+Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath
+treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer Qual
+— Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne es
+von ferne zu sehen.
+
+ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn
+Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig —
+
+MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren
+sollest —
+
+ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an
+meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich
+verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das
+beschränkte Thier.
+
+MARIE. So schwärmt Klaus.
+
+ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
+
+MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den
+Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines
+Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum
+Techniker geboren. — Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit
+in die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf
+der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er
+bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere
+Thätigkeit begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des
+Großen Herr . . . Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?
+
+ALBERT. Höre auf davon.
+
+MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich fesseln! —
+Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus räumen; die
+Umstände gebieten's! — Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das
+Bündel, schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und die
+Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon morgen wird ein
+Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das
+Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der
+Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte
+nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne
+Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen
+beleidigten guten Ruf. — Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel
+und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der
+Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte
+schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem
+Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige
+verschweigend meine Pein?!
+
+ALBERT. Erbarmen!
+
+MARIE. — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton! — Geh' nur
+hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
+
+ALBERT. Bleib' Marie.
+
+MARIE. Was wünschest Du noch?
+
+ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich
+voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm
+ginge? Vielleicht will's der Himmel — Sollte er nicht durch die
+Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl
+seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
+
+MARIE. Versuch's.
+
+ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell
+einen Rock an).
+
+MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre hin gekränkter
+Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile!
+Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen,
+male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des
+kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, nicht alle
+Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
+
+ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).
+
+MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
+
+
+
+
+Zweiter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vorzimmer zum großen Festsaal.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich
+in einem Lehnstuhl.
+
+
+QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du sprachst
+von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last. —
+
+ALBERT. Um Entschuldigung —
+
+QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen. — Doch
+sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja,
+ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls
+ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern —
+
+ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.
+
+QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das
+große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es
+Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und
+beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem
+Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die
+klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt
+es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern
+aufschlägt.)
+
+ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese
+Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!
+
+QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.
+
+ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.
+
+QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses
+schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten
+Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
+
+ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das
+Buch durchübe — länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde
+ich's dann wagen können zu bitten —
+
+QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit
+dasselbe Dein Eigen ward.
+
+ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu schwach! —
+(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
+
+QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er
+Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
+
+ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!
+
+QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche
+Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen
+und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige
+Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten
+und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's
+nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen
+erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu
+lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld
+zieht jetzt verlegen das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den
+Schatz nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen
+Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade
+Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings
+müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?
+
+ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.
+
+QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, man ist so allein in
+der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das
+entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch
+zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den
+täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ Diese
+Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen. — O ich
+kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes
+stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der
+erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen
+Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein
+blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen
+Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder
+vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses
+und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, mehr, Du
+giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo
+das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir
+verzweifelt die Taschen. — Dieser Zustand mag im Sommer noch golden
+sein, — aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und
+auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage
+kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden.
+Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die
+Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder
+womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen
+Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der
+elende Kram des Hausrath's muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“
+„Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der
+Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte Nahrung und das
+ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die
+Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe
+hilflos unter verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich
+anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
+
+ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende
+Hoffnung überbringen!?
+
+QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug! — Ich soll
+helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich
+kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne
+fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht?
+
+QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben Sie nur die
+Güte näher zu treten.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her?
+
+QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht
+seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden?
+
+QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?
+
+V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes,
+aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten
+befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig
+hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den
+Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute,
+die Eigenthum für Diebstahl halten.
+
+QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten.
+
+V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund
+verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von
+seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich
+entfesselt!
+
+QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin.
+
+V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner entwickeln noch
+zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit
+der Wurzel auszureuten.
+
+QUESTENBERG. Was wird denn versäumt?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's in
+meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein
+starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die
+Demagogenhitze vertreiben.
+
+QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend
+zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.
+
+V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur deine
+Launen sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine
+höchsten Güter! — Was bemerkt doch Göthe darüber — ich glaub' 's ist der
+alte Papa — oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean
+Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein
+paar Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . .
+
+QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.
+
+V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung,
+schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so — Sie waren ja mit ihm in
+Unfrieden, 's ist unpassend . . .
+
+QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient.
+
+V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .
+
+QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl?
+(Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)
+
+V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus
+Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer
+Krippe geboren. — Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten
+Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher
+Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten
+die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder
+ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen
+gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel',
+ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde
+mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen
+zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem
+Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen
+guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt
+mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul,
+eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als
+Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit
+Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen wollte —
+Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . .
+
+QUESTENBERG. Wird er kommen?
+
+V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe
+Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.
+
+QUESTENBERG. Nun?
+
+V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen
+vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar
+brennen!
+
+QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim
+durchreisenden Finanzminister galt.
+
+V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten,
+die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.
+
+QUESTENBERG. Unmöglich!
+
+V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich
+verkriechen.
+
+QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus. — Sein Gesicht verzog
+sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . .
+Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn
+herzhaft in die Schmiede. — Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor
+Mitternacht zu Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte
+mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein
+Päckchen Karten.)
+
+QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg,
+Verlobte.
+
+V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift?
+
+QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals
+sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man
+blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel
+die Herren und Damen stehn.)
+
+V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl!
+
+QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig
+eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von
+Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir
+bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen.
+
+V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was macht die
+traute Freundin Pipi?
+
+QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl
+bettlägerig wurde — ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu
+scharf!
+
+V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz,
+lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief).
+
+QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . .
+Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod. — Noch immer
+lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der
+Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut
+mich!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette.
+
+
+DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel
+unten lachen und rufen: bravo, bravo!)
+
+V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man
+darunter?
+
+BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich
+meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen Sie mir gefälligst
+bei, ich bitte . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in
+Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du
+quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . .
+(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den
+jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen
+auch?
+
+DER DOCTOR. Freilich.
+
+V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von
+staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?
+
+DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen. —
+
+V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?
+
+BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde
+für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als
+zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer,
+Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir
+die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste
+Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor?
+
+DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung. — Der
+Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .
+
+BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu
+bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin!
+
+V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner
+Feder, hi, hi, hi . . . .
+
+V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia!
+
+BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr?
+
+DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie
+werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist
+auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum
+Anfang).
+
+ DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung).
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In jedem Herzen wiedertönt,
+ Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?
+ O halte ein!
+ Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,
+ Des Heilands Worte frömmig ehrt?
+ O halte ein!
+ Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In Land und Stadt der Leute Fleiß
+ Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?
+ O halte ein!
+ Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Das Recht verklärt, den Geist erhebt,
+ Die Menschheit zu vergöttern strebt?
+ O halte ein!
+ Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Die Sitte lenkt, das Leben führt
+ Und jede Handlung edel ziert?
+ O halte ein!
+ Sie kann es schon gewiß nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ So nennt sie endlich mit Vergunst!
+ Es ist doch nicht die Niedertracht,
+ Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
+ O halte ein!
+ Sie kann es nie von Herzen sein.
+
+ Sie kann es nie von Herzen sein,
+ O Gott vom Himmel sieh' darein
+ Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:
+ Es falle ihre Meisterschaft!
+ O stimmet ein,
+ So soll es und so wird es sein.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen
+Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die
+klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum
+DOCTOR:
+
+
+V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem
+Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen
+Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen
+Galanterie?
+
+DER DOCTOR. In keinem.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr „leben
+und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei,
+mit Permission gesagt —
+
+DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . .
+
+V. ZITTERWITZ. — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen
+Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
+
+DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum
+Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER
+erhebt sich mit einem Becher.)
+
+V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen?
+
+BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat
+gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und
+Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die
+Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn
+in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben
+wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E
+geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die
+innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere
+ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!
+
+QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in
+den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen.
+
+BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das
+Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch
+bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ
+zusammen.)
+
+V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne
+Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken.
+
+BLASHAMMER. Zum Schein.
+
+V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich
+verloren?
+
+BLASHAMMER. Ja . . .
+
+V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn).
+
+BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!
+
+V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich
+that.
+
+BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen
+Erfindung.
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . .
+
+BLASHAMMER. Alles.
+
+V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle!
+
+BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten
+Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine
+zu gleicher Zeit Versuche an? . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen —
+
+BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein.
+
+BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der Erfinder
+selbst brachte sie mir in's Haus . . .
+
+V. ZITTERWITZ. So!
+
+BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter.
+Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle
+verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im
+kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel
+ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben
+verbittert!
+
+V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger!
+
+BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist
+wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein —
+
+V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch
+eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!
+
+BLASHAMMER. Allerdings.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein? —
+Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . .
+
+BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen.
+(laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte?
+
+V. ZITTERWITZ. Warum nicht? — Schalk, Schalk, heraus mit der
+Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu
+Questenberg wohl nur erproben —
+
+BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist.
+
+V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?
+
+BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst
+nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine
+Tochter vermählt.
+
+V. ZITTERWITZ. Aha!
+
+BLASHAMMER. Verstehen Sie?
+
+V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder
+der größte Schlaukopf, welcher lebt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.
+
+V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt
+zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen
+scheint.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG.
+
+(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)
+
+
+V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel welche Absicht
+ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!
+
+QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie!
+
+V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich
+überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. —
+
+BLASHAMMER. — Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich
+alles rücksichtslos tadle, was . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein
+Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!
+
+V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen —
+
+BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein
+schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem
+Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er
+anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm
+große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen,
+unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so
+geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt
+ihm dann für's Portefeuille eines Ministers?
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses
+durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich — gehen wir
+ein bischen in's Freie.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen
+den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung
+kam — anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu
+entthronen, mich zu seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die
+Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem
+Heirathsproject Beifall schenken?
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Was giebt's Papa?
+
+QUESTENBERG. Setze Dich zu mir.
+
+DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde
+glücklich zu Wasser.
+
+QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine
+Schmach.
+
+DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.
+
+QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren?
+
+DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn
+zu necken.
+
+QUESTENBERG. Wirklich!
+
+DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_
+
+QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld!
+
+DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel
+lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie
+sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch
+glücklich zu werden, indessen —
+
+QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!
+
+DER DOCTOR. — Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der
+Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein
+Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen
+Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.
+
+QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's
+in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen
+Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich
+bis über die Ohren im Actenstaube begraben!
+
+DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram!
+
+QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den
+Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können!
+
+DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein
+Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient
+die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach
+Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut!
+
+QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.
+
+DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit
+stattfindet?
+
+QUESTENBERG. Noch nicht.
+
+DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?
+
+QUESTENBERG. Auch noch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich!
+
+QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den
+wichtigen Punkt . . .
+
+DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das!
+
+QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . .
+
+DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!
+
+QUESTENBERG. Wie ich Dir sage.
+
+DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben — kann sich der Doctor nicht
+verlieben.
+
+QUESTENBERG. Ironischer Narr!
+
+DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis!
+
+QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)
+
+DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will
+fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.)
+Die Musik mahnt!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!
+
+DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich.
+
+QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .
+
+DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten.
+
+QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!
+
+DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären.
+
+QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde
+und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will
+geh'n.)
+
+DER DOCTOR. Papa . . .
+
+QUESTENBERG. Ich sprach genug.
+
+DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.
+
+QUESTENBERG. Nämlich?
+
+DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein
+Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.
+
+QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an.
+
+DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag.
+
+QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)
+
+DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel
+und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern
+genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend).
+
+
+MARIE. — In acht Tagen, liebe Mutter.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist — ein
+Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das
+Vertrauen stiehlt.
+
+MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.
+
+FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr
+anstellen! Was versteht er!
+
+MARIE. Geduld!
+
+FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit
+des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der
+Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich
+vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles
+was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich
+in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so
+hätten wir unsere Freude — Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen,
+der früher ein Auge auf Dich warf.
+
+MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!
+
+FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten
+Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?
+
+MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!
+
+FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund.
+
+MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)
+
+FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer — Er
+macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. MARIE.
+
+
+VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein
+Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine
+schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier,
+hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen,
+nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke,
+ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch
+aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit
+neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische
+Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber
+zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der
+Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll! — Ein
+schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen
+auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den
+Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören.
+
+
+
+Eilfte Scene
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit.
+
+VATER ZIEMENS. Mamachen!
+
+FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich
+trug schon die Suppe auf — (Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe,
+Marie. (Marie ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute
+früh ziemlich gute Mienen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . .
+
+VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam — Das Uebel
+heilt bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .
+
+MARIE kommt mit der Lampe.
+
+VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen?
+
+FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen.
+
+VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn
+fortzufahren.)
+
+FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das
+Haus.
+
+VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen?
+
+FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme Dich! — Gieb dem
+Alten einen Kuß und das Versprechen.
+
+VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!
+
+MARIE giebt ihm einen Kuß.
+
+VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht
+geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht
+treffen, — Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.)
+Was gibt's denn da?
+
+FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß — Wohl
+verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks.
+
+VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest?
+
+FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?
+
+VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers
+Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und
+Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's
+Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn
+bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer
+Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus
+Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und
+Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse
+und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler.
+Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von
+hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst
+Du, he?
+
+VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen
+lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.
+
+
+
+Zwölfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm
+Arm, welches er auf eine Bank wirft.)
+
+
+MARIE. Weh!
+
+VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!
+
+MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn!
+(ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen!
+
+FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und
+sieht dumpf vor sich hin.)
+
+
+VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind
+allein.
+
+ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner
+Lage . . .
+
+VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so
+kommt, 's ist meine Schuld!
+
+ALBERT. Inwiefern?
+
+VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann —
+verzeih'! oh, oh!
+
+ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll ich etwa gleich das
+Bündel schnüren?
+
+VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .
+
+ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst
+Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch
+immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!
+
+VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen
+muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln
+zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der
+erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen
+soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der
+Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte
+ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen
+morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme
+heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man
+unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur,
+des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch
+das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken.
+Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren
+Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen
+Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der
+Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und
+sterbend gesenkt! . .
+
+ALBERT (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des Erlösers
+Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)
+
+VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten,
+edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen
+Scheidestunde — hörst Du?
+
+ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter
+Wille, daß ich geh'.
+
+VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!
+
+ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke!
+
+VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!
+
+ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!
+
+VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die
+Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.
+
+ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!
+
+VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger
+Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich
+ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in
+die Grube werfen? Albert, Albert!
+
+ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.
+
+VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!
+
+ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis
+schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen,
+bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis
+auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)
+
+VATER ZIEMENS. Albert bleib! — Fort ist er! 's war sein Schatten, er
+selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne
+Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen
+nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in
+Ewigkeit!
+
+
+
+
+Dritter Akt
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant
+erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik
+abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend.
+
+
+BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich
+an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht
+umsonst Psychologie . . .
+
+BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.
+
+V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen.
+
+BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei
+vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .
+
+BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre
+Fragen?
+
+V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .
+
+BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen,
+woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen — Nein
+wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne
+eines Bankerottirers opfere! — Schnell auf die Beine, Herr
+Regierungsrath, zurück zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen!
+Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen. — (Er bleibt zaudernd
+stehen.)
+
+BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund
+zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.
+
+V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so!
+
+BLASHAMMER. Keine Zeit verloren.
+
+V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel
+Vergnügen mein Fräulein.
+
+BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ.
+
+
+BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann
+sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)
+
+ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater?
+
+BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere
+singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.
+
+ADELGUNDE. Woher kommt das?
+
+BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr
+lange besitzen. . .
+
+ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.
+
+BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze
+Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen,
+Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging
+ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich
+keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und
+Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse
+vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine
+Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt
+schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir
+schlaflose Nächte . . .
+
+ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.
+
+BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von einer wichtigeren
+Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt,
+wirst Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in
+Harmonie zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir
+einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag'
+Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist
+keine schamhafte Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist
+von Gott eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen
+andern Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern
+hörst: hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.
+
+ADELGUNDE. Hier?
+
+BLASHAMMER. Ja.
+
+ADELGUNDE. Aber mein Vater.
+
+BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann. — Du sah'st ihn wohl schon
+oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen
+Knöpfen. — Sicherlich findet er Deinen Beifall.
+
+ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen!
+
+BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, küss' mir die
+Hand.
+
+ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus,
+wie schnell geht das!
+
+BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage! — Ich höre Tritte. — Er wird's
+sein . . .
+
+ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.
+
+BLASHAMMER. — Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf
+halbem Wege entgegen. — (Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er
+geht.)
+
+ADELGUNDE (nachrufend). — Papa?
+
+BLASHAMMER. Meine Tochter?
+
+ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat?
+
+BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt — Wozu aber!
+sogleich siehst Du ihn. . .
+
+ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)
+
+BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was
+ihn erzürnt.
+
+ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich
+gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich — ich sehne
+mich sie abzuschütteln.
+
+BLASHAMMER ab.
+
+
+
+Vierte Scene
+
+[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]
+
+ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Fräulein ist noch da! — also scheint's der Himmel zu wollen.
+Lassen Sie mich denn allein.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe.
+
+DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham?
+ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen
+Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied
+summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies
+Sträußchen zu sammeln.
+
+ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?
+
+DER DOCTOR. _Au hasard_
+
+ADELGUNDE (annehmend). Ich danke.
+
+DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._
+
+ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.
+
+DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu
+hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?
+
+ADELGUNDE. _Avec plaisir._
+
+DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher.
+
+ADELGUNDE. _Par exemple!_
+
+DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns
+nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.
+
+ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . Dites mois
+alors . . ._
+
+DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener.
+
+ADELGUNDE. — _comment d'après ce princip, arriveriez vous à une
+inclination individuelle?_
+
+DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur
+individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich
+verliebt — auf Befehl des Alten!
+
+ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez
+une reponse à toutes les questions . . . ._
+
+DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.
+
+ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_
+
+DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . .
+
+ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_
+
+DER DOCTOR. Wohl war ich's.
+
+ADELGUNDE. _Eh bien?_
+
+DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave
+Burschenseele.
+
+ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._
+
+DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.
+
+ADELGUNDE _Et après?_
+
+DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr
+ernst.
+
+ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.
+
+DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst
+ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne Frau.
+
+ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
+
+DER DOCTOR. Nicht zu leugnen — Da's aber in unserm Jahrhundert keine
+gültigere giebt —
+
+ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . .
+
+ADELGUNDE. — und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: „strebet, die
+Wahrheit wird euch erlösen.“
+
+DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.
+
+ADELGUNDE. Das ist mir neu.
+
+DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten
+Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.
+
+ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie
+glauben?
+
+DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß
+im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte
+vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen
+Jenseits tausendfach vergolten —
+
+ADELGUNDE. So murren Sie nicht?
+
+DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa
+sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen
+Herrn Doctor.
+
+ADELGUNDE. Sie sind barock.
+
+DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein ich denke das Beste
+von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen
+Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten
+Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
+
+ADELGUNDE setzt sich und seufzt.
+
+DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen Sie sich meine Worte
+ja nicht zu Herzen — ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig,
+nur in Thorheit.
+
+ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die
+Maske eines Heuchlers verabscheuen.
+
+DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.
+
+ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.
+
+DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe.
+
+V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener — gefällt's den geehrten
+Herrschaften . . .
+
+BLASHAMMER. Nur näher getreten.
+
+V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es
+ging ja ausgezeichnet gut.
+
+DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier
+allein —
+
+DER DOCTOR. — Was außerordentlich auffiel —
+
+V. ZITTERWITZ. — und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu
+lauschen.
+
+DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät.
+
+QUESTENBERG. Was gab's?
+
+V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch.
+
+QUESTENBERG. Es handelte sich?
+
+V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . .
+
+BLASHAMMER. Erstaune!
+
+V. ZITTERWITZ. — als von Liebe!
+
+DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein.
+
+BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.
+
+
+ADELGUNDE. _A la bonne heure!_
+
+DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . .
+
+BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen
+Blick zu der mehr besagte, als . . .
+
+ADELGUNDE. Papa!
+
+BLASHAMMER. — als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!
+
+V. ZITTERWITZ. — Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute
+zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern — hören
+Sie?
+
+QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen?
+
+BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure Hände, Kinder, daß
+ich sie ineinanderlege.
+
+V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon —
+
+QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht.
+
+V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal!
+
+QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!
+
+V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die
+Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten,
+Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren
+sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und
+klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies
+Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am
+Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte
+er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und
+zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment und
+bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und Champagner —
+Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter ab.) Klopfte
+Jemand? Herein!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DER DOCTOR. MARIE.
+
+
+MARIE. Grüß' Gott!
+
+DER DOCTOR. Danke.
+
+MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn
+Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
+
+DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.)
+Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte
+ergebenst . . .
+
+MARIE. Ich kann steh'n.
+
+DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein
+Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den
+ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)
+
+MARIE. Ich will kurz sein.
+
+DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre — ?
+
+MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir
+gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten
+Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein
+kann . . .
+
+DER DOCTOR. Ich ahne schon . . .
+
+MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen
+Vers von mir.
+
+DER DOCTOR. Sie heißen — ?
+
+MARIE. Marie Ziemens.
+
+DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun!
+
+MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
+
+DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!
+
+MARIE. Kaum glaublich.
+
+DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
+
+MARIE. Ach!
+
+DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich
+Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?
+
+MARIE. O sprechen Sie nicht so.
+
+DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein Mündchen —
+gleich!
+
+MARIE. Pfui.
+
+DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine
+Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!
+
+MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
+
+DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
+
+MARIE. Ich bin Braut.
+
+DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
+
+MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer
+Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
+
+DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe?
+
+MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen,
+seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn
+Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.
+
+DER DOCTOR. Es soll gescheh'n.
+
+MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn —
+
+DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's.
+
+MARIE. Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren arbeitet er in Ihrer
+Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit
+Ihres Herrn Vaters — leider aber nichts weiter! Unter die
+schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel
+aufstrebender Geist gebannt!
+
+DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und —
+
+MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem
+Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen, — derselbe
+mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus
+Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
+
+DER DOCTOR. Möglich! — Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er
+macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten!
+Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch
+geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter
+Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei
+von Eifersucht ist?
+
+MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!
+
+DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden.
+
+MARIE. Nun? . .
+
+DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und ich —
+darf's Ihnen nicht schenken — einen Kuß.
+
+MARIE. O weh, ein schlechter Handel.
+
+DER DOCTOR. Nicht für mich.
+
+MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen?
+
+DER DOCTOR. Mit Händeklatschen.
+
+MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die
+Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
+
+DER DOCTOR. Im Augenblick! — (Er setzt sich an den Schreibpult.) Der
+Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig
+unterzeichnen. . . .
+
+MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
+
+DER DOCTOR. — Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?
+
+MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.)
+O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, sicher! . .
+
+DER DOCTOR. Also er eignet sich — schön! . . . (Schreibt.) Der
+Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber
+Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . .
+Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
+
+MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!
+
+DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll
+unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen,
+Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende
+Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und
+erfahre, was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit
+gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der
+blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in
+warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen
+unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen
+schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische
+Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's
+andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen.
+(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen,
+sie lebe hoch!
+
+MARIE. Schonung, Herr Doctor! —
+
+DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph,
+Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst
+erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem,
+was sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf,
+Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, mein
+Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner
+Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen Sie. — Die
+Schrift liegt fertig und wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie
+folgt ihm erstaunt und verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt
+ein.) Auf Ihr Wohlsein! (Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie
+schmeckt's?
+
+MARIE. Ziemlich gut.
+
+DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen! — — Ah' thut's einem
+schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch
+eins.
+
+MARIE. Danke.
+
+DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —
+
+MARIE. Es war mein letzter Tropfen.
+
+DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . .
+Nur her das Glas.
+
+MARIE. Ich schlag's in Trümmer.
+
+DER DOCTOR. Das hieße mich verachten.
+
+MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und
+will fort.) Sie sind abscheulich!
+
+DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
+
+MARIE. Sie wissen's.
+
+DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
+
+MARIE. Lassen Sie mich nur fort.
+
+DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)
+
+MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.
+
+DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall!
+
+MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt grabe
+— darf sie nicht erzürnen.
+
+DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich
+entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und
+leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da!
+Es sind alles Goldstücke.
+
+MARIE. Herr Doctor . . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel. — Ich
+begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend,
+schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den
+alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht!
+Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und
+angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten
+Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß
+sogar Thränen. — Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig
+ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen
+rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die
+Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders?
+(Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher König wäre ein Bettelmann,
+mancher Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres
+Albert Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die
+Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem
+ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit,
+die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.)
+Hoch die Romantik! . .
+
+MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.
+
+DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen
+Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
+
+MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
+
+DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er
+fällt in einen Stuhl.)
+
+MARIE. Leben Sie wohl. (ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+
+DER DOCTOR. — — — Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das
+Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und
+Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DER DOCTOR. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
+
+DER DOCTOR. So so, la la!
+
+QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel
+schon gänzlich gehoben sein.
+
+DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.
+
+QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.
+
+DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude,
+ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer
+zusammengestapelt! — In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden
+sein, wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn
+einigermaßen verschonen.
+
+QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln,
+scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
+
+DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne
+Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und
+klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst
+aus der Fabrik.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.
+
+QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und —
+
+DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!
+
+QUESTENBERG. Du weißt aber nicht —
+
+DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen!
+
+QUESTENBERG. Welch' Wagestück!
+
+DER DOCTOR. Unsinn!
+
+QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu
+mischen.
+
+DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine
+Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
+
+QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse —
+
+DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche
+Würde ignorirt. — (Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber
+langath'mige Verhandlungen, da!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns.
+
+DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um
+eine Bagatelle?!
+
+QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt
+schüchtern ein.)
+
+DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt.
+
+QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DER DOCTOR. ALBERT.
+
+
+DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die
+Herablassung.
+
+ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid
+entweihe . . .
+
+DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?
+
+ALBERT. Ein wenig.
+
+DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen,
+bedenke das und —
+
+ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches!
+
+DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!
+
+ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Es lebe die Association!
+
+ALBERT (ernst). Sie lebe!
+
+DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!
+
+ALBERT. Fort mit den Privilegien!
+
+DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!
+
+ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.
+
+DER DOCTOR (lacht ironisch).
+
+ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?
+
+DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige
+Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
+
+ALBERT. Vielleicht! . .
+
+DER DOCTOR (lacht wieder).
+
+ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
+
+DER DOCTOR. Keineswegs — ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste
+heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
+
+ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).
+
+DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein
+Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die —
+
+ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.
+
+DER DOCTOR. Wirklich — ei, ich meine er that übel.
+
+ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen,
+fand, daß mein Verlangen unbillig war.
+
+DER DOCTOR. Albert!
+
+ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist
+zufrieden, genöthigt worden zu sein es — aufzugeben!?
+
+ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du
+alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich — ich würde ihm danken.
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?
+
+ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den
+Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle
+der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu
+leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu
+triumphiren . . .
+
+DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was
+er Dir giebt.
+
+ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht
+beurtheilen.
+
+DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig,
+die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum
+und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch
+vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener,
+gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast
+den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach
+Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden
+und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen
+Justiz, Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias,
+Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz,
+einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein
+vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . .
+(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen
+und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der
+Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal
+begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln
+vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom
+Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung,
+Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen
+Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit
+Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade
+Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem
+Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei
+gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich
+Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)
+
+ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . .
+freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem
+Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.
+
+ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie
+zuzumessen!
+
+DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist
+Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!
+
+ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch
+still — — der Klaus hatte am Ende recht — — welch' furchtbarer Gedanke
+durchschauert mich . . .
+
+DER DOCTOR. Was hast Du Albert?
+
+ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr
+Questenberg nicht selbst das Papier?
+
+DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch
+droht schwierig zu werden.
+
+ALBERT. So hatte er doch Furcht —
+
+DER DOCTOR. Inwiefern?
+
+ALBERT. — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der
+Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich
+ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der
+Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen
+Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten,
+blutärmsten Paria!
+
+DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches.
+
+ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir
+entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und
+Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit
+auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . .
+Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .
+
+DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.
+
+ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das Papier an die Erde
+werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten — ich will ihm alles
+schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe
+lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele
+machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! ich
+bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern,
+denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem
+Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste
+Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines
+Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab
+dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!
+
+ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern wüthet! —
+Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire das
+Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten,
+es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere
+Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und sühnen das gebeugte
+Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, Soldknechte aus Nah'
+und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, bestürmten, bombardirten
+es, bis der letzte Held unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre
+männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! Was
+nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, die ganze Erde ist
+davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, blühen, reifen, die wenigen
+Weizenhalme verdrängen und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende
+der Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, daß es
+die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die ungeschwächte Kraft
+deines ewigen Feuers über uns aus; wir möchten sterben und in Asche
+zerfallen! — O Gott, ich kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein
+Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!
+
+DER DOCTOR (bei Seite). — Er trägt die Erfindung zu unseren
+Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe Rath! — Ich muß seinen Haß
+von meinem Vater auf mich lenken — recht! dann fordere ich ihn, er
+schlägt sich — ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in
+den Waffen geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im
+Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut)
+Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand
+empfängst. Du wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte
+Biedermann bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich —
+wirst Du mir verzeih'n.
+
+ALBERT. Zur Sache.
+
+DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das Dokument,
+Albert, Du empfängst das Dokument . . .
+
+ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.
+
+DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der
+Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir
+Marie nie gebeichtet von mir?
+
+ALBERT. Von Ihnen?
+
+DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?
+
+ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
+
+DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst
+jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts
+sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als
+Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit
+—
+
+ALBERT. Nun wohl.
+
+DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
+
+ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?
+
+DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
+
+ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?
+
+DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt
+verließ und zur Universität abging.
+
+ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
+
+DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische
+mir gestern erschien!
+
+ALBERT. Wo?
+
+DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich
+beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend
+wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt,
+ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren
+Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die
+keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein
+zu nennen! . .
+
+ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.
+
+ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.
+
+DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, mein Recht auf Marie
+ist nicht minder legitim als Deins!
+
+ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!
+
+DER DOCTOR. Du meinst!
+
+ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes
+Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
+
+DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
+
+ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen
+deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um
+Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.
+
+DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!
+
+ALBERT (lacht).
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte
+ich ihn ohne Umstände fordern . . .
+
+ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines
+Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt,
+Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie
+konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie
+konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er
+Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute Marie, eingedenk,
+sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben,
+verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den
+Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen,
+fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte
+Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt
+Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu
+spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen,
+seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie
+eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte
+toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen,
+tausendmal Verzeihung!
+
+DER DOCTOR. Du bist ein Gott!
+
+ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt
+keine heiligere Reliquie mehr!
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell ab. —
+(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich muß
+zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche
+genommen.) — — Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen
+und versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen,
+Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand
+schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen
+uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?
+
+ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier
+unterzeichnete?
+
+DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar
+auf, — er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von
+meinem Willen abhinge — (bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles
+zu sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
+
+ALBERT. Beim ewigen Heil!
+
+DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer
+Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.
+
+ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
+
+DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören
+soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen
+Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit
+der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn
+Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer
+drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn
+Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben! — er aber,
+Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der
+ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch
+ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen
+plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien der Schande hinter
+sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend, — muß lachen, um sein
+blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste
+veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken,
+um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen,
+Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
+
+ALBERT. Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß bringt mich dem
+armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares
+Gesicht — ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel — wir
+Menschen sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend
+und gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln
+uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument
+bezeugt's zweifellos.
+
+DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .
+
+ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
+
+DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.
+
+ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester
+Geselle. Lebe denn wohl.
+
+ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach
+verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+Neunte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus
+dem Original übernommen.]
+
+BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet,
+das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem
+andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde.
+
+
+BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der
+Börse verloren . . .
+
+DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen. —
+
+BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich
+in einen Sessel.)
+
+DER DOCTOR. — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein — indessen,
+wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
+
+BLASHAMMER. Das arme Herz! — Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer
+erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
+
+DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein.
+
+BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie.
+
+DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen.
+
+BLASHAMMER. Wir wollen's erproben!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht
+vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?
+
+BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
+
+QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?
+
+BLASHAMMER. Lies, lies!
+
+QUESTENBERG (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser
+Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo
+kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an
+die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was
+die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das
+Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher
+bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst
+kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million
+beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition ist. —
+Es klingt wie eine Verleumdung.
+
+BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten
+in die Schuhe . . .
+
+QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun.
+
+BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit
+den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und
+Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's
+und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!
+
+QUESTENBERG. 's ist unglaublich!
+
+BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große
+Blashammer Ehre und Existenz!?
+
+QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!
+
+BLASHAMMER. Niemand — wehe dem, der's that! Und nun frag' ich,
+Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist?
+
+DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!
+
+BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post.
+
+QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen
+Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich
+zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen
+wieder abbestellt.
+
+BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig! — Es sind
+die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
+
+QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
+
+BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
+
+DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die
+Arme.
+
+BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.
+
+DER DOCTOR. — Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern
+strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
+
+BLASHAMMER. Wodurch?
+
+DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
+
+BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
+
+DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da kann's Ihnen auf ein
+oder zwei nicht ankommen.
+
+BLASHAMMER. Danke bestens.
+
+DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
+
+BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber — öffne den
+andern Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains. — Der
+gute Mann mußte für mich sterben! . .
+
+QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn,
+Leichtsinn!
+
+DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
+
+BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel.
+
+DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?!
+
+BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen
+und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
+
+BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.
+
+DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's
+seine eigene Schuld.
+
+BLASHAMMER. Meinetwegen.
+
+DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
+
+BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!
+
+DER DOCTOR. Warum, sage ich?!
+
+BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können!
+
+DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben
+weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen
+gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm
+anvertrauten.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch
+gleichgültiger.
+
+DER DOCTOR. Bravo!
+
+BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der
+ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . .
+
+DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
+
+BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel
+bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von
+Palermo ungehindert fortgelassen haben.
+
+DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List!
+
+BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem
+unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da
+sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
+
+DER DOCTOR. — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
+
+BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie
+glauben!
+
+DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb
+Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
+
+BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen!
+
+DER DOCTOR. Nicht wahr?
+
+BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater
+morgen die Gläubiger vom Halse schaffen!
+
+DER DOCTOR. — — Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen?
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.
+
+DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn?
+
+BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr.
+
+DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen
+Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?
+
+BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül. — Ich bin
+ein ruinirter Mann!
+
+DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.
+
+BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies
+Sie zu fragen!
+
+DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?
+
+QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
+
+QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während
+der Vorhang fällt).
+
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vor der Hütte des Vater Ziemens.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' in der Hütte.
+
+MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor.
+
+FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen?
+
+MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja — ich
+hatte die ganze Schürze voll.
+
+FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind — — Entstiegst Du nicht eben dem
+Federbett! — Komm' zurück, die Luft weht kalt.
+
+MARIE. Bin ich denn krank?
+
+FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem
+Blut.
+
+MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als
+die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die
+thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten,
+fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu
+springen wie bei der Hochzeit.
+
+FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.
+
+MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert — Du schaltst
+ihn einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er
+mich an den Abgrund des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte
+mich verletzt . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern.
+
+MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde —
+
+FRAU ZIEMENS. — strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein
+ehrbares Mädchen hegt Gedanken —
+
+MARIE. Welcher Art?
+
+FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon.
+
+MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich.
+
+FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf
+Deiner Zunge — Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich
+geschrieben — Wie wird Dir — Mein Kind!
+
+MARIE erblaßt und droht umzusinken.
+
+FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme). — Was hast Du auf Deinem Gewissen!
+
+MARIE. — 's ist überstanden; die schwache Natur hilft mir — — Du bist
+auf alles vorbereitet — hier, lies den verhängnißvollen Brief. — —
+
+FRAU ZIEMENS. — Mir dunkelt's vor den Augen.
+
+MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um — um meiner
+Ehre Preis! — — Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz,
+wodurch mein Verbrechen zu sühnen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten.
+
+MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die
+Liebe des Guten.
+
+FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon —
+
+MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich bedarf einer
+Autorität!
+
+FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche.
+
+MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau'
+ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die
+labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben
+trieb und kannst allein —
+
+FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht?
+
+MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen
+obersten Wohlthäter.
+
+FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
+
+MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden — die Brille.
+
+FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott! — Nun erst begreif' ich, wie tief Du
+sankst — — Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend
+vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch
+geweihter Priester erbaut sie mehr!
+
+MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des
+Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! —
+Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen
+Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom Haupte
+abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich ungetheilt
+erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe Aufrichtigkeit, erhebt
+und fortreißt durch den Zauber seines Beispiels! — Ach, ich irrte in
+eine Wüste der Finsterniß, und verschmacht' im dunklen Drang nach
+Entscheidung! Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's im
+Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo seine Heimath ist,
+lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich erscheint Albert, o
+Mutter, willens in's Joch, das die Schwäche der Menschheit, unsere
+Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?
+
+FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin.
+
+MARIE. Muß ich — ?
+
+FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?!
+
+MARIE. . . . Der Tod.
+
+FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten wir das
+um Dich!
+
+MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' mich nach
+jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete — Ersehnte!
+Er ist's! — Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden
+Ports — doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts
+stürmt ihn das unerbittliche Meer.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT.
+
+
+ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren.
+
+MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken).
+
+FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung).
+
+ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau Mutter, dies
+Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . .
+
+FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte).
+
+ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles — War
+die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an
+Mädchen, wie fass' ich —
+
+MARIE (reicht ihm des Doctors Brief).
+
+ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der junge Herr ging
+schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem
+Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber wie fein! wie
+herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar
+sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts
+vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben
+Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis
+jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, ei! . . .
+Zu viel überschwemmendes Lob — zu viel, auf einen Elenden, der die
+Jungfrau des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl
+sagen konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS.
+
+
+VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert.
+
+ALBERT. Wer ruft mich? — Mein Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' mir doch, wo er ist?
+
+FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind — Da, da hast Du ihn.
+
+VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote — Noch kommst Du zur rechten
+Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch — — Du bebst zurück? Welche
+finstere, verzweifelte Mine?
+
+ALBERT. Armer Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer — Bringst Du meinem Töchterchen
+keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt —
+
+ALBERT. Vergrößert ihre Pein.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . .
+Lass' mal sehn — Ist sie im Garten?
+
+ALBERT. Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks Meduse.
+
+VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen — Kinder, Kinder, ihr werdet
+nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.
+
+FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch.
+
+VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren
+kaltes Herz?
+
+FRAU ZIEMENS. 's ist einfach.
+
+VATER ZIEMENS. Erzähle — sei so gut.
+
+FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe
+recht, bevor sie Albert kannte —
+
+VATER ZIEMENS. Ich versteh'.
+
+FRAU ZIEMENS. — ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward —
+
+VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr.
+
+FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth. —
+
+VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!
+
+FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält).
+Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich
+Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie
+in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein
+blieb.
+
+VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen — dessen bin
+ich gewiß.
+
+FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden,
+schmeichelhaften Sprache.
+
+VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit
+schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht
+Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch
+fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich
+zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der
+Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde
+alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid
+Ihr verloren — Ihr seid — und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein
+Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!
+(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel
+zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt
+Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!
+
+FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern
+Leidenskelch?!
+
+VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe?
+
+FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen!
+
+VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde? — Weib!
+
+FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit
+Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in
+schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend
+unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten
+Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von
+Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten
+Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf
+meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits
+verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich,
+er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über
+Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten blieb der selige
+Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges
+Rächerantlitz warnend mir erschien — warst Du nicht umzustimmen! Taub
+bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist
+unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur beschämt —
+er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen Pfuhl,
+regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem
+lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer
+ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und
+nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht
+erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes
+aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches
+Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre
+auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit
+beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich
+ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden
+Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in
+ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.
+
+VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie! — Welchem fürchterlichen
+Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den
+Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst
+nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der
+unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?
+
+ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle
+Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten
+Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit
+fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen
+und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort
+und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie
+erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich
+gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom
+blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten
+Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen
+wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall zu vertrau'n und
+dem Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft
+wo's zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern
+wohl verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit
+und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als Mittel zur
+Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu
+Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders
+stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht
+beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!
+
+FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!
+
+VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir
+fallen, sie zu versöhnen.
+
+ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer
+für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch,
+Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's
+alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in
+lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein
+jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und
+gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das
+Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind“ —
+
+VATER ZIEMENS. Albert, Albert!
+
+FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!
+
+ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein
+Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter
+Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.
+
+VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen!
+
+ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid — unter dem
+Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale
+Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen
+erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und
+schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern
+Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!
+
+FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.
+
+VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt
+katholischen Kirche sich zu Füßen legen.
+
+ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies.
+
+FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.
+
+ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels
+Frieden!
+
+VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte?
+
+ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern
+Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich beschwöre Euch, weilt!
+
+MARIE. Fasse — halte — leite mich, Vater . . .
+
+ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?! — Die Bagatelle, Vater,
+welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den
+Lauschern fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, kannst Du
+für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund
+verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. ALBERT.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert. — Gewalt stürmt nicht die Schranken
+ihres Herzens.
+
+ALBERT. Memme! Memme!
+
+FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund.
+
+ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder denkst Du, ich bin
+ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von
+Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk
+den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)
+
+ALBERT. Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr war's möglich — sie
+konnte — Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?! — Das
+endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.)
+Teufel und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube wird zur
+Hyäne . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Wohin Albert?
+
+ALBERT. Ihr die Schande kürzen!
+
+FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!
+
+ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses
+geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm
+Marie entgegen). Gott —
+
+MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz.
+
+ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st Du
+meiner Brust! . .
+
+MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)
+
+FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht
+geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich
+wieder.)
+
+ALBERT. — — Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen
+Nebel, froh athme ich auf: — es war nur ein Traum, ein fürchterlich
+geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum
+sei er schnell, schnell vergessen!
+
+FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und
+Mitteln, die Thorheit zu besiegen.
+
+ALBERT. Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus!
+
+FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher — schon winkt er uns. (Geschrei aus der
+Ferne.)
+
+ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs
+Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach
+versagte —
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so
+leben wir alle Tage, in — _Bon jour monsieur, madame_ — Wir nicht hatten
+_depuis long-temps_ die Vergnüken — _Reçevez mes compliments_.
+
+ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack? —
+
+KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_
+endlich Justiz gehalten.
+
+ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher
+ordentlich deutsch.
+
+KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen
+_oublier notre belle langue allemande_ . . .
+
+ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten.
+
+KLAUS. _Patience, monsieur_.
+
+ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.
+
+KLAUS. _Mille pardons_ — ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk
+ßoll ßein verschw — w — wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent
+la_ Kurkel — _j'étouffe_ . . .
+
+ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer!
+
+FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.)
+
+KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million reich! —
+Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, großer
+Mann — Nicht unser Muckerländchen — das freie göttliche Amerika erzeugte
+ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser Stadt
+_de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik der
+Sprak _du monde_.
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million —
+
+KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein
+rentables Fabrikchen eingetragen —
+
+FRAU ZIEMENS. Bei!?
+
+KLAUS. — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung.
+
+ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem Besuch — schleunigst
+— erfreuen — Johnson — — Das ist ein Possenspiel.
+
+KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.
+
+ALBERT. Vergebliche Mühe — zu spät!
+
+KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?
+
+ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten
+Namen.
+
+KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der
+Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts
+aussetzte. — Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender,
+großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines
+Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf
+die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die
+Sünde für uns alle trägt!
+
+ALBERT. Ja, ich that Dir Leides —
+
+KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir
+einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt
+viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur
+Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche
+tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die
+Kinnbacken — aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst
+löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend
+würde mich indeß so recht _tête-à-tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel
+laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach der reichen
+Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den
+Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein
+aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an der
+Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor mir her.
+Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und balancirte —
+balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt
+mich zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo schon so
+mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner Heldenthaten
+übermächt'gen Rausch verschlief!
+
+ALBERT. Ein frommer Wunsch.
+
+KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir.
+
+ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß,
+daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich
+vergesse.
+
+KLAUS. Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen
+anhetzen, Steine nach mir zu werfen und „wilder Klaus“ zu schreien, he?
+Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel
+pfarrherrlicher Ehrbarkeit?
+
+FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes
+würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen.
+
+KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:)
+
+ Bei wem das Geld im Beutel klingt,
+ Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
+
+ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht.
+
+KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige
+verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu
+ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ mir auf den Buckel zu kreiden.
+Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler
+Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich
+kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller
+christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben
+mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß'
+elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit
+noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte.
+— 's ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem der
+Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr — fahr's nur ganz
+nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit
+wahrhaft schwärmt! — Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich
+werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's
+Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!
+
+ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes
+Versprechen zurück.
+
+KLAUS. Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung
+gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der — der die Brust
+schnürt und Gedanken mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine
+verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden.
+
+ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl
+in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und
+erheben, Du, Du — wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!
+
+KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte die Million _in spe_ für
+Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer — für Geld
+ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und
+Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause
+Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst
+angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden wollte —
+Wenn Nein die Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke
+elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; möchte als
+Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden Federhuts,
+staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß
+seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu nützt
+Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu Jahr vermehrt? Bist
+Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark der Menschheit
+geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens
+sichre Rente!
+
+ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath
+entsprechen, doch in meiner Weise.
+
+KLAUS. Heil Brutus Dir!
+
+ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist jetzt die Zeit. Mich
+drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau Mutter, ein Wörtlein in
+Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)
+
+KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er
+singend hinter ihnen her).
+
+ _Allons, enfants de la patrie — hi, hi,
+ Le jour de gloire est arrivé: — he, he.
+ Contre nous, de la tyrannie — hi, hi,
+ L'etendard sanglant est levé — he, he . ._
+
+(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.)
+
+
+V. ZITTERWITZ. — Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der
+_haute-finance_ nichts ausrichten läßt — Aber ich kenne Schneider,
+Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in
+ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn
+Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in
+die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, Sie schreiben
+vornehm einige Zeilen blos und —
+
+BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und
+wie er zu Credit kommt.
+
+V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität!
+
+BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen. — Ich —
+ich nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem
+mein Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
+
+V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre
+Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?
+
+BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers! — Treten wir unter die
+Gläubiger.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?!
+
+BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den
+Loostopf.
+
+V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind! — Daß ich
+Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält ihn fest.)
+
+BLASHAMMER. Herr Regierungsrath?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer —
+
+BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an).
+
+V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und
+ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall
+einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung —
+
+BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der
+Concurrenz zu weit überflügelt!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie meinen — ?
+
+BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns ansteckt —
+sagen wir gut für ihn.
+
+V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle.
+
+BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate heraus —
+Ich prophezeite es Ihnen schon.
+
+V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen!
+
+BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte Ihren guten Glauben und
+schweige.
+
+V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich
+absichtslos.
+
+BLASHAMMER. Es tröste Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn! — Als Sie noch in den Windeln der
+Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie
+daran.
+
+BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber, — — (nachdem er
+auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr Regierungsrath,
+— die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! —
+und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?
+
+V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm und uns wäre
+damit geholfen.
+
+BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
+
+V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag.
+
+BLASHAMMER. Lohnt's?
+
+V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste
+Freundschaftsstück guter Christen.
+
+BLASHAMMER. Ueberlegen Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf
+den Fluthen trägt! — Wir sind einig.
+
+BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm).
+
+
+V. ZITTERWITZ. Fort!
+
+BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
+
+V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer
+sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)
+
+QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt — nichts,
+was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch
+schweigend auf — O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS.
+
+
+ALBERT. Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es
+zu melden.
+
+KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er
+und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen.
+
+ALBERT. Geh, eile.
+
+KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's.
+
+ALBERT. Willst Du mich erzürnen.
+
+KLAUS. — Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen.
+
+ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
+
+ALBERT. Ihr treuer Diener.
+
+QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
+
+ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen Sie nur einige
+Minuten.
+
+QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen — ich les' es in Deinem
+Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so
+viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune. —
+
+QUESTENBERG. Schlange!
+
+ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
+
+QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was
+Dich herführt.
+
+ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen —
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist,
+Albert.
+
+ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
+
+QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint?
+
+ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten —
+
+QUESTENBERG (ungläubig). Ah!
+
+ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die — Kühnheit hatte.
+
+QUESTENBERG. So! hm! — Und sie fanden seinen Beifall?
+
+ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem
+Unglück hörte —
+
+QUESTENBERG. Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt oft Wunderdinge —
+räthselhaft erscheint mir blos . . .
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines Mannes von bösem
+Gewissen.
+
+QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht.
+
+ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
+
+QUESTENBERG. Willst es wissen?
+
+ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest betrogen, —
+
+ALBERT. Sie scherzen!
+
+QUESTENBERG. unterdrückt, —
+
+ALBERT. Pfui.
+
+QUESTENBERG. tyrannisirt!
+
+ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein Gebieter!
+
+QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich fort.
+
+ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie — man kommt — Ihr
+Retter! — Glauben Sie mir nun?
+
+QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON.
+
+
+JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits. —
+
+QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm
+einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . .
+
+JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten
+vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder,
+ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind —
+
+QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht).
+
+JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
+
+KLAUS (murrt).
+
+QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
+
+JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit
+klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.
+
+QUESTENBERG. Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was
+ich sagen soll! — (laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung bieten
+— (bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und
+Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde Lügen
+strafen!
+
+JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft
+Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben!
+(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt
+zu mißcreditiren?
+
+QUESTENBERG. Ja — ja wohl!
+
+JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher
+Exberimentesucht —
+
+QUESTENBERG. Man that's.
+
+JOHNSON. — was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte.
+
+QUESTENBERG. Natürlich.
+
+JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des
+Fortschritt's! —
+
+QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf).
+
+JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, wenn's kefällt.
+
+QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.)
+
+JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit. —
+
+QUESTENBERG. So — ah!
+
+JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt,
+mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.
+
+QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon
+achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir
+solch' Vertrauen . . .
+
+JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie
+wünschen.
+
+QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß
+nicht . . .
+
+JOHNSON. Sehen Sie nur hierher.
+
+QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .
+
+JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr.
+
+QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr.
+
+JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr.
+
+QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich
+jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?
+
+JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!
+
+QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier nicht Mode. —
+
+ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den
+Notar, der draußen wartet.
+
+JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Um Verzeihung — sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver
+Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der
+Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .
+
+KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst
+ihn schamlos triumphiren lassen!?
+
+ALBERT. Behindre mich nicht.
+
+KLAUS. Keinen Schritt weiter.
+
+ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .
+
+KLAUS. Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich!
+
+JOHNSON. Meine Herrn . . .
+
+QUESTENBERG. Was — giebts — Kinder.
+
+ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich
+schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die
+Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.
+
+KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . .
+
+KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so
+straf' mich der Teufel.
+
+JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise.
+
+KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles;
+dessenungeachtet . . .
+
+JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen —
+
+KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist
+nicht Meister seiner Handlungen.
+
+ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt
+Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter
+erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.)
+
+JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er.
+
+KLAUS. Was!
+
+JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was!
+
+KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Wer läugnet's, allein —
+
+KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben!
+
+JOHNSON. Schon kut, toch —
+
+KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht —
+
+JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus.
+
+KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit mir ist die heilige
+Macht der Wahrheit.
+
+JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.
+
+QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die
+frische Luft und macht ihm Umschläge . . .
+
+KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich anzutasten!
+
+QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß?
+
+JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein unkezogener Pupe.
+
+QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.
+
+KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt
+ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das
+gewußt — doch Gott befohlen!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter.
+
+JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat, — dragen Sie's ihm nicht nach.
+
+QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei
+durchprügeln lassen.
+
+ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.
+
+JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle
+Ihnen schaden könnte —
+
+QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr — Ruf' den Notar, Albert.
+
+JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für heut' keine Zeit mehr und
+porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.
+
+QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen.
+
+JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach.
+
+QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe.
+
+JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche
+Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.
+
+QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch.
+
+JOHNSON. Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener.
+
+
+
+Zwölfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne JOHNSON.
+
+
+QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir! —
+nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.
+
+ALBERT. Sie beschämen mich.
+
+QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre sie ganz! — Erweise
+mir die Freundschaft!
+
+ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch
+mache —
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich — glaub's mir,
+Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten
+Jahr?
+
+ALBERT. Wie kann ich so viel wollen!
+
+QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir
+vergönnt, Dich glücklich zu machen!
+
+ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.
+
+QUESTENBERG. Scherz bei Seite.
+
+ALBERT. 's ist zu spät!
+
+QUESTENBERG. Was hast Du?
+
+ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.
+
+QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe?
+
+ALBERT. Sie ging mir verloren! . .
+
+QUESTENBERG. Deine Braut — zufolge?
+
+ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht
+mehr, Gott hat gerichtet!
+
+QUESTENBERG. Nimm — diese Summe gehört Dir!
+
+ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat hassen —
+nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper unserer
+Menschheit ist — Ich verzeihe Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Du! Du!
+
+ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich
+eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich
+ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen
+treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner
+Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens —
+ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube krümmt!
+
+QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste mich dieses
+Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle!
+
+ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen
+Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich
+sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt!
+
+QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen — mir fehlt die
+Kraft.
+
+ALBERT. Auch das noch? — Traun, ich bin kein Pharisäer und
+Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt!
+
+QUESTENBERG. Lass', lass' — ist's eine Strafe für mich, so muß ich's
+thun.
+
+ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.
+
+QUESTENBERG. Wohin gehst Du?
+
+ALBERT (zeigt nach Oben).
+
+QUESTENBERG. Oh!
+
+ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's
+Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein
+Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs
+zu ruh'n. (Er will geh'n.)
+
+QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort — Hülfe!
+
+ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust
+setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.
+
+QUESTENBERG. O das ist entsetzlich!
+
+ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht,
+zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen
+ihm freudig entgegen! (ab.)
+
+QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur!
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel
+die Gläubiger.
+
+
+QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf
+den Tisch.)
+
+ALLE. Geld . . . ah! ah!
+
+QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine
+Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten,
+unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren — vertheilen Sie
+unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme
+verletzt.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . .
+
+QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig — Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen
+nicht — doch ich baue auf Ihre Nachsicht — meinen unterthänigsten
+Diener.
+
+
+
+Vierzehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG.
+
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen!
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen
+dicken Zopf an.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung
+zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu
+drängen!
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld
+zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen
+sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)
+
+
+
+Funfzehnte Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . .
+Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich — (kopfschüttelnd)
+Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist
+der Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als
+Staatsmann bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die
+Noth die Mutter aller Laster sei.
+
+BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat!
+
+V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine
+andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter;
+wer nimmt's mir ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr
+die neue!
+
+BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.
+
+V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht
+bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.
+
+BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte.
+
+BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich seh's
+Ihnen an.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Danke, danke.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter.
+
+BLASHAMMER. Zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Mäßigung.
+
+BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da
+hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.
+
+BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld
+des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant
+und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen
+Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht
+mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen!
+
+BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand.
+
+V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . .
+
+BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner.
+
+V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind.
+
+BLASHAMMER. Für einen Betrüger.
+
+V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den
+Aufdringling los.
+
+BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener.
+
+V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute bl —
+bl — blos für unsich — chere Menschen.
+
+BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen.
+
+V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen
+ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.
+
+BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!
+
+V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie
+sich gerichtlich verantworten . . .
+
+BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß).
+
+V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! wer mehr
+Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)
+
+BLASHAMMER. — — Von wo er nur das Geld hat! — Gescheitert in Neapel,
+gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!
+
+
+
+
+Fünfter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Zimmer im Hause Blashammers.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf.
+
+
+ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur
+näher.
+
+DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.
+
+ADELGUNDE. Setzen Sie sich.
+
+DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.
+
+ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?
+
+DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa
+plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu
+ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde
+endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.
+
+DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!
+
+ADELGUNDE. Ich erstaune — was soll ich hören?
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich werde mich in
+der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?
+
+ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend — Seit dem Tage unserer Verlobung
+hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit
+sich selbst.
+
+DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten
+muß! — Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!
+
+ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken.
+
+DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten
+brachen mit ihm — und Sie ahnen, was das heißt! — weil er das Feuer der
+Revolution heimlich schüren half.
+
+ADELGUNDE. Weh!
+
+DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.
+
+ADELGUNDE. O Grauen!
+
+DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern
+auch die Freiheit.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm!
+
+DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist
+politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus
+für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!
+
+ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch Lust —
+Nimmermehr!
+
+DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort.
+
+ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring
+zurück.
+
+DER DOCTOR (drohend). Fräulein!
+
+ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer
+genug fallen.
+
+DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.
+
+ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen
+Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher
+Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die
+dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das
+Leben zur Plage macht.
+
+DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so
+kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens bau' ich auf eine
+heil'ge Sache!
+
+ADELGUNDE. Ihre Redekunst.
+
+DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die
+Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick
+angenehm versüßt.
+
+ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.
+
+DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . .
+Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in
+seinem Busen gährt und brennt —
+
+ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein.
+
+DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater — urtheile
+er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das
+rein menschliche . . . Doch horch!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!
+
+DER DOCTOR. Verstehen Sie? — Still!
+
+BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für
+alle Plage kein Brosämchen!
+
+DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?
+
+BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich
+mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt
+versetzt!
+
+ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater!
+
+BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.
+
+ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll ich?
+
+BLASHAMMER. Vergebne Müh' — sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . .
+Was macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich
+gemüthlich auf.
+
+DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.
+
+BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater
+heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem
+tief Gekränkten stammelnd, „hier, Alles was ich schulde bis zum letzten
+Heller, vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von
+achtmalhunderttausend Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus
+der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll
+Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . .
+
+DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall!
+
+BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da,
+er hat mich nicht mehr nöthig.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde schlagen —
+Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich unwürdigen
+Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen
+einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für Fräulein
+Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust gehegt, so
+würde ich verzagt zurückweichen und —
+
+BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde an die
+rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück.
+
+DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort
+und Fräulein meinen Ring.
+
+BLASHAMMER. Wir sind quitt! — Was zauderst Du, Tochter.
+
+DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . .
+
+ADELGUNDE. Gnade!
+
+BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses — Sogleich will ich
+ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . .
+
+BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen.
+
+ADELGUNDE. Du irrst.
+
+BLASHAMMER. Woher weißt Du's?
+
+ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz.
+
+BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.
+
+BLASHAMMER. Er!
+
+ADELGUNDE. Ja.
+
+BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.
+
+ADELGUNDE. Glaub's mir.
+
+BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur ich allein blieb
+unverändert.
+
+ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern,
+als das reinmenschliche?
+
+BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie
+rächt sich die Lüge!
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt?
+
+QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger.
+
+DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin — rette ich nun
+ihren Schein!
+
+QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett;
+das Gewissen trieb mich zu Dir.
+
+BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an.
+
+QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.
+
+BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.
+
+QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen
+Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion,
+Sitte . . . .
+
+BLASHAMMER. Nicht weiter.
+
+QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug —
+
+BLASHAMMER. Ich begreife Alles.
+
+QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß —
+
+BLASHAMMER. Sei unbesorgt.
+
+QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird —
+
+BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können — Falls Du
+Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei.
+
+QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.
+
+BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen.
+
+QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der
+Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger,
+arglistiger Menschen erlös'te.
+
+BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender
+anhören wird.
+
+QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.
+
+BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe
+auszutauschen.
+
+QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.
+
+BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die
+Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.
+
+DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa,
+und verstumme.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein
+Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin
+entdeckte.
+
+QUESTENBERG. Steht es so!
+
+BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen
+Herzen.
+
+QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das
+junge Paar.
+
+BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir
+in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer
+Versöhnung sogleich laden lasse . . .
+
+QUESTENBERG. Nicht heute — ein andermal.
+
+BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich.
+
+QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich
+die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß.
+
+DER DOCTOR. Bin dabei.
+
+QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich wünsche denn
+beiderseits Lebewohl.
+
+BLASHAMMER. Glückliche Besserung.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß
+für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die
+beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da?
+Schnell heraus, eine schreckliche Mähr!
+
+VATER ZIEMENS. Pst, leise — Marie schläft.
+
+FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben. — Sieh'st
+Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde
+Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns
+an.
+
+VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke. — Wußte man des
+Unglücklichen Namen?
+
+FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren
+verzweifeln ließ.
+
+VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche.
+
+FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein Dienst! —
+Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden Menschen jetzt
+zur Last zu fallen! — Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die
+Gartenpforte knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park?
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter
+Alter, die ihres gleichen sucht!
+
+VATER ZIEMENS. Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der
+Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen? —
+
+KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel,
+viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste
+Banknoten, vollgültigste Papiere —
+
+VATER ZIEMENS. Aber — ?
+
+KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich?
+
+VATER ZIEMENS. Nein — wozu?
+
+KLAUS. Krambambuli zu kaufen.
+
+VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab?
+
+KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank
+vorausbezahlt!
+
+VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft werden!
+— Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren —
+
+KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer,
+und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur
+heraus! ich leere es im Bewußtsein — nicht zu den schwächsten Gliedern
+unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.)
+
+VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam! — Wenn der Albert soviel Geld
+erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut?
+
+KLAUS. Sie sollen's erfahren — erst Krambambuli herbei!
+
+VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich — ?!
+
+KLAUS. Versuchte ich das schon einmal.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr
+Treiben!
+
+KLAUS. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?!
+
+VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden.
+
+KLAUS. Freund Albert! — Alterchen, einen Menschen, der sich vom
+gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt,
+erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen.
+
+VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus.
+
+KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet,
+behaupte ich heute erst recht!
+
+VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die
+Leute thun, das thue ihnen auch nicht?
+
+KLAUS (keck). Ja wohl!
+
+VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage.
+
+KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem
+Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben! — Nun denn, wir brachten's
+zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute — eben — — ich komme vom
+Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein!
+
+VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus.
+
+KLAUS. Ja, wirklich!
+
+VATER ZIEMENS. Albert entlarvte — ward wirklich betrogen!?
+
+KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen!
+
+VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles!
+
+KLAUS. Ah, und wie rächte sich dafür Albert!
+
+VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch.
+
+KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern
+Patron wieder betrügen ließ.
+
+VATER ZIEMENS. Das heißt —
+
+KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n.
+
+VATER ZIEMENS. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon.
+
+KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron
+den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage
+800,000 Thaler für die Erfindung —
+
+VATER ZIEMENS. Unmöglich!
+
+KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! — Ich gerieth außer mir,
+protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des
+Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da,
+gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken
+preis, duldete, daß man mir —
+
+VATER ZIEMENS. Genug! — Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm!
+
+KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloß.
+
+VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den
+Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht
+leugnen!
+
+KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst!
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+MARIE (sauber gekleidet, — wild erregt geht sie einige Male auf und
+nieder). — Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm — seine Zukunft
+retten und kränktest seine Hoffnungen — sein Glück und stießest ihn in's
+Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten
+willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich!
+Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer,
+versöhnender Geist! — O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg,
+thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt
+schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was
+bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch
+Mütterchen dabei?
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen).
+
+
+MARIE. Was geschah! — Wen bringest Du?
+
+FRAU ZIEMENS (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt
+tausend Dank, wackre Männer! — Ach Tochter, Du wardst für eine schwere
+Zeit geboren! — Doch erschrick nicht — bleib' standhaft —
+
+MARIE. Ist's der alte Vater?
+
+FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter — (das Tuch abhebend.) Albert — Dein Albert!
+Still, halte Dich still — er lebt noch — wins'le, klage nicht — schone
+ihn — er bedarf zärtlichster Pflege — schone, schone ihn! — Ha, bereits
+regt er sich —
+
+MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster? — —
+
+ALBERT. Welche Stimme?
+
+MARIE. — Kennst Du sie nicht mehr — Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich
+bin — bin Marie — die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam,
+unnatürlich — blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben — blos um Dich
+zu zermalmen — ja, blos, blos deshalb, Albert — den braven Eltern sich
+— als Verbrecherin sich — — — Albert, dem Doctor, — ich vergab ihm
+nichts! — Seine Versuchungen — ich wies sie ab — wies sie ab, Albert,
+wie es Deine — wie es meine Ehre gebot!
+
+FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter!
+
+MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich!
+
+ALBERT. Sei's jetzt nicht, Mädchen!
+
+MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar — Du bist der Edelste der
+Edlen!
+
+ALBERT. Was — was versichert Dich dessen? — Sage nicht Dein Herz! das
+richtete über mich! — Sage nicht Dein Herz! — Wer Jahre lang die
+köstliche Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die
+Hoffnungen zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte —
+plötzlich das Bündel packte und ging — dann wiederkehrte — wieder — auf
+Grund eines — o die Scham erstickt mir das Wort! — Wer so handelte, war
+ein entnervter Sclave des Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und
+mußte, mußte verdammt werden! — Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl
+erkannte ich meine Schuld!
+
+MARIE. Eben, — sühntest Du sie nicht!
+
+ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park —
+
+MARIE. O Gott!
+
+ALBERT. Aber nicht zu sterben wußte — nicht zu sterben der Feige!
+Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er — er verfehlte — verfehlte
+sich! . .
+
+MARIE. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil! — O richte Dich
+männlich auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die
+Schmerzen, welche wir unter der Herrschaft einer verderbten,
+mißgünstigen Welt uns widerwillig, gezwungen bereiteten!
+
+ALBERT. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend;
+zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab;
+entfliehe meiner unheiligen Nähe! — — — O Frau Mutter, wohin brachten
+Sie mich! —
+
+MARIE. Ha, das — das ist Rache! —
+
+FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut!
+
+MARIE. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen! —
+Ach, er hat mich nie — nie geliebt!
+
+FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht weiter!
+— O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, keine
+Freudenthränen geweint! —
+
+MARIE. Laß ihn — der Stab ist gebrochen — frohlocke er nur!
+
+FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub!
+
+MARIE. Ich sage, laß ihn. — Erweise mir's zu Gefallen! — Ach, begreifst
+Du denn noch nichts?
+
+FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen!
+
+MARIE. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte!
+
+FRAU ZIEMENS. Er? — O Tochter!
+
+MARIE. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl!
+(lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte!
+
+FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein
+Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich — Aber nicht doch, Tochter, Du
+schwärmst!
+
+MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine — das Blut da an seinem
+Kleide ist falsches Blut! — Wollen wir wetten? — — O glaub' mir, ich
+durchschaue alles, die ganze Comödie! — — Gefehlt! gefehlt! — Mit dieser
+Kunst, armseliger Gaukler, bestichst — gewinnst Du mich nicht! — Nimm
+Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der
+Finsterniß! — — (Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie
+vorher wegwarf). Was ist das? — Wie kommt das — das hierher. . . Ha,
+woran's mich erinnert! — Albert, Albert, ich rase! — Weh, hab' ich keine
+Vernunft, kein Gedächtniß mehr! — Schütze, o Mutter, schütze mich vor
+mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.)
+
+FRAU ZIEMENS. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie! — — — O
+nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe
+noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe — doch zuvor geleiten wir
+die Jungfer in die Hütte — es wird für sie zu viel!
+
+MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr!
+Berichten Sie nur, Klaus!
+
+KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den
+wundersamsten Erfolg — es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein
+Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen —
+
+MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die
+Geschichte?
+
+KLAUS. Frau Mutter weiß bereits davon. . .
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte
+nicht glauben, Klaus, nicht glauben —
+
+KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und
+wider Erwarten . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!?
+
+KLAUS. Bis auf zwei Todte leider!
+
+FRAU ZIEMENS. Zwei To — wie?
+
+KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer? — O sagen Sie!
+
+MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie
+sich mit dem Vater —
+
+KLAUS. Zu dienen.
+
+MARIE. Wo blieb er!?
+
+KLAUS. Beim Herrn im Schloß, zu seinem — unserm unseligsten Verhängniß!
+
+FRAU ZIEMENS. O mein Kind!
+
+KLAUS. Beten Sie für ihn!
+
+MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!
+
+KLAUS. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter
+das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne
+Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich
+im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub! — Doch schirmt mich
+Geister!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS.
+
+
+MARIE. Hörtest Du, Albert?
+
+KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?!
+
+MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.
+
+KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst!
+
+ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr!
+
+KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der edle Greis, dasselbe
+mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der
+Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet
+beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir im Arm.
+
+ALBERT. O schauder — schaudervoll!
+
+KLAUS. Höchst schaudervoll!
+
+MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn! — Ihre Hand, braver
+Mann! — Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die
+Vorsehung, welche nicht anders es fügte!
+
+KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.
+
+MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!
+
+ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen).
+
+MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher Gewinn, trotzten
+wir ferner unerforschlichem Rathschluß!
+
+KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das
+Geschehene!
+
+ALBERT. Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter als der Tod — bricht
+meine Seele in tiefster — tiefster Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne —
+dort ging sie unter!
+
+MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir
+von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen
+himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!
+
+KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche
+feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch
+die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und
+Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher
+Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen
+Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den
+ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt
+die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und
+That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes
+Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte —
+He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht in
+einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell
+erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend
+unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt,
+geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf
+die Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut
+von Dir! — Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und
+ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n
+Sie ihm den Arm nur, Jungfer.
+
+MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.
+
+KLAUS. Nachher davon.
+
+ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät.
+
+KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet
+keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir
+Gewalt!
+
+ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus.
+
+KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für
+die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's
+bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke!
+
+ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern!
+
+KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen!
+
+MARIE. Welch ein Erkühnen!
+
+KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben!
+
+MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches
+für ihn!
+
+KLAUS. Das darf nicht geschehn.
+
+MARIE. Sie sind ein Tyrann!
+
+KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich
+schweigend, daß Jemand — und wär's mein Feind — schnödester
+Spitzbüberei, wie der, zum Opfer fiele!
+
+MARIE. Ihre Verblendung ist groß!
+
+KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß!
+
+ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich
+mit uns'rer Ansicht!
+
+KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin
+ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!
+
+ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits
+verschlungen wurden von den Gläubigern!
+
+KLAUS. Bereits!
+
+ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn
+brachten. . . Das weißt Du nicht?!
+
+KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's,
+gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr
+luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte
+es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,
+nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung persönlichen
+Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes
+Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken — ruchlos,
+verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung aus Sünde und Elend! —
+O hätte doch ein Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm
+lehren können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein
+Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter
+wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die
+Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich
+dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du
+von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht,
+verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du
+entkrochst!
+
+ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet! —
+Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich
+mein Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um
+ein unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger
+Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . .
+
+KLAUS. Kehre Dich um und sieh!
+
+ALBERT. Gott, Gott! — Wie findest Du das?
+
+KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . .
+
+ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich
+rangst!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN.
+
+
+QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch! — Ach liebster, bester Albert, ich
+feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in
+Krücken gehn.
+
+ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.
+
+QUESTENBERG. Fast möchte ich's behaupten.
+
+ALBERT. Es reuete mich gleich — woher denn wohl zur Reue über diese
+Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat!
+
+QUESTENBERG. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein,
+nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten! — Ich erwog es
+reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause,
+hübsch, hübsch, hübsch! — Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem
+Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt
+und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind
+wir Menschen immer hübsch gescheidt!
+
+ALBERT. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind!
+
+QUESTENBERG. Zu ew'ger Täuschung! — Weh, o weh! — Dieser alte würdige
+Mann! — Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn!
+
+ALBERT. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar
+ergreifen sie uns wenig!
+
+QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf
+will jetzt bereits — ein Stündchen erst nach dem Ereigniß — in wilder
+Fiebergluth aus allen Fugen gehn!
+
+ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch
+übrig?
+
+QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch.
+
+ALBERT. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!?
+
+QUESTENBERG. Auf Ihnen!
+
+ALBERT. Ja oder nein — gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut
+als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.
+
+QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er
+zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein
+Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das
+Geld zurück.
+
+ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen Herrenstolzes —
+nichts — nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von keiner That!
+
+QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert).
+Demüthigen Sie mich nicht tiefer!
+
+ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab.
+
+KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!
+
+QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Sündenlast!
+
+KLAUS. Sei christlich!
+
+ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt).
+Da! für Dich!
+
+KLAUS. Alles!
+
+ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es
+bis in den Himmel!
+
+KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer
+Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld
+zählend). Lauter giltige Papiere — fünf — zehn — zwanzigtau — Kinder,
+helft! führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den
+Mammon ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu
+Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und
+nun, nun bin ich dieser Lumpen Gläubiger! — Wie abgegriffen und welch'
+Inbegriff! — Gift für den Staat und Medicin für mich! — Adieu, mein
+Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise
+morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande,
+was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir
+zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst!
+
+ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst.
+
+KLAUS. Dein Freund auf ewig!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDÄMMERUNG.
+
+
+QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob
+Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden.
+
+ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine
+Freuden.
+
+QUESTENBERG. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth!
+
+ALBERT (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das!
+ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen,
+streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und
+That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche
+unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!
+
+QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein
+bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm! — So! so!
+so! Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! —
+
+ALBERT. Träumen Sie von Paradiesesengeln!
+
+QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . .
+Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen
+Webestuhls! — Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n!
+
+(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet,
+wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe
+steht.)
+
+ALBERT. Mädchen! — Sieh, sieh her! — Der Stoff zum Kleide für die
+Hochzeit und — zur Todtenfeier Deines Vaters! . . .
+
+(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: „Platz da, macht Platz!“ —
+Aus weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an. — Die Leiche des Vater
+Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's
+Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.)
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
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+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+++ b/old/13661-8.txt
@@ -0,0 +1,5808 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Bankerott
+ Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
+
+Author: Florian Müller
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
+
+von Florian Müller
+
+
+
+
+Leipzig
+
+Theodor Thomas.
+
+1853.
+
+
+
+
+Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und
+keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig
+und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr
+für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm
+überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen
+und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner
+Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus
+in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe,
+existiren können.
+
+Neujahr 1853.
+
+FLORIAN MÜLLER.
+
+
+
+
+
+ Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,
+ Réformer de son goùt l'antique barbarie,
+ Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;
+ Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,
+ Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,
+ Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?
+
+ _Frédéric II._ (Epitre sur la liberté.)
+
+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+
+
+Personen
+
+
+ QUESTENBERG, großer Zeugfabrikant.
+ DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn.
+ BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant.
+ ADELGUNDE, seine Tochter.
+ V. ZITTERWITZ, Regierungsrath.
+ JOHNSON, Capitalist.
+ ALBERT, }
+ KLAUS, } Arbeiter Questenberg's.
+ VATER ZIEMENS, }
+ MUTTER ZIEMENS.
+ MARIE, deren Tochter.
+ Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.
+ Bediente, Arbeiter, Volk.--
+
+Zeit der Handlung im Jahre 1850.
+
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten,
+Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau
+links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.
+
+Abend, Licht.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit
+von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind
+höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant--
+
+QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der
+Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das
+Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Eine Million!
+
+QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _à la chinois_.
+
+V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser
+Zeit speculiren!
+
+QUESTENBERG. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie
+herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
+
+V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv!
+
+QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der
+Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine
+brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den
+eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns
+Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk
+ihrer Industrie danach zu haschen wußten.
+
+V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer
+Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit,
+Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort,
+auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes
+und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich
+in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser
+und Papst.
+
+QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000
+Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen.
+
+V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
+
+QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _à la chinois_ statt
+für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde
+Kleid der "_l'état c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall
+unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja für sie weder politische noch
+sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet!
+
+V. ZITTERWITZ. Zu spät, zu spät!
+
+QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.--
+
+V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören.
+
+QUESTENBERG. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle--früher
+werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten
+arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß.--Mit diesen
+Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester
+Zeit zum Millionär!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren
+sehenden Augen Versuche an.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen,
+die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf
+anzukränkeln!--Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst
+ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den
+Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen
+mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade
+entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen,
+die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus
+zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und
+Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen
+Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer
+Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines
+berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in
+den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische
+und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle
+deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen,
+Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten
+Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt
+meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier
+Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige
+und den König zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehöre dem besonnenen
+Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende
+Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so--seien Sie verstchert . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten
+und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu
+huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .
+
+QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
+
+V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen,
+auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn
+Procentlein verdienen?
+
+QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche--
+
+V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
+
+QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche
+Ihnen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen
+schriftlich abgemacht.
+
+QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . .
+(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend
+stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die
+Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten
+Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000
+Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen
+eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert
+mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt?
+
+QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage.
+
+V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe
+unsrer Geldmänner.
+
+QUESTENBERG. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer
+meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben
+ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche
+Speculationen gewisser Leute waren, die--
+
+V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
+
+QUESTENBERG. Vorzüglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den
+Scheinheiligen unübertrefflich.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen,
+überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute
+ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich
+der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner
+Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
+
+QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine
+heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
+
+QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste
+juristische Examen.
+
+QUESTENBERG. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht
+auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so
+fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die
+Ohnmacht meiner Lage--
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu
+verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den
+schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld
+und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der
+Banquier darf uns nicht widerstehen.
+
+QUESTENBERG. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand.
+
+V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über
+Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn
+Sohn, und . . .
+
+QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an.
+
+V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt
+mich . . .
+
+QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich
+morgen von Ihnen borge.
+
+V. ZITTERWITZ. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe
+dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten,
+Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
+
+QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn--'s
+ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens
+Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf
+Tausend Thaler--
+
+V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen
+und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige
+Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und
+funfzig Musikanten--
+
+QUESTENBERG. Die sechzig Köche und Kellner--
+
+V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert
+auf Borg die Meerkrebse--
+
+QUESTENBERG. Die Fasanen--
+
+V. ZITTERWITZ. Die Schildkröten--
+
+QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern--
+
+V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das
+Porter Bier--
+
+QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den
+Mokka-Caffee--
+
+V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten--
+
+QUESTENBERG. Wir großmächtigen Männer der Börse?!
+
+V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?--
+
+QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den
+Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen?
+
+V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder,
+zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller
+kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß
+sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe
+für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge
+uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine
+Verlobung feierten!--Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den
+letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist
+moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Nähere, will's Gott.
+
+QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+
+QUESTENBERG (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten
+und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder
+Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er,
+und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir
+Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer
+Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten
+verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder
+zum Schreiben.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit
+reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber
+brodirten griechischen Mütze.)
+
+
+DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe.
+
+QUESTENBERG. Was giebt's denn?
+
+DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
+
+QUESTENBERG. Ich komme.
+
+DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit?
+
+QUESTENBERG. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.
+
+DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren
+seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich
+hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu
+können--aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in
+Ihrem Hause fühlen.
+
+QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem
+Modelleur 5400--ich hege kein Bedürfniß nach einem--für rafinirtes
+Brennöhl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
+
+DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu
+verlassen?
+
+QUESTENBERG. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000
+Theertonnen--Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
+
+DER DOCTOR. Ich?
+
+QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter--
+
+DER DOCTOR. Lust? nein.
+
+QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt
+umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?
+
+DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier
+unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und
+Sittlichen zu spielen.
+
+QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide
+20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .
+
+DER DOCTOR. Müssen?
+
+QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . .
+
+DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu
+bezahlen.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich
+noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten!
+
+DER DOCTOR. Schön.
+
+QUESTENBERG. Nicht wahr?
+
+DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht
+eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
+
+QUESTENBERG. Fräulein Blashammer.
+
+DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.
+
+DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr).
+
+QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig
+französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für
+Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft--dichtet
+Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit
+bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich
+nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht
+auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
+
+DER DOCTOR. Darf ich eine äußern?
+
+QUESTENBERG. Ich bitte.
+
+DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
+
+QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen
+etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage
+zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
+
+DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen,
+sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein
+Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche
+schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst
+Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld,
+Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden,
+Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück!
+
+QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus
+Vernunft so verrückt.
+
+DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er
+in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für
+Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres
+Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben.
+Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit
+meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
+
+QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte
+seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund
+steht ein Modell.
+
+
+Vierte Scene.
+
+ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von
+KLAUS.
+
+
+KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit
+einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?
+
+ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der
+Arbeit schenkt . . .
+
+KLAUS. Welche Gnade!
+
+ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des
+gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?
+
+KLAUS. Hätte ich Deine Finger--ah, ich säß' längst in Paris oder London
+und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . .
+
+ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die
+fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt
+aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie
+von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der
+Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der
+Akademie--Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten
+Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen
+machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene
+Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird,
+sobald ich ein Verdienst besitze.
+
+KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von
+hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
+
+ALBERT. Hier?
+
+KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem
+Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen
+Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben
+und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden
+wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße.
+
+ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte
+mit Dir machen.
+
+KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das
+Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt.
+
+ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.
+
+KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .
+
+ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe.
+
+KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger
+der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen
+eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit
+erhalten.
+
+ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
+
+KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell--ich helfe daran so
+gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und
+machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig
+für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von
+unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in
+halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen
+täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen.
+
+ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
+
+KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's
+nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von
+Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir
+ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu
+entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
+die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst
+sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen
+Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen.
+
+ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.
+
+KLAUS. Es fördert unsern Zweck!
+
+ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering.--Und gehörte sie mir allein,
+so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen
+gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . .
+
+KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.
+
+ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu
+sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich
+erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und
+meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . .
+
+KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst
+lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die
+falsche Bescheidenheit führt!--Elender Sclav', richte Dich empor,
+erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch
+ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein
+Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute
+fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.--
+
+ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der
+Meister meines Geschickes bleiben.
+
+KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmächtigen
+Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um
+geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und
+Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das
+Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem
+Rath!--O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der
+Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter
+Deinem Talente nicht verkriechen.
+
+ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging.
+
+KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild.
+
+ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
+
+KLAUS. Zunächst nichts weiter.
+
+ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million?
+
+KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue
+Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus
+der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
+
+ALBERT. Nein.
+
+KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich
+begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach
+Gebühr zog ich die Mütze,--indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie
+von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .
+
+MARIE (singt draußen).
+
+KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im
+Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet
+werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert--mag's mit heute aber
+genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus
+der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist
+geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer
+Bedürfnisse" . . .
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. MARIE.
+
+
+ALBERT. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott!
+
+MARIE. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.
+
+KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um höchst einfältige Fragen.
+
+MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?
+
+KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.--
+
+ALBERT (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
+
+MARIE. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit
+denkt.
+
+KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht
+schaden.
+
+MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein
+ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann
+meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus!
+Glück zu!
+
+KLAUS. Ihre Vorwürfe sind ungerecht.
+
+ALBERT. Was bringt Dich so auf?!
+
+MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack
+findest--
+
+KLAUS. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack
+finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . .
+
+MARIE. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
+
+KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als
+Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende
+Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders
+günstigen Lichte darstellt.
+
+MARIE. Das wäre abscheuliche Verläumdung.
+
+KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles
+verkehrt.
+
+MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?
+
+KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
+
+MARIE. Ueberflüssig!--Heraus damit.
+
+KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen
+bei Jemand einen Meineid kosten--
+
+MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die
+Thür, schütze mich!
+
+KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer.
+
+ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul
+bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
+
+KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . .
+
+ALBERT wendet ihm den Rücken.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi,--könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn
+Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im
+Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergaß
+der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden--
+
+MARIE. Packen Sie sich nur, Elender.
+
+KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein
+sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm
+die Augen versehn!
+
+MARIE. Pfui.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich
+in die Stube trat, wovon war die Rede?
+
+ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
+
+MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem
+Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es
+steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich
+Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich
+nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's
+ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen
+Träumen zu opfern!
+
+ALBERT. Meinen Träumen!?
+
+MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte
+ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für
+Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl
+kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme
+Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen
+ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt
+und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates
+untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf
+Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath
+treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer
+Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne
+es von ferne zu sehen.
+
+ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn
+Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig--
+
+MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren
+sollest--
+
+ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an
+meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich
+verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das
+beschränkte Thier.
+
+MARIE. So schwärmt Klaus.
+
+ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
+
+MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den
+Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines
+Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum
+Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in
+die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der
+untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits
+Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit
+begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen
+Herr . . . Schwöre den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln?
+
+ALBERT. Höre auf davon.
+
+MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich
+fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus
+räumen; die Umstände gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht!
+Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange
+und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab.--Schon morgen wird
+ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das
+Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der
+Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte
+nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne
+Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen
+beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel
+und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der
+Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte
+schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem
+Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige
+verschweigend meine Pein?!
+
+ALBERT. Erbarmen!
+
+MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin,
+verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
+
+ALBERT. Bleib' Marie.
+
+MARIE. Was wünschest Du noch?
+
+ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich
+voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm
+ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die
+Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl
+seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
+
+MARIE. Versuch's.
+
+ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell
+einen Rock an).
+
+MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekränkter
+Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile!
+Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen,
+male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des
+kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle
+Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
+
+ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).
+
+MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
+
+
+
+
+Zweiter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vorzimmer zum großen Festsaal.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich
+in einem Lehnstuhl.
+
+
+QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst
+von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last.--
+
+ALBERT. Um Entschuldigung--
+
+QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen.--Doch
+sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja,
+ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls
+ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern--
+
+ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.
+
+QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das
+große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es
+Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und
+beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem
+Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die
+klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt
+es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern
+aufschlägt.)
+
+ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese
+Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!
+
+QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.
+
+ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.
+
+QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses
+schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten
+Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
+
+ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das
+Buch durchübe--länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde
+ich's dann wagen können zu bitten--
+
+QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit
+dasselbe Dein Eigen ward.
+
+ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu
+schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
+
+QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er
+Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
+
+ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!
+
+QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche
+Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen
+und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige
+Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten
+und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's
+nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen
+erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu
+lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht
+jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, könnte man den
+Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tüchtigen
+Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade
+Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings
+müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du?
+
+ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.
+
+QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in
+der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das
+entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch
+zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den
+täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese
+Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich
+kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes
+stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der
+erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen
+Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein
+blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen
+Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder
+vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses
+und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du
+giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo
+das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir
+verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden
+sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und
+auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage
+kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden.
+Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die
+Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder
+womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen
+Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der
+elende Kram des Hausrath's muß fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet."
+"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der
+Kälte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das
+ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die
+Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe
+hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich
+anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
+
+ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende
+Hoffnung überbringen!?
+
+QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll
+helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich
+kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne
+fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht?
+
+QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die
+Güte näher zu treten.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her?
+
+QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht
+seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden?
+
+QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?
+
+V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes,
+aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten
+befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig
+hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den
+Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute,
+die Eigenthum für Diebstahl halten.
+
+QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten.
+
+V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund
+verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von
+seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich
+entfesselt!
+
+QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin.
+
+V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmänner entwickeln noch
+zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit
+der Wurzel auszureuten.
+
+QUESTENBERG. Was wird denn versäumt?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten.--Stünd's in
+meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein
+starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die
+Demagogenhitze vertreiben.
+
+QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend
+zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.
+
+V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen
+sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine höchsten
+Güter!--Was bemerkt doch Göthe darüber--ich glaub' 's ist der alte
+Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean
+Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein
+paar Groschen bei mir--es drängt mich meine schiefe Meinung . . .
+
+QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.
+
+V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung,
+schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in
+Unfrieden, 's ist unpassend . . .
+
+QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient.
+
+V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .
+
+QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl?
+(Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)
+
+V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus
+Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer
+Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten
+Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher
+Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten
+die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder
+ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen
+gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel',
+ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde
+mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen
+zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem
+Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen
+guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt
+mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul,
+eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als
+Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit
+Nackenschlägen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen
+wollte--Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . .
+
+QUESTENBERG. Wird er kommen?
+
+V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe
+Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.
+
+QUESTENBERG. Nun?
+
+V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen
+vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar
+brennen!
+
+QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim
+durchreisenden Finanzminister galt.
+
+V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten,
+die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.
+
+QUESTENBERG. Unmöglich!
+
+V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich
+verkriechen.
+
+QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog
+sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . .
+Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn
+herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor
+Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher mußte
+mir schon die schönsten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein
+Päckchen Karten.)
+
+QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg,
+Verlobte.
+
+V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift?
+
+QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals
+sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man
+blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel
+die Herren und Damen stehn.)
+
+V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl!
+
+QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig
+eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von
+Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir
+bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen.
+
+V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde.--Was macht die
+traute Freundin Pipi?
+
+QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl
+bettlägerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu
+scharf!
+
+V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz,
+lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief).
+
+QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . .
+Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer
+lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der
+Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut
+mich!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette.
+
+
+DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel
+unten lachen und rufen: bravo, bravo!)
+
+V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man
+darunter?
+
+BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich
+meines Theils denke, es ist die Eßkunst.--Stimmen Sie mir gefälligst
+bei, ich bitte . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in
+Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du
+quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . .
+(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den
+jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen
+auch?
+
+DER DOCTOR. Freilich.
+
+V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von
+staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?
+
+DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen.--
+
+V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?
+
+BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde
+für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als
+zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer,
+Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir
+die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste
+Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor?
+
+DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der
+Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .
+
+BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu
+bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin!
+
+V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner
+Feder, hi, hi, hi . . . .
+
+V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia!
+
+BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr?
+
+DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie
+werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist
+auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum
+Anfang).
+
+ DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung).
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In jedem Herzen wiedertönt,
+ Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?
+ O halte ein!
+ Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,
+ Des Heilands Worte frömmig ehrt?
+ O halte ein!
+ Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In Land und Stadt der Leute Fleiß
+ Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?
+ O halte ein!
+ Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Das Recht verklärt, den Geist erhebt,
+ Die Menschheit zu vergöttern strebt?
+ O halte ein!
+ Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Die Sitte lenkt, das Leben führt
+ Und jede Handlung edel ziert?
+ O halte ein!
+ Sie kann es schon gewiß nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ So nennt sie endlich mit Vergunst!
+ Es ist doch nicht die Niedertracht,
+ Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
+ O halte ein!
+ Sie kann es nie von Herzen sein.
+
+ Sie kann es nie von Herzen sein,
+ O Gott vom Himmel sieh' darein
+ Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:
+ Es falle ihre Meisterschaft!
+ O stimmet ein,
+ So soll es und so wird es sein.
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen
+Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die
+klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum
+DOCTOR:
+
+
+V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem
+Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen
+Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen
+Galanterie?
+
+DER DOCTOR. In keinem.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr "leben
+und leben lassen", Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei,
+mit Permission gesagt--
+
+DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . .
+
+V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen
+Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
+
+DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum
+Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER
+erhebt sich mit einem Becher.)
+
+V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen?
+
+BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat
+gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und
+Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die
+Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn
+in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben
+wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E
+geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die
+innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere
+ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!
+
+QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in
+den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen.
+
+BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das
+Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch
+bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ
+zusammen.)
+
+V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne
+Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken.
+
+BLASHAMMER. Zum Schein.
+
+V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich
+verloren?
+
+BLASHAMMER. Ja . . .
+
+V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn).
+
+BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!
+
+V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich
+that.
+
+BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen
+Erfindung.
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . .
+
+BLASHAMMER. Alles.
+
+V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle!
+
+BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten
+Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine
+zu gleicher Zeit Versuche an? . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen--
+
+BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein.
+
+BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder
+selbst brachte sie mir in's Haus . . .
+
+V. ZITTERWITZ. So!
+
+BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter.
+Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle
+verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch--Einige Versuche im
+kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel
+ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben
+verbittert!
+
+V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger!
+
+BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist
+wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein--
+
+V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch
+eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!
+
+BLASHAMMER. Allerdings.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah,
+Sie machten mich nur zum Narren . . .
+
+BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen.
+(laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte?
+
+V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der
+Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu
+Questenberg wohl nur erproben--
+
+BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist.
+
+V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?
+
+BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst
+nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine
+Tochter vermählt.
+
+V. ZITTERWITZ. Aha!
+
+BLASHAMMER. Verstehen Sie?
+
+V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder
+der größte Schlaukopf, welcher lebt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.
+
+V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt
+zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen
+scheint.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG.
+
+(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)
+
+
+V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn
+beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!
+
+QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie!
+
+V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich
+überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen.--
+
+BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich
+alles rücksichtslos tadle, was . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein
+Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!
+
+V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen--
+
+BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein
+schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem
+Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er
+anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm
+große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen,
+unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so
+geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt
+ihm dann für's Portefeuille eines Ministers?
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses
+durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich--gehen wir ein
+bischen in's Freie.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen
+den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung
+kam--anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu
+entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu würde er sonst die
+Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem
+Heirathsproject Beifall schenken?
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Was giebt's Papa?
+
+QUESTENBERG. Setze Dich zu mir.
+
+DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde
+glücklich zu Wasser.
+
+QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine
+Schmach.
+
+DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.
+
+QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren?
+
+DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn
+zu necken.
+
+QUESTENBERG. Wirklich!
+
+DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_
+
+QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld!
+
+DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel
+lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie
+sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch
+glücklich zu werden, indessen--
+
+QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!
+
+DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der
+Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein
+Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen
+Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.
+
+QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's
+in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen
+Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich
+bis über die Ohren im Actenstaube begraben!
+
+DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram!
+
+QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den
+Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können!
+
+DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein
+Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient
+die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach
+Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut!
+
+QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.
+
+DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit
+stattfindet?
+
+QUESTENBERG. Noch nicht.
+
+DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?
+
+QUESTENBERG. Auch noch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich!
+
+QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den
+wichtigen Punkt . . .
+
+DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das!
+
+QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . .
+
+DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!
+
+QUESTENBERG. Wie ich Dir sage.
+
+DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben--kann sich der Doctor nicht
+verlieben.
+
+QUESTENBERG. Ironischer Narr!
+
+DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis!
+
+QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)
+
+DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will
+fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.)
+Die Musik mahnt!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!
+
+DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich.
+
+QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .
+
+DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten.
+
+QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!
+
+DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären.
+
+QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde
+und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will
+geh'n.)
+
+DER DOCTOR. Papa . . .
+
+QUESTENBERG. Ich sprach genug.
+
+DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.
+
+QUESTENBERG. Nämlich?
+
+DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein
+Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.
+
+QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an.
+
+DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag.
+
+QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)
+
+DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel
+und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern
+genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend).
+
+
+MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein
+Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das
+Vertrauen stiehlt.
+
+MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.
+
+FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr
+anstellen! Was versteht er!
+
+MARIE. Geduld!
+
+FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit
+des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der
+Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich
+vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles
+was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich
+in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so
+hätten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen,
+der früher ein Auge auf Dich warf.
+
+MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!
+
+FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten
+Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?
+
+MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!
+
+FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund.
+
+MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)
+
+FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer--Er
+macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. MARIE.
+
+
+VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein
+Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine
+schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier,
+hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen,
+nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke,
+ha, tönet sie--'s ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch
+aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit
+neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische
+Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber
+zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der
+Christgeborene--aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll!--Ein
+schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen
+auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den
+Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören.
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit.
+
+VATER ZIEMENS. Mamachen!
+
+FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich
+trug schon die Suppe auf--(Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe,
+Marie. (Marie ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute
+früh ziemlich gute Mienen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . .
+
+VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt
+bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .
+
+MARIE kommt mit der Lampe.
+
+VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen?
+
+FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen.
+
+VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn
+fortzufahren.)
+
+FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das
+Haus.
+
+VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen?
+
+FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende--schäme Dich!--Gieb dem
+Alten einen Kuß und das Versprechen.
+
+VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!
+
+MARIE giebt ihm einen Kuß.
+
+VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht
+geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht
+treffen,--Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was
+gibt's denn da?
+
+FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß--Wohl
+verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks.
+
+VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest?
+
+FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?
+
+VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers
+Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und
+Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's
+Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn
+bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer
+Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus
+Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und
+Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse
+und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler.
+Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von
+hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst
+Du, he?
+
+VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen
+lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.
+
+
+
+Zwölfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm
+Arm, welches er auf eine Bank wirft.)
+
+
+MARIE. Weh!
+
+VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!
+
+MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn!
+(ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen!
+
+FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und
+sieht dumpf vor sich hin.)
+
+
+VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind
+allein.
+
+ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner
+Lage . . .
+
+VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so
+kommt, 's ist meine Schuld!
+
+ALBERT. Inwiefern?
+
+VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'!
+oh, oh!
+
+ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Bündel
+schnüren?
+
+VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .
+
+ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst
+Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch
+immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!
+
+VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen
+muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln
+zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der
+erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen
+soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der
+Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte
+ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen
+morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme
+heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man
+unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur,
+des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch
+das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken.
+Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren
+Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen
+Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der
+Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und
+sterbend gesenkt! . .
+
+ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erlösers
+Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)
+
+VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten,
+edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen
+Scheidestunde--hörst Du?
+
+ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter
+Wille, daß ich geh'.
+
+VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab!
+
+ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke!
+
+VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb!
+
+ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!
+
+VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die
+Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.
+
+ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n!
+
+VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger
+Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich
+ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in
+die Grube werfen? Albert, Albert!
+
+ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.
+
+VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!
+
+ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis
+schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen,
+bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis
+auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)
+
+VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er
+selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne
+Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen
+nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in
+Ewigkeit!
+
+
+
+
+Dritter Akt
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant
+erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik
+abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend.
+
+
+BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich
+an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht
+umsonst Psychologie . . .
+
+BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.
+
+V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen.
+
+BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei
+vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .
+
+BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre
+Fragen?
+
+V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . .
+
+BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen,
+woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen--Nein
+wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne
+eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr
+Regierungsrath, zurück zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen!
+Fort, beschwingen Sie Ihre Füße!
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen.--(Er bleibt zaudernd
+stehen.)
+
+BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund
+zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt.
+
+V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so!
+
+BLASHAMMER. Keine Zeit verloren.
+
+V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch!--Viel
+Vergnügen mein Fräulein.
+
+BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ.
+
+
+BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann
+sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)
+
+ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater?
+
+BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere
+singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.
+
+ADELGUNDE. Woher kommt das?
+
+BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr
+lange besitzen. . .
+
+ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.
+
+BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze
+Seele gefangen!--fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen,
+Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weißt, ging
+ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich
+keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und
+Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse
+vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine
+Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt
+schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir
+schlaflose Nächte . . .
+
+ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten.
+
+BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache
+zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst
+Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie
+zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke
+in Betreff--Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur
+auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte
+Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott
+eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern
+Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst:
+hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.
+
+ADELGUNDE. Hier?
+
+BLASHAMMER. Ja.
+
+ADELGUNDE. Aber mein Vater.
+
+BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon
+oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen
+Knöpfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall.
+
+ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen!
+
+BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt.--Da, küss' mir die
+Hand.
+
+ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus,
+wie schnell geht das!
+
+BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich höre Tritte.--Er wird's
+sein . . .
+
+ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.
+
+BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf
+halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er
+geht.)
+
+ADELGUNDE (nachrufend).--Papa?
+
+BLASHAMMER. Meine Tochter?
+
+ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat?
+
+BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt--Wozu aber!
+sogleich siehst Du ihn. . .
+
+ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)
+
+BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was
+ihn erzürnt.
+
+ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich
+gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich--ich sehne
+mich sie abzuschütteln.
+
+BLASHAMMER ab.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]
+
+ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Fräulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen.
+Lassen Sie mich denn allein.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe.
+
+DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham?
+ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen
+Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied
+summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies
+Sträußchen zu sammeln.
+
+ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?
+
+DER DOCTOR. _Au hasard_
+
+ADELGUNDE (annehmend). Ich danke.
+
+DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._
+
+ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig.
+
+DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu
+hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe?
+
+ADELGUNDE. _Avec plaisir._
+
+DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher.
+
+ADELGUNDE. _Par exemple!_
+
+DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns
+nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.
+
+ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois
+alors . . ._
+
+DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener.
+
+ADELGUNDE.--_comment d'après ce princip, arriveriez vous à une
+inclination individuelle?_
+
+DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur
+individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich
+verliebt--auf Befehl des Alten!
+
+ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez
+une reponse à toutes les questions . . . ._
+
+DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.
+
+ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_
+
+DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . .
+
+ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_
+
+DER DOCTOR. Wohl war ich's.
+
+ADELGUNDE. _Eh bien?_
+
+DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave
+Burschenseele.
+
+ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._
+
+DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus.
+
+ADELGUNDE _Et après?_
+
+DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr
+ernst.
+
+ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.
+
+DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst
+ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau.
+
+ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
+
+DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine
+gültigere giebt--
+
+ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit.
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . .
+
+ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: "strebet, die
+Wahrheit wird euch erlösen."
+
+DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel.
+
+ADELGUNDE. Das ist mir neu.
+
+DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten
+Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.
+
+ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie
+glauben?
+
+DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß
+im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte
+vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen
+Jenseits tausendfach vergolten--
+
+ADELGUNDE. So murren Sie nicht?
+
+DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa
+sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen
+Herrn Doctor.
+
+ADELGUNDE. Sie sind barock.
+
+DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt,--allein ich denke das Beste
+von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen
+Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten
+Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
+
+ADELGUNDE setzt sich und seufzt.
+
+DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja
+nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur
+in Thorheit.
+
+ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die
+Maske eines Heuchlers verabscheuen.
+
+DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid.
+
+ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort.
+
+DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe.
+
+V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefällt's den geehrten
+Herrschaften . . .
+
+BLASHAMMER. Nur näher getreten.
+
+V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es
+ging ja ausgezeichnet gut.
+
+DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier
+allein--
+
+DER DOCTOR.--Was außerordentlich auffiel--
+
+V. ZITTERWITZ.--und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu
+lauschen.
+
+DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät.
+
+QUESTENBERG. Was gab's?
+
+V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch.
+
+QUESTENBERG. Es handelte sich?
+
+V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . .
+
+BLASHAMMER. Erstaune!
+
+V. ZITTERWITZ.--als von Liebe!
+
+DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein.
+
+BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt.
+
+
+ADELGUNDE. _A la bonne heure!_
+
+DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . .
+
+BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen
+Blick zu der mehr besagte, als . . .
+
+ADELGUNDE. Papa!
+
+BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein!
+
+V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute
+zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern--hören Sie?
+
+QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen?
+
+BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter!--Eure Hände, Kinder, daß
+ich sie ineinanderlege.
+
+V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon--
+
+QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht.
+
+V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal!
+
+QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!
+
+V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die
+Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten,
+Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren
+sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und
+klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies
+Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am
+Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte
+er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern
+und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment
+und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und
+Champagner--Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter
+ab.) Klopfte Jemand? Herein!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DER DOCTOR. MARIE.
+
+
+MARIE. Grüß' Gott!
+
+DER DOCTOR. Danke.
+
+MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn
+Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
+
+DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.)
+Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte
+ergebenst . . .
+
+MARIE. Ich kann steh'n.
+
+DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein
+Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den
+ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)
+
+MARIE. Ich will kurz sein.
+
+DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre--?
+
+MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir
+gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten
+Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein
+kann . . .
+
+DER DOCTOR. Ich ahne schon . . .
+
+MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen
+Vers von mir.
+
+DER DOCTOR. Sie heißen--?
+
+MARIE. Marie Ziemens.
+
+DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun!
+
+MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
+
+DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!
+
+MARIE. Kaum glaublich.
+
+DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
+
+MARIE. Ach!
+
+DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich
+Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte?
+
+MARIE. O sprechen Sie nicht so.
+
+DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein
+Mündchen--gleich!
+
+MARIE. Pfui.
+
+DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine
+Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte!
+
+MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
+
+DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
+
+MARIE. Ich bin Braut.
+
+DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
+
+MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer
+Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
+
+DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe?
+
+MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen,
+seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn
+Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig.
+
+DER DOCTOR. Es soll gescheh'n.
+
+MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn--
+
+DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's.
+
+MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer
+Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit
+Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die
+schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel
+aufstrebender Geist gebannt!
+
+DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und--
+
+MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem
+Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen,--derselbe
+mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus
+Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
+
+DER DOCTOR. Möglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er
+macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten!
+Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch
+geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter
+Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei
+von Eifersucht ist?
+
+MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte!
+
+DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden.
+
+MARIE. Nun? . .
+
+DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und
+ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuß.
+
+MARIE. O weh, ein schlechter Handel.
+
+DER DOCTOR. Nicht für mich.
+
+MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen?
+
+DER DOCTOR. Mit Händeklatschen.
+
+MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die
+Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
+
+DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa
+soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig
+unterzeichnen. . . .
+
+MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
+
+DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer?
+
+MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.)
+O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . .
+
+DER DOCTOR. Also er eignet sich--schön! . . . (Schreibt.) Der
+Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber
+Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . .
+Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
+
+MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien!
+
+DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll
+unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen,
+Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende
+Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und
+erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit
+gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der
+blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in
+warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen
+unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen
+schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische
+Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's
+andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen.
+(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen,
+sie lebe hoch!
+
+MARIE. Schonung, Herr Doctor!--
+
+DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph,
+Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst
+erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was
+sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht,
+Wahrheit preisen!--Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen,
+erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen
+Sie das Frühstück mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und
+wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und
+verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein!
+(Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?
+
+MARIE. Ziemlich gut.
+
+DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem
+schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch
+eins.
+
+MARIE. Danke.
+
+DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben!--Vivat!----
+
+MARIE. Es war mein letzter Tropfen.
+
+DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . .
+Nur her das Glas.
+
+MARIE. Ich schlag's in Trümmer.
+
+DER DOCTOR. Das hieße mich verachten.
+
+MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und
+will fort.) Sie sind abscheulich!
+
+DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
+
+MARIE. Sie wissen's.
+
+DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
+
+MARIE. Lassen Sie mich nur fort.
+
+DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.)
+
+MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.
+
+DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall!
+
+MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt
+grabe--darf sie nicht erzürnen.
+
+DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich
+entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und
+leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da!
+Es sind alles Goldstücke.
+
+MARIE. Herr Doctor . . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich
+begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend,
+schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den
+alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht!
+Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und
+angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten
+Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß
+sogar Thränen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig
+ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen
+rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die
+Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders?
+(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher
+Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert
+Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik!
+(Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem
+ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit,
+die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.)
+Hoch die Romantik! . .
+
+MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief.
+
+DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen
+Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
+
+MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
+
+DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er
+fällt in einen Stuhl.)
+
+MARIE. Leben Sie wohl. (ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+
+DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das
+Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und
+Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DER DOCTOR. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
+
+DER DOCTOR. So so, la la!
+
+QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel
+schon gänzlich gehoben sein.
+
+DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen.
+
+QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich.
+
+DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude,
+ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer
+zusammengestapelt!--In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein,
+wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn
+einigermaßen verschonen.
+
+QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln,
+scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
+
+DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne
+Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und
+klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst
+aus der Fabrik.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage.
+
+QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und--
+
+DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's!
+
+QUESTENBERG. Du weißt aber nicht--
+
+DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen!
+
+QUESTENBERG. Welch' Wagestück!
+
+DER DOCTOR. Unsinn!
+
+QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu
+mischen.
+
+DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine
+Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
+
+QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse--
+
+DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche
+Würde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber
+langath'mige Verhandlungen, da!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns.
+
+DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um
+eine Bagatelle?!
+
+QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt
+schüchtern ein.)
+
+DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt.
+
+QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DER DOCTOR. ALBERT.
+
+
+DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die
+Herablassung.
+
+ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid
+entweihe . . .
+
+DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?
+
+ALBERT. Ein wenig.
+
+DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen,
+bedenke das und--
+
+ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches!
+
+DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!
+
+ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Es lebe die Association!
+
+ALBERT (ernst). Sie lebe!
+
+DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!
+
+ALBERT. Fort mit den Privilegien!
+
+DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!
+
+ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.
+
+DER DOCTOR (lacht ironisch).
+
+ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?
+
+DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige
+Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
+
+ALBERT. Vielleicht! . .
+
+DER DOCTOR (lacht wieder).
+
+ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
+
+DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste
+heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
+
+ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).
+
+DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein
+Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die--
+
+ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.
+
+DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that übel.
+
+ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen,
+fand, daß mein Verlangen unbillig war.
+
+DER DOCTOR. Albert!
+
+ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist
+zufrieden, genöthigt worden zu sein es--aufzugeben!?
+
+ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du
+alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich--ich würde ihm danken.
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann?
+
+ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den
+Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle
+der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu
+leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu
+triumphiren . . .
+
+DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was
+er Dir giebt.
+
+ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht
+beurtheilen.
+
+DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig,
+die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum
+und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch
+vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener,
+gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast
+den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach
+Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden
+und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen
+Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias,
+Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz,
+einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein
+vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . .
+(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen
+und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der
+Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal
+begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln
+vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom
+Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung,
+Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen
+Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit
+Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade
+Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem
+Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei
+gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich
+Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.)
+
+ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . .
+freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen?
+
+DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem
+Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.
+
+ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie
+zuzumessen!
+
+DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist
+Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!
+
+ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch
+still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke
+durchschauert mich . . .
+
+DER DOCTOR. Was hast Du Albert?
+
+ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr
+Questenberg nicht selbst das Papier?
+
+DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch
+droht schwierig zu werden.
+
+ALBERT. So hatte er doch Furcht--
+
+DER DOCTOR. Inwiefern?
+
+ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der
+Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich
+ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der
+Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen
+Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten,
+blutärmsten Paria!
+
+DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches.
+
+ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir
+entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und
+Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit
+auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . .
+Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .
+
+DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand.
+
+ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde
+werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles
+schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe
+lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele
+machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria--gefehlt! ich
+bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern,
+denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem
+Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste
+Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines
+Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab
+dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!
+
+ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern
+wüthet!--Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire
+das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine
+Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch
+gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und
+sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich,
+Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten,
+bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten
+Steinwalle erlag!--Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig!
+Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle
+aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen,
+blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem
+Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich
+selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen,
+gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir
+möchten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht
+ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele
+nagt unheilbarer Schmerz!
+
+DER DOCTOR (bei Seite).--Er trägt die Erfindung zu unseren
+Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muß seinen Haß von
+meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlägt
+sich--ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen
+geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo
+böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich
+will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du
+wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann
+bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir
+verzeih'n.
+
+ALBERT. Zur Sache.
+
+DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument,
+Albert, Du empfängst das Dokument . . .
+
+ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.
+
+DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der
+Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir
+Marie nie gebeichtet von mir?
+
+ALBERT. Von Ihnen?
+
+DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war?
+
+ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
+
+DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst
+jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts
+sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als
+Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der
+Unbesonnenheit--
+
+ALBERT. Nun wohl.
+
+DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
+
+ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?
+
+DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
+
+ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte?
+
+DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt
+verließ und zur Universität abging.
+
+ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
+
+DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische
+mir gestern erschien!
+
+ALBERT. Wo?
+
+DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich
+beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend
+wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt,
+ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren
+Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die
+keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein
+zu nennen! . .
+
+ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen.
+
+ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.
+
+DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie
+ist nicht minder legitim als Deins!
+
+ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!
+
+DER DOCTOR. Du meinst!
+
+ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes
+Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
+
+DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
+
+ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen
+deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um
+Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen.
+
+DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür!
+
+ALBERT (lacht).
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte
+ich ihn ohne Umstände fordern . . .
+
+ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines
+Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt,
+Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie
+konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie
+konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er
+Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk,
+sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben,
+verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den
+Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen,
+fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte
+Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt
+Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu
+spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen,
+seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie
+eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte
+toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen,
+tausendmal Verzeihung!
+
+DER DOCTOR. Du bist ein Gott!
+
+ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt
+keine heiligere Reliquie mehr!
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell
+ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich
+muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche
+genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und
+versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch
+eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.)
+Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du
+noch etwas zu fragen?
+
+ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier
+unterzeichnete?
+
+DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar
+auf,--er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von
+meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu
+sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
+
+ALBERT. Beim ewigen Heil!
+
+DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer
+Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage.
+
+ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
+
+DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören
+soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen
+Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit
+der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn
+Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer
+drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn
+Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben!--er aber,
+Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der
+ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch
+ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen
+plötzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter
+sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muß lachen, um sein
+blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste
+veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken,
+um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen,
+Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
+
+ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniß bringt mich dem
+armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares
+Gesicht--ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen
+sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich
+übel berathen,--nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu
+Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument
+bezeugt's zweifellos.
+
+DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .
+
+ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
+
+DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch.
+
+ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester
+Geselle. Lebe denn wohl.
+
+ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach
+verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+Neunte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus
+dem Original übernommen.]
+
+BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet,
+das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem
+andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde.
+
+
+BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der
+Börse verloren . . .
+
+DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.--
+
+BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich
+in einen Sessel.)
+
+DER DOCTOR.--Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen,
+wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
+
+BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer
+erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
+
+DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein.
+
+BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie.
+
+DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen.
+
+BLASHAMMER. Wir wollen's erproben!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht
+vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde?
+
+BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
+
+QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?
+
+BLASHAMMER. Lies, lies!
+
+QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser
+Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo
+kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an
+die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was
+die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das
+Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher
+bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst
+kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million
+beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition
+ist.--Es klingt wie eine Verleumdung.
+
+BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten
+in die Schuhe . . .
+
+QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun.
+
+BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit
+den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und
+Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's
+und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?!
+
+QUESTENBERG. 's ist unglaublich!
+
+BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große
+Blashammer Ehre und Existenz!?
+
+QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!
+
+BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich,
+Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist?
+
+DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!
+
+BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post.
+
+QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen
+Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich
+zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen
+wieder abbestellt.
+
+BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig!--Es sind
+die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
+
+QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
+
+BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
+
+DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die
+Arme.
+
+BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.
+
+DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern
+strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
+
+BLASHAMMER. Wodurch?
+
+DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
+
+BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
+
+DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein
+oder zwei nicht ankommen.
+
+BLASHAMMER. Danke bestens.
+
+DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
+
+BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber--öffne den andern
+Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann
+mußte für mich sterben! . .
+
+QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn,
+Leichtsinn!
+
+DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
+
+BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel.
+
+DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?!
+
+BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen
+und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
+
+BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.
+
+DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's
+seine eigene Schuld.
+
+BLASHAMMER. Meinetwegen.
+
+DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
+
+BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!
+
+DER DOCTOR. Warum, sage ich?!
+
+BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können!
+
+DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben
+weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen
+gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm
+anvertrauten.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch
+gleichgültiger.
+
+DER DOCTOR. Bravo!
+
+BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der
+ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . .
+
+DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
+
+BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel
+bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von
+Palermo ungehindert fortgelassen haben.
+
+DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List!
+
+BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem
+unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da
+sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
+
+DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
+
+BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie
+glauben!
+
+DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb
+Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
+
+BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen!
+
+DER DOCTOR. Nicht wahr?
+
+BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater
+morgen die Gläubiger vom Halse schaffen!
+
+DER DOCTOR.----Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen?
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.
+
+DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn?
+
+BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr.
+
+DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen
+Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?
+
+BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül.--Ich bin
+ein ruinirter Mann!
+
+DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.
+
+BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies
+Sie zu fragen!
+
+DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?
+
+QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
+
+QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während
+der Vorhang fällt).
+
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vor der Hütte des Vater Ziemens.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Hütte.
+
+MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor.
+
+FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen?
+
+MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja--ich
+hatte die ganze Schürze voll.
+
+FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem
+Federbett!--Komm' zurück, die Luft weht kalt.
+
+MARIE. Bin ich denn krank?
+
+FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem
+Blut.
+
+MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als
+die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die
+thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten,
+fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu
+springen wie bei der Hochzeit.
+
+FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.
+
+MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert--Du schaltst ihn
+einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er
+mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fühlte
+mich verletzt . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern.
+
+MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde--
+
+FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein
+ehrbares Mädchen hegt Gedanken--
+
+MARIE. Welcher Art?
+
+FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon.
+
+MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich.
+
+FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf
+Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich
+geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind!
+
+MARIE erblaßt und droht umzusinken.
+
+FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen!
+
+MARIE.--'s ist überstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf
+alles vorbereitet--hier, lies den verhängnißvollen Brief.----
+
+FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen.
+
+MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre
+Preis!----Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein
+Verbrechen zu sühnen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten.
+
+MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die
+Liebe des Guten.
+
+FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon--
+
+MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer
+Autorität!
+
+FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche.
+
+MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau'
+ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die
+labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben
+trieb und kannst allein--
+
+FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht?
+
+MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen
+obersten Wohlthäter.
+
+FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
+
+MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille.
+
+FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du
+sankst----Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend
+vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch
+geweihter Priester erbaut sie mehr!
+
+MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des
+Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist
+gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen
+lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch
+vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich
+ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe
+Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines
+Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und
+verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler
+ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die
+Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze
+mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die
+Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich
+zu fügen--Muß ich ihm folgen?
+
+FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin.
+
+MARIE. Muß ich--?
+
+FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?!
+
+MARIE. . . . Der Tod.
+
+FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das
+um Dich!
+
+MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Führ' mich nach
+jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete--Ersehnte!
+Er ist's!--Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden
+Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt
+ihn das unerbittliche Meer.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT.
+
+
+ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren.
+
+MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken).
+
+FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung).
+
+ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies
+Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . .
+
+FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte).
+
+ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles--War
+die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an
+Mädchen, wie fass' ich--
+
+MARIE (reicht ihm des Doctors Brief).
+
+ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging
+schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem
+Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie!----Aber wie fein! wie
+herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar
+sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts
+vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trüben
+Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis
+jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu
+viel überschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau
+des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen
+konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS.
+
+
+VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert.
+
+ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist?
+
+FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn.
+
+VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten
+Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurück? Welche
+finstere, verzweifelte Mine?
+
+ALBERT. Armer Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Töchterchen
+keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt--
+
+ALBERT. Vergrößert ihre Pein.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . .
+Lass' mal sehn--Ist sie im Garten?
+
+ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse.
+
+VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet
+nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.
+
+FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch.
+
+VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren
+kaltes Herz?
+
+FRAU ZIEMENS. 's ist einfach.
+
+VATER ZIEMENS. Erzähle--sei so gut.
+
+FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe
+recht, bevor sie Albert kannte--
+
+VATER ZIEMENS. Ich versteh'.
+
+FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward--
+
+VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr.
+
+FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth.--
+
+VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!
+
+FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält).
+Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich
+Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie
+in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein
+blieb.
+
+VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin
+ich gewiß.
+
+FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden,
+schmeichelhaften Sprache.
+
+VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit
+schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht
+Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch
+fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich
+zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der
+Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde
+alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid
+Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein
+Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!
+(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel
+zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt
+Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!
+
+FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern
+Leidenskelch?!
+
+VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe?
+
+FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen!
+
+VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde?--Weib!
+
+FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit
+Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in
+schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend
+unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten
+Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von
+Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten
+Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf
+meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits
+verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich,
+er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über
+Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige
+Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges
+Rächerantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub
+bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist
+unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur
+beschämt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen
+Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem
+lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer
+ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und
+nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht
+erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes
+aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches
+Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre
+auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit
+beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich
+ausgesöhnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden
+Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in
+ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.
+
+VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie!--Welchem fürchterlichen
+Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den
+Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst
+nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der
+unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?
+
+ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle
+Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten
+Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit
+fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen
+und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort
+und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie
+erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich
+gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom
+blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten
+Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen
+wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem
+Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft wo's
+zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl
+verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit und
+Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd)--als Mittel zur
+Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu
+Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders
+stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht
+beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!
+
+FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!
+
+VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir
+fallen, sie zu versöhnen.
+
+ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer
+für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch,
+Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's
+alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in
+lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein
+jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und
+gottgefälligen Sprüchen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das
+Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind"--
+
+VATER ZIEMENS. Albert, Albert!
+
+FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!
+
+ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein
+Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter
+Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.
+
+VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen!
+
+ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem
+Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale
+Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen
+erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und
+schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern
+Säulen als Ihr Glaube an--an--ich weiß nicht woran!
+
+FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.
+
+VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt
+katholischen Kirche sich zu Füßen legen.
+
+ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies.
+
+FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.
+
+ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels
+Frieden!
+
+VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte?
+
+ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern
+Platz für sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwöre Euch, weilt!
+
+MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . .
+
+ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater,
+welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den
+Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du für
+ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund
+verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. ALBERT.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stürmt nicht die Schranken
+ihres Herzens.
+
+ALBERT. Memme! Memme!
+
+FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund.
+
+ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß!----Oder denkst Du, ich bin
+ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von
+Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk
+den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)
+
+ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's möglich--sie
+konnte--Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?!--Das
+endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.)
+Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmüthige Taube wird zur
+Hyäne . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Wohin Albert?
+
+ALBERT. Ihr die Schande kürzen!
+
+FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!
+
+ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses
+geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm
+Marie entgegen). Gott--
+
+MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz.
+
+ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du
+meiner Brust! . .
+
+MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)
+
+FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht
+geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich
+wieder.)
+
+ALBERT.----Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen
+Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fürchterlich
+geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten--drum sei
+er schnell, schnell vergessen!
+
+FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und
+Mitteln, die Thorheit zu besiegen.
+
+ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus!
+
+FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der
+Ferne.)
+
+ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs
+Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach
+versagte--
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so
+leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten
+_depuis long-temps_ die Vergnüken--_Reçevez mes compliments_.
+
+ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?--
+
+KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_
+endlich Justiz gehalten.
+
+ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher
+ordentlich deutsch.
+
+KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen
+_oublier notre belle langue allemande_ . . .
+
+ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten.
+
+KLAUS. _Patience, monsieur_.
+
+ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.
+
+KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk
+ßoll ßein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_
+Kurkel--_j'étouffe_ . . .
+
+ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer!
+
+FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.)
+
+KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million
+reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer,
+großer Mann--Nicht unser Muckerländchen--das freie göttliche Amerika
+erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser
+Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik
+der Sprak _du monde_.
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million--
+
+KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein
+rentables Fabrikchen eingetragen--
+
+FRAU ZIEMENS. Bei!?
+
+KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung.
+
+ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem
+Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel.
+
+KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.
+
+ALBERT. Vergebliche Mühe--zu spät!
+
+KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?
+
+ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten
+Namen.
+
+KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der
+Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts
+aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender,
+großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines
+Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf
+die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die
+Sünde für uns alle trägt!
+
+ALBERT. Ja, ich that Dir Leides--
+
+KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir
+einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt
+viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur
+Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche
+tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die
+Kinnbacken--aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst
+löschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend
+würde mich indeß so recht _tête-à-tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel
+laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen
+Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den
+Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein
+aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an
+der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor
+mir her. Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und
+balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich
+beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo
+schon so mancher deutsche Ehrenbürger--bescheiden seiner Heldenthaten
+übermächt'gen Rausch verschlief!
+
+ALBERT. Ein frommer Wunsch.
+
+KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir.
+
+ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß,
+daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich
+vergesse.
+
+KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen
+anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he?
+Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel
+pfarrherrlicher Ehrbarkeit?
+
+FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes
+würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen.
+
+KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:)
+
+ Bei wem das Geld im Beutel klingt,
+ Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
+
+ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht.
+
+KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige
+verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu
+ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden.
+Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler
+Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich
+kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller
+christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben
+mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß'
+elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit
+noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert
+hätte.--'s ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem
+der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur
+ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit
+wahrhaft schwärmt!--Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich
+werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's
+Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!
+
+ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes
+Versprechen zurück.
+
+KLAUS. Albert--verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung
+gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust
+schnürt und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine
+verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden.
+
+ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl
+in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und
+erheben, Du, Du--wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!
+
+KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ für
+Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer--für Geld
+ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und
+Treue!--und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause
+Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst
+angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden
+wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der
+Gedanke elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen;
+möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden
+Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs
+beweisen, daß seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack
+beglücken? Wozu nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu
+Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark
+der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf
+Deines Herzens sichre Rente!
+
+ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath
+entsprechen, doch in meiner Weise.
+
+KLAUS. Heil Brutus Dir!
+
+ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich
+drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Wörtlein in
+Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)
+
+KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er
+singend hinter ihnen her).
+
+ _Allons, enfants de la patrie--hi, hi,
+ Le jour de gloire est arrivé:--he, he.
+ Contre nous, de la tyrannie--hi, hi,
+ L'etendard sanglant est levé--he, he . ._
+
+(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.)
+
+
+V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der
+_haute-finance_ nichts ausrichten läßt--Aber ich kenne Schneider,
+Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in
+ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären.--Wenn
+Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in
+die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben
+vornehm einige Zeilen blos und--
+
+BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und
+wie er zu Credit kommt.
+
+V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität!
+
+BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen.--Ich--ich
+nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein
+Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
+
+V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre
+Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?
+
+BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers!--Treten wir unter die Gläubiger.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?!
+
+BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den
+Loostopf.
+
+V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Daß ich
+Sie beschäme, Herr Blashammer--(hält ihn fest.)
+
+BLASHAMMER. Herr Regierungsrath?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer--
+
+BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an).
+
+V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und
+ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall
+einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung--
+
+BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der
+Concurrenz zu weit überflügelt!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie meinen--?
+
+BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns
+ansteckt--sagen wir gut für ihn.
+
+V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle.
+
+BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate
+heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon.
+
+V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen!
+
+BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und
+schweige.
+
+V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich
+absichtslos.
+
+BLASHAMMER. Es tröste Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der
+Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie
+daran.
+
+BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er
+auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr
+Regierungsrath,--die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig
+als möglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?
+
+V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns wäre
+damit geholfen.
+
+BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
+
+V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag.
+
+BLASHAMMER. Lohnt's?
+
+V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste
+Freundschaftsstück guter Christen.
+
+BLASHAMMER. Ueberlegen Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf
+den Fluthen trägt!--Wir sind einig.
+
+BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm).
+
+
+V. ZITTERWITZ. Fort!
+
+BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
+
+V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer
+sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)
+
+QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts,
+was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch
+schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS.
+
+
+ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es
+zu melden.
+
+KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er
+und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen.
+
+ALBERT. Geh, eile.
+
+KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's.
+
+ALBERT. Willst Du mich erzürnen.
+
+KLAUS.--Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen.
+
+ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
+
+ALBERT. Ihr treuer Diener.
+
+QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
+
+ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige
+Minuten.
+
+QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen--ich les' es in Deinem
+Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so
+viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune.--
+
+QUESTENBERG. Schlange!
+
+ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
+
+QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was
+Dich herführt.
+
+ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist,
+Albert.
+
+ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
+
+QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint?
+
+ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten--
+
+QUESTENBERG (ungläubig). Ah!
+
+ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die--Kühnheit hatte.
+
+QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall?
+
+ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem
+Unglück hörte--
+
+QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fügt oft
+Wunderdinge--räthselhaft erscheint mir blos . . .
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von bösem
+Gewissen.
+
+QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht.
+
+ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
+
+QUESTENBERG. Willst es wissen?
+
+ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,--
+
+ALBERT. Sie scherzen!
+
+QUESTENBERG. unterdrückt,--
+
+ALBERT. Pfui.
+
+QUESTENBERG. tyrannisirt!
+
+ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter!
+
+QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort.
+
+ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr
+Retter!--Glauben Sie mir nun?
+
+QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON.
+
+
+JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.--
+
+QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm
+einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . .
+
+JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten
+vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder,
+ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind--
+
+QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht).
+
+JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
+
+KLAUS (murrt).
+
+QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
+
+JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit
+klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.
+
+QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was
+ich sagen soll!--(laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung
+bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.)
+Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde
+Lügen strafen!
+
+JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft
+Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben!
+(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt
+zu mißcreditiren?
+
+QUESTENBERG. Ja--ja wohl!
+
+JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher
+Exberimentesucht--
+
+QUESTENBERG. Man that's.
+
+JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte.
+
+QUESTENBERG. Natürlich.
+
+JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des
+Fortschritt's!--
+
+QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf).
+
+JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefällt.
+
+QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.)
+
+JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.--
+
+QUESTENBERG. So--ah!
+
+JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt,
+mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.
+
+QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr--Schon
+achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir
+solch' Vertrauen . . .
+
+JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie
+wünschen.
+
+QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß
+nicht . . .
+
+JOHNSON. Sehen Sie nur hierher.
+
+QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .
+
+JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr.
+
+QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr.
+
+JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr.
+
+QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich
+jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?
+
+JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!
+
+QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.--
+
+ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den
+Notar, der draußen wartet.
+
+JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver
+Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der
+Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .
+
+KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst
+ihn schamlos triumphiren lassen!?
+
+ALBERT. Behindre mich nicht.
+
+KLAUS. Keinen Schritt weiter.
+
+ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .
+
+KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich!
+
+JOHNSON. Meine Herrn . . .
+
+QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder.
+
+ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich
+schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die
+Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.
+
+KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . .
+
+KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so
+straf' mich der Teufel.
+
+JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise.
+
+KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles;
+dessenungeachtet . . .
+
+JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen--
+
+KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist
+nicht Meister seiner Handlungen.
+
+ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt
+Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter
+erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.)
+
+JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er.
+
+KLAUS. Was!
+
+JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was!
+
+KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Wer läugnet's, allein--
+
+KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben!
+
+JOHNSON. Schon kut, toch--
+
+KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht--
+
+JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus.
+
+KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige
+Macht der Wahrheit.
+
+JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.
+
+QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die
+frische Luft und macht ihm Umschläge . . .
+
+KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten!
+
+QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß?
+
+JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe.
+
+QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.
+
+KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt
+ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das
+gewußt--doch Gott befohlen!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter.
+
+JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach.
+
+QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei
+durchprügeln lassen.
+
+ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.
+
+JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle
+Ihnen schaden könnte--
+
+QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert.
+
+JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe für heut' keine Zeit mehr und
+porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.
+
+QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen.
+
+JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach.
+
+QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe.
+
+JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche
+Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.
+
+QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch.
+
+JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener.
+
+
+
+Zwölfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne JOHNSON.
+
+
+QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht
+unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.
+
+ALBERT. Sie beschämen mich.
+
+QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir
+die Freundschaft!
+
+ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch
+mache--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir,
+Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten
+Jahr?
+
+ALBERT. Wie kann ich so viel wollen!
+
+QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir
+vergönnt, Dich glücklich zu machen!
+
+ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.
+
+QUESTENBERG. Scherz bei Seite.
+
+ALBERT. 's ist zu spät!
+
+QUESTENBERG. Was hast Du?
+
+ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.
+
+QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe?
+
+ALBERT. Sie ging mir verloren! . .
+
+QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge?
+
+ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht
+mehr, Gott hat gerichtet!
+
+QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehört Dir!
+
+ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat
+hassen--nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper
+unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Du! Du!
+
+ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich
+eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich
+ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen
+treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner
+Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen
+Herzens--ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube
+krümmt!
+
+QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses
+Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle!
+
+ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen
+Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich
+sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt!
+
+QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen--mir fehlt die
+Kraft.
+
+ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisäer und
+Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt!
+
+QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe für mich, so muß ich's
+thun.
+
+ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.
+
+QUESTENBERG. Wohin gehst Du?
+
+ALBERT (zeigt nach Oben).
+
+QUESTENBERG. Oh!
+
+ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's
+Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein
+Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs
+zu ruh'n. (Er will geh'n.)
+
+QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Hülfe!
+
+ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust
+setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.
+
+QUESTENBERG. O das ist entsetzlich!
+
+ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht,
+zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen
+ihm freudig entgegen! (ab.)
+
+QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur!
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel
+die Gläubiger.
+
+
+QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf
+den Tisch.)
+
+ALLE. Geld . . . ah! ah!
+
+QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine
+Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten,
+unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie
+unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme
+verletzt.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . .
+
+QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen
+nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthänigsten Diener.
+
+
+
+Vierzehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG.
+
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen!
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen
+dicken Zopf an.
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung
+zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu
+drängen!
+
+ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.
+
+ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld
+zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen
+sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)
+
+
+
+Funfzehnte Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . .
+Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich--(kopfschüttelnd)
+Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch--Oh, was ist der
+Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann
+bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die Noth die
+Mutter aller Laster sei.
+
+BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat!
+
+V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine
+andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter;
+wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr
+die neue!
+
+BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.
+
+V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht
+bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.
+
+BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte.
+
+BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's
+Ihnen an.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Danke, danke.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter.
+
+BLASHAMMER. Zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Mäßigung.
+
+BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da
+hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.
+
+BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld
+des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant
+und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen
+Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht
+mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen!
+
+BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand.
+
+V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . .
+
+BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner.
+
+V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind.
+
+BLASHAMMER. Für einen Betrüger.
+
+V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den
+Aufdringling los.
+
+BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener.
+
+V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute
+bl--bl--blos für unsich--chere Menschen.
+
+BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen.
+
+V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen
+ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.
+
+BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!
+
+V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie
+sich gerichtlich verantworten . . .
+
+BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß).
+
+V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr
+Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)
+
+BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel,
+gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!
+
+
+
+
+Fünfter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Zimmer im Hause Blashammers.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf.
+
+
+ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur
+näher.
+
+DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.
+
+ADELGUNDE. Setzen Sie sich.
+
+DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.
+
+ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?
+
+DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa
+plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu
+ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde
+endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.
+
+DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!
+
+ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hören?
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig--Ich werde mich in
+der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?
+
+ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hört'
+ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit sich
+selbst.
+
+DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten
+muß!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!
+
+ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken.
+
+DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten
+brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heißt!--weil er das Feuer der
+Revolution heimlich schüren half.
+
+ADELGUNDE. Weh!
+
+DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.
+
+ADELGUNDE. O Grauen!
+
+DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern
+auch die Freiheit.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm!
+
+DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist
+politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus
+für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!
+
+ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch
+Lust--Nimmermehr!
+
+DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort.
+
+ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring
+zurück.
+
+DER DOCTOR (drohend). Fräulein!
+
+ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer
+genug fallen.
+
+DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.
+
+ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen
+Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher
+Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die
+dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das
+Leben zur Plage macht.
+
+DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so
+kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine
+heil'ge Sache!
+
+ADELGUNDE. Ihre Redekunst.
+
+DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die
+Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick
+angenehm versüßt.
+
+ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.
+
+DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . .
+Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in
+seinem Busen gährt und brennt--
+
+ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein.
+
+DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile
+er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das
+rein menschliche . . . Doch horch!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!
+
+DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still!
+
+BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für
+alle Plage kein Brosämchen!
+
+DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?
+
+BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich
+mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt
+versetzt!
+
+ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater!
+
+BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.
+
+ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich?
+
+BLASHAMMER. Vergebne Müh'--sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . Was
+macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich
+gemüthlich auf.
+
+DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.
+
+BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater
+heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem
+tief Gekränkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten
+Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend
+Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und
+auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernüsse auf den Tisch
+warf . . .
+
+DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall!
+
+BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da,
+er hat mich nicht mehr nöthig.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde
+schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich
+unwürdigen Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte
+ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für
+Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust
+gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und--
+
+BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die
+rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück.
+
+DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort
+und Fräulein meinen Ring.
+
+BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter.
+
+DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . .
+
+ADELGUNDE. Gnade!
+
+BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich
+ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . .
+
+BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen.
+
+ADELGUNDE. Du irrst.
+
+BLASHAMMER. Woher weißt Du's?
+
+ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz.
+
+BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.
+
+BLASHAMMER. Er!
+
+ADELGUNDE. Ja.
+
+BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.
+
+ADELGUNDE. Glaub's mir.
+
+BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb
+unverändert.
+
+ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern,
+als das reinmenschliche?
+
+BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie
+rächt sich die Lüge!
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt?
+
+QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger.
+
+DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun
+ihren Schein!
+
+QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett;
+das Gewissen trieb mich zu Dir.
+
+BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an.
+
+QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.
+
+BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.
+
+QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen
+Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion,
+Sitte . . . .
+
+BLASHAMMER. Nicht weiter.
+
+QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug--
+
+BLASHAMMER. Ich begreife Alles.
+
+QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß--
+
+BLASHAMMER. Sei unbesorgt.
+
+QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird--
+
+BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können--Falls Du
+Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei.
+
+QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.
+
+BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen.
+
+QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der
+Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger,
+arglistiger Menschen erlös'te.
+
+BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender
+anhören wird.
+
+QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.
+
+BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe
+auszutauschen.
+
+QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.
+
+BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die
+Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.
+
+DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa,
+und verstumme.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein
+Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin
+entdeckte.
+
+QUESTENBERG. Steht es so!
+
+BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen
+Herzen.
+
+QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das
+junge Paar.
+
+BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir
+in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer
+Versöhnung sogleich laden lasse . . .
+
+QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal.
+
+BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich.
+
+QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich
+die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß.
+
+DER DOCTOR. Bin dabei.
+
+QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wünsche denn
+beiderseits Lebewohl.
+
+BLASHAMMER. Glückliche Besserung.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß
+für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die
+beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da?
+Schnell heraus, eine schreckliche Mähr!
+
+VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schläft.
+
+FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st
+Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde
+Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns
+an.
+
+VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke.--Wußte man des
+Unglücklichen Namen?
+
+FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren
+verzweifeln ließ.
+
+VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche.
+
+FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein
+Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden
+Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . .
+Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park?
+
+
+
+Fünfte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter
+Alter, die ihres gleichen sucht!
+
+VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der
+Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen?--
+
+KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel,
+viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste
+Banknoten, vollgültigste Papiere--
+
+VATER ZIEMENS. Aber--?
+
+KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich?
+
+VATER ZIEMENS. Nein--wozu?
+
+KLAUS. Krambambuli zu kaufen.
+
+VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab?
+
+KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank
+vorausbezahlt!
+
+VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft
+werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren--
+
+KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer,
+und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur
+heraus! ich leere es im Bewußtsein--nicht zu den schwächsten Gliedern
+unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.)
+
+VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld
+erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut?
+
+KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei!
+
+VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?!
+
+KLAUS. Versuchte ich das schon einmal.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr
+Treiben!
+
+KLAUS. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?!
+
+VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden.
+
+KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom
+gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt,
+erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen.
+
+VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus.
+
+KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet,
+behaupte ich heute erst recht!
+
+VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die
+Leute thun, das thue ihnen auch nicht?
+
+KLAUS (keck). Ja wohl!
+
+VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage.
+
+KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem
+Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's
+zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom
+Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein!
+
+VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus.
+
+KLAUS. Ja, wirklich!
+
+VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!?
+
+KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen!
+
+VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles!
+
+KLAUS. Ah, und wie rächte sich dafür Albert!
+
+VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch.
+
+KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern
+Patron wieder betrügen ließ.
+
+VATER ZIEMENS. Das heißt--
+
+KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n.
+
+VATER ZIEMENS. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon.
+
+KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron
+den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage
+800,000 Thaler für die Erfindung--
+
+VATER ZIEMENS. Unmöglich!
+
+KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth außer mir,
+protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des
+Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da,
+gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken
+preis, duldete, daß man mir--
+
+VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm!
+
+KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloß.
+
+VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den
+Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht
+leugnen!
+
+KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst!
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und
+nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten
+und kränktest seine Hoffnungen--sein Glück und stießest ihn in's
+Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten
+willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich!
+Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer,
+versöhnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg,
+thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt
+schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was
+bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch
+Mütterchen dabei?
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen).
+
+
+MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du?
+
+FRAU ZIEMENS (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt
+tausend Dank, wackre Männer!--Ach Tochter, Du wardst für eine schwere
+Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft--
+
+MARIE. Ist's der alte Vater?
+
+FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert!
+Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone
+ihn--er bedarf zärtlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits
+regt er sich--
+
+MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?----
+
+ALBERT. Welche Stimme?
+
+MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich
+bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam,
+unnatürlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu
+zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als
+Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm
+nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie
+es Deine--wie es meine Ehre gebot!
+
+FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter!
+
+MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich!
+
+ALBERT. Sei's jetzt nicht, Mädchen!
+
+MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der
+Edlen!
+
+ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das
+richtete über mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die köstliche
+Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen
+zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte--plötzlich das Bündel
+packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham
+erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des
+Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte verdammt
+werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld!
+
+MARIE. Eben,--sühntest Du sie nicht!
+
+ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park--
+
+MARIE. O Gott!
+
+ALBERT. Aber nicht zu sterben wußte--nicht zu sterben der Feige!
+Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte
+sich! . .
+
+MARIE. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil!--O richte Dich männlich
+auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen,
+welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns
+widerwillig, gezwungen bereiteten!
+
+ALBERT. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend;
+zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab;
+entfliehe meiner unheiligen Nähe!------O Frau Mutter, wohin brachten
+Sie mich!--
+
+MARIE. Ha, das--das ist Rache!--
+
+FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut!
+
+MARIE. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach,
+er hat mich nie--nie geliebt!
+
+FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht
+weiter!--O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine,
+keine Freudenthränen geweint!--
+
+MARIE. Laß ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur!
+
+FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub!
+
+MARIE. Ich sage, laß ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du
+denn noch nichts?
+
+FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen!
+
+MARIE. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte!
+
+FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter!
+
+MARIE. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl!
+(lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte!
+
+FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein
+Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich--Aber nicht doch, Tochter, Du
+schwärmst!
+
+MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem
+Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich
+durchschaue alles, die ganze Comödie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser
+Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm
+Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der
+Finsterniß!----(Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie
+vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha,
+woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine
+Vernunft, kein Gedächtniß mehr!--Schütze, o Mutter, schütze mich vor
+mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.)
+
+FRAU ZIEMENS. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie!------O
+nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe
+noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir
+die Jungfer in die Hütte--es wird für sie zu viel!
+
+MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr!
+Berichten Sie nur, Klaus!
+
+KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den
+wundersamsten Erfolg--es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein
+Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen--
+
+MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die
+Geschichte?
+
+KLAUS. Frau Mutter weiß bereits davon. . .
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte
+nicht glauben, Klaus, nicht glauben--
+
+KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und
+wider Erwarten . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!?
+
+KLAUS. Bis auf zwei Todte leider!
+
+FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie?
+
+KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie!
+
+MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie
+sich mit dem Vater--
+
+KLAUS. Zu dienen.
+
+MARIE. Wo blieb er!?
+
+KLAUS. Beim Herrn im Schloß, zu seinem--unserm unseligsten Verhängniß!
+
+FRAU ZIEMENS. O mein Kind!
+
+KLAUS. Beten Sie für ihn!
+
+MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!
+
+KLAUS. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter
+das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne
+Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich
+im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich
+Geister!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS.
+
+
+MARIE. Hörtest Du, Albert?
+
+KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?!
+
+MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.
+
+KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst!
+
+ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr!
+
+KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe
+mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der
+Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet
+beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm.
+
+ALBERT. O schauder--schaudervoll!
+
+KLAUS. Höchst schaudervoll!
+
+MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver
+Mann!--Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die
+Vorsehung, welche nicht anders es fügte!
+
+KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.
+
+MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!
+
+ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen).
+
+MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten
+wir ferner unerforschlichem Rathschluß!
+
+KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das
+Geschehene!
+
+ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich härter als der Tod--bricht
+meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere
+Sonne--dort ging sie unter!
+
+MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir
+von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen
+himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!
+
+KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche
+feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch
+die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und
+Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher
+Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen
+Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den
+ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt
+die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und
+That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes
+Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen
+könnte--He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht
+in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell
+erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend
+unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt,
+geringschätzig belächelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die
+Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von
+Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und ihre
+Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm
+den Arm nur, Jungfer.
+
+MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.
+
+KLAUS. Nachher davon.
+
+ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät.
+
+KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet
+keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir
+Gewalt!
+
+ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus.
+
+KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für
+die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's
+bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke!
+
+ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern!
+
+KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen!
+
+MARIE. Welch ein Erkühnen!
+
+KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben!
+
+MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches
+für ihn!
+
+KLAUS. Das darf nicht geschehn.
+
+MARIE. Sie sind ein Tyrann!
+
+KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich
+schweigend, daß Jemand--und wär's mein Feind--schnödester Spitzbüberei,
+wie der, zum Opfer fiele!
+
+MARIE. Ihre Verblendung ist groß!
+
+KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß!
+
+ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich
+mit uns'rer Ansicht!
+
+KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin
+ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!
+
+ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits
+verschlungen wurden von den Gläubigern!
+
+KLAUS. Bereits!
+
+ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn
+brachten. . . Das weißt Du nicht?!
+
+KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's,
+gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr
+luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte
+es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,
+nennt edelmüthig unter Schurken--christlich! Entsagung persönlichen
+Vortheils, irdischer Freude--gottgefällig! Selbstmord--höchstes
+Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch!
+das kalte Grab allein--Erlösung aus Sünde und Elend!--O hätte doch ein
+Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren können,
+wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der
+menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter
+wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die
+Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich
+dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du
+von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht,
+verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du
+entkrochst!
+
+ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb
+Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein
+Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein
+unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger Fantasie,
+im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . .
+
+KLAUS. Kehre Dich um und sieh!
+
+ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das?
+
+KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . .
+
+ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich
+rangst!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN.
+
+
+QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich
+feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in
+Krücken gehn.
+
+ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.
+
+QUESTENBERG. Fast möchte ich's behaupten.
+
+ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue über diese
+Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat!
+
+QUESTENBERG. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein,
+nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten!--Ich erwog es
+reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause,
+hübsch, hübsch, hübsch!--Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem
+Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt
+und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind
+wir Menschen immer hübsch gescheidt!
+
+ALBERT. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind!
+
+QUESTENBERG. Zu ew'ger Täuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte würdige
+Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn!
+
+ALBERT. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar
+ergreifen sie uns wenig!
+
+QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf
+will jetzt bereits--ein Stündchen erst nach dem Ereigniß--in wilder
+Fiebergluth aus allen Fugen gehn!
+
+ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch
+übrig?
+
+QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch.
+
+ALBERT. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!?
+
+QUESTENBERG. Auf Ihnen!
+
+ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut
+als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.
+
+QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er
+zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein
+Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das
+Geld zurück.
+
+ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen
+Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von
+keiner That!
+
+QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert).
+Demüthigen Sie mich nicht tiefer!
+
+ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab.
+
+KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!
+
+QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Sündenlast!
+
+KLAUS. Sei christlich!
+
+ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt).
+Da! für Dich!
+
+KLAUS. Alles!
+
+ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es
+bis in den Himmel!
+
+KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer
+Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld
+zählend). Lauter giltige Papiere--fünf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft!
+führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon
+ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein!
+Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun
+bin ich dieser Lumpen Gläubiger!--Wie abgegriffen und welch'
+Inbegriff!--Gift für den Staat und Medicin für mich!--Adieu, mein
+Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise
+morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande,
+was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir
+zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst!
+
+ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst.
+
+KLAUS. Dein Freund auf ewig!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDÄMMERUNG.
+
+
+QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob
+Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden.
+
+ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine
+Freuden.
+
+QUESTENBERG. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth!
+
+ALBERT (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das!
+ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen,
+streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und
+That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche
+unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!
+
+QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein
+bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so!
+Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!--
+
+ALBERT. Träumen Sie von Paradiesesengeln!
+
+QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . .
+Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen
+Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n!
+
+(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet,
+wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe
+steht.)
+
+ALBERT. Mädchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide für die Hochzeit
+und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . .
+
+(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus
+weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater
+Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's
+Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.)
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN">
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Bankerott
+ Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten
+
+Author: Florian Müller
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
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+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+</pre>
+
+
+
+
+
+<h1>Der Bankerott.</h1>
+<br />
+
+<h2>Eine gesellschaftliche Trag&ouml;die in f&uuml;nf Akten</h2>
+
+<h2>von Florian M&uuml;ller</h2>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<h5>Leipzig</h5>
+
+<h5>Theodor Thomas.</h5>
+
+<h5>1853.</h5>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<p>Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem
+Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung
+durch unsere B&uuml;hnen w&uuml;rdig und geschickt ist, &uuml;berl&auml;&szlig;t
+er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr f&uuml;r seine Rechtfertigung
+oder Erl&auml;uterung zu sagen, erscheint ihm &uuml;berfl&uuml;ssig.
+Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen
+und als Menschenfreund sah, wird sie &auml;hnlich auffassen und
+in keiner Weise zweifeln, da&szlig; nicht Leute wie Albert, Marie,
+Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verh&auml;ltnissen, und
+von derselben Charactertiefe, existiren k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Neujahr 1853.</p>
+
+<p><b>Florian M&uuml;ller.</b></p>
+
+
+
+
+<i>Ah! quand verrai-je enfin ma st&eacute;rile patrie,<br />
+R&eacute;former de son go&ugrave;t l'antique barbarie,<br />
+Offrir un doux asile aux beaux-arts n&eacute;glig&eacute;s;<br />
+R&eacute;chauffer leur ardeur, dans son sein prot&eacute;g&eacute;s,<br />
+Et, faisant refleurir l'esprit et le g&eacute;nie,<br />
+Rendre la gloire aux arts, et les arts &agrave; la vie?<br />
+<br />
+Fr&eacute;d&eacute;ric II. (Epitre sur la libert&eacute;.)</i><br />
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<h2>Der Bankerott.</h2>
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<h2>Inhalt</h2>
+
+ <a href='#Personen'><b>Personen</b></a><br />
+ <a href='#Erster_Akt'><b>Erster Akt.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_1I'><b>Abtheilung I.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_1II'><b>Abtheilung II.</b></a><br />
+ <a href='#Zweiter_Akt'><b>Zweiter Akt.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_2I'><b>Abtheilung I.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_2II'><b>Abtheilung II.</b></a><br />
+ <a href='#Dritter_Akt'><b>Dritter Akt</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_3I'><b>Abtheilung I.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_3II'><b>Abtheilung II.</b></a><br />
+ <a href='#Vierter_Akt'><b>Vierter Akt.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_4I'><b>Abtheilung I.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_4II'><b>Abtheilung II.</b></a><br />
+ <a href='#Funfter_Akt'><b>F&uuml;nfter Akt.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_5I'><b>Abtheilung I.</b></a><br />
+ &nbsp;&nbsp;<a href='#Abtheilung_5II'><b>Abtheilung II.</b></a><br />
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Personen'></a><h2>Personen</h2>
+
+
+<b>Questenberg,</b> gro&szlig;er Zeugfabrikant.<br />
+<b>Doctor Questenberg,</b> sein Sohn.<br />
+<b>Blashammer,</b> Banquier und Waffenfabrikant.<br />
+<b>Adelgunde,</b> seine Tochter.<br />
+<b>v. Zitterwitz,</b> Regierungsrath.<br />
+<b>Johnson,</b> Capitalist.<br />
+<b>Albert,</b> }<br />
+<b>Klaus,</b> } Arbeiter Questenberg's.<br />
+<b>Vater Ziemens,</b> }<br />
+<b>Mutter Ziemens.</b><br />
+<b>Marie,</b> deren Tochter.<br />
+Ein S&auml;nger, Herren und Damen als G&auml;ste.<br />
+Bediente, Arbeiter, Volk. &#8212; <br />
+
+<p>Zeit der Handlung im Jahre <b>1850</b>.</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Erster_Akt'></a><h2>Erster Akt.</h2>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_1I'></a><h3>Abtheilung I.</h3>
+
+<p>Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schr&auml;nke mit B&uuml;chern,
+Akten, Modellen. An den W&auml;nden h&auml;ngen Zeichnungen von Maschinen.
+Ein Bureau links, auf dem ein ge&ouml;ffnetes Kontobuch liegt.</p>
+
+<p>Abend, Licht.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Erste Scene.</h4>
+
+<p><b>Questenberg; v. Zitterwitz.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (unruhig auf und ab gehend). Man sprach
+von einem Deficit von 500,000 &#8212; ich sagte: Kinder streicht
+eine Nulle weg, es sind h&ouml;chstens 50,000, Questenberg war
+ein zu honnetter Fabrikant &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich vertraute zu sehr meiner eigenen
+Kraft! &#8212; Der Ungl&uuml;ckliche gleicht einem Kranken, der immer
+gr&ouml;&szlig;ere Hoffnungen an das Leben kn&uuml;pft, je n&auml;her er dem
+Tode r&uuml;ckt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine Million!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (seufzend). In Damastroben <i>&agrave; la chinois</i>.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wie konnten Sie nur auf die Gro&szlig;en
+und Reichen dieser Zeit speculiren!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich hoffte, da&szlig; die siegende Contrerevolution
+sie herausfordern w&uuml;rde, den Luxus zu verzehn- oder
+verzwanzigfachen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Naiv, naiv!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ja ich hoffte, es w&uuml;rde wieder so gehen,
+wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung
+der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da sch&auml;umte
+so manches Schwei&szlig;tr&ouml;pflein in den eifrigen Restaurationsk&uuml;chen
+&uuml;ber den Kessel, kam denjenigen von uns Gesch&auml;ftsleuten
+trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk
+ihrer Industrie danach zu haschen wu&szlig;ten.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer's heut zu etwas bringen will,
+mu&szlig; ein geheimer Demagoge sein, mu&szlig; auf die Eitelkeit,
+die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genu&szlig;sucht, Tr&auml;gheit, den
+Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion
+und den ausschweifenden Geist des untern B&uuml;rgerstandes
+und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste
+Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der
+Christenheit, wird Pr&auml;sident, Kaiser und Papst.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Herr Regierungsrath, geben Sie mir
+morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen &uuml;ber meine
+Demagogie erstaunen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich den Kopf haltend). Um Gottes
+Willen!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich verfertige fortan die Damastrobe
+<i>&agrave; la chinois</i> statt f&uuml;r zwanzig Thaler, f&uuml;r zwanzig Silbergroschen
+die Elle. Das schimmernde Kleid der <i>&#8222;l'&eacute;tat c'est
+nous&#8220;</i> wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer
+Kammernixen erhalten &#8212; es giebt ja f&uuml;r sie weder politische
+noch sociale Bedenken! &#8212; Sie kaufen und ich bin gerettet!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu sp&auml;t, zu sp&auml;t!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Das Genie der Mechanik greift mir
+unter die Arme. &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit einer Erfindung? Ach! lassen
+Sie mal h&ouml;ren.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nach zw&ouml;lf bis funfzehn Tagen habe
+ich Webest&uuml;hle &#8212; fr&uuml;her werden sie nicht fertig &#8212; die noch
+einmal so schnell als meine alten arbeiten.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Niemand
+wei&szlig; davon, es bleibt Geheimni&szlig;. &#8212; Mit diesen Webest&uuml;hlen
+&uuml;berfl&uuml;gele ich alle Concurrenten, mache mich in k&uuml;rzester
+Zeit zum Million&auml;r! &#8212; Morgen zeig' ich sie Ihnen und
+stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie h&auml;tten mir das vor einer Woche
+anvertrauen sollen, die B&ouml;rse w&uuml;rde verhindert worden sein,
+Ihren guten Ruf anzukr&auml;nkeln! &#8212; Das B&uuml;rgerthum mit
+seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller
+Demagogie! Welche Propaganda macht's f&uuml;r den Aufl&ouml;sungsproze&szlig;
+unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen
+Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsf&auml;hige Barikade
+entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die
+Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten
+und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die
+von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen
+bedienten, im K&ouml;rper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen
+Interessen! &#8212; O jeh, thu nur die Augen auf, gro&szlig;er
+franz&ouml;sischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche
+und Decken deines ber&uuml;hmten Versailles heute beim
+mittelm&auml;&szlig;igsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des
+schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische
+und St&uuml;hle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schr&auml;nke
+und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien,
+Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die
+den Boudoirs deiner caprici&ouml;sesten Maitressen nie gefehlt
+haben w&uuml;rden. Wohl rufst du betr&uuml;bt: erhielt meine
+Herrlichkeit sich nicht l&auml;nger oben, bedurfte es nur zweier
+Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen
+Mann zum K&ouml;nige und den K&ouml;nig zum gemeinen Manne
+zu machen! &#8212; Ich geh&ouml;re dem besonnenen Fortschritt an
+und schenke Ihrer Erfindung de&szlig;halb die geb&uuml;hrende Aufmerksamkeit.
+Bew&auml;hrt sie sich, so &#8212; seien Sie verstchert&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ein Mann ein Wort!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Gott, was thut man nicht um
+das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu,
+selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Apropos, wie
+st&uuml;nde es mit den Zinsen, im Falle&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (scherzend). Wer auf eine blo&szlig;e Erfindung,
+so zu sagen, auf eine Idee sein sch&ouml;nes Geld verleiht,
+k&ouml;nnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich geize nicht und verspreche &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sagen Sie nur gleich funfzehn&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath,
+ich verspreche Ihnen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+das wird morgen schriftlich abgemacht.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nach Ihrem Wunsch.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ist schon sp&auml;t, man erwartet mich
+zum Nachtessen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Er nimmt Stock und Hut und will gehen.
+An der Th&uuml;re bleibt er sinnend stehn.) Der fatale L&auml;rm an der
+B&ouml;rse!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. W&uuml;&szlig;te ich ein Mittel die Zweifel der Gl&auml;ubiger
+zu zerstreuen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wir brauchen unbegrenzten Credit&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine
+150,000 Thaler sind f&uuml;r Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen
+auf die Lippen eines Verschmachtenden&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Verh&auml;lt
+es sich nicht so? Wie lange f&uuml;ttert mein Capit&auml;lchen Ihre
+eisernen Riesen satt?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Etwa acht bis vierzehn Tage.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (ironisch). Ein gro&szlig;er Spielraum zur
+Abk&uuml;hlung der K&ouml;pfe unsrer Geldm&auml;nner.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Sieht man morgen, &uuml;bermorgen und
+nach&uuml;bermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen,
+so wird man sich in den Glauben ergeben, da&szlig; es nur brodneidische
+Verl&auml;umdungen oder falsche Speculationen gewisser
+Leute waren, die &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie kennen von der Art gewisse Leute?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vorz&uuml;glich einen &#8212; er steht mir sehr
+nahe und spielt den Scheinheiligen un&uuml;bertrefflich.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich halte Herrn Blashammer f&uuml;r einen
+kalten, ruhigen, &uuml;berlegenden, braven Banquier. Er war der
+Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man best&uuml;rmte
+ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge
+aus.&nbsp;.&nbsp;. Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in
+unserm Bunde der dritte zu werden.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich kann ihm meine B&uuml;cher nicht aufschlagen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich meine es anders&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Banquier
+hat eine heirathsf&auml;hige Tochter, Sie haben einen erwachsenen
+Sohn.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Der noch nichts ist.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber etwas werden kann! Bestand
+er doch das beste juristische Examen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich hege l&auml;ngst ein Project der Art,
+nur wei&szlig; ich's nicht auszuf&uuml;hren.&nbsp;.&nbsp;. Stelle ich dem Banquier
+jetzt einen Heirathsantrag, so f&uuml;hlt er Absicht und weist
+mich beleidigt zur&uuml;ck; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner
+Lage &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen kostet's keine Ueberwindung
+einen Mann zu verd&auml;chtigen der Ihr Wohlergehn w&uuml;nscht,
+gegen den Sie unf&auml;hig sind, den schw&auml;chsten Beweis zu liefern!!.
+Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit
+noch mehr zu thun. Die Heirath mu&szlig; zu Stande kommen.
+Der Banquier darf uns nicht widerstehen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich lege Gl&uuml;ck und Ungl&uuml;ck in Ihre
+Hand.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Schicken Sie durch den Telegraphen
+eine Depesche &uuml;ber Paris nach London, mit dem Befehl
+schleunigster R&uuml;ckkehr an Ihren Herrn Sohn, und&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Er kam bereits gestern an.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um so besser! Aber aus welcher Ursache?
+es erstaunt mich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Geld, Geld, Geld! Er kostete j&auml;hrlich
+fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die gro&szlig;en St&auml;dte sind das Verderben
+unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind
+zum vornehmen M&uuml;ssigg&auml;nger, Fantasten, Woll&uuml;stling oder
+hochgespannten Weisen erzieht!&nbsp;.&nbsp;. Schlafen Sie wohl.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Noch ein Wort&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Mir f&auml;llt ein
+Mittel in den Sinn &#8212; 's ist durchaus nicht zu k&uuml;hn&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Wenn ich &uuml;bermorgen oder sp&auml;testens Sonntag ein recht
+gro&szlig;artiges Fest arrangirte! etwa f&uuml;r zehn bis zw&ouml;lf Tausend
+Thaler &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (seinen Hut fallen lassend). Die Gl&auml;ubiger
+sollen kommen und besch&auml;mt sich fragen, woher der Luxus,
+die Verschwendung, das &uuml;ppige Leben? Will er uns damit
+antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Die sechzig K&ouml;che und Kellner &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die sechs Tausend chinesischen Lampen?
+Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Die Fasanen &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Schildkr&ouml;ten &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Die Vogelnestern und Austern &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die zweihundert Flaschen Champagner,
+Muskatweine, das Porter Bier &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Die eingelegten Sardellen, die Artischokken,
+den Mokka-Caffee &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da wir ihm den Credit versagten &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wir gro&szlig;m&auml;chtigen M&auml;nner der B&ouml;rse?!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer wagt das brillante Feuerwerk
+abzubrennen? &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wer engagirt das Pistolenschie&szlig;en und
+Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon,
+und alle k&ouml;stlichen Decorationen?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer leiht seine Stimme zum Singen
+schw&auml;rmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden,
+zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? &#8212; &#8212; Meiner
+Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Da&szlig; sie mir nicht
+einfiel! &#8212; Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich
+gehe f&uuml;r Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es
+m&uuml;&szlig;ten h&ouml;llische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht
+Sonntag mit Fr&auml;ulein B&ouml;rse seine Verlobung feierten! &#8212; Man
+soll dem Ungl&uuml;ck Trotz bieten bis auf den letzten Moment
+wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck
+ist moralisch, er heiligt die Mittel &#8212; Auf morgen das N&auml;here,
+will's Gott.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Empfehlen Sie mich Ihrer werthen
+Familie.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zweite Scene.</h4>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg</b> (allein). Der alte S&uuml;nder! Ich z&auml;hlte
+auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne
+an mir!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. W&auml;re doch jeder Gl&auml;ubiger so geizig, liebte
+die ganze Welt ihre irdischen G&uuml;ter wie er, und ich h&auml;tte
+keinen Grund zur Klage!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Aber brauche ich mir Gewissensscrupel
+zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, da&szlig;
+kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich
+den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen.&nbsp;.&nbsp;.
+(Er setzt sich nieder zum Schreiben.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dritte Scene.</h4>
+
+<p><b>Questenberg. Sein Sohn.</b> (Derselbe in gelbem
+Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen
+und einer blauen mit Silber brodirten griechischen M&uuml;tze.)</p>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Verzeihung, Herr Papa, da&szlig; ich in
+Ihr Heiligthum eindringe.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Was giebt's denn?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nichts als Begehr Sie zu sehn.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich komme.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mit Bestimmtheit?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es dauert h&ouml;chstens noch ein Viertelst&uuml;ndchen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Unbegreifliche Gesch&auml;ftigkeit! Keine
+Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hie&szlig;en
+Sie mich willkommen &#8212; 's ist hart! &#8212; Ich hoffte Ihre
+alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gew&auml;hren zu
+k&ouml;nnen &#8212; aber wenn das so fortgeht, mu&szlig; ich mich vollkommen
+unn&uuml;tz in Ihrem Hause f&uuml;hlen.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (schreibend). Wisse nicht was Du hier
+sollst, ich &#8212; dem Modelleur 5400 &#8212; ich hege kein Bed&uuml;rfni&szlig;
+nach einem &#8212; f&uuml;r rafinirtes Brenn&ouml;hl 80 &#8212; nach einem
+Gesellschafter von Deiner Art.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nicht fein! &#8212; Warum zwangen Sie
+mich denn London zu verlassen?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Weil ich nicht l&auml;nger zahlen kann&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+9000 Theertonnen &#8212; F&uuml;hlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. 2 Schock Ger&uuml;stbretter &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Lust? nein.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du m&ouml;chtest wohl immer ledig bleiben,
+und in der Welt umherschw&auml;rmen als Hans von Ohnesorgen?</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (mit Malice). Warum nicht! ich finde es
+w&uuml;rdiger als hier unter vergitterten Th&uuml;ren und Fenstern
+den Judas von allem Sch&ouml;nen und Sittlichen zu spielen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Bravo&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Einfuhrzoll der Baumwolle
+11,000 &#8212; der Seide 20,000 &#8212; Es hilft Dir nichts,
+Du wirst Dich wohl verm&auml;hlen m&uuml;ssen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> M&uuml;ssen?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 11,000, &#8212; 20,000, &#8212; 5000, &#8212; und
+1500 macht &#8212; macht 37,500&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das hei&szlig;t also, Sie w&uuml;nschen nicht
+mehr f&uuml;r mich zu bezahlen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest ja schon ein alter Kerl!
+Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der B&auml;renhaut
+halten!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sch&ouml;n.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nicht wahr?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; &#8212; Ich werde mich denn verm&auml;hlen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag
+zu bringen?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Fr&auml;ulein Blashammer.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ah gratulire! (f&uuml;r sich schaudernd)
+Brrr&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ein M&auml;dchen von vielseitigster Bildung.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> (wiederholt sein Brrr).</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Sie spielt Beethoven und singt Schubert,
+spricht fertig franz&ouml;sisch, lies't englisch und italienisch, interessirt
+sich f&uuml;r Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst f&uuml;r
+Naturwissenschaft &#8212; dichtet Liebeslieder und Trinkspr&uuml;che,
+verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren
+in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar
+Kritiken f&uuml;r belletristische Journale&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Er steht auf und
+tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich eine &auml;u&szlig;ern?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich bitte.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Vor einer gelehrten Frau flieh' ich
+Meilen weit.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du, ein Doctor, ein Philosoph?! &#8212; Ah,
+thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte,
+da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und
+freute mich wie ein Kind&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sapperment!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie h&auml;tten keine R&uuml;cksicht auf meinen
+Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke
+w&auml;hlen sollen, folglich ein M&auml;dchen, welches Sinn f&uuml;r das
+H&auml;usliche hat, mit den M&auml;gden in der K&uuml;che schaltet,
+Str&uuml;mpfe stopft, Hemden n&auml;ht und &uuml;ber jeden Pfennig sorgsamst
+Buch f&uuml;hrt, ein M&auml;dchen, welches besitzt was mir fehlt,
+Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Ich bin bescheiden, Herr Papa &#8212; auf jedem Dorf prangt
+in herrlichster Bluthe mein Gl&uuml;ck!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Sprichst Du aus Verr&uuml;cktheit so vern&uuml;nftig
+oder aus Vernunft so verr&uuml;ckt.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein andermal die Fortsetzung. (Er
+legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.)
+Dieses Buch brachte ich f&uuml;r Sie aus Paris mit. 's ist die
+ber&uuml;hmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der
+Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. M&ouml;ge die
+Lect&uuml;re Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie
+seit meiner Ankunft g&auml;nzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Der Regierungsrath sagte mit Recht,
+die gro&szlig;en St&auml;dte seien das Verderben unserer Jugend.
+(ab nach einer andern Seite.)</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_1II'></a><h3>Abtheilung II.</h3>
+
+<p>Eine &auml;rmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im
+Hintergrund steht ein Modell.</p>
+<br />
+
+<h4>Vierte Scene.</h4>
+
+<p><b>Albert</b> tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt
+von <b>Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Klaus.</b> Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre,
+da&szlig; er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertr&ouml;stet?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Es sind drei Jahre, da&szlig; er mir drei Stunden
+t&auml;glich von der Arbeit schenkt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Welche Gnade!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den
+strebenden Geist des gemeinen Mannes gro&szlig;m&uuml;thiger unterst&uuml;tzt?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> H&auml;tte ich Deine Finger &#8212; ah, ich s&auml;&szlig;' l&auml;ngst
+in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis,
+ungez&auml;hlt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Es klingt, als giebt's in Paris oder London
+keine Leute die f&auml;higer und geschickter sind als ich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Man
+mu&szlig; Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie
+in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik?
+Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre?
+Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie &#8212; Machten
+Sie Reisen nach den gr&ouml;&szlig;ten Fabrikst&auml;dten Europa's?&nbsp;.&nbsp;.
+Der Pariser oder Londoner Fabrikant w&uuml;rde Augen machen!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit,
+aber bin &uuml;berzeugt, da&szlig; er mich besser stellen wird, sobald
+ich ein Verdienst besitze.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Giebst Du mir f&uuml;nfzig Thaler ab, wenn ich
+Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen
+verschaffe?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Hier?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Nein hier nicht. Wir wandern aus. In
+London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem gro&szlig;en
+Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht
+er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und
+wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London,
+so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten
+besten Stra&szlig;e.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Schade, da&szlig; Du kein reicher Mann bist, ich
+w&uuml;rde gute Gesch&auml;fte mit Dir machen.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> So viel las ich aus Zeitungen und B&uuml;chern
+zusammen, da&szlig; das Talent in jenen freien L&auml;ndern schneller
+zu etwas kommt.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Da Du davon &uuml;berzeugt bist, geh' mir voran.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Mit Dir l&auml;&szlig;t sich nichts Vern&uuml;nftiges reden&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> G&ouml;nne mir die wenigen Stunden, welche ich
+f&uuml;r mich habe.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wei&szlig;t Du, weshalb der Questenberg den
+Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle
+verschweigt?&nbsp;.&nbsp;. Er will ihn vor seinen eifers&uuml;chtigen Concurrenten
+verbergen, in Abh&auml;ngigkeit und Dummheit erhalten.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du denkst schlecht von unserm Herrn.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bauen wir schleunigst ein neues gro&szlig;es Modell &#8212; ich
+helfe daran so gut ich kann &#8212; miethen in der
+Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit gro&szlig;er
+Schrift durch die Zeitungen bekannt: h&ouml;chst merkw&uuml;rdig f&uuml;r
+alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung
+von unerme&szlig;licher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's,
+der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebr&auml;uchlichen
+leistet. Zu sehen t&auml;glich und st&uuml;ndlich. Entr&eacute;e
+f&uuml;nf Silbergroschen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hole ihn doch der &#8212; Ehe wir das Modell
+ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung
+ab. Dieselbe l&auml;&szlig;t es von Sachverst&auml;ndigen pr&uuml;fen. Wird
+die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann
+darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entsch&auml;digen.
+An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
+die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht!
+Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern
+herbeistr&ouml;men und den gro&szlig;en Fortschritt des neuen Jaquard
+begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du bl&auml;hst die M&uuml;cke zu einem Elephanten auf.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Es f&ouml;rdert unsern Zweck!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich sch&auml;tze die Erfindung gering. &#8212; Und
+geh&ouml;rte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen;
+Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern
+geb&uuml;hrt das gr&ouml;&szlig;ere Verdienst&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (verzweifelt). Daf&uuml;r, da&szlig; sie sie Dir wegstehlen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Es gereicht mir zur Beruhigung, meine
+Idee benutzt zu sehen; ich f&uuml;hle mich von keinem falschen
+Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung
+gem&auml;&szlig;; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach
+Vervollkommnung l&ouml;schen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an
+Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! &#8212; Wohin
+Dich die falsche Bescheidenheit f&uuml;hrt! &#8212; Elender
+Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und
+zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe
+zu viel getrunken, ich wei&szlig; nicht was ich rede, ich bin ein
+Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergn&uuml;gen
+macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich,
+aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Der warst Du noch nie, werde es erst! &#8212; Begreife
+den allm&auml;chtigen Sinn, welcher die alte Welt
+im innersten Wesen ersch&uuml;ttert und um und um geworfen
+hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie H&auml;nde
+und F&uuml;&szlig;e und dann an das Werk gesetzm&auml;&szlig;iger Bildung;
+'s ist klar wie das Einmaleins! &#8212; Wetze Dein Schwert
+und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! &#8212; O bes&auml;&szlig;est
+Du Courage! Wir k&ouml;nnten uns wie der Blinde und der
+Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf
+ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich glaube selbst, da&szlig; in Dir ein gro&szlig;er
+Banquier verloren ging.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Sage, ein zweiter Rothschild.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Geld und nur Geld ist Deine Losung.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Zun&auml;chst nichts weiter.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Was fingest Du wohl an, w&uuml;rdest Du Herr
+einer Million?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock,
+eine blaue M&uuml;tze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll
+als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, &#8212; Du
+sahst ihn doch schon in diesem Anzug?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Nein.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich
+geblendet. &#8212; Ich begegnete ihn mit seinem neufundl&auml;ndischen
+Hunde in der Allee. Nach Geb&uuml;hr zog ich die M&uuml;tze, &#8212; inde&szlig;
+der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem
+unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht &uuml;bel&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (singt drau&szlig;en).</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Die Stimme Deiner Turteltaube&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ja,
+ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb mu&szlig; Sclaverei
+s&uuml;&szlig; schmecken und die Wahrheit verl&auml;ugnet werden. Pah,
+ich verstehe Dich l&auml;ngst, Albert &#8212; mag's mit heute aber
+genug sein!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch
+aus der Tasche und lies't.) &#8222;Der erste Satz lautet so: Der
+Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der
+Befriedigung unserer Bed&uuml;rfnisse&#8220;&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<br />
+
+<h4>F&uuml;nfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Marie.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Albert.</b> Warum kommst Du nicht n&auml;her?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Gr&uuml;&szlig;
+Dich Gott!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> F&uuml;rcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu st&ouml;ren.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bitte sehr, Jungfer &#8212; es handelt sich um
+h&ouml;chst einf&auml;ltige Fragen.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was mir wohl erlaubt ein W&ouml;rtchen mitzusprechen?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wenn's Ihnen beliebt. &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert</b> (mit leisem L&auml;cheln). Es wird uns zur Erbauung
+dienen.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Traun, dann h&ouml;rt! Ich halte f&uuml;r besser,
+da&szlig; Ihr an Eure Arbeit denkt.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns
+doch so viel nicht schaden.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was Ihr Licht nennt! &#8212; Schweigen Sie
+nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst
+f&uuml;r einen guten Rock, dann meinetwegen f&uuml;r einen Ministerposten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+O, Sie wollen hoch hinaus! Gl&uuml;ck zu!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ihre Vorw&uuml;rfe sind ungerecht.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Was bringt Dich so auf?!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> 's ist nicht heut', wo ich erkenne, da&szlig; Du an
+Klaus Geschmack findest &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> He, bin ich ein Misseth&auml;ter? Warum soll er
+nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder &#8212; Sturm
+und Hagel!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Da&szlig; ich Ihr Schuld- und Schuldenregister
+nicht aufdecke!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, da&szlig; ich
+Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten k&ouml;nnte, der
+Ihre liebreizende Jungfr&auml;ulichkeit, besonders vor dem frommen
+Albert, in keinem besonders g&uuml;nstigen Lichte darstellt.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Das w&auml;re abscheuliche Verl&auml;umdung.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wohl in gewisser Beziehung, &#8212; denn ein
+Spiegel reflectirt alles verkehrt.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was lie&szlig; ich mir denn zu Schulden kommen?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ueberfl&uuml;ssig! &#8212; Heraus damit.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (sarkastischen L&auml;chelns auf Albert anspielend). Es
+m&ouml;chte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Abscheulicher! &#8212; Du duldest das, Albert?
+Weis' ihm doch gleich die Th&uuml;r, sch&uuml;tze mich!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ich gehe schon, Jungfer.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist
+ja sein L&auml;stermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Leb' wohl Kamerad!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert</b> wendet ihm den R&uuml;cken.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, &#8212; k&ouml;nnt ich mich aus einer Kanone
+dem Herrn Questenberg in's Herz schie&szlig;en, so th&auml;t'
+ich's. F&uuml;r Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben,
+zu verwetten! &#8212; &#8212; Apropos! Ich verga&szlig; der Jungfer
+eine gar wichtige Neuigkeit zu melden &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Packen Sie sich nur, Elender.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor
+Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zur&uuml;ck.
+Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Pfui.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, hiermit Adieu.</p>
+<br />
+
+<p>Sechste Scene</p>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Marie</b> (nach einer Pause). &#8212; &#8212; Ihr bracht verlegen
+das Gespr&auml;ch ab als ich in die Stube trat, wovon war die
+Rede?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du kennst seine Absichten, er sang mir das
+alte Lied.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Und mu&szlig;te Dich tief ersch&uuml;ttern!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ha,
+Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du h&auml;ngst ihm
+an! Der Wahrheit die Ehre! &#8212; Es steht alles auf Deinem
+bleichen Gesicht. L&auml;ngst ward mir klar, da&szlig; ich Dir ein
+Hinderni&szlig; bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die
+sich nicht vereinen lassen: es sind bereits f&uuml;nf oder sechs
+Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu f&uuml;hren.
+Albert, ich bin bereit, mich Deinen Tr&auml;umen zu opfern!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Meinen Tr&auml;umen!?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Bes&auml;&szlig;e Herr Questenberg von Deinem Talente
+Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes
+aus Dir zu erziehen, so h&auml;tt' er schon f&uuml;r Dich gesorgt.
+In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gro&szlig;. Wohl
+kostete es ihm ein W&ouml;rtlein nur und die Regierung oder der
+K&ouml;nig n&auml;hme Dich in Schutz. Du w&uuml;rdest auf &ouml;ffentliche
+Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen ber&uuml;hmten
+Werkst&auml;tten der Industrie geschickt und nach &uuml;berstandener
+Pr&uuml;fung in einem Etablissement des Staates untergebracht.&nbsp;.&nbsp;.
+Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf
+Dich selbst gestellt, ohne H&uuml;lfsquellen, ohne Unterweisung,
+ohne Rath treibt Dich ein hohler D&uuml;nkel durch eine &ouml;de
+W&uuml;ste unaussprechbarer Qual &#8212; Albert, Albert, das gelobte
+Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu
+sehen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen,
+noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterst&uuml;tzt mich
+aufrichtig &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Etwa in dem Sinne, da&szlig; Du vom Hochmuthsteufel
+Dich selber kuriren sollest &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst
+den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige
+Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir
+sagt, da&szlig; ich ein h&ouml;heres Wesen bin als das beschr&auml;nkte
+Thier.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> So schw&auml;rmt Klaus.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> O, Du f&uuml;hlst die Flamme nicht, die mir im
+Busen brennt.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten
+leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt f&uuml;r die
+Vervollkommnung seines Mechanismus, f&uuml;r die Erh&ouml;hung
+Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. &#8212; Sieh,
+unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die
+Fabrik ein. Wie &uuml;berfl&uuml;gelte er Dich! Du stehst noch immer
+auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum
+helfen, w&auml;hrend er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem
+Herzen. Welche gl&uuml;cklichere Th&auml;tigkeit begehrt der Bescheidene?
+Wer nach Kleinem strebt, wird des Gro&szlig;en Herr&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Schw&ouml;re den Wahn ab! &#8212; Kannst du noch zweifeln?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> H&ouml;re auf davon.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich will Dich weder mit List noch Gewalt
+an mich fesseln! &#8212; Erfahre was meine Mutter beschlo&szlig;:
+Du sollst unser Haus r&auml;umen; die Umst&auml;nde gebieten's! &#8212; Keine
+entsetzte Miene! Zittre nicht! Schn&uuml;re das B&uuml;ndel,
+schleiche Dich heimlich weg! &#8212; Es dauert nicht lange und
+die Gewohnheit an mich schw&auml;cht sich in Dir ab. &#8212; Schon
+morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner
+Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begr&uuml;&szlig;en
+als Erl&ouml;serin, und im Dunkel der Zukunft die
+flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte
+nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth
+besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekr&auml;nkte Jugend
+nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. &#8212; Mir
+geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein
+R&auml;cher! Warum verschlo&szlig; ich meine Sinne jedem Rathe
+der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und
+zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum
+harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern
+in s&uuml;ndhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Erbarmen!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> &#8212; Du bist rein wie der Festglocke feierlicher
+Ton! &#8212; Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir
+nach! (Sie will gehen.)</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Bleib' Marie.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was w&uuml;nschest Du noch?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg giebt heute ein gro&szlig;es Fest.
+Es l&auml;&szlig;t sich voraussetzen, da&szlig; er au&szlig;ergew&ouml;hnlich guter
+Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der
+Himmel &#8212; Sollte er nicht durch die Darstellung unserer
+Lage zur Gro&szlig;muth gestimmt werden? sollte das Gef&uuml;hl
+seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Versuch's.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Bis dahin, Marie&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Ihm versagt das
+Wort. Er legt schnell einen Rock an).</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! &#8212; Fahre
+hin gekr&auml;nkter Stolz, verschm&auml;hte Liebe vergi&szlig;! Bis
+dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! K&uuml;rze die schreckliche Zeit
+der Ungewi&szlig;heit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser
+Elend, da&szlig; es Steine zu Thr&auml;nen r&uuml;hrt, stelle das Herz des
+kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine &#8212; O,
+nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth,
+Albert!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (macht einen Wink nach oben und geht).</p>
+
+<p><b>Marie</b> (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Zweiter_Akt'></a><h2>Zweiter Akt.</h2>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_2I'></a><h3>Abtheilung I.</h3>
+
+<p>Vorzimmer zum gro&szlig;en Festsaal.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Erste Scene.</h4>
+
+<p><b>Albert. Questenberg</b> mit vielen Orden auf der Brust, sitzt
+nachdenklich in einem Lehnstuhl.</p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg</b> (nach einer Pause, zerstreut)&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Geendet? &#8212; Du
+sprachst von Deiner Braut als w&auml;re sie Dir eine
+Last. &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Um Entschuldigung &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du thatst Aeu&szlig;erungen, die darauf
+schlie&szlig;en lassen. &#8212; Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es,
+welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest
+Du, da&szlig; ihr zu Liebe Dein Wille sein w&uuml;rde, falls
+ich die Bitte Dir versage? Nur nicht sch&uuml;chtern &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich s&auml;he mich gen&ouml;thigt meine Uebungen einzustellen.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus
+dem Cabinet das gro&szlig;e Buch mit Zeichnungen von Leblanc.
+(Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufrei&szlig;en
+der Maschinen. 's ist das popul&auml;rste und beste unseres
+Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem
+Maa&szlig;stabe nachmachen und &uuml;ber jedes Detail der Construction
+mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das
+Buch und h&auml;ndigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert
+ein, der's sch&uuml;chtern aufschl&auml;gt.)</p>
+
+<p><b>Albert</b> (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf
+alle diese Figuren. Eine neue Welt erschlie&szlig;t sich mir!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 's ist ein reicher Schatz.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> O Gott, k&ouml;nnte ich alles auf einmal verschlingen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nur mit Geduld erwirbt man sich das
+lautere Gold dieses schweren Lehrers&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich hoffe, Du
+wirst dar&uuml;ber die th&ouml;richten Heirathsgedanken in den Hintergrund
+schieben.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel,
+drei Monate nur, das Buch durch&uuml;be &#8212; l&auml;nger darf mir
+sein Inhalt nicht fremd bleiben &#8212; werde ich's dann wagen
+k&ouml;nnen zu bitten &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (l&auml;chelnd). Nach einem Jahre wollen wir
+untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> So fahre hin gro&szlig;er Meister, Dir zu folgen
+bin ich zu schwach! &#8212; (Er macht eine Bewegung als wollte er's
+wegwerfen.)</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, vor ihn tretend).
+Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine
+Schuldigkeit ist.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ach, mein Gebieter, es zerrei&szlig;t mir das Herz!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein
+unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verf&uuml;hrerische Dirne
+giebt. Ein bischen Scherzen und K&uuml;ssen, denkt er, kann
+nicht viel auf sich haben, n&uuml;tze die billige Gelegenheit. Das
+geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und
+er lacht sich schon schadenfroh in's F&auml;ustchen. Aber sieh,
+wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an
+ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde
+zu gehen, die Welt kennen zu lernen, n&uuml;tzliche Erfahrungen
+zu sammeln. &#8212; Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen
+das Gesicht: &#8222;ich hielte schon Wort, k&ouml;nnte man den Schatz
+nur in's Tornister packen.&#8220; &#8212; Ade Begeisterung zur t&uuml;chtigen
+Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade
+Talent, ade Vernunft und Moral! Alle sch&ouml;nen Entw&uuml;rfe
+des hoffnungsvollen J&uuml;nglings m&uuml;ssen vor dem Gestirn seiner
+Liebe untergehn! &#8212; Wie alt bist Du?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sieben und zwanzig Jahr.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ein erstaunliches Alter! &#8222;Mein Gott,
+man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne
+Pflege, ohne St&uuml;tze und was das entmuthigendste, man qu&auml;lt
+sich und wei&szlig; nicht wof&uuml;r! Kannst Du's noch zu etwas
+bringen, da 's Dir bisher so wenig gl&uuml;ckte! Entsage den
+t&auml;uschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!&#8220;
+Diese Gef&uuml;hle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes
+Herz gefangen. &#8212; O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf
+der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche
+Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der ersch&ouml;pfenden
+Arbeit sp&auml;t Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen
+H&uuml;tte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt
+in ein blasses Weib, nachl&auml;ssig mit Lumpen beh&auml;ngt,
+in der unerbaulichen Haushaltung an K&ouml;rper und Geist verk&uuml;mmert,
+kommt Dir m&uuml;rrisch oder vorwurfsvoll entgegen.
+Sie h&auml;lt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes
+und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: &#8222;Mehr,
+mehr, Du giebst nicht genug; wir m&uuml;ssen verhungern. Abscheulicher,
+ich wei&szlig; wo das Geld bleibt&#8220;&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie schilt Dich
+einen S&auml;ufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. &#8212; Dieser
+Zustand mag im Sommer noch golden sein, &#8212; aber
+im Winter! Woher die warme Kleidung, das n&ouml;thige Holz
+und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Flei&szlig;
+ringt dem kurzen Tage kaum die H&auml;lfte der Bed&uuml;rfnisse ab.
+Die Zukunft mu&szlig; verpf&auml;ndet werden. Schulden &uuml;ber Schulden
+h&auml;ufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Th&auml;tigkeit stockt,
+die L&ouml;hne werden herabgesetzt. &#8212; Wie abbezahlen oder
+womit sich helfen? Die Gl&auml;ubiger werden ungeduldig, sie
+stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. &#8212; Ein
+Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's
+mu&szlig; fort. &#8222;Seht wo ihr die Kinder bettet.&#8220; &#8222;Was verschuldeten
+doch die Aermsten, sie k&ouml;nnen auf faulem Stroh
+in der K&auml;lte nicht schlafen!&#8220; Keine Gnade! &#8212; Die schlechte
+Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten.
+Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus
+bettelnd, die leidenden unschuldigen Gesch&ouml;pfe hilflos unter
+verriegelter Pforte! &#8212; Dies ist das Paradies, welches Dich
+anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh'
+nach Hause.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Darf ich dem verzweifelnden M&auml;dchen denn
+keine tr&ouml;stende Hoffnung &uuml;berbringen!?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht
+genug! &#8212; Ich soll helfen, da&szlig; Dein sch&ouml;nes Talent sich im
+Keime zerst&ouml;re? Da m&uuml;&szlig;t' ich kein Mann von Gewissen sein!
+(Ihm am Ohre zupfend) La&szlig; Er die Dirne fahren, versteht Er,
+Herr Pinsel?</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zweite Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. v. Zitterwitz.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir st&ouml;ren doch nicht?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. &#8212; Haben
+Sie nur die G&uuml;te n&auml;her zu treten.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ging etwas laut her?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath
+setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mu&szlig;te eine moralische Lection ausgetheilt
+werden?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Leider! (heimlich) Was halten Sie von
+dem Menschen?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hum, ich bin durchaus kein Kenner
+des gemeinen Mannes, aber ich w&uuml;rde mich an Ihrer Stelle
+mit dem Subjekte keine f&uuml;nf Minuten befassen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Er
+betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll
+vor&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Fast m&ouml;chte ich wetten, da&szlig; es zu den
+Proudhonisten geh&ouml;rt, n&auml;mlich zu der Secte der allein ehrlichen
+Leute, die Eigenthum f&uuml;r Diebstahl halten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Er geh&ouml;rt zu den Socialisten.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die tr&auml;umerischen Augen und der schlaue
+Zug um den Mund verrathen's. Ha, k&ouml;nnte ich wie ich
+wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe
+uns, erscheint der Tag wo diese Bestialit&auml;t sich entfesselt!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es kommt hoffentlich niemals dahin.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Man kann nicht wissen. &#8212; Die Staatsm&auml;nner
+entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein
+feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Was wird denn vers&auml;umt?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will die Meinung f&uuml;r mich behalten. &#8212; St&uuml;nd's
+in meiner Macht, so m&uuml;&szlig;te der famose
+Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderla&szlig; oder
+etliche Schr&ouml;pfk&ouml;pfe w&uuml;rden ihm schon die Demagogenhitze
+vertreiben.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 's ist der Meister, auf den Sie Ihre
+letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besa&szlig;en.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (ungl&auml;ubig vom Stuhle aufspringend). &#8212; &#8212; Natur
+deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten
+verschwendest du deine h&ouml;chsten G&uuml;ter! &#8212; Was bemerkt doch
+G&ouml;the dar&uuml;ber &#8212; ich glaub' 's ist der alte Papa &#8212; oder
+ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar
+Groschen bei mir &#8212; es dr&auml;ngt mich meine schiefe Meinung&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Bem&uuml;hen Sie sich nicht, ich bitte.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Darf ich ihm dies Th&auml;lerchen, gleichsam
+zur Ermunterung, schweigend in die Hand dr&uuml;cken? Ah
+so, so, so &#8212; Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist
+unpassend&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Er hat's nicht verdient.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entschuldigen Sie meine Verwirrung&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (zu Albert). Du &uuml;berh&ouml;rtest wohl vorhin
+meinen Befehl? (Albert z&ouml;gert als wollte er noch etwas sagen
+und geht dann ab.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Jaquard war auch nichts mehr als ein
+Arbeiter! Jesus Christus, der Verk&uuml;nder unserer erhabenen
+Religion, wurde in einer Krippe geboren. &#8212; Fangen wir
+mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne
+von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlth&auml;ter
+entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie
+brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der
+Entwickelung, da&szlig; jeder &auml;cht wissenschaftliche Anh&auml;nger der
+Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem
+Hammer an die Stirn schlagen f&uuml;hlt! Meiner Seel', ich
+r&uuml;ckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus,
+w&uuml;rde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen
+neuen Heiligen zuzuschanzen!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Aber das sociale Problem!
+Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein h&uuml;bsches Taschengeld,
+eine bequeme Wohnung, t&auml;glich einen guten Braten, so
+schl&auml;gt sein Genie auf die schlechte Seite um. &#8212; Statt mit
+seinem Talente n&uuml;tzen zu lernen, lernt er schaden; er wird
+faul, eitel, woll&uuml;stig, &uuml;berspannt und politisch! Bald stolzirt
+er als H&auml;uptling der Demokratie umher und dankt unsre
+Wohlthaten mit Nackenschl&auml;gen! &#8212; &#8212; Doch was ich Ihnen
+noch schnell mittheilen wollte &#8212; Ich sprach eben auf der
+B&ouml;rse mit Blashammer&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wird er kommen?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zur angesagten Stunde. Er schenkt
+Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nun?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er hat expre&szlig; den alten langen Rock
+mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er lie&szlig; sich die Haare
+verschneiden und sogar brennen!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's
+einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und was ihm die Krone aufsetzt, er
+wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Unm&ouml;glich!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wenn die Stummen anfangen, m&uuml;ssen
+die Schreih&auml;lse sich verkriechen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Begannen Sie die Propaganda schon
+in Bezug&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Einige Brocken streute ich aus. &#8212; Sein
+Gesicht verzog sich s&uuml;&szlig;-s&auml;uerlich und schien beistimmend l&auml;cheln
+zu wollen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner
+ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede. &#8212; Meinen
+Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu
+Stande kommen! &#8212; Ein verschwiegener Kupferstecher mu&szlig;te
+mir schon die sch&ouml;nsten Karten drucken &#8212; Sehen Sie da!
+(Er zeigt ihm ein P&auml;ckchen Karten.)</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor
+Questenberg, Verlobte.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gef&auml;llt die feine Schrift?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche
+ich jemals sah. (<b>Zwei Diener</b> ziehen die Vorh&auml;nge der breiten
+Mittelth&uuml;r fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer
+langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Welche reiche Zahl!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden
+nur, so innig eins, geziemt's die lieben G&auml;ste zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dritte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die G&auml;ste. v. Zitterwitz. Blashammer. Questenberg.
+Der Doctor.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg</b> (einigen der Reihe nach die Hand dr&uuml;ckend).
+Willkommen von Herzensgrund. &#8212; Hab' ich einen Wunsch
+noch zu dem Gl&uuml;ck, da&szlig; Sie mir bereiten', so ist es der,
+gef&auml;lligst f&uuml;rlieb zu nehmen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Willkommen sch&ouml;nes Fr&auml;ulein Adelgunde. &#8212; Was
+macht die traute Freundin Pipi?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich bedaure Frau Polizeir&auml;thin, da&szlig;
+der Herr Gemahl bettl&auml;gerig wurde &#8212; ach! der arme Mann
+nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie
+meine Reverenz, lieber Oberb&uuml;rgermeister. (Der Oberb&uuml;rgermeister
+verbeugt sich tief).</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Und nun vergessen wir doch die warme
+Suppe nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Willkommen, willkommen mein braver von
+Gnadenbrod. &#8212; Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen
+Kriege?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Was macht der Fu&szlig; des braunen
+Wallach's mein Graf von Halleluja? &#8212; Freut mich, freut
+mich!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Vierte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Ein S&auml;nger</b> in feiner Toilette.</p>
+<br />
+
+<p><b>Der S&auml;nger.</b> Was ist des Deutschen beste Kunst?
+(<b>Junge Leute</b> an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar,
+was versteht man darunter?</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu
+Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die E&szlig;kunst. &#8212; Stimmen
+Sie mir gef&auml;lligst bei, ich bitte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das sind ausl&auml;ndische Krebse? Ah ich
+a&szlig; sie einst in Paris <i>en cabinet particulier</i> mit einer allerliebsten
+<i>Etudiante du quartier latin</i>&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Schein und Duft
+w&auml;ssern den Gaumen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Nachdem er sich bedient und den
+Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da
+unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Freilich.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und es enth&auml;lt nichts Anst&ouml;&szlig;iges, was
+M&auml;nner von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen
+kann?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich b&uuml;rge Ihnen. &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wir haben des Traurigen schon in
+H&uuml;lle und F&uuml;lle. Ich w&uuml;rde f&uuml;r ein Lied stimmen, das die
+Lachmuskeln geh&ouml;rig in Bewegung setzt, als zum Beispiel:
+(singend) Vetter Michel wohnt in der L&auml;mmer, L&auml;mmerstra&szlig;'&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut'
+nach meiner Art, trallallalalla&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ist des &#8222;Deutschen beste
+Kunst&#8220; von diesem Genre, lieber Doctor?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Hum, sie dient beiden Extremen unserer
+Stimmung. &#8212; Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> So werden wir vielleicht das Gl&uuml;ck
+haben, neutral zu bleiben, denn ich wei&szlig; nicht in welcher
+Stimmung ich bin!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meiner Seel', ich auch nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied
+flie&szlig;t aus meiner Feder, hi, hi, hi&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (lachend). Eia, popeia!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Was s&auml;uselte er Ihnen in's Ohr?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir m&uuml;ssen Partei ergreifen, Herr
+Blashammer&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie werden lachen, indessen ich Thr&auml;nen
+vergie&szlig;e&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi,
+hi, hi&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Der <b>Doctor</b> giebt einen Wink zum Anfang).</p>
+
+<b>Der S&auml;nger</b> (mit Orchesterbegleitung).<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br />
+In jedem Herzen wiedert&ouml;nt,<br />
+Zur Einheit Jung und Alt vers&ouml;hnt?<br />
+O halte ein!<br />
+Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br />
+Den Schwachen sch&uuml;tzt, den Starken wehrt,<br />
+Des Heilands Worte fr&ouml;mmig ehrt?<br />
+O halte ein!<br />
+Sie k&ouml;nnt' es wohl und darf's nicht sein.<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br />
+In Land und Stadt der Leute Flei&szlig;<br />
+Zum Ziel des Heils zu lenken wei&szlig;?<br />
+O halte ein!<br />
+Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br />
+Das Recht verkl&auml;rt, den Geist erhebt,<br />
+Die Menschheit zu verg&ouml;ttern strebt?<br />
+O halte ein!<br />
+Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br />
+Die Sitte lenkt, das Leben f&uuml;hrt<br />
+Und jede Handlung edel ziert?<br />
+O halte ein!<br />
+Sie kann es schon gewi&szlig; nicht sein.<br />
+<br />
+Was ist des Deutschen beste Kunst?<br />
+So nennt sie endlich mit Vergunst!<br />
+Es ist doch nicht die Niedertracht,<br />
+Wo feig der Schalk sich selbst belacht!<br />
+O halte ein!<br />
+Sie kann es nie von Herzen sein.<br />
+<br />
+Sie kann es nie von Herzen sein,<br />
+O Gott vom Himmel sieh' darein<br />
+Und st&auml;rk' uns bald mit heil'ger Kraft:<br />
+Es falle ihre Meisterschaft!<br />
+O stimmet ein,<br />
+So soll es und so wird es sein.<br />
+
+<br />
+
+<h4>F&uuml;nfte Scene.</h4>
+
+<p>Alles wie vorher, ohne den S&auml;nger. Nach kleiner Pause allgemeinen
+Schweigens, wo man nur das monotone Ger&auml;usch der
+Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln h&ouml;rt, beginnt
+<b>v. Zitterwitz</b> zum <b>Doctor</b>:</p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das sch&ouml;ne Lied scheint gewirkt zu
+haben! In welchem Verh&auml;ltni&szlig; steht indessen sein tiefer ernster
+Inhalt zu der werthen Pers&ouml;nlichkeit des jovialen, flotten,
+koketten Ritters der modernen Galanterie?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> In keinem.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie nehmen mir die harmlose Frage
+nicht &uuml;bel. Ihr &#8222;leben und leben lassen&#8220;, Ihre geniale L&uuml;derlichkeit
+und &auml;sthetische Bummelei, mit Permission gesagt &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> (lachend mit einer Verbeugung) H&ouml;chst
+schmeichelhaft&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> &#8212; ist leutekundig. Nie h&auml;tte ich in Ihnen
+einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Betrachten Sie alle gro&szlig;en Worthelden
+unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet
+dasselbe Problem. (<b>Blashammer</b> erhebt sich mit einem
+Becher.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Soll's schon losgehen?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Meine Herrschaften, wer uns so
+splendid bewirthet, hat gewi&szlig; kein falsches Spiel im Sinne,
+nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben
+Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Ger&uuml;chte waren,
+welche neidische Verl&auml;umder seit einigen Tagen gegen
+ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der
+L&uuml;genbrut! Heben wir uns im Vollgenu&szlig; des sch&ouml;nen Festes
+&uuml;ber alle Ger&uuml;chte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen
+dem edlen Verd&auml;chtigten durch die innigste Theilnahme
+an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte
+Hochachtung.&nbsp;.&nbsp;. Es lebe des Hausherrn Credit!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> setzte sich erbla&szlig;t nieder. Trompeten- und
+Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Ger&auml;usch. Es
+bilden sich Gruppen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie entschuldigen meine Unge&uuml;btheit
+im Toastausbringen; das Schicksal beg&uuml;nstigte meine Zunge
+zu wenig, um&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Das Ger&auml;usch bringt ihn zum Schweigen.
+Im Vordergrunde trifft er mit <b>Zitterwitz</b> zusammen.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sehen Sie, welch' ein Urtheil man
+Ihnen f&auml;llt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten
+die Hand zu dr&uuml;cken.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Zum Schein.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (vertraulich). Sie geben den Ungl&uuml;cklichen
+wirklich verloren?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (erbleicht und klammert sich an ihn).</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Da&szlig; Sie ihm noch gestern in die
+Falle liefen!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit bebender, schwacher Stimme). Ich
+pr&uuml;fte wohl, was ich that.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (ironisch l&auml;chelnd). Zweifelsohne auf
+Grund der gro&szlig;en Erfindung.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen ist bekannt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Alles.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Durch Spione und Bestechungen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Tod und H&ouml;lle!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewi&szlig;
+die gl&auml;nzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl
+auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche
+an?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da sah ich mit meinen beiden Augen &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Blendwerk, Taschenspiel!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie m&uuml;ssen falsch unterrichtet sein.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich besitze die Zeichnungen der Maschine &#8212; der
+Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> So!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein sehr gew&ouml;hnliches Subject,
+ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des
+Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project
+als g&auml;nzlich unpraktisch &#8212; Einige Versuche im kleinen Maa&szlig;stabe,
+wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, m&ouml;gen passabel
+ausfallen, indessen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ach, was dieser Questenberg mir
+das Leben verbittert!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er ein Betr&uuml;ger!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Der Mann wei&szlig; keinen andern Ausweg
+mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern
+als verachten, allein &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir k&ouml;nnen morgen in der n&auml;mlichen
+Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der
+kalten Welt erkaufen wollen!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Allerdings.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie werden meinen Questenberg nicht
+verlassen, nein? &#8212; Ah, Sie machten mich nur zum Narren&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu
+etwas brauchen. (laut) W&uuml;rden Sie mir verzeihen, wenn
+ich's gethan h&auml;tte?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Warum nicht? &#8212; Schalk, Schalk,
+heraus mit der Sprache&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (<b>Blashammer</b> lacht) Sie wollten
+meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Und warnen, im Fall sie un&auml;cht ist.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Im n&auml;mlichen Sinne brachten Sie den
+fatalen Toast aus?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> (vertraulich) Ich w&uuml;nschte nicht, da&szlig;
+man mir einst nachsagte, ich half die Leute t&auml;uschen, weil ich
+dem jungen Doctor meine Tochter verm&auml;hlt.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aha!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Verstehen Sie?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit
+oder der gr&ouml;&szlig;te Schlaukopf, welcher lebt.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich bin ein ganz schlichter B&uuml;rgersmann.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> will noch etwas sagen, doch unterbricht er
+sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Geh&ouml;r zu schenken
+und zu folgen scheint.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Sechste Scene.</h4>
+
+<p><b>Blashammer. v. Zitterwitz. Questenberg.</b></p>
+
+<p>(Zwei Diener ziehen die Vorh&auml;nge zum Saal zu.)</p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Questenberg bei Seite). &#8212; Gleichviel
+welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht,
+kommt in Schach!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 's ist die letzte Partie!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hier, mein Herr Blashammer, unser
+Freund. Er f&uuml;hlt sich &uuml;bergl&uuml;cklich Ihren Entschlu&szlig; zu vernehmen. &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> &#8212; Du verstehst meinen Character,
+Dir ist bekannt, da&szlig; ich alles r&uuml;cksichtslos tadle, was&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Betrachten wir die Sache als beigelegt.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren;
+verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch
+schone meine Ehre!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um von der Heirath zu sprechen &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Mit Gott, mit Gott! ich willige ein.
+Der Doctor ist ein sch&ouml;ner junger Mann, gesellig, gelehrt,
+erfahren und wie ich aus dem Liede h&ouml;re, auch wohl ein
+politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen
+versteht, m&uuml;ssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm
+gro&szlig;e Mittel die Rolle eines wohlbeg&uuml;terten, interesselosen,
+unparteiischen Liebhabers der Freiheit <i>comme il faut</i> zu
+spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der
+Hauptstadt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Was fehlt ihm dann f&uuml;r's Portefeuille eines
+Ministers?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie hoffen mit Grund das Ansehn
+und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen
+Mann zu vollenden.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich mir am &uuml;ppigen Diner
+zu g&uuml;tlich &#8212; gehen wir ein bischen in's Freie.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu dienen. (Seitw&auml;rts zu Questenberg.)
+Ich schicke Ihnen den Doctor &#8212; nur Muth! (v. Zitterwitz
+mit Blashammer Arm in Arm ab).</p>
+
+<br />
+
+<h4>Siebente Scene.</h4>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Ich wette, da&szlig; Blashammer
+hinter die neue Erfindung kam &#8212; anders w&auml;re sein Betragen
+r&auml;thselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu
+seinem Commis zu machen, &#8212; wozu w&uuml;rde er sonst die
+B&ouml;rse in Schrecken setzen, die Gl&auml;ubiger von mir abwenden
+und dem Heirathsproject Beifall schenken?</p>
+
+<br />
+
+<h4>Achte Scene.</h4>
+
+<p><b>Questenberg. Der Doctor.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Was giebt's Papa?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Setze Dich zu mir.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke,
+die Heirath wurde gl&uuml;cklich zu Wasser.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> H&ouml;re mich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (bei Seite) Wozu ich
+ihn bestimme ist meine Schmach.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wird's lange dauern, der Ball beginnt
+gleich.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Welche Dame wirst Du engagiren?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Fr&auml;ulein Blashammer. (bei Seite) Eine
+sch&ouml;ne Gelegenheit ihn zu necken.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wirklich!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Parole d'honneur!</i></p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Endlich r&auml;umst Du Deinem Vater das
+Feld!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Fiat mundus, pereat justitia!</i> Ergebe
+man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am
+Ende beh&auml;lt er doch Recht!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wie sehr w&uuml;nschte ich nach
+innerster Neigung zu handeln, um idealisch gl&uuml;cklich zu werden,
+indessen &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wo giebt's etwas Vollkommenes auf
+Erden!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; Ehe man aus diesen reichen Hallen
+des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes
+hinabsteigt, ist's besser f&uuml;r ein Fr&auml;ulein Blashammer zu
+schw&auml;rmen, ist's besser einem gro&szlig;en tiefen Beutel voll Geld
+als einer gro&szlig;en tiefen Liebe sich zu opfern.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (lachend). Das L&auml;cherlichste der menschlichen
+Kom&ouml;die w&auml;r's in der That, m&uuml;&szlig;te ein Lebemann
+Deines Schlages pl&ouml;tzlich den gr&auml;mlichen Staatsh&auml;morrhoidarius
+spielen und f&uuml;r das sauerste St&uuml;cklein Brod sich bis
+&uuml;ber die Ohren im Actenstaube begraben!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich st&uuml;rbe aus Gram!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ach was geht dar&uuml;ber ein eigener
+Meister zu sein, den G&ouml;ttern der Fantasie und Laune stets
+huldigen zu k&ouml;nnen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Beati possedentes</i> sagt der practische
+R&ouml;mer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben
+will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und
+Wissenschaft sind ihm unterw&uuml;rfig! Strebe nach Besitz und
+Du strebst nach dem h&ouml;chsten Gut!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten
+Zeit.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Machten Sie mit dem Banquier bereits
+ab, wann die Hochzeit stattfindet?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Noch nicht.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Aber in Betreff der Mitgift wurden
+Sie schon einig?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Auch noch nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (sich erstaunt stellend). Unm&ouml;glich!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit
+&uuml;ber den wichtigen Punkt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Eine fatale Geschichte das!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wir m&uuml;ssen es schon in guter Hoffnung
+wagen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark!
+(laut) Herr Papa!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wie ich Dir sage.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So lange das Ziel im Tr&uuml;ben &#8212; kann
+sich der Doctor nicht verlieben.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ironischer Narr!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> 's ist wahr! Erst schwarz auf wei&szlig;
+den s&uuml;&szlig;en Preis!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Gott der Mensch wird wieder
+toll! (Musik.)</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Verlangen Sie von mir ein St&uuml;cklein
+nach Geb&uuml;hr. (Er will fort.) Was schwahnt? (<b>Questenberg</b>
+h&auml;lt ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, ich bitte nur f&uuml;r Dich!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Pah! denke Jedermann an sich.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das sind mir unprophetische Karten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vertrau', vertrau', o la&szlig; Dich beschw&ouml;ren!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich kenne den Banquier; Gold nennt
+er nicht Chim&auml;ren.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende
+Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben
+ohne Schuld! (Er will geh'n.)</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Papa&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich sprach genug.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Unter einer Bedingung versuchte ich
+das Heil.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> N&auml;mlich?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Sie die feste Versicherung g&auml;ben,
+da&szlig; Fr&auml;ulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Auf die kommt's mir nicht an.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kr&auml;ftigen
+Handschlag.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast
+Du's! (ab.)</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ah!&nbsp;.&nbsp;. verdiente ich das?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Geduld,
+ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten!
+(ab.)</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_2II'></a><h3>Abtheilung II.</h3>
+
+<p>Die H&uuml;tte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen
+Brettern genagelte Schr&auml;nke. Ein Tisch, etliche B&auml;nke u. dgl.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Neunte Scene.</h4>
+
+<p><b>Frau Ziemens. Marie</b> (den Tisch zum Nachtessen servirend).</p>
+<br />
+
+<p><b>Marie.</b> &#8212; In acht Tagen, liebe Mutter.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich sehe seit drei Jahren klar was
+er ist &#8212; ein Schlenderer, ein Tr&auml;umer, der uns und Herrn
+Questenberg nur das Vertrauen stiehlt.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden
+sein.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu
+soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Geduld!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich will's f&uuml;r alle goldnen Herzworte,
+f&uuml;r alle Seligkeit des Himmels nicht: er mu&szlig; aus
+dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich
+satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns
+wie vor einer b&ouml;sen Krankheit zur&uuml;ck.&nbsp;.&nbsp;. Du erlerntest alles
+was zur n&uuml;tzlichen Hausfrau geh&ouml;rt und besitzest ein Gesicht,
+das sich in der ganzen Vorstadt nicht sch&auml;men darf; w&auml;re
+der Bube nicht da, so h&auml;tten wir unsere Freude &#8212; Ach, ich
+kenne wohl manchen guten Gesellen, der fr&uuml;her ein Auge
+auf Dich warf.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wiederhole mir nicht t&auml;glich denselben Sermon!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach noch diesmal das Gedeck, doch
+wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's
+ihm sagen?</p>
+
+<p><b>Marie</b> (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> He? &ouml;ffne den Mund.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich werd' es ihm sagen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Vater! (ab.)</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Gartenstiege f&auml;llt ihm mit jedem
+Tage schwerer &#8212; Er macht's nicht mehr lange und dann,
+welche Zukunft! (ab.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Vater Ziemens. Marie.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (auf einer Bank am Tische Platz nehmend).
+Ich danke mein Kind&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Es war wieder ein Tagewerk!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und
+doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier!&nbsp;.&nbsp;.
+Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die F&auml;den rollen,
+nichts anderes sieht und h&ouml;rt man, es geht endlos! Erst
+die Abendglocke, ha, t&ouml;net sie &#8212; 's ist als wenn ich zum
+j&uuml;ngsten Gericht soll; ein Hauch aus h&ouml;hern Sph&auml;ren weht
+mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben
+und halb tr&auml;umend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische
+Luft!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen
+aber zufriedener heim, sie kommen aus bl&uuml;henden Fluren; ich,
+der Christgeborene &#8212; aus modrigem Grabgew&ouml;lbe, tiefsten
+Kummers voll! &#8212; Ein schn&ouml;der Rang &uuml;ber dem bl&ouml;den Thier!&nbsp;.&nbsp;.
+(<b>Frau Ziemens</b> tr&auml;gt Essen auf.)&nbsp;.&nbsp;. Wo hast Du doch das
+sch&ouml;ne Buch, welches der Klaus f&uuml;r den Albert herbrachte;
+ich m&ouml;chte die Fortsetzung h&ouml;ren.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Eilfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Nach Tische ist dazu Zeit.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Mamachen!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Du bemerktest wohl nicht, da&szlig; ich
+hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf &#8212; (Sie
+fa&szlig;t ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Wie geht's, schonten die Kr&auml;mpfe
+Dich? Du hattest heute fr&uuml;h ziemlich gute Mienen.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich kam leidlich fort&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Mich folterten wieder die Stiche
+grausam &#8212; Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht
+mehr!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie</b> kommt mit der Lampe.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Das Kind hat rothe Augen?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Sie wird Dir etwas Erfreuliches
+erz&auml;hlen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Ah, doch wohl nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Ein
+Schmerz hindert ihn fortzufahren.)</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Albert schn&uuml;rt morgen seinen
+B&uuml;ndel und r&auml;umt das Haus.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Endlich dazu entschlossen?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach' mit den Thr&auml;nen ein Ende &#8212; sch&auml;me
+Dich! &#8212; Gieb dem Alten einen Ku&szlig; und das Versprechen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Komm', 's ist zu Deinem Wohl!</p>
+
+<p><b>Marie</b> giebt ihm einen Ku&szlig;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> La&szlig; Dein junges Blut von uns
+&uuml;berwachen! Du wurdest nicht geboren f&uuml;r das Gl&uuml;ck; nach
+der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen, &#8212; Dein
+Stand hei&szlig;t Entsagung! (Einige Sch&uuml;sse in der Ferne.) Was
+gibt's denn da?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Es sind die B&ouml;ller von dem herrschaftlichen
+Schlo&szlig; &#8212; Wohl verk&uuml;ndigen sie den Beginn des
+Feuerwerks.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Unser Herr giebt heute ein Fest?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Zu Deinen Ohren drang noch nichts
+davon?</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Keine Sylbe, M&uuml;tterchen.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich erfuhr's auch nur zuf&auml;llig durch
+des Kuchenb&auml;ckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle
+Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein
+Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt!
+Da sind die K&uuml;chenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris
+geholt. Die Kellner m&uuml;ssen in schwarzem Frack und
+wei&szlig;er Atlasweste aufwarten. S&auml;mmtliche Tafelgeschirre bestehen
+theils aus Mei&szlig;ner und Sevre'schen Kunstporzellan,
+theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten
+Weine, V&ouml;gel, Fische, Schildkr&ouml;ten, Krebse, Gem&uuml;se und
+Fr&uuml;chte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenh&auml;ndler.
+Endlich, alle vorz&uuml;glichsten Trompeter, Geiger und
+Schauspiels&auml;nger, von hier und den Nachbarst&auml;dten wurden
+zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he?</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> So ist's recht; wer viel hat, soll
+viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und
+da zu Gute.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zw&ouml;lfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Albert.</b> (Er kommt gesenkten Hauptes mit
+dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)</p>
+<br />
+
+<p><b>Marie.</b> Weh!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Meide seinen Anblick, meine Tochter,
+fasse Dich!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Du hast ihm nicht geholfen, Allm&auml;chtiger,
+nun hilf mir f&uuml;r ihn! (ab.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' ihr nach, M&uuml;tterchen!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Es wird sie t&ouml;dten! (ab.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dreizehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Vater Ziemens. Albert.</b> (Er setzt sich an den Tisch, faltet
+die H&auml;nde und sieht dumpf vor sich hin.)</p>
+<br />
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Von wo kommst Du, Albert?&nbsp;.&nbsp;.
+Sprich nur, wir sind allein.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte
+Verbesserung meiner Lage&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Armer Albert! aber 's ist meine
+Schuld, da&szlig; es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Inwiefern?</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Verzeih' mir, ich bin ein alter
+schwacher Mann &#8212; verzeih'! oh, oh!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Nun, was wollen Sie denn damit? &#8212; Soll
+ich etwa gleich das B&uuml;ndel schn&uuml;ren?</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Sei nicht aufbrausend, mein lieber
+Sohn&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile
+zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos!&nbsp;.&nbsp;. Was?
+Drei Jahre schon vert&auml;ndelt, noch immer kein Meister? 's ist
+ein Tr&auml;umer, Faullenzer, Lump!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ha!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das
+Talent des Armen mu&szlig; noch brache liegen, wie der Acker
+einer w&uuml;sten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt
+s&uuml;&szlig;er Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen
+Brust wird er geboren erst, der gro&szlig;e Held, der es erl&ouml;sen
+soll! &#8212; Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da
+stand vor der Th&uuml;re drau&szlig;en ein alter Lindenbaum, der Urgro&szlig;ahn
+meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein b&ouml;ses Wetter
+zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fu&szlig;. Ich,
+ein J&uuml;ngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme
+heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, da&szlig; sich erf&uuml;llte,
+was man unter dir getr&auml;umt; dein stolzes Dach beschattete
+des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein
+Bildni&szlig; fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen
+sich erinnern m&ouml;gen und mit gutem Vorsatz st&auml;rken. Gesprochen,
+gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von
+meinem h&ouml;heren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal,
+wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort
+in unserer Kirche h&auml;ngte, &uuml;ber der Altarnische am schwarzen
+Kreuz, das Haupt mit Dornen gekr&ouml;nt und sterbend gesenkt!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (Nach einer Pause). &#8212; Der Verzagte erlebt des
+Erl&ouml;sers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (ger&uuml;hrt, mit leiser Stimme). So lassen
+wir Gott walten, edler J&uuml;ngling! Du bleibst bei Deinem
+alten Freunde bis zur k&uuml;nftigen Scheidestunde &#8212; h&ouml;rst Du?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich darf nicht; Marie k&uuml;ndigte mir; 's ist
+Euer wohlgepr&uuml;fter Wille, da&szlig; ich geh'.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein Herz widerruft was Schw&auml;che
+ihm eingab!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Die Vernunft war's, seine St&auml;rke!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Kr&auml;nkten wir Deinen Stolz? O
+vergieb!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Schwacher Alter, Sie erschweren mir den
+Abschied!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Bleib! Sei Erbe dieser d&uuml;rftigen
+H&uuml;tte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts!
+'s ist ein vergrabener Schatz.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Das Nothwend'ge mu&szlig; gescheh'n!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> O, da&szlig; ich nicht denke, Du warst
+ein leichtsinniger Verf&uuml;hrer meines Kindes, bleib!&nbsp;.&nbsp;. Wenn
+ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten
+Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen?
+Albert, Albert!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> (Sein B&uuml;ndel auf dem R&uuml;cken.) Auf Wiederseh'n.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> O Du hast ein steinern Herz!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> B&uuml;rger dieser Erde d&uuml;rfen kein anderes
+haben!&nbsp;.&nbsp;. (Der Greis sch&uuml;ttelt ihm feierlich die Hand. Albert,
+von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschl&uuml;ssig
+steh'n. Pl&ouml;tzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten
+will, ermannt er sich und enteilt.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert bleib! &#8212; Fort ist er! 's
+war sein Schatten, er selbst nicht, ich tr&auml;umte nur!&nbsp;.&nbsp;.
+(Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Ger&auml;usch
+eines Feuerwerks.) Herr, der Du H&uuml;lflosen nicht mehr auferlegst
+als sie tragen k&ouml;nnen, ich vertraue Dir in Ewigkeit!</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Dritter_Akt'></a><h2>Dritter Akt</h2>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_3I'></a><h3>Abtheilung I.</h3>
+
+<p>Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant
+erleuchteten Garten gew&auml;hrt. Seitw&auml;rts das Schlo&szlig; Questenberg's.
+Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Erste Scene.</h4>
+
+<p><b>Blashammer</b> mit <b>Zitterwitz</b> am Arm, <b>Adelgunde</b> nachfolgend.</p>
+<br />
+
+<p><b>Blashammer.</b> Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter.
+(<b>Adelgunde</b> setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Vertrauen Sie meiner Menschenkenntni&szlig;;
+ich studirte nicht umsonst Psychologie&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> H&auml;tte er nur einmal mit ihr getanzt.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er wird sich noch bezwingen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Es m&uuml;&szlig;te bald gescheh'n.&nbsp;.&nbsp;. Was ist
+die Uhr! Schon drei vorbei&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. gleich geht die Sonne
+auf.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit ihr das Licht seiner Liebe.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sagen Sie's mir ganz rund heraus,
+was antwortete er auf Ihre Fragen?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sch&uuml;chterne Phrasen, w&uuml;rdig eines
+Poeten.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich mu&szlig; der Sache auf den Grund
+kommen, ich mu&szlig; wissen, woran ich bin, ich habe nicht n&ouml;thig
+im Finstern zu tappen &#8212; Nein wahrhaftig, mich lockt kein
+Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers
+opfere! &#8212; Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zur&uuml;ck
+zum Doctor &#8212; er soll auf der Stelle herkommen! Fort,
+beschwingen Sie Ihre F&uuml;&szlig;e!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will mir Fl&uuml;gel anlegen. &#8212; (Er
+bleibt zaudernd stehen.)</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich lasse meine Tochter hier, ziehe
+mich in den Hintergrund zur&uuml;ck und beobachte, wie er sich
+gegen sie auff&uuml;hrt.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ah so! ah so!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Keine Zeit verloren.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (f&uuml;r sich). Die Sache wird h&ouml;chst kritisch! &#8212; Viel
+Vergn&uuml;gen mein Fr&auml;ulein.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (ihm nachrufend). Nur den Finger auf
+dem Munde!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zweite Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>v. Zitterwitz.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Blashammer</b> (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend).
+Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist!
+(Er setzt sich zu ihr.)</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Was fehlt Dir mein Vater?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Die Freude und Seligkeit des Herzens!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Wo andere singen, springen und scherzen, bin
+ich zum Weinen aufgelegt.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Woher kommt das?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Gott wei&szlig;!&nbsp;.&nbsp;. Ich denke, Du wirst
+Deinen Vater nicht mehr lange besitzen.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Einbildungen, V&auml;terchen, nichts als Einbildungen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> K&ouml;nnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen
+aber meine ganze Seele gefangen! &#8212; fast alle N&auml;chte tr&auml;umt
+mir von Hobelsp&auml;nen, Kirchh&ouml;fen, S&auml;rgen, Priestern in
+schwarzen Talaren &#8212; Wie Du wei&szlig;t, ging ich in fr&uuml;heren
+Jahren nur h&ouml;chst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen
+Sonntag vers&auml;umen und h&auml;ufig dr&auml;ngt's mich noch Dienstag's
+und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Gesch&auml;ft
+an der B&ouml;rse vorzuziehen. &#8212; Alles das bedeutet nichts
+Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine
+Seele! Die geringste Aufregung wirkt sch&auml;dlich auf die
+Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose
+N&auml;chte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Du mu&szlig;t auf solche Kleinigkeiten nicht
+achten.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> 's ist leicht gesagt! &#8212; Um jedoch von
+einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich
+solche traurige Ahnung erf&uuml;llt, wirst Du's nat&uuml;rlich finden,
+da&szlig; ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu
+bringen trachte.&nbsp;.&nbsp;. Schon vor einigen Tagen gab ich Dir
+einige Winke in Betreff &#8212; Err&auml;thst wohl schon mein T&auml;ubchen?
+Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an.
+Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern
+etwas ganz Gew&ouml;hnliches, 's ist von Gott eingesetzt und
+unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern h&ouml;rst:
+hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Hier?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Aber mein Vater.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein schmucker junger Mann. &#8212; Du
+sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem
+sch&ouml;nen blauen Frack mit den goldenen Kn&ouml;pfen. &#8212; Sicherlich
+findet er Deinen Beifall.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Was soll ich dazu sagen!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Traun, sch&ouml;nen Dank, wie's sich ziemt. &#8212; Da,
+k&uuml;ss' mir die Hand.</p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> (die Hand k&uuml;ssend). Das Alter macht Dich
+kindisch.&nbsp;.&nbsp;. Jesus, wie schnell geht das!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wundre Dich acht Tage! &#8212; Ich h&ouml;re
+Tritte. &#8212; Er wird's sein&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Du jagst mir doch nur einen Schreck
+ein, Papa.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> &#8212; Man darf mich nicht bei Dir
+finden.&nbsp;.&nbsp;. Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. &#8212; (Ihre
+Stirne k&uuml;ssend.) Sei h&uuml;bsch artig.&nbsp;.&nbsp;. (Er geht.)</p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> (nachrufend). &#8212; Papa?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Meine Tochter?</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Wer ist denn der Herr Candidat?</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (l&auml;chelnd). Er hei&szlig;t, mein P&uuml;ppchen, er
+hei&szlig;t &#8212; Wozu aber! sogleich siehst Du ihn.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich bleibe nicht hier.&nbsp;.&nbsp;. (Sie will fort.)</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (mit drohender Miene). Du kennst Deinen
+Vater, Du wei&szlig;t, was ihn erz&uuml;rnt.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst,
+gut, so werd' ich gehorchen &#8212; Deine Tyrannei ist mir nachgerade
+unertr&auml;glich &#8212; ich sehne mich sie abzusch&uuml;tteln.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> ab.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Vierte Scene.</h4>
+
+<p>[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]</p>
+
+<p><b>Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Fr&auml;ulein ist noch da! &#8212; also scheint's
+der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich bleibe hier in der N&auml;he.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ach, wie schl&auml;gt das Herz, ob aus
+Verliebtheit oder Scham? ich wei&szlig; es nicht zu sagen! (Er
+tritt in den Pavillon, einen gro&szlig;en Blumenstrau&szlig; nachl&auml;ssig in der
+Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fr&auml;ulein
+hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies
+Str&auml;u&szlig;chen zu sammeln.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Sie bestimmten es der ersten besten Dame?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Au hasard</i></p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> (annehmend). Ich danke.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Toutes les dames meritent &eacute;galement
+notre adoration.</i></p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Das hei&szlig;t, dieselben sind Ihnen sehr
+gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Point du tout, Mademoiselle&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</i>
+oder w&uuml;nschen Sie zu h&ouml;ren, worauf ich meinen Ausspruch
+gr&uuml;nde?</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Avec plaisir.</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Auf das Buch der B&uuml;cher.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Par exemple!</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fr&auml;ulein, es steht im neuen
+Testament, da&szlig; wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir
+seien alle Gotteskinder.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Vous &ecirc;tes ridicule, Monsieur &#8212; parbleu!&nbsp;.&nbsp;.
+Dites mois alors&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich bin Ihr ergebenster Diener.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> &#8212; <i>comment d'apr&egrave;s ce princip, arriveriez
+vous &agrave; une inclination individuelle?</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wie ich nach diesem Grundsatz zur
+besonderen, zur individuellen Neigung gelange?&nbsp;.&nbsp;. (Bei Seite)
+Sie scheint in mich verliebt &#8212; auf Befehl des Alten!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Si, vous &ecirc;tes un vrai docteur &egrave;sphilosophique,
+vous aurez une reponse &agrave; toutes les
+questions&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie sprechen ein vortreffliches Franz&ouml;sisch.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Cela vous deplait?</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich stehe besch&auml;mt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Mais vous n'&ecirc;tes pas philosoph?</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wohl war ich's.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Eh bien?</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Allein auch mich ver&auml;nderten die Zeiten
+wie manche brave Burschenseele.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>Depuis quand? s'il vous plait.</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Seit meiner R&uuml;ckkehr in's v&auml;terliche
+Haus.</p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> <i>Et apr&egrave;s?</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Und ich wurde orthodox&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Lachen
+Sie nicht, 's ist sehr ernst.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Was ist denn orthodox? mit Erlaubni&szlig;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Glaube Alles, was man will das Du
+glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder &#8212; ohne
+Frau.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nicht zu leugnen &#8212; Da's aber in
+unserm Jahrhundert keine g&uuml;ltigere giebt &#8212; </p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich hielt Sie f&uuml;r einen Anh&auml;nger der
+Freiheit.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (l&auml;chelnd). Mein Fr&auml;ulein&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> &#8212; und zwar im Sinne jenes sch&ouml;nen
+Spruches: &#8222;strebet, die Wahrheit wird euch erl&ouml;sen.&#8220;</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der Spruch wurde interpolirt und
+pa&szlig;t nicht in die Bibel.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Das ist mir neu.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker,
+besternten W&uuml;rdentr&auml;ger, intelligenten Leute <i>comme
+il faut</i> leugnen ihn.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Und glauben demzufolge an alles, was
+man will das sie glauben?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sagte ihnen zum Beispiel der F&uuml;rst,
+liebe Freunde, ich mu&szlig; im Interesse des Staates eure
+sch&ouml;nen Eink&uuml;nfte um die H&auml;lfte vermindern, murrt nicht,
+sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach
+vergolten &#8212; </p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> So murren Sie nicht?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bei meiner Seele, nicht mehr als
+Fr&auml;ulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete
+Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Sie sind barock.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Frivol, wenn's Ihnen gef&auml;llt, &#8212; allein
+ich denke das Beste von den Menschen und habe den h&ouml;chsten
+Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern ber&uuml;hmtesten
+Kirchenlehrern in der tiefsten Unterw&uuml;rfigkeit, in der
+tiefsten Demuth besteht.</p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> setzt sich und seufzt.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fr&auml;ulein, bitte, bitte, &#8212; nehmen
+Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen &#8212; ich spreche
+nur in Thorheit, gewi&szlig; und wahrhaftig, nur in Thorheit.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen,
+da&szlig; Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (niederknieend). Schenken Sie dem Ungl&uuml;cklichen
+Mitleid.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie
+auf&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ah, sieh' da!</p>
+
+<br />
+
+<h4>F&uuml;nfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Blashammer.</b> Keine St&ouml;rung, setzen Sie die Com&ouml;die
+weiter fort.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Traun, Sie kommen ein wahrer <i>Deus
+ex machina</i> uns zu H&uuml;lfe.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meinen ergebensten Diener &#8212; gef&auml;llt's
+den geehrten Herrschaften&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Nur n&auml;her getreten.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> (Blashammern die Hand sch&uuml;ttelnd; mit
+leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir promenirten im Garten, sahen
+Sie mit Fr&auml;ulein hier allein &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; Was au&szlig;erordentlich auffiel &#8212; </p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> &#8212; und uns verf&uuml;hrte, der geistreichen
+Unterhaltung zu lauschen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sehr schmeichelhaft.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Sechste Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Man lie&szlig; mich rufen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Leider kommen Sie zu sp&auml;t.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Was gab's?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein &auml;u&szlig;erst interessantes Gespr&auml;ch.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es handelte sich?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Von nichts geringerem als&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Erstaune!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> &#8212; als von Liebe!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der alte Herr hatte ein feines Ohr.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn legt mir Ehre ein.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich wu&szlig;te es schon gestern, da&szlig; er
+f&uuml;r Adelgunde schw&auml;rmt.</p>
+<br />
+
+<p><b>Adelgunde.</b> <i>A la bonne heure!</i></p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es wird erbaulich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie begegnete ihn auf der Promenade
+und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte,
+als&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Papa!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> &#8212; als in dieser Nacht das unaufh&ouml;rliche
+Tanzen mit ihr.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand k&uuml;ssend). Sie verzeihen,
+mein Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> &#8212; Sind Sie der Ansicht, da&szlig; die
+jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen
+Umst&auml;nde, sondern &#8212; h&ouml;ren Sie?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es ist wohl gerathen?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Im Namen des Vaters aller V&auml;ter! &#8212; Eure
+H&auml;nde, Kinder, da&szlig; ich sie ineinanderlege.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nur nicht hier im armseligen Pavillon &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Der Herr Regierungsrath hat Recht.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gehen wir in den Saal!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (Adelgunden und den Doctor unterfassend).
+Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_3II'></a><h3>Abtheilung II.</h3>
+
+<p>Zimmer des Doctors; Schr&auml;nke mit B&uuml;chern, Antiquit&auml;ten, Naturaliensammlungen,
+Sopha, Tische, St&uuml;hle und dergl. Die Fl&uuml;gelth&uuml;ren
+sind offen und gew&auml;hren einen Blick in den Garten.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Siebente Scene.</h4>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor</b> (tritt, eine Brosch&uuml;re in der Hand, aus dem
+Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu
+Herrn Blashammer dies Tract&auml;tlein. Ich lasse innigst danken;
+es h&auml;tte meinen Zweifel am Christenthum v&ouml;llig besiegt.
+Wenn er noch ein &auml;hnliches bes&auml;&szlig;e, sollte er mir's nur gleich
+schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren.
+Zugleich mache Fr&auml;ulein Adelgunde mein Compliment
+und bestelle bei unserm Koch ein Fr&uuml;hst&uuml;ck mit Austern und
+Champagner &#8212; Apropos! Da&szlig; alles frisch und appetitlich
+sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Achte Scene.</h4>
+
+<p><b>Der Doctor. Marie.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Marie.</b> Gr&uuml;&szlig;' Gott!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Danke.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.)
+Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt
+es seine kostbare Zeit?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Unbedingt. Treten Sie gef&auml;lligst n&auml;her&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Bei Seite.) Das M&auml;dchen ist allerliebst! (Ihr einen
+Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich kann steh'n.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie bereiten mir ein Vergn&uuml;gen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Bei Seite.) Ein St&uuml;ndchen, ach, an ihrer Brust entsch&auml;digte
+mich f&uuml;r allen Verdru&szlig;, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegen&uuml;ber.)</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich will kurz sein.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Zun&auml;chst mit wem wird mir die
+Ehre &#8212; ?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens
+vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die
+Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde
+und alles was man in jungen Jahren sein kann&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich ahne schon&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden
+Sie auch einen artigen Vers von mir.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie hei&szlig;en &#8212; ?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Marie Ziemens.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich den Augen traun!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ungeheuer! und zum h&ouml;chsten Vortheil!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Kaum glaublich.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie wurden ein wahres Madonnenbild.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ach!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Besa&szlig;en Sie diese Gestalt, dies Gesicht,
+dies Auge als ich Ihnen den letzten z&auml;rtlichen Ku&szlig; auf
+die Lippen dr&uuml;ckte?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> O sprechen Sie nicht so.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir
+gleich Dein M&uuml;ndchen &#8212; gleich!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Pfui.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bei jener seligen Vergangenheit, wo
+kein Vorurtheil, keine Standesr&uuml;cksicht die Reinheit unserer
+Gef&uuml;hle tr&uuml;bte!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Sie irren sich, wir waren nie so intim.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So lassen Sie uns werden; nichts
+steht im Wege.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich bin Braut.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So? ah!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wer ist der Beneidenswerthe?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein
+armer Ungl&uuml;cklicher&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Seinetwillen komme ich her.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bedarf er meiner Hilfe?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> H&auml;tten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm
+vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen
+zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu
+bevorworten, falls er dessen w&uuml;rdig.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es soll gescheh'n.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich verlange keine blinde Gunst f&uuml;r ihn &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nur Lohn des Verdienst's.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Nichts mehr, nichts weniger! &#8212; Seit Jahren
+arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller
+Werkf&uuml;hrer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters &#8212; leider
+aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unf&auml;higsten
+Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen
+und &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb
+ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fu&szlig;f&auml;llig
+vorzustellen, &#8212; derselbe mogte jedoch von nichts h&ouml;ren,
+schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gr&uuml;nden, die
+der Herr Doctor nimmer theilen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> M&ouml;glich! &#8212; Ich befehle ihn auf der
+Stelle zu mir&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch
+weshalb Weitl&auml;ufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner
+angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch
+gew&auml;hlt haben?! Der Mann ihrer Neigung mu&szlig; ein guter
+Mann sein!&nbsp;.&nbsp;. (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch
+ganz frei von Eifersucht ist?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Warum? (L&auml;chelnd.) Auf mich? Da&szlig; ich nicht
+w&uuml;&szlig;te!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So k&ouml;nnen wir schnell fertig werden.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Nun?&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der Monsieur empf&auml;ngt eine zufriedene
+Stellung und ich &#8212; darf's Ihnen nicht schenken &#8212; einen
+Ku&szlig;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> O weh, ein schlechter Handel.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nicht f&uuml;r mich.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> W&uuml;rde den Ihr Herr Vater billigen?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mit H&auml;ndeklatschen.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie
+reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte
+meins.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Im Augenblick! &#8212; (Er setzt sich an den
+Schreibpult.) Der Papa soll binnen f&uuml;nf Minuten nachfolgendes
+Decret h&ouml;chst eigenh&auml;ndig unterzeichnen.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; Eignete sich wohl der Monsieur
+zum Werkf&uuml;hrer?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> (Auflachend.) Werkf&uuml;hrer? Das l&auml;uft gar
+hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke &#8212; zum mindesten &#8212; sicher,
+sicher!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Also er eignet sich &#8212; sch&ouml;n!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Schreibt.) Der Endesunterzeichnete&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Fabrikant Questenberg&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+dem Weber Albert&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Werkf&uuml;hrer&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Bedingungen
+sind&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Und erh&auml;lt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Freie Wohnung&nbsp;.&nbsp;. Garten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+vierhundert Thaler&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Potztausend, so viel tr&auml;umte man nie vom
+Lande Utopien!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das Leben, mein Sch&auml;tzchen, ist ein
+gro&szlig;es M&auml;hrchen voll unerkl&auml;rlicher Wunder. Jede Minute
+geb&auml;rt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare
+Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man &uuml;be
+nur das Auge der Beobachtung, wie ich es &uuml;bte und erfahre,
+was ich erfuhr! &#8212; Die Romantik, obgleich so tief in Mi&szlig;kredit
+gerathen, ist kein bl&ouml;der Wahn, wenigstens unter allen Wahnen
+nicht der bl&ouml;deste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen
+Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, s&uuml;&szlig; verschwimmende
+Nebel, so da&szlig; wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen
+unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge
+vers&ouml;hnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt
+vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's
+andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich
+verhei&szlig;en. (Er steht auf; in sch&auml;kerndem Tone zu ihr.) Sie
+lebe, mein Sch&auml;tzchen, sie lebe hoch!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Schonung, Herr Doctor! &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Die Romantik allein gew&auml;hrt, was der
+gr&auml;mliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher,
+kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein
+Sch&auml;tzchen; sie lebe hoch! &#8212; Fort mit allem, was sinnlos
+beth&ouml;rte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf,
+Recht, Wahrheit preisen! &#8212; Ein paar Gl&auml;schen Champagner,
+mein Sch&auml;tzchen, erschlie&szlig;en Ihnen den ernsten tiefen Gehalt
+meiner Worte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Theilen Sie das Fr&uuml;hst&uuml;ck mit mir. &#8212; Kommen
+Sie. &#8212; Die Schrift liegt fertig und wandert nach
+Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt,
+er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein!
+(Sie sto&szlig;en zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ziemlich gut.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Noch eins&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Auf das was wir
+hoffen! &#8212; &#8212; Ah' thut's einem schwachen Magen wohl!
+Der Arzt verordnete mir's als Medicin&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Noch eins.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Danke.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der Herr Br&auml;utigam soll leben! &#8212; Vivat! &#8212; &#8212;</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Es war mein letzter Tropfen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft
+noch nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Nur her das Glas.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich schlag's in Tr&uuml;mmer.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das hie&szlig;e mich verachten.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde,
+steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Sie wissen's.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Jungferlein, das ist ein schlechter
+Einfall!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Lassen Sie mich nur fort.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr
+schl&auml;gt.)</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Die Uhr schl&auml;gt; ich habe nicht l&auml;nger Zeit.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein unromantischer Einfall!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Meine Mutter denkt, da&szlig; ich im Garten Gem&uuml;se
+f&uuml;r den Markt grabe &#8212; darf sie nicht erz&uuml;rnen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten
+Freundin?!&nbsp;.&nbsp;. Ich entsch&auml;dige die Vers&auml;umni&szlig; hundert und
+tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er
+h&auml;lt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldst&uuml;cke.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Herr Doctor&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Vater verdient in einem Jahre
+nicht so viel. &#8212; Ich begegnete ihn k&uuml;rzlich. Sein ergrautes
+Haupt m&uuml;de zur Erde neigend, schlich er langsam den Gew&ouml;lben
+der Fabrik zu. Welch' Schicksal f&uuml;r den alten Mann,
+der an Herzensg&uuml;te und Characterw&uuml;rde Seinesgleichen sucht!
+Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gef&auml;hrten, dem reich
+und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die
+r&uuml;hrendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie
+ein echter Demokrat, vergo&szlig; sogar Thr&auml;nen. &#8212; Aber hoch
+die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in
+mein Speculirgemach, legte mich, ein t&uuml;rkisches Pfeifchen
+rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie
+l&ouml;s't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme &uuml;ber
+das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! &#8212; Mancher
+K&ouml;nig w&auml;re ein Bettelmann, mancher Bettelmann
+ein K&ouml;nig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle,
+w&auml;re die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die
+Romantik! (Trinkt und dr&uuml;ckt ihr das Geld in die Hand.)
+Bereiten Sie dem ehrw&uuml;rdigen Greise ein Fest damit, sei's
+zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen
+Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ihr eigenth&uuml;mliches Benehmen verwirrt mich
+tief.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das macht, ich f&uuml;hrte Sie schon, wie
+der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der
+Romantik.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch
+die Romantik! (Er f&auml;llt in einen Stuhl.)</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Leben Sie wohl. (ab.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Neunte Scene.</h4>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; &#8212; &#8212; Der Versuch gelingt; ich
+besteche den Arbeiter und das M&auml;dchen ist mein. Dann
+hab' ich Entsch&auml;digung f&uuml;r die Zwangsehe und Zeitvertreib
+in H&uuml;lle und F&uuml;lle. Hoch die Romantik!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Der Doctor. Questenberg.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wie befindest Du Dich, mein Sohn?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So so, la la!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Den ausgestochenen Bouteillen zufolge,
+mu&szlig; das Fest&uuml;bel schon g&auml;nzlich gehoben sein.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich fange an der Vernunft die Herrschaft
+wieder einzur&auml;umen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> (Ihm freudig die Hand sch&uuml;ttelnd.) Sehr
+l&ouml;blich.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein elendes Bauwerk ist die Welt,
+eine w&uuml;ste Tr&ouml;delbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath
+und vors&uuml;ndfluthlichem Getr&uuml;mmer zusammengestapelt! &#8212; In
+ihr mu&szlig; der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er
+ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn
+einigerma&szlig;en verschonen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> So kalkuliren brave aufgekl&auml;rte Leute
+und wickeln, scheuern, b&uuml;cken, schwindeln, ducken sich nach
+Zeit und Umstand.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Apropos! Dann unterzeichnen Sie
+mir wohl ein Bl&auml;ttchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm
+das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.)
+Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> An die Unterschrift kn&uuml;pf' ich die
+Heirathsfrage.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ver&uuml;ckte der Erb&auml;rmliche Deine Sinne
+und &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ihm mu&szlig; geholfen werden, er verdient's!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du wei&szlig;t aber nicht &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich mag von nichts wissen!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Welch' Wagest&uuml;ck!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Unsinn!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es ist &auml;u&szlig;erst beleidigend in meine
+Angelegenheiten Dich zu mischen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mischtest Du Dich nicht in mein Herz
+und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem
+Interesse &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das h&ouml;rt auf wohlmeinend zu sein,
+wenn's die menschliche W&uuml;rde ignorirt. &#8212; (Ihm die Feder
+in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen,
+da!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, es ruinirt uns.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Das Fest kostete zehntausend Thaler
+und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave!&nbsp;.&nbsp;.
+(Albert tritt sch&uuml;chtern ein.)</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Verlassen Sie mich jetzt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vorsehung! Vorsehung! (ab.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Eilfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Der Doctor. Albert.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Tritt n&auml;her. (Stellt ihm einen Sessel
+hin.) Erweise mir die Herablassung.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wenn ich den sch&ouml;nen Bezug durch mein
+unsauberes Kleid entweihe&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bist Du kein Politiker?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ein wenig.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Traun, es giebt viele Weber, die ihr
+Brod gewinnen wollen, bedenke das und &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Das w&auml;re eine Politik des Fluches!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> So sprechen W&ouml;lfe in der L&auml;mmerhaut!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich ein Wolf? o Herr Doctor!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es lebe die Association!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (ernst). Sie lebe!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nieder mit den Rentnern!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Fort mit den Privilegien!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es falle das Herrenthum!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Die Fr&uuml;chte des Flei&szlig;es Aller f&uuml;r Alle.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (lacht ironisch).</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Erscheinen Ihnen diese W&uuml;nsche ungerecht?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der neue Arbeiterverein machte an
+Dir eine t&uuml;chtige Eroberung&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Du wirst ihm auf die
+Beine helfen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vielleicht!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (lacht wieder).</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf
+und Spott zu erleiden?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Keineswegs &#8212; ich lache, weil's meine
+Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Doch setze Dich endlich.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (wirft sich zornig in den Sessel).</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich wei&szlig; mir Deine Mi&szlig;stimmung zu
+erkl&auml;ren, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte
+ab, die &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Er that wohl, vollkommen wohl.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wirklich &#8212; ei, ich meine er that &uuml;bel.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich ging tief in mich, ich pr&uuml;fte seine weisen
+Vorstellungen, fand, da&szlig; mein Verlangen unbillig war.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Albert!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich heuchle nicht, Herr Doctor!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du verdammtest demnach Dein Verh&auml;ltni&szlig;
+mit Marie und bist zufrieden, gen&ouml;thigt worden zu
+sein es &#8212; aufzugeben!?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Falls Herr Questenberg mir heute sagte,
+Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei
+gl&uuml;cklich &#8212; ich w&uuml;rde ihm danken.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (l&auml;chelnd). Aus welchen Gr&uuml;nden, stolzer
+Mann?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg, vor zwei Tagen h&auml;tte mich
+Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt st&uuml;rzt sie
+mich in die H&ouml;lle, in die H&ouml;lle der Selbstverachtung; denn
+es ist wider meiner W&uuml;rde von Almosen zu leben und zu
+Gunsten der Ungerechtigkeit &uuml;ber meine Leidensbr&uuml;der zu
+triumphiren&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Dich mein Vater darauf versicherte,
+Du verdientest was er Dir giebt.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> So antwortete ich, Herr Questenberg das
+k&ouml;nnen Sie nicht beurtheilen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Aha, mithin erkl&auml;rtest Du ihn einer
+Vormundschaft bed&uuml;rftig, die seiner moralischen G&uuml;te, seinem
+individuellen Interesse stets Zaum und Gebi&szlig; anlegt, die,
+wenn er sagt, ich finde, da&szlig; mir dieser Mensch verm&ouml;ge
+seiner Intelligenz n&auml;her steht und mehr n&uuml;tzt als jener, gebieterisch
+entgegnet, mein Lieber es mag m&ouml;glich sein; allein
+Du hast den Maa&szlig;stab Deiner Handlungen nicht nach Deinem
+Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem
+Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just
+Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz,
+Dein Ideal! &#8212; Denke Dir einen K&uuml;nstler wie Raphael,
+Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallil&auml;i,
+Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den
+Zweiten, Freiherrn von Stein vor das gr&ouml;&szlig;te Tribunal
+seiner Zeit, vor das Volk gestellt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (ironisch lachend.)
+W&uuml;rde die Mehrheit sein Verdienst h&ouml;her anschlagen und der
+Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der
+Aufgekl&auml;rteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und
+Schicksal beg&uuml;nstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu
+entwickeln vermochte? Ah', la&szlig; Dich durch die Doctrinen
+&uuml;berhitzter K&ouml;pfe nicht vom Wege der Vernunft abf&uuml;hren!
+Wenn Verdienst soviel als Absch&auml;tzung, Wiedervergeltung
+und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft
+geopferten That hei&szlig;t, so fordere von niemandem mit
+Gewalt, was niemand sich selber giebt, das h&ouml;chste Geschenk
+der Gnade Gottes, die &uuml;berall gerechte, die innerliche G&uuml;te!
+Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt,
+Du bist pers&ouml;nlich frei gleich ihm, verla&szlig; ihn, durchwandere
+die Welt und forsche, ob Dich Jemand h&ouml;her w&uuml;rdigt
+als er! (Ihm ein Papier &uuml;berreichend.)</p>
+
+<p><b>Albert</b> (lesend). Werkmeister der Fabrik?&nbsp;.&nbsp;. Vierhundert
+Thaler?&nbsp;.&nbsp;. freie Wohnung und Garten?&nbsp;.&nbsp;. Wie, wie
+h&auml;ngt das zusammen?</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (l&auml;chelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz,
+dem Interesse, der innerlichen G&uuml;te meines Vaters.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> 's ist seine Unterschrift&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. So viel wagte
+ich mir nie, nie zuzumessen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mache an Dir selbst die Erfahrung,
+wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu sch&auml;tzen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> O Sch&ouml;pfer des Himmels, Deine Liebe ist
+grenzenlos!&nbsp;.&nbsp;. Doch still &#8212; &#8212; der Klaus hatte am Ende
+recht &#8212; &#8212; welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Was hast Du Albert?</p>
+
+<p><b>Albert</b> (nach einer kleinen Pause mit K&auml;lte). Warum
+&uuml;berreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (verlegen). Ich wei&szlig; nicht Albert. (f&uuml;r
+sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> So hatte er doch Furcht &#8212; </p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Inwiefern?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> &#8212; mich zu verlieren?&nbsp;.&nbsp;. Ich durchschau's!
+Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung
+verwirren, durch dieses Papier mich k&ouml;dern, mich vom Sozialismus
+losrei&szlig;en&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Dort in dem Vereine der Arbeiter
+k&ouml;nnte ich zu aufgekl&auml;rt &uuml;ber den Nutzen einer gewissen Erfindung
+werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungl&uuml;cklichsten,
+blut&auml;rmsten Paria!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du sprichst Unverst&auml;ndliches.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ha, da&szlig; die allwaltende Gottheit zwischen
+ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor!
+Zerst&ouml;rung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang
+den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen,
+Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen n&auml;hren!&nbsp;.&nbsp;. Nehmen
+Sie das sch&auml;ndliche Dokument und bestellen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Argw&ouml;hnischer, ich f&uuml;rchte f&uuml;r Deinen
+Verstand.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen &#8212; (Das
+Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich
+stolz verhalten &#8212; ich will ihm alles schenken und mich heimlich
+fortschleichen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich bin jung, habe lebendigen Trieb,
+ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele
+machen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Eben nannt' ich mich den blut&auml;rmsten Paria &#8212; gefehlt!
+ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen
+frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha,
+ich f&uuml;hl's!&nbsp;.&nbsp;. Ja schenke dem Armseligen das langj&auml;hrige
+Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung,
+die h&ouml;chste Liebe zum reinen Engel Deines Gl&uuml;ck's,
+so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Gro&szlig;muth
+gab dem Heiland St&auml;rke sich dem Undank zu opfern
+und am Kreuze zu sterben.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Was hab' ich gethan!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen
+Gliedern w&uuml;thet! &#8212; Steck' dem Elenden die Fabrik &uuml;ber
+dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes
+und spreng' ihn in die Luft! Deine Gef&auml;hrten, es sind ja
+ihrer &uuml;ber zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere
+Gesellen als Du, &#8212; folgen dem Schrei Deiner Noth und
+s&uuml;hnen das gebeugte Recht! Eine m&ouml;rderische Schlacht entsp&auml;nne
+sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' z&ouml;gen vor das St&auml;dtchen,
+belagerten, best&uuml;rmten, bombardirten es, bis der letzte Held
+unter dem letzten Steinwalle erlag! &#8212; Es w&auml;re m&auml;nnlich
+und ruhmvoll, allein unvern&uuml;nftig! Schweig' und dulde!
+Was n&uuml;tzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus,
+die ganze Erde ist davon &uuml;berwuchert! La&szlig;' es gr&uuml;nen,
+knospen, bl&uuml;hen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdr&auml;ngen
+und sich an seinem Uebel fortqu&auml;len bis an's Ende der
+Welt! La&szlig;' es so dicht und so sich selbst zur Last werden,
+da&szlig; es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gie&szlig;' die
+ungeschw&auml;chte Kraft deines ewigen Feuers &uuml;ber uns aus;
+wir m&ouml;chten sterben und in Asche zerfallen! &#8212; O Gott, ich
+kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich
+zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). &#8212; Er tr&auml;gt die Erfindung
+zu unseren Concurrenten, &#8212; alles ist verloren! Schaffe
+Rath! &#8212; Ich mu&szlig; seinen Ha&szlig; von meinem Vater auf mich
+lenken &#8212; recht! dann fordere ich ihn, er schl&auml;gt sich &#8212; ein
+unerh&ouml;rtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen
+ge&uuml;bt und schaff' ihn sicher bei Seit'!&nbsp;.&nbsp;. Das erste Mal
+im Leben, wo b&ouml;se M&auml;chte mich zu schwarzen Thaten zwingen!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du
+dies Document aus meiner Hand empf&auml;ngst. Du wirst mir
+z&uuml;rnen, doch, da ich erkenne, da&szlig; Du der gr&ouml;&szlig;te Biedermann
+bist, welcher lebt, wirst Du &#8212; ich hoffe zuversichtlich &#8212; wirst
+Du mir verzeih'n.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Zur Sache.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! &#8212; Das
+Dokument, Albert, Du empf&auml;ngst das Dokument&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Auf Grund? ich bin gespannt.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems,
+auf Grund der Gleichberechtigung, der Br&uuml;derlichkeit
+und Assoziation&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Hat Dir Marie nie gebeichtet von
+mir?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Von Ihnen?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie hat nie bekannt, da&szlig; ich ihre
+erste Liebe war?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich erinnere mich nicht&nbsp;.&nbsp;. nein kein Wort.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Denkbar, erkl&auml;rlich! Die Scham wehrte
+es ihr&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres
+Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche
+Wesen, unzurechnungsf&auml;higer als Kinder, jene
+Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Nun wohl.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> In jener Periode lernte ich Marie
+kennen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Bei welcher Gelegenheit?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Lassen Sie uns kurz sein. Das Verh&auml;ltnis
+dauerte?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bis einige Monate nach der Einsegnung,
+wo ich die Stadt verlie&szlig; und zur Universit&auml;t abging.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie
+nicht wieder?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Es gereichte mir zum gr&ouml;&szlig;esten Vorwurf
+als die Himmlische mir gestern erschien!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wo?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Von Ungef&auml;hr traf ich sie im Park.
+Schwer l&auml;&szlig;t sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der
+frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich f&uuml;hlte
+die Wucht der reiferen Jahre abgesch&uuml;ttelt, ich f&uuml;hlte mich
+frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Entt&auml;uschungen
+des Lebens und wie von einer h&ouml;heren Macht
+getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschlie&szlig;en,
+sie mein, ewig mein zu nennen!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich h&ouml;rte genug, Herr Doctor.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Erkenne, was mich bewegte, Dir das
+Papier zu &uuml;berreichen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie hielten sich versichert, ich w&uuml;rde es annehmen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Und hoffe noch Du besinnest Dich &#8212; ah,
+mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> O, Sie haben nie geliebt!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du meinst!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme,
+dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben
+darzubringen geneigt war.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Lass' es nicht auf die Probe ankommen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich
+glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie &uuml;bertrieben, Sie
+verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande
+zu verh&uuml;llen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du h&auml;ngst mir Schimpf an. Ha, gieb'
+mir Genugthuung daf&uuml;r!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (lacht).</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Warum verl&auml;&szlig;t mich Kraft
+und Muth, jetzt k&ouml;nnte ich ihn ohne Umst&auml;nde fordern&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit
+mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der
+Pfad von der H&ouml;he Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte
+war zu steil, zu gef&auml;hrlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem
+Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie
+konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, da&szlig;
+er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! &#8212; Die gute
+Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit
+erworben zu haben, verleitet das verzweifelte
+Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den
+Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu F&uuml;&szlig;en,
+fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! &#8212; gerechte
+Strafe unbesonnenen Entschlusses! &#8212; ihr H&uuml;lferuf
+erweckt D&auml;monen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz
+entflammt unchristliches Verlangen. Zu sp&auml;t ist's vor ihm
+zu fliehen; sein &auml;u&szlig;erst liebensw&uuml;rdiges Betragen, seine
+schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen
+sie eine Unm&ouml;glichkeit zu versprechen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ist's nicht so?&nbsp;.&nbsp;.
+Ich m&uuml;&szlig;te toll sein, machten Ihre Irrth&uuml;mer mir b&ouml;ses Blut.
+Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du bist ein Gott!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (das Papier aufhebend und an seine Lippen dr&uuml;ckend).
+Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Besser als ich dachte! es
+geht ohne Duell ab. &#8212; (laut.) Wir plauderten schon zu lange;
+der Stallmeister wartet, ich mu&szlig; zu Pferde. (Nachdem er den
+Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) &#8212; &#8212; Eile jetzt
+zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre,
+da&szlig; ich aus ganzer Seele w&uuml;nsche, es m&ouml;ge Gott gefallen,
+Euch eine gl&uuml;ckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke
+Hand sch&uuml;ttelnd.) Fortan giebt's keine Mi&szlig;verst&auml;ndnisse mehr
+zwischen uns&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Hast Du noch etwas zu fragen?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen
+das Papier unterzeichnete?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ah, das verga&szlig; ich!&nbsp;.&nbsp;. Es regte den
+alten Papa furchtbar auf, &#8212; er h&auml;tte sich mir widersetzt,
+wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge &#8212; (bei
+Seite.) Ich sehe mich gen&ouml;thigt ihm alles zu sagen!&nbsp;.&nbsp;.
+(laut.) Gelobe mir zu schweigen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Beim ewigen Heil!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand
+der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein &#8212; schwebt in Frage.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Die ich durch eine mir mi&szlig;liebige Heirath
+beschw&ouml;ren soll&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wohl sah'st Du es dem stolz und
+frei durch die schw&uuml;len Gew&ouml;lbe schreitenden Gebieter nicht
+an, da&szlig; er noch angestrengter mit der Existenz k&auml;mpfte als
+Du!&nbsp;.&nbsp;. Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz
+blutete, wehe zu schreien wenn des Ungl&uuml;cks Last zu schwer
+dr&uuml;ckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich
+anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur f&uuml;r das
+nackte Leben! &#8212; er aber, Oberhaupt eines gro&szlig;en k&uuml;hnen
+Unternehmens, gew&uuml;rdigt des Vertrauens der ganzen Welt,
+verantwortlich f&uuml;r das Schicksal von Tausenden, er, durch
+ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene
+Spekulationen pl&ouml;tzlich in die rathloseste Lage getrieben, &#8212; Furien
+der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang
+vor sich sehend, &#8212; mu&szlig; lachen, um sein blutendes Herz zu
+verbergen, mu&szlig; von Gl&uuml;ck prahlen, gl&auml;nzende Feste veranstalten,
+seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand
+dr&uuml;cken, um nicht zu verrathen, da&szlig; Ungl&uuml;ck ihn heimsucht,
+mu&szlig; R&auml;nke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um
+ein Mann von Ehre zu bleiben!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Mir wird es helle im Busen! &#8212; Ihr Bekenntni&szlig;
+bringt mich dem armen Herren n&auml;her als je!&nbsp;.&nbsp;. Er
+hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht &#8212; ah, es war unm&ouml;glich!
+nein es giebt keine Teufel &#8212; wir Menschen sind
+alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und
+gleich &uuml;bel berathen, &#8212; nicht wahr, nur die Verh&auml;ltnisse
+stempeln uns zu Verbrechern!? O ich wei&szlig;, wie gro&szlig; ihre
+Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Personen im Nebensaal&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Womit vergelt' ich's Dir Marie!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Theurer Albert, wir m&uuml;ssen abbrechen,
+es giebt Besuch.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Zu Befehl, Herr Doctor.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Morgen sehen wir uns wieder. Du
+bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ueberfl&uuml;ssiger Wunsch! &#8212; Das Leben ist ja
+die H&ouml;lle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)</p>
+<br />
+
+<h4>Neunte Scene.</h4>
+
+<p>[Transkriptionsanmerkung: Die merkw&uuml;rdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original &uuml;bernommen.]</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> eine Zeitung haltend. <b>v. Zitterwitz</b>, beide
+H&auml;nde gefaltet, das Haupt gesenkt. <b>Der Doctor</b> mit verwunderter
+Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abst&auml;nden.
+Sie machen im Saal langsam die Runde.</p>
+<br />
+
+<p><b>Blashammer</b> (nach einer Pause). Das Schwei&szlig;tuch
+ging mir wohl in der B&ouml;rse verloren&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bedienen Sie sich des meinen. &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht
+und wirft sich in einen Sessel.)</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; Es mu&szlig; etwas Erschreckliches vorgefallen
+sein &#8212; indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde
+betrifft&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Das arme Herz! &#8212; Ich w&uuml;nschte,
+der Tod h&auml;tte sich Ihrer erbarmt!&nbsp;.&nbsp;. Welcher Zukunft geht
+sie entgegen! oh, oh, oh!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie fl&ouml;&szlig;en mir Angst ein.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Das Schicksal stellt jetzt eine gro&szlig;e
+Frage an Sie.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen,
+sie zu l&ouml;sen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wir wollen's erproben!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> .&nbsp;&nbsp;.Ihr lie&szlig;et mich auf eine ersch&uuml;tternde
+Nachricht vorbereiten, &#8212; was giebt's, meine Freunde?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Lies hier unsere Zeitung unter dem
+Datum von Neapel.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Krieg? Handelsst&ouml;rungen? Schiffbr&uuml;che?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Lies, lies!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (lesend). &#8222;Neapel, den siebenten Juni.
+Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, K&ouml;nig Ferdinand,
+einen auf der H&ouml;he von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen,
+dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolution&auml;re
+der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war,
+was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberflu&szlig;
+beweisen. Das Ereigni&szlig; macht gro&szlig;es Aufsehen, da Herr
+Banquier B. zu N., welcher bisher des h&ouml;chsten Vertrauens
+der K&ouml;niglichen Regierung geno&szlig; und erst k&uuml;rzlich von ihr
+mit einem Auftrage f&uuml;r ein und eine halbe Million beehrt
+wurde, der Unternehmer dieser bedauernsw&uuml;rdigen Expedition
+ist. &#8212; Es klingt wie eine Verleumdung.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Meine Gl&auml;ubiger schieben den Artikel
+neidischen Concurrenten in die Schuhe&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich m&ouml;chte es auch thun.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Blashammer, summt's von Ohr zu
+Ohr an der B&ouml;rse, soll mit den Feinden der Ordnung im
+geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber
+von Ministern und F&uuml;rsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's
+und allen Ausbund der Menschheit &#8212; Waffen?!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 's ist unglaublich!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> F&uuml;r den Gewinn einiger rostigen
+Heller verwagt der gro&szlig;e Blashammer Ehre und Existenz!?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wer durfte es von ihm denken!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Niemand &#8212; wehe dem, der's that!
+Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, da&szlig; es
+wahr ist?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Der Mensch hat seine Mysterien!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Diese Briefe &uuml;berbrachte mir die Post.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (den gr&ouml;&szlig;esten entfaltend). Vom neapolitanischen
+Ministerium&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich verstehe das Italienische nicht,
+doch lese ich zwischen den Zeilen, da&szlig; man den Auftrag f&uuml;r
+die anderthalb Millionen wieder abbestellt.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Der bereits ausgef&uuml;hrt und zur Absendung
+fertig! &#8212; Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner
+und Pistolen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wer von den Potentaten kauft sie Dir
+jetzt ab!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> <i>Eo ipso</i>, Herr Schwiegerpapa, fallen
+Sie dem Umsturz in die Arme.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja, gleich Ihrem Vater.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; Ich an Ihrer Stelle bes&ouml;nne mich
+nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut
+zu machen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wodurch?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Pah, durch eine zweite Expedition nach
+Sicilien.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich soll noch ein Schiff verwetten!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie besitzen ein ganzes Dutzend &#8212; da
+kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Danke bestens.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein schlechter Spieler, den ein erster
+Verlust entmuthigt.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ach, best&uuml;nde er nur in einem Schiff!
+aber &#8212; &ouml;ffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das
+Lebewohl des Capitains. &#8212; Der gute Mann mu&szlig;te f&uuml;r mich
+sterben!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (den Brief entfaltend und schnell zur&uuml;ckgebend).
+Leichtsinn, Leichtsinn!</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sapperment, au&szlig;erordentlich viel.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Hat ein Capitain h&ouml;heren Werth f&uuml;r
+Sie als ein Schifflein?!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ein Capitain ist doch ein Mensch&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand,
+Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber
+auszumachen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich lass' es gelten.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien
+den Tod, so ist's seine eigene Schuld.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Meinetwegen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Warum gab er sich Ihnen als williges
+Werkzeug hin?!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja, f&uuml;r solche wahnsinnige Unternehmung!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Warum, sage ich?!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Er h&auml;tte es unterlassen k&ouml;nnen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sehen Sie, eben weil er's h&auml;tte unterlassen
+k&ouml;nnen, eben weil er sein eigener Herr und Meister
+war, eben deshalb mu&szlig; er Ihnen gleichg&uuml;ltiger sein als das
+Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich mich recht besinne, so ist er
+mir auch gleichg&uuml;ltiger.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bravo!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Da gab ich ihm doch ein Schreiben
+mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr sch&uuml;tzen
+sollte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Weniger ihn, als Ihr Schifflein und
+die Waare.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Laut desselben w&uuml;rde man die Waffen
+als die f&uuml;r Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als
+verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen
+haben.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie ersch&ouml;pften den Born aller List!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Verlasse man sich auf fremde Menschen!
+Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie
+nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne
+Talent, ohne Vorsicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; selbst bei Gefahr Ihres Lebens!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich machte die Erfahrung schon oft,
+wollte es jedoch nie glauben!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie h&auml;tten nur sagen sollen, Capitain,
+es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ah, der Teufel lie&szlig; mich das nicht
+sagen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nicht wahr?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja, ja, h&auml;tte ich das gesagt, so
+k&ouml;nnten wir Ihrem Vater morgen die Gl&auml;ubiger vom Halse
+schaffen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> &#8212; &#8212; F&uuml;r morgen k&ouml;nnen Sie die
+Aussteuer nicht zahlen?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich's schon kund.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Nicht f&uuml;r &uuml;bermorgen denn?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Nicht f&uuml;r &uuml;bermorgen &uuml;ber funfzig
+Jahr.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Was? solche Wunden schl&auml;gt der Verlust
+des winzigen Schiffleins Ihrem Verm&ouml;gen, Ihrem Credit!?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten
+Calc&uuml;l. &#8212; Ich bin ein ruinirter Mann!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie verrechneten sich vielleicht.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich mich verrechnen?! ah, da&szlig; der
+Himmel mir erspare dies Sie zu fragen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Papa, was denken Sie?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nichts mein Sohn.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wo suchen wir jetzt unser Heil!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (deutet schweigend nach unten, als nach
+dem Grabe, w&auml;hrend der Vorhang f&auml;llt).</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Vierter_Akt'></a><h2>Vierter Akt.</h2>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_4I'></a><h3>Abtheilung I.</h3>
+
+<p>Vor der H&uuml;tte des Vater Ziemens.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Erste Scene.</h4>
+
+<p><b>Marie. Frau Ziemens.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Mein Kind, wohin eilst Du, &#8212; bleib'
+in der H&uuml;tte.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> La&szlig;' mich nur, ich suche die sch&ouml;nen Blumen,
+die ich verlor.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Welche sch&ouml;nen Blumen?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Am neust&auml;dter Garten auf der Wiese pfl&uuml;ckten
+wir sie ja &#8212; ich hatte die ganze Sch&uuml;rze voll.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Du tr&auml;umst, Kind &#8212; &#8212; Entstiegst
+Du nicht eben dem Federbett! &#8212; Komm' zur&uuml;ck, die Luft
+weht kalt.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Bin ich denn krank?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ein furchtbares Fieber ras't seit
+Mitternacht in Deinem Blut.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> M&uuml;tterchen, nie im Leben f&uuml;hlt' ich mich so
+gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein
+Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder.
+Ich w&uuml;nschte Musikanten, fr&ouml;hliche Gesellschaft, einen
+vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der
+Hochzeit.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Du erinnerst Dich nicht Deines
+Wehs vor einer Stunde.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wir gruben im Garten Gem&uuml;se und kamen
+auf Albert &#8212; Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben,
+der feige den R&uuml;cken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund
+des Verderbens gebracht &#8212; Ich litt es nicht, f&uuml;hlte
+mich verletzt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Das geschah gestern.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (erstaunt). Vor einer Stunde &#8212; </p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> &#8212; strittst Du mit der H&ouml;lle, nicht
+mit mir. Ach, kein ehrbares M&auml;dchen hegt Gedanken &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Welcher Art?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Schweigen wir davon.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> M&uuml;tterchen, Du erschrickst mich.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Name des jungen Questenberg
+lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge &#8212; Viel sprachst
+Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben &#8212; Wie
+wird Dir &#8212; Mein Kind!</p>
+
+<p><b>Marie</b> erbla&szlig;t und droht umzusinken.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (nimmt sie in die Arme). &#8212; Was hast
+Du auf Deinem Gewissen!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> &#8212; 's ist &uuml;berstanden; die schwache Natur
+hilft mir &#8212; &#8212; Du bist auf alles vorbereitet &#8212; hier, lies
+den verh&auml;ngni&szlig;vollen Brief. &#8212; &#8212;</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> &#8212; Mir dunkelt's vor den Augen.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters
+um &#8212; um meiner Ehre Preis! &#8212; &#8212; Keinen Laut
+tr&uuml;bseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen
+zu s&uuml;hnen.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich lasse den Himmel walten.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Uebe Gerechtigkeit, da&szlig; Du Antheil am Himmel
+hast, er ist die Liebe des Guten.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Du richtetest Dich selber schon &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie</b> (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld &#8212; Ich
+bedarf einer Autorit&auml;t!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Die findest Du im Schoo&szlig; der
+Kirche.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (mit st&uuml;rmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter,
+niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du
+verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen F&auml;den meines
+Schicksals, f&uuml;hlst was mich in's Verderben trieb und kannst
+allein &#8212; </p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Du verlorst den Glauben an des
+Priesters erl&ouml;sende Macht?</p>
+
+<p><b>Marie</b> (z&auml;rtlich). Weil ich Dich lieben und sch&auml;tzen
+lernte als meinen obersten Wohlth&auml;ter.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten
+Satzungen!</p>
+
+<p><b>Marie</b> (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem
+Blinden &#8212; die Brille.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Herr mein Gott! &#8212; Nun erst begreif'
+ich, wie tief Du sankst &#8212; &#8212; Um die letzte St&uuml;tze der
+Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein
+Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut
+sie mehr!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Nur Thaten vers&ouml;hnen, was das Herz verschuldet,
+Thaten, denen des Sch&ouml;pfers Lob vernehmbar t&ouml;nt:
+Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! &#8212; Gieb mir eine
+Religion, o Mutter, die Entschl&uuml;sse fassen lehrt, einen Priester,
+der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom
+Haupte abwenden, einen Freund, dessen pers&ouml;nliche W&uuml;rde
+mich ungetheilt erf&uuml;llt, der mich ersch&uuml;ttert durch seiner
+Gr&uuml;nde Aufrichtigkeit, erhebt und fortrei&szlig;t durch den Zauber
+seines Beispiels! &#8212; Ach, ich irrte in eine W&uuml;ste der Finsterni&szlig;,
+und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung!
+Dem stolzen Adler &auml;hnlich, der, gel&auml;hmten Fittich's
+im Staube sich windend, vergebens die H&ouml;he erschaut, wo
+seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen F&uuml;&szlig;en! Sch&uuml;tze mich! &#8212; Sogleich
+erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch,
+das die Schw&auml;che der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufb&uuml;rdet,
+sclavisch sich zu f&uuml;gen &#8212; Mu&szlig; ich ihm folgen?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> R&auml;thselhafte Kranke, unbegreifliche
+Schw&auml;rmerin.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Mu&szlig; ich &#8212; ?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Was w&auml;re Dein Loos, wenn Du
+nicht m&uuml;&szlig;test?!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> .&nbsp;.&nbsp;&nbsp;.Der Tod.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Und unser, der armen Eltern Loos?! &#8212; &#8212; Verdienten
+wir das um Dich!</p>
+
+<p><b>Marie</b> (st&uuml;rzt mit einem Schrei in sich zusammen). &#8212; &#8212; F&uuml;hr'
+mich nach jenem Ruhesitz&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Seh' ich recht, so naht
+der Gef&uuml;rchtete &#8212; Ersehnte! Er ist's! &#8212; Ich gleiche dem
+bedr&auml;ngten Piloten in Sicht des winkenden Ports &#8212; doch
+vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer r&uuml;ckw&auml;rts
+st&uuml;rmt ihn das unerbittliche Meer.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zweite Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Albert.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Albert.</b> Gr&uuml;&szlig;' euch Gott, meine Theuren.</p>
+
+<p><b>Marie</b> (kehrt ihm entsetzt den R&uuml;cken).</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (erwiedert seinen Gru&szlig; mit sch&uuml;chterner
+Verbeugung).</p>
+
+<p><b>Albert</b> (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! &#8212; Frau
+Mutter, dies Papier verk&uuml;nde Ihnen, weshalb ich
+komme&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (damit in die H&uuml;tte).</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Stumm enteilend und betroffen, als w&uuml;&szlig;te
+sie schon alles &#8212; War die Furcht prophetisch, welche mich
+z&ouml;gern lie&szlig; bis heute fr&uuml;h? Sag' an M&auml;dchen, wie fass'
+ich &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie</b> (reicht ihm des Doctors Brief).</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Willst Du schriftlich zu mir reden? &#8212; Ha! &#8212; Der
+junge Herr ging schneller als ich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Nachdem er fl&uuml;chtig
+gelesen, unwillig mit dem F&uuml;&szlig;e stampfend). Ueberfl&uuml;ssige Diplomatie! &#8212; &#8212; Aber
+wie fein! wie herablassend im vornehmen
+Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare
+Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben
+und doch den Erkenntlichen spielen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &#8222;Die tr&uuml;ben
+Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur gro&szlig;en T&auml;uschung;
+bis jetzt h&auml;tte er unter Bettlern keine Menschen erblickt&#8220; &#8212; Ei,
+ei!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Zu viel &uuml;berschwemmendes Lob &#8212; zu
+viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels
+eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen
+konnte! &#8212; (Sich die Hand vor die Augen haltend.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dritte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Die alten Ziemens.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein guter, guter Albert.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wer ruft mich? &#8212; Mein Vater!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Wo bist Du? Komm, komm. &#8212; Sag'
+mir doch, wo er ist?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Dich macht die Freude blind &#8212; Da,
+da hast Du ihn.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> In meine Arme, Himmelsbote &#8212; Noch
+kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei
+uns, noch &#8212; &#8212; Du bebst zur&uuml;ck? Welche finstere, verzweifelte
+Mine?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Armer Vater!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Melancholische Seufzer &#8212; Bringst
+Du meinem T&ouml;chterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft
+und besiegelt &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vergr&ouml;&szlig;ert ihre Pein.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe
+vergangene Nacht?&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Lass' mal sehn &#8212; Ist sie im Garten?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Hier sitzt sie &#8212; erstarrt von des Geschicks
+Meduse.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Was, was! um Gotteswillen &#8212; Kinder,
+Kinder, ihr werdet nichts B&ouml;ses&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. M&uuml;tterchen,
+Du scheinst alles schon zu wissen.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Kinder sind n&auml;rrisch.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Durch welche Mittel erweichten
+sie so schnell des Herren kaltes Herz?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> 's ist einfach.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Erz&auml;hle &#8212; sei so gut.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Erinnerst Dich noch wohl, da&szlig;
+Marie fr&uuml;her, verstehe recht, bevor sie Albert kannte &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich versteh'.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> &#8212; ein wenig entz&uuml;ndet von dem
+jungen Doctor ward &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Und der junge Doctor von ihr.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Dies n&uuml;tzte die Ungl&uuml;ckliche in ihrer
+Noth. &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Meine Ahnung!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (ihm den Brief gebend, welchen Albert in
+seiner Hand h&auml;lt). Lies aber den Brief hier, den der vom
+braven Albert schrecklich Entt&auml;uschte nun reum&uuml;thigst an sie
+richtet. Aus ihm erhellt, da&szlig; Marie in seine th&ouml;richten Bedingungen
+nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (sich weigernd den Brief zu nehmen).
+Dessen &#8212; dessen bin ich gewi&szlig;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (zudringlich). Erbaue Dich an der
+herablassenden, schmeichelhaften Sprache.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (nimmt; nachdem er gelesen und die
+Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenb&uuml;rtig an Geist
+und Gef&uuml;hl steht Ihr Euch gegen&uuml;ber; ein Gedanke, eine
+Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Gl&uuml;ckseligkeit nichts!
+und nun, was ist's, da&szlig; sich feindlich zwischen Euch stellt,
+Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit
+Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das kl&auml;gliche Gebilde
+alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit
+verwebt?! Weh, seid Ihr verloren &#8212; Ihr seid &#8212; und
+keine Zufluchtsst&auml;tte sehe ich mehr, kein Ziel f&uuml;r Eure
+W&uuml;nsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!
+(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung
+starker Kiel zerschellt und trostlos an die n&auml;chste Planke festgeklammert,
+treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Unseliger, trankst Du noch nicht
+genug den bittern Leidenskelch?!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Was w&uuml;nschest Du, da&szlig; ich den
+Edelm&uuml;th'gen rathe?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Sich den Verh&auml;ltnissen zu f&uuml;gen!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Der Schande und des Ekels?
+Wider innere W&uuml;rde? &#8212; Weib!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> H&auml;tt' ich es einst gethan, h&auml;tt' ich
+der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die
+matten Glieder jetzt in schimmernden Pal&auml;sten, s&auml;ugte an
+des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden
+und hegte ein T&ouml;chterchen im Schoo&szlig;, der ersten Fr&uuml;hlingsbl&uuml;the
+gleich, so frisch und sch&ouml;n! Der gro&szlig;en Blashammer,
+von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten
+Vertr&auml;gen um meine Freundschaft buhlten.
+Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der,
+vom protestant'schen Schw&auml;rmergeist bereits verdunkelt, mir
+die Wege ungekr&auml;nkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er
+hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab,
+&uuml;ber Stock und Stein bald links, bald rechts. &#8212; Weit hinten
+blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und
+quer des Geistes feur'ges R&auml;cherantlitz warnend mir erschien &#8212; warst
+Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner
+Liebe z&auml;rtlichstem Gebot, sangst: &#8222;Ein' feste Burg ist unser
+Gott, ein' starke Wehr und Waffen&#8220;&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ja, blicke nur
+besch&auml;mt &#8212; er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf
+einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und l&auml;&szlig;t's uns
+wohlbehagen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Da&szlig; diesem l&uuml;gnerischen Streben der
+Stab gebrochen werde, &#8212; in mir das letzte Opfer ihm gefallen!&nbsp;.&nbsp;.
+Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben
+und nicht der M&uuml;he werth es zu erhalten! Gl&uuml;cklich alle,
+die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, k&uuml;hn die wenigen
+K&ouml;rnlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen
+wissen!&nbsp;.&nbsp;. Ich bin m&uuml;de sein morsches Kreuz noch l&auml;nger
+fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden h&ouml;re
+auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er rei&szlig;e,
+eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem
+Frommen, so bin ich ausges&ouml;hnt, &#8212; vergebe den Gewissenlosen,
+die als Spielball schn&ouml;den Eigennutzes, lachend von
+Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren
+dumpfen W&ouml;lbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> So h&ouml;rt' ich Dich noch nie! &#8212; Welchem
+f&uuml;rchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein
+Herz! &#8212; Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die
+heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun
+morsch zusammen, gleich dem Ger&uuml;st des stolzesten Tempels,
+von der unsterblichen Himmelsflamme vergl&uuml;ht!?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ehrw&uuml;rd'ger Greis, vergebens ringen ewige
+Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen,
+vergebens, ihrer hei&szlig;ersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen
+zu unterwerfen! Wie es gewesen seit f&uuml;nftausend
+Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen
+und verlieren, wird, selber sich in's B&ouml;se kehrend,
+aus edlem Eifer fort und fort sein &auml;ltres Werk dem j&uuml;ngeren
+zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er
+zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb
+auf der Verzagten Seite, die abgeh&auml;rmt vom blassen Gram
+des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens sch&ouml;nsten Inhalt
+sich betrogen f&uuml;hlt und mir nun weise r&auml;th, die Welt zu
+nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, &#8212; dem Zufall
+zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntni&szlig; und
+an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im
+Uebrigen Gott walten l&auml;&szlig;t, die Herzenskammern wohl verriegelt,
+das Christliche, die allgemeine Br&uuml;derschaft, Freiheit
+und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (l&auml;chelnd) &#8212; als
+Mittel zur Umsch&uuml;ttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher
+der s&uuml;&szlig;e Genius sich zu Boden senkte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich h&auml;tt's schon
+lange wissen sollen und anders st&uuml;nd' es jetzt! Die Nemesis,
+des Irrthums strenge R&auml;cherin, w&auml;r' nicht beschworen, ihr
+flammendes Gescho&szlig; auf uns zu schleudern!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Beim Himmel, nein!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Erforscht' ich je Dein Herz, so
+wird es schwer Dir fallen, sie zu vers&ouml;hnen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich mach's getreu den klugen F&uuml;chsen nach,
+die sich aus Eifer f&uuml;r das allgemeine Wohl in einen frommen
+Schaafpelz h&uuml;llen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm
+Arm, dem&uuml;thigen bu&szlig;fertigen Schritt's allt&auml;glich nach dem
+Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger
+Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen B&ouml;rsenraum, ein
+jedes W&ouml;rtlein ihres s&uuml;&szlig;en Odems mit Priesterbalsam w&uuml;rzen
+und gottgef&auml;lligen Spr&uuml;chen, als wie &#8222;unrecht Gut gedeiht
+nicht; Jedem das Seine; ehrlich w&auml;hrt am l&auml;ngsten; selig
+die reines Herzens sind&#8220; &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert, Albert!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Lass' ihn!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff'
+in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrw&uuml;rdigen
+der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein
+schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> O w&auml;r' mein Name dann bereits
+vergessen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Menschenha&szlig;, Eigend&uuml;nkel, Ehrgeiz, Selbstsucht,
+Neid &#8212; unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt
+versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen
+Liebe, welche Hirten zu K&ouml;nigen erhebt und die Pforten
+des festesten Gewissens nach Willk&uuml;hr &ouml;ffnet und schlie&szlig;t.
+Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern
+S&auml;ulen als Ihr Glaube an &#8212; an &#8212; ich wei&szlig; nicht woran!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Aus der Seele mir gesprochen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens</b> (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer die Welt mit Deinen Augen
+sieht, mu&szlig; unsrer echt katholischen Kirche sich zu F&uuml;&szlig;en legen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie ist die einzige Br&uuml;cke zum verlornen
+Paradies.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Traun, ich halte Dich beim Wort.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (ihre Hand sch&uuml;ttelnd). Was thu' ich nicht um
+meines Engels Frieden!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Willst Du mit Deinem Vater in
+die H&uuml;tte?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet
+keinen stillern Platz f&uuml;r sie als hier, an meiner Brust! &#8212; Ich
+beschw&ouml;re Euch, weilt!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Fasse &#8212; halte &#8212; leite mich, Vater&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Geht Dir der Athem aus auf halbem
+Wege?! &#8212; Die Bagatelle, Vater, welche Euch erz&uuml;rnt, bleibt
+in unserm und in Questenberg's Interesse den Lauschern
+fremd. &#8212; Wovor deswegen Anstand nehmen?! &#8212; Marie,
+kannst Du f&uuml;r ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt,
+den einz'gen Freund verachten, welchen die Natur, das
+Schicksal Dir gesandt!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Vierte Scene.</h4>
+
+<p><b>Frau Ziemens. Albert.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich, Albert. &#8212; Gewalt
+st&uuml;rmt nicht die Schranken ihres Herzens.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Memme! Memme!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Geduld, mein theurer Freund.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ehrt sie die Tugend mit Verdammni&szlig;! &#8212; &#8212; Oder
+denkst Du, ich bin ein Sclav' des Elends, nahm das
+schn&ouml;de Geschenk ohne Bewu&szlig;tsein von Verdienst? Auf zu
+Questenberg, Memme; dort h&ouml;r', welch' christlich Werk den
+Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erh&ouml;ht?!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt
+sich etwas.)</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wo ist sie? &#8212; fort &#8212; sie ist fort?! &#8212; Ihr
+war's m&ouml;glich &#8212; sie konnte &#8212; Ich allein! grausam &uuml;berliefert,
+&uuml;berlassen der H&ouml;lle?! &#8212; Das endet nimmer gut,
+bleichsichtige Giftmischerin &#8212; (Ein Messer ziehend.) Teufel
+und Engel tauschen ihre Masken &#8212; die sanftm&uuml;thige Taube
+wird zur Hy&auml;ne&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohin Albert?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ihr die Schande k&uuml;rzen!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> H&uuml;lfe! H&uuml;lfe! Weh, mein Kind!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (nachdem er sich losgerungen und bis an die Th&uuml;re
+des Hauses geeilt, &ouml;ffnet sich dieselbe pl&ouml;tzlich und in wei&szlig;em Gewande
+tritt ihm Marie entgegen). Gott &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie</b> (feierlich). Hier hast Du mein Herz.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (l&auml;&szlig;t zur&uuml;ckschaudernd das Messer fallen). Gott &#8212; entfloh'st
+Du meiner Brust!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht!
+(verschwindet.)</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Besinne Dich, guter Sohn. (Sie
+st&uuml;tzt ihn, und er steht geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt.
+Pause. Die Scene erhellt sich wieder.)</p>
+
+<p><b>Albert.</b> &#8212; &#8212; Mildw&auml;rmend durchbricht die himmlische
+Sonne den n&auml;chtigen Nebel, froh athme ich auf: &#8212; es
+war nur ein Traum, ein f&uuml;rchterlich geheimni&szlig;voller
+Traum&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Vergeblich s&auml;nn' ich ihn zu deuten &#8212; drum
+sei er schnell, schnell vergessen!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Vertrau' der Zeit, die uns mit
+Klugheit r&uuml;sten wird und Mitteln, die Thorheit zu besiegen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Welch' Gesang &#8212; ? Der wilde Klaus!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Er kommt hierher &#8212; schon winkt
+er uns. (Geschrei aus der Ferne.)</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und
+wenn's schon sechs Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte
+Nacht ihm ein sch&uuml;tzend Dach versagte &#8212; </p>
+
+<br />
+
+<h4>F&uuml;nfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Klaus</b> (singend). So leben wir, so leben wir, so leben
+wir alle Tage, so leben wir alle Tage, in &#8212; <i>Bon jour
+monsieur, madame</i> &#8212; Wir nicht hatten <i>depuis long-temps</i>
+die Vergn&uuml;ken &#8212; <i>Re&ccedil;evez mes compliments</i>.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Was bringst Du, altes Wrack? &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Eine weltersch&uuml;tternde Nachricht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Es wird
+&uuml;ber unser <i>pass&eacute;</i> endlich Justiz gehalten.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wie Du wei&szlig;t, war ich noch nie in Frankreich;
+sprich daher ordentlich deutsch.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> <i>Le plaisir de vous voir</i> mir haben verr&uuml;ckt
+die Kopf und lassen <i>oublier notre belle langue allemande</i>&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du kommst mich zum Besten halten.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> <i>Patience, monsieur</i>.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> <i>Mille pardons</i> &#8212; ich werde sprecken &szlig;o kut
+ik gann. N&uuml;ckst Euk &szlig;oll &szlig;ein verschw &#8212; w &#8212; wiegen! <i>Mon
+Dieu! ces maudits mots me coupent la</i> Kurkel &#8212; <i>j'&eacute;touffe</i>&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wie gro&szlig; des Sch&ouml;pfers G&uuml;te an solchem
+Ungeheuer!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Seine Fratzen sind unertr&auml;glich.
+(Sie will gehen.)</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine
+Million reich! &#8212; Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung
+bewundert ein gro&szlig;er, gro&szlig;er Mann &#8212; Nicht unser Muckerl&auml;ndchen &#8212; das
+freie g&ouml;ttliche Amerika erzeugte ihn. Schlekt
+nur er barlen duht <i>notre langue</i> und ik in dieser Stadt
+<i>de la sagesse chretienne</i> der Einzike <i>&agrave; trouver</i> welcher
+m&auml;chtik der Sprak <i>du monde</i>.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr sagt von einer Million &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus</b> (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek
+auf ein rentables Fabrikchen eingetragen &#8212; </p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Bei!?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> &#8212; Frau Hoffnung! &#8212; Hier die Verschreibung.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren &#8212; ihrem
+Besuch &#8212; schleunigst &#8212; erfreuen &#8212; Johnson &#8212; &#8212; Das
+ist ein Possenspiel.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (hinzuf&uuml;gend). Den traurigen Albert wider Willen
+zu erheitern.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vergebliche M&uuml;he &#8212; zu sp&auml;t!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Weshalb dies wegwerfende Mi&szlig;trauen, he?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt
+Dich bei dem rechten Namen.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hum, sie hei&szlig;t mich einen Auss&auml;tzigen, nicht
+weil ich an der Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen
+Wirkungen ihres Lichts aussetzte. &#8212; Ziehe Dir das
+zu Gem&uuml;the, tiefdenkender, erhaben f&uuml;hlender, gro&szlig;herzig
+strebender Freund und st&uuml;rze Dich nicht eines Mi&szlig;verst&auml;ndnisses
+wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums
+auf die heidnische Erde. &#8212; Ich bin unschuldig wie das
+Lamm Gottes, das die S&uuml;nde f&uuml;r uns alle tr&auml;gt!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ja, ich that Dir Leides &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus</b> (die Hand sch&uuml;ttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf
+da&szlig; mir einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene)
+Ach, es steht jetzt viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel!
+Mein Verdienst Dich zur Unsterblichkeit gef&ouml;rdert zu haben,
+belohnte sich wohl durch etliche tausend Th&auml;lerlein&nbsp;.&nbsp;. Zweitausend
+f&uuml;nf hundert stopften mir schon die Kinnbacken &#8212; aber
+dreitausend h&uuml;lfen noch meinen uners&auml;ttlichen Durst
+l&ouml;schen, &#8212; nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte
+von dreitausend w&uuml;rde mich inde&szlig; so recht <i>t&ecirc;te-&agrave;-t&ecirc;te</i> bei
+meinem Sch&ouml;pfer zur Tafel laden. Ich moderirte sachte &#8212; sachte &#8212; leise &#8212; leise &#8212; nach
+der reichen Tellerzahl mein
+roth-politisches Hei&szlig;hungerchen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Er geht auf den Zehen
+an eine Bank und setzt sich behutsam.) S&auml;&szlig;e dann, die Beinlein
+aufgesperrt, das B&auml;uchel t&uuml;chtig angem&auml;st', ein T&ouml;nnchen
+Bairisch an der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit
+graue Nebel vor mir her. Bespr&auml;che hochgespannt des
+Staates G&uuml;t' und M&auml;ngel und balancirte &#8212; balancirte die
+Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt mich
+zu Boden neigte &#8212; zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo
+schon so mancher deutsche Ehrenb&uuml;rger &#8212; bescheiden seiner
+Heldenthaten &uuml;berm&auml;cht'gen Rausch verschlief!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ein frommer Wunsch.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (aufspringend). Erf&uuml;ll' ihn mir.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter
+Bote, so sei gewi&szlig;, da&szlig; ich im heiligsten Gef&uuml;hl der Dankbarkeit
+mich eher selbst als Dich vergesse.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hoppheisa juchhe! &#8212; Frau Mutter, werden
+Sie noch die Jungen anhetzen, Steine nach mir zu werfen
+und &#8222;wilder Klaus&#8220; zu schreien, he? Oder passire ich jetzt
+die Revue und bin ein anst&auml;ndiges Sch&ouml;ppschristel pfarrherrlicher
+Ehrbarkeit?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich finde Ihr Benehmen mit Albert
+des besten Freundes w&uuml;rdig und gestehe, da&szlig; Sie mich
+au&szlig;erordentlich besch&auml;men.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (tanzt, klopft die Tasche und singt:)</p>
+
+Bei wem das Geld im Beutel klingt,<br />
+Die Seele aus dem Fegfeuer springt.<br />
+
+<p><b>Albert.</b> Halt, halt! noch klingt es nicht.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend
+in einige verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten
+sie nichts eiliger zu ersinnen, als ein &#8222;kreuzige, kreuzige!&#8220;
+mir auf den Buckel zu kreiden. Und so kam's, da&szlig; der b&ouml;se
+Feind moralisirender Heuchelei und eitler Schw&auml;che dies bei
+jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich kehrte,
+bis ich so tief in Mi&szlig;kredit sank, da&szlig; das w&auml;rmste aller
+christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und
+Arbeit geben mochte. Ich w&auml;re gleich einem abgepeitschten
+Klepper an der Landstra&szlig;' elend verschmachtet, wenn der
+gute Genius des Rechts und der Billigkeit noch l&auml;nger die
+superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert h&auml;tte. &#8212; 's
+ist ein verk&uuml;mmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem
+der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt!
+Brrr &#8212; fahr's nur ganz nieder zur H&ouml;lle! Th&ouml;richt, wer
+sich ihm widmet und f&uuml;r Freiheit wahrhaft schw&auml;rmt! &#8212; Gut,
+da&szlig; ich aus dem Gr&ouml;bsten bin!&nbsp;.&nbsp;. Ich, ich werde den
+Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die W&auml;nde malen
+und in's Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure
+Hoffnung!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein
+gegebenes Versprechen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Albert &#8212; verzeih', da&szlig; ich ein Herz besitze,
+welches in Erw&auml;gung gewisser Dinge &uuml;bersch&auml;umt&nbsp;.&nbsp;. 's ist
+ein Krampf, der &#8212; der die Brust schn&uuml;rt und Gedanken
+mir eingiebt &#8212; Gedanken, Albert, ach! ich mag keine verrathen;
+die alte Frau k&ouml;nnte schamroth werden.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (ihn an seine Brust dr&uuml;ckend). Steckt doch ein
+guter, guter Kerl in ihm! &#8212; Ja, Du kommst ein gottgesandter
+Bote, mich zu tr&ouml;sten und erheben, Du, Du &#8212; wer
+h&auml;tt's gedacht! mein tief versto&szlig;ner Bruder!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ich an Deiner Stelle, Albert, &#8212; benutzte
+die Million <i>in spe</i> f&uuml;r M&ouml;rser und Bomben; w&uuml;rde Rekruten,
+r&uuml;stete ein standfest Heer &#8212; f&uuml;r Geld ist Alles feil,
+Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und
+Treue! &#8212; und er&ouml;ffnete dann eines sch&ouml;nen Morgens mit
+dem Hause Questenberg den Krieg; z&ouml;ge vor das Schlo&szlig;,
+verl&auml;se die christlichst angefertigten Artikel und fragte, ob
+man unsers Glaubens werden wollte &#8212; Wenn Nein die
+Antwort &#8212; bum, bum, pau, pau, piff, paff&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Gedanke
+elektrisirt mich, Albert. M&ouml;chte mich dabei in Glorie
+zeigen; m&ouml;chte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem
+Kreuz, wei&szlig;prangenden Federhuts, staatsretterlich gekniffenen
+Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, da&szlig; seine Kunst
+zu Ende&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Kann Dich der Geldsack begl&uuml;cken? Wozu
+n&uuml;tzt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu
+Jahr vermehrt? Bist Du gew&ouml;hnt im S&uuml;ndenpfuhl des Reichthums
+vom Mark der Menschheit geistlos zu schmarotzen?
+Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens sichre Rente!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Du giebst mir herrliche Ideen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich
+werde Deinem Rath entsprechen, doch in meiner Weise.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Heil Brutus Dir!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr &#8212; 's ist
+jetzt die Zeit. Mich dr&auml;ngt's dem fremden G&ouml;nner aufzuwarten. &#8212; Frau
+Mutter, ein W&ouml;rtlein in Begleitung.
+(Mit ihr am Arm ab.)</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft,
+persiflirt er singend hinter ihnen her).</p>
+
+<i>Allons, enfants de la patrie &#8212; hi, hi,<br />
+Le jour de gloire est arriv&eacute;: &#8212; he, he.<br />
+Contre nous, de la tyrannie &#8212; hi, hi,<br />
+L'etendard sanglant est lev&eacute; &#8212; he, he&nbsp;.&nbsp;.</i><br />
+
+<p>(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_4II'></a><h3>Abtheilung II.</h3>
+
+<p>Das Vorzimmer des gro&szlig;en Festsaales aus dem zweiten Akt.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Sechste Scene.</h4>
+
+<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b> (Im Gespr&auml;ch.)</p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> &#8212; Ich glaube selbst, da&szlig; sich f&uuml;r den
+Augenblick bei der <i>haute-finance</i> nichts ausrichten l&auml;&szlig;t &#8212; Aber
+ich kenne Schneider, Schuster, Schl&auml;chter, K&auml;thner, die
+<i>petit &agrave; petit</i> h&uuml;bsche S&uuml;mmchen in ihrer Bettlade anh&auml;uften
+und f&uuml;r gute Worte herumzubringen w&auml;ren. &#8212; Wenn
+Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht
+zumuthen, in die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen &#8212; nein,
+Sie schreiben vornehm einige Zeilen blos und &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich bin nicht Questenberg, dem's
+gleichgiltig ist, wo und wie er zu Credit kommt.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit Ihrer Subtilit&auml;t!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie werden mich in seine Fu&szlig;stapfen
+nicht dr&auml;ngen. &#8212; Ich &#8212; ich nehme von Niemandem Geld auf
+blindes Vertrauen; verpf&auml;nde Keinem mein Wort wenn ich
+ohne Sicherheit bin.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit feinem L&auml;cheln). Der Schlag von
+Neapel l&auml;hmte Ihre K&uuml;hnheit und Sie zweifeln am Gl&uuml;ck?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Am Gl&uuml;ck des Lottospielers! &#8212; Treten
+wir unter die Gl&auml;ubiger.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie geben verloren den armen Mann?!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> F&uuml;r keinen Leichtsinnigen werf' ich die
+Ehre in den Loostopf.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> O wie verschieden die menschlichen Herzen
+sind! &#8212; Da&szlig; ich Sie besch&auml;me, Herr Blashammer &#8212; (h&auml;lt
+ihn fest.)</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Herr Regierungsrath?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich hol' Ihnen die Castanien aus
+dem Feuer &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (sieht ihn verwundert an).</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine alte Tante, die nicht mehr lange
+zu leben hat und ohne leibliche Erben ist, stellt mir f&uuml;r den
+aller&auml;u&szlig;ersten Nothfall einen Theil ihres bedeutenden Verm&ouml;gens
+zur Verf&uuml;gung &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Questenberg steckt zu tief in Schulden,
+wurde von der Concurrenz zu weit &uuml;berfl&uuml;gelt!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie meinen &#8212; ?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Er krankt an einem unheilbaren Krebs,
+der uns ansteckt &#8212; sagen wir gut f&uuml;r ihn.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber die neuen Webest&uuml;hle.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Versuche im Gro&szlig;en stellen zweifelhafte
+Resultate heraus &#8212; Ich prophezeite es Ihnen schon.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Konnte mich Questenberg hinter's Licht
+f&uuml;hren!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Der Schelm? hi, hi, hi &#8212; ich achte
+Ihren guten Glauben und schweige.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Verzweiflung blendete ihn; er
+t&auml;uschte mich absichtslos.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Es tr&ouml;ste Sie.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bemitleiden wir ihn! &#8212; Als Sie
+noch in den Windeln der Gesch&auml;fte steckten, erwies er Ihnen
+manchen wichtigen Dienst, denken Sie daran.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> M&ouml;chte ihm tausendfach vergelten, aber
+aber, &#8212; &#8212; (nachdem er auf und nieder gegangen) Wenn wir
+uns associirten, Herr Regierungsrath, &#8212; die Concursmasse
+den Gl&auml;ubigern abhandelten, so billig als m&ouml;glich! &#8212; und
+den Gaudieb als unsern Commis figuriren lie&szlig;en, he?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (nach einer Pause des Erstaunens). Hm &#8212; ihm
+und uns w&auml;re damit geholfen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie geben das Geld Ihrer alten
+Tante und ich meinen Kopf?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Kein &uuml;bler Anschlag.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Lohnt's?</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so
+ist's das h&ouml;chste Freundschaftsst&uuml;ck guter Christen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ueberlegen Sie.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein Schiffbr&uuml;chiger klammert sich an
+alles, was ihn auf den Fluthen tr&auml;gt! &#8212; Wir sind einig.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sieh da, vor Thoresschlu&szlig;.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Siebente Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Questenberg</b> (ein gro&szlig;es Buch unter'm Arm).</p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Fort!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nicht hier, sondern unter den Leuten,
+wo seine Seufzer sich weniger Luft machen d&uuml;rfen. (Beide ab.)</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vieles k&ouml;nnte ich sagen, was mir
+Mitleid erwirbt &#8212; nichts, was mich entschuldigt&nbsp;.&nbsp;. D'rum
+ist's angemessener, ich schlage das Buch schweigend auf &#8212; O
+Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Achte Scene.</h4>
+
+<p><b>Questenberg. Albert. Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Albert.</b> Wir treffen ihn noch! &#8212; Kehr' schnell zur&uuml;ck,
+dem Amerikaner es zu melden.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Der Schurke verdient's nicht! unger&uuml;hrt, ungebessert
+bleibt er und lacht &uuml;ber Deine Gro&szlig;muth nur
+frohlockend sich in's F&auml;ustchen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Geh, eile.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Du verkennst die Welt und spottest der Fr&uuml;chte
+Deines Genie's.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Willst Du mich erz&uuml;rnen.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> &#8212; Der Schw&auml;rmergeist wird sich an Dir
+r&auml;chen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Niemand entrinnt seinem Schicksale!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Neunte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wer hemmt mich an der Pforte des
+Verderbens.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ihr treuer Diener.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Kannst Du keinen Credit schaffen, so
+geh' mir aus dem Wege.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vielleicht kann ich's, mein Gebieter &#8212; Verweilen
+Sie nur einige Minuten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du kommst mich verh&ouml;hnen &#8212; ich les'
+es in Deinem Gesicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Dir geschah Unrecht? Wirf nur
+ab die falsche Larve.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister,
+erwiesen mir so viel Lieb' und G&uuml;te, da&szlig; ich h&ouml;chlichst
+erstaune. &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Schlange!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ihr Argwohn entsetzt mich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (nach kleiner Pause mit erk&uuml;nstelter Ruhe).
+Verk&uuml;nde, was Dich herf&uuml;hrt.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Im Augenblick erscheint vor Ihnen &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Ich bilde mir ein, da&szlig;
+Du mein Freund bist, Albert.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nun denn, im Augenblick erscheint?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ein gro&szlig;er Fabrikant aus den vereinigten
+Staaten &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (ungl&auml;ubig). Ah!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Dem ich unsere neuen Webest&uuml;hle zu zeigen
+die &#8212; K&uuml;hnheit hatte.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> So! hm! &#8212; Und sie fanden seinen
+Beifall?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> In solchem Grade, da&szlig; er sich gleich erbot,
+als er von Ihrem Ungl&uuml;ck h&ouml;rte &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wirklich &#8212; sieh! ah! der Zufall f&uuml;gt
+oft Wunderdinge &#8212; r&auml;thselhaft erscheint mir blos&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das &#8212; eines
+Mannes von b&ouml;sem Gewissen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du t&auml;uschest Dich wohl nicht.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Willst es wissen?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich w&uuml;nschte von Ihnen den besten Glauben
+zu behalten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest betrogen, &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie scherzen!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> unterdr&uuml;ckt, &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Pfui.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> tyrannisirt!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sollten Sie so schlecht sein?! &#8212; O mein
+Gebieter!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Der bin ich nicht mehr. &#8212; Pack' Dich
+fort.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben
+Sie &#8212; man kommt &#8212; Ihr Retter! &#8212; Glauben Sie mir
+nun?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du machst mich toll, Albert.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Klaus. Johnson.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Johnson.</b> Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren
+Sie pereits. &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich traute den Ohren nicht, mein
+Herr&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (Setzt ihm einen Stuhl vor). Haben Sie doch die
+G&uuml;te&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (sich niederlassend). Ihre neuen Webest&uuml;hl'
+keh&ouml;ren zu ten vorz&uuml;gliksten Leistungen unsres Jahrhunterts
+und erwerpen dem Erfinder, ter, wie Herr Albert mir versichern
+daht, Sie allein sind &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (macht eine Verbeugung, indem er &auml;ngstlich
+Albert ansieht).</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> ten erhapensten Zoll der Pewunterung.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (murrt).</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Ihr Name wird nepen den gr&ouml;&szlig;esten Wohld&auml;htern
+der Menschheit kl&auml;nzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Herr Sie &#8212; Sie&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (bei Seite.)
+Ich wei&szlig; nicht, was ich sagen soll! &#8212; (laut.) Mu&szlig; ein
+Fremder mir Trost und Hoffnung bieten &#8212; (bei Seite.) Mir
+spuckt das wie'n M&auml;hrchen im Kopfe! (laut.) Trost und Hoffnung
+bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde
+L&uuml;gen strafen!</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> 's ist alde Erfahrung, mein Herr, ta&szlig; unter
+Freunden oft Eifersucht, Mi&szlig;kunst, Neid die glare Quelle der
+Erkenntni&szlig; tr&uuml;ben! (<b>Questenberg</b> seufzt.) Man sich wohl
+beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt zu mi&szlig;creditiren?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ja &#8212; ja wohl!</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Man Sie peschuldigte m&uuml;&szlig;iger Spielereien,
+verterblicher Exberimentesucht &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Man that's.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> &#8212; was Sie in den Ruf eines schlechten
+Kesch&auml;ftsmanns prachte.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nat&uuml;rlich.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen
+Genien des Fortschritt's! &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (springt vom Stuhl auf).</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Der Herr hat keine Zeit &#8212; Zur Sache,
+wenn's kef&auml;llt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich kann mir den Albert nicht erkl&auml;ren!
+(setzt sich.)</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Auf die Erfintung pin ick eine Million zu
+wagen pereit. &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> So &#8212; ah!</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.)
+Wenn tas ken&uuml;gt, mein Herr, &szlig;o steh' ick zu Tiensten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Vollkommen gen&uuml;gt's, mein Herr &#8212; Schon
+achtmalhunderttausend&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wie kann ich aber erwarten,
+da&szlig; Sie mir solch' Vertrauen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist,
+was Sie w&uuml;nschen.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (indem er den Albert verwundert ansieht).
+Ich, ich wei&szlig; nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Sehen Sie nur hierher.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (bei Seite). Er verzieht keine Miene&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Ohne Umst&auml;nde, mein Herr.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Sie bringen mich au&szlig;er Fassung, mein
+Herr.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Nehmen Sie, mein Herr.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (bei Seite.) Keine, keine Miene!&nbsp;.&nbsp;.
+(laut.) Wie? gleich jetzt? ohne gerichtliche&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Solche
+Summe!?</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nein, g&uuml;tiger Herr, nein &#8212; 's ist hier
+nicht Mode. &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen,
+bestellte ich den Notar, der drau&szlig;en wartet.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Um Verzeihung &#8212; sehr brav! sehr
+brav! Ruf' ihn, braver Albert. (Sich freudig in die H&auml;nde
+reibend; bei Seite.) Der Einfaltspinsel blieb unschuldig&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an,
+Bruder&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Du willst ihn schamlos triumphiren lassen!?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Behindre mich nicht.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Keinen Schritt weiter.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Bei den Achttausend, die ich Dir versprach.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ich schenke sie Dir &#8212; Alles was menschlich!</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Meine Herrn&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Was &#8212; giebts &#8212; Kinder.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Der Bube kam von Sinnen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (zu Johnson.)
+Ihnen theilte ich schon die Gr&uuml;nde mit, weshalb er den
+Spleen nicht los wird, da&szlig; die Erfindung des Herrn Questenberg
+mein Eigenthum sei.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr
+Johnson.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Lieper Herr Klaus&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wenn's sich anders verh&auml;lt, als ich Ihnen
+auseinandersetzte, so straf' mich der Teufel.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> K&ouml;nnen Sie sich st&uuml;tzen auf Peweise.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Es f&auml;llt schwer, denn der Treulose verleugnet
+alles; dessenungeachtet&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Aber er mu&szlig; wohl am pesten wissen &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Herr Johnson, sein Gem&uuml;th verkehrte sich in
+Tollheit und er ist nicht Meister seiner Handlungen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter.
+(Er sagt Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe
+klingelt. Ein Bedienter erscheint, empf&auml;ngt Befehle und eilt wieder
+ab.)</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie
+ped&uuml;rftiger als er.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Was!</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Reden Sie kein tummes Zeug weiter&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Sch&auml;men Sie sich was!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Wer l&auml;ugnet's, allein &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus</b> (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist
+mu&szlig; Recht bleiben!</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Schon kut, toch &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's
+Gesicht &#8212; </p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Keine Injurien, Herr Klaus.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Pah, ich f&uuml;rchte mich nicht vor ihm, &#8212; mit
+mir ist die heilige Macht der Wahrheit.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Ihr Petragen wird kanz abscheulich.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (zu herbeieilenden Bedienten). F&uuml;hrt den
+Menschen in die frische Luft und macht ihm Umschl&auml;ge&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Die mach' ich Euch, Schurken &#8212; wagt mich
+anzutasten!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer
+Erlaubni&szlig;?</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Uepen Sie nur Hausrecht &#8212; er ist ein
+unkezogener Pupe.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme
+nicht.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit.
+(Man knebelt ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst
+Du des Freundes M&uuml;h'! H&auml;tte ich das gewu&szlig;t &#8212; doch
+Gott befohlen!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Eilfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Albert.</b> Verzeihen Sie dem armen S&uuml;nder, mein
+g&uuml;tiger Gebieter.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Er wu&szlig;te nicht, was er dhat, &#8212; dragen
+Sie's ihm nicht nach.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Schuldigermaa&szlig;en sollte ich ihn auf
+der Polizei durchpr&uuml;geln lassen.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekr&auml;nkt.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Was meinen Sie, ta&szlig; solch' unansehnliker
+verkommener Keselle Ihnen schaden k&ouml;nnte &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es ist gut, mein Herr &#8212; Ruf' den
+Notar, Albert.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Lassen Sie, lassen Sie &#8212; Ick habe f&uuml;r
+heut' keine Zeit mehr und porge Ihnen das Geld bis morgen
+auf's planke Angesicht.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich wei&szlig; Ihr Vertrauen nicht hoch
+genug zu sch&auml;tzen.</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (das Geld ihm gebend). Z&auml;hlen Sie die
+Summe kef&auml;lligst nach.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es w&auml;re wohl &uuml;berfl&uuml;ssige M&uuml;he.</p>
+
+<p><b>Johnson</b> (den Hut nehmend). M&ouml;chten wir ein paar
+kl&uuml;ckliche Kesch&auml;ftsfreunde werten und viel Heil und Segen
+zusammen ernten.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich habe keinen sch&ouml;nern Wunsch.</p>
+
+<p><b>Johnson.</b> Auf Wiedersehen &#8212; Ihr erkepenster Tiener.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zw&ouml;lfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Johnson.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein guter Albert, welchen Dienst
+leistetest Du mir! &#8212; nicht unbelohnt darfst Du von hinnen;
+erbitte Dir eine Gunst.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie besch&auml;men mich.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Fordre die H&auml;lfte der Fabrik &#8212; fordre
+sie ganz! &#8212; Erweise mir die Freundschaft!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie wissen, da&szlig; ich von Ihren Anerbietungen
+keinen Gebrauch mache &#8212; </p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Frei von Verstellung bin
+ich &#8212; glaub's mir, Albert&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Willst Du den Reingewinn
+der neuen Webest&uuml;hle im ersten Jahr?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wie kann ich so viel wollen!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Morgen empf&auml;ngst Du's schriftlich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Ach, w&auml;r's mir verg&ouml;nnt, Dich gl&uuml;cklich zu machen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Scherz bei Seite.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> 's ist zu sp&auml;t!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Was hast Du?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr
+heilt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nahmst Du Schaden in der Liebe?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie ging mir verloren!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Deine Braut &#8212; zufolge?</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Der Schmach von Ihnen mir aufgeb&uuml;rdet!&nbsp;.&nbsp;.
+Erbleichen Sie nicht mehr, Gott hat gerichtet!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nimm &#8212; diese Summe geh&ouml;rt Dir!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> .&nbsp;.&nbsp;. Das heilige Evangelium lehrt uns die
+Missethat hassen &#8212; nicht ihre botm&auml;&szlig;ige Hand, die ein blindes
+Glied am K&ouml;rper unserer Menschheit ist &#8212; Ich verzeihe
+Ihnen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du! Du!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der
+mit dem Apostel sich eitel r&uuml;hmt: seht, alles duldete ich zur
+Erl&ouml;sung aus der S&uuml;nde, ich lie&szlig; mich von Euch &uuml;bervortheilen,
+verleumden, entehren, mit F&uuml;&szlig;en treten, in Ketten
+schlagen und nun stehe ich da, abget&ouml;dtet in meiner Leidenschaft,
+gleichgiltig f&uuml;r irdische Freuden, gebrochenen Herzens &#8212; ein
+verkl&auml;rter Geist, zu dessen F&uuml;&szlig;en ihr Euch im Staube
+kr&uuml;mmt!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Das sprichst Du ironisch nur. &#8212; Entlaste
+mich dieses Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich ges&auml;'t:
+Qualen der H&ouml;lle!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Denken Sie an die tausend nothleidenden
+Familien, die ihnen Arbeit, Gesundheit und Leben zum
+Opfer brachten und unverantwortlich sind f&uuml;r die Schuld,
+in welche Ihr Fall sie st&uuml;rzt!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Geh', bezahl' die Gl&auml;ubiger in meinem
+Namen &#8212; mir fehlt die Kraft.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Auch das noch? &#8212; Traun, ich bin kein
+Pharis&auml;er und Schriftgelehrter, der das Christenthum nur
+mit der Zunge &uuml;bt!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Lass', lass' &#8212; ist's eine Strafe f&uuml;r
+mich, so mu&szlig; ich's thun.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wohin gehst Du?</p>
+
+<p><b>Albert</b> (zeigt nach Oben).</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Oh!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich vollendete und trage mein Kreuz auf
+den Golgatha!&nbsp;.&nbsp;. War's Ihnen Ernst eine Gunst mir zu
+erweisen, so sorgen Sie f&uuml;r mein Begr&auml;bni&szlig;; ich w&uuml;nschte
+an keinem unanst&auml;ndigen Orte unseres Kirchhofs zu ruh'n.
+(Er will geh'n.)</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht
+fort &#8212; H&uuml;lfe!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf
+die Brust setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> O das ist entsetzlich!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der
+Feigheit berauscht, zittern vor dem Tode; M&auml;nner voll Freiheitssinn
+und Rechtlichkeit eilen ihm freudig entgegen! (ab.)</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Bring' ich den Gl&auml;ubigern das Geld
+und verfolge seine Spur!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dreizehnte Scene.</h4>
+
+<p>Die Vorh&auml;nge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer
+langen Tafel die Gl&auml;ubiger.</p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wohlan, liebe Herren, ein Wunder.
+(Er wirft das Geld auf den Tisch.)</p>
+
+<p><b>Alle.</b> Geld&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. ah! ah!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden,
+all' meine Verpflichtungen, alles was Sie verlangen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Meinen herzlichsten, unaussprechlichsten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich bin krank,
+liebe Herren &#8212; vertheilen Sie unter sich die Summe und
+gestatten, da&szlig; ich mich wieder zur&uuml;ckziehe.</p>
+
+<p><b>Erster Gl&auml;ubiger.</b> Ihr edles Gem&uuml;th f&uuml;hlt sich
+durch unsre Maa&szlig;nahme verletzt.</p>
+
+<p><b>Zweiter Gl&auml;ubiger.</b> Sie z&uuml;rnen uns.</p>
+
+<p><b>Erster Gl&auml;ubiger.</b> H&auml;tten wir gewu&szlig;t oder geahnt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Bleiben Sie ruhig &#8212; Was mein
+Inneres bewegt gilt Ihnen nicht &#8212; doch ich baue auf Ihre
+Nachsicht &#8212; meinen unterth&auml;nigsten Diener.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Vierzehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Questenberg.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Erster Gl&auml;ubiger.</b> Ein kurioses Benehmen!</p>
+
+<p><b>Zweiter Gl&auml;ubiger.</b> Fein &uuml;berlegt, fein studirt!
+Er h&auml;ngt uns einen dicken Zopf an.</p>
+
+<p><b>Erster Gl&auml;ubiger.</b> Teufel, wir waren zu leichtgl&auml;ubig.</p>
+
+<p><b>Zweiter Gl&auml;ubiger.</b> Einen Mann von seinem Ruf,
+von seiner Bedeutung zufolge einiger B&ouml;rsenger&uuml;chte mir
+nichts dir nichts zur Erkl&auml;rung zu dr&auml;ngen!</p>
+
+<p><b>Erster Gl&auml;ubiger.</b> Den dummen Streich brockte uns
+Blashammer ein.</p>
+
+<p><b>Zweiter Gl&auml;ubiger.</b> Suchen wir eine schickliche Gelegenheit
+ihm das Geld zur&uuml;ckzugeben, denn er wird es wohl
+n&ouml;thig haben. (Einige bem&auml;chtigen sich der Summe und fangen
+an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)</p>
+
+<br />
+
+<h4>Funfzehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Beten wir: Herr f&uuml;hre uns nicht mehr
+in Versuchung!&nbsp;.&nbsp;. Mir schwimmt's schwarz und wei&szlig; vor
+Augen, denke ich &#8212; (kopfsch&uuml;ttelnd) Der infernalische Plan
+h&auml;tte mich doch, h&auml;tte mich doch &#8212; Oh, was ist der Mensch
+in einer ungl&uuml;cklichen Lage!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Als Politiker, als Staatsmann
+bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht,
+da&szlig; die Noth die Mutter aller Laster sei.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Von wo er nur das Geld hat!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Frage regt mir das Herz nicht
+auf, wohl aber eine andere! Was fange ich nun mit dem
+Capit&auml;lchen an? Wo bringe ich's unter; wer nimmt's mir
+ab?! &#8212; Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt
+ihr die neue!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich bin bereit sie auf mich zu laden.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (erschrocken bei Seite). Da&szlig; ich meine
+Zunge nicht bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr
+Blashammer.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich kann das Capit&auml;lchen gut brauchen.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel G&uuml;te.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie wollen sich unn&ouml;thig bel&auml;stigen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich Ihnen sage, da&szlig; ich's gut
+brauchen kann!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft &#8212; Ich
+seh's Ihnen an.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zehn Prozent.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel f&uuml;r einen guten Christen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zw&ouml;lf Prozent.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Danke, danke.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bem&uuml;hen Sie sich nicht weiter.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Zwanzig Prozent.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> M&auml;&szlig;igung.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> F&uuml;nf und zwanzig Prozent.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher
+Stimme). Da hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne
+Err&ouml;then? Ist das Geld des Schwarzk&uuml;nstlers besser als
+meins? (f&uuml;r sich) Wem er's nur abjagte!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Kapit&auml;lchen erwischt kein Kaufmann,
+kein Spekulant und Fabrikant mehr; lieber vergrab'
+ich's, lieber werf' ich's in einen Brunnen! Ach, ehe man
+sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht mehr Schmerz
+als die drei M&auml;nner im feurigen Ofen!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie beschimpfen meinen Stand.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (zur&uuml;ckbebend). Durchaus nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sie halten mich f&uuml;r einen Gauner.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Keineswegs&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (bei Seite.) Gut, da&szlig;
+hier Leute sind.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> F&uuml;r einen Betr&uuml;ger.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um Vergebung&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (bei Seite.) Wie
+werde ich den Aufdringling los.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Erkl&auml;ren Sie sich gemessener.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich
+halte Kaufleute bl &#8212; bl &#8212; blos f&uuml;r unsich &#8212; chere Menschen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Eines einzigen Schurken wegen.</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (f&uuml;r sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es
+giebt keinen ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte!
+ah!</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (die F&auml;uste geballt). Wegen der Verleumdung
+sollten Sie sich gerichtlich verantworten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (stampft w&uuml;thend mit dem Fu&szlig;).</p>
+
+<p><b>v. Zitterwitz</b> (dadurch in die Flucht getrieben). &#8212; Unsauberer!
+wer mehr Schurke ist, ob er oder Sie, steht in
+Frage!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (ab.)</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> &#8212; &#8212; Von wo er nur das Geld
+hat! &#8212; Gescheitert in Neapel, gescheitert hier! Meine
+Verluste sind unersetzbar; der Gram t&ouml;dtet mich!</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Funfter_Akt'></a><h2>F&uuml;nfter Akt.</h2>
+
+<br />
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_5I'></a><h3>Abtheilung I.</h3>
+
+<p>Zimmer im Hause Blashammers.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Erste Scene.</h4>
+
+<p><b>Adelgunde</b> am Klavier; nach einer Pause tritt der <b>Doctor</b> auf.</p>
+<br />
+
+<p><b>Adelgunde</b> (im Spiel ungest&ouml;rt fortfahrend). <i>Bon jour</i>,
+treten Sie nur n&auml;her.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mit Ihrer g&uuml;tigsten Erlaubni&szlig;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Setzen Sie sich.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Fr&auml;ulein spielt eine himmlische Symphonie.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Wie geht's bei Ihnen zu Hause?</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Da schwoll die S&uuml;ndfluth der Gl&auml;ubiger
+meines Herrn Papa pl&ouml;tzlich so stark an, da&szlig; ich f&uuml;r
+gut hielt, das Haasenpanier zu ergreifen, um in Ihrer freundlichen
+Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde endet das Spiel.)
+Unterbrechen Sie sich nicht.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater wird hoffentlich Alles zum
+Besten wenden.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> W&auml;re seine Kraft noch so gesund als
+sein guter Wille!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich erstaune &#8212; was soll ich h&ouml;ren?</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Das Terrain ist mir g&uuml;nstig &#8212; Ich
+werde mich in der Position halten! (laut.) Weihte
+er Sie in seine Mysterien nicht ein?</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich bin ganz unwissend &#8212; Seit dem
+Tage unserer Verlobung h&ouml;rt' ich kein Wort von ihm; verdrie&szlig;lich
+war er und in hartem Kampf mit sich selbst.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Wer kann's ihm &uuml;bel nehmen! Ach,
+da&szlig; ich's Ihnen berichten mu&szlig;! &#8212; Auch sein Schifflein
+Fortunens gerieth auf den Strand!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Sie erf&uuml;llen mich mit Schrecken.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich hab's aus seinem Munde&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Die hohen Potentaten brachen mit ihm &#8212; und Sie ahnen,
+was das hei&szlig;t! &#8212; weil er das Feuer der Revolution heimlich
+sch&uuml;ren half.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Weh!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete
+er die Banditen Europa's.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> O Grauen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ich f&uuml;rchte, es kostet ihm nicht blos
+das Verm&ouml;gen, sondern auch die Freiheit.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater in den Thurm!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Vielleicht mit Ketten an H&auml;nden und
+F&uuml;&szlig;en! Sein Versehen ist politischerseits unverzeihlich&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Und welche Zukunft erw&auml;chst daraus f&uuml;r uns! Wir treten
+in eine harte Ehe&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ach!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Unter diesen traurigen Umst&auml;nden haben
+Sie noch Lust &#8212; Nimmermehr!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein Ehrenmann h&auml;lt Wort.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Verdoppeln Sie Ihr Ungl&uuml;ck nicht. Ich
+gebe Ihnen den Ring zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (drohend). Fr&auml;ulein!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts
+wird Ihnen schon sauer genug fallen.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Sie hegen eine geringe Meinung von
+mir.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Unsere Zeit ist in allen Beth&auml;tigungen
+mit &uuml;berfl&uuml;ssigen Kr&auml;ften erf&uuml;llt und bei dem Mangel gro&szlig;er
+volksth&uuml;mlicher Unternehmungen, einer sittlich entnervenden
+Concurrenz verfallen, die dem an Anstrengungen von Jugend
+auf Gew&ouml;hntesten, fast aller Orten das Leben zur Plage
+macht.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Pah, ward ich unter einem gl&uuml;cklichen
+Sterne geboren, so kann die Zeit gut oder schlecht sein &#8212; Uebrigens
+bau' ich auf eine heil'ge Sache!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ihre Redekunst.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein,
+o Theure, auf die Liebe, von der man sagt, da&szlig; sie dem
+Menschen das bitterste Geschick angenehm vers&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p><b>Adelgunde</b> (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Ein echtes Kind unseres Volks scheint
+selten was es ist!&nbsp;.&nbsp;. Kalt, gleichg&uuml;ltig, sp&ouml;ttisch, versch&auml;mt
+stellt es sich, wenn's in seinem Busen g&auml;hrt und brennt &#8212; </p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Sie bilden mir Unsinn ein.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Zu welchem Zweck! Traun, da naht
+Ihr armer Vater &#8212; urtheile er selbst, ob mich ein anderes
+Interesse f&uuml;r Sie begeistert, als das rein menschliche&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Doch horch!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zweite Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Blashammer</b> (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's
+Berg ab!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Verstehen Sie? &#8212; Still!</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (f&uuml;r sich). Vergo&szlig; ich meinen Schwei&szlig;
+umsonst! Bleibt mir f&uuml;r alle Plage kein Bros&auml;mchen!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Spiele ich noch falsch mit Ihnen?</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (f&uuml;r sich). Der dumme Streich kostet
+viel! Schon seh' ich mich aus dem hohen Rath versto&szlig;en,
+unter die Kleinkr&auml;mer der Vorstadt versetzt!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Tr&ouml;ste Dich, Vater!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> O Tochter, an mir ist Hopfen und
+Malz verloren.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ich werde Dir die Bibel lesen &#8212; Soll
+ich?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Vergebne M&uuml;h' &#8212; sie ersetzt mir
+meine Sch&auml;den nicht&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Was macht der hier?&nbsp;.&nbsp;. Ich
+dachte, unsere Freundschaft l&ouml;s'te sich gem&uuml;thlich auf.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Gott lenkt oft anders als der Mensch
+denkt.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Meiner Seel', wir waren nicht wenig
+erstaunt, als Ihr Vater heute in unsere Versammlung trat,
+mit gebrochener Stimme, gleich einem tief Gekr&auml;nkten stammelnd,
+&#8222;hier, Alles was ich schulde bis zum letzten Heller,
+vertheilt's unter Euch&#8220; &#8212; und die Summe von achtmalhunderttausend
+Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus
+der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll
+Pfeffern&uuml;sse auf den Tisch warf&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach,
+w&auml;r's doch der Fall!</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (rafft das Geld vom Tisch und h&auml;lt's ihm
+vor). Sehen Sie da, er hat mich nicht mehr n&ouml;thig.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Mit List will er mich aus
+dem Felde schlagen &#8212; Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal
+versuchten Sie mich unw&uuml;rdigen Mi&szlig;trauens voll, auf
+entehrende Proben zu stellen. Sch&auml;tzte ich in Ihnen einen
+minder achtbaren Mann und w&auml;re meine Leidenschaft f&uuml;r
+Fr&auml;ulein Adelgunde nicht die hei&szlig;este, welche je eines Menschen
+Brust gehegt, so w&uuml;rde ich verzagt zur&uuml;ckweichen und &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus &#8212; (Adelgunde
+an die rechte Hand nehmend.) Ziehen wir
+uns von dem Hanswurst zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich
+empfing Ihr Wort und Fr&auml;ulein meinen Ring.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wir sind quitt! &#8212; Was zauderst
+Du, Tochter.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Fr&auml;ulein bleibt&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Gnade!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Noch geh&ouml;rt mir der Titel dieses
+Hauses &#8212; Sogleich will ich ihm mein Recht beweisen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+He, Bediente.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen, bring' uns nicht in's &ouml;ffentliche
+Gerede&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Er kam her, mich zu verh&ouml;hnen.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Du irrst.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Woher wei&szlig;t Du's?</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Mir sagt's das Herz.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Er!</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Ja.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Kind, das setzt meinen Ueberraschungen
+die Krone auf.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Glaub's mir.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (lachend). Die Welt kehrte sich um &#8212; nur
+ich allein blieb unver&auml;ndert.</p>
+
+<p><b>Adelgunde.</b> Welches andere Interesse d&uuml;rfte ihn noch
+f&uuml;r mich begeistern, als das reinmenschliche?</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler!
+(bei Seite.) O wie r&auml;cht sich die L&uuml;ge!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Dritte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ah, ich suche Dich nicht hier, mein
+Sohn.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Verzeih', hast Du bezahlt?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Der Himmel wurde mein Gl&auml;ubiger.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist
+dahin &#8212; rette ich nun ihren Schein!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte
+nicht Ruhe im Bett; das Gewissen trieb mich zu Dir.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Nimm g&uuml;tigst Platz; das Stehen
+greift Dich an.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln
+haben.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nur das,&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sieh' mein Freund,
+bei dem pl&ouml;tzlichen Umschwunge der Verh&auml;ltnisse, gebietet's
+die Vernunft, Religion, Sitte&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Nicht weiter.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Du bist einsichtsvoll genug &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich begreife Alles.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Es beleidigt Dich in keiner Weise,
+da&szlig; &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Sei unbesorgt.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Unsere Freundschaft wird &#8212; </p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Du h&auml;ttest deswegen ruhig im Bette
+bleiben k&ouml;nnen &#8212; Falls Du Dich erk&auml;ltetest, messe mir keine
+Schuld bei.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (sich vom Sessel erhebend). Will's denn
+Gott.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wir sind ganz im Reinen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ein andermal erz&auml;hle ich Dir, auf
+welche wunderbare Art der Allm&auml;chtige mich aus den Fallnetzen
+neidischer, habs&uuml;chtiger, arglistiger Menschen erl&ouml;s'te.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Unter der Sonne findest Du Keinen,
+der Dich teilnehmender anh&ouml;ren wird.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> S&ouml;hnchen, Du begleitest Deinen kranken
+Vater.</p>
+
+<p><b>Blashammer</b> (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit
+Adelgunden zuvor die Ringe auszutauschen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Erf&uuml;lle des Freundes Bitte, S&ouml;hnchen.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung,
+denn wie mich die Tochter versichert, soll sich bei ihm
+Scherz in Ernst verwandelt haben.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend).
+Schau', Papa, und verstumme.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Du zwangst mich zu dieser Wahl und
+nun f&uuml;gte es mein Schicksal, da&szlig; ich in Fr&auml;ulein eine mir
+w&uuml;rdige Lebensgef&auml;hrtin entdeckte.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Steht es so!</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Der verschlagendste Speculant t&auml;uscht
+sich in jugendlichen Herzen.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Reichen wir uns denn br&uuml;derlich die
+Hand und segnen das junge Paar.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ich kenne das Leben nicht mehr!&nbsp;.&nbsp;.
+(Zum Doctor). Treten wir in den Prunksaal, die G&auml;ste zu
+erwarten, welche ich zur Feier unserer Vers&ouml;hnung sogleich
+laden lasse&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Nicht heute &#8212; ein andermal.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Ist Deine Krankheit unerbittlich.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ich leide grenzenlos und habe noch
+ein Gesch&auml;ft, zu dem ich die H&uuml;lfe des Sohnes beanspruchen
+mu&szlig;.</p>
+
+<p><b>Der Doctor.</b> Bin dabei.</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! &#8212; Ich
+w&uuml;nsche denn beiderseits Lebewohl.</p>
+
+<p><b>Blashammer.</b> Gl&uuml;ckliche Besserung.</p>
+
+<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand k&uuml;ssend). Theures
+Fr&auml;ulein, einen Ku&szlig; f&uuml;r tausend&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Adieu&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Auf baldiges
+Wiedersehen&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Adieu! (Die beiden Partieen mit Complimenten
+nach verschiedenen Seiten ab.)</p>
+
+
+
+<hr style='width: 65%;' />
+<a name='Abtheilung_5II'></a><h3>Abtheilung II.</h3>
+
+<p>Aermlicher Garten an der H&uuml;tte des Vater Ziemens. Seitw&auml;rts
+eine Stra&szlig;e.</p>
+
+<br />
+
+<h4>Vierte Scene.</h4>
+
+<p><b>Frau Ziemens. Vater Ziemens.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (hastig von der Stra&szlig;e). V&auml;terchen,
+V&auml;terchen! Bist Du da? Schnell heraus, eine schreckliche
+M&auml;hr!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Pst, leise &#8212; Marie schl&auml;ft.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen
+haben. &#8212; Sieh'st Du wie lebendig die Stra&szlig;e wird?
+Alle Welt ger&auml;th in schaudernde Bewegung. Such' hurtig
+Stock, Hut, Wams, wir schlie&szlig;en den Leuten uns an.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' nur allein, ich h&uuml;te die
+Kranke. &#8212; Wu&szlig;te man des Ungl&uuml;cklichen Namen?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohl ist's ein Familienvater, den
+der Bankerott des Herren verzweifeln lie&szlig;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Sanft ruhe seine Asche.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Wir allesammt k&ouml;nnten dem Beispiele
+folgen. (ab.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Des St&auml;dtchens schwacher Gemeinde
+w&auml;r's ein Dienst! &#8212; Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig
+lange Jahre um fremden Menschen jetzt zur Last zu fallen! &#8212; Ach,
+h&auml;tt' ich doch kein Kind!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Horch, die Gartenpforte
+knarrt &#8212; Wer kommt? &#8212; Waren Sie im Park?</p>
+
+<br />
+
+<h4>F&uuml;nfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Vater Ziemens. Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Klaus.</b> Nein, aber dichtbei &#8212; hatte eine Scene, ach,
+eine Scene, guter Alter, die ihres gleichen sucht!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich merke! &#8212; (mitleidig l&auml;chelnd.)
+Wohl ging's mit der Erfindung schlecht, wohl lie&szlig; der Amerikaner
+euch hart abfallen? &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Denken Sie das nicht! Albert re&uuml;ssirte, viel
+Geld gab's, viel, viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler,
+baar auf der Hand, sch&ouml;nste Banknoten, vollg&uuml;ltigste Papiere &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Aber &#8212; ?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Haben Sie ein paar Heller bei sich?</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Nein &#8212; wozu?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Krambambuli zu kaufen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock
+ab?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gl&auml;schen
+Bittern verlangt's blank vorausbezahlt!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird
+das in Zukunft werden! &#8212; Nun, ich will mal' die Haushaltung
+revidiren &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Thun Sie das, eilen Sie! Je gr&ouml;&szlig;er die
+Flasche, desto angenehmer, und wenn's ein Fa&szlig; ist, wie das
+Heidelberger, so rollen Sie's nur heraus! ich leere es im
+Bewu&szlig;tsein &#8212; nicht zu den schw&auml;chsten Gliedern unsers
+starken Volkes zu geh&ouml;ren! (Will ihn in die H&uuml;tte schieben.)</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Halt, nichts gewaltsam! &#8212; Wenn
+der Albert soviel Geld erhielt, weshalb gab er Ihnen denn
+keinen Deut?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Sie sollen's erfahren &#8212; erst Krambambuli
+herbei!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln
+mich &#8212; ?!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Versuchte ich das schon einmal.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen;
+die Welt kennt Ihr Treiben!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Pfui, auch Sie &ouml;ffneten gewissenlosen Nachreden
+das Ohr?!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> So weit Freund Albert damit einverstanden.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Freund Albert! &#8212; Alterchen, einen Menschen,
+der sich vom gemeinsten Gauner g&auml;ngeln, aussaugen, betr&uuml;gen,
+unterdr&uuml;cken l&auml;&szlig;t, erkl&auml;re ich unzurechnungsf&auml;hig &uuml;ber
+mich zu urtheilen.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Sie werden abscheulich, Klaus.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Was ich nicht blos gestern, sondern schon
+lange behauptet, behaupte ich heute erst recht!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Kennen Sie den Spruch, was Du
+nicht willst, da&szlig; Dir die Leute thun, das thue ihnen auch
+nicht?</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (keck). Ja wohl!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Traun, so rechtfertigen Sie die
+schreiende Anklage.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (nachdem er sich verlegen in den Haaren gew&uuml;hlt,
+mit erk&uuml;nsteltem L&auml;cheln.) Da&szlig; Sie's noch immer nicht glauben! &#8212; Nun
+denn, wir brachten's zu Tage, wir entlarvten den Elenden,
+heute &#8212; eben &#8212; &#8212; ich komme vom Schlo&szlig;! (bei Seite
+mit ironischem L&auml;cheln.) Mu&szlig; l&uuml;gen, um wahr zu sein!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Wirklich, Klaus.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ja, wirklich!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert entlarvte &#8212; ward wirklich
+betrogen!?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Betrogen, wirklich betrogen!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Jesus, was erlebt man alles!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ah, und wie r&auml;chte sich daf&uuml;r Albert!</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Sagen Sie doch.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Er betrog den saubern Patron wieder, indem
+er sich vom saubern Patron wieder betr&uuml;gen lie&szlig;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Das hei&szlig;t &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ah, 's ist ein feines St&uuml;ckchen wie Sie seh'n.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> F&uuml;rwahr, denn ich begreife noch
+nichts davon.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Albert verleugnete seine Meisterschaft, f&uuml;hrte
+zum saubern Patron den Amerikaner, lie&szlig; es sich gefallen,
+da&szlig; derselbe 800,000 Thaler, sage 800,000 Thaler f&uuml;r die
+Erfindung &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Unm&ouml;glich!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! &#8212; Ich
+gerieth au&szlig;er mir, protestirte mit L&ouml;wengebr&uuml;ll, bat, drohte,
+beschwor die Geister des Himmels und der Erde, umsonst!
+Kalten L&auml;chelns stand der Wahnwitzige da, gab treulos mich
+dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken preis,
+duldete, da&szlig; man mir &#8212; </p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Genug! &#8212; Wo weilt Albert, f&uuml;hren
+Sie mich zu ihm!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Noch ist er wohl auf dem Schlo&szlig;.</p>
+
+<p><b>Vater Ziemens.</b> Kommen Sie, kommen Sie, unter
+meinen Augen erfand er den Webestuhl, ich bezeug's vor
+Gott und den Menschen, mir soll er's nicht leugnen!</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (im Abgehen). Wahrheit du siegst!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Sechste Scene.</h4>
+<br />
+
+<p><b>Marie</b> (sauber gekleidet, &#8212; wild erregt geht sie einige Male
+auf und nieder). &#8212; Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm &#8212; seine
+Zukunft retten und kr&auml;nktest seine Hoffnungen &#8212; sein
+Gl&uuml;ck und stie&szlig;est ihn in's Verderben! Was thatst Du,
+Ungl&uuml;ckselige! Und noch zur Kirche, noch beten willst gehen!
+Wer thront &uuml;ber deinem Haupte, wer lenket, f&uuml;hret dich!
+Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein
+himmlischer, vers&ouml;hnender Geist! &#8212; O keinen Schritt, kehre
+um, bleibe heim! Hinweg, th&ouml;richtes Buch! Als sorgloses
+Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt schl&auml;gst die Wunde nur
+tiefer, an der ich blute!&nbsp;.&nbsp;. (Volksget&ouml;se.) Was bedeutet das?
+Welch' ein Haufe Volks w&auml;lzt sich die Stra&szlig;e herauf! Auch
+M&uuml;tterchen dabei?</p>
+
+<br />
+
+<h4>Siebente Scene.</h4>
+
+<p><b>Marie. Frau Ziemens. Albert</b> (in einem Korbe getragen).</p>
+<br />
+
+<p><b>Marie.</b> Was geschah! &#8212; Wen bringest Du?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (zu den Tr&auml;gern). Setzt hier die B&uuml;rde
+nieder und habt tausend Dank, wackre M&auml;nner! &#8212; Ach
+Tochter, Du wardst f&uuml;r eine schwere Zeit geboren! &#8212; Doch
+erschrick nicht &#8212; bleib' standhaft &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ist's der alte Vater?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Nein, Tochter &#8212; (das Tuch abhebend.)
+Albert &#8212; Dein Albert! Still, halte Dich still &#8212; er lebt
+noch &#8212; wins'le, klage nicht &#8212; schone ihn &#8212; er bedarf
+z&auml;rtlichster Pflege &#8212; schone, schone ihn! &#8212; Ha, bereits regt
+er sich &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wie geht's Dir, mein Theuerster? &#8212; &#8212;</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Welche Stimme?</p>
+
+<p><b>Marie.</b> &#8212; Kennst Du sie nicht mehr &#8212; Traun,
+schlag' Dein Auge auf! Ich bin &#8212; bin Marie &#8212; die
+Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, unnat&uuml;rlich &#8212; blos
+um Dich zur Verzweiflung zu treiben &#8212; blos um Dich
+zu zermalmen &#8212; ja, blos, blos deshalb, Albert &#8212; den
+braven Eltern sich &#8212; als Verbrecherin sich &#8212; &#8212; &#8212; Albert,
+dem Doctor, &#8212; ich vergab ihm nichts! &#8212; Seine Versuchungen &#8212; ich
+wies sie ab &#8212; wies sie ab, Albert, wie es
+Deine &#8212; wie es meine Ehre gebot!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Tochter, o Tochter!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ach, wie blind, wie blind war ich!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sei's jetzt nicht, M&auml;dchen!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar &#8212; Du bist
+der Edelste der Edlen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Was &#8212; was versichert Dich dessen? &#8212; Sage
+nicht Dein Herz! das richtete &uuml;ber mich! &#8212; Sage nicht
+Dein Herz! &#8212; Wer Jahre lang die k&ouml;stliche Zeit m&uuml;&szlig;igen
+Spiels vertr&auml;umte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen
+zu erf&uuml;llen, die ein theures M&auml;dchen in ihn setzte &#8212; pl&ouml;tzlich
+das B&uuml;ndel packte und ging &#8212; dann wiederkehrte &#8212; wieder &#8212; auf
+Grund eines &#8212; o die Scham erstickt mir das
+Wort! &#8212; Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des
+Elends, ein schn&ouml;der Kuppler des Lasters und mu&szlig;te, mu&szlig;te
+verdammt werden! &#8212; Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl
+erkannte ich meine Schuld!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Eben, &#8212; s&uuml;hntest Du sie nicht!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in
+den Park &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> O Gott!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Aber nicht zu sterben wu&szlig;te &#8212; nicht zu
+sterben der Feige! H&auml;keliche Zweifel l&auml;hmten seine Hand
+und er &#8212; er verfehlte &#8212; verfehlte sich!&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Das f&uuml;gte der Allm&auml;chtige zu unserm Heil! &#8212; O
+richte Dich m&auml;nnlich auf, komm' unverzagt an meine
+Brust, vergi&szlig; in Liebe die Schmerzen, welche wir unter der
+Herrschaft einer verderbten, mi&szlig;g&uuml;nstigen Welt uns widerwillig,
+gezwungen bereiteten!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> M&auml;dchen, was sprichst Du! Wanken die
+Grundfesten Deiner Tugend; zehrt des Irrthums Schlange
+Dir am Lebensmark! Hinweg, sch&uuml;ttle sie ab; entfliehe meiner
+unheiligen N&auml;he! &#8212; &#8212; &#8212; O Frau Mutter, wohin brachten
+Sie mich! &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ha, das &#8212; das ist Rache! &#8212; </p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Er besinnt sich, Tochter; es wird
+noch alles gut!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Noch alles gut!? M&uuml;tterchen, seine Worte
+sind tief erwogen! &#8212; Ach, er hat mich nie &#8212; nie geliebt!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Reich' ihr die Hand der Vers&ouml;hnung,
+treib's nicht weiter! &#8212; O thu's f&uuml;r die alten Freunde, die
+in ihrem Leben noch keine, keine Freudenthr&auml;nen geweint! &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> La&szlig; ihn &#8212; der Stab ist gebrochen &#8212; frohlocke
+er nur!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Albert, bist Du taub!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich sage, la&szlig; ihn. &#8212; Erweise mir's zu Gefallen! &#8212; Ach,
+begreifst Du denn noch nichts?</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Sein Geist erkrankte gleich dem
+Deinen!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> M&uuml;tterchen, er verstellt sich, wie ich mich
+verstellte!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Er? &#8212; O Tochter!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Welches h&auml;kelichen Zweifels wegen verfehlte
+er sich wohl! (l&auml;chelnd) Dar&uuml;ber frage ihn aus, ich bitte!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens</b> (sich vor die Stirne schlagend, als w&uuml;rde
+ihr pl&ouml;tzlich ein R&auml;thsel gel&ouml;st). ... Sollte das m&ouml;glich &#8212; Aber
+nicht doch, Tochter, Du schw&auml;rmst!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Untersuche seine Wunde! Du findest keine &#8212; das
+Blut da an seinem Kleide ist falsches Blut! &#8212; Wollen
+wir wetten? &#8212; &#8212; O glaub' mir, ich durchschaue alles, die
+ganze Com&ouml;die! &#8212; &#8212; Gefehlt! gefehlt! &#8212; Mit dieser Kunst,
+armseliger Gaukler, bestichst &#8212; gewinnst Du mich nicht! &#8212; Nimm
+Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du
+geh&ouml;rst, ins Reich der Finsterni&szlig;! &#8212; &#8212; (Sie st&ouml;&szlig;t mit dem
+Fu&szlig;e an das Gebetbuch, welches sie vorher wegwarf). Was ist
+das? &#8212; Wie kommt das &#8212; das hierher.&nbsp;.&nbsp;. Ha, woran's
+mich erinnert! &#8212; Albert, Albert, ich rase! &#8212; Weh, hab'
+ich keine Vernunft, kein Ged&auml;chtni&szlig; mehr! &#8212; Sch&uuml;tze, o
+Mutter, sch&uuml;tze mich vor mir selbst!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. (F&auml;llt der Mutter
+bet&auml;ubt in die Arme.)</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Himmlische M&auml;chte, giebt's keinen
+Frieden f&uuml;r sie! &#8212; &#8212; &#8212; O nur herbei, wackerer Klaus,
+hier stieg die Noth auf's H&ouml;chste!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Achte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Klaus.</b> Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie
+von mir weder H&uuml;lfe noch Trost! Die Botschaft, welche ich
+bringe &#8212; doch zuvor geleiten wir die Jungfer in die H&uuml;tte &#8212; es
+wird f&uuml;r sie zu viel!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was mich noch treffen kann, ist nicht das
+Schlimmste mehr! Berichten Sie nur, Klaus!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner
+hatte den wundersamsten Erfolg &#8212; es kl&auml;nge uns, so wahr
+ich Klaus hei&szlig;e, ein Milli&ouml;nchen in der Tasche, ja, ja, ein
+Milli&ouml;nchen &#8212; </p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich verstehe nichts!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wer ist der Amerikaner?
+welches die Geschichte?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Frau Mutter wei&szlig; bereits davon.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr's zu erz&auml;hlen hielt ich f&uuml;r Narrheit,
+denn ich konnte nicht glauben, Klaus, nicht glauben &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles
+ging nach Wunsch und wider Erwarten&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Alles nach Wunsch!?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bis auf zwei Todte leider!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Zwei To &#8212; wie?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Den einen haben Sie schon, der andere ist
+unterwegs.</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer? &#8212; O sagen Sie!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster,
+entfernten Sie sich mit dem Vater &#8212; </p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Zu dienen.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wo blieb er!?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Beim Herrn im Schlo&szlig;, zu seinem &#8212; unserm
+unseligsten Verh&auml;ngni&szlig;!</p>
+
+<p><b>Frau Ziemens.</b> O mein Kind!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Beten Sie f&uuml;r ihn!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wahrlich, k&ouml;nnte man gleich ihm sich r&uuml;hmen,
+so athmete leichter das Herz! Er war ein frommer Dulder,
+hatte stets gro&szlig;e Gef&uuml;hle, sch&ouml;ne Gedanken, kr&uuml;mmte sich
+nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich im Pfuhle
+der Verdammni&szlig; und hungerte nach Staub! &#8212; Doch schirmt
+mich Geister!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Neunte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen ohne Frau Ziemens.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Marie.</b> H&ouml;rtest Du, Albert?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Er! oder nur sein Gespenst?!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Er selbst, Klaus! Die Kugel t&ouml;dtete ihn nicht.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Und so starb der Alte denn umsonst!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wirklich, ist's wirklich wahr!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! &#8212; Der
+edle Greis, dasselbe mir vor Questenberg bezeugend,
+wie's meine Ehre fordert, wird von der Kunde Deines
+Frevels &uuml;berrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet
+beklemmt: &#8222;verloren mein Kind!&#8220; und liegt entseelt mir
+im Arm.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> O schauder &#8212; schaudervoll!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> H&ouml;chst schaudervoll!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Gemach, Klaus! Keine Vorw&uuml;rfe, keinen
+Zorn! &#8212; Ihre Hand, braver Mann! &#8212; G&ouml;nnen wir dem
+Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die Vorsehung,
+welche nicht anders es f&uuml;gte!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Was bleibt ihm &uuml;brig in seiner Ohnmacht!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (wirft sich ihr zu F&uuml;&szlig;en).</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! &#8212; Welcher
+Gewinn, trotzten wir ferner unerforschlichem Rathschlu&szlig;!</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du s&uuml;hnst
+nicht anders das Geschehene!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Weh, wehe mir! &#8212; Ach, es straft mich h&auml;rter
+als der Tod &#8212; bricht meine Seele in tiefster &#8212; tiefster
+Brust! &#8212; Marie, Marie, unsere Sonne &#8212; dort ging
+sie unter!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr
+feurig Antlitz Dir von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau'
+dem Sch&ouml;pfer nur und seinen himmlischen Gesetzen, die
+er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige
+Wahrheit, welche feststeht! Wie auf K&auml;lte Hitze, Winter
+Sommer, folgt nach Trauer auch die Freude wieder! Ewigem
+Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und Erde, Thron und
+Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein k&uuml;mmerlicher Lazarus,
+nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit pr&auml;chtigen
+Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy,
+bei den ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt
+nur, Du spanntest jetzt die Segel straff, steuertest als echter
+R&ouml;mer, k&uuml;hn von Entschlu&szlig; und That, in Frau Fortuna's
+Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes Versprechen, da&szlig;
+ich am Lottospiel der B&ouml;rse mich betheiligen k&ouml;nnte &#8212; He,
+sollte zum Erg&ouml;tzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht
+in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes
+schnell erborgter F&uuml;lle, aller Weisheit feigen Schneckengang,
+aller Tugend unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose
+Predigt, geringsch&auml;tzig bel&auml;chelt! &#8212; Was meinest Du!
+Wenn wir sogleich uns auf die F&uuml;&szlig;e machten und retteten
+was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von Dir! &#8212; Darf's
+nicht um meinetwillen sein, so thu' es f&uuml;r Marie und
+ihre Mutter, der Du den sicheren Ern&auml;hrer raubtest! &#8212; Komm'! &#8212; Leih'n
+Sie ihm den Arm nur, Jungfer.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Wohin? errieth ich Ihre Absicht.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Nachher davon.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Klaus, Klaus, es ist zu sp&auml;t.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Das M&ouml;gliche niemals! Und wer da wei&szlig;,
+da&szlig; alles m&ouml;glich, achtet keine Stunde! Hurtig, Jungfer;
+folgt er in G&uuml;te nicht, so &uuml;ben wir Gewalt!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Wie ich Dir sage, Klaus.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam!
+Ohne Genugthuung f&uuml;r die mir zugef&uuml;gte Schmach entrinnst
+Du meinen H&auml;nden nicht! Ich schw&ouml;r's bei einem Buckel
+Schl&auml;ge Dir! Ja, ja, das merke!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Lie&szlig;e sich Geschehenes noch &auml;ndern!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bube, ich handle nach Gewissen!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Welch ein Erk&uuml;hnen!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit
+zu &uuml;ben!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und
+fordere ein Gleiches f&uuml;r ihn!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Das darf nicht geschehn.</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Sie sind ein Tyrann!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Ich w&uuml;rde mich zum Verbrecher an mir selber
+machen, erduldete ich schweigend, da&szlig; Jemand &#8212; und w&auml;r's
+mein Feind &#8212; schn&ouml;dester Spitzb&uuml;berei, wie der, zum
+Opfer fiele!</p>
+
+<p><b>Marie.</b> Ihre Verblendung ist gro&szlig;!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> So klein Ihre Erkenntni&szlig;!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund,
+und vermittle Dich mit uns'rer Ansicht!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit!
+Habe Dank, ich bin ein Heide, unempf&auml;nglich f&uuml;r solchen Tand!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Traun, so erw&auml;ge, da&szlig; die Achtmalhunderttausend
+bereits verschlungen wurden von den Gl&auml;ubigern!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bereits!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Sie waren just versammelt, als wir das Geld
+dem Herrn brachten.&nbsp;.&nbsp;. Das wei&szlig;t Du nicht?!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja,
+verlor'ne M&uuml;h' w&auml;r's, gingen wir die Schenkung widerrufen!
+Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr luftigen Schl&ouml;sser brechet
+zusammen, Klaus baute auf Sumpf! &#8212; Man sollte es aber
+nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,
+nennt edelm&uuml;thig unter Schurken &#8212; christlich! Entsagung
+pers&ouml;nlichen Vortheils, irdischer Freude &#8212; gottgef&auml;llig! Selbstmord &#8212; h&ouml;chstes
+Rechtthun! vern&uuml;nftig denken, bedeutsam
+wirken &#8212; ruchlos, verbrecherisch! das kalte Grab allein &#8212; Erl&ouml;sung
+aus S&uuml;nde und Elend! &#8212; O h&auml;tte doch ein Kind,
+das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren
+k&ouml;nnen, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es
+ein Fluch der menschlichen Natur, da&szlig; sie, je reifer, desto
+sinnbeth&ouml;rter wird! &#8212; Traun, Du warst Dir consequent bis
+in den Park; doch weil die Kugel Dich verfehlte, was weiter
+nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich dem gro&szlig;en M&auml;rtyrer
+hinab zur H&ouml;lle, dann gen Himmel fahren! &#8212; Bist Du von
+Gott gesandt, die Welt frisch zu ents&uuml;hnen, so sprich! wenn
+nicht, verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in
+den Schlamm, dem Du entkrochst!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich that es Freund, mit einem Herzen aber,
+das es leugnet! &#8212; Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von
+Licht und Nacht, schlepp' ich mein Leben unter Schmerzenskr&auml;mpfen
+weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein unerkanntes
+Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde fl&uuml;cht'ger
+Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! &#8212; Was hast Du&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Kehre Dich um und sieh!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Gott, Gott! &#8212; Wie findest Du das?</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Erst wissen, was er bringt.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam
+Du vergeblich rangst!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Zehnte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens. Questenberg u. Sohn.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wo ist der brave Mensch! &#8212; Ach
+liebster, bester Albert, ich feiere den hundertj&auml;hrigen Geburtstag,
+werde nun kahlk&ouml;pfig und in Kr&uuml;cken gehn.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Fast m&ouml;chte ich's behaupten.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Es reuete mich gleich &#8212; woher denn wohl
+zur Reue &uuml;ber diese Reue, der b&ouml;se Geist mir hindernd in
+den Weg trat!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> H&ouml;rst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Nein, nein, der sanfte Albert konnte sich nicht
+t&ouml;dten! &#8212; Ich erwog es reiflich; s&auml;umte deshalb L&auml;rm zu
+schlagen, hielt mich h&uuml;bsch zu Hause, h&uuml;bsch, h&uuml;bsch, h&uuml;bsch! &#8212; Ach
+mein Jesus, w&auml;r' ich aber nur gleich einem Rasenden
+durch Stra&szlig;en, Feld und Wald nach ihm h&uuml;bsch suchend
+umgeirrt und ausgewichen h&uuml;bsch dem finstern Zufall! Ach,
+ach, warum doch sind wir Menschen immer h&uuml;bsch gescheidt!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Es leiht den D&uuml;nkel uns, da&szlig; mehr wir
+seien als wir sind!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Zu ew'ger T&auml;uschung! &#8212; Weh,
+o weh! &#8212; Dieser alte w&uuml;rdige Mann! &#8212; Woher die
+Kraft mir kam, das zu bestehn!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Des Ungl&uuml;cks Schauder wachsen in die Ferne;
+unmittelbar ergreifen sie uns wenig!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wenn das der Fall ist, zittre ich und
+bebe! Mein armer Kopf will jetzt bereits &#8212; ein St&uuml;ndchen
+erst nach dem Ereigni&szlig; &#8212; in wilder Fiebergluth aus allen
+Fugen gehn!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache
+bleibet mir noch &uuml;brig?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Wie das, mein Goldfisch.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ruht nicht auf mir die gr&ouml;&szlig;te Schuld!?</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Auf Ihnen!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ja oder nein &#8212; gleichviel! ich messe sie mir
+zu, da ich so gut als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Albert, Albert, ich ward ein Anderer!
+Hier den Beweis! (Er zieht ein Portefeuille mit Geld aus der
+Tasche und reicht's ihm). Ein Theil der Gl&auml;ubiger, bereuend
+ihres Mi&szlig;trau'ns Ungest&uuml;m, gab mir das Geld zur&uuml;ck.</p>
+
+<p><b>Albert</b> (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen
+Herrenstolzes &#8212; nichts &#8212; nichts weiter! Ach, schaute ich
+den Grund von keiner That!</p>
+
+<p><b>Questenberg</b> (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen
+z&ouml;gert). Dem&uuml;thigen Sie mich nicht tiefer!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Ich lehnte es schon einmal ab.</p>
+
+<p><b>Klaus</b> (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Entledigen Sie mich der S&uuml;ndenlast!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Sei christlich!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken
+zur&uuml;ckbebt). Da! f&uuml;r Dich!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Alles!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin
+und h&auml;ufe mehrend es bis in den Himmel!</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Mit tiefer Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+(Umh&uuml;pfend und das Geld z&auml;hlend). Lauter giltige Papiere &#8212; f&uuml;nf &#8212; zehn &#8212; zwanzigtau &#8212; Kinder,
+helft! f&uuml;hrt zu den
+Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, da&szlig; ich den Mammon
+ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele
+zu Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich
+an etwas glauben und nun, nun bin ich dieser Lumpen
+Gl&auml;ubiger! &#8212; Wie abgegriffen und welch' Inbegriff! &#8212; Gift
+f&uuml;r den Staat und Medicin f&uuml;r mich! &#8212; Adieu, mein
+Bruder! Der Augenblick zu gro&szlig;en Unternehmungen ist
+g&uuml;nstig; ich reise morgen nach Paris und spekulire auf das
+Kaiserreich! Kommt es zu Stande, was der Himmel f&uuml;gen
+m&ouml;ge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir zur&uuml;ck
+und trage Sorge, da&szlig; Du bald den Herrn Questenberg
+hier spielst!</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Leb' wohl und bleibe der Du warst.</p>
+
+<p><b>Klaus.</b> Dein Freund auf ewig!</p>
+
+<br />
+
+<h4>Eilfte Scene.</h4>
+
+<p><b>Die Vorigen ohne Klaus. Abendd&auml;mmerung.</b></p>
+<br />
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ob Sie des Mitleids w&uuml;rdig oder
+der Bewunderung, ob Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet,
+zag' ich zu entscheiden.</p>
+
+<p><b>Albert.</b> Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr,
+bestehen meine Freuden.</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Ged&auml;chten Sie auch meiner dann in
+Gro&szlig;muth!</p>
+
+<p><b>Albert</b> (ihm ger&uuml;hrt die Hand sch&uuml;ttelnd). Verzeihung,
+ach, was w&auml;re das! ein leerer Schall! Nein, dienen wir
+fortan der Zeit als echte Menschen, streben ihrer kranken
+Glieder gro&szlig;e Noth durch gutes Beispiel, Rath und That
+zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen,
+welche unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Amen! Amen! Sie braver, wackerer
+Mann! Auf solch' ein bibelfestes Wort, komm her und reich'
+auch Du die Hand ihm! &#8212; So! so! so! Und nun, senke
+dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! &#8212; </p>
+
+<p><b>Albert.</b> Tr&auml;umen Sie von Paradiesesengeln!</p>
+
+<p><b>Questenberg.</b> Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig
+schwach zu Fu&szlig;&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Doch still, etwas verga&szlig; ich noch&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Hier, der Erstling unsres neuen Webestuhls! &#8212; Die Welt
+wird sich darin entz&uuml;ckt im Spiegel schau'n!</p>
+
+<p>(Albert nimmt das St&uuml;ck Zeug, welches Questenberg vor ihm
+entfaltet, wischt seine Thr&auml;nen damit und tritt zu Marie, die in
+des Doctors N&auml;he steht.)</p>
+
+<p><b>Albert.</b> M&auml;dchen! &#8212; Sieh, sieh her! &#8212; Der Stoff
+zum Kleide f&uuml;r die Hochzeit und &#8212; zur Todtenfeier Deines
+Vaters!&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.</p>
+
+<p>(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: &#8222;Platz da,
+macht Platz!&#8220; &#8212; Aus weiter Ferne k&uuml;ndigt sich ein Gewitter
+an. &#8212; Die Leiche des Vater Ziemens, auf einem goldenen Stuhle
+sitzend, wird von Questenberg's Dienern unter Fackelschein hinten
+&uuml;ber die Scene getragen.)</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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+The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Der Bankerott
+ Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten
+
+Author: Florian Mueller
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
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+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+Der Bankerott.
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+Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten
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+von Florian Mueller
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+Leipzig
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+Theodor Thomas.
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+1853.
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+Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und
+keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Buehnen wuerdig
+und geschickt ist, ueberlaesst er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr
+fuer seine Rechtfertigung oder Erlaeuterung zu sagen, erscheint ihm
+ueberfluessig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen
+und als Menschenfreund sah, wird sie aehnlich auffassen und in keiner
+Weise zweifeln, dass nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus
+in ganz analogen Verhaeltnissen, und von derselben Charactertiefe,
+existiren koennen.
+
+Neujahr 1853.
+
+FLORIAN MUeLLER.
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+
+ Ah! quand verrai-je enfin ma sterile patrie,
+ Reformer de son gout l'antique barbarie,
+ Offrir un doux asile aux beaux-arts negliges;
+ Rechauffer leur ardeur, dans son sein proteges,
+ Et, faisant refleurir l'esprit et le genie,
+ Rendre la gloire aux arts, et les arts a la vie?
+
+ _Frederic II._ (Epitre sur la liberte.)
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+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+
+
+Personen
+
+
+ QUESTENBERG, grosser Zeugfabrikant.
+ DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn.
+ BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant.
+ ADELGUNDE, seine Tochter.
+ V. ZITTERWITZ, Regierungsrath.
+ JOHNSON, Capitalist.
+ ALBERT, }
+ KLAUS, } Arbeiter Questenberg's.
+ VATER ZIEMENS, }
+ MUTTER ZIEMENS.
+ MARIE, deren Tochter.
+ Ein Saenger, Herren und Damen als Gaeste.
+ Bediente, Arbeiter, Volk.--
+
+Zeit der Handlung im Jahre 1850.
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+
+
+
+Erster Akt.
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+Abtheilung I.
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+Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schraenke mit Buechern, Akten,
+Modellen. An den Waenden haengen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau
+links, auf dem ein geoeffnetes Kontobuch liegt.
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+Abend, Licht.
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+
+Erste Scene.
+
+QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit
+von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind
+hoechstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant--
+
+QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der
+Unglueckliche gleicht einem Kranken, der immer groessere Hoffnungen an das
+Leben knuepft, je naeher er dem Tode rueckt . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Eine Million!
+
+QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _a la chinois_.
+
+V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Grossen und Reichen dieser
+Zeit speculiren!
+
+QUESTENBERG. Ich hoffte, dass die siegende Contrerevolution sie
+herausfordern wuerde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
+
+V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv!
+
+QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es wuerde wieder so gehen, wie nach der
+Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine
+brillante Epoche! Da schaeumte so manches Schweisstroepflein in den
+eifrigen Restaurationskuechen ueber den Kessel, kam denjenigen von uns
+Geschaeftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk
+ihrer Industrie danach zu haschen wussten.
+
+V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muss ein geheimer
+Demagoge sein, muss auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit,
+Genusssucht, Traegheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort,
+auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Buergerstandes
+und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich
+in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Praesident, Kaiser
+und Papst.
+
+QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000
+Thaler und Sie sollen ueber meine Demagogie erstaunen.
+
+V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
+
+QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _a la chinois_ statt
+fuer zwanzig Thaler, fuer zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde
+Kleid der "_l'etat c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall
+unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja fuer sie weder politische noch
+sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet!
+
+V. ZITTERWITZ. Zu spaet, zu spaet!
+
+QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.--
+
+V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hoeren.
+
+QUESTENBERG. Nach zwoelf bis funfzehn Tagen habe ich Webestuehle--frueher
+werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten
+arbeiten. . . . Niemand weiss davon, es bleibt Geheimniss.--Mit diesen
+Webestuehlen ueberfluegele ich alle Concurrenten, mache mich in kuerzester
+Zeit zum Millionaer!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren
+sehenden Augen Versuche an.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie haetten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen,
+die Boerse wuerde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf
+anzukraenkeln!--Das Buergerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst
+ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's fuer den
+Aufloesungsprozess unsrer veralteten Formen! Wer von jenen
+mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfaehige Barikade
+entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen,
+die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus
+zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und
+Dampfmaschinen bedienten, im Koerper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen
+Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, grosser franzoesischer
+Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines
+beruehmten Versailles heute beim mittelmaessigsten Werktagsmanne. Tritt in
+den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische
+und Stuehle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schraenke und Gestelle
+deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen,
+Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capricioesesten
+Maitressen nie gefehlt haben wuerden. Wohl rufst du betruebt: erhielt
+meine Herrlichkeit sich nicht laenger oben, bedurfte es nur zweier
+Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Koenige
+und den Koenig zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehoere dem besonnenen
+Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung desshalb die gebuehrende
+Aufmerksamkeit. Bewaehrt sie sich, so--seien Sie verstchert . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten
+und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu
+huldigen! . . . Apropos, wie stuende es mit den Zinsen, im Falle . . .
+
+QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
+
+V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine blosse Erfindung, so zu sagen,
+auf eine Idee sein schoenes Geld verleiht, koennte auch wohl zehn
+Procentlein verdienen?
+
+QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche--
+
+V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
+
+QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche
+Ihnen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen
+schriftlich abgemacht.
+
+QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ist schon spaet, man erwartet mich zum Nachtessen . . .
+(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thuere bleibt er sinnend
+stehn.) Der fatale Laerm an der Boerse! . . . Wuesste ich ein Mittel die
+Zweifel der Glaeubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten
+Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000
+Thaler sind fuer Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen
+eines Verschmachtenden . . . Verhaelt es sich nicht so? Wie lange fuettert
+mein Capitaelchen Ihre eisernen Riesen satt?
+
+QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage.
+
+V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein grosser Spielraum zur Abkuehlung der Koepfe
+unsrer Geldmaenner.
+
+QUESTENBERG. Sieht man morgen, uebermorgen und nachuebermorgen das Feuer
+meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben
+ergeben, dass es nur brodneidische Verlaeumdungen oder falsche
+Speculationen gewisser Leute waren, die--
+
+V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
+
+QUESTENBERG. Vorzueglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den
+Scheinheiligen unuebertrefflich.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer fuer einen kalten, ruhigen,
+ueberlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute
+ganz still verhielt. Man bestuermte ihn um seine Meinung, allein er wich
+der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner
+Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
+
+QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Buecher nicht aufschlagen.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine
+heirathsfaehige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
+
+QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste
+juristische Examen.
+
+QUESTENBERG. Ich hege laengst ein Project der Art, nur weiss ich's nicht
+auszufuehren. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so
+fuehlt er Absicht und weist mich beleidigt zurueck; ich verrathe ihm die
+Ohnmacht meiner Lage--
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu
+verdaechtigen der Ihr Wohlergehn wuenscht, gegen den Sie unfaehig sind, den
+schwaechsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld
+und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muss zu Stande kommen. Der
+Banquier darf uns nicht widerstehen.
+
+QUESTENBERG. Ich lege Glueck und Unglueck in Ihre Hand.
+
+V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche ueber
+Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rueckkehr an Ihren Herrn
+Sohn, und . . .
+
+QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an.
+
+V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt
+mich . . .
+
+QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jaehrlich fast so viel als ich
+morgen von Ihnen borge.
+
+V. ZITTERWITZ. Die grossen Staedte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe
+dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Muessiggaenger, Fantasten,
+Wolluestling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
+
+QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir faellt ein Mittel in den Sinn--'s
+ist durchaus nicht zu kuehn . . . Wenn ich uebermorgen oder spaetestens
+Sonntag ein recht grossartiges Fest arrangirte! etwa fuer zehn bis zwoelf
+Tausend Thaler--
+
+V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Glaeubiger sollen kommen
+und beschaemt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das ueppige
+Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und
+funfzig Musikanten--
+
+QUESTENBERG. Die sechzig Koeche und Kellner--
+
+V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert
+auf Borg die Meerkrebse--
+
+QUESTENBERG. Die Fasanen--
+
+V. ZITTERWITZ. Die Schildkroeten--
+
+QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern--
+
+V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das
+Porter Bier--
+
+QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den
+Mokka-Caffee--
+
+V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten--
+
+QUESTENBERG. Wir grossmaechtigen Maenner der Boerse?!
+
+V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?--
+
+QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschiessen und Kegelschieben, den
+Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle koestlichen Decorationen?
+
+V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwaermerischer Lieder,
+zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller
+kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Dass
+sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe
+fuer Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es muessten hoellische Dinge
+uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fraeulein Boerse seine
+Verlobung feierten!--Man soll dem Unglueck Trotz bieten bis auf den
+letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist
+moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Naehere, will's Gott.
+
+QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+
+QUESTENBERG (allein). Der alte Suender! Ich zaehlte auf ihn am wenigsten
+und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Waere doch jeder
+Glaeubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Gueter wie er,
+und ich haette keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir
+Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, dass kein edlerer
+Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten
+verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder
+zum Schreiben.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit
+reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber
+brodirten griechischen Muetze.)
+
+
+DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, dass ich in Ihr Heiligthum eindringe.
+
+QUESTENBERG. Was giebt's denn?
+
+DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
+
+QUESTENBERG. Ich komme.
+
+DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit?
+
+QUESTENBERG. Es dauert hoechstens noch ein Viertelstuendchen.
+
+DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschaeftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren
+seit Jahren getrennt, kaum hiessen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich
+hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewaehren zu
+koennen--aber wenn das so fortgeht, muss ich mich vollkommen unnuetz in
+Ihrem Hause fuehlen.
+
+QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem
+Modelleur 5400--ich hege kein Beduerfniss nach einem--fuer rafinirtes
+Brennoehl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
+
+DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu
+verlassen?
+
+QUESTENBERG. Weil ich nicht laenger zahlen kann . . . 9000
+Theertonnen--Fuehlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
+
+DER DOCTOR. Ich?
+
+QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Geruestbretter--
+
+DER DOCTOR. Lust? nein.
+
+QUESTENBERG. Du moechtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt
+umherschwaermen als Hans von Ohnesorgen?
+
+DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es wuerdiger als hier
+unter vergitterten Thueren und Fenstern den Judas von allem Schoenen und
+Sittlichen zu spielen.
+
+QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide
+20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermaehlen muessen . . .
+
+DER DOCTOR. Muessen?
+
+QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . .
+
+DER DOCTOR. Das heisst also, Sie wuenschen nicht mehr fuer mich zu
+bezahlen.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich
+noch lange bei mir auf der Baerenhaut halten!
+
+DER DOCTOR. Schoen.
+
+QUESTENBERG. Nicht wahr?
+
+DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermaehlen . . . Sie haben vielleicht
+eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
+
+QUESTENBERG. Fraeulein Blashammer.
+
+DER DOCTOR. Ah gratulire! (fuer sich schaudernd) Brrr . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Maedchen von vielseitigster Bildung.
+
+DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr).
+
+QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig
+franzoesisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich fuer
+Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst fuer Naturwissenschaft--dichtet
+Liebeslieder und Trinksprueche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit
+bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich
+nicht irre, sogar Kritiken fuer belletristische Journale . . . (Er steht
+auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
+
+DER DOCTOR. Darf ich eine aeussern?
+
+QUESTENBERG. Ich bitte.
+
+DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
+
+QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen
+etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage
+zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
+
+DER DOCTOR. Sie haetten keine Ruecksicht auf meinen Charakter nehmen,
+sondern nach Ihrem innersten Geschmacke waehlen sollen, folglich ein
+Maedchen, welches Sinn fuer das Haeusliche hat, mit den Maegden in der Kueche
+schaltet, Struempfe stopft, Hemden naeht und ueber jeden Pfennig sorgsamst
+Buch fuehrt, ein Maedchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld,
+Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden,
+Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glueck!
+
+QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verruecktheit so vernuenftig oder aus
+Vernunft so verrueckt.
+
+DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er
+in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich fuer
+Sie aus Paris mit. 's ist die beruehmte Schutzzollrede Ihres
+Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben.
+Moege die Lectuere Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit
+meiner Ankunft gaenzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
+
+QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die grossen Staedte
+seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Eine aermliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund
+steht ein Modell.
+
+
+Vierte Scene.
+
+ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von
+KLAUS.
+
+
+KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, dass er Dich mit
+einer Aussicht auf eine Anstellung vertroestet?
+
+ALBERT. Es sind drei Jahre, dass er mir drei Stunden taeglich von der
+Arbeit schenkt . . .
+
+KLAUS. Welche Gnade!
+
+ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des
+gemeinen Mannes grossmuethiger unterstuetzt?
+
+KLAUS. Haette ich Deine Finger--ah, ich saess' laengst in Paris oder London
+und scharrte das Geld haufenweis, ungezaehlt . . .
+
+ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die
+faehiger und geschickter sind als ich . . . Man muss Deine Einfalt
+aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie
+von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der
+Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der
+Akademie--Machten Sie Reisen nach den groessten Fabrikstaedten
+Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant wuerde Augen
+machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene
+Gerechtigkeit, aber bin ueberzeugt, dass er mich besser stellen wird,
+sobald ich ein Verdienst besitze.
+
+KLAUS. Giebst Du mir fuenfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von
+hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
+
+ALBERT. Hier?
+
+KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem
+Modell zu irgend einem grossen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen
+Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben
+und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden
+wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Strasse.
+
+ALBERT. Schade, dass Du kein reicher Mann bist, ich wuerde gute Geschaefte
+mit Dir machen.
+
+KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Buechern zusammen, dass das
+Talent in jenen freien Laendern schneller zu etwas kommt.
+
+ALBERT. Da Du davon ueberzeugt bist, geh' mir voran.
+
+KLAUS. Mit Dir laesst sich nichts Vernuenftiges reden . . .
+
+ALBERT. Goenne mir die wenigen Stunden, welche ich fuer mich habe.
+
+KLAUS. Weisst Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger
+der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen
+eifersuechtigen Concurrenten verbergen, in Abhaengigkeit und Dummheit
+erhalten.
+
+ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
+
+KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues grosses Modell--ich helfe daran so
+gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und
+machen mit grosser Schrift durch die Zeitungen bekannt: hoechst merkwuerdig
+fuer alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von
+unermesslicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in
+halber Zeit das Doppelte des bisher gebraeuchlichen leistet. Zu sehen
+taeglich und stuendlich. Entree fuenf Silbergroschen.
+
+ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
+
+KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's
+nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe laesst es von
+Sachverstaendigen pruefen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir
+ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu
+entschaedigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
+die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst
+sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeistroemen und den grossen
+Fortschritt des neuen Jaquard begruessen.
+
+ALBERT. Du blaehst die Muecke zu einem Elephanten auf.
+
+KLAUS. Es foerdert unsern Zweck!
+
+ALBERT. Ich schaetze die Erfindung gering.--Und gehoerte sie mir allein,
+so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen
+gelehrten Technikern gebuehrt das groessere Verdienst . . .
+
+KLAUS (verzweifelt). Dafuer, dass sie sie Dir wegstehlen.
+
+ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu
+sehen; ich fuehle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich
+erstrebe ist meiner Begabung gemaess; mit Recht darf ich ausharren und
+meinen Durst nach Vervollkommnung loeschen . . .
+
+KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst
+lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die
+falsche Bescheidenheit fuehrt!--Elender Sclav', richte Dich empor,
+erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch
+ich habe zu viel getrunken, ich weiss nicht was ich rede, ich bin ein
+Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnuegen macht, gute
+fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.--
+
+ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der
+Meister meines Geschickes bleiben.
+
+KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmaechtigen
+Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschuettert und um und um
+geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Haende und
+Fuesse und dann an das Werk gesetzmaessiger Bildung; 's ist klar wie das
+Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem
+Rath!--O besaessest Du Courage! Wir koennten uns wie der Blinde und der
+Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter
+Deinem Talente nicht verkriechen.
+
+ALBERT. Ich glaube selbst, dass in Dir ein grosser Banquier verloren ging.
+
+KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild.
+
+ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
+
+KLAUS. Zunaechst nichts weiter.
+
+ALBERT. Was fingest Du wohl an, wuerdest Du Herr einer Million?
+
+KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue
+Muetze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus
+der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
+
+ALBERT. Nein.
+
+KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich
+begegnete ihn mit seinem neufundlaendischen Hunde in der Allee. Nach
+Gebuehr zog ich die Muetze,--indess der Dank wurde mir von dem Herrn wie
+von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht uebel . . .
+
+MARIE (singt draussen).
+
+KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im
+Pfeffer. Deshalb muss Sclaverei suess schmecken und die Wahrheit verlaeugnet
+werden. Pah, ich verstehe Dich laengst, Albert--mag's mit heute aber
+genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus
+der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist
+geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer
+Beduerfnisse" . . .
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. MARIE.
+
+
+ALBERT. Warum kommst Du nicht naeher? . . . Gruess Dich Gott!
+
+MARIE. Fuercht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stoeren.
+
+KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um hoechst einfaeltige Fragen.
+
+MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Woertchen mitzusprechen?
+
+KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.--
+
+ALBERT (mit leisem Laecheln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
+
+MARIE. Traun, dann hoert! Ich halte fuer besser, dass Ihr an Eure Arbeit
+denkt.
+
+KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht
+schaden.
+
+MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein
+ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst fuer einen guten Rock, dann
+meinetwegen fuer einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus!
+Glueck zu!
+
+KLAUS. Ihre Vorwuerfe sind ungerecht.
+
+ALBERT. Was bringt Dich so auf?!
+
+MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, dass Du an Klaus Geschmack
+findest--
+
+KLAUS. He, bin ich ein Missethaeter? Warum soll er nicht an mir Geschmack
+finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . .
+
+MARIE. Dass ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
+
+KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen als
+Entgegnung einen Spiegel vorhalten koennte, der Ihre liebreizende
+Jungfraeulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders
+guenstigen Lichte darstellt.
+
+MARIE. Das waere abscheuliche Verlaeumdung.
+
+KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles
+verkehrt.
+
+MARIE. Was liess ich mir denn zu Schulden kommen?
+
+KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
+
+MARIE. Ueberfluessig!--Heraus damit.
+
+KLAUS (sarkastischen Laechelns auf Albert anspielend). Es moechte Ihnen
+bei Jemand einen Meineid kosten--
+
+MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die
+Thuer, schuetze mich!
+
+KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer.
+
+ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Laestermaul
+bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
+
+KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . .
+
+ALBERT wendet ihm den Ruecken.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi,--koennt ich mich aus einer Kanone dem Herrn
+Questenberg in's Herz schiessen, so thaet' ich's. Fuer Dich bin ich im
+Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergass
+der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden--
+
+MARIE. Packen Sie sich nur, Elender.
+
+KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein
+sehr schmucker Herr aus der Fremde zurueck. Die Jungfer wird sich an ihm
+die Augen versehn!
+
+MARIE. Pfui.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespraech ab als ich
+in die Stube trat, wovon war die Rede?
+
+ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
+
+MARIE. Und musste Dich tief erschuettern! . . . Ha, Du schenkst seinem
+Rathe innerlich Beifall, Du haengst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es
+steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Laengst ward mir klar, dass ich
+Dir ein Hinderniss bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich
+nicht vereinen lassen: es sind bereits fuenf oder sechs Jahr! Traun, 's
+ist Zeit, Dich zum Ziele zu fuehren. Albert, ich bin bereit, mich Deinen
+Traeumen zu opfern!
+
+ALBERT. Meinen Traeumen!?
+
+MARIE. Besaesse Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte
+ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so haett' er schon fuer
+Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gross. Wohl
+kostete es ihm ein Woertlein nur und die Regierung oder der Koenig naehme
+Dich in Schutz. Du wuerdest auf oeffentliche Kosten in den Akademieen
+ausgebildet, nach allen beruehmten Werkstaetten der Industrie geschickt
+und nach ueberstandener Pruefung in einem Etablissement des Staates
+untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf
+Dich selbst gestellt, ohne Huelfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath
+treibt Dich ein hohler Duenkel durch eine oede Wueste unaussprechbarer
+Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne
+es von ferne zu sehen.
+
+ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn
+Questenberg. Glaube mir, er unterstuetzt mich aufrichtig--
+
+MARIE. Etwa in dem Sinne, dass Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren
+sollest--
+
+ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an
+meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich
+verbindet, welches mir sagt, dass ich ein hoeheres Wesen bin als das
+beschraenkte Thier.
+
+MARIE. So schwaermt Klaus.
+
+ALBERT. O, Du fuehlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
+
+MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den
+Webestuhl, doch arbeite, statt fuer die Vervollkommnung seines
+Mechanismus, fuer die Erhoehung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum
+Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in
+die Fabrik ein. Wie ueberfluegelte er Dich! Du stehst noch immer auf der
+untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, waehrend er bereits
+Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche gluecklichere Thaetigkeit
+begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Grossen
+Herr . . . Schwoere den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln?
+
+ALBERT. Hoere auf davon.
+
+MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich
+fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloss: Du sollst unser Haus
+raeumen; die Umstaende gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht!
+Schnuere das Buendel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange
+und die Gewohnheit an mich schwaecht sich in Dir ab.--Schon morgen wird
+ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das
+Truggebilde der Freiheit begruessen als Erloeserin, und im Dunkel der
+Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte
+nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne
+Schaam! Bereu' meine gekraenkte Jugend nicht, eben so wenig meinen
+beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel
+und mein Raecher! Warum verschloss ich meine Sinne jedem Rathe der
+Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte
+schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem
+Monate, von einem Jahre zum andern in suendhafter Geduld, Dir feige
+verschweigend meine Pein?!
+
+ALBERT. Erbarmen!
+
+MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin,
+verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
+
+ALBERT. Bleib' Marie.
+
+MARIE. Was wuenschest Du noch?
+
+ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein grosses Fest. Es laesst sich
+voraussetzen, dass er aussergewoehnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm
+ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die
+Darstellung unserer Lage zur Grossmuth gestimmt werden? sollte das Gefuehl
+seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
+
+MARIE. Versuch's.
+
+ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell
+einen Rock an).
+
+MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekraenkter
+Stolz, verschmaehte Liebe vergiss! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile!
+Kuerze die schreckliche Zeit der Ungewissheit! Sprich mit feurigen Zungen,
+male unser Elend, dass es Steine zu Thraenen ruehrt, stelle das Herz des
+kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle
+Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
+
+ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).
+
+MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
+
+
+
+
+Zweiter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vorzimmer zum grossen Festsaal.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich
+in einem Lehnstuhl.
+
+
+QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst
+von Deiner Braut als waere sie Dir eine Last.--
+
+ALBERT. Um Entschuldigung--
+
+QUESTENBERG. Du thatst Aeusserungen, die darauf schliessen lassen.--Doch
+sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja,
+ja! Und was bemerktest Du, dass ihr zu Liebe Dein Wille sein wuerde, falls
+ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schuechtern--
+
+ALBERT. Ich saehe mich genoethigt meine Uebungen einzustellen.
+
+QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das
+grosse Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es
+Dir zur Vorschule im Aufreissen der Maschinen. 's ist das populaerste und
+beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem
+Maassstabe nachmachen und ueber jedes Detail der Construction mir die
+klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und haendigt
+es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schuechtern
+aufschlaegt.)
+
+ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese
+Figuren. Eine neue Welt erschliesst sich mir!
+
+QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.
+
+ALBERT. O Gott, koennte ich alles auf einmal verschlingen.
+
+QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses
+schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darueber die thoerichten
+Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
+
+ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das
+Buch durchuebe--laenger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde
+ich's dann wagen koennen zu bitten--
+
+QUESTENBERG (laechelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit
+dasselbe Dein Eigen ward.
+
+ALBERT. So fahre hin grosser Meister, Dir zu folgen bin ich zu
+schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
+
+QUESTENBERG (die Haende auf dem Ruecken, vor ihn tretend). Bedenk' Er
+Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
+
+ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreisst mir das Herz!
+
+QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche
+Schlafstelle wo 's 'ne verfuehrerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen
+und Kuessen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nuetze die billige
+Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten
+und er lacht sich schon schadenfroh in's Faeustchen. Aber sieh, wie's
+nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen
+erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu
+lernen, nuetzliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht
+jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, koennte man den
+Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tuechtigen
+Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade
+Vernunft und Moral! Alle schoenen Entwuerfe des hoffnungsvollen Juenglings
+muessen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du?
+
+ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.
+
+QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in
+der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stuetze und was das
+entmuthigendste, man quaelt sich und weiss nicht wofuer! Kannst Du's noch
+zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glueckte! Entsage den
+taeuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese
+Gefuehle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich
+kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes
+stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der
+erschoepfenden Arbeit spaet Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen
+Huette! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein
+blasses Weib, nachlaessig mit Lumpen behaengt, in der unerbaulichen
+Haushaltung an Koerper und Geist verkuemmert, kommt Dir muerrisch oder
+vorwurfsvoll entgegen. Sie haelt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses
+und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du
+giebst nicht genug; wir muessen verhungern. Abscheulicher, ich weiss wo
+das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Saeufer und untersucht Dir
+verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden
+sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das noethige Holz und
+auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiss ringt dem kurzen Tage
+kaum die Haelfte der Beduerfnisse ab. Die Zukunft muss verpfaendet werden.
+Schulden ueber Schulden haeufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die
+Thaetigkeit stockt, die Loehne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder
+womit sich helfen? Die Glaeubiger werden ungeduldig, sie stellen einen
+Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der
+elende Kram des Hausrath's muss fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet."
+"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie koennen auf faulem Stroh in der
+Kaelte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das
+ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die
+Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschoepfe
+hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich
+anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
+
+ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Maedchen denn keine troestende
+Hoffnung ueberbringen!?
+
+QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll
+helfen, dass Dein schoenes Talent sich im Keime zerstoere? Da muesst' ich
+kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Lass Er die Dirne
+fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Wir stoeren doch nicht?
+
+QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die
+Guete naeher zu treten.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her?
+
+QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht
+seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Musste eine moralische Lection ausgetheilt werden?
+
+QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?
+
+V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes,
+aber ich wuerde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fuenf Minuten
+befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig
+hoffnungsvoll vor . . . Fast moechte ich wetten, dass es zu den
+Proudhonisten gehoert, naemlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute,
+die Eigenthum fuer Diebstahl halten.
+
+QUESTENBERG. Er gehoert zu den Socialisten.
+
+V. ZITTERWITZ. Die traeumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund
+verrathen's. Ha, koennte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von
+seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialitaet sich
+entfesselt!
+
+QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin.
+
+V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmaenner entwickeln noch
+zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit
+der Wurzel auszureuten.
+
+QUESTENBERG. Was wird denn versaeumt?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung fuer mich behalten.--Stuend's in
+meiner Macht, so muesste der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein
+starker Aderlass oder etliche Schroepfkoepfe wuerden ihm schon die
+Demagogenhitze vertreiben.
+
+QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend
+zu stellen, das liebe Vertrauen besassen.
+
+V. ZITTERWITZ (unglaeubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen
+sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine hoechsten
+Gueter!--Was bemerkt doch Goethe darueber--ich glaub' 's ist der alte
+Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean
+Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein
+paar Groschen bei mir--es draengt mich meine schiefe Meinung . . .
+
+QUESTENBERG. Bemuehen Sie sich nicht, ich bitte.
+
+V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thaelerchen, gleichsam zur Ermunterung,
+schweigend in die Hand druecken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in
+Unfrieden, 's ist unpassend . . .
+
+QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient.
+
+V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .
+
+QUESTENBERG (zu Albert). Du ueberhoertest wohl vorhin meinen Befehl?
+(Albert zoegert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)
+
+V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus
+Christus, der Verkuender unserer erhabenen Religion, wurde in einer
+Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten
+Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher
+Wohlthaeter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten
+die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, dass jeder
+aecht wissenschaftliche Anhaenger der Geschichte sich darob vor Erstaunen
+gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fuehlt! Meiner Seel',
+ich rueckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, wuerde
+mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen
+zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem
+Buben ein huebsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, taeglich einen
+guten Braten, so schlaegt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt
+mit seinem Talente nuetzen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul,
+eitel, wolluestig, ueberspannt und politisch! Bald stolzirt er als
+Haeuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit
+Nackenschlaegen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen
+wollte--Ich sprach eben auf der Boerse mit Blashammer . . .
+
+QUESTENBERG. Wird er kommen?
+
+V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe
+Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.
+
+QUESTENBERG. Nun?
+
+V. ZITTERWITZ. Er hat express den alten langen Rock mit einem neuen
+vertauscht, noch mehr, er liess sich die Haare verschneiden und sogar
+brennen!
+
+QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim
+durchreisenden Finanzminister galt.
+
+V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten,
+die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.
+
+QUESTENBERG. Unmoeglich!
+
+V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, muessen die Schreihaelse sich
+verkriechen.
+
+QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog
+sich suess-saeuerlich und schien beistimmend laecheln zu wollen . . .
+Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn
+herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor
+Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher musste
+mir schon die schoensten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein
+Paeckchen Karten.)
+
+QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg,
+Verlobte.
+
+V. ZITTERWITZ. Gefaellt die feine Schrift?
+
+QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals
+sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhaenge der breiten Mittelthuer fort. Man
+blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel
+die Herren und Damen stehn.)
+
+V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl!
+
+QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig
+eins, geziemt's die lieben Gaeste zu begruessen.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE GAeSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drueckend). Willkommen von
+Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glueck, dass Sie mir
+bereiten', so ist es der, gefaelligst fuerlieb zu nehmen.
+
+V. ZITTERWITZ. Willkommen schoenes Fraeulein Adelgunde.--Was macht die
+traute Freundin Pipi?
+
+QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiraethin, dass der Herr Gemahl
+bettlaegerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu
+scharf!
+
+V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz,
+lieber Oberbuergermeister. (Der Oberbuergermeister verbeugt sich tief).
+
+QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . .
+Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer
+lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der
+Fuss des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut
+mich!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+DIE VORIGEN. EIN SAeNGER in feiner Toilette.
+
+
+DER SAeNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel
+unten lachen und rufen: bravo, bravo!)
+
+V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man
+darunter?
+
+BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich
+meines Theils denke, es ist die Esskunst.--Stimmen Sie mir gefaelligst
+bei, ich bitte . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Das sind auslaendische Krebse? Ah ich ass sie einst in
+Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du
+quartier latin_ . . . Schein und Duft waessern den Gaumen . . . .
+(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den
+jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen
+auch?
+
+DER DOCTOR. Freilich.
+
+V. ZITTERWITZ. Und es enthaelt nichts Anstoessiges, was Maenner von
+staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?
+
+DER DOCTOR. Ich buerge Ihnen.--
+
+V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?
+
+BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Huelle und Fuelle. Ich wuerde
+fuer ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehoerig in Bewegung setzt, als
+zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Laemmer,
+Laemmerstrass' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir
+die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste
+Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor?
+
+DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der
+Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .
+
+BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glueck haben, neutral zu
+bleiben, denn ich weiss nicht in welcher Stimmung ich bin!
+
+V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fliesst aus meiner
+Feder, hi, hi, hi . . . .
+
+V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia!
+
+BLASHAMMER. Was saeuselte er Ihnen in's Ohr?
+
+DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir muessen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie
+werden lachen, indessen ich Thraenen vergiesse . . . Der junge Doctor ist
+auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum
+Anfang).
+
+ DER SAeNGER (mit Orchesterbegleitung).
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In jedem Herzen wiedertoent,
+ Zur Einheit Jung und Alt versoehnt?
+ O halte ein!
+ Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ Den Schwachen schuetzt, den Starken wehrt,
+ Des Heilands Worte froemmig ehrt?
+ O halte ein!
+ Sie koennt' es wohl und darf's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In Land und Stadt der Leute Fleiss
+ Zum Ziel des Heils zu lenken weiss?
+ O halte ein!
+ Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Das Recht verklaert, den Geist erhebt,
+ Die Menschheit zu vergoettern strebt?
+ O halte ein!
+ Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Die Sitte lenkt, das Leben fuehrt
+ Und jede Handlung edel ziert?
+ O halte ein!
+ Sie kann es schon gewiss nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ So nennt sie endlich mit Vergunst!
+ Es ist doch nicht die Niedertracht,
+ Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
+ O halte ein!
+ Sie kann es nie von Herzen sein.
+
+ Sie kann es nie von Herzen sein,
+ O Gott vom Himmel sieh' darein
+ Und staerk' uns bald mit heil'ger Kraft:
+ Es falle ihre Meisterschaft!
+ O stimmet ein,
+ So soll es und so wird es sein.
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+Alles wie vorher, ohne den Saenger. Nach kleiner Pause allgemeinen
+Schweigens, wo man nur das monotone Geraeusch der Essenden, die
+klappernden Heller, Messer und Gabeln hoert, beginnt V. ZITTERWITZ zum
+DOCTOR:
+
+
+V. ZITTERWITZ. Das schoene Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem
+Verhaeltniss steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen
+Persoenlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen
+Galanterie?
+
+DER DOCTOR. In keinem.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht uebel. Ihr "leben
+und leben lassen", Ihre geniale Luederlichkeit und aesthetische Bummelei,
+mit Permission gesagt--
+
+DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Hoechst schmeichelhaft . . . .
+
+V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie haette ich in Ihnen einen
+Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
+
+DER DOCTOR. Betrachten Sie alle grossen Worthelden unserer Zeit, zum
+Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER
+erhebt sich mit einem Becher.)
+
+V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen?
+
+BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat
+gewiss kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und
+Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die
+Geruechte waren, welche neidische Verlaeumder seit einigen Tagen gegen ihn
+in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Luegenbrut! Heben
+wir uns im Vollgenuss des schoenen Festes ueber alle Geruechte mit dem U E
+geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdaechtigten durch die
+innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere
+ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!
+
+QUESTENBERG setzte sich erblasst nieder. Trompeten- und Paukentusch, in
+den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geraeusch. Es bilden sich Gruppen.
+
+BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeuebtheit im Toastausbringen; das
+Schicksal beguenstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geraeusch
+bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ
+zusammen.)
+
+V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen faellt! Alle, ohne
+Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu druecken.
+
+BLASHAMMER. Zum Schein.
+
+V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Ungluecklichen wirklich
+verloren?
+
+BLASHAMMER. Ja . . .
+
+V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn).
+
+BLASHAMMER. Dass Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!
+
+V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich pruefte wohl, was ich
+that.
+
+BLASHAMMER (ironisch laechelnd). Zweifelsohne auf Grund der grossen
+Erfindung.
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . .
+
+BLASHAMMER. Alles.
+
+V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hoelle!
+
+BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiss die glaenzendsten
+Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine
+zu gleicher Zeit Versuche an? . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen--
+
+BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie muessen falsch unterrichtet sein.
+
+BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder
+selbst brachte sie mir in's Haus . . .
+
+V. ZITTERWITZ. So!
+
+BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewoehnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter.
+Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle
+verwarfen das Project als gaenzlich unpraktisch--Einige Versuche im
+kleinen Maassstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, moegen passabel
+ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben
+verbittert!
+
+V. ZITTERWITZ. Er ein Betrueger!
+
+BLASHAMMER. Der Mann weiss keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist
+wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein--
+
+V. ZITTERWITZ. Wir koennen morgen in der naemlichen Lage sein und durch
+eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!
+
+BLASHAMMER. Allerdings.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah,
+Sie machten mich nur zum Narren . . .
+
+BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen.
+(laut) Wuerden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan haette?
+
+V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der
+Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu
+Questenberg wohl nur erproben--
+
+BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unaecht ist.
+
+V. ZITTERWITZ. Im naemlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?
+
+BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wuenschte nicht, dass man mir einst
+nachsagte, ich half die Leute taeuschen, weil ich dem jungen Doctor meine
+Tochter vermaehlt.
+
+V. ZITTERWITZ. Aha!
+
+BLASHAMMER. Verstehen Sie?
+
+V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder
+der groesste Schlaukopf, welcher lebt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Buergersmann.
+
+V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt
+zu Questenberg, der ihm unwillig Gehoer zu schenken und zu folgen
+scheint.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG.
+
+(Zwei Diener ziehen die Vorhaenge zum Saal zu.)
+
+
+V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn
+beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!
+
+QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie!
+
+V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fuehlt sich
+uebergluecklich Ihren Entschluss zu vernehmen.--
+
+BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, dass ich
+alles ruecksichtslos tadle, was . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein
+Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!
+
+V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen--
+
+BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein
+schoener junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem
+Liede hoere, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er
+anzuschlagen versteht, muessen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm
+grosse Mittel die Rolle eines wohlbegueterten, interesselosen,
+unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so
+geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt
+ihm dann fuer's Portefeuille eines Ministers?
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses
+durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich mir am ueppigen Diner zu guetlich--gehen wir ein
+bischen in's Freie.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwaerts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen
+den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+QUESTENBERG. . . . Ich wette, dass Blashammer hinter die neue Erfindung
+kam--anders waere sein Betragen raethselhaft. Er strebt mich heimlich zu
+entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu wuerde er sonst die
+Boerse in Schrecken setzen, die Glaeubiger von mir abwenden und dem
+Heirathsproject Beifall schenken?
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Was giebt's Papa?
+
+QUESTENBERG. Setze Dich zu mir.
+
+DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde
+gluecklich zu Wasser.
+
+QUESTENBERG. Hoere mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine
+Schmach.
+
+DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.
+
+QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren?
+
+DER DOCTOR. Fraeulein Blashammer. (bei Seite) Eine schoene Gelegenheit ihn
+zu necken.
+
+QUESTENBERG. Wirklich!
+
+DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_
+
+QUESTENBERG. Endlich raeumst Du Deinem Vater das Feld!
+
+DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel
+lieber heute als morgen, denn am Ende behaelt er doch Recht! . . . Wie
+sehr wuenschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch
+gluecklich zu werden, indessen--
+
+QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!
+
+DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der
+Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser fuer ein
+Fraeulein Blashammer zu schwaermen, ist's besser einem grossen tiefen
+Beutel voll Geld als einer grossen tiefen Liebe sich zu opfern.
+
+QUESTENBERG (lachend). Das Laecherlichste der menschlichen Komoedie waer's
+in der That, muesste ein Lebemann Deines Schlages ploetzlich den graemlichen
+Staatshaemorrhoidarius spielen und fuer das sauerste Stuecklein Brod sich
+bis ueber die Ohren im Actenstaube begraben!
+
+DER DOCTOR. Ich stuerbe aus Gram!
+
+QUESTENBERG. Ach was geht darueber ein eigener Meister zu sein, den
+Goettern der Fantasie und Laune stets huldigen zu koennen!
+
+DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Roemer; 's ist ein
+Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient
+die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwuerfig! Strebe nach
+Besitz und Du strebst nach dem hoechsten Gut!
+
+QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.
+
+DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit
+stattfindet?
+
+QUESTENBERG. Noch nicht.
+
+DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?
+
+QUESTENBERG. Auch noch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmoeglich!
+
+QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit ueber den
+wichtigen Punkt . . .
+
+DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das!
+
+QUESTENBERG. Wir muessen es schon in guter Hoffnung wagen . . .
+
+DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!
+
+QUESTENBERG. Wie ich Dir sage.
+
+DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trueben--kann sich der Doctor nicht
+verlieben.
+
+QUESTENBERG. Ironischer Narr!
+
+DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiss den suessen Preis!
+
+QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)
+
+DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stuecklein nach Gebuehr. (Er will
+fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG haelt ihn mit flehender Gebehrde fest.)
+Die Musik mahnt!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur fuer Dich!
+
+DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich.
+
+QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .
+
+DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten.
+
+QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o lass Dich beschwoeren!
+
+DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimaeren.
+
+QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde
+und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will
+geh'n.)
+
+DER DOCTOR. Papa . . .
+
+QUESTENBERG. Ich sprach genug.
+
+DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.
+
+QUESTENBERG. Naemlich?
+
+DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gaeben, dass Fraeulein
+Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.
+
+QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an.
+
+DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kraeftigen Handschlag.
+
+QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)
+
+DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel
+und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Die Huette des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern
+genagelte Schraenke. Ein Tisch, etliche Baenke u. dgl.
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend).
+
+
+MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein
+Schlenderer, ein Traeumer, der uns und Herrn Questenberg nur das
+Vertrauen stiehlt.
+
+MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.
+
+FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr
+anstellen! Was versteht er!
+
+MARIE. Geduld!
+
+FRAU ZIEMENS. Ich will's fuer alle goldnen Herzworte, fuer alle Seligkeit
+des Himmels nicht: er muss aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der
+Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich
+vor uns wie vor einer boesen Krankheit zurueck. . . Du erlerntest alles
+was zur nuetzlichen Hausfrau gehoert und besitzest ein Gesicht, das sich
+in der ganzen Vorstadt nicht schaemen darf; waere der Bube nicht da, so
+haetten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen,
+der frueher ein Auge auf Dich warf.
+
+MARIE. Wiederhole mir nicht taeglich denselben Sermon!
+
+FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten
+Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?
+
+MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!
+
+FRAU ZIEMENS. He? oeffne den Mund.
+
+MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)
+
+FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege faellt ihm mit jedem Tage schwerer--Er
+macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. MARIE.
+
+
+VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein
+Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine
+schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier,
+hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Faeden rollen,
+nichts anderes sieht und hoert man, es geht endlos! Erst die Abendglocke,
+ha, toenet sie--'s ist als wenn ich zum juengsten Gericht soll; ein Hauch
+aus hoehern Sphaeren weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit
+neuem Leben und halb traeumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische
+Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber
+zufriedener heim, sie kommen aus bluehenden Fluren; ich, der
+Christgeborene--aus modrigem Grabgewoelbe, tiefsten Kummers voll!--Ein
+schnoeder Rang ueber dem bloeden Thier! . . (FRAU ZIEMENS traegt Essen
+auf.) . . Wo hast Du doch das schoene Buch, welches der Klaus fuer den
+Albert herbrachte; ich moechte die Fortsetzung hoeren.
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit.
+
+VATER ZIEMENS. Mamachen!
+
+FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, dass ich hier warte? Komm', ich
+trug schon die Suppe auf--(Sie fasst ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe,
+Marie. (Marie ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Kraempfe Dich? Du hattest heute
+frueh ziemlich gute Mienen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . .
+
+VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt
+bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .
+
+MARIE kommt mit der Lampe.
+
+VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen?
+
+FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzaehlen.
+
+VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn
+fortzufahren.)
+
+FRAU ZIEMENS. Der Albert schnuert morgen seinen Buendel und raeumt das
+Haus.
+
+VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen?
+
+FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thraenen ein Ende--schaeme Dich!--Gieb dem
+Alten einen Kuss und das Versprechen.
+
+VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!
+
+MARIE giebt ihm einen Kuss.
+
+VATER ZIEMENS. Lass Dein junges Blut von uns ueberwachen! Du wurdest nicht
+geboren fuer das Glueck; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht
+treffen,--Dein Stand heisst Entsagung! (Einige Schuesse in der Ferne.) Was
+gibt's denn da?
+
+FRAU ZIEMENS. Es sind die Boeller von dem herrschaftlichen Schloss--Wohl
+verkuendigen sie den Beginn des Feuerwerks.
+
+VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest?
+
+FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?
+
+VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Muetterchen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufaellig durch des Kuchenbaeckers
+Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und
+Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's
+Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Kuechenmeister durch die Eisenbahn
+bis von Paris geholt. Die Kellner muessen in schwarzem Frack und weisser
+Atlasweste aufwarten. Saemmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus
+Meissner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und
+Golde. Die seltensten Weine, Voegel, Fische, Schildkroeten, Krebse, Gemuese
+und Fruechte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhaendler.
+Endlich, alle vorzueglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsaenger, von
+hier und den Nachbarstaedten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst
+Du, he?
+
+VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen
+lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.
+
+
+
+Zwoelfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm
+Arm, welches er auf eine Bank wirft.)
+
+
+MARIE. Weh!
+
+VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!
+
+MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmaechtiger, nun hilf mir fuer ihn!
+(ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Muetterchen!
+
+FRAU ZIEMENS. Es wird sie toedten! (ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Haende und
+sieht dumpf vor sich hin.)
+
+
+VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind
+allein.
+
+ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner
+Lage . . .
+
+VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, dass es jetzt so
+kommt, 's ist meine Schuld!
+
+ALBERT. Inwiefern?
+
+VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'!
+oh, oh!
+
+ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Buendel
+schnueren?
+
+VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .
+
+ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst
+Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertaendelt, noch
+immer kein Meister? 's ist ein Traeumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!
+
+VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen
+muss noch brache liegen, wie der Acker einer wuesten Insel und Disteln
+zeugen, geiles Unkraut, statt suesser Frucht und edlen Saamen. Hier in der
+erstorbenen Brust wird er geboren erst, der grosse Held, der es erloesen
+soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der
+Thuere draussen ein alter Lindenbaum, der Urgrossahn meines Vaters hatte
+ihn gepflanzt. Ein boeses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen
+morschen Fuss. Ich, ein Juengling schon von vier und zwanzig Jahren, komme
+heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, dass sich erfuellte, was man
+unter dir getraeumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur,
+des Lebens Trauer: ich will ein Bildniss fertigen aus deinem Holz, durch
+das die Menschen sich erinnern moegen und mit gutem Vorsatz staerken.
+Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem hoeheren
+Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen
+Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche haengte, ueber der
+Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekroent und
+sterbend gesenkt! . .
+
+ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erloesers
+Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)
+
+VATER ZIEMENS (geruehrt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten,
+edler Juengling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur kuenftigen
+Scheidestunde--hoerst Du?
+
+ALBERT. Ich darf nicht; Marie kuendigte mir; 's ist Euer wohlgepruefter
+Wille, dass ich geh'.
+
+VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwaeche ihm eingab!
+
+ALBERT. Die Vernunft war's, seine Staerke!
+
+VATER ZIEMENS. Kraenkten wir Deinen Stolz? O vergieb!
+
+ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!
+
+VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser duerftigen Huette! In ihr ruht die
+Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.
+
+ALBERT. Das Nothwend'ge muss gescheh'n!
+
+VATER ZIEMENS. O, dass ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger
+Verfuehrer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich
+ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in
+die Grube werfen? Albert, Albert!
+
+ALBERT. (Sein Buendel auf dem Ruecken.) Auf Wiederseh'n.
+
+VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!
+
+ALBERT. Buerger dieser Erde duerfen kein anderes haben! . . (Der Greis
+schuettelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen,
+bleibt eine kleine Pause unschluessig steh'n. Ploetzlich, wie der Greis
+auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)
+
+VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er
+selbst nicht, ich traeumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne
+Jubelgeschrei und das Geraeusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Huelflosen
+nicht mehr auferlegst als sie tragen koennen, ich vertraue Dir in
+Ewigkeit!
+
+
+
+
+Dritter Akt
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant
+erleuchteten Garten gewaehrt. Seitwaerts das Schloss Questenberg's. Musik
+abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend.
+
+
+BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich
+an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniss; ich studirte nicht
+umsonst Psychologie . . .
+
+BLASHAMMER. Haette er nur einmal mit ihr getanzt.
+
+V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen.
+
+BLASHAMMER. Es muesste bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei
+vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .
+
+BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre
+Fragen?
+
+V. ZITTERWITZ. Schuechterne Phrasen, wuerdig eines Poeten. . .
+
+BLASHAMMER. Ich muss der Sache auf den Grund kommen, ich muss wissen,
+woran ich bin, ich habe nicht noethig im Finstern zu tappen--Nein
+wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne
+eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr
+Regierungsrath, zurueck zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen!
+Fort, beschwingen Sie Ihre Fuesse!
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will mir Fluegel anlegen.--(Er bleibt zaudernd
+stehen.)
+
+BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund
+zurueck und beobachte, wie er sich gegen sie auffuehrt.
+
+V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so!
+
+BLASHAMMER. Keine Zeit verloren.
+
+V. ZITTERWITZ (fuer sich). Die Sache wird hoechst kritisch!--Viel
+Vergnuegen mein Fraeulein.
+
+BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ.
+
+
+BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann
+sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)
+
+ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater?
+
+BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere
+singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.
+
+ADELGUNDE. Woher kommt das?
+
+BLASHAMMER. Gott weiss! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr
+lange besitzen. . .
+
+ADELGUNDE. Einbildungen, Vaeterchen, nichts als Einbildungen.
+
+BLASHAMMER. Koennt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze
+Seele gefangen!--fast alle Naechte traeumt mir von Hobelspaenen,
+Kirchhoefen, Saergen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weisst, ging
+ich in frueheren Jahren nur hoechst selten zur Kirche, jetzt darf ich
+keinen Sonntag versaeumen und haeufig draengt's mich noch Dienstag's und
+Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschaeft an der Boerse
+vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine
+Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt
+schaedlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir
+schlaflose Naechte . . .
+
+ADELGUNDE. Du musst auf solche Kleinigkeiten nicht achten.
+
+BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache
+zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfuellt, wirst
+Du's natuerlich finden, dass ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie
+zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke
+in Betreff--Erraethst wohl schon mein Taeubchen? Schlag' Deine Augen nur
+auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte
+Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewoehnliches, 's ist von Gott
+eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern
+Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hoerst:
+hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.
+
+ADELGUNDE. Hier?
+
+BLASHAMMER. Ja.
+
+ADELGUNDE. Aber mein Vater.
+
+BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon
+oft auf der Promenade in dem schoenen blauen Frack mit den goldenen
+Knoepfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall.
+
+ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen!
+
+BLASHAMMER. Traun, schoenen Dank, wie's sich ziemt.--Da, kuess' mir die
+Hand.
+
+ADELGUNDE (die Hand kuessend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus,
+wie schnell geht das!
+
+BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich hoere Tritte.--Er wird's
+sein . . .
+
+ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.
+
+BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf
+halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne kuessend.) Sei huebsch artig. . . (Er
+geht.)
+
+ADELGUNDE (nachrufend).--Papa?
+
+BLASHAMMER. Meine Tochter?
+
+ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat?
+
+BLASHAMMER (laechelnd). Er heisst, mein Pueppchen, er heisst--Wozu aber!
+sogleich siehst Du ihn. . .
+
+ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)
+
+BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weisst, was
+ihn erzuernt.
+
+ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich
+gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unertraeglich--ich sehne
+mich sie abzuschuetteln.
+
+BLASHAMMER ab.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]
+
+ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Fraeulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen.
+Lassen Sie mich denn allein.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Naehe.
+
+DER DOCTOR. Ach, wie schlaegt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham?
+ich weiss es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen grossen
+Blumenstrauss nachlaessig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied
+summend.) Ah, Fraeulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies
+Straeusschen zu sammeln.
+
+ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?
+
+DER DOCTOR. _Au hasard_
+
+ADELGUNDE (annehmend). Ich danke.
+
+DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent egalement notre adoration._
+
+ADELGUNDE. Das heisst, dieselben sind Ihnen sehr gleichgueltig.
+
+DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wuenschen Sie zu
+hoeren, worauf ich meinen Ausspruch gruende?
+
+ADELGUNDE. _Avec plaisir._
+
+DER DOCTOR. Auf das Buch der Buecher.
+
+ADELGUNDE. _Par exemple!_
+
+DER DOCTOR. Mein Fraeulein, es steht im neuen Testament, dass wir uns
+nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.
+
+ADELGUNDE. _Vous etes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois
+alors . . ._
+
+DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener.
+
+ADELGUNDE.--_comment d'apres ce princip, arriveriez vous a une
+inclination individuelle?_
+
+DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur
+individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich
+verliebt--auf Befehl des Alten!
+
+ADELGUNDE. _Si, vous etes un vrai docteur esphilosophique, vous aurez
+une reponse a toutes les questions . . . ._
+
+DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Franzoesisch.
+
+ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_
+
+DER DOCTOR. Ich stehe beschaemt . . . .
+
+ADELGUNDE. _Mais vous n'etes pas philosoph?_
+
+DER DOCTOR. Wohl war ich's.
+
+ADELGUNDE. _Eh bien?_
+
+DER DOCTOR. Allein auch mich veraenderten die Zeiten wie manche brave
+Burschenseele.
+
+ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._
+
+DER DOCTOR. Seit meiner Rueckkehr in's vaeterliche Haus.
+
+ADELGUNDE _Et apres?_
+
+DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr
+ernst.
+
+ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniss.
+
+DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst
+ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau.
+
+ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
+
+DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine
+gueltigere giebt--
+
+ADELGUNDE. Ich hielt Sie fuer einen Anhaenger der Freiheit.
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Mein Fraeulein . . . .
+
+ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schoenen Spruches: "strebet, die
+Wahrheit wird euch erloesen."
+
+DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und passt nicht in die Bibel.
+
+ADELGUNDE. Das ist mir neu.
+
+DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten
+Wuerdentraeger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.
+
+ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie
+glauben?
+
+DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fuerst, liebe Freunde, ich muss
+im Interesse des Staates eure schoenen Einkuenfte um die Haelfte
+vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen
+Jenseits tausendfach vergolten--
+
+ADELGUNDE. So murren Sie nicht?
+
+DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fraeulein, zu dem der Papa
+sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen
+Herrn Doctor.
+
+ADELGUNDE. Sie sind barock.
+
+DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefaellt,--allein ich denke das Beste
+von den Menschen und habe den hoechsten Respect vor der christlichen
+Tugend, die nach unsern beruehmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten
+Unterwuerfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
+
+ADELGUNDE setzt sich und seufzt.
+
+DER DOCTOR. Mein Fraeulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja
+nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiss und wahrhaftig, nur
+in Thorheit.
+
+ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, dass Sie die
+Maske eines Heuchlers verabscheuen.
+
+DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Ungluecklichen Mitleid.
+
+ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER. Keine Stoerung, setzen Sie die Comoedie weiter fort.
+
+DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Huelfe.
+
+V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefaellt's den geehrten
+Herrschaften . . .
+
+BLASHAMMER. Nur naeher getreten.
+
+V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schuettelnd; mit leiser Stimme.) Es
+ging ja ausgezeichnet gut.
+
+DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fraeulein hier
+allein--
+
+DER DOCTOR.--Was ausserordentlich auffiel--
+
+V. ZITTERWITZ.--und uns verfuehrte, der geistreichen Unterhaltung zu
+lauschen.
+
+DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Man liess mich rufen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spaet.
+
+QUESTENBERG. Was gab's?
+
+V. ZITTERWITZ. Ein aeusserst interessantes Gespraech.
+
+QUESTENBERG. Es handelte sich?
+
+V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . .
+
+BLASHAMMER. Erstaune!
+
+V. ZITTERWITZ.--als von Liebe!
+
+DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein.
+
+BLASHAMMER. Ich wusste es schon gestern, dass er fuer Adelgunde schwaermt.
+
+
+ADELGUNDE. _A la bonne heure!_
+
+DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . .
+
+BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen
+Blick zu der mehr besagte, als . . .
+
+ADELGUNDE. Papa!
+
+BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhoerliche Tanzen mit ihr.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Sie verzeihen, mein Fraeulein!
+
+V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, dass die jungen Leute
+zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstaende, sondern--hoeren Sie?
+
+QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen?
+
+BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Vaeter!--Eure Haende, Kinder, dass
+ich sie ineinanderlege.
+
+V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon--
+
+QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht.
+
+V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal!
+
+QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!
+
+V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die
+Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Zimmer des Doctors; Schraenke mit Buechern, Antiquitaeten,
+Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stuehle und dergl. Die Fluegelthueren
+sind offen und gewaehren einen Blick in den Garten.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+DER DOCTOR (tritt, eine Broschuere in der Hand, aus dem Seitenzimmer und
+klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies
+Tractaetlein. Ich lasse innigst danken; es haette meinen Zweifel am
+Christenthum voellig besiegt. Wenn er noch ein aehnliches besaesse, sollte
+er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern
+und zu bekehren. Zugleich mache Fraeulein Adelgunde mein Compliment
+und bestelle bei unserm Koch ein Fruehstueck mit Austern und
+Champagner--Apropos! Dass alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter
+ab.) Klopfte Jemand? Herein!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DER DOCTOR. MARIE.
+
+
+MARIE. Gruess' Gott!
+
+DER DOCTOR. Danke.
+
+MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn
+Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
+
+DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefaelligst naeher . . . (Bei Seite.)
+Das Maedchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte
+ergebenst . . .
+
+MARIE. Ich kann steh'n.
+
+DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnuegen . . . (Bei Seite.) Ein
+Stuendchen, ach, an ihrer Brust entschaedigte mich fuer allen Verdruss, den
+ich habe! (Er setzt sich ihr gegenueber.)
+
+MARIE. Ich will kurz sein.
+
+DER DOCTOR. Zunaechst mit wem wird mir die Ehre--?
+
+MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir
+gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten
+Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein
+kann . . .
+
+DER DOCTOR. Ich ahne schon . . .
+
+MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen
+Vers von mir.
+
+DER DOCTOR. Sie heissen--?
+
+MARIE. Marie Ziemens.
+
+DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun!
+
+MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
+
+DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum hoechsten Vortheil!
+
+MARIE. Kaum glaublich.
+
+DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
+
+MARIE. Ach!
+
+DER DOCTOR. Besassen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich
+Ihnen den letzten zaertlichen Kuss auf die Lippen drueckte?
+
+MARIE. O sprechen Sie nicht so.
+
+DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein
+Muendchen--gleich!
+
+MARIE. Pfui.
+
+DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine
+Standesruecksicht die Reinheit unserer Gefuehle truebte!
+
+MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
+
+DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
+
+MARIE. Ich bin Braut.
+
+DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
+
+MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer
+Ungluecklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
+
+DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe?
+
+MARIE. Haetten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen,
+seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn
+Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen wuerdig.
+
+DER DOCTOR. Es soll gescheh'n.
+
+MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst fuer ihn--
+
+DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's.
+
+MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer
+Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkfuehrer, auch die Aufmerksamkeit
+Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die
+schlechtbesoldetsten unfaehigsten Handwerker blieb sein edel
+aufstrebender Geist gebannt!
+
+DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und--
+
+MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem
+Herrn Vater seine verzweifelte Lage fussfaellig vorzustellen,--derselbe
+mogte jedoch von nichts hoeren, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus
+Gruenden, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
+
+DER DOCTOR. Moeglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er
+macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitlaeufigkeiten!
+Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch
+geurtheilt, falsch gewaehlt haben?! Der Mann ihrer Neigung muss ein guter
+Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei
+von Eifersucht ist?
+
+MARIE. Warum? (Laechelnd.) Auf mich? Dass ich nicht wuesste!
+
+DER DOCTOR. So koennen wir schnell fertig werden.
+
+MARIE. Nun? . .
+
+DER DOCTOR. Der Monsieur empfaengt eine zufriedene Stellung und
+ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuss.
+
+MARIE. O weh, ein schlechter Handel.
+
+DER DOCTOR. Nicht fuer mich.
+
+MARIE. Wuerde den Ihr Herr Vater billigen?
+
+DER DOCTOR. Mit Haendeklatschen.
+
+MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die
+Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
+
+DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa
+soll binnen fuenf Minuten nachfolgendes Decret hoechst eigenhaendig
+unterzeichnen. . . .
+
+MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
+
+DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkfuehrer?
+
+MARIE. (Auflachend.) Werkfuehrer? Das laeuft gar hoch hinaus! (Verstellt.)
+O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . .
+
+DER DOCTOR. Also er eignet sich--schoen! . . . (Schreibt.) Der
+Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber
+Albert . . . Werkfuehrer . . . Bedingungen sind . . . Und erhaelt . . .
+Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
+
+MARIE. Potztausend, so viel traeumte man nie vom Lande Utopien!
+
+DER DOCTOR. Das Leben, mein Schaetzchen, ist ein grosses Maehrchen voll
+unerklaerlicher Wunder. Jede Minute gebaert Millionen Ueberraschungen,
+Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende
+Thorheiten. Man uebe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es uebte und
+erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Misskredit
+gerathen, ist kein bloeder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der
+bloedeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in
+warme, farbenreiche, suess verschwimmende Nebel, so dass wir in ihnen
+unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen
+schlafendem Auge versoehnt mit Gott und uns selbst die irdische
+Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's
+andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheissen.
+(Er steht auf; in schaekerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schaetzchen,
+sie lebe hoch!
+
+MARIE. Schonung, Herr Doctor!--
+
+DER DOCTOR. Die Romantik allein gewaehrt, was der graemliche Philosoph,
+Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst
+erstrebt! Sie lebe, mein Schaetzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was
+sinnlos bethoerte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht,
+Wahrheit preisen!--Ein paar Glaeschen Champagner, mein Schaetzchen,
+erschliessen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen
+Sie das Fruehstueck mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und
+wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und
+verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein!
+(Sie stossen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?
+
+MARIE. Ziemlich gut.
+
+DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem
+schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch
+eins.
+
+MARIE. Danke.
+
+DER DOCTOR. Der Herr Braeutigam soll leben!--Vivat!----
+
+MARIE. Es war mein letzter Tropfen.
+
+DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . .
+Nur her das Glas.
+
+MARIE. Ich schlag's in Truemmer.
+
+DER DOCTOR. Das hiesse mich verachten.
+
+MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und
+will fort.) Sie sind abscheulich!
+
+DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
+
+MARIE. Sie wissen's.
+
+DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
+
+MARIE. Lassen Sie mich nur fort.
+
+DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlaegt.)
+
+MARIE. Die Uhr schlaegt; ich habe nicht laenger Zeit.
+
+DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall!
+
+MARIE. Meine Mutter denkt, dass ich im Garten Gemuese fuer den Markt
+grabe--darf sie nicht erzuernen.
+
+DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich
+entschaedige die Versaeumniss hundert und tausendfach, bleiben Sie und
+leisten mir Gesellschaft. (Er haelt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da!
+Es sind alles Goldstuecke.
+
+MARIE. Herr Doctor . . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich
+begegnete ihn kuerzlich. Sein ergrautes Haupt muede zur Erde neigend,
+schlich er langsam den Gewoelben der Fabrik zu. Welch' Schicksal fuer den
+alten Mann, der an Herzensguete und Characterwuerde Seinesgleichen sucht!
+Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefaehrten, dem reich und
+angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die ruehrendsten
+Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoss
+sogar Thraenen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig
+ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein tuerkisches Pfeifchen
+rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie loes't die
+Demokratie das Problem der sozialen Probleme ueber das Verdienst anders?
+(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher Koenig waere ein Bettelmann, mancher
+Bettelmann ein Koenig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert
+Stelle, waere die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik!
+(Trinkt und drueckt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem
+ehrwuerdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit,
+die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.)
+Hoch die Romantik! . .
+
+MARIE. Ihr eigenthuemliches Benehmen verwirrt mich tief.
+
+DER DOCTOR. Das macht, ich fuehrte Sie schon, wie der Teufel den armen
+Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
+
+MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
+
+DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er
+faellt in einen Stuhl.)
+
+MARIE. Leben Sie wohl. (ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+
+DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das
+Maedchen ist mein. Dann hab' ich Entschaedigung fuer die Zwangsehe und
+Zeitvertreib in Huelle und Fuelle. Hoch die Romantik!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DER DOCTOR. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
+
+DER DOCTOR. So so, la la!
+
+QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muss das Festuebel
+schon gaenzlich gehoben sein.
+
+DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuraeumen.
+
+QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schuettelnd.) Sehr loeblich.
+
+DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wueste Troedelbude,
+ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsuendfluthlichem Getruemmer
+zusammengestapelt!--In ihr muss der Mensch schon kindlich zufrieden sein,
+wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn
+einigermassen verschonen.
+
+QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklaerte Leute und wickeln,
+scheuern, buecken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
+
+DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blaettchen ohne
+Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und
+klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst
+aus der Fabrik.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. An die Unterschrift knuepf' ich die Heirathsfrage.
+
+QUESTENBERG. Verueckte der Erbaermliche Deine Sinne und--
+
+DER DOCTOR. Ihm muss geholfen werden, er verdient's!
+
+QUESTENBERG. Du weisst aber nicht--
+
+DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen!
+
+QUESTENBERG. Welch' Wagestueck!
+
+DER DOCTOR. Unsinn!
+
+QUESTENBERG. Es ist aeusserst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu
+mischen.
+
+DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine
+Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
+
+QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse--
+
+DER DOCTOR. Das hoert auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche
+Wuerde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber
+langath'mige Verhandlungen, da!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns.
+
+DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um
+eine Bagatelle?!
+
+QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt
+schuechtern ein.)
+
+DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt.
+
+QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DER DOCTOR. ALBERT.
+
+
+DER DOCTOR. Tritt naeher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die
+Herablassung.
+
+ALBERT. Wenn ich den schoenen Bezug durch mein unsauberes Kleid
+entweihe . . .
+
+DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?
+
+ALBERT. Ein wenig.
+
+DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen,
+bedenke das und--
+
+ALBERT. Das waere eine Politik des Fluches!
+
+DER DOCTOR. So sprechen Woelfe in der Laemmerhaut!
+
+ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Es lebe die Association!
+
+ALBERT (ernst). Sie lebe!
+
+DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!
+
+ALBERT. Fort mit den Privilegien!
+
+DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!
+
+ALBERT. Die Fruechte des Fleisses Aller fuer Alle.
+
+DER DOCTOR (lacht ironisch).
+
+ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wuensche ungerecht?
+
+DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tuechtige
+Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
+
+ALBERT. Vielleicht! . .
+
+DER DOCTOR (lacht wieder).
+
+ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
+
+DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste
+heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
+
+ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).
+
+DER DOCTOR. Ich weiss mir Deine Missstimmung zu erklaeren, Albert; mein
+Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die--
+
+ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.
+
+DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that uebel.
+
+ALBERT. Ich ging tief in mich, ich pruefte seine weisen Vorstellungen,
+fand, dass mein Verlangen unbillig war.
+
+DER DOCTOR. Albert!
+
+ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhaeltniss mit Marie und bist
+zufrieden, genoethigt worden zu sein es--aufzugeben!?
+
+ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du
+alles was Du brauchst, heirathe, sei gluecklich--ich wuerde ihm danken.
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Aus welchen Gruenden, stolzer Mann?
+
+ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen haette mich Ihre Gnade in den
+Himmel erhoben, jetzt, jetzt stuerzt sie mich in die Hoelle, in die Hoelle
+der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Wuerde von Almosen zu
+leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit ueber meine Leidensbrueder zu
+triumphiren . . .
+
+DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was
+er Dir giebt.
+
+ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das koennen Sie nicht
+beurtheilen.
+
+DER DOCTOR. Aha, mithin erklaertest Du ihn einer Vormundschaft beduerftig,
+die seiner moralischen Guete, seinem individuellen Interesse stets Zaum
+und Gebiss anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, dass mir dieser Mensch
+vermoege seiner Intelligenz naeher steht und mehr nuetzt als jener,
+gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag moeglich sein; allein Du hast
+den Maassstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach
+Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden
+und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen
+Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Kuenstler wie Raphael, Phidias,
+Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallilaei, Neyton, Leibnitz,
+einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein
+vor das groesste Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . .
+(ironisch lachend.) Wuerde die Mehrheit sein Verdienst hoeher anschlagen
+und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der
+Aufgeklaerteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal
+beguenstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln
+vermochte? Ah', lass Dich durch die Doctrinen ueberhitzter Koepfe nicht vom
+Wege der Vernunft abfuehren! Wenn Verdienst soviel als Abschaetzung,
+Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen
+Gesellschaft geopferten That heisst, so fordere von niemandem mit
+Gewalt, was niemand sich selber giebt, das hoechste Geschenk der Gnade
+Gottes, die ueberall gerechte, die innerliche Guete! Mangelt sie meinem
+Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persoenlich frei
+gleich ihm, verlass ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich
+Jemand hoeher wuerdigt als er! (Ihm ein Papier ueberreichend.)
+
+ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . .
+freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie haengt das zusammen?
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem
+Interesse, der innerlichen Guete meines Vaters.
+
+ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie
+zuzumessen!
+
+DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist
+Jemandes Verdienst richtig zu schaetzen!
+
+ALBERT. O Schoepfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch
+still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke
+durchschauert mich . . .
+
+DER DOCTOR. Was hast Du Albert?
+
+ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kaelte). Warum ueberreichte mir Herr
+Questenberg nicht selbst das Papier?
+
+DER DOCTOR (verlegen). Ich weiss nicht Albert. (fuer sich) Der Mensch
+droht schwierig zu werden.
+
+ALBERT. So hatte er doch Furcht--
+
+DER DOCTOR. Inwiefern?
+
+ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der
+Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich
+koedern, mich vom Sozialismus losreissen . . . Dort in dem Vereine der
+Arbeiter koennte ich zu aufgeklaert ueber den Nutzen einer gewissen
+Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungluecklichsten,
+blutaermsten Paria!
+
+DER DOCTOR. Du sprichst Unverstaendliches.
+
+ALBERT. Ha, dass die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir
+entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstoerung dem Sodom und
+Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit
+auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen naehren! . .
+Nehmen Sie das schaendliche Dokument und bestellen . . .
+
+DER DOCTOR. Argwoehnischer, ich fuerchte fuer Deinen Verstand.
+
+ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde
+werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles
+schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe
+lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele
+machen . . . Eben nannt' ich mich den blutaermsten Paria--gefehlt! ich
+bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern,
+denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fuehl's! . . Ja schenke dem
+Armseligen das langjaehrige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste
+Flamme der Begeisterung, die hoechste Liebe zum reinen Engel Deines
+Glueck's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Grossmuth gab
+dem Heiland Staerke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!
+
+ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern
+wuethet!--Steck' dem Elenden die Fabrik ueber dem Haupte an, unterminire
+das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine
+Gefaehrten, es sind ja ihrer ueber zweitausend und dem Leben noch
+gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und
+suehnen das gebeugte Recht! Eine moerderische Schlacht entspaenne sich,
+Soldknechte aus Nah' und Fern' zoegen vor das Staedtchen, belagerten,
+bestuermten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten
+Steinwalle erlag!--Es waere maennlich und ruhmvoll, allein unvernuenftig!
+Schweig' und dulde! Was nuetzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle
+aus, die ganze Erde ist davon ueberwuchert! Lass' es gruenen, knospen,
+bluehen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdraengen und sich an seinem
+Uebel fortquaelen bis an's Ende der Welt! Lass' es so dicht und so sich
+selbst zur Last werden, dass es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen,
+giess' die ungeschwaechte Kraft deines ewigen Feuers ueber uns aus; wir
+moechten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht
+ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele
+nagt unheilbarer Schmerz!
+
+DER DOCTOR (bei Seite).--Er traegt die Erfindung zu unseren
+Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muss seinen Hass von
+meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlaegt
+sich--ein unerhoertes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen
+geuebt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo
+boese Maechte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich
+will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfaengst. Du
+wirst mir zuernen, doch, da ich erkenne, dass Du der groesste Biedermann
+bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir
+verzeih'n.
+
+ALBERT. Zur Sache.
+
+DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument,
+Albert, Du empfaengst das Dokument . . .
+
+ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.
+
+DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der
+Gleichberechtigung, der Bruederlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir
+Marie nie gebeichtet von mir?
+
+ALBERT. Von Ihnen?
+
+DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, dass ich ihre erste Liebe war?
+
+ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
+
+DER DOCTOR. Denkbar, erklaerlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst
+jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts
+sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfaehiger als
+Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der
+Unbesonnenheit--
+
+ALBERT. Nun wohl.
+
+DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
+
+ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?
+
+DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
+
+ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhaeltnis dauerte?
+
+DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt
+verliess und zur Universitaet abging.
+
+ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
+
+DER DOCTOR. Es gereichte mir zum groessesten Vorwurf als die Himmlische
+mir gestern erschien!
+
+ALBERT. Wo?
+
+DER DOCTOR. Von Ungefaehr traf ich sie im Park. Schwer laesst sich
+beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend
+wehte mich an, ich fuehlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschuettelt,
+ich fuehlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren
+Enttaeuschungen des Lebens und wie von einer hoeheren Macht getrieben, die
+keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschliessen, sie mein, ewig mein
+zu nennen! . .
+
+ALBERT. Ich hoerte genug, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu ueberreichen.
+
+ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich wuerde es annehmen.
+
+DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie
+ist nicht minder legitim als Deins!
+
+ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!
+
+DER DOCTOR. Du meinst!
+
+ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes
+Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
+
+DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
+
+ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen
+deswegen kein Wort; Sie uebertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um
+Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhuellen.
+
+DER DOCTOR. Du haengst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafuer!
+
+ALBERT (lacht).
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Warum verlaesst mich Kraft und Muth, jetzt koennte
+ich ihn ohne Umstaende fordern . . .
+
+ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines
+Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Hoehe Ihrer Geburt,
+Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefaehrlich, zu ungebahnt; Sie
+konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie
+konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, dass er
+Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk,
+sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben,
+verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den
+Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Fuessen,
+fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte
+Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Huelferuf erweckt Daemonen statt
+Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu
+spaet ist's vor ihm zu fliehen; sein aeusserst liebenswuerdiges Betragen,
+seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie
+eine Unmoeglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich muesste
+toll sein, machten Ihre Irrthuemer mir boeses Blut. Verzeihung Ihnen,
+tausendmal Verzeihung!
+
+DER DOCTOR. Du bist ein Gott!
+
+ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drueckend). Es giebt
+keine heiligere Reliquie mehr!
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell
+ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich
+muss zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche
+genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und
+versichre, dass ich aus ganzer Seele wuensche, es moege Gott gefallen, Euch
+eine glueckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schuettelnd.)
+Fortan giebt's keine Missverstaendnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du
+noch etwas zu fragen?
+
+ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier
+unterzeichnete?
+
+DER DOCTOR. Ah, das vergass ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar
+auf,--er haette sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von
+meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genoethigt ihm alles zu
+sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
+
+ALBERT. Beim ewigen Heil!
+
+DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer
+Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage.
+
+ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
+
+DER DOCTOR. Die ich durch eine mir missliebige Heirath beschwoeren
+soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwuelen
+Gewoelbe schreitenden Gebieter nicht an, dass er noch angestrengter mit
+der Existenz kaempfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn
+Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Ungluecks Last zu schwer
+drueckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn
+Du stand'st allein und stritt'st nur fuer das nackte Leben!--er aber,
+Oberhaupt eines grossen kuehnen Unternehmens, gewuerdigt des Vertrauens der
+ganzen Welt, verantwortlich fuer das Schicksal von Tausenden, er, durch
+ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen
+ploetzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter
+sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muss lachen, um sein
+blutendes Herz zu verbergen, muss von Glueck prahlen, glaenzende Feste
+veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand druecken,
+um nicht zu verrathen, dass Unglueck ihn heimsucht, muss Raenke spinnen,
+Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
+
+ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniss bringt mich dem
+armen Herren naeher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares
+Gesicht--ah, es war unmoeglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen
+sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich
+uebel berathen,--nicht wahr, nur die Verhaeltnisse stempeln uns zu
+Verbrechern!? O ich weiss, wie gross ihre Macht ist! Dies Dokument
+bezeugt's zweifellos.
+
+DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .
+
+ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
+
+DER DOCTOR. Theurer Albert, wir muessen abbrechen, es giebt Besuch.
+
+ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester
+Geselle. Lebe denn wohl.
+
+ALBERT. Ueberfluessiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hoelle. (Beide nach
+verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+Neunte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Die merkwuerdige Scenennummerierung ist 1:1 aus
+dem Original uebernommen.]
+
+BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Haende gefaltet,
+das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem
+andern in gewissen Abstaenden. Sie machen im Saal langsam die Runde.
+
+
+BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweisstuch ging mir wohl in der
+Boerse verloren . . .
+
+DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.--
+
+BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich
+in einen Sessel.)
+
+DER DOCTOR.--Es muss etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen,
+wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
+
+BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wuenschte, der Tod haette sich Ihrer
+erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
+
+DER DOCTOR. Sie floessen mir Angst ein.
+
+BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine grosse Frage an Sie.
+
+DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu loesen.
+
+BLASHAMMER. Wir wollen's erproben!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. . . Ihr liesset mich auf eine erschuetternde Nachricht
+vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde?
+
+BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
+
+QUESTENBERG. Krieg? Handelsstoerungen? Schiffbrueche?
+
+BLASHAMMER. Lies, lies!
+
+QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser
+Kriegsdampfer, Koenig Ferdinand, einen auf der Hoehe von Palermo
+kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an
+die Revolutionaere der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was
+die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluss beweisen. Das
+Ereigniss macht grosses Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher
+bisher des hoechsten Vertrauens der Koeniglichen Regierung genoss und erst
+kuerzlich von ihr mit einem Auftrage fuer ein und eine halbe Million
+beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswuerdigen Expedition
+ist.--Es klingt wie eine Verleumdung.
+
+BLASHAMMER. Meine Glaeubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten
+in die Schuhe . . .
+
+QUESTENBERG. Ich moechte es auch thun.
+
+BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Boerse, soll mit
+den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und
+Rathgeber von Ministern und Fuersten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's
+und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?!
+
+QUESTENBERG. 's ist unglaublich!
+
+BLASHAMMER. Fuer den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der grosse
+Blashammer Ehre und Existenz!?
+
+QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!
+
+BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich,
+Questenberg, woher kommt's, dass es wahr ist?
+
+DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!
+
+BLASHAMMER. Diese Briefe ueberbrachte mir die Post.
+
+QUESTENBERG (den groessesten entfaltend). Vom neapolitanischen
+Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich
+zwischen den Zeilen, dass man den Auftrag fuer die anderthalb Millionen
+wieder abbestellt.
+
+BLASHAMMER. Der bereits ausgefuehrt und zur Absendung fertig!--Es sind
+die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
+
+QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
+
+BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
+
+DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die
+Arme.
+
+BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.
+
+DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besoenne mich nicht lange, sondern
+strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
+
+BLASHAMMER. Wodurch?
+
+DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
+
+BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
+
+DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein
+oder zwei nicht ankommen.
+
+BLASHAMMER. Danke bestens.
+
+DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
+
+BLASHAMMER. Ach, bestuende er nur in einem Schiff! aber--oeffne den andern
+Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann
+musste fuer mich sterben! . .
+
+QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurueckgebend). Leichtsinn,
+Leichtsinn!
+
+DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
+
+BLASHAMMER. Sapperment, ausserordentlich viel.
+
+DER DOCTOR. Hat ein Capitain hoeheren Werth fuer Sie als ein Schifflein?!
+
+BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen
+und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
+
+BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.
+
+DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's
+seine eigene Schuld.
+
+BLASHAMMER. Meinetwegen.
+
+DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
+
+BLASHAMMER. Ja, fuer solche wahnsinnige Unternehmung!
+
+DER DOCTOR. Warum, sage ich?!
+
+BLASHAMMER. Er haette es unterlassen koennen!
+
+DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's haette unterlassen koennen, eben
+weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muss er Ihnen
+gleichgueltiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm
+anvertrauten.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch
+gleichgueltiger.
+
+DER DOCTOR. Bravo!
+
+BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der
+ihn vor jeder Gefahr schuetzen sollte . . .
+
+DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
+
+BLASHAMMER. Laut desselben wuerde man die Waffen als die fuer Neapel
+bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von
+Palermo ungehindert fortgelassen haben.
+
+DER DOCTOR. Sie erschoepften den Born aller List!
+
+BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem
+unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da
+sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
+
+DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
+
+BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie
+glauben!
+
+DER DOCTOR. Sie haetten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb
+Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
+
+BLASHAMMER. Ah, der Teufel liess mich das nicht sagen!
+
+DER DOCTOR. Nicht wahr?
+
+BLASHAMMER. Ja, ja, haette ich das gesagt, so koennten wir Ihrem Vater
+morgen die Glaeubiger vom Halse schaffen!
+
+DER DOCTOR.----Fuer morgen koennen Sie die Aussteuer nicht zahlen?
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.
+
+DER DOCTOR. Nicht fuer uebermorgen denn?
+
+BLASHAMMER. Nicht fuer uebermorgen ueber funfzig Jahr.
+
+DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlaegt der Verlust des winzigen
+Schiffleins Ihrem Vermoegen, Ihrem Credit!?
+
+BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcuel.--Ich bin
+ein ruinirter Mann!
+
+DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.
+
+BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, dass der Himmel mir erspare dies
+Sie zu fragen!
+
+DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?
+
+QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
+
+QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, waehrend
+der Vorhang faellt).
+
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vor der Huette des Vater Ziemens.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Huette.
+
+MARIE. Lass' mich nur, ich suche die schoenen Blumen, die ich verlor.
+
+FRAU ZIEMENS. Welche schoenen Blumen?
+
+MARIE. Am neustaedter Garten auf der Wiese pflueckten wir sie ja--ich
+hatte die ganze Schuerze voll.
+
+FRAU ZIEMENS. Du traeumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem
+Federbett!--Komm' zurueck, die Luft weht kalt.
+
+MARIE. Bin ich denn krank?
+
+FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem
+Blut.
+
+MARIE. Muetterchen, nie im Leben fuehlt' ich mich so gesund! Klarer als
+die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die
+thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wuenschte Musikanten,
+froehliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu
+springen wie bei der Hochzeit.
+
+FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.
+
+MARIE. Wir gruben im Garten Gemuese und kamen auf Albert--Du schaltst ihn
+einen charakterlosen Buben, der feige den Ruecken kehrte, nach dem er
+mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fuehlte
+mich verletzt . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern.
+
+MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde--
+
+FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hoelle, nicht mit mir. Ach, kein
+ehrbares Maedchen hegt Gedanken--
+
+MARIE. Welcher Art?
+
+FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon.
+
+MARIE. Muetterchen, Du erschrickst mich.
+
+FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf
+Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich
+geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind!
+
+MARIE erblasst und droht umzusinken.
+
+FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen!
+
+MARIE.--'s ist ueberstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf
+alles vorbereitet--hier, lies den verhaengnissvollen Brief.----
+
+FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen.
+
+MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre
+Preis!----Keinen Laut truebseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein
+Verbrechen zu suehnen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten.
+
+MARIE. Uebe Gerechtigkeit, dass Du Antheil am Himmel hast, er ist die
+Liebe des Guten.
+
+FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon--
+
+MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer
+Autoritaet!
+
+FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooss der Kirche.
+
+MARIE (mit stuermischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau'
+ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die
+labyrintischen Faeden meines Schicksals, fuehlst was mich in's Verderben
+trieb und kannst allein--
+
+FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erloesende Macht?
+
+MARIE (zaertlich). Weil ich Dich lieben und schaetzen lernte als meinen
+obersten Wohlthaeter.
+
+FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
+
+MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille.
+
+FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du
+sankst----Um die letzte Stuetze der Noth brachte sie der Jugend
+vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch
+geweihter Priester erbaut sie mehr!
+
+MARIE. Nur Thaten versoehnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des
+Schoepfers Lob vernehmbar toent: Friede sei mit Dir, Du bist
+gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschluesse fassen
+lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch
+vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persoenliche Wuerde mich
+ungetheilt erfuellt, der mich erschuettert durch seiner Gruende
+Aufrichtigkeit, erhebt und fortreisst durch den Zauber seines
+Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wueste der Finsterniss, und
+verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler
+aehnlich, der, gelaehmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die
+Hoehe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Fuessen! Schuetze
+mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die
+Schwaeche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbuerdet, sclavisch sich
+zu fuegen--Muss ich ihm folgen?
+
+FRAU ZIEMENS. Raethselhafte Kranke, unbegreifliche Schwaermerin.
+
+MARIE. Muss ich--?
+
+FRAU ZIEMENS. Was waere Dein Loos, wenn Du nicht muesstest?!
+
+MARIE. . . . Der Tod.
+
+FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das
+um Dich!
+
+MARIE (stuerzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Fuehr' mich nach
+jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefuerchtete--Ersehnte!
+Er ist's!--Ich gleiche dem bedraengten Piloten in Sicht des winkenden
+Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rueckwaerts stuermt
+ihn das unerbittliche Meer.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT.
+
+
+ALBERT. Gruess' euch Gott, meine Theuren.
+
+MARIE (kehrt ihm entsetzt den Ruecken).
+
+FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruss mit schuechterner Verbeugung).
+
+ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies
+Papier verkuende Ihnen, weshalb ich komme . . .
+
+FRAU ZIEMENS (damit in die Huette).
+
+ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wuesste sie schon alles--War
+die Furcht prophetisch, welche mich zoegern liess bis heute frueh? Sag' an
+Maedchen, wie fass' ich--
+
+MARIE (reicht ihm des Doctors Brief).
+
+ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging
+schneller als ich . . . (Nachdem er fluechtig gelesen, unwillig mit dem
+Fuesse stampfend). Ueberfluessige Diplomatie!----Aber wie fein! wie
+herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar
+sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts
+vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trueben
+Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur grossen Taeuschung; bis
+jetzt haette er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu
+viel ueberschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau
+des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen
+konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS.
+
+
+VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert.
+
+ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist?
+
+FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn.
+
+VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten
+Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurueck? Welche
+finstere, verzweifelte Mine?
+
+ALBERT. Armer Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Toechterchen
+keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt--
+
+ALBERT. Vergroessert ihre Pein.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . .
+Lass' mal sehn--Ist sie im Garten?
+
+ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse.
+
+VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet
+nichts Boeses . . . Muetterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.
+
+FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind naerrisch.
+
+VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren
+kaltes Herz?
+
+FRAU ZIEMENS. 's ist einfach.
+
+VATER ZIEMENS. Erzaehle--sei so gut.
+
+FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, dass Marie frueher, verstehe
+recht, bevor sie Albert kannte--
+
+VATER ZIEMENS. Ich versteh'.
+
+FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzuendet von dem jungen Doctor ward--
+
+VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr.
+
+FRAU ZIEMENS. Dies nuetzte die Unglueckliche in ihrer Noth.--
+
+VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!
+
+FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand haelt).
+Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich
+Enttaeuschte nun reumuethigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, dass Marie
+in seine thoerichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein
+blieb.
+
+VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin
+ich gewiss.
+
+FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden,
+schmeichelhaften Sprache.
+
+VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit
+schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbuertig an Geist und Gefuehl steht
+Ihr Euch gegenueber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch
+fehlt zur Glueckseligkeit nichts! und nun, was ist's, dass sich feindlich
+zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der
+Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klaegliche Gebilde
+alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid
+Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstaette sehe ich mehr, kein
+Ziel fuer Eure Wuensche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!
+(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel
+zerschellt und trostlos an die naechste Planke festgeklammert, treibt
+Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!
+
+FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern
+Leidenskelch?!
+
+VATER ZIEMENS. Was wuenschest Du, dass ich den Edelmueth'gen rathe?
+
+FRAU ZIEMENS. Sich den Verhaeltnissen zu fuegen!
+
+VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Wuerde?--Weib!
+
+FRAU ZIEMENS. Haett' ich es einst gethan, haett' ich der Zeit
+Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in
+schimmernden Palaesten, saeugte an des Reichthums voller Brust der Jugend
+unbefangene Freuden und hegte ein Toechterchen im Schooss, der ersten
+Fruehlingsbluethe gleich, so frisch und schoen! Der grossen Blashammer, von
+Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten
+Vertraegen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf
+meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwaermergeist bereits
+verdunkelt, mir die Wege ungekraenkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich,
+er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, ueber
+Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige
+Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges
+Raecherantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub
+bliebst Du meiner Liebe zaertlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist
+unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur
+beschaemt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen
+Pfuhl, regnete Himmelsmanna und laesst's uns wohlbehagen . . . Dass diesem
+luegnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer
+ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und
+nicht der Muehe werth es zu erhalten! Gluecklich alle, die's leicht
+erfassen, die schlau, verwegen, kuehn die wenigen Koernlein lautern Goldes
+aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin muede sein morsches
+Kreuz noch laenger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden hoere
+auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reisse, eine neue Zeit
+beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich
+ausgesoehnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnoeden
+Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in
+ihren dumpfen Woelbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.
+
+VATER ZIEMENS. So hoert' ich Dich noch nie!--Welchem fuerchterlichen
+Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den
+Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst
+nun morsch zusammen, gleich dem Geruest des stolzesten Tempels, von der
+unsterblichen Himmelsflamme verglueht!?
+
+ALBERT. Ehrwuerd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle
+Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heissersehnten
+Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit
+fuenftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen
+und verlieren, wird, selber sich in's Boese kehrend, aus edlem Eifer fort
+und fort sein aeltres Werk dem juengeren zum Opfer bringen und nie
+erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich
+gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehaermt vom
+blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schoensten
+Inhalt sich betrogen fuehlt und mir nun weise raeth, die Welt zu nehmen
+wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem
+Verstand, der reich an Kenntniss und an List, das Netz nur auswirft wo's
+zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten laesst, die Herzenskammern wohl
+verriegelt, das Christliche, die allgemeine Bruederschaft, Freiheit und
+Gleichheit blos als Mittel conservirt, (laechelnd)--als Mittel zur
+Umschuettelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der suesse Genius sich zu
+Boden senkte . . . Ich haett's schon lange wissen sollen und anders
+stuend' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Raecherin, waer' nicht
+beschworen, ihr flammendes Geschoss auf uns zu schleudern!
+
+FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!
+
+VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir
+fallen, sie zu versoehnen.
+
+ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Fuechsen nach, die sich aus Eifer
+fuer das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz huellen, Gesangbuch,
+Katechismus, Bibel unterm Arm, demuethigen bussfertigen Schritt's
+alltaeglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in
+lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Boersenraum, ein
+jedes Woertlein ihres suessen Odems mit Priesterbalsam wuerzen und
+gottgefaelligen Spruechen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das
+Seine; ehrlich waehrt am laengsten; selig die reines Herzens sind"--
+
+VATER ZIEMENS. Albert, Albert!
+
+FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!
+
+ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein
+Mann zu sein, dem die Ehrwuerdigen der Stadt und alle Freunde guter alter
+Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.
+
+VATER ZIEMENS. O waer' mein Name dann bereits vergessen!
+
+ALBERT. Menschenhass, Eigenduenkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem
+Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale
+Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Koenigen
+erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkuehr oeffnet und
+schliesst. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern
+Saeulen als Ihr Glaube an--an--ich weiss nicht woran!
+
+FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.
+
+VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muss unsrer echt
+katholischen Kirche sich zu Fuessen legen.
+
+ALBERT. Sie ist die einzige Bruecke zum verlornen Paradies.
+
+FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.
+
+ALBERT (ihre Hand schuettelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels
+Frieden!
+
+VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Huette?
+
+ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern
+Platz fuer sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwoere Euch, weilt!
+
+MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . .
+
+ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater,
+welche Euch erzuernt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den
+Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du fuer
+ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund
+verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. ALBERT.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stuermt nicht die Schranken
+ihres Herzens.
+
+ALBERT. Memme! Memme!
+
+FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund.
+
+ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniss!----Oder denkst Du, ich bin
+ein Sclav' des Elends, nahm das schnoede Geschenk ohne Bewusstsein von
+Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hoer', welch' christlich Werk
+den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhoeht?!
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)
+
+ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's moeglich--sie
+konnte--Ich allein! grausam ueberliefert, ueberlassen der Hoelle?!--Das
+endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.)
+Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmuethige Taube wird zur
+Hyaene . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Wohin Albert?
+
+ALBERT. Ihr die Schande kuerzen!
+
+FRAU ZIEMENS. Huelfe! Huelfe! Weh, mein Kind!
+
+ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thuere des Hauses
+geeilt, oeffnet sich dieselbe ploetzlich und in weissem Gewande tritt ihm
+Marie entgegen). Gott--
+
+MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz.
+
+ALBERT (laesst zurueckschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du
+meiner Brust! . .
+
+MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)
+
+FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stuetzt ihn, und er steht
+geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich
+wieder.)
+
+ALBERT.----Mildwaermend durchbricht die himmlische Sonne den naechtigen
+Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fuerchterlich
+geheimnissvoller Traum . . . Vergeblich saenn' ich ihn zu deuten--drum sei
+er schnell, schnell vergessen!
+
+FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit ruesten wird und
+Mitteln, die Thorheit zu besiegen.
+
+ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus!
+
+FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der
+Ferne.)
+
+ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs
+Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schuetzend Dach
+versagte--
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so
+leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten
+_depuis long-temps_ die Vergnueken--_Recevez mes compliments_.
+
+ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?--
+
+KLAUS. Eine welterschuetternde Nachricht . . . Es wird ueber unser _passe_
+endlich Justiz gehalten.
+
+ALBERT. Wie Du weisst, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher
+ordentlich deutsch.
+
+KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrueckt die Kopf und lassen
+_oublier notre belle langue allemande_ . . .
+
+ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten.
+
+KLAUS. _Patience, monsieur_.
+
+ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.
+
+KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken sso kut ik gann. Nueckst Euk
+ssoll ssein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_
+Kurkel--_j'etouffe_ . . .
+
+ALBERT. Wie gross des Schoepfers Guete an solchem Ungeheuer!
+
+FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unertraeglich. (Sie will gehen.)
+
+KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million
+reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein grosser,
+grosser Mann--Nicht unser Muckerlaendchen--das freie goettliche Amerika
+erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser
+Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _a trouver_ welcher maechtik
+der Sprak _du monde_.
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million--
+
+KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein
+rentables Fabrikchen eingetragen--
+
+FRAU ZIEMENS. Bei!?
+
+KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung.
+
+ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem
+Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel.
+
+KLAUS (hinzufuegend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.
+
+ALBERT. Vergebliche Muehe--zu spaet!
+
+KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Misstrauen, he?
+
+ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten
+Namen.
+
+KLAUS. Hum, sie heisst mich einen Aussaetzigen, nicht weil ich an der
+Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts
+aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemuethe, tiefdenkender, erhaben fuehlender,
+grossherzig strebender Freund und stuerze Dich nicht eines
+Missverstaendnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf
+die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die
+Suende fuer uns alle traegt!
+
+ALBERT. Ja, ich that Dir Leides--
+
+KLAUS (die Hand schuettelnd, welche Albert ihm reichte). Auf dass mir
+einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt
+viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur
+Unsterblichkeit gefoerdert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche
+tausend Thaelerlein . . Zweitausend fuenf hundert stopften mir schon die
+Kinnbacken--aber dreitausend huelfen noch meinen unersaettlichen Durst
+loeschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend
+wuerde mich indess so recht _tete-a-tete_ bei meinem Schoepfer zur Tafel
+laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen
+Tellerzahl mein roth-politisches Heisshungerchen . . . (Er geht auf den
+Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Saesse dann, die Beinlein
+aufgesperrt, das Baeuchel tuechtig angemaest', ein Toennchen Bairisch an
+der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor
+mir her. Bespraeche hochgespannt des Staates Guet' und Maengel und
+balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich
+beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo
+schon so mancher deutsche Ehrenbuerger--bescheiden seiner Heldenthaten
+uebermaecht'gen Rausch verschlief!
+
+ALBERT. Ein frommer Wunsch.
+
+KLAUS (aufspringend). Erfuell' ihn mir.
+
+ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiss,
+dass ich im heiligsten Gefuehl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich
+vergesse.
+
+KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen
+anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he?
+Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anstaendiges Schoeppschristel
+pfarrherrlicher Ehrbarkeit?
+
+FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes
+wuerdig und gestehe, dass Sie mich ausserordentlich beschaemen.
+
+KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:)
+
+ Bei wem das Geld im Beutel klingt,
+ Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
+
+ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht.
+
+KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige
+verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu
+ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden.
+Und so kam's, dass der boese Feind moralisirender Heuchelei und eitler
+Schwaeche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich
+kehrte, bis ich so tief in Misskredit sank, dass das waermste aller
+christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben
+mochte. Ich waere gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstrass'
+elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit
+noch laenger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert
+haette.--'s ist ein verkuemmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem
+der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur
+ganz nieder zur Hoelle! Thoericht, wer sich ihm widmet und fuer Freiheit
+wahrhaft schwaermt!--Gut, dass ich aus dem Groebsten bin! . . Ich, ich
+werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Waende malen und in's
+Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!
+
+ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes
+Versprechen zurueck.
+
+KLAUS. Albert--verzeih', dass ich ein Herz besitze, welches in Erwaegung
+gewisser Dinge ueberschaeumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust
+schnuert und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine
+verrathen; die alte Frau koennte schamroth werden.
+
+ALBERT (ihn an seine Brust drueckend). Steckt doch ein guter, guter Kerl
+in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu troesten und
+erheben, Du, Du--wer haett's gedacht! mein tief verstossner Bruder!
+
+KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ fuer
+Moerser und Bomben; wuerde Rekruten, ruestete ein standfest Heer--fuer Geld
+ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und
+Treue!--und eroeffnete dann eines schoenen Morgens mit dem Hause
+Questenberg den Krieg; zoege vor das Schloss, verlaese die christlichst
+angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden
+wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der
+Gedanke elektrisirt mich, Albert. Moechte mich dabei in Glorie zeigen;
+moechte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weissprangenden
+Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs
+beweisen, dass seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack
+begluecken? Wozu nuetzt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu
+Jahr vermehrt? Bist Du gewoehnt im Suendenpfuhl des Reichthums vom Mark
+der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf
+Deines Herzens sichre Rente!
+
+ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath
+entsprechen, doch in meiner Weise.
+
+KLAUS. Heil Brutus Dir!
+
+ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich
+draengt's dem fremden Goenner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Woertlein in
+Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)
+
+KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er
+singend hinter ihnen her).
+
+ _Allons, enfants de la patrie--hi, hi,
+ Le jour de gloire est arrive:--he, he.
+ Contre nous, de la tyrannie--hi, hi,
+ L'etendard sanglant est leve--he, he . ._
+
+(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Das Vorzimmer des grossen Festsaales aus dem zweiten Akt.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespraech.)
+
+
+V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, dass sich fuer den Augenblick bei der
+_haute-finance_ nichts ausrichten laesst--Aber ich kenne Schneider,
+Schuster, Schlaechter, Kaethner, die _petit a petit_ huebsche Suemmchen in
+ihrer Bettlade anhaeuften und fuer gute Worte herumzubringen waeren.--Wenn
+Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in
+die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben
+vornehm einige Zeilen blos und--
+
+BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und
+wie er zu Credit kommt.
+
+V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilitaet!
+
+BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fussstapfen nicht draengen.--Ich--ich
+nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfaende Keinem mein
+Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
+
+V. ZITTERWITZ (mit feinem Laecheln). Der Schlag von Neapel laehmte Ihre
+Kuehnheit und Sie zweifeln am Glueck?
+
+BLASHAMMER. Am Glueck des Lottospielers!--Treten wir unter die Glaeubiger.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?!
+
+BLASHAMMER. Fuer keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den
+Loostopf.
+
+V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Dass ich
+Sie beschaeme, Herr Blashammer--(haelt ihn fest.)
+
+BLASHAMMER. Herr Regierungsrath?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer--
+
+BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an).
+
+V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und
+ohne leibliche Erben ist, stellt mir fuer den alleraeussersten Nothfall
+einen Theil ihres bedeutenden Vermoegens zur Verfuegung--
+
+BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der
+Concurrenz zu weit ueberfluegelt!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie meinen--?
+
+BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns
+ansteckt--sagen wir gut fuer ihn.
+
+V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestuehle.
+
+BLASHAMMER. Versuche im Grossen stellen zweifelhafte Resultate
+heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon.
+
+V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht fuehren!
+
+BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und
+schweige.
+
+V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er taeuschte mich
+absichtslos.
+
+BLASHAMMER. Es troeste Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der
+Geschaefte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie
+daran.
+
+BLASHAMMER. Moechte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er
+auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr
+Regierungsrath,--die Concursmasse den Glaeubigern abhandelten, so billig
+als moeglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren liessen, he?
+
+V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns waere
+damit geholfen.
+
+BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
+
+V. ZITTERWITZ. Kein uebler Anschlag.
+
+BLASHAMMER. Lohnt's?
+
+V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das hoechste
+Freundschaftsstueck guter Christen.
+
+BLASHAMMER. Ueberlegen Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbruechiger klammert sich an alles, was ihn auf
+den Fluthen traegt!--Wir sind einig.
+
+BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluss.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein grosses Buch unter'm Arm).
+
+
+V. ZITTERWITZ. Fort!
+
+BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
+
+V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer
+sich weniger Luft machen duerfen. (Beide ab.)
+
+QUESTENBERG. Vieles koennte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts,
+was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch
+schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS.
+
+
+ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurueck, dem Amerikaner es
+zu melden.
+
+KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungeruehrt, ungebessert bleibt er
+und lacht ueber Deine Grossmuth nur frohlockend sich in's Faeustchen.
+
+ALBERT. Geh, eile.
+
+KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Fruechte Deines Genie's.
+
+ALBERT. Willst Du mich erzuernen.
+
+KLAUS.--Der Schwaermergeist wird sich an Dir raechen.
+
+ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
+
+ALBERT. Ihr treuer Diener.
+
+QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
+
+ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige
+Minuten.
+
+QUESTENBERG. Du kommst mich verhoehnen--ich les' es in Deinem
+Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so
+viel Lieb' und Guete, dass ich hoechlichst erstaune.--
+
+QUESTENBERG. Schlange!
+
+ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
+
+QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkuenstelter Ruhe). Verkuende, was
+Dich herfuehrt.
+
+ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, dass Du mein Freund bist,
+Albert.
+
+ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
+
+QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint?
+
+ALBERT. Ein grosser Fabrikant aus den vereinigten Staaten--
+
+QUESTENBERG (unglaeubig). Ah!
+
+ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestuehle zu zeigen die--Kuehnheit hatte.
+
+QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall?
+
+ALBERT. In solchem Grade, dass er sich gleich erbot, als er von Ihrem
+Unglueck hoerte--
+
+QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fuegt oft
+Wunderdinge--raethselhaft erscheint mir blos . . .
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von boesem
+Gewissen.
+
+QUESTENBERG. Du taeuschest Dich wohl nicht.
+
+ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
+
+QUESTENBERG. Willst es wissen?
+
+ALBERT. Ich wuenschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,--
+
+ALBERT. Sie scherzen!
+
+QUESTENBERG. unterdrueckt,--
+
+ALBERT. Pfui.
+
+QUESTENBERG. tyrannisirt!
+
+ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter!
+
+QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort.
+
+ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr
+Retter!--Glauben Sie mir nun?
+
+QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON.
+
+
+JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.--
+
+QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm
+einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Guete . . .
+
+JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestuehl' kehoeren zu ten
+vorzuegliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder,
+ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind--
+
+QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er aengstlich Albert ansieht).
+
+JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
+
+KLAUS (murrt).
+
+QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
+
+JOHNSON. Ihr Name wird nepen den groessesten Wohldaehtern der Menschheit
+klaenzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.
+
+QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiss nicht, was
+ich sagen soll!--(laut.) Muss ein Fremder mir Trost und Hoffnung
+bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Maehrchen im Kopfe! (laut.)
+Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde
+Luegen strafen!
+
+JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, tass unter Freunden oft
+Eifersucht, Misskunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniss trueben!
+(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt
+zu misscreditiren?
+
+QUESTENBERG. Ja--ja wohl!
+
+JOHNSON. Man Sie peschuldigte muessiger Spielereien, verterblicher
+Exberimentesucht--
+
+QUESTENBERG. Man that's.
+
+JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschaeftsmanns prachte.
+
+QUESTENBERG. Natuerlich.
+
+JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des
+Fortschritt's!--
+
+QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf).
+
+JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefaellt.
+
+QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklaeren! (setzt sich.)
+
+JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.--
+
+QUESTENBERG. So--ah!
+
+JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenuegt,
+mein Herr, sso steh' ick zu Tiensten.
+
+QUESTENBERG. Vollkommen genuegt's, mein Herr--Schon
+achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, dass Sie mir
+solch' Vertrauen . . .
+
+JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie
+wuenschen.
+
+QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiss
+nicht . . .
+
+JOHNSON. Sehen Sie nur hierher.
+
+QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .
+
+JOHNSON. Ohne Umstaende, mein Herr.
+
+QUESTENBERG. Sie bringen mich ausser Fassung, mein Herr.
+
+JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr.
+
+QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich
+jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?
+
+JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!
+
+QUESTENBERG. Nein, guetiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.--
+
+ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den
+Notar, der draussen wartet.
+
+JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver
+Albert. (Sich freudig in die Haende reibend; bei Seite.) Der
+Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .
+
+KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst
+ihn schamlos triumphiren lassen!?
+
+ALBERT. Behindre mich nicht.
+
+KLAUS. Keinen Schritt weiter.
+
+ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .
+
+KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich!
+
+JOHNSON. Meine Herrn . . .
+
+QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder.
+
+ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich
+schon die Gruende mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, dass die
+Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.
+
+KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . .
+
+KLAUS. Wenn's sich anders verhaelt, als ich Ihnen auseinandersetzte, so
+straf' mich der Teufel.
+
+JOHNSON. Koennen Sie sich stuetzen auf Peweise.
+
+KLAUS. Es faellt schwer, denn der Treulose verleugnet alles;
+dessenungeachtet . . .
+
+JOHNSON. Aber er muss wohl am pesten wissen--
+
+KLAUS. Herr Johnson, sein Gemueth verkehrte sich in Tollheit und er ist
+nicht Meister seiner Handlungen.
+
+ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt
+Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter
+erscheint, empfaengt Befehle und eilt wieder ab.)
+
+JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie peduerftiger als er.
+
+KLAUS. Was!
+
+JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schaemen Sie sich was!
+
+KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Wer laeugnet's, allein--
+
+KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muss Recht bleiben!
+
+JOHNSON. Schon kut, toch--
+
+KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht--
+
+JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus.
+
+KLAUS. Pah, ich fuerchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige
+Macht der Wahrheit.
+
+JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.
+
+QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Fuehrt den Menschen in die
+frische Luft und macht ihm Umschlaege . . .
+
+KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten!
+
+QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniss?
+
+JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe.
+
+QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.
+
+KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt
+ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Mueh'! Haette ich das
+gewusst--doch Gott befohlen!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Suender, mein guetiger Gebieter.
+
+JOHNSON. Er wusste nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach.
+
+QUESTENBERG. Schuldigermaassen sollte ich ihn auf der Polizei
+durchpruegeln lassen.
+
+ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekraenkt.
+
+JOHNSON. Was meinen Sie, tass solch' unansehnliker verkommener Keselle
+Ihnen schaden koennte--
+
+QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert.
+
+JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe fuer heut' keine Zeit mehr und
+porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.
+
+QUESTENBERG. Ich weiss Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schaetzen.
+
+JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zaehlen Sie die Summe kefaelligst nach.
+
+QUESTENBERG. Es waere wohl ueberfluessige Muehe.
+
+JOHNSON (den Hut nehmend). Moechten wir ein paar klueckliche
+Keschaeftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.
+
+QUESTENBERG. Ich habe keinen schoenern Wunsch.
+
+JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener.
+
+
+
+Zwoelfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne JOHNSON.
+
+
+QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht
+unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.
+
+ALBERT. Sie beschaemen mich.
+
+QUESTENBERG. Fordre die Haelfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir
+die Freundschaft!
+
+ALBERT. Sie wissen, dass ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch
+mache--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir,
+Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestuehle im ersten
+Jahr?
+
+ALBERT. Wie kann ich so viel wollen!
+
+QUESTENBERG. Morgen empfaengst Du's schriftlich . . . Ach, waer's mir
+vergoennt, Dich gluecklich zu machen!
+
+ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.
+
+QUESTENBERG. Scherz bei Seite.
+
+ALBERT. 's ist zu spaet!
+
+QUESTENBERG. Was hast Du?
+
+ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.
+
+QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe?
+
+ALBERT. Sie ging mir verloren! . .
+
+QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge?
+
+ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebuerdet! . . Erbleichen Sie nicht
+mehr, Gott hat gerichtet!
+
+QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehoert Dir!
+
+ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat
+hassen--nicht ihre botmaessige Hand, die ein blindes Glied am Koerper
+unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Du! Du!
+
+ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich
+eitel ruehmt: seht, alles duldete ich zur Erloesung aus der Suende, ich
+liess mich von Euch uebervortheilen, verleumden, entehren, mit Fuessen
+treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetoedtet in meiner
+Leidenschaft, gleichgiltig fuer irdische Freuden, gebrochenen
+Herzens--ein verklaerter Geist, zu dessen Fuessen ihr Euch im Staube
+kruemmt!
+
+QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses
+Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesae't: Qualen der Hoelle!
+
+ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen
+Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich
+sind fuer die Schuld, in welche Ihr Fall sie stuerzt!
+
+QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Glaeubiger in meinem Namen--mir fehlt die
+Kraft.
+
+ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisaeer und
+Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge uebt!
+
+QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe fuer mich, so muss ich's
+thun.
+
+ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.
+
+QUESTENBERG. Wohin gehst Du?
+
+ALBERT (zeigt nach Oben).
+
+QUESTENBERG. Oh!
+
+ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's
+Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie fuer mein
+Begraebniss; ich wuenschte an keinem unanstaendigen Orte unseres Kirchhofs
+zu ruh'n. (Er will geh'n.)
+
+QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Huelfe!
+
+ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust
+setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.
+
+QUESTENBERG. O das ist entsetzlich!
+
+ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht,
+zittern vor dem Tode; Maenner voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen
+ihm freudig entgegen! (ab.)
+
+QUESTENBERG. Bring' ich den Glaeubigern das Geld und verfolge seine Spur!
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+Die Vorhaenge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel
+die Glaeubiger.
+
+
+QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf
+den Tisch.)
+
+ALLE. Geld . . . ah! ah!
+
+QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine
+Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten,
+unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie
+unter sich die Summe und gestatten, dass ich mich wieder zurueckziehe.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Ihr edles Gemueth fuehlt sich durch unsre Maassnahme
+verletzt.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Sie zuernen uns.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Haetten wir gewusst oder geahnt . . .
+
+QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen
+nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthaenigsten Diener.
+
+
+
+Vierzehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG.
+
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Ein kurioses Benehmen!
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Fein ueberlegt, fein studirt! Er haengt uns einen
+dicken Zopf an.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtglaeubig.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung
+zufolge einiger Boersengeruechte mir nichts dir nichts zur Erklaerung zu
+draengen!
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld
+zurueckzugeben, denn er wird es wohl noethig haben. (Einige bemaechtigen
+sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)
+
+
+
+Funfzehnte Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr fuehre uns nicht mehr in Versuchung! . .
+Mir schwimmt's schwarz und weiss vor Augen, denke ich--(kopfschuettelnd)
+Der infernalische Plan haette mich doch, haette mich doch--Oh, was ist der
+Mensch in einer ungluecklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann
+bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, dass die Noth die
+Mutter aller Laster sei.
+
+BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat!
+
+V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine
+andere! Was fange ich nun mit dem Capitaelchen an? Wo bringe ich's unter;
+wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr
+die neue!
+
+BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.
+
+V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Dass ich meine Zunge nicht
+bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.
+
+BLASHAMMER. Ich kann das Capitaelchen gut brauchen. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel Guete.
+
+BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnoethig belaestigen.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, dass ich's gut brauchen kann!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's
+Ihnen an.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel fuer einen guten Christen.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwoelf Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Danke, danke.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemuehen Sie sich nicht weiter.
+
+BLASHAMMER. Zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Maessigung.
+
+BLASHAMMER. Fuenf und zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da
+hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.
+
+BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erroethen? Ist das Geld
+des Schwarzkuenstlers besser als meins? (fuer sich) Wem er's nur abjagte!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Kapitaelchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant
+und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen
+Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht
+mehr Schmerz als die drei Maenner im feurigen Ofen!
+
+BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand.
+
+V. ZITTERWITZ (zurueckbebend). Durchaus nicht . . .
+
+BLASHAMMER. Sie halten mich fuer einen Gauner.
+
+V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, dass hier Leute sind.
+
+BLASHAMMER. Fuer einen Betrueger.
+
+V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den
+Aufdringling los.
+
+BLASHAMMER. Erklaeren Sie sich gemessener.
+
+V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute
+bl--bl--blos fuer unsich--chere Menschen.
+
+BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen.
+
+V. ZITTERWITZ (fuer sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen
+ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.
+
+BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!
+
+V. ZITTERWITZ (die Faeuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie
+sich gerichtlich verantworten . . .
+
+BLASHAMMER (stampft wuethend mit dem Fuss).
+
+V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr
+Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)
+
+BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel,
+gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram toedtet mich!
+
+
+
+
+Fuenfter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Zimmer im Hause Blashammers.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf.
+
+
+ADELGUNDE (im Spiel ungestoert fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur
+naeher.
+
+DER DOCTOR. Mit Ihrer guetigsten Erlaubniss.
+
+ADELGUNDE. Setzen Sie sich.
+
+DER DOCTOR. Fraeulein spielt eine himmlische Symphonie.
+
+ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?
+
+DER DOCTOR. Da schwoll die Suendfluth der Glaeubiger meines Herrn Papa
+ploetzlich so stark an, dass ich fuer gut hielt, das Haasenpanier zu
+ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde
+endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.
+
+DER DOCTOR. Waere seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!
+
+ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hoeren?
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir guenstig--Ich werde mich in
+der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?
+
+ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hoert'
+ich kein Wort von ihm; verdriesslich war er und in hartem Kampf mit sich
+selbst.
+
+DER DOCTOR. Wer kann's ihm uebel nehmen! Ach, dass ich's Ihnen berichten
+muss!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!
+
+ADELGUNDE. Sie erfuellen mich mit Schrecken.
+
+DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten
+brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heisst!--weil er das Feuer der
+Revolution heimlich schueren half.
+
+ADELGUNDE. Weh!
+
+DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.
+
+ADELGUNDE. O Grauen!
+
+DER DOCTOR. Ich fuerchte, es kostet ihm nicht blos das Vermoegen, sondern
+auch die Freiheit.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm!
+
+DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Haenden und Fuessen! Sein Versehen ist
+politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwaechst daraus
+fuer uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!
+
+ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umstaenden haben Sie noch
+Lust--Nimmermehr!
+
+DER DOCTOR. Ein Ehrenmann haelt Wort.
+
+ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglueck nicht. Ich gebe Ihnen den Ring
+zurueck.
+
+DER DOCTOR (drohend). Fraeulein!
+
+ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer
+genug fallen.
+
+DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.
+
+ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethaetigungen mit ueberfluessigen
+Kraeften erfuellt und bei dem Mangel grosser volksthuemlicher
+Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die
+dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewoehntesten, fast aller Orten das
+Leben zur Plage macht.
+
+DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem gluecklichen Sterne geboren, so
+kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine
+heil'ge Sache!
+
+ADELGUNDE. Ihre Redekunst.
+
+DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die
+Liebe, von der man sagt, dass sie dem Menschen das bitterste Geschick
+angenehm versuesst.
+
+ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.
+
+DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . .
+Kalt, gleichgueltig, spoettisch, verschaemt stellt es sich, wenn's in
+seinem Busen gaehrt und brennt--
+
+ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein.
+
+DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile
+er selbst, ob mich ein anderes Interesse fuer Sie begeistert, als das
+rein menschliche . . . Doch horch!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!
+
+DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still!
+
+BLASHAMMER (fuer sich). Vergoss ich meinen Schweiss umsonst! Bleibt mir fuer
+alle Plage kein Brosaemchen!
+
+DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?
+
+BLASHAMMER (fuer sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich
+mich aus dem hohen Rath verstossen, unter die Kleinkraemer der Vorstadt
+versetzt!
+
+ADELGUNDE. Troeste Dich, Vater!
+
+BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.
+
+ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich?
+
+BLASHAMMER. Vergebne Mueh'--sie ersetzt mir meine Schaeden nicht . . . Was
+macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft loes'te sich
+gemuethlich auf.
+
+DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.
+
+BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater
+heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem
+tief Gekraenkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten
+Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend
+Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und
+auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernuesse auf den Tisch
+warf . . .
+
+DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, waer's doch der Fall!
+
+BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und haelt's ihm vor). Sehen Sie da,
+er hat mich nicht mehr noethig.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde
+schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich
+unwuerdigen Misstrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schaetzte
+ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und waere meine Leidenschaft fuer
+Fraeulein Adelgunde nicht die heisseste, welche je eines Menschen Brust
+gehegt, so wuerde ich verzagt zurueckweichen und--
+
+BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die
+rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurueck.
+
+DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort
+und Fraeulein meinen Ring.
+
+BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter.
+
+DER DOCTOR. Fraeulein bleibt . . .
+
+ADELGUNDE. Gnade!
+
+BLASHAMMER. Noch gehoert mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich
+ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's oeffentliche Gerede . . .
+
+BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhoehnen.
+
+ADELGUNDE. Du irrst.
+
+BLASHAMMER. Woher weisst Du's?
+
+ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz.
+
+BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.
+
+BLASHAMMER. Er!
+
+ADELGUNDE. Ja.
+
+BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.
+
+ADELGUNDE. Glaub's mir.
+
+BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb
+unveraendert.
+
+ADELGUNDE. Welches andere Interesse duerfte ihn noch fuer mich begeistern,
+als das reinmenschliche?
+
+BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie
+raecht sich die Luege!
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt?
+
+QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Glaeubiger.
+
+DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun
+ihren Schein!
+
+QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett;
+das Gewissen trieb mich zu Dir.
+
+BLASHAMMER. Nimm guetigst Platz; das Stehen greift Dich an.
+
+QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.
+
+BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.
+
+QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem ploetzlichen
+Umschwunge der Verhaeltnisse, gebietet's die Vernunft, Religion,
+Sitte . . . .
+
+BLASHAMMER. Nicht weiter.
+
+QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug--
+
+BLASHAMMER. Ich begreife Alles.
+
+QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, dass--
+
+BLASHAMMER. Sei unbesorgt.
+
+QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird--
+
+BLASHAMMER. Du haettest deswegen ruhig im Bette bleiben koennen--Falls Du
+Dich erkaeltetest, messe mir keine Schuld bei.
+
+QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.
+
+BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen.
+
+QUESTENBERG. Ein andermal erzaehle ich Dir, auf welche wunderbare Art der
+Allmaechtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsuechtiger,
+arglistiger Menschen erloes'te.
+
+BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender
+anhoeren wird.
+
+QUESTENBERG. Soehnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.
+
+BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe
+auszutauschen.
+
+QUESTENBERG. Erfuelle des Freundes Bitte, Soehnchen.
+
+BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die
+Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.
+
+DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa,
+und verstumme.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fuegte es mein
+Schicksal, dass ich in Fraeulein eine mir wuerdige Lebensgefaehrtin
+entdeckte.
+
+QUESTENBERG. Steht es so!
+
+BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant taeuscht sich in jugendlichen
+Herzen.
+
+QUESTENBERG. Reichen wir uns denn bruederlich die Hand und segnen das
+junge Paar.
+
+BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir
+in den Prunksaal, die Gaeste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer
+Versoehnung sogleich laden lasse . . .
+
+QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal.
+
+BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich.
+
+QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschaeft, zu dem ich
+die Huelfe des Sohnes beanspruchen muss.
+
+DER DOCTOR. Bin dabei.
+
+QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wuensche denn
+beiderseits Lebewohl.
+
+BLASHAMMER. Glueckliche Besserung.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Theures Fraeulein, einen Kuss
+fuer tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die
+beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Aermlicher Garten an der Huette des Vater Ziemens. Seitwaerts eine Strasse.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS (hastig von der Strasse). Vaeterchen, Vaeterchen! Bist Du da?
+Schnell heraus, eine schreckliche Maehr!
+
+VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schlaeft.
+
+FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st
+Du wie lebendig die Strasse wird? Alle Welt geraeth in schaudernde
+Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schliessen den Leuten uns
+an.
+
+VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich huete die Kranke.--Wusste man des
+Ungluecklichen Namen?
+
+FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren
+verzweifeln liess.
+
+VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche.
+
+FRAU ZIEMENS. Wir allesammt koennten dem Beispiele folgen. (ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Des Staedtchens schwacher Gemeinde waer's ein
+Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden
+Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, haett' ich doch kein Kind! . . .
+Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park?
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter
+Alter, die ihres gleichen sucht!
+
+VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig laechelnd.) Wohl ging's mit der
+Erfindung schlecht, wohl liess der Amerikaner euch hart abfallen?--
+
+KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reuessirte, viel Geld gab's, viel,
+viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schoenste
+Banknoten, vollgueltigste Papiere--
+
+VATER ZIEMENS. Aber--?
+
+KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich?
+
+VATER ZIEMENS. Nein--wozu?
+
+KLAUS. Krambambuli zu kaufen.
+
+VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab?
+
+KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Glaeschen Bittern verlangt's blank
+vorausbezahlt!
+
+VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft
+werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren--
+
+KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je groesser die Flasche, desto angenehmer,
+und wenn's ein Fass ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur
+heraus! ich leere es im Bewusstsein--nicht zu den schwaechsten Gliedern
+unsers starken Volkes zu gehoeren! (Will ihn in die Huette schieben.)
+
+VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld
+erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut?
+
+KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei!
+
+VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?!
+
+KLAUS. Versuchte ich das schon einmal.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr
+Treiben!
+
+KLAUS. Pfui, auch Sie oeffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?!
+
+VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden.
+
+KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom
+gemeinsten Gauner gaengeln, aussaugen, betruegen, unterdruecken laesst,
+erklaere ich unzurechnungsfaehig ueber mich zu urtheilen.
+
+VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus.
+
+KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet,
+behaupte ich heute erst recht!
+
+VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, dass Dir die
+Leute thun, das thue ihnen auch nicht?
+
+KLAUS (keck). Ja wohl!
+
+VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage.
+
+KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewuehlt, mit erkuensteltem
+Laecheln.) Dass Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's
+zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom
+Schloss! (bei Seite mit ironischem Laecheln.) Muss luegen, um wahr zu sein!
+
+VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus.
+
+KLAUS. Ja, wirklich!
+
+VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!?
+
+KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen!
+
+VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles!
+
+KLAUS. Ah, und wie raechte sich dafuer Albert!
+
+VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch.
+
+KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern
+Patron wieder betruegen liess.
+
+VATER ZIEMENS. Das heisst--
+
+KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stueckchen wie Sie seh'n.
+
+VATER ZIEMENS. Fuerwahr, denn ich begreife noch nichts davon.
+
+KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, fuehrte zum saubern Patron
+den Amerikaner, liess es sich gefallen, dass derselbe 800,000 Thaler, sage
+800,000 Thaler fuer die Erfindung--
+
+VATER ZIEMENS. Unmoeglich!
+
+KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth ausser mir,
+protestirte mit Loewengebruell, bat, drohte, beschwor die Geister des
+Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Laechelns stand der Wahnwitzige da,
+gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken
+preis, duldete, dass man mir--
+
+VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, fuehren Sie mich zu ihm!
+
+KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloss.
+
+VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den
+Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht
+leugnen!
+
+KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst!
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und
+nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten
+und kraenktest seine Hoffnungen--sein Glueck und stiessest ihn in's
+Verderben! Was thatst Du, Unglueckselige! Und noch zur Kirche, noch beten
+willst gehen! Wer thront ueber deinem Haupte, wer lenket, fuehret dich!
+Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer,
+versoehnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg,
+thoerichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt
+schlaegst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetoese.) Was
+bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks waelzt sich die Strasse herauf! Auch
+Muetterchen dabei?
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen).
+
+
+MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du?
+
+FRAU ZIEMENS (zu den Traegern). Setzt hier die Buerde nieder und habt
+tausend Dank, wackre Maenner!--Ach Tochter, Du wardst fuer eine schwere
+Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft--
+
+MARIE. Ist's der alte Vater?
+
+FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert!
+Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone
+ihn--er bedarf zaertlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits
+regt er sich--
+
+MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?----
+
+ALBERT. Welche Stimme?
+
+MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich
+bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam,
+unnatuerlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu
+zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als
+Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm
+nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie
+es Deine--wie es meine Ehre gebot!
+
+FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter!
+
+MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich!
+
+ALBERT. Sei's jetzt nicht, Maedchen!
+
+MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der
+Edlen!
+
+ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das
+richtete ueber mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die koestliche
+Zeit muessigen Spiels vertraeumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen
+zu erfuellen, die ein theures Maedchen in ihn setzte--ploetzlich das Buendel
+packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham
+erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des
+Elends, ein schnoeder Kuppler des Lasters und musste, musste verdammt
+werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld!
+
+MARIE. Eben,--suehntest Du sie nicht!
+
+ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park--
+
+MARIE. O Gott!
+
+ALBERT. Aber nicht zu sterben wusste--nicht zu sterben der Feige!
+Haekeliche Zweifel laehmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte
+sich! . .
+
+MARIE. Das fuegte der Allmaechtige zu unserm Heil!--O richte Dich maennlich
+auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiss in Liebe die Schmerzen,
+welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, missguenstigen Welt uns
+widerwillig, gezwungen bereiteten!
+
+ALBERT. Maedchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend;
+zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schuettle sie ab;
+entfliehe meiner unheiligen Naehe!------O Frau Mutter, wohin brachten
+Sie mich!--
+
+MARIE. Ha, das--das ist Rache!--
+
+FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut!
+
+MARIE. Noch alles gut!? Muetterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach,
+er hat mich nie--nie geliebt!
+
+FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versoehnung, treib's nicht
+weiter!--O thu's fuer die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine,
+keine Freudenthraenen geweint!--
+
+MARIE. Lass ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur!
+
+FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub!
+
+MARIE. Ich sage, lass ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du
+denn noch nichts?
+
+FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen!
+
+MARIE. Muetterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte!
+
+FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter!
+
+MARIE. Welches haekelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl!
+(laechelnd) Darueber frage ihn aus, ich bitte!
+
+FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als wuerde ihr ploetzlich ein
+Raethsel geloest). ... Sollte das moeglich--Aber nicht doch, Tochter, Du
+schwaermst!
+
+MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem
+Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich
+durchschaue alles, die ganze Comoedie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser
+Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm
+Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehoerst, ins Reich der
+Finsterniss!----(Sie stoesst mit dem Fusse an das Gebetbuch, welches sie
+vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha,
+woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine
+Vernunft, kein Gedaechtniss mehr!--Schuetze, o Mutter, schuetze mich vor
+mir selbst! . . . (Faellt der Mutter betaeubt in die Arme.)
+
+FRAU ZIEMENS. Himmlische Maechte, giebt's keinen Frieden fuer sie!------O
+nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Hoechste!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Huelfe
+noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir
+die Jungfer in die Huette--es wird fuer sie zu viel!
+
+MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr!
+Berichten Sie nur, Klaus!
+
+KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den
+wundersamsten Erfolg--es klaenge uns, so wahr ich Klaus heisse, ein
+Millioenchen in der Tasche, ja, ja, ein Millioenchen--
+
+MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die
+Geschichte?
+
+KLAUS. Frau Mutter weiss bereits davon. . .
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzaehlen hielt ich fuer Narrheit, denn ich konnte
+nicht glauben, Klaus, nicht glauben--
+
+KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und
+wider Erwarten . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!?
+
+KLAUS. Bis auf zwei Todte leider!
+
+FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie?
+
+KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie!
+
+MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie
+sich mit dem Vater--
+
+KLAUS. Zu dienen.
+
+MARIE. Wo blieb er!?
+
+KLAUS. Beim Herrn im Schloss, zu seinem--unserm unseligsten Verhaengniss!
+
+FRAU ZIEMENS. O mein Kind!
+
+KLAUS. Beten Sie fuer ihn!
+
+MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!
+
+KLAUS. Wahrlich, koennte man gleich ihm sich ruehmen, so athmete leichter
+das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets grosse Gefuehle, schoene
+Gedanken, kruemmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich
+im Pfuhle der Verdammniss und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich
+Geister!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS.
+
+
+MARIE. Hoertest Du, Albert?
+
+KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?!
+
+MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel toedtete ihn nicht.
+
+KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst!
+
+ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr!
+
+KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe
+mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der
+Kunde Deines Frevels ueberrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet
+beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm.
+
+ALBERT. O schauder--schaudervoll!
+
+KLAUS. Hoechst schaudervoll!
+
+MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwuerfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver
+Mann!--Goennen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die
+Vorsehung, welche nicht anders es fuegte!
+
+KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.
+
+MARIE. Was bleibt ihm uebrig in seiner Ohnmacht!
+
+ALBERT (wirft sich ihr zu Fuessen).
+
+MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten
+wir ferner unerforschlichem Rathschluss!
+
+KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du suehnst nicht anders das
+Geschehene!
+
+ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich haerter als der Tod--bricht
+meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere
+Sonne--dort ging sie unter!
+
+MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir
+von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schoepfer nur und seinen
+himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!
+
+KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche
+feststeht! Wie auf Kaelte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch
+die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und
+Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kuemmerlicher
+Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit praechtigen
+Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den
+ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt
+die Segel straff, steuertest als echter Roemer, kuehn von Entschluss und
+That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes
+Versprechen, dass ich am Lottospiel der Boerse mich betheiligen
+koennte--He, sollte zum Ergoetzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht
+in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell
+erborgter Fuelle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend
+unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt,
+geringschaetzig belaechelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die
+Fuesse machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von
+Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es fuer Marie und ihre
+Mutter, der Du den sicheren Ernaehrer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm
+den Arm nur, Jungfer.
+
+MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.
+
+KLAUS. Nachher davon.
+
+ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spaet.
+
+KLAUS. Das Moegliche niemals! Und wer da weiss, dass alles moeglich, achtet
+keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Guete nicht, so ueben wir
+Gewalt!
+
+ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus.
+
+KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung fuer
+die mir zugefuegte Schmach entrinnst Du meinen Haenden nicht! Ich schwoer's
+bei einem Buckel Schlaege Dir! Ja, ja, das merke!
+
+ALBERT. Liesse sich Geschehenes noch aendern!
+
+KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen!
+
+MARIE. Welch ein Erkuehnen!
+
+KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu ueben!
+
+MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches
+fuer ihn!
+
+KLAUS. Das darf nicht geschehn.
+
+MARIE. Sie sind ein Tyrann!
+
+KLAUS. Ich wuerde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich
+schweigend, dass Jemand--und waer's mein Feind--schnoedester Spitzbueberei,
+wie der, zum Opfer fiele!
+
+MARIE. Ihre Verblendung ist gross!
+
+KLAUS. So klein Ihre Erkenntniss!
+
+ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich
+mit uns'rer Ansicht!
+
+KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin
+ein Heide, unempfaenglich fuer solchen Tand!
+
+ALBERT. Traun, so erwaege, dass die Achtmalhunderttausend bereits
+verschlungen wurden von den Glaeubigern!
+
+KLAUS. Bereits!
+
+ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn
+brachten. . . Das weisst Du nicht?!
+
+KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Mueh' waer's,
+gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr
+luftigen Schloesser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte
+es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,
+nennt edelmuethig unter Schurken--christlich! Entsagung persoenlichen
+Vortheils, irdischer Freude--gottgefaellig! Selbstmord--hoechstes
+Rechtthun! vernuenftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch!
+das kalte Grab allein--Erloesung aus Suende und Elend!--O haette doch ein
+Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren koennen,
+wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der
+menschlichen Natur, dass sie, je reifer, desto sinnbethoerter
+wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die
+Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich
+dem grossen Maertyrer hinab zur Hoelle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du
+von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsuehnen, so sprich! wenn nicht,
+verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du
+entkrochst!
+
+ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb
+Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein
+Leben unter Schmerzenskraempfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein
+unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde fluecht'ger Fantasie,
+im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . .
+
+KLAUS. Kehre Dich um und sieh!
+
+ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das?
+
+KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . .
+
+ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich
+rangst!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN.
+
+
+QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich
+feiere den hundertjaehrigen Geburtstag, werde nun kahlkoepfig und in
+Kruecken gehn.
+
+ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.
+
+QUESTENBERG. Fast moechte ich's behaupten.
+
+ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue ueber diese
+Reue, der boese Geist mir hindernd in den Weg trat!
+
+QUESTENBERG. Hoerst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein,
+nein, der sanfte Albert konnte sich nicht toedten!--Ich erwog es
+reiflich; saeumte deshalb Laerm zu schlagen, hielt mich huebsch zu Hause,
+huebsch, huebsch, huebsch!--Ach mein Jesus, waer' ich aber nur gleich einem
+Rasenden durch Strassen, Feld und Wald nach ihm huebsch suchend umgeirrt
+und ausgewichen huebsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind
+wir Menschen immer huebsch gescheidt!
+
+ALBERT. Es leiht den Duenkel uns, dass mehr wir seien als wir sind!
+
+QUESTENBERG. Zu ew'ger Taeuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte wuerdige
+Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn!
+
+ALBERT. Des Ungluecks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar
+ergreifen sie uns wenig!
+
+QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf
+will jetzt bereits--ein Stuendchen erst nach dem Ereigniss--in wilder
+Fiebergluth aus allen Fugen gehn!
+
+ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch
+uebrig?
+
+QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch.
+
+ALBERT. Ruht nicht auf mir die groesste Schuld!?
+
+QUESTENBERG. Auf Ihnen!
+
+ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut
+als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.
+
+QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er
+zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein
+Theil der Glaeubiger, bereuend ihres Misstrau'ns Ungestuem, gab mir das
+Geld zurueck.
+
+ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen
+Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von
+keiner That!
+
+QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zoegert).
+Demuethigen Sie mich nicht tiefer!
+
+ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab.
+
+KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!
+
+QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Suendenlast!
+
+KLAUS. Sei christlich!
+
+ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurueckbebt).
+Da! fuer Dich!
+
+KLAUS. Alles!
+
+ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und haeufe mehrend es
+bis in den Himmel!
+
+KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer
+Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhuepfend und das Geld
+zaehlend). Lauter giltige Papiere--fuenf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft!
+fuehrt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, dass ich den Mammon
+ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein!
+Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun
+bin ich dieser Lumpen Glaeubiger!--Wie abgegriffen und welch'
+Inbegriff!--Gift fuer den Staat und Medicin fuer mich!--Adieu, mein
+Bruder! Der Augenblick zu grossen Unternehmungen ist guenstig; ich reise
+morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande,
+was der Himmel fuegen moege, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir
+zurueck und trage Sorge, dass Du bald den Herrn Questenberg hier spielst!
+
+ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst.
+
+KLAUS. Dein Freund auf ewig!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDAeMMERUNG.
+
+
+QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids wuerdig oder der Bewunderung, ob
+Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden.
+
+ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine
+Freuden.
+
+QUESTENBERG. Gedaechten Sie auch meiner dann in Grossmuth!
+
+ALBERT (ihm geruehrt die Hand schuettelnd). Verzeihung, ach, was waere das!
+ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen,
+streben ihrer kranken Glieder grosse Noth durch gutes Beispiel, Rath und
+That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche
+unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!
+
+QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein
+bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so!
+Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!--
+
+ALBERT. Traeumen Sie von Paradiesesengeln!
+
+QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuss . . .
+Doch still, etwas vergass ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen
+Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzueckt im Spiegel schau'n!
+
+(Albert nimmt das Stueck Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet,
+wischt seine Thraenen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Naehe
+steht.)
+
+ALBERT. Maedchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide fuer die Hochzeit
+und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . .
+
+(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus
+weiter Ferne kuendigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater
+Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's
+Dienern unter Fackelschein hinten ueber die Scene getragen.)
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
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+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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