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diff --git a/old/13661-8.txt b/old/13661-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d78be85 --- /dev/null +++ b/old/13661-8.txt @@ -0,0 +1,5808 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +Author: Florian Müller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Bankerott. + + +Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +von Florian Müller + + + + +Leipzig + +Theodor Thomas. + +1853. + + + + +Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem Triebe und +keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung durch unsere Bühnen würdig +und geschickt ist, überläßt er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr +für seine Rechtfertigung oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm +überflüssig. Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und in keiner +Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, Vater Ziemens, Klaus +in ganz analogen Verhältnissen, und von derselben Charactertiefe, +existiren können. + +Neujahr 1853. + +FLORIAN MÜLLER. + + + + + + Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie, + Réformer de son goùt l'antique barbarie, + Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés; + Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés, + Et, faisant refleurir l'esprit et le génie, + Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie? + + _Frédéric II._ (Epitre sur la liberté.) + + + + +Der Bankerott. + + + + +Personen + + + QUESTENBERG, großer Zeugfabrikant. + DOCTOR QUESTENBERG, sein Sohn. + BLASHAMMER, Banquier und Waffenfabrikant. + ADELGUNDE, seine Tochter. + V. ZITTERWITZ, Regierungsrath. + JOHNSON, Capitalist. + ALBERT, } + KLAUS, } Arbeiter Questenberg's. + VATER ZIEMENS, } + MUTTER ZIEMENS. + MARIE, deren Tochter. + Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste. + Bediente, Arbeiter, Volk.-- + +Zeit der Handlung im Jahre 1850. + + + + +Erster Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, Akten, +Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. Ein Bureau +links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt. + +Abend, Licht. + + + +Erste Scene. + +QUESTENBERG; V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ (unruhig auf und ab gehend). Man sprach von einem Deficit +von 500,000--ich sagte: Kinder streicht eine Nulle weg, es sind +höchstens 50,000, Questenberg war ein zu honnetter Fabrikant-- + +QUESTENBERG. Ich vertraute zu sehr meiner eigenen Kraft!--Der +Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer größere Hoffnungen an das +Leben knüpft, je näher er dem Tode rückt . . . + +V. ZITTERWITZ. Eine Million! + +QUESTENBERG (seufzend). In Damastroben _à la chinois_. + +V. ZITTERWITZ. Wie konnten Sie nur auf die Großen und Reichen dieser +Zeit speculiren! + +QUESTENBERG. Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution sie +herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder verzwanzigfachen. + +V. ZITTERWITZ. Naiv, naiv! + +QUESTENBERG. Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, wie nach der +Besiegung Napoleon's und der Stiftung der heiligen Alliance. Eine +brillante Epoche! Da schäumte so manches Schweißtröpflein in den +eifrigen Restaurationsküchen über den Kessel, kam denjenigen von uns +Geschäftsleuten trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wußten. + +V. ZITTERWITZ. Wer's heut zu etwas bringen will, muß ein geheimer +Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, die Vorurtheile, die Ueppigkeit, +Genußsucht, Trägheit, den Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, +auf die Confusion und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste Gauner macht sich +in dieser Richtung zum Herrn der Christenheit, wird Präsident, Kaiser +und Papst. + +QUESTENBERG. Herr Regierungsrath, geben Sie mir morgen noch 150,000 +Thaler und Sie sollen über meine Demagogie erstaunen. + +V. ZITTERWITZ (sich den Kopf haltend). Um Gottes Willen! + +QUESTENBERG. Ich verfertige fortan die Damastrobe _à la chinois_ statt +für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen die Elle. Das schimmernde +Kleid der "_l'état c'est nous_" wird seiner Billigkeit wegen den Beifall +unserer Kammernixen erhalten--es giebt ja für sie weder politische noch +sociale Bedenken!--Sie kaufen und ich bin gerettet! + +V. ZITTERWITZ. Zu spät, zu spät! + +QUESTENBERG. Das Genie der Mechanik greift mir unter die Arme.-- + +V. ZITTERWITZ. Mit einer Erfindung? Ach! lassen Sie mal hören. + +QUESTENBERG. Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe ich Webestühle--früher +werden sie nicht fertig--die noch einmal so schnell als meine alten +arbeiten. . . . Niemand weiß davon, es bleibt Geheimniß.--Mit diesen +Webestühlen überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester +Zeit zum Millionär!--Morgen zeig' ich sie Ihnen und stelle vor Ihren +sehenden Augen Versuche an. + +V. ZITTERWITZ. Sie hätten mir das vor einer Woche anvertrauen sollen, +die Börse würde verhindert worden sein, Ihren guten Ruf +anzukränkeln!--Das Bürgerthum mit seiner Industrie und Maschinenkunst +ist doch der Kern aller Demagogie! Welche Propaganda macht's für den +Auflösungsprozeß unsrer veralteten Formen! Wer von jenen +mittelalterlichen Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die Weltanschauungen, +die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten und in Catholicismus +zu verwandeln, sondern die von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und +Dampfmaschinen bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen!--O jeh, thu nur die Augen auf, großer französischer +Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche und Decken deines +berühmten Versailles heute beim mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in +den Salon des schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke und Gestelle +deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, Zeichnungen, +Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die den Boudoirs deiner capriciösesten +Maitressen nie gefehlt haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt +meine Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen Mann zum Könige +und den König zum gemeinen Manne zu machen!--Ich gehöre dem besonnenen +Fortschritt an und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende +Aufmerksamkeit. Bewährt sie sich, so--seien Sie verstchert . . . + +QUESTENBERG. Ein Mann ein Wort! + +V. ZITTERWITZ. Mein Gott, was thut man nicht um das Seinige zu retten +und einen guten lieben Freund dazu, selbst ohne dem Fortschritt zu +huldigen! . . . Apropos, wie stünde es mit den Zinsen, im Falle . . . + +QUESTENBERG. Mir kommt's auf sechs Procente nicht an. + +V. ZITTERWITZ (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, so zu sagen, +auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, könnte auch wohl zehn +Procentlein verdienen? + +QUESTENBERG. Ich geize nicht und verspreche-- + +V. ZITTERWITZ. Sagen Sie nur gleich funfzehn . . . + +QUESTENBERG. Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, ich verspreche +Ihnen . . . + +V. ZITTERWITZ. Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . das wird morgen +schriftlich abgemacht. + +QUESTENBERG. Nach Ihrem Wunsch. + +V. ZITTERWITZ. Es ist schon spät, man erwartet mich zum Nachtessen . . . +(Er nimmt Stock und Hut und will gehen. An der Thüre bleibt er sinnend +stehn.) Der fatale Lärm an der Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die +Zweifel der Gläubiger zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten +Credit . . . anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine 150,000 +Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen auf die Lippen +eines Verschmachtenden . . . Verhält es sich nicht so? Wie lange füttert +mein Capitälchen Ihre eisernen Riesen satt? + +QUESTENBERG. Etwa acht bis vierzehn Tage. + +V. ZITTERWITZ (ironisch). Ein großer Spielraum zur Abkühlung der Köpfe +unsrer Geldmänner. + +QUESTENBERG. Sieht man morgen, übermorgen und nachübermorgen das Feuer +meiner Maschinen lustig brennen, so wird man sich in den Glauben +ergeben, daß es nur brodneidische Verläumdungen oder falsche +Speculationen gewisser Leute waren, die-- + +V. ZITTERWITZ. Sie kennen von der Art gewisse Leute? + +QUESTENBERG. Vorzüglich einen--er steht mir sehr nahe und spielt den +Scheinheiligen unübertrefflich. + +V. ZITTERWITZ. Ich halte Herrn Blashammer für einen kalten, ruhigen, +überlegenden, braven Banquier. Er war der Einzige, welcher sich heute +ganz still verhielt. Man bestürmte ihn um seine Meinung, allein er wich +der gewitztesten Zunge aus. . . Blashammer verdiente nach meiner +Ueberzeugung in unserm Bunde der dritte zu werden. + +QUESTENBERG. Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen. + +V. ZITTERWITZ. Ich meine es anders . . . Der Banquier hat eine +heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen Sohn. . . . + +QUESTENBERG. Der noch nichts ist. . . + +V. ZITTERWITZ. Aber etwas werden kann! Bestand er doch das beste +juristische Examen. + +QUESTENBERG. Ich hege längst ein Project der Art, nur weiß ich's nicht +auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier jetzt einen Heirathsantrag, so +fühlt er Absicht und weist mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die +Ohnmacht meiner Lage-- + +V. ZITTERWITZ. Ihnen kostet's keine Ueberwindung einen Mann zu +verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, gegen den Sie unfähig sind, den +schwächsten Beweis zu liefern!!. Ich versprach Ihnen mein letztes Geld +und bin bereit noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. Der +Banquier darf uns nicht widerstehen. + +QUESTENBERG. Ich lege Glück und Unglück in Ihre Hand. + +V. ZITTERWITZ. Schicken Sie durch den Telegraphen eine Depesche über +Paris nach London, mit dem Befehl schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn +Sohn, und . . . + +QUESTENBERG. Er kam bereits gestern an. + +V. ZITTERWITZ. Um so besser! Aber aus welcher Ursache? es erstaunt +mich . . . + +QUESTENBERG. Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich fast so viel als ich +morgen von Ihnen borge. + +V. ZITTERWITZ. Die großen Städte sind das Verderben unserer Jugend. Wehe +dem Vater, der dort ein Kind zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, +Wollüstling oder hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl. + +QUESTENBERG. Noch ein Wort . . . Mir fällt ein Mittel in den Sinn--'s +ist durchaus nicht zu kühn . . . Wenn ich übermorgen oder spätestens +Sonntag ein recht großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf +Tausend Thaler-- + +V. ZITTERWITZ (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger sollen kommen +und beschämt sich fragen, woher der Luxus, die Verschwendung, das üppige +Leben? Will er uns damit antworten? Wer bezahlt die einhundert und +funfzig Musikanten-- + +QUESTENBERG. Die sechzig Köche und Kellner-- + +V. ZITTERWITZ. Die sechs Tausend chinesischen Lampen? Oder wer liefert +auf Borg die Meerkrebse-- + +QUESTENBERG. Die Fasanen-- + +V. ZITTERWITZ. Die Schildkröten-- + +QUESTENBERG. Die Vogelnestern und Austern-- + +V. ZITTERWITZ. Die zweihundert Flaschen Champagner, Muskatweine, das +Porter Bier-- + +QUESTENBERG. Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, den +Mokka-Caffee-- + +V. ZITTERWITZ. Da wir ihm den Credit versagten-- + +QUESTENBERG. Wir großmächtigen Männer der Börse?! + +V. ZITTERWITZ. Wer wagt das brillante Feuerwerk abzubrennen?-- + +QUESTENBERG. Wer engagirt das Pistolenschießen und Kegelschieben, den +Tanz im Garten und den Tanz im Salon, und alle köstlichen Decorationen? + +V. ZITTERWITZ. Wer leiht seine Stimme zum Singen schwärmerischer Lieder, +zum Vortrag moralischer Schulreden, zur Declamation launenvoller +kindlicher Gedichte?----Meiner Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß +sie mir nicht einfiel!--Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich gehe +für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es müßten höllische Dinge +uns entgegentreten, wenn wir nicht Sonntag mit Fräulein Börse seine +Verlobung feierten!--Man soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den +letzten Moment wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck ist +moralisch, er heiligt die Mittel--Auf morgen das Nähere, will's Gott. + +QUESTENBERG. Empfehlen Sie mich Ihrer werthen Familie. + + + +Zweite Scene. + + +QUESTENBERG (allein). Der alte Sünder! Ich zählte auf ihn am wenigsten +und er wird zum tugendhaften Manne an mir! . . . Wäre doch jeder +Gläubiger so geizig, liebte die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, +und ich hätte keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir +Gewissensscrupel zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß kein edlerer +Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich den letzten +verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . (Er setzt sich nieder +zum Schreiben.) + + + +Dritte Scene. + +QUESTENBERG. SEIN SOHN. (Derselbe in gelbem Schlafrock von Seide mit +reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen und einer blauen mit Silber +brodirten griechischen Mütze.) + + +DER DOCTOR. Verzeihung, Herr Papa, daß ich in Ihr Heiligthum eindringe. + +QUESTENBERG. Was giebt's denn? + +DER DOCTOR. Nichts als Begehr Sie zu sehn. + +QUESTENBERG. Ich komme. + +DER DOCTOR. Mit Bestimmtheit? + +QUESTENBERG. Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen. + +DER DOCTOR. Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine Minute Zeit! Wir waren +seit Jahren getrennt, kaum hießen Sie mich willkommen--'s ist hart!--Ich +hoffte Ihre alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu +können--aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen unnütz in +Ihrem Hause fühlen. + +QUESTENBERG (schreibend). Wisse nicht was Du hier sollst, ich--dem +Modelleur 5400--ich hege kein Bedürfniß nach einem--für rafinirtes +Brennöhl 80--nach einem Gesellschafter von Deiner Art. + +DER DOCTOR. Nicht fein!--Warum zwangen Sie mich denn London zu +verlassen? + +QUESTENBERG. Weil ich nicht länger zahlen kann . . . 9000 +Theertonnen--Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen? + +DER DOCTOR. Ich? + +QUESTENBERG. Du . . . 2 Schock Gerüstbretter-- + +DER DOCTOR. Lust? nein. + +QUESTENBERG. Du möchtest wohl immer ledig bleiben, und in der Welt +umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen? + +DER DOCTOR (mit Malice). Warum nicht! ich finde es würdiger als hier +unter vergitterten Thüren und Fenstern den Judas von allem Schönen und +Sittlichen zu spielen. + +QUESTENBERG. Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle 11,000--der Seide +20,000--Es hilft Dir nichts, Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . . + +DER DOCTOR. Müssen? + +QUESTENBERG. 11,000,--20,000,--5000,--und 1500 macht--macht 37,500 . . . + +DER DOCTOR. Das heißt also, Sie wünschen nicht mehr für mich zu +bezahlen. + +QUESTENBERG. Du wurdest ja schon ein alter Kerl! Warum sollte ich Dich +noch lange bei mir auf der Bärenhaut halten! + +DER DOCTOR. Schön. + +QUESTENBERG. Nicht wahr? + +DER DOCTOR.----Ich werde mich denn vermählen . . . Sie haben vielleicht +eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag zu bringen? + +QUESTENBERG. Fräulein Blashammer. + +DER DOCTOR. Ah gratulire! (für sich schaudernd) Brrr . . . + +QUESTENBERG. Ein Mädchen von vielseitigster Bildung. + +DER DOCTOR. (wiederholt sein Brrr). + +QUESTENBERG. Sie spielt Beethoven und singt Schubert, spricht fertig +französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt sich für +Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für Naturwissenschaft--dichtet +Liebeslieder und Trinksprüche, verfertigt Oden und Sonnette, steht mit +bekannten Professoren in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich +nicht irre, sogar Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht +auf und tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung? + +DER DOCTOR. Darf ich eine äußern? + +QUESTENBERG. Ich bitte. + +DER DOCTOR. Vor einer gelehrten Frau flieh' ich Meilen weit. + +QUESTENBERG. Du, ein Doctor, ein Philosoph?!--Ah, thu' man den Schlimmen +etwas Gutes! Ich dachte, da kommen einmal zwei von einem Schlage +zusammen und freute mich wie ein Kind . . . Sapperment! + +DER DOCTOR. Sie hätten keine Rücksicht auf meinen Charakter nehmen, +sondern nach Ihrem innersten Geschmacke wählen sollen, folglich ein +Mädchen, welches Sinn für das Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche +schaltet, Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst +Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, Unschuld, +Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . Ich bin bescheiden, +Herr Papa--auf jedem Dorf prangt in herrlichster Bluthe mein Glück! + +QUESTENBERG. Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig oder aus +Vernunft so verrückt. + +DER DOCTOR. Ein andermal die Fortsetzung. (Er legt ein Buch, welches er +in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) Dieses Buch brachte ich für +Sie aus Paris mit. 's ist die berühmte Schutzzollrede Ihres +Gesinnungsgenossen. Der Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. +Möge die Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie seit +meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.) + +QUESTENBERG. Der Regierungsrath sagte mit Recht, die großen Städte +seien das Verderben unserer Jugend. (ab nach einer andern Seite.) + + + + +Abtheilung II. + +Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im Hintergrund +steht ein Modell. + + +Vierte Scene. + +ALBERT tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt von +KLAUS. + + +KLAUS. Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, daß er Dich mit +einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet? + +ALBERT. Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden täglich von der +Arbeit schenkt . . . + +KLAUS. Welche Gnade! + +ALBERT. Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den strebenden Geist des +gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt? + +KLAUS. Hätte ich Deine Finger--ah, ich säß' längst in Paris oder London +und scharrte das Geld haufenweis, ungezählt . . . + +ALBERT. Es klingt, als giebt's in Paris oder London keine Leute die +fähiger und geschickter sind als ich . . . Man muß Deine Einfalt +aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie in der Chemie? Was verstehen Sie +von der Mathematik? Welche Principien leiten Sie in der +Constructionslehre? Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der +Akademie--Machten Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten +Europa's? . . Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen +machen! . . . Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene +Gerechtigkeit, aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, +sobald ich ein Verdienst besitze. + +KLAUS. Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich Dir eine Stellung von +hundert Thaler monatlichem Einkommen verschaffe? + +ALBERT. Hier? + +KLAUS. Nein hier nicht. Wir wandern aus. In London gehe ich mit Deinem +Modell zu irgend einem großen Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen +Bedenken leiht er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben +und wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, so finden +wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten besten Straße. + +ALBERT. Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich würde gute Geschäfte +mit Dir machen. + +KLAUS. So viel las ich aus Zeitungen und Büchern zusammen, daß das +Talent in jenen freien Ländern schneller zu etwas kommt. + +ALBERT. Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran. + +KLAUS. Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . . + +ALBERT. Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich für mich habe. + +KLAUS. Weißt Du, weshalb der Questenberg den Mechanikern den Verfertiger +der Skizzen und des Modelle verschweigt? . . Er will ihn vor seinen +eifersüchtigen Concurrenten verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit +erhalten. + +ALBERT. Du denkst schlecht von unserm Herrn. + +KLAUS. Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell--ich helfe daran so +gut ich kann--miethen in der Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und +machen mit großer Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig +für alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung von +unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, der in +halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen leistet. Zu sehen +täglich und stündlich. Entrée fünf Silbergroschen. + +ALBERT. Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde. + +KLAUS. Hole ihn doch der--Ehe wir das Modell ausstellen, schicken wir's +nebst Zeichnung an die Regierung ab. Dieselbe läßt es von +Sachverständigen prüfen. Wird die Erfindung anerkannt, so erhalten wir +ein Patent. Dann darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu +entschädigen. An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! Du sollst +sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern herbeiströmen und den großen +Fortschritt des neuen Jaquard begrüßen. + +ALBERT. Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf. + +KLAUS. Es fördert unsern Zweck! + +ALBERT. Ich schätze die Erfindung gering.--Und gehörte sie mir allein, +so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; Herrn Questenberg und seinen +gelehrten Technikern gebührt das größere Verdienst . . . + +KLAUS (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen. + +ALBERT. . . . Es gereicht mir zur Beruhigung, meine Idee benutzt zu +sehen; ich fühle mich von keinem falschen Wahn irre geleitet; was ich +erstrebe ist meiner Begabung gemäß; mit Recht darf ich ausharren und +meinen Durst nach Vervollkommnung löschen . . . + +KLAUS. Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an Brod; Du willst +lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet!--Wohin Dich die +falsche Bescheidenheit führt!--Elender Sclav', richte Dich empor, +erkenne wo Du bist und zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch +ich habe zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen macht, gute +fromme Leute zum Schlechten zu verleiten.-- + +ALBERT. Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, aber lass' mich der +Meister meines Geschickes bleiben. + +KLAUS. Der warst Du noch nie, werde es erst!--Begreife den allmächtigen +Sinn, welcher die alte Welt im innersten Wesen erschüttert und um und um +geworfen hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände und +Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; 's ist klar wie das +Einmaleins!--Wetze Dein Schwert und zerhaue den Knoten, folge meinem +Rath!--O besäßest Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf ich mich hinter +Deinem Talente nicht verkriechen. + +ALBERT. Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer Banquier verloren ging. + +KLAUS. Sage, ein zweiter Rothschild. + +ALBERT. Geld und nur Geld ist Deine Losung. + +KLAUS. Zunächst nichts weiter. + +ALBERT. Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr einer Million? + +KLAUS. Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, eine blaue +Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll als der junge Doctor aus +der Fremde mitgebracht hat,--Du sahst ihn doch schon in diesem Anzug? + +ALBERT. Nein. + +KLAUS. Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich geblendet.--Ich +begegnete ihn mit seinem neufundländischen Hunde in der Allee. Nach +Gebühr zog ich die Mütze,--indeß der Dank wurde mir von dem Herrn wie +von dem unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . . + +MARIE (singt draußen). + +KLAUS. Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, ja, da sitzt der Haase im +Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei süß schmecken und die Wahrheit verläugnet +werden. Pah, ich verstehe Dich längst, Albert--mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch aus +der Tasche und lies't.) "Der erste Satz lautet so: Der Mensch ist +geboren um zu leben. Das Leben besteht in der Befriedigung unserer +Bedürfnisse" . . . + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. MARIE. + + +ALBERT. Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß Dich Gott! + +MARIE. Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören. + +KLAUS. Bitte sehr, Jungfer--es handelt sich um höchst einfältige Fragen. + +MARIE. Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen? + +KLAUS. Wenn's Ihnen beliebt.-- + +ALBERT (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung dienen. + +MARIE. Traun, dann hört! Ich halte für besser, daß Ihr an Eure Arbeit +denkt. + +KLAUS. Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns doch so viel nicht +schaden. + +MARIE. Was Ihr Licht nennt!--Schweigen Sie nur, Klaus! Wer ein +ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst für einen guten Rock, dann +meinetwegen für einen Ministerposten . . . O, Sie wollen hoch hinaus! +Glück zu! + +KLAUS. Ihre Vorwürfe sind ungerecht. + +ALBERT. Was bringt Dich so auf?! + +MARIE. 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an Klaus Geschmack +findest-- + +KLAUS. He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er nicht an mir Geschmack +finden? Die Beweise, Jungfer, oder--Sturm und Hagel! . . . + +MARIE. Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister nicht aufdecke! + +KLAUS. Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen als +Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der Ihre liebreizende +Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen Albert, in keinem besonders +günstigen Lichte darstellt. + +MARIE. Das wäre abscheuliche Verläumdung. + +KLAUS. Wohl in gewisser Beziehung,--denn ein Spiegel reflectirt alles +verkehrt. + +MARIE. Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen? + +KLAUS. So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie. + +MARIE. Ueberflüssig!--Heraus damit. + +KLAUS (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es möchte Ihnen +bei Jemand einen Meineid kosten-- + +MARIE. Abscheulicher!--Du duldest das, Albert? Weis' ihm doch gleich die +Thür, schütze mich! + +KLAUS. Ich gehe schon, Jungfer. + +ALBERT. Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist ja sein Lästermaul +bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . . + +KLAUS. Leb' wohl Kamerad! . . . + +ALBERT wendet ihm den Rücken. + +KLAUS. Hi, hi, hi,--könnt ich mich aus einer Kanone dem Herrn +Questenberg in's Herz schießen, so thät' ich's. Für Dich bin ich im +Stande alles, selbst mein Leben, zu verwetten!----Apropos! Ich vergaß +der Jungfer eine gar wichtige Neuigkeit zu melden-- + +MARIE. Packen Sie sich nur, Elender. + +KLAUS. Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor Questenberg als ein +sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. Die Jungfer wird sich an ihm +die Augen versehn! + +MARIE. Pfui. + +KLAUS. Hi, hi, hi, hiermit Adieu. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +MARIE (nach einer Pause).----Ihr bracht verlegen das Gespräch ab als ich +in die Stube trat, wovon war die Rede? + +ALBERT. Du kennst seine Absichten, er sang mir das alte Lied. + +MARIE. Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, Du schenkst seinem +Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm an! Der Wahrheit die Ehre!--Es +steht alles auf Deinem bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich +Dir ein Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die sich +nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs Jahr! Traun, 's +ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. Albert, ich bin bereit, mich Deinen +Träumen zu opfern! + +ALBERT. Meinen Träumen!? + +MARIE. Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente Ueberzeugung, beseelte +ihn der Wunsch, etwas Gutes aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für +Dich gesorgt. In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl +kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der König nähme +Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche Kosten in den Akademieen +ausgebildet, nach allen berühmten Werkstätten der Industrie geschickt +und nach überstandener Prüfung in einem Etablissement des Staates +untergebracht. . . Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, ohne Rath +treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde Wüste unaussprechbarer +Qual--Albert, Albert, das gelobte Land ist weit, Du wirst sterben ohne +es von ferne zu sehen. + +ALBERT. Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, noch Herrn +Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich aufrichtig-- + +MARIE. Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel Dich selber kuriren +sollest-- + +ALBERT. Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst den Glauben an +meinen Beruf! 's ist das einzige Band, welches mit der Gottheit mich +verbindet, welches mir sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das +beschränkte Thier. + +MARIE. So schwärmt Klaus. + +ALBERT. O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im Busen brennt. + +MARIE. Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten leiten. Liebe den +Webestuhl, doch arbeite, statt für die Vervollkommnung seines +Mechanismus, für die Erhöhung Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum +Techniker geboren.--Sieh, unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in +die Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer auf der +untersten Stufe und kannst Dir selber kaum helfen, während er bereits +Dreien hilft, und mit zufriedenem Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit +begehrt der Bescheidene? Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen +Herr . . . Schwöre den Wahn ab!--Kannst du noch zweifeln? + +ALBERT. Höre auf davon. + +MARIE. Ich will Dich weder mit List noch Gewalt an mich +fesseln!--Erfahre was meine Mutter beschloß: Du sollst unser Haus +räumen; die Umstände gebieten's!--Keine entsetzte Miene! Zittre nicht! +Schnüre das Bündel, schleiche Dich heimlich weg!--Es dauert nicht lange +und die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab.--Schon morgen wird +ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner Seele brechen; Du wirst das +Truggebilde der Freiheit begrüßen als Erlöserin, und im Dunkel der +Zukunft die flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth besitzt! Geh' ohne +Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend nicht, eben so wenig meinen +beleidigten guten Ruf.--Mir geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel +und mein Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe der +Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und zehrte +schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum harrte ich von einem +Monate, von einem Jahre zum andern in sündhafter Geduld, Dir feige +verschweigend meine Pein?! + +ALBERT. Erbarmen! + +MARIE.--Du bist rein wie der Festglocke feierlicher Ton!--Geh' nur hin, +verhalle, mein Gebet folgt Dir nach! (Sie will gehen.) + +ALBERT. Bleib' Marie. + +MARIE. Was wünschest Du noch? + +ALBERT. Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. Es läßt sich +voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter Laune ist. Wenn ich zu ihm +ginge? Vielleicht will's der Himmel--Sollte er nicht durch die +Darstellung unserer Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . . + +MARIE. Versuch's. + +ALBERT. Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das Wort. Er legt schnell +einen Rock an). + +MARIE. Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin!--Fahre hin gekränkter +Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! +Kürze die schreckliche Zeit der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, +male unser Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine--O, nicht alle +Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, Albert! + +ALBERT (macht einen Wink nach oben und geht). + +MARIE (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach). + + + + +Zweiter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vorzimmer zum großen Festsaal. + + + +Erste Scene. + +ALBERT. QUESTENBERG mit vielen Orden auf der Brust, sitzt nachdenklich +in einem Lehnstuhl. + + +QUESTENBERG (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet?--Du sprachst +von Deiner Braut als wäre sie Dir eine Last.-- + +ALBERT. Um Entschuldigung-- + +QUESTENBERG. Du thatst Aeußerungen, die darauf schließen lassen.--Doch +sei dem wie ihm wolle, sie ist es, welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, +ja! Und was bemerktest Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern-- + +ALBERT. Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen. + +QUESTENBERG (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus dem Cabinet das +große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. (Bedienter ab.) Ich bestimme es +Dir zur Vorschule im Aufreißen der Maschinen. 's ist das populärste und +beste unseres Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction mir die +klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das Buch und händigt +es nach dem Winke Questenberg's dem Albert ein, der's schüchtern +aufschlägt.) + +ALBERT (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf alle diese +Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir! + +QUESTENBERG. 's ist ein reicher Schatz. + +ALBERT. O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen. + +QUESTENBERG. Nur mit Geduld erwirbt man sich das lautere Gold dieses +schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du wirst darüber die thörichten +Heirathsgedanken in den Hintergrund schieben. + +ALBERT. Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, drei Monate nur, das +Buch durchübe--länger darf mir sein Inhalt nicht fremd bleiben--werde +ich's dann wagen können zu bitten-- + +QUESTENBERG (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir untersuchen wie weit +dasselbe Dein Eigen ward. + +ALBERT. So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen bin ich zu +schwach!--(Er macht eine Bewegung als wollte er's wegwerfen.) + +QUESTENBERG (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). Bedenk' Er +Grobian, wo Er sich befindet und was seine Schuldigkeit ist. + +ALBERT. Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz! + +QUESTENBERG. (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein unreifer Bursche +Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne giebt. Ein bischen Scherzen +und Küssen, denkt er, kann nicht viel auf sich haben, nütze die billige +Gelegenheit. Das geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten +und er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, wie's +nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an ein altes Versprechen +erinnernd; es handelt sich in die Fremde zu gehen, die Welt kennen zu +lernen, nützliche Erfahrungen zu sammeln.--Mein Herr Springinsfeld zieht +jetzt verlegen das Gesicht: "ich hielte schon Wort, könnte man den +Schatz nur in's Tornister packen."--Ade Begeisterung zur tüchtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade Talent, ade +Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe des hoffnungsvollen Jünglings +müssen vor dem Gestirn seiner Liebe untergehn!--Wie alt bist Du? + +ALBERT. Sieben und zwanzig Jahr. + +QUESTENBERG. Ein erstaunliches Alter! "Mein Gott, man ist so allein in +der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne Pflege, ohne Stütze und was das +entmuthigendste, man quält sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch +zu etwas bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den +täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!" Diese +Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes Herz gefangen.--O ich +kenne das! 's ist zu beseligend auf der untersten Stufe des Erwerbes +stehen zu bleiben! Welche Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der +erschöpfenden Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt in ein +blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, in der unerbaulichen +Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, kommt Dir mürrisch oder +vorwurfsvoll entgegen. Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses +und jenes und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: "Mehr, mehr, Du +giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, ich weiß wo +das Geld bleibt" . . . Sie schilt Dich einen Säufer und untersucht Dir +verzweifelt die Taschen.--Dieser Zustand mag im Sommer noch golden +sein,--aber im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz und +auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß ringt dem kurzen Tage +kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. Die Zukunft muß verpfändet werden. +Schulden über Schulden häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die +Thätigkeit stockt, die Löhne werden herabgesetzt.--Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie stellen einen +Termin, bis dahin und nicht weiter.--Ein Gerichtsdiener! O Himmel! der +elende Kram des Hausrath's muß fort. "Seht wo ihr die Kinder bettet." +"Was verschuldeten doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh in der +Kälte nicht schlafen!" Keine Gnade!--Die schlechte Nahrung und das +ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. Der Vater im Schuldthurm, die +Mutter von Haus zu Haus bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe +hilflos unter verriegelter Pforte!--Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' nach Hause. + +ALBERT. Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn keine tröstende +Hoffnung überbringen!? + +QUESTENBERG. Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht genug!--Ich soll +helfen, daß Dein schönes Talent sich im Keime zerstöre? Da müßt' ich +kein Mann von Gewissen sein! (Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne +fahren, versteht Er, Herr Pinsel? + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. V. ZITTERWITZ. + + +V. ZITTERWITZ. Wir stören doch nicht? + +QUESTENBERG. Durchaus nicht, Herr Regierungsrath.--Haben Sie nur die +Güte näher zu treten. + +V. ZITTERWITZ. Es ging etwas laut her? + +QUESTENBERG. Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath setzt sich, zieht +seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Mußte eine moralische Lection ausgetheilt werden? + +QUESTENBERG. Leider! (heimlich) Was halten Sie von dem Menschen? + +V. ZITTERWITZ. Hum, ich bin durchaus kein Kenner des gemeinen Mannes, +aber ich würde mich an Ihrer Stelle mit dem Subjekte keine fünf Minuten +befassen . . . (Er betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig +hoffnungsvoll vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den +Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen Leute, +die Eigenthum für Diebstahl halten. + +QUESTENBERG. Er gehört zu den Socialisten. + +V. ZITTERWITZ. Die träumerischen Augen und der schlaue Zug um den Mund +verrathen's. Ha, könnte ich wie ich wollte! Man lies't es sprechend von +seiner Stirne. Wehe uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich +entfesselt! + +QUESTENBERG. Es kommt hoffentlich niemals dahin. + +V. ZITTERWITZ. Man kann nicht wissen.--Die Staatsmänner entwickeln noch +zu wenig Energie, sie haben ein feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit +der Wurzel auszureuten. + +QUESTENBERG. Was wird denn versäumt? + +V. ZITTERWITZ. Ich will die Meinung für mich behalten.--Stünd's in +meiner Macht, so müßte der famose Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein +starker Aderlaß oder etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die +Demagogenhitze vertreiben. + +QUESTENBERG. 's ist der Meister, auf den Sie Ihre letzten Hunderttausend +zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen. + +V. ZITTERWITZ (ungläubig vom Stuhle aufspringend).----Natur deine Launen +sind schrecklich! An welche Gestalten verschwendest du deine höchsten +Güter!--Was bemerkt doch Göthe darüber--ich glaub' 's ist der alte +Papa--oder ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean +Paul! . . . (Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein +paar Groschen bei mir--es drängt mich meine schiefe Meinung . . . + +QUESTENBERG. Bemühen Sie sich nicht, ich bitte. + +V. ZITTERWITZ. Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam zur Ermunterung, +schweigend in die Hand drücken? Ah so, so, so--Sie waren ja mit ihm in +Unfrieden, 's ist unpassend . . . + +QUESTENBERG. Er hat's nicht verdient. + +V. ZITTERWITZ. Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . . + +QUESTENBERG (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin meinen Befehl? +(Albert zögert als wollte er noch etwas sagen und geht dann ab.) + +V. ZITTERWITZ. Jaquard war auch nichts mehr als ein Arbeiter! Jesus +Christus, der Verkünder unserer erhabenen Religion, wurde in einer +Krippe geboren.--Fangen wir mit Johannes Guttenberg und dem schlichten +Bergmannssohne von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher +Wohlthäter entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie brachten +die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der Entwickelung, daß jeder +ächt wissenschaftliche Anhänger der Geschichte sich darob vor Erstaunen +gleichsam mit einem Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', +ich rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, würde +mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen neuen Heiligen +zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! Ja, ja, ja! Giebt man dem +Buben ein hübsches Taschengeld, eine bequeme Wohnung, täglich einen +guten Braten, so schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um.--Statt +mit seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird faul, +eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt er als +Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre Wohlthaten mit +Nackenschlägen!----Doch was ich Ihnen noch schnell mittheilen +wollte--Ich sprach eben auf der Börse mit Blashammer . . . + +QUESTENBERG. Wird er kommen? + +V. ZITTERWITZ. Zur angesagten Stunde. Er schenkt Ihnen hohe +Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum. + +QUESTENBERG. Nun? + +V. ZITTERWITZ. Er hat expreß den alten langen Rock mit einem neuen +vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare verschneiden und sogar +brennen! + +QUESTENBERG. Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's einer Audienz beim +durchreisenden Finanzminister galt. + +V. ZITTERWITZ. Und was ihm die Krone aufsetzt, er wird eine Rede halten, +die Ihnen Lob und Vertrauen spendet. + +QUESTENBERG. Unmöglich! + +V. ZITTERWITZ. Wenn die Stummen anfangen, müssen die Schreihälse sich +verkriechen. + +QUESTENBERG. Begannen Sie die Propaganda schon in Bezug . . . + +V. ZITTERWITZ. Einige Brocken streute ich aus.--Sein Gesicht verzog +sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln zu wollen . . . +Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner ausgestochen, nehme ich ihn +herzhaft in die Schmiede.--Meinen Eid, die Verlobung soll noch vor +Mitternacht zu Stande kommen!--Ein verschwiegener Kupferstecher mußte +mir schon die schönsten Karten drucken--Sehen Sie da! (Er zeigt ihm ein +Päckchen Karten.) + +QUESTENBERG (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor Questenberg, +Verlobte. + +V. ZITTERWITZ. Gefällt die feine Schrift? + +QUESTENBERG. (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche ich jemals +sah. (ZWEI DIENER ziehen die Vorhänge der breiten Mittelthür fort. Man +blickt frei in den Festsaal, wo an einer langen reich besetzten Tafel +die Herren und Damen stehn.) + +V. ZITTERWITZ. Welche reiche Zahl! + +QUESTENBERG (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden nur, so innig +eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen. + + + +Dritte Scene. + +DIE GÄSTE. V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +QUESTENBERG (einigen der Reihe nach die Hand drückend). Willkommen von +Herzensgrund.--Hab' ich einen Wunsch noch zu dem Glück, daß Sie mir +bereiten', so ist es der, gefälligst fürlieb zu nehmen. + +V. ZITTERWITZ. Willkommen schönes Fräulein Adelgunde.--Was macht die +traute Freundin Pipi? + +QUESTENBERG. Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß der Herr Gemahl +bettlägerig wurde--ach! der arme Mann nimmt's mit seiner Amtspflicht zu +scharf! + +V. ZITTERWITZ (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie meine Reverenz, +lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister verbeugt sich tief). + +QUESTENBERG. Und nun vergessen wir doch die warme Suppe nicht . . . +Willkommen, willkommen mein braver von Gnadenbrod.--Noch immer +lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen Kriege? . . . Was macht der +Fuß des braunen Wallach's mein Graf von Halleluja?--Freut mich, freut +mich! + + + +Vierte Scene. + +DIE VORIGEN. EIN SÄNGER in feiner Toilette. + + +DER SÄNGER. Was ist des Deutschen beste Kunst? (JUNGE LEUTE an der Tafel +unten lachen und rufen: bravo, bravo!) + +V. ZITTERWITZ. Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, was versteht man +darunter? + +BLASHAMMER (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu Hand ging). Ich +meines Theils denke, es ist die Eßkunst.--Stimmen Sie mir gefälligst +bei, ich bitte . . . + +V. ZITTERWITZ. Das sind ausländische Krebse? Ah ich aß sie einst in +Paris _en cabinet particulier_ mit einer allerliebsten _Etudiante du +quartier latin_ . . . Schein und Duft wässern den Gaumen . . . . +(Nachdem er sich bedient und den Teller weiter gereicht zum Doctor): Den +jungen Naseweisen da unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen +auch? + +DER DOCTOR. Freilich. + +V. ZITTERWITZ. Und es enthält nichts Anstößiges, was Männer von +staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen kann? + +DER DOCTOR. Ich bürge Ihnen.-- + +V. ZITTERWITZ (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken? + +BLASHAMMER. Wir haben des Traurigen schon in Hülle und Fülle. Ich würde +für ein Lied stimmen, das die Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als +zum Beispiel: (singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, +Lämmerstraß' . . . oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir +die Leut' nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des "Deutschen beste +Kunst" von diesem Genre, lieber Doctor? + +DER DOCTOR. Hum, sie dient beiden Extremen unserer Stimmung.--Der +Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . . + +BLASHAMMER. So werden wir vielleicht das Glück haben, neutral zu +bleiben, denn ich weiß nicht in welcher Stimmung ich bin! + +V. ZITTERWITZ. Meiner Seel', ich auch nicht . . . + +DER DOCTOR (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied fließt aus meiner +Feder, hi, hi, hi . . . . + +V. ZITTERWITZ (lachend). Eia, popeia! + +BLASHAMMER. Was säuselte er Ihnen in's Ohr? + +DER DOCTOR. Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen. + +V. ZITTERWITZ. Wir müssen Partei ergreifen, Herr Blashammer . . . Sie +werden lachen, indessen ich Thränen vergieße . . . Der junge Doctor ist +auch ein Poet! hi, hi, hi, hi . . . (Der DOCTOR giebt einen Wink zum +Anfang). + + DER SÄNGER (mit Orchesterbegleitung). + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In jedem Herzen wiedertönt, + Zur Einheit Jung und Alt versöhnt? + O halte ein! + Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + Den Schwachen schützt, den Starken wehrt, + Des Heilands Worte frömmig ehrt? + O halte ein! + Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst, + In Land und Stadt der Leute Fleiß + Zum Ziel des Heils zu lenken weiß? + O halte ein! + Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Das Recht verklärt, den Geist erhebt, + Die Menschheit zu vergöttern strebt? + O halte ein! + Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + Die, welche frei von Schwulst und Dunst + Die Sitte lenkt, das Leben führt + Und jede Handlung edel ziert? + O halte ein! + Sie kann es schon gewiß nicht sein. + + Was ist des Deutschen beste Kunst? + So nennt sie endlich mit Vergunst! + Es ist doch nicht die Niedertracht, + Wo feig der Schalk sich selbst belacht! + O halte ein! + Sie kann es nie von Herzen sein. + + Sie kann es nie von Herzen sein, + O Gott vom Himmel sieh' darein + Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft: + Es falle ihre Meisterschaft! + O stimmet ein, + So soll es und so wird es sein. + + + +Fünfte Scene. + +Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der Essenden, die +klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt V. ZITTERWITZ zum +DOCTOR: + + +V. ZITTERWITZ. Das schöne Lied scheint gewirkt zu haben! In welchem +Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster Inhalt zu der werthen +Persönlichkeit des jovialen, flotten, koketten Ritters der modernen +Galanterie? + +DER DOCTOR. In keinem. + +V. ZITTERWITZ. Sie nehmen mir die harmlose Frage nicht übel. Ihr "leben +und leben lassen", Ihre geniale Lüderlichkeit und ästhetische Bummelei, +mit Permission gesagt-- + +DER DOCTOR. (lachend mit einer Verbeugung) Höchst schmeichelhaft . . . . + +V. ZITTERWITZ.--ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen einen +Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht. + +DER DOCTOR. Betrachten Sie alle großen Worthelden unserer Zeit, zum +Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet dasselbe Problem. (BLASHAMMER +erhebt sich mit einem Becher.) + +V. ZITTERWITZ. Soll's schon losgehen? + +BLASHAMMER. . . . Meine Herrschaften, wer uns so splendid bewirthet, hat +gewiß kein falsches Spiel im Sinne, nein! so wahr ich das Leben und +Treiben unseres lieben Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die +Gerüchte waren, welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen ihn +in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der Lügenbrut! Heben +wir uns im Vollgenuß des schönen Festes über alle Gerüchte mit dem U E +geschrieben hinweg und beweisen dem edlen Verdächtigten durch die +innigste Theilnahme an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere +ungeheuchelte Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit! + +QUESTENBERG setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und Paukentusch, in +den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es bilden sich Gruppen. + +BLASHAMMER. Sie entschuldigen meine Ungeübtheit im Toastausbringen; das +Schicksal begünstigte meine Zunge zu wenig, um . . . (Das Geräusch +bringt ihn zum Schweigen. Im Vordergrunde trifft er mit ZITTERWITZ +zusammen.) + +V. ZITTERWITZ. Sehen Sie, welch' ein Urtheil man Ihnen fällt! Alle, ohne +Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten die Hand zu drücken. + +BLASHAMMER. Zum Schein. + +V. ZITTERWITZ (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen wirklich +verloren? + +BLASHAMMER. Ja . . . + +V. ZITTERWITZ (erbleicht und klammert sich an ihn). + +BLASHAMMER. Daß Sie ihm noch gestern in die Falle liefen! + +V. ZITTERWITZ (mit bebender, schwacher Stimme). Ich prüfte wohl, was ich +that. + +BLASHAMMER (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf Grund der großen +Erfindung. + +V. ZITTERWITZ. Ihnen ist bekannt . . . + +BLASHAMMER. Alles. + +V. ZITTERWITZ. Durch Spione und Bestechungen . . . Tod und Hölle! + +BLASHAMMER. Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß die glänzendsten +Experimente vorgemacht? Er stellte wohl auf der alten und neuen Maschine +zu gleicher Zeit Versuche an? . . . + +V. ZITTERWITZ. Da sah ich mit meinen beiden Augen-- + +BLASHAMMER. Blendwerk, Taschenspiel! + +V. ZITTERWITZ. Sie müssen falsch unterrichtet sein. + +BLASHAMMER. Ich besitze die Zeichnungen der Maschine--der Erfinder +selbst brachte sie mir in's Haus . . . + +V. ZITTERWITZ. So! + +BLASHAMMER. 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, ein gemeiner Arbeiter. +Ich zog die ersten Sachkenner des Orts in meinen Rath und sie alle +verwarfen das Project als gänzlich unpraktisch--Einige Versuche im +kleinen Maaßstabe, wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir das Leben +verbittert! + +V. ZITTERWITZ. Er ein Betrüger! + +BLASHAMMER. Der Mann weiß keinen andern Ausweg mehr, 's ist wahr, 's ist +wahr! man soll ihn eher bedauern als verachten, allein-- + +V. ZITTERWITZ. Wir können morgen in der nämlichen Lage sein und durch +eine Mahlzeit uns das Vertrauen der kalten Welt erkaufen wollen! + +BLASHAMMER. Allerdings. + +V. ZITTERWITZ. Sie werden meinen Questenberg nicht verlassen, nein?--Ah, +Sie machten mich nur zum Narren . . . + +BLASHAMMER. (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu etwas brauchen. +(laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn ich's gethan hätte? + +V. ZITTERWITZ. Warum nicht?--Schalk, Schalk, heraus mit der +Sprache . . . (BLASHAMMER lacht) Sie wollten meine Freundschaft zu +Questenberg wohl nur erproben-- + +BLASHAMMER. Und warnen, im Fall sie unächt ist. + +V. ZITTERWITZ. Im nämlichen Sinne brachten Sie den fatalen Toast aus? + +BLASHAMMER. (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß man mir einst +nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich dem jungen Doctor meine +Tochter vermählt. + +V. ZITTERWITZ. Aha! + +BLASHAMMER. Verstehen Sie? + +V. ZITTERWITZ. Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit oder +der größte Schlaukopf, welcher lebt. + +BLASHAMMER. Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann. + +V. ZITTERWITZ will noch etwas sagen, doch unterbricht er sich und eilt +zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken und zu folgen +scheint. + + + +Sechste Scene. + +BLASHAMMER. V. ZITTERWITZ. QUESTENBERG. + +(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.) + + +V. ZITTERWITZ (zu Questenberg bei Seite).--Gleichviel welche Absicht ihn +beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, kommt in Schach! + +QUESTENBERG. 's ist die letzte Partie! + +V. ZITTERWITZ. Hier, mein Herr Blashammer, unser Freund. Er fühlt sich +überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen.-- + +BLASHAMMER.--Du verstehst meinen Character, Dir ist bekannt, daß ich +alles rücksichtslos tadle, was . . . + +V. ZITTERWITZ. Betrachten wir die Sache als beigelegt. + +BLASHAMMER. Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; verlange mein +Geld, mein Gut und mein Blut, doch schone meine Ehre! + +V. ZITTERWITZ. Um von der Heirath zu sprechen-- + +BLASHAMMER. Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. Der Doctor ist ein +schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, erfahren und wie ich aus dem +Liede höre, auch wohl ein politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er +anzuschlagen versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit _comme il faut_ zu spielen, so +geht er in wenigen Jahren als Pair nach der Hauptstadt . . . Was fehlt +ihm dann für's Portefeuille eines Ministers? + +V. ZITTERWITZ. Sie hoffen mit Grund das Ansehn und den Ruhm Ihres Hauses +durch den interessanten jungen Mann zu vollenden. + +BLASHAMMER. Wohl that ich mir am üppigen Diner zu gütlich--gehen wir ein +bischen in's Freie. + +V. ZITTERWITZ. Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) Ich schicke Ihnen +den Doctor--nur Muth! (v. Zitterwitz mit Blashammer Arm in Arm ab). + + + +Siebente Scene. + + +QUESTENBERG. . . . Ich wette, daß Blashammer hinter die neue Erfindung +kam--anders wäre sein Betragen räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu +entthronen, mich zu seinem Commis zu machen,--wozu würde er sonst die +Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden und dem +Heirathsproject Beifall schenken? + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Was giebt's Papa? + +QUESTENBERG. Setze Dich zu mir. + +DER DOCTOR. Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, die Heirath wurde +glücklich zu Wasser. + +QUESTENBERG. Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich ihn bestimme ist meine +Schmach. + +DER DOCTOR. Wird's lange dauern, der Ball beginnt gleich. + +QUESTENBERG. Welche Dame wirst Du engagiren? + +DER DOCTOR. Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine schöne Gelegenheit ihn +zu necken. + +QUESTENBERG. Wirklich! + +DER DOCTOR. _Parole d'honneur!_ + +QUESTENBERG. Endlich räumst Du Deinem Vater das Feld! + +DER DOCTOR. _Fiat mundus, pereat justitia!_ Ergebe man sich dem Teufel +lieber heute als morgen, denn am Ende behält er doch Recht! . . . Wie +sehr wünschte ich nach innerster Neigung zu handeln, um idealisch +glücklich zu werden, indessen-- + +QUESTENBERG. Wo giebt's etwas Vollkommenes auf Erden! + +DER DOCTOR.--Ehe man aus diesen reichen Hallen des Glanzes und der +Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes hinabsteigt, ist's besser für ein +Fräulein Blashammer zu schwärmen, ist's besser einem großen tiefen +Beutel voll Geld als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern. + +QUESTENBERG (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen Komödie wär's +in der That, müßte ein Lebemann Deines Schlages plötzlich den grämlichen +Staatshämorrhoidarius spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich +bis über die Ohren im Actenstaube begraben! + +DER DOCTOR. Ich stürbe aus Gram! + +QUESTENBERG. Ach was geht darüber ein eigener Meister zu sein, den +Göttern der Fantasie und Laune stets huldigen zu können! + +DER DOCTOR. _Beati possedentes_ sagt der practische Römer; 's ist ein +Satz, den ich nicht umsonst studirt haben will. Dem Besitzenden dient +die ganze Welt; Kunst und Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach +Besitz und Du strebst nach dem höchsten Gut! + +QUESTENBERG. Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten Zeit. + +DER DOCTOR. Machten Sie mit dem Banquier bereits ab, wann die Hochzeit +stattfindet? + +QUESTENBERG. Noch nicht. + +DER DOCTOR. Aber in Betreff der Mitgift wurden Sie schon einig? + +QUESTENBERG. Auch noch nicht . . . + +DER DOCTOR (sich erstaunt stellend). Unmöglich! + +QUESTENBERG. Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit über den +wichtigen Punkt . . . + +DER DOCTOR. Eine fatale Geschichte das! + +QUESTENBERG. Wir müssen es schon in guter Hoffnung wagen . . . + +DER DOCTOR (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! (laut) Herr Papa! + +QUESTENBERG. Wie ich Dir sage. + +DER DOCTOR. So lange das Ziel im Trüben--kann sich der Doctor nicht +verlieben. + +QUESTENBERG. Ironischer Narr! + +DER DOCTOR. 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß den süßen Preis! + +QUESTENBERG. Mein Gott der Mensch wird wieder toll! (Musik.) + +DER DOCTOR. Verlangen Sie von mir ein Stücklein nach Gebühr. (Er will +fort.) Was schwahnt? (QUESTENBERG hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) +Die Musik mahnt! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, ich bitte nur für Dich! + +DER DOCTOR. Pah! denke Jedermann an sich. + +QUESTENBERG. Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . . + +DER DOCTOR. Das sind mir unprophetische Karten. + +QUESTENBERG. Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören! + +DER DOCTOR. Ich kenne den Banquier; Gold nennt er nicht Chimären. + +QUESTENBERG (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende Stunde +und klage einst, Dich ereilte das Verderben ohne Schuld! (Er will +geh'n.) + +DER DOCTOR. Papa . . . + +QUESTENBERG. Ich sprach genug. + +DER DOCTOR. Unter einer Bedingung versuchte ich das Heil. + +QUESTENBERG. Nämlich? + +DER DOCTOR. Wenn Sie die feste Versicherung gäben, daß Fräulein +Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt. + +QUESTENBERG. Auf die kommt's mir nicht an. + +DER DOCTOR. Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen Handschlag. + +QUESTENBERG (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast Du's! (ab.) + +DER DOCTOR. Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, ich finde Mittel +und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! (ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen Brettern +genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl. + + + +Neunte Scene. + +FRAU ZIEMENS. MARIE (den Tisch zum Nachtessen servirend). + + +MARIE.--In acht Tagen, liebe Mutter. + +FRAU ZIEMENS. Ich sehe seit drei Jahren klar was er ist--ein +Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn Questenberg nur das +Vertrauen stiehlt. + +MARIE. In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden sein. + +FRAU ZIEMENS. Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu soll ihn der Herr +anstellen! Was versteht er! + +MARIE. Geduld! + +FRAU ZIEMENS. Ich will's für alle goldnen Herzworte, für alle Seligkeit +des Himmels nicht: er muß aus dem Haus! Die schiefen Gesichter der +Nachbarn hab' ich satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich +vor uns wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles +was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, das sich +in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre der Bube nicht da, so +hätten wir unsere Freude--Ach, ich kenne wohl manchen guten Gesellen, +der früher ein Auge auf Dich warf. + +MARIE. Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon! + +FRAU ZIEMENS. Mach noch diesmal das Gedeck, doch wir essen zum letzten +Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's ihm sagen? + +MARIE (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon! + +FRAU ZIEMENS. He? öffne den Mund. + +MARIE. Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.) + +FRAU ZIEMENS. Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem Tage schwerer--Er +macht's nicht mehr lange und dann, welche Zukunft! (ab.) + + + +Zehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. MARIE. + + +VATER ZIEMENS (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). Ich danke mein +Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . Das Garnspinnen ist keine +schwere Arbeit und doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, +hier! . . Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, +nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst die Abendglocke, +ha, tönet sie--'s ist als wenn ich zum jüngsten Gericht soll; ein Hauch +aus höhern Sphären weht mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit +neuem Leben und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen aber +zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, der +Christgeborene--aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten Kummers voll!--Ein +schnöder Rang über dem blöden Thier! . . (FRAU ZIEMENS trägt Essen +auf.) . . Wo hast Du doch das schöne Buch, welches der Klaus für den +Albert herbrachte; ich möchte die Fortsetzung hören. + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Nach Tische ist dazu Zeit. + +VATER ZIEMENS. Mamachen! + +FRAU ZIEMENS. Du bemerktest wohl nicht, daß ich hier warte? Komm', ich +trug schon die Suppe auf--(Sie faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, +Marie. (Marie ab.) + +VATER ZIEMENS. Wie geht's, schonten die Krämpfe Dich? Du hattest heute +früh ziemlich gute Mienen. + +FRAU ZIEMENS. Ich kam leidlich fort . . . + +VATER ZIEMENS. Mich folterten wieder die Stiche grausam--Das Uebel heilt +bei der sitzenden Lebensart nicht mehr! . . . + +MARIE kommt mit der Lampe. + +VATER ZIEMENS. Das Kind hat rothe Augen? + +FRAU ZIEMENS. Sie wird Dir etwas Erfreuliches erzählen. + +VATER ZIEMENS. Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein Schmerz hindert ihn +fortzufahren.) + +FRAU ZIEMENS. Der Albert schnürt morgen seinen Bündel und räumt das +Haus. + +VATER ZIEMENS. Endlich dazu entschlossen? + +FRAU ZIEMENS. Mach' mit den Thränen ein Ende--schäme Dich!--Gieb dem +Alten einen Kuß und das Versprechen. + +VATER ZIEMENS. Komm', 's ist zu Deinem Wohl! + +MARIE giebt ihm einen Kuß. + +VATER ZIEMENS. Laß Dein junges Blut von uns überwachen! Du wurdest nicht +geboren für das Glück; nach der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht +treffen,--Dein Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was +gibt's denn da? + +FRAU ZIEMENS. Es sind die Böller von dem herrschaftlichen Schloß--Wohl +verkündigen sie den Beginn des Feuerwerks. + +VATER ZIEMENS. Unser Herr giebt heute ein Fest? + +FRAU ZIEMENS. Zu Deinen Ohren drang noch nichts davon? + +VATER ZIEMENS. Keine Sylbe, Mütterchen. + +FRAU ZIEMENS. Ich erfuhr's auch nur zufällig durch des Kuchenbäckers +Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle Herrschaften aus Stadt und +Umgegend versammelt und ein Aufwand entwickelt sein, der an's +Unbeschreibliche grenzt! Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn +bis von Paris geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und weißer +Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen theils aus +Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, theils aus gediegenem Silber und +Golde. Die seltensten Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse +und Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. +Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und Schauspielsänger, von +hier und den Nachbarstädten wurden zu einem Chore vereinigt. Was sagst +Du, he? + +VATER ZIEMENS. So ist's recht; wer viel hat, soll viel draufgehen +lassen; es kommt wohl den Armen hie und da zu Gute. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. (Er kommt gesenkten Hauptes mit dem Buch unter'm +Arm, welches er auf eine Bank wirft.) + + +MARIE. Weh! + +VATER ZIEMENS. Meide seinen Anblick, meine Tochter, fasse Dich! + +MARIE. Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, nun hilf mir für ihn! +(ab.) + +VATER ZIEMENS. Geh' ihr nach, Mütterchen! + +FRAU ZIEMENS. Es wird sie tödten! (ab.) + + + +Dreizehnte Scene. + +VATER ZIEMENS. ALBERT. (Er setzt sich an den Tisch, faltet die Hände und +sieht dumpf vor sich hin.) + + +VATER ZIEMENS. . . . Von wo kommst Du, Albert? . . Sprich nur, wir sind +allein. + +ALBERT. Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte Verbesserung meiner +Lage . . . + +VATER ZIEMENS. Armer Albert! aber 's ist meine Schuld, daß es jetzt so +kommt, 's ist meine Schuld! + +ALBERT. Inwiefern? + +VATER ZIEMENS. Verzeih' mir, ich bin ein alter schwacher Mann--verzeih'! +oh, oh! + +ALBERT. Nun, was wollen Sie denn damit?--Soll ich etwa gleich das Bündel +schnüren? + +VATER ZIEMENS. Sei nicht aufbrausend, mein lieber Sohn . . . + +ALBERT. Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile zu lang wird, brichst +Du den Stab erbarmungslos! . . Was? Drei Jahre schon vertändelt, noch +immer kein Meister? 's ist ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha! + +VATER ZIEMENS (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das Talent des Armen +muß noch brache liegen, wie der Acker einer wüsten Insel und Disteln +zeugen, geiles Unkraut, statt süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der +erstorbenen Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen +soll!--Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da stand vor der +Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn meines Vaters hatte +ihn gepflanzt. Ein böses Wetter zieht herauf und bricht ihm seinen +morschen Fuß. Ich, ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, was man +unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete des Lebens Kummer nur, +des Lebens Trauer: ich will ein Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch +das die Menschen sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. +Gesprochen, gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von meinem höheren +Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, wenn innige Andacht Deinen +Blick nach Oben lenkte; dort in unserer Kirche hängte, über der +Altarnische am schwarzen Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und +sterbend gesenkt! . . + +ALBERT (Nach einer Pause).--Der Verzagte erlebt des Erlösers +Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.) + +VATER ZIEMENS (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen wir Gott walten, +edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem alten Freunde bis zur künftigen +Scheidestunde--hörst Du? + +ALBERT. Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist Euer wohlgeprüfter +Wille, daß ich geh'. + +VATER ZIEMENS. Mein Herz widerruft was Schwäche ihm eingab! + +ALBERT. Die Vernunft war's, seine Stärke! + +VATER ZIEMENS. Kränkten wir Deinen Stolz? O vergieb! + +ALBERT. Schwacher Alter, Sie erschweren mir den Abschied! + +VATER ZIEMENS. Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen Hütte! In ihr ruht die +Hoffnung manches Jahrhunderts! 's ist ein vergrabener Schatz. + +ALBERT. Das Nothwend'ge muß gescheh'n! + +VATER ZIEMENS. O, daß ich nicht denke, Du warst ein leichtsinniger +Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn ich Dich verliere, verlier ich +ja alles! Willst Du Deinen besten Freund, willst Du Dein Theuerstes in +die Grube werfen? Albert, Albert! + +ALBERT. (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n. + +VATER ZIEMENS. O Du hast ein steinern Herz! + +ALBERT. Bürger dieser Erde dürfen kein anderes haben! . . (Der Greis +schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, von tiefem Schmerz ergriffen, +bleibt eine kleine Pause unschlüssig steh'n. Plötzlich, wie der Greis +auf ihn zueilen und ihn festhalten will, ermannt er sich und enteilt.) + +VATER ZIEMENS. Albert bleib!--Fort ist er! 's war sein Schatten, er +selbst nicht, ich träumte nur! . . (Kleine Pause. Aus der Ferne +Jubelgeschrei und das Geräusch eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen +nicht mehr auferlegst als sie tragen können, ich vertraue Dir in +Ewigkeit! + + + + +Dritter Akt + + + + +Abtheilung I. + +Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. Musik +abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut. + + + +Erste Scene. + +BLASHAMMER mit ZITTERWITZ am Arm, ADELGUNDE nachfolgend. + + +BLASHAMMER. Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. (ADELGUNDE setzt sich +an's Fenster und die beiden treten bei Seite.) + +V. ZITTERWITZ. Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; ich studirte nicht +umsonst Psychologie . . . + +BLASHAMMER. Hätte er nur einmal mit ihr getanzt. + +V. ZITTERWITZ. Er wird sich noch bezwingen. + +BLASHAMMER. Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist die Uhr! Schon drei +vorbei . . . gleich geht die Sonne auf. . . + +V. ZITTERWITZ. Mit ihr das Licht seiner Liebe. . . + +BLASHAMMER. Sagen Sie's mir ganz rund heraus, was antwortete er auf Ihre +Fragen? + +V. ZITTERWITZ. Schüchterne Phrasen, würdig eines Poeten. . . + +BLASHAMMER. Ich muß der Sache auf den Grund kommen, ich muß wissen, +woran ich bin, ich habe nicht nöthig im Finstern zu tappen--Nein +wahrhaftig, mich lockt kein Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne +eines Bankerottirers opfere!--Schnell auf die Beine, Herr +Regierungsrath, zurück zum Doctor--er soll auf der Stelle herkommen! +Fort, beschwingen Sie Ihre Füße! + +V. ZITTERWITZ. Ich will mir Flügel anlegen.--(Er bleibt zaudernd +stehen.) + +BLASHAMMER. Ich lasse meine Tochter hier, ziehe mich in den Hintergrund +zurück und beobachte, wie er sich gegen sie aufführt. + +V. ZITTERWITZ. Ah so! ah so! + +BLASHAMMER. Keine Zeit verloren. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Die Sache wird höchst kritisch!--Viel +Vergnügen mein Fräulein. + +BLASHAMMER (ihm nachrufend). Nur den Finger auf dem Munde! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN ohne V. ZITTERWITZ. + + +BLASHAMMER (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). Wer kann +sagen, ob man morgen noch am Leben ist! (Er setzt sich zu ihr.) + +ADELGUNDE. Was fehlt Dir mein Vater? + +BLASHAMMER. Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . Wo andere +singen, springen und scherzen, bin ich zum Weinen aufgelegt. + +ADELGUNDE. Woher kommt das? + +BLASHAMMER. Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst Deinen Vater nicht mehr +lange besitzen. . . + +ADELGUNDE. Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen. + +BLASHAMMER. Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen aber meine ganze +Seele gefangen!--fast alle Nächte träumt mir von Hobelspänen, +Kirchhöfen, Särgen, Priestern in schwarzen Talaren--Wie Du weißt, ging +ich in früheren Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich +keinen Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's und +Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft an der Börse +vorzuziehen.--Alles das bedeutet nichts Gutes! Aufgerieben ist meine +Gesundheit, abgenutzt meine Seele! Die geringste Aufregung wirkt +schädlich auf die Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir +schlaflose Nächte . . . + +ADELGUNDE. Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht achten. + +BLASHAMMER. 's ist leicht gesagt!--Um jedoch von einer wichtigeren Sache +zu sprechen! Sieh', dieweil mich solche traurige Ahnung erfüllt, wirst +Du's natürlich finden, daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie +zu bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir einige Winke +in Betreff--Erräthst wohl schon mein Täubchen? Schlag' Deine Augen nur +auf, blicke mich nur liebreich an. Das Heirathen ist keine schamhafte +Angelegenheit, sondern etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott +eingesetzt und unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern +Dingen . . . Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen. + +ADELGUNDE. Hier? + +BLASHAMMER. Ja. + +ADELGUNDE. Aber mein Vater. + +BLASHAMMER. 's ist ein schmucker junger Mann.--Du sah'st ihn wohl schon +oft auf der Promenade in dem schönen blauen Frack mit den goldenen +Knöpfen.--Sicherlich findet er Deinen Beifall. + +ADELGUNDE. Was soll ich dazu sagen! + +BLASHAMMER. Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt.--Da, küss' mir die +Hand. + +ADELGUNDE (die Hand küssend). Das Alter macht Dich kindisch. . . Jesus, +wie schnell geht das! + +BLASHAMMER. Wundre Dich acht Tage!--Ich höre Tritte.--Er wird's +sein . . . + +ADELGUNDE. Du jagst mir doch nur einen Schreck ein, Papa. + +BLASHAMMER.--Man darf mich nicht bei Dir finden. . . Komm' ihm auf +halbem Wege entgegen.--(Ihre Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er +geht.) + +ADELGUNDE (nachrufend).--Papa? + +BLASHAMMER. Meine Tochter? + +ADELGUNDE. Wer ist denn der Herr Candidat? + +BLASHAMMER (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er heißt--Wozu aber! +sogleich siehst Du ihn. . . + +ADELGUNDE. Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.) + +BLASHAMMER (mit drohender Miene). Du kennst Deinen Vater, Du weißt, was +ihn erzürnt. + +ADELGUNDE. Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, gut, so werd' ich +gehorchen--Deine Tyrannei ist mir nachgerade unerträglich--ich sehne +mich sie abzuschütteln. + +BLASHAMMER ab. + + + +Vierte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.] + +ADELGUNDE. V. ZITTERWITZ. DER DOCTOR. + + +DER DOCTOR. Fräulein ist noch da!--also scheint's der Himmel zu wollen. +Lassen Sie mich denn allein. + +V. ZITTERWITZ. Ich bleibe hier in der Nähe. + +DER DOCTOR. Ach, wie schlägt das Herz, ob aus Verliebtheit oder Scham? +ich weiß es nicht zu sagen! (Er tritt in den Pavillon, einen großen +Blumenstrauß nachlässig in der Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied +summend.) Ah, Fräulein hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Sträußchen zu sammeln. + +ADELGUNDE. Sie bestimmten es der ersten besten Dame? + +DER DOCTOR. _Au hasard_ + +ADELGUNDE (annehmend). Ich danke. + +DER DOCTOR. _Toutes les dames meritent également notre adoration._ + +ADELGUNDE. Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr gleichgültig. + +DER DOCTOR. _Point du tout, Mademoiselle . . ._ oder wünschen Sie zu +hören, worauf ich meinen Ausspruch gründe? + +ADELGUNDE. _Avec plaisir._ + +DER DOCTOR. Auf das Buch der Bücher. + +ADELGUNDE. _Par exemple!_ + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, es steht im neuen Testament, daß wir uns +nicht bevorzugen sollen, denn wir seien alle Gotteskinder. + +ADELGUNDE. _Vous êtes ridicule, Monsieur--parbleu! . . Dites mois +alors . . ._ + +DER DOCTOR. Ich bin Ihr ergebenster Diener. + +ADELGUNDE.--_comment d'après ce princip, arriveriez vous à une +inclination individuelle?_ + +DER DOCTOR. Wie ich nach diesem Grundsatz zur besonderen, zur +individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) Sie scheint in mich +verliebt--auf Befehl des Alten! + +ADELGUNDE. _Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, vous aurez +une reponse à toutes les questions . . . ._ + +DER DOCTOR. Sie sprechen ein vortreffliches Französisch. + +ADELGUNDE. _Cela vous deplait?_ + +DER DOCTOR. Ich stehe beschämt . . . . + +ADELGUNDE. _Mais vous n'êtes pas philosoph?_ + +DER DOCTOR. Wohl war ich's. + +ADELGUNDE. _Eh bien?_ + +DER DOCTOR. Allein auch mich veränderten die Zeiten wie manche brave +Burschenseele. + +ADELGUNDE. _Depuis quand? s'il vous plait._ + +DER DOCTOR. Seit meiner Rückkehr in's väterliche Haus. + +ADELGUNDE _Et après?_ + +DER DOCTOR. Und ich wurde orthodox . . . Lachen Sie nicht, 's ist sehr +ernst. + +ADELGUNDE. Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß. + +DER DOCTOR. Glaube Alles, was man will das Du glaubest oder Du bleibst +ohne Geld, Amt, Ehre oder--ohne Frau. + +ADELGUNDE. Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus. + +DER DOCTOR. Nicht zu leugnen--Da's aber in unserm Jahrhundert keine +gültigere giebt-- + +ADELGUNDE. Ich hielt Sie für einen Anhänger der Freiheit. + +DER DOCTOR (lächelnd). Mein Fräulein . . . . + +ADELGUNDE.--und zwar im Sinne jenes schönen Spruches: "strebet, die +Wahrheit wird euch erlösen." + +DER DOCTOR. Der Spruch wurde interpolirt und paßt nicht in die Bibel. + +ADELGUNDE. Das ist mir neu. + +DER DOCTOR. So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, besternten +Würdenträger, intelligenten Leute _comme il faut_ leugnen ihn. + +ADELGUNDE. Und glauben demzufolge an alles, was man will das sie +glauben? + +DER DOCTOR. Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, liebe Freunde, ich muß +im Interesse des Staates eure schönen Einkünfte um die Hälfte +vermindern, murrt nicht, sondern glaubet, es wird euch im himmlischen +Jenseits tausendfach vergolten-- + +ADELGUNDE. So murren Sie nicht? + +DER DOCTOR. Bei meiner Seele, nicht mehr als Fräulein, zu dem der Papa +sagte, theures Kind, ich gebiete Dir zu glauben, Du liebest den jungen +Herrn Doctor. + +ADELGUNDE. Sie sind barock. + +DER DOCTOR. Frivol, wenn's Ihnen gefällt,--allein ich denke das Beste +von den Menschen und habe den höchsten Respect vor der christlichen +Tugend, die nach unsern berühmtesten Kirchenlehrern in der tiefsten +Unterwürfigkeit, in der tiefsten Demuth besteht. + +ADELGUNDE setzt sich und seufzt. + +DER DOCTOR. Mein Fräulein, bitte, bitte,--nehmen Sie sich meine Worte ja +nicht zu Herzen--ich spreche nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur +in Thorheit. + +ADELGUNDE. Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, daß Sie die +Maske eines Heuchlers verabscheuen. + +DER DOCTOR (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen Mitleid. + +ADELGUNDE. Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie auf . . . Ah, sieh' da! + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER. Keine Störung, setzen Sie die Comödie weiter fort. + +DER DOCTOR. Traun, Sie kommen ein wahrer _Deus ex machina_ uns zu Hülfe. + +V. ZITTERWITZ. Meinen ergebensten Diener--gefällt's den geehrten +Herrschaften . . . + +BLASHAMMER. Nur näher getreten. + +V. ZITTERWITZ. (Blashammern die Hand schüttelnd; mit leiser Stimme.) Es +ging ja ausgezeichnet gut. + +DER DOCTOR. Sie scheinen Versteck gespielt zu haben. + +V. ZITTERWITZ. Wir promenirten im Garten, sahen Sie mit Fräulein hier +allein-- + +DER DOCTOR.--Was außerordentlich auffiel-- + +V. ZITTERWITZ.--und uns verführte, der geistreichen Unterhaltung zu +lauschen. + +DER DOCTOR. Sehr schmeichelhaft. + + + +Sechste Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Man ließ mich rufen . . . + +V. ZITTERWITZ. Leider kommen Sie zu spät. + +QUESTENBERG. Was gab's? + +V. ZITTERWITZ. Ein äußerst interessantes Gespräch. + +QUESTENBERG. Es handelte sich? + +V. ZITTERWITZ. Von nichts geringerem als . . . + +BLASHAMMER. Erstaune! + +V. ZITTERWITZ.--als von Liebe! + +DER DOCTOR. Der alte Herr hatte ein feines Ohr. + +QUESTENBERG. Mein Sohn legt mir Ehre ein. + +BLASHAMMER. Ich wußte es schon gestern, daß er für Adelgunde schwärmt. + + +ADELGUNDE. _A la bonne heure!_ + +DER DOCTOR. Es wird erbaulich . . . + +BLASHAMMER. Sie begegnete ihn auf der Promenade und da warf er ihr einen +Blick zu der mehr besagte, als . . . + +ADELGUNDE. Papa! + +BLASHAMMER.--als in dieser Nacht das unaufhörliche Tanzen mit ihr. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, mein Fräulein! + +V. ZITTERWITZ.--Sind Sie der Ansicht, daß die jungen Leute +zusammenpassen, so machen Sie keine langen Umstände, sondern--hören Sie? + +QUESTENBERG. Es ist wohl gerathen? + +BLASHAMMER. Im Namen des Vaters aller Väter!--Eure Hände, Kinder, daß +ich sie ineinanderlege. + +V. ZITTERWITZ. Nur nicht hier im armseligen Pavillon-- + +QUESTENBERG. Der Herr Regierungsrath hat Recht. + +V. ZITTERWITZ. Gehen wir in den Saal! + +QUESTENBERG (Blashammer an den Arm nehmend). Auf! + +V. ZITTERWITZ (Adelgunden und den Doctor unterfassend). Ich habe die +Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, +Naturaliensammlungen, Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren +sind offen und gewähren einen Blick in den Garten. + + + +Siebente Scene. + + +DER DOCTOR (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem Seitenzimmer und +klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu Herrn Blashammer dies +Tractätlein. Ich lasse innigst danken; es hätte meinen Zweifel am +Christenthum völlig besiegt. Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte +er mir's nur gleich schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern +und zu bekehren. Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und +Champagner--Apropos! Daß alles frisch und appetitlich sei! (Bedienter +ab.) Klopfte Jemand? Herein! + + + +Achte Scene. + +DER DOCTOR. MARIE. + + +MARIE. Grüß' Gott! + +DER DOCTOR. Danke. + +MARIE (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) Ich habe den Herrn +Doctor dringend zu sprechen; erlaubt es seine kostbare Zeit? + +DER DOCTOR. Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . (Bei Seite.) +Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen Stuhl anbietend.) Bitte +ergebenst . . . + +MARIE. Ich kann steh'n. + +DER DOCTOR. Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . (Bei Seite.) Ein +Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte mich für allen Verdruß, den +ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.) + +MARIE. Ich will kurz sein. + +DER DOCTOR. Zunächst mit wem wird mir die Ehre--? + +MARIE. Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens vielleicht. Wir +gingen zusammen beim Priester in die Lehre, waren die vertrautesten +Kinder, Gespielen, Freunde und alles was man in jungen Jahren sein +kann . . . + +DER DOCTOR. Ich ahne schon . . . + +MARIE. Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden Sie auch einen artigen +Vers von mir. + +DER DOCTOR. Sie heißen--? + +MARIE. Marie Ziemens. + +DER DOCTOR. Darf ich den Augen traun! + +MARIE. Die Zeit verwandelte mich wohl sehr. + +DER DOCTOR. Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil! + +MARIE. Kaum glaublich. + +DER DOCTOR. Sie wurden ein wahres Madonnenbild. + +MARIE. Ach! + +DER DOCTOR. Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, dies Auge als ich +Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf die Lippen drückte? + +MARIE. O sprechen Sie nicht so. + +DER DOCTOR. Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir gleich Dein +Mündchen--gleich! + +MARIE. Pfui. + +DER DOCTOR. Bei jener seligen Vergangenheit, wo kein Vorurtheil, keine +Standesrücksicht die Reinheit unserer Gefühle trübte! + +MARIE. Sie irren sich, wir waren nie so intim. + +DER DOCTOR. So lassen Sie uns werden; nichts steht im Wege. + +MARIE. Ich bin Braut. + +DER DOCTOR. So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe? + +MARIE. Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein armer +Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her. + +DER DOCTOR. Bedarf er meiner Hilfe? + +MARIE. Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm vertraut zu machen, +seine Tugenden, Talente und Strebungen zu mustern und bei Ihrem Herrn +Vater eindringlich zu bevorworten, falls er dessen würdig. + +DER DOCTOR. Es soll gescheh'n. + +MARIE. Ich verlange keine blinde Gunst für ihn-- + +DER DOCTOR. Nur Lohn des Verdienst's. + +MARIE. Nichts mehr, nichts weniger!--Seit Jahren arbeitet er in Ihrer +Fabrik, erwarb sich das Lob aller Werkführer, auch die Aufmerksamkeit +Ihres Herrn Vaters--leider aber nichts weiter! Unter die +schlechtbesoldetsten unfähigsten Handwerker blieb sein edel +aufstrebender Geist gebannt! + +DER DOCTOR. Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen und-- + +MARIE. Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb ich ihn an, Ihrem +Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig vorzustellen,--derselbe +mogte jedoch von nichts hören, schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus +Gründen, die der Herr Doctor nimmer theilen . . . + +DER DOCTOR. Möglich!--Ich befehle ihn auf der Stelle zu mir . . . (Er +macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch weshalb Weitläufigkeiten! +Vertrau' ich denn nicht meiner angebeteten Freundin?! Kann sie falsch +geurtheilt, falsch gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch ganz frei +von Eifersucht ist? + +MARIE. Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht wüßte! + +DER DOCTOR. So können wir schnell fertig werden. + +MARIE. Nun? . . + +DER DOCTOR. Der Monsieur empfängt eine zufriedene Stellung und +ich--darf's Ihnen nicht schenken--einen Kuß. + +MARIE. O weh, ein schlechter Handel. + +DER DOCTOR. Nicht für mich. + +MARIE. Würde den Ihr Herr Vater billigen? + +DER DOCTOR. Mit Händeklatschen. + +MARIE (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie reicht ihm die +Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte meins. + +DER DOCTOR. Im Augenblick!--(Er setzt sich an den Schreibpult.) Der Papa +soll binnen fünf Minuten nachfolgendes Decret höchst eigenhändig +unterzeichnen. . . . + +MARIE. Bin sehr gespannt, ob er's thun wird. + +DER DOCTOR.--Eignete sich wohl der Monsieur zum Werkführer? + +MARIE. (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar hoch hinaus! (Verstellt.) +O ja, ich denke--zum mindesten--sicher, sicher! . . + +DER DOCTOR. Also er eignet sich--schön! . . . (Schreibt.) Der +Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . dem Weber +Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen sind . . . Und erhält . . . +Freie Wohnung . . Garten . . . vierhundert Thaler . . . + +MARIE. Potztausend, so viel träumte man nie vom Lande Utopien! + +DER DOCTOR. Das Leben, mein Schätzchen, ist ein großes Mährchen voll +unerklärlicher Wunder. Jede Minute gebärt Millionen Ueberraschungen, +Probleme, unentschuldbare Thaten und sich selbst entschuldigende +Thorheiten. Man übe nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und +erfahre, was ich erfuhr!--Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit +gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen nicht der +blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen Gefilde der Welt in +warme, farbenreiche, süß verschwimmende Nebel, so daß wir in ihnen +unsere Qualen und Gebrechen unmerklich vergessen, gleichsam bei offen +schlafendem Auge versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische +Pilgerfahrt vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich verheißen. +(Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie lebe, mein Schätzchen, +sie lebe hoch! + +MARIE. Schonung, Herr Doctor!-- + +DER DOCTOR. Die Romantik allein gewährt, was der grämliche Philosoph, +Politiker und Diplomat mit bleicher, kalt schleichender Vernunft umsonst +erstrebt! Sie lebe, mein Schätzchen; sie lebe hoch!--Fort mit allem, was +sinnlos bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, Recht, +Wahrheit preisen!--Ein paar Gläschen Champagner, mein Schätzchen, +erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt meiner Worte . . . Theilen +Sie das Frühstück mit mir.--Kommen Sie.--Die Schrift liegt fertig und +wandert nach Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und +verwirrt, er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's? + +MARIE. Ziemlich gut. + +DER DOCTOR. Noch eins . . . Auf das was wir hoffen!----Ah' thut's einem +schwachen Magen wohl! Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch +eins. + +MARIE. Danke. + +DER DOCTOR. Der Herr Bräutigam soll leben!--Vivat!---- + +MARIE. Es war mein letzter Tropfen. + +DER DOCTOR. Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft noch nicht . . . +Nur her das Glas. + +MARIE. Ich schlag's in Trümmer. + +DER DOCTOR. Das hieße mich verachten. + +MARIE. Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, steht schnell auf und +will fort.) Sie sind abscheulich! + +DER DOCTOR. (Sie festhaltend.) Was verbrach ich? + +MARIE. Sie wissen's. + +DER DOCTOR. Jungferlein, das ist ein schlechter Einfall! + +MARIE. Lassen Sie mich nur fort. + +DER DOCTOR. Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr schlägt.) + +MARIE. Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit. + +DER DOCTOR. Ein unromantischer Einfall! + +MARIE. Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse für den Markt +grabe--darf sie nicht erzürnen. + +DER DOCTOR. Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten Freundin?! . . Ich +entschädige die Versäumniß hundert und tausendfach, bleiben Sie und +leisten mir Gesellschaft. (Er hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! +Es sind alles Goldstücke. + +MARIE. Herr Doctor . . . + +DER DOCTOR. Ihr Vater verdient in einem Jahre nicht so viel.--Ich +begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes Haupt müde zur Erde neigend, +schlich er langsam den Gewölben der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den +alten Mann, der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich und +angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die rührendsten +Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie ein echter Demokrat, vergoß +sogar Thränen.--Aber hoch die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig +ging ich in mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie lös't die +Demokratie das Problem der sozialen Probleme über das Verdienst anders? +(Trinkt.) Hoch die Romantik!--Mancher König wäre ein Bettelmann, mancher +Bettelmann ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert +Stelle, wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die Romantik! +(Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) Bereiten Sie dem +ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's zur Ausstattung der Hochzeit, +die ich mit meiner weiland vornehmen Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) +Hoch die Romantik! . . + +MARIE. Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich tief. + +DER DOCTOR. Das macht, ich führte Sie schon, wie der Teufel den armen +Doctor Faust, auf den Standpunkt der Romantik. + +MARIE. Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr. + +DER DOCTOR. (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch die Romantik! (Er +fällt in einen Stuhl.) + +MARIE. Leben Sie wohl. (ab.) + + + +Neunte Scene. + + +DER DOCTOR.------Der Versuch gelingt; ich besteche den Arbeiter und das +Mädchen ist mein. Dann hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und +Zeitvertreib in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik! + + + +Zehnte Scene. + +DER DOCTOR. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Wie befindest Du Dich, mein Sohn? + +DER DOCTOR. So so, la la! + +QUESTENBERG. Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, muß das Festübel +schon gänzlich gehoben sein. + +DER DOCTOR. Ich fange an der Vernunft die Herrschaft wieder einzuräumen. + +QUESTENBERG. (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr löblich. + +DER DOCTOR. Ein elendes Bauwerk ist die Welt, eine wüste Trödelbude, +ohne Dach und Fach, aus Unrath und vorsündfluthlichem Getrümmer +zusammengestapelt!--In ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, +wenn er ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermaßen verschonen. + +QUESTENBERG. So kalkuliren brave aufgeklärte Leute und wickeln, +scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach Zeit und Umstand. + +DER DOCTOR. Apropos! Dann unterzeichnen Sie mir wohl ein Blättchen ohne +Stirngerunzel. (Er giebt ihm das Papier, welches er schrieb und +klingelt; ein Bedienter erscheint.) Hole den Arbeiter Albert schleunigst +aus der Fabrik. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. An die Unterschrift knüpf' ich die Heirathsfrage. + +QUESTENBERG. Verückte der Erbärmliche Deine Sinne und-- + +DER DOCTOR. Ihm muß geholfen werden, er verdient's! + +QUESTENBERG. Du weißt aber nicht-- + +DER DOCTOR. Ich mag von nichts wissen! + +QUESTENBERG. Welch' Wagestück! + +DER DOCTOR. Unsinn! + +QUESTENBERG. Es ist äußerst beleidigend in meine Angelegenheiten Dich zu +mischen. + +DER DOCTOR. Mischtest Du Dich nicht in mein Herz und gabst mir eine +Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte? + +QUESTENBERG. Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem Interesse-- + +DER DOCTOR. Das hört auf wohlmeinend zu sein, wenn's die menschliche +Würde ignorirt.--(Ihm die Feder in die Hand steckend.) Wozu aber +langath'mige Verhandlungen, da! + +QUESTENBERG. Mein Sohn, es ruinirt uns. + +DER DOCTOR. Das Fest kostete zehntausend Thaler und hier geizen Sie um +eine Bagatelle?! + +QUESTENBERG (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . (Albert tritt +schüchtern ein.) + +DER DOCTOR. . . . Verlassen Sie mich jetzt. + +QUESTENBERG. Vorsehung! Vorsehung! (ab.) + + + +Eilfte Scene. + +DER DOCTOR. ALBERT. + + +DER DOCTOR. Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel hin.) Erweise mir die +Herablassung. + +ALBERT. Wenn ich den schönen Bezug durch mein unsauberes Kleid +entweihe . . . + +DER DOCTOR. Bist Du kein Politiker? + +ALBERT. Ein wenig. + +DER DOCTOR. Traun, es giebt viele Weber, die ihr Brod gewinnen wollen, +bedenke das und-- + +ALBERT. Das wäre eine Politik des Fluches! + +DER DOCTOR. So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut! + +ALBERT. Ich ein Wolf? o Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Es lebe die Association! + +ALBERT (ernst). Sie lebe! + +DER DOCTOR. Nieder mit den Rentnern! + +ALBERT. Fort mit den Privilegien! + +DER DOCTOR. Es falle das Herrenthum! + +ALBERT. Die Früchte des Fleißes Aller für Alle. + +DER DOCTOR (lacht ironisch). + +ALBERT. Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht? + +DER DOCTOR. Der neue Arbeiterverein machte an Dir eine tüchtige +Eroberung . . . Du wirst ihm auf die Beine helfen. + +ALBERT. Vielleicht! . . + +DER DOCTOR (lacht wieder). + +ALBERT. Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf und Spott zu erleiden? + +DER DOCTOR. Keineswegs--ich lache, weil's meine Manier ist das Ernste +heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . Doch setze Dich endlich. + +ALBERT (wirft sich zornig in den Sessel). + +DER DOCTOR. Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu erklären, Albert; mein +Vater schlug Dir neulich eine Bitte ab, die-- + +ALBERT. Er that wohl, vollkommen wohl. + +DER DOCTOR. Wirklich--ei, ich meine er that übel. + +ALBERT. Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen Vorstellungen, +fand, daß mein Verlangen unbillig war. + +DER DOCTOR. Albert! + +ALBERT. Ich heuchle nicht, Herr Doctor! + +DER DOCTOR. Du verdammtest demnach Dein Verhältniß mit Marie und bist +zufrieden, genöthigt worden zu sein es--aufzugeben!? + +ALBERT. Falls Herr Questenberg mir heute sagte, Albert, hier hast Du +alles was Du brauchst, heirathe, sei glücklich--ich würde ihm danken. + +DER DOCTOR (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer Mann? + +ALBERT. Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich Ihre Gnade in den +Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie mich in die Hölle, in die Hölle +der Selbstverachtung; denn es ist wider meiner Würde von Almosen zu +leben und zu Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu +triumphiren . . . + +DER DOCTOR. Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, Du verdientest was +er Dir giebt. + +ALBERT. So antwortete ich, Herr Questenberg das können Sie nicht +beurtheilen. + +DER DOCTOR. Aha, mithin erklärtest Du ihn einer Vormundschaft bedürftig, +die seiner moralischen Güte, seinem individuellen Interesse stets Zaum +und Gebiß anlegt, die, wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch +vermöge seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, +gebieterisch entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein Du hast +den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem Geschmack, nicht nach +Deinem Herzen, nicht nach Deinem Gewissen, sondern nach uns zu bilden +und wir sind just Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen +Justiz, Dein Ideal!--Denke Dir einen Künstler wie Raphael, Phidias, +Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, Neyton, Leibnitz, +einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den Zweiten, Freiherrn von Stein +vor das größte Tribunal seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . +(ironisch lachend.) Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen +und der Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und Schicksal +begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu entwickeln +vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen überhitzter Köpfe nicht vom +Wege der Vernunft abführen! Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, +Wiedervergeltung und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen +Gesellschaft geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk der Gnade +Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! Mangelt sie meinem +Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, Du bist persönlich frei +gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere die Welt und forsche, ob Dich +Jemand höher würdigt als er! (Ihm ein Papier überreichend.) + +ALBERT (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert Thaler? . . +freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie hängt das zusammen? + +DER DOCTOR (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, dem +Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters. + +ALBERT. 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte ich mir nie, nie +zuzumessen! + +DER DOCTOR. Mache an Dir selbst die Erfahrung, wie schwer es ist +Jemandes Verdienst richtig zu schätzen! + +ALBERT. O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist grenzenlos! . . Doch +still----der Klaus hatte am Ende recht----welch' furchtbarer Gedanke +durchschauert mich . . . + +DER DOCTOR. Was hast Du Albert? + +ALBERT (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum überreichte mir Herr +Questenberg nicht selbst das Papier? + +DER DOCTOR (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für sich) Der Mensch +droht schwierig zu werden. + +ALBERT. So hatte er doch Furcht-- + +DER DOCTOR. Inwiefern? + +ALBERT.--mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! Sie sollten mit der +Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung verwirren, durch dieses Papier mich +ködern, mich vom Sozialismus losreißen . . . Dort in dem Vereine der +Arbeiter könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen +Erfindung werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, +blutärmsten Paria! + +DER DOCTOR. Du sprichst Unverständliches. + +ALBERT. Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen ihm und mir +entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! Zerstörung dem Sodom und +Gomorrha hier, blutigen Untergang den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit +auf ihren Lippen, Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . +Nehmen Sie das schändliche Dokument und bestellen . . . + +DER DOCTOR. Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen Verstand. + +ALBERT. Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen--(Das Papier an die Erde +werfend.) Doch nein, ich will mich stolz verhalten--ich will ihm alles +schenken und mich heimlich fortschleichen . . . Ich bin jung, habe +lebendigen Trieb, ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria--gefehlt! ich +bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen frostigen Klugrednern, +denn ich besitze noch ein Herz! Ha, ich fühl's! . . Ja schenke dem +Armseligen das langjährige Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste +Flamme der Begeisterung, die höchste Liebe zum reinen Engel Deines +Glück's, so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth gab +dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern und am Kreuze zu sterben. + +DER DOCTOR (bei Seite). Was hab' ich gethan! + +ALBERT. Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen Gliedern +wüthet!--Steck' dem Elenden die Fabrik über dem Haupte an, unterminire +das Fundament seines Palastes und spreng' ihn in die Luft! Deine +Gefährten, es sind ja ihrer über zweitausend und dem Leben noch +gleichgiltigere Gesellen als Du,--folgen dem Schrei Deiner Noth und +sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne sich, +Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, belagerten, +bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held unter dem letzten +Steinwalle erlag!--Es wäre männlich und ruhmvoll, allein unvernünftig! +Schweig' und dulde! Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle +aus, die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, knospen, +blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen und sich an seinem +Uebel fortquälen bis an's Ende der Welt! Laß' es so dicht und so sich +selbst zur Last werden, daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, +gieß' die ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; wir +möchten sterben und in Asche zerfallen!--O Gott, ich kann's aber nicht +ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich zu durchbohren; an meiner Seele +nagt unheilbarer Schmerz! + +DER DOCTOR (bei Seite).--Er trägt die Erfindung zu unseren +Concurrenten,--alles ist verloren! Schaffe Rath!--Ich muß seinen Haß von +meinem Vater auf mich lenken--recht! dann fordere ich ihn, er schlägt +sich--ein unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal im Leben, wo +böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . (laut) Albert, ich +will's Dir sagen, weshalb Du dies Document aus meiner Hand empfängst. Du +wirst mir zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du--ich hoffe zuversichtlich--wirst Du mir +verzeih'n. + +ALBERT. Zur Sache. + +DER DOCTOR. Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank!--Das Dokument, +Albert, Du empfängst das Dokument . . . + +ALBERT. Auf Grund? ich bin gespannt. + +DER DOCTOR. Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, auf Grund der +Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit und Assoziation . . . Hat Dir +Marie nie gebeichtet von mir? + +ALBERT. Von Ihnen? + +DER DOCTOR. Sie hat nie bekannt, daß ich ihre erste Liebe war? + +ALBERT. Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort. + +DER DOCTOR. Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte es ihr . . . Du kennst +jene Periode, wo die Geburt unseres Charakters beginnt und wir nichts +sind als fantastische leidenschaftliche Wesen, unzurechnungsfähiger als +Kinder, jene Periode des leicht erhitzten Blutes und der +Unbesonnenheit-- + +ALBERT. Nun wohl. + +DER DOCTOR. In jener Periode lernte ich Marie kennen. + +ALBERT. Bei welcher Gelegenheit? + +DER DOCTOR. Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden. + +ALBERT. Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis dauerte? + +DER DOCTOR. Bis einige Monate nach der Einsegnung, wo ich die Stadt +verließ und zur Universität abging. + +ALBERT. Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie nicht wieder? + +DER DOCTOR. Es gereichte mir zum größesten Vorwurf als die Himmlische +mir gestern erschien! + +ALBERT. Wo? + +DER DOCTOR. Von Ungefähr traf ich sie im Park. Schwer läßt sich +beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der frische, ideale Hauch der Jugend +wehte mich an, ich fühlte die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, +ich fühlte mich frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren +Enttäuschungen des Lebens und wie von einer höheren Macht getrieben, die +keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, sie mein, ewig mein +zu nennen! . . + +ALBERT. Ich hörte genug, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Erkenne, was mich bewegte, Dir das Papier zu überreichen. + +ALBERT. Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen. + +DER DOCTOR. Und hoffe noch Du besinnest Dich--ah, mein Recht auf Marie +ist nicht minder legitim als Deins! + +ALBERT. O, Sie haben nie geliebt! + +DER DOCTOR. Du meinst! + +ALBERT. Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, dem Ihr Herz jedes +Opfer, selbst die Ehre und das Leben darzubringen geneigt war. + +DER DOCTOR. Lass' es nicht auf die Probe ankommen! + +ALBERT. 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich glaub' Ihnen +deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie verkehrten die Wahrheit nur, um +Ihren Irrthum, Ihre Schande zu verhüllen. + +DER DOCTOR. Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' mir Genugthuung dafür! + +ALBERT (lacht). + +DER DOCTOR (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft und Muth, jetzt könnte +ich ihn ohne Umstände fordern . . . + +ALBERT. Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit mit Leuten meines +Standes intim zu verkehren; der Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, +Erziehung und Sitte war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie +konnten dem Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß er +Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei!--Die gute Marie, eingedenk, +sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit erworben zu haben, +verleitet das verzweifelte Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den +Park, lauert den Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht!--gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses!--ihr Hülferuf erweckt Dämonen statt +Engel. Des Herrn Doctors Herz entflammt unchristliches Verlangen. Zu +spät ist's vor ihm zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, +seine schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen sie +eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . Ich müßte +toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. Verzeihung Ihnen, +tausendmal Verzeihung! + +DER DOCTOR. Du bist ein Gott! + +ALBERT (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). Es giebt +keine heiligere Reliquie mehr! + +DER DOCTOR (bei Seite). Besser als ich dachte! es geht ohne Duell +ab.--(laut.) Wir plauderten schon zu lange; der Stallmeister wartet, ich +muß zu Pferde. (Nachdem er den Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche +genommen.)----Eile jetzt zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und +versichre, daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, Euch +eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke Hand schüttelnd.) +Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr zwischen uns . . . Hast Du +noch etwas zu fragen? + +ALBERT. Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen das Papier +unterzeichnete? + +DER DOCTOR. Ah, das vergaß ich! . . Es regte den alten Papa furchtbar +auf,--er hätte sich mir widersetzt, wenn nicht augenblicklich viel von +meinem Willen abhinge--(bei Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu +sagen! . . (laut.) Gelobe mir zu schweigen. + +ALBERT. Beim ewigen Heil! + +DER DOCTOR. Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand der Fabrik, Euer +Sein oder Nichtsein--schwebt in Frage. + +ALBERT. Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis? + +DER DOCTOR. Die ich durch eine mir mißliebige Heirath beschwören +soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und frei durch die schwülen +Gewölbe schreitenden Gebieter nicht an, daß er noch angestrengter mit +der Existenz kämpfte als Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn +Dein Herz blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer +drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich anfocht, denn +Du stand'st allein und stritt'st nur für das nackte Leben!--er aber, +Oberhaupt eines großen kühnen Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der +ganzen Welt, verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene Spekulationen +plötzlich in die rathloseste Lage getrieben,--Furien der Schande hinter +sich, unverschuldeten Untergang vor sich sehend,--muß lachen, um sein +blutendes Herz zu verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste +veranstalten, seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand drücken, +um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, muß Ränke spinnen, +Unredlichkeiten und Trug begehen, um ein Mann von Ehre zu bleiben! . . + +ALBERT. Mir wird es helle im Busen!--Ihr Bekenntniß bringt mich dem +armen Herren näher als je! . . Er hatte ein zu gutes, zu ehrbares +Gesicht--ah, es war unmöglich! nein es giebt keine Teufel--wir Menschen +sind alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und gleich +übel berathen,--nicht wahr, nur die Verhältnisse stempeln uns zu +Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre Macht ist! Dies Dokument +bezeugt's zweifellos. + +DER DOCTOR. Personen im Nebensaal . . . + +ALBERT. Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . . + +DER DOCTOR. Theurer Albert, wir müssen abbrechen, es giebt Besuch. + +ALBERT. Zu Befehl, Herr Doctor. + +DER DOCTOR. Morgen sehen wir uns wieder. Du bist fortan mein bester +Geselle. Lebe denn wohl. + +ALBERT. Ueberflüssiger Wunsch!--Das Leben ist ja die Hölle. (Beide nach +verschiedenen Seiten ab.) + + +Neunte Scene. + +[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus +dem Original übernommen.] + +BLASHAMMER eine Zeitung haltend. V. ZITTERWITZ, beide Hände gefaltet, +das Haupt gesenkt. DER DOCTOR mit verwunderter Miene. Einer hinter dem +andern in gewissen Abständen. Sie machen im Saal langsam die Runde. + + +BLASHAMMER (nach einer Pause). Das Schweißtuch ging mir wohl in der +Börse verloren . . . + +DER DOCTOR. Bedienen Sie sich des meinen.-- + +BLASHAMMER (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht und wirft sich +in einen Sessel.) + +DER DOCTOR.--Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen sein--indessen, +wenn's nur nicht meine gute Adelgunde betrifft . . . + +BLASHAMMER. Das arme Herz!--Ich wünschte, der Tod hätte sich Ihrer +erbarmt! . . Welcher Zukunft geht sie entgegen! oh, oh, oh! . . + +DER DOCTOR. Sie flößen mir Angst ein. + +BLASHAMMER. Das Schicksal stellt jetzt eine große Frage an Sie. + +DER DOCTOR. Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, sie zu lösen. + +BLASHAMMER. Wir wollen's erproben! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. . . Ihr ließet mich auf eine erschütternde Nachricht +vorbereiten,--was giebt's, meine Freunde? + +BLASHAMMER. Lies hier unsere Zeitung unter dem Datum von Neapel. + +QUESTENBERG. Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche? + +BLASHAMMER. Lies, lies! + +QUESTENBERG (lesend). "Neapel, den siebenten Juni. Vorgestern nahm unser +Kriegsdampfer, König Ferdinand, einen auf der Höhe von Palermo +kreuzenden Dreimaster gefangen, dessen volle Ladung von Kriegswaffen an +die Revolutionäre der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, was +die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß beweisen. Das +Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr Banquier B. zu N., welcher +bisher des höchsten Vertrauens der Königlichen Regierung genoß und erst +kürzlich von ihr mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million +beehrt wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition +ist.--Es klingt wie eine Verleumdung. + +BLASHAMMER. Meine Gläubiger schieben den Artikel neidischen Concurrenten +in die Schuhe . . . + +QUESTENBERG. Ich möchte es auch thun. + +BLASHAMMER. Blashammer, summt's von Ohr zu Ohr an der Börse, soll mit +den Feinden der Ordnung im geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und +Rathgeber von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit--Waffen?! + +QUESTENBERG. 's ist unglaublich! + +BLASHAMMER. Für den Gewinn einiger rostigen Heller verwagt der große +Blashammer Ehre und Existenz!? + +QUESTENBERG. Wer durfte es von ihm denken! + +BLASHAMMER. Niemand--wehe dem, der's that! Und nun frag' ich, +Questenberg, woher kommt's, daß es wahr ist? + +DER DOCTOR. Der Mensch hat seine Mysterien! + +BLASHAMMER. Diese Briefe überbrachte mir die Post. + +QUESTENBERG (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, doch lese ich +zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für die anderthalb Millionen +wieder abbestellt. + +BLASHAMMER. Der bereits ausgeführt und zur Absendung fertig!--Es sind +die kostbarsten Gewehre, Karabiner und Pistolen . . . + +QUESTENBERG. Wer von den Potentaten kauft sie Dir jetzt ab! + +BLASHAMMER. Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade. + +DER DOCTOR. _Eo ipso_, Herr Schwiegerpapa, fallen Sie dem Umsturz in die +Arme. + +BLASHAMMER. Ja, gleich Ihrem Vater. + +DER DOCTOR.--Ich an Ihrer Stelle besönne mich nicht lange, sondern +strebte den Schaden schnell wieder gut zu machen. + +BLASHAMMER. Wodurch? + +DER DOCTOR. Pah, durch eine zweite Expedition nach Sicilien. + +BLASHAMMER. Ich soll noch ein Schiff verwetten! + +DER DOCTOR. Sie besitzen ein ganzes Dutzend--da kann's Ihnen auf ein +oder zwei nicht ankommen. + +BLASHAMMER. Danke bestens. + +DER DOCTOR. Ein schlechter Spieler, den ein erster Verlust entmuthigt. + +BLASHAMMER. Ach, bestünde er nur in einem Schiff! aber--öffne den andern +Brief, Questenberg, 's ist das Lebewohl des Capitains.--Der gute Mann +mußte für mich sterben! . . + +QUESTENBERG (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). Leichtsinn, +Leichtsinn! + +DER DOCTOR (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa! + +BLASHAMMER. Sapperment, außerordentlich viel. + +DER DOCTOR. Hat ein Capitain höheren Werth für Sie als ein Schifflein?! + +BLASHAMMER. Ein Capitain ist doch ein Mensch . . + +DER DOCTOR. Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, Gewissen gleich Ihnen +und alles was er thut, mit sich selber auszumachen. + +BLASHAMMER. Ich lass' es gelten. + +DER DOCTOR. Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien den Tod, so ist's +seine eigene Schuld. + +BLASHAMMER. Meinetwegen. + +DER DOCTOR. Warum gab er sich Ihnen als williges Werkzeug hin?! + +BLASHAMMER. Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung! + +DER DOCTOR. Warum, sage ich?! + +BLASHAMMER. Er hätte es unterlassen können! + +DER DOCTOR. Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen können, eben +weil er sein eigener Herr und Meister war, eben deshalb muß er Ihnen +gleichgültiger sein als das Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm +anvertrauten. + +BLASHAMMER. Wenn ich mich recht besinne, so ist er mir auch +gleichgültiger. + +DER DOCTOR. Bravo! + +BLASHAMMER. Da gab ich ihm doch ein Schreiben mit, einen Talisman, der +ihn vor jeder Gefahr schützen sollte . . . + +DER DOCTOR. Weniger ihn, als Ihr Schifflein und die Waare. + +BLASHAMMER. Laut desselben würde man die Waffen als die für Neapel +bestellten betrachtet und das Schiff als verirrt oder verschlagen von +Palermo ungehindert fortgelassen haben. + +DER DOCTOR. Sie erschöpften den Born aller List! + +BLASHAMMER. Verlasse man sich auf fremde Menschen! Wo's ihrem +unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie nicht ganz eigene Gebieter, da +sind sie ohne Genie, ohne Talent, ohne Vorsicht . . . + +DER DOCTOR.--selbst bei Gefahr Ihres Lebens! + +BLASHAMMER. Ich machte die Erfahrung schon oft, wollte es jedoch nie +glauben! + +DER DOCTOR. Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, es geht auf halb +Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . . + +BLASHAMMER. Ah, der Teufel ließ mich das nicht sagen! + +DER DOCTOR. Nicht wahr? + +BLASHAMMER. Ja, ja, hätte ich das gesagt, so könnten wir Ihrem Vater +morgen die Gläubiger vom Halse schaffen! + +DER DOCTOR.----Für morgen können Sie die Aussteuer nicht zahlen? + +BLASHAMMER. Wohl that ich's schon kund. + +DER DOCTOR. Nicht für übermorgen denn? + +BLASHAMMER. Nicht für übermorgen über funfzig Jahr. + +DER DOCTOR. Was? solche Wunden schlägt der Verlust des winzigen +Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!? + +BLASHAMMER. Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten Calcül.--Ich bin +ein ruinirter Mann! + +DER DOCTOR. Sie verrechneten sich vielleicht. + +BLASHAMMER. Ich mich verrechnen?! ah, daß der Himmel mir erspare dies +Sie zu fragen! + +DER DOCTOR. Papa, was denken Sie? + +QUESTENBERG. Nichts mein Sohn. + +DER DOCTOR. Wo suchen wir jetzt unser Heil! + +QUESTENBERG (deutet schweigend nach unten, als nach dem Grabe, während +der Vorhang fällt). + + + + +Vierter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Vor der Hütte des Vater Ziemens. + + + +Erste Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS. Mein Kind, wohin eilst Du,--bleib' in der Hütte. + +MARIE. Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, die ich verlor. + +FRAU ZIEMENS. Welche schönen Blumen? + +MARIE. Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten wir sie ja--ich +hatte die ganze Schürze voll. + +FRAU ZIEMENS. Du träumst, Kind----Entstiegst Du nicht eben dem +Federbett!--Komm' zurück, die Luft weht kalt. + +MARIE. Bin ich denn krank? + +FRAU ZIEMENS. Ein furchtbares Fieber ras't seit Mitternacht in Deinem +Blut. + +MARIE. Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so gesund! Klarer als +die freundlich strahlende Sonne ist mein Geist, frischer als die +thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. Ich wünschte Musikanten, +fröhliche Gesellschaft, einen vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu +springen wie bei der Hochzeit. + +FRAU ZIEMENS. Du erinnerst Dich nicht Deines Wehs vor einer Stunde. + +MARIE. Wir gruben im Garten Gemüse und kamen auf Albert--Du schaltst ihn +einen charakterlosen Buben, der feige den Rücken kehrte, nach dem er +mich an den Abgrund des Verderbens gebracht--Ich litt es nicht, fühlte +mich verletzt . . . + +FRAU ZIEMENS. Das geschah gestern. + +MARIE (erstaunt). Vor einer Stunde-- + +FRAU ZIEMENS.--strittst Du mit der Hölle, nicht mit mir. Ach, kein +ehrbares Mädchen hegt Gedanken-- + +MARIE. Welcher Art? + +FRAU ZIEMENS. Schweigen wir davon. + +MARIE. Mütterchen, Du erschrickst mich. + +FRAU ZIEMENS. Der Name des jungen Questenberg lag bedeutungsschwer auf +Deiner Zunge--Viel sprachst Du von einem Brief, den er an Dich +geschrieben--Wie wird Dir--Mein Kind! + +MARIE erblaßt und droht umzusinken. + +FRAU ZIEMENS (nimmt sie in die Arme).--Was hast Du auf Deinem Gewissen! + +MARIE.--'s ist überstanden; die schwache Natur hilft mir----Du bist auf +alles vorbereitet--hier, lies den verhängnißvollen Brief.---- + +FRAU ZIEMENS.--Mir dunkelt's vor den Augen. + +MARIE. Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters um--um meiner Ehre +Preis!----Keinen Laut trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein +Verbrechen zu sühnen. + +FRAU ZIEMENS. Ich lasse den Himmel walten. + +MARIE. Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel hast, er ist die +Liebe des Guten. + +FRAU ZIEMENS. Du richtetest Dich selber schon-- + +MARIE (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld--Ich bedarf einer +Autorität! + +FRAU ZIEMENS. Die findest Du im Schooß der Kirche. + +MARIE (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, niemandem vertrau' +ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du verstehst mein Herz, schaust die +labyrintischen Fäden meines Schicksals, fühlst was mich in's Verderben +trieb und kannst allein-- + +FRAU ZIEMENS. Du verlorst den Glauben an des Priesters erlösende Macht? + +MARIE (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen lernte als meinen +obersten Wohlthäter. + +FRAU ZIEMENS. Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten Satzungen! + +MARIE (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem Blinden--die Brille. + +FRAU ZIEMENS. Herr mein Gott!--Nun erst begreif' ich, wie tief Du +sankst----Um die letzte Stütze der Noth brachte sie der Jugend +vernunftlose Leidenschaft! Kein Sakrament, keine Messe, kein Spruch +geweihter Priester erbaut sie mehr! + +MARIE. Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, Thaten, denen des +Schöpfers Lob vernehmbar tönt: Friede sei mit Dir, Du bist +gerettet!--Gieb mir eine Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen +lehrt, einen Priester, der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch +vom Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde mich +ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner Gründe +Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber seines +Beispiels!--Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, und +verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! Dem stolzen Adler +ähnlich, der, gelähmten Fittich's im Staube sich windend, vergebens die +Höhe erschaut, wo seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze +mich!--Sogleich erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, das die +Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, sclavisch sich +zu fügen--Muß ich ihm folgen? + +FRAU ZIEMENS. Räthselhafte Kranke, unbegreifliche Schwärmerin. + +MARIE. Muß ich--? + +FRAU ZIEMENS. Was wäre Dein Loos, wenn Du nicht müßtest?! + +MARIE. . . . Der Tod. + +FRAU ZIEMENS. Und unser, der armen Eltern Loos?!----Verdienten wir das +um Dich! + +MARIE (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen).----Führ' mich nach +jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht der Gefürchtete--Ersehnte! +Er ist's!--Ich gleiche dem bedrängten Piloten in Sicht des winkenden +Ports--doch vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts stürmt +ihn das unerbittliche Meer. + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. ALBERT. + + +ALBERT. Grüß' euch Gott, meine Theuren. + +MARIE (kehrt ihm entsetzt den Rücken). + +FRAU ZIEMENS (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner Verbeugung). + +ALBERT (erschrocken stehen bleibend). Was ist das!--Frau Mutter, dies +Papier verkünde Ihnen, weshalb ich komme . . . + +FRAU ZIEMENS (damit in die Hütte). + +ALBERT. Stumm enteilend und betroffen, als wüßte sie schon alles--War +die Furcht prophetisch, welche mich zögern ließ bis heute früh? Sag' an +Mädchen, wie fass' ich-- + +MARIE (reicht ihm des Doctors Brief). + +ALBERT. Willst Du schriftlich zu mir reden?--Ha!--Der junge Herr ging +schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig gelesen, unwillig mit dem +Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie!----Aber wie fein! wie +herablassend im vornehmen Gewande des Stolzes! welche unsichtbar +sichtbare Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts +vergeben und doch den Erkenntlichen spielen . . . "Die trüben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; bis +jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt"--Ei, ei! . . . Zu +viel überschwemmendes Lob--zu viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau +des Himmels eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte!--(Sich die Hand vor die Augen haltend.) + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. DIE ALTEN ZIEMENS. + + +VATER ZIEMENS. Mein guter, guter Albert. + +ALBERT. Wer ruft mich?--Mein Vater! + +VATER ZIEMENS. Wo bist Du? Komm, komm.--Sag' mir doch, wo er ist? + +FRAU ZIEMENS. Dich macht die Freude blind--Da, da hast Du ihn. + +VATER ZIEMENS. In meine Arme, Himmelsbote--Noch kommst Du zur rechten +Zeit, noch findest Du sie bei uns, noch----Du bebst zurück? Welche +finstere, verzweifelte Mine? + +ALBERT. Armer Vater! + +VATER ZIEMENS. Melancholische Seufzer--Bringst Du meinem Töchterchen +keinen Trost? Dies Papier verbrieft und besiegelt-- + +ALBERT. Vergrößert ihre Pein. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe vergangene Nacht? . . . +Lass' mal sehn--Ist sie im Garten? + +ALBERT. Hier sitzt sie--erstarrt von des Geschicks Meduse. + +VATER ZIEMENS. Was, was! um Gotteswillen--Kinder, Kinder, ihr werdet +nichts Böses . . . Mütterchen, Du scheinst alles schon zu wissen. + +FRAU ZIEMENS. Die Kinder sind närrisch. + +VATER ZIEMENS. Durch welche Mittel erweichten sie so schnell des Herren +kaltes Herz? + +FRAU ZIEMENS. 's ist einfach. + +VATER ZIEMENS. Erzähle--sei so gut. + +FRAU ZIEMENS. Erinnerst Dich noch wohl, daß Marie früher, verstehe +recht, bevor sie Albert kannte-- + +VATER ZIEMENS. Ich versteh'. + +FRAU ZIEMENS.--ein wenig entzündet von dem jungen Doctor ward-- + +VATER ZIEMENS. Und der junge Doctor von ihr. + +FRAU ZIEMENS. Dies nützte die Unglückliche in ihrer Noth.-- + +VATER ZIEMENS. Meine Ahnung! + +FRAU ZIEMENS (ihm den Brief gebend, welchen Albert in seiner Hand hält). +Lies aber den Brief hier, den der vom braven Albert schrecklich +Enttäuschte nun reumüthigst an sie richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie +in seine thörichten Bedingungen nur listig willigte und ihre Ehre rein +blieb. + +VATER ZIEMENS (sich weigernd den Brief zu nehmen). Dessen--dessen bin +ich gewiß. + +FRAU ZIEMENS (zudringlich). Erbaue Dich an der herablassenden, +schmeichelhaften Sprache. + +VATER ZIEMENS (nimmt; nachdem er gelesen und die Kinder mit +schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist und Gefühl steht +Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine Liebe paart Eure Herzen; Euch +fehlt zur Glückseligkeit nichts! und nun, was ist's, daß sich feindlich +zwischen Euch stellt, Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der +Menschheit Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit verwebt?! Weh, seid +Ihr verloren--Ihr seid--und keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein +Ziel für Eure Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung starker Kiel +zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, treibt +Euch des Schicksals finstre Welle auseinander! + +FRAU ZIEMENS. Unseliger, trankst Du noch nicht genug den bittern +Leidenskelch?! + +VATER ZIEMENS. Was wünschest Du, daß ich den Edelmüth'gen rathe? + +FRAU ZIEMENS. Sich den Verhältnissen zu fügen! + +VATER ZIEMENS. Der Schande und des Ekels? Wider innere Würde?--Weib! + +FRAU ZIEMENS. Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich der Zeit +Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die matten Glieder jetzt in +schimmernden Palästen, säugte an des Reichthums voller Brust der Jugend +unbefangene Freuden und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten +Frühlingsblüthe gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, von +Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Verträgen um meine Freundschaft buhlten. Eigensinnig aber pochte ich auf +meinen guten Stern, der, vom protestant'schen Schwärmergeist bereits +verdunkelt, mir die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, +er hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, über +Stock und Stein bald links, bald rechts.--Weit hinten blieb der selige +Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und quer des Geistes feur'ges +Rächerantlitz warnend mir erschien--warst Du nicht umzustimmen! Taub +bliebst Du meiner Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: "Ein' feste Burg ist +unser Gott, ein' starke Wehr und Waffen" . . . Ja, blicke nur +beschämt--er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf einen weichen +Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns wohlbehagen . . . Daß diesem +lügnerischen Streben der Stab gebrochen werde,--in mir das letzte Opfer +ihm gefallen! . . Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben und +nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, die's leicht +erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen Körnlein lautern Goldes +aus seinem Schacht zu stehlen wissen! . . Ich bin müde sein morsches +Kreuz noch länger fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, eine neue Zeit +beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem Frommen, so bin ich +ausgesöhnt,--vergebe den Gewissenlosen, die als Spielball schnöden +Eigennutzes, lachend von Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in +ihren dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten. + +VATER ZIEMENS. So hört' ich Dich noch nie!--Welchem fürchterlichen +Zweifel unterjochte das Elend Dein Herz!--Hast Du kein Blut mehr in den +Adern; zehrte die heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst +nun morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, von der +unsterblichen Himmelsflamme verglüht!? + +ALBERT. Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige Gesetze die dunkle +Macht des immer Wechselnden zu brechen, vergebens, ihrer heißersehnten +Wohlthat den schwachen Sterblichen zu unterwerfen! Wie es gewesen seit +fünftausend Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, aus edlem Eifer fort +und fort sein ältres Werk dem jüngeren zum Opfer bringen und nie +erfahren, woran er ist, was er zum Heil, zum Unheil eigentlich +gestiftet. Ich tret' deshalb auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom +blassen Gram des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten +Inhalt sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu nehmen +wie sie ist, nicht wie sie sollte sein,--dem Zufall zu vertrau'n und dem +Verstand, der reich an Kenntniß und an List, das Netz nur auswirft wo's +zu fischen giebt, im Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl +verriegelt, das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit und +Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd)--als Mittel zur +Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher der süße Genius sich zu +Boden senkte . . . Ich hätt's schon lange wissen sollen und anders +stünd' es jetzt! Die Nemesis, des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht +beschworen, ihr flammendes Geschoß auf uns zu schleudern! + +FRAU ZIEMENS. Beim Himmel, nein! + +VATER ZIEMENS. Erforscht' ich je Dein Herz, so wird es schwer Dir +fallen, sie zu versöhnen. + +ALBERT. Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, die sich aus Eifer +für das allgemeine Wohl in einen frommen Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, +Katechismus, Bibel unterm Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's +alltäglich nach dem Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in +lustiger Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein +jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen und +gottgefälligen Sprüchen, als wie "unrecht Gut gedeiht nicht; Jedem das +Seine; ehrlich währt am längsten; selig die reines Herzens sind"-- + +VATER ZIEMENS. Albert, Albert! + +FRAU ZIEMENS. Lass' ihn! + +ALBERT. Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' in wenigen Jahren ein +Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen der Stadt und alle Freunde guter alter +Ordnung ein schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen. + +VATER ZIEMENS. O wär' mein Name dann bereits vergessen! + +ALBERT. Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, Neid--unter dem +Hute der Scheinheiligkeit geschickt versteckt, bilden die kardinale +Tugend der allgerechten christlichen Liebe, welche Hirten zu Königen +erhebt und die Pforten des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und +schließt. Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Säulen als Ihr Glaube an--an--ich weiß nicht woran! + +FRAU ZIEMENS. Aus der Seele mir gesprochen. + +VATER ZIEMENS (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind. + +FRAU ZIEMENS. Wer die Welt mit Deinen Augen sieht, muß unsrer echt +katholischen Kirche sich zu Füßen legen. + +ALBERT. Sie ist die einzige Brücke zum verlornen Paradies. + +FRAU ZIEMENS. Traun, ich halte Dich beim Wort. + +ALBERT (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um meines Engels +Frieden! + +VATER ZIEMENS. Willst Du mit Deinem Vater in die Hütte? + +ALBERT. Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet keinen stillern +Platz für sie als hier, an meiner Brust!--Ich beschwöre Euch, weilt! + +MARIE. Fasse--halte--leite mich, Vater . . . + +ALBERT. Geht Dir der Athem aus auf halbem Wege?!--Die Bagatelle, Vater, +welche Euch erzürnt, bleibt in unserm und in Questenberg's Interesse den +Lauschern fremd.--Wovor deswegen Anstand nehmen?!--Marie, kannst Du für +ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, den einz'gen Freund +verachten, welchen die Natur, das Schicksal Dir gesandt! + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. ALBERT. + + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich, Albert.--Gewalt stürmt nicht die Schranken +ihres Herzens. + +ALBERT. Memme! Memme! + +FRAU ZIEMENS. Geduld, mein theurer Freund. + +ALBERT. Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß!----Oder denkst Du, ich bin +ein Sclav' des Elends, nahm das schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von +Verdienst? Auf zu Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk +den Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?! + +FRAU ZIEMENS. Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt sich etwas.) + +ALBERT. Wo ist sie?--fort--sie ist fort?!--Ihr war's möglich--sie +konnte--Ich allein! grausam überliefert, überlassen der Hölle?!--Das +endet nimmer gut, bleichsichtige Giftmischerin--(Ein Messer ziehend.) +Teufel und Engel tauschen ihre Masken--die sanftmüthige Taube wird zur +Hyäne . . . + +FRAU ZIEMENS. Wohin Albert? + +ALBERT. Ihr die Schande kürzen! + +FRAU ZIEMENS. Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind! + +ALBERT (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre des Hauses +geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande tritt ihm +Marie entgegen). Gott-- + +MARIE (feierlich). Hier hast Du mein Herz. + +ALBERT (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott--entfloh'st Du +meiner Brust! . . + +MARIE. Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! (verschwindet.) + +FRAU ZIEMENS. Besinne Dich, guter Sohn. (Sie stützt ihn, und er steht +geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. Pause. Die Scene erhellt sich +wieder.) + +ALBERT.----Mildwärmend durchbricht die himmlische Sonne den nächtigen +Nebel, froh athme ich auf:--es war nur ein Traum, ein fürchterlich +geheimnißvoller Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten--drum sei +er schnell, schnell vergessen! + +FRAU ZIEMENS. Vertrau' der Zeit, die uns mit Klugheit rüsten wird und +Mitteln, die Thorheit zu besiegen. + +ALBERT. Welch' Gesang--? Der wilde Klaus! + +FRAU ZIEMENS. Er kommt hierher--schon winkt er uns. (Geschrei aus der +Ferne.) + +ALBERT. Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und wenn's schon sechs +Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte Nacht ihm ein schützend Dach +versagte-- + + + +Fünfte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS (singend). So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage, so +leben wir alle Tage, in--_Bon jour monsieur, madame_--Wir nicht hatten +_depuis long-temps_ die Vergnüken--_Reçevez mes compliments_. + +ALBERT. Was bringst Du, altes Wrack?-- + +KLAUS. Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird über unser _passé_ +endlich Justiz gehalten. + +ALBERT. Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; sprich daher +ordentlich deutsch. + +KLAUS. _Le plaisir de vous voir_ mir haben verrückt die Kopf und lassen +_oublier notre belle langue allemande_ . . . + +ALBERT. Du kommst mich zum Besten halten. + +KLAUS. _Patience, monsieur_. + +ALBERT. Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren. + +KLAUS. _Mille pardons_--ich werde sprecken ßo kut ik gann. Nückst Euk +ßoll ßein verschw--w--wiegen! _Mon Dieu! ces maudits mots me coupent la_ +Kurkel--_j'étouffe_ . . . + +ALBERT. Wie groß des Schöpfers Güte an solchem Ungeheuer! + +FRAU ZIEMENS. Seine Fratzen sind unerträglich. (Sie will gehen.) + +KLAUS (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine Million +reich!--Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung bewundert ein großer, +großer Mann--Nicht unser Muckerländchen--das freie göttliche Amerika +erzeugte ihn. Schlekt nur er barlen duht _notre langue_ und ik in dieser +Stadt _de la sagesse chretienne_ der Einzike _à trouver_ welcher mächtik +der Sprak _du monde_. + +FRAU ZIEMENS. Ihr sagt von einer Million-- + +KLAUS (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek auf ein +rentables Fabrikchen eingetragen-- + +FRAU ZIEMENS. Bei!? + +KLAUS.--Frau Hoffnung!--Hier die Verschreibung. + +ALBERT (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren--ihrem +Besuch--schleunigst--erfreuen--Johnson----Das ist ein Possenspiel. + +KLAUS (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen zu erheitern. + +ALBERT. Vergebliche Mühe--zu spät! + +KLAUS. Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he? + +ALBERT. Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt Dich bei dem rechten +Namen. + +KLAUS. Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht weil ich an der +Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen Wirkungen ihres Lichts +aussetzte.--Ziehe Dir das zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, +großherzig strebender Freund und stürze Dich nicht eines +Mißverständnisses wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums auf +die heidnische Erde.--Ich bin unschuldig wie das Lamm Gottes, das die +Sünde für uns alle trägt! + +ALBERT. Ja, ich that Dir Leides-- + +KLAUS (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf daß mir +einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) Ach, es steht jetzt +viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! Mein Verdienst Dich zur +Unsterblichkeit gefördert zu haben, belohnte sich wohl durch etliche +tausend Thälerlein . . Zweitausend fünf hundert stopften mir schon die +Kinnbacken--aber dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst +löschen,--nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte von dreitausend +würde mich indeß so recht _tête-à-tête_ bei meinem Schöpfer zur Tafel +laden. Ich moderirte sachte--sachte--leise--leise--nach der reichen +Tellerzahl mein roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den +Zehen an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen Bairisch an +der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit graue Nebel vor +mir her. Bespräche hochgespannt des Staates Güt' und Mängel und +balancirte--balancirte die Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich +beruhigt mich zu Boden neigte--zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbürger--bescheiden seiner Heldenthaten +übermächt'gen Rausch verschlief! + +ALBERT. Ein frommer Wunsch. + +KLAUS (aufspringend). Erfüll' ihn mir. + +ALBERT. Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter Bote, so sei gewiß, +daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit mich eher selbst als Dich +vergesse. + +KLAUS. Hoppheisa juchhe!--Frau Mutter, werden Sie noch die Jungen +anhetzen, Steine nach mir zu werfen und "wilder Klaus" zu schreien, he? +Oder passire ich jetzt die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel +pfarrherrlicher Ehrbarkeit? + +FRAU ZIEMENS. Ich finde Ihr Benehmen mit Albert des besten Freundes +würdig und gestehe, daß Sie mich außerordentlich beschämen. + +KLAUS (tanzt, klopft die Tasche und singt:) + + Bei wem das Geld im Beutel klingt, + Die Seele aus dem Fegfeuer springt. + +ALBERT. Halt, halt! noch klingt es nicht. + +KLAUS. So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend in einige +verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten sie nichts eiliger zu +ersinnen, als ein "kreuzige, kreuzige!" mir auf den Buckel zu kreiden. +Und so kam's, daß der böse Feind moralisirender Heuchelei und eitler +Schwäche dies bei jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich +kehrte, bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und Arbeit geben +mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten Klepper an der Landstraß' +elend verschmachtet, wenn der gute Genius des Rechts und der Billigkeit +noch länger die superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert +hätte.--'s ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! Brrr--fahr's nur +ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer sich ihm widmet und für Freiheit +wahrhaft schwärmt!--Gut, daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich +werde den Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen und in's +Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure Hoffnung! + +ALBERT. Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein gegebenes +Versprechen zurück. + +KLAUS. Albert--verzeih', daß ich ein Herz besitze, welches in Erwägung +gewisser Dinge überschäumt . . 's ist ein Krampf, der--der die Brust +schnürt und Gedanken mir eingiebt--Gedanken, Albert, ach! ich mag keine +verrathen; die alte Frau könnte schamroth werden. + +ALBERT (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein guter, guter Kerl +in ihm!--Ja, Du kommst ein gottgesandter Bote, mich zu trösten und +erheben, Du, Du--wer hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder! + +KLAUS. Ich an Deiner Stelle, Albert,--benutzte die Million _in spe_ für +Mörser und Bomben; würde Rekruten, rüstete ein standfest Heer--für Geld +ist Alles feil, Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue!--und eröffnete dann eines schönen Morgens mit dem Hause +Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, verläse die christlichst +angefertigten Artikel und fragte, ob man unsers Glaubens werden +wollte--Wenn Nein die Antwort--bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der +Gedanke elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie zeigen; +möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem Kreuz, weißprangenden +Federhuts, staatsretterlich gekniffenen Gesichts, dem feinsten Fuchs +beweisen, daß seine Kunst zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack +beglücken? Wozu nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums vom Mark +der Menschheit geistlos zu schmarotzen? Ich rathe Dir, leg's an auf +Deines Herzens sichre Rente! + +ALBERT. Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich werde Deinem Rath +entsprechen, doch in meiner Weise. + +KLAUS. Heil Brutus Dir! + +ALBERT (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr--'s ist jetzt die Zeit. Mich +drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten.--Frau Mutter, ein Wörtlein in +Begleitung. (Mit ihr am Arm ab.) + +KLAUS (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, persiflirt er +singend hinter ihnen her). + + _Allons, enfants de la patrie--hi, hi, + Le jour de gloire est arrivé:--he, he. + Contre nous, de la tyrannie--hi, hi, + L'etendard sanglant est levé--he, he . ._ + +(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.) + + + + +Abtheilung II. + +Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt. + + + +Sechste Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. (Im Gespräch.) + + +V. ZITTERWITZ.--Ich glaube selbst, daß sich für den Augenblick bei der +_haute-finance_ nichts ausrichten läßt--Aber ich kenne Schneider, +Schuster, Schlächter, Käthner, die _petit à petit_ hübsche Sümmchen in +ihrer Bettlade anhäuften und für gute Worte herumzubringen wären.--Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht zumuthen, in +die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen--nein, Sie schreiben +vornehm einige Zeilen blos und-- + +BLASHAMMER. Ich bin nicht Questenberg, dem's gleichgiltig ist, wo und +wie er zu Credit kommt. + +V. ZITTERWITZ. Mit Ihrer Subtilität! + +BLASHAMMER. Sie werden mich in seine Fußstapfen nicht drängen.--Ich--ich +nehme von Niemandem Geld auf blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein +Wort wenn ich ohne Sicherheit bin. + +V. ZITTERWITZ (mit feinem Lächeln). Der Schlag von Neapel lähmte Ihre +Kühnheit und Sie zweifeln am Glück? + +BLASHAMMER. Am Glück des Lottospielers!--Treten wir unter die Gläubiger. + +V. ZITTERWITZ. Sie geben verloren den armen Mann?! + +BLASHAMMER. Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die Ehre in den +Loostopf. + +V. ZITTERWITZ. O wie verschieden die menschlichen Herzen sind!--Daß ich +Sie beschäme, Herr Blashammer--(hält ihn fest.) + +BLASHAMMER. Herr Regierungsrath? + +V. ZITTERWITZ. Ich hol' Ihnen die Castanien aus dem Feuer-- + +BLASHAMMER (sieht ihn verwundert an). + +V. ZITTERWITZ. Eine alte Tante, die nicht mehr lange zu leben hat und +ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den alleräußersten Nothfall +einen Theil ihres bedeutenden Vermögens zur Verfügung-- + +BLASHAMMER. Questenberg steckt zu tief in Schulden, wurde von der +Concurrenz zu weit überflügelt! + +V. ZITTERWITZ. Sie meinen--? + +BLASHAMMER. Er krankt an einem unheilbaren Krebs, der uns +ansteckt--sagen wir gut für ihn. + +V. ZITTERWITZ. Aber die neuen Webestühle. + +BLASHAMMER. Versuche im Großen stellen zweifelhafte Resultate +heraus--Ich prophezeite es Ihnen schon. + +V. ZITTERWITZ. Konnte mich Questenberg hinter's Licht führen! + +BLASHAMMER. Der Schelm? hi, hi, hi--ich achte Ihren guten Glauben und +schweige. + +V. ZITTERWITZ. Die Verzweiflung blendete ihn; er täuschte mich +absichtslos. + +BLASHAMMER. Es tröste Sie. + +V. ZITTERWITZ. Bemitleiden wir ihn!--Als Sie noch in den Windeln der +Geschäfte steckten, erwies er Ihnen manchen wichtigen Dienst, denken Sie +daran. + +BLASHAMMER. Möchte ihm tausendfach vergelten, aber aber,----(nachdem er +auf und nieder gegangen) Wenn wir uns associirten, Herr +Regierungsrath,--die Concursmasse den Gläubigern abhandelten, so billig +als möglich!--und den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he? + +V. ZITTERWITZ (nach einer Pause des Erstaunens). Hm--ihm und uns wäre +damit geholfen. + +BLASHAMMER. Sie geben das Geld Ihrer alten Tante und ich meinen Kopf? + +V. ZITTERWITZ. Kein übler Anschlag. + +BLASHAMMER. Lohnt's? + +V. ZITTERWITZ. Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so ist's das höchste +Freundschaftsstück guter Christen. + +BLASHAMMER. Ueberlegen Sie. + +V. ZITTERWITZ. Ein Schiffbrüchiger klammert sich an alles, was ihn auf +den Fluthen trägt!--Wir sind einig. + +BLASHAMMER. Sieh da, vor Thoresschluß. + + + +Siebente Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG (ein großes Buch unter'm Arm). + + +V. ZITTERWITZ. Fort! + +BLASHAMMER. Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten. + +V. ZITTERWITZ. Nicht hier, sondern unter den Leuten, wo seine Seufzer +sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.) + +QUESTENBERG. Vieles könnte ich sagen, was mir Mitleid erwirbt--nichts, +was mich entschuldigt . . D'rum ist's angemessener, ich schlage das Buch +schweigend auf--O Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.) + + + +Achte Scene. + +QUESTENBERG. ALBERT. KLAUS. + + +ALBERT. Wir treffen ihn noch!--Kehr' schnell zurück, dem Amerikaner es +zu melden. + +KLAUS. Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert bleibt er +und lacht über Deine Großmuth nur frohlockend sich in's Fäustchen. + +ALBERT. Geh, eile. + +KLAUS. Du verkennst die Welt und spottest der Früchte Deines Genie's. + +ALBERT. Willst Du mich erzürnen. + +KLAUS.--Der Schwärmergeist wird sich an Dir rächen. + +ALBERT. Niemand entrinnt seinem Schicksale! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +QUESTENBERG. Wer hemmt mich an der Pforte des Verderbens. + +ALBERT. Ihr treuer Diener. + +QUESTENBERG. Kannst Du keinen Credit schaffen, so geh' mir aus dem Wege. + +ALBERT. Vielleicht kann ich's, mein Gebieter--Verweilen Sie nur einige +Minuten. + +QUESTENBERG. Du kommst mich verhöhnen--ich les' es in Deinem +Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur ab die falsche Larve. + +ALBERT. Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, erwiesen mir so +viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst erstaune.-- + +QUESTENBERG. Schlange! + +ALBERT. Ihr Argwohn entsetzt mich . . . + +QUESTENBERG (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). Verkünde, was +Dich herführt. + +ALBERT. Im Augenblick erscheint vor Ihnen-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß Du mein Freund bist, +Albert. + +ALBERT. Sie besitzen keinen bessern auf der Welt. + +QUESTENBERG. Nun denn, im Augenblick erscheint? + +ALBERT. Ein großer Fabrikant aus den vereinigten Staaten-- + +QUESTENBERG (ungläubig). Ah! + +ALBERT. Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen die--Kühnheit hatte. + +QUESTENBERG. So! hm!--Und sie fanden seinen Beifall? + +ALBERT. In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, als er von Ihrem +Unglück hörte-- + +QUESTENBERG. Wirklich--sieh! ah! der Zufall fügt oft +Wunderdinge--räthselhaft erscheint mir blos . . . + +ALBERT. Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das--eines Mannes von bösem +Gewissen. + +QUESTENBERG. Du täuschest Dich wohl nicht. + +ALBERT. Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen. + +QUESTENBERG. Willst es wissen? + +ALBERT. Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben zu behalten. + +QUESTENBERG. Du wurdest betrogen,-- + +ALBERT. Sie scherzen! + +QUESTENBERG. unterdrückt,-- + +ALBERT. Pfui. + +QUESTENBERG. tyrannisirt! + +ALBERT. Sollten Sie so schlecht sein?!--O mein Gebieter! + +QUESTENBERG. Der bin ich nicht mehr.--Pack' Dich fort. + +ALBERT. Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben Sie--man kommt--Ihr +Retter!--Glauben Sie mir nun? + +QUESTENBERG. Du machst mich toll, Albert. + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. JOHNSON. + + +JOHNSON. Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren Sie pereits.-- + +QUESTENBERG. Ich traute den Ohren nicht, mein Herr . . . (Setzt ihm +einen Stuhl vor). Haben Sie doch die Güte . . . + +JOHNSON (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' kehören zu ten +vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts und erwerpen dem Erfinder, +ter, wie Herr Albert mir versichern daht, Sie allein sind-- + +QUESTENBERG (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich Albert ansieht). + +JOHNSON. ten erhapensten Zoll der Pewunterung. + +KLAUS (murrt). + +QUESTENBERG. Ein zu schmeichelhaftes Kompliment. + +JOHNSON. Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern der Menschheit +klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt. + +QUESTENBERG. Mein Herr Sie--Sie . . . (bei Seite.) Ich weiß nicht, was +ich sagen soll!--(laut.) Muß ein Fremder mir Trost und Hoffnung +bieten--(bei Seite.) Mir spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) +Trost und Hoffnung bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Lügen strafen! + +JOHNSON. 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter Freunden oft +Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der Erkenntniß trüben! +(QUESTENBERG seufzt.) Man sich wohl beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt +zu mißcreditiren? + +QUESTENBERG. Ja--ja wohl! + +JOHNSON. Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, verterblicher +Exberimentesucht-- + +QUESTENBERG. Man that's. + +JOHNSON.--was Sie in den Ruf eines schlechten Keschäftsmanns prachte. + +QUESTENBERG. Natürlich. + +JOHNSON. Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen Genien des +Fortschritt's!-- + +QUESTENBERG (springt vom Stuhl auf). + +JOHNSON. Der Herr hat keine Zeit--Zur Sache, wenn's kefällt. + +QUESTENBERG. Ich kann mir den Albert nicht erklären! (setzt sich.) + +JOHNSON. Auf die Erfintung pin ick eine Million zu wagen pereit.-- + +QUESTENBERG. So--ah! + +JOHNSON (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) Wenn tas kenügt, +mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten. + +QUESTENBERG. Vollkommen genügt's, mein Herr--Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, daß Sie mir +solch' Vertrauen . . . + +JOHNSON (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, was Sie +wünschen. + +QUESTENBERG (indem er den Albert verwundert ansieht). Ich, ich weiß +nicht . . . + +JOHNSON. Sehen Sie nur hierher. + +QUESTENBERG (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . . + +JOHNSON. Ohne Umstände, mein Herr. + +QUESTENBERG. Sie bringen mich außer Fassung, mein Herr. + +JOHNSON. Nehmen Sie, mein Herr. + +QUESTENBERG (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . (laut.) Wie? gleich +jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche Summe!? + +JOHNSON. Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?! + +QUESTENBERG. Nein, gütiger Herr, nein--'s ist hier nicht Mode.-- + +ALBERT. Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, bestellte ich den +Notar, der draußen wartet. + +JOHNSON. Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen. + +QUESTENBERG. Um Verzeihung--sehr brav! sehr brav! Ruf' ihn, braver +Albert. (Sich freudig in die Hände reibend; bei Seite.) Der +Einfaltspinsel blieb unschuldig . . . + +KLAUS (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, Bruder . . . Du willst +ihn schamlos triumphiren lassen!? + +ALBERT. Behindre mich nicht. + +KLAUS. Keinen Schritt weiter. + +ALBERT. Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . . + +KLAUS. Ich schenke sie Dir--Alles was menschlich! + +JOHNSON. Meine Herrn . . . + +QUESTENBERG. Was--giebts--Kinder. + +ALBERT. Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) Ihnen theilte ich +schon die Gründe mit, weshalb er den Spleen nicht los wird, daß die +Erfindung des Herrn Questenberg mein Eigenthum sei. + +KLAUS. Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr Johnson. + +JOHNSON. Lieper Herr Klaus . . . + +KLAUS. Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen auseinandersetzte, so +straf' mich der Teufel. + +JOHNSON. Können Sie sich stützen auf Peweise. + +KLAUS. Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet alles; +dessenungeachtet . . . + +JOHNSON. Aber er muß wohl am pesten wissen-- + +KLAUS. Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in Tollheit und er ist +nicht Meister seiner Handlungen. + +ALBERT. Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. (Er sagt +Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe klingelt. Ein Bedienter +erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder ab.) + +JOHNSON (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie pedürftiger als er. + +KLAUS. Was! + +JOHNSON. Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . Schämen Sie sich was! + +KLAUS. Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson. + +JOHNSON. Wer läugnet's, allein-- + +KLAUS (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist muß Recht bleiben! + +JOHNSON. Schon kut, toch-- + +KLAUS. Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's Gesicht-- + +JOHNSON. Keine Injurien, Herr Klaus. + +KLAUS. Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm,--mit mir ist die heilige +Macht der Wahrheit. + +JOHNSON. Ihr Petragen wird kanz abscheulich. + +QUESTENBERG (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den Menschen in die +frische Luft und macht ihm Umschläge . . . + +KLAUS. Die mach' ich Euch, Schurken--wagt mich anzutasten! + +QUESTENBERG (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer Erlaubniß? + +JOHNSON. Uepen Sie nur Hausrecht--er ist ein unkezogener Pupe. + +QUESTENBERG. Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme nicht. + +KLAUS. Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. (Man knebelt +ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst Du des Freundes Müh'! Hätte ich das +gewußt--doch Gott befohlen! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne KLAUS. + + +ALBERT. Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein gütiger Gebieter. + +JOHNSON. Er wußte nicht, was er dhat,--dragen Sie's ihm nicht nach. + +QUESTENBERG. Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf der Polizei +durchprügeln lassen. + +ALBERT. Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt. + +JOHNSON. Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker verkommener Keselle +Ihnen schaden könnte-- + +QUESTENBERG. Es ist gut, mein Herr--Ruf' den Notar, Albert. + +JOHNSON. Lassen Sie, lassen Sie--Ick habe für heut' keine Zeit mehr und +porge Ihnen das Geld bis morgen auf's planke Angesicht. + +QUESTENBERG. Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch genug zu schätzen. + +JOHNSON (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die Summe kefälligst nach. + +QUESTENBERG. Es wäre wohl überflüssige Mühe. + +JOHNSON (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar klückliche +Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen zusammen ernten. + +QUESTENBERG. Ich habe keinen schönern Wunsch. + +JOHNSON. Auf Wiedersehen--Ihr erkepenster Tiener. + + + +Zwölfte Scene. + +DIE VORIGEN ohne JOHNSON. + + +QUESTENBERG. Mein guter Albert, welchen Dienst leistetest Du mir!--nicht +unbelohnt darfst Du von hinnen; erbitte Dir eine Gunst. + +ALBERT. Sie beschämen mich. + +QUESTENBERG. Fordre die Hälfte der Fabrik--fordre sie ganz!--Erweise mir +die Freundschaft! + +ALBERT. Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen keinen Gebrauch +mache-- + +QUESTENBERG (unterbrechend). Frei von Verstellung bin ich--glaub's mir, +Albert . . . Willst Du den Reingewinn der neuen Webestühle im ersten +Jahr? + +ALBERT. Wie kann ich so viel wollen! + +QUESTENBERG. Morgen empfängst Du's schriftlich . . . Ach, wär's mir +vergönnt, Dich glücklich zu machen! + +ALBERT. Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal. + +QUESTENBERG. Scherz bei Seite. + +ALBERT. 's ist zu spät! + +QUESTENBERG. Was hast Du? + +ALBERT. Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr heilt. + +QUESTENBERG. Nahmst Du Schaden in der Liebe? + +ALBERT. Sie ging mir verloren! . . + +QUESTENBERG. Deine Braut--zufolge? + +ALBERT. Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . Erbleichen Sie nicht +mehr, Gott hat gerichtet! + +QUESTENBERG. Nimm--diese Summe gehört Dir! + +ALBERT. . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die Missethat +hassen--nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes Glied am Körper +unserer Menschheit ist--Ich verzeihe Ihnen. + +QUESTENBERG. Du! Du! + +ALBERT. So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der mit dem Apostel sich +eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur Erlösung aus der Sünde, ich +ließ mich von Euch übervortheilen, verleumden, entehren, mit Füßen +treten, in Ketten schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner +Leidenschaft, gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen +Herzens--ein verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube +krümmt! + +QUESTENBERG. Das sprichst Du ironisch nur.--Entlaste mich dieses +Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: Qualen der Hölle! + +ALBERT. Denken Sie an die tausend nothleidenden Familien, die ihnen +Arbeit, Gesundheit und Leben zum Opfer brachten und unverantwortlich +sind für die Schuld, in welche Ihr Fall sie stürzt! + +QUESTENBERG. Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem Namen--mir fehlt die +Kraft. + +ALBERT. Auch das noch?--Traun, ich bin kein Pharisäer und +Schriftgelehrter, der das Christenthum nur mit der Zunge übt! + +QUESTENBERG. Lass', lass'--ist's eine Strafe für mich, so muß ich's +thun. + +ALBERT. Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen. + +QUESTENBERG. Wohin gehst Du? + +ALBERT (zeigt nach Oben). + +QUESTENBERG. Oh! + +ALBERT. Ich vollendete und trage mein Kreuz auf den Golgatha! . . War's +Ihnen Ernst eine Gunst mir zu erweisen, so sorgen Sie für mein +Begräbniß; ich wünschte an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs +zu ruh'n. (Er will geh'n.) + +QUESTENBERG. Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht fort--Hülfe! + +ALBERT (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf die Brust +setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich. + +QUESTENBERG. O das ist entsetzlich! + +ALBERT. Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der Feigheit berauscht, +zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn und Rechtlichkeit eilen +ihm freudig entgegen! (ab.) + +QUESTENBERG. Bring' ich den Gläubigern das Geld und verfolge seine Spur! + + + +Dreizehnte Scene. + +Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer langen Tafel +die Gläubiger. + + +QUESTENBERG. Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. (Er wirft das Geld auf +den Tisch.) + +ALLE. Geld . . . ah! ah! + +QUESTENBERG (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, all' meine +Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . Meinen herzlichsten, +unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, liebe Herren--vertheilen Sie +unter sich die Summe und gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe. + +ERSTER GLÄUBIGER. Ihr edles Gemüth fühlt sich durch unsre Maaßnahme +verletzt. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Sie zürnen uns. + +ERSTER GLÄUBIGER. Hätten wir gewußt oder geahnt . . . + +QUESTENBERG. Bleiben Sie ruhig--Was mein Inneres bewegt gilt Ihnen +nicht--doch ich baue auf Ihre Nachsicht--meinen unterthänigsten Diener. + + + +Vierzehnte Scene. + +DIE VORIGEN ohne QUESTENBERG. + + +ERSTER GLÄUBIGER. Ein kurioses Benehmen! + +ZWEITER GLÄUBIGER. Fein überlegt, fein studirt! Er hängt uns einen +dicken Zopf an. + +ERSTER GLÄUBIGER. Teufel, wir waren zu leichtgläubig. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Einen Mann von seinem Ruf, von seiner Bedeutung +zufolge einiger Börsengerüchte mir nichts dir nichts zur Erklärung zu +drängen! + +ERSTER GLÄUBIGER. Den dummen Streich brockte uns Blashammer ein. + +ZWEITER GLÄUBIGER. Suchen wir eine schickliche Gelegenheit ihm das Geld +zurückzugeben, denn er wird es wohl nöthig haben. (Einige bemächtigen +sich der Summe und fangen an nach dem Schuldbuche auszutheilen.) + + + +Funfzehnte Scene. + +V. ZITTERWITZ. BLASHAMMER. + + +V. ZITTERWITZ. Beten wir: Herr führe uns nicht mehr in Versuchung! . . +Mir schwimmt's schwarz und weiß vor Augen, denke ich--(kopfschüttelnd) +Der infernalische Plan hätte mich doch, hätte mich doch--Oh, was ist der +Mensch in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, daß die Noth die +Mutter aller Laster sei. + +BLASHAMMER. Von wo er nur das Geld hat! + +V. ZITTERWITZ. Die Frage regt mir das Herz nicht auf, wohl aber eine +andere! Was fange ich nun mit dem Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; +wer nimmt's mir ab?!--Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt ihr +die neue! + +BLASHAMMER. Ich bin bereit sie auf mich zu laden. + +V. ZITTERWITZ (erschrocken bei Seite). Daß ich meine Zunge nicht +bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr Blashammer. + +BLASHAMMER. Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . . + +V. ZITTERWITZ. Zu viel Güte. + +BLASHAMMER. Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath. + +V. ZITTERWITZ. Sie wollen sich unnöthig belästigen. + +BLASHAMMER. Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut brauchen kann! + +V. ZITTERWITZ. Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft--Ich seh's +Ihnen an. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Zu viel für einen guten Christen. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen zwölf Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Danke, danke. + +BLASHAMMER. Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Bemühen Sie sich nicht weiter. + +BLASHAMMER. Zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ. Mäßigung. + +BLASHAMMER. Fünf und zwanzig Prozent. + +V. ZITTERWITZ (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher Stimme). Da +hab ich nun den Teufel auf dem Nacken. + +BLASHAMMER. He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne Erröthen? Ist das Geld +des Schwarzkünstlers besser als meins? (für sich) Wem er's nur abjagte! + +V. ZITTERWITZ. Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, kein Spekulant +und Fabrikant mehr; lieber vergrab' ich's, lieber werf' ich's in einen +Brunnen! Ach, ehe man sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht +mehr Schmerz als die drei Männer im feurigen Ofen! + +BLASHAMMER. Sie beschimpfen meinen Stand. + +V. ZITTERWITZ (zurückbebend). Durchaus nicht . . . + +BLASHAMMER. Sie halten mich für einen Gauner. + +V. ZITTERWITZ. Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß hier Leute sind. + +BLASHAMMER. Für einen Betrüger. + +V. ZITTERWITZ. Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie werde ich den +Aufdringling los. + +BLASHAMMER. Erklären Sie sich gemessener. + +V. ZITTERWITZ. Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich halte Kaufleute +bl--bl--blos für unsich--chere Menschen. + +BLASHAMMER. Eines einzigen Schurken wegen. + +V. ZITTERWITZ (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es giebt keinen +ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg. + +BLASHAMMER (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! ah! + +V. ZITTERWITZ (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung sollten Sie +sich gerichtlich verantworten . . . + +BLASHAMMER (stampft wüthend mit dem Fuß). + +V. ZITTERWITZ (dadurch in die Flucht getrieben).--Unsauberer! wer mehr +Schurke ist, ob er oder Sie, steht in Frage! . . . (ab.) + +BLASHAMMER.----Von wo er nur das Geld hat!--Gescheitert in Neapel, +gescheitert hier! Meine Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich! + + + + +Fünfter Akt. + + + + +Abtheilung I. + +Zimmer im Hause Blashammers. + + + +Erste Scene. + +ADELGUNDE am Klavier; nach einer Pause tritt der DOCTOR auf. + + +ADELGUNDE (im Spiel ungestört fortfahrend). _Bon jour_, treten Sie nur +näher. + +DER DOCTOR. Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß. + +ADELGUNDE. Setzen Sie sich. + +DER DOCTOR. Fräulein spielt eine himmlische Symphonie. + +ADELGUNDE. Wie geht's bei Ihnen zu Hause? + +DER DOCTOR. Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger meines Herrn Papa +plötzlich so stark an, daß ich für gut hielt, das Haasenpanier zu +ergreifen, um in Ihrer freundlichen Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde +endet das Spiel.) Unterbrechen Sie sich nicht. + +ADELGUNDE. Mein Vater wird hoffentlich Alles zum Besten wenden. + +DER DOCTOR. Wäre seine Kraft noch so gesund als sein guter Wille! + +ADELGUNDE. Ich erstaune--was soll ich hören? + +DER DOCTOR (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig--Ich werde mich in +der Position halten! (laut.) Weihte er Sie in seine Mysterien nicht ein? + +ADELGUNDE. Ich bin ganz unwissend--Seit dem Tage unserer Verlobung hört' +ich kein Wort von ihm; verdrießlich war er und in hartem Kampf mit sich +selbst. + +DER DOCTOR. Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, daß ich's Ihnen berichten +muß!--Auch sein Schifflein Fortunens gerieth auf den Strand! + +ADELGUNDE. Sie erfüllen mich mit Schrecken. + +DER DOCTOR. Ich hab's aus seinem Munde . . . Die hohen Potentaten +brachen mit ihm--und Sie ahnen, was das heißt!--weil er das Feuer der +Revolution heimlich schüren half. + +ADELGUNDE. Weh! + +DER DOCTOR. Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete er die Banditen Europa's. + +ADELGUNDE. O Grauen! + +DER DOCTOR. Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos das Vermögen, sondern +auch die Freiheit. + +ADELGUNDE. Mein Vater in den Thurm! + +DER DOCTOR. Vielleicht mit Ketten an Händen und Füßen! Sein Versehen ist +politischerseits unverzeihlich . . . Und welche Zukunft erwächst daraus +für uns! Wir treten in eine harte Ehe . . . Ach! + +ADELGUNDE. Unter diesen traurigen Umständen haben Sie noch +Lust--Nimmermehr! + +DER DOCTOR. Ein Ehrenmann hält Wort. + +ADELGUNDE. Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich gebe Ihnen den Ring +zurück. + +DER DOCTOR (drohend). Fräulein! + +ADELGUNDE. Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts wird Ihnen schon sauer +genug fallen. + +DER DOCTOR. Sie hegen eine geringe Meinung von mir. + +ADELGUNDE. Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen mit überflüssigen +Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer volksthümlicher +Unternehmungen, einer sittlich entnervenden Concurrenz verfallen, die +dem an Anstrengungen von Jugend auf Gewöhntesten, fast aller Orten das +Leben zur Plage macht. + +DER DOCTOR. Pah, ward ich unter einem glücklichen Sterne geboren, so +kann die Zeit gut oder schlecht sein--Uebrigens bau' ich auf eine +heil'ge Sache! + +ADELGUNDE. Ihre Redekunst. + +DER DOCTOR (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, o Theure, auf die +Liebe, von der man sagt, daß sie dem Menschen das bitterste Geschick +angenehm versüßt. + +ADELGUNDE (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit. + +DER DOCTOR. Ein echtes Kind unseres Volks scheint selten was es ist! . . +Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt stellt es sich, wenn's in +seinem Busen gährt und brennt-- + +ADELGUNDE. Sie bilden mir Unsinn ein. + +DER DOCTOR. Zu welchem Zweck! Traun, da naht Ihr armer Vater--urtheile +er selbst, ob mich ein anderes Interesse für Sie begeistert, als das +rein menschliche . . . Doch horch! + + + +Zweite Scene. + +DIE VORIGEN. BLASHAMMER. + + +BLASHAMMER (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's Berg ab! + +DER DOCTOR. Verstehen Sie?--Still! + +BLASHAMMER (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß umsonst! Bleibt mir für +alle Plage kein Brosämchen! + +DER DOCTOR. Spiele ich noch falsch mit Ihnen? + +BLASHAMMER (für sich). Der dumme Streich kostet viel! Schon seh' ich +mich aus dem hohen Rath verstoßen, unter die Kleinkrämer der Vorstadt +versetzt! + +ADELGUNDE. Tröste Dich, Vater! + +BLASHAMMER. O Tochter, an mir ist Hopfen und Malz verloren. + +ADELGUNDE. Ich werde Dir die Bibel lesen--Soll ich? + +BLASHAMMER. Vergebne Müh'--sie ersetzt mir meine Schäden nicht . . . Was +macht der hier? . . Ich dachte, unsere Freundschaft lös'te sich +gemüthlich auf. + +DER DOCTOR. Gott lenkt oft anders als der Mensch denkt. + +BLASHAMMER. Meiner Seel', wir waren nicht wenig erstaunt, als Ihr Vater +heute in unsere Versammlung trat, mit gebrochener Stimme, gleich einem +tief Gekränkten stammelnd, "hier, Alles was ich schulde bis zum letzten +Heller, vertheilt's unter Euch"--und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus der Tasche zieht und +auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll Pfeffernüsse auf den Tisch +warf . . . + +DER DOCTOR. Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, wär's doch der Fall! + +BLASHAMMER (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm vor). Sehen Sie da, +er hat mich nicht mehr nöthig. + +DER DOCTOR (bei Seite). Mit List will er mich aus dem Felde +schlagen--Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal versuchten Sie mich +unwürdigen Mißtrauens voll, auf entehrende Proben zu stellen. Schätzte +ich in Ihnen einen minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für +Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen Brust +gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und-- + +BLASHAMMER. Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus--(Adelgunde an die +rechte Hand nehmend.) Ziehen wir uns von dem Hanswurst zurück. + +DER DOCTOR (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich empfing Ihr Wort +und Fräulein meinen Ring. + +BLASHAMMER. Wir sind quitt!--Was zauderst Du, Tochter. + +DER DOCTOR. Fräulein bleibt . . . + +ADELGUNDE. Gnade! + +BLASHAMMER. Noch gehört mir der Titel dieses Hauses--Sogleich will ich +ihm mein Recht beweisen . . . He, Bediente. + +ADELGUNDE. Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche Gerede . . . + +BLASHAMMER. Er kam her, mich zu verhöhnen. + +ADELGUNDE. Du irrst. + +BLASHAMMER. Woher weißt Du's? + +ADELGUNDE. Mir sagt's das Herz. + +BLASHAMMER. Ei, Du spielst einen warmen Anwalt. + +ADELGUNDE. Papa'chen (etwas leise) er liebt mich. + +BLASHAMMER. Er! + +ADELGUNDE. Ja. + +BLASHAMMER. Kind, das setzt meinen Ueberraschungen die Krone auf. + +ADELGUNDE. Glaub's mir. + +BLASHAMMER (lachend). Die Welt kehrte sich um--nur ich allein blieb +unverändert. + +ADELGUNDE. Welches andere Interesse dürfte ihn noch für mich begeistern, +als das reinmenschliche? + +BLASHAMMER. 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! (bei Seite.) O wie +rächt sich die Lüge! + + + +Dritte Scene. + +DIE VORIGEN. QUESTENBERG. + + +QUESTENBERG. Ah, ich suche Dich nicht hier, mein Sohn. + +DER DOCTOR. Verzeih', hast Du bezahlt? + +QUESTENBERG. Der Himmel wurde mein Gläubiger. + +DER DOCTOR. O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist dahin--rette ich nun +ihren Schein! + +QUESTENBERG (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte nicht Ruhe im Bett; +das Gewissen trieb mich zu Dir. + +BLASHAMMER. Nimm gütigst Platz; das Stehen greift Dich an. + +QUESTENBERG. 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln haben. + +BLASHAMMER. Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject. + +QUESTENBERG. Nur das, . . . Sieh' mein Freund, bei dem plötzlichen +Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's die Vernunft, Religion, +Sitte . . . . + +BLASHAMMER. Nicht weiter. + +QUESTENBERG. Du bist einsichtsvoll genug-- + +BLASHAMMER. Ich begreife Alles. + +QUESTENBERG. Es beleidigt Dich in keiner Weise, daß-- + +BLASHAMMER. Sei unbesorgt. + +QUESTENBERG. Unsere Freundschaft wird-- + +BLASHAMMER. Du hättest deswegen ruhig im Bette bleiben können--Falls Du +Dich erkältetest, messe mir keine Schuld bei. + +QUESTENBERG (sich vom Sessel erhebend). Will's denn Gott. + +BLASHAMMER. Wir sind ganz im Reinen. + +QUESTENBERG. Ein andermal erzähle ich Dir, auf welche wunderbare Art der +Allmächtige mich aus den Fallnetzen neidischer, habsüchtiger, +arglistiger Menschen erlös'te. + +BLASHAMMER. Unter der Sonne findest Du Keinen, der Dich teilnehmender +anhören wird. + +QUESTENBERG. Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken Vater. + +BLASHAMMER (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit Adelgunden zuvor die Ringe +auszutauschen. + +QUESTENBERG. Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen. + +BLASHAMMER. Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, denn wie mich die +Tochter versichert, soll sich bei ihm Scherz in Ernst verwandelt haben. + +DER DOCTOR (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). Schau', Papa, +und verstumme. + +QUESTENBERG. Mein Sohn! + +DER DOCTOR. Du zwangst mich zu dieser Wahl und nun fügte es mein +Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir würdige Lebensgefährtin +entdeckte. + +QUESTENBERG. Steht es so! + +BLASHAMMER. Der verschlagendste Speculant täuscht sich in jugendlichen +Herzen. + +QUESTENBERG. Reichen wir uns denn brüderlich die Hand und segnen das +junge Paar. + +BLASHAMMER. Ich kenne das Leben nicht mehr! . . (Zum Doctor). Treten wir +in den Prunksaal, die Gäste zu erwarten, welche ich zur Feier unserer +Versöhnung sogleich laden lasse . . . + +QUESTENBERG. Nicht heute--ein andermal. + +BLASHAMMER. Ist Deine Krankheit unerbittlich. + +QUESTENBERG. Ich leide grenzenlos und habe noch ein Geschäft, zu dem ich +die Hülfe des Sohnes beanspruchen muß. + +DER DOCTOR. Bin dabei. + +QUESTENBERG (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen!--Ich wünsche denn +beiderseits Lebewohl. + +BLASHAMMER. Glückliche Besserung. + +DER DOCTOR (Adelgunden die Hand küssend). Theures Fräulein, einen Kuß +für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges Wiedersehen . . . Adieu! (Die +beiden Partieen mit Complimenten nach verschiedenen Seiten ab.) + + + + +Abtheilung II. + +Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts eine Straße. + + + +Vierte Scene. + +FRAU ZIEMENS. VATER ZIEMENS. + + +FRAU ZIEMENS (hastig von der Straße). Väterchen, Väterchen! Bist Du da? +Schnell heraus, eine schreckliche Mähr! + +VATER ZIEMENS. Pst, leise--Marie schläft. + +FRAU ZIEMENS. Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen haben.--Sieh'st +Du wie lebendig die Straße wird? Alle Welt geräth in schaudernde +Bewegung. Such' hurtig Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns +an. + +VATER ZIEMENS. Geh' nur allein, ich hüte die Kranke.--Wußte man des +Unglücklichen Namen? + +FRAU ZIEMENS. Wohl ist's ein Familienvater, den der Bankerott des Herren +verzweifeln ließ. + +VATER ZIEMENS. Sanft ruhe seine Asche. + +FRAU ZIEMENS. Wir allesammt könnten dem Beispiele folgen. (ab.) + +VATER ZIEMENS. Des Städtchens schwacher Gemeinde wär's ein +Dienst!--Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig lange Jahre um fremden +Menschen jetzt zur Last zu fallen!--Ach, hätt' ich doch kein Kind! . . . +Horch, die Gartenpforte knarrt--Wer kommt?--Waren Sie im Park? + + + +Fünfte Scene. + +VATER ZIEMENS. KLAUS. + + +KLAUS. Nein, aber dichtbei--hatte eine Scene, ach, eine Scene, guter +Alter, die ihres gleichen sucht! + +VATER ZIEMENS. Ich merke!--(mitleidig lächelnd.) Wohl ging's mit der +Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner euch hart abfallen?-- + +KLAUS. Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel Geld gab's, viel, +viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, baar auf der Hand, schönste +Banknoten, vollgültigste Papiere-- + +VATER ZIEMENS. Aber--? + +KLAUS. Haben Sie ein paar Heller bei sich? + +VATER ZIEMENS. Nein--wozu? + +KLAUS. Krambambuli zu kaufen. + +VATER ZIEMENS. Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock ab? + +KLAUS. Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen Bittern verlangt's blank +vorausbezahlt! + +VATER ZIEMENS. Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird das in Zukunft +werden!--Nun, ich will mal' die Haushaltung revidiren-- + +KLAUS. Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die Flasche, desto angenehmer, +und wenn's ein Faß ist, wie das Heidelberger, so rollen Sie's nur +heraus! ich leere es im Bewußtsein--nicht zu den schwächsten Gliedern +unsers starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.) + +VATER ZIEMENS. Halt, nichts gewaltsam!--Wenn der Albert soviel Geld +erhielt, weshalb gab er Ihnen denn keinen Deut? + +KLAUS. Sie sollen's erfahren--erst Krambambuli herbei! + +VATER ZIEMENS. Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln mich--?! + +KLAUS. Versuchte ich das schon einmal. + +VATER ZIEMENS. Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; die Welt kennt Ihr +Treiben! + +KLAUS. Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden das Ohr?! + +VATER ZIEMENS. So weit Freund Albert damit einverstanden. + +KLAUS. Freund Albert!--Alterchen, einen Menschen, der sich vom +gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, unterdrücken läßt, +erkläre ich unzurechnungsfähig über mich zu urtheilen. + +VATER ZIEMENS. Sie werden abscheulich, Klaus. + +KLAUS. Was ich nicht blos gestern, sondern schon lange behauptet, +behaupte ich heute erst recht! + +VATER ZIEMENS. Kennen Sie den Spruch, was Du nicht willst, daß Dir die +Leute thun, das thue ihnen auch nicht? + +KLAUS (keck). Ja wohl! + +VATER ZIEMENS. Traun, so rechtfertigen Sie die schreiende Anklage. + +KLAUS (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, mit erkünsteltem +Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben!--Nun denn, wir brachten's +zu Tage, wir entlarvten den Elenden, heute--eben----ich komme vom +Schloß! (bei Seite mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein! + +VATER ZIEMENS. Wirklich, Klaus. + +KLAUS. Ja, wirklich! + +VATER ZIEMENS. Albert entlarvte--ward wirklich betrogen!? + +KLAUS. Betrogen, wirklich betrogen! + +VATER ZIEMENS. Jesus, was erlebt man alles! + +KLAUS. Ah, und wie rächte sich dafür Albert! + +VATER ZIEMENS. Sagen Sie doch. + +KLAUS. Er betrog den saubern Patron wieder, indem er sich vom saubern +Patron wieder betrügen ließ. + +VATER ZIEMENS. Das heißt-- + +KLAUS. Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n. + +VATER ZIEMENS. Fürwahr, denn ich begreife noch nichts davon. + +KLAUS. Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte zum saubern Patron +den Amerikaner, ließ es sich gefallen, daß derselbe 800,000 Thaler, sage +800,000 Thaler für die Erfindung-- + +VATER ZIEMENS. Unmöglich! + +KLAUS. Ja, es geschah! es konnte gescheh'n!--Ich gerieth außer mir, +protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, beschwor die Geister des +Himmels und der Erde, umsonst! Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, +gab treulos mich dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken +preis, duldete, daß man mir-- + +VATER ZIEMENS. Genug!--Wo weilt Albert, führen Sie mich zu ihm! + +KLAUS. Noch ist er wohl auf dem Schloß. + +VATER ZIEMENS. Kommen Sie, kommen Sie, unter meinen Augen erfand er den +Webestuhl, ich bezeug's vor Gott und den Menschen, mir soll er's nicht +leugnen! + +KLAUS (im Abgehen). Wahrheit du siegst! + + + +Sechste Scene. + + +MARIE (sauber gekleidet,--wild erregt geht sie einige Male auf und +nieder).--Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm--seine Zukunft retten +und kränktest seine Hoffnungen--sein Glück und stießest ihn in's +Verderben! Was thatst Du, Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten +willst gehen! Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein himmlischer, +versöhnender Geist!--O keinen Schritt, kehre um, bleibe heim! Hinweg, +thörichtes Buch! Als sorgloses Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt +schlägst die Wunde nur tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was +bedeutet das? Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch +Mütterchen dabei? + + + +Siebente Scene. + +MARIE. FRAU ZIEMENS. ALBERT (in einem Korbe getragen). + + +MARIE. Was geschah!--Wen bringest Du? + +FRAU ZIEMENS (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde nieder und habt +tausend Dank, wackre Männer!--Ach Tochter, Du wardst für eine schwere +Zeit geboren!--Doch erschrick nicht--bleib' standhaft-- + +MARIE. Ist's der alte Vater? + +FRAU ZIEMENS. Nein, Tochter--(das Tuch abhebend.) Albert--Dein Albert! +Still, halte Dich still--er lebt noch--wins'le, klage nicht--schone +ihn--er bedarf zärtlichster Pflege--schone, schone ihn!--Ha, bereits +regt er sich-- + +MARIE. Wie geht's Dir, mein Theuerster?---- + +ALBERT. Welche Stimme? + +MARIE.--Kennst Du sie nicht mehr--Traun, schlag' Dein Auge auf! Ich +bin--bin Marie--die Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, +unnatürlich--blos um Dich zur Verzweiflung zu treiben--blos um Dich zu +zermalmen--ja, blos, blos deshalb, Albert--den braven Eltern sich--als +Verbrecherin sich------Albert, dem Doctor,--ich vergab ihm +nichts!--Seine Versuchungen--ich wies sie ab--wies sie ab, Albert, wie +es Deine--wie es meine Ehre gebot! + +FRAU ZIEMENS. Tochter, o Tochter! + +MARIE. Ach, wie blind, wie blind war ich! + +ALBERT. Sei's jetzt nicht, Mädchen! + +MARIE. Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar--Du bist der Edelste der +Edlen! + +ALBERT. Was--was versichert Dich dessen?--Sage nicht Dein Herz! das +richtete über mich!--Sage nicht Dein Herz!--Wer Jahre lang die köstliche +Zeit müßigen Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte--plötzlich das Bündel +packte und ging--dann wiederkehrte--wieder--auf Grund eines--o die Scham +erstickt mir das Wort!--Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte verdammt +werden!--Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl erkannte ich meine Schuld! + +MARIE. Eben,--sühntest Du sie nicht! + +ALBERT. Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in den Park-- + +MARIE. O Gott! + +ALBERT. Aber nicht zu sterben wußte--nicht zu sterben der Feige! +Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand und er--er verfehlte--verfehlte +sich! . . + +MARIE. Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil!--O richte Dich männlich +auf, komm' unverzagt an meine Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen, +welche wir unter der Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns +widerwillig, gezwungen bereiteten! + +ALBERT. Mädchen, was sprichst Du! Wanken die Grundfesten Deiner Tugend; +zehrt des Irrthums Schlange Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; +entfliehe meiner unheiligen Nähe!------O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich!-- + +MARIE. Ha, das--das ist Rache!-- + +FRAU ZIEMENS. Er besinnt sich, Tochter; es wird noch alles gut! + +MARIE. Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte sind tief erwogen!--Ach, +er hat mich nie--nie geliebt! + +FRAU ZIEMENS. Reich' ihr die Hand der Versöhnung, treib's nicht +weiter!--O thu's für die alten Freunde, die in ihrem Leben noch keine, +keine Freudenthränen geweint!-- + +MARIE. Laß ihn--der Stab ist gebrochen--frohlocke er nur! + +FRAU ZIEMENS. Albert, bist Du taub! + +MARIE. Ich sage, laß ihn.--Erweise mir's zu Gefallen!--Ach, begreifst Du +denn noch nichts? + +FRAU ZIEMENS. Sein Geist erkrankte gleich dem Deinen! + +MARIE. Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich verstellte! + +FRAU ZIEMENS. Er?--O Tochter! + +MARIE. Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte er sich wohl! +(lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte! + +FRAU ZIEMENS (sich vor die Stirne schlagend, als würde ihr plötzlich ein +Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich--Aber nicht doch, Tochter, Du +schwärmst! + +MARIE. Untersuche seine Wunde! Du findest keine--das Blut da an seinem +Kleide ist falsches Blut!--Wollen wir wetten?----O glaub' mir, ich +durchschaue alles, die ganze Comödie!----Gefehlt! gefehlt!--Mit dieser +Kunst, armseliger Gaukler, bestichst--gewinnst Du mich nicht!--Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du gehörst, ins Reich der +Finsterniß!----(Sie stößt mit dem Fuße an das Gebetbuch, welches sie +vorher wegwarf). Was ist das?--Wie kommt das--das hierher. . . Ha, +woran's mich erinnert!--Albert, Albert, ich rase!--Weh, hab' ich keine +Vernunft, kein Gedächtniß mehr!--Schütze, o Mutter, schütze mich vor +mir selbst! . . . (Fällt der Mutter betäubt in die Arme.) + +FRAU ZIEMENS. Himmlische Mächte, giebt's keinen Frieden für sie!------O +nur herbei, wackerer Klaus, hier stieg die Noth auf's Höchste! + + + +Achte Scene. + +DIE VORIGEN. KLAUS. + + +KLAUS. Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie von mir weder Hülfe +noch Trost! Die Botschaft, welche ich bringe--doch zuvor geleiten wir +die Jungfer in die Hütte--es wird für sie zu viel! + +MARIE. Was mich noch treffen kann, ist nicht das Schlimmste mehr! +Berichten Sie nur, Klaus! + +KLAUS. Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner hatte den +wundersamsten Erfolg--es klänge uns, so wahr ich Klaus heiße, ein +Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein Milliönchen-- + +MARIE. Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? welches die +Geschichte? + +KLAUS. Frau Mutter weiß bereits davon. . . + +FRAU ZIEMENS. Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, denn ich konnte +nicht glauben, Klaus, nicht glauben-- + +KLAUS. Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles ging nach Wunsch und +wider Erwarten . . . + +FRAU ZIEMENS. Alles nach Wunsch!? + +KLAUS. Bis auf zwei Todte leider! + +FRAU ZIEMENS. Zwei To--wie? + +KLAUS. Den einen haben Sie schon, der andere ist unterwegs. + +FRAU ZIEMENS. Wer?--O sagen Sie! + +MARIE. Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, entfernten Sie +sich mit dem Vater-- + +KLAUS. Zu dienen. + +MARIE. Wo blieb er!? + +KLAUS. Beim Herrn im Schloß, zu seinem--unserm unseligsten Verhängniß! + +FRAU ZIEMENS. O mein Kind! + +KLAUS. Beten Sie für ihn! + +MARIE. Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht! + +KLAUS. Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, so athmete leichter +das Herz! Er war ein frommer Dulder, hatte stets große Gefühle, schöne +Gedanken, krümmte sich nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich +im Pfuhle der Verdammniß und hungerte nach Staub!--Doch schirmt mich +Geister! + + + +Neunte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE FRAU ZIEMENS. + + +MARIE. Hörtest Du, Albert? + +KLAUS. Er! oder nur sein Gespenst?! + +MARIE. Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht. + +KLAUS. Und so starb der Alte denn umsonst! + +ALBERT. Wirklich, ist's wirklich wahr! + +KLAUS. Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl!--Der edle Greis, dasselbe +mir vor Questenberg bezeugend, wie's meine Ehre fordert, wird von der +Kunde Deines Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: "verloren mein Kind!" und liegt entseelt mir im Arm. + +ALBERT. O schauder--schaudervoll! + +KLAUS. Höchst schaudervoll! + +MARIE. Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen Zorn!--Ihre Hand, braver +Mann!--Gönnen wir dem Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die +Vorsehung, welche nicht anders es fügte! + +KLAUS. Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen. + +MARIE. Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht! + +ALBERT (wirft sich ihr zu Füßen). + +MARIE. Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut!--Welcher Gewinn, trotzten +wir ferner unerforschlichem Rathschluß! + +KLAUS (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst nicht anders das +Geschehene! + +ALBERT. Weh, wehe mir!--Ach, es straft mich härter als der Tod--bricht +meine Seele in tiefster--tiefster Brust!--Marie, Marie, unsere +Sonne--dort ging sie unter! + +MARIE. Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr feurig Antlitz Dir +von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' dem Schöpfer nur und seinen +himmlischen Gesetzen, die er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt! + +KLAUS. Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige Wahrheit, welche +feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter Sommer, folgt nach Trauer auch +die Freude wieder! Ewigem Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und +Erde, Thron und Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher +Lazarus, nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, bei den +ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt nur, Du spanntest jetzt +die Segel straff, steuertest als echter Römer, kühn von Entschluß und +That, in Frau Fortuna's Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes +Versprechen, daß ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen +könnte--He, sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes schnell +erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, aller Tugend +unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose Predigt, +geringschätzig belächelt!--Was meinest Du! Wenn wir sogleich uns auf die +Füße machten und retteten was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von +Dir!--Darf's nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und ihre +Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest!--Komm'!--Leih'n Sie ihm +den Arm nur, Jungfer. + +MARIE. Wohin? errieth ich Ihre Absicht. + +KLAUS. Nachher davon. + +ALBERT. Klaus, Klaus, es ist zu spät. + +KLAUS. Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, daß alles möglich, achtet +keine Stunde! Hurtig, Jungfer; folgt er in Güte nicht, so üben wir +Gewalt! + +ALBERT. Wie ich Dir sage, Klaus. + +KLAUS. Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! Ohne Genugthuung für +die mir zugefügte Schmach entrinnst Du meinen Händen nicht! Ich schwör's +bei einem Buckel Schläge Dir! Ja, ja, das merke! + +ALBERT. Ließe sich Geschehenes noch ändern! + +KLAUS. Bube, ich handle nach Gewissen! + +MARIE. Welch ein Erkühnen! + +KLAUS. Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit zu üben! + +MARIE. Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und fordere ein Gleiches +für ihn! + +KLAUS. Das darf nicht geschehn. + +MARIE. Sie sind ein Tyrann! + +KLAUS. Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber machen, erduldete ich +schweigend, daß Jemand--und wär's mein Feind--schnödester Spitzbüberei, +wie der, zum Opfer fiele! + +MARIE. Ihre Verblendung ist groß! + +KLAUS. So klein Ihre Erkenntniß! + +ALBERT. Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, und vermittle Dich +mit uns'rer Ansicht! + +KLAUS. Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! Habe Dank, ich bin +ein Heide, unempfänglich für solchen Tand! + +ALBERT. Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend bereits +verschlungen wurden von den Gläubigern! + +KLAUS. Bereits! + +ALBERT. Sie waren just versammelt, als wir das Geld dem Herrn +brachten. . . Das weißt Du nicht?! + +KLAUS. Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, verlor'ne Müh' wär's, +gingen wir die Schenkung widerrufen! Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr +luftigen Schlösser brechet zusammen, Klaus baute auf Sumpf!--Man sollte +es aber nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmüthig unter Schurken--christlich! Entsagung persönlichen +Vortheils, irdischer Freude--gottgefällig! Selbstmord--höchstes +Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam wirken--ruchlos, verbrecherisch! +das kalte Grab allein--Erlösung aus Sünde und Elend!--O hätte doch ein +Kind, das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren können, +wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es ein Fluch der +menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto sinnbethörter +wird!--Traun, Du warst Dir consequent bis in den Park; doch weil die +Kugel Dich verfehlte, was weiter nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich +dem großen Märtyrer hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren!--Bist Du +von Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn nicht, +verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in den Schlamm, dem Du +entkrochst! + +ALBERT. Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, das es leugnet!--Halb +Thier, halb Engel, ein Zwitter von Licht und Nacht, schlepp' ich mein +Leben unter Schmerzenskrämpfen weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein +unerkanntes Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger Fantasie, +im dunkeln Strom der Zeit!--Was hast Du . . . + +KLAUS. Kehre Dich um und sieh! + +ALBERT. Gott, Gott!--Wie findest Du das? + +KLAUS. Erst wissen, was er bringt. . . + +ALBERT. Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam Du vergeblich +rangst! + + + +Zehnte Scene. + +DIE VORIGEN. FRAU ZIEMENS. QUESTENBERG U. SOHN. + + +QUESTENBERG. Wo ist der brave Mensch!--Ach liebster, bester Albert, ich +feiere den hundertjährigen Geburtstag, werde nun kahlköpfig und in +Krücken gehn. + +ALBERT. Ich handelte zu grausam, mein Gebieter. + +QUESTENBERG. Fast möchte ich's behaupten. + +ALBERT. Es reuete mich gleich--woher denn wohl zur Reue über diese +Reue, der böse Geist mir hindernd in den Weg trat! + +QUESTENBERG. Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . Nein, +nein, der sanfte Albert konnte sich nicht tödten!--Ich erwog es +reiflich; säumte deshalb Lärm zu schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, +hübsch, hübsch, hübsch!--Ach mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem +Rasenden durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend umgeirrt +und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, ach, warum doch sind +wir Menschen immer hübsch gescheidt! + +ALBERT. Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir seien als wir sind! + +QUESTENBERG. Zu ew'ger Täuschung!--Weh, o weh!--Dieser alte würdige +Mann!--Woher die Kraft mir kam, das zu bestehn! + +ALBERT. Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; unmittelbar +ergreifen sie uns wenig! + +QUESTENBERG. Wenn das der Fall ist, zittre ich und bebe! Mein armer Kopf +will jetzt bereits--ein Stündchen erst nach dem Ereigniß--in wilder +Fiebergluth aus allen Fugen gehn! + +ALBERT. Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache bleibet mir noch +übrig? + +QUESTENBERG. Wie das, mein Goldfisch. + +ALBERT. Ruht nicht auf mir die größte Schuld!? + +QUESTENBERG. Auf Ihnen! + +ALBERT. Ja oder nein--gleichviel! ich messe sie mir zu, da ich so gut +als Sie und alle wir geborne Heuchler sind. + +QUESTENBERG. Albert, Albert, ich ward ein Anderer! Hier den Beweis! (Er +zieht ein Portefeuille mit Geld aus der Tasche und reicht's ihm). Ein +Theil der Gläubiger, bereuend ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das +Geld zurück. + +ALBERT (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes--nichts--nichts weiter! Ach, schaute ich den Grund von +keiner That! + +QUESTENBERG (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen zögert). +Demüthigen Sie mich nicht tiefer! + +ALBERT. Ich lehnte es schon einmal ab. + +KLAUS (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein! + +QUESTENBERG. Entledigen Sie mich der Sündenlast! + +KLAUS. Sei christlich! + +ALBERT (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken zurückbebt). +Da! für Dich! + +KLAUS. Alles! + +ALBERT. 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin und häufe mehrend es +bis in den Himmel! + +KLAUS. Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . (Mit tiefer +Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . (Umhüpfend und das Geld +zählend). Lauter giltige Papiere--fünf--zehn--zwanzigtau--Kinder, helft! +führt zu den Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele zu Stein! +Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich an etwas glauben und nun, nun +bin ich dieser Lumpen Gläubiger!--Wie abgegriffen und welch' +Inbegriff!--Gift für den Staat und Medicin für mich!--Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist günstig; ich reise +morgen nach Paris und spekulire auf das Kaiserreich! Kommt es zu Stande, +was der Himmel fügen möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir +zurück und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg hier spielst! + +ALBERT. Leb' wohl und bleibe der Du warst. + +KLAUS. Dein Freund auf ewig! + + + +Eilfte Scene. + +DIE VORIGEN OHNE KLAUS. ABENDDÄMMERUNG. + + +QUESTENBERG. Ob Sie des Mitleids würdig oder der Bewunderung, ob +Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, zag' ich zu entscheiden. + +ALBERT. Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, bestehen meine +Freuden. + +QUESTENBERG. Gedächten Sie auch meiner dann in Großmuth! + +ALBERT (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, ach, was wäre das! +ein leerer Schall! Nein, dienen wir fortan der Zeit als echte Menschen, +streben ihrer kranken Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und +That zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, welche +unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe! + +QUESTENBERG. Amen! Amen! Sie braver, wackerer Mann! Auf solch' ein +bibelfestes Wort, komm her und reich' auch Du die Hand ihm!--So! so! so! +Und nun, senke dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen!-- + +ALBERT. Träumen Sie von Paradiesesengeln! + +QUESTENBERG. Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig schwach zu Fuß . . . +Doch still, etwas vergaß ich noch . . . Hier, der Erstling unsres neuen +Webestuhls!--Die Welt wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n! + +(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm entfaltet, +wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in des Doctors Nähe +steht.) + +ALBERT. Mädchen!--Sieh, sieh her!--Der Stoff zum Kleide für die Hochzeit +und--zur Todtenfeier Deines Vaters! . . . + +(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: "Platz da, macht Platz!"--Aus +weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter an.--Die Leiche des Vater +Ziemens, auf einem goldenen Stuhle sitzend, wird von Questenberg's +Dienern unter Fackelschein hinten über die Scene getragen.) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661-8.txt or 13661-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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