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+The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Bankerott
+ Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten
+
+Author: Florian Mueller
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
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+
+Der Bankerott.
+
+
+Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten
+
+von Florian Mueller
+
+
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+Leipzig
+
+Theodor Thomas.
+
+1853.
+
+
+
+
+Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und
+keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Buehnen wuerdig
+und geschickt ist, ueberlaesst er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr
+fuer seine Rechtfertigung oder Erlaeuterung zu sagen, erscheint ihm
+ueberfluessig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen
+und als Menschenfreund sah, wird sie aehnlich auffassen und in keiner
+Weise zweifeln, dass nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus
+in ganz analogen Verhaeltnissen, und von derselben Charactertiefe,
+existiren koennen.
+
+Neujahr 1853.
+
+FLORIAN MUeLLER.
+
+
+
+
+
+ Ah! quand verrai-je enfin ma sterile patrie,
+ Reformer de son gout l'antique barbarie,
+ Offrir un doux asile aux beaux-arts negliges;
+ Rechauffer leur ardeur, dans son sein proteges,
+ Et, faisant refleurir l'esprit et le genie,
+ Rendre la gloire aux arts, et les arts a la vie?
+
+ _Frederic II._ (Epitre sur la liberte.)
+
+
+
+
+Der Bankerott.
+
+
+
+
+Personen
+
+
+ QUESTENBERG, grosser Zeugfabrikant.
+ DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn.
+ BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant.
+ ADELGUNDE, seine Tochter.
+ V. ZITTERWITZ, Regierungsrath.
+ JOHNSON, Capitalist.
+ ALBERT, }
+ KLAUS, } Arbeiter Questenberg's.
+ VATER ZIEMENS, }
+ MUTTER ZIEMENS.
+ MARIE, deren Tochter.
+ Ein Saenger, Herren und Damen als Gaeste.
+ Bediente, Arbeiter, Volk.--
+
+Zeit der Handlung im Jahre 1850.
+
+
+
+
+Erster Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schraenke mit Buechern, Akten,
+Modellen. An den Waenden haengen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau
+links, auf dem ein geoeffnetes Kontobuch liegt.
+
+Abend, Licht.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit
+von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind
+hoechstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant--
+
+QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der
+Unglueckliche gleicht einem Kranken, der immer groessere Hoffnungen an das
+Leben knuepft, je naeher er dem Tode rueckt . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Eine Million!
+
+QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _a la chinois_.
+
+V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Grossen und Reichen dieser
+Zeit speculiren!
+
+QUESTENBERG. Ich hoffte, dass die siegende Contrerevolution sie
+herausfordern wuerde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen.
+
+V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv!
+
+QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es wuerde wieder so gehen, wie nach der
+Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine
+brillante Epoche! Da schaeumte so manches Schweisstroepflein in den
+eifrigen Restaurationskuechen ueber den Kessel, kam denjenigen von uns
+Geschaeftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk
+ihrer Industrie danach zu haschen wussten.
+
+V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muss ein geheimer
+Demagoge sein, muss auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit,
+Genusssucht, Traegheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort,
+auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Buergerstandes
+und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich
+in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Praesident, Kaiser
+und Papst.
+
+QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000
+Thaler und Sie sollen ueber meine Demagogie erstaunen.
+
+V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen!
+
+QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _a la chinois_ statt
+fuer zwanzig Thaler, fuer zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde
+Kleid der "_l'etat c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall
+unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja fuer sie weder politische noch
+sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet!
+
+V. ZITTERWITZ. Zu spaet, zu spaet!
+
+QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.--
+
+V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hoeren.
+
+QUESTENBERG. Nach zwoelf bis funfzehn Tagen habe ich Webestuehle--frueher
+werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten
+arbeiten. . . . Niemand weiss davon, es bleibt Geheimniss.--Mit diesen
+Webestuehlen ueberfluegele ich alle Concurrenten, mache mich in kuerzester
+Zeit zum Millionaer!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren
+sehenden Augen Versuche an.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie haetten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen,
+die Boerse wuerde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf
+anzukraenkeln!--Das Buergerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst
+ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's fuer den
+Aufloesungsprozess unsrer veralteten Formen! Wer von jenen
+mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfaehige Barikade
+entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen,
+die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus
+zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und
+Dampfmaschinen bedienten, im Koerper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen
+Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, grosser franzoesischer
+Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines
+beruehmten Versailles heute beim mittelmaessigsten Werktagsmanne. Tritt in
+den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische
+und Stuehle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schraenke und Gestelle
+deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen,
+Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capricioesesten
+Maitressen nie gefehlt haben wuerden. Wohl rufst du betruebt: erhielt
+meine Herrlichkeit sich nicht laenger oben, bedurfte es nur zweier
+Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Koenige
+und den Koenig zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehoere dem besonnenen
+Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung desshalb die gebuehrende
+Aufmerksamkeit. Bewaehrt sie sich, so--seien Sie verstchert . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten
+und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu
+huldigen! . . . Apropos, wie stuende es mit den Zinsen, im Falle . . .
+
+QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.
+
+V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine blosse Erfindung, so zu sagen,
+auf eine Idee sein schoenes Geld verleiht, koennte auch wohl zehn
+Procentlein verdienen?
+
+QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche--
+
+V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .
+
+QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche
+Ihnen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen
+schriftlich abgemacht.
+
+QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ist schon spaet, man erwartet mich zum Nachtessen . . .
+(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thuere bleibt er sinnend
+stehn.) Der fatale Laerm an der Boerse! . . . Wuesste ich ein Mittel die
+Zweifel der Glaeubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten
+Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000
+Thaler sind fuer Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen
+eines Verschmachtenden . . . Verhaelt es sich nicht so? Wie lange fuettert
+mein Capitaelchen Ihre eisernen Riesen satt?
+
+QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage.
+
+V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein grosser Spielraum zur Abkuehlung der Koepfe
+unsrer Geldmaenner.
+
+QUESTENBERG. Sieht man morgen, uebermorgen und nachuebermorgen das Feuer
+meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben
+ergeben, dass es nur brodneidische Verlaeumdungen oder falsche
+Speculationen gewisser Leute waren, die--
+
+V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute?
+
+QUESTENBERG. Vorzueglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den
+Scheinheiligen unuebertrefflich.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer fuer einen kalten, ruhigen,
+ueberlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute
+ganz still verhielt. Man bestuermte ihn um seine Meinung, allein er wich
+der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner
+Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden.
+
+QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Buecher nicht aufschlagen.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine
+heirathsfaehige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . .
+
+QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste
+juristische Examen.
+
+QUESTENBERG. Ich hege laengst ein Project der Art, nur weiss ich's nicht
+auszufuehren. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so
+fuehlt er Absicht und weist mich beleidigt zurueck; ich verrathe ihm die
+Ohnmacht meiner Lage--
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu
+verdaechtigen der Ihr Wohlergehn wuenscht, gegen den Sie unfaehig sind, den
+schwaechsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld
+und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muss zu Stande kommen. Der
+Banquier darf uns nicht widerstehen.
+
+QUESTENBERG. Ich lege Glueck und Unglueck in Ihre Hand.
+
+V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche ueber
+Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rueckkehr an Ihren Herrn
+Sohn, und . . .
+
+QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an.
+
+V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt
+mich . . .
+
+QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jaehrlich fast so viel als ich
+morgen von Ihnen borge.
+
+V. ZITTERWITZ. Die grossen Staedte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe
+dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Muessiggaenger, Fantasten,
+Wolluestling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.
+
+QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir faellt ein Mittel in den Sinn--'s
+ist durchaus nicht zu kuehn . . . Wenn ich uebermorgen oder spaetestens
+Sonntag ein recht grossartiges Fest arrangirte! etwa fuer zehn bis zwoelf
+Tausend Thaler--
+
+V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Glaeubiger sollen kommen
+und beschaemt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das ueppige
+Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und
+funfzig Musikanten--
+
+QUESTENBERG. Die sechzig Koeche und Kellner--
+
+V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert
+auf Borg die Meerkrebse--
+
+QUESTENBERG. Die Fasanen--
+
+V. ZITTERWITZ. Die Schildkroeten--
+
+QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern--
+
+V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das
+Porter Bier--
+
+QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den
+Mokka-Caffee--
+
+V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten--
+
+QUESTENBERG. Wir grossmaechtigen Maenner der Boerse?!
+
+V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?--
+
+QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschiessen und Kegelschieben, den
+Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle koestlichen Decorationen?
+
+V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwaermerischer Lieder,
+zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller
+kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Dass
+sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe
+fuer Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es muessten hoellische Dinge
+uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fraeulein Boerse seine
+Verlobung feierten!--Man soll dem Unglueck Trotz bieten bis auf den
+letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist
+moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Naehere, will's Gott.
+
+QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+
+QUESTENBERG (allein). Der alte Suender! Ich zaehlte auf ihn am wenigsten
+und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Waere doch jeder
+Glaeubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Gueter wie er,
+und ich haette keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir
+Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, dass kein edlerer
+Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten
+verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder
+zum Schreiben.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit
+reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber
+brodirten griechischen Muetze.)
+
+
+DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, dass ich in Ihr Heiligthum eindringe.
+
+QUESTENBERG. Was giebt's denn?
+
+DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn.
+
+QUESTENBERG. Ich komme.
+
+DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit?
+
+QUESTENBERG. Es dauert hoechstens noch ein Viertelstuendchen.
+
+DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschaeftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren
+seit Jahren getrennt, kaum hiessen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich
+hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewaehren zu
+koennen--aber wenn das so fortgeht, muss ich mich vollkommen unnuetz in
+Ihrem Hause fuehlen.
+
+QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem
+Modelleur 5400--ich hege kein Beduerfniss nach einem--fuer rafinirtes
+Brennoehl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art.
+
+DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu
+verlassen?
+
+QUESTENBERG. Weil ich nicht laenger zahlen kann . . . 9000
+Theertonnen--Fuehlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?
+
+DER DOCTOR. Ich?
+
+QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Geruestbretter--
+
+DER DOCTOR. Lust? nein.
+
+QUESTENBERG. Du moechtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt
+umherschwaermen als Hans von Ohnesorgen?
+
+DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es wuerdiger als hier
+unter vergitterten Thueren und Fenstern den Judas von allem Schoenen und
+Sittlichen zu spielen.
+
+QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide
+20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermaehlen muessen . . .
+
+DER DOCTOR. Muessen?
+
+QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . .
+
+DER DOCTOR. Das heisst also, Sie wuenschen nicht mehr fuer mich zu
+bezahlen.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich
+noch lange bei mir auf der Baerenhaut halten!
+
+DER DOCTOR. Schoen.
+
+QUESTENBERG. Nicht wahr?
+
+DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermaehlen . . . Sie haben vielleicht
+eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen?
+
+QUESTENBERG. Fraeulein Blashammer.
+
+DER DOCTOR. Ah gratulire! (fuer sich schaudernd) Brrr . . .
+
+QUESTENBERG. Ein Maedchen von vielseitigster Bildung.
+
+DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr).
+
+QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig
+franzoesisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich fuer
+Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst fuer Naturwissenschaft--dichtet
+Liebeslieder und Trinksprueche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit
+bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich
+nicht irre, sogar Kritiken fuer belletristische Journale . . . (Er steht
+auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?
+
+DER DOCTOR. Darf ich eine aeussern?
+
+QUESTENBERG. Ich bitte.
+
+DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit.
+
+QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen
+etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage
+zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!
+
+DER DOCTOR. Sie haetten keine Ruecksicht auf meinen Charakter nehmen,
+sondern nach Ihrem innersten Geschmacke waehlen sollen, folglich ein
+Maedchen, welches Sinn fuer das Haeusliche hat, mit den Maegden in der Kueche
+schaltet, Struempfe stopft, Hemden naeht und ueber jeden Pfennig sorgsamst
+Buch fuehrt, ein Maedchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld,
+Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden,
+Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glueck!
+
+QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verruecktheit so vernuenftig oder aus
+Vernunft so verrueckt.
+
+DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er
+in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich fuer
+Sie aus Paris mit. 's ist die beruehmte Schutzzollrede Ihres
+Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben.
+Moege die Lectuere Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit
+meiner Ankunft gaenzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)
+
+QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die grossen Staedte
+seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Eine aermliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund
+steht ein Modell.
+
+
+Vierte Scene.
+
+ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von
+KLAUS.
+
+
+KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, dass er Dich mit
+einer Aussicht auf eine Anstellung vertroestet?
+
+ALBERT. Es sind drei Jahre, dass er mir drei Stunden taeglich von der
+Arbeit schenkt . . .
+
+KLAUS. Welche Gnade!
+
+ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des
+gemeinen Mannes grossmuethiger unterstuetzt?
+
+KLAUS. Haette ich Deine Finger--ah, ich saess' laengst in Paris oder London
+und scharrte das Geld haufenweis, ungezaehlt . . .
+
+ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die
+faehiger und geschickter sind als ich . . . Man muss Deine Einfalt
+aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie
+von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der
+Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der
+Akademie--Machten Sie Reisen nach den groessten Fabrikstaedten
+Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant wuerde Augen
+machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene
+Gerechtigkeit, aber bin ueberzeugt, dass er mich besser stellen wird,
+sobald ich ein Verdienst besitze.
+
+KLAUS. Giebst Du mir fuenfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von
+hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe?
+
+ALBERT. Hier?
+
+KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem
+Modell zu irgend einem grossen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen
+Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben
+und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden
+wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Strasse.
+
+ALBERT. Schade, dass Du kein reicher Mann bist, ich wuerde gute Geschaefte
+mit Dir machen.
+
+KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Buechern zusammen, dass das
+Talent in jenen freien Laendern schneller zu etwas kommt.
+
+ALBERT. Da Du davon ueberzeugt bist, geh' mir voran.
+
+KLAUS. Mit Dir laesst sich nichts Vernuenftiges reden . . .
+
+ALBERT. Goenne mir die wenigen Stunden, welche ich fuer mich habe.
+
+KLAUS. Weisst Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger
+der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen
+eifersuechtigen Concurrenten verbergen, in Abhaengigkeit und Dummheit
+erhalten.
+
+ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn.
+
+KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues grosses Modell--ich helfe daran so
+gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und
+machen mit grosser Schrift durch die Zeitungen bekannt: hoechst merkwuerdig
+fuer alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von
+unermesslicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in
+halber Zeit das Doppelte des bisher gebraeuchlichen leistet. Zu sehen
+taeglich und stuendlich. Entree fuenf Silbergroschen.
+
+ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.
+
+KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's
+nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe laesst es von
+Sachverstaendigen pruefen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir
+ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu
+entschaedigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie,
+die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst
+sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeistroemen und den grossen
+Fortschritt des neuen Jaquard begruessen.
+
+ALBERT. Du blaehst die Muecke zu einem Elephanten auf.
+
+KLAUS. Es foerdert unsern Zweck!
+
+ALBERT. Ich schaetze die Erfindung gering.--Und gehoerte sie mir allein,
+so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen
+gelehrten Technikern gebuehrt das groessere Verdienst . . .
+
+KLAUS (verzweifelt). Dafuer, dass sie sie Dir wegstehlen.
+
+ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu
+sehen; ich fuehle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich
+erstrebe ist meiner Begabung gemaess; mit Recht darf ich ausharren und
+meinen Durst nach Vervollkommnung loeschen . . .
+
+KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst
+lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die
+falsche Bescheidenheit fuehrt!--Elender Sclav', richte Dich empor,
+erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch
+ich habe zu viel getrunken, ich weiss nicht was ich rede, ich bin ein
+Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnuegen macht, gute
+fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.--
+
+ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der
+Meister meines Geschickes bleiben.
+
+KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmaechtigen
+Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschuettert und um und um
+geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Haende und
+Fuesse und dann an das Werk gesetzmaessiger Bildung; 's ist klar wie das
+Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem
+Rath!--O besaessest Du Courage! Wir koennten uns wie der Blinde und der
+Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter
+Deinem Talente nicht verkriechen.
+
+ALBERT. Ich glaube selbst, dass in Dir ein grosser Banquier verloren ging.
+
+KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild.
+
+ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung.
+
+KLAUS. Zunaechst nichts weiter.
+
+ALBERT. Was fingest Du wohl an, wuerdest Du Herr einer Million?
+
+KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue
+Muetze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus
+der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug?
+
+ALBERT. Nein.
+
+KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich
+begegnete ihn mit seinem neufundlaendischen Hunde in der Allee. Nach
+Gebuehr zog ich die Muetze,--indess der Dank wurde mir von dem Herrn wie
+von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht uebel . . .
+
+MARIE (singt draussen).
+
+KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im
+Pfeffer. Deshalb muss Sclaverei suess schmecken und die Wahrheit verlaeugnet
+werden. Pah, ich verstehe Dich laengst, Albert--mag's mit heute aber
+genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus
+der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist
+geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer
+Beduerfnisse" . . .
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. MARIE.
+
+
+ALBERT. Warum kommst Du nicht naeher? . . . Gruess Dich Gott!
+
+MARIE. Fuercht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stoeren.
+
+KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um hoechst einfaeltige Fragen.
+
+MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Woertchen mitzusprechen?
+
+KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.--
+
+ALBERT (mit leisem Laecheln). Es wird uns zur Erbauung dienen.
+
+MARIE. Traun, dann hoert! Ich halte fuer besser, dass Ihr an Eure Arbeit
+denkt.
+
+KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht
+schaden.
+
+MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein
+ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst fuer einen guten Rock, dann
+meinetwegen fuer einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus!
+Glueck zu!
+
+KLAUS. Ihre Vorwuerfe sind ungerecht.
+
+ALBERT. Was bringt Dich so auf?!
+
+MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, dass Du an Klaus Geschmack
+findest--
+
+KLAUS. He, bin ich ein Missethaeter? Warum soll er nicht an mir Geschmack
+finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . .
+
+MARIE. Dass ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke!
+
+KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen als
+Entgegnung einen Spiegel vorhalten koennte, der Ihre liebreizende
+Jungfraeulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders
+guenstigen Lichte darstellt.
+
+MARIE. Das waere abscheuliche Verlaeumdung.
+
+KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles
+verkehrt.
+
+MARIE. Was liess ich mir denn zu Schulden kommen?
+
+KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.
+
+MARIE. Ueberfluessig!--Heraus damit.
+
+KLAUS (sarkastischen Laechelns auf Albert anspielend). Es moechte Ihnen
+bei Jemand einen Meineid kosten--
+
+MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die
+Thuer, schuetze mich!
+
+KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer.
+
+ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Laestermaul
+bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .
+
+KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . .
+
+ALBERT wendet ihm den Ruecken.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi,--koennt ich mich aus einer Kanone dem Herrn
+Questenberg in's Herz schiessen, so thaet' ich's. Fuer Dich bin ich im
+Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergass
+der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden--
+
+MARIE. Packen Sie sich nur, Elender.
+
+KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein
+sehr schmucker Herr aus der Fremde zurueck. Die Jungfer wird sich an ihm
+die Augen versehn!
+
+MARIE. Pfui.
+
+KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespraech ab als ich
+in die Stube trat, wovon war die Rede?
+
+ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied.
+
+MARIE. Und musste Dich tief erschuettern! . . . Ha, Du schenkst seinem
+Rathe innerlich Beifall, Du haengst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es
+steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Laengst ward mir klar, dass ich
+Dir ein Hinderniss bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich
+nicht vereinen lassen: es sind bereits fuenf oder sechs Jahr! Traun, 's
+ist Zeit, Dich zum Ziele zu fuehren. Albert, ich bin bereit, mich Deinen
+Traeumen zu opfern!
+
+ALBERT. Meinen Traeumen!?
+
+MARIE. Besaesse Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte
+ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so haett' er schon fuer
+Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gross. Wohl
+kostete es ihm ein Woertlein nur und die Regierung oder der Koenig naehme
+Dich in Schutz. Du wuerdest auf oeffentliche Kosten in den Akademieen
+ausgebildet, nach allen beruehmten Werkstaetten der Industrie geschickt
+und nach ueberstandener Pruefung in einem Etablissement des Staates
+untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf
+Dich selbst gestellt, ohne Huelfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath
+treibt Dich ein hohler Duenkel durch eine oede Wueste unaussprechbarer
+Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne
+es von ferne zu sehen.
+
+ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn
+Questenberg. Glaube mir, er unterstuetzt mich aufrichtig--
+
+MARIE. Etwa in dem Sinne, dass Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren
+sollest--
+
+ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an
+meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich
+verbindet, welches mir sagt, dass ich ein hoeheres Wesen bin als das
+beschraenkte Thier.
+
+MARIE. So schwaermt Klaus.
+
+ALBERT. O, Du fuehlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt.
+
+MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den
+Webestuhl, doch arbeite, statt fuer die Vervollkommnung seines
+Mechanismus, fuer die Erhoehung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum
+Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in
+die Fabrik ein. Wie ueberfluegelte er Dich! Du stehst noch immer auf der
+untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, waehrend er bereits
+Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche gluecklichere Thaetigkeit
+begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Grossen
+Herr . . . Schwoere den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln?
+
+ALBERT. Hoere auf davon.
+
+MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich
+fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloss: Du sollst unser Haus
+raeumen; die Umstaende gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht!
+Schnuere das Buendel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange
+und die Gewohnheit an mich schwaecht sich in Dir ab.--Schon morgen wird
+ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das
+Truggebilde der Freiheit begruessen als Erloeserin, und im Dunkel der
+Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte
+nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne
+Schaam! Bereu' meine gekraenkte Jugend nicht, eben so wenig meinen
+beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel
+und mein Raecher! Warum verschloss ich meine Sinne jedem Rathe der
+Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte
+schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem
+Monate, von einem Jahre zum andern in suendhafter Geduld, Dir feige
+verschweigend meine Pein?!
+
+ALBERT. Erbarmen!
+
+MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin,
+verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.)
+
+ALBERT. Bleib' Marie.
+
+MARIE. Was wuenschest Du noch?
+
+ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein grosses Fest. Es laesst sich
+voraussetzen, dass er aussergewoehnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm
+ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die
+Darstellung unserer Lage zur Grossmuth gestimmt werden? sollte das Gefuehl
+seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .
+
+MARIE. Versuch's.
+
+ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell
+einen Rock an).
+
+MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekraenkter
+Stolz, verschmaehte Liebe vergiss! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile!
+Kuerze die schreckliche Zeit der Ungewissheit! Sprich mit feurigen Zungen,
+male unser Elend, dass es Steine zu Thraenen ruehrt, stelle das Herz des
+kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle
+Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert!
+
+ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht).
+
+MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).
+
+
+
+
+Zweiter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vorzimmer zum grossen Festsaal.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich
+in einem Lehnstuhl.
+
+
+QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst
+von Deiner Braut als waere sie Dir eine Last.--
+
+ALBERT. Um Entschuldigung--
+
+QUESTENBERG. Du thatst Aeusserungen, die darauf schliessen lassen.--Doch
+sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja,
+ja! Und was bemerktest Du, dass ihr zu Liebe Dein Wille sein wuerde, falls
+ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schuechtern--
+
+ALBERT. Ich saehe mich genoethigt meine Uebungen einzustellen.
+
+QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das
+grosse Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es
+Dir zur Vorschule im Aufreissen der Maschinen. 's ist das populaerste und
+beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem
+Maassstabe nachmachen und ueber jedes Detail der Construction mir die
+klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und haendigt
+es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schuechtern
+aufschlaegt.)
+
+ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese
+Figuren. Eine neue Welt erschliesst sich mir!
+
+QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz.
+
+ALBERT. O Gott, koennte ich alles auf einmal verschlingen.
+
+QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses
+schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darueber die thoerichten
+Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben.
+
+ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das
+Buch durchuebe--laenger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde
+ich's dann wagen koennen zu bitten--
+
+QUESTENBERG (laechelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit
+dasselbe Dein Eigen ward.
+
+ALBERT. So fahre hin grosser Meister, Dir zu folgen bin ich zu
+schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.)
+
+QUESTENBERG (die Haende auf dem Ruecken, vor ihn tretend). Bedenk' Er
+Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist.
+
+ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreisst mir das Herz!
+
+QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche
+Schlafstelle wo 's 'ne verfuehrerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen
+und Kuessen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nuetze die billige
+Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten
+und er lacht sich schon schadenfroh in's Faeustchen. Aber sieh, wie's
+nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen
+erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu
+lernen, nuetzliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht
+jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, koennte man den
+Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tuechtigen
+Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade
+Vernunft und Moral! Alle schoenen Entwuerfe des hoffnungsvollen Juenglings
+muessen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du?
+
+ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr.
+
+QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in
+der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stuetze und was das
+entmuthigendste, man quaelt sich und weiss nicht wofuer! Kannst Du's noch
+zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glueckte! Entsage den
+taeuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese
+Gefuehle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich
+kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes
+stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der
+erschoepfenden Arbeit spaet Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen
+Huette! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein
+blasses Weib, nachlaessig mit Lumpen behaengt, in der unerbaulichen
+Haushaltung an Koerper und Geist verkuemmert, kommt Dir muerrisch oder
+vorwurfsvoll entgegen. Sie haelt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses
+und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du
+giebst nicht genug; wir muessen verhungern. Abscheulicher, ich weiss wo
+das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Saeufer und untersucht Dir
+verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden
+sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das noethige Holz und
+auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiss ringt dem kurzen Tage
+kaum die Haelfte der Beduerfnisse ab. Die Zukunft muss verpfaendet werden.
+Schulden ueber Schulden haeufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die
+Thaetigkeit stockt, die Loehne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder
+womit sich helfen? Die Glaeubiger werden ungeduldig, sie stellen einen
+Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der
+elende Kram des Hausrath's muss fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet."
+"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie koennen auf faulem Stroh in der
+Kaelte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das
+ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die
+Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschoepfe
+hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich
+anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause.
+
+ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Maedchen denn keine troestende
+Hoffnung ueberbringen!?
+
+QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll
+helfen, dass Dein schoenes Talent sich im Keime zerstoere? Da muesst' ich
+kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Lass Er die Dirne
+fahren, versteht Er, Herr Pinsel?
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Wir stoeren doch nicht?
+
+QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die
+Guete naeher zu treten.
+
+V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her?
+
+QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht
+seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Musste eine moralische Lection ausgetheilt werden?
+
+QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen?
+
+V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes,
+aber ich wuerde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fuenf Minuten
+befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig
+hoffnungsvoll vor . . . Fast moechte ich wetten, dass es zu den
+Proudhonisten gehoert, naemlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute,
+die Eigenthum fuer Diebstahl halten.
+
+QUESTENBERG. Er gehoert zu den Socialisten.
+
+V. ZITTERWITZ. Die traeumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund
+verrathen's. Ha, koennte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von
+seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialitaet sich
+entfesselt!
+
+QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin.
+
+V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmaenner entwickeln noch
+zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit
+der Wurzel auszureuten.
+
+QUESTENBERG. Was wird denn versaeumt?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung fuer mich behalten.--Stuend's in
+meiner Macht, so muesste der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein
+starker Aderlass oder etliche Schroepfkoepfe wuerden ihm schon die
+Demagogenhitze vertreiben.
+
+QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend
+zu stellen, das liebe Vertrauen besassen.
+
+V. ZITTERWITZ (unglaeubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen
+sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine hoechsten
+Gueter!--Was bemerkt doch Goethe darueber--ich glaub' 's ist der alte
+Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean
+Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein
+paar Groschen bei mir--es draengt mich meine schiefe Meinung . . .
+
+QUESTENBERG. Bemuehen Sie sich nicht, ich bitte.
+
+V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thaelerchen, gleichsam zur Ermunterung,
+schweigend in die Hand druecken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in
+Unfrieden, 's ist unpassend . . .
+
+QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient.
+
+V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .
+
+QUESTENBERG (zu Albert). Du ueberhoertest wohl vorhin meinen Befehl?
+(Albert zoegert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.)
+
+V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus
+Christus, der Verkuender unserer erhabenen Religion, wurde in einer
+Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten
+Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher
+Wohlthaeter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten
+die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, dass jeder
+aecht wissenschaftliche Anhaenger der Geschichte sich darob vor Erstaunen
+gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fuehlt! Meiner Seel',
+ich rueckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, wuerde
+mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen
+zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem
+Buben ein huebsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, taeglich einen
+guten Braten, so schlaegt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt
+mit seinem Talente nuetzen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul,
+eitel, wolluestig, ueberspannt und politisch! Bald stolzirt er als
+Haeuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit
+Nackenschlaegen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen
+wollte--Ich sprach eben auf der Boerse mit Blashammer . . .
+
+QUESTENBERG. Wird er kommen?
+
+V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe
+Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.
+
+QUESTENBERG. Nun?
+
+V. ZITTERWITZ. Er hat express den alten langen Rock mit einem neuen
+vertauscht, noch mehr, er liess sich die Haare verschneiden und sogar
+brennen!
+
+QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim
+durchreisenden Finanzminister galt.
+
+V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten,
+die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.
+
+QUESTENBERG. Unmoeglich!
+
+V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, muessen die Schreihaelse sich
+verkriechen.
+
+QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog
+sich suess-saeuerlich und schien beistimmend laecheln zu wollen . . .
+Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn
+herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor
+Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher musste
+mir schon die schoensten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein
+Paeckchen Karten.)
+
+QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg,
+Verlobte.
+
+V. ZITTERWITZ. Gefaellt die feine Schrift?
+
+QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals
+sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhaenge der breiten Mittelthuer fort. Man
+blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel
+die Herren und Damen stehn.)
+
+V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl!
+
+QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig
+eins, geziemt's die lieben Gaeste zu begruessen.
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE GAeSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drueckend). Willkommen von
+Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glueck, dass Sie mir
+bereiten', so ist es der, gefaelligst fuerlieb zu nehmen.
+
+V. ZITTERWITZ. Willkommen schoenes Fraeulein Adelgunde.--Was macht die
+traute Freundin Pipi?
+
+QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiraethin, dass der Herr Gemahl
+bettlaegerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu
+scharf!
+
+V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz,
+lieber Oberbuergermeister. (Der Oberbuergermeister verbeugt sich tief).
+
+QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . .
+Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer
+lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der
+Fuss des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut
+mich!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+DIE VORIGEN. EIN SAeNGER in feiner Toilette.
+
+
+DER SAeNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel
+unten lachen und rufen: bravo, bravo!)
+
+V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man
+darunter?
+
+BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich
+meines Theils denke, es ist die Esskunst.--Stimmen Sie mir gefaelligst
+bei, ich bitte . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Das sind auslaendische Krebse? Ah ich ass sie einst in
+Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du
+quartier latin_ . . . Schein und Duft waessern den Gaumen . . . .
+(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den
+jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen
+auch?
+
+DER DOCTOR. Freilich.
+
+V. ZITTERWITZ. Und es enthaelt nichts Anstoessiges, was Maenner von
+staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann?
+
+DER DOCTOR. Ich buerge Ihnen.--
+
+V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?
+
+BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Huelle und Fuelle. Ich wuerde
+fuer ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehoerig in Bewegung setzt, als
+zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Laemmer,
+Laemmerstrass' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir
+die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste
+Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor?
+
+DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der
+Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .
+
+BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glueck haben, neutral zu
+bleiben, denn ich weiss nicht in welcher Stimmung ich bin!
+
+V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fliesst aus meiner
+Feder, hi, hi, hi . . . .
+
+V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia!
+
+BLASHAMMER. Was saeuselte er Ihnen in's Ohr?
+
+DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir muessen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie
+werden lachen, indessen ich Thraenen vergiesse . . . Der junge Doctor ist
+auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum
+Anfang).
+
+ DER SAeNGER (mit Orchesterbegleitung).
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In jedem Herzen wiedertoent,
+ Zur Einheit Jung und Alt versoehnt?
+ O halte ein!
+ Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ Den Schwachen schuetzt, den Starken wehrt,
+ Des Heilands Worte froemmig ehrt?
+ O halte ein!
+ Sie koennt' es wohl und darf's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst,
+ In Land und Stadt der Leute Fleiss
+ Zum Ziel des Heils zu lenken weiss?
+ O halte ein!
+ Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Das Recht verklaert, den Geist erhebt,
+ Die Menschheit zu vergoettern strebt?
+ O halte ein!
+ Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ Die, welche frei von Schwulst und Dunst
+ Die Sitte lenkt, das Leben fuehrt
+ Und jede Handlung edel ziert?
+ O halte ein!
+ Sie kann es schon gewiss nicht sein.
+
+ Was ist des Deutschen beste Kunst?
+ So nennt sie endlich mit Vergunst!
+ Es ist doch nicht die Niedertracht,
+ Wo feig der Schalk sich selbst belacht!
+ O halte ein!
+ Sie kann es nie von Herzen sein.
+
+ Sie kann es nie von Herzen sein,
+ O Gott vom Himmel sieh' darein
+ Und staerk' uns bald mit heil'ger Kraft:
+ Es falle ihre Meisterschaft!
+ O stimmet ein,
+ So soll es und so wird es sein.
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+Alles wie vorher, ohne den Saenger. Nach kleiner Pause allgemeinen
+Schweigens, wo man nur das monotone Geraeusch der Essenden, die
+klappernden Heller, Messer und Gabeln hoert, beginnt V. ZITTERWITZ zum
+DOCTOR:
+
+
+V. ZITTERWITZ. Das schoene Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem
+Verhaeltniss steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen
+Persoenlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen
+Galanterie?
+
+DER DOCTOR. In keinem.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht uebel. Ihr "leben
+und leben lassen", Ihre geniale Luederlichkeit und aesthetische Bummelei,
+mit Permission gesagt--
+
+DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Hoechst schmeichelhaft . . . .
+
+V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie haette ich in Ihnen einen
+Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.
+
+DER DOCTOR. Betrachten Sie alle grossen Worthelden unserer Zeit, zum
+Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER
+erhebt sich mit einem Becher.)
+
+V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen?
+
+BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat
+gewiss kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und
+Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die
+Geruechte waren, welche neidische Verlaeumder seit einigen Tagen gegen ihn
+in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Luegenbrut! Heben
+wir uns im Vollgenuss des schoenen Festes ueber alle Geruechte mit dem U E
+geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdaechtigten durch die
+innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere
+ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!
+
+QUESTENBERG setzte sich erblasst nieder. Trompeten- und Paukentusch, in
+den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geraeusch. Es bilden sich Gruppen.
+
+BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeuebtheit im Toastausbringen; das
+Schicksal beguenstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geraeusch
+bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ
+zusammen.)
+
+V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen faellt! Alle, ohne
+Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu druecken.
+
+BLASHAMMER. Zum Schein.
+
+V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Ungluecklichen wirklich
+verloren?
+
+BLASHAMMER. Ja . . .
+
+V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn).
+
+BLASHAMMER. Dass Sie ihm noch gestern in die Falle liefen!
+
+V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich pruefte wohl, was ich
+that.
+
+BLASHAMMER (ironisch laechelnd). Zweifelsohne auf Grund der grossen
+Erfindung.
+
+V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . .
+
+BLASHAMMER. Alles.
+
+V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hoelle!
+
+BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiss die glaenzendsten
+Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine
+zu gleicher Zeit Versuche an? . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen--
+
+BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie muessen falsch unterrichtet sein.
+
+BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder
+selbst brachte sie mir in's Haus . . .
+
+V. ZITTERWITZ. So!
+
+BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewoehnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter.
+Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle
+verwarfen das Project als gaenzlich unpraktisch--Einige Versuche im
+kleinen Maassstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, moegen passabel
+ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben
+verbittert!
+
+V. ZITTERWITZ. Er ein Betrueger!
+
+BLASHAMMER. Der Mann weiss keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist
+wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein--
+
+V. ZITTERWITZ. Wir koennen morgen in der naemlichen Lage sein und durch
+eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen!
+
+BLASHAMMER. Allerdings.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah,
+Sie machten mich nur zum Narren . . .
+
+BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen.
+(laut) Wuerden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan haette?
+
+V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der
+Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu
+Questenberg wohl nur erproben--
+
+BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unaecht ist.
+
+V. ZITTERWITZ. Im naemlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus?
+
+BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wuenschte nicht, dass man mir einst
+nachsagte, ich half die Leute taeuschen, weil ich dem jungen Doctor meine
+Tochter vermaehlt.
+
+V. ZITTERWITZ. Aha!
+
+BLASHAMMER. Verstehen Sie?
+
+V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder
+der groesste Schlaukopf, welcher lebt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Buergersmann.
+
+V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt
+zu Questenberg, der ihm unwillig Gehoer zu schenken und zu folgen
+scheint.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG.
+
+(Zwei Diener ziehen die Vorhaenge zum Saal zu.)
+
+
+V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn
+beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach!
+
+QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie!
+
+V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fuehlt sich
+uebergluecklich Ihren Entschluss zu vernehmen.--
+
+BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, dass ich
+alles ruecksichtslos tadle, was . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt.
+
+BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein
+Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre!
+
+V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen--
+
+BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein
+schoener junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem
+Liede hoere, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er
+anzuschlagen versteht, muessen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm
+grosse Mittel die Rolle eines wohlbegueterten, interesselosen,
+unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so
+geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt
+ihm dann fuer's Portefeuille eines Ministers?
+
+V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses
+durch den interessanten jungen Mann zu vollenden.
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich mir am ueppigen Diner zu guetlich--gehen wir ein
+bischen in's Freie.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwaerts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen
+den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab).
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+QUESTENBERG. . . . Ich wette, dass Blashammer hinter die neue Erfindung
+kam--anders waere sein Betragen raethselhaft. Er strebt mich heimlich zu
+entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu wuerde er sonst die
+Boerse in Schrecken setzen, die Glaeubiger von mir abwenden und dem
+Heirathsproject Beifall schenken?
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Was giebt's Papa?
+
+QUESTENBERG. Setze Dich zu mir.
+
+DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde
+gluecklich zu Wasser.
+
+QUESTENBERG. Hoere mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine
+Schmach.
+
+DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich.
+
+QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren?
+
+DER DOCTOR. Fraeulein Blashammer. (bei Seite) Eine schoene Gelegenheit ihn
+zu necken.
+
+QUESTENBERG. Wirklich!
+
+DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_
+
+QUESTENBERG. Endlich raeumst Du Deinem Vater das Feld!
+
+DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel
+lieber heute als morgen, denn am Ende behaelt er doch Recht! . . . Wie
+sehr wuenschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch
+gluecklich zu werden, indessen--
+
+QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden!
+
+DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der
+Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser fuer ein
+Fraeulein Blashammer zu schwaermen, ist's besser einem grossen tiefen
+Beutel voll Geld als einer grossen tiefen Liebe sich zu opfern.
+
+QUESTENBERG (lachend). Das Laecherlichste der menschlichen Komoedie waer's
+in der That, muesste ein Lebemann Deines Schlages ploetzlich den graemlichen
+Staatshaemorrhoidarius spielen und fuer das sauerste Stuecklein Brod sich
+bis ueber die Ohren im Actenstaube begraben!
+
+DER DOCTOR. Ich stuerbe aus Gram!
+
+QUESTENBERG. Ach was geht darueber ein eigener Meister zu sein, den
+Goettern der Fantasie und Laune stets huldigen zu koennen!
+
+DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Roemer; 's ist ein
+Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient
+die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwuerfig! Strebe nach
+Besitz und Du strebst nach dem hoechsten Gut!
+
+QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit.
+
+DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit
+stattfindet?
+
+QUESTENBERG. Noch nicht.
+
+DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig?
+
+QUESTENBERG. Auch noch nicht . . .
+
+DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmoeglich!
+
+QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit ueber den
+wichtigen Punkt . . .
+
+DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das!
+
+QUESTENBERG. Wir muessen es schon in guter Hoffnung wagen . . .
+
+DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa!
+
+QUESTENBERG. Wie ich Dir sage.
+
+DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trueben--kann sich der Doctor nicht
+verlieben.
+
+QUESTENBERG. Ironischer Narr!
+
+DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiss den suessen Preis!
+
+QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.)
+
+DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stuecklein nach Gebuehr. (Er will
+fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG haelt ihn mit flehender Gebehrde fest.)
+Die Musik mahnt!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur fuer Dich!
+
+DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich.
+
+QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .
+
+DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten.
+
+QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o lass Dich beschwoeren!
+
+DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimaeren.
+
+QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde
+und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will
+geh'n.)
+
+DER DOCTOR. Papa . . .
+
+QUESTENBERG. Ich sprach genug.
+
+DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil.
+
+QUESTENBERG. Naemlich?
+
+DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gaeben, dass Fraeulein
+Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.
+
+QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an.
+
+DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kraeftigen Handschlag.
+
+QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.)
+
+DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel
+und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Die Huette des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern
+genagelte Schraenke. Ein Tisch, etliche Baenke u. dgl.
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend).
+
+
+MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein
+Schlenderer, ein Traeumer, der uns und Herrn Questenberg nur das
+Vertrauen stiehlt.
+
+MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein.
+
+FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr
+anstellen! Was versteht er!
+
+MARIE. Geduld!
+
+FRAU ZIEMENS. Ich will's fuer alle goldnen Herzworte, fuer alle Seligkeit
+des Himmels nicht: er muss aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der
+Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich
+vor uns wie vor einer boesen Krankheit zurueck. . . Du erlerntest alles
+was zur nuetzlichen Hausfrau gehoert und besitzest ein Gesicht, das sich
+in der ganzen Vorstadt nicht schaemen darf; waere der Bube nicht da, so
+haetten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen,
+der frueher ein Auge auf Dich warf.
+
+MARIE. Wiederhole mir nicht taeglich denselben Sermon!
+
+FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten
+Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen?
+
+MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!
+
+FRAU ZIEMENS. He? oeffne den Mund.
+
+MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)
+
+FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege faellt ihm mit jedem Tage schwerer--Er
+macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.)
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. MARIE.
+
+
+VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein
+Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine
+schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier,
+hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Faeden rollen,
+nichts anderes sieht und hoert man, es geht endlos! Erst die Abendglocke,
+ha, toenet sie--'s ist als wenn ich zum juengsten Gericht soll; ein Hauch
+aus hoehern Sphaeren weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit
+neuem Leben und halb traeumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische
+Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber
+zufriedener heim, sie kommen aus bluehenden Fluren; ich, der
+Christgeborene--aus modrigem Grabgewoelbe, tiefsten Kummers voll!--Ein
+schnoeder Rang ueber dem bloeden Thier! . . (FRAU ZIEMENS traegt Essen
+auf.) . . Wo hast Du doch das schoene Buch, welches der Klaus fuer den
+Albert herbrachte; ich moechte die Fortsetzung hoeren.
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit.
+
+VATER ZIEMENS. Mamachen!
+
+FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, dass ich hier warte? Komm', ich
+trug schon die Suppe auf--(Sie fasst ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe,
+Marie. (Marie ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Kraempfe Dich? Du hattest heute
+frueh ziemlich gute Mienen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . .
+
+VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt
+bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . .
+
+MARIE kommt mit der Lampe.
+
+VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen?
+
+FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzaehlen.
+
+VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn
+fortzufahren.)
+
+FRAU ZIEMENS. Der Albert schnuert morgen seinen Buendel und raeumt das
+Haus.
+
+VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen?
+
+FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thraenen ein Ende--schaeme Dich!--Gieb dem
+Alten einen Kuss und das Versprechen.
+
+VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl!
+
+MARIE giebt ihm einen Kuss.
+
+VATER ZIEMENS. Lass Dein junges Blut von uns ueberwachen! Du wurdest nicht
+geboren fuer das Glueck; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht
+treffen,--Dein Stand heisst Entsagung! (Einige Schuesse in der Ferne.) Was
+gibt's denn da?
+
+FRAU ZIEMENS. Es sind die Boeller von dem herrschaftlichen Schloss--Wohl
+verkuendigen sie den Beginn des Feuerwerks.
+
+VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest?
+
+FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon?
+
+VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Muetterchen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufaellig durch des Kuchenbaeckers
+Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und
+Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's
+Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Kuechenmeister durch die Eisenbahn
+bis von Paris geholt. Die Kellner muessen in schwarzem Frack und weisser
+Atlasweste aufwarten. Saemmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus
+Meissner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und
+Golde. Die seltensten Weine, Voegel, Fische, Schildkroeten, Krebse, Gemuese
+und Fruechte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhaendler.
+Endlich, alle vorzueglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsaenger, von
+hier und den Nachbarstaedten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst
+Du, he?
+
+VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen
+lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute.
+
+
+
+Zwoelfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm
+Arm, welches er auf eine Bank wirft.)
+
+
+MARIE. Weh!
+
+VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich!
+
+MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmaechtiger, nun hilf mir fuer ihn!
+(ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Muetterchen!
+
+FRAU ZIEMENS. Es wird sie toedten! (ab.)
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Haende und
+sieht dumpf vor sich hin.)
+
+
+VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind
+allein.
+
+ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner
+Lage . . .
+
+VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, dass es jetzt so
+kommt, 's ist meine Schuld!
+
+ALBERT. Inwiefern?
+
+VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'!
+oh, oh!
+
+ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Buendel
+schnueren?
+
+VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . .
+
+ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst
+Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertaendelt, noch
+immer kein Meister? 's ist ein Traeumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!
+
+VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen
+muss noch brache liegen, wie der Acker einer wuesten Insel und Disteln
+zeugen, geiles Unkraut, statt suesser Frucht und edlen Saamen. Hier in der
+erstorbenen Brust wird er geboren erst, der grosse Held, der es erloesen
+soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der
+Thuere draussen ein alter Lindenbaum, der Urgrossahn meines Vaters hatte
+ihn gepflanzt. Ein boeses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen
+morschen Fuss. Ich, ein Juengling schon von vier und zwanzig Jahren, komme
+heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, dass sich erfuellte, was man
+unter dir getraeumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur,
+des Lebens Trauer: ich will ein Bildniss fertigen aus deinem Holz, durch
+das die Menschen sich erinnern moegen und mit gutem Vorsatz staerken.
+Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem hoeheren
+Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen
+Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche haengte, ueber der
+Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekroent und
+sterbend gesenkt! . .
+
+ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erloesers
+Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)
+
+VATER ZIEMENS (geruehrt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten,
+edler Juengling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur kuenftigen
+Scheidestunde--hoerst Du?
+
+ALBERT. Ich darf nicht; Marie kuendigte mir; 's ist Euer wohlgepruefter
+Wille, dass ich geh'.
+
+VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwaeche ihm eingab!
+
+ALBERT. Die Vernunft war's, seine Staerke!
+
+VATER ZIEMENS. Kraenkten wir Deinen Stolz? O vergieb!
+
+ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied!
+
+VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser duerftigen Huette! In ihr ruht die
+Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz.
+
+ALBERT. Das Nothwend'ge muss gescheh'n!
+
+VATER ZIEMENS. O, dass ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger
+Verfuehrer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich
+ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in
+die Grube werfen? Albert, Albert!
+
+ALBERT. (Sein Buendel auf dem Ruecken.) Auf Wiederseh'n.
+
+VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz!
+
+ALBERT. Buerger dieser Erde duerfen kein anderes haben! . . (Der Greis
+schuettelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen,
+bleibt eine kleine Pause unschluessig steh'n. Ploetzlich, wie der Greis
+auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.)
+
+VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er
+selbst nicht, ich traeumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne
+Jubelgeschrei und das Geraeusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Huelflosen
+nicht mehr auferlegst als sie tragen koennen, ich vertraue Dir in
+Ewigkeit!
+
+
+
+
+Dritter Akt
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant
+erleuchteten Garten gewaehrt. Seitwaerts das Schloss Questenberg's. Musik
+abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend.
+
+
+BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich
+an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)
+
+V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniss; ich studirte nicht
+umsonst Psychologie . . .
+
+BLASHAMMER. Haette er nur einmal mit ihr getanzt.
+
+V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen.
+
+BLASHAMMER. Es muesste bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei
+vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .
+
+BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre
+Fragen?
+
+V. ZITTERWITZ. Schuechterne Phrasen, wuerdig eines Poeten. . .
+
+BLASHAMMER. Ich muss der Sache auf den Grund kommen, ich muss wissen,
+woran ich bin, ich habe nicht noethig im Finstern zu tappen--Nein
+wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne
+eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr
+Regierungsrath, zurueck zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen!
+Fort, beschwingen Sie Ihre Fuesse!
+
+V. ZITTERWITZ. Ich will mir Fluegel anlegen.--(Er bleibt zaudernd
+stehen.)
+
+BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund
+zurueck und beobachte, wie er sich gegen sie auffuehrt.
+
+V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so!
+
+BLASHAMMER. Keine Zeit verloren.
+
+V. ZITTERWITZ (fuer sich). Die Sache wird hoechst kritisch!--Viel
+Vergnuegen mein Fraeulein.
+
+BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ.
+
+
+BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann
+sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.)
+
+ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater?
+
+BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere
+singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt.
+
+ADELGUNDE. Woher kommt das?
+
+BLASHAMMER. Gott weiss! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr
+lange besitzen. . .
+
+ADELGUNDE. Einbildungen, Vaeterchen, nichts als Einbildungen.
+
+BLASHAMMER. Koennt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze
+Seele gefangen!--fast alle Naechte traeumt mir von Hobelspaenen,
+Kirchhoefen, Saergen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weisst, ging
+ich in frueheren Jahren nur hoechst selten zur Kirche, jetzt darf ich
+keinen Sonntag versaeumen und haeufig draengt's mich noch Dienstag's und
+Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschaeft an der Boerse
+vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine
+Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt
+schaedlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir
+schlaflose Naechte . . .
+
+ADELGUNDE. Du musst auf solche Kleinigkeiten nicht achten.
+
+BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache
+zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfuellt, wirst
+Du's natuerlich finden, dass ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie
+zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke
+in Betreff--Erraethst wohl schon mein Taeubchen? Schlag' Deine Augen nur
+auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte
+Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewoehnliches, 's ist von Gott
+eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern
+Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hoerst:
+hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.
+
+ADELGUNDE. Hier?
+
+BLASHAMMER. Ja.
+
+ADELGUNDE. Aber mein Vater.
+
+BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon
+oft auf der Promenade in dem schoenen blauen Frack mit den goldenen
+Knoepfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall.
+
+ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen!
+
+BLASHAMMER. Traun, schoenen Dank, wie's sich ziemt.--Da, kuess' mir die
+Hand.
+
+ADELGUNDE (die Hand kuessend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus,
+wie schnell geht das!
+
+BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich hoere Tritte.--Er wird's
+sein . . .
+
+ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa.
+
+BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf
+halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne kuessend.) Sei huebsch artig. . . (Er
+geht.)
+
+ADELGUNDE (nachrufend).--Papa?
+
+BLASHAMMER. Meine Tochter?
+
+ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat?
+
+BLASHAMMER (laechelnd). Er heisst, mein Pueppchen, er heisst--Wozu aber!
+sogleich siehst Du ihn. . .
+
+ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)
+
+BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weisst, was
+ihn erzuernt.
+
+ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich
+gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unertraeglich--ich sehne
+mich sie abzuschuetteln.
+
+BLASHAMMER ab.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]
+
+ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR.
+
+
+DER DOCTOR. Fraeulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen.
+Lassen Sie mich denn allein.
+
+V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Naehe.
+
+DER DOCTOR. Ach, wie schlaegt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham?
+ich weiss es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen grossen
+Blumenstrauss nachlaessig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied
+summend.) Ah, Fraeulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies
+Straeusschen zu sammeln.
+
+ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame?
+
+DER DOCTOR. _Au hasard_
+
+ADELGUNDE (annehmend). Ich danke.
+
+DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent egalement notre adoration._
+
+ADELGUNDE. Das heisst, dieselben sind Ihnen sehr gleichgueltig.
+
+DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wuenschen Sie zu
+hoeren, worauf ich meinen Ausspruch gruende?
+
+ADELGUNDE. _Avec plaisir._
+
+DER DOCTOR. Auf das Buch der Buecher.
+
+ADELGUNDE. _Par exemple!_
+
+DER DOCTOR. Mein Fraeulein, es steht im neuen Testament, dass wir uns
+nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder.
+
+ADELGUNDE. _Vous etes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois
+alors . . ._
+
+DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener.
+
+ADELGUNDE.--_comment d'apres ce princip, arriveriez vous a une
+inclination individuelle?_
+
+DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur
+individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich
+verliebt--auf Befehl des Alten!
+
+ADELGUNDE. _Si, vous etes un vrai docteur esphilosophique, vous aurez
+une reponse a toutes les questions . . . ._
+
+DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Franzoesisch.
+
+ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_
+
+DER DOCTOR. Ich stehe beschaemt . . . .
+
+ADELGUNDE. _Mais vous n'etes pas philosoph?_
+
+DER DOCTOR. Wohl war ich's.
+
+ADELGUNDE. _Eh bien?_
+
+DER DOCTOR. Allein auch mich veraenderten die Zeiten wie manche brave
+Burschenseele.
+
+ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._
+
+DER DOCTOR. Seit meiner Rueckkehr in's vaeterliche Haus.
+
+ADELGUNDE _Et apres?_
+
+DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr
+ernst.
+
+ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniss.
+
+DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst
+ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau.
+
+ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.
+
+DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine
+gueltigere giebt--
+
+ADELGUNDE. Ich hielt Sie fuer einen Anhaenger der Freiheit.
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Mein Fraeulein . . . .
+
+ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schoenen Spruches: "strebet, die
+Wahrheit wird euch erloesen."
+
+DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und passt nicht in die Bibel.
+
+ADELGUNDE. Das ist mir neu.
+
+DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten
+Wuerdentraeger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn.
+
+ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie
+glauben?
+
+DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fuerst, liebe Freunde, ich muss
+im Interesse des Staates eure schoenen Einkuenfte um die Haelfte
+vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen
+Jenseits tausendfach vergolten--
+
+ADELGUNDE. So murren Sie nicht?
+
+DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fraeulein, zu dem der Papa
+sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen
+Herrn Doctor.
+
+ADELGUNDE. Sie sind barock.
+
+DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefaellt,--allein ich denke das Beste
+von den Menschen und habe den hoechsten Respect vor der christlichen
+Tugend, die nach unsern beruehmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten
+Unterwuerfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht.
+
+ADELGUNDE setzt sich und seufzt.
+
+DER DOCTOR. Mein Fraeulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja
+nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiss und wahrhaftig, nur
+in Thorheit.
+
+ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, dass Sie die
+Maske eines Heuchlers verabscheuen.
+
+DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Ungluecklichen Mitleid.
+
+ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da!
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER. Keine Stoerung, setzen Sie die Comoedie weiter fort.
+
+DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Huelfe.
+
+V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefaellt's den geehrten
+Herrschaften . . .
+
+BLASHAMMER. Nur naeher getreten.
+
+V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schuettelnd; mit leiser Stimme.) Es
+ging ja ausgezeichnet gut.
+
+DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.
+
+V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fraeulein hier
+allein--
+
+DER DOCTOR.--Was ausserordentlich auffiel--
+
+V. ZITTERWITZ.--und uns verfuehrte, der geistreichen Unterhaltung zu
+lauschen.
+
+DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Man liess mich rufen . . .
+
+V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spaet.
+
+QUESTENBERG. Was gab's?
+
+V. ZITTERWITZ. Ein aeusserst interessantes Gespraech.
+
+QUESTENBERG. Es handelte sich?
+
+V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . .
+
+BLASHAMMER. Erstaune!
+
+V. ZITTERWITZ.--als von Liebe!
+
+DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein.
+
+BLASHAMMER. Ich wusste es schon gestern, dass er fuer Adelgunde schwaermt.
+
+
+ADELGUNDE. _A la bonne heure!_
+
+DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . .
+
+BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen
+Blick zu der mehr besagte, als . . .
+
+ADELGUNDE. Papa!
+
+BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhoerliche Tanzen mit ihr.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Sie verzeihen, mein Fraeulein!
+
+V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, dass die jungen Leute
+zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstaende, sondern--hoeren Sie?
+
+QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen?
+
+BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Vaeter!--Eure Haende, Kinder, dass
+ich sie ineinanderlege.
+
+V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon--
+
+QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht.
+
+V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal!
+
+QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!
+
+V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die
+Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Zimmer des Doctors; Schraenke mit Buechern, Antiquitaeten,
+Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stuehle und dergl. Die Fluegelthueren
+sind offen und gewaehren einen Blick in den Garten.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+
+DER DOCTOR (tritt, eine Broschuere in der Hand, aus dem Seitenzimmer und
+klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies
+Tractaetlein. Ich lasse innigst danken; es haette meinen Zweifel am
+Christenthum voellig besiegt. Wenn er noch ein aehnliches besaesse, sollte
+er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern
+und zu bekehren. Zugleich mache Fraeulein Adelgunde mein Compliment
+und bestelle bei unserm Koch ein Fruehstueck mit Austern und
+Champagner--Apropos! Dass alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter
+ab.) Klopfte Jemand? Herein!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DER DOCTOR. MARIE.
+
+
+MARIE. Gruess' Gott!
+
+DER DOCTOR. Danke.
+
+MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn
+Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit?
+
+DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefaelligst naeher . . . (Bei Seite.)
+Das Maedchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte
+ergebenst . . .
+
+MARIE. Ich kann steh'n.
+
+DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnuegen . . . (Bei Seite.) Ein
+Stuendchen, ach, an ihrer Brust entschaedigte mich fuer allen Verdruss, den
+ich habe! (Er setzt sich ihr gegenueber.)
+
+MARIE. Ich will kurz sein.
+
+DER DOCTOR. Zunaechst mit wem wird mir die Ehre--?
+
+MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir
+gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten
+Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein
+kann . . .
+
+DER DOCTOR. Ich ahne schon . . .
+
+MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen
+Vers von mir.
+
+DER DOCTOR. Sie heissen--?
+
+MARIE. Marie Ziemens.
+
+DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun!
+
+MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.
+
+DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum hoechsten Vortheil!
+
+MARIE. Kaum glaublich.
+
+DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild.
+
+MARIE. Ach!
+
+DER DOCTOR. Besassen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich
+Ihnen den letzten zaertlichen Kuss auf die Lippen drueckte?
+
+MARIE. O sprechen Sie nicht so.
+
+DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein
+Muendchen--gleich!
+
+MARIE. Pfui.
+
+DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine
+Standesruecksicht die Reinheit unserer Gefuehle truebte!
+
+MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim.
+
+DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege.
+
+MARIE. Ich bin Braut.
+
+DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?
+
+MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer
+Ungluecklicher . . . Seinetwillen komme ich her.
+
+DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe?
+
+MARIE. Haetten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen,
+seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn
+Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen wuerdig.
+
+DER DOCTOR. Es soll gescheh'n.
+
+MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst fuer ihn--
+
+DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's.
+
+MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer
+Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkfuehrer, auch die Aufmerksamkeit
+Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die
+schlechtbesoldetsten unfaehigsten Handwerker blieb sein edel
+aufstrebender Geist gebannt!
+
+DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und--
+
+MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem
+Herrn Vater seine verzweifelte Lage fussfaellig vorzustellen,--derselbe
+mogte jedoch von nichts hoeren, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus
+Gruenden, die der Herr Doctor nimmer theilen . . .
+
+DER DOCTOR. Moeglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er
+macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitlaeufigkeiten!
+Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch
+geurtheilt, falsch gewaehlt haben?! Der Mann ihrer Neigung muss ein guter
+Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei
+von Eifersucht ist?
+
+MARIE. Warum? (Laechelnd.) Auf mich? Dass ich nicht wuesste!
+
+DER DOCTOR. So koennen wir schnell fertig werden.
+
+MARIE. Nun? . .
+
+DER DOCTOR. Der Monsieur empfaengt eine zufriedene Stellung und
+ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuss.
+
+MARIE. O weh, ein schlechter Handel.
+
+DER DOCTOR. Nicht fuer mich.
+
+MARIE. Wuerde den Ihr Herr Vater billigen?
+
+DER DOCTOR. Mit Haendeklatschen.
+
+MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die
+Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins.
+
+DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa
+soll binnen fuenf Minuten nachfolgendes Decret hoechst eigenhaendig
+unterzeichnen. . . .
+
+MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.
+
+DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkfuehrer?
+
+MARIE. (Auflachend.) Werkfuehrer? Das laeuft gar hoch hinaus! (Verstellt.)
+O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . .
+
+DER DOCTOR. Also er eignet sich--schoen! . . . (Schreibt.) Der
+Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber
+Albert . . . Werkfuehrer . . . Bedingungen sind . . . Und erhaelt . . .
+Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . .
+
+MARIE. Potztausend, so viel traeumte man nie vom Lande Utopien!
+
+DER DOCTOR. Das Leben, mein Schaetzchen, ist ein grosses Maehrchen voll
+unerklaerlicher Wunder. Jede Minute gebaert Millionen Ueberraschungen,
+Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende
+Thorheiten. Man uebe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es uebte und
+erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Misskredit
+gerathen, ist kein bloeder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der
+bloedeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in
+warme, farbenreiche, suess verschwimmende Nebel, so dass wir in ihnen
+unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen
+schlafendem Auge versoehnt mit Gott und uns selbst die irdische
+Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's
+andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheissen.
+(Er steht auf; in schaekerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schaetzchen,
+sie lebe hoch!
+
+MARIE. Schonung, Herr Doctor!--
+
+DER DOCTOR. Die Romantik allein gewaehrt, was der graemliche Philosoph,
+Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst
+erstrebt! Sie lebe, mein Schaetzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was
+sinnlos bethoerte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht,
+Wahrheit preisen!--Ein paar Glaeschen Champagner, mein Schaetzchen,
+erschliessen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen
+Sie das Fruehstueck mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und
+wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und
+verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein!
+(Sie stossen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?
+
+MARIE. Ziemlich gut.
+
+DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem
+schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch
+eins.
+
+MARIE. Danke.
+
+DER DOCTOR. Der Herr Braeutigam soll leben!--Vivat!----
+
+MARIE. Es war mein letzter Tropfen.
+
+DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . .
+Nur her das Glas.
+
+MARIE. Ich schlag's in Truemmer.
+
+DER DOCTOR. Das hiesse mich verachten.
+
+MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und
+will fort.) Sie sind abscheulich!
+
+DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?
+
+MARIE. Sie wissen's.
+
+DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall!
+
+MARIE. Lassen Sie mich nur fort.
+
+DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlaegt.)
+
+MARIE. Die Uhr schlaegt; ich habe nicht laenger Zeit.
+
+DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall!
+
+MARIE. Meine Mutter denkt, dass ich im Garten Gemuese fuer den Markt
+grabe--darf sie nicht erzuernen.
+
+DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich
+entschaedige die Versaeumniss hundert und tausendfach, bleiben Sie und
+leisten mir Gesellschaft. (Er haelt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da!
+Es sind alles Goldstuecke.
+
+MARIE. Herr Doctor . . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich
+begegnete ihn kuerzlich. Sein ergrautes Haupt muede zur Erde neigend,
+schlich er langsam den Gewoelben der Fabrik zu. Welch' Schicksal fuer den
+alten Mann, der an Herzensguete und Characterwuerde Seinesgleichen sucht!
+Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefaehrten, dem reich und
+angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die ruehrendsten
+Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoss
+sogar Thraenen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig
+ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein tuerkisches Pfeifchen
+rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie loes't die
+Demokratie das Problem der sozialen Probleme ueber das Verdienst anders?
+(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher Koenig waere ein Bettelmann, mancher
+Bettelmann ein Koenig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert
+Stelle, waere die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik!
+(Trinkt und drueckt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem
+ehrwuerdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit,
+die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.)
+Hoch die Romantik! . .
+
+MARIE. Ihr eigenthuemliches Benehmen verwirrt mich tief.
+
+DER DOCTOR. Das macht, ich fuehrte Sie schon, wie der Teufel den armen
+Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik.
+
+MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.
+
+DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er
+faellt in einen Stuhl.)
+
+MARIE. Leben Sie wohl. (ab.)
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+
+DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das
+Maedchen ist mein. Dann hab' ich Entschaedigung fuer die Zwangsehe und
+Zeitvertreib in Huelle und Fuelle. Hoch die Romantik!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DER DOCTOR. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn?
+
+DER DOCTOR. So so, la la!
+
+QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muss das Festuebel
+schon gaenzlich gehoben sein.
+
+DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuraeumen.
+
+QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schuettelnd.) Sehr loeblich.
+
+DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wueste Troedelbude,
+ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsuendfluthlichem Getruemmer
+zusammengestapelt!--In ihr muss der Mensch schon kindlich zufrieden sein,
+wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn
+einigermassen verschonen.
+
+QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklaerte Leute und wickeln,
+scheuern, buecken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand.
+
+DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blaettchen ohne
+Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und
+klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst
+aus der Fabrik.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. An die Unterschrift knuepf' ich die Heirathsfrage.
+
+QUESTENBERG. Verueckte der Erbaermliche Deine Sinne und--
+
+DER DOCTOR. Ihm muss geholfen werden, er verdient's!
+
+QUESTENBERG. Du weisst aber nicht--
+
+DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen!
+
+QUESTENBERG. Welch' Wagestueck!
+
+DER DOCTOR. Unsinn!
+
+QUESTENBERG. Es ist aeusserst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu
+mischen.
+
+DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine
+Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?
+
+QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse--
+
+DER DOCTOR. Das hoert auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche
+Wuerde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber
+langath'mige Verhandlungen, da!
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns.
+
+DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um
+eine Bagatelle?!
+
+QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt
+schuechtern ein.)
+
+DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt.
+
+QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.)
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DER DOCTOR. ALBERT.
+
+
+DER DOCTOR. Tritt naeher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die
+Herablassung.
+
+ALBERT. Wenn ich den schoenen Bezug durch mein unsauberes Kleid
+entweihe . . .
+
+DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker?
+
+ALBERT. Ein wenig.
+
+DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen,
+bedenke das und--
+
+ALBERT. Das waere eine Politik des Fluches!
+
+DER DOCTOR. So sprechen Woelfe in der Laemmerhaut!
+
+ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Es lebe die Association!
+
+ALBERT (ernst). Sie lebe!
+
+DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern!
+
+ALBERT. Fort mit den Privilegien!
+
+DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum!
+
+ALBERT. Die Fruechte des Fleisses Aller fuer Alle.
+
+DER DOCTOR (lacht ironisch).
+
+ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wuensche ungerecht?
+
+DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tuechtige
+Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen.
+
+ALBERT. Vielleicht! . .
+
+DER DOCTOR (lacht wieder).
+
+ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden?
+
+DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste
+heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich.
+
+ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel).
+
+DER DOCTOR. Ich weiss mir Deine Missstimmung zu erklaeren, Albert; mein
+Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die--
+
+ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl.
+
+DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that uebel.
+
+ALBERT. Ich ging tief in mich, ich pruefte seine weisen Vorstellungen,
+fand, dass mein Verlangen unbillig war.
+
+DER DOCTOR. Albert!
+
+ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor!
+
+DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhaeltniss mit Marie und bist
+zufrieden, genoethigt worden zu sein es--aufzugeben!?
+
+ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du
+alles was Du brauchst, heirathe, sei gluecklich--ich wuerde ihm danken.
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Aus welchen Gruenden, stolzer Mann?
+
+ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen haette mich Ihre Gnade in den
+Himmel erhoben, jetzt, jetzt stuerzt sie mich in die Hoelle, in die Hoelle
+der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Wuerde von Almosen zu
+leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit ueber meine Leidensbrueder zu
+triumphiren . . .
+
+DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was
+er Dir giebt.
+
+ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das koennen Sie nicht
+beurtheilen.
+
+DER DOCTOR. Aha, mithin erklaertest Du ihn einer Vormundschaft beduerftig,
+die seiner moralischen Guete, seinem individuellen Interesse stets Zaum
+und Gebiss anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, dass mir dieser Mensch
+vermoege seiner Intelligenz naeher steht und mehr nuetzt als jener,
+gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag moeglich sein; allein Du hast
+den Maassstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach
+Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden
+und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen
+Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Kuenstler wie Raphael, Phidias,
+Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallilaei, Neyton, Leibnitz,
+einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein
+vor das groesste Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . .
+(ironisch lachend.) Wuerde die Mehrheit sein Verdienst hoeher anschlagen
+und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der
+Aufgeklaerteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal
+beguenstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln
+vermochte? Ah', lass Dich durch die Doctrinen ueberhitzter Koepfe nicht vom
+Wege der Vernunft abfuehren! Wenn Verdienst soviel als Abschaetzung,
+Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen
+Gesellschaft geopferten That heisst, so fordere von niemandem mit
+Gewalt, was niemand sich selber giebt, das hoechste Geschenk der Gnade
+Gottes, die ueberall gerechte, die innerliche Guete! Mangelt sie meinem
+Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persoenlich frei
+gleich ihm, verlass ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich
+Jemand hoeher wuerdigt als er! (Ihm ein Papier ueberreichend.)
+
+ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . .
+freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie haengt das zusammen?
+
+DER DOCTOR (laechelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem
+Interesse, der innerlichen Guete meines Vaters.
+
+ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie
+zuzumessen!
+
+DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist
+Jemandes Verdienst richtig zu schaetzen!
+
+ALBERT. O Schoepfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch
+still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke
+durchschauert mich . . .
+
+DER DOCTOR. Was hast Du Albert?
+
+ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kaelte). Warum ueberreichte mir Herr
+Questenberg nicht selbst das Papier?
+
+DER DOCTOR (verlegen). Ich weiss nicht Albert. (fuer sich) Der Mensch
+droht schwierig zu werden.
+
+ALBERT. So hatte er doch Furcht--
+
+DER DOCTOR. Inwiefern?
+
+ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der
+Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich
+koedern, mich vom Sozialismus losreissen . . . Dort in dem Vereine der
+Arbeiter koennte ich zu aufgeklaert ueber den Nutzen einer gewissen
+Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungluecklichsten,
+blutaermsten Paria!
+
+DER DOCTOR. Du sprichst Unverstaendliches.
+
+ALBERT. Ha, dass die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir
+entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstoerung dem Sodom und
+Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit
+auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen naehren! . .
+Nehmen Sie das schaendliche Dokument und bestellen . . .
+
+DER DOCTOR. Argwoehnischer, ich fuerchte fuer Deinen Verstand.
+
+ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde
+werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles
+schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe
+lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele
+machen . . . Eben nannt' ich mich den blutaermsten Paria--gefehlt! ich
+bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern,
+denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fuehl's! . . Ja schenke dem
+Armseligen das langjaehrige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste
+Flamme der Begeisterung, die hoechste Liebe zum reinen Engel Deines
+Glueck's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Grossmuth gab
+dem Heiland Staerke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan!
+
+ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern
+wuethet!--Steck' dem Elenden die Fabrik ueber dem Haupte an, unterminire
+das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine
+Gefaehrten, es sind ja ihrer ueber zweitausend und dem Leben noch
+gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und
+suehnen das gebeugte Recht! Eine moerderische Schlacht entspaenne sich,
+Soldknechte aus Nah' und Fern' zoegen vor das Staedtchen, belagerten,
+bestuermten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten
+Steinwalle erlag!--Es waere maennlich und ruhmvoll, allein unvernuenftig!
+Schweig' und dulde! Was nuetzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle
+aus, die ganze Erde ist davon ueberwuchert! Lass' es gruenen, knospen,
+bluehen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdraengen und sich an seinem
+Uebel fortquaelen bis an's Ende der Welt! Lass' es so dicht und so sich
+selbst zur Last werden, dass es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen,
+giess' die ungeschwaechte Kraft deines ewigen Feuers ueber uns aus; wir
+moechten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht
+ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele
+nagt unheilbarer Schmerz!
+
+DER DOCTOR (bei Seite).--Er traegt die Erfindung zu unseren
+Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muss seinen Hass von
+meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlaegt
+sich--ein unerhoertes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen
+geuebt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo
+boese Maechte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich
+will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfaengst. Du
+wirst mir zuernen, doch, da ich erkenne, dass Du der groesste Biedermann
+bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir
+verzeih'n.
+
+ALBERT. Zur Sache.
+
+DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument,
+Albert, Du empfaengst das Dokument . . .
+
+ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt.
+
+DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der
+Gleichberechtigung, der Bruederlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir
+Marie nie gebeichtet von mir?
+
+ALBERT. Von Ihnen?
+
+DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, dass ich ihre erste Liebe war?
+
+ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.
+
+DER DOCTOR. Denkbar, erklaerlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst
+jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts
+sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfaehiger als
+Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der
+Unbesonnenheit--
+
+ALBERT. Nun wohl.
+
+DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen.
+
+ALBERT. Bei welcher Gelegenheit?
+
+DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.
+
+ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhaeltnis dauerte?
+
+DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt
+verliess und zur Universitaet abging.
+
+ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder?
+
+DER DOCTOR. Es gereichte mir zum groessesten Vorwurf als die Himmlische
+mir gestern erschien!
+
+ALBERT. Wo?
+
+DER DOCTOR. Von Ungefaehr traf ich sie im Park. Schwer laesst sich
+beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend
+wehte mich an, ich fuehlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschuettelt,
+ich fuehlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren
+Enttaeuschungen des Lebens und wie von einer hoeheren Macht getrieben, die
+keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschliessen, sie mein, ewig mein
+zu nennen! . .
+
+ALBERT. Ich hoerte genug, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu ueberreichen.
+
+ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich wuerde es annehmen.
+
+DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie
+ist nicht minder legitim als Deins!
+
+ALBERT. O, Sie haben nie geliebt!
+
+DER DOCTOR. Du meinst!
+
+ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes
+Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war.
+
+DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen!
+
+ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen
+deswegen kein Wort; Sie uebertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um
+Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhuellen.
+
+DER DOCTOR. Du haengst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafuer!
+
+ALBERT (lacht).
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Warum verlaesst mich Kraft und Muth, jetzt koennte
+ich ihn ohne Umstaende fordern . . .
+
+ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines
+Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Hoehe Ihrer Geburt,
+Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefaehrlich, zu ungebahnt; Sie
+konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie
+konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, dass er
+Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk,
+sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben,
+verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den
+Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Fuessen,
+fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte
+Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Huelferuf erweckt Daemonen statt
+Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu
+spaet ist's vor ihm zu fliehen; sein aeusserst liebenswuerdiges Betragen,
+seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie
+eine Unmoeglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich muesste
+toll sein, machten Ihre Irrthuemer mir boeses Blut. Verzeihung Ihnen,
+tausendmal Verzeihung!
+
+DER DOCTOR. Du bist ein Gott!
+
+ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drueckend). Es giebt
+keine heiligere Reliquie mehr!
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell
+ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich
+muss zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche
+genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und
+versichre, dass ich aus ganzer Seele wuensche, es moege Gott gefallen, Euch
+eine glueckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schuettelnd.)
+Fortan giebt's keine Missverstaendnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du
+noch etwas zu fragen?
+
+ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier
+unterzeichnete?
+
+DER DOCTOR. Ah, das vergass ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar
+auf,--er haette sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von
+meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genoethigt ihm alles zu
+sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen.
+
+ALBERT. Beim ewigen Heil!
+
+DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer
+Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage.
+
+ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?
+
+DER DOCTOR. Die ich durch eine mir missliebige Heirath beschwoeren
+soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwuelen
+Gewoelbe schreitenden Gebieter nicht an, dass er noch angestrengter mit
+der Existenz kaempfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn
+Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Ungluecks Last zu schwer
+drueckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn
+Du stand'st allein und stritt'st nur fuer das nackte Leben!--er aber,
+Oberhaupt eines grossen kuehnen Unternehmens, gewuerdigt des Vertrauens der
+ganzen Welt, verantwortlich fuer das Schicksal von Tausenden, er, durch
+ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen
+ploetzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter
+sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muss lachen, um sein
+blutendes Herz zu verbergen, muss von Glueck prahlen, glaenzende Feste
+veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand druecken,
+um nicht zu verrathen, dass Unglueck ihn heimsucht, muss Raenke spinnen,
+Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . .
+
+ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniss bringt mich dem
+armen Herren naeher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares
+Gesicht--ah, es war unmoeglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen
+sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich
+uebel berathen,--nicht wahr, nur die Verhaeltnisse stempeln uns zu
+Verbrechern!? O ich weiss, wie gross ihre Macht ist! Dies Dokument
+bezeugt's zweifellos.
+
+DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . .
+
+ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .
+
+DER DOCTOR. Theurer Albert, wir muessen abbrechen, es giebt Besuch.
+
+ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor.
+
+DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester
+Geselle. Lebe denn wohl.
+
+ALBERT. Ueberfluessiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hoelle. (Beide nach
+verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+Neunte Scene.
+
+[Transkriptionsanmerkung: Die merkwuerdige Scenennummerierung ist 1:1 aus
+dem Original uebernommen.]
+
+BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Haende gefaltet,
+das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem
+andern in gewissen Abstaenden. Sie machen im Saal langsam die Runde.
+
+
+BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweisstuch ging mir wohl in der
+Boerse verloren . . .
+
+DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.--
+
+BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich
+in einen Sessel.)
+
+DER DOCTOR.--Es muss etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen,
+wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . .
+
+BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wuenschte, der Tod haette sich Ihrer
+erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . .
+
+DER DOCTOR. Sie floessen mir Angst ein.
+
+BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine grosse Frage an Sie.
+
+DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu loesen.
+
+BLASHAMMER. Wir wollen's erproben!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. . . Ihr liesset mich auf eine erschuetternde Nachricht
+vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde?
+
+BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel.
+
+QUESTENBERG. Krieg? Handelsstoerungen? Schiffbrueche?
+
+BLASHAMMER. Lies, lies!
+
+QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser
+Kriegsdampfer, Koenig Ferdinand, einen auf der Hoehe von Palermo
+kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an
+die Revolutionaere der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was
+die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluss beweisen. Das
+Ereigniss macht grosses Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher
+bisher des hoechsten Vertrauens der Koeniglichen Regierung genoss und erst
+kuerzlich von ihr mit einem Auftrage fuer ein und eine halbe Million
+beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswuerdigen Expedition
+ist.--Es klingt wie eine Verleumdung.
+
+BLASHAMMER. Meine Glaeubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten
+in die Schuhe . . .
+
+QUESTENBERG. Ich moechte es auch thun.
+
+BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Boerse, soll mit
+den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und
+Rathgeber von Ministern und Fuersten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's
+und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?!
+
+QUESTENBERG. 's ist unglaublich!
+
+BLASHAMMER. Fuer den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der grosse
+Blashammer Ehre und Existenz!?
+
+QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken!
+
+BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich,
+Questenberg, woher kommt's, dass es wahr ist?
+
+DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien!
+
+BLASHAMMER. Diese Briefe ueberbrachte mir die Post.
+
+QUESTENBERG (den groessesten entfaltend). Vom neapolitanischen
+Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich
+zwischen den Zeilen, dass man den Auftrag fuer die anderthalb Millionen
+wieder abbestellt.
+
+BLASHAMMER. Der bereits ausgefuehrt und zur Absendung fertig!--Es sind
+die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . .
+
+QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab!
+
+BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.
+
+DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die
+Arme.
+
+BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater.
+
+DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besoenne mich nicht lange, sondern
+strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen.
+
+BLASHAMMER. Wodurch?
+
+DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien.
+
+BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten!
+
+DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein
+oder zwei nicht ankommen.
+
+BLASHAMMER. Danke bestens.
+
+DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt.
+
+BLASHAMMER. Ach, bestuende er nur in einem Schiff! aber--oeffne den andern
+Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann
+musste fuer mich sterben! . .
+
+QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurueckgebend). Leichtsinn,
+Leichtsinn!
+
+DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!
+
+BLASHAMMER. Sapperment, ausserordentlich viel.
+
+DER DOCTOR. Hat ein Capitain hoeheren Werth fuer Sie als ein Schifflein?!
+
+BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . .
+
+DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen
+und alles was er thut, mit sich selber auszumachen.
+
+BLASHAMMER. Ich lass' es gelten.
+
+DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's
+seine eigene Schuld.
+
+BLASHAMMER. Meinetwegen.
+
+DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?!
+
+BLASHAMMER. Ja, fuer solche wahnsinnige Unternehmung!
+
+DER DOCTOR. Warum, sage ich?!
+
+BLASHAMMER. Er haette es unterlassen koennen!
+
+DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's haette unterlassen koennen, eben
+weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muss er Ihnen
+gleichgueltiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm
+anvertrauten.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch
+gleichgueltiger.
+
+DER DOCTOR. Bravo!
+
+BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der
+ihn vor jeder Gefahr schuetzen sollte . . .
+
+DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare.
+
+BLASHAMMER. Laut desselben wuerde man die Waffen als die fuer Neapel
+bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von
+Palermo ungehindert fortgelassen haben.
+
+DER DOCTOR. Sie erschoepften den Born aller List!
+
+BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem
+unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da
+sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . .
+
+DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens!
+
+BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie
+glauben!
+
+DER DOCTOR. Sie haetten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb
+Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .
+
+BLASHAMMER. Ah, der Teufel liess mich das nicht sagen!
+
+DER DOCTOR. Nicht wahr?
+
+BLASHAMMER. Ja, ja, haette ich das gesagt, so koennten wir Ihrem Vater
+morgen die Glaeubiger vom Halse schaffen!
+
+DER DOCTOR.----Fuer morgen koennen Sie die Aussteuer nicht zahlen?
+
+BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund.
+
+DER DOCTOR. Nicht fuer uebermorgen denn?
+
+BLASHAMMER. Nicht fuer uebermorgen ueber funfzig Jahr.
+
+DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlaegt der Verlust des winzigen
+Schiffleins Ihrem Vermoegen, Ihrem Credit!?
+
+BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcuel.--Ich bin
+ein ruinirter Mann!
+
+DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht.
+
+BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, dass der Himmel mir erspare dies
+Sie zu fragen!
+
+DER DOCTOR. Papa, was denken Sie?
+
+QUESTENBERG. Nichts mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil!
+
+QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, waehrend
+der Vorhang faellt).
+
+
+
+
+Vierter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Vor der Huette des Vater Ziemens.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Huette.
+
+MARIE. Lass' mich nur, ich suche die schoenen Blumen, die ich verlor.
+
+FRAU ZIEMENS. Welche schoenen Blumen?
+
+MARIE. Am neustaedter Garten auf der Wiese pflueckten wir sie ja--ich
+hatte die ganze Schuerze voll.
+
+FRAU ZIEMENS. Du traeumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem
+Federbett!--Komm' zurueck, die Luft weht kalt.
+
+MARIE. Bin ich denn krank?
+
+FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem
+Blut.
+
+MARIE. Muetterchen, nie im Leben fuehlt' ich mich so gesund! Klarer als
+die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die
+thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wuenschte Musikanten,
+froehliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu
+springen wie bei der Hochzeit.
+
+FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde.
+
+MARIE. Wir gruben im Garten Gemuese und kamen auf Albert--Du schaltst ihn
+einen charakterlosen Buben, der feige den Ruecken kehrte, nach dem er
+mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fuehlte
+mich verletzt . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern.
+
+MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde--
+
+FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hoelle, nicht mit mir. Ach, kein
+ehrbares Maedchen hegt Gedanken--
+
+MARIE. Welcher Art?
+
+FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon.
+
+MARIE. Muetterchen, Du erschrickst mich.
+
+FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf
+Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich
+geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind!
+
+MARIE erblasst und droht umzusinken.
+
+FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen!
+
+MARIE.--'s ist ueberstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf
+alles vorbereitet--hier, lies den verhaengnissvollen Brief.----
+
+FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen.
+
+MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre
+Preis!----Keinen Laut truebseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein
+Verbrechen zu suehnen.
+
+FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten.
+
+MARIE. Uebe Gerechtigkeit, dass Du Antheil am Himmel hast, er ist die
+Liebe des Guten.
+
+FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon--
+
+MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer
+Autoritaet!
+
+FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooss der Kirche.
+
+MARIE (mit stuermischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau'
+ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die
+labyrintischen Faeden meines Schicksals, fuehlst was mich in's Verderben
+trieb und kannst allein--
+
+FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erloesende Macht?
+
+MARIE (zaertlich). Weil ich Dich lieben und schaetzen lernte als meinen
+obersten Wohlthaeter.
+
+FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen!
+
+MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille.
+
+FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du
+sankst----Um die letzte Stuetze der Noth brachte sie der Jugend
+vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch
+geweihter Priester erbaut sie mehr!
+
+MARIE. Nur Thaten versoehnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des
+Schoepfers Lob vernehmbar toent: Friede sei mit Dir, Du bist
+gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschluesse fassen
+lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch
+vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persoenliche Wuerde mich
+ungetheilt erfuellt, der mich erschuettert durch seiner Gruende
+Aufrichtigkeit, erhebt und fortreisst durch den Zauber seines
+Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wueste der Finsterniss, und
+verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler
+aehnlich, der, gelaehmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die
+Hoehe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Fuessen! Schuetze
+mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die
+Schwaeche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbuerdet, sclavisch sich
+zu fuegen--Muss ich ihm folgen?
+
+FRAU ZIEMENS. Raethselhafte Kranke, unbegreifliche Schwaermerin.
+
+MARIE. Muss ich--?
+
+FRAU ZIEMENS. Was waere Dein Loos, wenn Du nicht muesstest?!
+
+MARIE. . . . Der Tod.
+
+FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das
+um Dich!
+
+MARIE (stuerzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Fuehr' mich nach
+jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefuerchtete--Ersehnte!
+Er ist's!--Ich gleiche dem bedraengten Piloten in Sicht des winkenden
+Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rueckwaerts stuermt
+ihn das unerbittliche Meer.
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. ALBERT.
+
+
+ALBERT. Gruess' euch Gott, meine Theuren.
+
+MARIE (kehrt ihm entsetzt den Ruecken).
+
+FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruss mit schuechterner Verbeugung).
+
+ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies
+Papier verkuende Ihnen, weshalb ich komme . . .
+
+FRAU ZIEMENS (damit in die Huette).
+
+ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wuesste sie schon alles--War
+die Furcht prophetisch, welche mich zoegern liess bis heute frueh? Sag' an
+Maedchen, wie fass' ich--
+
+MARIE (reicht ihm des Doctors Brief).
+
+ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging
+schneller als ich . . . (Nachdem er fluechtig gelesen, unwillig mit dem
+Fuesse stampfend). Ueberfluessige Diplomatie!----Aber wie fein! wie
+herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar
+sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts
+vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trueben
+Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur grossen Taeuschung; bis
+jetzt haette er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu
+viel ueberschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau
+des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen
+konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.)
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS.
+
+
+VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert.
+
+ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist?
+
+FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn.
+
+VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten
+Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurueck? Welche
+finstere, verzweifelte Mine?
+
+ALBERT. Armer Vater!
+
+VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Toechterchen
+keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt--
+
+ALBERT. Vergroessert ihre Pein.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . .
+Lass' mal sehn--Ist sie im Garten?
+
+ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse.
+
+VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet
+nichts Boeses . . . Muetterchen, Du scheinst alles schon zu wissen.
+
+FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind naerrisch.
+
+VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren
+kaltes Herz?
+
+FRAU ZIEMENS. 's ist einfach.
+
+VATER ZIEMENS. Erzaehle--sei so gut.
+
+FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, dass Marie frueher, verstehe
+recht, bevor sie Albert kannte--
+
+VATER ZIEMENS. Ich versteh'.
+
+FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzuendet von dem jungen Doctor ward--
+
+VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr.
+
+FRAU ZIEMENS. Dies nuetzte die Unglueckliche in ihrer Noth.--
+
+VATER ZIEMENS. Meine Ahnung!
+
+FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand haelt).
+Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich
+Enttaeuschte nun reumuethigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, dass Marie
+in seine thoerichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein
+blieb.
+
+VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin
+ich gewiss.
+
+FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden,
+schmeichelhaften Sprache.
+
+VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit
+schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbuertig an Geist und Gefuehl steht
+Ihr Euch gegenueber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch
+fehlt zur Glueckseligkeit nichts! und nun, was ist's, dass sich feindlich
+zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der
+Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klaegliche Gebilde
+alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid
+Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstaette sehe ich mehr, kein
+Ziel fuer Eure Wuensche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?!
+(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel
+zerschellt und trostlos an die naechste Planke festgeklammert, treibt
+Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!
+
+FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern
+Leidenskelch?!
+
+VATER ZIEMENS. Was wuenschest Du, dass ich den Edelmueth'gen rathe?
+
+FRAU ZIEMENS. Sich den Verhaeltnissen zu fuegen!
+
+VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Wuerde?--Weib!
+
+FRAU ZIEMENS. Haett' ich es einst gethan, haett' ich der Zeit
+Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in
+schimmernden Palaesten, saeugte an des Reichthums voller Brust der Jugend
+unbefangene Freuden und hegte ein Toechterchen im Schooss, der ersten
+Fruehlingsbluethe gleich, so frisch und schoen! Der grossen Blashammer, von
+Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten
+Vertraegen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf
+meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwaermergeist bereits
+verdunkelt, mir die Wege ungekraenkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich,
+er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, ueber
+Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige
+Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges
+Raecherantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub
+bliebst Du meiner Liebe zaertlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist
+unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur
+beschaemt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen
+Pfuhl, regnete Himmelsmanna und laesst's uns wohlbehagen . . . Dass diesem
+luegnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer
+ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und
+nicht der Muehe werth es zu erhalten! Gluecklich alle, die's leicht
+erfassen, die schlau, verwegen, kuehn die wenigen Koernlein lautern Goldes
+aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin muede sein morsches
+Kreuz noch laenger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden hoere
+auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reisse, eine neue Zeit
+beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich
+ausgesoehnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnoeden
+Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in
+ihren dumpfen Woelbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.
+
+VATER ZIEMENS. So hoert' ich Dich noch nie!--Welchem fuerchterlichen
+Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den
+Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst
+nun morsch zusammen, gleich dem Geruest des stolzesten Tempels, von der
+unsterblichen Himmelsflamme verglueht!?
+
+ALBERT. Ehrwuerd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle
+Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heissersehnten
+Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit
+fuenftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen
+und verlieren, wird, selber sich in's Boese kehrend, aus edlem Eifer fort
+und fort sein aeltres Werk dem juengeren zum Opfer bringen und nie
+erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich
+gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehaermt vom
+blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schoensten
+Inhalt sich betrogen fuehlt und mir nun weise raeth, die Welt zu nehmen
+wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem
+Verstand, der reich an Kenntniss und an List, das Netz nur auswirft wo's
+zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten laesst, die Herzenskammern wohl
+verriegelt, das Christliche, die allgemeine Bruederschaft, Freiheit und
+Gleichheit blos als Mittel conservirt, (laechelnd)--als Mittel zur
+Umschuettelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der suesse Genius sich zu
+Boden senkte . . . Ich haett's schon lange wissen sollen und anders
+stuend' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Raecherin, waer' nicht
+beschworen, ihr flammendes Geschoss auf uns zu schleudern!
+
+FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein!
+
+VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir
+fallen, sie zu versoehnen.
+
+ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Fuechsen nach, die sich aus Eifer
+fuer das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz huellen, Gesangbuch,
+Katechismus, Bibel unterm Arm, demuethigen bussfertigen Schritt's
+alltaeglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in
+lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Boersenraum, ein
+jedes Woertlein ihres suessen Odems mit Priesterbalsam wuerzen und
+gottgefaelligen Spruechen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das
+Seine; ehrlich waehrt am laengsten; selig die reines Herzens sind"--
+
+VATER ZIEMENS. Albert, Albert!
+
+FRAU ZIEMENS. Lass' ihn!
+
+ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein
+Mann zu sein, dem die Ehrwuerdigen der Stadt und alle Freunde guter alter
+Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.
+
+VATER ZIEMENS. O waer' mein Name dann bereits vergessen!
+
+ALBERT. Menschenhass, Eigenduenkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem
+Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale
+Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Koenigen
+erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkuehr oeffnet und
+schliesst. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern
+Saeulen als Ihr Glaube an--an--ich weiss nicht woran!
+
+FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen.
+
+VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muss unsrer echt
+katholischen Kirche sich zu Fuessen legen.
+
+ALBERT. Sie ist die einzige Bruecke zum verlornen Paradies.
+
+FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort.
+
+ALBERT (ihre Hand schuettelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels
+Frieden!
+
+VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Huette?
+
+ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern
+Platz fuer sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwoere Euch, weilt!
+
+MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . .
+
+ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater,
+welche Euch erzuernt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den
+Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du fuer
+ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund
+verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt!
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. ALBERT.
+
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stuermt nicht die Schranken
+ihres Herzens.
+
+ALBERT. Memme! Memme!
+
+FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund.
+
+ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniss!----Oder denkst Du, ich bin
+ein Sclav' des Elends, nahm das schnoede Geschenk ohne Bewusstsein von
+Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hoer', welch' christlich Werk
+den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhoeht?!
+
+FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.)
+
+ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's moeglich--sie
+konnte--Ich allein! grausam ueberliefert, ueberlassen der Hoelle?!--Das
+endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.)
+Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmuethige Taube wird zur
+Hyaene . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Wohin Albert?
+
+ALBERT. Ihr die Schande kuerzen!
+
+FRAU ZIEMENS. Huelfe! Huelfe! Weh, mein Kind!
+
+ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thuere des Hauses
+geeilt, oeffnet sich dieselbe ploetzlich und in weissem Gewande tritt ihm
+Marie entgegen). Gott--
+
+MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz.
+
+ALBERT (laesst zurueckschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du
+meiner Brust! . .
+
+MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.)
+
+FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stuetzt ihn, und er steht
+geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich
+wieder.)
+
+ALBERT.----Mildwaermend durchbricht die himmlische Sonne den naechtigen
+Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fuerchterlich
+geheimnissvoller Traum . . . Vergeblich saenn' ich ihn zu deuten--drum sei
+er schnell, schnell vergessen!
+
+FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit ruesten wird und
+Mitteln, die Thorheit zu besiegen.
+
+ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus!
+
+FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der
+Ferne.)
+
+ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs
+Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schuetzend Dach
+versagte--
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so
+leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten
+_depuis long-temps_ die Vergnueken--_Recevez mes compliments_.
+
+ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?--
+
+KLAUS. Eine welterschuetternde Nachricht . . . Es wird ueber unser _passe_
+endlich Justiz gehalten.
+
+ALBERT. Wie Du weisst, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher
+ordentlich deutsch.
+
+KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrueckt die Kopf und lassen
+_oublier notre belle langue allemande_ . . .
+
+ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten.
+
+KLAUS. _Patience, monsieur_.
+
+ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.
+
+KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken sso kut ik gann. Nueckst Euk
+ssoll ssein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_
+Kurkel--_j'etouffe_ . . .
+
+ALBERT. Wie gross des Schoepfers Guete an solchem Ungeheuer!
+
+FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unertraeglich. (Sie will gehen.)
+
+KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million
+reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein grosser,
+grosser Mann--Nicht unser Muckerlaendchen--das freie goettliche Amerika
+erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser
+Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _a trouver_ welcher maechtik
+der Sprak _du monde_.
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million--
+
+KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein
+rentables Fabrikchen eingetragen--
+
+FRAU ZIEMENS. Bei!?
+
+KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung.
+
+ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem
+Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel.
+
+KLAUS (hinzufuegend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern.
+
+ALBERT. Vergebliche Muehe--zu spaet!
+
+KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Misstrauen, he?
+
+ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten
+Namen.
+
+KLAUS. Hum, sie heisst mich einen Aussaetzigen, nicht weil ich an der
+Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts
+aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemuethe, tiefdenkender, erhaben fuehlender,
+grossherzig strebender Freund und stuerze Dich nicht eines
+Missverstaendnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf
+die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die
+Suende fuer uns alle traegt!
+
+ALBERT. Ja, ich that Dir Leides--
+
+KLAUS (die Hand schuettelnd, welche Albert ihm reichte). Auf dass mir
+einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt
+viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur
+Unsterblichkeit gefoerdert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche
+tausend Thaelerlein . . Zweitausend fuenf hundert stopften mir schon die
+Kinnbacken--aber dreitausend huelfen noch meinen unersaettlichen Durst
+loeschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend
+wuerde mich indess so recht _tete-a-tete_ bei meinem Schoepfer zur Tafel
+laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen
+Tellerzahl mein roth-politisches Heisshungerchen . . . (Er geht auf den
+Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Saesse dann, die Beinlein
+aufgesperrt, das Baeuchel tuechtig angemaest', ein Toennchen Bairisch an
+der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor
+mir her. Bespraeche hochgespannt des Staates Guet' und Maengel und
+balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich
+beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo
+schon so mancher deutsche Ehrenbuerger--bescheiden seiner Heldenthaten
+uebermaecht'gen Rausch verschlief!
+
+ALBERT. Ein frommer Wunsch.
+
+KLAUS (aufspringend). Erfuell' ihn mir.
+
+ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiss,
+dass ich im heiligsten Gefuehl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich
+vergesse.
+
+KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen
+anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he?
+Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anstaendiges Schoeppschristel
+pfarrherrlicher Ehrbarkeit?
+
+FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes
+wuerdig und gestehe, dass Sie mich ausserordentlich beschaemen.
+
+KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:)
+
+ Bei wem das Geld im Beutel klingt,
+ Die Seele aus dem Fegfeuer springt.
+
+ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht.
+
+KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige
+verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu
+ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden.
+Und so kam's, dass der boese Feind moralisirender Heuchelei und eitler
+Schwaeche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich
+kehrte, bis ich so tief in Misskredit sank, dass das waermste aller
+christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben
+mochte. Ich waere gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstrass'
+elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit
+noch laenger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert
+haette.--'s ist ein verkuemmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem
+der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur
+ganz nieder zur Hoelle! Thoericht, wer sich ihm widmet und fuer Freiheit
+wahrhaft schwaermt!--Gut, dass ich aus dem Groebsten bin! . . Ich, ich
+werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Waende malen und in's
+Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung!
+
+ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes
+Versprechen zurueck.
+
+KLAUS. Albert--verzeih', dass ich ein Herz besitze, welches in Erwaegung
+gewisser Dinge ueberschaeumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust
+schnuert und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine
+verrathen; die alte Frau koennte schamroth werden.
+
+ALBERT (ihn an seine Brust drueckend). Steckt doch ein guter, guter Kerl
+in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu troesten und
+erheben, Du, Du--wer haett's gedacht! mein tief verstossner Bruder!
+
+KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ fuer
+Moerser und Bomben; wuerde Rekruten, ruestete ein standfest Heer--fuer Geld
+ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und
+Treue!--und eroeffnete dann eines schoenen Morgens mit dem Hause
+Questenberg den Krieg; zoege vor das Schloss, verlaese die christlichst
+angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden
+wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der
+Gedanke elektrisirt mich, Albert. Moechte mich dabei in Glorie zeigen;
+moechte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weissprangenden
+Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs
+beweisen, dass seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack
+begluecken? Wozu nuetzt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu
+Jahr vermehrt? Bist Du gewoehnt im Suendenpfuhl des Reichthums vom Mark
+der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf
+Deines Herzens sichre Rente!
+
+ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath
+entsprechen, doch in meiner Weise.
+
+KLAUS. Heil Brutus Dir!
+
+ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich
+draengt's dem fremden Goenner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Woertlein in
+Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.)
+
+KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er
+singend hinter ihnen her).
+
+ _Allons, enfants de la patrie--hi, hi,
+ Le jour de gloire est arrive:--he, he.
+ Contre nous, de la tyrannie--hi, hi,
+ L'etendard sanglant est leve--he, he . ._
+
+(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Das Vorzimmer des grossen Festsaales aus dem zweiten Akt.
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespraech.)
+
+
+V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, dass sich fuer den Augenblick bei der
+_haute-finance_ nichts ausrichten laesst--Aber ich kenne Schneider,
+Schuster, Schlaechter, Kaethner, die _petit a petit_ huebsche Suemmchen in
+ihrer Bettlade anhaeuften und fuer gute Worte herumzubringen waeren.--Wenn
+Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in
+die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben
+vornehm einige Zeilen blos und--
+
+BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und
+wie er zu Credit kommt.
+
+V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilitaet!
+
+BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fussstapfen nicht draengen.--Ich--ich
+nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfaende Keinem mein
+Wort wenn ich ohne Sicherheit bin.
+
+V. ZITTERWITZ (mit feinem Laecheln). Der Schlag von Neapel laehmte Ihre
+Kuehnheit und Sie zweifeln am Glueck?
+
+BLASHAMMER. Am Glueck des Lottospielers!--Treten wir unter die Glaeubiger.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?!
+
+BLASHAMMER. Fuer keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den
+Loostopf.
+
+V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Dass ich
+Sie beschaeme, Herr Blashammer--(haelt ihn fest.)
+
+BLASHAMMER. Herr Regierungsrath?
+
+V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer--
+
+BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an).
+
+V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und
+ohne leibliche Erben ist, stellt mir fuer den alleraeussersten Nothfall
+einen Theil ihres bedeutenden Vermoegens zur Verfuegung--
+
+BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der
+Concurrenz zu weit ueberfluegelt!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie meinen--?
+
+BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns
+ansteckt--sagen wir gut fuer ihn.
+
+V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestuehle.
+
+BLASHAMMER. Versuche im Grossen stellen zweifelhafte Resultate
+heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon.
+
+V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht fuehren!
+
+BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und
+schweige.
+
+V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er taeuschte mich
+absichtslos.
+
+BLASHAMMER. Es troeste Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der
+Geschaefte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie
+daran.
+
+BLASHAMMER. Moechte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er
+auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr
+Regierungsrath,--die Concursmasse den Glaeubigern abhandelten, so billig
+als moeglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren liessen, he?
+
+V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns waere
+damit geholfen.
+
+BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf?
+
+V. ZITTERWITZ. Kein uebler Anschlag.
+
+BLASHAMMER. Lohnt's?
+
+V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das hoechste
+Freundschaftsstueck guter Christen.
+
+BLASHAMMER. Ueberlegen Sie.
+
+V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbruechiger klammert sich an alles, was ihn auf
+den Fluthen traegt!--Wir sind einig.
+
+BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluss.
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein grosses Buch unter'm Arm).
+
+
+V. ZITTERWITZ. Fort!
+
+BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.
+
+V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer
+sich weniger Luft machen duerfen. (Beide ab.)
+
+QUESTENBERG. Vieles koennte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts,
+was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch
+schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)
+
+
+
+Achte Scene.
+
+QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS.
+
+
+ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurueck, dem Amerikaner es
+zu melden.
+
+KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungeruehrt, ungebessert bleibt er
+und lacht ueber Deine Grossmuth nur frohlockend sich in's Faeustchen.
+
+ALBERT. Geh, eile.
+
+KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Fruechte Deines Genie's.
+
+ALBERT. Willst Du mich erzuernen.
+
+KLAUS.--Der Schwaermergeist wird sich an Dir raechen.
+
+ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens.
+
+ALBERT. Ihr treuer Diener.
+
+QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege.
+
+ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige
+Minuten.
+
+QUESTENBERG. Du kommst mich verhoehnen--ich les' es in Deinem
+Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve.
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so
+viel Lieb' und Guete, dass ich hoechlichst erstaune.--
+
+QUESTENBERG. Schlange!
+
+ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . .
+
+QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkuenstelter Ruhe). Verkuende, was
+Dich herfuehrt.
+
+ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, dass Du mein Freund bist,
+Albert.
+
+ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.
+
+QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint?
+
+ALBERT. Ein grosser Fabrikant aus den vereinigten Staaten--
+
+QUESTENBERG (unglaeubig). Ah!
+
+ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestuehle zu zeigen die--Kuehnheit hatte.
+
+QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall?
+
+ALBERT. In solchem Grade, dass er sich gleich erbot, als er von Ihrem
+Unglueck hoerte--
+
+QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fuegt oft
+Wunderdinge--raethselhaft erscheint mir blos . . .
+
+ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von boesem
+Gewissen.
+
+QUESTENBERG. Du taeuschest Dich wohl nicht.
+
+ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.
+
+QUESTENBERG. Willst es wissen?
+
+ALBERT. Ich wuenschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten.
+
+QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,--
+
+ALBERT. Sie scherzen!
+
+QUESTENBERG. unterdrueckt,--
+
+ALBERT. Pfui.
+
+QUESTENBERG. tyrannisirt!
+
+ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter!
+
+QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort.
+
+ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr
+Retter!--Glauben Sie mir nun?
+
+QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert.
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON.
+
+
+JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.--
+
+QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm
+einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Guete . . .
+
+JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestuehl' kehoeren zu ten
+vorzuegliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder,
+ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind--
+
+QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er aengstlich Albert ansieht).
+
+JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung.
+
+KLAUS (murrt).
+
+QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.
+
+JOHNSON. Ihr Name wird nepen den groessesten Wohldaehtern der Menschheit
+klaenzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.
+
+QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiss nicht, was
+ich sagen soll!--(laut.) Muss ein Fremder mir Trost und Hoffnung
+bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Maehrchen im Kopfe! (laut.)
+Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde
+Luegen strafen!
+
+JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, tass unter Freunden oft
+Eifersucht, Misskunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniss trueben!
+(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt
+zu misscreditiren?
+
+QUESTENBERG. Ja--ja wohl!
+
+JOHNSON. Man Sie peschuldigte muessiger Spielereien, verterblicher
+Exberimentesucht--
+
+QUESTENBERG. Man that's.
+
+JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschaeftsmanns prachte.
+
+QUESTENBERG. Natuerlich.
+
+JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des
+Fortschritt's!--
+
+QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf).
+
+JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefaellt.
+
+QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklaeren! (setzt sich.)
+
+JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.--
+
+QUESTENBERG. So--ah!
+
+JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenuegt,
+mein Herr, sso steh' ick zu Tiensten.
+
+QUESTENBERG. Vollkommen genuegt's, mein Herr--Schon
+achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, dass Sie mir
+solch' Vertrauen . . .
+
+JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie
+wuenschen.
+
+QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiss
+nicht . . .
+
+JOHNSON. Sehen Sie nur hierher.
+
+QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .
+
+JOHNSON. Ohne Umstaende, mein Herr.
+
+QUESTENBERG. Sie bringen mich ausser Fassung, mein Herr.
+
+JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr.
+
+QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich
+jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!?
+
+JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!
+
+QUESTENBERG. Nein, guetiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.--
+
+ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den
+Notar, der draussen wartet.
+
+JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver
+Albert. (Sich freudig in die Haende reibend; bei Seite.) Der
+Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .
+
+KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst
+ihn schamlos triumphiren lassen!?
+
+ALBERT. Behindre mich nicht.
+
+KLAUS. Keinen Schritt weiter.
+
+ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .
+
+KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich!
+
+JOHNSON. Meine Herrn . . .
+
+QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder.
+
+ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich
+schon die Gruende mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, dass die
+Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei.
+
+KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . .
+
+KLAUS. Wenn's sich anders verhaelt, als ich Ihnen auseinandersetzte, so
+straf' mich der Teufel.
+
+JOHNSON. Koennen Sie sich stuetzen auf Peweise.
+
+KLAUS. Es faellt schwer, denn der Treulose verleugnet alles;
+dessenungeachtet . . .
+
+JOHNSON. Aber er muss wohl am pesten wissen--
+
+KLAUS. Herr Johnson, sein Gemueth verkehrte sich in Tollheit und er ist
+nicht Meister seiner Handlungen.
+
+ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt
+Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter
+erscheint, empfaengt Befehle und eilt wieder ab.)
+
+JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie peduerftiger als er.
+
+KLAUS. Was!
+
+JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schaemen Sie sich was!
+
+KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.
+
+JOHNSON. Wer laeugnet's, allein--
+
+KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muss Recht bleiben!
+
+JOHNSON. Schon kut, toch--
+
+KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht--
+
+JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus.
+
+KLAUS. Pah, ich fuerchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige
+Macht der Wahrheit.
+
+JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich.
+
+QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Fuehrt den Menschen in die
+frische Luft und macht ihm Umschlaege . . .
+
+KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten!
+
+QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniss?
+
+JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe.
+
+QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht.
+
+KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt
+ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Mueh'! Haette ich das
+gewusst--doch Gott befohlen!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne KLAUS.
+
+
+ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Suender, mein guetiger Gebieter.
+
+JOHNSON. Er wusste nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach.
+
+QUESTENBERG. Schuldigermaassen sollte ich ihn auf der Polizei
+durchpruegeln lassen.
+
+ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekraenkt.
+
+JOHNSON. Was meinen Sie, tass solch' unansehnliker verkommener Keselle
+Ihnen schaden koennte--
+
+QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert.
+
+JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe fuer heut' keine Zeit mehr und
+porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht.
+
+QUESTENBERG. Ich weiss Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schaetzen.
+
+JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zaehlen Sie die Summe kefaelligst nach.
+
+QUESTENBERG. Es waere wohl ueberfluessige Muehe.
+
+JOHNSON (den Hut nehmend). Moechten wir ein paar klueckliche
+Keschaeftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten.
+
+QUESTENBERG. Ich habe keinen schoenern Wunsch.
+
+JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener.
+
+
+
+Zwoelfte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne JOHNSON.
+
+
+QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht
+unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst.
+
+ALBERT. Sie beschaemen mich.
+
+QUESTENBERG. Fordre die Haelfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir
+die Freundschaft!
+
+ALBERT. Sie wissen, dass ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch
+mache--
+
+QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir,
+Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestuehle im ersten
+Jahr?
+
+ALBERT. Wie kann ich so viel wollen!
+
+QUESTENBERG. Morgen empfaengst Du's schriftlich . . . Ach, waer's mir
+vergoennt, Dich gluecklich zu machen!
+
+ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.
+
+QUESTENBERG. Scherz bei Seite.
+
+ALBERT. 's ist zu spaet!
+
+QUESTENBERG. Was hast Du?
+
+ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt.
+
+QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe?
+
+ALBERT. Sie ging mir verloren! . .
+
+QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge?
+
+ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebuerdet! . . Erbleichen Sie nicht
+mehr, Gott hat gerichtet!
+
+QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehoert Dir!
+
+ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat
+hassen--nicht ihre botmaessige Hand, die ein blindes Glied am Koerper
+unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen.
+
+QUESTENBERG. Du! Du!
+
+ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich
+eitel ruehmt: seht, alles duldete ich zur Erloesung aus der Suende, ich
+liess mich von Euch uebervortheilen, verleumden, entehren, mit Fuessen
+treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetoedtet in meiner
+Leidenschaft, gleichgiltig fuer irdische Freuden, gebrochenen
+Herzens--ein verklaerter Geist, zu dessen Fuessen ihr Euch im Staube
+kruemmt!
+
+QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses
+Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesae't: Qualen der Hoelle!
+
+ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen
+Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich
+sind fuer die Schuld, in welche Ihr Fall sie stuerzt!
+
+QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Glaeubiger in meinem Namen--mir fehlt die
+Kraft.
+
+ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisaeer und
+Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge uebt!
+
+QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe fuer mich, so muss ich's
+thun.
+
+ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.
+
+QUESTENBERG. Wohin gehst Du?
+
+ALBERT (zeigt nach Oben).
+
+QUESTENBERG. Oh!
+
+ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's
+Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie fuer mein
+Begraebniss; ich wuenschte an keinem unanstaendigen Orte unseres Kirchhofs
+zu ruh'n. (Er will geh'n.)
+
+QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Huelfe!
+
+ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust
+setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.
+
+QUESTENBERG. O das ist entsetzlich!
+
+ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht,
+zittern vor dem Tode; Maenner voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen
+ihm freudig entgegen! (ab.)
+
+QUESTENBERG. Bring' ich den Glaeubigern das Geld und verfolge seine Spur!
+
+
+
+Dreizehnte Scene.
+
+Die Vorhaenge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel
+die Glaeubiger.
+
+
+QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf
+den Tisch.)
+
+ALLE. Geld . . . ah! ah!
+
+QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine
+Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten,
+unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie
+unter sich die Summe und gestatten, dass ich mich wieder zurueckziehe.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Ihr edles Gemueth fuehlt sich durch unsre Maassnahme
+verletzt.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Sie zuernen uns.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Haetten wir gewusst oder geahnt . . .
+
+QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen
+nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthaenigsten Diener.
+
+
+
+Vierzehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG.
+
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Ein kurioses Benehmen!
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Fein ueberlegt, fein studirt! Er haengt uns einen
+dicken Zopf an.
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtglaeubig.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung
+zufolge einiger Boersengeruechte mir nichts dir nichts zur Erklaerung zu
+draengen!
+
+ERSTER GLAeUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein.
+
+ZWEITER GLAeUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld
+zurueckzugeben, denn er wird es wohl noethig haben. (Einige bemaechtigen
+sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)
+
+
+
+Funfzehnte Scene.
+
+V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER.
+
+
+V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr fuehre uns nicht mehr in Versuchung! . .
+Mir schwimmt's schwarz und weiss vor Augen, denke ich--(kopfschuettelnd)
+Der infernalische Plan haette mich doch, haette mich doch--Oh, was ist der
+Mensch in einer ungluecklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann
+bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, dass die Noth die
+Mutter aller Laster sei.
+
+BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat!
+
+V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine
+andere! Was fange ich nun mit dem Capitaelchen an? Wo bringe ich's unter;
+wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr
+die neue!
+
+BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden.
+
+V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Dass ich meine Zunge nicht
+bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer.
+
+BLASHAMMER. Ich kann das Capitaelchen gut brauchen. . .
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel Guete.
+
+BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.
+
+V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnoethig belaestigen.
+
+BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, dass ich's gut brauchen kann!
+
+V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's
+Ihnen an.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Zu viel fuer einen guten Christen.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwoelf Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Danke, danke.
+
+BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Bemuehen Sie sich nicht weiter.
+
+BLASHAMMER. Zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ. Maessigung.
+
+BLASHAMMER. Fuenf und zwanzig Prozent.
+
+V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da
+hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.
+
+BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erroethen? Ist das Geld
+des Schwarzkuenstlers besser als meins? (fuer sich) Wem er's nur abjagte!
+
+V. ZITTERWITZ. Mein Kapitaelchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant
+und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen
+Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht
+mehr Schmerz als die drei Maenner im feurigen Ofen!
+
+BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand.
+
+V. ZITTERWITZ (zurueckbebend). Durchaus nicht . . .
+
+BLASHAMMER. Sie halten mich fuer einen Gauner.
+
+V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, dass hier Leute sind.
+
+BLASHAMMER. Fuer einen Betrueger.
+
+V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den
+Aufdringling los.
+
+BLASHAMMER. Erklaeren Sie sich gemessener.
+
+V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute
+bl--bl--blos fuer unsich--chere Menschen.
+
+BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen.
+
+V. ZITTERWITZ (fuer sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen
+ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.
+
+BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah!
+
+V. ZITTERWITZ (die Faeuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie
+sich gerichtlich verantworten . . .
+
+BLASHAMMER (stampft wuethend mit dem Fuss).
+
+V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr
+Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.)
+
+BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel,
+gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram toedtet mich!
+
+
+
+
+Fuenfter Akt.
+
+
+
+
+Abtheilung I.
+
+Zimmer im Hause Blashammers.
+
+
+
+Erste Scene.
+
+ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf.
+
+
+ADELGUNDE (im Spiel ungestoert fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur
+naeher.
+
+DER DOCTOR. Mit Ihrer guetigsten Erlaubniss.
+
+ADELGUNDE. Setzen Sie sich.
+
+DER DOCTOR. Fraeulein spielt eine himmlische Symphonie.
+
+ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause?
+
+DER DOCTOR. Da schwoll die Suendfluth der Glaeubiger meines Herrn Papa
+ploetzlich so stark an, dass ich fuer gut hielt, das Haasenpanier zu
+ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde
+endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden.
+
+DER DOCTOR. Waere seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille!
+
+ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hoeren?
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir guenstig--Ich werde mich in
+der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein?
+
+ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hoert'
+ich kein Wort von ihm; verdriesslich war er und in hartem Kampf mit sich
+selbst.
+
+DER DOCTOR. Wer kann's ihm uebel nehmen! Ach, dass ich's Ihnen berichten
+muss!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand!
+
+ADELGUNDE. Sie erfuellen mich mit Schrecken.
+
+DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten
+brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heisst!--weil er das Feuer der
+Revolution heimlich schueren half.
+
+ADELGUNDE. Weh!
+
+DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's.
+
+ADELGUNDE. O Grauen!
+
+DER DOCTOR. Ich fuerchte, es kostet ihm nicht blos das Vermoegen, sondern
+auch die Freiheit.
+
+ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm!
+
+DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Haenden und Fuessen! Sein Versehen ist
+politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwaechst daraus
+fuer uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach!
+
+ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umstaenden haben Sie noch
+Lust--Nimmermehr!
+
+DER DOCTOR. Ein Ehrenmann haelt Wort.
+
+ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglueck nicht. Ich gebe Ihnen den Ring
+zurueck.
+
+DER DOCTOR (drohend). Fraeulein!
+
+ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer
+genug fallen.
+
+DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir.
+
+ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethaetigungen mit ueberfluessigen
+Kraeften erfuellt und bei dem Mangel grosser volksthuemlicher
+Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die
+dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewoehntesten, fast aller Orten das
+Leben zur Plage macht.
+
+DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem gluecklichen Sterne geboren, so
+kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine
+heil'ge Sache!
+
+ADELGUNDE. Ihre Redekunst.
+
+DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die
+Liebe, von der man sagt, dass sie dem Menschen das bitterste Geschick
+angenehm versuesst.
+
+ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.
+
+DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . .
+Kalt, gleichgueltig, spoettisch, verschaemt stellt es sich, wenn's in
+seinem Busen gaehrt und brennt--
+
+ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein.
+
+DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile
+er selbst, ob mich ein anderes Interesse fuer Sie begeistert, als das
+rein menschliche . . . Doch horch!
+
+
+
+Zweite Scene.
+
+DIE VORIGEN. BLASHAMMER.
+
+
+BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab!
+
+DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still!
+
+BLASHAMMER (fuer sich). Vergoss ich meinen Schweiss umsonst! Bleibt mir fuer
+alle Plage kein Brosaemchen!
+
+DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen?
+
+BLASHAMMER (fuer sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich
+mich aus dem hohen Rath verstossen, unter die Kleinkraemer der Vorstadt
+versetzt!
+
+ADELGUNDE. Troeste Dich, Vater!
+
+BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren.
+
+ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich?
+
+BLASHAMMER. Vergebne Mueh'--sie ersetzt mir meine Schaeden nicht . . . Was
+macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft loes'te sich
+gemuethlich auf.
+
+DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt.
+
+BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater
+heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem
+tief Gekraenkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten
+Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend
+Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und
+auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernuesse auf den Tisch
+warf . . .
+
+DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, waer's doch der Fall!
+
+BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und haelt's ihm vor). Sehen Sie da,
+er hat mich nicht mehr noethig.
+
+DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde
+schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich
+unwuerdigen Misstrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schaetzte
+ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und waere meine Leidenschaft fuer
+Fraeulein Adelgunde nicht die heisseste, welche je eines Menschen Brust
+gehegt, so wuerde ich verzagt zurueckweichen und--
+
+BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die
+rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurueck.
+
+DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort
+und Fraeulein meinen Ring.
+
+BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter.
+
+DER DOCTOR. Fraeulein bleibt . . .
+
+ADELGUNDE. Gnade!
+
+BLASHAMMER. Noch gehoert mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich
+ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's oeffentliche Gerede . . .
+
+BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhoehnen.
+
+ADELGUNDE. Du irrst.
+
+BLASHAMMER. Woher weisst Du's?
+
+ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz.
+
+BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.
+
+ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.
+
+BLASHAMMER. Er!
+
+ADELGUNDE. Ja.
+
+BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf.
+
+ADELGUNDE. Glaub's mir.
+
+BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb
+unveraendert.
+
+ADELGUNDE. Welches andere Interesse duerfte ihn noch fuer mich begeistern,
+als das reinmenschliche?
+
+BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie
+raecht sich die Luege!
+
+
+
+Dritte Scene.
+
+DIE VORIGEN. QUESTENBERG.
+
+
+QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn.
+
+DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt?
+
+QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Glaeubiger.
+
+DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun
+ihren Schein!
+
+QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett;
+das Gewissen trieb mich zu Dir.
+
+BLASHAMMER. Nimm guetigst Platz; das Stehen greift Dich an.
+
+QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben.
+
+BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.
+
+QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem ploetzlichen
+Umschwunge der Verhaeltnisse, gebietet's die Vernunft, Religion,
+Sitte . . . .
+
+BLASHAMMER. Nicht weiter.
+
+QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug--
+
+BLASHAMMER. Ich begreife Alles.
+
+QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, dass--
+
+BLASHAMMER. Sei unbesorgt.
+
+QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird--
+
+BLASHAMMER. Du haettest deswegen ruhig im Bette bleiben koennen--Falls Du
+Dich erkaeltetest, messe mir keine Schuld bei.
+
+QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott.
+
+BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen.
+
+QUESTENBERG. Ein andermal erzaehle ich Dir, auf welche wunderbare Art der
+Allmaechtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsuechtiger,
+arglistiger Menschen erloes'te.
+
+BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender
+anhoeren wird.
+
+QUESTENBERG. Soehnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater.
+
+BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe
+auszutauschen.
+
+QUESTENBERG. Erfuelle des Freundes Bitte, Soehnchen.
+
+BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die
+Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben.
+
+DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa,
+und verstumme.
+
+QUESTENBERG. Mein Sohn!
+
+DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fuegte es mein
+Schicksal, dass ich in Fraeulein eine mir wuerdige Lebensgefaehrtin
+entdeckte.
+
+QUESTENBERG. Steht es so!
+
+BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant taeuscht sich in jugendlichen
+Herzen.
+
+QUESTENBERG. Reichen wir uns denn bruederlich die Hand und segnen das
+junge Paar.
+
+BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir
+in den Prunksaal, die Gaeste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer
+Versoehnung sogleich laden lasse . . .
+
+QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal.
+
+BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich.
+
+QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschaeft, zu dem ich
+die Huelfe des Sohnes beanspruchen muss.
+
+DER DOCTOR. Bin dabei.
+
+QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wuensche denn
+beiderseits Lebewohl.
+
+BLASHAMMER. Glueckliche Besserung.
+
+DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Theures Fraeulein, einen Kuss
+fuer tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die
+beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.)
+
+
+
+
+Abtheilung II.
+
+Aermlicher Garten an der Huette des Vater Ziemens. Seitwaerts eine Strasse.
+
+
+
+Vierte Scene.
+
+FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS.
+
+
+FRAU ZIEMENS (hastig von der Strasse). Vaeterchen, Vaeterchen! Bist Du da?
+Schnell heraus, eine schreckliche Maehr!
+
+VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schlaeft.
+
+FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st
+Du wie lebendig die Strasse wird? Alle Welt geraeth in schaudernde
+Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schliessen den Leuten uns
+an.
+
+VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich huete die Kranke.--Wusste man des
+Ungluecklichen Namen?
+
+FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren
+verzweifeln liess.
+
+VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche.
+
+FRAU ZIEMENS. Wir allesammt koennten dem Beispiele folgen. (ab.)
+
+VATER ZIEMENS. Des Staedtchens schwacher Gemeinde waer's ein
+Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden
+Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, haett' ich doch kein Kind! . . .
+Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park?
+
+
+
+Fuenfte Scene.
+
+VATER ZIEMENS. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter
+Alter, die ihres gleichen sucht!
+
+VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig laechelnd.) Wohl ging's mit der
+Erfindung schlecht, wohl liess der Amerikaner euch hart abfallen?--
+
+KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reuessirte, viel Geld gab's, viel,
+viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schoenste
+Banknoten, vollgueltigste Papiere--
+
+VATER ZIEMENS. Aber--?
+
+KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich?
+
+VATER ZIEMENS. Nein--wozu?
+
+KLAUS. Krambambuli zu kaufen.
+
+VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab?
+
+KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Glaeschen Bittern verlangt's blank
+vorausbezahlt!
+
+VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft
+werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren--
+
+KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je groesser die Flasche, desto angenehmer,
+und wenn's ein Fass ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur
+heraus! ich leere es im Bewusstsein--nicht zu den schwaechsten Gliedern
+unsers starken Volkes zu gehoeren! (Will ihn in die Huette schieben.)
+
+VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld
+erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut?
+
+KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei!
+
+VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?!
+
+KLAUS. Versuchte ich das schon einmal.
+
+VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr
+Treiben!
+
+KLAUS. Pfui, auch Sie oeffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?!
+
+VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden.
+
+KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom
+gemeinsten Gauner gaengeln, aussaugen, betruegen, unterdruecken laesst,
+erklaere ich unzurechnungsfaehig ueber mich zu urtheilen.
+
+VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus.
+
+KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet,
+behaupte ich heute erst recht!
+
+VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, dass Dir die
+Leute thun, das thue ihnen auch nicht?
+
+KLAUS (keck). Ja wohl!
+
+VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage.
+
+KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewuehlt, mit erkuensteltem
+Laecheln.) Dass Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's
+zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom
+Schloss! (bei Seite mit ironischem Laecheln.) Muss luegen, um wahr zu sein!
+
+VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus.
+
+KLAUS. Ja, wirklich!
+
+VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!?
+
+KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen!
+
+VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles!
+
+KLAUS. Ah, und wie raechte sich dafuer Albert!
+
+VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch.
+
+KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern
+Patron wieder betruegen liess.
+
+VATER ZIEMENS. Das heisst--
+
+KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stueckchen wie Sie seh'n.
+
+VATER ZIEMENS. Fuerwahr, denn ich begreife noch nichts davon.
+
+KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, fuehrte zum saubern Patron
+den Amerikaner, liess es sich gefallen, dass derselbe 800,000 Thaler, sage
+800,000 Thaler fuer die Erfindung--
+
+VATER ZIEMENS. Unmoeglich!
+
+KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth ausser mir,
+protestirte mit Loewengebruell, bat, drohte, beschwor die Geister des
+Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Laechelns stand der Wahnwitzige da,
+gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken
+preis, duldete, dass man mir--
+
+VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, fuehren Sie mich zu ihm!
+
+KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloss.
+
+VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den
+Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht
+leugnen!
+
+KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst!
+
+
+
+Sechste Scene.
+
+
+MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und
+nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten
+und kraenktest seine Hoffnungen--sein Glueck und stiessest ihn in's
+Verderben! Was thatst Du, Unglueckselige! Und noch zur Kirche, noch beten
+willst gehen! Wer thront ueber deinem Haupte, wer lenket, fuehret dich!
+Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer,
+versoehnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg,
+thoerichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt
+schlaegst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetoese.) Was
+bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks waelzt sich die Strasse herauf! Auch
+Muetterchen dabei?
+
+
+
+Siebente Scene.
+
+MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen).
+
+
+MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du?
+
+FRAU ZIEMENS (zu den Traegern). Setzt hier die Buerde nieder und habt
+tausend Dank, wackre Maenner!--Ach Tochter, Du wardst fuer eine schwere
+Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft--
+
+MARIE. Ist's der alte Vater?
+
+FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert!
+Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone
+ihn--er bedarf zaertlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits
+regt er sich--
+
+MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?----
+
+ALBERT. Welche Stimme?
+
+MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich
+bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam,
+unnatuerlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu
+zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als
+Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm
+nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie
+es Deine--wie es meine Ehre gebot!
+
+FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter!
+
+MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich!
+
+ALBERT. Sei's jetzt nicht, Maedchen!
+
+MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der
+Edlen!
+
+ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das
+richtete ueber mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die koestliche
+Zeit muessigen Spiels vertraeumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen
+zu erfuellen, die ein theures Maedchen in ihn setzte--ploetzlich das Buendel
+packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham
+erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des
+Elends, ein schnoeder Kuppler des Lasters und musste, musste verdammt
+werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld!
+
+MARIE. Eben,--suehntest Du sie nicht!
+
+ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park--
+
+MARIE. O Gott!
+
+ALBERT. Aber nicht zu sterben wusste--nicht zu sterben der Feige!
+Haekeliche Zweifel laehmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte
+sich! . .
+
+MARIE. Das fuegte der Allmaechtige zu unserm Heil!--O richte Dich maennlich
+auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiss in Liebe die Schmerzen,
+welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, missguenstigen Welt uns
+widerwillig, gezwungen bereiteten!
+
+ALBERT. Maedchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend;
+zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schuettle sie ab;
+entfliehe meiner unheiligen Naehe!------O Frau Mutter, wohin brachten
+Sie mich!--
+
+MARIE. Ha, das--das ist Rache!--
+
+FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut!
+
+MARIE. Noch alles gut!? Muetterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach,
+er hat mich nie--nie geliebt!
+
+FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versoehnung, treib's nicht
+weiter!--O thu's fuer die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine,
+keine Freudenthraenen geweint!--
+
+MARIE. Lass ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur!
+
+FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub!
+
+MARIE. Ich sage, lass ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du
+denn noch nichts?
+
+FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen!
+
+MARIE. Muetterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte!
+
+FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter!
+
+MARIE. Welches haekelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl!
+(laechelnd) Darueber frage ihn aus, ich bitte!
+
+FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als wuerde ihr ploetzlich ein
+Raethsel geloest). ... Sollte das moeglich--Aber nicht doch, Tochter, Du
+schwaermst!
+
+MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem
+Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich
+durchschaue alles, die ganze Comoedie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser
+Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm
+Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehoerst, ins Reich der
+Finsterniss!----(Sie stoesst mit dem Fusse an das Gebetbuch, welches sie
+vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha,
+woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine
+Vernunft, kein Gedaechtniss mehr!--Schuetze, o Mutter, schuetze mich vor
+mir selbst! . . . (Faellt der Mutter betaeubt in die Arme.)
+
+FRAU ZIEMENS. Himmlische Maechte, giebt's keinen Frieden fuer sie!------O
+nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Hoechste!
+
+
+
+Achte Scene.
+
+DIE VORIGEN. KLAUS.
+
+
+KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Huelfe
+noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir
+die Jungfer in die Huette--es wird fuer sie zu viel!
+
+MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr!
+Berichten Sie nur, Klaus!
+
+KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den
+wundersamsten Erfolg--es klaenge uns, so wahr ich Klaus heisse, ein
+Millioenchen in der Tasche, ja, ja, ein Millioenchen--
+
+MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die
+Geschichte?
+
+KLAUS. Frau Mutter weiss bereits davon. . .
+
+FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzaehlen hielt ich fuer Narrheit, denn ich konnte
+nicht glauben, Klaus, nicht glauben--
+
+KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und
+wider Erwarten . . .
+
+FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!?
+
+KLAUS. Bis auf zwei Todte leider!
+
+FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie?
+
+KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs.
+
+FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie!
+
+MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie
+sich mit dem Vater--
+
+KLAUS. Zu dienen.
+
+MARIE. Wo blieb er!?
+
+KLAUS. Beim Herrn im Schloss, zu seinem--unserm unseligsten Verhaengniss!
+
+FRAU ZIEMENS. O mein Kind!
+
+KLAUS. Beten Sie fuer ihn!
+
+MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!
+
+KLAUS. Wahrlich, koennte man gleich ihm sich ruehmen, so athmete leichter
+das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets grosse Gefuehle, schoene
+Gedanken, kruemmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich
+im Pfuhle der Verdammniss und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich
+Geister!
+
+
+
+Neunte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS.
+
+
+MARIE. Hoertest Du, Albert?
+
+KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?!
+
+MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel toedtete ihn nicht.
+
+KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst!
+
+ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr!
+
+KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe
+mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der
+Kunde Deines Frevels ueberrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet
+beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm.
+
+ALBERT. O schauder--schaudervoll!
+
+KLAUS. Hoechst schaudervoll!
+
+MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwuerfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver
+Mann!--Goennen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die
+Vorsehung, welche nicht anders es fuegte!
+
+KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.
+
+MARIE. Was bleibt ihm uebrig in seiner Ohnmacht!
+
+ALBERT (wirft sich ihr zu Fuessen).
+
+MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten
+wir ferner unerforschlichem Rathschluss!
+
+KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du suehnst nicht anders das
+Geschehene!
+
+ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich haerter als der Tod--bricht
+meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere
+Sonne--dort ging sie unter!
+
+MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir
+von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schoepfer nur und seinen
+himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!
+
+KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche
+feststeht! Wie auf Kaelte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch
+die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und
+Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kuemmerlicher
+Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit praechtigen
+Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den
+ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt
+die Segel straff, steuertest als echter Roemer, kuehn von Entschluss und
+That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes
+Versprechen, dass ich am Lottospiel der Boerse mich betheiligen
+koennte--He, sollte zum Ergoetzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht
+in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell
+erborgter Fuelle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend
+unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt,
+geringschaetzig belaechelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die
+Fuesse machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von
+Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es fuer Marie und ihre
+Mutter, der Du den sicheren Ernaehrer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm
+den Arm nur, Jungfer.
+
+MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht.
+
+KLAUS. Nachher davon.
+
+ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spaet.
+
+KLAUS. Das Moegliche niemals! Und wer da weiss, dass alles moeglich, achtet
+keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Guete nicht, so ueben wir
+Gewalt!
+
+ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus.
+
+KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung fuer
+die mir zugefuegte Schmach entrinnst Du meinen Haenden nicht! Ich schwoer's
+bei einem Buckel Schlaege Dir! Ja, ja, das merke!
+
+ALBERT. Liesse sich Geschehenes noch aendern!
+
+KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen!
+
+MARIE. Welch ein Erkuehnen!
+
+KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu ueben!
+
+MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches
+fuer ihn!
+
+KLAUS. Das darf nicht geschehn.
+
+MARIE. Sie sind ein Tyrann!
+
+KLAUS. Ich wuerde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich
+schweigend, dass Jemand--und waer's mein Feind--schnoedester Spitzbueberei,
+wie der, zum Opfer fiele!
+
+MARIE. Ihre Verblendung ist gross!
+
+KLAUS. So klein Ihre Erkenntniss!
+
+ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich
+mit uns'rer Ansicht!
+
+KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin
+ein Heide, unempfaenglich fuer solchen Tand!
+
+ALBERT. Traun, so erwaege, dass die Achtmalhunderttausend bereits
+verschlungen wurden von den Glaeubigern!
+
+KLAUS. Bereits!
+
+ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn
+brachten. . . Das weisst Du nicht?!
+
+KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Mueh' waer's,
+gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr
+luftigen Schloesser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte
+es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt,
+nennt edelmuethig unter Schurken--christlich! Entsagung persoenlichen
+Vortheils, irdischer Freude--gottgefaellig! Selbstmord--hoechstes
+Rechtthun! vernuenftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch!
+das kalte Grab allein--Erloesung aus Suende und Elend!--O haette doch ein
+Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren koennen,
+wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der
+menschlichen Natur, dass sie, je reifer, desto sinnbethoerter
+wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die
+Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich
+dem grossen Maertyrer hinab zur Hoelle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du
+von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsuehnen, so sprich! wenn nicht,
+verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du
+entkrochst!
+
+ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb
+Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein
+Leben unter Schmerzenskraempfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein
+unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde fluecht'ger Fantasie,
+im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . .
+
+KLAUS. Kehre Dich um und sieh!
+
+ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das?
+
+KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . .
+
+ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich
+rangst!
+
+
+
+Zehnte Scene.
+
+DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN.
+
+
+QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich
+feiere den hundertjaehrigen Geburtstag, werde nun kahlkoepfig und in
+Kruecken gehn.
+
+ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.
+
+QUESTENBERG. Fast moechte ich's behaupten.
+
+ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue ueber diese
+Reue, der boese Geist mir hindernd in den Weg trat!
+
+QUESTENBERG. Hoerst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein,
+nein, der sanfte Albert konnte sich nicht toedten!--Ich erwog es
+reiflich; saeumte deshalb Laerm zu schlagen, hielt mich huebsch zu Hause,
+huebsch, huebsch, huebsch!--Ach mein Jesus, waer' ich aber nur gleich einem
+Rasenden durch Strassen, Feld und Wald nach ihm huebsch suchend umgeirrt
+und ausgewichen huebsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind
+wir Menschen immer huebsch gescheidt!
+
+ALBERT. Es leiht den Duenkel uns, dass mehr wir seien als wir sind!
+
+QUESTENBERG. Zu ew'ger Taeuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte wuerdige
+Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn!
+
+ALBERT. Des Ungluecks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar
+ergreifen sie uns wenig!
+
+QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf
+will jetzt bereits--ein Stuendchen erst nach dem Ereigniss--in wilder
+Fiebergluth aus allen Fugen gehn!
+
+ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch
+uebrig?
+
+QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch.
+
+ALBERT. Ruht nicht auf mir die groesste Schuld!?
+
+QUESTENBERG. Auf Ihnen!
+
+ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut
+als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.
+
+QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er
+zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein
+Theil der Glaeubiger, bereuend ihres Misstrau'ns Ungestuem, gab mir das
+Geld zurueck.
+
+ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen
+Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von
+keiner That!
+
+QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zoegert).
+Demuethigen Sie mich nicht tiefer!
+
+ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab.
+
+KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!
+
+QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Suendenlast!
+
+KLAUS. Sei christlich!
+
+ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurueckbebt).
+Da! fuer Dich!
+
+KLAUS. Alles!
+
+ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und haeufe mehrend es
+bis in den Himmel!
+
+KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer
+Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhuepfend und das Geld
+zaehlend). Lauter giltige Papiere--fuenf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft!
+fuehrt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, dass ich den Mammon
+ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein!
+Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun
+bin ich dieser Lumpen Glaeubiger!--Wie abgegriffen und welch'
+Inbegriff!--Gift fuer den Staat und Medicin fuer mich!--Adieu, mein
+Bruder! Der Augenblick zu grossen Unternehmungen ist guenstig; ich reise
+morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande,
+was der Himmel fuegen moege, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir
+zurueck und trage Sorge, dass Du bald den Herrn Questenberg hier spielst!
+
+ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst.
+
+KLAUS. Dein Freund auf ewig!
+
+
+
+Eilfte Scene.
+
+DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDAeMMERUNG.
+
+
+QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids wuerdig oder der Bewunderung, ob
+Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden.
+
+ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine
+Freuden.
+
+QUESTENBERG. Gedaechten Sie auch meiner dann in Grossmuth!
+
+ALBERT (ihm geruehrt die Hand schuettelnd). Verzeihung, ach, was waere das!
+ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen,
+streben ihrer kranken Glieder grosse Noth durch gutes Beispiel, Rath und
+That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche
+unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!
+
+QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein
+bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so!
+Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!--
+
+ALBERT. Traeumen Sie von Paradiesesengeln!
+
+QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuss . . .
+Doch still, etwas vergass ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen
+Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzueckt im Spiegel schau'n!
+
+(Albert nimmt das Stueck Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet,
+wischt seine Thraenen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Naehe
+steht.)
+
+ALBERT. Maedchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide fuer die Hochzeit
+und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . .
+
+(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus
+weiter Ferne kuendigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater
+Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's
+Dienern unter Fackelschein hinten ueber die Scene getragen.)
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT ***
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+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.