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diff --git a/old/13661.txt b/old/13661.txt new file mode 100644 index 0000000..35638f0 --- /dev/null +++ b/old/13661.txt @@ -0,0 +1,5808 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten + +Author: Florian Mueller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Bankerott. + + +Eine gesellschaftliche Tragoedie in fuenf Akten + +von Florian Mueller + + + + +Leipzig + +Theodor Thomas. + +1853. + + + + +Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und +keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Buehnen wuerdig +und geschickt ist, ueberlaesst er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr +fuer seine Rechtfertigung oder Erlaeuterung zu sagen, erscheint ihm +ueberfluessig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie aehnlich auffassen und in keiner +Weise zweifeln, dass nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus +in ganz analogen Verhaeltnissen, und von derselben Charactertiefe, +existiren koennen. + +Neujahr 1853. + +FLORIAN MUeLLER. + + + + + + Ah! quand verrai-je enfin ma sterile patrie, + Reformer de son gout l'antique barbarie, + Offrir un doux asile aux beaux-arts negliges; + Rechauffer leur ardeur, dans son sein proteges, + Et, faisant refleurir l'esprit et le genie, + Rendre la gloire aux arts, et les arts a la vie? + + _Frederic II._ (Epitre sur la liberte.) + + + + +Der Bankerott. + + + + +Personen + + + QUESTENBERG, grosser Zeugfabrikant. + DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. + BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. + ADELGUNDE, seine Tochter. + V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. + JOHNSON, Capitalist. + ALBERT, } + KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. + VATER ZIEMENS, } + MUTTER ZIEMENS. + MARIE, deren Tochter. + Ein Saenger, Herren und Damen als Gaeste. + Bediente, Arbeiter, Volk.-- + +Zeit der Handlung im Jahre 1850. + + + + +Erster Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schraenke mit Buechern, Akten, +Modellen. An den Waenden haengen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau +links, auf dem ein geoeffnetes Kontobuch liegt. + +Abend, Licht. + + + +Erste Scene. + +QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit +von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind +hoechstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant-- + +QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der +Unglueckliche gleicht einem Kranken, der immer groessere Hoffnungen an das +Leben knuepft, je naeher er dem Tode rueckt . . . + +V. ZITTERWITZ. Eine Million! + +QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _a la chinois_. + +V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Grossen und Reichen dieser +Zeit speculiren! + +QUESTENBERG. Ich hoffte, dass die siegende Contrerevolution sie +herausfordern wuerde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. + +V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! + +QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es wuerde wieder so gehen, wie nach der +Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine +brillante Epoche! Da schaeumte so manches Schweisstroepflein in den +eifrigen Restaurationskuechen ueber den Kessel, kam denjenigen von uns +Geschaeftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wussten. + +V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muss ein geheimer +Demagoge sein, muss auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, +Genusssucht, Traegheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, +auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Buergerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich +in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Praesident, Kaiser +und Papst. + +QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 +Thaler und Sie sollen ueber meine Demagogie erstaunen. + +V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! + +QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _a la chinois_ statt +fuer zwanzig Thaler, fuer zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde +Kleid der "_l'etat c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall +unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja fuer sie weder politische noch +sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet! + +V. ZITTERWITZ. Zu spaet, zu spaet! + +QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.-- + +V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hoeren. + +QUESTENBERG. Nach zwoelf bis funfzehn Tagen habe ich Webestuehle--frueher +werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten +arbeiten. . . . Niemand weiss davon, es bleibt Geheimniss.--Mit diesen +Webestuehlen ueberfluegele ich alle Concurrenten, mache mich in kuerzester +Zeit zum Millionaer!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren +sehenden Augen Versuche an. + +V. ZITTERWITZ. Sie haetten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, +die Boerse wuerde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf +anzukraenkeln!--Das Buergerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst +ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's fuer den +Aufloesungsprozess unsrer veralteten Formen! Wer von jenen +mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfaehige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, +die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus +zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und +Dampfmaschinen bedienten, im Koerper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, grosser franzoesischer +Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines +beruehmten Versailles heute beim mittelmaessigsten Werktagsmanne. Tritt in +den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stuehle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schraenke und Gestelle +deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, +Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capricioesesten +Maitressen nie gefehlt haben wuerden. Wohl rufst du betruebt: erhielt +meine Herrlichkeit sich nicht laenger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Koenige +und den Koenig zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehoere dem besonnenen +Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung desshalb die gebuehrende +Aufmerksamkeit. Bewaehrt sie sich, so--seien Sie verstchert . . . + +QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! + +V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten +und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu +huldigen! . . . Apropos, wie stuende es mit den Zinsen, im Falle . . . + +QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. + +V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine blosse Erfindung, so zu sagen, +auf eine Idee sein schoenes Geld verleiht, koennte auch wohl zehn +Procentlein verdienen? + +QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche-- + +V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . + +QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche +Ihnen . . . + +V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen +schriftlich abgemacht. + +QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. + +V. ZITTERWITZ. Es ist schon spaet, man erwartet mich zum Nachtessen . . . +(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thuere bleibt er sinnend +stehn.) Der fatale Laerm an der Boerse! . . . Wuesste ich ein Mittel die +Zweifel der Glaeubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten +Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 +Thaler sind fuer Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen +eines Verschmachtenden . . . Verhaelt es sich nicht so? Wie lange fuettert +mein Capitaelchen Ihre eisernen Riesen satt? + +QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. + +V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein grosser Spielraum zur Abkuehlung der Koepfe +unsrer Geldmaenner. + +QUESTENBERG. Sieht man morgen, uebermorgen und nachuebermorgen das Feuer +meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben +ergeben, dass es nur brodneidische Verlaeumdungen oder falsche +Speculationen gewisser Leute waren, die-- + +V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? + +QUESTENBERG. Vorzueglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den +Scheinheiligen unuebertrefflich. + +V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer fuer einen kalten, ruhigen, +ueberlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute +ganz still verhielt. Man bestuermte ihn um seine Meinung, allein er wich +der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner +Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. + +QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Buecher nicht aufschlagen. + +V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine +heirathsfaehige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . + +QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . + +V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste +juristische Examen. + +QUESTENBERG. Ich hege laengst ein Project der Art, nur weiss ich's nicht +auszufuehren. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so +fuehlt er Absicht und weist mich beleidigt zurueck; ich verrathe ihm die +Ohnmacht meiner Lage-- + +V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu +verdaechtigen der Ihr Wohlergehn wuenscht, gegen den Sie unfaehig sind, den +schwaechsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld +und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muss zu Stande kommen. Der +Banquier darf uns nicht widerstehen. + +QUESTENBERG. Ich lege Glueck und Unglueck in Ihre Hand. + +V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche ueber +Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rueckkehr an Ihren Herrn +Sohn, und . . . + +QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. + +V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt +mich . . . + +QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jaehrlich fast so viel als ich +morgen von Ihnen borge. + +V. ZITTERWITZ. Die grossen Staedte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe +dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Muessiggaenger, Fantasten, +Wolluestling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. + +QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir faellt ein Mittel in den Sinn--'s +ist durchaus nicht zu kuehn . . . Wenn ich uebermorgen oder spaetestens +Sonntag ein recht grossartiges Fest arrangirte! etwa fuer zehn bis zwoelf +Tausend Thaler-- + +V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Glaeubiger sollen kommen +und beschaemt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das ueppige +Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und +funfzig Musikanten-- + +QUESTENBERG. Die sechzig Koeche und Kellner-- + +V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert +auf Borg die Meerkrebse-- + +QUESTENBERG. Die Fasanen-- + +V. ZITTERWITZ. Die Schildkroeten-- + +QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern-- + +V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das +Porter Bier-- + +QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den +Mokka-Caffee-- + +V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten-- + +QUESTENBERG. Wir grossmaechtigen Maenner der Boerse?! + +V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?-- + +QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschiessen und Kegelschieben, den +Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle koestlichen Decorationen? + +V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwaermerischer Lieder, +zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller +kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Dass +sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe +fuer Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es muessten hoellische Dinge +uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fraeulein Boerse seine +Verlobung feierten!--Man soll dem Unglueck Trotz bieten bis auf den +letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist +moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Naehere, will's Gott. + +QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. + + + +Zweite Scene. + + +QUESTENBERG (allein). Der alte Suender! Ich zaehlte auf ihn am wenigsten +und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Waere doch jeder +Glaeubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Gueter wie er, +und ich haette keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir +Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, dass kein edlerer +Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten +verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder +zum Schreiben.) + + + +Dritte Scene. + +QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit +reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber +brodirten griechischen Muetze.) + + +DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, dass ich in Ihr Heiligthum eindringe. + +QUESTENBERG. Was giebt's denn? + +DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. + +QUESTENBERG. Ich komme. + +DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? + +QUESTENBERG. Es dauert hoechstens noch ein Viertelstuendchen. + +DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschaeftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren +seit Jahren getrennt, kaum hiessen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich +hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewaehren zu +koennen--aber wenn das so fortgeht, muss ich mich vollkommen unnuetz in +Ihrem Hause fuehlen. + +QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem +Modelleur 5400--ich hege kein Beduerfniss nach einem--fuer rafinirtes +Brennoehl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art. + +DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu +verlassen? + +QUESTENBERG. Weil ich nicht laenger zahlen kann . . . 9000 +Theertonnen--Fuehlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? + +DER DOCTOR. Ich? + +QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Geruestbretter-- + +DER DOCTOR. Lust? nein. + +QUESTENBERG. Du moechtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt +umherschwaermen als Hans von Ohnesorgen? + +DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es wuerdiger als hier +unter vergitterten Thueren und Fenstern den Judas von allem Schoenen und +Sittlichen zu spielen. + +QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide +20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermaehlen muessen . . . + +DER DOCTOR. Muessen? + +QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . . + +DER DOCTOR. Das heisst also, Sie wuenschen nicht mehr fuer mich zu +bezahlen. + +QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich +noch lange bei mir auf der Baerenhaut halten! + +DER DOCTOR. Schoen. + +QUESTENBERG. Nicht wahr? + +DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermaehlen . . . Sie haben vielleicht +eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? + +QUESTENBERG. Fraeulein Blashammer. + +DER DOCTOR. Ah gratulire! (fuer sich schaudernd) Brrr . . . + +QUESTENBERG. Ein Maedchen von vielseitigster Bildung. + +DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). + +QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig +franzoesisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich fuer +Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst fuer Naturwissenschaft--dichtet +Liebeslieder und Trinksprueche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit +bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich +nicht irre, sogar Kritiken fuer belletristische Journale . . . (Er steht +auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? + +DER DOCTOR. Darf ich eine aeussern? + +QUESTENBERG. Ich bitte. + +DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. + +QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen +etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage +zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! + +DER DOCTOR. Sie haetten keine Ruecksicht auf meinen Charakter nehmen, +sondern nach Ihrem innersten Geschmacke waehlen sollen, folglich ein +Maedchen, welches Sinn fuer das Haeusliche hat, mit den Maegden in der Kueche +schaltet, Struempfe stopft, Hemden naeht und ueber jeden Pfennig sorgsamst +Buch fuehrt, ein Maedchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, +Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, +Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glueck! + +QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verruecktheit so vernuenftig oder aus +Vernunft so verrueckt. + +DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er +in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich fuer +Sie aus Paris mit. 's ist die beruehmte Schutzzollrede Ihres +Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. +Moege die Lectuere Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit +meiner Ankunft gaenzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) + +QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die grossen Staedte +seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) + + + + +Abtheilung II. + +Eine aermliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund +steht ein Modell. + + +Vierte Scene. + +ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von +KLAUS. + + +KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, dass er Dich mit +einer Aussicht auf eine Anstellung vertroestet? + +ALBERT. Es sind drei Jahre, dass er mir drei Stunden taeglich von der +Arbeit schenkt . . . + +KLAUS. Welche Gnade! + +ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des +gemeinen Mannes grossmuethiger unterstuetzt? + +KLAUS. Haette ich Deine Finger--ah, ich saess' laengst in Paris oder London +und scharrte das Geld haufenweis, ungezaehlt . . . + +ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die +faehiger und geschickter sind als ich . . . Man muss Deine Einfalt +aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie +von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der +Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der +Akademie--Machten Sie Reisen nach den groessten Fabrikstaedten +Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant wuerde Augen +machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene +Gerechtigkeit, aber bin ueberzeugt, dass er mich besser stellen wird, +sobald ich ein Verdienst besitze. + +KLAUS. Giebst Du mir fuenfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von +hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? + +ALBERT. Hier? + +KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem +Modell zu irgend einem grossen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen +Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben +und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden +wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Strasse. + +ALBERT. Schade, dass Du kein reicher Mann bist, ich wuerde gute Geschaefte +mit Dir machen. + +KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Buechern zusammen, dass das +Talent in jenen freien Laendern schneller zu etwas kommt. + +ALBERT. Da Du davon ueberzeugt bist, geh' mir voran. + +KLAUS. Mit Dir laesst sich nichts Vernuenftiges reden . . . + +ALBERT. Goenne mir die wenigen Stunden, welche ich fuer mich habe. + +KLAUS. Weisst Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger +der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen +eifersuechtigen Concurrenten verbergen, in Abhaengigkeit und Dummheit +erhalten. + +ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. + +KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues grosses Modell--ich helfe daran so +gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und +machen mit grosser Schrift durch die Zeitungen bekannt: hoechst merkwuerdig +fuer alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von +unermesslicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in +halber Zeit das Doppelte des bisher gebraeuchlichen leistet. Zu sehen +taeglich und stuendlich. Entree fuenf Silbergroschen. + +ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. + +KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's +nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe laesst es von +Sachverstaendigen pruefen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir +ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu +entschaedigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst +sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeistroemen und den grossen +Fortschritt des neuen Jaquard begruessen. + +ALBERT. Du blaehst die Muecke zu einem Elephanten auf. + +KLAUS. Es foerdert unsern Zweck! + +ALBERT. Ich schaetze die Erfindung gering.--Und gehoerte sie mir allein, +so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen +gelehrten Technikern gebuehrt das groessere Verdienst . . . + +KLAUS (verzweifelt). Dafuer, dass sie sie Dir wegstehlen. + +ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu +sehen; ich fuehle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich +erstrebe ist meiner Begabung gemaess; mit Recht darf ich ausharren und +meinen Durst nach Vervollkommnung loeschen . . . + +KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst +lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die +falsche Bescheidenheit fuehrt!--Elender Sclav', richte Dich empor, +erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch +ich habe zu viel getrunken, ich weiss nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnuegen macht, gute +fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.-- + +ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der +Meister meines Geschickes bleiben. + +KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmaechtigen +Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschuettert und um und um +geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Haende und +Fuesse und dann an das Werk gesetzmaessiger Bildung; 's ist klar wie das +Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem +Rath!--O besaessest Du Courage! Wir koennten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter +Deinem Talente nicht verkriechen. + +ALBERT. Ich glaube selbst, dass in Dir ein grosser Banquier verloren ging. + +KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. + +ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. + +KLAUS. Zunaechst nichts weiter. + +ALBERT. Was fingest Du wohl an, wuerdest Du Herr einer Million? + +KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue +Muetze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus +der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? + +ALBERT. Nein. + +KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich +begegnete ihn mit seinem neufundlaendischen Hunde in der Allee. Nach +Gebuehr zog ich die Muetze,--indess der Dank wurde mir von dem Herrn wie +von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht uebel . . . + +MARIE (singt draussen). + +KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im +Pfeffer. Deshalb muss Sclaverei suess schmecken und die Wahrheit verlaeugnet +werden. Pah, ich verstehe Dich laengst, Albert--mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus +der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist +geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer +Beduerfnisse" . . . + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. MARIE. + + +ALBERT. Warum kommst Du nicht naeher? . . . Gruess Dich Gott! + +MARIE. Fuercht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stoeren. + +KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um hoechst einfaeltige Fragen. + +MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Woertchen mitzusprechen? + +KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.-- + +ALBERT (mit leisem Laecheln). Es wird uns zur Erbauung dienen. + +MARIE. Traun, dann hoert! Ich halte fuer besser, dass Ihr an Eure Arbeit +denkt. + +KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht +schaden. + +MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein +ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst fuer einen guten Rock, dann +meinetwegen fuer einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! +Glueck zu! + +KLAUS. Ihre Vorwuerfe sind ungerecht. + +ALBERT. Was bringt Dich so auf?! + +MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, dass Du an Klaus Geschmack +findest-- + +KLAUS. He, bin ich ein Missethaeter? Warum soll er nicht an mir Geschmack +finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . . + +MARIE. Dass ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! + +KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, dass ich Ihnen als +Entgegnung einen Spiegel vorhalten koennte, der Ihre liebreizende +Jungfraeulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders +guenstigen Lichte darstellt. + +MARIE. Das waere abscheuliche Verlaeumdung. + +KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles +verkehrt. + +MARIE. Was liess ich mir denn zu Schulden kommen? + +KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. + +MARIE. Ueberfluessig!--Heraus damit. + +KLAUS (sarkastischen Laechelns auf Albert anspielend). Es moechte Ihnen +bei Jemand einen Meineid kosten-- + +MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die +Thuer, schuetze mich! + +KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. + +ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Laestermaul +bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . + +KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . + +ALBERT wendet ihm den Ruecken. + +KLAUS. Hi, hi, hi,--koennt ich mich aus einer Kanone dem Herrn +Questenberg in's Herz schiessen, so thaet' ich's. Fuer Dich bin ich im +Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergass +der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden-- + +MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. + +KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein +sehr schmucker Herr aus der Fremde zurueck. Die Jungfer wird sich an ihm +die Augen versehn! + +MARIE. Pfui. + +KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespraech ab als ich +in die Stube trat, wovon war die Rede? + +ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. + +MARIE. Und musste Dich tief erschuettern! . . . Ha, Du schenkst seinem +Rathe innerlich Beifall, Du haengst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es +steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Laengst ward mir klar, dass ich +Dir ein Hinderniss bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich +nicht vereinen lassen: es sind bereits fuenf oder sechs Jahr! Traun, 's +ist Zeit, Dich zum Ziele zu fuehren. Albert, ich bin bereit, mich Deinen +Traeumen zu opfern! + +ALBERT. Meinen Traeumen!? + +MARIE. Besaesse Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte +ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so haett' er schon fuer +Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist gross. Wohl +kostete es ihm ein Woertlein nur und die Regierung oder der Koenig naehme +Dich in Schutz. Du wuerdest auf oeffentliche Kosten in den Akademieen +ausgebildet, nach allen beruehmten Werkstaetten der Industrie geschickt +und nach ueberstandener Pruefung in einem Etablissement des Staates +untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Huelfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath +treibt Dich ein hohler Duenkel durch eine oede Wueste unaussprechbarer +Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne +es von ferne zu sehen. + +ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn +Questenberg. Glaube mir, er unterstuetzt mich aufrichtig-- + +MARIE. Etwa in dem Sinne, dass Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren +sollest-- + +ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an +meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich +verbindet, welches mir sagt, dass ich ein hoeheres Wesen bin als das +beschraenkte Thier. + +MARIE. So schwaermt Klaus. + +ALBERT. O, Du fuehlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. + +MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den +Webestuhl, doch arbeite, statt fuer die Vervollkommnung seines +Mechanismus, fuer die Erhoehung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum +Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in +die Fabrik ein. Wie ueberfluegelte er Dich! Du stehst noch immer auf der +untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, waehrend er bereits +Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche gluecklichere Thaetigkeit +begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Grossen +Herr . . . Schwoere den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln? + +ALBERT. Hoere auf davon. + +MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich +fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloss: Du sollst unser Haus +raeumen; die Umstaende gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! +Schnuere das Buendel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange +und die Gewohnheit an mich schwaecht sich in Dir ab.--Schon morgen wird +ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das +Truggebilde der Freiheit begruessen als Erloeserin, und im Dunkel der +Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne +Schaam! Bereu' meine gekraenkte Jugend nicht, eben so wenig meinen +beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel +und mein Raecher! Warum verschloss ich meine Sinne jedem Rathe der +Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte +schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem +Monate, von einem Jahre zum andern in suendhafter Geduld, Dir feige +verschweigend meine Pein?! + +ALBERT. Erbarmen! + +MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin, +verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) + +ALBERT. Bleib' Marie. + +MARIE. Was wuenschest Du noch? + +ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein grosses Fest. Es laesst sich +voraussetzen, dass er aussergewoehnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm +ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die +Darstellung unserer Lage zur Grossmuth gestimmt werden? sollte das Gefuehl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . + +MARIE. Versuch's. + +ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell +einen Rock an). + +MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekraenkter +Stolz, verschmaehte Liebe vergiss! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! +Kuerze die schreckliche Zeit der Ungewissheit! Sprich mit feurigen Zungen, +male unser Elend, dass es Steine zu Thraenen ruehrt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle +Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! + +ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). + +MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). + + + + +Zweiter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vorzimmer zum grossen Festsaal. + + + +Erste Scene. + +ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich +in einem Lehnstuhl. + + +QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst +von Deiner Braut als waere sie Dir eine Last.-- + +ALBERT. Um Entschuldigung-- + +QUESTENBERG. Du thatst Aeusserungen, die darauf schliessen lassen.--Doch +sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, +ja! Und was bemerktest Du, dass ihr zu Liebe Dein Wille sein wuerde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schuechtern-- + +ALBERT. Ich saehe mich genoethigt meine Uebungen einzustellen. + +QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das +grosse Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es +Dir zur Vorschule im Aufreissen der Maschinen. 's ist das populaerste und +beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maassstabe nachmachen und ueber jedes Detail der Construction mir die +klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und haendigt +es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schuechtern +aufschlaegt.) + +ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese +Figuren. Eine neue Welt erschliesst sich mir! + +QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. + +ALBERT. O Gott, koennte ich alles auf einmal verschlingen. + +QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses +schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darueber die thoerichten +Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. + +ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das +Buch durchuebe--laenger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde +ich's dann wagen koennen zu bitten-- + +QUESTENBERG (laechelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit +dasselbe Dein Eigen ward. + +ALBERT. So fahre hin grosser Meister, Dir zu folgen bin ich zu +schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) + +QUESTENBERG (die Haende auf dem Ruecken, vor ihn tretend). Bedenk' Er +Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. + +ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreisst mir das Herz! + +QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche +Schlafstelle wo 's 'ne verfuehrerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen +und Kuessen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nuetze die billige +Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten +und er lacht sich schon schadenfroh in's Faeustchen. Aber sieh, wie's +nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen +erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu +lernen, nuetzliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht +jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, koennte man den +Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tuechtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade +Vernunft und Moral! Alle schoenen Entwuerfe des hoffnungsvollen Juenglings +muessen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du? + +ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. + +QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in +der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stuetze und was das +entmuthigendste, man quaelt sich und weiss nicht wofuer! Kannst Du's noch +zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glueckte! Entsage den +taeuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese +Gefuehle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich +kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes +stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der +erschoepfenden Arbeit spaet Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Huette! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein +blasses Weib, nachlaessig mit Lumpen behaengt, in der unerbaulichen +Haushaltung an Koerper und Geist verkuemmert, kommt Dir muerrisch oder +vorwurfsvoll entgegen. Sie haelt die zitternde Hand auf; es fehlt dieses +und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du +giebst nicht genug; wir muessen verhungern. Abscheulicher, ich weiss wo +das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Saeufer und untersucht Dir +verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden +sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das noethige Holz und +auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiss ringt dem kurzen Tage +kaum die Haelfte der Beduerfnisse ab. Die Zukunft muss verpfaendet werden. +Schulden ueber Schulden haeufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die +Thaetigkeit stockt, die Loehne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Glaeubiger werden ungeduldig, sie stellen einen +Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der +elende Kram des Hausrath's muss fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet." +"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie koennen auf faulem Stroh in der +Kaelte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das +ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die +Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschoepfe +hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. + +ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Maedchen denn keine troestende +Hoffnung ueberbringen!? + +QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll +helfen, dass Dein schoenes Talent sich im Keime zerstoere? Da muesst' ich +kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Lass Er die Dirne +fahren, versteht Er, Herr Pinsel? + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ. Wir stoeren doch nicht? + +QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die +Guete naeher zu treten. + +V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? + +QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht +seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Musste eine moralische Lection ausgetheilt werden? + +QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? + +V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, +aber ich wuerde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fuenf Minuten +befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig +hoffnungsvoll vor . . . Fast moechte ich wetten, dass es zu den +Proudhonisten gehoert, naemlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, +die Eigenthum fuer Diebstahl halten. + +QUESTENBERG. Er gehoert zu den Socialisten. + +V. ZITTERWITZ. Die traeumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund +verrathen's. Ha, koennte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von +seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialitaet sich +entfesselt! + +QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. + +V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmaenner entwickeln noch +zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit +der Wurzel auszureuten. + +QUESTENBERG. Was wird denn versaeumt? + +V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung fuer mich behalten.--Stuend's in +meiner Macht, so muesste der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein +starker Aderlass oder etliche Schroepfkoepfe wuerden ihm schon die +Demagogenhitze vertreiben. + +QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend +zu stellen, das liebe Vertrauen besassen. + +V. ZITTERWITZ (unglaeubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen +sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine hoechsten +Gueter!--Was bemerkt doch Goethe darueber--ich glaub' 's ist der alte +Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean +Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein +paar Groschen bei mir--es draengt mich meine schiefe Meinung . . . + +QUESTENBERG. Bemuehen Sie sich nicht, ich bitte. + +V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thaelerchen, gleichsam zur Ermunterung, +schweigend in die Hand druecken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in +Unfrieden, 's ist unpassend . . . + +QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. + +V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . + +QUESTENBERG (zu Albert). Du ueberhoertest wohl vorhin meinen Befehl? +(Albert zoegert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) + +V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus +Christus, der Verkuender unserer erhabenen Religion, wurde in einer +Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten +Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher +Wohlthaeter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten +die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, dass jeder +aecht wissenschaftliche Anhaenger der Geschichte sich darob vor Erstaunen +gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fuehlt! Meiner Seel', +ich rueckte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, wuerde +mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen +zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem +Buben ein huebsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, taeglich einen +guten Braten, so schlaegt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt +mit seinem Talente nuetzen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, +eitel, wolluestig, ueberspannt und politisch! Bald stolzirt er als +Haeuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit +Nackenschlaegen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen +wollte--Ich sprach eben auf der Boerse mit Blashammer . . . + +QUESTENBERG. Wird er kommen? + +V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe +Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. + +QUESTENBERG. Nun? + +V. ZITTERWITZ. Er hat express den alten langen Rock mit einem neuen +vertauscht, noch mehr, er liess sich die Haare verschneiden und sogar +brennen! + +QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim +durchreisenden Finanzminister galt. + +V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, +die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. + +QUESTENBERG. Unmoeglich! + +V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, muessen die Schreihaelse sich +verkriechen. + +QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . + +V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog +sich suess-saeuerlich und schien beistimmend laecheln zu wollen . . . +Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn +herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor +Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher musste +mir schon die schoensten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein +Paeckchen Karten.) + +QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, +Verlobte. + +V. ZITTERWITZ. Gefaellt die feine Schrift? + +QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals +sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhaenge der breiten Mittelthuer fort. Man +blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel +die Herren und Damen stehn.) + +V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! + +QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig +eins, geziemt's die lieben Gaeste zu begruessen. + + + +Dritte Scene. + +DIE GAeSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drueckend). Willkommen von +Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glueck, dass Sie mir +bereiten', so ist es der, gefaelligst fuerlieb zu nehmen. + +V. ZITTERWITZ. Willkommen schoenes Fraeulein Adelgunde.--Was macht die +traute Freundin Pipi? + +QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiraethin, dass der Herr Gemahl +bettlaegerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu +scharf! + +V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, +lieber Oberbuergermeister. (Der Oberbuergermeister verbeugt sich tief). + +QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . +Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer +lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der +Fuss des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut +mich! + + + +Vierte Scene. + +DIE VORIGEN. EIN SAeNGER in feiner Toilette. + + +DER SAeNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel +unten lachen und rufen: bravo, bravo!) + +V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man +darunter? + +BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich +meines Theils denke, es ist die Esskunst.--Stimmen Sie mir gefaelligst +bei, ich bitte . . . + +V. ZITTERWITZ. Das sind auslaendische Krebse? Ah ich ass sie einst in +Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du +quartier latin_ . . . Schein und Duft waessern den Gaumen . . . . +(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den +jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen +auch? + +DER DOCTOR. Freilich. + +V. ZITTERWITZ. Und es enthaelt nichts Anstoessiges, was Maenner von +staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? + +DER DOCTOR. Ich buerge Ihnen.-- + +V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? + +BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Huelle und Fuelle. Ich wuerde +fuer ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehoerig in Bewegung setzt, als +zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Laemmer, +Laemmerstrass' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir +die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste +Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor? + +DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der +Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . + +BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glueck haben, neutral zu +bleiben, denn ich weiss nicht in welcher Stimmung ich bin! + +V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . + +DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fliesst aus meiner +Feder, hi, hi, hi . . . . + +V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! + +BLASHAMMER. Was saeuselte er Ihnen in's Ohr? + +DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. + +V. ZITTERWITZ. Wir muessen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie +werden lachen, indessen ich Thraenen vergiesse . . . Der junge Doctor ist +auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum +Anfang). + + DER SAeNGER (mit Orchesterbegleitung). + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In jedem Herzen wiedertoent, + Zur Einheit Jung und Alt versoehnt? + O halte ein! + Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + Den Schwachen schuetzt, den Starken wehrt, + Des Heilands Worte froemmig ehrt? + O halte ein! + Sie koennt' es wohl und darf's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In Land und Stadt der Leute Fleiss + Zum Ziel des Heils zu lenken weiss? + O halte ein! + Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Das Recht verklaert, den Geist erhebt, + Die Menschheit zu vergoettern strebt? + O halte ein! + Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Die Sitte lenkt, das Leben fuehrt + Und jede Handlung edel ziert? + O halte ein! + Sie kann es schon gewiss nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + So nennt sie endlich mit Vergunst! + Es ist doch nicht die Niedertracht, + Wo feig der Schalk sich selbst belacht! + O halte ein! + Sie kann es nie von Herzen sein. + + Sie kann es nie von Herzen sein, + O Gott vom Himmel sieh' darein + Und staerk' uns bald mit heil'ger Kraft: + Es falle ihre Meisterschaft! + O stimmet ein, + So soll es und so wird es sein. + + + +Fuenfte Scene. + +Alles wie vorher, ohne den Saenger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geraeusch der Essenden, die +klappernden Heller, Messer und Gabeln hoert, beginnt V. ZITTERWITZ zum +DOCTOR: + + +V. ZITTERWITZ. Das schoene Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem +Verhaeltniss steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen +Persoenlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen +Galanterie? + +DER DOCTOR. In keinem. + +V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht uebel. Ihr "leben +und leben lassen", Ihre geniale Luederlichkeit und aesthetische Bummelei, +mit Permission gesagt-- + +DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Hoechst schmeichelhaft . . . . + +V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie haette ich in Ihnen einen +Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. + +DER DOCTOR. Betrachten Sie alle grossen Worthelden unserer Zeit, zum +Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER +erhebt sich mit einem Becher.) + +V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? + +BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat +gewiss kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und +Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die +Geruechte waren, welche neidische Verlaeumder seit einigen Tagen gegen ihn +in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Luegenbrut! Heben +wir uns im Vollgenuss des schoenen Festes ueber alle Geruechte mit dem U E +geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdaechtigten durch die +innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere +ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! + +QUESTENBERG setzte sich erblasst nieder. Trompeten- und Paukentusch, in +den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geraeusch. Es bilden sich Gruppen. + +BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeuebtheit im Toastausbringen; das +Schicksal beguenstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geraeusch +bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ +zusammen.) + +V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen faellt! Alle, ohne +Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu druecken. + +BLASHAMMER. Zum Schein. + +V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Ungluecklichen wirklich +verloren? + +BLASHAMMER. Ja . . . + +V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). + +BLASHAMMER. Dass Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! + +V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich pruefte wohl, was ich +that. + +BLASHAMMER (ironisch laechelnd). Zweifelsohne auf Grund der grossen +Erfindung. + +V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . + +BLASHAMMER. Alles. + +V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hoelle! + +BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiss die glaenzendsten +Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine +zu gleicher Zeit Versuche an? . . . + +V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen-- + +BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! + +V. ZITTERWITZ. Sie muessen falsch unterrichtet sein. + +BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder +selbst brachte sie mir in's Haus . . . + +V. ZITTERWITZ. So! + +BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewoehnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. +Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle +verwarfen das Project als gaenzlich unpraktisch--Einige Versuche im +kleinen Maassstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, moegen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben +verbittert! + +V. ZITTERWITZ. Er ein Betrueger! + +BLASHAMMER. Der Mann weiss keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist +wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein-- + +V. ZITTERWITZ. Wir koennen morgen in der naemlichen Lage sein und durch +eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! + +BLASHAMMER. Allerdings. + +V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah, +Sie machten mich nur zum Narren . . . + +BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. +(laut) Wuerden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan haette? + +V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der +Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu +Questenberg wohl nur erproben-- + +BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unaecht ist. + +V. ZITTERWITZ. Im naemlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? + +BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wuenschte nicht, dass man mir einst +nachsagte, ich half die Leute taeuschen, weil ich dem jungen Doctor meine +Tochter vermaehlt. + +V. ZITTERWITZ. Aha! + +BLASHAMMER. Verstehen Sie? + +V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder +der groesste Schlaukopf, welcher lebt. + +BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Buergersmann. + +V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt +zu Questenberg, der ihm unwillig Gehoer zu schenken und zu folgen +scheint. + + + +Sechste Scene. + +BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. + +(Zwei Diener ziehen die Vorhaenge zum Saal zu.) + + +V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn +beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! + +QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! + +V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fuehlt sich +uebergluecklich Ihren Entschluss zu vernehmen.-- + +BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, dass ich +alles ruecksichtslos tadle, was . . . + +V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. + +BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein +Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! + +V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen-- + +BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein +schoener junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem +Liede hoere, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er +anzuschlagen versteht, muessen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +grosse Mittel die Rolle eines wohlbegueterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so +geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt +ihm dann fuer's Portefeuille eines Ministers? + +V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses +durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. + +BLASHAMMER. Wohl that ich mir am ueppigen Diner zu guetlich--gehen wir ein +bischen in's Freie. + +V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwaerts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen +den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). + + + +Siebente Scene. + + +QUESTENBERG. . . . Ich wette, dass Blashammer hinter die neue Erfindung +kam--anders waere sein Betragen raethselhaft. Er strebt mich heimlich zu +entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu wuerde er sonst die +Boerse in Schrecken setzen, die Glaeubiger von mir abwenden und dem +Heirathsproject Beifall schenken? + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Was giebt's Papa? + +QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. + +DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde +gluecklich zu Wasser. + +QUESTENBERG. Hoere mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine +Schmach. + +DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. + +QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? + +DER DOCTOR. Fraeulein Blashammer. (bei Seite) Eine schoene Gelegenheit ihn +zu necken. + +QUESTENBERG. Wirklich! + +DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ + +QUESTENBERG. Endlich raeumst Du Deinem Vater das Feld! + +DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel +lieber heute als morgen, denn am Ende behaelt er doch Recht! . . . Wie +sehr wuenschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch +gluecklich zu werden, indessen-- + +QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! + +DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der +Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser fuer ein +Fraeulein Blashammer zu schwaermen, ist's besser einem grossen tiefen +Beutel voll Geld als einer grossen tiefen Liebe sich zu opfern. + +QUESTENBERG (lachend). Das Laecherlichste der menschlichen Komoedie waer's +in der That, muesste ein Lebemann Deines Schlages ploetzlich den graemlichen +Staatshaemorrhoidarius spielen und fuer das sauerste Stuecklein Brod sich +bis ueber die Ohren im Actenstaube begraben! + +DER DOCTOR. Ich stuerbe aus Gram! + +QUESTENBERG. Ach was geht darueber ein eigener Meister zu sein, den +Goettern der Fantasie und Laune stets huldigen zu koennen! + +DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Roemer; 's ist ein +Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient +die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwuerfig! Strebe nach +Besitz und Du strebst nach dem hoechsten Gut! + +QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. + +DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit +stattfindet? + +QUESTENBERG. Noch nicht. + +DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? + +QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . + +DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmoeglich! + +QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit ueber den +wichtigen Punkt . . . + +DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! + +QUESTENBERG. Wir muessen es schon in guter Hoffnung wagen . . . + +DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! + +QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. + +DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trueben--kann sich der Doctor nicht +verlieben. + +QUESTENBERG. Ironischer Narr! + +DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiss den suessen Preis! + +QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) + +DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stuecklein nach Gebuehr. (Er will +fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG haelt ihn mit flehender Gebehrde fest.) +Die Musik mahnt! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur fuer Dich! + +DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. + +QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . + +DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. + +QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o lass Dich beschwoeren! + +DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimaeren. + +QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde +und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will +geh'n.) + +DER DOCTOR. Papa . . . + +QUESTENBERG. Ich sprach genug. + +DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. + +QUESTENBERG. Naemlich? + +DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gaeben, dass Fraeulein +Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. + +QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. + +DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kraeftigen Handschlag. + +QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) + +DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel +und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Die Huette des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern +genagelte Schraenke. Ein Tisch, etliche Baenke u. dgl. + + + +Neunte Scene. + +FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). + + +MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter. + +FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein +Schlenderer, ein Traeumer, der uns und Herrn Questenberg nur das +Vertrauen stiehlt. + +MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. + +FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr +anstellen! Was versteht er! + +MARIE. Geduld! + +FRAU ZIEMENS. Ich will's fuer alle goldnen Herzworte, fuer alle Seligkeit +des Himmels nicht: er muss aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der +Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich +vor uns wie vor einer boesen Krankheit zurueck. . . Du erlerntest alles +was zur nuetzlichen Hausfrau gehoert und besitzest ein Gesicht, das sich +in der ganzen Vorstadt nicht schaemen darf; waere der Bube nicht da, so +haetten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, +der frueher ein Auge auf Dich warf. + +MARIE. Wiederhole mir nicht taeglich denselben Sermon! + +FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten +Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? + +MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! + +FRAU ZIEMENS. He? oeffne den Mund. + +MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) + +FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege faellt ihm mit jedem Tage schwerer--Er +macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) + + + +Zehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. MARIE. + + +VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein +Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine +schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, +hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Faeden rollen, +nichts anderes sieht und hoert man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, +ha, toenet sie--'s ist als wenn ich zum juengsten Gericht soll; ein Hauch +aus hoehern Sphaeren weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit +neuem Leben und halb traeumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber +zufriedener heim, sie kommen aus bluehenden Fluren; ich, der +Christgeborene--aus modrigem Grabgewoelbe, tiefsten Kummers voll!--Ein +schnoeder Rang ueber dem bloeden Thier! . . (FRAU ZIEMENS traegt Essen +auf.) . . Wo hast Du doch das schoene Buch, welches der Klaus fuer den +Albert herbrachte; ich moechte die Fortsetzung hoeren. + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. + +VATER ZIEMENS. Mamachen! + +FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, dass ich hier warte? Komm', ich +trug schon die Suppe auf--(Sie fasst ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, +Marie. (Marie ab.) + +VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Kraempfe Dich? Du hattest heute +frueh ziemlich gute Mienen. + +FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . + +VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt +bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . + +MARIE kommt mit der Lampe. + +VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? + +FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzaehlen. + +VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn +fortzufahren.) + +FRAU ZIEMENS. Der Albert schnuert morgen seinen Buendel und raeumt das +Haus. + +VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? + +FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thraenen ein Ende--schaeme Dich!--Gieb dem +Alten einen Kuss und das Versprechen. + +VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! + +MARIE giebt ihm einen Kuss. + +VATER ZIEMENS. Lass Dein junges Blut von uns ueberwachen! Du wurdest nicht +geboren fuer das Glueck; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht +treffen,--Dein Stand heisst Entsagung! (Einige Schuesse in der Ferne.) Was +gibt's denn da? + +FRAU ZIEMENS. Es sind die Boeller von dem herrschaftlichen Schloss--Wohl +verkuendigen sie den Beginn des Feuerwerks. + +VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? + +FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? + +VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Muetterchen. + +FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufaellig durch des Kuchenbaeckers +Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und +Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's +Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Kuechenmeister durch die Eisenbahn +bis von Paris geholt. Die Kellner muessen in schwarzem Frack und weisser +Atlasweste aufwarten. Saemmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus +Meissner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und +Golde. Die seltensten Weine, Voegel, Fische, Schildkroeten, Krebse, Gemuese +und Fruechte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhaendler. +Endlich, alle vorzueglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsaenger, von +hier und den Nachbarstaedten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst +Du, he? + +VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen +lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. + + + +Zwoelfte Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm +Arm, welches er auf eine Bank wirft.) + + +MARIE. Weh! + +VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! + +MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmaechtiger, nun hilf mir fuer ihn! +(ab.) + +VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Muetterchen! + +FRAU ZIEMENS. Es wird sie toedten! (ab.) + + + +Dreizehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Haende und +sieht dumpf vor sich hin.) + + +VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind +allein. + +ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner +Lage . . . + +VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, dass es jetzt so +kommt, 's ist meine Schuld! + +ALBERT. Inwiefern? + +VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'! +oh, oh! + +ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Buendel +schnueren? + +VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . + +ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst +Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertaendelt, noch +immer kein Meister? 's ist ein Traeumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! + +VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen +muss noch brache liegen, wie der Acker einer wuesten Insel und Disteln +zeugen, geiles Unkraut, statt suesser Frucht und edlen Saamen. Hier in der +erstorbenen Brust wird er geboren erst, der grosse Held, der es erloesen +soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der +Thuere draussen ein alter Lindenbaum, der Urgrossahn meines Vaters hatte +ihn gepflanzt. Ein boeses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen +morschen Fuss. Ich, ein Juengling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, dass sich erfuellte, was man +unter dir getraeumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, +des Lebens Trauer: ich will ein Bildniss fertigen aus deinem Holz, durch +das die Menschen sich erinnern moegen und mit gutem Vorsatz staerken. +Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem hoeheren +Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen +Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche haengte, ueber der +Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekroent und +sterbend gesenkt! . . + +ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erloesers +Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) + +VATER ZIEMENS (geruehrt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, +edler Juengling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur kuenftigen +Scheidestunde--hoerst Du? + +ALBERT. Ich darf nicht; Marie kuendigte mir; 's ist Euer wohlgepruefter +Wille, dass ich geh'. + +VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwaeche ihm eingab! + +ALBERT. Die Vernunft war's, seine Staerke! + +VATER ZIEMENS. Kraenkten wir Deinen Stolz? O vergieb! + +ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! + +VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser duerftigen Huette! In ihr ruht die +Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. + +ALBERT. Das Nothwend'ge muss gescheh'n! + +VATER ZIEMENS. O, dass ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger +Verfuehrer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich +ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in +die Grube werfen? Albert, Albert! + +ALBERT. (Sein Buendel auf dem Ruecken.) Auf Wiederseh'n. + +VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! + +ALBERT. Buerger dieser Erde duerfen kein anderes haben! . . (Der Greis +schuettelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, +bleibt eine kleine Pause unschluessig steh'n. Ploetzlich, wie der Greis +auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) + +VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er +selbst nicht, ich traeumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne +Jubelgeschrei und das Geraeusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Huelflosen +nicht mehr auferlegst als sie tragen koennen, ich vertraue Dir in +Ewigkeit! + + + + +Dritter Akt + + + + +Abtheilung I. + +Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewaehrt. Seitwaerts das Schloss Questenberg's. Musik +abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. + + + +Erste Scene. + +BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. + + +BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich +an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniss; ich studirte nicht +umsonst Psychologie . . . + +BLASHAMMER. Haette er nur einmal mit ihr getanzt. + +V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. + +BLASHAMMER. Es muesste bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei +vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . + +V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . + +BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre +Fragen? + +V. ZITTERWITZ. Schuechterne Phrasen, wuerdig eines Poeten. . . + +BLASHAMMER. Ich muss der Sache auf den Grund kommen, ich muss wissen, +woran ich bin, ich habe nicht noethig im Finstern zu tappen--Nein +wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne +eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr +Regierungsrath, zurueck zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen! +Fort, beschwingen Sie Ihre Fuesse! + +V. ZITTERWITZ. Ich will mir Fluegel anlegen.--(Er bleibt zaudernd +stehen.) + +BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund +zurueck und beobachte, wie er sich gegen sie auffuehrt. + +V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! + +BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. + +V. ZITTERWITZ (fuer sich). Die Sache wird hoechst kritisch!--Viel +Vergnuegen mein Fraeulein. + +BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. + + +BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann +sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) + +ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? + +BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere +singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. + +ADELGUNDE. Woher kommt das? + +BLASHAMMER. Gott weiss! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr +lange besitzen. . . + +ADELGUNDE. Einbildungen, Vaeterchen, nichts als Einbildungen. + +BLASHAMMER. Koennt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze +Seele gefangen!--fast alle Naechte traeumt mir von Hobelspaenen, +Kirchhoefen, Saergen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weisst, ging +ich in frueheren Jahren nur hoechst selten zur Kirche, jetzt darf ich +keinen Sonntag versaeumen und haeufig draengt's mich noch Dienstag's und +Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschaeft an der Boerse +vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine +Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt +schaedlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir +schlaflose Naechte . . . + +ADELGUNDE. Du musst auf solche Kleinigkeiten nicht achten. + +BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache +zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfuellt, wirst +Du's natuerlich finden, dass ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie +zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke +in Betreff--Erraethst wohl schon mein Taeubchen? Schlag' Deine Augen nur +auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte +Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewoehnliches, 's ist von Gott +eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern +Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hoerst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. + +ADELGUNDE. Hier? + +BLASHAMMER. Ja. + +ADELGUNDE. Aber mein Vater. + +BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon +oft auf der Promenade in dem schoenen blauen Frack mit den goldenen +Knoepfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall. + +ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! + +BLASHAMMER. Traun, schoenen Dank, wie's sich ziemt.--Da, kuess' mir die +Hand. + +ADELGUNDE (die Hand kuessend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, +wie schnell geht das! + +BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich hoere Tritte.--Er wird's +sein . . . + +ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. + +BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf +halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne kuessend.) Sei huebsch artig. . . (Er +geht.) + +ADELGUNDE (nachrufend).--Papa? + +BLASHAMMER. Meine Tochter? + +ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? + +BLASHAMMER (laechelnd). Er heisst, mein Pueppchen, er heisst--Wozu aber! +sogleich siehst Du ihn. . . + +ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) + +BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weisst, was +ihn erzuernt. + +ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich +gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unertraeglich--ich sehne +mich sie abzuschuetteln. + +BLASHAMMER ab. + + + +Vierte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] + +ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Fraeulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen. +Lassen Sie mich denn allein. + +V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Naehe. + +DER DOCTOR. Ach, wie schlaegt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? +ich weiss es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen grossen +Blumenstrauss nachlaessig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied +summend.) Ah, Fraeulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Straeusschen zu sammeln. + +ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? + +DER DOCTOR. _Au hasard_ + +ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. + +DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent egalement notre adoration._ + +ADELGUNDE. Das heisst, dieselben sind Ihnen sehr gleichgueltig. + +DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wuenschen Sie zu +hoeren, worauf ich meinen Ausspruch gruende? + +ADELGUNDE. _Avec plaisir._ + +DER DOCTOR. Auf das Buch der Buecher. + +ADELGUNDE. _Par exemple!_ + +DER DOCTOR. Mein Fraeulein, es steht im neuen Testament, dass wir uns +nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. + +ADELGUNDE. _Vous etes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois +alors . . ._ + +DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. + +ADELGUNDE.--_comment d'apres ce princip, arriveriez vous a une +inclination individuelle?_ + +DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur +individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich +verliebt--auf Befehl des Alten! + +ADELGUNDE. _Si, vous etes un vrai docteur esphilosophique, vous aurez +une reponse a toutes les questions . . . ._ + +DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Franzoesisch. + +ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ + +DER DOCTOR. Ich stehe beschaemt . . . . + +ADELGUNDE. _Mais vous n'etes pas philosoph?_ + +DER DOCTOR. Wohl war ich's. + +ADELGUNDE. _Eh bien?_ + +DER DOCTOR. Allein auch mich veraenderten die Zeiten wie manche brave +Burschenseele. + +ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ + +DER DOCTOR. Seit meiner Rueckkehr in's vaeterliche Haus. + +ADELGUNDE _Et apres?_ + +DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr +ernst. + +ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniss. + +DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst +ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau. + +ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. + +DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine +gueltigere giebt-- + +ADELGUNDE. Ich hielt Sie fuer einen Anhaenger der Freiheit. + +DER DOCTOR (laechelnd). Mein Fraeulein . . . . + +ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schoenen Spruches: "strebet, die +Wahrheit wird euch erloesen." + +DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und passt nicht in die Bibel. + +ADELGUNDE. Das ist mir neu. + +DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten +Wuerdentraeger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. + +ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie +glauben? + +DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fuerst, liebe Freunde, ich muss +im Interesse des Staates eure schoenen Einkuenfte um die Haelfte +vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen +Jenseits tausendfach vergolten-- + +ADELGUNDE. So murren Sie nicht? + +DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fraeulein, zu dem der Papa +sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen +Herrn Doctor. + +ADELGUNDE. Sie sind barock. + +DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefaellt,--allein ich denke das Beste +von den Menschen und habe den hoechsten Respect vor der christlichen +Tugend, die nach unsern beruehmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten +Unterwuerfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. + +ADELGUNDE setzt sich und seufzt. + +DER DOCTOR. Mein Fraeulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja +nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiss und wahrhaftig, nur +in Thorheit. + +ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, dass Sie die +Maske eines Heuchlers verabscheuen. + +DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Ungluecklichen Mitleid. + +ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER. Keine Stoerung, setzen Sie die Comoedie weiter fort. + +DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Huelfe. + +V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefaellt's den geehrten +Herrschaften . . . + +BLASHAMMER. Nur naeher getreten. + +V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schuettelnd; mit leiser Stimme.) Es +ging ja ausgezeichnet gut. + +DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. + +V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fraeulein hier +allein-- + +DER DOCTOR.--Was ausserordentlich auffiel-- + +V. ZITTERWITZ.--und uns verfuehrte, der geistreichen Unterhaltung zu +lauschen. + +DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Man liess mich rufen . . . + +V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spaet. + +QUESTENBERG. Was gab's? + +V. ZITTERWITZ. Ein aeusserst interessantes Gespraech. + +QUESTENBERG. Es handelte sich? + +V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . + +BLASHAMMER. Erstaune! + +V. ZITTERWITZ.--als von Liebe! + +DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. + +QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. + +BLASHAMMER. Ich wusste es schon gestern, dass er fuer Adelgunde schwaermt. + + +ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ + +DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . + +BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen +Blick zu der mehr besagte, als . . . + +ADELGUNDE. Papa! + +BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhoerliche Tanzen mit ihr. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Sie verzeihen, mein Fraeulein! + +V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, dass die jungen Leute +zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstaende, sondern--hoeren Sie? + +QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? + +BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Vaeter!--Eure Haende, Kinder, dass +ich sie ineinanderlege. + +V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon-- + +QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. + +V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! + +QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! + +V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die +Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Zimmer des Doctors; Schraenke mit Buechern, Antiquitaeten, +Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stuehle und dergl. Die Fluegelthueren +sind offen und gewaehren einen Blick in den Garten. + + + +Siebente Scene. + + +DER DOCTOR (tritt, eine Broschuere in der Hand, aus dem Seitenzimmer und +klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies +Tractaetlein. Ich lasse innigst danken; es haette meinen Zweifel am +Christenthum voellig besiegt. Wenn er noch ein aehnliches besaesse, sollte +er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern +und zu bekehren. Zugleich mache Fraeulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Fruehstueck mit Austern und +Champagner--Apropos! Dass alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter +ab.) Klopfte Jemand? Herein! + + + +Achte Scene. + +DER DOCTOR. MARIE. + + +MARIE. Gruess' Gott! + +DER DOCTOR. Danke. + +MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn +Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? + +DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefaelligst naeher . . . (Bei Seite.) +Das Maedchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte +ergebenst . . . + +MARIE. Ich kann steh'n. + +DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnuegen . . . (Bei Seite.) Ein +Stuendchen, ach, an ihrer Brust entschaedigte mich fuer allen Verdruss, den +ich habe! (Er setzt sich ihr gegenueber.) + +MARIE. Ich will kurz sein. + +DER DOCTOR. Zunaechst mit wem wird mir die Ehre--? + +MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir +gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten +Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein +kann . . . + +DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . + +MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen +Vers von mir. + +DER DOCTOR. Sie heissen--? + +MARIE. Marie Ziemens. + +DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! + +MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. + +DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum hoechsten Vortheil! + +MARIE. Kaum glaublich. + +DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. + +MARIE. Ach! + +DER DOCTOR. Besassen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich +Ihnen den letzten zaertlichen Kuss auf die Lippen drueckte? + +MARIE. O sprechen Sie nicht so. + +DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein +Muendchen--gleich! + +MARIE. Pfui. + +DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine +Standesruecksicht die Reinheit unserer Gefuehle truebte! + +MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. + +DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. + +MARIE. Ich bin Braut. + +DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? + +MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer +Ungluecklicher . . . Seinetwillen komme ich her. + +DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? + +MARIE. Haetten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, +seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn +Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen wuerdig. + +DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. + +MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst fuer ihn-- + +DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. + +MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer +Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkfuehrer, auch die Aufmerksamkeit +Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die +schlechtbesoldetsten unfaehigsten Handwerker blieb sein edel +aufstrebender Geist gebannt! + +DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und-- + +MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem +Herrn Vater seine verzweifelte Lage fussfaellig vorzustellen,--derselbe +mogte jedoch von nichts hoeren, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus +Gruenden, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . + +DER DOCTOR. Moeglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er +macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitlaeufigkeiten! +Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch +geurtheilt, falsch gewaehlt haben?! Der Mann ihrer Neigung muss ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei +von Eifersucht ist? + +MARIE. Warum? (Laechelnd.) Auf mich? Dass ich nicht wuesste! + +DER DOCTOR. So koennen wir schnell fertig werden. + +MARIE. Nun? . . + +DER DOCTOR. Der Monsieur empfaengt eine zufriedene Stellung und +ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuss. + +MARIE. O weh, ein schlechter Handel. + +DER DOCTOR. Nicht fuer mich. + +MARIE. Wuerde den Ihr Herr Vater billigen? + +DER DOCTOR. Mit Haendeklatschen. + +MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die +Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. + +DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa +soll binnen fuenf Minuten nachfolgendes Decret hoechst eigenhaendig +unterzeichnen. . . . + +MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. + +DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkfuehrer? + +MARIE. (Auflachend.) Werkfuehrer? Das laeuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) +O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . . + +DER DOCTOR. Also er eignet sich--schoen! . . . (Schreibt.) Der +Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber +Albert . . . Werkfuehrer . . . Bedingungen sind . . . Und erhaelt . . . +Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . + +MARIE. Potztausend, so viel traeumte man nie vom Lande Utopien! + +DER DOCTOR. Das Leben, mein Schaetzchen, ist ein grosses Maehrchen voll +unerklaerlicher Wunder. Jede Minute gebaert Millionen Ueberraschungen, +Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende +Thorheiten. Man uebe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es uebte und +erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Misskredit +gerathen, ist kein bloeder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der +bloedeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in +warme, farbenreiche, suess verschwimmende Nebel, so dass wir in ihnen +unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen +schlafendem Auge versoehnt mit Gott und uns selbst die irdische +Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheissen. +(Er steht auf; in schaekerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schaetzchen, +sie lebe hoch! + +MARIE. Schonung, Herr Doctor!-- + +DER DOCTOR. Die Romantik allein gewaehrt, was der graemliche Philosoph, +Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst +erstrebt! Sie lebe, mein Schaetzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was +sinnlos bethoerte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, +Wahrheit preisen!--Ein paar Glaeschen Champagner, mein Schaetzchen, +erschliessen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen +Sie das Fruehstueck mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und +wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und +verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stossen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's? + +MARIE. Ziemlich gut. + +DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem +schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch +eins. + +MARIE. Danke. + +DER DOCTOR. Der Herr Braeutigam soll leben!--Vivat!---- + +MARIE. Es war mein letzter Tropfen. + +DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . +Nur her das Glas. + +MARIE. Ich schlag's in Truemmer. + +DER DOCTOR. Das hiesse mich verachten. + +MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und +will fort.) Sie sind abscheulich! + +DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? + +MARIE. Sie wissen's. + +DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! + +MARIE. Lassen Sie mich nur fort. + +DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlaegt.) + +MARIE. Die Uhr schlaegt; ich habe nicht laenger Zeit. + +DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! + +MARIE. Meine Mutter denkt, dass ich im Garten Gemuese fuer den Markt +grabe--darf sie nicht erzuernen. + +DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich +entschaedige die Versaeumniss hundert und tausendfach, bleiben Sie und +leisten mir Gesellschaft. (Er haelt ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! +Es sind alles Goldstuecke. + +MARIE. Herr Doctor . . . + +DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich +begegnete ihn kuerzlich. Sein ergrautes Haupt muede zur Erde neigend, +schlich er langsam den Gewoelben der Fabrik zu. Welch' Schicksal fuer den +alten Mann, der an Herzensguete und Characterwuerde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefaehrten, dem reich und +angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die ruehrendsten +Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoss +sogar Thraenen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig +ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein tuerkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie loes't die +Demokratie das Problem der sozialen Probleme ueber das Verdienst anders? +(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher Koenig waere ein Bettelmann, mancher +Bettelmann ein Koenig, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert +Stelle, waere die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! +(Trinkt und drueckt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem +ehrwuerdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, +die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) +Hoch die Romantik! . . + +MARIE. Ihr eigenthuemliches Benehmen verwirrt mich tief. + +DER DOCTOR. Das macht, ich fuehrte Sie schon, wie der Teufel den armen +Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. + +MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. + +DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er +faellt in einen Stuhl.) + +MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) + + + +Neunte Scene. + + +DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das +Maedchen ist mein. Dann hab' ich Entschaedigung fuer die Zwangsehe und +Zeitvertreib in Huelle und Fuelle. Hoch die Romantik! + + + +Zehnte Scene. + +DER DOCTOR. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? + +DER DOCTOR. So so, la la! + +QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muss das Festuebel +schon gaenzlich gehoben sein. + +DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuraeumen. + +QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schuettelnd.) Sehr loeblich. + +DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wueste Troedelbude, +ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsuendfluthlichem Getruemmer +zusammengestapelt!--In ihr muss der Mensch schon kindlich zufrieden sein, +wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermassen verschonen. + +QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklaerte Leute und wickeln, +scheuern, buecken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. + +DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blaettchen ohne +Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und +klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst +aus der Fabrik. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. An die Unterschrift knuepf' ich die Heirathsfrage. + +QUESTENBERG. Verueckte der Erbaermliche Deine Sinne und-- + +DER DOCTOR. Ihm muss geholfen werden, er verdient's! + +QUESTENBERG. Du weisst aber nicht-- + +DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! + +QUESTENBERG. Welch' Wagestueck! + +DER DOCTOR. Unsinn! + +QUESTENBERG. Es ist aeusserst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu +mischen. + +DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine +Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? + +QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse-- + +DER DOCTOR. Das hoert auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche +Wuerde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber +langath'mige Verhandlungen, da! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. + +DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um +eine Bagatelle?! + +QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt +schuechtern ein.) + +DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. + +QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) + + + +Eilfte Scene. + +DER DOCTOR. ALBERT. + + +DER DOCTOR. Tritt naeher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die +Herablassung. + +ALBERT. Wenn ich den schoenen Bezug durch mein unsauberes Kleid +entweihe . . . + +DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? + +ALBERT. Ein wenig. + +DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, +bedenke das und-- + +ALBERT. Das waere eine Politik des Fluches! + +DER DOCTOR. So sprechen Woelfe in der Laemmerhaut! + +ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Es lebe die Association! + +ALBERT (ernst). Sie lebe! + +DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! + +ALBERT. Fort mit den Privilegien! + +DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! + +ALBERT. Die Fruechte des Fleisses Aller fuer Alle. + +DER DOCTOR (lacht ironisch). + +ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wuensche ungerecht? + +DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tuechtige +Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. + +ALBERT. Vielleicht! . . + +DER DOCTOR (lacht wieder). + +ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? + +DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste +heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. + +ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). + +DER DOCTOR. Ich weiss mir Deine Missstimmung zu erklaeren, Albert; mein +Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die-- + +ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. + +DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that uebel. + +ALBERT. Ich ging tief in mich, ich pruefte seine weisen Vorstellungen, +fand, dass mein Verlangen unbillig war. + +DER DOCTOR. Albert! + +ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhaeltniss mit Marie und bist +zufrieden, genoethigt worden zu sein es--aufzugeben!? + +ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du +alles was Du brauchst, heirathe, sei gluecklich--ich wuerde ihm danken. + +DER DOCTOR (laechelnd). Aus welchen Gruenden, stolzer Mann? + +ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen haette mich Ihre Gnade in den +Himmel erhoben, jetzt, jetzt stuerzt sie mich in die Hoelle, in die Hoelle +der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Wuerde von Almosen zu +leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit ueber meine Leidensbrueder zu +triumphiren . . . + +DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was +er Dir giebt. + +ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das koennen Sie nicht +beurtheilen. + +DER DOCTOR. Aha, mithin erklaertest Du ihn einer Vormundschaft beduerftig, +die seiner moralischen Guete, seinem individuellen Interesse stets Zaum +und Gebiss anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, dass mir dieser Mensch +vermoege seiner Intelligenz naeher steht und mehr nuetzt als jener, +gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag moeglich sein; allein Du hast +den Maassstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach +Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden +und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen +Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Kuenstler wie Raphael, Phidias, +Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Gallilaei, Neyton, Leibnitz, +einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein +vor das groesste Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . +(ironisch lachend.) Wuerde die Mehrheit sein Verdienst hoeher anschlagen +und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklaerteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal +beguenstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln +vermochte? Ah', lass Dich durch die Doctrinen ueberhitzter Koepfe nicht vom +Wege der Vernunft abfuehren! Wenn Verdienst soviel als Abschaetzung, +Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen +Gesellschaft geopferten That heisst, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das hoechste Geschenk der Gnade +Gottes, die ueberall gerechte, die innerliche Guete! Mangelt sie meinem +Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persoenlich frei +gleich ihm, verlass ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich +Jemand hoeher wuerdigt als er! (Ihm ein Papier ueberreichend.) + +ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . +freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie haengt das zusammen? + +DER DOCTOR (laechelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem +Interesse, der innerlichen Guete meines Vaters. + +ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie +zuzumessen! + +DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist +Jemandes Verdienst richtig zu schaetzen! + +ALBERT. O Schoepfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch +still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke +durchschauert mich . . . + +DER DOCTOR. Was hast Du Albert? + +ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kaelte). Warum ueberreichte mir Herr +Questenberg nicht selbst das Papier? + +DER DOCTOR (verlegen). Ich weiss nicht Albert. (fuer sich) Der Mensch +droht schwierig zu werden. + +ALBERT. So hatte er doch Furcht-- + +DER DOCTOR. Inwiefern? + +ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der +Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich +koedern, mich vom Sozialismus losreissen . . . Dort in dem Vereine der +Arbeiter koennte ich zu aufgeklaert ueber den Nutzen einer gewissen +Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem ungluecklichsten, +blutaermsten Paria! + +DER DOCTOR. Du sprichst Unverstaendliches. + +ALBERT. Ha, dass die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir +entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstoerung dem Sodom und +Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit +auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen naehren! . . +Nehmen Sie das schaendliche Dokument und bestellen . . . + +DER DOCTOR. Argwoehnischer, ich fuerchte fuer Deinen Verstand. + +ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde +werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles +schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe +lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutaermsten Paria--gefehlt! ich +bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, +denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fuehl's! . . Ja schenke dem +Armseligen das langjaehrige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste +Flamme der Begeisterung, die hoechste Liebe zum reinen Engel Deines +Glueck's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Grossmuth gab +dem Heiland Staerke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. + +DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! + +ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern +wuethet!--Steck' dem Elenden die Fabrik ueber dem Haupte an, unterminire +das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine +Gefaehrten, es sind ja ihrer ueber zweitausend und dem Leben noch +gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und +suehnen das gebeugte Recht! Eine moerderische Schlacht entspaenne sich, +Soldknechte aus Nah' und Fern' zoegen vor das Staedtchen, belagerten, +bestuermten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten +Steinwalle erlag!--Es waere maennlich und ruhmvoll, allein unvernuenftig! +Schweig' und dulde! Was nuetzt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle +aus, die ganze Erde ist davon ueberwuchert! Lass' es gruenen, knospen, +bluehen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdraengen und sich an seinem +Uebel fortquaelen bis an's Ende der Welt! Lass' es so dicht und so sich +selbst zur Last werden, dass es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, +giess' die ungeschwaechte Kraft deines ewigen Feuers ueber uns aus; wir +moechten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht +ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele +nagt unheilbarer Schmerz! + +DER DOCTOR (bei Seite).--Er traegt die Erfindung zu unseren +Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muss seinen Hass von +meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlaegt +sich--ein unerhoertes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geuebt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo +boese Maechte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich +will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfaengst. Du +wirst mir zuernen, doch, da ich erkenne, dass Du der groesste Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir +verzeih'n. + +ALBERT. Zur Sache. + +DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument, +Albert, Du empfaengst das Dokument . . . + +ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. + +DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der +Gleichberechtigung, der Bruederlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir +Marie nie gebeichtet von mir? + +ALBERT. Von Ihnen? + +DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, dass ich ihre erste Liebe war? + +ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. + +DER DOCTOR. Denkbar, erklaerlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst +jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts +sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfaehiger als +Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der +Unbesonnenheit-- + +ALBERT. Nun wohl. + +DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. + +ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? + +DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. + +ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhaeltnis dauerte? + +DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt +verliess und zur Universitaet abging. + +ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? + +DER DOCTOR. Es gereichte mir zum groessesten Vorwurf als die Himmlische +mir gestern erschien! + +ALBERT. Wo? + +DER DOCTOR. Von Ungefaehr traf ich sie im Park. Schwer laesst sich +beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend +wehte mich an, ich fuehlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschuettelt, +ich fuehlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren +Enttaeuschungen des Lebens und wie von einer hoeheren Macht getrieben, die +keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschliessen, sie mein, ewig mein +zu nennen! . . + +ALBERT. Ich hoerte genug, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu ueberreichen. + +ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich wuerde es annehmen. + +DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie +ist nicht minder legitim als Deins! + +ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! + +DER DOCTOR. Du meinst! + +ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes +Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. + +DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! + +ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen +deswegen kein Wort; Sie uebertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um +Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhuellen. + +DER DOCTOR. Du haengst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafuer! + +ALBERT (lacht). + +DER DOCTOR (bei Seite). Warum verlaesst mich Kraft und Muth, jetzt koennte +ich ihn ohne Umstaende fordern . . . + +ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines +Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Hoehe Ihrer Geburt, +Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefaehrlich, zu ungebahnt; Sie +konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, dass er +Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk, +sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, +verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den +Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Fuessen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Huelferuf erweckt Daemonen statt +Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu +spaet ist's vor ihm zu fliehen; sein aeusserst liebenswuerdiges Betragen, +seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie +eine Unmoeglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich muesste +toll sein, machten Ihre Irrthuemer mir boeses Blut. Verzeihung Ihnen, +tausendmal Verzeihung! + +DER DOCTOR. Du bist ein Gott! + +ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drueckend). Es giebt +keine heiligere Reliquie mehr! + +DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell +ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich +muss zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche +genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und +versichre, dass ich aus ganzer Seele wuensche, es moege Gott gefallen, Euch +eine glueckliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schuettelnd.) +Fortan giebt's keine Missverstaendnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du +noch etwas zu fragen? + +ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier +unterzeichnete? + +DER DOCTOR. Ah, das vergass ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar +auf,--er haette sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von +meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genoethigt ihm alles zu +sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. + +ALBERT. Beim ewigen Heil! + +DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer +Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage. + +ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? + +DER DOCTOR. Die ich durch eine mir missliebige Heirath beschwoeren +soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwuelen +Gewoelbe schreitenden Gebieter nicht an, dass er noch angestrengter mit +der Existenz kaempfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn +Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Ungluecks Last zu schwer +drueckte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn +Du stand'st allein und stritt'st nur fuer das nackte Leben!--er aber, +Oberhaupt eines grossen kuehnen Unternehmens, gewuerdigt des Vertrauens der +ganzen Welt, verantwortlich fuer das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen +ploetzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter +sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muss lachen, um sein +blutendes Herz zu verbergen, muss von Glueck prahlen, glaenzende Feste +veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand druecken, +um nicht zu verrathen, dass Unglueck ihn heimsucht, muss Raenke spinnen, +Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . + +ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniss bringt mich dem +armen Herren naeher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares +Gesicht--ah, es war unmoeglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen +sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich +uebel berathen,--nicht wahr, nur die Verhaeltnisse stempeln uns zu +Verbrechern!? O ich weiss, wie gross ihre Macht ist! Dies Dokument +bezeugt's zweifellos. + +DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . + +ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . + +DER DOCTOR. Theurer Albert, wir muessen abbrechen, es giebt Besuch. + +ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester +Geselle. Lebe denn wohl. + +ALBERT. Ueberfluessiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hoelle. (Beide nach +verschiedenen Seiten ab.) + + +Neunte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Die merkwuerdige Scenennummerierung ist 1:1 aus +dem Original uebernommen.] + +BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Haende gefaltet, +das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem +andern in gewissen Abstaenden. Sie machen im Saal langsam die Runde. + + +BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweisstuch ging mir wohl in der +Boerse verloren . . . + +DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.-- + +BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich +in einen Sessel.) + +DER DOCTOR.--Es muss etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen, +wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . + +BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wuenschte, der Tod haette sich Ihrer +erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . + +DER DOCTOR. Sie floessen mir Angst ein. + +BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine grosse Frage an Sie. + +DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu loesen. + +BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. . . Ihr liesset mich auf eine erschuetternde Nachricht +vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde? + +BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. + +QUESTENBERG. Krieg? Handelsstoerungen? Schiffbrueche? + +BLASHAMMER. Lies, lies! + +QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser +Kriegsdampfer, Koenig Ferdinand, einen auf der Hoehe von Palermo +kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an +die Revolutionaere der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was +die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluss beweisen. Das +Ereigniss macht grosses Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher +bisher des hoechsten Vertrauens der Koeniglichen Regierung genoss und erst +kuerzlich von ihr mit einem Auftrage fuer ein und eine halbe Million +beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswuerdigen Expedition +ist.--Es klingt wie eine Verleumdung. + +BLASHAMMER. Meine Glaeubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten +in die Schuhe . . . + +QUESTENBERG. Ich moechte es auch thun. + +BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Boerse, soll mit +den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und +Rathgeber von Ministern und Fuersten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?! + +QUESTENBERG. 's ist unglaublich! + +BLASHAMMER. Fuer den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der grosse +Blashammer Ehre und Existenz!? + +QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! + +BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, +Questenberg, woher kommt's, dass es wahr ist? + +DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! + +BLASHAMMER. Diese Briefe ueberbrachte mir die Post. + +QUESTENBERG (den groessesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich +zwischen den Zeilen, dass man den Auftrag fuer die anderthalb Millionen +wieder abbestellt. + +BLASHAMMER. Der bereits ausgefuehrt und zur Absendung fertig!--Es sind +die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . + +QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! + +BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. + +DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die +Arme. + +BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. + +DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besoenne mich nicht lange, sondern +strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. + +BLASHAMMER. Wodurch? + +DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. + +BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! + +DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein +oder zwei nicht ankommen. + +BLASHAMMER. Danke bestens. + +DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. + +BLASHAMMER. Ach, bestuende er nur in einem Schiff! aber--oeffne den andern +Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann +musste fuer mich sterben! . . + +QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurueckgebend). Leichtsinn, +Leichtsinn! + +DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! + +BLASHAMMER. Sapperment, ausserordentlich viel. + +DER DOCTOR. Hat ein Capitain hoeheren Werth fuer Sie als ein Schifflein?! + +BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . + +DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen +und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. + +BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. + +DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's +seine eigene Schuld. + +BLASHAMMER. Meinetwegen. + +DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! + +BLASHAMMER. Ja, fuer solche wahnsinnige Unternehmung! + +DER DOCTOR. Warum, sage ich?! + +BLASHAMMER. Er haette es unterlassen koennen! + +DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's haette unterlassen koennen, eben +weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muss er Ihnen +gleichgueltiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm +anvertrauten. + +BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch +gleichgueltiger. + +DER DOCTOR. Bravo! + +BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der +ihn vor jeder Gefahr schuetzen sollte . . . + +DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. + +BLASHAMMER. Laut desselben wuerde man die Waffen als die fuer Neapel +bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von +Palermo ungehindert fortgelassen haben. + +DER DOCTOR. Sie erschoepften den Born aller List! + +BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem +unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da +sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . + +DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens! + +BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie +glauben! + +DER DOCTOR. Sie haetten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb +Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . + +BLASHAMMER. Ah, der Teufel liess mich das nicht sagen! + +DER DOCTOR. Nicht wahr? + +BLASHAMMER. Ja, ja, haette ich das gesagt, so koennten wir Ihrem Vater +morgen die Glaeubiger vom Halse schaffen! + +DER DOCTOR.----Fuer morgen koennen Sie die Aussteuer nicht zahlen? + +BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. + +DER DOCTOR. Nicht fuer uebermorgen denn? + +BLASHAMMER. Nicht fuer uebermorgen ueber funfzig Jahr. + +DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlaegt der Verlust des winzigen +Schiffleins Ihrem Vermoegen, Ihrem Credit!? + +BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcuel.--Ich bin +ein ruinirter Mann! + +DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. + +BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, dass der Himmel mir erspare dies +Sie zu fragen! + +DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? + +QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. + +DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! + +QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, waehrend +der Vorhang faellt). + + + + +Vierter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vor der Huette des Vater Ziemens. + + + +Erste Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Huette. + +MARIE. Lass' mich nur, ich suche die schoenen Blumen, die ich verlor. + +FRAU ZIEMENS. Welche schoenen Blumen? + +MARIE. Am neustaedter Garten auf der Wiese pflueckten wir sie ja--ich +hatte die ganze Schuerze voll. + +FRAU ZIEMENS. Du traeumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem +Federbett!--Komm' zurueck, die Luft weht kalt. + +MARIE. Bin ich denn krank? + +FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem +Blut. + +MARIE. Muetterchen, nie im Leben fuehlt' ich mich so gesund! Klarer als +die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die +thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wuenschte Musikanten, +froehliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu +springen wie bei der Hochzeit. + +FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. + +MARIE. Wir gruben im Garten Gemuese und kamen auf Albert--Du schaltst ihn +einen charakterlosen Buben, der feige den Ruecken kehrte, nach dem er +mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fuehlte +mich verletzt . . . + +FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. + +MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde-- + +FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hoelle, nicht mit mir. Ach, kein +ehrbares Maedchen hegt Gedanken-- + +MARIE. Welcher Art? + +FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. + +MARIE. Muetterchen, Du erschrickst mich. + +FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf +Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich +geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind! + +MARIE erblasst und droht umzusinken. + +FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen! + +MARIE.--'s ist ueberstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf +alles vorbereitet--hier, lies den verhaengnissvollen Brief.---- + +FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen. + +MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre +Preis!----Keinen Laut truebseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein +Verbrechen zu suehnen. + +FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. + +MARIE. Uebe Gerechtigkeit, dass Du Antheil am Himmel hast, er ist die +Liebe des Guten. + +FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon-- + +MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer +Autoritaet! + +FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooss der Kirche. + +MARIE (mit stuermischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' +ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die +labyrintischen Faeden meines Schicksals, fuehlst was mich in's Verderben +trieb und kannst allein-- + +FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erloesende Macht? + +MARIE (zaertlich). Weil ich Dich lieben und schaetzen lernte als meinen +obersten Wohlthaeter. + +FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! + +MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille. + +FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du +sankst----Um die letzte Stuetze der Noth brachte sie der Jugend +vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch +geweihter Priester erbaut sie mehr! + +MARIE. Nur Thaten versoehnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des +Schoepfers Lob vernehmbar toent: Friede sei mit Dir, Du bist +gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschluesse fassen +lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch +vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persoenliche Wuerde mich +ungetheilt erfuellt, der mich erschuettert durch seiner Gruende +Aufrichtigkeit, erhebt und fortreisst durch den Zauber seines +Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wueste der Finsterniss, und +verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler +aehnlich, der, gelaehmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die +Hoehe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Fuessen! Schuetze +mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die +Schwaeche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbuerdet, sclavisch sich +zu fuegen--Muss ich ihm folgen? + +FRAU ZIEMENS. Raethselhafte Kranke, unbegreifliche Schwaermerin. + +MARIE. Muss ich--? + +FRAU ZIEMENS. Was waere Dein Loos, wenn Du nicht muesstest?! + +MARIE. . . . Der Tod. + +FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das +um Dich! + +MARIE (stuerzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Fuehr' mich nach +jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefuerchtete--Ersehnte! +Er ist's!--Ich gleiche dem bedraengten Piloten in Sicht des winkenden +Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rueckwaerts stuermt +ihn das unerbittliche Meer. + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. + + +ALBERT. Gruess' euch Gott, meine Theuren. + +MARIE (kehrt ihm entsetzt den Ruecken). + +FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruss mit schuechterner Verbeugung). + +ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies +Papier verkuende Ihnen, weshalb ich komme . . . + +FRAU ZIEMENS (damit in die Huette). + +ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wuesste sie schon alles--War +die Furcht prophetisch, welche mich zoegern liess bis heute frueh? Sag' an +Maedchen, wie fass' ich-- + +MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). + +ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging +schneller als ich . . . (Nachdem er fluechtig gelesen, unwillig mit dem +Fuesse stampfend). Ueberfluessige Diplomatie!----Aber wie fein! wie +herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar +sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts +vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trueben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur grossen Taeuschung; bis +jetzt haette er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu +viel ueberschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau +des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.) + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. + + +VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. + +ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater! + +VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist? + +FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn. + +VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten +Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurueck? Welche +finstere, verzweifelte Mine? + +ALBERT. Armer Vater! + +VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Toechterchen +keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt-- + +ALBERT. Vergroessert ihre Pein. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . +Lass' mal sehn--Ist sie im Garten? + +ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse. + +VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet +nichts Boeses . . . Muetterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. + +FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind naerrisch. + +VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren +kaltes Herz? + +FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. + +VATER ZIEMENS. Erzaehle--sei so gut. + +FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, dass Marie frueher, verstehe +recht, bevor sie Albert kannte-- + +VATER ZIEMENS. Ich versteh'. + +FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzuendet von dem jungen Doctor ward-- + +VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. + +FRAU ZIEMENS. Dies nuetzte die Unglueckliche in ihrer Noth.-- + +VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! + +FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand haelt). +Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich +Enttaeuschte nun reumuethigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, dass Marie +in seine thoerichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein +blieb. + +VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin +ich gewiss. + +FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, +schmeichelhaften Sprache. + +VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit +schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbuertig an Geist und Gefuehl steht +Ihr Euch gegenueber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch +fehlt zur Glueckseligkeit nichts! und nun, was ist's, dass sich feindlich +zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der +Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klaegliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid +Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstaette sehe ich mehr, kein +Ziel fuer Eure Wuensche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel +zerschellt und trostlos an die naechste Planke festgeklammert, treibt +Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! + +FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern +Leidenskelch?! + +VATER ZIEMENS. Was wuenschest Du, dass ich den Edelmueth'gen rathe? + +FRAU ZIEMENS. Sich den Verhaeltnissen zu fuegen! + +VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Wuerde?--Weib! + +FRAU ZIEMENS. Haett' ich es einst gethan, haett' ich der Zeit +Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in +schimmernden Palaesten, saeugte an des Reichthums voller Brust der Jugend +unbefangene Freuden und hegte ein Toechterchen im Schooss, der ersten +Fruehlingsbluethe gleich, so frisch und schoen! Der grossen Blashammer, von +Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Vertraegen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf +meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwaermergeist bereits +verdunkelt, mir die Wege ungekraenkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, +er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, ueber +Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige +Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges +Raecherantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub +bliebst Du meiner Liebe zaertlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist +unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur +beschaemt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen +Pfuhl, regnete Himmelsmanna und laesst's uns wohlbehagen . . . Dass diesem +luegnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer +ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und +nicht der Muehe werth es zu erhalten! Gluecklich alle, die's leicht +erfassen, die schlau, verwegen, kuehn die wenigen Koernlein lautern Goldes +aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin muede sein morsches +Kreuz noch laenger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden hoere +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reisse, eine neue Zeit +beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich +ausgesoehnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnoeden +Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in +ihren dumpfen Woelbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. + +VATER ZIEMENS. So hoert' ich Dich noch nie!--Welchem fuerchterlichen +Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den +Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst +nun morsch zusammen, gleich dem Geruest des stolzesten Tempels, von der +unsterblichen Himmelsflamme verglueht!? + +ALBERT. Ehrwuerd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle +Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heissersehnten +Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit +fuenftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Boese kehrend, aus edlem Eifer fort +und fort sein aeltres Werk dem juengeren zum Opfer bringen und nie +erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich +gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehaermt vom +blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schoensten +Inhalt sich betrogen fuehlt und mir nun weise raeth, die Welt zu nehmen +wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem +Verstand, der reich an Kenntniss und an List, das Netz nur auswirft wo's +zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten laesst, die Herzenskammern wohl +verriegelt, das Christliche, die allgemeine Bruederschaft, Freiheit und +Gleichheit blos als Mittel conservirt, (laechelnd)--als Mittel zur +Umschuettelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der suesse Genius sich zu +Boden senkte . . . Ich haett's schon lange wissen sollen und anders +stuend' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Raecherin, waer' nicht +beschworen, ihr flammendes Geschoss auf uns zu schleudern! + +FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! + +VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir +fallen, sie zu versoehnen. + +ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Fuechsen nach, die sich aus Eifer +fuer das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz huellen, Gesangbuch, +Katechismus, Bibel unterm Arm, demuethigen bussfertigen Schritt's +alltaeglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in +lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Boersenraum, ein +jedes Woertlein ihres suessen Odems mit Priesterbalsam wuerzen und +gottgefaelligen Spruechen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das +Seine; ehrlich waehrt am laengsten; selig die reines Herzens sind"-- + +VATER ZIEMENS. Albert, Albert! + +FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! + +ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein +Mann zu sein, dem die Ehrwuerdigen der Stadt und alle Freunde guter alter +Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. + +VATER ZIEMENS. O waer' mein Name dann bereits vergessen! + +ALBERT. Menschenhass, Eigenduenkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem +Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale +Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Koenigen +erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkuehr oeffnet und +schliesst. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Saeulen als Ihr Glaube an--an--ich weiss nicht woran! + +FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. + +VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. + +FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muss unsrer echt +katholischen Kirche sich zu Fuessen legen. + +ALBERT. Sie ist die einzige Bruecke zum verlornen Paradies. + +FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. + +ALBERT (ihre Hand schuettelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels +Frieden! + +VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Huette? + +ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern +Platz fuer sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwoere Euch, weilt! + +MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . . + +ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater, +welche Euch erzuernt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den +Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du fuer +ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund +verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt! + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. ALBERT. + + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stuermt nicht die Schranken +ihres Herzens. + +ALBERT. Memme! Memme! + +FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund. + +ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniss!----Oder denkst Du, ich bin +ein Sclav' des Elends, nahm das schnoede Geschenk ohne Bewusstsein von +Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hoer', welch' christlich Werk +den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhoeht?! + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.) + +ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's moeglich--sie +konnte--Ich allein! grausam ueberliefert, ueberlassen der Hoelle?!--Das +endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.) +Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmuethige Taube wird zur +Hyaene . . . + +FRAU ZIEMENS. Wohin Albert? + +ALBERT. Ihr die Schande kuerzen! + +FRAU ZIEMENS. Huelfe! Huelfe! Weh, mein Kind! + +ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thuere des Hauses +geeilt, oeffnet sich dieselbe ploetzlich und in weissem Gewande tritt ihm +Marie entgegen). Gott-- + +MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz. + +ALBERT (laesst zurueckschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du +meiner Brust! . . + +MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.) + +FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stuetzt ihn, und er steht +geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich +wieder.) + +ALBERT.----Mildwaermend durchbricht die himmlische Sonne den naechtigen +Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fuerchterlich +geheimnissvoller Traum . . . Vergeblich saenn' ich ihn zu deuten--drum sei +er schnell, schnell vergessen! + +FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit ruesten wird und +Mitteln, die Thorheit zu besiegen. + +ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus! + +FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der +Ferne.) + +ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs +Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schuetzend Dach +versagte-- + + + +Fuenfte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so +leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten +_depuis long-temps_ die Vergnueken--_Recevez mes compliments_. + +ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?-- + +KLAUS. Eine welterschuetternde Nachricht . . . Es wird ueber unser _passe_ +endlich Justiz gehalten. + +ALBERT. Wie Du weisst, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher +ordentlich deutsch. + +KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrueckt die Kopf und lassen +_oublier notre belle langue allemande_ . . . + +ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten. + +KLAUS. _Patience, monsieur_. + +ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren. + +KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken sso kut ik gann. Nueckst Euk +ssoll ssein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_ +Kurkel--_j'etouffe_ . . . + +ALBERT. Wie gross des Schoepfers Guete an solchem Ungeheuer! + +FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unertraeglich. (Sie will gehen.) + +KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million +reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein grosser, +grosser Mann--Nicht unser Muckerlaendchen--das freie goettliche Amerika +erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser +Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _a trouver_ welcher maechtik +der Sprak _du monde_. + +FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million-- + +KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein +rentables Fabrikchen eingetragen-- + +FRAU ZIEMENS. Bei!? + +KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung. + +ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem +Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel. + +KLAUS (hinzufuegend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern. + +ALBERT. Vergebliche Muehe--zu spaet! + +KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Misstrauen, he? + +ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten +Namen. + +KLAUS. Hum, sie heisst mich einen Aussaetzigen, nicht weil ich an der +Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts +aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemuethe, tiefdenkender, erhaben fuehlender, +grossherzig strebender Freund und stuerze Dich nicht eines +Missverstaendnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf +die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die +Suende fuer uns alle traegt! + +ALBERT. Ja, ich that Dir Leides-- + +KLAUS (die Hand schuettelnd, welche Albert ihm reichte). Auf dass mir +einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt +viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur +Unsterblichkeit gefoerdert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche +tausend Thaelerlein . . Zweitausend fuenf hundert stopften mir schon die +Kinnbacken--aber dreitausend huelfen noch meinen unersaettlichen Durst +loeschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend +wuerde mich indess so recht _tete-a-tete_ bei meinem Schoepfer zur Tafel +laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen +Tellerzahl mein roth-politisches Heisshungerchen . . . (Er geht auf den +Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Saesse dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Baeuchel tuechtig angemaest', ein Toennchen Bairisch an +der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor +mir her. Bespraeche hochgespannt des Staates Guet' und Maengel und +balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich +beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbuerger--bescheiden seiner Heldenthaten +uebermaecht'gen Rausch verschlief! + +ALBERT. Ein frommer Wunsch. + +KLAUS (aufspringend). Erfuell' ihn mir. + +ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiss, +dass ich im heiligsten Gefuehl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich +vergesse. + +KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen +anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he? +Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anstaendiges Schoeppschristel +pfarrherrlicher Ehrbarkeit? + +FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes +wuerdig und gestehe, dass Sie mich ausserordentlich beschaemen. + +KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:) + + Bei wem das Geld im Beutel klingt, + Die Seele aus dem Fegfeuer springt. + +ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht. + +KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige +verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu +ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden. +Und so kam's, dass der boese Feind moralisirender Heuchelei und eitler +Schwaeche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich +kehrte, bis ich so tief in Misskredit sank, dass das waermste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben +mochte. Ich waere gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstrass' +elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit +noch laenger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert +haette.--'s ist ein verkuemmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur +ganz nieder zur Hoelle! Thoericht, wer sich ihm widmet und fuer Freiheit +wahrhaft schwaermt!--Gut, dass ich aus dem Groebsten bin! . . Ich, ich +werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Waende malen und in's +Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung! + +ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes +Versprechen zurueck. + +KLAUS. Albert--verzeih', dass ich ein Herz besitze, welches in Erwaegung +gewisser Dinge ueberschaeumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust +schnuert und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine +verrathen; die alte Frau koennte schamroth werden. + +ALBERT (ihn an seine Brust drueckend). Steckt doch ein guter, guter Kerl +in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu troesten und +erheben, Du, Du--wer haett's gedacht! mein tief verstossner Bruder! + +KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ fuer +Moerser und Bomben; wuerde Rekruten, ruestete ein standfest Heer--fuer Geld +ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue!--und eroeffnete dann eines schoenen Morgens mit dem Hause +Questenberg den Krieg; zoege vor das Schloss, verlaese die christlichst +angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden +wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der +Gedanke elektrisirt mich, Albert. Moechte mich dabei in Glorie zeigen; +moechte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weissprangenden +Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs +beweisen, dass seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack +begluecken? Wozu nuetzt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewoehnt im Suendenpfuhl des Reichthums vom Mark +der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf +Deines Herzens sichre Rente! + +ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath +entsprechen, doch in meiner Weise. + +KLAUS. Heil Brutus Dir! + +ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich +draengt's dem fremden Goenner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Woertlein in +Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.) + +KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er +singend hinter ihnen her). + + _Allons, enfants de la patrie--hi, hi, + Le jour de gloire est arrive:--he, he. + Contre nous, de la tyrannie--hi, hi, + L'etendard sanglant est leve--he, he . ._ + +(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.) + + + + +Abtheilung II. + +Das Vorzimmer des grossen Festsaales aus dem zweiten Akt. + + + +Sechste Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespraech.) + + +V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, dass sich fuer den Augenblick bei der +_haute-finance_ nichts ausrichten laesst--Aber ich kenne Schneider, +Schuster, Schlaechter, Kaethner, die _petit a petit_ huebsche Suemmchen in +ihrer Bettlade anhaeuften und fuer gute Worte herumzubringen waeren.--Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in +die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben +vornehm einige Zeilen blos und-- + +BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und +wie er zu Credit kommt. + +V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilitaet! + +BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fussstapfen nicht draengen.--Ich--ich +nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfaende Keinem mein +Wort wenn ich ohne Sicherheit bin. + +V. ZITTERWITZ (mit feinem Laecheln). Der Schlag von Neapel laehmte Ihre +Kuehnheit und Sie zweifeln am Glueck? + +BLASHAMMER. Am Glueck des Lottospielers!--Treten wir unter die Glaeubiger. + +V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?! + +BLASHAMMER. Fuer keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den +Loostopf. + +V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Dass ich +Sie beschaeme, Herr Blashammer--(haelt ihn fest.) + +BLASHAMMER. Herr Regierungsrath? + +V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer-- + +BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an). + +V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und +ohne leibliche Erben ist, stellt mir fuer den alleraeussersten Nothfall +einen Theil ihres bedeutenden Vermoegens zur Verfuegung-- + +BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der +Concurrenz zu weit ueberfluegelt! + +V. ZITTERWITZ. Sie meinen--? + +BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns +ansteckt--sagen wir gut fuer ihn. + +V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestuehle. + +BLASHAMMER. Versuche im Grossen stellen zweifelhafte Resultate +heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon. + +V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht fuehren! + +BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und +schweige. + +V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er taeuschte mich +absichtslos. + +BLASHAMMER. Es troeste Sie. + +V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der +Geschaefte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie +daran. + +BLASHAMMER. Moechte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er +auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr +Regierungsrath,--die Concursmasse den Glaeubigern abhandelten, so billig +als moeglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren liessen, he? + +V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns waere +damit geholfen. + +BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf? + +V. ZITTERWITZ. Kein uebler Anschlag. + +BLASHAMMER. Lohnt's? + +V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das hoechste +Freundschaftsstueck guter Christen. + +BLASHAMMER. Ueberlegen Sie. + +V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbruechiger klammert sich an alles, was ihn auf +den Fluthen traegt!--Wir sind einig. + +BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluss. + + + +Siebente Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein grosses Buch unter'm Arm). + + +V. ZITTERWITZ. Fort! + +BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten. + +V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer +sich weniger Luft machen duerfen. (Beide ab.) + +QUESTENBERG. Vieles koennte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts, +was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch +schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.) + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS. + + +ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurueck, dem Amerikaner es +zu melden. + +KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungeruehrt, ungebessert bleibt er +und lacht ueber Deine Grossmuth nur frohlockend sich in's Faeustchen. + +ALBERT. Geh, eile. + +KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Fruechte Deines Genie's. + +ALBERT. Willst Du mich erzuernen. + +KLAUS.--Der Schwaermergeist wird sich an Dir raechen. + +ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens. + +ALBERT. Ihr treuer Diener. + +QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege. + +ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige +Minuten. + +QUESTENBERG. Du kommst mich verhoehnen--ich les' es in Deinem +Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve. + +ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so +viel Lieb' und Guete, dass ich hoechlichst erstaune.-- + +QUESTENBERG. Schlange! + +ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . . + +QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkuenstelter Ruhe). Verkuende, was +Dich herfuehrt. + +ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, dass Du mein Freund bist, +Albert. + +ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt. + +QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint? + +ALBERT. Ein grosser Fabrikant aus den vereinigten Staaten-- + +QUESTENBERG (unglaeubig). Ah! + +ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestuehle zu zeigen die--Kuehnheit hatte. + +QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall? + +ALBERT. In solchem Grade, dass er sich gleich erbot, als er von Ihrem +Unglueck hoerte-- + +QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fuegt oft +Wunderdinge--raethselhaft erscheint mir blos . . . + +ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von boesem +Gewissen. + +QUESTENBERG. Du taeuschest Dich wohl nicht. + +ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen. + +QUESTENBERG. Willst es wissen? + +ALBERT. Ich wuenschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten. + +QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,-- + +ALBERT. Sie scherzen! + +QUESTENBERG. unterdrueckt,-- + +ALBERT. Pfui. + +QUESTENBERG. tyrannisirt! + +ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter! + +QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort. + +ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr +Retter!--Glauben Sie mir nun? + +QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert. + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON. + + +JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.-- + +QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm +einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Guete . . . + +JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestuehl' kehoeren zu ten +vorzuegliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, +ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind-- + +QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er aengstlich Albert ansieht). + +JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung. + +KLAUS (murrt). + +QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment. + +JOHNSON. Ihr Name wird nepen den groessesten Wohldaehtern der Menschheit +klaenzen, so lang' es eine Keschichte kiebt. + +QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiss nicht, was +ich sagen soll!--(laut.) Muss ein Fremder mir Trost und Hoffnung +bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Maehrchen im Kopfe! (laut.) +Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Luegen strafen! + +JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, tass unter Freunden oft +Eifersucht, Misskunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniss trueben! +(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt +zu misscreditiren? + +QUESTENBERG. Ja--ja wohl! + +JOHNSON. Man Sie peschuldigte muessiger Spielereien, verterblicher +Exberimentesucht-- + +QUESTENBERG. Man that's. + +JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschaeftsmanns prachte. + +QUESTENBERG. Natuerlich. + +JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des +Fortschritt's!-- + +QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf). + +JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefaellt. + +QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklaeren! (setzt sich.) + +JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.-- + +QUESTENBERG. So--ah! + +JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenuegt, +mein Herr, sso steh' ick zu Tiensten. + +QUESTENBERG. Vollkommen genuegt's, mein Herr--Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, dass Sie mir +solch' Vertrauen . . . + +JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie +wuenschen. + +QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiss +nicht . . . + +JOHNSON. Sehen Sie nur hierher. + +QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . . + +JOHNSON. Ohne Umstaende, mein Herr. + +QUESTENBERG. Sie bringen mich ausser Fassung, mein Herr. + +JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr. + +QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich +jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!? + +JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?! + +QUESTENBERG. Nein, guetiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.-- + +ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den +Notar, der draussen wartet. + +JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen. + +QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver +Albert. (Sich freudig in die Haende reibend; bei Seite.) Der +Einfaltspinsel blieb unschuldig . . . + +KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst +ihn schamlos triumphiren lassen!? + +ALBERT. Behindre mich nicht. + +KLAUS. Keinen Schritt weiter. + +ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . . + +KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich! + +JOHNSON. Meine Herrn . . . + +QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder. + +ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich +schon die Gruende mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, dass die +Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei. + +KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson. + +JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . . + +KLAUS. Wenn's sich anders verhaelt, als ich Ihnen auseinandersetzte, so +straf' mich der Teufel. + +JOHNSON. Koennen Sie sich stuetzen auf Peweise. + +KLAUS. Es faellt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; +dessenungeachtet . . . + +JOHNSON. Aber er muss wohl am pesten wissen-- + +KLAUS. Herr Johnson, sein Gemueth verkehrte sich in Tollheit und er ist +nicht Meister seiner Handlungen. + +ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt +Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter +erscheint, empfaengt Befehle und eilt wieder ab.) + +JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie peduerftiger als er. + +KLAUS. Was! + +JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schaemen Sie sich was! + +KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson. + +JOHNSON. Wer laeugnet's, allein-- + +KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muss Recht bleiben! + +JOHNSON. Schon kut, toch-- + +KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht-- + +JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus. + +KLAUS. Pah, ich fuerchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige +Macht der Wahrheit. + +JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich. + +QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Fuehrt den Menschen in die +frische Luft und macht ihm Umschlaege . . . + +KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten! + +QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniss? + +JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe. + +QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht. + +KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt +ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Mueh'! Haette ich das +gewusst--doch Gott befohlen! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Suender, mein guetiger Gebieter. + +JOHNSON. Er wusste nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach. + +QUESTENBERG. Schuldigermaassen sollte ich ihn auf der Polizei +durchpruegeln lassen. + +ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekraenkt. + +JOHNSON. Was meinen Sie, tass solch' unansehnliker verkommener Keselle +Ihnen schaden koennte-- + +QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert. + +JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe fuer heut' keine Zeit mehr und +porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht. + +QUESTENBERG. Ich weiss Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schaetzen. + +JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zaehlen Sie die Summe kefaelligst nach. + +QUESTENBERG. Es waere wohl ueberfluessige Muehe. + +JOHNSON (den Hut nehmend). Moechten wir ein paar klueckliche +Keschaeftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten. + +QUESTENBERG. Ich habe keinen schoenern Wunsch. + +JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener. + + + +Zwoelfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne JOHNSON. + + +QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht +unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst. + +ALBERT. Sie beschaemen mich. + +QUESTENBERG. Fordre die Haelfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir +die Freundschaft! + +ALBERT. Sie wissen, dass ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch +mache-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir, +Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestuehle im ersten +Jahr? + +ALBERT. Wie kann ich so viel wollen! + +QUESTENBERG. Morgen empfaengst Du's schriftlich . . . Ach, waer's mir +vergoennt, Dich gluecklich zu machen! + +ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal. + +QUESTENBERG. Scherz bei Seite. + +ALBERT. 's ist zu spaet! + +QUESTENBERG. Was hast Du? + +ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt. + +QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe? + +ALBERT. Sie ging mir verloren! . . + +QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge? + +ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebuerdet! . . Erbleichen Sie nicht +mehr, Gott hat gerichtet! + +QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehoert Dir! + +ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat +hassen--nicht ihre botmaessige Hand, die ein blindes Glied am Koerper +unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen. + +QUESTENBERG. Du! Du! + +ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich +eitel ruehmt: seht, alles duldete ich zur Erloesung aus der Suende, ich +liess mich von Euch uebervortheilen, verleumden, entehren, mit Fuessen +treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetoedtet in meiner +Leidenschaft, gleichgiltig fuer irdische Freuden, gebrochenen +Herzens--ein verklaerter Geist, zu dessen Fuessen ihr Euch im Staube +kruemmt! + +QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses +Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesae't: Qualen der Hoelle! + +ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen +Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich +sind fuer die Schuld, in welche Ihr Fall sie stuerzt! + +QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Glaeubiger in meinem Namen--mir fehlt die +Kraft. + +ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisaeer und +Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge uebt! + +QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe fuer mich, so muss ich's +thun. + +ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen. + +QUESTENBERG. Wohin gehst Du? + +ALBERT (zeigt nach Oben). + +QUESTENBERG. Oh! + +ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's +Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie fuer mein +Begraebniss; ich wuenschte an keinem unanstaendigen Orte unseres Kirchhofs +zu ruh'n. (Er will geh'n.) + +QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Huelfe! + +ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust +setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich. + +QUESTENBERG. O das ist entsetzlich! + +ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, +zittern vor dem Tode; Maenner voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen +ihm freudig entgegen! (ab.) + +QUESTENBERG. Bring' ich den Glaeubigern das Geld und verfolge seine Spur! + + + +Dreizehnte Scene. + +Die Vorhaenge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel +die Glaeubiger. + + +QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf +den Tisch.) + +ALLE. Geld . . . ah! ah! + +QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine +Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, +unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie +unter sich die Summe und gestatten, dass ich mich wieder zurueckziehe. + +ERSTER GLAeUBIGER. Ihr edles Gemueth fuehlt sich durch unsre Maassnahme +verletzt. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Sie zuernen uns. + +ERSTER GLAeUBIGER. Haetten wir gewusst oder geahnt . . . + +QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen +nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthaenigsten Diener. + + + +Vierzehnte Scene. + +DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG. + + +ERSTER GLAeUBIGER. Ein kurioses Benehmen! + +ZWEITER GLAeUBIGER. Fein ueberlegt, fein studirt! Er haengt uns einen +dicken Zopf an. + +ERSTER GLAeUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtglaeubig. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung +zufolge einiger Boersengeruechte mir nichts dir nichts zur Erklaerung zu +draengen! + +ERSTER GLAeUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein. + +ZWEITER GLAeUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld +zurueckzugeben, denn er wird es wohl noethig haben. (Einige bemaechtigen +sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.) + + + +Funfzehnte Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. + + +V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr fuehre uns nicht mehr in Versuchung! . . +Mir schwimmt's schwarz und weiss vor Augen, denke ich--(kopfschuettelnd) +Der infernalische Plan haette mich doch, haette mich doch--Oh, was ist der +Mensch in einer ungluecklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, dass die Noth die +Mutter aller Laster sei. + +BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat! + +V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine +andere! Was fange ich nun mit dem Capitaelchen an? Wo bringe ich's unter; +wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr +die neue! + +BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden. + +V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Dass ich meine Zunge nicht +bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer. + +BLASHAMMER. Ich kann das Capitaelchen gut brauchen. . . + +V. ZITTERWITZ. Zu viel Guete. + +BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath. + +V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnoethig belaestigen. + +BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, dass ich's gut brauchen kann! + +V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's +Ihnen an. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Zu viel fuer einen guten Christen. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwoelf Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Danke, danke. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Bemuehen Sie sich nicht weiter. + +BLASHAMMER. Zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Maessigung. + +BLASHAMMER. Fuenf und zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da +hab ich nun den Teufel auf dem Nacken. + +BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erroethen? Ist das Geld +des Schwarzkuenstlers besser als meins? (fuer sich) Wem er's nur abjagte! + +V. ZITTERWITZ. Mein Kapitaelchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant +und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen +Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht +mehr Schmerz als die drei Maenner im feurigen Ofen! + +BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand. + +V. ZITTERWITZ (zurueckbebend). Durchaus nicht . . . + +BLASHAMMER. Sie halten mich fuer einen Gauner. + +V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, dass hier Leute sind. + +BLASHAMMER. Fuer einen Betrueger. + +V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den +Aufdringling los. + +BLASHAMMER. Erklaeren Sie sich gemessener. + +V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute +bl--bl--blos fuer unsich--chere Menschen. + +BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen. + +V. ZITTERWITZ (fuer sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen +ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg. + +BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah! + +V. ZITTERWITZ (die Faeuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie +sich gerichtlich verantworten . . . + +BLASHAMMER (stampft wuethend mit dem Fuss). + +V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr +Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.) + +BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel, +gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram toedtet mich! + + + + +Fuenfter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Zimmer im Hause Blashammers. + + + +Erste Scene. + +ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf. + + +ADELGUNDE (im Spiel ungestoert fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur +naeher. + +DER DOCTOR. Mit Ihrer guetigsten Erlaubniss. + +ADELGUNDE. Setzen Sie sich. + +DER DOCTOR. Fraeulein spielt eine himmlische Symphonie. + +ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause? + +DER DOCTOR. Da schwoll die Suendfluth der Glaeubiger meines Herrn Papa +ploetzlich so stark an, dass ich fuer gut hielt, das Haasenpanier zu +ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde +endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht. + +ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden. + +DER DOCTOR. Waere seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille! + +ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hoeren? + +DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir guenstig--Ich werde mich in +der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein? + +ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hoert' +ich kein Wort von ihm; verdriesslich war er und in hartem Kampf mit sich +selbst. + +DER DOCTOR. Wer kann's ihm uebel nehmen! Ach, dass ich's Ihnen berichten +muss!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand! + +ADELGUNDE. Sie erfuellen mich mit Schrecken. + +DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten +brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heisst!--weil er das Feuer der +Revolution heimlich schueren half. + +ADELGUNDE. Weh! + +DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's. + +ADELGUNDE. O Grauen! + +DER DOCTOR. Ich fuerchte, es kostet ihm nicht blos das Vermoegen, sondern +auch die Freiheit. + +ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm! + +DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Haenden und Fuessen! Sein Versehen ist +politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwaechst daraus +fuer uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach! + +ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umstaenden haben Sie noch +Lust--Nimmermehr! + +DER DOCTOR. Ein Ehrenmann haelt Wort. + +ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglueck nicht. Ich gebe Ihnen den Ring +zurueck. + +DER DOCTOR (drohend). Fraeulein! + +ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer +genug fallen. + +DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir. + +ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethaetigungen mit ueberfluessigen +Kraeften erfuellt und bei dem Mangel grosser volksthuemlicher +Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die +dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewoehntesten, fast aller Orten das +Leben zur Plage macht. + +DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem gluecklichen Sterne geboren, so +kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine +heil'ge Sache! + +ADELGUNDE. Ihre Redekunst. + +DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die +Liebe, von der man sagt, dass sie dem Menschen das bitterste Geschick +angenehm versuesst. + +ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit. + +DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . +Kalt, gleichgueltig, spoettisch, verschaemt stellt es sich, wenn's in +seinem Busen gaehrt und brennt-- + +ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein. + +DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile +er selbst, ob mich ein anderes Interesse fuer Sie begeistert, als das +rein menschliche . . . Doch horch! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab! + +DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still! + +BLASHAMMER (fuer sich). Vergoss ich meinen Schweiss umsonst! Bleibt mir fuer +alle Plage kein Brosaemchen! + +DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen? + +BLASHAMMER (fuer sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich +mich aus dem hohen Rath verstossen, unter die Kleinkraemer der Vorstadt +versetzt! + +ADELGUNDE. Troeste Dich, Vater! + +BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren. + +ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich? + +BLASHAMMER. Vergebne Mueh'--sie ersetzt mir meine Schaeden nicht . . . Was +macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft loes'te sich +gemuethlich auf. + +DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt. + +BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater +heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem +tief Gekraenkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten +Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und +auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernuesse auf den Tisch +warf . . . + +DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, waer's doch der Fall! + +BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und haelt's ihm vor). Sehen Sie da, +er hat mich nicht mehr noethig. + +DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde +schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich +unwuerdigen Misstrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schaetzte +ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und waere meine Leidenschaft fuer +Fraeulein Adelgunde nicht die heisseste, welche je eines Menschen Brust +gehegt, so wuerde ich verzagt zurueckweichen und-- + +BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die +rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurueck. + +DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort +und Fraeulein meinen Ring. + +BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter. + +DER DOCTOR. Fraeulein bleibt . . . + +ADELGUNDE. Gnade! + +BLASHAMMER. Noch gehoert mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich +ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente. + +ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's oeffentliche Gerede . . . + +BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhoehnen. + +ADELGUNDE. Du irrst. + +BLASHAMMER. Woher weisst Du's? + +ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz. + +BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt. + +ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich. + +BLASHAMMER. Er! + +ADELGUNDE. Ja. + +BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf. + +ADELGUNDE. Glaub's mir. + +BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb +unveraendert. + +ADELGUNDE. Welches andere Interesse duerfte ihn noch fuer mich begeistern, +als das reinmenschliche? + +BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie +raecht sich die Luege! + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn. + +DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt? + +QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Glaeubiger. + +DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun +ihren Schein! + +QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; +das Gewissen trieb mich zu Dir. + +BLASHAMMER. Nimm guetigst Platz; das Stehen greift Dich an. + +QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben. + +BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject. + +QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem ploetzlichen +Umschwunge der Verhaeltnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, +Sitte . . . . + +BLASHAMMER. Nicht weiter. + +QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug-- + +BLASHAMMER. Ich begreife Alles. + +QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, dass-- + +BLASHAMMER. Sei unbesorgt. + +QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird-- + +BLASHAMMER. Du haettest deswegen ruhig im Bette bleiben koennen--Falls Du +Dich erkaeltetest, messe mir keine Schuld bei. + +QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott. + +BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen. + +QUESTENBERG. Ein andermal erzaehle ich Dir, auf welche wunderbare Art der +Allmaechtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsuechtiger, +arglistiger Menschen erloes'te. + +BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender +anhoeren wird. + +QUESTENBERG. Soehnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater. + +BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe +auszutauschen. + +QUESTENBERG. Erfuelle des Freundes Bitte, Soehnchen. + +BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die +Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben. + +DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, +und verstumme. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fuegte es mein +Schicksal, dass ich in Fraeulein eine mir wuerdige Lebensgefaehrtin +entdeckte. + +QUESTENBERG. Steht es so! + +BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant taeuscht sich in jugendlichen +Herzen. + +QUESTENBERG. Reichen wir uns denn bruederlich die Hand und segnen das +junge Paar. + +BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir +in den Prunksaal, die Gaeste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer +Versoehnung sogleich laden lasse . . . + +QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal. + +BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich. + +QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschaeft, zu dem ich +die Huelfe des Sohnes beanspruchen muss. + +DER DOCTOR. Bin dabei. + +QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wuensche denn +beiderseits Lebewohl. + +BLASHAMMER. Glueckliche Besserung. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand kuessend). Theures Fraeulein, einen Kuss +fuer tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die +beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Aermlicher Garten an der Huette des Vater Ziemens. Seitwaerts eine Strasse. + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS (hastig von der Strasse). Vaeterchen, Vaeterchen! Bist Du da? +Schnell heraus, eine schreckliche Maehr! + +VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schlaeft. + +FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st +Du wie lebendig die Strasse wird? Alle Welt geraeth in schaudernde +Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schliessen den Leuten uns +an. + +VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich huete die Kranke.--Wusste man des +Ungluecklichen Namen? + +FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren +verzweifeln liess. + +VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche. + +FRAU ZIEMENS. Wir allesammt koennten dem Beispiele folgen. (ab.) + +VATER ZIEMENS. Des Staedtchens schwacher Gemeinde waer's ein +Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden +Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, haett' ich doch kein Kind! . . . +Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park? + + + +Fuenfte Scene. + +VATER ZIEMENS. KLAUS. + + +KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter +Alter, die ihres gleichen sucht! + +VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig laechelnd.) Wohl ging's mit der +Erfindung schlecht, wohl liess der Amerikaner euch hart abfallen?-- + +KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reuessirte, viel Geld gab's, viel, +viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schoenste +Banknoten, vollgueltigste Papiere-- + +VATER ZIEMENS. Aber--? + +KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich? + +VATER ZIEMENS. Nein--wozu? + +KLAUS. Krambambuli zu kaufen. + +VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab? + +KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Glaeschen Bittern verlangt's blank +vorausbezahlt! + +VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft +werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren-- + +KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je groesser die Flasche, desto angenehmer, +und wenn's ein Fass ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur +heraus! ich leere es im Bewusstsein--nicht zu den schwaechsten Gliedern +unsers starken Volkes zu gehoeren! (Will ihn in die Huette schieben.) + +VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld +erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut? + +KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei! + +VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?! + +KLAUS. Versuchte ich das schon einmal. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr +Treiben! + +KLAUS. Pfui, auch Sie oeffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?! + +VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden. + +KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom +gemeinsten Gauner gaengeln, aussaugen, betruegen, unterdruecken laesst, +erklaere ich unzurechnungsfaehig ueber mich zu urtheilen. + +VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus. + +KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, +behaupte ich heute erst recht! + +VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, dass Dir die +Leute thun, das thue ihnen auch nicht? + +KLAUS (keck). Ja wohl! + +VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage. + +KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewuehlt, mit erkuensteltem +Laecheln.) Dass Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's +zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom +Schloss! (bei Seite mit ironischem Laecheln.) Muss luegen, um wahr zu sein! + +VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus. + +KLAUS. Ja, wirklich! + +VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!? + +KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen! + +VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles! + +KLAUS. Ah, und wie raechte sich dafuer Albert! + +VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch. + +KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern +Patron wieder betruegen liess. + +VATER ZIEMENS. Das heisst-- + +KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stueckchen wie Sie seh'n. + +VATER ZIEMENS. Fuerwahr, denn ich begreife noch nichts davon. + +KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, fuehrte zum saubern Patron +den Amerikaner, liess es sich gefallen, dass derselbe 800,000 Thaler, sage +800,000 Thaler fuer die Erfindung-- + +VATER ZIEMENS. Unmoeglich! + +KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth ausser mir, +protestirte mit Loewengebruell, bat, drohte, beschwor die Geister des +Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Laechelns stand der Wahnwitzige da, +gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken +preis, duldete, dass man mir-- + +VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, fuehren Sie mich zu ihm! + +KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloss. + +VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den +Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht +leugnen! + +KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst! + + + +Sechste Scene. + + +MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und +nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten +und kraenktest seine Hoffnungen--sein Glueck und stiessest ihn in's +Verderben! Was thatst Du, Unglueckselige! Und noch zur Kirche, noch beten +willst gehen! Wer thront ueber deinem Haupte, wer lenket, fuehret dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, +versoehnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, +thoerichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt +schlaegst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetoese.) Was +bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks waelzt sich die Strasse herauf! Auch +Muetterchen dabei? + + + +Siebente Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen). + + +MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du? + +FRAU ZIEMENS (zu den Traegern). Setzt hier die Buerde nieder und habt +tausend Dank, wackre Maenner!--Ach Tochter, Du wardst fuer eine schwere +Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft-- + +MARIE. Ist's der alte Vater? + +FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert! +Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone +ihn--er bedarf zaertlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits +regt er sich-- + +MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?---- + +ALBERT. Welche Stimme? + +MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich +bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, +unnatuerlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu +zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als +Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm +nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie +es Deine--wie es meine Ehre gebot! + +FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter! + +MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich! + +ALBERT. Sei's jetzt nicht, Maedchen! + +MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der +Edlen! + +ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das +richtete ueber mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die koestliche +Zeit muessigen Spiels vertraeumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfuellen, die ein theures Maedchen in ihn setzte--ploetzlich das Buendel +packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham +erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnoeder Kuppler des Lasters und musste, musste verdammt +werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld! + +MARIE. Eben,--suehntest Du sie nicht! + +ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park-- + +MARIE. O Gott! + +ALBERT. Aber nicht zu sterben wusste--nicht zu sterben der Feige! +Haekeliche Zweifel laehmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte +sich! . . + +MARIE. Das fuegte der Allmaechtige zu unserm Heil!--O richte Dich maennlich +auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiss in Liebe die Schmerzen, +welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, missguenstigen Welt uns +widerwillig, gezwungen bereiteten! + +ALBERT. Maedchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; +zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schuettle sie ab; +entfliehe meiner unheiligen Naehe!------O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich!-- + +MARIE. Ha, das--das ist Rache!-- + +FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut! + +MARIE. Noch alles gut!? Muetterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach, +er hat mich nie--nie geliebt! + +FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versoehnung, treib's nicht +weiter!--O thu's fuer die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, +keine Freudenthraenen geweint!-- + +MARIE. Lass ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur! + +FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub! + +MARIE. Ich sage, lass ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du +denn noch nichts? + +FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen! + +MARIE. Muetterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte! + +FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter! + +MARIE. Welches haekelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! +(laechelnd) Darueber frage ihn aus, ich bitte! + +FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als wuerde ihr ploetzlich ein +Raethsel geloest). ... Sollte das moeglich--Aber nicht doch, Tochter, Du +schwaermst! + +MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem +Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich +durchschaue alles, die ganze Comoedie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser +Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehoerst, ins Reich der +Finsterniss!----(Sie stoesst mit dem Fusse an das Gebetbuch, welches sie +vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha, +woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine +Vernunft, kein Gedaechtniss mehr!--Schuetze, o Mutter, schuetze mich vor +mir selbst! . . . (Faellt der Mutter betaeubt in die Arme.) + +FRAU ZIEMENS. Himmlische Maechte, giebt's keinen Frieden fuer sie!------O +nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Hoechste! + + + +Achte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Huelfe +noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir +die Jungfer in die Huette--es wird fuer sie zu viel! + +MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! +Berichten Sie nur, Klaus! + +KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den +wundersamsten Erfolg--es klaenge uns, so wahr ich Klaus heisse, ein +Millioenchen in der Tasche, ja, ja, ein Millioenchen-- + +MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die +Geschichte? + +KLAUS. Frau Mutter weiss bereits davon. . . + +FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzaehlen hielt ich fuer Narrheit, denn ich konnte +nicht glauben, Klaus, nicht glauben-- + +KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und +wider Erwarten . . . + +FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!? + +KLAUS. Bis auf zwei Todte leider! + +FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie? + +KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs. + +FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie! + +MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie +sich mit dem Vater-- + +KLAUS. Zu dienen. + +MARIE. Wo blieb er!? + +KLAUS. Beim Herrn im Schloss, zu seinem--unserm unseligsten Verhaengniss! + +FRAU ZIEMENS. O mein Kind! + +KLAUS. Beten Sie fuer ihn! + +MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht! + +KLAUS. Wahrlich, koennte man gleich ihm sich ruehmen, so athmete leichter +das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets grosse Gefuehle, schoene +Gedanken, kruemmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich +im Pfuhle der Verdammniss und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich +Geister! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS. + + +MARIE. Hoertest Du, Albert? + +KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?! + +MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel toedtete ihn nicht. + +KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst! + +ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr! + +KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe +mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der +Kunde Deines Frevels ueberrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm. + +ALBERT. O schauder--schaudervoll! + +KLAUS. Hoechst schaudervoll! + +MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwuerfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver +Mann!--Goennen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die +Vorsehung, welche nicht anders es fuegte! + +KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen. + +MARIE. Was bleibt ihm uebrig in seiner Ohnmacht! + +ALBERT (wirft sich ihr zu Fuessen). + +MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten +wir ferner unerforschlichem Rathschluss! + +KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du suehnst nicht anders das +Geschehene! + +ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich haerter als der Tod--bricht +meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere +Sonne--dort ging sie unter! + +MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir +von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schoepfer nur und seinen +himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt! + +KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche +feststeht! Wie auf Kaelte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch +die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und +Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kuemmerlicher +Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit praechtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den +ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt +die Segel straff, steuertest als echter Roemer, kuehn von Entschluss und +That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes +Versprechen, dass ich am Lottospiel der Boerse mich betheiligen +koennte--He, sollte zum Ergoetzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell +erborgter Fuelle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend +unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, +geringschaetzig belaechelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die +Fuesse machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von +Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es fuer Marie und ihre +Mutter, der Du den sicheren Ernaehrer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm +den Arm nur, Jungfer. + +MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht. + +KLAUS. Nachher davon. + +ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spaet. + +KLAUS. Das Moegliche niemals! Und wer da weiss, dass alles moeglich, achtet +keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Guete nicht, so ueben wir +Gewalt! + +ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus. + +KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung fuer +die mir zugefuegte Schmach entrinnst Du meinen Haenden nicht! Ich schwoer's +bei einem Buckel Schlaege Dir! Ja, ja, das merke! + +ALBERT. Liesse sich Geschehenes noch aendern! + +KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen! + +MARIE. Welch ein Erkuehnen! + +KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu ueben! + +MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches +fuer ihn! + +KLAUS. Das darf nicht geschehn. + +MARIE. Sie sind ein Tyrann! + +KLAUS. Ich wuerde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich +schweigend, dass Jemand--und waer's mein Feind--schnoedester Spitzbueberei, +wie der, zum Opfer fiele! + +MARIE. Ihre Verblendung ist gross! + +KLAUS. So klein Ihre Erkenntniss! + +ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich +mit uns'rer Ansicht! + +KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin +ein Heide, unempfaenglich fuer solchen Tand! + +ALBERT. Traun, so erwaege, dass die Achtmalhunderttausend bereits +verschlungen wurden von den Glaeubigern! + +KLAUS. Bereits! + +ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn +brachten. . . Das weisst Du nicht?! + +KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Mueh' waer's, +gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr +luftigen Schloesser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte +es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmuethig unter Schurken--christlich! Entsagung persoenlichen +Vortheils, irdischer Freude--gottgefaellig! Selbstmord--hoechstes +Rechtthun! vernuenftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch! +das kalte Grab allein--Erloesung aus Suende und Elend!--O haette doch ein +Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren koennen, +wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der +menschlichen Natur, dass sie, je reifer, desto sinnbethoerter +wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die +Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich +dem grossen Maertyrer hinab zur Hoelle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du +von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsuehnen, so sprich! wenn nicht, +verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du +entkrochst! + +ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb +Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein +Leben unter Schmerzenskraempfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein +unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde fluecht'ger Fantasie, +im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . . + +KLAUS. Kehre Dich um und sieh! + +ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das? + +KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . . + +ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich +rangst! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN. + + +QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich +feiere den hundertjaehrigen Geburtstag, werde nun kahlkoepfig und in +Kruecken gehn. + +ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter. + +QUESTENBERG. Fast moechte ich's behaupten. + +ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue ueber diese +Reue, der boese Geist mir hindernd in den Weg trat! + +QUESTENBERG. Hoerst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, +nein, der sanfte Albert konnte sich nicht toedten!--Ich erwog es +reiflich; saeumte deshalb Laerm zu schlagen, hielt mich huebsch zu Hause, +huebsch, huebsch, huebsch!--Ach mein Jesus, waer' ich aber nur gleich einem +Rasenden durch Strassen, Feld und Wald nach ihm huebsch suchend umgeirrt +und ausgewichen huebsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind +wir Menschen immer huebsch gescheidt! + +ALBERT. Es leiht den Duenkel uns, dass mehr wir seien als wir sind! + +QUESTENBERG. Zu ew'ger Taeuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte wuerdige +Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn! + +ALBERT. Des Ungluecks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar +ergreifen sie uns wenig! + +QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf +will jetzt bereits--ein Stuendchen erst nach dem Ereigniss--in wilder +Fiebergluth aus allen Fugen gehn! + +ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch +uebrig? + +QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch. + +ALBERT. Ruht nicht auf mir die groesste Schuld!? + +QUESTENBERG. Auf Ihnen! + +ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut +als Sie und alle wir geborne Heuchler sind. + +QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er +zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein +Theil der Glaeubiger, bereuend ihres Misstrau'ns Ungestuem, gab mir das +Geld zurueck. + +ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von +keiner That! + +QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zoegert). +Demuethigen Sie mich nicht tiefer! + +ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab. + +KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein! + +QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Suendenlast! + +KLAUS. Sei christlich! + +ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurueckbebt). +Da! fuer Dich! + +KLAUS. Alles! + +ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und haeufe mehrend es +bis in den Himmel! + +KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer +Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhuepfend und das Geld +zaehlend). Lauter giltige Papiere--fuenf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft! +fuehrt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, dass ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein! +Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun +bin ich dieser Lumpen Glaeubiger!--Wie abgegriffen und welch' +Inbegriff!--Gift fuer den Staat und Medicin fuer mich!--Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu grossen Unternehmungen ist guenstig; ich reise +morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, +was der Himmel fuegen moege, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir +zurueck und trage Sorge, dass Du bald den Herrn Questenberg hier spielst! + +ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst. + +KLAUS. Dein Freund auf ewig! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDAeMMERUNG. + + +QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids wuerdig oder der Bewunderung, ob +Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden. + +ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine +Freuden. + +QUESTENBERG. Gedaechten Sie auch meiner dann in Grossmuth! + +ALBERT (ihm geruehrt die Hand schuettelnd). Verzeihung, ach, was waere das! +ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, +streben ihrer kranken Glieder grosse Noth durch gutes Beispiel, Rath und +That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche +unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe! + +QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein +bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so! +Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!-- + +ALBERT. Traeumen Sie von Paradiesesengeln! + +QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuss . . . +Doch still, etwas vergass ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen +Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzueckt im Spiegel schau'n! + +(Albert nimmt das Stueck Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, +wischt seine Thraenen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Naehe +steht.) + +ALBERT. Maedchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide fuer die Hochzeit +und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . . + +(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus +weiter Ferne kuendigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater +Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's +Dienern unter Fackelschein hinten ueber die Scene getragen.) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Mueller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661.txt or 13661.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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